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B978-3-437-42676-6.50019-X

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Entwicklung eineiiger Zwillinge. [8]

Entwicklung zweieiiger Zwillinge. [8]

Mehrlingsbildung

In der überwiegenden Zahl der Fälle ist die Schwangerschaft bei Menschen – anders als bei vielen Tieren – gekrönt von der Geburt eines Kindes. Nach etwa jeder 85. Schwangerschaft – in Zeiten der künstlichen Befruchtung auch häufiger – kommen Zwillinge zur Welt. Drillinge entstehen – so die Hellin-Regel – etwa alle 852-mal, Vierlinge werden nach jeder 853. Befruchtung ausgetragen etc. Die bisher größte Zahl von innerhalb derselben Schwangerschaft in einer Frau herangewachsenen und lebend geborenen gesunden Kindern liegt derzeit bei acht. Allerdings lag diesem Ereignis eine künstliche Befruchtung mit Implantation mehrerer Embryonen zugrunde.

Eineiige Zwillinge

Das Merkmal eineiiger (monozygoter) Zwillinge oder Mehrlinge ist die Entstehung aus einer einzigen befruchteten Eizelle ( Abb. 1). Sie sind damit als natürliche Klone aufzufassen. Auf dem Weg von der Eileiterampulle in die Gebärmutter, innerhalb seiner Entwicklung von der Zygote zur Blastozyste besteht der Keimling aus totipotenten Zellen, von denen jede theoretisch zu einem eigenen Individuum heranreifen kann. Findet in diesem Zeitraum – vor der Gliederung in Tropho- und Embryoblast – eine Trennung der Zellen statt, so entstehen zwei oder mehr Individuen mit einem identischen Genotyp. Phänotypische Unterschiede resultieren aus der Wirkung epigenetischer Mechanismen, die in der individuellen Expression bestimmter Genabschnitte bestehen. Geschlecht, Blutgruppe und immunologische Gewebeeigenschaften sind bei eineiigen Zwillingen aber gleich. Je nach Zeitpunkt der Trennung der Keimanlagen entstehen zwei getrennte oder eine gemeinsame Fruchtblase und eine oder zwei Plazenten.

Zweieiige Zwillinge

Zur zeitlich sehr nahen Befruchtung zweier Eizellen durch zwei Spermien kommt es, wenn in beiden Ovarien gleichzeitig ein sprungreifer Follikel gebildet wird oder wenn dieser zwei Eizellen enthält. Es entstehen dann von vornherein zwei Zygoten und zwei Blastozysten, aus denen sich zweieiige (dizygote) Zwillinge oder Mehrlinge entwickeln ( Abb. 2). Ihre genetische Verwandtschaft entspricht der von Geschwistern: Unterschiede in Geschlecht, Blutgruppe und Genom sind also möglich. Die zunächst getrennt angelegten Eihäute und Plazenten fusionieren zuweilen miteinander.

Besonderheiten bei Schwangerschaft und Geburt

Etwa zwei Drittel aller Zwillingspaare sind dizygot. Eine vermehrte Anzahl von zweieiigen Zwillingsschwanger schaften lässt sich bei Frauen jenseits des 35. Lebensjahres und im Zusammenhang mit der Einnahme von Hormonpräparaten und mit der künstlichen Befruchtung beobachten. Zudem scheint es eine genetische Komponente zu geben, die die familiäre Häufung von Zwillingsschwangerschaften erklärt. Unabhängig davon ist die Anfälligkeit für genetische Veränderungen und angeborene Fehlbildungen bei Mehrlingen höher als bei Einlingen.
Die ohnehin bestehenden Herausforderungen, die eine Schwangerschaft an den weiblichen Organismus stellt, werden mit der Versorgung von zwei oder mehr Feten noch einmal vergrößert. Dies betrifft sowohl das Herz-KreislaufSystem (erhöhter Blutdruck) als auch die Atmung (Atemlosigkeit bei geringen Anstrengungen) und den Stoffwechsel. Die Gewichtszunahme und damit die Belastung für die Rückenmuskulatur sind größer. Die schnellere Zunahme des Bauchumfangs führt häufiger zur Bildung von Schwangerschaftsstreifen. Unterschenkelödeme und Krampfadern treten öfter auf.
Zwillingsschwangerschaften enden vielfach früher als solche mit Einlingen: Eine Plazentainsuffizienz oder ein vorzeitiger Blasensprung stellen dabei häufige Ursachen für Frühgeburtlichkeit dar. Zumeist erfolgt die Entbindung primär per Sectio, da bei der vaginalen Geburt das Risiko von Komplikationen wie einer vorzeitigen Plazentalösung, einem Nabelschnurvorfall oder einer sekundären Wehenschwäche zu groß ist.

Aufteilung von Plazenta und Eihäuten

Kommt es zur Verschmelzung der Plazenten zweieiiger Zwillinge, so entwickeln sich nicht selten Anastomosen zwischen den plazentaren Gefäßen, was zur Vermischung des Blutes beider Embryonen führt. Diese weisen dann ein Erythrozytenmosaik mit Blutzellen zweier unterschiedlicher Blutgruppen auf. Man spricht von Chimären, da in einem Organismus zwei genetisch unterschiedliche Gewebe auftauchen.

Da zweieiige Zwillinge aus von vornherein getrennten Keimanlagen entstehen, bilden sie auch getrennte Eihäute (Amnion und Chorion) aus. Die Fruchthöhlen allerdings und die Plazenten können im Verlauf der Schwangerschaft miteinander verschmelzen.

Bei eineiigen Zwillingen, die sich in einer gemeinsamen Chorionhöhle befinden, können sich arteriovenöse Anastomosen zwischen den Kreisläufen beider Embryonen ausbilden. Der eine – blass, klein und anämisch – versorgt dabei den anderen mit Blut, sodass dieser groß und reich an Blutzellen wird. Man spricht von einer feto-fetalen Transfusion. Die Gefahr für den Donor besteht in einer tödlichen Anämie, während der Akzeptor bedroht ist durch ein Herzversagen.

Eineiige Zwillinge befinden sich zumeist in einer jeweils eigenen Amnionhöhle, die umhüllt ist von einem gemeinsamen Chorion. Der Stoff- und Gasaustausch mit der Mutter erfolgt über eine gemeinsame Plazenta. Nur bei einer sehr frühen Teilung der Keimanlage, noch im Achtzellstadium oder davor, können getrennte Chorionhöhlen und Plazenten entstehen. Eine sehr späte Trennung nach Anlage einer gemeinsamen Amnionhöhle führt häufig zu Fehlbildungen oder zum Tode eines oder beider Embryonen.

Die Bezeichnung siamesische Zwillinge geht auf ein chinesisches (sic!) Brüderpaar zurück, welches 1811 im heutigen Thailand geboren wurde. Chang und Eng Bunker waren über die Haut des Oberbauchs miteinander verwachsen und blieben derart vereint bis zum Tode in ihrem 63. Lebensjahr, obwohl eine operative Trennung auch zur damaligen Zeit möglich gewesen wäre. So genannte symmetrische Doppelfehlbildungen entstehen aus einer unvollständig geteilten Keimscheibe. Die sich daraus entwickelnden Zwillinge sind beispielsweise im Bereich der Brust (Thorakopagus), des Bauches (Omphalopagus), des Steißbeins (Pygopagus) oder des Kopfes (Kraniopagus) miteinander verwachsen. Eine operative Trennung ist prinzipiell dann möglich, wenn beide jeweils über alle lebenswichtigen Organe verfügen und ihre Blutkreisläufe nicht zu eng miteinander verflochten sind.

Bei einer asymmetrischen Doppelfehlbildung existiert ein kräftiger entwickelter Autosit, an oder in dem der andere Zwilling als Parasit, zuweilen nur als tumorähnlicher Gewebeballen, hängt.

Zusammenfassung

  • Nach der Hellin-Regel kommen bei jeder 85. Geburt Zwillinge, bei jeder 852. Geburt Drillinge, bei jeder 853. Geburt Vierlinge etc. zur Welt.

  • Während die Geburt monozygoter Zwillinge offenbar unabhängig ist von den Eigenschaften der Eltern, steigt die Wahrscheinlichkeit für dizygote Zwillinge mit zunehmendem Alter der Mutter und im Zusammenhang mit der künstlichen Befruchtung, zudem gibt es eine genetische Prädisposition.

  • Monozygote, eineiige Zwillinge entstehen durch die Trennung der pluripotenten Zellen einer Zygote, sie sind genetisch ident.

  • Dizygote, zweieiige Zwillinge entstehen bei der zeitnahen Befruchtung von zwei Eizellen, ihre genetische Verwandtschaft gleicht der von Geschwistern.

  • Je nach Zeitpunkt der Trennung der Keimanlage haben eineiige Zwillinge gemeinsame oder getrennte Eihäute und Plazenten. Bei zweieiigen Zwillingen kommt es nach separater Bildung manchmal zur Verschmelzung der Fruchthüllen.

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