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B978-3-437-21833-0.00019-X

10.1016/B978-3-437-21833-0.00019-X

978-3-437-21833-0

Anteil der 65-Jährigen und Älteren an der Gesamtbevölkerung, dargestellt für 15 europäische Staaten (Eurostat Jahrbuch 2003)

[L106]

Entwicklungspsychologisches ModellBeziehungskonflikt-ModellEntwicklungsdefizit-ModellEntwicklungsdefizit-ModellEntwicklungspsychologieim AlterModelle

(modifiziert und erweitert nach Resch 1996)

Tab. 19.1
Theorie Stichwort Individuum Umwelt Modell
Endogenetische Theorien Reifung Passiv Passiv Psychoanalytisches Trieb-Konflikt-Modell mit biologisch verankerter Trieb- und Affektstruktur (z. B. Freud 1905)
Exogenetische Theorien Prägung Passiv Aktiv Umwelteinflüsse prägen das Individuum (Entwicklungsdefizit-Modell; z. B. Kohut 1973; Winnicott 1974)
Frühkonstruktivistische Theorien Selbstkonstruktion Aktiv Passiv Selbstkonstruktion des Individuums – Umwelt als Anregung und Matrix (z. B. Piaget 1978)
Interaktionistische Theorien Mensch-Umwelt-Gesamtsystem Aktiv Aktiv Aktives, selbstmotiviertes Individuum in Interaktion mit aktiver, fordernder und erfüllender Umwelt (Beziehungskonflikt-Modell, z. B. Sullivan 1953; Bauriedl 1980; affektlogische Schemata, z. B. Ciompi 1988; kognitive Problemanalyse, z. B. Caspar und Grawe 1982) und seinem eigenen (alternden) Körper (Heuft 1994)

Entwicklungspsychologie

Alter

Gereon Heuft

  • 19.1

    Die Perspektive der Lebensspanne209

  • 19.2

    Entwicklungspsychologische Konzepte210

    • 19.2.1

      Eintrittsbedingungen in das Alter und Veränderungen während des Alterns211

    • 19.2.2

      Die Bedeutung des körperlichen Alternsprozesses für die Entwicklung211

  • 19.3

    Konsequenzen dieser entwicklungspsychologischen Konzepte für die Psychotherapie Älterer212

    • 19.3.1

      Die verhaltenstherapeutische und die psychodynamische Perspektive212

    • 19.3.2

      Mögliche Anamnesefragen213

Die Perspektive der Lebensspanne

Alter(n)EntwicklungspsychologieEntwicklungspsychologieim AlterLebensspanneDie durchschnittliche LebenserwartungdurchschnittlicheLebenserwartung der heute geborenen Kinder beträgt rund 81 Jahre bei Mädchen und 75 Jahre bei Jungen. Damit hat sich die Lebenserwartung bei Geburt im Laufe des 20. Jh. in Deutschland um etwa 30 Jahre erhöht. Diese positive Entwicklung geht zum einen auf die Abnahme der Säuglingssterblichkeit bis zur Mitte des 20. Jh. zurück, zum anderen ist ab diesem Zeitpunkt ein kontinuierlicher Anstieg in der weiteren Lebenserwartung von Menschen im hohen Erwachsenenalter zu beobachten. Dadurch kommt es zu einer deutlichen relativen und absoluten Zunahme der höheren Altersgruppen (Abb. 19.1).
Die Fortschritte der kurativen Medizin haben auch zur Folge, dass Menschen deutlich länger mit Krankheiten leben können, „Überleben“ und „Gesundheit“ also heute weit weniger gleichgesetzt werden können als noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts (Scholz 1994). Die Frage, inwieweit die steigende Lebenserwartung mit einem Mehr an in Gesundheit oder Krankheit verbrachten Jahren einhergeht, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Der optimistischen These der Morbiditätskompression (Fries 2003) steht die pessimistische Medikalisierungsthese (Gruenberg 1977) gegenüber:
  • Die These der MorbiditätskompressionMorbiditätskompression postuliert, dass der medizinisch-technische Fortschritt das Auftreten schwerer körperlicher Erkrankungen immer weiter hinauszögern kann bzw. schwere körperliche Erkrankungen immer weiter in die Nähe des Todeszeitpunkts gedrängt werden können. Nach der aktuellen empirischen Befundlage kann man für höhere Sozialstatusgruppen in der Tat ein zeitliches Hinausschieben lebensbedrohlicher Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems konstatieren.

  • Die MedikalisierungstheseMedikalisierungsthese geht weiterhin davon aus, dass sich die Therapieerfolge primär in einer Zunahme der weiteren Lebenserwartung trotz chronischer Erkrankung durch bessere medizinische Einstellungsmöglichkeiten ausdrücken. Damit wird trotz bestehender Erkrankungen ein hohes Lebensalter erreichbar. Diese These scheint heute eher auf die gesundheitliche Entwicklung von Angehörigen unterer Sozialstatusgruppen zuzutreffen.

Da in jedem Fall in der gesamten Menschheitsgeschichte relativ und absolut gesehen noch nie so viele Ältere gelebt haben, stellt sich die Frage nach Konzepten einer Entwicklung über den gesamten Lebenslauf völlig neu.

Entwicklungspsychologische Konzepte

Entwicklungspsychologieim AlterModelleEntwicklungspsychologieHalbkreismodellBefragt man professionelle Helfer aller Berufsgruppen, die mit alten Menschen arbeiten, nach ihrem Bild des Lebenslaufs, begegnet man immer wieder dem HalbkreisHalbkreismodell, Entwicklungspsychologiemodell: Nach dem Scheitelpunkt des Lebens, der heute mit 40–50 Jahren angesetzt wird, gehe „alles den Bach runter“. Mit dem Vorurteil, die Alten würden wieder wie die Kinder, wird dem Defizit- und Defektmodell des Alterns unmerklich Vorschub geleistet.
Dieses Modell entspricht weder den aktuellen gerontologischen Ergebnissen zur LernfähigkeitLernfähigkeit im AlterAlter(n)Lernfähigkeit und Kompetenz im AlterKompetenz(en)im Alter noch der mit dem Alter stetig zunehmenden Variabilität physiologischer Befunde. Ein Psychotherapeut kann keine Entwicklungsaufgaben für seinen (alten) Patienten vorfantasieren, wenn er keine entsprechenden Modelle zur Verfügung hat. Insoweit ist den Herausgebern der Berliner Altersstudie (BASE) Berliner Altersstudie (BASE)voll zuzustimmen:

