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B978-3-437-42358-1.00027-6

10.1016/B978-3-437-42358-1.00027-6

978-3-437-42358-1

Mittlere Anzahl der Ausfallstage pro Monat für verschiedene Erkrankungsgruppen im Vergleich zur Gruppe ohne psychische Störungen und ohne körperliche Erkrankungen.

[X221-002]

Tab. 27.1
Zustand Ausfalltage pro Monat
Männer Frauen
Keine psychische Störung 0,9 0,6
Keine körperliche Erkrankung 0,6 0,7
Erkrankung
Kardiovaskuläre Erkrankungen 1,8 1,4
Diabetes 3,5 2,1
Magen-, Darmerkrankungen 2,3 2,3
Alkoholabhängigkeit 1,2 1,3
Major Depression 2,1 1,8
Spezifische Phobie 4,2 2,6
Agoraphobie 4,2 2,8
Generalisierte Angst 4,6 2,3
Panikstörung 4,6 3,6
Soziale Phobie 6,9 1,9

Übersicht Psychotherapie in Deutschland

Psychotherapie – eine Definition

Die Psychotherapie ist eine Krankenbehandlung bei seelisch bedingten Krankheiten, PsychotherapieBeschwerden oder Störungen im Rahmen des öffentlichen Gesundheitswesens.
Sie nimmt Bezug auf theoretisch begründete und empirisch gesicherte Theorien zur Entstehung, Heilung und Behandlung von psychisch bedingten Krankheiten und Störungen und wird unter Zuhilfenahme qualifizierter Diagnostik und Differenzialindikation mittels wissenschaftlich begründeter psychotherapeutischer Verfahren durchgeführt.

Überblick

In Deutschland werden zurzeit als ambulante Therapien von den gesetzlichen Krankenkassen die TFP, die analytische Psychotherapie und die Verhaltenstherapie sowie bestimmte Entspannungsverfahren bezahlt. Andere Therapieverfahren, wie die systemische Familientherapie, die nondirektive Gesprächstherapie, diverse Körperpsychotherapien etc., müssen ambulant selbst gezahlt werden. Sie werden jedoch in psychosomatischen oder psychiatrischen Kliniken im Rahmen umfassender Behandlungsprogramme eingesetzt. Die Anerkennung der Psychotherapieverfahren beruht auf dem Vorliegen wissenschaftlich gesicherter Therapiestudien, die bei den nicht übernommenen Therapieverfahren bisher noch nicht vorgelegt werden konnten.

Die TFP, die analytische Psychotherapie und die Verhaltenstherapie werden von den gesetzlichen Krankenkassen als ambulante Therapien bezahlt.

1999 wurde das „Psychotherapeuten-Gesetz“ verabschiedet, welches die Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ gesetzlich festlegt und definiert. Psychotherapeutisch arbeiten können demnach nur Ärzte und Psychologen, die eine gesetzlich geregelte Ausbildung (3 Jahre in Vollzeit oder 5 Jahre in Teilzeit) an dazu ermächtigten Weiterbildungsstätten absolvieren. Die Ausbildung zum Psychotherapeuten ist eine mehrjährige Weiterbildung, die, je nach „Therapieschule“ 600–650 h Theorie, praktische Ausbildung, Selbsterfahrung und Supervision durch erfahrene Psychotherapeuten beinhaltet. Nach Abschluss erhalten sie eine Approbation und eine (bedarfsabhängige) Kassenzulassung. Auch Psychologen sind somit Mitglieder der regionalen kassenärztlichen Vereinigungen und folglich den ärztlichen Psychotherapeuten gleichgestellt. In der Kinder- und Jugendlichentherapie ist diese Ausbildung auch für Pädagogen und Sozialpädagogen mit einer damit verbundenen „ärztlichen Approbation“ möglich.
Es gibt drei Möglichkeiten der Weiterbildung des Arztes in Psychotherapie:
  • Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie: 5-jährige Teilnahme an entsprechenden Curricula innerhalb und außerhalb der psychiatrischen Institutionen

  • Weiterbildung zum Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: mindestens 3-jährige Weiterbildung in Psychosomatik und Psychotherapie, zusätzlich 1 Jahr Psychiatrie und 1 Jahr Innere Medizin, Selbsterfahrung außerhalb der weiterbildungsermächtigten Institution

  • Weiterbildung zum Erwerb der Zusatzbezeichnung „Fachgebundene Psychotherapie“ oder „Psychoanalyse“: steht allen Fachärzten offen, berufsbegleitendes 3- bis 5-jähriges Curriculum

Zudem können alle Ärzte eine Weiterbildung in der „Psychosomatischen Grundversorgung“ mit einem ca. 80-stündigen Curriculum durchlaufen, das sie befähigen soll, psychosomatische Probleme in der Praxis und Klinik zu erkennen. Dies ist jedoch keine „Richtlinienpsychotherapie“. Darüber hinaus können praktizierende Ärzte in Balint-Gruppen Probleme im Umgang mit und in der Beziehung zu ihren Patienten erkennen, gemeinsam im Austausch mit Kollegen erarbeiten und so eine gewisse psychotherapeutische Kompetenz erwerben. Meist besteht eine solche Gruppe aus ca. zehn Ärzten und einem speziell ausgebildeten Leiter, die sich wöchentlich über einen Zeitraum von mehreren Jahren treffen. Etwa 10 % aller klinisch tätigen Ärzte nehmen an solchen Balint-Gruppen bzw. Qualitätszirkeln teil.

Fakten und Zahlen

In Deutschland arbeiten zurzeit (Stand 2012) ca. 21.801 niedergelassene psychologische und ärztliche Psychotherapeuten. Sie versorgen pro Quartal ca. 1 Mio. Patienten in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Psychotherapeutische Leistungen werden darüber hinaus auch von weiteren 1.702 Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie und 843 Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie erbracht. Ambulante Therapien können einen Rahmen von ca. 25 h (verhaltenstherapeutische Kurzzeittherapie) bis zu 300 h (psychoanalytische Langzeittherapie) umfassen. Etwa 300.000 Patienten pro Jahr nutzen dieses ambulante Behandlungsangebot. In Deutschland stehen für erwachsene Patienten rund 70.000 stationäre Behandlungsplätze zur Verfügung. Die meisten stationären Behandlungsplätze finden sich in der Psychiatrie. Insgesamt arbeiten rund 7.000 Psychotherapeuten in Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen. Zusätzlich werden Psychotherapien in sozialen Beratungsstellen (v. a. Ehe-, Paar- und Familientherapie), Ambulanzen und Tageskliniken angeboten.
Nach den Ergebnissen des Bundes-Gesundheitssurveys (2004) erkrankt in Deutschland etwa jeder dritte Erwachsene im Laufe seines Lebens an einer psychischen Störung. Aus eigener Initiative begeben sich allerdings nur ca. 3 % der Erkrankten in Behandlung. Verdrängung und Angst vor Stigmatisierung sind u. a. die Ursache für diese erschreckenden Zahlen. Außerdem wird ein Großteil der Fälle vom Hausarzt nicht richtig diagnostiziert. Von denjenigen Patienten, bei denen eine psychische Störung erkannt wird, sind wiederum nur ca. 60 % motiviert, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.
Tabelle 27.1 zeigt die häufigsten psychischen Störungen, mit denen Patienten den Hausarzt, meist die erste Anlaufstelle, aufsuchen.
Insgesamt sind Frauen häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen als Männer; eine Ausnahme bilden die Suchterkrankungen. Angststörungen und somatoforme Störungen kommen bei Frauen sogar doppelt so häufig vor wie bei Männern.

Allgemeines

Das erste eigentliche Psychotherapieverfahren entwickelte Sigmund Freud Ende des 19. Jh., seine sog. Redekur – die Psychoanalyse auf der Basis von bis dahin bereits angewendeter Hypnotherapie (Charcot). Seitdem hat sich die Psychotherapie in viele verschiedene Richtungen und „Schulen“ entwickelt und basiert heute im Rahmen eines integrierten Gesamtbehandlungsplans auf drei Säulen, immer auf dem Boden der Arzt-Patienten-Beziehung (ärztliches Gespräch):
  • Biologisch-somatisches Therapieverfahren (Psychopharmakotherapie)

  • Psychotherapie

  • Soziotherapie

Natürlich sind Art und Schwere der Erkrankung ausschlaggebend dafür, wo der Behandlungsschwerpunkt liegt. In der Psychosomatik spielt die Psychotherapie allerdings die ausschlaggebende Rolle. Es gibt jedoch mehrere Arten, die sich inhaltlich unterscheiden lassen:
  • „Zudeckende“, stützend-„supportive“ Psychotherapie

  • „Aufdeckende“ Psychotherapieverfahren (beides tiefenpsychologisch fundiert oder psychodynamisch genannt)

  • Experimentell-lernpsychologische Therapieverfahren (Verhaltenstherapie)

Um eine Psychotherapie erfolgreich durchführen zu können, muss auf Patientenseite eine ausreichende Therapiemotivation vorliegen. Dies entspricht in vielen Fällen dem tatsächlichen „Leidensdruck“ des Patienten. Ein Mindestmaß an Konfliktbereitschaft bzw. eine gewisse Frustrationstoleranz muss ebenfalls gegeben sein. Die Fähigkeit zur Einsicht (Introspektionsfähigkeit) und zur kritischen Selbstprüfung (Reflexionsfähigkeit) sowie Ausdauer und Beziehungsfähigkeit sind weitere Voraussetzungen, um einen konstruktiven Therapieverlauf gewährleisten zu können.
Ungünstig für den Erfolg einer Psychotherapie sind Komorbiditäten, Abhängigkeit und mangelnde Frustrationstoleranz. Erfährt der Patient durch seine Erkrankung oder vermeintlich „körperlichen“ Symptome einen sekundären Krankheitsgewinn, z. B. in Form von Mitleid, Zuwendung oder sozialen Vorteilen wie Arbeitsunfähigkeit oder Rentenanspruch, kann dies den Therapieverlauf negativ beeinflussen.
Auf Therapeutenseite müssen ebenfalls gewisse Voraussetzungen gewährleistet sein. So spielen im Verhalten gegenüber dem Patienten wertfreies Akzeptieren des Patienten, Empathie, Zuwendung und Echtheit (Authentizität) des Verhaltens eine wichtige Rolle (Kap. 30).
Allgemein gelten folgende Erkrankungen als Indikationen für eine Psychotherapie:
  • Psychogene, psychoreaktive, „neurotische“ Störungen (Angsterkrankungen, Zwangsstörungen, Phobien, Depressionen)

  • Funktionelle, psychosomatische Störungen (somatoforme Störungen)

  • Organische Erkrankungen mit sekundären psychischen Veränderungen (somatopsychische Störungen)

  • Persönlichkeitsstörungen

  • Suchterkrankungen und Essstörungen

Zusammenfassung

  • Definition der Psychotherapie: Die Psychotherapie ist eine Krankenbehandlung, die bei seelisch bedingten Krankheiten auf dem Boden empirisch gesicherter Theorien mittels wissenschaftlich begründeter psychotherapeutischer Verfahren durchgeführt wird.

  • Auf dem Boden des Psychotherapeuten-Gesetzes können nur Ärzte und Psychologen, die eine gesetzlich geregelte mehrjährige Ausbildung absolviert haben, psychotherapeutisch arbeiten.

  • Zurzeit werden in Deutschland von den gesetzlichen Krankenkassen die TFP, die analytische Psychotherapie und die Verhaltenstherapie als ambulante Therapien bezahlt.

  • Psychische Erkrankungen sind häufig. So erkrankt in Deutschland etwa jeder dritte Erwachsene an einer psychischen Störung. Aus eigener Initiative werden aber nur ca. 3 % adäquat behandelt. Der Hausarzt ist für die meisten Patienten die erste Anlaufstelle.

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