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B978-3-437-42358-1.00010-0

10.1016/B978-3-437-42358-1.00010-0

978-3-437-42358-1

Arc de cercle (franz.: Kreisbogen): ein von Jean Martin Charcot (1825–1893) beschriebenes Phänomen im Sinne eines „großen hysterischen Anfalls“ (Hysterie grande).

[F468]

Gruppe der dissoziativen Störungen.Stupor, dissoziativerKrampfanfälle, dissoziativeIdentitätsstörungFugue, dissoziativeDerealisationssyndromDepersonalisationssyndromAmnesie, dissoziative

Tab. 10.1
Dissoziative Amnesie Psychogener Gedächtnisausfall: qualvolle Inhalte aus der Vergangenheit werden verdrängt, der Inhalt wird häufig zwar wahrgenommen, seine Verfügbarkeit jedoch versperrt.
Dissoziative Fugue Plötzliches, unerwartetes Weglaufen (von zu Hause, vom Arbeitsplatz) oder Verreisen, ohne sich an Vergangenes erinnern zu können, oftmals verbunden mit Verwirrungen bzgl. der eigenen Identität bzw. der Annahme einer neuen Identität
Dissoziativer Stupor Zustand mit plötzlicher Verringerung oder Fehlen willkürlicher Bewegungen, häufig kombiniert mit Sprachverarmung oder Mutismus, bei vorhandenem Bewusstsein ist die Fähigkeit, auf Umgebungsreize zu reagieren, aufgehoben.
Trance- und Dämmerungszustände Induzierbarer Verlust der Wahrnehmung von eigener Identität und Umwelt, die Aufmerksamkeit kann sich nur auf einzelne Umgebungsaspekte richten.
Dissoziative Krampfanfälle Ohnmachten bzw. psychogene Synkopen (plötzlicher Bewusstseinsverluste), Affektausbrüche mit starker Bewegungsunruhe, motorische Entladungen, abreaktive Anfälle (hysterischer Anfall = „arc de cercle“)
Ganer-Syndrom Kurzzeitige Bewusstseinsveränderung mit Halluzinationen und Gedächtnislücken und anschließender Amnesie (kann bei Inhaftierten auftreten)
Depersonalisationssyndrom Störung der Identität mit Entfremdungs- und Unwirklichkeitsgefühlen, der Patient erlebt sich, als „neben sich stehend“, dem Körper nicht mehr zugehörig, das Schmerzempfinden ist reduziert (häufig bei Borderline-Störung).
Derealisationssyndrom Die Umwelt wird als fremd oder unwirklich wahrgenommen
Dissoziative Identitätsstörung „Multiple Persönlichkeit“: Das Bewusstsein des Patienten wird von zwei oder mehreren Persönlichkeitszuständen bestimmt, die sich völlig voneinander unterscheiden können.

Dissoziative Störungen (Konversionsstörungen) (ICD-10: F44)

Definition
Störungen:dissoziativedissoziative StörungenDissoziation = „Bewusstseinsspaltung“.

Die Dissoziation stellt eine Störung des Bewusstseins dar, die mit einer teilweise oder völligen Desintegration psychischer Funktionen, wie Wahrnehmung von Selbst und Umwelt, Wahrnehmung unmittelbarer Empfindungen, Erinnerungen an die Vergangenheit oder Kontrolle der Körperfunktionen, einhergeht.

KonversionsstörungenDissoziative Störungen wurden früher als verschiedene Formen der „Konversionsneurose oder Hysterie“ klassifiziert. Sie stehen meist in enger zeitlicher Verbindung mit traumatisierenden Ereignissen, unlösbaren oder unerträglichen Konflikten oder gestörten Beziehungen und können mit anfallsartig oder chronisch auftretenden körperlichen Symptomen, wie Lähmungen, Einnehmen einer vermeintlich krankheitsbedingten Körperhaltung (Abb. 10.1) oder Empfindungslosigkeiten, denen keine organischen Funktionsstörungen zugrunde liegen, einhergehen (Tab. 10.1).

Die Konversion stellt eine neurotische Symptombildung im körperlichen Bereich durch symbolhafte Somatisierung dar.

Konversionsstörungen sind psychogene „pseudo-neurologische“ Störungen, die früher dem Krankheitsbild der „Hysterie“ zugeordnet wurden. Es handelt sich um Störungen der Wahrnehmung und Empfindung, wie z. B. Störungen des Hörens, der Sensibilität oder des Sehens (selten!), sowie Störungen der Motorik, wie Lähmungen oder Gangstörungen. Auch sie stellen symbolhafte Kompromissbildungen zur Lösung eines unbewussten Konflikts dar.
Die häufigstens motorischen Konversionssymptome sind:
  • Astasie (Standunfähigkeit)

  • Abasie (Gangunfähigkeit)

  • Dysbasie (Gangstörung)

