© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-42358-1.00019-7

10.1016/B978-3-437-42358-1.00019-7

978-3-437-42358-1

Psychosomatik in der Nephrologie und Urologie

Angst, Wut und andere Affekte führen zu muskulären Verspannungen im Unterbauch. Diese kommen beim Mann v. a. durch Beschwerden in der Prostataregion und Sexualfunktionsstörungen zum Ausdruck. Bei der Frau stehen Miktionsprobleme im Vordergrund.

Die anatomische Nähe zu den Genitalorganen prägt die Verbindung organischer und psychosexueller Störungen.

Nephrologische und urologische Krankheitsbilder mit psychosomatischer Beteiligung sind erektile Dysfunktion, Reizblasensymptomatik, chronisch-rezidivierende Urethrozystitis, Blasenentleerungsstörung und Harninkontinenz.

Prostatopathie (Urogenitalsyndrom)

Definition
Beschwerden inProstatopathie Bezug auf die Prostata sind UrogenitalsyndromMiktionsbeschwerden, Druckgefühl oder Brennen im Damm, ziehende Schmerzen bis in die Symphyse und das Kreuzbein sowie Störungen der sexuellen Funktion.
Diesen Symptomen liegt nur in einem Drittel der Fälle eine Entzündung, also eine Prostatitis, zugrunde. Daher wird der Begriff der Prostatopathie empfohlen, der das Spektrum ausschließlich organisch bedingter Prostatitiden, chronische bakterielle und abakterielle Prostatitiden mit zumindest psychischer Mitwirkung und die Prostatodynie, bei der bisher keine kausale organische Ursache gefunden wurde, umfasst (Untergruppen s. u.).
Eine Prostatopathie ohne organisches Korrelat ist in der Praxis wahrscheinlich acht- bis zehnmal häufiger als eine Prostatitis.
Untertypen
  • Akute bakterielle Prostatitis

  • Chronische bakterielle Prostatitis

  • Chronische abakterielle Prostatitis

  • Prostatodynie ohne organisches Korrelat (griech. -odynie = Schmerz, Qual)

Ein akutes Beschwerdebild weist auf eine somatische akute bakterielle Prostatitis hin, während ein buntes, individuell sehr unterschiedliches chronisches Beschwerdebild eine psychische (Mit-)Verursachung nahelegt.

Epidemiologie
Der Anteil psychosomatischer Ursachen der Prostatopathie wird von Urologen und Allgemeinmedizinern oft unterschätzt. So gibt es Studien, in denen eine Prostatopathie nur in 5 % der Fälle organisch verursacht ist. Schätzungsweise erleidet etwa ein Drittel aller Männer einmal im Leben eine Prostatopathie.
Pathogenese und Psychodynamik
Bei der Prostatodynie konnte in Studien eine Häufung zwangsneurotischer Persönlichkeitsstrukturen gezeigt werden.
Auffallend ist eine sehr hohe Komorbidität mit Sexualstörungen wie erektiler Dysfunktion, Ejakulationsstörung, Anorgasmie oder Libidoverlust (etwa 50 %!). Einiges weist darauf hin, dass sexuelle Störungen eine Prostatopathie begünstigen oder bedingen können. So kann die Therapie der sexuellen Störungen auch zum Abklingen der Prostatopathie führen, was auf eine gemeinsame Psychodynamik hinweist.
Differenzialdiagnose
Neben der Differenzierung zur akuten bakteriellen Prostatopathie müssen organische Ursachen wie benigne Prostatahyperplasie, Prostatakarzinom und andere tumoröse oder entzündliche Erkrankungen im anorektalen Bereich ausgeschlossen werden.
Therapie
  • Medikamentös: Eine antibiotische Therapie sollte nur bei nachgewiesener bakterieller Ursache angewandt werden. Dagegen kann die relaxierende Wirkung von α-Rezeptoren-Blockern, Spasmolytika oder Anticholinergika bei Miktionsbeschwerden hilfreich sein. Mit der Gabe von Sedativa wie Benzodiazepinen sollte man aufgrund des Abhängigkeitspotenzials, gerade bei chronischen Erkrankungen, zurückhaltend sein.

  • Physikalisch: Regelmäßige heiße Sitzbäder sind ebenso wie eine Mikrowellen-Thermotherapie (Wärme wird über eine transrektale Sonde zugeführt) bei der Prostatopathie allgemein sinnvoll.

  • Berücksichtigung psychischer Aspekte: Neben akuten psychosozialen Stressfaktoren sollten Probleme in der Sexualpartnerschaft berücksichtigt werden. Eine zeitlich limitierte Sexualberatung kann sinnvoll sein.

  • Bei Erregernachweis kann in therapierefraktären Fällen eine transurethrale Resektion erwogen werden.

Anmerkung
Die psychosomatische Beteiligung oder Ursache einer Prostatopathie wird oft erst bei anhaltenden Beschwerden nach antibiotischer oder operativer Behandlung erkannt. Bei ausgeschlossenen organischen Ursachen sollte eine Organfixierung des Patienten vermieden werden.

Urethralsyndrom (Reizblase)

Definition
Die Reizblase (= UrethralsyndromBlasenneurose = Zystalgie = weibliches ReizblaseUrethralsyndrom) beschreibt einen chronischen Reizzustand des unteren Harntrakts. Sie äußert sich durch erschwerte, schmerzhafte Blasenentleerung (Dysurie), Harndrang, häufige Entleerungen kleiner Harnmengen (Pollakisurie) und diffuse suprapubische Schmerzen.
Epidemiologie
Die Erkrankung betrifft v. a. Frauen zwischen 30 und 50 Jahren, also im sexuell aktiven Alter. Sie ist in der Praxis bei Frauen ungefähr so häufig wie die Prostatopathie beim Mann.
Pathogenese und Psychodynamik
Als Ursachen der ständigen Reizung des unteren Harntrakts werden obstruktive, entzündliche (eine Keimerhöhung > 105 Keime/ml fehlt zwar beim entzündlichen Harnwegsinfekt auch manchmal, doch ist hier eine Leukozyturie obligatorisch vorhanden), neurogene (Spasmus des Sphincter urethrae externus) und psychogene Mechanismen angenommen. Bei Patienten mit Urethralsyndrom wurden erhöhte Werte für hypochondrische, hysterische und schizoide Merkmale gefunden. Ein Einfluss auf die neurogene Steuerung des externen Sphinkters wird vermutet. Wie bei der Prostatopathie finden sich oft begleitende oder ursächliche Sexualprobleme. Aus psychoanalytischer Symbolik kann man die häufig vorkommende Anorgasmie als „Hingabestörung“ verstehen, die dann auf die Urin-„Gabe“ übertragen wird.
Differenzialdiagnose
Harnwegsinfektionen und Veränderungen des unteren Harntrakts, Erkrankungen benachbarter Beckenorgane sowie des ZNS und Rückenmarks (z. B. multiple Sklerose) müssen ausgeschlossen werden.
Die rezidivierende Urozystitis, bei der Keime vorliegen und antibiotisch angegangen werden können, sollte primär – auch wenn psychosomatische Aspekte berücksichtigt werden sollten – als somatische Diagnose abgegrenzt werden.
Therapie
Die größte Rolle spielt eine gute Arzt-Patienten-Beziehung! Mit Phytotherapeutika lässt sich ein guter Plazeboeffekt erzielen, ansonsten können Anticholinergika (z. B. Trospiumchlorid) zur Anwendung kommen. Diese Maßnahmen sind den operativen und antibiotischen gleichwertig oder haben sogar bessere Erfolgsquoten; wegen ihrer geringeren Invasivität sind sie auf jeden Fall vorzuziehen.

