© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-42385-7.00017-7

10.1016/B978-3-437-42385-7.00017-7

978-3-437-42385-7

Zellen des disseminierten neuroendokrinen Systems. a Zwei angeschnittene S-S-ZelleZellen mit Sekretinproduktion im Epithel einer Duodenalzotte (braun). Immunperoxidase-Reaktion für Sekretin. Differenzial-Interferenz-Kontrast-Optik, Vergr. 400-fach; b Elektronenmikroskopie:enterochromaffine ZelleElektronenmikroskopie einer enterochromaffinen Zelle:enterochromaffineZelle (mit Serotoninproduktion). Im Zytoplasma findet sich eine große Zahl von Sekretgranula mit elektronendichter Matrix (K = Zellkern). Vergr. 5000-fach.

Hilusnaher, teilweise intrabronchialer neuroendokriner Lunge:neuroendokrine NeoplasieTumorTumor:neuroendokriner der Lunge (Pfeile).

Neuroendokrine Magen:neuroendokrine NeoplasieTumorenTumor:neuroendokriner des Magens. a Großer, solitärer neuroendokriner Tumor des Magens (größter Durchmesser 11 cm); b Multiple, kleine neuroendokrine Tumoren des Magenkorpus (Pfeile) bei chronisch atrophischer Korpusgastritis mit ECL-Hyperplasie; c Kleiner, neuroendokriner Tumor G1 in der Magenkorpusschleimhaut. Immunzytochemische Darstellung (Avidin-Biotin-Komplex-Methode) für Chromogranin, Vergr. 100-fach.

Neuroendokriner Ileum:neuroendokrine NeoplasieTumorTumor:neuroendokriner des Ileums. a Die Schnittfläche ist gelb. Der Tumor (größter Durchmesser 3 cm) durchwächst die Ileumwand, deren Muskulatur weitgehend zerstört und durch Tumor- und Bindegewebe ersetzt ist (weiß). Der Tumor zieht die Ileumwand ein und breitet sich lymphogen in der Schleimhaut aus (gelbes Knötchen links vom Tumor, Pfeil). Es besteht bereits eine Lymphknotenmetastase (der Ileumwand anhängendes Gewebe). b Adenomatös solider Bau, monomorphes Zellbild. Konzentration eosinophiler neurosekretorischer Granula am Sekretionspol der Tumorzellen. HE, Vergr. 1000-fach. c Immunhistochemischer Nachweis von Chromogranin Chromogranin A:neuroendokrine NeoplasieA im Zytoplasma (eigentlich in der Matrix der Sekretgranula) vieler Tumorzellen (Reaktionsprodukt: braun). Chromogranin A wird von vielen neuroendokrinen Zellen produziert und dient daher als allgemeiner Marker neuroendokriner Zellen. Vergr. 1000-fach. d Produktion von Substanz Substanz P:neuroendokrine NeoplasieP. Immunzytochemische Lokalisierung von Substanz P (braunes Reaktionsprodukt). Vergr. 1000-fach.

Appendix:neuroendokrine NeoplasieNeuroendokriner TumorTumor:neuroendokriner G1 der Appendix. a Makroskopischer Aspekt des Tumors mit gelber Schnittfläche. Seine Begrenzung ist teilweise unscharf; b Der Tumor besteht aus dicht liegenden kleinen Zellgruppen, füllt das Lumen und treibt die Appendix auf. HE, Vergr. 4fach.

Neuroendokriner Pankreas:neuroendokrine NeoplasiePankreastumorNeoplasie:neuroendokrine. a Gut abgegrenzter, großer Tumor im Pankreaskörper (Pfeilspitzen); b Kleiner endokriner Pankreastumor mit solidem histologischem Muster. HE, Vergr. 100-fach; c Immunhistochemischer Nachweis von Glukagon:ImmunhistochemieGlukagon (braunes Reaktionsprodukt) in einem endokrinen Pankreastumor. Vergr. 100-fach.

Produktionsort und Wirkung wichtiger gastrointestinaler und pankreatischer Hormone.SomatostatinSomatostatinSekretinRektum:HormonbildungPolypeptid:pankreatischesPeptid YYPankreas:HormonbildungNeurotensinMotilinMagen:HormonbildungKolon:HormonbildungJejunum:HormonbildungInsulinIleum:HormonbildungHormon:pankreatischesHormon:gastrointestinalesGlukagonGlukagonGastringastric inhibitory polypeptideDuodenum:HormonbildungCholezystokinin

Tab. 17.1
Zelle Peptid Hauptsächliche Wirkung Lokalisation
Magenfundus Magenantrum Duodenum Jejunum Ileum Kolon Rektum Pankreas
G Gastrin Stimulation der Magensäuresekretion +
D Somatostatin Hemmung endokriner Zellen + + + + + + +
S Sekretin Stimulation der Bikarbonatsekretion des Pankreas + +
I Cholezystokinin Stimulation der Enzymsekretion des Pankreas + +
K gastric inhibitory polypeptide Stimulation der Insulinsekretion + +
M Motilin Stimulation der Motilität des Darms + +
N Neurotensin Blutdrucksenkung +
EG Glukagon Stimulation der Proliferation der Darmschleimhaut + + +
EG Peptid YY Hemmung der Magensäuresekretion und der Darmmotilität + + +
B Insulin Regulation des Blutzuckers +
A Glukagon Regulation des Blutzuckers +
D Somatostatin Hemmung endokriner Zellen +
PP pankreatisches Polypeptid Hemmung der endokrinen Pankreassekretion +

Kriterien zur Beurteilung der Prognose eines neuroendokrinen Tumors.

Tab. 17.2
malignes Verhalten wahrscheinlich bei folgenden Befunden
Durchmesser > 1cm∗∗ bzw. > 2 cm∗∗∗
Gewebeinvasion Invasion der Muscularis propria oder umgebender Organe
Gefäßeinbrüche Invasion von Lymph-/Blutgefäßen
Mitosen über 2 Mitosen/10 HPF
Proliferationsindex über 2% MIB-1-Proliferationsmarker

entscheidende Kriterien;

∗∗

Magen, Dünndarm;

∗∗∗

Appendix, Kolon/Rektum, Pankreas; HPF: high power field (x 400)

Kriterien zur Beurteilung eines neuroendokrinen Pankreastumors.

Tab. 17.3
malignes Verhalten wahrscheinlich bei folgenden Befunden
Durchmesser > 2 cm
Funktion hormonell aktiv (außer Insulinom)
Gewebeinvasion Invasion in umgebende Organe
Gefäßeinbrüche Invasion in Lymph-/Blutgefäße
Mitosen über 2 Mitosen/10 HPF
Proliferationsindex über 2% MIB-1-Proliferationsmarker

HPF: high power field (x 400)

Disseminiertes neuroendokrines System

P. Komminoth

A. Perren

In der Vorauflage unter Mitarbeit von G. Klöppel

  • 17.1

    Normale Struktur und Funktion343

  • 17.2

    Nichtneoplastische Veränderungen345

    • 17.2.1

      Magen345

    • 17.2.2

      Endokrines Pankreas345

  • 17.3

    Neoplasien345

    • 17.3.1

      Neoplasien des Bronchialsystems, des Magen-Darm-Trakts, des Urogenitaltrakts und der Haut345

    • 17.3.2

      Neoplasien des Pankreas348

Zur Orientierung

Dieses System umfasst alle neuroendokrinen Zellen, die verstreut in Lunge, Magen, Darm, Pankreas, Urogenitalsystem und Haut liegen. Sie bilden keine isolierten, kompakten Organe oder Gewebeformationen. Trotz ihrer unterschiedlichen Lokalisationen bilden sie aufgrund gemeinsamer struktureller (neuroendokrine Sekretgranula), biochemischer (neuroendokrine Marker) und funktioneller Merkmale und Interaktionen eine vernetzte Einheit. Zur Identifizierung neuroendokriner Zellen und Tumoren setzt man neuroendokrine Marker wie Synaptophysin und Chromogranine ein.

