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B978-3-437-42358-1.00036-7

10.1016/B978-3-437-42358-1.00036-7

978-3-437-42358-1

Der Patient klagt über Angst vor einem Herzinfarkt und Kribbeln und Jucken in den Fingern.

[O651]

Fall 3

Herzneurose

Störungen:somatoforme, autonome Störungen:funktionelle, kardiovaskuläre Störungen:funktionelle, kardiovaskuläre Störungen:funktionelle, kardiovaskuläre somatoforme autonome Funktionsstörungen:Herz Herzneurose Herzangststörung Funktionsstörungen, somatoforme Fallbeispiel

Fallbeschreibung

Ein 22-jähriger Mann kommt in Begleitung seiner Mutter in Ihre Praxis. Herr Hart berichtet, dass er auf einmal Angst habe, einen Herzinfarkt zu bekommen. Diese Angst trete immer mal wieder auf. Zusätzlich habe er ein Kribbeln und Jucken in den Fingern (Abb. 36.1), den Armen und am Herzen. Erstmalig seien die Beschwerden 2 Tage nach seinem 22. Geburtstag aufgetreten. Es sei vormittags während der Arbeitszeit passiert, ohne dass unmittelbar etwas Besonderes vorausgegangen sei. Der Patient habe sich derartig schlecht gefühlt, dass er nach Hause gehen musste. Seine Mutter habe den Notarzt informiert, und nach einer Beruhigungsspritze sei es Herrn Hart wieder besser gegangen.

Was sind mögliche Differenzialdiagnosen bei Herrn Hart?
Herzinfarkt, instabile Angina pectoris, stabile Angina pectoris, KHK, Herzneurose, Panikattacke, Ösophagitis.
Was können Sie tun, um mögliche Krankheitsursachen näher einzugrenzen?
Anamnese, klinische Untersuchungen, Überweisung zu einem Kardiologen, Internisten oder Psychosomatiker.
Vor Ihnen sitzt Herr Hart, ein junger Mann, der einen unsicheren, ängstlichen Eindruck auf Sie macht. Welche Fragen in der Anamnese könnten Ihnen weiterhelfen?
Auf folgende Fragen bekommen Sie folgende Antworten:
a) Können Sie genauere Angaben zum Kontext, in dem die Herzschmerzen erstmals auftraten, machen?
Herr Hart berichtet von seiner Geburtstagsfeier. Er habe sieben Frauen und sieben Männer eingeladen, für ihn habe es keine Partnerin gegeben, und er habe somit mehr oder weniger zugesehen, wie die anderen sich amüsierten. Er sagt, es belaste und enttäusche ihn, wenn Frauen so offensichtlich ablehnend auf ihn reagieren. Er hätte gern eine Freundin und wünscht sich, das Elternhaus zu verlassen und eine eigene Familie zu gründen. Wörtlich meint er dazu: „Vielleicht würde dann ja auch die Krankheit besser.“ Vor einigen Wochen habe er einen erneuten Angstanfall erlitten, nachdem innerhalb kürzester Zeit beide Großväter verstorben seien. Seither sei er kaum noch angstfrei, kontrolliere ständig seinen Puls und bekomme bereits Beschwerden, sobald er ein Martinshorn höre.
b) Sind in der Familie Herzerkrankungen bekannt?
Herr Hart berichtet, dass einer seiner Großväter auch an einem Herzinfarkt gestorben sei. Dies habe seine Angst verstärkt, er könne ebenfalls an einer schweren Herzerkrankung leiden.
c) Wie würden Sie die Herzschmerzen typischerweise charakterisieren?
Der Schmerzcharakter bei einem akuten Herzinfarkt oder instabiler Angina pectoris wird häufig als dumpf, drückend und einengend beschrieben. Im Gegensatz dazu wird bei psychosomatischen Herzbeschwerden eher ein kribbelndes, stechendes Gefühl angegeben.
Welche klinischen Untersuchungen würden Sie zunächst einmal durchführen?
Zuerst einmal müssen die möglichen internistischen Notfallerkrankungen (Herzinfarkt, Lungenembolie, rupturiertes Aortenaneurysma) ausgeschlossen werden. Dazu sind ein Labor (Troponine, D-Dimere, Laktat, Entzündungsparameter), ein EKG (STEMI, NSTEMI, Lungenembolie, Tachyarrhythmia absoluta) und ein Röntgen-Thorax (Pneumothorax, Rippenserienfraktur) erforderlich. Alle diese Untersuchungen waren bei Herrn Hart blande und ergaben keinen Anhalt für eine internistische Erkrankung.
Durch Ihre Anamneseerhebung kommen Sie auf die richtige Spur, dass es sich bei Herrn Hart um eine „Herzneurose“ handelt. Was versteht man unter einer Herzneurose?
Unter Herzneurosen versteht man Symptome, die der Patient mit dem Herzen in Verbindung bringt. Die Patienten können dabei unter Stechen und Schmerzen in der Brust, Herzstolpern, Herzjagen oder Beschwerden, die sich auf die Atmung, das Allgemeinbefinden oder das psychische und vegetative Befinden auswirken, leiden. Diese Beschwerden können objektivierbar oder nicht objektivierbar sein. Die Patienten haben große Angst.
Wie ist der Verlauf der Herzneurose?
Der Verlauf einer Herzangststörung wird oft als Störung beschrieben, die meist mit einem akuten (sympathikovasalen) Herzanfall beginnt, der als akuter Angstzustand mit Herzstillstandsangst erlebt wird. Im Laufe der neurotischen Erkrankung kommt es zu diffusen, sich ausweitenden hypochondrischen und phobischen Beschwerden.
Was sind Synonyme für Herzneurose?
Synonyme Begriffe für Herzneurose sind funktionelle kardiovaskuläre Störungen, Irritable heart, Herzangststörung, Herzneurose und somatoforme autonome Funktionsstörung des Herzens.
Welche Persönlichkeitsstruktur ist für die Herzneurose typisch?
Herr Hart entspricht ziemlich genau der A-Typ-Typ-A-VerhaltenPersönlichkeit, die typischerweise bei Herzneurotikern auftritt: depressiv-klammernd, einfache Abhängigkeit, Konzentration auf die eigene Symptomatik, zunehmende Einengung der Lebensbezüge, Vermeidung von Belastungssituationen, gesteigerte Selbstbeobachtung. Hiervon unterscheidet man eine oppositionelle B-Typ-Persönlichkeit: überkompensierend-abwehrend, verleugnende Aktivität, Krankheit wird mit körperlicher Leistung überspielt, übertriebene Selbstständigkeit (Abhängigkeitssituationen werden als demütigend empfunden und nicht ertragen).
Welche der folgenden Therapiemöglichkeiten schlagen Sie vor?
Verhaltenstherapie
Analytische Psychotherapie
Weiterbehandlung durch den Hausarzt
Psychopharmaka
Entspannungsverfahren
Körperorientiertes Verfahren
Alle der genannten Möglichkeiten können eingesetzt werden! Man muss allerdings anmerken, dass eine Therapie schwierig sein kann. Die Verhaltenstherapie ist eine durchaus geeignete Methode zur Behandlung der Herzneurose, insbesondere da sie auf die depressive Struktur des Herzneurotikers eingeht. Sie wird auch als Kombinationstherapie mit Psychopharmaka eingesetzt. Entspannungsverfahren beheben zwar nicht den eigentlichen Konflikt, stellen jedoch eine gute unterstützende Therapie zur Verminderung der Symptomatik bei akuten Angstanfällen dar. Das körperorientierte Verfahren, v. a. die KBT, dient ähnlich wie die Entspannungsverfahren der verbesserten Wahrnehmung und Regulation der Körperfunktion. Kombiniert mit einem verbalen Verfahren kommt es als Therapieform durchaus infrage.

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