© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-21833-0.00014-0

10.1016/B978-3-437-21833-0.00014-0

978-3-437-21833-0

Das Drei-Ebenen-Modell affektmotorischer Schemata (von Uexküll et al. 1994, nach Geuter 2015)

[G513/L231]

Körpererleben

Peter Joraschky

Karin Pöhlmann

  • 14.1

    Einleitung157

  • 14.2

    Wissenschaftstheoretische Grundlagen157

    • 14.2.1

      Leib-Sein und Körper-Haben157

    • 14.2.2

      Körpererleben aus historisch-psychoanalytischer Sicht158

    • 14.2.3

      Die Theorie des Embodiment158

  • 14.3

    Dimensionen des Körpererlebens – Terminologische Vielfalt159

  • 14.4

    Zur Phänomenologie des Leiberlebens160

  • 14.5

    Die affektmotorischen Schemata160

  • 14.6

    Das implizite Körpergedächtnis und die Entwicklung des Körper-Selbst161

    • 14.6.1

      Berührungserfahrungen und der Aufbau von Körper- und Selbstgrenzen162

  • 14.7

    Erhebungsmethoden der Störungen des Körpererlebens163

    • 14.7.1

      Apparative Erhebungsmethoden der perzeptiven Körperbildstörung163

    • 14.7.2

      Fragebögen163

    • 14.7.3

      Projektive Verfahren163

    • 14.7.4

      Idiografische Erfassung des Körperbildes163

    • 14.7.5

      Das Körperepisoden-Interview163

  • 14.8

    Das Wechselspiel des Körpers als Subjekt und Objekt164

    • 14.8.1

      Der Körper als Objekt – der Sozialkörper164

    • 14.8.2

      Körpermodifikationen164

  • 14.9

    Körperteildissoziation als Schutzmechanismus im Körpererleben164

  • 14.10

    Der Körper als Fremdkörper: Instrumentalisierung des Gesamtkörpers165

    • 14.10.1

      Die Dissoziation des Körpers als Objekt am Beispiel der Anorexia nervosa165

  • 14.11

    Störungen des Körpererlebens und Traumatisierung166

Einleitung

In den letzten 20 Jahren ist das KörpererlebenKörpererleben sowohl in den grundlagenorientierten Forschungen zur Neurobiologie und psychoanalytischen Entwicklungspsychologie als auch durch seine Bedeutung i. R. der Persönlichkeitsentwicklung und seine vielfältigen Auswirkungen bei klinisch relevanten Krankheitsbildern in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Dies betrifft v. a. Patienten mit komplex-traumatisierten Persönlichkeitsstörungen, Borderline-, somatoformen und Essstörungen und Dysmorphophobien sowie Patienten mit dem Wunsch nach plastischen Operationen.
Entwicklungspsychologisch frühe Störungen im Körpererleben, etwa durch Vernachlässigung oder Überstimulation, schlagen sich als „Schatten“ im Körperselbst nieder, die gravierende Auswirkungen auf das Selbsterleben haben. In welchem Ausmaß die Emotions- und Selbstregulation und die Entwicklung des Körpererlebens zusammenspielen, zeigen Untersuchungen zur Wechselbeziehung zwischen Selbst- und Körperakzeptanz. Auf diese auch psychotherapeutisch relevanten Aspekte soll besonders Bezug genommen werden.

Wissenschaftstheoretische Grundlagen

Leib-Sein und Körper-Haben

Körpererlebenwissenschaftstheoretische GrundlagenDie Ambiguität von Leib-SeinKörper-Sein und Körper-Körper-HabenHaben hat v. a. bei phänomenologisch orientierten Philosophen grundsätzliche anthropologische Betrachtungen angestoßen:

„Der Körper ist der einzige Teil der Welt, der zugleich von innen empfunden und – an seiner Oberfläche – wahrgenommen wird. Er ist ein Gegenstand für mich, und ich bin dieser Körper selber. Es ist zwar zweierlei, wie ich mich fühle und wie ich als Gegenstand mich wahrnehme, aber beides ist unlösbar verbunden. Empfindungen des Körpers, mit denen sich mir ein gewusster Gegenstand aufbaut, und Empfindungen, die Gefühle meines leiblichen Zustandes bleiben, sind dieselben und untrennbar, wenn auch unterscheidbar. Die Gefühlsempfindungen fließen zusammen im leiblichen Zustandsbewusstsein. Das Daseinsbewusstsein des Leibes – normalerweise ein unbemerkter, weder störender noch beschwingender, insofern indifferenter Hintergrund des Bewusstseins – kann in toto außerordentliche Veränderungen erfahren; im Libidozustand, im Angstzustand, in Schmerzüberwältigung ist der Leib bis in die letzte Faser ergriffen, absorbiert den Menschen in Beschwingen oder Vernichten.“

Jaspers (1946)

Vor allem die französischen Phänomenologen Marcel (1985) und Merleau-Ponty (1966) haben Überlegungen zum Körper-Sein und Körper-Haben als Ausgangspunkt der Selbst-Selbsterfahrung/-erleben und UmwelterfahrungUmwelterfahrung beigetragen. Die deutsche PhänomenologieKörperphänomenologische Überlegungen in der Tradition von Husserl geht vom „Leib“-Begriff aus, der etymologisch eng mit dem Begriff des „Lebens“ verknüpft ist (Küchenhoff und Wiegerling 2008). Die von Schmitz (2007) und Böhme (2003) vertretene moderne Phänomenologie (vgl. Kap. 66) greift in ihren Betrachtungen zur Leiberfahrung die Theorie des Subjekts (Metzinger 2005) auf und arbeitet die Besonderheiten leiblichen Erlebens wie z. B. die Valenz angenehm – unangenehm, die „Enge und Weitung“, die Verbindung von Leib- und Selbstgefühl heraus. Das Oszillieren von Körper-Haben und Körper-Sein lässt sich an klinischen Beispielen beschreiben, etwa wie die Anorektikerin die Breite des Oberschenkels als Problemzone perzeptiv mit offenen Augen deutlich geringer verzerrt erlebt, als wenn sie dem Oberschenkel mit geschlossenen Augen nachspürt.
Seelisches Erleben gründet im Körpererleben, und Körperleben ist ein mentaler Prozess. Ähnlich meinte auch Jacob von Uexküll (1956) in seiner ökologischen Theorie, dass die Welt wie ein lebendiges Wesen immer eine subjektive, bedeutungsvolle Umwelt ist. Diese ganzheitlichen Theorien stellen den Menschen als erlebendes und handelndes Subjekt in den Mittelpunkt. Das Körpererleben wird dabei als die Grundlage des Selbsterlebens betrachtet.
Auf diese Bidirektionalität beziehen sich z. B. folgende Fragen an die Patienten:
  • „Welche Gedanken oder Bilder kommen Ihnen, wenn Sie den wie Feuer brennenden Schmerz am Rücken empfinden?“

  • „Wenn Sie die brutalen Schläge des Vaters schildern, was nehmen Sie in Ihrem Körper wahr?“

Die Theorie des embodied mindEmbodied mind (Röhricht et al. 2014) besagt, dass der Bezug des Menschen zur Welt auf körperlich handelnder Erfahrung beruht und dass Erkennen immer mit der Einbettung des Erkennens in seine Umwelt zu tun hat. Der Erfahrungshorizont und die vielfältigen Phänomene dieses Oszillierens zwischen Körper-Haben und Leib-Sein, diese Ambiguität ist die Grundlage der dargestellten Thematik.

