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B978-3-437-42676-6.50009-7

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978-3-437-42676-6

Bewegung des Kindes während des Geburtsvorgangs. [6]

Reifezeichen des Neugeborenen.

Tab. 1
Organ Eigenschaft beim Neugeborenen
Haut Rosig, Unterhautfettgewebe vorhanden
Haare Körper kaum noch von Lanugo-haaren bedeckt, Kopf weist physiologische Kopfbehaarung auf
Ohrmuschel Komplettes Knorpelgerüst ausgeformt
Schamlippen Kleine Labien von großen überdeckt
Hoden Hoden in den Skrotalsack deszendiert
Finger Finger- und Zehennägel überragen Finger- und Zehenkuppen
Brustdrüsen Tastbare, etwa 1 cm große Brustdrüsen

Schwangerschaft und Geburt II

Schwangerschaftsbedingte Veränderungen des weiblichen Organismus (Fortsetzung)

Haut, Skelett und Bindegewebe

Die rasche Dehnung der Haut über dem wachsenden Bauch und den Brüsten führt zur Faserschädigung und Bindegewebsvermehrung und der Entstehung von Schwangerschaftsstreifen (Striae distensae). Auch die Pigmentierung der Haut, insbesondere im Bereich der Mamillen, der Vulva, im Gesicht und entlang der Linea alba nimmt zu. Typisch ist zudem eine gesteigerte Hautdurchblutung.
Knochen- und Gelenkschmerzen können durch die Auflockerung der Knochen-Knorpel-Verbindung entstehen, die im Beckenbereich für die Aufweitung des Geburtskanals erforderlich ist. Im Bereich der Lendenwirbelsäule verstärkt sich die Lordose zum Belastungsausgleich bei zunehmendem Bauchumfang.

Aufbau des Geburtskanals

Der Geburtskanal gliedert sich in drei Etagen: Im Übergangsbereich vom großen zum kleinen Becken ist die Conjugata vera zwischen dem Oberrand der Symphyse und dem Promontorium des Os sacum mit einem Durchmesser von 11–12 cm die engste Stelle auf dem ganzen Weg. Darauf folgen die Beckenhöhle und schließlich der Beckenausgang, der durch die beiden Schenkel des M. levator begrenzt wird.

Ablauf der Geburt

Schon während der Schwangerschaft kommt es immer wieder zu lokalen Kontraktionen der Gebärmutterwand. Einige Wochen vor der Geburt setzen die Senkwehen ein, die mit dem Eintritt des kindlichen Kopfes ins kleine Becken koinzidieren. Die Tage vor der Geburt sind gekennzeichnet durch eine zunehmende, noch unregelmäßige Vorwehentätigkeit, die durch regelmäßige Wehen zur Eröffnung des Muttermunds abgelöst werden.
Mutter und Kind entscheiden wohl gemeinsam, wann der Zeitpunkt gekommen ist, sich voneinander zu trennen: Nach etwa neun Monaten ist der Fetus so groß, dass er gerade noch den Geburtskanal passieren kann. Die Plazenta weist erste Zeichen der Insuffizienz auf. Und auch die Schwangere hat ihre physischen und psychischen Möglichkeiten, auf das Leben in ihr zu reagieren, meist ausgereizt. Der absinkende Blutspiegel von Progesteron bei steigendem Östrogen bewirkt die Ausschüttung von Oxytocin aus dem Hypophysenhinterlappen. Dieses wiederum bewirkt im Uterus die Kontraktion der Muskelzellen: Die ersten Wehen setzen ein, der Muttermund öffnet sich, das Kind steigt hinab ins kleine Becken und der eigentliche Geburtsvorgang beginnt.

Eröffnungsphase

Kennzeichen der Eröffnungsphase ist der Übergang der unregelmäßigen Vorwehen in die regelmäßig, alle 3–6 min auftretenden Eröffnungswehen sowie der Blasensprung. Bei Erstgebärenden kann sie sich über einen Zeitraum von 7–10 h erstrecken, bei Mehrgebärenden verläuft sie deutlich kürzer. Am Ende ist der Muttermund vollständig eröffnet und die Fruchtblase geplatzt.

Austreibungsphase

Die Austreibungsphase beginnt mit der vollständigen Muttermundseröffnung und ist beendet, wenn das Kind auf der Welt und die Nabelschnur durchtrennt ist. Dieser Vorgang kann 10–70 min in Anspruch nehmen und ist begleitet von Austreibungswehen, die der Uterus allein vollführt und Presswehen, bei denen die Bauchmuskulatur mithilft. Um alle Engen des Geburtswegs passieren zu können, muss das Kind eine Vier tel-Drehung absolvieren ( Abb. 1). Zunächst tritt der Kopf quer in das kleine Becken ein, die Sagittalnaht verläuft parallel zur mütterlichen Frontalebene. Im kleinen Becken erfolgt die Drehung des Kopfes, sodass der kindliche Nacken an der mütterlichen Symphyse zu liegen kommt und das Gesicht nach dorsal weist. Danach wird das Kind über die Symphyse entwickelt: Zuerst erscheint der Hinterkopf, dann der Scheitel, die Stirn, schließlich das Kinn. Der Rumpf folgt den Bewegungen des Kopfes: Im Beckeneingang liegen die Schultern quer, im Beckenausgang längs der mütterlichen Frontalebene. Um das empfindliche Gewebe der Dammregion zu schützen, ist manchmal ein Einschnitt (Episiotomie) erforderlich. Die Hebamme hält den kindlichen Kopf, um ein zu schnelles Austreten zu verhindern.

