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B978-3-437-42104-4.00013-6

10.1016/B978-3-437-42104-4.00013-6

978-3-437-42104-4

M

Mammaveränderungen

Definition

Als Mamma (im engeren Sinn) wird die Brust der Frau bezeichnet. Sekundäres Geschlechtsmerkmal, bestehend aus Drüsenkörper, Fett- und Bindegewebe sowie Brustwarze (Mamille) einschließlich Warzenhof. Mamma masculina oder virilis: rudimentäre Brust des Mannes.

Ursachen

Fehlbildungen der Mammae
Aplasie
Nur die Mamille ist vorhanden.
Amastie
Auch die Brustwarze ist nicht angelegt. Geht immer mit anderen Defekten der Thoraxwand einher, insbesondere mit Fehlen des M. pectoralis major.
Polythelie
Überzahl an Brustwarzen.
Polymastie
Überzahl an Brustdrüsen.
Mammae aberratae
Versprengte Brustdrüsenanteile, auf denen sich bevorzugt benigne oder maligne Tumoren entwickeln. Liegen hauptsächlich in der Axilla, während überzählige Brustwarzen bzw. -drüsen auf einer der embryonalen Milchleiste entsprechenden Linie liegen.
Inversion der Brustwarzen
Häufigste Brustwarzenfehlbildung.
Fissuren der Brustwarzen
Seltener. Meist ebenso wie die Inversion bilateral. Gefahr der Verwechslung mit sekundären Veränderungen.
Mammahypertrophie
Pubertätshypertrophie
Tritt in der Zeit der Menarche auf. Es kommt ganz allmählich zur mehr oder weniger symmetrischen Vergrößerung der Brüste, die beträchtliche Ausmaße erreichen kann. Die Ursache konnte bisher nicht genau erforscht werden. Eine Tendenz zur Rückbildung besteht nicht. Bei der Palpation lassen sich größere knollige Drüsenpartien fühlen.
Graviditätshypertrophie
Meist bereits während der ersten Schwangerschaftswochen auftretende, weit über das physiologische Maß hinausgehende Brustdrüsenvergrößerung, die sich nach der Schwangerschaft in der Regel zurückbildet.
Hängebrust
Auch Mastoptose oder Mamma pendulans genannt. Entsteht durch reichlichen Fettansatz, Abmagerung, Hypertrophie oder Atrophie des Drüsengewebes. Eine übergewichtige Brustdrüse kann erhebliche Schmerzen in Schulter und BWS verursachen.
Gynäkomastie
Beim Mann besteht sowohl eine Brustwarze als auch eine Brustdrüsenanlage, die jedoch im Normalfall nicht zur Entwicklung kommt. Andernfalls spricht man von einer Gynäkomastie. Diese kann doppel- oder einseitig und in allen Altersstufen, am häufigsten in der Pubertät, auftreten. Als Ursachen kommen in Betracht:
  • Unterfunktion der Hoden bzw. pathologischer Prozess (z. B. Tumor), der diese verursacht hat

  • Erkrankungen anderer endokriner Drüsen wie Hypophysen- oder Nebennierentumoren

  • Spironolacton oder östrogen wirksame Substanzen (z. B. Prostatakarzinomtherapie)

Besonders in der Pubertät ist meist kein Anlass erkennbar.
Entzündungen
Akute pyogene Mastitis
Tritt fast nur während der Laktation auf. Hauptursachen sind Rhagaden und invertierte Warzen. Als Erreger findet man in der Regel Staphylococcus aureus.
Chronischer Abszess
Meist nicht erkannter akuter Abszess, der im Laufe der Zeit von einer dicken Kapsel umgeben wurde. Wird häufig mit einem Tumor verwechselt.
Chronisch-spezifische Mastitis
Zum Beispiel tuberkulöse Mastitis, posttyphöse Mastitis, aktinomykotische Mastitis.
Traumatische Fettnekrose
Häufig nach chirurgischer Exzision eines Mammatumors. Längere Zeit nach der traumatischen Schädigung der Brust kommt es zur Nekrose des subkutanen Fettgewebes, die als bis zu eigroße, schmerzlose, sehr harte, umschriebene Geschwulst imponiert. Durch Verseifung und ölige Umwandlung können daraus auch Pseudozysten entstehen. Die Diagnose ist klinisch nicht mit Sicherheit möglich, sodass man zum Karzinomausschluss stets zur Exstirpation gezwungen ist.
Zysten
Einfache Mammazysten
Gut abgegrenzt, treten einzeln auf, werden manchmal mit Traumen in Verbindung gebracht (s. o.). Die Konsistenz ist nicht immer gegen die eines soliden Tumors abgrenzbar, weshalb eine Probepunktion erforderlich ist.
Mastopathia fibrosa cystica
Häufigste Erkrankung der weiblichen Brust. Gekennzeichnet durch Epithel- und Bindegewebshyperplasie. Über die Ursachen ist nur wenig bekannt. Fast alle Frauen leiden zu irgendeiner Zeit ihres Lebens unter dieser Erkrankung, die mit Schmerzen, Spannungsgefühl und gelegentlich Sekretion aus der Mamille einhergeht. Ist diese blutig verfärbt, so liegt meist ein Milchgangspapillom, evtl. ein daraus hervorgegangenes Karzinom vor. Die ganze Mamma kann knotig durchsetzt sein, wobei der Palpationsbefund mit dem Menstruationszyklus wechseln kann. Da oft auch die Mammografie nicht klärt, ob noch eine Mastopathie oder schon ein sich entwickelnder maligner Tumor vorliegt, ist häufig eine Gewebsentnahme nötig. Während manche Autoren eine überdurchschnittliche Häufung von Karzinomen bei Mastopathia cystica finden, können andere diese Beobachtung nicht bestätigen.
Tumoren
Gutartige Tumoren
Fibroadenome
Man unterscheidet die derben perikanalikulären, besonders zwischen Pubertät und 25. Lebensjahr auftretenden Fibroadenome von den weichen intrakanalikulären, meist nach dem 35. Lebensjahr auftretenden Fibroadenomen.
Blutende Mamma
Bei einseitigem Auftreten handelt es sich meist um ein intrakanalikuläres Papillom oder eine Mastopathia cystica, bei doppelseitiger Blutung um eine bilaterale Mastopathia cystica oder um eine während der Menstruationstage ohne organische Grundlage auftretende Blutung. Bei hysterektomierten Frauen treten Blutungen aus der Mamma manchmal als sog. vikariierende Menstruation auf.
Mammakarzinom
Häufigster maligner Tumor der Frau, der in der Mehrzahl der Fälle zwischen dem 45. und 60. Lebensjahr auftritt. Jede 8. bis 10. Frau in Westeuropa muss im Lauf ihres Lebens mit einer Brustkrebserkrankung rechnen. Ca. 2 % aller Mammakarzinome treten bei Männern auf.

Merke

Jeder Tumor der Brust ist bis zum Beweis des Gegenteils als Mamma-Ca. anzusehen.

Karzinomverdächtige Symptome

  • jeder neu aufgetretene oder bemerkte Knoten

  • unterschiedliche Größe der Mammae

  • starke Verschiedenheit der Höhe der Mamillen

  • Apfelsinenhaut (Ödem der Haut, wobei die Haarfollikel leicht eingezogen sind; die Haut erscheint dann wie bei einer Apfelsine gepunktet)

  • Plateaubildung (durch den Tumor werden die Bindegewebsstrukturen der Brust verkürzt, sodass in der Kontur der Oberfläche eine flache Einziehung entsteht und keine Hautfalte mehr abgehoben werden kann)

  • einseitige Venenerweiterung

  • Sekretion, z. B. blutiges, seröses Sekret

  • gerötete Erosionen

  • Laktation (ohne vorhergehende Schwangerschaft)

  • Verhärtung des Drüsenkörpers bzw. derber Knoten

  • Lymphknotenvergrößerung

Diagnostik

Anamnese
  • Zeitpunkt des Auftretens

  • kontinuierliches Wachstum

  • Größenzu- oder -abnahme in Abhängigkeit vom Zyklus

  • Absonderungen aus den Brustwarzen

  • Tumor schmerzhaft oder schmerzlos

  • Zyklusverlauf

  • vorausgegangene Mammaoperationen

  • Hormonbehandlungen (als Risikofaktor kontrovers diskutiert)

  • Strahlenexposition

  • frühere Schwangerschaften und Stillperioden (Schwangerschaften, vor allem in jungem Alter, reduzieren das Brustkrebsrisiko)

  • frühe Menarche und/oder späte Menopause (erhöht durch verlängerte Östrogenexposition das Risiko)

  • familiäre Belastung

Klinische Untersuchung
Inspektion
Inspektion der Mammae bei entkleidetem Oberkörper: Seitenvergleich, Symmetrie. Auf Orangenhaut, Höhenstand, Einziehung oder Sekretion der Brustwarzen sowie Ekzem im Bereich der Brustwarzen achten.
Palpation
Palpation der Mammae und Axillen.
Lymphödeme an Arm oder Thoraxwand beachten.

Praxistipp

Technik der Mammapalpation

Mit beiden Händen wird kreisförmig von außen nach innen abgetastet. Dabei wird auf Verhärtung, Druckschmerz und Temperaturunterschiede geachtet. Bei tastbarer knotiger Verhärtung (meist solitär und schmerzlos) Prüfung der Verschieblichkeit des Knotens bei angespanntem Brustmuskel. Wenn die Patientin die Arme über den Kopf hebt, sind Einziehungen, Vorwölbungen und eventuelle Verwachsungen mit dem Brustmuskel oft besser zu erkennen.
Palpation der regionalen Lymphknoten (Axillarknoten, infra- und supraklavikuläre Knoten).
Die Palpation lässt nach einiger Übung den Tumor vom normalen Drüsenkörper abgrenzen. Zu Beginn ist er als lokalisierte Verhärtung, im fortgeschrittenen Stadium als solitärer, schmerzloser Knoten von derber Konsistenz zu tasten, der auf der Unterlage nicht verschiebbar ist.
Weiterführende Untersuchungen
  • Mammografie, Mammasonografie

  • Thorax-Röntgen (pulmonale Metastasen), CT

  • histologische Diagnosesicherung

Meningismus

Definition

Als Meningismus wird ein akut auftretender meningitisartiger Symptomkomplex definiert, der gekennzeichnet ist durch
  • Nackensteifigkeit: Widerstand und Schmerz beim Vorbeugen der Nackenmuskulatur. Bei tonischem Krampf der Nackenmuskulatur Geradhaltung bis Deflexion des Kopfes.

  • Kopfschmerzen

  • geringgradig positives Kernig- und Brudzinski-Zeichen (Meningismus, Kasten Hintergrund)

Ursachen

  • akute, hoch fieberhafte Kinderkrankheiten

  • Pneumonie

  • Typhus

  • Grippe

  • rheumatisches Fieber

  • Meningitis, Enzephalitis

  • Meningismus

  • Meningitis concomitans bei Erkrankung von Nachbarorganen (Ohr, Nasennebenhöhlen)

  • Tetanus

  • Tetanie, Stoffwechselintoxikation (Elektrolytstörungen, Urämie, Leberkoma)

  • Subarachnoidalblutung

  • Enzephalorrhagie mit Ventrikeleinbruch

  • chronisches subdurales Hämatom

  • Meningeom, Karzinomatose der Meningen

  • Hirntumor, Hirnabszess

  • Poliomyelitis

  • Osteochondrose der Halswirbelsäule

  • muskuläre Verspannung

  • Hysterie

  • Parkinson-Krankheit

  • Hitzschlag

Allgemeine Begleitsymptome

  • Nackensteifigkeit

  • Kopfschmerzen

Merke

Nackensteifigkeit und Kopfschmerzen sind Kardinalsymptome einer meningealen Entzündung!

Diagnoseweisende Begleitsymptome

  • plötzlicher Beginn mit blitzartig auftretendem heftigem Kopfschmerz, Schwindel, Erbrechen und Bewusstseinsstörung; der Liquor ist frischblutig oder fleischwasserfarben: Subarachnoidalblutung

  • Erbrechen, Kopfschmerzen, Krämpfe, Bewusstseinstrübung bis zum Koma, Lähmungen u. a. neurologische Symptome: Enzephalitis

  • Hitzebelastung, trocken-heiße Haut, Hyperventilation, Dehydratation: Hitzschlag

  • Beginn mit Erythema chronicum migrans, Arthralgie, Kardialgien, Myalgien: Lyme-Krankheit

  • Krampfanfälle, Hirnnervenausfälle, Stauungspapille: Meningeom

  • Ermüdbarkeit, Krampfanfälle, stetige Progredienz der Symptome: Hirntumor

Hintergrund

Die wichtigsten Ursachen für Meningismus im Überblick:

Meningitis

Entzündung der Pia und Arachnoidea. Virusmeningitiden sind häufig Teilsymptom einer Enzephalitis oder Enzephalomyelitis. Liegt eine reine Virusmeningitis vor, so ist die klinische Symptomatik oft weniger ausgeprägt als bei einer bakteriellen Meningitis, der Verlauf milder und gutartiger. Das klinische Erscheinungsbild einer Meningitis ist gekennzeichnet durch:

Allgemeinerscheinungen

In der Regel akuter Beginn mit Krankheitsgefühl, Fieber, Erbrechen, Kopfschmerzen, Benommenheit. Diese Symptome können jedoch auch fehlen.

Zerebrale Symptome

Erstes Krankheitszeichen ist manchmal ein zerebraler Krampfanfall (fokal oder generalisiert). Schwere Fälle gehen meist mit einer Bewusstseinstrübung einher. Als Ausdruck einer begleitenden Hirnschädigung kommt es zu Unregelmäßigkeiten von Atmung und Herzfrequenz.

Meningeale Reizsymptome

Um die entzündeten Hirn- und Rückenmarkshäute zu entspannen, werden der Kopf in den Nacken überstreckt, die Wirbelsäule lordotisch gekrümmt (Ophisthotonus) und die Beine an den Leib gezogen. Das Zeichen von Kernig (Streckung des Beins im Hüftgelenk bei gleichzeitiger Beugung im Kniegelenk) und Lasègue (Beugung des Beins im Hüftgelenk
bei gleichzeitiger Streckung im Kniegelenk) und Brudzinski (bei passiver Beugung des Kopfes werden die vorher gestreckten Beine mitgebeugt) sind positiv. Sie fehlen jedoch, wenn die Schmerzempfindung durch Bewusstseinstrübung aufgehoben ist, was häufig bei Kindern vor dem 3. Lebensjahr der Fall ist.

Erkrankung anderer Organe

Zum Beispiel Pneumonie bei Pneumokokken-Meningitis, Enteritis bei Coli-Meningitis. Man darf durch das Vorliegen dieser Erkrankungen eine Meningitis nicht übersehen.

Merke

Der klinische Verdacht auf Meningitis sollte durch unklares Fieber, Fieberkrämpfe oder Bewusstseinstrübung geweckt werden. Selbst beim Fehlen meningealer Reizsymptome sowie beim gleichzeitigen Vorliegen einer anderen Krankheit (s. o.) muss in diesen Fällen eine Liquoruntersuchung durchgeführt werden.

Hintergrund

Enzephalitis

Man unterscheidet primäre und sekundäre Enzephalitiden. Während die primären Formen durch Erregeransiedlung im Gehirn ausgelöst werden, sind die sekundären (postinfektiösen) wahrscheinlich neuroallergischer Genese, da Erreger bei dieser Form nur selten im Gehirn nachweisbar sind. Die klinische Symptomatik der Enzephalitiden wird weniger durch die Ätiologie als durch die Lokalisation des Entzündungsprozesses und das Alter des Patienten bestimmt.

Symptome

Meist beginnt die Erkrankung akut mit Erbrechen, Kopfschmerzen, Krämpfen, Bewusstseinstrübung bis zum Koma, Lähmungen etc. Häufig ist eine Enzephalitis mit einer Meningitis (Meningoenzephalitis), seltener mit einer Myelitis (Enzephalomyelitis) oder Polyradikulitis kombiniert. Die neurologische Symptomatik der akuten Enzephalitis kann außerordentlich vielfältig sein: spastische Lähmung, Ataxie, Hirnnervenlähmungen, Doppeltsehen, zerebrale Krampfanfälle, myelitische Symptome wie Muskelschwäche, Parästhesien, Sphinkterstörungen etc.

Neurologische Manifestationen bei HIV-Infektion

Unterschieden werden primäre, also direkt durch den Neurotropismus von HIV bedingte, und sekundäre, durch den Immundefekt entstehende Neuromanifestationen.

Primär (durch HIV-Infektion)

Akut:
bei Serokonversion werden bei 1 % der Patienten eine z. T. schwer zuzuordnende, unspezifische Enzephalitis, Meningitis, Myelitis, Polyradikulitis, Myositis gefunden.
Chronisch:
AIDS-Enzephalopathie mit hirnorganischem Leistungsabbau, kognitiven und motorischen Defekten sowie Verhaltensstörungen. Daneben periphere Neuropathien und Myopathien.

Sekundär (durch Immundefekt)

ZNS-Toxoplasmose, ZNS-Kryptokokkose, ZNS-Tuberkulose, Neuro-Lues, progressive multifokale Leukenzephalopathie, Neurolisteriose, Zoster-Radikulitis, ZNS-Tumoren, vaskuläre und metabolische Hirnfunktionsstörungen.

Diagnostik

Anamnese
  • Umstände und Zeitdauer der Entwicklung (meist entwickelt sich ein meningealer Reizzustand in kurzer Zeit)

  • Begleitsymptome wie Kopfschmerzen, Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Bewusstseinsstörungen, Lichtscheu

  • Begleiterkrankungen, frühere Erkrankungen, Zeckenbiss

Klinische Untersuchung
  • Ausprägung der Nackensteife (kann von einer leichten Beugebehinderung bis zum brettharten Nacken reichen)

  • neurologische Untersuchung (s. o.)

Labor
  • CRP, Blutbild

  • Elektrolyte, Immunglobuline, Leber- und Nierenwerte

  • Blutkultur

  • Liquoruntersuchungen (Vorsicht mit der Liquorpunktion bei möglicher Einklemmung)

  • mikrobiologische und serologische Erregersuche je nach Verdacht

Merke

Im Gegensatz zur Meningitis findet man bei Meningismus im Liquor höchstens eine geringgradige Eiweiß- und Zellvermehrung.

Weiterführende Untersuchungen
  • Schädel-CT

  • MRT

  • Röntgen/CT-Thorax

  • Myelografie

  • EEG

  • Angiografie

Praxistipp

Bei Verdacht auf akute bakterielle Meningitis darf die sofortige empirische Therapie mit Antibiotika nicht durch das Warten auf Untersuchungsresultate verzögert werden!

Meteorismus

Definition

Luft- bzw. Gasansammlung im Darm. Beim vermehrten Abgang von Winden durch den After spricht man von Flatulenz (Blähsucht).
Zu Meteorismus kommt es, wenn das Gleichgewicht zwischen Gaszufuhr und intestinaler Gasbildung einerseits und Gasabsorption bzw. -elimination andererseits gestört ist. Als Ursache kommen sowohl organische als auch (häufiger) funktionelle Störungen in Frage.

Ursachen

Organisch bedingt
  • Passagebehinderung bei Ileus, Subileus, durch Briden, Verwachsungen

  • Pankreasinsuffizienz, Laktoseintoleranz, Sprue

  • bakterielle Fehlbesiedelung, Parasiten

  • portale Hypertension bei Leberzirrhose, Rechtsherzinsuffizienz

Postoperativ, reflektorisch
  • nach Abdominaloperationen

  • bei Nierenkolik, Gallensteinkolik

Funktionell
  • Aerophagie: unbewusste Angewohnheit. Kann Ausdruck eines Konflikts sein, der hinuntergeschluckt wird, kommt aber auch vor bei Patienten, die z. B. versuchen, Schleim, den sie nicht abhusten können, hinunterzuschlucken. Die geschluckte Luft wird nach ca. 45 Minuten als Flatus wieder ausgestoßen

  • funktionelles Passagehindernis durch Spastik beim Colon irritabile bzw. beim sog. Syndrom der linken Flexur durch starke Abknickung im Bereich der linken Kolonflexur

  • ernährungsbedingt, z. B. blähende Speisen oder Umstellung von Normal- auf Vollwertkost

Allgemeine Begleitsymptome

  • Druck, Völlegefühl

  • Beklemmung, Unbehagen

Diagnoseweisende Begleitsymptome

  • akute Diarrhö, erhöhte Körpertemperatur: bakterielle Fehlbesiedelung

  • chronischer Durchfall: Malabsorptionssyndrom

  • akutes Auftreten: Ileus, Subileus

  • walzenförmiger Strang im Kolonverlauf: Reizkolon

  • pektanginöse und andere Herzbeschwerden: portale Hypertension

  • kolikartige oder sonstige Bauchschmerzen: organische Ursachen wie Ileus, Pankreasinsuffizienz, Laktoseintoleranz

Diagnostik

Anamnese
  • Beginn und Dauer des Meteorismus

  • Zusammenhang mit der Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel

  • Stuhlunregelmäßigkeiten

  • Begleitsymptome

Klinische Untersuchung
  • Inspektion des Abdomens (aufgetriebener Leib), Leberhautzeichen

  • Perkussion (tympanitischer Klopfschall), Aszites

  • Palpation auf Resistenzen, Druckschmerz

  • Auskultation: Prüfung der Darmgeräusche

  • rektal-digitale Untersuchung

Labor
  • Blutbild

  • Bilirubin, γ-GT, GPT/ALT

  • Stuhluntersuchung

  • Untersuchung auf Laktoseintoleranz (Laktosetoleranztest, H2-Atemtest)

Weiterführende Untersuchungen
  • Röntgen/CT: Abdomenübersicht

  • Sonografie des Abdomens

  • Magen-Darm-Passage

  • Endoskopie

Miktionsstörungen

Definition

Erschwerte, schmerzhafte, verzögerte oder verlangsamte Harnblasenentleerung.

Ursachen

Neurogen
Die neurologische Reaktion der Blase entspricht der der unteren Extremitäten. So verursacht eine Läsion des oberen motorischen Neurons Spastizität, während eine Läsion der unteren motorischen Neurone eine schlaffe Lähmung hervorruft. Es kann sich dabei um vollständige und unvollständige Läsionen handeln.
Spastische neurogene Blase
  • Traumen

  • Tumoren

  • multiple Sklerose

Merke

Eine Sonderform stellt die leicht spastische Blase dar. Sie kommt nach Schlaganfällen oder bei multipler Sklerose vor. Die Läsion liegt dann meist zentral. Da der Reflexbogen intakt ist, ist das Gefühl für die Blasenfüllung erhalten, die Miktion unbehindert und es liegt kein Restharn vor. Es kommt dagegen zu einer deutlichen Verminderung der Blasenkapazität.

Schlaffe (atonische, automatische) neurogene Blase
  • Traumata

  • Tumoren

  • Bandscheibenvorfälle

  • kongenitale Defekte (z. B. Myelomeningozelen)

  • Tranquilizer und Parasympatholytika

Harnverhaltung
Urologisch
  • Urethritis, Prostatitis

  • Sphinktersklerose

  • Prostataadenom, -karzinom

  • Harnröhrenstenose, Phimose

  • Fremdkörper, Blasenkonkremente, Polypen

  • Retroversio des Uterus, Uterusmyom oder -karzinom

Posttraumatisch, postoperativ
Neurologisch
  • z. B. Tabes dorsalis, Hemiplegie

Harnstottern
Unfähigkeit, den Harn glatt zu entleeren bei
  • unbemerktem Abgang von Konkrementen oder Papillenspitzen

  • Dysuria psychica (Unvermögen, in Gegenwart anderer Harn zu lassen)

Pneumaturie
Entleerung von Gasen mit dem Urin durch
  • Blasen-Darm-Fisteln

  • Harnwegsinfekte mit gasbildenden Erregern (selten)

Weitere Ursachen
  • Dysurie, Oligurie, Anurie

  • Polyurie, Pollakisurie, Nykturie

  • Harninkontinenz

Diagnoseweisende Begleitsymptome

  • Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen, trüber Urin, häufige Entleerung kleiner Harnportionen: Harnwegsinfekt, Zystitis

  • plötzlicher Urinstopp, chronische Zystitis, gelegentlich Hämaturie: Blasensteine

  • Frau, Harnabgang bei Husten, Lachen etc.: Stressinkontinenz, Descensus uteri

  • Mann, erschwerte Miktion, Nachtröpfeln: Prostatahyperplasie

Diagnostik

Anamnese
Analyse des Harnstrahls und -abgangs
  • Druck beim Wasserlassen geringer als früher

  • verzögerter Miktionsbeginn

  • stärkeres Pressen bei Miktionsbeginn nötig

  • tropfenweises Wasserlassen

  • Nachträufeln

  • unwillkürlicher Harnabgang

Blut im Urin
Schmerzen
  • beim Wasserlassen initial (Urethritis, Zystitis)

  • beim Wasserlassen terminal (Reizblase, Prostatitis)

  • im Bereich der Flanken, des Unterbauchs oder der Harnwege

Vorerkrankungen
  • Vorerkrankungen der Harnwege, Prostata

  • vorhergehende Schwangerschaften, bestehende Schwangerschaft

  • neurologische Erkrankungen, Sensibilitätsstörungen

Klinische Untersuchung
  • Palpation des Abdomens, Perkussion der Blase, rektale Untersuchung

  • gynäkologische und urologische Untersuchung

  • evtl. neurologische Untersuchung

Labor
  • Urinanalyse mit Sediment und Kultur einschl. Tbc

  • bei entsprechendem Verdacht Liquoruntersuchung

Weiterführende Untersuchungen
  • Sonografie

  • Ausscheidungsurografie

  • Zystomanometrie, Urinflow und weitere urologische Spezialuntersuchungen

Minderwuchs

Definition

Primäres oder sekundäres Zurückbleiben des Längenwachstums gegenüber dem geschlechtsbezogenen Altersdurchschnitt einer vergleichbaren Bevölkerung. Daraus resultiert Kleinwuchs (Mikrosomie) mit Abweichung des Längenalters um mehr als 40 % (Endgröße 130–150 cm) oder extremer Minderwuchs (Nanosomie, früher Zwergwuchs; Endgröße unter 130 cm).
Proportionierter Minderwuchs
Allgemeine Wachstumsstörung. Die altersgemäßen Proportionen bleiben erhalten.
Disproportionierter Minderwuchs
Isolierte Wachstumsstörung in besonders aktiven Wachstumszonen. Die physiologischen Proportionen sind nicht mehr gegeben.

Ursachen

Chromosomale Störungen
  • Ullrich-Turner-Syndrom

  • Down-Syndrom

Störungen des Skelettwachstums
  • Achondroplasie

  • Osteogenesis imperfecta

  • Mucopolysaccharidosen

  • Rachitis

Symptomatischer Minderwuchs
  • Unzureichende Nahrungsaufnahme

  • Fehlernährung: quantitativ oder qualitativ, weltweit die häufigste Ursache des Minderwuchses

  • Kwashiorkor: Das Kalorienangebot ist zwar insgesamt ausreichend, jedoch nicht der Proteinanteil. Anhaltender Proteinmangel aber ist als entscheidender Faktor für eine Verzögerung des Längenwachstums zu betrachten.

  • relative Unterernährung durch Steigerung des Stoffwechsels, z. B. bei Hyperthyreose

  • schwere chronische Infektionen, die den Appetit herabsetzen und zusätzlich durch Toxine den Stoffwechsel beeinträchtigen: Pyelonephritis, Bronchitis, Sinusitis, chron. Tonsillitis, Tbc, Enteritis, HIV-Infektion

  • häufiges Erbrechen: kann sowohl psychisch als durch Anomalien des Verdauungstrakts bedingt sein (Ösophagus- oder Duodenalstenose, Zwerchfellhernie, Hirschsprung-Krankheit)

  • Malabsorptionssyndrome: Zöliakie, chronische Darmerkrankungen

  • psychosozialer Minderwuchs: Dystrophie als Folge des Hospitalismus. Fehlende Zuneigung, Mangel an Körperpflege, unangemessene Nahrung sowie unregelmäßige Mahlzeiten. Seelisch vernachlässigte Kinder können trotz ausreichender Nahrungszufuhr im Wachstum zurückbleiben.

Unzureichende Nahrungsverwertung
Störungen der O2-Aufnahme und -Übertragung
Zerebralschäden und intrakranielle Erkrankungen
Niereninsuffizienz
Andere chronische Erkrankungen
Endokriner Minderwuchs
Hypophysärer Minderwuchs
  • Normales Geburtsgewicht. Das Wachstum kann während der ersten 2 Lebensjahre normal sein und verlangsamt dann. Bei Ende der Schulzeit bereits Zwergwuchs. Die endgültige Körpergröße liegt zwischen 100–140 cm. Die kindlichen Körperproportionen bleiben weitgehend erhalten.

  • bei Unterfunktion des Hypophysenvorderlappens und dadurch ungenügender Bildung von STH

Hypothyreotischer Minderwuchs
Das Ossifikationsalter liegt gegenüber dem bereits verminderten Längenalter charakteristischerweise noch weit zurück. Im Verhältnis zur Länge ist das Gewicht stets viel zu hoch. Ohne Therapie besteht am Ende des Wachstumsalters ein Zwergwuchs mit infantilen Proportionen.
  • bei allen Formen der Schilddrüsenunterfunktion

M. Cushing
Langzeitbehandlung mit Kortikosteroiden
Familiärer Kleinwuchs

Diagnoseweisende Begleitsymptome

  • dysproportionierter Minderwuchs: Achondroplasie

  • proportionierter Minderwuchs: Hypophysenstörungen

  • kleine Familienmitglieder: familiärer Kleinwuchs

  • typische Stigmata: Chromosomenanomalie, z. B.

    • frühes Kindesalter: Pterygium colli, tiefer Haaransatz im Nacken, tiefer Ohrmuschelansatz, Maskengesicht, schildförmiger Thorax, Cubitus valgus, angeborener Herzfehler, angeborene Nierenfehlbildung; Pubertät: proportionierter Minderwuchs, Ausbleiben der sekundären Geschlechtsmerkmale (keine Brustentwicklung, spärliche Scham- und Axillarbehaarung), primäre Amenorrhö: Ullrich-Turner-Syndrom

    • Wachstumsstörung des Skeletts, Intelligenzminderung mit durchschnittl. IQ 25–50, Muskelhypotonie und überstreckbare Gelenke; schlecht modellierte Ohrmuschel, tiefer Ohransatz, Klinodaktylie (Verkürzung des kleinen Fingers bis unter die distale Beugefurche des 4. Fingers), 4-Finger-Furche (durchgehende Querfalte auf der Innenseite der Hand), verzögerte Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale und bei Männern Sterilität: Down-Syndrom

Diagnostik

Anamnese
  • Geburtsgröße und -gewicht?

  • Störungen in der Schwangerschaft?

  • Frühgeburt oder zum Termin?

  • Größe der Eltern, aller 4 Großeltern sowie der Geschwister

  • Verlauf des Wachstums

  • Intelligenz

  • Schwerhörigkeit (bei angeborener Hypothyreose)

  • Genitalanamnese, Amenorrhö

  • Ernährungsgewohnheiten

  • Vorerkrankungen (Herz-, Lungen-, Nieren-, Leber-, endokrine Darmerkrankungen)

  • Familienverhältnisse, soziales Umfeld

Klinische Untersuchung
  • Schädelumfang?

  • Intelligenzalter?

  • Fehlbildungen?

  • Auffällige Körperproportionen bzw. -disproportionen (proportionierter oder disproportionierter Minderwuchs)?

  • Auffällige Stigmata?

  • sorgfältige internistische Untersuchung (Zeichen chronischer Erkrankungen?)

Labor
Je nach Verdachtsdiagnose Schilddrüsenhormon, Nebennierenrindenhormone, Wachstumshormone, Phosphor, Kalzium, Glukose, Aminosäurenchromatografie u. a.
Weiterführende Untersuchungen
Röntgen: Bestimmung des Knochenalters anhand des Handskeletts.

Merke

Wichtig ist Differenzialdiagnose zur konstitutionellen Wachstumsverzögerung. Bei verspätet einsetzender Pubertät erreichen die Patienten infolge des zeitlich verlängerten Knochenwachstums doch noch eine normale Erwachsenengröße.

Müdigkeit

Definitionen

Müdigkeit wird zum Symptom, wenn der Patient deswegen nicht in der Lage ist, früher gewohnte körperliche oder geistige Tätigkeiten auszuführen.
Chronische Müdigkeit
Über Wochen und Monate anhaltende körperliche und psychische Erschöpfung, die durch eine normale Schlafdauer nicht ausgeglichen werden kann.
Rasche Ermüdbarkeit
Müdigkeit, die in bestimmten Situationen (meist Anstrengung) auftritt und sich nach einer Ruhephase wieder zurückbildet, z. B. körperliche Erschöpfung nach geringer Anstrengung beim Herzkranken.

Praxistipp

Abgeschlagenheit, Antriebsarmut und Leistungsschwäche werden vom Betroffenen oft als Müdigkeit beschrieben. Sie sollten aber aus diagnostischen und therapeutischen Gründen differenziert werden. Deshalb ist eine genaue Anamnese unerlässlich.

Ursachen

  • Schlafstörungen

  • Elektrolytstörungen: Exsikkose unterschiedlicher Genese, Hyperkalzämie, Hypokaliämie

  • endokrine Erkrankungen: Diabetes mellitus, Hypothyreose, Morbus Cushing, Morbus Addison

  • chronische Erkrankungen: kardiovaskulär, respiratorisch, renal, rheumatisch, hämatologisch

  • schwere Infekte: akut oder chronisch

  • maligne Tumoren

  • Medikamente, Intoxikationen: Sedativa, Tranquilizer, Schlafmittel, Antihypertensiva, Laxanzien, Blei

  • neurologische Erkrankungen

  • psychiatrische Erkrankungen

  • psychosomatische Erkrankungen

  • Trainingsmangel

  • vegetative Fehlregulation

  • chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS), s. Merke

Diagnoseweisende Begleitsymptome

  • trockene Haut, Zunge, Schleimhäute: Exsikkose

  • Schwermut, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung: Depression

  • Gedächtnisstörung, Urteilsschwäche, Gefühlsabstumpfung: Demenz

  • Leistungsknick, Gewichtsverlust: Tumor

  • Gewichtsverlust, Polydipsie, Polyurie: Diabetes mellitus

  • Blässe von Haut und Schleimhäuten, Dyspnoe, Tachykardie: Anämie

  • Zyanose, Dyspnoe, Tachykardie, Ödeme: Herzinsuffizienz

  • Fieber: Infektion

  • nächtliche Atemstillstände, Schnarchen: Schlaf-Apnoe-Syndrom

  • belastungsabhängige Schwäche vor allem der Gesichtsmuskulatur: Myasthenia gravis

  • Adipositas, Kälteintoleranz: Hypothyreose

Merke

Beim Auftreten folgender Symptome spricht man von einem chronischen Müdigkeitssyndrom:

  • neu aufgetretene, über mindestens 6 Monate persistierende Müdigkeit

  • keine chronische Belastungssituation

  • durch Bettruhe nicht deutlich zu beheben

  • Ausschluss anderer klinischer Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen

  • leichtes Fieber, Halsschmerzen, LK-Schmerzen

  • unerklärte generalisierte Muskelschwäche

  • neuropsychologische Symptome, Schlafstörungen

  • kein pathognomonischer Laborbefund

Diagnostik

Anamnese
Symptome
  • Eingrenzung des Begriffs Müdigkeit: Antriebsschwäche? Objektiver Leistungsknick? Reduzierte bzw. bisherige körperliche/geistige Leistungsfähigkeit? Stimmungsabhängigkeit?

  • allgemeine Schwäche oder Schwäche einer oder mehrerer Körperregionen

  • Muskelschwäche

  • akute/chronische/intermittierende Müdigkeit

  • Progredienz

Medikamenteneinnahme
Soziale und Familienanamnese
Klinische Untersuchung
  • gründliche internistische Untersuchung

  • je nach Differenzialdiagnose: neurologische oder psychiatrische Untersuchung

Labor
  • CRP, Blutbild mit Differenzialblutbild

  • Blutzucker, Kreatinin, γ-GT, LDH, Kalium, Ferritin

  • Urinstatus

  • Haemoccult

Weiterführende Untersuchungen
  • Röntgen/CT-Thorax

  • Abdomen-Sonografie

Muskelatrophie

Definition

Lokaler oder generalisierter Masseverlust von Muskulatur. Ist der Muskel anatomisch angelegt, jedoch von vornherein unterentwickelt, spricht man von Muskelhypotrophie.
Vgl. auch Muskelhypotonie, Adynamie.

Merke

Das volle Ausmaß einer Muskelatrophie sieht man nur bei schlanken Individuen. Beim Adipösen muss man das Ausmaß des Muskelschwunds an der Schlaffheit des Hautmantels abschätzen.

Pathogenese
Inaktivitätsatrophie
Bei länger dauernder Minderbelastung des Muskels kommt es zum Abbau der Muskelmasse und Muskelkraft. Der Muskeltonus ist schwach, Sehnenreflexe sind jedoch auslösbar.
Myopathie
Der Muskel ist bei den Myopathien verschiedenster Prägung direkt vom Krankheitsprozess betroffen. Dabei kann der Muskelbefall entweder das Hauptmerkmal der Krankheit sein (z. B. progressive Muskeldystrophie) oder aber Teilsymptom einer generalisierten Affektion (z. B. Myopathie bei Malignomen).
Erkrankungen des 2. motorischen Neurons
Hierzu gehören degenerative und entzündliche Erkrankungen der Neuriten sowie Plexuslähmungen verschiedener Genese.
Erkrankungen des 1. motorischen Neurons

Ursachen

Einfache Muskelatrophie
  • Inaktivität, Schonhaltung, Ruhigstellung

  • Muskeltrauma (Ruptur, Quetschung)

  • ischämische Muskelkontraktur (z. B. Volkmann-Kontraktur)

  • Nervenverletzung

  • arthrogen (z. B. am M. quadriceps femoris bei Kniegelenksaffektion)

Myositis
  • Polymyositis, Dermatomyositis

  • interstitielle Herdmyositis (Trichinen, Toxoplasmose, Influenza, Coxsackie u. Ä.)

Polyneuritis, Polyneuropathie
  • Diabetes mellitus

  • Alkoholabusus

  • chronische Ernährungsmängel

  • Schwermetalle (Arsen, Thallium, Blei)

  • Medikamente

  • organische Lösungsmittel

  • obliterierende Gefäßerkrankungen (z. B. Periarteriitis nodosa)

  • infektiös-toxisch: nach Virusinfektionen, Guillain-Barré-Syndrom, postdiphtherisch, prinzipiell nach jedem lang dauernden Infekt

Läsion peripherer Nerven
Progressive Muskeldystrophie
  • Duchenne

  • Erb u. a.

Spinale Muskelatrophie
  • Duchenne-Aran

  • Werdnig-Hoffmann

  • Kugelberg-Welander

Systemerkrankungen des ZNS
  • amyotrophische Lateralsklerose

  • spastische Spinalparalyse

  • neurale Muskelatrophie Charcot-Marie-Tooth

Endokrine Myopathie
  • Hyper- und Hypothyreose

  • Cushing-Syndrom

  • Hyperparathyreoidismus

  • Menopause

Allgemeine Begleitsymptome

  • verminderte Muskelzeichnung

  • eingeschränkte Kraft

  • Parese (keine oder nur geringe kontraktive Kraft) oder Paralyse (keinerlei Bewegungs- und Kontraktionswirkung) der betroffenen Muskulatur

  • vermindertes Vibrationsempfinden (Frühsymptom)

Diagnoseweisende Begleitsymptome

  • Anamnese von Immobilisation, lokal begrenzte Muskelatrophie: Inaktivitätsatrophie

  • Hyperämie, livide, kühle Haut, Schweißsekretionsstörung, Parästhesien: Sudeck-Syndrom

  • distale strumpf-/handschuhförmige Missempfindungen, Kribbeln, Ameisenlaufen: Polyneuropathie

  • Vorhandensein weiterer neurologischer Symptome (peripher und zentral): neurologische Systemerkrankung

  • Burning-Feet-Syndrom, Hautverletzungen, Infektionen durch aufgehobene Schmerzempfindung: Polyneuropathie bei Diabetes mellitus

Diagnostik

Anamnese
Symptome
  • Befall lokalisiert, generalisiert, symmetrisch

  • Progredienz: langsam oder schnell

  • weitere neurologische oder zentralnervöse Störungen, Sensibilitätsstörungen

  • Hautveränderungen

  • allgem. Krankheitsgefühl, Fieber, Nachtschweiß

Begleitende Umstände
  • ursächlicher Zusammenhang der Atrophie mit einem Trauma, Operation etc.

  • Gefäßerkrankungen, Diabetes mellitus, sonstige Erkrankungen

  • Alkoholabusus

Medikamente
Familienanamnese
Klinische Untersuchung
  • Reflexstatus, Prüfung der Oberflächen- und Tiefensensibilität, Vibrationsempfinden

  • Bestimmung der Muskelkraft, Messung von Umfangsdifferenzen

  • Hautveränderungen, Gelenkfehlstellungen, Druckschmerzhaftigkeit

  • Pulsstatus

Labor
  • CRP/BSG

  • CK, LDH, Transaminasen, Blutzucker, Elektrolyte

  • ANA, Autoantikörper bei Verdacht auf Autoimmunerkrankungen

Weiterführende Untersuchungen
  • EMG

  • Sonografie

  • CT

Muskelhypotonie

Definition

Angeborene oder erworbene Verminderung des Muskeltonus.
Vgl. auch Muskelatrophie, Adynamie.

Ursachen

Primäre Muskelerkrankungen
  • benigne kongenitale Hypotonie (verläuft ohne Muskelatrophie, prognostisch günstig)

  • progressive Muskeldystrophie

  • generalisierte kongenitale Muskelhypoplasie, M. Krabbe, generalisierte Glykogenose Typ II u. a.

Erkrankung der neuromuskulären Überleitung
  • Myasthenia gravis

Erkrankung der Spinalnerven
  • Polyneuritis

  • Polyneuropathie

  • Guillain-Barré-Syndrom

Rückenmarkserkrankungen
  • Poliomyelitis

  • diffuse oder zirkumskripte Myelitis (durch Viren oder Bakterien)

  • vorübergehend bei Querschnittslähmung im Rahmen des spinalen Schocks

  • Hämatomyelie

  • spinale progressive Muskeldystrophie

Erkrankungen des Gehirns
  • Kleinhirnerkrankungen

  • Enzephalitis des Stammhirns

  • infantile Zerebralparese verschiedener Ursachen (hypotoner Typ)

  • Stoffwechselkrankheiten des ZNS (z. B. M. Tay-Sachs, metachromatische Leukodystrophie)

  • Systemerkrankungen des ZNS (z. B. Friedreich-Ataxie)

  • epileptische Enzephalopathien

  • vorübergehend nach Schädel-Hirn-Trauma

Sekundäre Schädigung des ZNS durch
  • Ernährungsstörungen (z. B. Zöliakie, Mukoviszidose)

  • Elektrolytstoffwechselstörungen (z. B. Hypokaliämie)

  • Avitaminosen (z. B. Vitamin-D-Mangel)

  • chronische konsumierende Organkrankheiten (Leberzirrhose, Urämie, Herzkrankheiten mit Herzinsuffizienz, pulmonale Erkrankungen wie Bronchiektasen)

  • endokrine Erkrankungen wie Hypothyreose

  • chronische Stoffwechselkrankheiten

Genetisch determinierte Muskelhypotonie
  • Down-Syndrom

  • Marfan-Syndrom

  • Ehlers-Danlos-Syndrom

Allgemeine Begleitsymptome

  • Leitsymptom: abnorme Beweglichkeit

  • Haltung des Patienten: schlaff, hängende Schultern, schlaksiger Gang

  • auffallend weiche Muskelkonsistenz

Diagnostik

Muskelatrophie, Adynamie.
Muskuläre Hypertonie Rigor

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