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B978-3-437-43285-9.00045-4

10.1016/B978-3-437-43285-9.00045-4

978-3-437-43285-9

Präparatetypen der oralen Kontrazeptiva

Prostaglandine und Mutterkornalkaloide als uteruswirksame GemeprostDinoprostMethylergometrinMedikamente

Tab. 45.1
Prostaglandine (PG) Mutterkornalkaloide
Wirkstoff PGE2- und F-Derivate (z. B. Gemeprost, Dinoprost) Methylergometrin
Wirkung Am Uterus bewirken Prostaglandine Kontraktionen und Öffnung des Muttermundes. Uteruskontraktionen werden über α-Agonismus bewirkt.
Indikationen Geburtseinleitung, Zervixreifung, Abortauslösung, Blasenmole, Uterusatonie nur in der Nachgeburtsperiode oder im Wochenbett bei nicht stillenden Frauen (sonst Gefahr von schweren Nebenwirkungen beim Kind): bei verzögerter Plazentablösung, Uterusatonie, postpartaler Blutung, Störungen der Uterusrückbildung im Wochenbett, Blutung nach Abort
Unerwünschte Wirkungen Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Kopfschmerzen, Asthmaanfall, epileptischer Anfall Übelkeit, Erbrechen, Vasospasmen, Herzrhythmusstörungen

Substanzen zur Hemmung und Auslösung von WehenverstärkungWehenhemmungTokolyseProgesteronMg2+-SulfatGestageneAtosibanWehen

Tab. 45.2
Wehenhemmung (Tokolyse) Wehenverstärkung/-auslösung
  • β2-Mimetika (z. B. Fenoterol, Kap. 2.4.2.3)

  • Oxytocinrezeptorantagonist (Atosiban)

  • Mg2+-Sulfat

  • Gestagene (Progesteron)

  • Oxytocin

  • Prostaglandin (z. B. Gemeprost, Dinoprost)

  • Methylergometrin (nur postpartal)

Klinischer Einsatz von Pharmaka in Gynäkologie, Urologie und Anästhesie

  • 45.1

    Wegweiser 577

  • 45.2

    Pharmakotherapie in der Gynäkologie 578

    • 45.2.1

      Hormonale Kontrazeption 578

    • 45.2.2

      Uteruswirksame Medikamente 580

  • 45.3

    Urologische Erkrankungen 581

    • 45.3.1

      Benigne Prostatahyperplasie 581

    • 45.3.2

      Harninkontinenz 581

  • 45.4

    Klinische Anästhesie 582

    • 45.4.1

      Prämedikation 582

    • 45.4.2

      Balancierte Anästhesie 582

    • 45.4.3

      Totale intravenöse Anästhesie (TIVA) 582

    • 45.4.4

      Neuroleptanalgesie 583

  • 45.5

    Zu guter Letzt 583

IMPP-Hits

Aus diesem Kapitel wurden vom IMPP am häufigsten Fragen zur hormonalen Kontrazeption gestellt. Auf Platz zwei liegt die Anästhesie.

Wegweiser

In diesem Kapitel wird der klinische Einsatz von Medikamenten in der Gynäkologie, Urologie und Anästhesie vorgestellt. Für das Fach Gynäkologie wurden die hormonale Kontrazeption (Kap. 45.2.1) und uteruswirksame Wirkstoffe (Kap. 45.2.2) ausgewählt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Anwendung bzw. Nicht-Anwendbarkeit bestimmter Pharmaka in der Schwangerschaft und Stillzeit in diesem Buch nicht umfassend berücksichtigt wurde, da dieses Thema den Rahmen des Buches gesprengt hätte. Bei einigen Wirkstoffen wurde erwähnt, dass ihre Anwendung in der Schwangerschaft kontraindiziert ist oder dass diese Wirkstoffe explizit erlaubt sind. Jedoch bedeutet das nicht, dass die anderen Substanzen, bei denen keine Informationen zur Schwangerschaft oder Stillzeit gegeben wurden, zur Therapie in der Schwangerschaft geeignet sind. Gerade in der Schwangerschaft ist eine gute Abwägung von Nutzen und Risiko wichtig. Für weitergehende Information muss jedoch auf andere Literatur verwiesen werden; so gibt z. B. die Rote Liste Informationen zur Anwendbarkeit der einzelnen Wirkstoffe in der Schwangerschaft oder Stillzeit.
Bei den urologischen Erkrankungen wurde die medikamentöse Therapie der benignen Prostatahyperplasie (Kap. 45.2.1) und der Harninkontinenz (Kap. 45.3.2) ausgewählt.
Im Kapitel „Klinische Anästhesie“ (Kap. 45.4) liegt der Fokus auf der Durchführung der Intubationsnarkose (Kap. 45.4.2), der die Prämedikation vorausgeht (Kap. 45.4.1). Zwei weitere Verfahren, die totale intravenöse Anästhesie (Kap. 45.4.3) und die Neuroleptanalgesie werden abschließend kurz vorgestellt (Kap. 45.4.4).

Pharmakotherapie in der Gynäkologie

Hormonale Kontrazeption

hormonale Kontrazeption

Wirkstoffe

Als Wirkstoffe werden verwendet:

  • Estrogenkomponente: meist Ethinylestradiol oder Mestranol (möglichst < 50 μg) MestranolEthinylöstradiol

  • Gestagenkomponente: unterschiedliche Gestagene, z. B. NorethisteronNorethisteron, NorgestrelGestageneNorgestrel

  • antiandrogenes Gestagen: CyproteronacetatCyproteronacetat, DienogestDienogest, DrospirenonDrospirenon: Anwendung bei Akne oder Hirsutismus.

Angewandt zur Kontrazeption werden:

  • Kombinationspräparate aus Estrogen + Gestagen: EinphasenpräparateEinphasenpräparate · ZweiphasenpräparateZweiphasenpräparate · MehrstufenpräparateMehrstufenpräparate

  • nur Gestagene: Minipille · Depotpräparate · postkoitale Kontrazeption

Wirkmechanismus
Hormonelle Kontrazeptiva unterdrücken die LH- und FSH-Freisetzung über ein negatives Feedback auf die Hypophyse; sie wirken antigonadotrop. Dadurch wird wiederum die Ovulation unterdrückt. Dieser Effekt ist besonders stark bei Kombinationspräparaten ausgeprägt.

Merke

Die kontrazeptive Wirkung ist hauptsächlich durch Unterdrückung der Ovulation bedingt (Estrogen- und Gestageneffekt). Weitere Effekte sind:

  • Zykluskontrolle (Estrogeneffekt)

  • Viskositätssteigerung des Zervixsekrets: Verhinderung der Spermienaszension (Gestageneffekt)

  • frühe Transformation und Atrophie des Endometriums: Verhinderung der Nidation, falls doch eine Ovulation stattfand (Gestageneffekt)

  • Tubenmotilität ↓

Gemessen wird die Wirksamkeit anhand des Pearl-Index:Pearl-Index Zahl der ungewollten Schwangerschaften, wenn 100 Frauen die kontrazeptive Methode 1 Jahr anwenden.

Einphasenpräparate
Das sind die klassischen Kombinationspräparate. Sie werden auch als Mikropille bezeichnet. Es besteht eine Mikropillefixe Kombination aus einem Estrogen (Kap. 9.4.1.2) und einem Gestagen (Kap. 9.4.2.2) für 21 d, danach 7 d Pause zur Induktion einer Entzugsblutung (Abb. 45.1). Im Prinzip können bei der Langzykluskontrazeption auch mehrere 21-Tage-Zyklen hintereinander eingenommen werden, bevor ein hormonfreies Intervall erfolgt.
Jede Tagesdosis hat dieselbe Konzentration an Estrogen und Gestagen. Zur kontrazeptiven Wirkung ist ein sehr geringer Estrogengehalt ausreichend (meist 20–30 μg), sodass weniger Nebenwirkungen auftreten. Die Einphasenpräparate haben die beste kontrazeptive Wirkung unter allen konzeptionsverhütenden Maßnahmen (Pearl-Index < 0,1). Mittlerweile gibt es auch ein Kombinationspräparat als transdermales Pflaster (Ethinylestradiol + Gestagenpräparat), das für 3 Wochen jeweils einmal pro Woche gewechselt wird, gefolgt von 1 Woche Pause (Pearl-Index 0,7). Ebenso gibt es intravaginal zu tragende hormonfreisetzende Ringe, die ebenfalls alle 7 Tage gewechselt werden mit einem hormonfreien Intervall nach 3 Wochen (Pearl-Index 0,7).
Zweiphasen- und Mehrstufenpräparate
Bei diesen Präparaten erfolgt eine zunehmende Anpassung der Estrogen- und Gestagenkomponente an die normale Hormonsekretion während des Zyklus (Abb. 45.1).
  • Zweiphasenpräparate (Sequentialpräparate):

    • 1. Phase: nur Estrogen

    • 2. Phase: Estrogen + Gestagen

  • Zweistufenpräparate:

    • 1. Phase: Estrogen + Gestagen

    • 2. Phase: Estrogen + mehr Gestagen

  • Dreistufenpräparate:

    • 1. Phase: wenig Estrogen + Gestagen

    • 2. Phase: mehr Estrogen + mehr Gestagen

    • 3. Phase: wenig Estrogen + mehr Gestagen

Die Mehrstufenpräparate besitzen eine vergleichbare Wirkung zu den klassischen Einstufenpräparaten (Pearl-Index < 0,1). Lediglich die Zweiphasenpräparate haben aufgrund der fehlenden Gestagenkomponente in der ersten Zyklusphase eine etwas geringere Zuverlässigkeit (Pearl-Index 0,2–1,4) und benötigen eine höhere Estrogendosierung (mindestens 50 μg).
Minipille
MinipillePräparate, die nur aus einem niedrig dosierten Gestagen bestehen, nennt man Minipille (Abb. 45.1). Die kontrazeptive Wirkung wird durch Erhöhung der Viskosität des Zervixschleims erreicht, ist aber schwächer als bei der Mikropille (die Ovulation wird nicht zuverlässig gehemmt). Der Pearl-Index liegt bei 0,4–4,0, d. h., das Schwangerschaftsrisiko ist unter dieser Kontrazeption höher. Zudem ist streng auf die Einnahme zur gleichen Tageszeit zu achten, da bei nur geringen Abweichungen (> 2 h) der Empfängnisschutz nicht mehr gewährleistet ist. Es treten zudem häufiger Durchbruchs- und Schmierblutungen auf. Die Minipille wird immer dann angewandt, wenn Kontraindikation gegen Estrogene bestehen.

Lerntipp

Nicht verwechseln:

  • Mikropille: fixe Kombination aus Estrogen + Gestagen für 21 d; niedrigster Pearl-Index.

  • Minipille: nur niedrig dosiertes Gestagen; Pearl-Index etwas höher.

Depotpräparate
Die intramuskuläre Anwendung von Gestagenen bietet eine gute kontrazeptive Wirkung für 2–3 Monate (Pearl-Index 0,5). Nachteil ist jedoch ein unregelmäßiger Zyklus mit häufigen Durchbruchsblutungen, Schmierblutungen, evtl. auch Amenorrhö, die bis zu einem Jahr anhalten kann und eine Konzeption nach Absetzen erst einmal unmöglich macht. Abgesehen von der i. m.-Anwendung gibt es auch gestagenhaltige subkutane Implantate, die über 3 Jahre wirken. Die gestagenhaltigen Depotpräparate werden bei Kontraindikation gegen Estrogene angewandt.
Postkoitale Kontrazeption
Bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr dient die postkoitale KontrazeptionPille danach“ bestehend aus hoch dosiertem Gestagen (2 Tabl. à 750 μg Levonorgestrel) der „Notfallkontrazeption“. Beide Tabletten sollten möglichst innerhalb von 12 h und nicht später als 72 h nach dem Koitus eingenommen werden. So angewandt können 85 % der zu erwartenden Schwangerschaften verhindert werden.
Der genaue Wirkmechanismus ist immer noch unklar. Vermutet wird eine Hemmung von Ovulation und Fertilisation sowie Beeinträchtigung der Implantation ins Endometrium. Wegen der hohen Hormondosis kann es zu Übelkeit, Erbrechen, Verspätung der Regelblutung kommen.

Merke

Heutzutage stehen zwei verschiedene Wirkstoffklassen für die Notfallkontrazeption zur Verfügung:

  • hoch dosiertes Gestagen (Levonorgestrel): anzuwenden ≤ 72 h nach Koitus

  • selektiver Progesteronrezeptormodulator (Ulipristalacetat; Kap. 9.4.2.4): anzuwenden ≤ 120 h nach Koitus

Unerwünschte Wirkungen
Kontrazeptiva erhöhen das Risiko für Thromboembolien und kardiovaskuläre Ereignisse (Schlaganfall, Myokardinfarkt) insbesondere bei Alter > 30 Jahre, Raucherinnen, Adipositas.

Cave

Je niedriger die Dosis der Estrogene, umso geringer das Risiko → bevorzugter Einsatz von Präparaten mit einem geringen Estrogenanteil (< 50 μg)!

Dies sollte allerdings nicht zu der Annahme verleiten, dass das Thromboembolierisiko allein durch die Estrogene bedingt ist. Auch Gestagene haben diese Nebenwirkung!

Insofern können Sie sich merken, dass alle hormonellen Kontrazeptiva das thromboembolische Risiko erhöhen.

Hinsichtlich des Tumorrisikos kann ein protektiver Effekt bei Endometrium- und Ovarialkarzinom verzeichnet werden, also ein vermindertes Risiko unter Kontrazeptiva! Bezüglich des Brustkrebsrisikos wurde lange kontrovers diskutiert, da Metaanalysen ein leicht erhöhtes Risiko durch Kontrazeptiva ergaben. Eine große Fall-Kontroll-Studie (Women's Contraceptive and Reproductive Experiences Study) aus dem Jahr 2002 zeigte kein erhöhtes Brustkrebsrisiko unter oralen Kontrazeptiva, sodass man nach derzeitigem Wissenstand davon ausgeht, dass das Brustkrebsrisiko durch Kontrazeptiva nicht erhöht wird.
Ein Zusammenhang besteht aber zwischen Kontrazeptiva und dem Auftreten von Leberzelladenomen. Außerdem führen Kontrazeptiva zu Gewichtszunahme und Ödemen.
Kontraindikationen
Kontrazeptiva sollen nicht angewandt werden bei:
  • Brustkrebs, Endometriumkarzinom

  • Leberinsuffizienz

  • Thrombophilie, Z. n. Thromboembolie

  • Hypertonie

Uteruswirksame Medikamente

uteruswirksame Medikamente

Wirkstoffe

Oxytocin · Carbetocin · Atosiban · Gemeprost · Dinoprost · Methylergometrin · FenoterolFenoterol · Mg2+-Mg2+-SulfatSulfat

  • Als physiologischer Wirkstoff ist das Hypophysenhinterlappenhormon Oxytocin am Uterus wirksam und führt zur Kontraktion der glatten Muskulatur des Uterus (Kap. 8.3.3). Es wird bei Wehenschwäche, zur Geburtseinleitung bei vorzeitigem Blasensprung, zur Austreibung der Nachgeburt und bei Uterusatonie eingesetzt. Die Wirkung auf die glatte Muskulatur der Milchdrüse wird bei Stillproblemen ausgenutzt.