Die Störungen treten meist einseitig auf und können jahrelang anhalten und sekundär zu Atrophien der Muskulatur und Versteifungen der Gelenke führen. Der „primäre“ Krankheitsgewinn spielt hierbei eine wichtige Rolle.
Konversionssymptome können sich weiter als schlaffe Lähmungen, meist der der unteren Extremitäten, nichtorganischer Tremor, psychogene Dysphonie bis hin zu Mutismus äußern. Auch psychogene Blindheit und Taubheit sowie sensible Dysfunktionen, Hemianästhesien und Schmerzen werden dazu gezählt.
Epidemiologie
Allgemeine Angaben über die Häufigkeiten in der Allgemeinbevölkerung fehlen; w > m. Wird insgesamt selten diagnostiziert.
Pathogenese und Psychodynamik
Es ist inzwischen empirisch gesichert, dass dissoziative Störungen als eine Folge schwerer chronischer Traumata (bei Frauen v. a. sexueller Missbrauch) zu verstehen sind. Die Dissoziation stellt dabei eine Abspaltung traumatischer Erlebnisse dar im Sinne eines misslungenen Abwehr- und Bewältigungsmechanismus.
Nach dem Konfliktmodell ist die Voraussetzung für die Entstehung der Konversionsstörung eine hysterische Charakterstruktur im Zusammenspiel mit äußeren Umständen, die einen Trieb-Über-Ich-Konflikt reaktivieren. Die unbewussten, triebhaften Fantasien müssen von den Patienten abgewehrt werden. Das geschieht mithilfe der typischen Abwehrmechanismen (Verdrängung, Verleugnung, Verschiebung, Projektion) einerseits und durch eine Veränderung des Selbstbilds und Hyperemotionalität andererseits. Der vorliegende Trieb-Über-Ich-Konflikt kann mit den Mitteln, die den Patienten zur Verfügung stehen, nicht gelöst werden, und es kommt zu einer Scheinlösung. Diese Scheinlösung ist, absolut gesehen, zwar insuffizient, stellt für die Patienten jedoch die optimale Lösung dar. Sie drückt sich in der Konversion ins Körperliche aus, und führt so zu einem primären Krankheitsgewinn (d. h. zu verdrängter Abfuhr der entstandenen Triebspannung).
Differenzialdiagnose
Dissoziative Krampfanfälle  sind differenzialdiagnostisch v. a. von hirnorganischen Anfallsleiden und Entzündungen, Intoxikationen und toxisch-metabolischen Entgleisungen abzugrenzen. Kriterien, die eher für einen psychogenen Krampfanfall sprechen sind:
  • Fehlende weite, lichtstarre Pupillen

  • Fehlender Zungenbiss

  • Fehlende Verletzungen (Schutzreflexe sind vorhanden)

  • Nicht abruptes Auftreten

  • Unauffälliges Anfalls-EEG

Konversionssymptome  Beispiel: Lähmungen. Sie treten meist einseitig auf, wohl bevorzugt links. EMG und ENG sind bei diesen Lähmungen unauffällig, bis auf das Symptom selbst fehlen sonstige neurologische Korrelate. Sensible Dysfunktionen organischen Ursprungs können meist einem Dermatom segmental zugeordnet werden, während konversive Sensibilitätsstörung häufig handschuh- oder strumpfartige Ausbreitungen haben. Psychogene Hemianästhesien verlaufen im Vergleich zur organisch bedingten meist streng mittellinig und erfassen auch die Genitalien, während Letztere die Genitalien aussparen und meist noch einige Zentimeter über die Mittellinie hinaus verlaufen.
Fast immer lassen sich belastende Lebensumstände, emotionale Krisen oder Konflikte eruieren, der Beginn ist meist akut!
Therapie
Je nach den Symptomen sind verschiedene Therapieansätze möglich. Häufig werden psychoanalytische/psychodynamische Therapie, Verhaltenstherapie, Hypnose und Entspannungstherapie eingesetzt. Die Rezidivneigung ist hoch.
Anmerkung
Die Bezeichnung Hysterie wurde für die o. g. Symptome in der Antike unter der Annahme eingeführt, die bei Frauen auftretende Hysterie sei auf ein Umherwandern oder eine durch unbefriedigte Sexualität bedingte Fehlfunktion der Gebärmutter (griech. hystera) zurückzuführen.

Zusammenfassung

  • Dissoziative und Konversionsstörungen sind anfallsartig oder chronisch auftretende körperliche Symptome, denen keine organischen Funktionsstörungen zugrunde liegen.

  • Unter Konversion versteht man eine symbolhafte Somatisierung einer zugrunde liegenden unterbewussten Konfliktproblematik.

  • Die Dissoziation stellt eine Störung des Bewusstseins dar mit einer Desintegration psychischer Funktionen.

  • Es gibt verschiedene Formen der Dissoziation: dissoziative Amnesie, dissoziative Fugue, dissoziative Krampfanfälle, dissoziativer Stupor, Depersonalisations- und Derealisationserleben etc.

  • Dissoziative Störungen sind die Folge schwerer chronischer Traumata in der Vorgeschichte.

  • Meist bestehen neben einem akuten Beginn der Symptome belastende Lebensereignisse, aktuelle emotionale Krisen oder Konflikte.

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