„Was wir über das Alter als Lebensphase und über das Altern als Prozess zu wissen meinen, ist außerordentlich folgenreich.“

Mayer et al. (1996: 599)

Als ein prägnantes Beispiel für die Revision von Vorurteilsbildungen gegenüber Älteren mögen die gerontologischen Ergebnisse von Lehr (1983), Thomae (1983) und Kruse (1987) dienen. In ihren Untersuchungen zur Lernfähigkeit und Kompetenz im Alter konnten sie zeigen, dass sinnvoll erlebte neue Lerninhalte noch bis ins hohe Alter aufgenommen und genutzt werden können.
Die aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht erarbeitete fundierte Übersicht über die historischen und aktuellen entwicklungspsychologischen Modelle (Resch 1996) zeigt die von den jeweiligen Modellen unterschiedlich gesetzten Schwerpunkte vor allem im Hinblick auf die Bedeutung von individueller (Trieb-)Kraft vs. Umwelteinflüssen (Tab. 19.1). Dabei nehmen die interaktionistischen Theorien „ältere“ Theorien (wie z. B. den zentralen Stellenwert unbewusster Fantasien des Trieb-Konflikt-ModellsTriebkonfliktFantasien, unbewussteFantasienunbewusste) in der Regel mit auf.
Durch die Rekonstruktion der Lernerfahrungen beziehen auch die kognitiv-behavioralen Theorien die historische Dimension in das Verständnis des Individuums ein (z. B. Karlbauer-Helgenberger et al. 1996; Zarbock 1996). Der Versuch der traditionellen psychoanalytischen Theoriebildung, umschriebenen psychosexuellen Entwicklungsstufen dieser Modelle spezifische Konflikttypologien zuzuordnen, muss heute als überholt angesehen werden. AbhängigkeitskonflikteAbhängigkeitskonflikte, Entstehung entstehen nicht nur in der sog. oralen und Aggressionskonflikte, EntstehungAggressions- und Autonomiekonflikte, EntstehungAutonomiekonflikte nicht ausschließlich in der „analen“ Entwicklungsphase, sondern sie beginnen bereits mit der SymbolisierungsfähigkeitSymbolisierungs- und RollenfähigkeitRollenfähigkeit des Kindes (Schüßler und Bertl-Schüßler 1992; Hoffmann 1994).

Durch eine solche „Entkopplung“ von Psychopathologie und entwicklungspsychologischen Konzepten sind Letztere keineswegs weniger wichtig geworden. In der Regel enden diese entwicklungspsychologischen Konzepte jedoch mit Erreichen des Erwachsenenalters oder beziehen sich auf eher kognitiv-behaviorale Modelle wie das sich verändernde eigene Bild als das einer handelnden Person mit eigenen Plänen und Wünschen und sich im Lebenslauf verändernden Narrativen (die Person als „Autor“; McAdams und Olson 2010).

Entwicklungspsychologieim AlterLife-Cycle-TheorienNeben der klinisch fundierten Annahme, dass ungelöste Konflikte aus Kindheit und Jugend auch im Alter neurosefördernd sein können, versuchen die Life-Cycle-TheorienLife-Cycle-Theorien (acht Phasen bei Erikson 1950), das Leben als aufeinander bezogene zentrale Entwicklungsaufgaben oder als lebenslanges Schicksal von Kernthemen (wie Liebe, Sexualität, Arbeit, Tod etc.; bei Colarusso und Nemiroff 1981) zu beschreiben. Dabei Life-Cycle-Theorienkommen Eriksons Kategorien über eine „idealisierende“ Deskription des Alterns nicht eigentlich hinaus, wobei die Phase 8 „Alter“ 30 Lebensjahre und mehr umfasst (etwa vom 60. bis 90. Lj.).
Unstrittig ist die Bedeutung einer solchen Konzeption für die Wahrnehmungseinstellung gerade auch der jüngeren Angehörigen helfender Berufe. Es lässt sich jedoch mit dem Modell von Erikson im Falle von Symptombildungen bzw. Störungen nicht diagnostizieren. Und damit gibt Eriksons Ansatz in der Frage einer adaptiven differenziellen Therapieindikation keine (entwicklungsfördernden) Antworten. Notwendig ist der Versuch, besser verstehen zu können, was Erwachsene auch in der zweiten Lebenshälfte zu weiteren – immer auch konflikthaften – Entwicklungsschritten treibt.

Eintrittsbedingungen in das Alter und Veränderungen während des Alterns

Entwicklungspsychologieim AlterLebenslagenkonzeptDas Lebenslagenkonzept (Naegele und Tews 1993) Lebenslagenkonzeptverdeutlicht unter Berücksichtigung einer Alter(n)Eintrittsbedingungendifferenzierenden Sicht, dass 60-Jährige unter sehr unterschiedlichen Bedingungen in ihr Altern eintreten und dieses höchst verschieden verläuft. Das Spektrum reicht von den sog. „neuen jungen Alten“ (gesellschaftlich und sozial anerkannt; aktiv bei gutem physischem und psychischem Gesundheitszustand; befähigt, ihren Interessen und Wünschen gezielt und autonom nachzugehen; materiell gut bis sehr gut ausgestattet) über Ältere mit Einschränkungen in unterschiedlichen Teilbereichen bis hin zu lebenslang bildungsmäßig, sozial und materiell Benachteiligten, lebenslang Behinderten oder schon jahrzehntelang chronisch Kranken oder Abhängigen, aufgrund von Krankheiten frühzeitig oder unter ungünstigen Bedingungen aus dem Arbeitsprozess Ausgeschiedenen, lebenslang Isolierten oder schon langfristig Verwitweten. Diese Benachteiligungen und Einschränkungen betreffen vor allem Frauen der höheren Altersgruppen.
Gleichzeitig erleben und erleiden die über 60-Jährigen zahlreiche Veränderungen in unterschiedlichen Bereichen. Die Veränderungen des menschlichen OrganismusAlter(n)Veränderungendes Organismus und die Alter(n)MultimorbiditätMultimorbidität können zu zahlreichen Einschränkungen von physischen (Leistungsfähigkeit, Potenz, Beweglichkeit, Hören und Sehen) und psychischen (Erinnerungsvermögen, Intelligenz, Kontrolle) Fähigkeiten führen. Durch diese Krankheiten wird zunehmend auch das eigene Leben bedroht. Intra- und intergenerative Beziehungen verändern sich oder werden beendet. Krankheiten des Partners bzw. der Partnerin, das Erwachsenwerden der Kinder oder ihr Wegzug verändern Beziehungen entscheidendAlter(n)Veränderungenvon Beziehungen. Auch über 60-Jährige können noch ihre eigenen Eltern verlieren.
Mit zunehmendem Alter verwitwen viele; Freunde und Bekannte sterben. Ebenso können sie schon eigene Kinder und sogar Enkelkinder verlieren. Das (eigene oder des Partners) Ausscheiden aus dem ArbeitsprozessAlter(n)Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess bedingt häufiger finanzielle Einschränkungen mit entsprechenden Auswirkungen auf die Alter(n)LebensqualitätLebensqualitätLebensqualitätim Alter – u. a. auf die aktive Lebensgestaltung mit Realisierung von Interessen, Hobbys, Reisen, Kontakte/Geselligkeiten, Ernährung und gesundheitliche Versorgung, brauchbare bis gute wohnliche Unterbringung (Raumgröße, Wärme, Licht und Schallschutz). In der Folge können soziale und gesellschaftliche Kontakte entscheidend eingeschränkt oder ganz beendet werden.
Das (infolge Krankheit, Langzeitarbeitslosigkeit, zu durch die Rentengesetzgebung festgelegten Terminen) erzwungene Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess vermindert die bisher durch die berufliche Identität ermöglichte Stabilität und konfrontiert gleichzeitig mit der Nicht-Rolle eines Rentners oder Pensionärs.

In Zeiten einer durch physische, psychische und soziale Veränderungen bedrohten Stabilität kommt der häuslichen und sozialen Umwelt entscheidende Bedeutung zu. Erzwungener Wechsel (Umzug, Übersiedlung ins Heim) kann zu einer weiteren, als bedrohlich erlebten Destabilisierung führen.

Die Bedeutung des körperlichen Alternsprozesses für die Entwicklung

Entwicklungspsychologiekörperlicher AlternsprozessBefragt man Menschen beiderlei Geschlechts Alter(n)somatischer Prozessjenseits des 60. Lj. zu ihrem aktuellen Zeiterleben, zeigt sich, dass dieses im Alter vor allem eine körperliche Dimension hat. 80 % der ausführlich interviewten alten Menschen bezogen sich bei der Frage: „Woran merken Sie, dass die Zeit vergeht?“ auf den körperlichen Alternsprozess. Mayer et al. (1996: 614) bestätigen diese Befunde aufgrund der Berliner Altersstudie:

„Im Unterschied zum jüngeren und mittleren Erwachsenenalter, wo die Beschäftigung mit Beruf, Freunden und Familie im Mittelpunkt steht, hat im hohen Alter … die Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit und geistigen Leistungsfähigkeit einen zentralen Stellenwert.“

Übereinstimmend wird immer wieder berichtet, dass dagegen die Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter(n)Auseinandersetzung mit dem (eigenen) TodTod bei alten Menschen emotional vergleichsweise weniger besetzt ist (z. B. Freund 1995).
Geht man weiterhin davon aus, dass das Zeitbewusstsein „aus dem doppelten Gefühl von Unveränderlichkeit und Veränderung“ besteht (Høeg 1995: 266), führen diese Ergebnisse zu einem entwicklungspsychologischen Modell (Heuft 1994; Heuft et al. 2006), in dem der somatische Alternsprozess als „Organisator“ der Entwicklung in der zweiten Hälfte des Erwachsenenlebens verstanden wird. Die Verwendung des Begriffs „Organisator“ als das im jeweiligen Lebensabschnitt die Entwicklung anführende „Organ“ steht in der Tradition von Needham (1931; „embryologischer Organisator“), Spitz (1965; „kritische Knotenpunkte in der Entwicklung des Kleinkinds“) und A. Freud (1963; „konvergierende Entwicklungslinien“). Der Organisator einer Organisatormodell, EntwicklungspsychologieEntwicklungspsychologieOrganisatormodellstellt somit das die Entwicklung jeweils zentral vorantreibende „Organ“ dar, dem sich das Individuum nicht entziehen kann. Die resultierenden Entwicklungsaufgaben wachsen dem Individuum damit zwingend zu. Im Folgenden wird das – empirisch gestützte – Modell der Organisatoren einer Entwicklung über den gesamten Lebenslauf dargestellt:
EntwicklungspsychologieOrganisatormodellKindheit und JugendDas Konstrukt „Trieb“ kann als Organisator der psychosexuellen Psychosexuelle EntwicklungEntwicklung in den ersten Lebensjahren begriffen werden. Die individuelle Triebausstattung als Resultat einer biologischen Variante drängt zur Auseinandersetzung mit den bekannten psychosexuellen Reifungsphasen und den entsprechenden typischen psychosozialen Krisen in Kindheit und Jugend. Neben der Triebentwicklung konstituieren sich in einer gleichzeitigen Wechselwirkung Ichautonomesdas autonome Ich (Hartmann 1939/1960), der NarzissmusNarzissmus (Kohut 1973) und die sich zunehmend internalisierenden Beziehungen zu den (Primär-)ObjektenObjektbeziehung(en) (Kap. 9). Eine mögliche Traumagenese und deren Folgen bleiben hier für die Diskussion einer normal konflikthaften Entwicklung unberücksichtigt.
Die SelbstidentitätSelbstidentität beschreibt das Binnenerleben des Menschen in der genannten Komplexität („Ich bin so: mit diesen [Trieb-]Kräften, mit diesen [Ich-]Fähigkeiten, mit diesem SelbstwertgefühlSelbstwert(erleben/-gefühl) und mit diesem BindungsverhaltenBindungs- und Beziehungsverhaltenim AlterBeziehungsverhalten“). Aus einer diagnostizierenden Außensicht wird die Wahrnehmung von Selbststeuerungim AlterSelbststeuerung, Selbsterfahrung/-erlebenim AlterSelbsterleben, Kommunikationim AlterKommunikations- und Abwehr(reaktionen)im AlterAbwehrverhalten sowie Objektwahrnehmungim AlterObjektwahrnehmung eines Individuums als Struktur (Arbeitskreis OPD 2006) beschrieben („Dieser Mensch hat diese Fähigkeiten [Ressourcen] bzw. leidet unter …“).
EntwicklungspsychologieOrganisatormodellErwachsenenalterNach Erreichen des Erwachsenenalters übernimmt der objektale Organisator die Schrittmacherfunktion für die weitere Entwicklung. Dabei baut die Entwicklung in dieser Lebensphase auf den angesprochenen vier Entwicklungssäulen auf. Unentrinnbare Veränderungen in den gelebten Objektbeziehungen (wie Partnerschaft, Auszug der Kinder, nachelterliche Gefährtenschaft, berufliche Veränderungen etc.) müssen unter Einbeziehung der funktionalen Komponente von „sozialer Soziale KompetenzKompetenz“ stets aufs Neue mit den internalisierten Objektbeziehungen und den hinzukommenden Objekterfahrungen im weiteren Lebenslauf abgeglichen werden.
In der zweiten Hälfte des Erwachsenenalters kommt es unbewusst zu einer weiteren schrittweisen Verschiebung der Organisatorfunktion zum Soma hin (somatogener Organisator). Unter Fortführung des auf den vier Säulen ruhenden Entwicklungsmodells entspricht dem psychischen Ich der Körper, den ich habe (funktionaler Aspekt), während der Leib, der ich bin, dem narzisstischen Aspekt entspricht. Der Ebene der internalen Objektbeziehungen und der späteren grundlegenden Objekterfahrungen analog sind die Körpererinnerungen oder „Verkörperungen“.

Die Kenntnis dieser Modellbildung kann das Verständnis des Konzepts „OPD (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik)AktualkonfliktAktualkonflikteOPDAktualkonflikt“ in der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (Arbeitskreis OPD 2006) erleichtern helfen. Dort wird davon ausgegangen, dass neben rezidivierenden dysfunktionalen Mustern (i. S. neurotischer KonflikteKonflikteneurotische) psychogene Symptome auch in den neu auftretenden Entwicklungskonflikten in der zweiten Hälfte des Erwachsenenalters begründet sein können.

Es bedarf an dieser Stelle keiner weiteren Erläuterung, dass diese Modellbildung das Individuum stets in seinem historischen und soziokulturellen Kontext mitdenktOrganisatormodell, EntwicklungspsychologieEntwicklungspsychologieOrganisatormodell. Das bedeutet, dass es z. B. im Alter zu einer Interaktion des somatogenen Organisators mit Lebensveränderungen wie der Berentung oder dem Auszug des letzten Kindes kommt. Dabei kommt diesen Lebensveränderungen im Falle von Krankheit ggf. der Charakter einer Auslösesituation zu. Die durch den jeweiligen Organisator der Entwicklung vorangetriebenen Aufgaben sind mit der eher förderlichen oder eher hinderlichen Umwelt in Bezug zu setzen.
Eine der spannendsten Fragen der Zukunft wird sein, wie sich die ResilienzResilienz(entwicklung)Alternsprozess im Hinblick auf die Herausforderungen durch den Alternsprozess steigern lässt (Schneider et al. 2006). Eine der Möglichkeiten könnte die bewusste Hinwendung zu neuen Lebens- und Wohnformen im Alter sein. Dabei scheint die Entscheidung umso leichter zu fallen, je weniger der Betreffende unter psychodynamisch verstehbaren, repetitiv-dysfunktionalen Konfliktmustern leidet (Arbeitsgemeinschaft OPD-2 2006). – Zurecht problematisiert ein Review über genderspezifische Vorannahmen eines „aktiven“, gesunden Alterns allzu einfache Hypothesen angesichts der vielfältigen Einflussfaktoren, denen beide Geschlechter im Lebenslauf unterliegen – auch aus der politischen Biografie bestimmter Jahrgänge (Kryspin-Exner et al. 2011).

Konsequenzen dieser entwicklungspsychologischen Konzepte für die Psychotherapie Älterer

Die verhaltenstherapeutische und die psychodynamische Perspektive

Alter(n)PsychotherapieEntwicklungspsychologieim AlterPsychotherapieAus verhaltenstherapeutischer SichtPsychotherapieim Alterverhaltenstherapeutische Sicht werden die negativ konnotierten AltersstereotypienAltersstereotypien fokussiert (Freedman 1986). Das bedeutet z. B., dass ein 70-jähriger Patient sich in Bezug setzt zu seiner vor Jahren 70-jährig verstorbenen Mutter und vor diesem Hintergrund ständig (stereotyp) depressiv sein baldiges Lebensende erwartet, obwohl die somatischen Untersuchungsergebnisse sein baldiges Sterben nicht nahelegen. Thomae (1970) betont die Bedeutung des Gleichgewichts zwischen den kognitiven und den motivationalen Systemen des Individuums, vor allem für alte Menschen. So erreichen Ältere eine höhere Lebenszufriedenheit (motivationale Seite), wenn sie sich bzgl. dessen, was sie im Alter noch können (auch kognitiv), positiv bewerten, als wenn sie als Bezugsrahmen ständig ihre Fertigkeiten aus dem mittleren Lebensabschnitt heranziehen und den eigenen Alltag ständig abwerten („mit mir ist nichts mehr los!“). Dysfunktionale Kognitionen lassen sich umso leichter verhaltenstherapeutisch behandeln, je stärker die Motivation des Betroffenen auf eine Veränderung abzielt.
Psychotherapieim Alterpsychoanalytische SichtAus psychoanalytischer Sicht sind Alter(n)psychoanalytische SichtAlternde primär psychosexuell und psychosozial Erwachsene in der zweiten Hälfte ihrer Erwachsenenzeit. Dabei stellen diese Entwicklungsphasen kein Ergebnis einer abgeschlossenen Entwicklung dar, sondern diese schreitet als dynamischer Prozess – wie dargestellt – während des gesamten Erwachsenenlebens fort. Während die Entwicklung des Kindes primär auf die Ausbildung der psychischen Struktur ausgerichtet war, ist der Erwachsene mit deren ständiger Weiterentwicklung und Nutzung befasst, d. h., dass Entwicklung sowohl durch die Krankheit als auch durch die bisherige Vergangenheit dieser Erwachsenen geprägt wird.

Entwicklung ist hierbei nicht als ein globaler oder umfassender Prozess zu verstehen, sondern findet auf unterschiedlichen Entwicklungslinien oder in unterschiedlichen Entwicklungsfeldern statt.