Erektile Dysfunktion

Definition
Sie bezeichnet eine fehlende oder für einen befriedigendenerektile Dysfunktion Geschlechtsverkehr unzureichende Erektion (lat. erigere = aufrichten) und wird im Volksmund als Impotenz bezeichnet. Libido, Orgasmusfähigkeit und Ejakulation können unbeeinträchtigt sein.
Während die spontan auftretende Erektionsstörung meist psychisch bedingt ist, liegt der länger andauernden, sich zunehmend verschlechternden Erektionsstörung meist eine organische Ursache zugrunde.
Epidemiologie
Die Häufigkeit nimmt mit dem Alter zu. Sie beträgt bei Männern über 65 Jahre etwa 15–25 %.
Pathogenese und Psychodynamik
Die Erektion wird bei einem sexuell stimulierenden Reiz durch einen Reflexbogen afferent über den N. pudendus und efferent über parasympathische Fasern in die Schwellkörpermuskulatur und -gefäße ausgelöst. Über das vegetative Nervensystem haben psychische Faktoren wie z. B. Versagensängste oder unausgesprochene Sexualkonflikte daher einen Einfluss auf die Erektion. Auch tiefer liegende sexuelle Konflikte wie sexueller Missbrauch oder Abwehr des Triebimpulses können eine Rolle spielen.
Dennoch weiß man heute, dass vorwiegend organische Ursachen vorliegen, die dementsprechend berücksichtigt werden sollten. Dabei handelt es sich am häufigsten um unzureichende arterielle Versorgung (v. a. durch Arteriosklerose), venöse Insuffizienz, neurogene Läsionen (z. B. Diabetes mellitus, multiple Sklerose), hormonelle Störungen (Testosteronmangel, Prolaktinerhöhung) und Medikamentennebenwirkungen (z. B. Clonidin, Digitalis, β-Blocker).
Therapie
Risikofaktoren einer Arteriosklerose sollten beseitigt werden. Extern angewandte Vakuum-Erektionshilfen, die passiv über eine Saugglocke eine Erektion auslösen, können einen Versuch wert sein. Sie sind komplikationsarm. Medikamentös können Yohimbin (α-Rezeptoren-Blocker, Sympatholytikum), Sildenafil (selektiver Phosphodiesterasehemmstoff) und Testosteron zur Anwendung kommen. Die meistangewandte Therapieform ist die Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT). Hierbei werden gefäßwirksame Medikamente (Papaverdin/Phentolamin und das risikoärmere Prostaglandin Alprostadil) in den Schwellkörper gespritzt. Chirurgisch kann eine Revaskularisation im Sinne einer Bypass-OP mit der A. epigastrica oder eine Penisvenenligatur versucht werden. Dadurch werden die häufig im Mikrogefäßbereich liegenden Störungen allerdings oft nicht behoben. Als Ultima Ratio wird die Implantation von Penisprothesen gesehen, da sie intrakavernöses erektiles Gewebe irreversibel zerstört. Eine Psychotherapie kann nach Ausschluss organischer Ursachen oder begleitend sinnvoll sein.

Zusammenfassung

  • Die häufigen psychosomatischen Beschwerden im Urogenitalbereich entstehen durch affektiv ausgelöste schmerzhafte muskuläre Verspannungen im Unterbauch einerseits und die anatomische Nähe zu den intimen und sensiblen Geschlechtsorganen andererseits.

  • Während beim Mann die Prostatopathie Ausdrucksform sehr unterschiedlicher Symptome im Prostatabereich ist, stellt das Urethralsyndrom eine häufige funktionelle Störung der Frau dar.

  • Die erektile Dysfunktion ist als direkte Sexualstörung des Manns ein Beispiel für die Möglichkeit einer psychogenen Ursache, bei der Diagnosestellung sollten aber die organischen Aspekte penibel ausgeschlossen werden.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen