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B978-3-437-21833-0.00039-5

10.1016/B978-3-437-21833-0.00039-5

978-3-437-21833-0

Systematik der Körpertherapie und Körperpsychotherapie (mod. nach Röhricht 2000)YogaTanztherapietiefenpsychologisch fundierteThymopraktikTai-ChiShiatsuSensory AwarenessRolfingPsychotherapieorganinismischeOrganismische PsychotherapieMuskelrelaxation, progressive nach JacobsonLeib- und Bewegungstherapie, integrativeKörpertherapieübungszentrierteKörpertherapiefunktionaleKörpertherapiecraniosakraleKörperorientierte PsychotherapiekonfliktorientierteKörperorientierte PsychotherapieaufdeckendeKörperorientierte PsychotherapiewahrnehmungsorientierteKörperorientierte PsychotherapieanalytischeKörperorientierte PsychotherapieklientenzentrierteKörperorientierte PsychotherapieintegrativeKörperorientierte PsychotherapiehandlungsorientierteKörperorientierte PsychotherapieenergieorientierteKörperorientierte PsychotherapiebeziehungsorientierteKörperorientierte PsychotherapiebewegungsorientierteKörperorientierte PsychotherapieaffektorientierteHakomiGindler-ArbeitEntspannung, funktionelleFocusingFeldenkrais-MethodeEutonieCraniosakrale KörpertherapieCore-EnergetikBiosyntheseBiofeedbackBioenergetische AnalyseBiodynamikAutogenes TrainingAtemtherapieKörperorientierte PsychotherapieanalytischeAlexander-Technik

Tab. 39.1
Funktional/übungszentrierte Körpertherapie Konfliktorientierte/aufarbeitende oder regulative KPT
Integrativ
  • Craniosakrale Körpertherapie

  • Eutonie

  • Integrative Leib- und Bewegungstherapie

  • Konzentrative Bewegungstherapie

Beziehungsorientiert
  • Analytische KPT

  • Thymopraktik

  • Klientenzentrierte KPT

Wahrnehmungsorientiert
  • Sensory Awareness

  • Gindler-Arbeit

  • Feldenkrais

  • Funktionelle Entspannung

  • Körperzentrierte Psychotherapie

  • Hakomi

  • Focusing

Bewegungs-/handlungsorientiert
  • Atemtherapie

  • Alexander-Technik

  • Tai-Chi

  • Yoga

  • Tiefenpsychologisch fundierte Tanztherapie

  • Dance/Movement Psychotherapy

Affekt-/spannungsorientiert
  • Autogenes Training

  • Progressive Muskelrelaxation

  • Biofeedback

  • Rolfing

  • Shiatsu

  • Bioenergetische Analyse

  • Core-Energetik

  • Biosynthese

  • Biodynamik

  • Organismische Psychotherapie

Körperorientierte Psychotherapie

Frank Röhricht

  • 39.1

    Einleitung451

  • 39.2

    Historische Entwicklungen und Körperpsychotherapieschulen: integrative vs. schulenspezifische Konzepte451

  • 39.3

    Theoretische Grundlagen und praxeologische Gemeinsamkeiten einer integrativen klinischen KPT453

    • 39.3.1

      Spezifische Störungen des Körpererlebens als Leitlinie körperorientierter Interventionen453

    • 39.3.2

      Behandlungstechnische Erwägungen454

    • 39.3.3

      Allgemeine Wirkmechanismen in der KPT455

    • 39.3.4

      „Nebenwirkungen“456

  • 39.4

    Evaluation körperpsychotherapeutischer Interventionsstrategien in der Psychotherapieforschung456

  • 39.5

    Anwendungsbeispiel: Multimodale KPT der Essstörungen457

  • 39.6

    Zusammenfassung und Ausblick458

Einleitung

PsychotherapiekörperorientierteKörperorientierte PsychotherapieDie psychosomatische Medizin beschäftigt sich in besonderer Weise mit der komplexen Subjekt-Objekt-Realität der Körpererfahrung (Körper-Haben, Körper-Sein) bzw. dem sich in der körperlichen Subjektivität manifestierenden Selbsterleben (Uexküll et al. 1994, „Die subjektive Anatomie“). Insofern ist seitens der Psychosomatik ein nachhaltiges theoretisch-therapeutisches Interesse an den leibbezogenen klinischen Phänomenen zu verzeichnen (Kap. 14). Körperpsychotherapien sind in weiten Bereichen klinischer (insb. stationärer Versorgung) in ein integriertes psychosomatisches Behandlungskonzept aufgenommen. Becker beschrieb die KörperpsychotherapieKörperpsychotherapie (KPT) sogar als „Königsweg zum psychosomatisch Kranken“und betonte, dass die KPT als spezifische Therapieform dort ansetzt, wo andere „…Therapien noch nicht weit genug in den non- und präverbalen Erlebnisbereich vorgedrungen sind. … In den Körperpsychotherapien geht es um die unmittelbare körperliche Bindung und Besetzung in Beziehung zu anderen und den damit verbundenen emotionalen Qualitäten, aber auch ganz zentral um die eigene Körperbesetzung“ (2006: 761).
In diesem aktualisierten Kapitel werden neue Entwicklungen der Theoriebildung insbesondere im Hinblick auf schulenübergreifende Konzepte sowie empirische Arbeiten zur Evaluation vorgestellt. Dabei sind zwei Entwicklungen herauszustellen: einerseits die Bezugnahme auf die in der Kognitionswissenschaft zu verzeichnende Betonung der zentralen Bedeutung des Körpers für das Verständnis psychischer Prozesse im Sinne eines Embodiment (z. B. Tschacher et. al. 2014; Röhricht et al. 2014) und die unter dem Stichwort „Achtsamkeit“ vollzogene Hinwendung der Psychotherapie (insb. KVT) zu körperorientierten Interventionen (z. B. Anderssen-Reuster 2011).

