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B978-3-437-42358-1.00031-8

10.1016/B978-3-437-42358-1.00031-8

978-3-437-42358-1

Familien(struktur) aus der Sicht von Leo (6 Jahre) und Till (4 Jahre), künstlerisch dargestellt.

[O650]

Familientherapie

Definition
Die Familientherapie fokussiert auf die gegenwärtigen oder vergangenen realen FamilientherapieBeziehungsprozesse der Individuen innerhalb der Familie. Dazu ist das gemeinsame Gespräch mit Angehörigen mindestens zweier Generationen nötig.
In dieser Systemsicht (Familie als System) erscheinen die Patienten als Teil eines offenen Beziehungssystems, welches sie sehr stark beeinflusst. Störungen dieses biopsychosozialen Systems können sich in seelischen und körperlichen Erkrankungen ausdrücken.
Gestört ist dabei nicht nur der Einzelne, sondern auch die Beziehungen im System.
Da die intrapsychischen Konflikte in Wechselwirkung mit der Familiendynamik stehen, hat jede therapeutische Intervention in das Familiengefüge Auswirkungen auf den Einzelnen – und umgekehrt.
Der Familientherapie kommt v. a. große Bedeutung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (Abb. 31.1) sowie bei Essstörungen (Kap. 16) zu.
Ursprung
Obwohl erste Ansätze schon bei Freud und in der Pädagogik zu sehen sind, sind die Ursprünge der Familientherapie in erster Linie Ende der 1940er-Jahre in den USA anzusiedeln, wo Familienangehörige systematisch in die Psychotherapie schizophrener Patienten mit einbezogen wurden. Seitdem haben sich mehrere psychotherapeutische Schulen v. a. in die psychoanalytische und die verhaltenstherapeutische (sog. systemische) Familientherapie entwickelt.
Grundannahme
Die Familientherapie beruht auf der Annahme, dass die Erkrankung oder Störung eines Familienmitglieds (sog. Indexpatient) durch die Interaktionen innerhalb einer Familie mit bedingt und aufrechterhalten wird. Vor allem Eltern üben einen entscheidenden Einfluss auf ihre Kinder aus, sodass das Kind oder der Jugendliche häufig sog. Symptomträger seiner Eltern ist.
Methoden
In der Familientherapie gibt es verschiedene Schulen und Methoden, von denen hier vier genannt werden sollen.
Systemische Familientherapie
Ziel der systemischen Familientherapie ist zunächst einmal eine Umdeutung („Reframing“) in Bezug auf das erkrankte Familienmitglied, den sog. Indexpatienten. Das Problem des Patienten soll als Problem der Familie angesehen werden, denn er ist Ausdruck für eine Störung innerhalb der Familie, also nur der „Symptomträger“. Das Aufdecken und Verstehen des unbewussten Zusammenspiels der Familienmitglieder (Kollusionen) als Problemquelle und das anschließende Verändern sind dann die nächsten Ziele der Therapie.
Die systemische Familientherapie bedient sich dabei verschiedener Techniken:
Joining  Zwischen Psychotherapeut und jedem einzelnen Familienmitglied wird ein Arbeitsbündnis geschlossenJoining<2002>, um ein stabiles emotionales Verhältnis zwischen allen Beteiligten, v. a. aber zwischen allen Patienten und „ihrem“ Therapeuten, gleichermaßen zu gewährleisten.
Zirkuläres Fragen  Familienmitglieder werden aufgefordert, in Anwesenheit der Familie Verhaltensweisen und Beziehungen untereinander zu kommentieren.
Reframing  Zu festen, in der Familie ablaufenden Verhaltensmustern werden alternative Erklärungen und Reframing<2002>Verhaltensweisen aufgezeigt. Probleme oder Ereignisse werden also umgedeutet. Feste Rollen wie z. B. der „Sündenbock“ werden aufgedeckt, und der betroffene Patient wird aufgefordert, sich in seiner passiven Rolle zu wehren und eine aktivere einzunehmen.
Paradoxe Interventionen  Ein bestimmtes Verhalten, dessen Gegenteil man eigentlich erreichen will, wird gezielt „verordnet“, ohne dies mit der Familie vorab zu besprechen. Das Ziel ist, eine Einsicht des Agierenden zu seinem Verhalten oder eine Reaktion der anderen Familienmitglieder zu provozieren und so eine Veränderung der Beziehungsstrukturen zu erreichen.
Unterbrechung der Sitzungen  Der Therapeut verlässt den Raum, um sich evtl. mit einem weiteren Therapeuten oder einem Beobachter zu besprechen und von der Beziehungsdynamik der Familie Abstand zu gewinnen.
Verschreibungen  Die Familie soll neue Erfahrungen machen und etwas Neues für sich entdecken. So können der Zusammenhalt und die emotionale Zusammenarbeit gestärkt werden.
Strukturelle Familientherapie
Diese Form der Familientherapie wurde aus der Kommunikationsforschung und der Lerntheorie heraus entwickelt und ist eigentlich eine sozialtherapeutische Methode, um ursprünglich v. a. mit dissozialen und schwer gestörten Familien zu arbeiten. Heute wird diese Form der Familientherapie auch bei weniger schwer gestörten Familien angewandt. Bei dieser Behandlung befasst sich der Therapeut mit der horizontalen Perspektive, d. h., auf die Herkunft und Ursache eines Symptoms wird nicht näher eingegangen. Die Familie wird in zwei Subsysteme eingeteilt, das elterliche Subsystem und das Geschwistersubsystem. Es gilt, eine schwache Eltern-Kind-Grenze (Generationsgrenze) zu stärken, um insgesamt die Familienstruktur zu verbessern.
Mithilfe von Techniken wie Hausaufgaben und Belohnungen greift der Therapeut aktiv in die familiären Beziehungsstrukturen ein, um Änderungen der problematischen Verhaltensmuster zu erreichen.
Analytische Familientherapie
Diese Therapieform hat ihre Ursprünge in den analytischen Einzeltherapieverfahren und sieht ihre Zielsetzung v. a. in der Aufdeckung und Bearbeitung unbewusster intrafamiliärer Konflikte, immer vor dem Hintergrund der speziellen Familiengeschichte. Der Therapeut nimmt eine Vermittlerrolle im Familiendialog ein. Seine Hauptaufgabe liegt in der Deutung der Übertragungs-Gegenübertragungs-Reaktionen innerhalb der Familie, im Erkennen der spezifischen Entstehungsursachen und Auswirkungen der Störung.
„Mehrgenerationentherapie“
Dieses Familientherapieverfahren bezieht, wie der Name schon sagt, mehrere Generationen, also die Großeltern, in die Behandlung mit ein und bietet so eine vertikale Perspektive in der Familienanalyse.
Anwendung
Es gibt viele verschiedene Indikationen für eine Familientherapie. Absolute Voraussetzung jedoch ist die Motivation der Familienangehörigen des Patienten. Die Familientherapie kann eingesetzt werden bei:
  • Psychischen Störungen im Kinder- und Jugendalter

  • Existenziellen Problemen (schwere körperliche Krankheit) eines Familienmitglieds

  • Generationenkonflikten (Ablösungs- und Adoleszenzkonflikten)

  • Sucht- und Abhängigkeitsproblematik eines Familienangehörigen

  • Geriatrischen Problemen

  • Schweren chronifizierten psychiatrischen und psychosomatischen Störungen eines Familienmitglieds

  • Jugendlichen Schizophrenien und Essstörungen

  • Suizidalen Krisen eines Patienten

  • Multiproblemfamilien

Kontraindikationen für eine Familientherapie sind z. B. Patienten, bei denen die intrapsychischen Konflikte überwiegen und eine Besserung der Störung am ehesten durch Einzeltherapien zu erreichen ist. Bestimmte Störungsbilder, wie narzisstische oder antisoziale PS, sind ebenfalls nicht geeignet, da diese Patienten die Ursache für ihre Probleme hauptsächlich in der Familie oder der Gesellschaft sehen. Eine Familientherapie könnte sie in dieser Ansicht bestärken. Bei massiven Vorwürfen und Gewaltbereitschaft innerhalb einer Familie muss man besonders hinterfragen, ob eine Therapie in diesem Setting sinnvoll ist.

Zusammenfassung

  • Die Familientherapie geht davon aus, dass die Ursache einer psychischen Störung nicht vorrangig auf intrapersonellen Konflikten beruht, sondern v. a. durch die Familie als biosoziales System mit bedingt und aufrechterhalten wird. Die Störung des Patienten ist also nur Ausdruck eines Problems, welches eigentlich in der Familie vorliegt. Der Patient ist der sog. Indexpatient. Es gibt verschiedene Schulen der Familientherapie:

    • Systemische Familientherapie

    • Strukturelle Familientherapie

    • Analytische Familientherapie

    • „Mehrgenerationentherapie“

  • Die Indikation liegt vor bei psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter, Generationenkonflikten, Multiproblemfamilien und einer Reihe von psychischen Störungen, wie u. a. Suchtproblematik und suizidalen Krisen, die vornehmlich ein Familienmitglied betreffen.

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