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B978-3-437-42385-7.00009-8

10.1016/B978-3-437-42385-7.00009-8

978-3-437-42385-7

Chronische demyelinisierende und remyelinisierende Neuropathie:demyelinisierendeNeuropathie mit Verlust markhaltiger Nervenfasern. In der Elektronenmikroskopie:NeuropathieElektronenmikroskopie erkennt man „ZwiebelschalenbildungZwiebelschalen:segmentale Demyelinisierung“ aus konzentrischen Schwann-Zell-Fortsätzen (Pfeile). Elektronenmikroskopie, OsO4(Osmiumtetroxid)-Uranylacetat-Kontrastierung, Vergr. 5800-fach.

N. suralis bei hereditärer Neuropathie mit Neigung zu Druckläsionen. Typisch sind tomakulöse Verdickungen des Myelins. Im Zupfpräparat lässt sich im Faserlängsverlauf eine tomakulöse Auftreibung der Myelinscheide:tomakulöse VerdickungMarkscheide:tomakulöse VerdickungMarkscheide erkennen.

AkustikusneurinomAkustikusneurinom. Histologisch imponieren lang gestreckte Tumorzellen mit gelegentlicher Bildung paralleler Kernreihen (Palisaden). HE, Vergr. 250-fach.

Exemplarische Gen- und Proteindefekte ausgewählter hereditärer Neuropathien.TRKA (Tyrosinkinase-A-Rezeptor)SPTLC1 (serine palmitoyltransferase, long chain base subunit 1)RAB7 (small GTP-ase late endosomal protein)PMP (peripheres Myelinprotein)MTMR2 (myotubularin related protein 2)MPZ (myelin-protein zero)MFN2 (Mitofusin 2)IKBKAP (IkappaB kinase associated protein)HSAN (hereditäre sensorisch-autonome Neuropathie)HMSN (hereditäre motorisch-sensorische Neuropathie)GJB1 (Gap-junction-Protein-beta 1)Neuropathie:hereditäreNeuropathie:hereditäre

Tab. 9.1
Krankheitsgruppe Genort Gen/Gendefekt
Hereditäre motorisch-sensorische Neuropathien (HMSN)
Hereditäre Neuropathie mit Neigung zu Druckläsionen 17p11.2-12 PMP-22 (Deletion)
HMSN Typ IA (Typen I: demyelinisierend) 11p11.2-12 PMP-22 (Duplikation, Mutation)
HMSN Typ IB 1q22-23 MPZ (Mutation)
HMSN Typ IIA (Typen II: axonal) 1p36.2 MFN2 (Mutation)
HMSN Typ IIB 3q13-22 RAB7 (Mutation)
HMSN Typ IIIA (Typ Déjerine-Sottas) 17p11.2-12 PMP-22 (De-novo-Duplikation)
HMSN Typ IVB (Typen 4: oft schwere Formen) 11q22 MTMR2 (Mutation)
HMSN X1 Xq13.2 GJB1 (Mutation)
Hereditäre sensorisch-autonome Neuropathien (HSAN)
HSAN I 9q22.1-22.2 SPTLC1 (Mutation)
HSAN III 9q31-33 IKBKAP (Mutation)
HSAN IV 1q21-22 TRKA (Mutation)

PMP = peripheres Myelinprotein; MPZ = myelin-protein zero; MFN2 = Mitofusin 2; RAB7 = small GTP-ase late endosomal protein; MTMR2 = myotubularin related protein 2; GJB1 = Gap-junction-Protein-beta 1; SPTLC1 = serine palmitoyltransferase, long chain base subunit 1; IKBKAP = IkappaB kinase associated protein; TRKA = Tyrosinkinase-A-Rezeptor

Peripheres Nervensystem

M. Tolnay

F. Heppner

O.D. Wiestler

  • 9.1

    Normale Struktur265

  • 9.2

    Grundlagen von Neuropathien266

    • 9.2.1

      Definitionen und Diagnostik266

    • 9.2.2

      Pathologische Reaktionsmuster bei Neuropathien266

  • 9.3

    Wichtige ätiologische Gruppen von Neuropathien267

    • 9.3.1

      Vaskuläre und interstitielle Neuropathien267

    • 9.3.2

      Hereditäre Neuropathien267

    • 9.3.3

      Entzündliche Neuropathien/Neuritiden268

    • 9.3.4

      Immunpathologisch bedingte Neuritiden (speziell Guillain-Barré-Syndrom)269

    • 9.3.5

      Metabolische Neuropathien269

    • 9.3.6

      Toxische Neuropathien269

  • 9.4

    Tumoren des peripheren Nervensystems269

    • 9.4.1

      Neurinom269

Zur Orientierung

Nervensystem:peripheresPeriphere Nerven und Muskulatur bilden die funktionelle Einheit des neuromuskulären Systems. Aus diesem Grund rufen primäre Schädigungen der einen Struktur meist auch sekundäre Veränderungen der anderen hervor. Periphere Nerven reagieren mit wenigen pathomorphologischen Mustern auf pathogene Noxen. Dabei werden die beiden primären Veränderungen der segmentalen Entmarkung (Demyelinisierung) und der axonalen Degeneration unterschieden. Diese beiden Veränderungen können ineinander übergehen und schließlich in einen kompletten Faserzerfall (Waller-Degeneration) münden.

Neuropathien sind häufig traumatisch, toxisch (Ethanol) und metabolisch (Diabetes mellitus) bedingt, während hereditäre Erkrankungen selten sind. Klinisch führen Erkrankungen des peripheren Nervensystems häufig zum Funktionsausfall der betroffenen Nerven und damit zu Paresen oder Lähmungen und Sensibilitätsstörungen.

Normale Struktur

Peripheres Nervensystem (PNS) nennt man das anatomische und funktionelle Netz von Nervenzellfortsätzen (Nervenfasern) und Nervenzellaggregaten (Ganglien und Plexus) außerhalb des ZNS. Periphere Nerven verbinden das ZNS mit den Sinnesorganen, den inneren Organen, der Muskulatur und der Haut.
Markhaltige und marklose NervenfaserNervenfasern (Axone, Achsenzylinder) sind Nervenzellfortsätze, die in Faszikeln gebündelt die peripheren Nerven bilden. Sie führen vom ZNS weg (efferent) oder zu ihm hin (afferent). Ihre Funktion ist die elektrochemische Signalübermittlung. Der resultierende Effekt eines Nervensignals am Zielorgan kann motorischer oder sensorischer Art sein. Sekretion ist ein Sonderfall einer motorischen, Sensibilität eine spezielle Qualität einer sensorischen Funktion. Willkürliche (animale) wird von unwillkürlicher (vegetativer) Motorik unterschieden. Markhaltige Markscheide:NervenfasernNervenfasern werden von Myelin:NervenfasernMyelin, einer komplexen membranären Sphingolipoproteinstruktur, umgeben. Die Strecke der Bemarkung durch eine myelinisierende Zelle wird Internodium oder Myelinsegment genannt. Ranvier-Ranvier-SchnürringSchnürringe sind die freiliegenden Axonabschnitte zwischen den Myelinsegmenten (Schwann-Schwann-Zelle:NervenfasernZellen) und bilden deren Abschluss. Isolierendes Myelin und permeable axonale Ionenkanäle bilden die strukturelle Grundlage der Nervenleitung (saltatorische Überleitung). Peripheres und zentrales Myelin sind verschieden: Schwann-Zellen (PNS) integrieren Protein zero (P0) und peripheres Myelinprotein 22 (PMP 22), während Oligodendrozyt:MyelinOligodendrozyten (ZNS) Phospholipoprotein (PLP) einbauen.
Zum PNS zählen die Hirnnerven (mit Ausnahme der als N. olfactorius und N. opticus bezeichneten Hirnbahnen), die spinalen sowie sympathischen und parasympathischen Nerven. Die Zellkörper efferenter Axone der Willkürmotorik liegen im ZNS (Rückenmark oder Hirnstamm). Periphere Nerven sind ein Gemisch von Neuriten (Axone) motorischer und sensorischer Nervenzellen, eingebettet in bindegewebige Hüllen (Epi-, Peri- und Endoneurium).

Grundlagen von Neuropathien

Definitionen und Diagnostik

NeuropathieDefinitionenUnter dem Begriff Neuropathien werden alle peripheren Nervenkrankheiten zusammengefasst. Neuropathien können einen einzelnen (MononeuropathieMononeuropathie), zahlreiche (PolyneuropathiePolyneuropathie) oder nur vegetative Nerven (autonome Neuropathie:autonomeNeuropathie) betreffen. Sprunghafter und wechselnder Befall von einzelnen Nerven kennzeichnet die Mononeuritis multiplex, charakteristisch z.B. bei Vaskulitiden der Vasa nervorum.
Bei einer Krankheit vorwiegend der Nervenwurzeln spricht man von RadikulopathieRadikulopathien und in Kombination mit distalen Läsionen von Radikuloneuropathien. Sind entzündliche Veränderungen vorhanden (Leukozyten, Makrophagen), erhalten diese Begriffe das Suffix „itis“.
Unter NeuronopathieNeuronopathien versteht man den primären Krankheitsbefall von neuronalen Zellkörpern (= „motor neuron diseases“, z.B. amyotrophe Lateralsklerose, ALS, Kap. 8.8.8).
Diagnostische MethodikKlinisch wird mit der ElektroneurografieElektroneurografie die NervenleitgeschwindigkeitNervenleitgeschwindigkeit (NLG) von subkutanen Nerven unter standardisierten Bedingungen (z.B. Hauttemperatur) bestimmt. Eine Verlangsamung der NLG mit Aufsplitterung und erhöhter Latenz des Summenpotenzials findet sich typischerweise bei der Entmarkung (Demyelinisierung). Charakteristisch für den Nervenfaserverlust bei Axonopathie ist die Abnahme der Amplitude des Summenpotenzials.
Die morphologische Diagnostik ergänzt bei der Abklärung einer Nervenerkrankung die klinischen, elektrophysiologischen, genetischen und laborchemischen Befunde. Die histologische Beurteilung eines peripheren Nervs sollte am Paraffinschnitt (4 μm), Kunststoffsemidünnschnitt (1 μm), Zupffaserpräparat (längs orientierte Einzelfaserdarstellung 1:1) und elektronenoptisch (< 0,1 μm) erfolgen. Molekularbiologische Techniken am histologischen Schnitt werden zunehmend integriert.
Der N. suralisNervus:suralis ist der Nerv der Wahl für eine periphere Nervenbiopsie:N. suralisNervenbiopsie. Eine kombinierte Nerven-/Muskelbiopsie kann hilfreich sein, insbesondere bei der Fragestellung nach vaskulären Prozessen.

Pathologische Reaktionsmuster bei Neuropathien

Neuropathie:ReaktionsmusterDer Nerv hat nur beschränkte und daher stereotype Möglichkeiten, auf Schäden zu reagieren. Er kann in 3 Kompartimenten geschädigt sein:
  • axonal

  • myelinär (Schwann-Zelle)

  • interstitiell, einschließlich der Vasa nervorum

Noxen, die eines der Kompartimente schädigen, führen in der Regel zur sekundären Schädigung mindestens eines weiteren Kompartiments. Das Endstadium eines kompletten Markfaserzerfalls (Myelin und Axon) und damit die Folge einer kompletten Kontinuitätsunterbrechung wird Waller-Degeneration genannt. Sie kann auch primär vorliegen.
Waller-Degeneration
Waller-DegenerationDegeneration:NervenfasernDefinitionKompletter Nervenfaserzerfall aufgrund einer Unterbrechung von Axon:Waller-DegenerationAxon und Markscheide:Waller-DegenerationMarkscheide.
ÄtiologieTraumatische Durchtrennung des Axons, viraler Infekt, Ischämie des Axons und/oder Neurons, z.B. bei Vaskulitis der Vasa nervorum, und toxische Schädigung des Axons. Die Kontinuitätsunterbrechung kann primär oder sekundär auftreten.

Morphologie

Bei einer akuten Schädigung ist der hochgradige Axonverlust typisch mit Fragmentierung von Nervenfasern, Markscheidenabbau und Autophagosomen in Schwann-Zellen mit färberischem Verhalten wie bei kompaktem Myelin. Die subakute Schädigung geht mit einer Proliferation von Schwann-Zellen einher. Dabei liegen dünnkalibrige axonale Gruppen als Hinweis auf regenerative Veränderungen vor.

FolgenDie antero- und retrograden Transportvorgänge sind gestört. Das Überleben und die anschließende Proliferation der Schwann-Zellen im amputierten Nerventeil dienen den zentrifugal regenerierenden Axonen als Leitstruktur. Von entscheidender Bedeutung bei der Regeneration ist der Erhalt der bindegewebigen Hüllen der Nervenfaszikel (Perineurium). Wird das Perineurium Perineurium:Waller-Degenerationzerstört, wachsen axonale Regenerate ungeordnet in das Epineurium aus und können, zusammen mit überschießender Bindegewebs- und Schwann-Zell-Proliferation, zu einem traumatischen Neurom Neurom:traumatisches(„Amputationsneurom“ Amputationsneuromoder „Narbenneurom“)Narbenneurom führen.
Primäre axonale Degeneration/Axonopathie
Degeneration:AxonAxonopathieAxon:DegenerationDefinitionUntergang des Axons bei zunächst erhaltener Myelinscheide.
Myelinscheide:AxonopathieMarkscheide:AxonopathieÄtiologieDie primäre axonale Degeneration kommt bei metabolischen (Diabetes mellitus) und toxischen (Alkoholabusus), aber auch hereditären Krankheiten (axonale Form des Morbus Charcot-Marie-Tooth; HMSN Typ II) vor.

Morphologie

dying-backDie axonale Degeneration beginnt häufig distal und setzt sich nach proximal fort („dying-back“). Typisch sind Verdichtungen des axonalen Zytoskeletts (Neurofilamente), axonale Schwellung oder Verkleinerung des axonalen Durchmessers und Unregelmäßigkeiten der Axonmembran. Das Myelin ist erhalten, hebt sich von der Axonmembran ab oder zeigt Zeichen des sekundären Abbaus.

Primäre segmentale Demyelinisierung/Entmarkung
Demyelinisierung:primäre segmentaleDefinitionUntergang der Myelinscheide (Myelinscheide:DemyelinisierungMarkscheide:Demyelinisierungmeist segmental begrenzt) bei zunächst erhaltenem Axon.
ÄtiologieUrsachen sind Lipid-, Protein- und andere Stoffwechseldefekte, hereditäre Störungen der Myelinsynthese mit Mutationen in myelinspezifischen Proteingenen oder entzündliche und Immunreaktionen gegen basisches Myelinprotein. Bei manchen primären Demyelinisierungsprozessen sind sowohl das zentrale wie das periphere Myelin Myelin:segmentale Demyelinisierungbetroffen, wie z.B. bei Leukodystrophien (Kap. 8.7.5). Eine sekundäre segmentale Demyelinisierung kann als Folge einer primären axonalen Schädigung auftreten. Bei simultaner Läsion von Axon und Markscheide spricht man von gemischt axonaler und demyelinisierender Neuropathie.Zwiebelschalen:segmentale Demyelinisierung

Morphologie

Schwann-Zelle:segmentale DemyelinisierungMyelinovoideonion bulbsSchwann-Zelle:onion bulbsFloride Entmarkungen hinterlassen parakristalline Myelinabbauprodukte (Myelinovoide) und orthochromatische Autophagosomen in Schwann-Zellen bei intakten Axonen. Bei chronischer, wiederholter Demyelinisierung kommt es zur Remyelinisierung unter Vermehrung von Schwann-Zellen, die charakteristische „Zwiebelschalen“ („onion bulbs“) um die Axone lagern (Abb. 9.1).

Wichtige ätiologische Gruppen von Neuropathien

Primäre Krankheiten der peripheren Nerven sind sehr selten. Dagegen sind sekundäre Nervenerkrankungen als Folge anderer Erkrankungen und von Intoxikationen häufig (60–100%). So ist beim Diabetes mellitus bei bis zu 60% der Patienten mit einer sekundären Polyneuropathie zu rechnen. Chronische Störungen des intermediären Stoffwechsels sind fast obligat neuropathogen (Metabolitenakkumulation, Vitaminmangel). Der Alkohol ist durch direkte axonale Toxizität und durch malnutritiv bedingte Vitaminmangelzustände ein obligates Neurotoxin.

Vaskuläre und interstitielle Neuropathien

Neuropathie:vaskuläreNeuropathie:interstitielleDefinitionSekundäre Schädigung des Nervs als Folge primärer Veränderungen der Vasa nervorum bzw. des interstitiellen Raums im Rahmen einer systemischen Erkrankung, z.B. der Amyloidose.

Ätiologie und Pathogenese

Vaskulitiden (Kap. 20.5) führen zu einer sekundären ischämischen Nervenläsion. Wegen einer hohen Dichte von Präarteriolen sind die Vasa nervorum Prädilektionsort für Entzündungen der arteriellen Endgefäße.

Familiäre Amyloidneuropathien können auf Mutationen im Transthyretin-, Apolipoprotein-A1- oder Gelsolin-Gen zurückgeführt werden. Fibrilläre Polymerisate der Defektproteine lagern sich extrazellulär endo- und epineural ab (Kap. 47.3.3).

Amyloidose:Neuropathie Neuropathie:Amyloidose

Morphologie

Bei vaskulitischer Neuropathie findet sich ein inhomogener Ausfall von Nervenfasern sämtlicher Kaliber. Im akuten Stadium imponiert die Waller-Degeneration mit Abbau von Myelin und Axonen.

Bei Amyloidosen ist ein Verlust von marklosen und kleinen markhaltigen Nervenfasern typisch. Die großen Markfasern können lange erhalten bleiben.

Hereditäre Neuropathien

DefinitionNeuropathie:hereditärePrimäre Neuropathien, die durch den Funktionsverlust myelinärer oder axonaler Proteine oder Proteolipide bedingt sind (Tab. 9.1). Eine zweite Gruppe umfasst Störungen von Glyko-, Sphingo- und Proteolipidstoffwechsel, häufig mit generalisierter Speicherung intermediärer Stoffwechselprodukte (Kap. 47.2).

Ätiologie und Pathogenese

Hereditäre Neuropathien werden in 3 große Gruppen eingeteilt, die entsprechend molekulargenetischer Befunde in Untergruppen gegliedert werden:

  • hereditäre motorisch-sensorische Neuropathien (HMSN)

  • hereditäre sensorische Neuropathien (HSN) bzw. hereditäre sensorisch-autonome Neuropathien (HSAN)

  • hereditäre motorische Neuropathien (HMN)

Diese Einteilung basiert auf klinischen, histologischen und molekulargenetischen Kriterien. Dabei sind Krankheitsentitäten zusammengefasst, die pathogenetisch sehr verschieden sein können. Die Prävalenz hereditärer motorisch-sensorischer Neuropathien beträgt ca. 30.

Daneben bestehen hereditäre metabolische Störungen und Speicherkrankheiten, die das periphere Nervensystem im Rahmen einer Multiorganpathologie mit schädigen. Hier sind Enzymdefekte anzuführen, die nicht spezifisch, aber Schlüsselreaktionen für den Metabolismus der Nerven sind:

  • Lipidsynthese- und abbaustörungen, z.B.

    • lysosomale metachromatische Leukodystrophie (Mangel an Arylsulfatase A)

    • Globoidzell-Leukodystrophie (Morbus Krabbe)

    • Mangel an Galaktosylzeramid-β-Galaktosidase

    • Adrenoleukodystrophie

  • Mitochondriopathien, z.B.

    • infantile subakute nekrotisierende Enzephalopathie; u.a. Mangel an Pyruvatdecarboxylase

  • neuropathogene Speicherkrankheiten, z.B.

    • Sphingolipidosen und Mukopolysaccharidosen (Kap. 47.2)

Morphologie

Zwiebelschalen:Schwann-ZelleDas Charakteristikum der HMSN ist die Zwiebelschalenformation der Schwann-Zellen besonders bei HMSN Typ I (Charcot-Marie-Tooth I) und Typ III (Déjerine-Sottas; Abb. 9.1). Zudem proliferieren die Schwann-Zellen endoneural und produzieren vermehrt Kollagen. Als Folge davon werden die Nerven dick und derb und erscheinen fast marklos („hypertrophe Neuropathie“).

Typisch für die hereditäre Neuropathie mit Neigung zu Druckläsionen sind tomakulöse Verdickungen des Myelins (tomaculum, lat. = „Würstchen“) wegen genetisch bedingter Adhäsions- und Kompaktierungsstörung der peripheren Myelinlamellen (Abb. 9.2). Hierbei kommt es auch zur segmentalen Demyelinisierung von klinisch nicht betroffenen Nerven.

Bei Speicherkrankheiten und Stoffwechseldefekten, die mehrheitlich demyelinisierend sind, können charakteristisch strukturierte, elektronenoptisch fassbare Einschlusskörper im Rahmen der Entmarkungsvorgänge auf den Enzymdefekt hinweisen.

Entzündliche Neuropathien/Neuritiden

DefinitionDurch bekannte Erreger Schwann-Zelle:ZwiebelschalenbildungNeuropathie:hypertropheMyelin:tomakulöse VerdickungEinschlusskörper:DemyelinisierungNeuropathie:entzündlicheNeuritishervorgerufene Entzündung der peripheren Nerven, oft mit direkter akuter entzündlicher Schädigung.Zytotoxizität:antikörpervermittelte

Ätiologie und Pathogenese

Zu den bekannten Erregern zählen Varicella-Zoster-Virus, Borrelia burgdorferi und Mycobacterium leprae. Bei erregerbedingten Neuritiden arbeitet das Immunsystem primär auf Erregerelimination hin. Das erregerhaltige neurale Stroma und Parenchym werden durch antikörpermediierte Zytotoxizität zerstört. Die Infektion mit Borrelia burgdorferi ist eine durch Zecken übertragene Zoonose. Die als Lyme-Disease ursprünglich in Lyme (Connecticut, USA) beschriebene Krankheit kann ohne sofortige antibiotische Behandlung (Penizillin) in schwerer Invalidität oder mit dem Tod enden. Im Verlauf der Lyme-Erkrankung kann sich eine meist akute bis subakute, schmerzhafte, fokal oder multifokale Neuropathie (oft Befall der Hirnnerven) und Radikulopathie entwickeln.

Morphologie

Die Präsenz von intraaxonalen Erregern mit deutlicher axonaler Degeneration prägt das Bild der Lepra lepromatosa.

Immunpathologisch bedingte Neuritiden (speziell Guillain-Barré-Syndrom)

DefinitionDurch immunpathologische Lyme-DiseaseBorrelia burgdorferi:NeuropathieNeuritis:immunpathologisch bedingteVorgängeGuillain-Barré-Syndrom induzierte Neuritiden, bei denen myelinverwandte Fremdantigene eine immunologische Kreuzreaktion gegen periphere Myelinbestandteile (Ganglioside) auslösen und zusätzlich die Zytokinregulation gestört ist.Campylobacter:jejuni

Ätiologie und Pathogenese

Dem Guillain-Barré-Syndrom (akute inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie, AIDP) liegt eine T-Zell-vermittelte Immunreaktion zugrunde, wobei das für die T-Zell-Aktivierung ursächlich verantwortliche Zielantigen noch nicht bekannt ist. Bei rund einem Viertel der Patienten geht eine Infektion mit Campylobacter jejuni voraus, weshalb eine Kreuzantigenität zwischen Oberflächenantigenen von Campylobacter jejuni und Gangliosiden des peripheren Myelins als Ursache angenommen wird. Neben der klassischen demyelinisierenden Form gibt es auch eine axonale Form des Guillain-Barré-Syndroms.

Morphologie

Meist endoneurale, lockere lymphoplasmazelluläre und histiozytäre Infiltrate, besonders im Bereich der peripheren (vorderen; motorischen) Spinalnervenwurzeln und der motorischen Hirnnervenwurzeln, bis in endomysiale Nervenäste reichend. Es dominiert das Bild der primären segmentalen Demyelinisierung und der Waller-Degeneration. Ultrastrukturell findet man Makrophagen, die aktiv Myelin von Axonen „strippen“ und phagozytieren.

Metabolische Neuropathien

DefinitionSekundäre Neuropathien im Verlauf von Stoffwechselerkrankungen.

Ätiologie und Pathogenese

Zugrunde liegen Diabetes mellitus, chronische Nieren-, Leber- und Schilddrüsenfunktionsstörungen sowie Vitaminmangelzustände. Die inadäquate Entgiftung intermediärer Stoffwechselprodukte führt zu multifaktoriellen Störungen des neuroaxonalen und des Schwann-Zell-Metabolismus.

Morphologie

Man findet uncharakteristische axonal degenerative und demyelinisierende Mischbilder mit, je nach Schweregrad, Verlust von Nervenfasern aller Klassen. Beim Diabetes mellitus kann die marklose und dünn markhaltige Faserpopulation besonders betroffen sein. Bei schwerer diabetischer Mikroangiopathie der Vasa nervorum (Kap. 47.3.2) zeigen sich zusätzlich ischämische Läsionen.

Toxische Neuropathien

DefinitionDurch exogene neurotoxische Substanzen hervorgerufene Polyradikuloneuropathie:demyelinisierendeAIDP (akute inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie)Stoffwechselerkrankung:NeuropathienNeuropathie:metabolischeNeuropathie:toxischeNeuropathien
ÄtiologieViele toxische Substanzen können das Nervensystem schädigen. Zyklische Kohlenwasserstoffe, Chemotherapeutika, Vinca-Alkaloide, Nitroverbindungen (Nitrofurane), Schwermetalle und nicht zuletzt Methyl- und Äthylalkohol sind obligate Neurotoxine.

Morphologie

Das dominierende pathomorphologische Grundmuster ist die axonale Degeneration.

Tumoren des peripheren Nervensystems

Neurinom

Syn.: Schwannom
DefinitionDas Neurinom ist ein gutartiger, meist von Neurinomeiner Kapsel Schwannomumgebener Tumor, der sich histogenetisch von den Schwann-Zellen des peripheren Nervensystems ableitet. Es ist der häufigste Schwann-Zelle:Neurinominfratentorielle Tumor des Erwachsenenalters (Altersgipfel 35.–45. Lebensjahr).
ÄtiologieBilaterale Neurinome des VIII. Hirnnervs (N. vestibulocochlearis)Nervus:vestibulocochlearis sind die wichtigste Manifestation der Neurofibromatose Typ 2 (Kap. 8.10.12). Periphere Neurinome treten Neurofibromatose:Neurinomgelegentlich auchAkustikusneurinom bei der Neurofibromatose Typ 1 auf. Auch bei sporadischen Neurinomen sind häufig Mutationen des Neurofibromatose-Typ-2-Tumorsuppressorgens auf Chromosom 22 nachweisbar.

Morphologie

Neurinome können in allen Abschnitten des peripheren Nervensystems vorkommen. Bevorzugte Lokalisationen sind der Kleinhirnbrückenwinkel, die spinalen Hinterwurzeln mit Ausdehnung durch den Intervertebralkanal (sog. Sanduhrneurinom) und die Cauda equina.

Makroskopisch handelt es sich um gekapselte, derbe Tumoren mit gelblicher Schnittfläche (myxoide Degeneration).

Histologisch lassen sich 2 Gewebebilder unterscheiden:

  • Die Antoni-A-Antoni-A-FormationFormation ist faserreich und weist längliche Zellen mit schmalen, zigarrenförmigen Kernen auf, die Züge, Wirbel und parallele Kernreihen bilden (Palisaden; Abb. 9.3).

  • Die Antoni-B-Antoni-B-FormationFormationen sind faserarm, retikulär und zeigen oft regressive Veränderungen, z.B. myxoide Degeneration. Die mitotische Aktivität ist sehr gering (Wachstumsfraktion < 1%).

Bei den seltenen malignen Tumoren des PNS handelt es sich meist um gemischt neuroektodermal-mesenchymale Geschwülste, die unter dem Begriff maligner peripherer Nervenscheidentumor zusammengefasst werden.

Klinische RelevanzAkustikusneurinome führen zur einseitigen SanduhrneurinomInnenohrschwerhörigkeit bzw. Taubheit (Leitsymptom) und Tinnitus. Größere Tumoren komprimieren den N. trigeminus, was sich im Verlust des Kornealreflexes manifestiert. Aus der Kompression des Kleinhirns kann eine Ataxie resultieren.

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