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Plazentazotten im zweiten Schwangerschaftsmonat. [3]

Eihäute und Dezidua. [8]

Schnitt durch die reife Plazenta, schematische Darstellung. [5]

Plazenta und Eihäute I

Zwar wächst der Embryo im Körper der Frau heran – dennoch ist er ein völlig eigener und von ihr unterschiedener Organismus. Die Verbindung zwischen beiden ist die Plazenta (Mutterkuchen), die aus embryonalen und mütterlichen Gewebeanteilen besteht und dem Stoff- und Gasaustausch zwischen beiden sowie der Hormonproduktion dient. Etwa eine halbe Stunde nach dem Kind kommen, befördert durch die Nachwehen, die Plazenta und die Eihäute als sogenannte Nachgeburt zur Welt. Die meisten Tiere pflegen einen pragmatischen Umgang mit dem postnatal überflüssigen Organ: Sie fressen es auf. In vielen menschlichen Kulturen galt (und gilt) die Plazenta als Fruchtbarkeitssymbol, das wegen seiner Form auch als Lebensbaum gedeutet wird. Nachdem sie hierzulande lange Zeit als Rohstoff für die Pharma- und Kosmetikindustrie genutzt wurde, dann aber wegen einer möglichen Infektionsgefahr oft der Entsorgung als organischer Sondermüll anheimfiel, erlebt sie seit einigen Jahren eine Renaissance bei den Anwendern naturheilkundlicher und homöopathischer Praktiken. Plazentapulver wird z.B. angewendet bei typischen Frauenleiden und allgemeiner Erschöpfung.

Entwicklung und Aufbau der Plazenta

Von kindlicher Seite her ist es in erster Linie der Synzytiotrophoblast, der für die Bildung der Plazenta (Plazentation) zuständig ist. Auf mütterlicher Seite ist es das Endometrium im Bereich der Implantation der Blastozyste, dann auch bezeichnet als Dezidua. Aus didaktischen Gründen werden die Vorgänge in den jeweiligen Geweben getrennt beschrieben, obwohl sie natürlich parallel ablaufen und sich gegenseitig stimulieren.

Kindliche Seite der Plazenta

Nach Anheftung an die Uterusschleimhaut, am sechsten oder siebten Entwicklungstag, sind in der Blastozyste zwei Gewebeanteile deutlich zu unterscheiden: der Embryoblast als innen gelegener Zellballen und der Trophoblast als umhüllende Zellschicht. Dort, wo Letzterer das Endometrium berührt, kommt es zur Verschmelzung embryonaler und mütterlicher Zellen. Es entsteht der Synzytiotrophoblast, der sich vom weiterhin als äußere Grenzstruktur dienenden Zytotrophoblasten durch das Fehlen von Zellmembranen unterscheidet ( Abb. 1). Mittels proteolytischer Enzyme frisst er sich gewissermaßen in das Endometrium vor, bis die Blastozyste Mitte oder Ende der zweiten Entwicklungswoche ganz darin verschwunden ist. Mit seinen fingerförmigen Ausläufern erreicht der Synzytiotrophoblast bald darauf die ersten Spiralarterien der Gebärmutterschleimhaut und eröffnet diese. Der Anfang eines utero-plazentaren Kreislaufs ist so geschaffen. Statt wie bisher histotroph, also gewebeabhängig, ernährt sich der Embryo nun hämatotroph. Innerhalb des Synzytiotrophoblasten entstehen Hohlräume (Lakunen), in die das mütterliche Blut einfließt. Um die Austauschfläche zu vergrößern, bildet der Trophoblast Trabekel, später Zotten aus, die in die Lakunen hineinragen und damit ebenfalls in Berührung mit dem vorbeifließenden mütterlichen Blut kommen. Im Verlauf der Zottenbildung werden drei Entwicklungsstufen unterschieden:
  • Primärzotten bestehen lediglich aus einer äußeren Schicht Synzytiotrophoblast und einer inneren Lage Zytotrophoblast.

  • Sekundärzotten weisen zusätzlich in ihrem Inneren extraembryonales Mesoderm als Stroma auf.

  • Tertiärzotten entstehen in der dritten Woche und haben eigene Blutgefäße mit Anschluss an den sich entwickelnden embryonalen Kreislauf.

Aus dem Zytotrophoblasten erwächst bis in den fünften Monat hinein der Nachschub an Synzytiotrophoblastenzellen. Innerhalb des Stromas finden sich Hofbauerzellen, die als Gewebsmakrophagen u.a. auch immunologische Funktionen erfüllen. Zudem fallen bei der Betrachtung im Mikroskop Kernknospen auf, Ansammlungen von Kernen aus den miteinander verschmolzenen Zellen des Synzytiotrophoblasten, die regelmäßig in die Lakunen abgestoßen und in der mütterlichen Lunge phagozytiert werden.
Während sich die Zotten innerlich strukturell differenzieren, verzweigen sie sich baumartig: Zwischen ihnen fließt, wie in einem Labyrinth, das mütterliche Blut im intervillösen Raum.
Die Hüllschicht aus Synzytiotrophoblast, Zytotrophoblast und extraembryonalem Mesoderm bezeichnet man als Chorion. Dort, wo sich aus den Zotten die Plazenta bildet, erhält die äußere Fruchthülle ein fransiges Aussehen und wird als Chorion frondosum bezeichnet. Der Bereich, in dem sich die Zotten zurückbilden, weil keine Plazenta entsteht, heißt Chorion laeve.

Mütterliche Seite der Plazenta

Die Pars functionalis der Endometriumschleimhaut wird bei eingetretener Schwangerschaft als Dezidua, die Abfallende, bezeichnet, weil sie sich nach der Entbindung aus dem Uterus löst. An ihr lassen sich bald nach der Implantation der Blastozyste drei Bereiche unterscheiden ( Abb. 2):
  • Die Decidua basalis stellt den mütterlichen Teil der Plazenta dar, in den der Synzytiotrophoblast einwächst.

  • Die Decidua capsularis umgibt den Keim überall dort, wo keine Plazenta entsteht und wird später zur äußeren Eihaut.

  • Als Decidua parietalis bezeichnet man das Endometrium, das zunächst keinen unmittelbaren Kontakt zum Embryo hat, weil es in räumlicher Entfernung zum Implantationsort liegt.

Innere Struktur der Plazenta

Der Mutterkuchen besteht also aus dem Chorion frondosum und der Decidua basalis, die sich zu einem unauflösbaren Ganzen ineinander verzahnen. Von der Dezidua wachsen bindegewebige Septen derart in die Furchen des Chorions ein, dass jeweils makroskopisch sichtbare Felder (Kotelydonen) entstehen, deren Zentrum ein weit verzweigter Zottenbaum ist ( Abb. 3). Dieser ragt von der kindlichen Seite her in den intervillösen Raum. Sein Stamm wird als Stammzotte bezeichnet, seine sich verzweigenden Äste als Terminalzotten. Mit Haftzotten bindet er sich direkt an die Decidua basalis.

Plazentakreislauf und Plazentaschranke

Die reife Plazenta stellt ein verlässliches System von Stoff- und Gasaustausch zwischen Mutter und Kind dar ( Abb. 3). Dieses ist wie folgt aufgebaut: Auf kindlicher Seite sind es die Nabelgefäße und ihre Verzweigungen, die in den Chorionzotten ihren Wendepunkt vom arteriellen (hier: sauerstoffarmen!) zum venösen (sauerstoffreichen!) Charakter haben und mit ihrem Endothel der Chorionschicht anliegen. Diese besteht zunächst noch aus Zyto- und Synzytiotrophoblast und dem Stromagewebe, später allein aus dem Synzytiotrophoblasten. Dieser ragt in den intervillösen Raum, in den die mütterlichen Arterien aus der Decidua basalis sauerstoffreiches Blut einspeisen, während sauerstoffarmes Blut über die Venen abtransportiert wird.
Kindliches und mütterliches Blut vermischen sich also nicht, sondern sind durch die Plazentaschranke (Kapillarendothel und Synzytiotrophoblast) voneinander getrennt. Über diese Schranke ist ein Stoff- und Gasaustausch möglich, wobei verschiedene Mechanismen zum Einsatz kommen. Mittels Diffusion werden Wasser und Gase entsprechend ihrem Konzentrationsgefälle von einer Seite auf die andere transportiert. Transportproteine stehen zum Austausch von Glukose und Milchsäure im Sinne einer erleichterten Diffusion bereit. Durch einen aktiven und damit energieverbrauchenden Transport werden Elektrolyte und Aminosäuren übergeben. Verpackt in kleine Vesikel können durch Transzytose z.B. auch IgG-Antikörper weitergeleitet werden. Zum Schutz des Kindes können größere Immunglobuline und andere Makromoleküle die Plazentaschranke nicht überwinden. Inhaltsstoffe von Pharmaka oder Drogen und Alkohol und einige Viren und Bakterien allerdings werden übertragen und können schwere Entwicklungsschäden beim Kind bewirken.

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