Die psychische Struktur wird durch das Erleben des Alterns und durch die das Alter begleitenden Veränderungen unterschiedlich betroffen. Libidinöse, aggressive und narzisstische Impulse bleiben bis in das hohe Alter hinein weitgehend unverändert. Selbst wenn es zu einer Abschwächung genitaler Triebimpulse kommt (biologische Einflüsse und Krankheiten, Gewöhnung oder fehlende Möglichkeiten, Erziehung, Einnahme von Medikamenten), bleiben ihre psychischen Derivate und ihre Repräsentanz im Unbewussten erhalten; entsprechend erscheinen dann die oralen und analen Partialtriebstrebungen verstärkt, was sich als vermehrtes Interesse z. B. an gutem Essen manifestieren kann. Über-Ich- und Ich-Ideal-Aspekte können sich verstärken oder abschwächen.
Aufgrund der UnbewusstesZeitlosigkeitAlter(n)Unbewusstes, Zeitlosigkeitweitgehenden Zeitlosigkeit des Unbewussten müssen weiterbestehende ungelöste pathologische Konflikte ebenfalls als zeitlos angesehen werden.

Wie in anderen Lebensabschnitten erleben und erleiden alternde Erwachsene jenseits der beschriebenen neuen Entwicklungsaufgaben in dieser Lebensspanne psychische sowie inter- und intragenerative Konflikte, die bewusst oder unbewusst ablaufen können.

Diese können mehrfach im Lebensablauf (also auch im Altern) auftreten, sich erneut erstmals nach Kindheit/Adoleszenz zeigen oder sich im Zusammenhang mit der Alternssituation verstärken. Gleichzeitig haben sich Alternde mit vielfachen Veränderungen (Bedrohungen, Verluste, Enttäuschungen, Kränkungen und Attacken) zu befassen und mithilfe von Trauerprozessen zu bewältigen. Das näher rückende Lebensende verdeutlicht die Begrenztheit des Lebens und erfordert, sich mit dem eigenen Sterben und Tod auseinanderzusetzen.
Um nicht die psychoanalytische Sicht ebenfalls zu einer defizitorientierten zu machen, wird es notwendig, sich einerseits des Ausmaßes von Bedrohungen, Verlusten, Enttäuschungen, Kränkungen und Attacken und der damit möglicherweise verbundenen regressiven Schritte bewusst zu werden und andererseits gezielt nach den Ich-Fähigkeiten und Ich-Stärken (i. S. der sozialgerontologischen Kompetenzthese) zu suchen.

Mögliche Anamnesefragen

Entwicklungspsychologieim AlterEntwicklungsstillstandskonzeptDas Konzept des Alter(n)Konzept des EntwicklungsstillstandsEntwicklungsstillstands aufgrund der missglückten Lösung einer psychosozialen Aufgabe oder aufgrund eines missglückten Übergangs von einem Entwicklungsschritt zum anderen erlaubt, aus dieser Sicht bestimmte Störungen/Erkrankungen Alternder zu verstehen (z. B. pathologische TrauerTrauerprozess/-reaktionpathologischeim Alter beim Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess oder bei Partnerverlust).

Im ungünstigen Falle und unter übermäßigen Belastungen – ob sie nun von internalen oder externalen Traumatisierungen herrühren – kommt es dann zu Regressionen auf frühere Stufen der Ich-Entwicklung und der damit verbundenen Persönlichkeitsorganisation.

Das bedeutet, dass Abweichungen von der Altersnorm und andere pathologische Erscheinungen in ihrer Abhängigkeit von Entwicklungsaufgaben und Konflikten des Alterns und Alters ebenso wie auch abhängig von der persönlichen Geschichte, dem individuellen Stil und dem Niveau der Bewältigungsmechanismen betrachtet werden müssen. Darüber hinaus erlaubt eine derartige Sichtweise, Möglichkeiten der Reintegration zu suchen (Progressionsschritte).
Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, dass die heutigen über 60-Jährigen parallel zu ihrer individuellen Entwicklung in Kindheit und bisherigem Erwachsenenleben auf eine durch die deutsche Geschichte (Kap. 19.1) geprägte soziale und historische Vergangenheit zurückblicken.
Das Ich des psychosexuell und psychosozial reifen Ichpsychosexuell und psychosozial reifer ErwachsenerErwachsenen hat während der Abschnitte des Alterns – genauso wie in den zurückliegenden Abschnitten des Lebensverlaufs – zwischen libidinösen, aggressiven und narzisstischen Impulsen und den Ansprüchen des Über-Über-Ichim AlterIchs zu vermitteln und gemäß dem Lust-Unlust-Alter(n)Lust-Unlust-PrinzipPrinzip unter Einbeziehung seiner Realität und der gegebenen Umwelt Befriedigungsmöglichkeiten zu suchen und die beschriebenen anstehenden psychosozialen Aufgaben zu lösen.
Die jetzt eintretenden und mit zunehmendem Alter sich potenziell häufenden Veränderungen sind normale Erfahrungen des höheren und hohen Alters. Bei weitem nicht alle, aber dennoch viele über 60-Jährige zeigen anlässlich derartiger Veränderungen die beschriebenen Reaktionen. Damit stellen sich folgende Fragen: Alter(n)VeränderungenBewältigung
  • 1.

    Wie werden diese Veränderungen psychisch erlebt, und welche subjektive Bedeutung kommt ihnen zu?

  • 2.

    Über welche Verarbeitungs- und Bewältigungsmöglichkeiten verfügt das Individuum, einerseits bei unverändert vorhandenen und erprobten Ich-Funktionen oder andererseits bei im Zusammenhang mit der Alterungssituation geschädigten Ich-Funktionen?

  • 3.

    Mithilfe welcher Abwehrvorgänge versucht sich das Individuum neu zu stabilisieren, und wie manifestieren sich diese klinisch?

  • 4.

    Bestehen präventive Möglichkeiten, und welche Behandlungsmaßnahmen haben sich bei entsprechenden Störungen/Erkrankungen bewährt?

Ad 1: Wie werden diese Veränderungen psychisch erlebt und welche subjektive Bedeutung kommt ihnen zu?
Bei den meist negativ erlebten Alter(n)Veränderungennegativ erlebteVeränderungen handelt es sich um auferlegte Veränderungen im Bereich physischer und psychischer Funktionen, in den Beziehungen, im sozialen Status, in der materiellen Versorgung und Unterbringung, die letztendlich das eigene Sterben und den unausweichlichen Tod näher rücken lassen. Sie werden als Bedrohungen, Verluste, Kränkungen/Enttäuschungen und Attacken erlebt, denen je nach psychischer Besetzung schwerwiegende bis lebensbedrohliche Bedeutung zukommt.
Sich ankündigende oder bevorstehende Veränderungen, z. B. durch einen erkrankenden Partner, aufgrund einer sich abzeichnenden Seh- oder Hörverschlechterung, infolge der bevorstehenden Berentung oder eines Umzugs, kommt im Vorausdenken bereits eine gefährliche, bedrohliche Bedeutung zu, welche die bisher bestehende psychosoziale Sicherheit weitgehend infrage stellen kann.
Die häufiger werdenden VerlusteVerlust(erlebnisse)im Alter betreffen ältere Familienangehörige, Gleichaltrige, Partner und Familienangehörige sowie bereits Kinder und Enkelkinder; dazu weitere Verwandte, Freunde und Bekannte. Trennungen müssen aufgrund des Wegzugs von Kindern, der Aufnahme ins Krankenhaus/Heim oder des eigenen Wohnungswechsels erfolgen. Alter(n)VerlusteVerluste können ebenso hoch besetzte physische (Beweglichkeit, Leistungsfähigkeit, Potenz, Hören und Sehen) und psychische (Gedächtnisleistungen, Kritikfähigkeit, Denkprozesse) wie auch soziale (berufliche und außerberufliche Funktion/Rollen, Einkommen, Wohnung/Umwelt) betreffen.
Ad 2: Über welche Verarbeitungs- und Bewältigungsmöglichkeiten verfügt das Individuum, einerseits bei unverändert vorhandenen und erprobten Ich-Funktionen oder andererseits bei im Zusammenhang mit der Alterungssituation beeinträchtigten Ich-Funktionen?
Zur Bewältigung bzw. VerarbeitungVerlust(erlebnisse)im Alter stützt sichAlter(n)VerlusteAlter(n)Bewältigungsmöglichkeiten das Ich des Erwachsenen auf seine bisherige Entwicklung, seine integrierten (Lebens-)Erfahrungen und seine erprobte Abwehrstruktur. In der Regel schafft es das Individuum dadurch, auch im höheren und hohen Alter den notwendigen Trauerprozess zu durchleben und zu durchleiden. Diese Aufgabe kann jedoch von Alternden – auch mit weitgehend unneurotischer Vorgeschichte – bei bestimmten traumareaktivierenden Konstellationen nicht (mehr) geleistet werden:
  • Der Verlust wiederholt und reaktiviert damit einen früher nicht durch Trauerarbeit bewältigten, traumatisch erlebten Verlust in Kindheit/Jugend.

  • Ältere verlieren die einzige hoch besetzte Beziehungsperson (sei es einen noch aus der Kindheit stammenden Elternteil oder einen Geschwisterteil, sei es die symbiotisch gestaltete Partnerbeziehung ohne weitere freundschaftliche Beziehungen) plötzlich und dazu noch ohne innere Vorbereitung.

  • Der Verlust erfolgt außerhalb des erwarteten Verlaufs, z. B. wenn das einzige oder emotional hoch besetzte Kind anstelle des kranken Partners oder der alten Eltern stirbt.

  • Bedrohungen, Verluste, Kränkungen treten innerhalb eines kurzen Zeitraums in mehreren Bereichen (These der Kumulation) auf: physische und psychische Funktionen, Beziehungen und soziale Sicherheit (s. Patientengeschichte am Ende des Kapitels).

Ad 3: Mithilfe welcher Abwehrvorgänge versucht sich das Individuum neu zu stabilisieren und wie manifestieren diese sich klinisch?
Alter(n)Abwehrmechanismen/-reaktionenDie Wahrnehmung des auferlegten Verlusts muss zunächst verstärkt abgewehrt werden. Teilweise resultiert das klinische Bild einer pathologischen TrauerreaktionTrauerprozess/-reaktionpathologischeim Alter (Bron 1990). Dazu werden zunächst die lebenslang bestehenden Abwehrmechanismen und weitere zu Abwehrzwecken genutzte Verhaltensweisen eingesetzt. Konservatives Verhalten z. B. vermeidet neue Erfahrungen (und Verführungen) durch Rückgriff auf alte. Weiterhin lässt sich eine Verschärfung, teilweise sogar Karikierung bestimmter Charakterzüge beobachten, die bisher eher hirnorganisch begründet angesehen wurde, wie der Übergang von sorgsamem Verhalten zu zwanghafter Pedanterie, von Vorsicht zu Misstrauen und von Sparsamkeit zu Geiz.
Abwehr(reaktionen)im AlterWeiterhin können körperliche Veränderungen und Störungen zu Alter(n)Veränderungendes OrganismusAbwehrzwecken genutzt werden, so etwa das Nicht-hören-, Nicht-sehen-, Nicht-schreiben- oder Nicht-bewegen-Können. Reichen diese Möglichkeiten der Abwehr nicht mehr aus, um fortbestehende oder sich verstärkende Bedrohungen und Trennungen zu bewältigen, zeigen sich regressive Phänomene, die zunächst als adaptive regressive Schritte im Dienste des Ichs zu verstehen sind. Diese können unterschiedliche Aspekte des Es, des Ichs und des Über-Ichs betreffen. Zu ihnen gehören folgende Phänomene:
  • Auftreten „primitiver“, kindlicher Verhaltensweisen und Interaktionsformen der verschiedenen psychosexuellen Entwicklungsformen mit stärkerem Hervortreten diesbezüglicher Fantasien, Gefühle, Träume;

  • Auftreten von Partialtriebbefriedigungen (entsprechend früheren Fixierungen) im genitalen, analen und oralen Bereich (z. B. vermehrtes Interesse an gutem Essen) in Abhängigkeit von verschärftem oder eingeschränktem Über-Ich-Einfluss

  • Rückzug von der AußenweltRückzugim AlterAlter(n)Rückzug mit stärkerer (i. S. einer narzisstischen Regression) Besetzung der Körperfunktionen (oft im Zusammenhang mit den Partialtriebbefriedigungen – z. B. vermehrtes Kontroll- und Reinlichkeitsbedürfnis)

  • Auftreten „primitiver“ Abwehrmechanismen wie Identifizierung mit dem Aggressor, Verleugnung und Projektion

  • Rückkehr zu früheren Gedächtnisinhalten, speziell aus Kindheit und Jugendzeit

Dazu zählt die identifikatorische Übernahme der Symptomatik verstorbener Lebenspartner als Ausdruck der unbewussten Fantasie der Vereinigung in der gleichen Krankheit: Der Tote wird gleichsam im körperlichen Leiden des Trauernden wiederbelebt. Diese schützt ihn vor Gefühlen von Einsamkeit und Getrenntsein und den angstbesetzten Vorstellungen von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Ebenso kann ein Alternder eine narzisstische Restitution mit hypochondrischem Rückzug in die Krankheit dadurch erreichen, dass er seine Beziehungen aufgibt und sie durch seinen Körper ersetzt (Haag 1985).
Ad 4: Bestehen präventive Möglichkeiten und welche Behandlungsmaßnahmen haben sich bei entsprechenden Störungen/Erkrankungen bewährt?
Reichen diese Abwehrprozesse zur Bewältigung nicht mehr aus, so kann die Kombination einer Kumulation von Verlusten und gleichzeitig bestehenden eingeschränkten und/oder geschädigten Ich-Funktionen zu einer pathologischen Regression im AlterAlter(n)Regression, pathologischeRegression (Weisman 1970) führen:
  • Die Reaktionsweisen sind unangemessen, wirken undifferenziert im Vergleich mit früheren, sorgfältig ausgeführten Handlungen und Verhaltensweisen.

  • Die Möglichkeiten zur Abwehr wirken geschwächt und sind unflexibler; dazu bestehen geringe Möglichkeiten zum Erkennen und zum Umgang mit neuen Erfahrungen und Veränderungen.

  • Die Realitätsprüfung ist eingeschränkt oder zeigt schnellere Dekompensation.

  • Die Kommunikationim AlterAlter(n)KommunikationKommunikation mit der Umwelt ist weniger symbolisch und mehr konkret. Ansichten werden generalisiert und sind nicht mehr differenziert. Konzepte und Ideen führen zu einer sofortigen sensomotorischen Bewältigung (Agieren). Die verringerte interne Verarbeitungsmöglichkeit ist ausgetauscht durch frühere Externalisation von Gefühlen, Affekten und Motiven.

  • Die Realitätsbeziehung beruht auf dem Hier-und-Jetzt-Prinzip bei jeglicher sich bietender Gelegenheit und bezieht sich nicht mehr auf die Wirklichkeit einer vergangenen und zukünftigen Zeitdimension.

Die persönliche Autonomieim AlterAutonomieAlter(n)Autonomie ist deutlich stärker auf den gegenwärtigen Einfluss externer Personen, Dinge und Institutionen bezogen.
Vor einigen Jahren wurde kontrovers diskutiert, inwieweit psychosoziale Belastungsfaktoren bei demenziellen Erkrankungen im Rahmen eines Vulnerabilitäts-Stress-Modells Vulnerabilitäts-Stress-Modellim AlterzuAlter(n)Vulnerabilitäts-Stress-Modell neuropathologischen Veränderungen zu einer Demenz vom AlzheimerAlzheimer-Demenzpsychosoziale Belastungsfaktoren-Typ (DAT) beitragen können. In einem nicht unumstrittenen Untersuchungsdesign wurde der Nachweis zu erbringen versucht, dass psychosoziale Faktoren nicht nur als Zusatzbelastung im Rahmen dieses Modells in Betracht zu ziehen sind, sondern auch selbst zum Ausgangspunkt morphologischer Veränderungen des Kortex werden können:

„Es erscheint denkbar, dass eine Entwicklung, die der gelernten Hilflosigkeit nicht unähnlich ist, zu einer dysfunktionalen Bedienung neuronaler Netze führte und einen Rückzug neuronaler Plastizität zur Folge hat. Dies könnte den Rückgang der mit der Demenzentwicklung eng korrelierten kortikalen Synapsendichte zur Folge haben.“

Bauer et al. (1995)

Diesen als negativ erlebten Veränderungen stehen anlässlich des Ausscheidens aus dem Arbeitsprozess durch eigenbestimmte autonome Lebensgestaltung für weitere 10–15 Jahre aufgrund befriedigender sozialer und materieller Lebenslage oder durch Beendigung von Pflegeaufgaben nach dem Verlust des Partners u. a. m. auch positiv erlebte gegenüber. Insgesamt nehmen aber mit dem Alter potenziell die negativ erlebten Veränderungen zu. Generell hat so der über 60-Jährige – wie auch in anderen Abschnitten des Lebenszyklus – die Aufgabe, diese mithilfe eines Trauer- und Befreiungsprozesses zu bewältigen.
Damit sind vier Entwicklungssäulen in den ersten Lebensjahren angesprochen:
  • 1.

    der psychosexuelle TriebTrieb, psychosexueller,

  • 2.

    die Ich-FunktionenIch-Funktionen,

  • 3.

    das Selbstwertregulationssystem (SelbstwertregulationNarzissmus) und

  • 4.

    die ObjektbeziehungenObjektbeziehung(en).

Jede dieser vier Entwicklungssäulen stellt eine komplexe Funktion sowohl der individuell-historischen Zeitdimension als auch der soziokulturellen Bedingtheiten dar. Die Vernetzung des Individuums im sozialen Raum konstituiert dann die „Wirklichkeit“ eines Menschen (von Uexküll 1984).
Unter dem Aspekt des NarzissmusNarzissmus (Freud 1923: 275) ist das Ich des Individuums ständig aufgefordert, zwischen Objektnähe und Objektferne im Sinne einer „Teilhabe“ an den Beziehungen und damit der „Welt“ die Waage zu halten. Ungelöste Problem- und Konfliktlagen z. B aus den ersten Lebensjahren können die Entwicklungsaufgaben im Erwachsenenalter naturgemäß zusätzlich erschweren.
Zusammenfassend sprechen die Studienergebnisse für eine veränderte Wahrnehmung des Körpers und seiner Funktion in der Weise, dass die leibliche Existenz und die körperliche Funktion nicht mehr als ausschließlich selbstverständlich gegeben wahrgenommen werden. Analog zur Veränderung der Körperfunktionen, Veränderungen im AlterAlter(n)VeränderungenBewältigungKörperfunktionen besteht das Ich-strukturelle Problem der kognitiven Bewältigung dieser Veränderungen ebenso wie der narzisstische Umgang mit der sich verändernden Leiblichkeit. Die sich verändernde Körperlichkeit im Alternsprozess stellt zugleich auch eine intrapsychische Symbolisierungsebene für das Zeiterleben und die Strukturierung der Zukunftsperspektive dar. Die interaktionistischen entwicklungspsychologischen Theorien (Tab. 19.1) wurden deshalb um eine wesentliche Dimension, die des körperlichen Alternsprozesses, ergänzt.
Diese Verluste können gleichzeitig teilweise als schwere narzisstische Narzisstische Kränkungen, Verluste im AlterKränkungenAlter(n)Verluste bzgl. Leistungsfähigkeit, Aussehen, Potenz, Einfluss, Rollen/Funktionen erfahren werden, die tiefgreifende Enttäuschungen über sich selbst, die Umwelt und die eigene Biografie mit sich bringen können. Bei zunehmender Abhängigkeit erleben sich Alternde häufig – z. T. durch Revancheverhalten – direkten und indirekten Attacken, teils mit Gewalt einhergehend, ausgesetzt (Radebold 1992; Teising 1992).
Auch und gerade bei Alternden kann man nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass ihre Ich-Ich-Funktionenim AlterAlter(n)Ich-FunktionenFunktionen ungestört zur Bewältigung von Verlusten zur Verfügung stehen. Ich-Funktionen können bereits seit Geburt, ebenso von früher Kindheit/Adoleszenz an oder seit dem jüngeren oder mittleren Alter aufgrund von Schädigungen, Unfällen, Abusus oder Erkrankungen defizitär sein. Neurotische, psychosomatische, aber auch psychotische Erkrankungen früherer Lebensjahrzehnte führen oft dazu, dass Ich-Funktionen nur eingeschränkt zur Verfügung stehen und nur ungenügende konfliktfreie Bereiche vorhanden sind. Schließlich kann auch die Alterungssituation aufgrund von Unfällen, organischen und hirnorganischen Erkrankungen sowie Abusus erstmalige Schädigungen von Ich-Funktionen bewirken.
Bekannt ist die Verleugnungim AlterAlter(n)VerleugnungVerleugnung des überlebenden Ehepartners, der den/die Verstorbene(n) in der Fantasie über Monate bis viele Jahre „am Leben hält“, so als sei kein Verlust erfolgt. Wohnungseinrichtung, Verhaltensweisen und alltägliche Lebensabläufe werden so gestaltet, als ob der/die Verstorbene noch da sei. Bei nicht zu weit gehender Leugnung wird sein Grab täglich stundenlang auf dem Friedhof besucht und der Verstorbene durch regelmäßige lange Zwiesprache „lebendig“ erhalten.
Manchmal lässt sich bei derartigen Bedrohungen und Verlusten an scheinbar selbstständig und in äußerlich befriedigenden Lebenssituationen lebenden Menschen als Reaktion eine Erstarrung mit völligem Rückzug beobachten, der schließlich über ein „Erlöschen“ vielfältiger Funktionen zum relativ raschen Todeseintritt ohne organische Ursache führt, wie die folgende Patientengeschichte zeigt.

Patientengeschichte

Eine 66-jährige Pat. hatte zusammen mit ihrem Mann nach seiner lang ersehnten Pensionierung eine komfortable Neubauwohnung fernab von ihrem bisherigen Bekanntenkreis bezogen. Die seit 43 Jahren bestehende kinderlose Ehe wurde von Außenstehenden als unkompliziert, befriedigend, sehr eng und sich gegenseitig stützend beschrieben. Weitergehende Außenkontakte bestanden bis auf Bekanntschaften mit mehreren Ehepaaren nicht. Die neue, ebenfalls lang erwünschte Wohnung sollte zum „Verwöhnen“ in der Alterssituation beitragen.

Kurz nach dem Umzug erlitt der gleichaltrige Mann einen Herzinfarkt und verstarb innerhalb von 2 Tagen. Kurze Zeit darauf wurde bei der Pat. ein Genitalkarzinom diagnostiziert, das vollständig operativ entfernt werden konnte. Die Frau erholte sich jedoch nur ganz allmählich und wurde apathisch nach Hause entlassen, wobei sie aufgrund fortbestehender Beschwerden fest davon überzeugt war, dass das Karzinom nicht vollständig entfernt war und die Ärzte ihr nicht die Wahrheit sagten.

Nach Berichten aus ihrer Umgebung lebte sie während der nächsten 2 Monate in ihrer komfortablen, neu bezogenen Wohnung wie in einer „gläsernen Welt voller Spinnweben“, ohne dass es ihrem behandelnden Arzt, der betreuenden Sozialarbeiterin oder den Bekannten gelang, einen intensiven Kontakt aufrechtzuerhalten oder die Pat. zu neuen Interessen oder Aktivitäten zu bewegen. Dann wurde sie wegen allgemeiner Apathie, zunehmender Resignation und starkem Gewichtsverlust erneut ins Krankenhaus eingewiesen, wobei sich ihre Gedanken ausschließlich mit der als fortbestehend vermuteten Krebserkrankung und dem verstorbenen Mann beschäftigten. Nach weiteren 3 Wochen verstarb die 66-Jährige ohne Hinweis auf ein metastasierendes Karzinom oder eine andersartige organische Krankheit (Obduktionsbefund).

Literaturauswahl

Arbeitskreis zur Operationalisierung Psychodynamischer Diagnostik (OPD) et al., 2006

Arbeitskreis zur Operationalisierung Psychodynamischer Diagnostik (OPD) Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD-2) 2006 Huber Bern

Erikson, 1950

E.H. Erikson Childhood and Society 1950 Norton New York dt. (1968). Kindheit und Gesellschaft. 3. A. Stuttgart: Klett

Heuft, 1994

G. Heuft Persönlichkeitsentwicklung im Alterein Entwicklungsparadigma Z Gerontol 27 1994 116 121

Heuft et al., 2006

G. Heuft A. Kruse H. Radebold Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie 2. A. 2006 Reinhardt München

Schneider et al., 2006

G. Schneider G. Driesch A. Kruse Old and ill and still feeling well? Determinants of subjective well-being in >60 year olds: the role of the sense of coherence Am J Geriatr Psychiatry 14 2006 850 859

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