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978-3-437-42358-1

Psychische Faktoren bei Bauchschmerzen.

[L141]

Psychosomatische Erkrankungen – eine Übersicht

Studien ergaben, dass 13–18 % der Allgemeinbevölkerung an psychosomatischen Störungen leiden.

Für jeden Kliniker ist es also wichtig, die psychosomatischen Erkrankungen zu kennen, um die Beschwerden seiner Patienten einordnen zu können!

Aufgrund der multifaktoriellen Genese von Krankheiten werden heute die psychosomatischen und somatischen Krankheiten nicht mehr streng getrennt betrachtet.

Überblick der Krankheitsbilder

Die frühere Einteilung psychosomatischer Erkrankungen v. a. nach der zugrunde liegenden Psychodynamik ist verlassen worden. Die ICD-10 richtet sich heute auf die Beschreibung der Symptome. Zum besseren Verständnis der Psychodynamik soll die klassische Einteilung dennoch dargestellt werden (dabei nehmen die psychischen Faktoren nach unten ab bzw. die somatischen Faktoren nach unten zu).

Konversionsstörungen/dissoziative Störungen der Bewegung und Sinnesempfindung (früher Hysterie oder hysterische Neurose)

Die Konversionsstörungenpsychogenen Störungen des Körpers werden als Störungen:dissoziativeKonversionsstörung bezeichnet (Kap. 10).
Diesen körperlich dargestellten Krankheiten wie Lähmung, Ertaubung, Erblindung oder Sensibilitätsstörung liegt ein psychogener Konflikt zugrunde. Dieser wird in ein körperliches Symptom umgewandelt (konvertiert). Daher beschrieb von Uexküll sie als „Ausdruckskrankheiten“. Sie sind die Neurosen im engeren Sinne.
Das Symptom steht symbolhaft für den zugrunde liegenden Konflikt. Der Patient ist nicht in der Lage, den Konflikt zu bewältigen, und signalisiert über sein Symptom den Ruf nach Hilfe. Führt die körperliche Erkrankung zu einem Krankheitsgewinn wie Zuneigung, Aufmerksamkeit oder Schonung, kann es bei anhaltendem Konflikt zu einer Fixierung des Symptoms oder einer Verschiebung in ein anderes Organsystem kommen.
Als Dissoziation (lat. dissociare = aufspalten, hier im Sinne einer Bewusstseinsspaltung) wird die Bewusstseinsstörung beschrieben. Sehr ausgeprägt und eindrücklich wird eine dissoziative Identitätsstörung bei der multiplen PS, bei der zwei oder mehrere unterscheidbare Persönlichkeitszustände existieren, die im Wechsel das Verhalten der Person kontrollieren.
In der ICD-10 sind die Konversions- und dissoziativen Störungen zusammengefasst, im DSM-5 werden sie getrennt behandelt.

Konflikt → Symptom → Krankheitsgewinn → anhaltender Konflikt → Fixierung des Symptoms = Chronifizierung oder → Symptom-„Shift“ = Verschiebung in anderes Organsystem

Somatoforme autonome Funktionsstörungen (funktionelle Störungen)

Die Störungen:funktionellesomatoforme autonome FunktionsstörungenFunktionsstörungen, somatoformeGruppe der somatoformen (griech. soma = Störungen:somatoforme, autonomeKörper, lat. forma = Gestalt, also „körpergestaltig“) Funktionsstörungen beschreibt eine vielgestaltige Dysfunktion körperlicher Organe ohne organpathologisches Korrelat.

Die Symptome sehen also wie körperlich verursacht aus, sind es aber nicht.

Autonom bezeichnet dabei die Versorgung eines Organs durch das vegetative Nervensystem.
Die körperlichen Symptome sind vielgestaltig, meist diffus und wechseln in ihrer Intensität und Lokalisation. Trotz wiederholter negativer Ergebnisse und ärztlicher Versicherung, dass keine körperlichen Ursachen der Beschwerden zu finden sind, fordert der Patient hartnäckig weitere medizinische Untersuchungen.
Funktionelle Störungen treten v. a. im Magen-Darm-Trakt, aber auch im Herz-Kreislauf-System, Respirationstrakt und weiteren Organsystemen auf.
Manchmal sind sie schwer von den Konversionsstörungen abzugrenzen.
Untertypen
Somatoforme autonome Störungen  Diese werden bei den einzelnen Fachgebieten behandelt.
Somatisierungsstörung Die schwerste Ausprägungsform der somatoformen Somatisierungsstörungen<2002>Störungen ist die Somatisierungsstörung. Hierunter werden wiederholt auftretende und mehrere Organsysteme betreffende Symptome zusammengefasst, die seit mindestens 2 Jahren bestehen. Ein pathologisches Organkorrelat lässt sich hierbei nicht finden.

Die rasch wechselnde körperliche Symptomatik ohne somatische Begründbarkeit, die v.a. bei jungen Frauen anzutreffen ist, wurde früher als Hysteria bezeichnet. Der Begriff der Hysterie hingegen bezieht sich auf die Konversionsstörungen und dissoziativen Störungen.

Hypochondrische Störung  Patienten beschäftigen sich in übertriebener Weise undhypochondrische Störung<2002> über eine lange Zeit mit der Vorstellung, an einer schweren und fortschreitenden körperlichen Erkrankung zu leiden. Durch genaue Selbstbeobachtung kommt es zur Überbewertung von Körperwahrnehmungen als Krankheitszeichen. Diese auf den Körper bezogene Angst kann sich bis in einen hypochondrischen Wahn steigern.
Neurasthenie  Das Störungsbild zeigt einen anhaltenden psychophysischen Neurasthenie<2002>Schwächezustand schon bei geringen Anstrengungen. Oft wird er als Unterform der hypochondrischen Störung gewertet.
Depersonalisationssyndrom  Es beschreibt Patienten mit Zuständen, in denen sieDepersonalisationssyndrom<2002> sich nicht mehr als sie selbst erleben. Ihre Gefühle und Empfindungen sind wie fremd und losgelöst von ihnen (so beschreiben Patienten z. B., es sei wie im Traum, sie hätten das Gefühl, der Schmerz wäre der eines anderen). Bei der Derealisation klagen die Betroffenen über ein Gefühl der Unwirklichkeit. Die Umgebung erscheint dann fremd oder verzerrt.
Die Patienten können diesen Zustand wahrnehmen. Im Unterschied zu den dissoziativen Störungen erlebt sich der Patient in einem „Als-ob“-Zustand („als ob ich es nicht gewesen wäre“).
Somatoforme Schmerzstörung  Die Patienten haben andauernde, quälende Schmerzensomatoforme Schmerzstörung<2002>, die pathophysiologisch nicht ausreichend erklärbar sind. Die Störung tritt in Verbindung mit emotionalen Konflikten oder Belastungssituationen auf.

Organkrankheiten mit psychosozialer Komponente

Von Uexküll prägte für diese Gruppe den Begriff Uexküll, von, T.Bereitstellungserkrankungen“, da hier vegetative BereitstellungserkrankungenBereitstellungsreaktionen (Flucht, Aggression) ursächlich an der Krankheitsentstehung beteiligt sind. Früher nannte man diese Erkrankungen auch Psychosomatosen. F. Alexander ordnete dieser Gruppe sieben Krankheiten zu („holy seven“): Ulcus pepticum, Colitis ulcerosa, Asthma bronchiale, essenzielle Hypertonie, Neurodermitis, Hyperthyreose und rheumatoide Arthritis. Andere, seelisch beeinflusste Erkrankungen müssten ergänzt werden. Heute interessiert bei diesen meist chronischen Krankheiten eher die Krankheitsbewältigung (Coping).
Unter psychosomatischen Erkrankungen im engeren Sinne verstehtCoping man heute psychisch ausgelöste oder zumindest beeinflusste organische Erkrankungen. Hier ist also ein organisches Korrelat der Symptombeschreibung vorhanden, die Ursache liegt aber weitestgehend im psychischen Bereich. Durch immunbiologische Nachweisverfahren, Psychoimmunologie, Verbesserungen der Bildgebung v. a. im Schädelbereich etc. ist der Einfluss psychischer Faktoren auf körperliche Organe teilweise schon gut nachweisbar. So können „Bereitstellungserkrankungen“ wie die Neurodermitis, die Colitis ulcerosa oder Asthma als nach neuester medizinischer Evidenz psychosomatische Erkrankungen im engeren Sinne verstanden werden, während man z. B. beim Ulkus durch Nachweis von Helicobacter pylori den psychischen Faktoren weniger Einfluss als angenommen zuspricht.
Dauerstress, ein belastendes oder unzureichend verarbeitetes biografisches Ereignis (Life event) oder eine prämorbide Persönlichkeitsstruktur wie z. B. neurotische PS führen in einer psychischen Belastungssituation zu einer fehlenden Kompensationsmöglichkeit. In einem vulnerablen Organsystem kommt es durch somatopsychische Wechselwirkungen zur Manifestation des Symptoms/der Krankheit. Als Beispiel sind in Abbildung 15.1 die psychisch-organischen Wechselwirkungen bei Bauchschmerzen dargestellt.

Psychische Belastungssituation → Fehlanpassung → anatomische Prädisposition/Organsprache → Organmanifestation

Somatopsychische Störungen

Störungen:somatopsychischeSomatopsychische Störungen sind psychogene somatopsychische StörungenErkrankungen, die sich auf der Basis einer organischen Krankheit sekundär entwickeln, z. B. eine depressive Stimmung bei einem Krebspatienten. Es wird dann auch von psychischer Überlagerung gesprochen. Weitere Beispiele für eine mögliche sekundäre psychische Pathogenese sind Dialysepflichtigkeit, Brustamputation, Ileostoma, HIV-Infektion oder AIDS.

Zusammenfassung

  • In der psychosomatischen Medizin interessieren den Arzt die primär krankheits(mit)auslösende psychische Ursache und die sekundär im Verlauf der Krankheit entwickelte oder für die Bewältigung der Krankheit wichtige psychische Komponenten.

  • Man unterscheidet Koversionsstörungen und dissoziative Störungen von somatoformen autonomen Funktionsstörungen.

  • Coping bedeutet Krankheitsbewältigung, also der Umgang mit belastenden Lebensereignissen oder Erkrankungen.

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