Körpererleben aus historisch-psychoanalytischer Sicht

„Das Ich ist zuerst und vor allem ein Körperliches.“

Freud (1923)

Körpererlebenhistorisch-psychoanalytische SichtIm Mittelpunkt konflikthafter Motive stand für die Psychoanalyse in der Tradition von Freud die infantile Bedürfnis- und Triebregulation des Menschen. Das Körper-Ich oder, wie es Schilder (1935) später nannte, das Körper-Bild organisiert und baut sich in diesen frühen Entwicklungsperioden sukzessiv über einzelne Körperzonen – oral, anal, phallisch, genital – auf, an denen im besonderem Maße affektive Spannungen kulminieren. Diese Körperzonen können als Organisatoren intersubjektiver Erfahrungen durch die Triebaktivierung und deren Kontrolle gesehen werden. Sie beeinflussen durch jeweils unterschiedliche im Vordergrund stehende Affekte und durch subjektive Erfahrungsprozesse Persönlichkeitsentwicklungsprozesse (z. B. „analer Charakter“). Die Entwicklungsgeschichte früher Trieberfahrungen war zunächst rekonstruktiv angelegt. Ein Kernbereich der Konflikttheorie blieben die im Körpergedächtnis abgelegten Grundmuster von Triebwunsch und Triebschicksal.
Erweitert wurde diese Theorie durch die Objektbeziehungstheorie (Lichtenberg et al. 2000) und seit 20 Jahren durch die Forschungen zu EmotionsregulationEmotionsregulation (Kap. 12), SelbstregulationSelbstregulation und BindungstheorieBindungstheorie (Kap. 11). Die TriebtheorieTriebtheorie bleibt durch die damit verknüpfte Lust-Unlust-Regulation-Lust-Unlust-Regulation, KörpererlebenKörpererlebenLust-Unlust-Regulation einer der Grundregler im biopsychosozialen Stressmodell.
Zur Triebtheorie kann nur sehr verkürzt darauf verwiesen werden, wie diese SpannungsregulationSpannungsregulation z. B. in der oralen Phase mit wichtigen Beruhigungssystemen des Rhythmus (Wiegen), der Selbststimulation (Mund-Nase-Stimulation), Schnullen, Schaukeln etc. verbunden ist. In der analen Phase beginnt neben den Grundprinzipien des Ausstoßens und der Trennungs-/Verlustängste der Aufbau der KörpergrenzenKörpergrenzenAufbau mit der Bedeutung des SchamaffektsSchamaffekt als Grenzwächter (Erikson 1961). Schließlich erlangt die phallisch-genitale Organisation als sexuelle Erregungszone Bedeutung. Neue Schubkraft erhielt die Triebtheorie durch die neurobiologischen Modelle zum KörpergedächtnisKörpergedächtnis (Schore 2007).

Die Theorie des Embodiment

Das für die Philosophie und die PsychosomatikPsychosomatikEmbodiment-Konzept grundlegende Leib-Seele-Problem wird von der Embodiment-ForschungEmbodiment-Konzept aus der interdisziplinären Perspektive wieder aufgegriffen. In den letzten 20 Jahren haben sich die Philosophie, die Psychoanalyse, die akademische Psychologie, die Neurowissenschaften und die cognitive science (Fuchs et al. 2010) sowohl mit Fragestellungen der Grundlagenforschung als auch der Anwendung auseinandergesetzt.
Der Anstoß für die Theorie des embodied mindEmbodied mind kam von den Biologen Maturana und Varela (1984/2012), die beschreiben, wie Menschen ihre Welt gemäß ihren Erfahrungen und ihren Lebensbedingungen konstruieren. Diese strukturelle Kopplung zwischen Organismus und Umgebung greift J. von Uexkülls (1956) Begriff des subjektiven Lebensraums wieder auf. Unter phänomenologischer Perspektive wird der Mensch als ein verkörpert handelndes Wesen verstanden, dass im affektmotorischen Bezug zu seiner Umwelt steht. Über den Körper wird uns die Welt als erlebte Welt zugänglich. Also nicht nur die Affekte sind immer körperlich gebunden, sondern auch die Kognitionen gehen auf sensomotorische Prozesse zurück. Ein statisches Abbildungskonzept im Gedächtnis wird abgelöst von einem Konzept der Dynamik kontinuierlicher Konstruktion von seelischen Zuständen in aktuellen Interaktionssituationen, wie sie auch die neurobiologische Forschung zum Embodiment vertritt (Gallese 2013).
Für die klinische Forschung und die Therapie sind es v. a. die im Embodiment-Konzept einbezogenen frühesten menschlichen Interaktionserfahrungen, die für die Selbstentwicklung besonders wichtig sind (Leuzinger-Bohleber 2010). Das Embodiment-Konzept bezieht auch epigenetische Studien ein, die belegen, dass frühe Beziehungserfahrungen die genetische Anlage des Säuglings spezifisch aktivieren (Suomi 2011; Lektonen 2013). Die implizit gespeicherten Prozesse bestimmen unser späteres Denken, Fühlen und Handeln grundlegend. Wissenschaftstheoretisch nimmt also das Embodiment-Konzept alte psychosomatische Grundpositionen der Kreismodelle wieder auf. Durch den interdisziplinären Austausch ergeben sich jedoch vielfältige Anregungen für experimentalpsychologische Untersuchungen und neurobiologische Forschungsansätze.
Insbesondere erhält die Intentionalität in der Embodiment-Forschung wieder eine herausgehobene Bedeutung. Einen intentionalen Prozess bezeichnet man als eine „Handlung“, als einen gesteuerten Vorgang mit einem Ziel auf etwas hin, mit einer Hoffnung auf etwas, mit einer Angst vor etwas. Hierin drückt sich im Kontrast zur materialistischen Körperauffassung die motivationale Grundlage der Handlung aus. Für die kognitiven Theorien bedeutet dies, dass die formalistischen und funktionellen Modelle durch gefühlsgeleitete Handlungen ergänzt werden.
In diesem Sinne definiert Tschacher (2006) Kognition als embodied actionKognitionals verkörperte Handlung (embodied action. Emotion, Stimmung und Motivation sind mit der Kognition handlungsbestimmend. Jede Emotion ist embodied; die kognitive Entwicklung wird durch die emotionale Entwicklung fundiert und körperlich verankert. Diesen Zusammenhang beschreibt Gallagher (2005) in seinem Buch How the Body Shapes the Mind. Fonagy und Target (2007) gehen in dieser Forschungstradition der Frage nach, wie nonverbale Schichten im autobiografischen Gedächtnis verankert sind, wie mentale Aktionen mit Bedeutung besetzt und mit Gesten illustriert werden.

Dimensionen des Körpererlebens – Terminologische Vielfalt

KörpererlebenDimensionenDas Gesamtkörper-/Leiberleben ist nur sehr bedingt verbal zu erfassen. Somit ist ein grundsätzliches Ausdrucksdilemma einer jeden operationalen Annäherung an das Körpererleben unvermeidbar. Wird vom Körperbild gesprochen, so kann immer gleichzeitig eine objektivierende Betrachtung des Körpers wie auch die subjektive, komplex-mehrdimensionale verbal-nonverbale Bezugnahme auf den eigenen Leib gemeint sein.
Aufgrund der vielfältigen wissenschaftstheoretischen Perspektiven besteht eine terminologische VielfaltKörpererlebenTerminologie. Dabei umfassen die Begriffe zum einen die affektiv unbewussten oder kognitiv bewussten Zugangswege zum Körpererleben, zum anderen haben sie auch historische Wurzeln. Im internationalen Sprachgebrauch werden unter dem Begriff body image (Thompson 1990; Cash und Pruzinsky 2002) die perzeptiven, affektiven und kognitiven Komponenten der Body Image Disorders beschriebenBody Image (Disorders). Der Terminus „Körperbild“ wird sowohl als Obergriff als auch zur Beschreibung unterschiedlicher Teilaspekte der Leiberfahrung angewandt. Unter historischer Perspektive kann auf vorliegende Übersichten verwiesen werden (Bielefeld 1986; Joraschky 1983; Paulus 1982; Röhricht et al. 2005; Röhricht 2009). Eine genaue theoretische Differenzierung der einzelnen Perspektiven und wissenschaftlichen Zugangswege zum Körperleben findet sich bei Küchenhoff und Agarwalla (2013) sowie Geuter (2015).

Das KörperschemaKörperschema wird definiert als der zentralnervös verankerte, konstitutionell variierte und konstant durch die afferent sensorischen Einflüsse modifizierte Teilaspekt des Körpererlebens.

Das Körperschema hat eine basale Funktion in der Lokalisation des Körpers und der Steuerung der Motorik im Raum. Ergänzt wird die sensomotorische Orientierungsebene durch die perzeptive Körper- und Raumwahrnehmung, die entero- und exterozeptive Wahrnehmung der physischen Realität. Die Körperschemata reifen in der frühkindlichen (motorischen) Entwicklung im Zuge der neuronalen Entwicklung entlang genetisch vorgegebener Muster aus (Goldenberg 2005).
Körperschemata sind sichere motorische Grundfunktionen, sie sind aber auch durch affektive Schemata modifizierbar, wie etwa die persönlichkeitsabhängigen Muster der Ausdrucksbewegung im Raum (z. B. zwanghafte überkontrollierte Motorik vs. expansiv-motorische Ausdrucksformen) zeigen.

Das Körperbild(arbeit)Körperbild umfasst die den Körper betreffenden mehrdimensionalen Erfahrungs- und Bewertungsaspekte: das formale Wissen, die Fantasien, Gedanken, Einstellungen, Bewertungen (sprachlich repräsentiert und codiert bzw. symbolisiert) und die Bedeutungszuschreibungen des erlebten Körpers.