Die häufigsten und schwerwiegendsten Erkrankungen des disseminierten neuroendokrinen Systems sind Tumoren. Diese neuroendokrinen Tumoren verursachen einerseits durch ihre Raumforderung lokale Symptome. Anderseits führen eine Reihe neuroendokriner Tumoren – insbesondere des Gastrointestinaltrakts und des Pankreas – infolge ihrer Hormonsekretion zu charakteristischen Syndromen, beispielsweise zum Karzinoidsyndrom, zur Hypoglykämie oder zum Zollinger-Ellison-Syndrom.

Die Diagnostik umfasst eine gründliche klinische Untersuchung und insbesondere eine Bestimmung der Serumkonzentration evtl. beteiligter Hormone sowie bildgebende Verfahren.

Die Pathologie muss die Art einer Läsion, den endokrinen Phänotyp sowie Prognose und Ausdehnung festlegen und die Hormonproduktion definieren. Dazu gehört die immunhistochemische Aufarbeitung der Proben und bei Erblichkeit eine molekularbiologische Untersuchung auf Keimbahnmutationen des MEN-1-Gens (Kap. 18.1, Kap. 18.2).

Normale Struktur und Funktion

Die Zellen des disseminierten neuroendokrinen Systems sind wahrscheinlich terminale Differenzierungen ortsständiger Stammzelle:disseminiertes neuroendokrines SystemStammzellen. Sie produzieren biogene Amine und Peptide (Hormone und Transmittersubstanzen; Abb. 17.1a) und speichern diese in membranbegrenzten Granula, die einen elektronendichten Kern besitzen. Diese Sekretgranula verleihen den Zellen ihr charakteristisches ultrastrukturelles Bild (Abb. 17.1b). Durch immunhistochemischen Nachweis von neurosekretorischen Peptiden lassen sich die neuroendokrinen Zellen identifizieren und typisieren (Tab. 17.1). Gegenwärtig werden im Bronchialsystem, in Pankreas, Magen-Darm- sowie Urogenitaltrakt mindestens 15 Zelltypen unterschieden. Für viele der von ihnen produzierten Peptidhormone ist die physiologische Funktion bekannt (z.B. Gastrin, Sekretin, Cholezystokinin); bei einigen (z.B. Somatostatin) besteht jedoch noch Unklarheit.
Durch Sekretion in das Interstitium werden auf parakrinem Weg (z.B. Somatostatin) benachbarte Zielzellen direkt und über der Blutbahn auf endokrinem Weg entfernte Zielzellen (z.B. durch Gastrin) indirekt erreicht.
Die Langerhans-Langerhans-InselInseln des Pankreas bestehen zu 60–70% aus Insulin:disseminiertes neuroendokrines SystemInsulin produzierenden Zellen (B-Zellen, β-Zellen) und zu 20–25% aus Glukagon:disseminiertes neuroendokrines SystemGlukagonzellen (A-Zellen, α-Zellen). Die übrigen Zellen bilden Somatostatin:disseminiertes neuroendokrines SystemSomatostatin (D-Zellen, δ-Zellen) oder pankreatisches PolypeptidPolypeptid:pankreatisches (PP-Zellen). Die Insulin- und Glukagonsekretion wird antagonistisch über den Glukosespiegel im Blut reguliert. Insulin fördert den Glukosestoffwechsel in der Leber und die Glukoseaufnahme in die Fett- und Muskelzellen. Glukagon stimuliert die hepatogene Glukosebereitstellung. Somatostatin hemmt die Sekretion von Insulin (und vieler anderer Hormone), PP die durch Sekretin und Cholezystokinin stimulierte Abgabe des Pankreassekrets. Alle Pankreashormone gelangen über das Pfortadersystem zuerst in die Leber und von dort aus in den großen Kreislauf.

Nichtneoplastische Veränderungen

Magen

Gastrin und Histamin stimulieren die Salzsäuresekretion der Parietalzellen im Magenkorpus. Gastrin stimuliert auch die Histaminsekretion durch ECL-Zellen (Histamin produzierende „enterochromaffin cell-like cells“).
Eine Vermehrung der ECL-Zellen im Magenkorpus findet sich bei chronisch atrophischer Korpusgastritis im Rahmen einer perniziösen Anämie mit autoimmuner Zerstörung der Parietalzellen, welche Magensäure und Intrinsic-Faktor bilden. Da unter hypoaziden Bedingungen die Sekretion der gastrinproduzierenden G-Zellen im Magenantrum stimuliert wird, kommt es zu einer HypergastrinämieHypergastrinämie und G-Zell-Magen:G-Zell-HyperplasieG-Zell-HyperplasieHyperplasie. Gastrin fördert seinerseits das Wachstum der ECL-Zellen, sodass es zu einer diffusen und später nodulären ECL-Zell-Magen:ECL-Zell-HyperplasieECL-Zell-HyperplasieHyperplasie im Magenkorpus kommt, aus der nach langjährigem Bestehen Tumoren hervorgehen können (Kap. 17.3.1).
Im zurückgelassenen Antrumrest nach Billroth-II-Resektion kann sich wegen der fehlenden Feedback-Suppression durch Magensäure ebenfalls eine G-Zell-Hyperplasie entwickeln.

Endokrines Pankreas

Nichtneoplastische Veränderungen gehen mit einem Diabetes mellitus (Kap. 47.3.2) oder einer Hypoglykämie einher (s.u.).
Hyperinsulinämische Hypoglykämie
Hypoglykämie:hyperinsulinämischeDefinitionDas persistierende Hypoglykämiesyndrom beruht auf einem organischen HyperinsulinismusHyperinsulinismus. Seine Ursache ist bei Erwachsenen nahezu immer ein insulinproduzierender Tumor (Insulinom:HypoglykämieInsulinom, Kap. 17.3.2), bei Neugeborenen dagegen eine funktionelle Schädigung der B-Zelle (NesidioblastoseNesidioblastose). Die Nesidioblastose ist charakterisiert durch Inseln mit hypertrophierten B-Zellen. Diese Inseln finden sich entweder im gesamten Pankreas (diffuse Nesidioblastose) oder beschränken sich auf einen Lobulus (fokale Nesidioblastose).

Ätiologie und Pathogenese

Die bei der Nesidioblastose auftretende dysregulierte Insulinproduktion und sekretion beruht auf mutationsbedingten Membranveränderungen der B-Zelle.

Morphologie

Bei der diffusen oder fokalen Nesidioblastose enthalten die Inseln typischerweise große, Insulin produzierende B-Zellen mit hyperchromatischen Kernen sowie hellem Zytoplasma.

Molekularpathologie

Chromosom:11Die Punktmutationen bei der Nesidioblastose liegen auf Chromosom 11p15.1–p14 bzw. 11p15.1 (autosomal rezessiver Erbgang) und betreffen den Sulfonylharnstoff-Rezeptor (SUR) oder ein Protein (KCNJ11) des ATP-sensitiven Kaliumkanals. Beide Proteine liegen in der Membran der B-Zellen. Die veränderten Proteine erlauben einen ständigen Kalziumeinstrom in die B-Zellen, wodurch es zu einer permanenten und vom Glukosespiegel unabhängigen Stimulation der Insulinsekretion kommt.

Sulfonylharnstoff-Rezeptor
Klinische RelevanzDas persistierende hyperinsulinämische Hypoglykämiesyndrom führt bei Neugeborenen zu Bewusstlosigkeit, Krämpfen und, wenn nicht adäquat behandelt, zu schweren neurologischen Ausfällen. Der Hyperinsulinismus bei fokaler Nesidioblastose wird durch Exzision des vergrößerten Lobulus aus dem Pankreas behoben. Bei diffuser Nesidioblastose hilft meist nur eine subtotale Resektion.

Neoplasien

Neoplasien des Bronchialsystems, des Magen-Darm-Trakts, des Urogenitaltrakts und der Haut

Neoplasie:neuroendokrineTerminologieAlle Tumoren des disseminierten neuroendokrinen Systems wurden früher als Karzinoide Karzinoid:Definitionbezeichnet. Da diese Bezeichnung viele Missverständnisse zwischen Pathologen und Klinikern (die unter Karzinoiden oft nur die Tumoren mit Karzinoidsyndrom verstehen) hervorgerufen hat, wurde sie durch den Ausdruck der neuroendokrinen Neoplasie ersetzt. Der Begriff des APUDoms ist APUDomebenfalls, wie derjenige des APUD-Zell-Systems (alte Bezeichnung für disseminiertes neuroendokrines System), überholt.
In der neusten WHO-Klassifikation wird der Differenzierungsgrad der Neoplasien in die Nosologie einbezogen und zwischen neuroendokrinen Tumoren (G1 Tumor:neuroendokrineroder G2) und neuroendokrinen Karzinomen (vom Karzinom:neuroendokrineskleinzelligen oder großzelligen Typ) unterschieden. Die gemischten Neoplasien werden als adenoneuroenokrine Karzinome Karzinom:adenoneuroenokrinesbezeichnet.
Seit neuestem werden neuroendokrine Neoplasien auch im TNM-System als eigene Tumorgruppe berücksichtigt und basierend auf den in Tab. 17.2 erwähnten Kriterien eingeteilt.
DefinitionAlle neuroendokrine Tumoren sind potenziell maligne und zeigen je nach Lokalisation, Größe, Infiltrationstiefe und Differenzierungsgrad ein unterschiedliches klinisches Verhalten. Die langsam wachsenden Tumoren sind meist gut differenziert, die schlecht differenzierten neuroendokrinen Karzinome verhalten sich oft hochmaligne (z.B. kleinzelliges Lungenkarzinom).
EpidemiologieDie neuroendokrinen Neoplasien machen insgesamt ca. 2% aller malignen Neoplasien aus. Sie treten in allen Altersklassen bei Männern und Frauen ungefähr gleich häufig auf, finden sich jedoch überwiegend im höheren Lebensalter.

Ätiologie und Pathogenese

Für die meisten Neoplasien des neuroendokrinen Systems sind Ätiologie und Pathogenese unbekannt. Für spezielle Lokalisationen und Tumortypen sowie bei erblichen Syndromen spielen jedoch folgende Faktoren eine Rolle:

  • Exogene Kanzerogene:neuroendokrines LungenkarzinomKanzerogene (z.B. Benzpyrene im Zigarettenrauch) spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung des kleinzelligen neuroendokrinen Lungenkarzinoms (Kap. 24.9.2). Für die gut differenzierten neuroendokrinen Tumoren sind keine Kanzerogene bekannt.

  • Eine langjährige Hypergastrinämie infolge einer atrophischen Korpusgastritis stimuliert die Proliferation der ECL-Zellen im Magenkorpus und kann zur Entstehung multipler ECL-Zell-Tumoren führen.

  • Genetische Faktoren sind von ausschlaggebender Bedeutung bei der Entstehung neuroendokriner Neoplasien im Rahmen der Syndrome der multiplen endokrinen Neoplasie (Kap. 18).

Morphologie

Die meisten Neoplasien des diffusen neuroendokrinen Systems liegen in der Schleimhaut bzw. der Submukosa des Bronchial- und Magen-Darm-Trakts. Von den üblichen Karzinomen unterscheiden sie sich durch ihre vorwiegend submuköse Lage, wobei die bedeckende Schleimhaut lange intakt bleibt. Später wachsen sie durch die Muscularis propria und führen zu lymphogenen und später hämatogenen Metastasen, die größer als der Primärtumor sein können.

Mikroskopisch handelt es sich entweder um gut bis mäßig differenzierte Tumoren (monomorphe Zellen mit gut entwickeltem Zytoplasma) mit zumeist lobulär-solidem und/oder trabekulärem (strangartigem) Muster oder um wenig differenzierte, klein- oder großzellige Karzinome. Durch die Immunhistochemie ist eine Unterscheidung der Tumoren aufgrund der jeweiligen Hormonproduktion möglich.

Molekularpathologie

Chromosom:11Chromosom:18In gut differenzierten neuroendokrinen Neoplasien des Bronchialsystems sind genetische Veränderungen des Chromosoms 11 sowie somatische MEN-1-Gen-Mutationen beschrieben worden. Tumoren des Magen-Darm-Trakts zeigen ebenfalls Veränderungen auf Chromosom 11 sowie einen Verlust von Chromosom 18 oder 18q. In den Tumoren des Pankreas ist Monoklonalität bei benignen Tumoren selten, bei malignen Tumoren häufig. Es sind eine Reihe chromosomaler Aberrationen bekannt, wobei vor allem Deletionen auf 3p, 6q und 9q wichtig sind. Zu Tumoren im Rahmen einer MEN 1 Kap. 18.2.

BronchialsystemDieseNeoplasie:neuroendokrine Tumoren machen ca. 25% aller neuroendokrinen Neoplasien aus. Die wenig differenzierten und undifferenzierten neuroendokrinen Karzinome werden in Kap. 24.9.2 besprochen. Die neuroendokrinen Tumoren G1/G2 finden sich zu 80% hilusnah, wo sie sich überwiegend intrabronchial entwickeln und durch eine Bronchusstenose zu rezidivierender Bronchitis und Atelektasen führen (Abb. 17.2). Eine endokrinologische Symptomatik (Cushing-Syndrom) ist selten.
MagenManNeoplasie:neuroendokrine unterscheidet 3 Magen:neuroendokrine NeoplasieSituationen:
  • die sporadische neuroendokrine Neoplasie, welche solitär auftritt und bei 20–40% der Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose bereits metastasiert hat (Abb. 17.3a)

  • neuroendokrine Tumoren bei chronisch atrophischer Korpusgastritis, die multipel auftreten, auf dem Boden einer ECL-Hyperplasie entstehen und nur selten metastasieren (Kap. 17.2, Abb. 17.3b,c)

  • neuroendokrine Tumoren im Rahmen einer MEN 1 (Kap. 18.2), die multipel auftreten und nur selten metastasieren. Eine endokrinologische Symptomatik fehlt meist.

DuodenumDie duodenalen Duodenum:neuroendokrine Neoplasieneuroendokrinen Neoplasien bevorzugen das proximale Duodenum, sind oft kleiner als 1 cm und zeigen trotzdem bei mehr als 60% der Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose bereits Lymphknotenmetastasen, die bedeutend größer sein können als der Primärtumor. Zu über 50% handelt es sich um Gastrin produzierende Tumoren, von denen wiederum etwa die Hälfte die Ursache eines Zollinger-Ellison-Syndroms ist (s.u.). Diese Tumoren entstehen auch im Rahmen einer MEN 1 (Kap. 18.2). Tumoren mit Somatostatin-Produktion, die in der Duodenalpapille (Papilla Vateri) liegen, sind häufig mit einer Neurofibromatose Recklinghausen Typ 1 assoziiert.
Jejunum, Ileum und Meckel-DivertikelDas terminale Ileum Jejunum:neuroendokrine NeoplasieIleum:neuroendokrine Neoplasieist bevorzugter Sitz neuroendokriner Tumoren (29% aller neuroendokrinen Tumoren; Abb. 17.4). Tumoren, die zum Zeitpunkt der Diagnose größer als 2 cm sind, haben nahezu immer bereits lymphogen oder auch hämatogen metastasiert. Lokal verursachen sie eine Obstruktion (Ileus), insbesondere wegen der begleitenden Fibrose des Mesenteriums. Die Sekretion von Serotonin und Substanz P (Abb. 17.4d) sowie die Aktivierung der Kininkaskade durch Kallikrein mit Bildung von Bradykinin führen zum Karzinoidsyndrom. Dieses ist durch Karzinoidsyndrom:neuroendokrine Neoplasieanfallsweise Flush-Symptomatik (Gesichtsrötung durch Vasodilatation), wässrige Diarrhöen, kolikartige Bauchschmerzen und Bronchuskonstriktionen charakterisiert. Es kann durch Stress (körperliche und/oder psychische Belastung) infolge Katecholaminsekretion ausgelöst werden. Es tritt allerdings erst nach Metastasierung in die Leber auf, da Serotonin und Substanz P, die über die Pfortader zur Leber gelangen, dort größtenteils metabolisiert werden und damit nicht in den großen Kreislauf gelangen. Bei langem Bestehen kann eine plaqueartige Endokardfibrose des rechten Herzens auftreten.
AppendixIn der Appendix Appendix:neuroendokrine Neoplasievermiformis treten neuroendokrine Neoplasien ebenfalls häufig auf (19% aller neuroendokrinen Neoplasien). Dabei handelt es sich um Tumoren mit Serotoninproduktion. Eine hormonale Serotonin:neuroendokrine NeoplasieSymptomatik ist aber dennoch selten. Sie sind klein (1–1,5 cm) und liegen oft in der Appendixspitze. Meist werden sie zufällig nach einer Appendektomie gefunden. Ihre Prognose ist gut, da eine Metastasierung zum Zeitpunkt der Diagnose eine Ausnahme darstellt (Abb. 17.5). Die Appendix ist auch eine bevorzugte Lokalisation von gemischten adenoneuroendokrinen Karzinomen, welche früher Becherzellkarzinoide genannt wurden.
Kolon und RektumWährend im Kolon Rektum:neuroendokrine NeoplasieKolon:neuroendokrine Neoplasieneuroendokrine Neoplasien selten sind, sich jedoch meist maligne verhalten, treten sie im Rektum relativ häufig auf (13% aller gastrointestinalen neuroendokrinen Tumoren). Letztere weisen eine gute Prognose auf, da sie meist endoskopisch bereits als kleine Schleimhautpolypen (1 cm) entdeckt und abgetragen werden können.
UrogenitaltraktVonNeoplasie:neuroendokrine Bedeutung sind die Urogenitaltrakt:neuroendokrine Neoplasieneuroendokrinen Neoplasien in reifen Teratomen des Ovars, wo sie teilweise zusammen mit Schilddrüsengewebe („Strumakarzinoid“) vorkommen. Bilden Strumakarzinoidsie die einzige oder überwiegende Komponente eines Teratoms, so handelt es sich um große, feste Ovarialtumoren (5–25 cm), die jedoch nur selten zu Metastasen führen. Bei Serotoninproduktion können sie auch ohne Lebermetastasierung ein Karzinoidsyndrom verursachen, da der venöse Abfluss des Ovars direkt in die V. cava führt, also die Leber umgeht.
HautNeuroendokrineNeoplasie:neuroendokrine Tumoren der Haut (Merkel-Zell-Tumoren) sind selten: Sie Merkel-Zell-Tumorwachsen relativ langsam, verhalten sich jedoch maligne.

Neoplasien des Pankreas

Neoplasie:neuroendokrineDefinitionEs Pankreas:neuroendokrine NeoplasiePankreas:neuroendokrine Neoplasiehandelt sich um Tumoren mit histologisch endokrinem Aufbau („Inselzelltumoren“). Durch die inadäquat kontrollierte Sekretion von Hormonen (Insulin, Gastrin, vasoaktives intestinales Polypeptid [VIP] oder Glukagon) können charakteristische Syndrome hervorgerufen werden (hormonell aktive, funktionelle Tumoren). Diese Tumoren werden daher als Insulinome, Gastrinome, VIPome und Glukagonome klassifiziert. Hormonell inaktive, nichtfunktionelle Tumoren weisen dagegen keine hormonelle Symptomatik auf.
Obwohl die endokrinen Pankreastumoren histologisch gut differenziert sind, verhalten sie sich mit Ausnahme des Insulinoms klinisch oft maligne. Dies gilt vor allem für Gastrinome, VIPome, Glukagonome und hormonell inaktive Tumoren. Malignes Verhalten wird durch histologische Kriterien (Tab. 17.3) oder makroskopisch durch den Nachweis von Metastasen und/oder einer Tumorinvasion in umgebende Organe gesichert. Die ersten Metastasen finden sich in den regionären Lymphknoten und in der Leber. Trotz Metastasierung können häufig lange Überlebenszeiten (5–10 Jahre) beobachtet werden.
EpidemiologieEndokrine Pankreastumoren sind im Kindesalter extrem selten. Beim Erwachsenen treten sie in allen Altersklassen sowie bei Männern und Frauen etwa gleich häufig auf, sind insgesamt aber selten. Die Prävalenz beträgt unter 1 : 100.000. Insulinome und Gastrinome machen 60%, hormonell inaktive Tumoren 30% dieser Neoplasien aus.

Morphologie

Makroskopisch sind es gut begrenzte, solitäre runde Tumoren mit einem Durchmesser von 1–4 cm, die in allen Teilen des Pankreas auftreten können (Abb. 17.6a).

Histologisch handelt es sich um monomorphe Tumorzellen mit einem feingranulären Zytoplasma. Die Zellen sind solide, trabekulär und pseudoglandulär angeordnet (Abb. 17.6b). Die immunhistochemische Darstellung der Hormone erlaubt eine funktionell-morphologische Einteilung dieser Tumoren. Charakteristika der Tumoren sind:

  • InsulinomInsulinome: 1–2 cm groß, verhalten sich klinisch meist gutartig. Bei etwa 5% der Patienten treten multiple Insulinome auf. In Insulinomen kann es zur gleichen Amyloidablagerung wie in den Inselzellen des Pankreas von Typ-II-Diabetikern kommen (Kap. 47.3.2).

  • GastrinomGastrinome: sporadisch (je zur Hälfte im Pankreas und Duodenum) oder hereditär (etwa 30% der Patienten, bei MEN 1, Kap. 18.2). Bei Diagnosestellung haben etwa 60% der Gastrinome bereits metastasiert in peripankreatische oder periduodenale Lymphknoten, später hämatogen in die Leber. Maligne duodenale Gastrinome scheinen eine bessere Langzeitprognose zu haben als maligne pankreatische Gastrinome.

  • Seltene Tumoren mit hormonalen Syndromen sind das VIPom und das Glukagonom. Sie verhalten sich oft maligne und weisen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits eine beträchtliche Größe auf (3–6 cm).

  • Tumoren ohne hormonelle Syndrome werden als Zufallsbefunde aufgrund ihrer lokalen Symptomatik oder anhand von Metastasen entdeckt. Sie produzieren häufig pankreatisches Polypeptid, sind meist größer als hormonell aktive Tumoren und verhalten sich klinisch maligne.

Klinische RelevanzBeim Insulinom führt die unzureichend kontrollierte Insulinproduktion des Tumors zum hyperinsulinämischen Hypoglykämiesyndrom (Heißhunger, Bewusstseinsverlust, neurologische Symptomatik). Beim Gastrinom entsteht durch die inadäquat kontrollierte Abgabe von Gastrin aus dem Tumor eine Hyperazidität im Magen und im Duodenum mit rezidivierenden duodenalen/intestinalen Ulzera. Dieser Symptomenkomplex wird als Zollinger-Ellison-Syndrom bezeichnet. Das VIPom verursacht wässrige Durchfälle, VIPomHypokaliämie und Achlorhydrie („watery diarrhoea, hypokalaemia and hypochlorhydria/achlorhydria syndrome“, WDHHA-Syndrom, Verner-Morrison-Syndrom). Glukagonome sezernieren im Übermaß GlukagonomGlukagon und werden von einer nekrolytischen Dermatitis, einem Diabetes mellitus sowie Gewichtsverlust begleitet.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen