© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-42358-1.00002-1

10.1016/B978-3-437-42358-1.00002-1

978-3-437-42358-1

Psychosomatische Anamneseerhebung nach Morgan und Engel.Morgan, W.Engel, G.

Tab. 2.1
1. Schritt Der Arzt stellt sich dem Patienten vor und begrüßt ihn.
2. Schritt Er erfragt das aktuelle Befinden des Patienten.
3. Schritt Er bittet den Patienten, alle Beschwerden zu beschreiben, die ihn in die Praxis/Klinik geführt haben.
4. Schritt Der Arzt geht die aktuellen Beschwerden einzeln durch, hierbei sind neben der zeitlichen Reihenfolge des Auftretens auch die Wechselwirkungen wichtig. Jedes Symptom wird nach folgenden Kategorien untersucht:
  • Lokalisation (des Schmerzes)

  • Qualität (brennend, stechend, dumpf?)

  • Zeitliche Zusammenhänge (Wann trat der Schmerz auf? Verlauf: Dauerschmerz vs. periodisch auftretender Schmerz?)

  • Begleitumstände (Anstrengung, Stress?)

  • Einflüsse, die verstärkend oder lindernd einwirken

5. Schritt Er erkundigt sich nach früheren Beschwerden des Patienten.
6. Schritt Der Arzt durchleuchtet die aktuellen Lebensumstände des Patienten sowie die frühere Entwicklung.
7. Schritt Er verschafft sich eine Systemübersicht, indem er systematisch nach Beschwerden in jeder Körperregion fragt.
8. Schritt Abschließend fragt er den Patienten, ob die Anamnese aus seiner Sicht vollständig ist und klärt ihn über die nun folgenden Untersuchungen auf.

Diagnostik

Die Anamneseerhebung in der psychosomatischen Medizin

Psychosomatik:AnamneseIm Rahmen einer psychosomatischen Grundversorgung bzw. der allgemeinen „patientenzentrierten Medizin“ sollten alle Fachärzte die Grundregeln der psychosomatischen Anamneseerhebung beherrschen (Tab. 2.1). Diese dient hauptsächlich folgenden Aufgaben:
  • Beziehungsaufbau zwischen Arzt und Patient im Sinne eines Arbeitsbündnisses: Vertrauen, Interesse zeigen, Hilfe anbieten

  • Erarbeitung und Verständnis der biografischen Situation der Erkrankung: Krankheitsbedeutung für den Patienten und seine Umgebung

  • Beschwerdeerfassung und Erarbeitung des Krankheitsbilds: Das Ziel ist die Diagnosestellung.

Das Anamnesegespräch soll dabei nicht ein Abfragen bestimmter Symptome darstellen, sondern dem Patienten Raum für seine persönliche Reihenfolge und Wichtigkeit bestimmter Ereignisse lassen.
Die erfassten Daten sollten anschließend nach folgender Einteilung geordnet werden:
  • 1.

    Aktuelles Leiden

  • 2.

    Persönliche Anamnese

  • 3.

    Familienanamnese

  • 4.

    Entwicklungs- und Sozialanamnese

  • 5.

    Systemübersicht der Symptome einzelner Organe

Während des Interviews sollten möglichst offene Fragen („W-Fragen“) gestellt werden. Direkte Fragen sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Die Beobachtung der Körpersprache, der Art des Gesichtsausdrucks und der Redeweise des Patienten im Zusammenhang mit dem Gesprächsinhalt sowie die Persönlichkeit des Patienten sind ebenfalls wichtig.

Verhaltenstherapeutische Diagnostik/Problemanalyse

Verhaltenstherapie:DiagnoseIm Mittelpunkt der verhaltenstherapeutischen Diagnostik steht die Problemanalyse, aus der sich Therapieziele und Therapieplanung ableiten. Die Problemanalyse will herausfinden:
  • Welche Problembereiche verändert werden sollen (Motivationsanalyse)

  • Welche Faktoren diese Problembereiche aufrechterhalten (funktionale, kognitive und Interaktionsanalyse)

  • Welche Veränderungen realistisch möglich sind

Verschiedene Verfahren eignen sich dabei für die verhaltenstherapeutische Diagnostik:
  • Das diagnostische Gespräch (Exploration)

  • Die Verhaltensbeobachtung (im Alltag, in Rollenspielen etc.)

  • Verhaltenstests

  • Fragebögen, Tagebücher, Diagramme

  • Psychophysiologische Messungen (Biofeedback)

Psychologische Testverfahren

TestverfahrenEs gibt viele verschiedene psychologische Testverfahren mit unterschiedlichen Diagnoseschwerpunkten, die in der Psychiatrie und psychosomatischen Medizin eingesetzt werden können. Sie alle sollten jedoch folgende Eigenschaften besitzen:
  • Objektivität: Testergebnisse von Untersucher unabhängig

  • Reliabilität: Verlässlichkeit des Testverfahrens

  • Validität: Genauigkeit des Testverfahrens

  • Normierung: Vergleich der Ergebnisse mit Referenzwerten

  • Praktikabilität: Durchführung bei geringem Aufwand möglich

Standardisierte Untersuchungsmethoden

Sie dienen der Objektivierung und Quantifizierung psychopathologischer Befunde mithilfe von Fremd- und Selbstbeurteilungsskalen.
FremdbeurteilungsverfahrenFremdbeurteilungsverfahren<2002> Sie werden durch geschulte Beobachter, also durch Ärzte, Psychologen und Pflegepersonal, durchgeführt. Durch diese Expertenbeurteilung werden einerseits Fehleinschätzungen durch verzerrte Selbstwahrnehmung verringert, andererseits jedoch kann die Objektivität auch z. B. unter der Erwartungshaltung des Beobachters leiden. Beispiele sind die Hamilton-Depressionsskala (HAMD)Hamilton-Depressionsskala (HAMD) und Mini-Mental State Examination (MMSE)Mini-Mental State Examination (MMSE) zur Diagnose von Demenzen.
SelbstbeurteilungsverfahrenSelbstbeurteilungsverfahren<2002> Mit deren Hilfe kann sich der Patient selbst auf Schätzskalen beurteilen. Dies hat den Vorteil, dass untersucherbedingte Verzerrungen eingedämmt werden, birgt aber auch das Risiko, dass der Patient im Sinne einer sozialen Erwünschtheit das Ergebnis verfälscht. Dieses Beurteilungsverfahren ist besonders für die Praxis niedergelassener Ärzte geeignet, um Depressivität, paranoide Tendenzen und körperliche Beschwerden zu erfassen. Beispiel ist das Beck-Depressions-Inventar.

Testpsychologische Untersuchungsmethoden

Diese Untersuchungsmethoden werden im Rahmen einer „Leistungsdiagnostik“ zur Objektivierung kognitiver Funktionen, wie Intelligenz, Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis, z. B. bei angeborenem oder früh erworbenem Intelligenzmangel oder bei demenziellem Abbau, herangezogen. Ziel ist es, eine quantitative Aussage bezüglich Leistungsminderung bzw. -potenzial eines Patienten treffen zu können. In Deutschland ist der Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene (HAWIE)Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene (HAWIE) zur Beurteilung einer Intelligenzminderung am verbreitetsten, der allerdings eine gewisse Abhängigkeit vom Bildungsstand aufweist. Zur Überprüfung von Aufmerksamkeitsdefiziten bietet sich der Aufmerksamkeits-Belastungstest d2 an. Die Wechsler Memory Scale Revised (WMS-R)Wechsler Memory Scale Revised (WMS-R) wird zur Testung der Gedächtnisfunktion eingesetzt.

Persönlichkeitstests

PersönlichkeitstestsDie Persönlichkeitstests dienen der Standardisierung von Persönlichkeitsstrukturen, meist in Form von Selbstbeurteilungsverfahren. Mithilfe einer Kontrollskala (Lügenskala) kann der Wahrheitsgehalt des beantworteten Fragebogens überprüft werden. In Deutschland wird hauptsächlich das Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI)Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI) verwendet.

Operationalisierung nach ICD und DSM

International gibt es zwei Klassifikationssysteme zur Standardisierung psychischer Störungen, die der Operationalisierung diagnostischer Begriffe, also der Angabe definierter Ein- und Ausschlusskriterien für eine Diagnose, dienen.
Das DSM-SystemDSM-System (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wurde 1952 von der American Psychiatric Association entwickelt und ist eine multiaxiale Klassifikation mit fünf Achsen:
  • Achse I: aktuelles psychopathologisches Syndrom

  • Achse II: Persönlichkeitsstörungen

  • Achse III: körperliche Erkrankung

  • Achse IV: situative Auslöser

  • Achse V: soziale Adaption

Die aktuelle 5. Auflage DSM-5 ist in der amerikanischen Psychiatrie verbindlich und wird heute in der internationalen wissenschaftlichen Literatur ebenfalls bevorzugt.
Die ICD-10ICD-10 (International Classification of Diseases) wurde 1991 von der WHO erarbeitet, um ein international akzeptiertes und vergleichbares System (psychischer) Störungen, also eine Standardisierung zu schaffen.
Die diagnostische Hauptgruppe für psychische Störungen ist die Gruppe F:
  • F0: organische einschließlich somatischer psychischer Störungen

  • F1: psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (Suchterkrankungen)

  • F2: Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen

  • F3: affektive Störungen

  • F4: Belastungs- und somatoforme Störungen

  • F5: Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit körperlichen Störungen oder Faktoren

  • F6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen

  • F7: Intelligenzminderung

  • F8: Entwicklungsstörungen

  • F9: Verhaltensstörungen und emotionale Störungen mit Beginn in Kindheit und Jugend

Zusammenfassung

  • Die Anamneseerhebung in der psychosomatischen Medizin sollte im Sinne einer „patientenzentrierten Medizin“ allgemein beherrschbar sein und sieht folgende Vorgehensweise vor: Aufbau einer Beziehung, Erarbeitung eines Krankheitsverständnisses und Beschwerdeerfassung. Dabei ist es wichtig, v. a. offene Fragen zu stellen und auf Körpersprache zu achten.

  • Im Mittelpunkt der verhaltenstherapeutischen Diagnostik stehen die Problemanalyse, die Motivation, Hintergründe, aufrechterhaltende Faktoren und Interaktionsmuster mithilfe folgender Techniken analysiert: Exploration, Verhaltensbeobachtung, Verhaltenstests, Fragebögen und Biofeedback.

  • Psychologische Testverfahren lassen sich einteilen in:

    • Standardisierte Untersuchungsmethoden zur Objektivierung und Quantifizierung psychopathologischer Befunde in Form von Fremd- und Selbstbeurteilungsverfahren

    • Testpsychologische Untersuchungsmethoden zur Objektivierung kognitiver Funktionen im Rahmen einer „Leistungsdiagnostik“

    • Persönlichkeitstests zur Standardisierung von Persönlichkeitsstrukturen

  • Zur Standardisierung psychischer Störungen existieren international zwei Klassifikationssysteme, die ICD-10 (International Classification of Diseases) der WHO und das DSM-5 (= Diagnostic Statistical Manual) der American Psychiatric Association. Beide Systeme dienen der Operationalisierung diagnostischer Begriffe, der Angabe definierter Ein- und Ausschlusskriterien für eine Diagnose.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen