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B978-3-437-42104-4.00020-3

10.1016/B978-3-437-42104-4.00020-3

978-3-437-42104-4

Übergewicht: Schema, an dem sich der BMI ablesen lässt. [9]

Übergewicht: WHO

Tab. 53
Kategorie BMI (kg/m2)
Untergewicht < 18,5
Normalgewicht 18,5–24,9
Übergewicht > 25
Adipositas I 30–34,9
Adipositas II 35–39,9
Adipositas III > 40

Übergewicht: Differenzialdiagnosen

Tab. 54
Symptome Diagnose
Kälteintoleranz
Antriebsminderung; Interesselosigkeit
kühle, trockene, raue, gelblich-blasse Haut
Anämie: Hypercholesterinämie; BSG ↑
Hypothyreose
Hirsutismus
sekundäre Amenorrhö
polyzystische Ovarien
Stein-Leventhal-Syndrom
Heißhunger
rezidivierende Hypoglykämien, die durch kohlenhydratreiche „Zwischenmahlzeiten“ abgefangen werden
Bulimie
Insulinom
Stammfettsucht
plethorisches Mondgesicht
Stiernacken
Striae rubrae
Hirsutismus
Osteoporose
Diabetes mellitus
Hypertonie
Amenorrhö; Libido- und Potenzverlust
Morbus Cushing
Gynäkomastie; eunuchoider Hochwuchs mit Hüftadipositas
weiche, blasse Haut
Klinefelter-Syndrom

U

Übergewicht

Definitionen
Body-Mass-Index
Die Richtwerte zur Beurteilung des Körpergewichts orientieren sich heute am Body-Mass-Index (BMI). Dieser ist der Quotient zwischen Körpergewicht in Kilogramm und dem Quadrat der Körpergröße in Metern. Für die Praxis gibt es Schemata, aus denen sich der BMI sehr leicht ablesen lässt (Abb. 12). Die Richtwerte sind für Männer und Frauen identisch (Tab. 53).
Broca-Index
Zur Berechnung des Normalgewichts wurde früher die Broca-Formel verwendet. Sie gilt nur für Erwachsene mit einer Körpergröße zwischen 160 und 185 cm und besagt: Sollgewicht (in kg) = Körpergröße (in cm) minus 100. Das so berechnete Körpergewicht stimmt in etwa mit dem Durchschnittsgewicht westlicher Bevölkerungen überein.
Idealgewicht
Bislang war man davon ausgegangen, dass das Gewicht, welches laut Statistik mit der höchsten Lebenserwartung einhergeht, 10–15 % unter dem Durchschnitt liegt.
Sollgewicht
Als Sollgewicht wird von manchen Autoren das Normalgewicht nach BMI oder das nach dem Broca-Index errechnete Gewicht, von anderen das um 10–16 % darunterliegende Idealgewicht definiert.
Adipositas
Chronische Zunahme des Körpergewichts, die in verschiedene Schweregrade unterteilt wird (Tab. 53). Adipositas (= Fettsucht) geht mit einem statistisch höheren Erkrankungsrisiko einher. Sie ist ein Risikofaktor für die Manifestation von Stoffwechselerkrankungen wie Gicht und Diabetes ebenso wie für koronare Herzerkrankungen, Herzinfarkte, Schlaganfälle, Hypertonie, Störungen des Fettstoffwechsels, Gallensteine, degenerative Skeletterkrankungen u. v. m.

Merke

In Deutschland sind ca. 30 % aller Erwachsenen adipös, in USA ca. 40 %.

Fettverteilungstypen
Es gibt zwei Fettverteilungstypen. In der Praxis sind Mischformen häufig.
  • gynoider Typ: Fettansammlung überwiegend in der unteren Körperhälfte. Meist bei Frauen.

  • androider Typ (= Stammfettsucht): Fettansammlung überwiegend in der oberen Körperhälfte. Überwiegend Männer. Häufig begleitet von kardiovaskulären und metabolischen Komplikationen.

Ursachen

Vermehrte Kalorienzufuhr
Falsche Ernährungsgewohnheiten
In unserer Überflussgesellschaft scheinen bei vielen Menschen an die Stelle der physiologischen Reize von Hunger und Sättigung gewohnheitsmäßige und psychosoziale Verhaltensweisen bei der Ernährung getreten zu sein. Auch familiäre Traditionen spielen hier eine große Rolle. Dazu kann man bei vielen Adipösen neben der gestörten Appetitregulation noch eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur erkennen: Sie essen, um Unlustempfindungen abzuwehren, und fühlen sich dann psychisch ausgeglichener. Die Empfindung „Hunger“ wird also hauptsächlich von der psychovegetativen Stimmungslage gelenkt. Das daraus resultierende krankhafte Essverhalten mit gesteigertem Hunger und herabgesetzter Sättigungsempfindung kann sich verschieden äußern:
  • Die Patienten verspüren „anfallsartig“ großen Hunger und nehmen große Nahrungsmengen auf.

  • Die Patienten haben ständig Hunger (Daueresser).

  • Während der Mahlzeiten tritt anstelle eines Sättigungsgefühls starker Appetit auf, sodass die Patienten immer weiter essen.

  • Appetit tritt vor allem abends oder nachts auf, während am Morgen ein eher reduziertes Nahrungsbedürfnis besteht.

Da die seelische Stabilität der Fettsuchtkranken vom Essen abhängt, verdrängen sie häufig dieses Thema, klammern es im Gespräch mit dem Arzt aus, verleugnen ihre übermäßige Nahrungszufuhr auch vor sich selber oder machen äußere Faktoren dafür verantwortlich. Ihre seelische Instabilität und Depressivität zwingt sie zu essen, oftmals liegt geradezu eine suchtartige Bindung an die „Droge“ Essen vor. Bei Abmagerungskuren andererseits treten die durch das Essen kompensierten Unlustempfindungen verstärkt zutage (Diätdepression).

Merke

Mehr als 95 % der Fälle von Adipositas sind auf Überernährung zurückzuführen.

Psychogen
Bulimia nervosa
übermäßige, unkontrollierte Nahrungsaufnahme wechselt mit Fasten, daneben Erbrechen, Laxanzienabusus und Diuretikamissbrauch
Endokrine Störungen
Überfunktion der Hypophyse
Überfunktion der Nebennierenrinde
Unterfunktion der Schilddrüse
Das Übergewicht ist selten ausgeprägt und tritt oft trotz gestörten Appetits auf. Es ist hauptsächlich durch Wasserretention und körperliche Inaktivität bedingt.
Morbus Cushing
Der Fettsansatz tritt vorwiegend am Stamm bei grazilen Gliedern auf. Bei der Differenzialdiagnose zur Adipositas simplex steht also weniger das Übergewicht, welches oft nur mäßig ist, als die gestörte Fettverteilung im Vordergrund. Typisch für den Aspekt der Kranken sind weiterhin:
  • ein rundes pausbackiges gerötetes Gesicht mit prallem Doppelkinn („Vollmondgesicht“)

  • Stiernacken

  • Hirsutismus und Akne

  • rotviolette breite Striae vor allem an seitlichen und vorderen Bauchpartien, Gesäß und Oberschenkeln

Unterfunktion der Ovarien
Stein-Leventhal-Syndrom (PCO-Syndrom)
Diagnostisch ist die Trias:
  • doppel- oder einseitig vergrößerte, polyzystische Ovarien

  • Amenorrhö oder Oligomenorrhö

  • Sterilität

Klimakterium
Die Menopause tritt durchschnittlich zwischen dem 48. und 52. Lebensjahr ein. Unter klimakterischen Beschwerden leiden ein bis zwei Drittel aller Frauen. Während in der Prämenopause vor allem dysfunktionelle Blutungen auftreten, stehen in der Postmenopause vegetative und psychische Störungen im Vordergrund wie
  • Schweißausbrüche, Hitzewallungen, Kälteschauer

