© 2020 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-43960-5.10002-4

10.1016/B978-3-437-43960-5.10002-4

978-3-437-43960-5

Medikamentenüberdosierung

Anamnese

Ein Ihnen bekannter Patient besucht Ihre Praxis für Psychiatrie. Heute Morgen sei er wieder in eine solche Panik geraten (als ginge es um Kopf und Kragen), dass er aus Verzweiflung kurzerhand alle ihm verschriebenen Medikamente in doppelter Dosis eingenommen habe. Von einem Kardiologen sind wegen einer arteriellen Hypertonie Ramipril 10 mg und Metoprololsuccinat 95 mg jeweils morgens verschrieben worden. In Ihrer Funktion als Psychiater haben Sie wegen einer Depression 20 mg Citalopram täglich und bedarfsweise bei Panikattacken 2,5 mg Lorazepam verordnet. Heute fühle er sich besonders abgeschlagen und habe ein Schwindelgefühl. Sie holen ein altes EKG-Gerät aus dem Lagerraum, das aus den Zeiten Ihrer allgemeinärztlichen Tätigkeit übrig geblieben ist, und leiten ein EKG ab.

Untersuchungsbefund

Blutdruck 85/40 mmHg, Pupillen beidseits isokor, seitengleich lichtreagibel, Brachialis- und Patellarsehnenreflexe unauffällig, Babinski negativ, Muskulatur in Tonus und Trophik unauffällig, keine Sprech- oder Sprachstörungen, zu allen Qualitäten orientiert.
  • 1.

    Welche EKG-Auffälligkeit entdecken Sie? Haben Sie aufgrund der Anamnese eine Erklärung dafür?

    _____________________________________________________________________________

  • 2.

    Ist diese Diagnose unbedenklich?

    _____________________________________________________________________________

  • 3.

    Welche physiologischen, pathologischen und pharmakologischen Ursachen für diese Störung kennen Sie?

    _____________________________________________________________________________

  • 4.

    Gehen Sie in Stichpunkten auf das so genannte Sick-Sinus-Syndrom ein (Unterteilung, Ätiologie, Diagnose, Therapie).

    _____________________________________________________________________________

  • 5.

    Was würde es bedeuten, wenn es bei bestimmten Kopfbewegungen zur Benommenheit mit Engegefühl am Hals kommt?

    _____________________________________________________________________________

1. EKG-Befund

Sinusrhythmus, Linkslagetyp, Herzfrequenz 49/min, Zeiten in der Norm, unspezifisch flache Endstrecken in V6, Erregungsrückbildung unauffällig. Es handelt sich um eine Sinusbradykardie. Diese liegt vor, sobald die Sinusrhythmus-Frequenz unter 60/min fällt. Aufgrund der Anamnese ist am ehesten eine Überdosierung des Betablockers verantwortlich.

2. Sinusbradykardie: klinische Relevanz

Sinusbradykardien sind nicht immer unbedenklich. Vielmehr sind das Leistungsvermögen des Herzens und die periphere vaskuläre Situation entscheidend für die kritische Grenze von Bradykardien. Sportler haben bisweilen nächtliche Bradykardien bis 35/min ohne Beschwerden. Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ältere Menschen können dann schon deutliche Symptome einer zerebralen Ischämie erleben, z.B. Schwindel und Synkopen.

3. Ursachen von Sinusbradykardien

Physiologisch: junge und alte Menschen, erhöhter Vagotonus, Sportler.

Pathologisch: Sick-Sinus-Syndrom, akuter Myokardinfarkt (v.a. bei Beteiligung der rechten Koronararterie, die oft die Sinusknotenarterie versorgt), Karotis-Sinus-Syndrom, Hypothyreose, Hypothermie, Erbrechen, intrakranielle Drucksteigerung, Typhus.

Pharmakologisch: Betablocker, Digitalis, Kalziumantagonisten vom Verapamil-Typ, Amiodaron, Flecainid, einige Antidepressiva (v.a. trizyklische).

4. Sick-Sinus-Syndrom (SSS)

Das Sick-Sinus-Syndrom, auch Syndrom des kranken Sinusknotens genannt, wird unterteilt in:

Persistierende symptomatische Sinusbradykardie: Nach Ausschluss anderer Ursachen.

Sinusarrest (kompletter Sinusknotenausfall) oder SA-Block.

Tachykardie-Bradykardie-Syndrom. Beim Tachy-Brady-Syndrom kommt es zu paroxysmalen supraventrikulären Tachykardien (meist Vorhofflimmern oder Vorhofflattern). Nach spontaner Terminierung der Tachykardie folgt allerdings eine verlängerte Pause, bevor die Automatie des Sinusrhythmus erneut einsetzt. In dieser sog. präautomatischen Pause treten Symptome zerebraler Ischämie auf.

Ätiologie, Diagnostik und Therapie des SSS:

Ätiologie: koronare Herzerkrankung, Kardiomyopathie, Myokarditis, idiopathische Degeneration des Leitungssystems, konnatale Mutation von Ionenkanälen.

Diagnostik: Langzeit-EKG, fehlender Frequenzanstieg unter Belastung oder nach Atropingabe, verlängerte Zeit der Sinusknotenerholung (nach Schrittmacher-Stimulation des Vorhofs).

Therapie: Bei symptomatischer Bradykardie: Schrittmachertherapie. Bei symptomatischem Tachykardie-Bradykardie-Syndrom: Schrittmacherimplantation und antiarrhythmische bzw. antitachykarde Medikation.

5. Karotis-Sinus-Syndrom

In einem derartigen Fall besteht vermutlich ein Karotis-Sinus-Syndrom, eine Überempfindlichkeit der Barorezeptoren im Bereich der Karotisgabel. Symptome entstehen nach mechanischer Reizung des Karotisgebiets. Meistens tritt eine passagere Bradykardie oder Asystolie auf. Es kann aber auch ein plötzlicher Blutdruckabfall ohne Bradykardie entstehen. Viele der meist älteren Patienten sind beschwerdefrei. Die Diagnose wird mittels Anamnese und Karotisdruckversuch gestellt: Nach einseitiger Massage des Karotissinus folgt eine Asystolie für drei Sekunden bzw. ein Blutdruckabfall von mehr als 50 mmHg. (Der Versuch sollte nur unter Reanimationsbereitschaft und nach Ausschluss von Karotisstenosen durchgeführt werden!) Bei Symptomen ist eine Schrittmachertherapie zu erwägen.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen