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B978-3-437-42358-1.00005-7

10.1016/B978-3-437-42358-1.00005-7

978-3-437-42358-1

Schematische Darstellung des Drei-Instanzen-Drei-Instanzen-Modell, FreudModells nach Sigmund Freud.

[A400]

Sigmund Freud (1856–1939), Begründer der Psychoanalyse.

[J792-001]

Erweiterung des Konfliktmodells.

[M538]

Traumsemantik.Traumsemantik

Tab. 5.1
Trauminhaltsart Bedeutung
Tagesreste Erlebnisse vom Vortag, die in das Traumgeschehen eingreifen
Verschiebung Falsche Zuschreibung von Merkmalen auf z. B. andere Personen
Angstträume (Albträume) Häufigste Traumgattung
Substitution Versuch einer Wunscherfüllung
Regression Vergangenheitsbewältigung im Traum
Verdichtung Konzentrierung auf ein Hauptmerkmal
Umwandlung Veränderung von Materie in Personen oder auch umgekehrt

Aktiver und passiver Modus bei psychodynamischen Konflikten.

Tab. 5.2
Passiv Aktiv
Abhängigkeit Autonomie
Unterwerfung Kontrolle
Versorgt werden Selbstständig sein

Abwehrmechanismen.VerschiebungVerleugnungVerdrängungRegressionReaktionsbildungRationalisierungProjektionIntellektualisierungIdentifikation

Tab. 5.3
Abwehrmechanismus Erklärung Beispiel
Identifikation Um die Angst, die durch einen Stärkeren ausgeht, zu vermeiden, stellt sich das Opfer auf die Seite des Bedrohers. Stockholm-Syndrom
Intellektualisierung Die unlustvollen Impulse werden aus dem emotionalen Bereich in den intellektuell-theoretischen Bereich verschoben. „Ich habe keine Lust zu lernen, weil mich das Thema nicht interessiert.“
Projektion Der Impuls, der die Unlust auslöst, wird in die Außenwelt übertragen. Er wird erlebt, als komme er von außen und nicht aus einem selbst heraus. Die Aggression, die man gegenüber einer anderen Person hat, wird als Aggression der anderen Person auf einen selbst erlebt.
Rationalisierung Ein negatives Erlebnis oder Affekt, der nicht bewusst gemacht werden soll, wird durch eine andere, scheinbar logische Erklärung ersetzt. Der Student erklärt, dass er in der Prüfung, auf die er sich schlecht vorbereitet hat, nur durchgefallen sei, weil der Professor ihn nicht leiden könne.
Reaktionsbildung Die unlustmachenden Tatsachen werden durch das Gegenteil ersetzt. Man erzählt den Freundinnen, wie toll der eigene Freund ist, um sich nicht bewusst zu machen, welche Fehler er doch hat.
Regression Man verfällt in kindliche Verhaltensmuster. Patient im Krankenhaus lässt sich wie ein Baby bemuttern.
Ungeschehenmachen Die konfliktauslösende Ursache wird für nicht existent erklärt. „Einmal ist keinmal.“
Verdrängung/Verleugnung Der unlustmachende Gedankeninhalt, Affekt oder Impuls wird in das Unterbewusstsein verlagert. Man kann es auch als eine Art Vergessen aus Angst verstehen. Schlechte Nachrichten, wie z. B. eine Krebserkrankung, werden vom Patienten zunächst verdrängt, und er erklärt unbeirrt, nicht an Krebs erkrankt zu sein.
Verschiebung Verbotene Impulse werden gegen ein anderes Objekt gerichtet. Der Chirurg schlägt dem Assistenzarzt bei der OP auf die Finger, obwohl er eigentlich Ärger mit seiner Ehefrau hat.
Wendung gegen das Selbst Unlusterlebende Impulse werden gegen sich selbst gerichtet. Selbstverletzungen, wie z. B. „Cutten“

Die vier Bindungstypen im Kindesalter.

Tab. 5.4
Sicher Unsicher vermeidend Ambivalent unsicher Desorganisiert
Reaktion des Kindes Trauer, Trost durch Fremde Beim Verlassen und bei Rückkehr unbeeindruckt, erhöhter Kortisolspiegel Angst, Stress beim Weggehen, bei Rückkehr einerseits nähesuchend, andererseits zurückweisend Unterschiedliche Kombinationen und Muster, Hinweis auf Störungen

Entwicklung des Selbst-Identitätsprinzip-Systems.Selbstpsychologie

Tab. 5.5
Alter Entwicklung des Selbst
0 Jahre Frühe Selbstentwicklung
2 Jahre Spracherwerb, SelbstwertgefühlBeginnende Selbst-/Objektpräsentanzen
3–5–7–9 Jahre Identitätsaufbau (Geschlecht, Körper, soziale Gruppen)
11–13–15–18 Jahre Eigene Identität

Grundbegriffe der Tiefenpsychologie

Klassische Psychoanalyse

Persönlichkeitsmodell nach Sigmund Freud

TiefenpsychologieDerPsychoanalyse Freud, S.Wiener Neurologe Sigmund Freud (1856–1939) ist der Begründer der Psychoanalyse, die wegen der Beschäftigung mit den unbewussten Phänomenen auch als Tiefenpsychologie bezeichnet wird.
Freud entwickelte ein Persönlichkeitsmodell, Persönlichkeitsmodell, Freuddas aus drei Instanzen besteht (Abb. 5.1). Dieses Modell lässt sich in ein Struktur- und in ein Topografisches Modell einteilen.

Das Strukturmodell, FreudStrukturmodell besteht aus Es, Ich und Über-Ich. Das Topografische Topografisches Modell, FreudModell wird in Unbewusstes, Bewusstes und Vorbewusstes eingeteilt.

Das Es dient der Befriedigung der eigenen Triebe (Bedürfnisse wie Abhängigkeit, Selbstwertschätzung, Liebe, Hass). Es entsteht aus dem Lustprinzip und fordert sofortige Befriedigung. Das Es liegt vollständig im Unbewussten.
Das Ich ist die Instanz, in der eine Entscheidung getroffen wird. Das Ich folgt dem Realitätsprinzip und vermittelt zwischen der Triebbefriedigung (Es) und den Ansprüchen der Außenwelt (Über-Ich). Das Ich dient der Selbsterhaltung und der Anpassung – ein Drahtseilakt, aus dem Konflikte entstehen können.
Das Über-Ich ist die moralische Instanz, in der gesellschaftliche Normen und Vorschriften berücksichtigt werden, die i. d. R. von außen, von Vater oder Mutter, übernommen werden. Dabei spielen Identifizierungsvorgänge eine große Rolle. Das Über-Ich ist der Gegenspieler des Es.
Der Begriff Unbewusstes beschreibt Erlebnisse, Gefühle oder Gedanken, die im Laufe des Lebens verdrängt werden. Sie können nur schwer und gegen inneren Widerstand bewusst gemacht werden. Das Unbewusste kann man durch Deutung erschließen. Mit Bewusstes werden Prozesse, die unmittelbar erlebt werden, beschrieben. Vorbewusstes sind Inhalte, die im Moment nicht mehr erinnerlich sind, aber prinzipiell und meist ohne Schwierigkeiten bewusstseinsfähig sind.

Psychoanalytische Mechanismen

Mithilfe der Psychoanalyse sollen die unterbewussten Triebe und Forderungen an das Ich aufgedeckt werden. Mittels Psychoanalyse können unbewusst ablaufende Mechanismen zur Aufklärung des Unterbewusstseins genutzt werden. Dazu zählen:
Übertragung Im Übertragung<2002>therapeutischen Kontext „überträgt“ der Klient Emotionen, Wünsche oder Erwartungen, die ursprünglich einer anderen Person gelten bzw. aus einer früheren Beziehungserfahrung stammen, auf den Therapeuten. Übertragung ist ein psychisches Grundphänomen menschlichen Verhaltens und nicht nur ein Artefakt innerhalb der Psychotherapie! Ein wesentliches Ziel innerhalb der Psychoanalyse ist es, die Übertragung aufzudecken, um dem Klienten zu helfen, aus einem immer gleichen Rollenspiel auszutreten.
GegenübertragungGegenübertragung<2002>Als Gegenübertragung bezeichnet man die Gesamtheit der bewussten und unbewussten Reaktionen des Arztes oder Therapeuten auf den Patienten. Diese hängt 1. mit der vom Patienten entgegengebrachten Übertragung und 2. mit den Persönlichkeitsmerkmalen des Therapeuten selbst zusammen.
Widerstand Im Widerstand<2002>Rahmen der Therapie wird das Ich mit unbewusstem Material konfrontiert, welches das Über-Ich ablehnt. Es kommt zu einem Konflikt zwischen dem Ich und dem Über-Ich. Die unbewussten Anteile des Ich wehren sich gegen diese Behandlung mit höchst polymorphem Widerstand. Die bewussten Anteile des Ich dagegen haben ein großes Interesse am Fortschritt der Therapie (Arbeitsbündnis mit dem Therapeuten). Der Widerstand ist grundsätzlich ein gesundes psychisches Phänomen. Er wehrt unbewusstes, nicht verarbeitetes Material des Es ab. Typische Widerstandsformen sind das Agieren (der Konflikt wird ausagiert, statt ihn zu verbalisieren), die Verdrängung, die Verleugnung und die Übertragung.
RegressionRegression<2002>Regression stellt eine Rückkehr zu Formen des Verhaltens, Denkens und Erlebens dar, die dem gegenwärtigen Entwicklungsstand nicht entsprechen. Sie entspricht einem Ausweichen vor den aktuellen Anforderungen des Lebens und dem Versuch, auftretende Konflikte mit infantilen Mitteln zu lösen.
In der klassischen psychoanalytischen Therapie versucht dann der Therapeut, über Deutung diese Mechanismen und deren Ursprünge dem Patienten bewusst zu machen. Dies sieht beispielsweise so aus, dass der Therapeut dem Patienten sagt, was er für die Ursache seines Verhaltens hält: „Sie haben große Angst, dass der Traum Ihnen etwas Unangenehmes sagen könnte, und deshalb war es leichter für Sie, dass Ihnen zu diesem Thema überhaupt nichts in den Sinn kam.“ Diese Vorgehensweise lässt unterschiedliche Nuancen zu. Wichtig ist v. a., dass man den richtigen Zeitpunkt für die Deutung wählt. Wird sie zu früh eingesetzt, kann man den Widerstand verstärken.

Fehlleistung

Durch Fehlleistungen werden nicht bewusste Motive sichtbar.

Im alltäglichen Leben werden durch menschliche Fehlleistungen nicht bewusste Motive sichtbar. Darunter versteht man z. B. Versprecher (es heißt ja nicht umsonst Freud’scher Versprecher), Fehlhaltungen, Übersehen, Vergessen von Namen, Austragung unbewältigter Konflikte im Straßenverkehr etc.
Je neurotischer das Verhalten wird und je mehr es Folge von unverarbeiteten Konflikten wird, desto eher treten unbewusste Faktoren in den Vordergrund.

Traumdeutung

Die TraumdeutungTraumdeutung wurde von Sigmund Freud 1890 als „Königsweg“ zum Unbewussten in die Psychotherapie eingeführt. Dabei versucht der Therapeut, die Trauminhalte des Patienten zu deuten und die unterbewussten Wünsche und Triebe des Patienten zu analysieren.

Traumdeutung ist der „Königsweg“ zum Unbewussten.

Nach Freud handelt es sich bei Träumen vorwiegend um seelische Produkte. Diese entstehen weitgehend unabhängig von äußeren Erlebnissen, nur im Dienste der Selbsterkenntnis des Träumers. Es können aber auch Teile von Erlebnissen, Reize der Organe und Stücke bewusster Erwägungen mit in Träume einfließen.
Mithilfe der freien Assoziation wird in der Psychoanalyse versucht, die Botschaft des Traums besser zu verstehen. Dabei wird der Patient aufgefordert, alles, was ihm spontan zum Inhalt des Traums einfällt, zu erzählen.
Freud unterscheidet bei Träumen zwischen dem manifesten Traumtext, dem tatsächlich Geträumten, und dem latenten Traumgedanken, dem hintergründig Geträumten.
In den verschiedenen Traumtheorien werden die Trauminhalte als zufällige Bildvorstellungen oder als Symbole für fest zugeordnete Bedeutungen angesehen.
Unter Traumsemantik versteht man die Zeichenlehre von Träumen (Tab. 5.1).

Exkurs

Sigmund Freud (Abb. 5.2)

Sigmund Freud wurde 1856 in Freiberg als Kind jüdischer Eltern geboren. Er wollte zuerst Jura studieren, immatrikulierte sich dann aber an der Medizinischen Universität Wien und wechselte später an das Psychologische Institut. Sigmund Freud gilt als Begründer der Psychoanalyse. Zu seinen größten Werken zählen „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) und „Das Ich und das Es“ (1923). Freud immigrierte 1938 mit seiner Familie nach London. Er verstarb 1939 in London an einer Überdosis Morphium.

Tiefenpsychologie und Psychodynamik

Konzept und Terminologie der „Neurose“

DerTiefenpsychologie NeuroseBegriff Neurose wurde 1787 erstmals durch den schottischen Arzt William Cullen eingeführt, der die Neurose als Nervenkrankheit unklarer Genese definierte. Geprägt von Sigmund Freud entwickelte sich die Neurose zum Überbegriff reaktiver oder psychogener Störungen, die mit Symptomen wie Ängsten, Zwängen, traurigen Verstimmungen, hysterischen Äußerungen oder (psycho)somatischen Störungen einhergingen. Das Neurosekonzept als solches wurde 1980 in der 3. Auflage des DSM-Systems der American Psychiatric Association fallen gelassen und durch den deskriptiven Begriff der Neurotischen Störung ersetzt. Auch in der ICD-10 findet der Begriff „Neurose“ heute keine Verwendung mehr.

Konfliktmodell und Internalisierung

Im Konfliktmodell:FreudInternalisierungZentrum der psychoanalytischen Neurosenvorstellung steht der Begriff des Konflikts.

Die Psychoanalyse sieht Kompromissbildungen und Lösungsversuche, die sich auf reaktivierte infantile Konflikte beziehen, als ursächlich für die Entstehung von neurotischen Störungen.

Ein Konflikt entsteht, wenn mindestens zwei einander widerstrebende Tendenzen im Sinne unvereinbarer Interessen oder Motive auftreten. Hierbei wird eine innere Spannung hervorgerufen (z. B. „Ich möchte mich von meinem Partner trennen, weil er mir Schaden zufügt, aber meine soziale Situation lässt dies nicht zu“).
Ähnelt ein aktueller Konflikt einem früheren, in der Kindheit erlebten Konflikt, welcher nur unzureichend verarbeitet wurde und somit noch potenziell pathogen ist, so kann dieser durch die momentane Konfliktsituation reaktiviert werden. Man spricht hierbei von der Reaktivierung infantiler Konflikte, welche als neurotische Störung klinisch manifest werden können.
Konfliktmodell nach Anna Freud
Konflikte lassen sich nach Anna Freud, der Tochter Sigmund Freuds und Begründerin der Kinder-Psychotherapie, folgendermaßen einteilen:
Äußere Konflikte Es sind die ersten Konflikte des Kinds: Interessen der sozialen Umwelt stehen den Interessen des Kinds gegenüber. Wenn sich die äußeren Umstände ändern lassen, sind die Lösung der äußeren Konflikte und damit auch die Weiterentwicklung des Kinds meist unproblematisch.
Innere Konflikte Diese werden auch Ambivalenzkonflikte genannt. Es streiten sich triebhafte Impulse, Emotionen und Affekte unterschiedlicher Art (Liebe – Hass, Männlichkeit – Weiblichkeit, Aktivität – Passivität). Diese Ambivalenzkonflikte kennt jeder Mensch.
Verinnerlichte Konflikte Sie sind die neurotischen Konflikte des Erwachsenen. Durch den Vorgang der Internalisierung werden äußere Konfliktsituationen verinnerlicht. Der Konflikt spielt sich in der Person statt zwischen der Person und der Umwelt ab. Der soziale Konflikt wird zum individuellen Konflikt. Die Wünsche nach Befriedigung einerseits und die Verweigerung oder Versagung andererseits finden sich in einer Person.
Pathogene Konflikte Sie unterscheiden sich davon: Bei der Entwicklung eines pathogenen Konflikts übersteigt die optimale Lösung eines Konflikts die jeweils alters- und persönlichkeitsentsprechenden Möglichkeiten des Kinds.
Es gelingt dauerhaft nicht, Konflikte zu lösen, ihre Voraussetzungen zu beseitigen oder mit ihren Folgen umgehen zu können.
Beispiel: dauerhafte Größenfantasie des Kinds
Der deutsche Arbeitskreis OPD-2 2006 unterscheidet in seiner Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik folgende pathogene Konflikte („repetitive Konfliktmuster“):
  • Individuation vs. Abhängigkeit

  • Unterwerfung vs. Kontrolle

  • Versorgung vs. Autarkie

  • Selbstwertkonflikte

  • Schuldkonflikte (Selbst- vs. Fremdbeschuldigung)

  • Ödipaler Konflikt

  • Identitäts-(Selbst-)Konflikt (Identitätsdissonanz)

Diese psychodynamischen Konflikte kann man in einen aktiven und passiven Modus einteilen, die sich gegenüberstehen. Beispiele dafür sind in Tabelle 5.2 dargestellt.
Einzelne der oben erwähnten Konflikte haben in bestimmten Lebenssituationen keinen pathologischen Krankheitswert, wie z. B. der Konflikt Versorgung vs. Autarkie im Rahmen einer Loslösungssituation, wenn ein junger Erwachsener sein Elternhaus verlässt. Treten diese Konfliktspannungen jedoch auch in anderen Lebensbereichen immer wieder auf, handelt es sich um einen repetitiv-dysfunktionalen Konflikt, der einer klinisch relevanten Störung entspricht.
Das Konfliktmodell (reaktualisierte Entwicklungskonflikte)
DasKonfliktmodell:Erweiterung Konfliktmodell in seiner einfachsten Art sieht folgendermaßen aus:

Konfliktmodell: Entwicklungskonflikt → Reaktualisierung → Kompromiss → Symptom

Das Konfliktmodell ist das erste und klassische Entstehungsmodell neurotischer Symptome.
Es sieht am Anfang der Neurose eine auslösende Ursache vor, bei der die belastende Situation in keinem Verhältnis zur krankhaften Reaktion steht („Versuchungs- und Versagungssituation“). Es kommt zu einer Reaktivierung des infantilen Konflikts (Abb. 5.3), der Erwachsene versucht also, den aktuellen Konflikt mit kindlichen Mitteln, z. B. Verdrängung, zu lösen (Regression). Dadurch kommt es noch zu einer Verstärkung des Konflikts und zu Spannung, sogar zu Angst. Es muss also eine Lösung gefunden werden. Diese besteht in einem Kompromiss zwischen den einzelnen Konfliktanteilen (innere Impulse, Ich-Anteile, verinnerlichte Normen und äußere Einflüsse), welcher nur unzureichend Entlastung bringt und so zu Symptomen führt.
Die Erweiterung dieses Modells ist in Abbildung 5.3 dargestellt.
Diese Lösung des Konflikts durch Symptombildung kann auch als Selbstheilungs-, Reparations- oder Restitutionsversuch bezeichnet werden. Obwohl sie eine missglückte oder unzureichende Lösung darstellt, ist sie in der aktuellen Situation die beste Konfliktbewältigungsstrategie, die dem Kranken zur Verfügung steht. Deswegen kommt es auch leicht zum Wiederholungszwang, und der Patient erfährt folgende (scheinbare) Vorteile:
Primärer KrankheitsgewinnKrankheitsgewinn<2002>Durch Bildung eines Symptoms erfährt der Patient subjektiv eine Entlastung. Der Kranke wird versuchen, trotz aller Nachteile dieses Symptom „beizubehalten“, zu wiederholen.
Sekundärer Krankheitsgewinn Durch Bestehen des Symptoms erfährt der Patient objektive Vorteile, z. B. verstärkte Aufmerksamkeit, Zuwendung oder auch Berentung.
Internalisierung
DerInternalisierung Mensch besteht aus eigenen und fremden Persönlichkeitsanteilen. Letztere sind von unserer Identität nicht mehr zu trennen, man spricht also von einer Identifizierung.
Die Internalisierung entspricht einer Verinnerlichung, einer intrapsychischen Verankerung des Bilds von den primären Bezugspersonen (Eltern, Geschwister). Der Vorgang der Internalisierung entspricht also einer Verlagerung von Einstellungen, Beziehungen, Haltungen und Verhaltensmustern aus „dem Außen nach dem Innen“. Aus dem Konflikt zwischen Kleinkind und Bezugsperson wird ein Konflikt zwischen Ich und Über-Ich, zwischen Persönlichkeit und Gewissen.
Internalisierungen und Identifizierungen werden umso rigider, je mehr das soziale Umfeld, in dem sie stattfinden, mit Liebesentzug als Erziehungsmittel arbeitet, also selbst rigide und streng ist. Wächst das Kind in einer freundlichen und entspannten Umwelt auf, wird ihm mehr Freiraum für eigene Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung gegeben.

Abwehr

Abwehr:MechanismenSigmund Freud führte den Begriff der Abwehr ein. Das Ziel der Abwehr ist, mit dem unlusterregenden Impuls, der zum Konflikt führt, fertig zu werden. Die Abwehr führt zu einem Schutz des Ich gegen die Ansprüche des Es und Über-Ich. Bedrohliche, angsterregende und unangenehme Situationen, Gedanken und Handlungen sollen durch Abwehr vermieden werden.
Abwehrmechanismen kommen überall vor und werden von jedem verwendet. Sie kommen zum Einsatz, wenn das Ich bei seiner Vermittlungsaufgabe zwischen Es und Über-Ich unter Druck gerät. Sie werden von jedem Menschen gebraucht, aber ein übermäßiger Einsatz kennzeichnet eine neurotische Entwicklung.
Freuds Tochter Anna unterteilte 1936 die verschiedenen Abwehrmechanismen. Tabelle 5.3 zeigt eine Auswahl der häufigsten Abwehrmechanismen.

Bindung

Der BindungMensch hat tief sitzende soziale Bedürfnisse nach Bindung und sog. Kontakttröstung (jemandem Trost spenden unter Zuhilfenahme körperlicher Berührung). Für das Kleinkind ist die Bindung an seine Mutter oder eine andere Bezugsperson ausschlaggebend für seine spätere Entwicklung.
Bindung wird beschrieben als eine enge emotionale Beziehung zwischen Menschen und ist ein Verhaltenssystem, das aus verschiedenen Verhaltensweisen, wie z. B. Lächeln, Schreien, Festklammern an der Mutter etc., besteht. Zudem stellt Bindung ein biologisch-genetisch vorgeprägtes Verhalten dar, das bei objektiv oder subjektiv erlebter Gefahr Schutz durch die Bezugspersonen bieten soll. Aus diesem Grund wird Bindungsverhalten nur in Alarmsituationen aktiviert. Das Bindungssystem besteht aus dem homöostatischen Prozess von Suche nach und Aufrechterhaltung von Nähe. Eine Deaktivierung des Systems tritt ein, wenn ein Zustand der Sicherheit erreicht ist.
Das Bindungsverhalten entwickelt sich in den ersten Lebensjahren. Anfangs können die Bezugspersonen beliebig wechseln. Später erst entwickelt sich eine feste Bindung zu einer oder zwei Bezugspersonen (meist Mutter und Vater). Die stärkste Prägung findet innerhalb der ersten 6 Lebensmonate statt. Nachdem sich das Bindungsverhalten gefestigt hat, bleibt es weitgehend konstant. Bindungsverhalten bzw. Bindungstypen eines Neugeborenen entstehen durch die Anpassung an das Verhalten der zur Verfügung stehenden Bindungspersonen.

Man unterscheidet vier BindungstypenBindungstypen: sicher, unsicher, vermeidend, unsicher vermeidend.

Mary Ainsworth Ainsworth, M.entwickelte in den 60er-Jahren mit den sog. Fremden Situationen ein Setting zur Erforschung kindlicher Bindungstypen. Dabei wurden Kinder mit ihren Müttern in einen Raum gebeten, in dem eine Fremde dazukam, die mit der Mutter und dem Kind Kontakt aufnahm. Nach einer Weile verließ die Mutter den Raum. Dabei war nun die Reaktion des Kinds von entscheidender Bedeutung, um das Bindungsverhalten der Kinder zu kategorisieren, wie in Tabelle 5.4 vereinfacht dargestellt.
Es ergaben sich vier Bindungstypen:
  • Sichere Bindung (Typ B): ca. 60 % der Kinder, gut anpassungsfähig

  • Unsicher vermeidende Bindung (Typ A): ca. 25 %, wenig Emotionen

  • Ambivalent unsichere Bindung (Typ C): ca. 15 %, erhöhte Abhängigkeit

  • Desorganisierte Bindung (Typ D): weniger als 5 %, Hinweis auf schwere Störung

Selbstpsychologie

Unter „Selbst“ versteht man die realen oder ideellen Vorstellungen einer Person von sich selbst.

Diese Vorstellungen können in allen drei Instanzen vorkommen, d. h. bewusst, vorbewusst oder unbewusst. Das Selbst entsteht in der frühen Kindheit. In Tabelle 5.5 ist die Entwicklung des Selbst-Identitätsprinzip-Systems dargestellt.
Die Ausprägung des Selbst ist von zahlreichen Faktoren abhängig. Besonders kontinuierliche Beziehungen und Umfelder, wie z. B. die Mutter-Kind-Beziehung und der Wohnort, sind hier entscheidend. Aber auch traumatische Erlebnisse, wie z. B. Missbrauch und Gewalt, können die Entwicklung des Selbst prägen. Unter Selbstobjektübertragung versteht man die Übertragung vom Selbst auf ein bestimmtes Körperorgan. Beispiel: Bei einer Hauterkrankung kann die Hautsymptomatik als Selbstobjekt funktionalisiert werden. „Mir geht es ganz gut, aber meiner Haut geht es heute sehr schlecht.“

Objektpsychologie

Unter einem Objekt versteht man in der Psychosomatik einen Bezugspartner.

Eine Objektbeziehung ist die Interaktion zwischen einem Menschen, der Umwelt, dem sozialen Umfeld und der Beziehung zu sich selbst. Darin eingeschlossen sind nicht nur die Realität, sondern auch Träume und Fantasien. Objektbeziehungen entstehen durch das Bedürfnis der Menschen nach Bindung. Objektbeziehungen sind wichtig, um das eigene Selbst zu erfahren und aufzubauen, da es durch die Reflexion zwischen Objekt und Selbst entsteht.
Objektpsychologie

Zusammenfassung

  • Sigmund Freud ist der Begründer der Psychoanalyse.

  • Er entwickelte das „Drei-Instanzen-Modell“: das Strukturmodell, bestehend aus Es, Ich und Über-Ich, sowie das Topografische Modell, bestehend aus Unbewusstem, Bewusstem und Vorbewusstem.

  • Psychoanalytische Mechanismen können über das Unterbewusstsein aufklären.

  • Fehlleistungen decken unterbewusste Gedankeninhalte auf.

  • Die Traumdeutung ist der „Königsweg“ zum Unbewussten.

  • Das Konfliktmodell nach A. Freud unterteilt Konflikte in äußere, innere und verinnerlichte Konflikte.

  • Das klassische Konfliktmodell beschreibt die psychodynamische Vorstellung der Symptomentstehung, wonach es durch eine auslösende Situation zu einer Reaktivierung infantiler Konflikte mit regressiven Lösungsversuchen des Patienten kommt. Der Konflikt wird verstärkt und es entsteht die Symptombildung als Zeichen eines unzureichenden Kompromisses. Primärer und sekundärer Krankheitsgewinn verstärken die Symptome.

  • S. Freud führte den Begriff der Abwehr ein, unter dem er Schutzmechanismen verstand, die das Ich vor einer unlustbringenden Situation bzw. einem nahenden Konflikt schützen sollen.

  • Bindung stellt ein angelegtes und erlerntes Verhalten dar, das dem Menschen Schutz durch Bezugspersonen gewährt. Es gibt verschiedene Bindungstypen.

  • Die Bindungsart kann auch ein Faktor für die Entstehung von Neurosen sein.

  • Die Selbstpsychologie beschäftigt sich mit der Entstehung und den Störungen des „Selbst“.

  • Die Objektpsychologie beschäftigt sich mit der Interaktion zwischen Selbst und Umwelt.

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