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B978-3-437-42676-6.50008-5

10.1016/B978-3-437-42676-6.50008-5

978-3-437-42676-6

Zusammensetzung des zusätz-ichen Körpergewichts am Ende der Schwangerschaft.

Tab. 1
Zusätzliches Gewicht Masse
Kind 3-4 kg
Plazenta 0,5 kg
Fruchtwasser 1 kg
Uterus 1–1,5 kg
Physiologische Wassereinlagerung im Gewebe (Ödeme) 3 kg
Zusätzliches Fettgewebe 3 kg
Mammahypertrophie 0,8 kg
Gesamtes zusätzliches Körpergewicht 10-15 kg

Schwangerschaft und Geburt I

Zeitliche Einteilung der Schwangerschaft

Neun Monate oder 38 Wochen dauert im Durchschnitt die Entwicklung von der befruchteten Eizelle zum geburtsreifen Kind. Unterteilt wird sie in Phasen von jeweils drei Monaten.
Innerhalb des ersten sogenannten Trimesters oder Trimenons erfolgt die Bildung aller wichtigen Organe. Im zweiten Trimenon kommt es zur Reifung und zum schnellen Wachstum des Fetus. Im dritten Trimenon vollziehen sich die letzten Differenzierungsschritte.
Die Entwicklung des Kindes während der Schwangerschaft wird in Embryonal- und Fetalperiode unterteilt. Erstere dauert acht Wochen und beinhaltet die Morpho- und Organogenese. Am Ende sind alle Organe angelegt. Der ca. 3 cm große Embryo weist dann schon eine eindeutig menschliche Gestalt auf. Eine an der Carnegie-Institution of Washington entwickelte Einteilung unterscheidet 23 Entwicklungsstadien innerhalb der Embryonalperiode. Die Fetalzeit beginnt mit der neunten Schwangerschaftswoche post conceptionem (s.u.) und dauert bis zur Geburt. In ihr vollziehen sich Wachstum und Differenzierung der einzelnen Organe und des Gesamtorganismus.

Bestimmung von Schwangerschaftsalter und Größe des Embryos

Bei der Berechnung des Schwangerschaftsalters ist die Zählung post menstruationem von jener post conceptionem zu unterscheiden. Erstere nimmt den ersten Tag der letzten Monatsblutung zum Ausgangspunkt und addiert 280 Tage (entsprechend 40 Wochen oder 10 Lunarmonate mit jeweils 28 Tagen) bis zum Geburtstermin. Geht man davon aus, dass der Eisprung 14 Tage nach dem Beginn der Menstruation stattfindet, verkürzt sich die Dauer der Schwangerschaft um zwei Wochen. Nach der Berechnung post conceptionem dauert die Gravidität 38 Wochen oder neun 30-tägige Kalendermonate.
Nach der Naegele-Regel berechnet man den Geburtstermin wie folgt: erster Tag der letzen Regel ein Jahr – drei Kalendermonate /– x Tage.
Die Größe des Embryos bestimmt sich zunächst aus der Somitenzahl. Mittels Ultraschall-Untersuchungen lässt sich die größte Länge (GT), später die Scheitel-Steiß-Länge (SSL) ermitteln. Ab der Fetalzeit misst man die Scheitel-Fersen-Länge (SFL), welche bis zur Geburt ca. 50 cm beträgt. Die Haase-Regel lässt eine grobe Abschätzung der Größe des Fetus zu: Vom 3.–5. Monat ist die Quadratzahl des Monats gleich der kindlichen SFL. Ab dem sechsten Monat ist die Monatszahl mit fünf zu multiplizieren.

Schwangerschaftsbedingte Veränderungen des weiblichen Organismus

Geschlechtsorgane

Parallel zur intrauterinen Entwicklung des Kindes finden im gesamten Organismus der Schwangeren Veränderungen statt, die optimale Wachstumsbedingungen für das neue Lebewesen schaffen. Zentrum des Geschehens ist die Gebärmutter, die sich von einem etwa faustgroßen Organ zu einem mehr als kiloschweren Schutzraum für den Fetus entwickelt. Insbesondere innerhalb des Myometriums kommt es zur Zellvergrößerung (Hypertrophie) und -vermehrung (Hyperplasie). Damit einher geht eine großzügige Proliferation der versorgenden Blutgefäße. Anhand des tastbaren Höhenstands des Fundus uteri lässt sich noch einmal ungefähr das Schwangerschaftsalter abschätzen: Bis zur 24. Woche ist der Bauchnabel erreicht, mit der 36. Woche der Rippenbogen. Danach senkt sich die Gebärmutter leicht ab, sodass sich der Bauch weiter nach vorn wölbt.
Während der Schwangerschaft kommt es zu einer Gewichtszunahme von insgesamt 10–15 kg. Tabelle 1 zeigt, wie sich diese zusammensetzen.
Der typischen lividen Verfärbung der Schleimhaut von Vagina und Vulva liegt eine vermehrte Durchblutung dieser Organe zugrunde. Durch die intraabdominelle Druckerhöhung kann es zur Bildung von Krampfadern (Varizen) in diesem Bereich kommen. Auch in der Zervix uteri nimmt die Vaskularisierung im sich auflockernden Gewebe zu. In der Geburtshilfe dient die Messung der Muttermundsweite parallel zur Wehentätigkeit als Anhaltspunkt für den Zeitpunkt der Geburtseinleitung.
Das Wachstum der Mammae und ein damit verbundenes Spannungsgefühl können manchmal ein erster Hinweis auf das Vorliegen einer Schwangerschaft sein. Unter dem Einfluss von Prolaktin aus dem Hypophysenvorderlappen und Östrogen aus der Plazenta proliferieren die Milchdrüsen und -gänge. In der zweiten Schwangerschaftshälfte kann es zur Sekretion einer trübe-gelblichen Vormilch, dem Kolostrum, kommen.
Die Ovarien und Tuben nehmen vorübergehend an Größe und Bedeutung eher ab, das Corpus luteum bildet sich zurück, sobald die Plazenta seine Funktion als Hormondrüse voll übernimmt.

Stoffwechsel

Die Stoffwechselaktivität nimmt im Laufe der Schwangerschaft zu, da nun zwei Organismen ernährt werden müssen. Dafür sind täglich zusätzlich etwa 300 kcal erforderlich. Neben einer gesteigerten Synthese von Proteinen, die v.a. dem Kind, aber auch dem Aufbau des Myometriums und der Mammae dienen, nimmt auch die Konzentration der Serumlipide und Lipoproteine zu. Während in der Frühschwangerschaft eher niedrige Blutzuckerspiegel gemessen werden, kommt es ab dem zweiten Trimenon zu einer zunehmenden Insulinresistenz mit erhöhten Glukosewerten. Ein Gestationsdiabetes tritt definitionsgemäß erstmalig im Rahmen der Schwangerschaft auf und ist zunächst meist reversibel. Nicht selten erkranken die betroffenen Frauen aber zu einem späteren Zeitpunkt an einem Typ-II-Diabetes-mellitus.
Trotz der verstärkten Eiweißsynthese nimmt bei noch größerer Vermehrung des Blutserums der kolloidosmotische Druck ab, sodass es gegen Ende der Schwangerschaft zur Bildung von Ödemen, besonders an den Extremitäten, kommt.

Herz, Kreislauf und Blut

Um die Versorgung der Plazenta – als einem zusätzlichen Organ – zu gewährleisten, muss das Herzzeitvolumen ansteigen. Dies geschieht einerseits durch die Erhöhung der Herzfrequenz, andererseits durch eine Steigerung des Auswurfvolumens um ca. 30. Dies geht mit einer Vergrößerung des linken Ventrikels einher.
Die peripheren Blutgefäße werden weitgestellt, sodass es – zumindest zu Beginn der Schwangerschaft – oftmals zu einem niedrigeren Blutdruck kommt.
Auch die Erythrozytenzahl nimmt zu, der Eisenbedarf für die Hämoglobinbildung steigt. Dennoch kommt es scheinbar zur Anämie, da die Neubildung von Blutplasma in noch größerem Maße erfolgt. Die Leukozytenmenge steigt auf bis zu 15000 Zellen/mm2. Die Thrombozyten vermehren sich kaum. Durch die gesteigerte Synthese von Gerinnungsfaktoren aber wird der Blutverlust unter der Geburt begrenzt.

Gestosen sind Erkrankungen unklarer Ursache im Rahmen der Schwangerschaft:

Bei der Präeklampsie treten erhöhter Blutdruck, eine vermehrte Proteinausscheidung und Ödeme auf. Bei der Eklampsie kommen noch zerebrale Krampfanfälle hinzu.

Das HELLP-Syndrom stellt die schwerste Form der Gestosen dar. Hierbei kommt es zur Hämolyse mit erhöhter Anzahl von Leberenzymen und Reduzierung der Thrombozytenzahl (Low platelets).

Atmung

Der durch die Volumenzunahme des Uterus bedingte Zwerchfellhochstand bewirkt eine Abnahme der Totalkapazität der Lunge. Allerdings geht diese Einschränkung nicht auf Kosten der Vitalkapazität: Das Atemzugvolumen nimmt zu, während die Atemfrequenz gleich bleibt und die funktionelle Residualkapazität geringer wird. Zentral bewirkt Progesteron eine Steigerung der CO2-Empfindlichkeit des Atemzentrums, sodass es besonders in der Frühschwangerschaft zum erhöhten Atemantrieb mit einer Steigerung der alveolären Ventilation bis hin zur scheinbaren Dyspnoe kommt.

Niere und Harntrakt

Schon frühzeitig in der Schwangerschaft nehmen die Durchblutung der Nieren und damit die glomeruläre Filtrationsrate zu. Die tubuläre Rückresorption kann dem nicht ganz folgen, sodass es zu einer vermehrten Ausscheidung von Glukose und Proteinen kommt. Entsprechende Urinbefunde sind in der Schwangerschaft nicht selten, dennoch sollte ein Harnwegsinfekt immer ausgeschlossen werden. Dieser wird begünstigt durch eine Aufdehnung der harnableitenden Strukturen und die Verlangsamung des Harnflusses. Bedingt durch das Uteruswachstum nimmt die Blasenkapazität ab, woraus ein häufigerer Harndrang mit zuweilen ungewolltem Urinabgang resultiert.

Gastrointestinaltrakt

Mit der Durchblutungssteigerung kommt es auch zu einer erhöhten Verletzlichkeit des Zahnfleischs, welches in der zweiten Schwangerschaftshälfte manchmal hypertrophiert. Die vermehrte Speichelbildung und Veränderungen in seiner Zusammensetzung begünstigen die Ausbreitung einer bereits vorbestehenden Karies.
Durch die Volumenzunahme des Uterus kommt es zum Druck auf den Magen, während der untere Ösophagussphinkter eher an Verschlusskraft verliert, sodass in der Schwangerschaft gehäuft Sodbrennen und Regurgitationen auftreten. Die Ursachen der für die Frühschwangerschaft typischen Appetitveränderungen und des häufigen morgendlichen Erbrechens liegen vermutlich in der raschen Zunahme des Schwangerschaftshormons hCG.
Die Aktivität des Darms nimmt ab, nichts selten tritt Verstopfung auf. Auch die Gallenblase entleert sich träger als gewöhnlich, was die Bildung von Gallensteinen begünstigt.

Endokrines System

Fast alle Hormondrüsen steigern ihre Aktivität im Rahmen der Schwangerschaft. Besonders eindrucksvoll ist dabei das Wachstum des Hypophysenvorderlappens auf mehr als die doppelte Größe. Die damit einhergehende Prolaktinzunahme dient besonders dem Wachstum der Brustdrüsen und der Milchbildung.
Auch die Schilddrüse produziert – u.a. stimuliert durch das hCG – mehr Hormone und weist einen erhöhten Jod-Bedarf auf. Ab dem zweiten Trimenon ist auch die kindliche Schilddrüse aktiv und muss über die Mutter mit dem Spurenelement versorgt werden.
Verbunden mit einer leichten Vergrößerung der Nebennierenrinde nimmt die Plasmakonzentration von Kortisol, Aldosteron und Androgenen zu. Das Nebennierenmark indes verändert sich kaum.

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