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B978-3-437-42358-1.00026-4

10.1016/B978-3-437-42358-1.00026-4

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Die sechs Phasen der Transplantation.

Tab. 26.1
1. Phase der Mitteilung Angst, depressive Verstimmung → Schock → Verleugnung
2. Phase der Empfängerauswahl Der Patient muss von der Transplantation profitieren, soziale stabile Integration wichtig.
3. Phase der Wartezeit Oft schwerste Zeit für den Patienten und Angehörige, mit der Befürchtung, nicht mehr „rechtzeitig“ ein Organ zu erhalten
4. Phase: kurz nach der Transplantation Bei etwa 50 % delirante Durchgangssyndrome, medizinische Komplikationen (Abstoßung), Konzentration auf das Überleben
5. Phase: längere Zeit nach der Transplantation Evtl. treten plötzlich Ängste und Depressionen als posttraumatische Reaktionen auf.
6. Phase: poststationär Alltagskonflikte müssen wieder bewältigt werden, was öfter schwieriger ist als zuvor; Nebenwirkungen der Immunsuppressiva (Gewichtszunahme, vermehrte Behaarung).

Psychoonkologie und Transplantation

Psychoonkologie

Ein wichtiges Teilgebiet der Psychosomatik ist die Psychoonkologie. Sie beschäftigt sichPsychoonkologie mit Entstehung, Verlauf und Bewältigung von Tumorerkrankungen unter Brücksichtigung der körperlich-seelischen Wechselwirkungen.

Beeinflussung psychischer Faktoren der Krankheitsentstehung

Eine psychische Beeinflussung bei der Entstehung von Tumoren ist bis heute nicht nachgewiesen, Patienten nehmen dies aber manchmal mit eigenen Schuldgefühlen an, welche die Krankheitsverarbeitung negativ beeinflussen! Psychische Faktoren bei Tumorpatienten können sekundär gehäuft gefunden werden. Hier stehen wir wieder vor einem der grundlegenden psychosomatischen Probleme. Denn die Frage, ob eine gewisse psychische und dadurch bedingte körperliche Vulnerabilität zur Tumorentstehung beigetragen hat oder aber rein durch die körperliche Erkrankung psychische Folgeerscheinungen auftreten, bleibt ungeklärt.
Typische psychologische Einflussfaktoren bei Tumorpatienten sind:
  • Introversion

  • Neigung zu Anpassung und Selbstaufopferung

  • Hohe ethische Ansprüche

  • Mangelnde Selbstkritik und mangelnde Fähigkeit der Selbstbeobachtung eigener Erlebnisse und Verhaltensweisen

  • Wenig Aufgeschlossenheit für psychologische Zusammenhänge

  • Belastende Lebensereignisse (Life events wie der Tod einer wichtigen Bezugsperson sind allerdings auch bei anderen schweren Erkrankungen nachweisbar)

  • Stress

Gesundheitsschädigendes Verhalten wie Rauchen, Alkohol und falsche Ernährung, welches ursächlich an der Krebsentstehung beteiligt ist, wird wiederum durch psychosoziale Belastungen beeinflusst. Außerdem können solche Belastungsfaktoren über endokrinologische, immunologische und genetische Veränderungen einen Einfluss auf die Karzinogenese haben.

Krankheitsverlauf und -verarbeitung

Einen scheinbaren Zusammenhang findet man in der Art der Krankheitsbewältigung (Coping) und der Überlebenszeit. Ein aktives und hoffnungsvolles Coping-Verhalten, sei es CopingZupacken („Ich werde jetzt einiges unternehmen, um die Krankheit zu überwinden“), Auflehnung gegen die Erkrankung oder Verleugnung, führt eher zu einer längeren Überlebenszeit als eine negative Coping-Strategie, wie passive Akzeptanz der Erkrankung und Behandlung, Resignation oder Selbstvorwürfe.

