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B978-3-437-42358-1.00011-2

10.1016/B978-3-437-42358-1.00011-2

978-3-437-42358-1

Eine Angst, die viele kennen: die Prüfungsangst. Abgebildet ist eine Studentin während einer Klausur.AngstAngststörungenRealangst<2002>

[J787-004]

Lebenszeitprävalenz verschiedener Angststörungen.

[L231]

Unterscheidungskriterien bei Angststörungen.phobische StörungenAngststörungen, generalisierte

[M518]

Tab. 11.1
Phobie Panikstörung Generalisierte Angststörung
Beispiel
  • Agoraphobie (Platzangst)

  • Soziale Phobie

  • Spezifische Phobie

Panikattacke Übersteigerte, pathologische Ängstlichkeit
Auslöser
  • Vorhersagbar, d. h., Verhalten tritt immer in bestimmten Situationen auf

  • Ausmaß der Angst ist nicht proportional zum Stressor

  • Vermeidung von auslösenden Situationen führt zur Beeinträchtigung des täglichen Lebens

Kein spezifischer Auslöser vorhanden; Attacke ist nicht vorherzusehen, das Leben wird durch die ständige Angst vor einer Attacke beeinträchtigt; Patient ist zwischen den Attacken jedoch beschwerdefrei Sozialer Stress, Umweltstress, Patienten machen sich vermehrt Sorgen, v. a. was den Bereich Familie, Gesundheit, Beruf angeht; tritt oft zusammen mit depressiven Episoden auf
Erscheinungsalter
  • Spezifische Phobie: Kindheit

  • Soziale Phobie: Pubertät

  • Agoraphobie: 20.–30. Lj.

20.–30. Lj. 1. Gipfel: Adoleszenz
2. Gipfel: 40. Lj.

Andere Angststörungen (ICD-10: F41)

Definition

Unter Angst versteht man ein qualvolles, unbestimmtes und individuell sehr unterschiedlich ausgeprägtes Gefühl der Beengung, Bedrohung und des Ausgeliefertseins.

Normale Angst (Realangst) Jeder kennt sie (Abb. 11.1). Sie hat eine Alarmfunktion, die den Menschen vor Gefahren schützen soll. Wenn die Gefahr abgewendet ist, verschwindet auch die Angst.
Pathologische Angst  Sie hat diesen Schutzmechanismus nicht mehr. Es wird krankhaft, wenn die Angst nicht mehr aufhört, grundlos und/oder gesteigert ist. Auch das völlige Fehlen von Angst ist pathologisch. Angststörungen können extreme Folgen für das Leben haben. Sie können ausgeprägte familiäre, soziale und individuelle Beeinträchtigungen nach sich ziehen.
Untertypen
Panikstörungen (episodisch paroxysmale Angst) Ohne sichtbaren Anlass entstehen starke Ängste, die mitPanikstörungen<2002> ausgeprägten körperlichen Symptomen verbunden sind und anfallsartig auftreten.

Im Gegensatz zu Phobien sind Panikattacken nicht situations- oder objektgebunden.

Das wesentliche Kennzeichen sind wiederkehrende schwere Angstattacken (Panikattacken), die sich nicht auf eine spezifische PanikattackenSituation oder besondere Umstände beschränken, deshalb unerwartet auftreten und auch nicht vorhersehbar sind. Wie bei anderen Angsterkrankungen zählen zu den wesentlichen Symptomen plötzlich auftretendes Herzklopfen, Brustschmerz, Erstickungsgefühle, Schwindel, Schwitzen und Entfremdungsgefühle (Depersonalisation oder Derealisation). Die Furcht, zu versterben, verrückt zu werden oder die Kontrolle zu verlieren, ist typisch. Nach einer Panikattacke besteht häufig die Angst, dass sich die Panikattacken wiederholen (Angst vor der Angst).

Exkurs

Hyperventilationstetanie

Im Extremfall kann es zu einer HyperventilationstetanieHyperventilationstetanie kommen. Das klinische Bild entsteht durch eine massiv verstärke Atmung, was zu einer sekundären Alkalose führen und tetaniforme Krämpfe, besonders der Hände, auslösen kann („Pfötchenstellung“). Dieses Krankheitsbild sieht man regelmäßig in der Notaufnahme! Häufig ist den Patienten das Gefühl der Angst oder Panik rückblickend nicht mehr bewusst.
Generalisierte Angststörungen = Angstneurose  Bei der generalisierten Angststörung haben die Angstneurose<2002>Patienten ständig und vor allem Angst. Der Angstpegel ist stetig erhöht, und es bestehen keine angstfreien Intervalle. Es handelt sich um eine „frei flottierende“ Angst ohne konkreten Objekt- oder Situationsbezug. Die Angst ist generalisiert und anhaltend. Sie ist nicht auf bestimmte Umgebungsbedingungen beschränkt oder auch nur besonders betont in solchen Situationen. Die wesentlichen Symptome sind variabel, Beschwerden wie ständige Nervosität, Zittern, Muskelspannung, Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Schwindelgefühle oder Oberbauchbeschwerden gehören zu diesem Bild. Häufig wird die Befürchtung geäußert, der Patient selbst oder ein Angehöriger könnte demnächst erkranken oder einen Unfall haben.
Angst und depressive Störungen gemischt  Sie werden nach ICD klassifiziert, wenn keine der Störungen überwiegt und beide nebeneinander vorkommen.
Andere gemischte Angststörungen  Sie werden nach ICD klassifiziert, wenn neben der Angst noch andere psychische Störungen vorkommen.
Epidemiologie

Angst und Panikstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

Etwa 15 % aller Menschen erkranken einmal im Leben an einer Angststörung (Lebenszeitprävalenz); w < m. Abbildung 11.2 zeigt schematisch die Lebenszeitprävalenz verschiedener Angststörungen.
Pathogenese und Psychodynamik
Neurobiologisch wird von einer Dysregulation des limbischen Systems (Amygdala, Hippocampus, Hypothalamus) ausgegangen. Auch scheinen verschiedene Neurotransmitter eine Rolle zu spielen (GABA-System, Serotonin, Noradrenalin). Psychodynamisch wird als Voraussetzung für die Entstehung einer Angstneurose eine Ich-Schwäche angenommen. Diese Ich-Schwäche kann durch schlechte Entwicklungsbedingungen während der Kindheit entstehen, d. h., die Angstneurotiker konnten keine stabile Persönlichkeit aufbauen, was beinhaltet, dass auch keine stabilen Abwehrmechanismen bestehen. Die Ich-Schwäche bewirkt, dass die Angst nicht toleriert werden kann und die Angstbewältigung in der Neurose misslingt. Die Patienten erleben ihre Ich-Schwäche als „innere Brüchigkeit“ und empfinden sie als Bedrohung. Da die Angstbewältigung jedoch nicht adäquat gelingt, kommt es zum Durchbruch der Angst als Symptom, dem die Patienten hilflos ausgeliefert sind. Entlastende Handlungen oder Verschiebungen (wie bei der Phobie) sind den Angstneurotikern nicht möglich. Deshalb können sie den Angstaffekten nicht entkommen und nur sehr schwer Angstfreiheit erreichen.
Therapie
Zur Behandlung von Angststörungen wird eine Kombination aus Psychopharmaka (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und nichtpharmakologischer Therapie gewählt. Bei der generalisierten Angststörung ist die psychoanalytisch-psychodynamische Therapie Mittel der Wahl. Bei Panikstörung ist die Verhaltenstherapie (Kap. 29) in Kombination mit Entspannungsverfahren eine wirkungsvolle Maßnahme.
Differenzialdiagnose
Um die verschiedenen Arten der Angststörungen besser unterscheiden zu können, sind die einzelnen Störungen in Tabelle 11.1 kurz dargestellt.

Zusammenfassung

  • Realangst ist eine normale biologische Reaktion, die uns vor Gefahren schützen soll.

  • Pathologische Angst schützt uns nicht mehr vor Gefahren, sondern kann unseren Alltag schwer beeinträchtigen.

  • Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

  • Man unterscheidet zwischen der generalisierten Angststörung, die ständig vorhanden ist und Panikattacken, die anfallsartig auftreten können.

  • Panikstörungen können mit Hyperventilationstetanien einhergehen, die auf den ersten Blick ein dramatisches klinisches Bild darstellen.

  • Nach einer Panikattacke ist die „Angst vor der Angst“ typisch.

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