Diese Aspekte sind persönlichkeitspsychologisch zu erfassen (biografische Faktoren). Das Körperbild ist also als „Vorstellungsbild“ begrifflich und theoretisch verknüpft mit der selbstreflexiven, der mentalen Fähigkeit, den eigenen Körper in Abgrenzung zum anderen zu reflektieren. Für seine Bewertungen und die Einstellungen ist der jeweilige kulturelle Kontext mit den spezifischen körperbezogenen sozialen Umgangsformen und normativen Determinanten besonders zu berücksichtigen.
Wie bei der Entwicklung des mentalisierungsfähigen Selbstgefühls, gehen auch in das Körperbild unbewusste Entwicklungsprozesse mit ein. Hierauf verweist Dolto (1985), der das Körperbild als eine „stets gegenwärtige, lebendige Synthese unserer emotionalen Erfahrungen“ begreift. Diese Prozesse werden in der modernen Säuglingsforschung als Entwicklung des KörperselbstKörperselbst konzipiert.

Mit dem Konstrukt Körperselbst wird beschrieben, dass i. R. der Identitätsentwicklung zunehmend komplexer werdende Prozesse der Emotions- und Selbstregulation die Kohärenz und Kontinuität des Selbst formen. Mit diesem Prozess gehen der Aufbau der KörpergrenzenKörpergrenzenAufbau und die Selbst-Objekt-DifferenzierungSelbst-Objekt-Differenzierung Hand in Hand.

Zur Phänomenologie des Leiberlebens

Die Leibphänomenologie (Schmitz 1986; Fuchs 2008) ausführliche Darstellung bei Langewitz (Kap. 66.3.5), bezeichnet als LeibLeiberfahrung/-erleben den von innen wahrgenommenen, subjektiv empfundenen Körper, nach Metzinger (2005) die „Erste-Person-EbeneLeib, Erste-Person-Ebene“, und behält den Begriff KörperKörperDritte-Person-Ebene für den von außen wahrgenommenen, objektivierbaren Körper vor („Dritte-Person-Ebene“). Die phänomenale Welt der subjektiven Empfindungen ist nur dem Subjekt selbst zugänglich. In diesem Sinne kann der Leib nur in der Perspektive der ersten Person empfunden werden. Diese Empfindungen können mit unterschiedlichen Fragen exploriert werden, z. B.: Welche Schmerzen hat der Patient? Welche Bedeutungen teilt er mit? Wie bewegt er sich? Wie sind Lebenserfahrungen eingeschrieben? Wie äußert sich der Schmerz im interaktionellen Geschehen?
Beispiel: Schwindel
Der subjektive Bedeutungsraum des Symptoms SchwindelSchwindelsubjektives Körpererleben kann beschrieben werden mit Attributen wie schwankend, bodenlos, vernichtend, losgelöst, verwirrend, Übelkeit erzeugend, haltlos, orientierungslos, sinnlos u. v. m. und, hat in jeder Begrifflichkeit eine ganz eigene subjektive Tönung, die jedes Symptom einzigartig macht. Demgegenüber steht die operationalisierte beschreibende Quantität, die zur objektiven Diagnose führen soll und dabei das subjektive Körpererleben nicht mehr berücksichtigt. Ausgehend von der subjektiven Beschreibung füllt sich der Begriff mit symbolischen und präsymbolischen Qualitäten.
Ein Fallbeispiel soll als roter Faden für die verschiedenen Betrachtungsebenen zum Körpererleben dienen.

Patientengeschichte 1

Der 45-jährige Pat. wurde mit der Diagnose Fibromyalgie auf die Schmerzstation einer Universitätsklinik eingewiesen. Körpererlebensubjektives

In der ersten Woche löste er eine Krisensituation aus, als er mit der rechten Hand unablässig gegen die Wand seines Krankenzimmers schlug. Über die Gründe befragt, antwortete er, dass er aufgewacht sei und wieder alle Schmerzen im Körper verspürt habe, reflektorisch habe er die Hand vernichten wollen (Dritte-Person-Ebene). Er sei jetzt vom Gesamtkörper auf die Hand abgelenkt. Er spricht völlig unbeteiligt, reagiert auf anteilnehmende Sorge mit Abweisung. Er betrachtet die Hand wie abgespalten, geschwollen, gerötet. Sie ist möglicherweise frakturiert. Die ärztliche Untersuchung lässt er zu, mit einem öffnenden Gespräch zu den Schmerzen kann er nichts anfangen.

Zu einem späteren Zeitpunkt der Therapie gelingt es, vom abgespaltenen Körper eine Brücke zum Erleben zu schlagen. Er kann jetzt den Lageimpuls wahrnehmen und präsymbolisch bildhaft anreichern: Es brenne, er kann es als Feuer darstellen innerhalb eines schwarzen Lochs. In diesem schwarzen Loch fühlt er sich leer, aber auch eingespannt wie in einem Schraubstock. Der Körperschraubstock hindert ihn am Laufen, das mache ihn ohnmächtig, rasend, er fühle sich wie angekettet und müsse die Ketten sprengen (Erste-Person-Ebene).

Im Übergang von der präsymbolischen zur symbolischen Ebene kann er darstellen, wie er die Ohnmacht im Körpererleben mit der Szene festmacht, wo er als kleiner Junge vor dem Vater immer auf dem Holzscheit knien musste, bis er fast bewusstlos war. Er habe sich geschworen, nie mehr in seinem Leben passiv Gewalt hinnehmen zu wollen. Gleichzeitig gab ihm diese Härte Struktur, Halt, Berechenbarkeit, da seine Mutter für ihn nicht erreichbar war.

Die Annäherung an ein weiches Gegenüber, Selbstfürsorge und Mitgefühl dauerte 2 Jahre, bis in ersten Ansätzen die vernichtende Angst (das schwarze Loch) durch intensive, die nonverbale Ebene einbeziehende Psychotherapie überbrückt werden konnte.

Auf der intersubjektiven Ebene des KörpererlebensKörpererlebenintersubjektive Ebene war es dann möglich, neben der mörderischen Wut und der vernichtenden Angst die Scham wahrzunehmen, die er empfand, wenn er sich nicht mehr als Fremdkörper behandelt, sondern sich mit seinem Körper in der Therapie ausliefert. Diese Ebenen des phänomenalen Körpererlebens, der Entwicklung des Körperselbst, der Körperbiografie hin zum intersubjektiven Körpererleben sollen im Folgenden in einzelnen Stufen dargestellt werden.

Die affektmotorischen Schemata

Körpererlebenaffektmotorische SchemataAffektmotorische SchemataDie erste Organisation des Kern-SelbstKernselbst hängt von den Zusammenhängen zwischen Körper- und Gefühlszuständen wie Handlungen ab. Die einzelnen Sinnesbereiche werden z. B. nach Rhythmus und Intensität miteinander verbunden. Neben der Haut als Grenze für Innen- und Außenwahrnehmung ist die Bedeutung der Motorik für die Selbst-Körper-UmweltdifferenzierungSelbst-Körper-Umweltdifferenzierung entscheidend: Jede Bewegung ist propriozeptiv rückgekoppelt, der Säugling bewegt nicht nur den Fuß oder die Hand, sondern er spürt zugleich die Eigenbewegung.
Drei große Systeme von KörpersignalenKörpersignalsysteme, im Körperschema verankert (Damasio 2000), dienen der Information über die Innenwelt:
  • 1.

    Inneres Milieu und Viszera – das ist die InterozeptionInterozeption.

    Es informiert, ob etwas angenehm oder unangenehm ist, und teilt somit grundlegende emotionale Bewertungen mit.

  • 2.

    Vestibuläres System und Bewegungsapparat – das ist der propriozeptivePropriozeption oder kinästhetischeKinästhetik Sinn.

    Diese lokomotorischen Impulse stehen auch im Dienst der emotionalen Reaktion, sich einem anderen anzunähern oder auch ihm auszuweichen. Durch die muskuläre Regulation werden auch die Körpergrenzen reguliertKörpergrenzenRegulation.

  • 3.

    System des Feintastsinns, das über Sensoren in der Haut arbeitet.

    Der TastsinnTastsinn lenkt die Aufmerksamkeit sowohl auf die Hand wie auf das Objekt, diese Doppelqualität der wahrnehmenden Berührung gibt es bei den anderen Sinnen nicht.

Die Gesamtheit der interozeptiven WahrnehmungenInterozeptionWahrnehmunginterozeptive vermittelt die subjektive Tönung des Erlebens. Sie beeinflussen die Gestimmtheit, die in eher unspezifischen Körperwahrnehmungen zutage treten und zeigt an, ob sich etwas als angenehm oder unangenehm anfühlt (Porges 2010). Die interozeptive Sensibilität beschreibt z. B., inwiefern Menschen ihre kardiovaskuläre Reagibilität als emotionales Erregungsmaß wahrnehmen können.
Downing (1996) hat die affektmotorischen Schemata als grundlegend für die Verarbeitung des Erlebens und Handelns dargestellt. Das Erleben von Selbst, Welt und Umwelt ist immer ein intersubjektiver Entwicklungsprozess. Passungserfahrungen zwischen Kind und Elternperson erzeugen Bedeutungen. Die ständige Selbstbewegung hat das Modell des passiv-rezeptiven Säuglings abgelöst, sodass ständig aktiv Bedeutungen kreiert werden.