  • Herzklopfen, pektanginöse Beschwerden

  • Angstgefühle, Schlaflosigkeit

  • Antriebsschwäche, Abnahme der Leistungsfähigkeit

  • Depression, Stimmungslabilität und Reizbarkeit

Überfunktion des Pankreas
Beim organischen Hyperinsulinismus entsteht die Fettsucht sowohl durch eine abnorme Nahrungsaufnahme während der hypoglykämischen Zustände als auch durch die den Fettansatz begünstigende Insulinwirkung.
Pubertätsfettsucht
Beginnt nicht selten schon vor dem 10. Lebensjahr und wird ausgelöst bzw. gefördert durch Störungen des seelischen und endokrinen Gleichgewichts in dieser Lebensphase.
Bei Knaben
Bei Knaben stellt sich öfter die Differenzialdiagnose zur Dystrophia adiposogenitalis, weil die Adipositas häufig mit einem scheinbaren Hypogenitalismus verbunden ist: Die Pubertät tritt relativ spät ein und bis dahin scheint das in Fett vergrabene Genitale, insbesondere in Relation zu dem massigen Körper, relativ klein. Verbreiterte Hüften und Fettbrüste vermitteln außerdem einen femininen Eindruck.
Bei Mädchen
Die Mädchen wirken älter als sie sind. Knochenwachstum und sexuelle Reifung sind bei ihnen beschleunigt.
Verschiedene Syndrome
  • Prader-Labhardt-Willi-Syndrom

  • Laurence-Moon-Biedl-Bardet-Syndrom

  • Morgagni-Stewart-Morel-Syndrom

Lokalisierte Fettsucht
  • Lipomatose

  • Madelung-Fetthals

  • regionale Fettsucht bei Frauen

Medikamente
  • Thyreostatika

  • Steroide

  • Gestagene

  • Insulin

  • zerebral dämpfende Pharmaka u. a.

Lokalisierte Fettsucht
Lipomatose
Die multiplen Lipome können gelegentlich recht schmerzhaft sein: Lipomatosis dolorosa (M. Dercum), eine Erkrankung, die vor allem Frauen im Klimakterium befällt.
Madelung-Fetthals Steatopygie
Ausgedehnte symmetrische Lipomatose an Hals und Rücken. Starker Fettansatz an Hüften- und Oberschenkeln bei Frauen, dem ein schlanker Oberkörper gegenübersteht. Bei Abmagerungskuren nehmen obere und untere Körperhälfte ab, sodass das Gesicht bereits runzlig sein kann, während die untere Körperhälfte immer noch dick ist.

Diagnoseweisende Begleitsymptome

Diagnostisch wegweisende Begleitsymptome bei sekundärer Adipositas sind abhängig von der Ursache (Tab. 54).

Diagnostik

Anamnese
Ernährungsanamnese
Die Erhebung einer detaillierten Ernährungsanamnese ist unerlässlich, kann sich jedoch aufgrund der Negierungstendenzen vieler Fettsuchtkranker oft schwierig gestalten.
Beginn der Gewichtszunahme
Der Zeitpunkt, zu dem die Adipositas begonnen hat, sollte, wenn irgend möglich, bestimmt werden. Oft ist dies anhand alter Fotos möglich, anhand derer man auch den Verlauf der Gewichtszunahme ganz gut beurteilen kann. Häufig fällt die Gewichtszunahme zusammen mit Änderungen der Lebensumstände, psychischen Belastungen, Schwangerschaft, Klimakterium, Einnahme von Medikamenten etc.
Familienanamnese
Wichtig ist eine genaue Familienanamnese bezüglich des Auftretens der Adipositas bei anderen Familienmitgliedern. Das familiäre Vorkommen der Adipositas beruht allerdings häufig weniger auf der ererbten Konstitution als auf gleichartigen Essgewohnheiten und psychosozialen Verhaltensweisen.
Begleitsymptome
Obwohl in den wenigsten Fällen andere Ursachen als eine vermehrte Kalorienzufuhr für die Fettsucht verantwortlich sind, ist stets nach den entsprechenden Symptomen zu fragen (s. o.).
Komplikationen, Hinweise auf häufig assoziierte Erkrankungen
Da die Lebenserwartung Adipöser durch viele assoziierte und/oder Folgeerkrankungen deutlich reduziert ist, sind bei der Diagnostik bereits die möglichen Komplikationen der Adipositas wie Diabetes mellitus Typ II, Hypertonie, Herzinfarkt, Schlaganfall, Gelenkerkrankungen, Gallensteine mit den entsprechenden Fragen und Untersuchungen zu berücksichtigen.
Klinische Untersuchung
Gewicht
Im Normalfall ist die Diagnose der Adipositas eine Blickdiagnose, die durch die Bestimmung des BMI quantifiziert wird.
Hautfaltendicke
Bei muskulösen Menschen oder Kindern kann in Zweifelsfällen die Hautfaltendicke als weiterer Parameter herangezogen werden. Sie wird durch Abhebung je einer Hautfalte an Oberarm (posterior), Rücken (unterhalb des Schulterblatts) und Rumpf (oberhalb der Crista iliaca in der mittleren Axillarlinie) bestimmt. Die Hautfalte an Bauch und Rücken sollte nur wenig dicker sein als die am Oberarm, was nur bei schlanken Patienten erreicht wird.
Fettverteilung
Des Weiteren ist bei der Untersuchung auf die Fettverteilung zu achten (android, gynoid).
Striae
Striae finden sich bei vielen adipösen Patienten, treten aber bei diesen im Gegensatz zum M. Cushing auch an den Oberarmen auf.
Begleitkrankheiten
Daneben ist wie bei der Anamneseerhebung stets auch an die möglichen Komplikationen der Adipositas zu denken und der Patient daraufhin zu untersuchen (Blutdruckmessung, Gefäßauskultation etc.).
Weiterführende Diagnostik
  • Laborchemische Parameter spielen weniger bei der Adipositasdiagnostik als bei der Diagnostik ihrer Komplikationen eine Rolle. Schilddrüsenfunktion und sonstige endokrinologische Diagnostik je nach klinischer Konstellation.

  • Im Blut erhöht sind oft Fette, Harnsäure, Nüchternzucker, Insulin.

Untergewicht

Definitionen

Von Untergewicht = Magerkeit spricht man bei einem Körpergewicht von 80–95 % des Sollgewichts (Übergewicht).
Kachexie
Auszehrung, Kräfteverfall, schlechter Ernährungszustand. Körpergewicht von unter 80 % des Sollgewichts.

Merke

Lebensgefährlich ist ein Untergewicht niedriger als 50 % des Sollgewichts.

Gewichtsverlust
Minderung des Körpergewichts unabhängig vom Ausgangsgewicht.

Merke

Jeder nicht bewusst oder durch eine erklärbare Erkrankung hervorgerufene Gewichtsverlust stellt ein ernst zu nehmendes und abklärungsbedürftiges Symptom dar!

Ursachen

Magerkeit entsteht durch eine negative Energiebilanz. Diese ist in den Industrieländern nur in den seltensten Fällen auf ein mangelndes Nahrungsangebot infolge wirtschaftlicher Not zurückzuführen, sondern meist sind dafür einzeln oder kombiniert folgende Faktoren verantwortlich zu machen:
Reduzierte Nahrungsaufnahme
Appetitlosigkeit
Essstörung
Anorexia nervosa, Bulimia nervosa.
Diätetische Maßnahmen
  • Abmagerungskuren

  • kochsalzfreie Ernährung

  • Mangelernährung infolge extrem einseitiger Essgewohnheiten

Dysphagie
  • benigne und maligne Erkrankungen von Ösophagus und Magen

  • neurologische Erkrankungen

  • Dysphagie

Gestörte Nahrungsausnutzung
Maldigestion
Bei mangelhafter Enzym- und/oder Gallensekretion, z. B.
  • nach Magenresektion

  • bei chronischer Pankreatitis

  • bei hepatobiliären Erkrankungen

Malabsorption
Störung der Aufnahme der Nahrungsspaltprodukte aus dem Darmlumen in Blut und Lymphbahnen bei
  • gestörter Digestion

  • Schleimhauterkrankungen (M. Crohn, Zöliakie)

  • verminderter Absorptionsfläche nach Dünndarmresektion

  • verminderter Kontaktzeit (z. B. beim Karzinoidsyndrom)

  • Störung der mesenterialen Blut- und Lymphabflussbahnen (malignes Lymphom, Angina abdominalis)

Wurmbefall
Erbrechen
Hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ursachen; Erbrechen.
Intestinale Erkrankungen
Zum Beispiel Pylorusstenose, alkoholische Gastritis, Pankreatitis, Stenosen und Divertikel des Ösophagus.
Neurogen
Hirndruck, M. Menière.
Psychogen
Anorexia nervosa, neurotisches Erbrechen, Bulimie.
Medikamentös
Digitalisüberdosierung.
Endokrinium/Stoffwechsel
Urämie, M. Addison.
Diarrhö
Hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ursachen; Diarrhö.
Intestinale Erkrankungen
Zum Beispiel Magen- oder Darmresektionen, Fisteln, alle Ursachen, die zu Maldigestion bzw. Malabsorption führen können (s. o.).
Psychogen
Endokrinium/Stoffwechsel
Hyperthyreose, Hypokalzämie, diabetische Enteropathie, Karzinoidsyndrom.
Enzymal
Laktasemangel.
Schwere Organkrankheiten
Zum Beispiel Urämie, Leberzirrhose, AIDS, Tbc, Emphysem, Bronchiektasien, Endocarditis lenta, Brucellose.
Katabole Stoffwechsellage
Bei Malignomen aller Art, nach schweren Traumen oder Operationen. Aus unklaren Ursachen kann ein Gewichtsverlust bei Malignomen bereits in sehr frühen Stadien auftreten.
Störungen von Stoffwechsel und Endokrinium
Zum Beispiel entgleister Diabetes mellitus, Hyperthyreose (erhöhter Grundumsatz), Hypophysenvorderlappen- und Nebennierenrindeninsuffizienz.
Chronische Intoxikationen
Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Gewerbegifte, Bleikachexie.
Fehlernährung
Zum Beispiel extreme Diäten, Kwashiorkor.

Merke

Bei der Magerkeit und ihrem Extremzustand, der Kachexie, handelt es sich um ein sehr komplexes und variables Krankheitsbild, das geprägt oder überlagert werden kann durch mannigfaltige Begleitkrankheiten. Diese können wiederum entweder Ursache oder Folge der Mangelernährung sein.

Diagnoseweisende Begleitsymptome

  • Gewichtsabnahme ohne Leistungsknick, evtl. begleitet von psychischen Erkrankungen wie Angst- oder Zwangsstörung sowie Depression: Anorexia nervosa

  • rascher Gewichtsverlust: Infektion

  • schleichender Gewichtsverlust in mittlerem bis hohem Lebensalter: okkultes Neoplasma

  • Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen: psychische Ursachen

  • Durchfälle: Malabsorption

  • Gewichtsverlust trotz vermehrter Essensaufnahme: Hyperthyreose, Diabetes mellitus, chronische Pankreasinsuffizienz

  • Gewichtsschwankungen, weibliches Geschlecht, Fixierung auf Gewicht und Ernährung, sportliche Aktivität: Bulimia nervosa

Praxistipp

Screeningfragen bei Essstörungen

  • Sind Sie mit Ihrem Gewicht zufrieden?

  • Schwankt Ihr Gewicht?

  • Denken Sie oft über Essen und Ernährung nach?

  • Fühlen Sie sich manchmal „voll“ und müssen sich übergeben?

  • Ist Ihre Figur wichtig für Ihr Selbstwertgefühl?

Merke

Bei jungen Frauen ist die Diagnose einer Anorexia nervosa wegen des Untergewichts leichter zu stellen als die einer leicht- oder mittelgradig ausgeprägten Bulimie.

Diagnostik

Anamnese
Gewichtsverlust
Neben dem absoluten Gewichtsverlust ist die Geschwindigkeit von Bedeutung, in der die Gewichtsabnahme erfolgte. Je schneller dies geschah, desto wahrscheinlicher wird eine organische Ursache. Wichtig ist die Frage nach den Ernährungsgewohnheiten, der aufgenommenen Nahrungsmenge sowie nach dem Appetit bzw. der Appetitlosigkeit. Oft benötigt man hierzu die Angaben von Angehörigen.
Begleitsymptome
Viele Patienten geben einen starken Gewichtsverlust bei im Wesentlichen unveränderter Nahrungszufuhr an. Oft weisen hier andere Symptome auf die Diagnose hin.
  • Schluckstörungen (Dysphagie)

  • Blähungen (Meteorismus)

  • abdominale Beschwerden (Bauchschmerz)

  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten

  • Fieber

  • Stuhlgang (Frequenz, Konsistenz, Geruch, Farbe, Fettstühle; Diarrhö, Obstipation)

Medikamenteneinnahme
Systemübersicht
Aus einer konsequent abgefragten Systemübersicht, zu der auch die orientierende psychische Exploration gehört, ergeben sich evtl. Anhaltspunkte auf die vorliegende Störung.
Häufig mit Gewichtsverlust assoziierte Symptome sind
  • Müdigkeit, Schwächegefühl

  • Reizbarkeit, Interesselosigkeit, depressive Verstimmungszustände

  • Verlust von Libido und Potenz sowie Amenorrhö (meist sekundär) oder Infertilität

  • hartnäckige Obstipation

  • Polyurie, Nykturie

Die intellektuellen Fähigkeiten sind erst im Endstadium einer Kachexie eingeschränkt.
Klinische Untersuchung
Haut
Eine chronische Kachexie verläuft charakteristischerweise unter dem Bild einer Exsikkose. Die Haut ist atrophisch, trocken, schuppend, die Schleimhäute erscheinen minderdurchblutet und ebenfalls atrophisch. Mundwinkelrhagaden weisen auf einen Mangel an Eisen, Vitamin B2 oder Nicotinsäureamid hin, Brüchigkeit der Nägel auf einen Vitamin-A-Mangel. Man achte auf Pyodermien und Haarausfall.
Ödeme
Ödeme können Ausdruck einer Hypalbuminämie sein. Sie treten auch bei Vitamin-C-Mangel als Folge einer herabgesetzten Kapillarresistenz auf.
Puls, Blutdruck
Hypotonie und Bradykardie sind häufig.
Leber
Eine Hepatomegalie kann bei Alkoholismus oder Kwashiorkor auftreten.
Neurologische Symptome
Als Folge von Elektrolytstörungen sowie Vitamin-B6- und -B12-Mangel können Paresen, Sensibilitätsstörungen oder Tetanie auftreten.
Labor
Eiweiß
Typisch ist ein Eiweißmangel mit einem Gesamteiweiß unter 5 g/100 ml bzw. Albumin unter 2 g/100 ml, wobei eine Senkung des Albuminspiegels um 1 g/dl einen Verlust von 1.200–1.500 g Körperprotein signalisiert. Meist bleibt das normale Verteilungsmuster in der Serumproteinelektrophorese noch lange Zeit erhalten.
Blutbild
Ein sehr häufiger Befund ist eine Anämie.
Elektrolyte
Hypokaliämie und Hypokalzämie sind häufig.
Ferritin
Oft erniedrigt.
Harnsäure
Oft erhöht.
pH
Metabolische Azidose.
Urin
Acetonurie. Die Harnstoffausscheidung kann erniedrigt (niedrige Proteinaufnahme) oder erhöht (akute katabole Stoffwechsellage) sein.
Quick-Wert
Erniedrigt infolge Vitamin-K-Mangels.
Enzyme
Der Serumspiegel einiger Enzyme, z. B. Cholinesterase, alkalische Phosphatase, Amylase kann wegen des Proteinmangels erniedrigt sein.

Merke

Gewichtsverlust bzw. sein Resultat, Magersucht oder Kachexie, ist ein sehr vielgestaltiges und daher vages Symptom, das als solches keinerlei unmittelbaren Schluss auf die zugrunde liegende Ursache erlaubt. Das Gewicht der meisten Menschen bleibt über lange Zeiträume hinweg erstaunlich konstant, wobei mit zunehmendem Alter eine Tendenz zur Gewichtszunahme besteht, die bei Frauen nach der Menopause oft ausgeprägt sein kann. Deshalb sollte jeder unklare Gewichtsverlust von mehr als 5 % des Ausgangsgewichts vom Arzt ernst genommen werden. Da in unserer Gesellschaft die Mehrheit der Bevölkerung eher übergewichtig ist, fällt ein Gewichtsverlust meist auf – wenn nicht dem selbst Betroffenen, so doch seiner Umgebung – und führt den Patienten zum Arzt.

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