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B978-3-437-42358-1.00004-5

10.1016/B978-3-437-42358-1.00004-5

978-3-437-42358-1

Kognitive Entwicklungsstadien nach Piaget.

Tab. 4.1
Stadium Beschreibung und typische Merkmale
Sensomotorische Phase (bis ca. 2. Lj.) Erfahren der Welt durch sensorische und motorische Interaktion mit der Umwelt: Sehen, Hören, Anfassen, In-den-Mund-Nehmen
  • Entwicklung von Objektpermanenz (ca. ab dem 6. Monat): Wissen, dass ein Gegenstand weiter existiert, auch wenn er gerade nicht wahrgenommen wird (Baby sucht nach seinem Spielzeug, wenn man es versteckt)

  • Fremdeln

  • Herausfinden von Zweck-Mittel-Verknüpfungen und Ursache-Wirkungs-Prinzipien durch experimentelles Ausprobieren

Präoperationales Denken (2.–7. Lj.) Darstellen von Dingen mit Worten und Bildern, noch kein logisches Denken
  • Egozentrismus: Kind sieht alles aus seiner Perspektive, kann nicht den Standpunkt eines anderen einnehmen. Beispiel: Verstellt ein Vorschulkind die Sicht auf den Fernseher, tut es das, weil es glaubt, man sähe das Gleiche wie es selbst. Denkweisen: animistisch (keine Unterscheidung zwischen belebten und unbelebten Gegenständen); finalistisch (Natur ist da, um dem Menschen zu helfen, z. B. Bäume für Schatten); artifiziell (alles wurde von jemandem gemacht). – Das Vorschulkind nimmt zwar egozentrisch wahr, entwickelt aber dennoch allmählich die Fähigkeit, innere Zustände und Absichten anderer zu erkennen.

  • Zentrierung: Aufmerksamkeit kann nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig gerichtet werden.

  • Kein Konzept für Mengenerhaltung: Gießt man den Inhalt eines breiten, niedrigen Gefäßes in ein schmales, hohes, glaubt das Kind, im hohen sei mehr Flüssigkeit. Weil sich die Form geändert hat, glaubt es, auch die Menge habe sich geändert.

  • Symbolhaftes Spielen (So-tun-als-ob-Spiele)

  • Sprachentwicklung

Konkret-operationales Denken (7.–11. Lj.) Logisches Denken, auch in Umkehrung („Denken siegt über Wahrnehmung“), Erfassen von Analogien
  • Logisches Nachdenken über konkrete Ereignisse

  • Durchführen mathematischer Transformationen

  • Verstehen von Mengenerhaltung

Formales Denken (ab 11. Lj.) Denken über eine vorgegebene Situation hinaus, Nutzung zusätzlicher Informationen zur Problemlösung
  • Gedankenexperimente: Hypothetisch angenommene Sachverhalte können in das Denken einfließen.

  • Abstrakte Logik

Entwicklungspsychologie

Psychoanalytisches Modell nach Freud

psychoanalytisches Modell, FreudEntwicklungspsychologieSigmund Freud erarbeitete anhand von Informationen aus Therapiegesprächen mit Patienten das Phasenmodell Phasenmodell, Freudder psychosexuellen Entwicklung. Es entspricht einem triebtheoretischen Entwicklungsmodell, in dem vom Lebensalter abhängige Körperfunktionen die psychische Reifung des Kinds prägen. Traumatisierungen in den einzelnen Phasen führen zu phasenspezifischen neurotischen Störungen.
Taktile Phase Schultz-Hencke (1927) beschreibt die Haut als Ausgangspunkt von Bedürfnissen nach Wärme, Trockenheit, zärtlichem Hautkontakt und Gestreicheltwerden. Die Entwicklung des Taktgefühls ist dabei eine wesentliche Voraussetzung für einen glückenden Gefühlsaustausch. In den ersten Lebenswochen bis zum ersten Lächeln im 2. oder 3. Monat herrschen zunächst diese objektlosen Sinneseindrücke vor. Sie ermöglichen durch die regelmäßige Wiederkehr derselben Person und deren Zuwendung die Entwicklung einer positiven emotionalen Bindung. Es entwickelt sich das erste Vertrauen (Riemann 1963).
Orale Phase Im 1. Lj. des Kinds liegt eine enge Mutter-Kind-Beziehung vor. Der Schlaf und die Ernährung sind die wichtigsten Aktivitäten, wobei das Kind durch Saugen einen oralen Lustgewinn hat. Das günstige Klima des Körperkontakts wirkt in dieser Zeit als emotionale und soziale Quelle des Urvertrauens.
Anale Phase Im 2. und 3. Lj. setzt die Sauberkeitserziehung ein. Die Körperschließmuskeln werden zunehmend beherrscht. Dabei wird die Stimulation der Darmschleimhaut als lustvoll empfunden. Es kommt zu ersten Auseinandersetzungen zwischen dem aufkeimenden Willen des Kinds, den Autonomiebedürfnissen, und der elterlichen Autorität. Die psychischen Themen sind Ordnung und Macht, Behalten und Hergeben, Beharren auf rigiden Einstellungen, aber auch die Freude an kreativem Gestalten.
Ödipale Phase Sie entspricht der phallischen Phase. Im 4. und 5. Lj. entdeckt das Kind den anatomischen Geschlechtsunterschied. Der eigene Körper wird erforscht, verbunden mit sog. Kastrationsangst beim Jungen und Penisneid beim Mädchen. Der Vater wird vom Sohn als Konkurrent beim Werben um die Gunst der Mutter empfunden. Es entsteht die ödipale Situation. Geschlechtsrollenkonforme Verhaltensweisen entwickeln sich durch die Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil.
Latenzphase Vom 6. Lj. bis zur Pubertät besteht „Triebruhe“. In dieser Zeit sollte ein positives Leistungsgefühl erworben werden, um ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln.
Genitale Phase Diese Jugend- oder Adoleszenzzeit ist der Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Ein hormonell bedingter Reifungsschub leitet die Entwicklung zu einer sexuell funktionsfähigen Person ein. Es wird eine reife Geschlechtsidentität entwickelt. Eine sexuell reife Entwicklung bedeutet dabei, sich dem eigenen Geschlecht zuzuwenden und sich damit zu identifizieren bei gleichzeitiger libidinöser Annäherung an einen gleichwertigen Sexualpartner.
Kritisch ist dabei anzumerken, dass Freud sein Entwicklungsmodell hauptsächlich auf Patientenerinnerungen basierte und nicht auf die systematische Beobachtung von Kindern.
Aus diesem Grund wurde es später durch andere Analytiker erweitert, z. B. durch E. Erikson, der das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung erarbeitete.

Kognitive Entwicklung nach Piaget

Nach Piaget, J.Piaget (1896–1980), einem Schweizer Entwicklungspsychologen, der sein kognitives Entwicklungsmodell Entwicklungsmodell, Piagetauf die Beobachtung von Kindern stützte, durchläuft das Kind vier intellektuelle Entwicklungsstadien (Tab. 4.1).
Dabei spielen Assimilation (AssimilationNeues wird in bekannte Strukturen eingefügt) und Akkommodation (Akkommodationbestehende Strukturen werden neuen Situationen und Umständen angepasst) eine herausragende Rolle. Das Kind steht in ständigem Austausch mit seiner Umwelt und ist in der Lage, Erlerntes durch neue Erfahrungen abzuändern bzw. zu vervollständigen. Dieser Vorgang entspricht einer kognitiven Anpassung und wird auch als Adaption bezeichnet.

Risikofaktoren und protektive Faktoren der Entwicklung

In Langzeitstudien, z. B. der Grant-Studie, wurden Menschen und ihre Entwicklung über Jahrzehnte hinweg unter der Fragestellung beobachtet, welche Bedingungen für das Auftreten psychogener und psychosomatischer Erkrankungen objektivierbar sind und welche Bedingungen davor schützen.
Es konnte eindeutig belegt werden, dass biografische Traumatisierungen, also Entwicklungsschäden, eine höhere Bedeutung für die Entstehung neurotischer Störungen haben als Entwicklungskonflikte. Entwicklungsdefizite treten zudem gehäuft in der Unterschicht auf, Entwicklungskonflikte sind eher in Mittel- oder Oberschicht zu beobachten.
Aus verschiedenen Studien ergaben sich folgende biografische Risikofaktoren Risikofaktoren, Entwicklung, Hoffmann/Eglefür die Entstehung psychischer Erkrankungen (nach Hoffmann und Egle 1996):
  • Niedriger sozioökonomischer Status und schlechte Schulbildung der Eltern

  • Mütterliche Berufstätigkeit im 1. Lj.

  • Große Familien und sehr wenig Wohnraum

  • Kontakte mit Einrichtungen der „sozialen Kontrolle“

  • Kriminalität oder Dissozialität eines Elternteils

  • Chronische Disharmonie/Beziehungspathologie in der Familie

  • Schwere körperliche Erkrankung/psychische Störungen der Mutter/des Vaters

  • Unerwünschtheit

  • Alleinerziehende Mutter

  • Autoritäres väterliches Verhalten

  • Sexueller und/oder aggressiver Missbrauch

  • Verlust der Mutter

  • Häufig wechselnde frühe Beziehungen

  • Schlechte Kontakte zu Gleichaltrigen

  • Altersabstand zum nächsten Geschwister < 18 Monate

  • Uneheliche Geburt

  • Genetische Disposition

Entscheidend ist dabei die Summe mehrerer Risikofaktoren, einzelne Punkte spielen eher eine untergeordnete Rolle. Außerdem kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass diese Risikofaktoren eine Störung verursachen, sondern dass durch sie lediglich eine erhöhte Vulnerabilität entsteht.
Gleichermaßen ergaben sich aber auch positive Faktoren der Entwicklung, die eine protektive Wirkung auf die Entstehung psychischer Erkrankungen haben (nach Hoffmann und Egle 1996):
  • Dauerhafte, gute Beziehung zu mindestens einer primären Bezugsperson

  • Großfamilie/kompensatorische Elternbeziehung/Entlastung der Mutter

  • Insgesamt attraktives Mutterbild

  • Gutes Ersatzmilieu nach frühem Mutterverlust

  • Mindestens durchschnittliche Intelligenz

  • Robustes, aktives und kontaktfreudiges Temperament

  • Soziale Förderung (z. B. Jugendgruppen, Schule, Kirche)

  • Verlässlich unterstützende Bezugspersonen im Erwachsenenalter

  • Lebenszeitlich späteres Eingehen „schwer auflösbarer Bindungen“

  • Geringere Risikogesamtbelastung

Zusätzlich zu allen o. g. Faktoren spielt das Geschlecht eine herausragende Rolle. Insgesamt weisen Mädchen nämlich im Vergleich zu Jungen eine geringere Vulnerabilität hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit späterer psychischer oder psychosomatischer Erkrankungen auf.
Unter Resilienz (Resilienzlat. resilire = abprallen) versteht man die Fähigkeit, belastende Situation oder Krisen durch Zurückgreifen auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu überwinden. Ein resilienter Mensch ist in der Lage, mit Belastungen in angemessener Weise umzugehen und so seine psychische Gesundheit zu erhalten.

Der Begriff „Resilienz“ entspricht der psychischen Widerstandsfähigkeit eines Menschen.

Zusammenfassung

  • In der Entwicklungspsychologie existieren zwei klassische Entwicklungsmodelle:

    • Das Phasenmodell der psychosexuellen Entwicklung nach Freud, welches mehrere Stufen umfasst: taktile Phase, orale Phase, anale Phase, ödipale Phase, Latenzphase und genitale Phase

    • Das kognitive Entwicklungsmodell nach Piaget, das vier intellektuelle Entwicklungsstadien des Kinds beschreibt: sensomotorische Phase, präoperationales Denken, konkret-operationales Denken und formales Denken

  • Die moderne Entwicklungspsychologie ist um eine Vielzahl von Theorien und Modellen erweitert worden. Sie befasst sich heute zunehmend mit Risikofaktoren und protektiven Einflüssen auf die Entstehung einer psychischen Störung im Erwachsenenalter.

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