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Psychosomatik in der Augenheilkunde

Mit dem Auge kann der Mensch seine Umgebung sehen, wahrnehmen und beurteilen, aber auch getäuscht werden. Sein Blick kann Emotionen wie Wut, Angst, Abweisung, Traurigkeit, Offenheit, Freude und viele mehr ausdrücken. Das Auge ist also ein wichtiges Kommunikationsorgan. Außerdem ist es das Fenster der Seele.

Schon lange wird dem Auge eine Bedeutung zugeschrieben, die weit über die physiologische Sehfähigkeit hinausgeht. Dies kommt z. B. beim wachsamen Auge, einem dämonischen Blick, vor dem man sich schützen soll, oder bei dem alles sehendem Auge Gottes zum Ausdruck.

Sehstörungen

Funktionelle Sehstörungen (psychogene Sehstörung)

Definition
Die Patienten klagen über eine ein- oder beidseitige Visusverminderung Sehstörungenoder über Gesichtsfeldausfälle (Skotome). Die Gesichtsfeldausfälle sind meist konzentrisch. Mit gezielten Simulationsproben kann die psychogene Beteiligung wahrscheinlich gemacht und können organische Erkrankungen ausgeschlossen werden.
Diese Untersuchungen beinhalten das Auslösen willkürlicher, reflektorischer Antworten, das Irreführen und das Messen einer Fehlfunktion mit unterschiedlichen Methoden, sodass der Patient mit funktioneller Störung unterschiedliche Angaben macht. Einen Anhalt liefern auch unterschiedliche Ergebnisse bei Wiederholung eines Tests (reproduzierbar?). Typischerweise sind die Angaben des Patienten schon in der Anamnese widersprüchlich.
In der ICD-10 werden funktionelle Sehstörungen unter den dissoziativen Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (F44.6) genannt, im DSM-5 finden sie sich unter den dissoziativen Störungen (300.11). Treten sie im Rahmen eines vielgestaltigen Beschwerdebilds auf, spricht man von einer Somatisierungsstörung.
Epidemiologie
Funktionelle Sehstörungen sind insgesamt selten, Häufigkeitsangaben schwanken zwischen 0,2 und 5 % der ophthalmologischen Patienten.
Pathogenese und Psychodynamik
Als Ursache der Sehstörung liegt häufig ein seelischer Konflikt zugrunde, der zu einem körperlichen Symptom „verschoben“ wird. Dadurch verspürt der Patient erst einmal eine Entlastung. Ein weiterer, anhaltender Krankheitsgewinn (Zuneigung, Aufmerksamkeit, Schonung) kann zur Fixierung des Symptoms oder zu weiterer Verschiebung auf andere Organsysteme führen.
Differenzialdiagnose
Differenzialdiagnostisch abgeklärt werden müssen Augen- und Sehbahnerkrankungen, die ebenfalls ohne ein organisches Korrelat einhergehen. Dies sind z. B. beginnende Makula- und Optikusprozesse oder Amblyopie (d. h. angeborene Schwachsichtigkeit).
Von einer Seelenblindheit spricht man bei visueller Agnosie, also einer Störung des Erkennens von Gesehenem. Der Sinn oder die Bedeutung von gesehenen Objekten wird – bei voll funktionierenden Sehorganen – nicht erkannt. Ursache ist eine Schädigung im Bereich des Okzipitallappens, also des Sehzentrums.
Therapie
Zunächst einmal sollte der Patient in seiner Not ernst genommen und nicht als Simulant abgestempelt werden. Manchmal kann sogar ein suggestive Therapie (z. B. Tränenersatzmittel zur Visusverbesserung) sinnvoll sein. Eine Lösung des zugrunde liegenden Konflikts ist als kausale Therapie angezeigt. Bei einem aktuellen Konflikt kann eine kurzfristige Intervention wie eine Entlastung bei Überforderung helfen, bei zugrunde liegenden neurotischen Störungen mit Krankheitsgewinn ist eine Psychotherapie indiziert.

Psychosomatische Augenerkrankungen

Definition
Die psychosomatischen Erkrankungen im engeren Sinne sind psychogen ausgelöstAugenerkrankungen oder beeinflusst und zeigen ein objektivierbares körperliches Korrelat. Hier spielt die somatopsychische Wechselwirkung, wie z. B. bei Glaukom, Retinopathia centralis serosa und Uveitis, eine Rolle.
In der ICD-10 gibt es keine generellen psychosomatischen Erkrankungen, sie werden bei den einzelnen Fachgebieten beschrieben.
Epidemiologie
Bei den Augenerkrankungen findet man in 15–40 % psychosomatische Aspekte.
Pathogenese und Psychodynamik
Psychische Belastungsfaktoren können eine Erkrankung der Augen verursachen. Ein weitverbreiteter Belastungsfaktor ist der Disstress.
Dauerstress führt zu einem Anstieg des Sympathikotonus. Dadurch kommt es zu einer Steigerung des Augeninnendrucks, durch Entspannung im AT wiederum kann der Augeninnendruck nachweislich gesenkt werden. Außerdem bewirkt ein erhöhter Sympathikotonus Vasospasmen, die zu einer Mikrozirkulationsstörung der Choroidea, der Retina oder des N. opticus führen können.
Bei engem Kammerwinkel ist es möglich, über einen intraokularen Druckanstieg durch Stress einen Glaukomanfall auszulösen. Beim Glaucoma chronicum simplex (grüner Star) kann es durch die Ausbuchtung der Netzhaut im Bereich des N.-opticus-Eintritts zu einer Erblindung kommen, in den Industrieländern ist es eine der häufigsten Erblindungsursachen!
Es gab Untersuchungen, die eine Korrelation von Stress und Uveitis (Entzündung der mittleren Augenhaut, der Uvea, bestehend aus Iris, Corpus ciliare und Choroidea) postulierten. Besonders die Iritis ist ein psychosomatisch beeinflusstes Krankheitsbild, das durch eine Modulation des Immunsystems begünstigt wird.
Die Retinopathia centralis serosa ist eine Makulaerkrankung unbekannter Ätiologie, bei der jedoch eine psychogene Beteiligung angenommen wird. Eine subretinale Flüssigkeitsansammlung führt zu plötzlichem Verlust der Sehschärfe, einem zentralen Skotom und verzerrter Wahrnehmung von Gegenständen. Sie kommt bei sensiblen Männern mittleren Alters vor und heilt häufig nach mehreren Wochen wieder ab, neigt aber zu Rezidiven.

Zu den durch psychische Auslöser (mit)bedingten Augenerkrankungen zählen Uveitis, Retinopathia centralis serosa und Glaukom.

Des Weiteren kann es bei einer nicht zu bewältigenden Situation, einem Life event und unzureichenden Bearbeitungsmechanismen zu einer Manifestation von Augenerkrankungen kommen. Dabei ist es v. a. auch entscheidend, ob der Patient eine ansonsten gesunde Persönlichkeitsstruktur und somit eine Kompensationsmöglichkeit hat, auf die er zurückgreifen kann.
Patienten mit primär somatischer Augenerkrankung können je nach Erkrankung und vorhandenen oder nicht vorhandenen Bewältigungsmechanismen eine sekundäre psychische Komponente entwickeln. Eine solche somatopsychische Erkrankung spielt v. a. bei drohender Erblindung eine große Rolle und sollte möglichst früh durch Hilfestellungen (Vermittlung von Selbsthilfegruppen, Anpassung vergrößerter Sehhilfen und eine gute Arzt-Patienten-Beziehung) beachtet werden.

Krankheitsauslösende Faktoren sind Dauerstress, Überforderung, belastende Lebensereignisse (Life events) und eine prämorbide Persönlichkeitsstruktur.

Therapie
Das Therapiekonzept ähnelt dem der funktionellen Augenerkrankungen. Eine Psychotherapie ist empfehlenswert, wenn ein Stressfaktor oder Konflikt nicht ohne Weiteres in einem Gespräch gelöst werden kann oder andere psychische, soziale oder somatische Probleme hinzukommen. Stress kann mithilfe von AT reduziert werden. Bei somatopsychischen Erkrankungen können Psychotherapie und/oder Selbsthilfegruppen bei der Krankheitsbewältigung helfen.

Zusammenfassung

  • Das Auge spielt in der Kommunikation eine besondere Rolle und ist ein wichtiger Sinn für die Wahrnehmung unserer Umgebung.

  • Visusverluste und Gesichtsfeldausfälle können auch psychogener Ursache sein, was sich durch sog. Simulationsproben herausfinden lässt. Die Erkrankung ist aber nicht bewusst vorgetäuscht!

  • Stress, belastende Lebensereignisse (Life events) und eine prämorbide Persönlichkeit können über somatopsychische Wechselwirkungen psychosomatische Augenerkrankungen hervorrufen.

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