  • Die gleiche Wirkung wie OxytocinOxytocin erzielt der Oxytocinagonist CarbetocinCarbetocin (Kap. 8.3.3). Er hat aber nur die Zulassung für die Behandlung der Uterusatonie nach einem Kaiserschnitt.

  • Den entgegengesetzten Effekt hat der Oxytocinrezeptorantagonist AtosibanAtosiban (Kap. 8.3.3.2). Dementsprechend wird er bei drohender Frühgeburt eingesetzt.

Weitere uteruswirksame Substanzen sind ProstaglandineProstaglandine (Kap. 10.4.3) und MutterkornalkaloideMutterkornalkaloide (Kap. 10.3.3.4). Sie sind in Tab. 45.1 zusammengefasst.
Abgesehen von den genannten Wirkstoffen gibt es aber noch weitere Pharmaka, die Einfluss auf die Wehentätigkeit haben. Einen Überblick über Wirkstoffe zur Wehenhemmung und -auslösung bietet Tab. 45.2.

Urologische Erkrankungen

Benigne Prostatahyperplasie

benigne Prostatahyperplasie

Wirkstoffe

α-<03B1>-Blocker:ProstatahyperplasieBlocker · 5α-5<03B1>-Reduktasehemmer:ProstatahyperplasieReduktasehemmer

Insofern keine Operationsindikation besteht, kann der intraprostatische Muskeltonus bzw. das Prostatavolumen medikamentös durch α-Blocker und 5α-Reduktasehemmer vermindert werden.
Bei den α-Blockern (Kap. 2.4.4.1) werden selektive α1-Blocker verwendet; bevorzugt jene, die den Subtyp α1A blockieren, der insbesondere in Prostata und Urethra vorkommt. Dadurch sind die systemischen Nebenwirkungen geringer. α1-Blocker wirken rasch symptomatisch und hemmen evtl. in geringem Maße auch die Progression der Erkrankung. Das Volumen der Prostata wird aber nicht verkleinert. Folgende Wirkstoffe kommen infrage:
  • α1-Blocker: Doxazosin:P∗rostatahyperplasie∗Doxazosin, Terazosin:P∗rostatahyperplasie∗Terazosin

  • α1A-Blocker: Alfuzosin:P∗rostatahyperplasie∗Alfuzosin, Tamsulosin:P∗rostatahyperplasie∗Tamsulosin

Wichtig ist, zu berücksichtigen, dass bei Kombination mit Antihypertensiva die blutdrucksenkende Wirkung verstärkt wird.
5α-Reduktasehemmer (Kap. 9.4.3.4) führen zu einer Abnahme des Prostatavolumens und Besserung der Symptomatik. Verwendet werden Finasterid:P∗rostatahyperplasie∗Finasterid und Dutasterid:P∗rostatahyperplasie∗Dutasterid.

Harninkontinenz

Definition und Einteilung
InkontinenzHarninkontinenzAls Harninkontinenz bezeichnet man den unwillkürlichen Harnabgang. Man unterscheidet die Stressinkontinenz (= Belastungsinkontinenz) und die Dranginkontinenz. Bei der Stressinkontinenz liegt eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur vor (meist bei Frauen infolge von Schwangerschaft), weshalb es in „Stress“-Situationen (Husten, Niesen) zum Abgang von Urin kommt. Bei der Draninkontinenz tritt eine nicht unterdrückbare Detrusoraktivität auf, häufig z. B. bei neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose.
Therapieprinzip
Stressinkontinenz

Wirkstoffe

Duloxetin:InkontinenzDuloxetin · lokale Estrogene

Abgesehen von Beckenbodentraining und operativen Maßnahmen kann pharmakologisch die Stressinkontinenz bei Frauen mit Duloxetin behandelt werden. Duloxetin ist eigentlich ein Antidepressivum (Kap. 20.2.5) und hemmt die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin. Über das sakrale Rückenmark bewirkt es wahrscheinlich einen stärkeren Verschluss der Harnröhre unter Belastung. Es wird bei der Behandlung von Frauen mit mittelschwerer bis schwerer Belastungsinkontinenz eingesetzt und verbessert die Symptomatik, kann allerdings nicht die Inkontinenz heilen. Die Nebenwirkungsrate ist recht hoch (u. a. Mundtrockenheit, Obstipation, Müdigkeit).
Systemisch angewandte Estrogene verschlechtern interessanterweise eine Harninkontinenz bei Frauen; hingegen kann intravaginal appliziertes Estrogen bei postmenopausalen Frauen eine Harninkontinenz verbessern oder sogar heilen.
Dranginkontinenz

Wirkstoffe

Oxybutinin:InkontinenzOxybutynin · Trospiumchlorid:InkontinenzTrospiumchlorid · Propiverin:InkontinenzPropiverin

Erste Wahl bei der Dranginkontinenz sind Anticholinergika. Sie senken den parasympathomimetisch bedingten Detrusortonus und wirken sozusagen als neurotrope Spasmolytika. Bislang wurde meist Oxybutynin verwendet, das jedoch häufiger als andere Substanzen dieser Wirkstoffklasse starke anticholinerge Nebenwirkungen hervorruft, insbesondere Mundtrockenheit. Heute werden daher andere Anticholinergika eingesetzt, wie z. B. Trospiumchlorid.
Neben den neurotropen Spasmolytika gibt es auch muskulotrope Spasmolytika, die auf die glatte Muskulatur der Harnblase einwirken. Dazu zählt Propiverin, das den Kalziumeinstrom hemmt und den intrazellulären Kalziumspiegel in der glatten Muskelzelle moduliert. Es wirkt zudem als Anticholinergikum, weshalb es korrekterweise ein neurotrop-muskulotropes Spasmolytikum ist.

Klinische Anästhesie

Prämedikation

PrämedikationNarkoseAnästhesieDie Prämedikation hat folgende Ziele: Anxiolyse, Sedierung (bei Erhalt der Schutzreflexe), Amnesie, Analgesie, Hemmung der Speichel- und Bronchialsekretion, Aspirationsprophylaxe, Erleichterung der Narkoseeinleitung und Vermeiden postoperativer Übelkeit und Erbrechen.
Zur Anxiolyse und Sedierung werden üblicherweise Benzodiazepine gegeben, am besten bereits am Tag vor dem Eingriff. Anticholinergika zur Senkung der Speichelsekretion werden heutzutage nicht mehr routinemäßig eingesetzt und stammen noch aus der Zeit der Ethernarkose, die einen starken Speichelfluss hervorrief. Die modernen Inhalationsnarkotika haben nicht diese Wirkung. Wenn anticholinerge Wirkungen notwendig sind, dann wird Atropin akut (also z. B. während der OP) angewandt. Zum Aspirationsschutz können Wirkstoffe, die den pH-Wert anheben (z. B. Protonenpumpenhemmer) oder Prokinetika (z. B. Metoclopramid) verabreicht werden. Bei stärkeren Schmerzen können Opioide (bereits im Rahmen der Prämedikation) verwendet werden.

Balancierte Anästhesie

Die balancierte Anästhesie ist heutzutage das Standardverfahren der IntubationsnarkoseIntubationsnarkose. Es umfasst die Kombination aus:

  • 1.

    Opioidanalgetikum: Fentanyl, Alfentanil, Sufentanil, Remifentanil

  • 2.

    Inhalationsnarkotikum: Lachgas und/oder Desfluran, Sevofluran, Isofluran

  • 3.

    Nichtdepolarisierendes Muskelrelaxans: eine Muskelrelaxation ist für die Intubation immer, für die Operation meist notwendig

  • 4.

    Einleitungshypnotikum: Propofol, Thiopental, Etomidat

Vor der Narkoseeinleitung wird der Patient ausreichend mit Sauerstoff versorgt (Präoxygenierung). Gegebenenfalls erfolgt noch eine Sedierung (Benzodiazepin) und Analgesie (Opioidanalgetikum). Die Narkose wird immer intravenös eingeleitet mit rasch wirkenden Substanzen wie Propofol (Ausnahme: Narkoseeinleitung bei Kindern kann direkt mit Inhalationsnarkotika erfolgen), alternativ Thiopental und bei Risikopatienten mit Etomidat.
Wird für die Erleichterung der Intubation mit Suxamethonium relaxiert, muss zum Vermeiden von Muskelfaszikulationen eine Präcurarisierung mit nichtdepolarisierenden Muskelrelaxanzien, z. B. mit Pancuronium, erfolgen. Alternative für die Muskelrelaxation bei der Intubation ist Rocuronium.
Ist der Patient ausreichend präoxygeniert, injiziert man also das Injektionsnarkotikum und Muskelrelaxans. Als Nächstes wird intubiert und die Beatmung begonnen mit einem Gemisch verschiedener Inhalationsnarkotika (z. B. ca. 70 Vol.-% N2O, ca. 1–1,2 Vol.-% Isofluran) mit O2 (ca. 30 Vol.-%) zur Aufrechterhaltung der Narkose. Je nach Bedarf muss ein Opioidanalgetikum gegeben werden. Wenn das Aufrechterhalten der Relaxation für die Operation notwendig ist, wird z. B. Pancuronium gegeben. Zum Ausleiten der Narkose werden die Narkosegase abgestellt und auf 100 % O2 gewechselt. Kommt es zu Spontanatmung, wird extubiert. Bei Überhang von Muskelrelaxanzien gibt man Neostigmin + Atropin (Decurarisierung).

Totale intravenöse Anästhesie (TIVA)

TIVAintravenöse AnästhesieMan kann natürlich auch eine Narkose komplett ohne Inhalationsnarkotika durchführen. Dann dient Propofol der Narkoseeinleitung und -aufrechterhaltung. Neben Propofol wird bei der Einleitung ein starkes Analgetikum (z. B. Remifentanil) und ein nichtdepolarisierendes Muskelrelaxans (Mivacurium) verabreicht. Die totale intravenöse Anästhesie wird gern bei kurzen (ambulanten) Operationen zur Kurznarkose durchgeführt.

Neuroleptanalgesie

NeuroleptanalgesieDurch die Anwendung eines Neuroleptikums (Droperidol) und eines starken Analgetikums (Fentanyl) kann ein Zustand der ausgeprägten Neurolepsie mit Analgesie erreicht werden. Der Patient ist sediert, angstfrei, psychisch indifferent und analgesiert. Er ist aber erweckbar und bei entsprechenden Aufforderungen kooperativ. Die Spontanatmung ist erhalten, der Patient wird nicht intubiert. Die Neuroleptanalgesie findet aber kaum noch Anwendung, ggf. noch bei kleineren Eingriffe, z. B. Endoskopien.
Häufiger wird eine modifizierte Form der Neuroleptanalgesie zur Analgosedierung von Patienten auf Intensivstationen verwendet: Benzodiazepin + Opioidanalgetikum.

Zu guter Letzt

Klinischer Fall

  • 1.

    Nennen Sie die Medikamente, die Sie sich zur Durchführung einer Intubationsnarkose aufziehen.

  • 2.

    Eine junge Patientin wünscht die Verordnung einer Antibabypille. Sie ist gesund, findet aber ihre mäßig ausgeprägte Akne störend, die mit Cremes lokal behandelt wird. Was verordnen Sie?

Antworten:

  • 1.

    Propofol, Suxamethonium, Pancuronium, Opioidanalgetikum, Midazolam. Zumindest griffbereit müssen auch die Antidote sein: Neostigmin, Atropin, Naloxon, Flumazenil (bei Midazolam).

  • 2.

    Wenn man sich für die klassische Mikropille entscheidet, also eine fixe Kombination aus Estrogen + Gestagen, kann man als Gestagenkomponente ein Gestagen mit antiandrogener Wirkung verordnen (Cyproteronacetat, Dienogest, Drospirenon).

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