Bei Vorliegen geburtsunmöglicher Lageanomalien muss statt der spontanen vaginalen Entbindung eine Geburt per Sectio (Kaiserschnitt) eingeleitet werden. Die operative Eröffnung des Uterus erfolgt meist in Totalanästhesie mittels eines Schnittes parallel zur Symphyse.

Zu den üblicherweise (spontan-)geburtsunmöglichen Lagen zählen die Schräg- und die Querlage (das Kind liegt quer zum Beckeneingang), die mentoposteriore Gesichts- oder Stirnlage (das Kind kommt statt mit dem Hinterhaupt mit dem Gesicht oder der Stirn zuerst), der persistierende hohe Geradstand (der Kopf liegt im Eingang zum kleinen Becken nicht quer, sondern gerade), der hintere Asynklitismus (der kindliche Kopf ist zur Seite geneigt statt der Pfeilnaht führt das Os parietale) und die vollkommene Fußlage (nicht der Kopf, sondern die Füße treten zuerst in den Geburtskanal ein).

Nach einer unkomplizierten Schwangerschaft und Geburt kann das Kind zunächst auf den Bauch der Mutter gelegt und dort die Nabelschnur nach Beendigung ihrer Pulsationen durchschnitten werden. Bei Komplikationen erfolgen die sofortige Abnabelung und die Übergabe des Neugeborenen an den Kinderarzt.

Nachgeburtsperiode

Bis ca. 30 min nach der Geburt des Kindes werden – unterstützt durch die Nachgeburtswehen – auch die Plazenta und die Eihäute aus dem Uterus abgestoßen. In diesem Zusammenhang kommt es zu Blutverlusten von etwa 300 ml. Oftmals löst sich die Plazenta zunächst zentral von der Gebärmutterwand, sodass es zur Bildung eines retroplazentaren Hämatoms kommt. Um die Vorgänge zu beschleunigen und den Blutverlust zu minimieren, können postpartal als Kontraktionsmittel Oxytocin oder Prostaglandine verabreicht werden.

Als Fehlgeburt oder Abort bezeichnet man die Abstoßung der toten Leibesfrucht mit einem Gewicht < 500 g vor Beginn der extrauterinen Lebensfähigkeit (ca. 22.–24. SSW). Bei einer Totgeburt wiegt das Kind mehr als 500 g und weist keine Lebenszeichen auf. Die Schwangerschaftsdauer spielt dabei keine Rolle. Bei einer Entbindung vor der 38. SSW liegt eine Frühgeburt vor. Ist das Kind auch 14 Tage nach dem errechneten Termin noch nicht geboren, spricht man von einer Übertragung.

Untersuchung des Neugeborenen

Durch die Hebamme oder den Kinderarzt erfolgt die Untersuchung der Reifezeichen des Neugeborenen sowie die Erhebung des APGAR-Scores durch die Prüfung von Atmung, Puls, Grundtonus, Aussehen und Reflexen. Die Reifezeichen sind in Tabelle 1 aufgelistet.
Die Körpergröße liegt beim reifen Neugeborenen zwischen 48 und 54 cm, das Körpergewicht zwischen 3000 und 4000 g. Der Kopfumfang beträgt 33–37 cm, während der Schulterumfang mit 33–35 cm etwas kleiner ist.

Zusammenfassung

  • Eine Schwangerschaft dauert im Durchschnitt 37–42 Wochen und wird in Trimester unterteilt. Die Entwicklung des Kindes verläuft in Embryonal- und Fetalzeit.

  • Zur Berechnung des Geburtstermins kann die Naegele-Regel herangezogen werden. Die Größe des Embryos wird per Ultraschalluntersuchung bestimmt und lässt ebenfalls Rückschlüsse auf das Schwangerschaftsalter zu.

  • Die Gravidität ist mit Veränderungen des gesamten Organismus der Frau verbunden: Der wachsende Uterus verdrängt andere Organe und schränkt ihre Funktionsfähigkeit teilweise ein. Der erhöhte Energiebedarf des entstehenden Kindes bedingt eine Steigerung des Stoffwechsels der Frau mit Erhöhung des Atemminutenvolumens und der Herzaktivität. Hinzu kommen die Auswirkungen hormoneller Veränderungen.

  • Die Geburt gliedert sich zeitlich in die Eröffnungs-, Austreibungs- und Nachgeburtsphase. Auf seinem Weg durch den Geburtskanal muss das Kind eine Viertel-Drehung vollziehen.

  • Zur Prüfung des körperlichen Entwicklungszustands des Neugeborenen werden verschiedene Reifezeichen herangezogen.

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