PassungPassung(skonzept) könnte definiert werden als Prozess der Stimmigkeit zwischen der Spannung, die Neugier erhält, und einer Entspannung, die stressaktivierte Erregungen puffert.

Dieses Modell der StimmigkeitStimmigkeit ähnelt dem Modell der HomöostaseHomöostase oder der Kongruenz in der Feinabstimmung sensorischer oder motorischer Interaktionen. Die affektmotorischen Schemata sind verankert in körperlichen Haltungen, Bewegungen, Atemmustern, Muskelspannungen oder vegetativen Reaktionen, die später mit Fantasien, Vorstellungen verbunden werden. Downing greift damit das Modell von Thure von Uexküll et al. (1994) mit den drei Ebenen vegetativ – motorisch – psychisch wieder auf (Abb. 14.1). Dieses Gefühl der Homöostase, der gleichgewichtigen Stimmigkeit wird im Unbewussten geregelt.

Das implizite Körpergedächtnis und die Entwicklung des Körper-Selbst

EntwicklungKörper-SelbstDas Proto-ProtoselbstSelbst (Damasio 1994) Körpergedächtnisbzw. Kern-KernselbstSelbst (Stern 1992) wird als Grundlage für das Körper-SelbstKörperselbstEntwicklung gesehen. Dieses bildet die tiefste Ebene selbst gemachter Erfahrung – es ist ein grundlegendes Referenzsystem für die spätere Einordnung eigener Erfahrungen und wird in seiner Struktur durch regulierende Aktivitäten der elterlichen Bezugsperson beeinflusst: Charakteristische Interaktionen nennt Stern (1992) representations of interaction being generalized (RIGs, emotionale ReaktionsmusterRIGs). Diese RIGs sind vorsprachlich und auf der Körperebene als emotionale Reaktionsmuster verankert.
Seit 30 Jahren werden durch die empirische Säuglingsforschung (Übersicht Geißler 2007; Beebe und Lachmann 2004, 2006) Interaktionsstudien vorgelegt, die heute für die Forschung zur Entwicklung von Emotions- und Selbstregulation stimulierend sind (Kap. 17). Das Neugeborene ist mit grundlegenden Fähigkeiten i. S. interaktiver Kompetenzen ausgestattet, die sich offenbar evolutionär als vorteilhaft erwiesen haben. Im Rahmen der relationalen Betrachtung der Lebensprozesse geht Stern (1992) davon aus, dass am Beginn ein ganzheitliches Erleben steht, das auf Integration von Informationen aus unterschiedlichen Sinneskanälen fußt.
Der Säugling erschließt sich ab dem 3. Monat schrittweise die „Welt der direkten Kontakte“, in der Erfahrungen mit Nähe und Distanz, mit körperlichen Positionierungen, mit wechselseitigem Erregungsniveau und wechselseitiger Kontrolle gemacht werden. Diese körperliche Regulation erfolgt auch im Dienst der eigenen körperlichen Bedürfnisbefriedigung (z. B. Streichel-, Kitzelspiele). Das gelungene Zusammenspiel zwischen Säugling und elterlichen Bezugspersonen wird mit dem Begriff der „FeinfühligkeitFeinfühligkeit“ beschrieben. Diese impliziert, dass die Signale des Kindes richtig wahrgenommen und interpretiert werden, dass die Betreuungspersonen dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechend reagieren und dass die Reaktion zeitlich gut abgestimmt erfolgt. Das nonverbale Know-how umfasst die Fähigkeiten zum Aufbau einer guten rhythmischen Architektur im Handeln, von Augenkontakt und Berührungen (Downing 2004), die Fähigkeit, dem Kind die Führung zu überlassen, ablehnende kindliche Signale zu tolerieren und die Interaktion zu stoppen und zu begrenzen.
Stern (1998) legt Wert darauf, dass die Austauschprozesse analog einem Musikstück nur über das Gesamte seine Wirkung haben und eine einzelne Note nichts aussagt:

„Wie der Erwachsene den Tanz, so erlebt der Säugling die soziale Welt in erster Linie als Welt der Vitalitätsaffekte, bevor sie sich zu einer Welt formaler Handlungen entwickelt.“

Die Mentale EntwicklungKörpererlebenmentale EntwicklungEntwicklungmentaleEntwicklung des Mentalen geschieht nach psychoanalytischer Ansicht über den Körper als erstem Objekt (Gaddini 1998). Sensorisch ausgelöste Zustände bilden einen ersten mentalen Raum, der noch keine Struktur aufweist. Über stufenweise Integrationsprozesse entstehen Fantasietätigkeit, Raum- und Zeitvorstellungen. In ihrer Theorie zur multiplen Codierung verbindet Bucci (1997) psychoanalytische, neurobiologische und informationstheoretische Konzepte.

Mit Bucci gehen Säuglings- und Kleinkindforscher heute davon aus, dass Interaktionserfahrungen zunächst präsymbolisch repräsentiert werden, dass sie sich in Affektbereitschaft, in körperlichen Ausdrucksformen darstellen, bevor sie sprachlich und damit symbolisch zugeordnet werden können.

Dieser Fortschritt zum Symbolischen erfolgt auf einer intersubjektiven Grundlage, immer in Beziehung zum anderen. Klinisch bedeutet dies, dass das nicht sprachfähige Kind nach einem Objekt suchen muss, das in der Lage ist, die bedrohlichen körperlichen Zustände einzuordnen, ihnen Struktur zu geben, sie zu beruhigen.

Berührungserfahrungen und der Aufbau von Körper- und Selbstgrenzen

KörpergrenzenAufbauSelbstgrenzenAus KörpererlebenBerührungserfahrungenBerührungserfahrungen, SelbstgefühlBerührungserfahrungen resultiert das grundlegende SelbstgefühlSelbstgefühl. Die Haut als Kontakt- und Schutzorgan wird nach Anzieu (1991) im Austausch mit der mütterlichen Haut als „Haut-Ich“ zum Kernbereich der Individuation. Abgesichert durch die lustvollen Komponenten des Kontaktspiels mit Anspannungs- und Entspannungsphasen wird die Haut ein Ort des Zusammenhalts. Diese Containing-Funktion der Haut kann bei Störungen des Kontakts durch Unter- und Überstimulation fundamental gestört werden. Die taktile DeprivationtaktileDeprivation bewirkt Instabilität der KörpererlebenContaining-Funktion der HautAbgrenzungssicherheit, der Selbstberuhigungsfähigkeit, eine Störung der emotionalen Balance und kann als Vulnerabilitätsfaktor einen Kernstörungsbereich der PersönlichkeitsstörungenPersönlichkeitsstörung(en)Störung der emotionalen Balance bilden. Die Grundbalance der Emotionen kann gestört werden, was neben erhöhter Stressanfälligkeit auch für die Entwicklung des Selbstgefühls und der Selbstgrenzen besondere Bedeutung hat.
Die Stabilität der Körpergrenzen ist nicht allein durch die adäquate Antwort in der Interaktion mit dem Anderen, in der „perfekten Resonanz“ zu sehen, sondern entwickelt sich auch durch den Unterschied, durch tolerable Frustration von emotionalen Bedürfnissen, wodurch die Emotionen markiert werden. Nach Stern wird die SelbstkohärenzKörpererlebenKörpererlebenSelbstkohärenzSelbstkohärenz auf körperliche Grenzerfahrungen zurückgeführt. Stern spricht von der Selbstaffektivität, der Erfahrung, dass Gefühle zur eigenen Person gehören, und der Selbstgeschichtlichkeit, der Vorstellung einer Selbstkonstanz über die Zeit.
Berühren und Berührtwerden sind nicht zu trennen. Die Leib-Leib-Leib-Leib-BeziehungBeziehung, die ZwischenleiblichkeitZwischenleiblichkeit bedeutet, dass ich in jeder Berührung mich selbst und gleichzeitig den Anderen spüre. Mimische sowie stimmliche Interaktionen sind neben der Berührung weitere affektive Modulatoren des Kontakts, klinisch relevant z. B. in der Interaktion des Kleinkinds mit einer Mutter, die KörperselbstEntwicklungan einer Depressionen, an Ängsten oder an einer Persönlichkeitsstörung oder Psychose leidet.

Eine Fehlwahrnehmung genetisch angelegter individueller Rhythmen und Bedürfnisse durch das Primärobjekt führt zu einem Scheitern der frühen AffektregulationAffektregulationfrühe (Weinstein und Ellman 2012).

Der Säugling muss dann mit negativen Emotionen wie Schmerz, Wut, Verzweiflung und Ohnmacht selbstregulativ umgehen. Vor diesem Hintergrund werden archaisch-destruktive Impulse in der Selbst-Entwicklung als schwer integrierbar gesehen. Vor allem Untersuchungen zum Einfluss von traumatisierten Müttern auf die frühe Emotionsregulation, wie sie eindrucksvoll von Schechter und Serpa (2013) an prospektiven Studien von Müttern mit Gewalterfahrungen durchgeführt werden, belegen die besondere Vulnerabilität der Stressregulation. Schechter beschreibt z. B. Szenen, wie eine durch das Schreien des Kindes getriggerte Mutter in Panik verfällt, mit der eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht konfrontiert wird und damit das schreiende Kind allein lassen und vernachlässigen muss. In diese Richtung gehen die Untersuchungen zur fehlenden Integration von Impulsen und frühen Dissoziationen. Besonders die Regulation von sog. „SpitzenaffektenSpitzenaffekte“ ist für die frühe Selbst-Entwicklung entscheidend (Leuzinger-Bohleber et al. 2013).

Die SeparationsangstTrennungsangst als kausale Vulnerabilität für die Affektpufferung durch das Selbstobjekt dürfte für die schwierige Integration von Über- und Unterstimulation mit anderen Affekten wie Ekel und Wut bedeutsam sein.

Am besten untersucht sind bisher frühe Interaktionsmuster bei depressiven Müttern mit ihren Babys (Stern 1992; Feldmann 2012; Rutherford und Mayes 2013). Die Fähigkeit zur emotionalen Resonanz depressiver Mütter ist stark eingeschränkt. Stern beschreibt eindrucksvoll, wie Säuglingen keine andere Wahl bleibt, als die negativen Affekte der depressiven Mütter als Selbstobjekt aufzunehmen. Rutherford und Mayes (2013) belegen an vielfältigen empirischen, insb. neurobiologischen Studien, dass die frühen Interaktionserfahrungen mit den Primärobjekten sich v. a. im StressregulationssystemStressregulationfrühe Interaktionserfahrungen in prägender Weise niederschlagen. So ist das social brain der Neurowissenschaftler immer auch zu ergänzen durch einen social body.

Erhebungsmethoden der Störungen des Körpererlebens

Die komplexe Struktur unbewusster und bewusster Determinanten des Körpererlebens spiegelt sich in unterschiedlichen KörpererlebensstörungenDiagnostikmethodischen Zugangswegen (Übersicht Joraschky et al. 2009).

Apparative Erhebungsmethoden der perzeptiven Körperbildstörung

Störungen des Körperbildstörungenapparative ErhebungsmethodenKörperbildes wurden zunächst vorwiegend als Wahrnehmungsverzerrung des Körpers, einzelner Körperteile und seiner Proportionen konzeptualisiert und mittels apparativer Methoden zur Größenschätzung operationalisiert. Im Anschluss an die Arbeiten von Bruch (1973) wurde die Körperbildstörung als Leitsymptom der AnorexieAnorexia nervosaKörperwahrnehmung, verzerrte und BulimieBulimia nervosaKörperwahrnehmung, verzerrte zunehmend anerkannt und die verzerrte Körperwahrnehmung dieser Gruppe von Patientinnen Gegenstand vielfältiger Untersuchungen (Thompson et al. 1990, 1999Thompson et al. 1990Thompson et al. 1999). Seit den 1970er-Jahren wurden Untersuchungen mit verzerrenden Linsensystemen, tachistoskopischen Darstellungen, Darstellungen von Körperteilen auf Fotografien sowie Konstruktionsaufgaben mit einzelnen Fotoausschnitten in der Untersuchung von Körperbildstörungen eingesetzt. Vor allem wahrnehmungspsychologische Untersuchungen beschäftigen sich mit der Fragestellung, inwieweit die Körperwahrnehmung den objektiv physikalisch-räumlichen Gegebenheiten entspricht (Übersicht Shontz 1974).

Fragebögen

Da das KörperbildstörungenFragebögenKörpererleben sprachlich unzureichend erfasst werden kann, bieten Selbstbeschreibungsmethoden nur einen begrenzten Zugang zum Körpererleben. Durch vorformulierte Äußerungen ist es jedoch möglich, i. S. von Screeningverfahren die Körperakzeptanz, die häufig schamhaft besetzt und schwer formulierbar ist, einer individuellen Bewertung zugänglich zu machen (Übersicht Pöhlmann et al 2008).
Vier im deutschen Sprachraum häufig verwendete mehrdimensionale Fragebögen, die generelle, situationsübergreifende Einstellungen der Person zu ihrem eigenen Körperbild messen, sind:
  • Fragebogen zum Körperbild (FKB-20, Clement und Löwe 1996) Fragebogenzum Körperbild (FKB-20)

  • Fragebogen zur Bewertung des eigenen Körpers (FBeK, Strauß und Richter-Appelt 1996) Fragebogenzur Bewertung des eigenen Körpers (FBeK)

  • Frankfurter Körperkonzept Skalen (FKKS, Deusinger 1998)Frankfurter Körperkonzept Skalen (FKKS)

  • Dresdner Körperbildfragebogen (DKB-35,DKB-35 (Dresdner Körperbildfragebogen) Pöhlmann et al. 2008)

Projektive Verfahren

Seit den 1970er-Jahren Körperbildstörungenprojektive Erhebungsmethodenwerden Zeichentests wie der Draw-a-person-Test, der Colour-a-Person Test oder der Holtzmann Inkblot Test (Fisher 1970) als projektive Verfahren zur Bestimmung des subjektiven Erlebens der Körpergrenzen und des Körperbildes eingesetzt.
Im Körper-Foto-Test (Juchmann 1994) und im Körpersilhouetten-Test (Benninghoven 2008) werden Standardschablonen angewandt, um die subjektive Körperwahrnehmung als Projektion zu untersuchen. Von Borkenhagen (2003) wurde ein digitaler Körper-Foto-Test entwickelt, in dem die Probandinnen mit ihren persönlichen Digitalfotos konfrontiert werden und die einzelnen Körperzonen digital markiert werden können.
Der KörperbildskulpturtestKörperbildskulpturtest wurde aus der therapeutischen Praxis heraus entwickelt. Dabei wird eine dreidimensionale Plastik aus Ton mit geschlossenen Augen geformt. Neben der Auswertung der Gestalt nach Strukturmerkmalen kann zu dem Produkt auch ein Körpernarrativ angeregt werden, das sich qualitativ auswerten lässt (von Arnim et al. 2007).

Idiografische Erfassung des Körperbildes

Der Körper-GridKörper-Grid Körperbildstörungenidiografische Erfassung (Körper-Grid)ermöglicht es, Körperteil- und Organrepräsentanzen idiografisch, entsprechend der subjektiven Bedeutung und Gewichtung, qualitativ wie quantitativ zu untersuchen. Weiterhin ist es möglich, eine qualitative Inhaltsanalyse über die zentralen Erlebnisdimensionen durchzuführen. Damit erfüllt der Körper-Grid sowohl für Forschungszwecke als auch für den therapeutischen Prozess vielfältige Möglichkeiten. Hypothesen zu Abspaltungs- und Desintegrationstendenzen einzelner Körperteil- und Organrepräsentanzen lassen sich gezielt prüfen (Küchenhoff 2009; Borkenhagen und Klapp 2009).

Das Körperepisoden-Interview

In Form bedeutsamer Körperepisoden Körperepisoden-Interviewwerden für das subjektive Körpererleben relevante Faktoren erfasst, z. B. Erleben von Krankheit bzw. Verletzung, Umgang und Einstellungen bedeutsamer Bezugspersonen zum eigenen Körper. Patienten können zum Erleben vor dem Spiegel, in Schamsituationen wie auch in Situationen, in denen der Körper als angenehm erlebt wird, z. B. beim Baden, befragt werden. Typische Themen sind das Erleben des Gehaltenwerdens in der Kindheit, körperliche Tröstungserfahrungen, lustvoller Hautkontakt, Essensrituale, Umgang mit Sinnlichkeit und Sexualität in der Familie sowie Selbstberuhigungs- und Entspannungsfähigkeit. Das Körperinterview kann mittels Rating-Verfahren zum Körpererleben auf der Strukturachse nach OPD eingeschätzt werden (Küchenhoff 2003, 2013Küchenhoff 2003Küchenhoff 2013).

Das Wechselspiel des Körpers als Subjekt und Objekt

Der Körper als Objekt – der Sozialkörper

Sozialpsychologische Untersuchungen zu den Körperidealen und der BODYISMUS
SozialkörperMit der Körperideale, sozialpsychologische UntersuchungenKörperals ObjektVerbreitung der Massenmedien kam es zu einer Vereinheitlichung des Schönheitsideals. In westlichen Kulturen gilt seit den 1960er-Jahren Schlankheit als Standard: für Models, Playmates, Filmschauspielerinnen und Schaufensterpuppen. Der reale Entwicklungstrend zeigt aber, dass das Körpergewicht von Männern und Frauen in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen hat.
Umberto Eco (2004: 428) charakterisiert das Zeitalter der Massenmedien als totalen Synkretismus und spricht vom „absoluten und unaufhaltsamen Polytheismus der Schönheit“. Ein weiterer Trend besteht darin, dass die Mode immer mehr vom Körper sichtbar macht und immer weniger Möglichkeiten lässt, Mängel und Unvollkommenheiten zu verstecken.
Die Übereinstimmung mit dem geltenden Körperideal stellt eine Art kulturelles Kapital dar, das für den Einzelnen Zugang zu Aufstiegschancen und eine Quelle von Prestige bieten kann. In Anlehnung an racism und ageism spricht van den Broek (1988) vom BodyismusBodyismus unserer Kultur: Der Körper wird zur generellen Bewertungsgrundlage einer Person, und die körperliche Erscheinung wird als Ausdruck der inneren Qualitäten eines Menschen interpretiert. Schlankheit wird zum Ausdrucksmittel für positive Eigenschaften wie Attraktivität, Selbstkontrolle, Leistungsfähigkeit und Erfolg. Dicksein symbolisiert Faulheit, Charakterschwäche und Versagen.
Sozialpsychologische Studien konnten kumulative und langfristige negative Effekte dieser Medienbilder auf das eigene Körperbild zeigen. Repräsentative Untersuchungen aus den USA machen deutlich, dass 1995 über die Hälfte (56 %) der befragten Frauen ihr Aussehen negativ bewertete und sich zu dick fand (Cash und Henry 1995).
Frauen, die sich subjektiv zu dick finden, zeigen ein auffälligeres Essverhalten (mehr Diät halten, mehr Binge EatingBinge-Eating-Störung) und ein niedrigeres subjektives Wohlbefinden. Weitere individuelle Risikofaktoren für die Entwicklung eines negativen Körperbildes sind z. B. Gehänselt-Werden wegen Körperfülle oder das Vorbild der Mutter sowohl hinsichtlich der Einstellung zum eigenen Körper als auch zu Verhaltensweisen der Gewichtskontrolle.
Auch wenn die Bedeutung von Schlankheit und Attraktivität für Frauen größer ist als für Männer, betrifft der generelle Entwicklungstrend inzwischen auch zunehmend Männer. Generell kann aber festgestellt werden, dass zwischen äußerer Attraktivität, sozialer Resonanz und innerer positiver Körperakzeptanz nur ein geringer Zusammenhang besteht, was die Bedeutung sozialpsychologischer Faktoren relativiert. Dies macht es für die Klinik verständlich, wie wichtig es ist, den Blick „nach innen“ zu richten und die Bedingungen der Relation von Körper-Ideal und Real-Körper zu reflektieren.

Körpermodifikationen

Körpermodifikationen, ritualisierteBeim Oszillieren von Körper-Sein und Körper-Haben wird die Akzentuierung des Körper-Habens, der Körper als Objekt v. a. auch unter dem Aspekt der körpermodifizierenden Maßnahmen, der Einflussnahmen auf das Körperäußere und die Körpergrenzen bedeutsam. Dieser unter anthropologischen und kultursoziologischen Gesichtspunkten traditionsreiche Forschungsgegenstand umfasst auch ritualisierte Körpermodifikationen (Stirn 2004).
KörperInstrumentalisierungDie instrumentalisierte Betonung des Körpers, die dem Selbstausdruck dient, findet sich exzessiv betrieben bei Bodybuildern oder Körpermodifikationen wie Piercing, Tätowierungen und schönheitschirurgischen Körperkorrekturen (Kap. 88). Hierbei kann der Körper zum Kultobjekt werden und in exhibitionistischer Weise zur Schau gestellt werden.

Körperteildissoziation als Schutzmechanismus im Körpererleben

Psychosomatische ErkrankungenKörpererlebensstörungenUm die gesunde Dissoziationvon KörperteilenKörperteildissoziationKörpererlebenKörperteildissoziationOszillation von Körper-Sein und Körper-Haben aufrechtzuerhalten, wird ein akut erkrankter Körperbereich objekthaft verarbeitet – eine Abgrenzung, die es, wenn das Geschehen nicht traumatische Bedrohungs- und Verlustqualität hat, dem Menschen ermöglicht, den erkrankten Körperbereich in die Verantwortung anderer zu übergeben und medizinisch behandeln oder operieren zu lassen. In der Regel ist hierbei das Gesamtkörpererleben geschützt, selbst bei lebensbedrohlichen Erkrankungen. Bei länger bestehenden Belastungen mit Ängsten und/oder Schmerzen ist das Körpererleben allerdings oft nachhaltig in seiner Kohärenz bedroht. Eine längerfristige Isolierung des erkrankten und schmerzenden Körperbereichs kann dann die Integration des gesamten Körpererlebens gefährden.

Diagnostisch ist bei chronischen Erkrankungen zu klären, inwieweit die Dissoziation im KörpererlebenDissoziationim Körpererleben die Selbstregulation und damit den Selbstwert stabilisiert oder bereits als Schutzmechanismus versagt.

Beispiele hierfür sind ubiquitär. So konnte etwa festgestellt werden, dass das Gesamtkörpererleben durch die Dissoziation der Eierstöcke ungestört bleibt, auch wenn eine tubare Infertilität über Jahre bei Fertilisationsbemühungen den sexuellen Körper infrage stellt (Borkenhagen et al. 2005). Dies macht auch verständlich, dass selbst das Körpererleben massiv bedrohender Eingriffe wie Brustoperationen bei Mammakarzinom, Anus praeter oder Amputationen nur in 10–20 % zu depressiven Verarbeitungsstilen und negativem Körpererleben führt. Wir können hier von einer erfolgreichen Dissoziation als protektivem Faktor des KörperselbstKörperselbstDissoziation als protektiver Faktor sprechen.
Anders ist dies bei einem durch frühe Emotionsregulationsstörungen und Traumatisierungen verletzten vulnerablen Körperselbst, wo die Dissoziation den gesamten Körper ausgrenzt oder die Dissoziation nicht in der Lage ist, das Körpererleben zu schützen, sodass hier basale Störungen der Körperakzeptanz sowie Desintegrationsprozesse erfolgen.

Der Körper als Fremdkörper: Instrumentalisierung des Gesamtkörpers

In der Klinik sind wir Körperals Fremd-Körperheute bei einer Vielzahl von Störungen mit einem oft stark negativen KörpererlebenKörpererlebensstörungenEssstörungen konfrontiert: Essstörungen, SozialphobieSozialphobie, Borderline- und narzisstische StörungenKörpererlebensstörungenPersönlichkeitsstörungen, Sexualstörungen, Hypochondrie und DysmorphophobieDysmorphophobie, um nur einige zu nennen. Die Aktivierung der Körperselbst-Vulnerabilität geschieht häufig im Verlauf von Chronifizierungsprozessen, wo durch negative Affekte und Körpersymptome (z. B. Unterleibsschmerzen) die „frühen Narben im beschädigten Körperselbst“ getriggert werden.

Die Dissoziation des Körpers als Objekt am Beispiel der Anorexia nervosa

Zahlreiche Untersuchungen Dissoziationdes Körpersbelegen, dass Anorexia nervosaKörperdissoziationein negatives Körperbild eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von EssstörungenEssstörungenKörperbildstörung spielt und ein Risikofaktor für Rückfälle nach der Therapie ist. Die Körperbildstörung sagt mehr als das Essverhalten den Verlauf der Erkrankung vorher (Steinhausen 2002; Stice 2002). Patienten, die ihr Essverhalten normalisieren, aber weiterhin eine negative Einstellung gegenüber ihrem Körper zeigen, haben ein höheres Rückfallrisiko (Keel et al. 2005). Die Körperunzufriedenheit hat einen starken Einfluss auf das restriktive Essverhalten am Beginn der Erkrankung (Thompson et al. 1995). Die Frage, die sich für den Risikofaktor Körperbildstörung stellt, ist, in welcher Weise Qualität und Ausprägung der Körperbildstörung Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen (Joraschky et al. 2008).
KörperbildstörungenAnorexia nervosaIn der empirischen Körperbildforschung wird das gestörte Körperbild von Anorektikerinnen v. a. im Hinblick auf die perzeptiven und affektiven Störungen untersucht. Bei den perzeptiven Störungen fällt neben der Veränderung der verzerrten Gesamtwahrnehmung des Körpers auf, dass die einzelnen emotional hoch besetzten Problemzonen (Oberschenkel, Po, Bauch und Busen) isoliert und extrem verzerrt wahrgenommen werden, sodass kein kohärentes Körperbild entsteht. Die Teile werden nicht integriert, sondern dissoziiert; die Gesamtwahrnehmung lässt sich nicht durch die Konfrontation mit der Realität (z. B. durch Fotos) korrigieren. Die affektive Störung des Körperbildes zeigt sich darin, dass die Patientinnen bei Konfrontation mit ihrem Körper vorwiegend Emotionen wie Scham, Ekel, Angst, Wut und Traurigkeit erleben (Tuschen-Caffier et al. 2003).
Die enge Verbindung zwischen Zwangsstruktur und Anorexia nervosaAnorexia nervosaZwangsmechanismen soll als Modellfall gewählt werden, da sich Zwangsmechanismen in der Psychosomatik bei SomatisierungsprozessenSomatisierung(sstörungen)Zwangsmechanismen sehr häufig feststellen lassen. Die zwanghaften Patienten, die sich in der Pubertät häufig an Normen oder in der Familie an Autarkie- und Leistungsidealen orientieren, reagieren auf den Eintritt der Pubertät und die Triebaktivierung mit Ängsten, Scham und Ekel. Die Haut als Körpergrenze ist kein sicherer Schutz, was verstärkt Ekelaffekte aktiviert, die gegen das Eindringen von Fremdkörpern schützen sollen. Berührung wird oft als penetrierend erlebt, erzeugt Ekel und Scham.
Durch die Scham werden die Körpergrenzen durchlässig; reaktiv wird der Körper als FremdkörperKörperals Fremd-Körper ausgegrenzt. So kann der Körper ein „Fremd-Körper“ werden, der seinerseits dann mit Ekel abgestoßen wird. Insbesondere wird die Sexualität als schmutzig definiert und im Körpererleben isoliert. Die Triebaktivierung wird als überwältigend empfunden, die Scham macht das Selbstwerterleben defizitär; die Aggression wird überwiegend gegen das Selbst gewendet. Reaktiv werden triebfeindliche Ideale aufgebaut, und der Körper wird durch restriktives Essverhalten und Askese kontrolliert – ein besonders malignes Bewältigungsmuster, da dieses eine scheinbare Kontrolle über den gesamten Körper zu versprechen scheint und der Leidensdruck reduziert wird. Der KörperKörperInstrumentalisierung kann damit instrumentalisiert, von Trieben befreit und dem Körperideal angenähert werden.

Patientengeschichte 2

Die 25-jährige Pat., 170 cm groß, 48 kg schwer, ist seit dem 15. Lj. wegen Anorexia nervosa in Behandlung. In der Familientagesklinik konnte rekonstruiert werden, dass das negative Körpererleben auch vor dem Hintergrund zu verstehen ist, dass die Mutter, selbst anankastisch-depressiv, ihre Tochter nur mit Latexhandschuhen anfassen konnte. Der Ekel vor dem schmutzigen Säugling war sehr ausgeprägt. Sie konnte das Kind nicht durch Hautkontakt beruhigen, nicht wiegen; der Blickkontakt beim Halten ging nur mit ausgestreckten Armen. Die Mutter litt sehr darunter, sie schämte sich für ihr Unvermögen. Es war ihr jedoch nicht möglich, den Vater stärker in die Betreuung einzubeziehen. Im Kontrast dazu steht ihre Förderung der Mobilität des Kindes, das sie schon sehr früh zu sportlichen Höchstleistungen anspornte. Als der Pat. mit 15 Jahren ein Junge die Hand aufs Knie legte, empfand sie dies als sexuellen Übergriff. Sie ekelte sich vor der ersten Menstruation, grenzte die Sexualität komplett aus und spaltete schließlich bis auf das Gesicht den gesamten Körper ab. Dissoziationdes Körpers

Heute schildert sie, nachdem sie durch intensive Körpertherapie (Tanztherapie und Konzentrative Bewegungstherapie) besser mit Scham und Körperverachtung umgehen kann, ihr Körpererleben:

„Aus meinem Bewegungsdrang, der meinen Körper wie ein Räderwerk laufen ließ, ist mehr Bewegungsfreude geworden. Ich nehme Rhythmuswechsel, den Atem, Muskel und Gelenke mehr wahr, muss aber aufpassen, nicht in ein suchtartiges Langstreckenlaufen zu geraten. Wenn ich mich früher im Spiegel betrachtete, konnte ich nur mein Gesicht anschauen, akzeptieren konnte ich meine Haare. Ich vermied, den Körper zu betrachten, sah sofort meine Problemzonen. Ich ekelte mich vor Berührung, beim Eincremen spürte ich den Körper nicht, Ekel auch, wenn sich die Oberschenkel berührten. Die Oberschenkel parallel im Sessel aufzulegen, widerte mich an, sie waren für mich wie aufgequollener Teig. Meinen ganzen Körper zu betrachten, gelingt mir jetzt besser. Ich nehme ihn zu dünn wahr, könnte mir noch zwei Kilo mehr vorstellen. Auch in der Badewanne kann ich besser entspannen. Vermeiden möchte ich am liebsten, mich im Badeanzug im Schwimmbad zu zeigen. Schon das T-Shirt mit kurzen Armen kostet mich jedes Mal Überwindung. Auch wenn ich noch untergewichtig bin, glaube ich, dass ich es nun nach der sechsten stationären Behandlung geschafft habe.“

An diesem Beispiel sollen diagnostische Befunde zur DissoziationDissoziationim Körpererleben im KörpererlebenKörpererlebendissoziiertes illustriert werden:
  • In Fragebogen-Selbsteinschätzungswerten zeigt die Patientin immer noch eine maligne Trias von negativer Körperakzeptanz, hoher Ablehnung der Sexualität und Berührungssensitivität. Die Vitalität ist deutlich verbessert, die Selbstaufwertung durch den Körper zeigt mittlere Werte (Pöhlmann et al. 2008). Das bedeutet, dass trotz verbesserter Selbstakzeptanz, Abschluss des Studiums, stabiler Berufssituation und verbesserter sozialer Situation das Körpererleben den Selbstwert im Selbstwert(erleben/-gefühl)KörpererlebenKörpererlebenSelbstwertVerlauf determiniert und nicht umgekehrt der Selbstwert das Körpererleben verbessern konnte. Dies spricht für eine ausgeprägte Affektdysregulation (v. a. im Ekel- und Schambereich), die noch nicht ausreichend verbessert werden konnte.

  • Im Körper-Grid Körper-Gridfindet sich die typische Dissoziation der Sexualität, die im extrem negativen Pol gelagert ist. Sie dominiert den Körper, der insgesamt als Objekt ausgegrenzt wird.

  • Bewegungsanalyse: Die Patientin zeigte vor der Körpertherapie KörperpsychotherapieBewegungsanalyseBewegungsanalyse, Körperpsychotherapieeinen gebundenen Bewegungsfluss, einen geringeren Einsatz des Körpergewichts, weniger Gewichtsverlagerung, eine kleinere Bewegungsfläche und eher isolierte Körperbewegungen und weniger Unterkörperbewegungen. Dies entspricht auch den Befunden bei zwanghaften Anorektikerinnen (Lausberg 2008). Der geringere Einsatz von eigenem Körpergewicht könnte auch im Zusammenhang mit der Ablehnung des Eigengewichts gedeutet werden, dem anorektischen Streben, leicht, ätherisch und schwerelos zu sein. Durch die Körpertherapie (KörperpsychotherapieKörpererlebensstörungenTanztherapie und Konzentrative Bewegungstherapie) ist es ihr jetzt möglich, mehr ganzkörperliche Bewegungen einzusetzen, sich der Bewegung hinzugeben und damit stärker im Pol des Körper-Seins zu verweilen als zuvor.

Besonders bei zwanghaften Patienten ist ein derartiger Scham-Ekel-Aggressions-Zirkel ZwangsstörungenScham-Ekel-Aggressions-Zirkelfestzustellen, wodurch die Zwanghaftigkeit ein besonderer Chronifizierungsfaktor werden kann. Empirische Studien bestätigen, dass der Gesamtkörper v. a. durch die Ausstoßung der Sexualität zum Fremd-Körper wird (Borkenhagen et al. 2008).

Störungen des Körpererlebens und Traumatisierung

Anorexia nervosaKörpererlebensstörungTrauma(tisierungen)KörpererlebensstörungenFreud (1895) beschreibt die KörpererlebensstörungenTraumatisierungenAuswirkung eines Traumas auf die Persönlichkeit eines Menschen in der Weise, dass „das psychische Trauma respektive die Erinnerung an dasselbe nach Art eines Fremdkörpers wirkt, welcher noch lange Zeit nach seinem Eindringen als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muss.“
Patienten mit komplex-traumatischen oder Borderline-StörungenBorderline-PersönlichkeitsstörungKörpererlebensstörungen stellen heute in der stationären Psychotherapie aufgrund ihrer Chronifizierungstendenz eine Hauptstörungsgruppe dar. Die Patienten sind in ihrer Selbstregulation hoch vulnerabel und zeigen dies in ihrer Depression/depressive StörungenKörpererleben(sstörungen)Depressionsanfälligkeit, Suizidalität, SuizidalitätKörpererlebensstörungenEmotionsdysregulation, inEmotionsdysregulation, Körpererlebensstörungen Leeregefühlen und Angstzuständen (Remmel et al. 2006). Leitaffekte sind dabei Scham, Ekel und Selbsthass (Krause 2006) – Affekte, die in Verbindung mit der KörpergrenzregulationKörpergrenzenRegulation stehen. Neben den gestörten Körpergrenzen sind es v. a. die Dissoziationen des Körperselbst, die als Desintegrationprozesse ausgeprägten Einfluss auf die Stabilität der Persönlichkeit haben. Daraus resultieren besondere Herausforderungen an die Therapie, denen sich neue Entwicklungen in der Körpertherapie traumatisierter Patienten stellen (Übersicht Vogt 2007; Trautmann-Voigt und Voigt 2007).
Die Patientinnen zeigen überwiegend eine Vereinseitigung im Körpererleben auf eine funktional-objekthafte Dimension. Sie sind kaum noch zu einer Oszillation in ihrem Leiberleben in der Lage. Sie können nur noch eingeschränkt in die Erlebensweise des Körpers als Subjekt eintauchen.

Patientengeschichte 3

Die 26-jährige Pat. leidet an einer ausgeprägten Bulimie und Borderline-Persönlichkeitsstörung mit massiven Selbstverletzungen. Nachdem im 16. Lj. die Krankheit zunächst für 2 Jahre mit einer anorektischen Essstörung begann, wurde sie dann von einer Bulimie abgelöst. Die Pat. konnte vor 2 Jahren die Selbstverletzungen kontrollieren, hat jedoch bei Leeregefühlen suchtartige Brechzustände, die über Stunden anhalten und bei denen sich die Pat. völlig verausgabt. Schließlich tritt darunter der Spannungsabfall ein, und die Hocherregungszustände werden beendet.

Die Pat. beschreibt sich in der Kindheit als Nähe meidend, bei Verlassenheitsgefühlen hat sie sich nicht tröstend in den Arm nehmen lassen. Wegen ihrer frühen Selbstständigkeit wurde sie gelobt. Im Sport hatte sie Erfolge als Judokämpferin. Die Anorexie begann, als sie den Judosport mit 14 Jahren abbrach, weil sie nach einem Griff am Unterleib panische Angst hatte, sich nicht schützen zu können. Erst sehr spät in der Therapie konnte sie einen mit 12 Jahren erlebten sexuellen Missbrauch (Vergewaltigung durch zwei Mitschüler) bearbeiten. Mit 25 Jahren hat sie sich aus Torschlusspanik zum sexuellen Kontakt gezwungen, wodurch sie in dissoziative Zustände geriet und die Ekelanfälle sich verstärkten. Selbstberührungen waren ihr unmöglich; beim Duschen und Baden musste sie ihren Körper als Fremdkörper behandeln. Im Sitzen musste sie die Beine extrem verknotet halten, um die Grenzen zu spüren, da sie ansonsten Angst hatte, dass ihr die Grenzen verschwimmen, was Dissoziationen auslöst.

SelbstverletzungenKörpererlebensstörungenIm Körperbildtest hatte sie massive negative Besetzungen der Problemzonen; sie schnitt sich in Bauchdecke, Unterarme und Oberschenkel. An den einzelnen Körperzonen inszeniert sie i. S. der Täter-Opfer-Thematik die Wendung von passiver Ohnmacht in aktive Kontrolle. Die Körperinszenierungen wiederholen auch die Missbrauchsszene und führen zu Fragmentierungserlebnissen, die durch Schneiden beendet werden.

Die Pat. hat die Selbstdeprivation durch den mangelnden Körperkontakt i. R. der Therapie ändern können; sie kann zunächst über Kontakte mit Haustieren, dann auch mit dem Säugling ihrer Freundin Körperkontakt aufnehmen und jetzt, i. R. der Körpertherapie, ihre Körpergrenzen durch den Umgang mit Objekten, von denen sie sich abgrenzen und an denen sie auch Aggressionen inszenieren kann, selbst ein besseres Schutzgefühl aufbauen.

Zusammenfassend finden sich typische klinische Phänomene bei desintegrierten dissoziierten KörpererlebensformenKörpererlebendissoziiertes:
  • Inszenierungen der Deprivation und Überstimulierung an den Körpergrenzen, z. B. durch Schneiden, wobei sich Täter-Opfer-Konstellationen mit Penetration im Wechsel mit Vernachlässigung wiederholen.

  • Dissoziationen im Körpererleben können als „tote Zonen“ und Fragmentierungen beschrieben werden (Plassmann 2005).

Intensive Forschungen im Bereich frühkindlicher Belastungsfaktoren und Traumatisierungen lassen weitere Erkenntnisse über Vulnerabilitäts- und Resilienzfaktoren in der Entwicklung erwarten. Global lässt sich feststellen, dass etwa 17 % der Bevölkerung durch sog. BindungstraumataBindungstrauma belastet sind (Grossmann und Grossmann 2014). Davon zeigt etwa ein Drittel massive Störungen im Körperselbst und damit eine erhöhte Vulnerabilität für PersönlichkeitsstörungenPersönlichkeitsstörung(en)Bindungstraumata. Daran wird deutlich, dass vielfältige protektive Faktoren auch in der Entwicklung beachtet werden sollten.
Die neuen Forschungen im Bereich der Säuglings-, Emotions- und Selbstregulationsforschung stellen die große Bedeutung von Vulnerabilitätsfaktoren im Körpererleben für die Entwicklung psychosomatischer Erkrankungen dar. Die bessere Diagnostik des Körpererlebens und der emotionalen Dysregulationen hat für die Psychotherapie die Konsequenz, dass nonverbale Verfahren verstärkt für die Prävention von frühkindlichen Dysregulationen und die Kombination nonverbaler mit verbalen Verfahren zur Behandlung von komplexen Selbstregulationsstörungen entwickelt werden.

Literaturauswahl

Beebe and Lachmann, 2004

B. Beebe F.M. Lachmann Säuglingsforschung und die Psychotherapie Erwachsener. Wie interaktive Prozesse entstehen und zu Veränderungen führen 2004 Klett-Cotta Stuttgart

Borkenhagen et al., 2008

A. Borkenhagen B.F. Klapp E. Brähler F. Schöneich Differences in the psychic representation of the body in bulimic and anorectic patients: a study with the body grid J Construct Psychol 21 2008 60 81

Fuchs et al., 2010

T. Fuchs H.C. Sattel P. Henningsen The Embodied Self, Dimensions, Coherence and Disorders 2010 Schattauer Stuttgart

Geuter, 2015

U. Geuter Körperpsychotherapie. Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis (Psychotherapie: Praxis) 2015 Springer Berlin, Heidelberg

Joraschky et al., 2008

P. Joraschky H. Lausberg K. Pöhlmann Körperorientierte Diagnostik und Psychotherapie bei Essstörungen 2008 Psychosozial-Verlag Gießen

Joraschky et al., 2009

P. Joraschky T. Loew F. Röhricht Körpererleben und Körperbild: Ein Handbuch zur Diagnostik 2009 Schattauer Stuttgart

Küchenhoff and Agarwalla, 2013

J. Küchenhoff Agarwalla Körperbild und Persönlichkeit 2. A. 2013 Springer Berlin, Heidelberg

Leuzinger-Bohleber et al., 2013

M. Leuzinger-Bohleber R.N. Emde R. Pfeifer Embodiment. Ein innovatives Konzept für Entwicklungsforschung und Psychoanalyse 2013 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen

Röhricht et al., 2014

F. Röhricht S. Gallagher U. Geuter D. Hutto Embodied cognition and body psychotherapy: The construction of new therapeutic environments Sensoria 10 2014 11 20

Trautmann-Voigt and Voigt, 2007

S. Trautmann-Voigt B. Voigt Körper und Kunst in der Psychotraumatologie. Methodenintegrative Therapie 2007 Schattauer Stuttgart, New York

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen