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B978-3-437-43285-9.00019-3

10.1016/B978-3-437-43285-9.00019-3

978-3-437-43285-9

Vergleich verschiedener klassischer Neuroleptika bezüglich ihrer antipsychotischen Wirkung, der Wirkstärke am D2-Rezeptor und ihrer unerwünschten Wirkungen

Wirkungsspektrum der Neuroleptika

Tab. 19.1
Antagonismus an Wirkung
D 2 -Rezeptoren(alle Neuroleptika)
  • im mesolimbisch-mesokortikalen System: antipsychotische Wirkung

  • im nigrostriatalen System: parkinsonähnliche extrapyramidal-motorische Störungen (EPMS)

  • im tuberoinfundibulären System: neuroendokrine Störungen

  • in der Area postrema: antiemetische Wirkung

  • im Hypothalamus: Hypothermie

D 4 -Rezeptoren (atypische Neuroleptika) antipsychotische Wirkung ohne EPM-Störungen
5-HT 2A -Rezeptoren guter Effekt auf Negativsymptome bei Schizophrenie
5-HT 2A / 2C -Rezeptoren Gewichtszunahme
H 1 -Rezeptoren Sedation, Krampfschwelle ↓
α 1 -Rezeptoren vegetative Symptome (Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen)
Muskarinrezeptoren anticholinerge Symptome (Mundtrockenheit, Obstipation, Miktionsstörungen, Akkomodations- und Sehstörungen, Erhöhung des Augeninnendrucks)

Unterteilung der EPM-Störungen unter SpätdyskinesieParkinsonoidParasympatholytikaMuskarinrezeptor- antagonistenMalignes neuroleptisches SyndromFrühdyskinesieEPM-StörungenDantrolenBiperidenBenzodiazepineAnticholinergikaAkathisieNeuroleptikatherapie

Tab. 19.2
EPM-Störung Symptome und Therapie
Frühdyskinesie
  • Symptome: Zungen-, Schlund-, Blickkrämpfe

  • Auftreten: in der 1. Behandlungswoche

  • Verhinderung durch langsames Einschleichen bei Therapiebeginn

  • Therapie: Dosisreduktion, Anticholinergika (Biperiden, Kap. 22.7)

Parkinsonoid
  • Symptome: Rigor, Tremor, Akinesie

  • Auftreten: häufig nach 1–2 Behandlungswochen

  • Therapie: Dosisreduktion, Anticholinergika (Biperiden)

Akathisie
  • Symptome: motorische Unruhe, Unfähigkeit zum ruhigen Sitzen

  • Auftreten: meist nach einigen Behandlungswochen

  • Therapie: Dosisreduktion oder Umsetzen auf schwaches Neuroleptikum, β-Blocker (Propranolol), Benzodiazepine, (Anticholinergika)

Spätdyskinesie
  • Symptome: unwillkürliche Bewegungen der Gesichts-, Hals- und Fingermuskulatur (Grimassieren, Herausstrecken der Zunge, Tortikollis)

  • Auftreten: meist innerhalb der ersten 3 Behandlungsjahre

  • in 1 % irreversibel

  • Therapie: langsames Ausschleichen des Neuroleptikums, Umsetzen auf atypische Neuroleptika, Tiaprid (Kap. 22.8.2)

  • Anticholinergika wirken nicht

Malignes neuroleptisches Syndrom
  • Symptome: Rigor, Stupor, Fieber, Koma, CK-Anstieg, Rhabdomyolyse

  • Auftreten: zu jedem Zeitpunkt der Therapie möglich

  • in bis zu 20 % tödlicher Verlauf

  • Therapie: sofortiges Absetzen des Neuroleptikums, Dantrolen (Kap. 17.4.2), Bromocriptin (Kap. 22.4), Amantadin (Kap. 22.6), intensivmedizinische Betreuung

Überblick über Wirkmechanismus, Indikationen und Besonderheiten atypischer Neuroleptika. Abkürzungen der Rezeptoren: D: Dopamin-, 5-HT: Serotonin-, M: Muskarin-, H: Histaminrezeptoren.

Tab. 19.3
Wirkstoff Antagonismus an Anwendung und Besonderheit
Clozapin D4- > D2-Rezeptoren sowie 5-HT-, α-, M- und H1-Rezeptoren
  • Reserveneuroleptikum bei therapieresistenten Psychosen und Schizophrenie mit Negativsymptomatik

  • schwere Nebenwirkungen mit Agranulozytose, starke anticholinerge Effekte

Olanzapin 5-HT2A- > D2-Rezeptoren sowie M- und H1-Rezeptoren
  • Schizophrenie inkl. Rezidivprophylaxe

  • Therapie mäßiger bis schwerer manischer Episoden inkl. Phasenprophylaxe bei bipolaren Störungen

  • Nebenwirkung: Gewichtszunahme, Hyperglykämie, Entwicklung Diabetes mellitus, Sedierung

Risperidon 5-HT2A- > D2-Rezeptoren sowie α1- und H1-Rezeptoren
  • chronisch verlaufende Schizophrenieformen inkl. Rezidivprophylaxe mit Depotpräparat

  • manische Episoden

  • Nebenwirkung: Blutdruck ↓

Ziprasidon 5-HT2A- > D2-Rezeptoren sowie Re-uptake-Hemmer für Serotonin und Noradrenalin
  • Schizophrenie

  • manische Episoden mittleren Schweregrades bei bipolaren Störungen

  • Über den genannten Re-uptake-Mechanismus wirkt Ziprasidon auch antidepressiv.

Quetiapin 5-HT2A- > D2-Rezeptoren mit gewisser Selektivität für das mesolimbische System sowie H1- und α1/2-Rezeptoren
  • Schizophrenie und mäßige bis schwere manische Episoden

  • Nebenwirkungen: stark sedierend (aber weniger EPM-Störungen)

Amisulprid D2-Rezeptoren des mesolimbischen Systems
  • Plus- und Negativsymptomatik bei der Schizophrenie

  • Nebenwirkungen: Prolaktin ⇈, weniger EPM-Störungen

Sulpirid D2-Rezeptoren des mesolimbischen Systems
  • Depression, Schizophrenie

  • Nebenwirkungen: Prolaktin ⇈, weniger EPM-Störungen

Neuroleptika („Antipsychotika“)

  • 19.1

    Wegweiser265

  • 19.2

    Allgemeine Aspekte der Neuroleptika266

  • 19.3

    Klassische Neuroleptika267

    • 19.3.1

      Phenothiazine268

    • 19.3.2

      Thioxanthene269

    • 19.3.3

      Butyrophenone269

    • 19.3.4

      Depotneuroleptika269

    • 19.3.5

      Intoxikation mit klassischen Neuroleptika270

  • 19.4

    Atypische Neuroleptika270

    • 19.4.1

      Clozapin270

    • 19.4.2

      Olanzapin270

    • 19.4.3

      Risperidon271

    • 19.4.4

      Ziprasidon272

    • 19.4.5

      Quetiapin272

    • 19.4.6

      Amisulprid272

    • 19.4.7

      Sulpirid272

  • 19.5

    Lithiumsalze272

  • 19.6

    Zu guter Letzt274

IMPP-Hits

Neuroleptika werden doch häufiger gefragt, als man es glaubt und als es einem lieb ist – wenn auch nicht in jedem Examen Fragen dazu auftreten. Generell lässt sich sagen, dass das IMPP in etwa doppelt so viele Fragen zu den klassischen wie zu den atypischen Neuroleptika stellt.

Lithium als sog. Stimmungsstabilisator und ebenfalls bei der Therapie von Schizophrenien angewandte Substanz hat bei den IMPP-Fragen von der Häufigkeit her den gleichen Stellenwert wie atypische Neuroleptika.

Wegweiser

NeuroleptikaAntipsychotikaNeuroleptika sind sicherlich eines der schwierigsten Stoffgebiete der Pharmakologie. Die Wirkstoffnamen folgen irgendwie keiner richtigen Systematik und gehen meist auch nicht leicht von der Zunge, die Wirkmechanismen lassen sich nicht nur auf eine einzelne Rezeptorwirkung zurückführen und sind teils sehr komplex, und die Nebenwirkungen sind oft sehr umfangreich. Kein Wunder, dass dieses Stoffgebiet nicht sonderlich geliebt wird.
Es wurde deshalb versucht, die Neuroleptika in diesem Kapitel möglichst systematisch darzustellen, um das Lernen zu jedem einzelnen Wirkstoff auf wenige Aspekte zu reduzieren. Leider erspart es Ihnen trotzdem nicht das Lernen der Wirkstoffnamen – nur hoffentlich prägen sich die Namen besser ein.
Deshalb werden in Kap. 19.2 zunächst allgemeine Grundlagen der Neuroleptika dargestellt.
Die älteren und z. T. seit den 1950er Jahren eingesetzten Wirkstoffe fasst man als konventionelle oder klassische Neuroleptika zusammen. Ihnen gemeinsam ist die antipsychotische Wirkung durch einen Antagonismus am Dopamin-D2-Rezeptor, was aber auch zu erheblichen Nebenwirkungen führt, insbesondere den extrapyramidal-motorischen Störungen (EPM-Störungen). In Kap. 19.3 werden die klassischen Neuroleptika erst wieder allgemein erläutert und dann die Wirkstoffe in vier kleinen Unterkapiteln kurz dargestellt.
Neuere Neuroleptika, die sich sowohl im Wirkmechanismus von den klassischen Neuroleptika unterscheiden als auch in der Wirkung und vor allem den Nebenwirkungen, bezeichnet man als atypische Neuroleptika. Sie rufen weniger extrapyramidal-motorische Störungen hervor und sind meist besser in Bezug auf die Minussymptomatik wirksam. Sie werden in Kap. 19.4 dargestellt. Kap. 19.5 beschäftigt sich mit den Lithiumsalzen.

Allgemeine Aspekte der Neuroleptika

Wirkmechanismus
Neuroleptika sind Antagonisten am DopaminrezeptorDopaminrezeptorantagonistenDopaminrezeptor und wirken antipsychotisch. Daraus entwickelte sich die DopaminhypotheseDopaminhypothese“: Die SchizophrenieSchizophrenie ist durch eine dopaminerge Überfunktion in der mesolimbisch-mesokortikalen Bahn bedingt. Heute geht man allerdings davon aus, dass weitere Transmitter an der Pathogenese der Schizophrenie beteiligt sind.
Neuroleptika werden unterschieden in:
  • klassische Neuroleptika

  • atypische Neuroleptika

Merke

Klassische Neuroleptika wirken über einen D2-Rezeptorantagonismus in der mesolimbischen Bahn antipsychotisch. Da sie allerdings gleichzeitig auf die D2-Rezeptoren der nigrostriatalen Bahn wirken, rufen sie EPM-Störungen hervor.

Lerntipp

Die atypischen Neuroleptika heißen deshalb atypisch, weil bei ihnen die typischen extrapyramidal-motorischen Störungen der klassischen Neuroleptika weitgehend fehlen oder deutlich seltener auftreten. Sie sind meist besser in Bezug auf die Minussymptomatik wirksam. Sie wirken meist weniger stark über D2-Rezeptoren, sondern über D4- und/oder 5-HT2A-Rezeptoren antagonistisch und antipsychotisch.

Außerdem besteht je nach Substanz ein Antagonismus an Serotoninrezeptoren, α1-Adrenozeptoren, Muskarinrezeptoren, Histaminrezeptoren (H1-Rezeptoren), was die Wirkung der Neuroleptika sehr komplex werden lässt (Tab. 19.1).

Merke

Hinsichtlich der antipsychotischen Wirkung umfassen Neuroleptika folgendes Spektrum:

  • akut antipsychotisch

  • prophylaktisch

  • gut in Bezug auf die Plussymptome, schlechter in Bezug auf die Negativsymptome wirksam

  • gut bei Neuerkrankung, zunehmend schlechter bei Chronifizierung wirksam

  • haben keine euphorisierende Wirkung, erzeugen keine Abhängigkeit

Indikationen
Aufgrund der komplexen Wirkungen haben Neuroleptika auch einen relativ großen Indikationsbereich:
  • Akut- und Intervalltherapie der Schizophrenie

  • starke psychomotorische Erregung, z. B. Manie

  • akute Psychose, z. B. wahnhafte Depression

  • Schlafmittel (Kap. 18.3.4)

  • Therapie der Emesis (Kap. 34.4)

  • Neuroleptanalgesie (Kap. 45.4.4)

  • Adjuvanzien in der Schmerztherapie (Kap. 39.2)

Klassische Neuroleptika

Neuroleptika:klassische klassische Neuroleptika

Wirkstoffe

  • schwache neuroleptische Potenz: (Chlorpromazin) · Levomepromazin · Promethazin · Melperon · Pipamperon · Chlorprothixen

  • starke neuroleptische Potenz: Fluphenazin · Perphenazin · Haloperidol · Benperidol

  • Depotformen: Fluspirilen · Haloperidoldecanoat · Flupentixoldecanoat

Chemisch lassen sich die Neuroleptika weiterhin unterteilen in:
Zudem gibt es Wirkstoffe, die als Depotpräparate zur i. m.-Injektion geeignet sind (Kap. 19.3.4).
Wirkmechanismus
Die klassischen Neuroleptika sind zunächst erst einmal D2-Dopaminrezeptor-antagonistenRezeptorantagonisten.

Merke

Dabei gilt: je stärker der D2-Rezeptorantagonismus, umso stärker die antipsychotische Wirkung und desto mehr EPM-Störungen treten auf, aber umso geringer sind Sedation und vegetative Störungen ausgeprägt (Abb. 19.1).

Indikation
In Abhängigkeit vom Wirkungsspektrum werden die klassischen Neuroleptika zur Behandlung von Psychosen unterschiedlich eingesetzt:

Merke

  • schwache Neuroleptika: stärker sedierend, indiziert bei psychomotorischer Erregung und Angst

  • starke Neuroleptika: schwächer sedierend, indiziert bei akut psychotischen paranoid-halluzinatorischen Zuständen

Pharmakokinetik
Die meisten Neuroleptika unterliegen einem ausgeprägten Metabolismus unter Beteiligung von Cytochrom P450 mit pharmakogenetischen Unterschieden in der Geschwindigkeit der Metabolisierung (z. B. bei Haloperidol). Durch die hepatische Metabolisierung sind zahlreiche Medikamenteninteraktionen möglich.
Unerwünschte Wirkungen
Da die D2-Rezeptoren nicht selektiv in der mesolimbisch-mesokortikalen Bahn gehemmt werden, worüber die erwünschte antipsychotische Wirkung erreicht wird, entstehen über den Antagonismus an D2-Rezeptoren der nigrostriatalen Bahn extrapyramidal-motorische Störungen (Einteilung: Tab. 19.2) und über den Antagonismus an D2-Rezeptoren der tuberoinfundibulären Bahn neuroendokrine Störungen.

Lerntipp

Tab. 19.2 ist ein absolutes Lern-Muss für die Prüfung. Fast die Hälfte der IMPP-Fragen zu den klassischen Neuroleptika bezog sich eigentlich auf EPM-Störungen.

Da Dopamin über D2-Rezeptoren im Hypophysenvorderlappen die Prolaktinfreisetzung hemmt, steigt unter einer Therapie mit Neuroleptika, also D2-Rezeptorantagonisten, der Prolaktinspiegel an. Prolaktin senkt die FSH- und LH-Freisetzung und bewirkt Galaktorrhö, Amenorrhö, Gynäkomastie, Libido- und Potenzverlust.
Durch den Antagonismus an vielen anderen Rezeptoren (H1-, muskarinerge Acetylcholin-, α1-Rezeptoren) können vegetative Nebenwirkungen auftreten, die bei den Phenothiazinen besonders stark ausgeprägt sind:
  • Hypotonus durch den α1-Antagonismus

  • Sedierung (H1-Antagonismus)

  • anticholinerge Nebenwirkungen (muskarinerger Acetylcholinrezeptorantagonismus): Mundtrockenheit, Obstipation, Akkommodationsstörung, Mydriasis, Tachykardie, kognitive Leistung ↓, Harnverhalt (Antidot: Physostigmin; Kap. 2.3.3)

  • QT-Zeit-Verlängerung und Herzrhythmusstörungen.

Phenothiazine

Phenothiazine

Wirkstoffe

Chlorpromazin · Levomepromazin · Promethazin · Fluphenazin · PerphenazinPerphenazin PromethazinLevomepromazinChlorpromazin

Lerntipp

Die Phenothiazine enden auf -azin.

  • Chlorpromazin stellt das älteste Neuroleptikum dar, es dient daher als Referenzsubstanz und beim Vergleich der unterschiedlichen Substanzen wird ihm die relative Wirkstärke 1 zugeordnet. Wegen der vielen unerwünschten Wirkungen findet Chlorpromazin heute keine Anwendung mehr. Zu den Nebenwirkungen zählen Allergie, Blutbildveränderungen, Leberschädigung.

  • Levomepromazin ist ein Analogpräparat mit schwacher neuroleptischer Wirkung, das bei ängstlich-agitierten Psychosen indiziert ist.

  • Promethazin ist gleichzeitig ein H1-Rezeptorantagonist (Kap. 15.3.4) und wird vielseitig angewendet, z. B. bei Erregungs- und Unruhezuständen, Schlafstörungen, Übelkeit, Erbrechen, allergischen Reaktionen, zur Prämedikation.

  • FluphenazinFluphenazin und Perphenazin haben eine starke antipsychotische Wirkung und dienen somit der Behandlung akuter psychotischer Syndrome mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen.

Thioxanthene

Thioxanthene

Wirkstoffe

ChlorprothixenChlorprothixen

Chlorprothixen hat eine schwache neuroleptische Wirkstärke und dient deshalb der Behandlung psychomotorischer Unruhe- und Erregungszustände bei akuten Psychosen sowie der Therapie maniformer Syndrome. Chlorprothixen ist ein Antagonist an D1-, D2-, α-, Serotonin, Muskarin-, Histaminrezeptoren. Es ist deshalb auch stark sedierend. Über den Serotoninrezeptorantagonismus tritt häufig eine Gewichtszunahme auf. Zu den kardiovaskulären unerwünschten Wirkungen zählen die Hypotonie, QT-Zeit-Verlängerung und Herzrhythmusstörungen. Weiterhin sind anticholinerge Nebenwirkungen nicht selten, insbes. Akkommodations- und Sehstörungen. Wegen häufiger Nebenwirkungen eignet sich Chlorprothixen meist nicht zur Monotherapie akuter Psychosen.

Butyrophenone

Butyrophenone

Wirkstoffe

Haloperidol · Benperidol · MelperonMelperon · PipamperonHaloperidolBenperidolPipamperon

Die Butyrophenone sind meist sehr starke Neuroleptika. So besitzt Haloperidol die 50-fache antipsychotische Wirkstärke im Vergleich zu Chlorpromazin. Stark wirksame Butyrophenone finden deshalb bei akuten Psychosen Anwendung. Der Vorteil von Haloperidol liegt in der breiten Applikationsmöglichkeit: oral als Tabletten oder Tropfen sowie zur Injektion i. v. oder i. m.
Pipamperon und Melperon unterscheiden sich von den anderen Butyrophenonen:
  • Pipamperon ist ein schwaches Neuroleptikum mit einem Antagonismus an D4- > D2- sowie 5-HT2-Rezeptoren. Es ist deutlich sedativ-hypnotisch, kaum anticholinerg und verursacht wenige EPM-Störungen. Es dient der Behandlung von Schlafstörungen und psychomotorischen Erregungszuständen.

  • Melperon ist ein Antagonist an 5-HT2A- > D2-Rezeptoren (und könnte daher auch den atypischen Neuroleptika zugeordnet werden). Es ist ein schwaches Neuroleptikum mit nur geringen EPM-Störungen. Als Neuroleptikum wird es bei psychomotorischen Erregungszuständen angewandt. Wegen der sedierenden Wirkung kann es auch als Schlafmittel verwendet werden, relativ häufig wird es aus diesem Grund in der Geriatrie eingesetzt, da keine paradoxen Reaktionen ausgelöst werden. Je nach Anwendung stellt die Sedation eine erwünschte oder unerwünschte Wirkung dar. Anticholinerge Symptome treten nicht auf.

Depotneuroleptika

Depotneuroleptika

Wirkstoffe

FluspirilenFluspirilen · HaloperidoldecanoatHaloperidoldecanoat · FlupentixoldecanoatFlupentixoldecanoat · (PimozidPimozid)

Depotneuroleptika vermitteln eine Langzeitwirkung und verbessern somit die Compliance bei der medikamentösen Therapie. Sie werden in mehrwöchigen Abständen intramuskulär gespritzt. Sie haben jedoch keine akute Wirkung, sondern dienen der Rezidivprophylaxe.
Nicht wirklich ein Depotpräparat, aber ein Wirkstoff mit langer Wirkdauer (Eliminationshalbwertszeit liegt bei ca. 55 h) ist Pimozid, das als Tablette täglich eingenommen wird und wie die Depotpräparate der Erhaltungstherapie dient. Chemisch ist es mit dem Fluspirilen verwandt und deshalb an dieser Stelle genannt.

Intoxikation mit klassischen Neuroleptika

Symptome
NeuroleptikaintoxikationAn Symptomen treten bei einer Intoxikation die genannten Nebenwirkungen der klassischen Neuroleptika auf. Im Vordergrund stehen: EPM-Störungen, Blutdruckabfall, Tachykardie und Krämpfe. Dennoch ist bei ausschließlicher Vergiftung mit Neuroleptika ein tödlicher Ausgang selten und meist die Folge einer Kombination mit anderen zentral dämpfenden Substanzen.
Therapie
Frühzeitig kann durch Magenspülung und Aktivkohle versucht werden, die Aufnahme der eingenommenen Neuroleptika zu vermindern. Da Neuroleptika antiemetisch sind, lässt sich medikamentös kein Erbrechen auslösen. Die EPM-Störungen werden mit Antiparkinsonmitteln, insbesondere Biperiden (Kap. 22.7), behandelt, Krämpfe mit Benzodiazepinen.

Atypische Neuroleptika

Neuroleptika:atypische atypische Neuroleptika

Wirkstoffe

Clozapin · Risperidon · Ziprasidon · Olanzapin · Quetiapin · Amisulprid · Sulpirid

Wirkmechanismus
Bei den atypischen Neuroleptika liegt kein einheitlicher Wirkmechanismus vor. Je nach Substanz handelt es sich um Antagonisten an verschiedenen Dopamin- und Serotoninrezeptor-Subtypen. Als wesentliche und antipsychotisch wirksame Mechanismen besteht bei:
  • Clozapin: ein Antagonismus an D4- > D2-Rezeptoren

  • Risperidon, Ziprasidon, Olanzapin, Quetiapin: ein Antagonismus an 5-HT2A- > D2-Rezeptoren

  • Amisulprid, Sulpirid: ein relativ selektiver Antagonismus an D2-Rezeptoren des mesolimbischen Systems

Auch diese Wirkstoffe sind darüber hinaus Antagonisten an weiteren Rezeptoren, die in Tab. 19.3 sowie in den nachfolgenden Kapiteln genannt sind.
Atypische Neuroleptika haben eine gute neuroleptische Wirkung und wirken oft noch, wenn die klassischen Neuroleptika versagen, z. B. bei Negativsymptomatik. Sie verursachen keine oder allenfalls wenige EPM-Störungen.

Lerntipp

Einen Überblick über Wirkmechanismus, Indikation und wichtige Nebenwirkungen der atypischen Neuroleptika bietet Tab. 19.3. In Kap. 19.4.1 bis Kap. 19.4.7 sind dann die Wirkstoffe noch einmal ausführlicher erläutert. Für Prüfungen und Klausuren sollte aber die Kenntnis von Tab. 19.3 ausreichend sein.

Clozapin

Wirkmechanismus
ClozapinClozapin ist ein Antagonist an D4- > D2-Rezeptoren, außerdem an 5-HT-, α-, Muskarin- und Histaminrezeptoren und hat starke anticholinerge Wirkungen.
Indikationen
Clozapin stellt wegen gefährlicher Nebenwirkungen bei folgenden Indikationen ein Reserveneuroleptikum dar, wenn andere Substanzen nicht ausreichend wirken:
  • therapieresistente Psychosen

  • Schizophrenie mit Negativsymptomatik.

Unerwünschte Wirkungen
Wegen gefährlicher Agranulozytosen (1–2 %) darf Clozapin nur unter engmaschigen Kontrollen des Blutbilds angewandt werden, und die Anwendung ist mit besonderen Auflagen verbunden. Weitere Nebenwirkungen sind Hypotonie, Tachykardie, vermehrte Speichelbildung, Krampfanfälle, Gewichtszunahme, Sedierung, Myokarditis.

Olanzapin

Wirkmechanismus
OlanzapinOlanzapin ist ein Antagonist an 5-HT2A- > D2-Rezeptoren, außerdem an Histamin- und Muskarinrezeptoren.
Indikationen
Olanzapin wird zur Behandlung der Schizophrenie inkl. der Rezidivprophylaxe und zur Therapie mäßiger bis schwerer manischer Episoden inkl. Phasenprophylaxe bei bipolaren Störungen verwendet.
Unerwünschte Wirkungen
Wie bei vielen anderen atypischen Neuroleptika kann eine erhebliche Gewichtzunahme auftreten. Die Sedierung ist Folge der Wirkung an zentralen Histamin- und Muskarinrezeptoren. Auch kann es zu einem Anstieg der Lipide und des Blutzuckers im Blut kommen. Es besteht ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Diabetes mellitus.

Risperidon

Wirkmechanismus
RisperidonRisperidon ist ein Antagonist an 5-HT2A- > D2-Rezeptoren, außerdem an α1- und Histaminrezeptoren. Risperidon steht zur oralen Therapie und in Form einer Suspension zur intramuskulären Injektion als Depotpräparat zur Verfügung.
Indikationen
Risperidon wird für chronisch verlaufende Schizophrenieformen, bei manischen Episoden und das Depotpräparat zur Rezidivprophylaxe nach schizophrener Episode eingesetzt.
Unerwünschte Wirkungen
Als α1-Antagonist führt es zu Blutdruckabfall. Da es jedoch nicht an muskarinergen Rezeptoren wirkt, treten keine anticholinergen Symptome auf.

Ziprasidon

Wirkmechanismus
ZiprasidonZiprasidon ist ein Antagonist an 5-HT2A- > D2-Rezeptoren sowie ein Re-uptake-Hemmer für Serotonin und Noradrenalin.
Indikationen
Ziprasidon dient der Behandlung der Schizophrenie sowie der manischen Episoden mittleren Schweregrades bei bipolaren Störungen.
Unerwünschte Wirkungen
Es treten die gleichen Nebenwirkungen wie bei Risperidon auf.

Quetiapin

Wirkmechanismus
Quetiapin ist ein Antagonist an Quetiapin5-HT2A- > D2-Rezeptoren, wobei eine gewisse Selektivität für das mesolimbische System (weniger für das nigrostriatale System) besteht. Dadurch ist Quetiapin antipsychotisch bei nur geringen EPM-Störungen. Weiterhin besteht ein Antagonismus zu H1- und α1/2-Rezeptoren.
Indikation
Quetiapin wird zur Behandlung der Schizophrenie und Therapie mäßiger bis schwerer manischer Episoden verwendet.
Unerwünschte Wirkung
Quetiapin ist über Histaminrezeptoren stark sedierend.

Amisulprid

Wirkmechanismus
AmisulpridAmisulprid ist ein D2-Antagonist mit Selektivität für D2-Rezeptoren im mesolimbischen System gegenüber dem nigrostriatalen System. An anderen Rezeptoren wie Histamin- oder Muskarinrezeptoren erzielt es hingegen keine Wirkung. Somit ist es antipsychotisch ohne bzw. mit nur geringen EPM-Störungen.
Indikation
Amisulprid ist gut wirksam auf Plus- und Negativsymptomatik bei der Schizophrenie.
Unerwünschte Wirkung
Amisulprid führt zu einer starken Erhöhung der Prolaktinsekretion durch Blockade der D2-Rezeptoren im tuberoinfundibulären System. Folgen können Amenorrhö und Galaktorrhö sein. Eine Gewichtszunahme tritt nicht auf.

Sulpirid

Wirkmechanismus
SulpiridSulpirid klingt nicht nur ähnlich wie Amisulprid, sondern wirkt auch so, nämlich als Antagonist selektiv an D2-Rezeptoren im mesolimbischen System. Zudem wirkt es in niedriger Dosierung antidepressiv und antriebssteigernd, nicht jedoch sedierend.
Indikation
Man nutzt die antidepressive Wirkung zur Behandlung der Depression, wenn andere Medikamente nicht ausreichend waren, und die antipsychotische Wirkung zur Therapie der Schizophrenie.
Unerwünschte Wirkungen
Wie bei Amisulprid tritt eine Hyperprolaktinämie auf.

Lithiumsalze

LithiumsalzeLithiumsalze zählt man zu den StimmungsstabilisatorenStimmungsstabilisatoren („mood mood stabilizersstabilizers“) – eine heterogene Gruppe an Wirkstoffen, die starke Stimmungsschwankungen dämpfen und zur Behandlung bipolarer Störungen verwendet werden.

Merke

Zu den Stimmungsstabilisatoren zählen:

  • Lithiumsalze

  • Antiepileptika: Carbamazepin, Lamotrigin, Valproat (Kap. 21.3.5)

  • atypische Neuroleptika (Olanzapin) (Kap. 19.4.2)

Wirkmechanismus
Der genaue Wirkmechanismus der Lithiumsalze ist unklar. Allerdings kann Lithium eine Vielzahl an neurochemischen Systemen beeinflussen: Ionenkanäle, Neurotransmitter und Second-Messenger-Systeme:
  • 1.

    Lithium hat ähnliche physikochemische Eigenschaften wie Natrium und wird über Natriumkanäle in die Zelle aufgenommen, allerdings viel langsamer als Natrium wieder aus der Zelle gepumpt wird. Dadurch kommt es zu Elektrolytverschiebungen, die vermutlich für die veränderte Freisetzung und Wiederaufnahme der Neurotransmitter verantwortlich sind.

  • 2.

    Lithium erhöht die Konzentration an Serotonin, Dopamin und Noradrenalin.

  • 3.

    Lithium führt zu einem Verlust von Inositol in der Zelle und hemmt den Phosphoinositol-Zyklus. Es vermindert auch die Aktivierung der Adenylatzyklase. Dadurch werden Signalwege, die die Adenylatzyklase und Inositol benötigen, gehemmt.

Über all diese Mechanismen treten folgende klinische Effekte unter einer Lithiumtherapie auf:
  • Abschwächung der Symptome in den Schüben einer manischen Psychose

  • Prophylaxe manischer und depressiver Rezidive bzw. Verlängerung des rezidivfreien Intervalls

  • Verstärkung der Wirkung von Antidepressiva (sog. Lithiumaugmentation)

  • Suizidprophylaxe

Indikationen
LithiumLithium ist ein Stimmungsstabilisator und dient der Akuttherapie und Phasenprophylaxe bei der Manie. Bei der Akuttherapie tritt die antimanische Wirkung erst nach 1 Woche ein, deshalb erfolgt eine Kombination mit einem Neuroleptikum oder Benzodiazepin. Bei der Phasenprophylaxe besteht ein prophylaktischer Effekt erst nach 6 Monaten.
Lithium eignet sich auch zur Prophylaxe der bipolaren oder unipolaren Depression und zur Langzeitprophylaxe suizidgefährdeter Patienten. Eine nichtpsychiatrische Indikation ist die Anwendung bei der thyreotoxischen Krise durch eine Jodkontamination (Kap. 12.3.5).
Anwendung

Cave

Lithium hat eine enge therapeutische Breite, deshalb muss Folgendes beachtet werden:

  • Immer einschleichend beginnen!

  • Drug monitoring notwendig, da andere Medikamente und die Ernährung den Lithiumspiegel beeinflussen können. Das Drug Monitoring erfolgt zunächst einmal wöchentlich und zwar 12 h nach der letzten Lithiumeinnahme. Nach 4 Wochen wird einmal monatlich und danach alle 3 Monate der Spiegel kontrolliert. Nach Dosisänderungen → Kontrolle nach 5 Tagen.

  • Der therapeutische Spiegel beträgt:

    • Akuttherapie: 0,5–1,2 mmol/l

    • Prophylaxe: 0,5–0,8 mmol/l.

  • kein abruptes Absetzen: Gefahr eines Rezidivs

Pharmakokinetik
Lithium wird gut resorbiert und verteilt sich im Gesamtkörperwasser. Die Halbwertszeit beträgt 22 h. Die Elimination erfolgt unverändert renal: zunächst wird es glomerulär filtriert und dann im proximalen Tubulus über den Natriumtransporter reabsorbiert.

Cave

  • Wird wenig Natrium im proximalen Tubulus resorbiert, so wird auch wenig Lithium resorbiert (Lithium im Plasma ↓). Umgekehrt ist die Lithiumresorption gesteigert, wenn auch viel Natrium proximal resorbiert wird (Lithium im Plasma ↑).

  • Bei der Anwendung von Diuretika wird im proximalen Tubulus vermehrt Natrium resorbiert (als Kompensation zur starken Natriumausscheidung insgesamt). Dementsprechend steigt darunter der Lithiumspiegel an.

  • Auch bei einer kochsalzarmen Diät, Diarrhö oder nach starkem Schwitzen wird im proximalen Tubulus verstärkt Natrium resorbiert. Der Lithiumspiegel steigt dann an, ebenso bei einer Niereninsuffizienz.

Unerwünschte Wirkungen/Kontraindikationen
Unerwünschte Wirkungen Kontraindikationen
  • Polyurie, Polydipsie (Lithium hebt die Wirkung von ADH auf)

  • Gewichtszunahme

  • feinschlägiger Tremor (Therapie: Propranolol)

  • euthyreote Struma (Lithium hebt die Wirkung von TSH auf, Therapie: L-Thyroxin)

  • Exazerbation einer Psoriasis

Leber-, Herz-, Niereninsuffizienz, Morbus Addison (Natriummangel), Schwangerschaft
Wechselwirkungen

Cave

NSAID (außer ASS), Diuretika, ACE-Hemmer erhöhen den Lithiumspiegel.

Lithiumintoxikation
LithiumintoxikationBei einer Lithiumvergiftung treten folgende Symptome auf: Erbrechen, Diarrhö, Tremor, Krämpfe, Koma. Therapiert wird durch forcierte Diurese, NaCl-Substitution, Dialyse.

Zu guter Letzt

Lerntipp

Falls Sie jetzt noch einmal wissen möchten, ob das, was Sie sich über die Neuroleptika eingeprägt haben, tatsächlich prüfungsrelevant ist, wurden nachfolgend in beliebiger Reihenfolge alle Neuroleptika aufgelistet, die vom IMPP in den letzten Jahren in irgendeiner Form genannt bzw. gefragt wurden. Dieser Lerntipp ist deshalb als Lernkontrolle gedacht, und die Wirkstoffe werden nicht weiter kommentiert.

  • Haloperidol

  • Clozapin

  • Perphenazin

  • Fluspirilen

  • Benperidol

  • Levomeprazin

  • Fluphenazin

  • Pimozid

  • Olanzapin

  • Risperidon

  • Quetiapin

  • Amisulprid

  • Ziprasidon

  • Flupentixol

  • Pipamperon

  • Chlorprothixen

Klinischer Fall

  • 1.

    Wenn Sie mit einem klassischen Neuroleptikum eine möglichst starke antipsychotische Wirkung erreichen wollen, müssen Sie zwangsläufig welche Nebenwirkungen in Kauf nehmen?

  • 2.

    Wie behandeln Sie das Auftreten eines malignen neuroleptischen Syndroms.

Antworten:

  • 1.

    Je stärker antipsychotisch, umso mehr EPM-Störungen: Frühdyskinesie, Parkinsonoid, Akathisie, Spätdyskinesie, malignes neuroleptisches Syndrom.

  • 2.

    Absetzen des Neuroleptikums, Dantrolen,Dantrolen Bromocriptin, Amantadin, intensivmedizinische Betreuung.

Lerntipp

Wenn Sie jetzt den klinischen Einsatz der Neuroleptika lernen möchten, lesen Sie bitte weiter in Kap. 43.3 und Kap. 43.2Kap. 43.3Kap. 43.2: Behandlung der Schizophrenie, Manie, Depression.

Weitere Anwendungsgebiete finden Sie in:

  • Kap. 43.5: Behandlung von Schlafstörungen

  • Kap. 39.2: Schmerztherapie (Schmerzadjuvanzien)

  • Kap. 45.4.4: Neuroleptanalgesie.

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