Eine günstige Krankheitsverarbeitung (Coping) beinhaltet eine aktive Auseinandersetzung mit der Erkrankung, Sinnsuche, soziale Unterstützung und eine gute, vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung. Ungünstige Coping-Formen sind passive Hinnahme, soziale Isolation und Rückzug, Resignation, Hilf- und Hoffnungslosigkeit.

Auch die psychische Ausgangssituation und Ausgangspersönlichkeit des Patienten und die ihm im Krankheitsverlauf zur Verfügung stehende psychische Bearbeitungsfähigkeit sowie eine geringe/hohe soziale Unterstützung werden als Vorhersagewerte der Überlebenszeit angesehen.
Psychische und psychosomatische Komorbidität bei Krebskranken  Psychische Störungen entwickeln 35–85 % aller Krebspatienten!
Angstzustände und depressive Verstimmungen treten im Sinne einer Anpassungsstörung am häufigsten auf. Dabei spielen Krankheits- und Behandlungsfolgen, Todesängste, körperliche und soziale Verluste, Hilf- und Hoffnungslosigkeit eine große Rolle.
Nicht selten kommt es zu ernsthaften Partnerschaftsproblemen. Generell reagieren Partner krebskranker Patienten unterschiedlich; eine Frau versucht eher, ihren Mann zu unterstützen, wo es geht, während ein Mann meist größere Schwierigkeiten mit der Krebserkrankung seiner Frau hat und es nicht selten zu einer Distanzierung oder Trennung kommt.
Besondere Belastung bei chronischen Erkrankungen  Eine chronische Erkrankung ist i. d. R. irreversibel. Sie schreitet mit langsamer Progredienz und ungewissem Verlauf fort. Die Zukunftsperspektive ist begrenzt. Der Patient ist in seinem Leben durch Hospitalisierungen und lang dauernde medizinische Abhängigkeit eingeschränkt. Seine körperliche Leistungsfähigkeit lässt nach.
Hieraus entstehen auch besondere Belastungen für den behandelnden Arzt und das Pflegepersonal. Sie sind ebenfalls mit einer unheilbaren Krankheit und dem Sterben konfrontiert. Emotionale und physische Rückschläge können den Sinn einer Therapie infrage stellen. Der Arzt kann nach langjähriger Behandlung dabei selbst ein „Burn-out“ (Ausbrennen) erleben. Hierunter versteht man eine körperliche und psychische Erschöpfung mit negativer Einstellung gegenüber dem Patienten und sich selbst. Wichtig sind daher ein guter Teamzusammenhalt, kollegiale Gespräche, Supervision oder eine Balint-Gruppe. Man sollte sich einen persönlichen Ausgleich schaffen (wie Sport, Entspannung etc.) und Unsicherheiten durch Kompetenzerwerb (psychosomatische Grundversorgung) verringern.

Therapie

Ziel einer Behandlung von Karzinompatienten ist primär die subjektive Lebensqualität, die immer im Vordergrund stehen sollte! Eine Kombination psychischer und somatischer Therapien hat einen gesicherten positiven Einfluss auf die Lebensqualität. Eine emotionale Unterstützung wird von 80 % der Patienten gewünscht und hilft nachgewiesenermaßen, psychische Folgestörungen sowie Nebenwirkungen einer Chemo- oder Radiotherapie zu verringern. In diesem Zusammenhang muss die Frage geklärt werden, ob eine kurative Therapie, die eine umfassende medizinische Diagnostik und radikale Therapie erfordert, angestrebt wird oder eine palliative Behandlung mit Begleitung des Patienten bis zum Tod sinnvoller ist. Psychotherapeutische Maßnahmen führen bei einzelnen Krebsarten (wie z. B. beim malignen Melanom nachgewiesen) zu einer deutlichen Verlängerung der Überlebenszeit und sind daher anzuraten.
Der behandelnde Arzt sollte den Patienten sensibel, aber ehrlich und deutlich über dessen Erkrankung aufklären und über mögliche Behandlungswege beraten. Die Auseinandersetzung des Patienten, v. a. in einem späteren Krankheitsstadium, mit Sterben und Tod sollte vom Arzt berücksichtigt und nicht nur den „Psychofachmännern“ überlassen werden.

Die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod ist für jeden behandelnden Arzt eine menschliche Herausforderung.

Wichtig für die Behandlung sind Kenntnisse der Sterbephasen, die von Kübler-Ross in die Medizin eingeführt wurden (Kap. 3). Diese sind:
  • Nicht-wahrhaben-Wollen und Isolierung

  • Zorn

  • Verhandeln

  • Depression

  • Zustimmung

Die Phasen folgen nicht zwangsläufig aufeinander, und nicht alle Patienten durchlaufen alle Phasen, aber die Kenntnis ist hilfreich, um den Krebspatienten in seiner derzeitigen Stimmung jeweils zu verstehen!
Im Rahmen einer psychosomatischen Grundversorgung kann der behandelnde Arzt Bewältigungsstrategien und Entspannungsprogramme vermitteln. Da, wie oben beschrieben, auch der Partner einer psychischen Belastungssituation gegenübersteht, sollten Unterstützungsmöglichkeiten aufgezeigt werden.

Transplantation

Das am häufigsten transplantierte Organ ist die Niere (75 % der Transplantationen), Transplantationgefolgt von Leber und Herz. Die Transplantation ist eine intensivmedizinische Maßnahme, die beim Patienten eine gewisse körperliche und psychische Stabilität voraussetzt. Die Information des Patienten, dass eine Transplantation für sein Überleben erforderlich ist, ruft in ihm verschiedene und vom Zeitverlauf abhängige Gefühle wie Angst, Hoffnung auf ein Organ, Schuld- und Schamgefühle gegenüber dem Spender oder depressive Symptome hervor. Man kann den Verlauf einer Transplantation in sechs Phasen einteilen (Tab. 26.1).
Eine Transplantation ist rechtlich durch das Transplantationsgesetz (TPG) geregelt. Aufgrund der in Deutschland geringen Bereitschaft zur Organspende nach festgestelltem Tod werden v. a. bei Familienmitgliedern auch zunehmend Lebendspenden vorgenommen. Am häufigsten sind hier Nierentransplantationen von Eltern dialysepflichtiger Kinder und die Transplantation eines Leberteilresektats von einem Familienmitglied. Bei entsprechender Gewebeverträglichkeit (Histokompatibilität) kann seit 1997 eine Lebendspende von „Verwandten ersten und zweiten Grades, Ehegatten, Verlobten oder anderen Personen, die dem Spender in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen“ vorgenommen werden.
Aus dieser Situation heraus sind verschiedene ethische Konfliktsituationen denkbar, wie eine angebliche Spendewilligkeit aus anderen Beweggründen. Das TPG schreibt daher eine psychosomatische Evaluation sowie eine Untersuchung und Aufklärung des Spendewilligen durch zwei unabhängige Ärzte vor.

Zusammenfassung

  • Die Psychoonkologie beschäftigt sich mit dem Einfluss psychosozialer Faktoren auf die Entstehung, den Verlauf und die Bewältigung (Coping) einer Krebserkrankung. Die ursächliche Beeinflussung psychosozialer Faktoren bei der Karzinogenese kann bisher nur vermutet werden. Hingegen gibt es eindeutige Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen psychosozialer Stabilität, positiven Coping-Strategien und dem Krankheitsverlauf.

  • Bei der Krebsbehandlung steht immer die subjektive Lebensqualität des Patienten im Mittelpunkt.

  • Eine Organtransplantation ist ein körperlich und seelisch belastendes Ereignis für den Empfänger (und bei Lebendspenden auch für den Spender). Psychosoziale und ethische Dimensionen sollten hier in jedem Fall mit berücksichtigt werden.

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