Historische Entwicklungen und Körperpsychotherapieschulen: integra-tive vs. schulenspezifische Konzepte

Körperorientierte PsychotherapieEntwicklung, historischeIm internationalen Vergleich bestehen erhebliche Unterschiede in der Bedeutung einzelner Körperpsychotherapie-Schulen, die im Wesentlichen auf den jeweiligen nationalen Einfluss namhafter Vertreter und deren theoretisch-praktischer Ausrichtung zurückzuführen sind (Röhricht 2009). So erfreuen sich z. B. im deutschsprachigen Raum die Funktionelle EntspannungFunktionelle Entspannung (FE) und die Konzentrative BewegungstherapieKonzentrative Bewegungstherapie (KBT) einer starken Verbreitung in der stationären Psychotherapie, während in den angloamerikanischen Ländern bevorzugt die Tanz- und Bewegungstherapien zur Anwendung kommen. FE und KBT verstehen sich als Methoden in der Tradition psychodynamisch-tiefenpsychologisch fundierter Therapieformen; dabei werden entweder auf dem Weg der bewussten Körperwahrnehmung (KBT) oder mittels minimaler Bewegungen einzelner Gelenke und durch bewusstes Atmen (FE) Prozesse auf der körperlichen Ebene im Hier und Jetzt ausgelöst bzw. angesprochen, um so einen Zugang zu Erlebnisinhalten, unbewussten Prozessen und Mustern der Konfliktverarbeitung zu schaffen.
In ihrer Einführung zum Handbuch der Körperpsychotherapie verweisen Marlock und Weiss (2006b: 5) auf den besonderen Wert der „historisch bedingten praxeologischen Vielfalt“; sie beschreiben im Weiteren dann jedoch auch einen „Innensektor“, einen breiten schulenübergreifenden Diskurs und einen methodischen gemeinsamen Boden. Röhricht (2000) stellte vor dem Hintergrund einer kritischen Analyse der historisch relevanten Literatur fest, dass die Herkunft der sich erheblich überschneidenden Methodik zumeist nicht eindeutig den Urhebern der unterschiedlichen KPT-Schulen zugeordnet werden kann.
Die derzeitige Methodendiskussion im Spannungsfeld unterschiedlicher PT-Schulen fokussiert aufgrund von Bemühungen zur Standardisierung der klinischen Interventionsstrategien auf zwei Stichworte: „allgemeine Psychotherapie“ und „störungsspezifische Interventionen“. Vor diesem Hintergrund ist der Ansatz einer integrativen KPT von aktueller Bedeutung. Zahlreiche psychische, insbesondere psychosomatische Erkrankungen mit im Vordergrund stehendem pathologischem Körperbezug (umschriebene Störungen des Körpererlebens) erfordern eine therapeutische Bezugnahme unter Berücksichtigung körperorientierter Interventionen. Vergleichbar mit der Entwicklung im Bereich der anderen psychotherapeutischen Hauptrichtungen wird auch in der klinisch angewandten KPT das wirksam, was unter dem Stichwort „Allgemeine Psychotherapie“ in Richtung auf eine patientenzentrierte, störungsspezifische praktische Ausrichtung zunehmend Verbreitung findet. Damit ist gemeint, symptom- und/oder bedürfnisorientiert das therapeutische Vorgehen auf den individuellen Patienten abzustimmen, was dazu führen kann, in unterschiedlichen Phasen der Erkrankung einen unterschiedlichen Schwerpunkt der Behandlung zu definieren (z. B. Symptomlinderung, rekonstruktiv am Verhalten orientierte Intervention zur Ich-Stabilisierung oder auch eine aktive, tiefenpsychologisch orientierte Bearbeitung eines traumatischen Konflikts).
Körperorientierte PsychotherapieSystematisierungenSystematisierungen des heterogenen Feldes der KPT sind in unterschiedlicher Weise vorzunehmen:
  • Körperorientierte Interventionsstrategien kommen im Zuge wachsender Bemühungen zur methodenübergreifenden, integrativen psychotherapeutischen Praxis im Rahmen der sog. „Richtlinien“-Verfahren zur Anwendung. Beispiele für eine Integration körperorientierter Maßnahmen in einer tiefenpsychologischen Behandlung sind mittlerweile detailliert erarbeitet und z. B. bei Moser (1989) oder Heisterkamp (1993) nachzulesen; darüber hinaus zeichnet sich eine Tendenz ab, neue „Schulen“ im Rahmen der Richtlinienverfahren zu etablieren, für die Verhaltenstherapie etwa bezeichnet als KörperverhaltenstherapieKörperverhaltenstherapie (Klinkenberg 2000) und für die Psychoanalyse als „Analytische KörperpsychotherapieKörperpsychotherapieanalytischeAnalytische Körperpsychotherapie“ (Geissler 1997, 1998Geissler 1997Geissler 1998; Geissler & Heisterkamp 2013).

  • Drei Hauptlinien ergeben sich aus der Analyse historischer Entwicklungen, entstanden aus der Psychoanalyse (Georg Groddeck, Sandor Ferenczi, Wilhelm Reich, Alexander Lowen), den Reformbewegungen in der Leibpädagogik (Elsa Gindler), der Atemtherapie und später dem Ausdruckstanz (Isadora Duncan, Mary Wigman, Mary Whitehouse, Truudi Schoop, Elaine Siegel; Übersicht in Heisterkamp 2003; Geuter 2000, 2006Geuter 2000Geuter 2006). Seit den 1960er-Jahren entwickelte sich dann eine partiell im Bereich der humanistischen Psychotherapie angesiedelte erlebniszentrierte KörperpsychotherapieKörperpsychotherapieerlebniszentrierte. Geuter (2015:1) betont in dieser Hinsicht die Arbeit mit der Erfahrung im Hier und Jetzt sowie „das verkörperte Erleben des Patienten in der Beziehung zu seiner Welt als Ausgangspunkt“, von dem aus sich in der Therapie Sinn und Bedeutung erschließen.

  • In methodisch-inhaltlicher Hinsicht lässt sich eine grob orientierende Kategorisierung der einzelnen Therapieschulen entlang der Ausrichtung der Hauptwirkkomponenten auf zwei differenten Beschreibungsebenen vornehmen (Tab. 39.1).

Die funktionalen Methoden sind therapeutisch auf physiologische Prozesse bzw. autonome Regelkreise (Atmung, Kreislauf, Anspannung-Entspannung, Bewegung-Ruhe) und auf die Mobilisierung von Affekten bzw. innerem Erleben ausgerichtet. Die konfliktorientierten Methoden hingegen werden zumeist tiefenpsychologisch konzipiert und sind demnach biografisch aufdeckend, einsichtsorientiert oder auf Verhaltensänderungen ausgerichtet. Bei den in der Übersicht horizontal vorgegebenen Kategorien ist das Unterscheidungskriterium die Vermittlungsebene des Selbsterlebens, über welche die Interventionen ihre Wirkungen schwerpunktmäßig entfalten sollen.

Theoretische Grundlagen und praxeologische Gemeinsamkeiten einer integrativen klinischen KPT

Körperorientierte PsychotherapieklinischeKörperorientierte PsychotherapieintegrativeAngesichts der den KPT-Schulen eigenen babylonischen Sprachverwirrung und der skizzierten Evidenzschere sind Bemühungen zur Identifizierung von gemeinsamen Themen für die Theoriebildung in einer integrativen KPT bedeutsam. Die verschiedenen Schulen bemühen sich mittlerweile unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie um ein einheitliches Curriculum für die Ausbildungen. Geuter (2015) stellt in seiner Monografie eine umfassende übergreifende Theorie der KPT vor und skizziert sie als erlebniszentriertes Psychotherapieverfahren, das die Selbstregulation von psychophysischen und emotionalen Prozessen sowie menschlichem Handeln fördert.
Mehr oder weniger explizit beziehen sich alle KPT-Schulen auf die in der Phänomenologie des Leiberlebens skizzierte ganzheitlich-leibliche Situiertheit des Individuums. Aktuelle theoretische Modelle beziehen sich auf Säuglingsforschung, Entwicklungspsychologie, nonverbale Interaktionsforschung, Neuropsychoanalyse und Bindungstheorie sowie auf Erkenntnisse der affektiven Neurowissenschaft (Kap. 11).
Ein Aspekt sei hier besonders herausgestellt: Die Beziehungsaufnahme wird in frühen Entwicklungsphasen wesentlich mit über die Mimik hergestellt, was ja die von Ekman (2004) skizzierte Bedeutung des Gesichtsausdrucks für die Affekterkennung und Affektregulation auch des Erwachsenen erklärt. Die Ausweitung dieser kommunikativen Beziehungsaufnahme (von Körper zu Körper) wird dann bei Downing (2006) unter dem Stichwort der „körperlichen Mikropraktik“ als „Kompetenzen eigener Art“ bzw. „verkörperte Fertigkeiten“ differenziert beschrieben. Viele Autoren vertreten die Meinung, dass die bedürfnisgesteuerte Affektregulation und die Nähe-Distanz-Regulierung hier ganz im Vordergrund stehen und körperbezogene BindungsstileBindungsstile, körperbezogene diesbezüglich zu beschreiben sind. Dies ist insofern interessant, als die Ergebnisse der phänomenologischen Körperbildforschung bei psychischen Erkrankungen auf eine unspezifisch-uniforme Störung im Körpergrenzerleben und eine damit assoziierte somatopsychische Depersonalisation(ssyndrom)somatopsychischeDepersonalisation hinweisen (z. B. Priebe & Röhricht 2001). Zudem verweist die Beschreibung der Spiegelneurone auf die zentrale Funktion körperbezogener Interaktion für somatische EmpathiesomatischeEmpathie und ImitationslernenImitationslernen (attachment/attunement)AttachmentAttunement, Verstehen der Befindlichkeit des Gegenübers über die Wahrnehmung motorisch repräsentierter Gefühlszustände.

Spezifische Störungen des Körpererlebens als Leitlinie körperorientierter Interventionen

KörpererlebensstörungenStörungsspezifische Befunde und davon abgeleitete Empfehlungen zu spezifischer Arbeit in der KPT sind mittlerweile für verschiedene psychische/psychosomatische Erkrankungen erarbeitet worden (Röhricht 2006, 2009, 2014Röhricht 2006Röhricht 2009Röhricht 2014).
Fuchs und Schlimme (2009) sowie Röhricht (2011) verweisen auf eine neue leibphänomenologisch konzipierte nosologische Zugangsweise zu den Hauptkategorien psychischer Erkrankung. Sie betont die zentrale Bedeutung von Leibgedächtnis und Körper-Ich sowie der emotionalen Erlebnisinhalte für psychische Störungen, die als Muster körperbezogener Selbstregulation beschrieben werden. Dabei werden auf der Grundlage einer funktionellen Psychopathologie Konsequenzen für die interpersonale Beziehungsgestaltung (intercorporeality) und die therapeutischen Strategien herausgestellt und drei Manifestationsformen unterschieden: leibnahe Körper-Sein-Störungen (Depressionen, Angsterkrankungen, somatoforme Störungen), alternierend leibregulierte Körper-Haben-Störungen (Persönlichkeitsstörungen) und leibferne Störungen (Psychosen) (Röhricht 2011).
Bei den DepressionenKörpererlebenDepression und AngststörungenKörpererlebenAngststörungenAngst(störungen)Körpererleben bestimmen negativ bewertende (dysfunktionale, defizitäre) Körperbilder und -affekte die Selbstregulation. Bei den Angststörungen treten als Angstäquivalente somatoforme Körpersymptome auf, die häufig autonom dysreguliert und motorisch gebunden sind. Der Körper wird teilweise zum Gegenstand der Angst (Hypochondrie/hypochondrische StörungenHypochondrie); häufig leiden die Patienten unter einem dissoziativen Angst-Depersonalisations-Dissoziatives Angst-Depersonalisations-SyndromAngst-Depersonalisations-SyndromSyndrom, bei dem sich die angstbezogene Impulsivität in motorischer Überanspannung äußert. Dementsprechend konzentriert sich das körper- und syndromorientierte therapeutische Vorgehen hier auf Maßnahmen zur Stärkung des Körper-KörperselbstStärkungSelbst, auf eine Identifizierung/Bahnung und Expression affektmotorischer Schemata (Flucht-Angriff) sowie auf das KörpererlebenGroundingGrounding, KörpererlebenGrounding, die verbesserte Wahrnehmung und die differenzierte Affektregulation und die Ressourcenaktivierung.
Depressiv erkrankte Menschen erfahren eine Vielzahl körperbezogener Depression/depressive StörungenKörpererleben(sstörungen)Phänomene: Gefühl der Gefühllosigkeit, negative und teils nihilistisch-avitale Körperselbstnihilistisch-avitale BeurteilungenBeurteilungen des Körper-Selbst, psychomotorischer Rückzug. Die symptomatischen therapeutischen Interventionen in der KPT fokussieren in symptomatischer Hinsicht auf Maßnahmen zur Gegenregulierung, affektorientierte Stimulation und symbolische Wunscherfüllung. Mittels Arbeit am mimisch-gestischen Ausdrucksverhalten, über das ein erstes Wiederanbahnen eines Muskeleigentonus herbeigeführt wird, soll das Aktivitätsniveau bei psychomotorisch gehemmten Patienten gehoben werden; psychodramatische Inszenierung und gebärdensprachliche Übungen (unter Einsatz der Stimme) können helfen, das Wahrnehmen und Artikulieren der Primärgefühle (FreudeFreude, Trauerprozess/-reaktionTrauer, FurchtFurcht, WutWut, ÜberraschungÜberraschung, EkelEkel) zu fördern (Anorexia Anorexia nervosaPrimärgefühlenervosa Kap. 38.5).
Bei den Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, die im SchizophrenieKörpererlebenKörpererlebenSchizophrenieKörpererleben durch ausgeprägte desintegrativ-dissoziative DisembodimentDisembodiment-Phänomene, ein zentralisiertes Körperschema und teils bizarre Verzerrungen in der Körperwahrnehmung gekennzeichnet sind, stehen Ich-rekonstruktive Bemühungen zu Beginn der Therapie ganz im Vordergrund, in der initialen Phase das GroundingGrounding, Körpererleben (Verankerung in der Realität) sowie Prinzipien der spiegelnden oder begleitenden Mitbewegung (unmittelbares und kreatives Aufgreifen der vom Patienten ausgehenden Haltung und Bewegung im Sinne einer Hilfs-Ich-Körperorientierte PsychotherapieHilfs-Ich-FunktionHilfs-Ich-Funktion, körperorientierte PsychotherapieFunktion). Des Weiteren werden Übungen zur Körper(selbst)wahrnehmung unter Bezugnahme auf verzerrte Körperschemata angeboten (d. h. an den Qualitäten der Körperoberfläche ansetzende Maßnahmen zur Verbesserung der Realitätsprüfung und der Körpergrenzwahrnehmung sowie Arbeit an den gelenkigen Verbindungen bzw. den Segmentübergängen, um die Erfahrung der inneren Kohärenz zu fördern). Im Hinblick auf die schweren Ich-psychopathologischen Symptome schizophreniformer, Ich-struktureller und/oder psychotischer Störungen i. Allg. werden Bewegungsübungen angeboten, die dem Patienten helfen, die Eigenmächtigkeit im Handeln zu verdeutlichen.

Behandlungstechnische Erwägungen

Körperorientierte Psychotherapiebehandlungstechnische ErwägungenReich (1973) hatte sich nicht zuletzt aus Unzufriedenheit mit den behandlungstechnischen Begrenzungen der Psychoanalyse auf die Suche nach neuen Interventionsstrategien begeben. In theoretischer Hinsicht war es insbesondere die Widerstandsanalyse und die Beobachtung einer sich somatomotorisch manifestierenden Charakterbildung, die ihn veranlassten, den Körper direkt in das therapeutische Geschehen einzubeziehen.
Die Unmittelbarkeit der LeiberfahrungLeiberfahrung/-erlebenkörperorientierte PsychotherapieKörperorientierte PsychotherapieLeiberfahrung schafft einen als „Seinsgewissheit“ gekennzeichneten Zustand und ermöglicht einen direkten Zugang zu präverbalen Entwicklungsabschnitten bzw. erlebnis-/emotionsnahen Inhalten. Aus der Neuropsychologie ist bekannt, dass die Auslösung einer starken emotionalen Reaktion dazu führt, dass zurückliegende Ereignisse besser erinnert werden können. Ähnlich wie Roth (2001) vertritt Sulz die Meinung, dass eine nachhaltige und fortwährende Veränderung der allgemeinen psychischen Befindlichkeit nicht ohne eine erlebnisnahe Beeinflussung des emotionalen Erlebens möglich sei: „Die Veränderung dysfunktionalen Denkens, wie es in der kognitiven Therapie praktiziert wird, kann nicht geschehen, ohne dass die assoziierten Gefühle verändert werden. … Und die psychotherapeutische Arbeit mit Gefühlen ist untrennbar mit Körperarbeit verbunden“(2005: 21). Hier haben die körper- und erlebnisorientierten Verfahren einen deutlichen Vorteil, insbesondere in der therapeutischen Bearbeitung von Traumatisierungen, die in präverbalen Entwicklungsphasen stattgefunden haben, sowie in der Bezugnahme auf Somatisierungsstörungen.

In der KPT erscheint der Leib als komplexes Subjekt, das zugleich als ein therapeutisch nützliches und mit „inneren Ressourcen“ ausgestattetes Instrument objekthaft in Erscheinung tritt. Abgesehen von affektregulatorischen und kathartischen Prozessen kann über diesen Weg direkte Verhaltensänderung und auch das Schaffen eines ressourcenorientierten Gegengewichts zu den Defizitsymptomen gelingen. Dieser Aspekt psychotherapeutischer Prozesse wurde bislang weitgehend unterschätzt und wenig systematisch untersucht.

Vor allem bei chronifizierten SymptombildungenKörperorientierte PsychotherapieSymptombildungen, chronifizierte sind Behandlungserfolge an die Vermittlung heilsamer, korrigierender Neuerfahrung geknüpft und nicht nur über den Weg der erkennenden Einsicht oder kognitiven Neubewertung zu erzielen. Im körperorientierten Erfahrungs- (und „Spiel“-)Raum der Therapie kann sich auf engstem Raum exemplarisch ein Wandel von schmerzhafter Mangelerfahrung über die Expressivität der emotionalen Reaktionsweisen hin zu einer korrektiven Neuerfahrung konkreter (wenn auch teils symbolischer) Wunscherfüllung vollziehen (z. B. gehalten, getragen, ge-/beschützt, genährt werden). Diese Prozesse lassen sich am besten in der Gruppentherapie realisieren, da hier im weiten interaktionellen Projektionsfeld viele Primärkonflikte aktualisiert in Erscheinung treten und die anderen Gruppenteilnehmer, zugleich als „Mit-Spieler“ agierend, es dem Therapeuten ermöglichen, nicht direkt in dieses Geschehen einbezogen zu werden.
Schließlich ist die spezifisch ausgestaltete therapeutische BeziehungTherapeutische Beziehungkörperorientierte PsychotherapieKörperorientierte Psychotherapietherapeutische Beziehung in der KPT zu erwähnen. Besonderes Merkmal ist die intersubjektiv-interaktionelle (dialogische) Beziehung, die explizite Bezugnahme auf körperliche (Gegen-)Übertragungsphänomene (somatopsychische Resonanz) und das partielle Partizipieren/Anleiten des Therapeuten im therapeutischen Setting. Mithilfe des Therapeuten erarbeiten sich die Klienten ein tiefes Verständnis der eigenen Körpergeschichte („Narrativ“), d. h., entgegen einem weitverbreiteten Missverständnis ist die KPT immer auch gleichzeitig von einer begleitenden Verbalisierung der Bewegungsangebote und der körperlichen Wahrnehmungen/Veränderungen gekennzeichnet.
Körperorientierte PsychotherapieBerührungen, direkteDirekte Berührungen sind aus behandlungstechnischer Sicht wichtige immanente Bestandteile vieler KPTen. Dabei werden die unmittelbar am Körper ansetzenden Interventionen zumeist zur Verstärkung von SchwellenaffektenKörperorientierte PsychotherapieSchwellenaffekte eingesetzt (und NICHT zur Induktion affektiver Erlebnisweisen). In der Psychotherapie erschwert häufig die Abwehr situativ bedingter und zumeist biografisch bedeutsamer emotionaler Reaktionen die Klärung einer konflikthaften psychischen Konstellation.
Ekman (2004) konnte in jahrelanger Forschung über die mimische Muskulatur zeigen, wie Gesichtsausdrücke in typischer und transkulturell stabiler Weise schematisch bestimmten Gefühlsausdrücken entsprechen. Körperpsychotherapeuten haben sich schon immer nachhaltig auf diese kommunikative Körperorientierte Psychotherapiekommunikative Gestik/MimikMimik (und Gestik) bezogen und zugleich ein breites Erfahrungswissen auch hinsichtlich der Schemata der Atem- und der Skelettmuskulatur angesammelt, das in der therapeutischen Arbeit gezielt mit affektiven Inhalten eingesetzt wird (Zusammenfassung in Röhricht 2000; Marcher und Fich 2010).
Busch (2006: 520) verweist auf die Bedeutung der Berührung für das Selbsterleben und zeigt die Vielfalt der als therapeutische Berührung zu bezeichnenden Interventionen auf, z. B. „… die haltende und Halt gebende Berührung … eine Struktur lösen und gestalten helfen. Eine Bewegung strukturieren. Einer Ausdrucksbewegung des Klienten Raum geben, sie begrenzen und differenzieren. Mit Hilfe des Berührens provozieren, integrieren, harmonisieren, … die ‚Hebammenfunktion‘ begleitender Berührung. Einengende und Raum gebende Berührungen.“
Die Anwendung dieser Techniken setzt viel Erfahrung und ein differenziertes Körper-Selbsterleben seitens des Therapeuten voraus; die spontan tröstende, empathisch angebotene Geste einer hingehaltenen oder aufgelegten Hand im interaktionellen Dialog ist klar zu unterscheiden von einer gezielten, auf einen therapeutischen Effekt ausgerichteten Intervention („Be-Handlung“). Smith et al. (1998) widmeten als Herausgeber ein ganzes Buch dem Thema der Berührung in der PsychotherapiePsychotherapieBerührung und fassen mit verschiedenen Beiträgen Theorie, Forschung und Praxis zusammen. Abgesehen von den Erkenntnissen zu den neurophysiologischen Konsequenzen positiv erlebter Berührung (Freisetzung von OxytocinOxytocinFreisetzung und EndorphineEndorphineFreisetzungKörperorientierte PsychotherapieEndorphinen und ihre positiven Effekte auf das Kontaktverhalten) zeigen die Buchautoren die weitreichenden therapeutischen Konsequenzen für die Ausbildung einer tragenden therapeutischen Beziehung, die Möglichkeit korrektiver (paternaler) Erfahrungen und auch der Differenzierung und Überprüfung kognitiv-wertender psychischer Prozesse auf.

Allgemeine Wirkmechanismen in der KPT

Körperorientierte PsychotherapieWirkmechanismenallgemeineDie Frage nach den in der KPT zur Anwendung kommenden allgemeinen Wirkmechanismen rückt in der Literatur erst in jüngerer Zeit zunehmend in den Vordergrund. Die Evaluationsforschung beschäftigt sich mit der Frage, welchen Beitrag die KPT in der Behandlung welcher wie charakterisierten Patienten bzw. im Hinblick auf die Therapie erkrankungsspezifischer und/oder körpernah angesiedelter psychopathologischer Symptome leisten kann. Hierbei verlagert sich die Perspektive also auf eine störungsorientierte, syndromatische Ebene, d. h. auf die in diagnostischen Klassifikationen definierten Leitsymptome und auf die in phänomenologischer Forschung identifizierten besonderen Störungsmuster des Körpererlebens der jeweiligen Erkrankung. Diese Fragestellung löst sich notwendigerweise von der engeren Abgrenzung eines schulenspezifischen Interventionsspektrums und betont stattdessen die Überschneidungsbereiche und Grundgemeinsamkeiten in Theorie und Praxis.
Grundsätzlich ist festzustellen, dass die KPT nicht primär einsichts- und/oder verhaltensmodifizierend konzipiert ist (wenn auch diese Elemente in einer integrativen KPT durchaus zum Tragen kommen), sondern zentral über einen als „vitale Evidenzerfahrung“ (Petzold 1996) charakterisierten Modus ihre Wirksamkeit entfaltet, d. h., die körperpsychotherapeutischen Prozesse nehmen ihren Ausgangspunkt zumeist von einer selbstexplorativen Fokussierung auf die Körper(binnen)wahrnehmung bzw. den Körper-Außengrenzbereich, bemühen sich darum, die situative emotionale Gestimmtheit aufzuspüren und im Weiteren dann die sich in diesem Gewahrsein aufdrängenden Impulse (Affekte, angedeutete Bewegungen, innere Bilder etc.) interaktiv näher zu betrachten. Marlock (2006) bezeichnet dieses Vorgehen als einen „Prozess sinnlicher Selbstreflexivität“. Dabei ist anzumerken, dass der Strukturierungsgrad dieses therapeutischen Vorgehens in Abhängigkeit von den Störungsbildern variiert (Ich-strukturell gestörte oder psychotische Patienten benötigen sehr viel stärker systematisch strukturierende und Halt gebende Interventionen).
Interventionelle Gemeinsamkeiten im engeren Sinne lassen sich u. a. wie folgt identifizieren und zusammenfassen:
  • 1.

    AchtsamkeitKörperorientierte PsychotherapieAchtsamkeitAchtsamkeit(sbasierte Therapie)körperorientierte Psychotherapie, das Aufspüren des Körpers und die Zentrierung auf das innere Gewahrsein, die (Körper-)Selbstwahrnehmung (= Ver-Körperung) steht zumeist am Anfang des therapeutischen Prozesses; Grounding wird als ein zentrales Wirkmodell betont.

  • 2.

    Körperorientierte PsychotherapieKörpererlebenKörpererlebenkörperorientierte PsychotherapieKörper und Körpererleben werden als zentrales (nonverbales) diagnostisches Medium erkannt und berücksichtigt (z. B. Erkennen „affektmotorischer Schemata“ und „Mikropraktiken“, Haltungs- und Bewegungsmuster oder Identifikation von z. B. Selbstpotenzialen). Eine auf die Besonderheiten der KPT zugeschnittene körperbezogene Anamnese deckt wesentlich folgende Bereiche ab: Körpergeschichte, Umgang mit dem Körper, Körperstruktur, spezifische Untersuchungen zum Körpererleben und nonverbales Kommunikations- bzw. Bewegungsverhalten.

  • 3.

    Die therapeutische Therapeutische Beziehungkörperorientierte PsychotherapieKörperorientierte Psychotherapietherapeutische BeziehungBeziehung ist in der KPT in besonderer Weise ausgestaltet: empathisch, erlebniszentriert und interaktionell (bis hin zum therapeutischen Einsatz von Berührung).

  • 4.

    Körperausdruck, -Körperorientierte PsychotherapieKörperausdruck, -spontaneitätspontaneität und -bewegung werden therapeutisch genutzt (Kommunikationsmedium); dabei steht zumeist die explorative Arbeit an der dynamischen Körperabwehr emotionaler Inhalte (Erkennen, Erfahren und Begreifen) sowie der sich im Erleben andeutenden psychomotorischen Impulse (instinktive Reaktionen und alternative Bewegungsentwürfe) im Vordergrund.

  • 5.

    Die KPT arbeitet häufig mit Körperorientierte PsychotherapieSpannungsbögenSpannungsbögen (bei denen Stimulation, Spannungsaufbau, Abfuhr und Ausgleich aufeinander folgen) und Affektregulation.

  • 6.

    Es kommt zu einer Betonung der gesunden Persönlichkeitsanteile/Körperorientierte PsychotherapieRessourcenRessourcen und zu einer Förderung der Selbstregulation im Körpererleben (Stichworte: Vitalgefühle/Strömungsempfinden, Erfahrung von Lebendigkeit/Motilität und Sinnlichkeit, Körperpotenziale/-ressourcen).

  • 7.

    Schließlich ermöglicht das erlebnisorientierte Körperorientierte Psychotherapieerlebnisorientiertes VorgehenVorgehen in der KPT die Entwicklung leibhaftiger, parallel kognitiv-perzeptiv-affektiver korrigierender bzw. korrektiver Neuerfahrung.

Keine(r) dieser Wirkfaktoren/Vorgehensweisen bezieht sich auf eine spezifische therapeutische Technik oder Schule. Stattdessen dominieren die Qualität der therapeutischen Beziehung und die patientenzentrierte, ressourcenorientierte Ausrichtung auf die Problembewältigung.

Die allgemeine Entwicklung in der Psychotherapieforschung – weg von einer schulenspezifischen Evaluation hin zu einer störungsspezifischen, phänomenorientierten Evaluation integrativer Interventionsstrategien – erfordert einen weiteren Paradigmenwechsel: Psychodynamisch vermittelte Einsichtsförderung, kognitiv-behaviorale Verhaltensmodifikation, supportive und körper- und erlebnisorientierte sowie kathartische Interventionsstrategien werden in einem allgemeinen Modell zusammengeführt. Die dargestellten Grundzüge der Praxis einer integrierten klinischen KPT stimmen mit den von Grawe (1998) beschriebenen und empirisch in der PT-Forschung identifizierten allgemeinen Wirkfaktoren in der Psychotherapie gut überein:
  • Ressourcenaktivierungkörperorientierte PsychotherapieKörperorientierte PsychotherapieWirkfaktorenRessourcenaktivierung: z. B. Bewegungsimprovisationen, Exploration der Körperpotenziale

  • Problemaktualisierung: z. B. psychodramatische Reinszenierung (Enactment), nonverbale dialogische Kommunikations-/Interaktionsstile, Körperausdrucksverhalten

  • Aktive Hilfe zur ProblembewältigungProblembewältigungKörperpsychotherapie: z. B. Affektregulationkörperorientierte PsychotherapieAffektregulation, Identifizierung affektmotorischer Schemata und Erproben von Alternativverhalten (neue Bewegungsentwürfe in Reaktion auf konfliktbehaftete Erfahrung) im experimentellen therapeutischen Setting, Selbstausdruck, Grenzsetzungen

  • Motivationale Körperorientierte Psychotherapiemotivationale KlärungKlärung: KPT ermöglicht komplexe, integrierte Erfahrung der affektiven, perzeptiven, kognitiven und bewegungsbezogenen Aspekte der Konflikte/Traumata und kann dementsprechend auf unterschiedlichen Ebenen gemäß den vom Patienten artikulierten Präferenzen (Stichwort: „Passung“) ansetzen.

Unabhängig von den Therapieschulen wird sich die Förderung von Anpassungsmechanismen immer auch auf die Veränderungen desintegrierter oder dysregulierter kognitiver und emotionaler Erlebnisinhalte richten. Technisch kann dabei über einen stresshaften Stimulus („die Erzeugung eines ‚emotionalen Aufruhrs‘“, Roth 2003: 40) die affektive Verarbeitung im Rahmen einer supportiven therapeutischen Beziehung zunächst aktiviert und dann an der Integration gearbeitet werden. Bei hohem Erregungsniveau wird alternativ zunächst ausgleichend regulierend gearbeitet. Im Idealfall entstehen ein reflexives Bewusstsein und ein plausibles und flexibel ausgestaltetes „Narrativ“. Allgemeine, schulenunspezifische psychotherapeutische Wirkmechanismen werden von Cozolino (2002) anhand eines neurobiologischen Paradigmas für die Wiederherstellung der neuronalen Netzwerkbalance wie folgt abgeleitetKörperorientierte PsychotherapieWirkmechanismenneuropsychologische:
  • Sichere und vertrauensvolle therapeutische Beziehung

  • Informationszugewinn über das gesamte Spektrum von Kognition, Emotion, Perzeption und Verhalten (Psychomotorik)

  • Simultane oder alternierende Aktivierung neuronaler Netzwerke, die inadäquat integriert bzw. dissoziiert organisiert sind

  • Dynamische Wechsel von moderatem Stresslevel und emotionalem Arousal mit Perioden von Ruhe und Sicherheit

  • Integration konzeptuellen Wissens mit emotionalen und körperlichen Erfahrungen

  • Methoden zur Belebung und Organisation neuer Erfahrungen, Entwicklung integrativer Narrative

Narrativkörperorientierte PsychotherapieKörperorientierte PsychotherapieNarrativBeim Vergleich dieser aus neuropsychologischer Sicht beschriebenen basalen Wirkmechanismen in der Psychotherapie mit den oben aufgeführten interventionellen Grundgemeinsamkeiten in der KPT sind weitgehende Überschneidungen festzustellen.

„Nebenwirkungen“

Körperorientierte PsychotherapieNebenwirkungenJede Therapie hat bekanntermaßen auch potenziell schädigende oder als schlicht unangenehm erlebte Effekte. Wichtig sind die allen erlebnisorientierten Vorgehensweisen gemeinsamen Gefahren einer RetraumatisierungKörperorientierte PsychotherapieRetraumatisierung aufgrund z. B. einer vorzeitigen Überschwemmung mit affektiven Inhalten. In ihren Anfängen wurden körperorientierte Verfahren zu Recht erheblich für eine Tendenz kritisiert, über Körpermanipulationen direkt und unsystematisch Abwehrverhalten überwinden zu wollen. Die klinische Erfahrung jedoch, dass affektiv-aktivierende Körpertechniken in der Psychotherapie bei chronifizierten Zustandsbildern unter bestimmten Voraussetzungen gute Ergebnisse bringen können, sollte zu systematischen wissenschaftlichen Untersuchungen Anstoß geben.

Bei Vorliegen psychotischer, pathologisch-regressiver oder dissoziativer Phänomene wird nicht primär eine Wiederaneignung der emotionalen Reaktionsweisen, -zustände und -befindlichkeiten bzw. ein kathartisches Abreagieren angestrebt, sondern empathisch-stützend und ressourcenorientiert vorgegangen.

Hier – wie auch bei schamhaften Affekten und im Falle bestehender Körpertraumata – sind direkte Berührungen und Körpermanipulationen kontraindiziert, soweit sie nicht als haltende oder ausgleichende Berührungen mit explizitem Einverständnis des Klienten eingesetzt werden. Gottwald (2006: 135) gibt einen entscheidenden Hinweis: „Da jede eindrückliche Erfahrung das Gehirn mitprägt, labilisiert jedes Wiedererleben von Leid. … Bisherige Verschaltungen im Gehirn werden noch weiter verstärkt … alte Mangelsituationen und Traumata aufzurufen, ist lediglich sinnvoll angesichts eines in der Therapie kreierten besseren Endes der alten Geschichte.“ Er betont zugleich die stressregulierende Funktion von BerührungBerührung, therapeutischestressregulierende Funktion. Die regressionsfördernden Eigenschaften therapeutischer Berührung sind gut bekannt (z. B. Rothschild 2000) und können sich kontratherapeutisch mit Verschmelzungswünschen seitens der Patienten verbinden. Besondere Vorsicht bzw. Aufmerksamkeit wird daher insgesamt den in der KPT stärker in den Vordergrund tretenden intensiven positiven ÜbertragungsgefühlenBerührung, therapeutischeÜbertragungsgefühle gewidmet. Selbstverständlich sind die Gefahren erotisch wahrgenommener oder intendierter, d. h. die Gefahr missbräuchlicher, Berührung aus ethischer und therapeutischer Sicht besonders bedenklich.

Evaluation körperpsychotherapeutischer Interventionsstrategien in der Psychotherapieforschung

Körperorientierte PsychotherapieEvaluationDie Analyse der bisher zu verzeichnenden Bemühungen zur Evaluation der KPT im Lichte eines derzeit häufig die Literatur dominierenden „RCT-Dogmas“ (RCT = randomisierte, kontrollierte Studien) lässt zunächst erhebliche methodische Probleme erkennen. Die vorliegenden Studien sind u. a. häufig retrospektiv oder nicht randomisiert konzipiert und stützen sich zumeist in der Frage nach der Effizienz einer Methode auf Selbsteinschätzungen der Probanden. Eine genauere Analyse der verfügbaren Literatur unter Berücksichtigung auch der „grauen“ Literaturquellen einschließlich Dissertationen führt jedoch zu einem etwas anderen Ergebnis als der Blick durch eine zu eng am RCT-Dogma orientierte Evaluationsbrille. Zudem sind in den letzten Jahren auch methodisch hochwertige Studien insbesondere bei psychosomatischen und psychotischen Erkrankungen durchgeführt worden.
Körperorientierte PsychotherapieWirksamkeitsstudienIn der Zeit von 1970–1998 wurden zahlreiche Kohorten-/Querschnittstudien mit unterschiedlicher Methodik bei gesunden Normalpersonen, Patienten mit „Neurosen“ und Probanden mit Drogenmissbrauch durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studien weisen auf besondere Wirkmechanismen und eine spezifische Effizienz der körperpsychotherapeutischen Methoden hin, vor allem in Bezug auf eine Zunahme der Zufriedenheit mit dem Körper, eine verbesserten Selbstwahrnehmung, eine Zunahme an Selbstwert sowie eine Abnahme muskulärer Spannung (Röhricht 2000).
Ausführliche Übersichtsarbeiten zu empirisch evaluierten KPT-Verfahren wurden publiziert; die Autoren stellen die Evidenz schulenspezifisch (Loew at al. 2006) oder störungsspezifisch (Röhricht 2009) dar:
  • Tanz- und BewegungstherapienTanztherapieWirksamkeitBewegungstherapieWirksamkeit erwiesen sich tendenziell als besonders hilfreich zur Reduktion von depressiven und AngstsymptomenTanztherapieDepressionBewegungstherapieDepression sowie zur Verbesserung der Beziehungsfähigkeit, wenn auch erhebliche methodische Mängel in der Evaluation konstatiert werden.

  • Eine 2009 publizierte RCT untersuchte die Wirksamkeit einer „affektfokussierten“ manualisierten (und hochfrequenten) KPT bei Patienten mit generalisierter Angststörung. Im Vergleich zu einer Gruppe von Patienten unter Standardtherapie hatten die Patienten in der KPT-Gruppe am Ende der Therapie signifikant niedrigere Werte auf der SCL-90 Subskala „Angst“, keine Unterschiede zeigten sich für das Beck Anxiety Inventory (Levy-Berg et al. 2009).

  • Für die Konzentrative BewegungstherapieBewegungstherapiekonzentrativeKonzentrative Bewegungstherapie (KBT) liegen hauptsächlich Prozessstudien vor, im Ergebnis erwiesen sich die Interventionen als effektiv in der Korrektur negativer Selbstbilder und der Verbesserung des körperlichen Selbstbewusstseins.

  • Im Rahmen einer bioenergetischen Therapie wurden Symptome der Angst und Depression sowie Selbstwert und Durchsetzungskraft verbessert (Gudat 1997).

  • Die Funktionelle EntspannungEntspannung, funktionelleFunktionelle Entspannung wurde bislang fast ausschließlich in der Anwendung bei psychosomatischen Störungen evaluiert (s. u.).

Integrierte, schulenübergreifende Verfahren erwiesen sich als hilfreich zur Förderung des allgemeinen Wohlbefindens; allgemeine Beschwerden verringerten sich in den KPT-Gruppen, wenig Effekte zeigten sich im Hinblick auf spezifische Symptome. In einer jüngeren prospektiven Effektivitätsstudie (naturalistisch) zu acht verschiedenen KPTen im ambulanten Bereich kam es hingegen zu einer Symptomminderung psychischer und körperlicher Beschwerden sowie einer Zunahme der Selbstwirksamkeit (Koemeda-Lutz et al. 2006). Hinsichtlich der KPT (integratives Manual) von Symptomen schizophren Erkrankter wurden mittlerweile mehrere RCTs durchgeführt, die auf eine gute Wirksamkeit bzgl. Psychopathologie, Kontakt- und Sozialverhalten bzw. Psychomotorik verweisen (Nitsun et al. 1974; Übersicht Loew et al. 2006; Röhricht und Priebe 2006; Röhricht et al. 2011).
Besonders herausgestellt seien hier die vielversprechenden Studienergebnisse, die für die Gruppe psychosomatisch erkrankter Patienten bereits vorliegenPsychosomatische Erkrankungenkörperorientierte Psychotherapie, Wirksamkeit:
  • Das Bewegungsverhalten psychosomatischer Patienten veränderte sich im Rahmen einer stationären TanztherapieTanztherapieWirksamkeitsevaluation in Richtung auf eine verbesserte Beziehungsfähigkeit (Lausberg et al. 1988).

  • Ergebnisse einer retrospektiven Untersuchung zum Selbsterleben bei psychosomatischen Patienten nach Tanztherapie zeigten eine hohe Zufriedenheit mit der Therapie (Larisch 1993).

  • Für die Funktionelle Entspannung (FE)Funktionelle EntspannungWirksamkeitsevaluation liegen insgesamt 10 Studien unterschiedlichen Designs bei psychosomatischen Patienten (Colon Colon irritabilefunktionelle Entspannungirritabile, Asthma Asthma bronchialefunktionelle Entspannungbronchiale, COPD, Spannungskopfschmerzfunktionelle EntspannungSpannungskopfschmerz) vor. Es zeigten sich gute Effekte in Bezug auf eine signifikante Reduktion der Beeinträchtigung durch Schmerzen im Alltag bzw. der Symptome, die Belastung durch die Krankheit und das subjektive Krankheitsgefühl (z. B. Loew et al. 2006; Lahmann et al. 2009; Röhricht 2009).

  • Auch für die TanztherapieWirksamkeitsevaluationTanztherapie bzw. Tanz- und BewegungstherapieWirksamkeitsevaluationBewegungstherapie liegen einige Studien vor: Dibbel-Hope (2000), Serlin (2000) sowie Sandel et al. (2005) haben gezeigt, wie sich bei Brustkrebspatientinnen das körperbezogene Selbstvertrauen, die Körperbildbeeinträchtigungen und auch Angst/Depressivität unter der Behandlung besserten; Mannhein und Weis (2005) untersuchten, inwieweit sich im Rahmen einer Tanztherapie bei Krebspatienten Veränderungen hinsichtlich Lebensqualität, Befindlichkeit und Selbstkonzept bewirken lassen. Die Ergebnisse zeigten signifikante Veränderungen sowohl in Bezug auf Selbstwert und subjektive Lebensqualität als auch Angst und Depression.

  • Im Vergleich von Bioenergetik, WirksamkeitsevaluationBioenergetik mit Gymnastik (RCT) bei Patienten mit somatoformen Störungen in stationärer Therapie wurden in den Selbsteinschätzungen der mit KPT behandelten Gruppe signifikante Besserungen von Symptomen der Somatisierung, Angst und Depression beschrieben (Nickel et al. 2006).

  • Mills und Allen (2000) untersuchten den Einfluss einer KörpertherapieWirksamkeitsevaluationKörpertherapie auf den Umgang mit Symptomen der multiplen. Die kleine Experimentalgruppe (8 Patienten) zeigte im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine deutliche Besserung körperbezogener Symptome im Anschluss an die Behandlung und nach 3 Monaten.

  • Im Verlauf einer psychodynamischen KörpertherapieKörpertherapiepsychodynamische (kontrollierte Studie, Monson und Monson 2000) verbesserten sich in der Experimentalgruppe das subjektive Schmerzempfinden, der Somatisierungsgrad sowie das Ausmaß von Depression/Angst und sozialem Rückzug im Anschluss an die Behandlung (stabil zum Katamnesezeitpunkt nach 1 Jahr).

  • Die Evaluation einer integrativen Gruppen-KPT in zwei kürzlich durchgeführten Pilotstudien zeigte erste vielversprechende therapeutische Effekte bei der Behandlung undifferenzierter Somatisierungsstörungen (Röhricht und Elanjithara 2014; Lahmann 2015).

Anwendungsbeispiel: Multimodale KPT der Essstörungen

Körperorientierte PsychotherapieAnwendungsbeispieleDie theoretischen Ausführungen sollen nun am konkreten Beispiel der EssstörungenEssstörungenkörperorientierte PsychotherapieKörperorientierte PsychotherapieEssstörungen weiter ausgeführt und exemplarisch illustriert werden.
In klinisch-phänomenologischer Hinsicht sind die Essstörungen als klassisches Beispiel komplexer psychosomatischer Erkrankungen im Schnittfeld psychischer und somatischer Prozesse anzusehen. Dementsprechend ist auch die psychotherapeutische Behandlung von Essstörungen (insb. der Anorexia Körperorientierte PsychotherapieAnorexia nervosaAnorexia nervosakörperorientierte Psychotherapienervosa, AN) überwiegend multimodal konzipiert. Dabei wird den körperpsychotherapeutischen Modulen trotz mangelnder Evidenzbasis aber unter Bezugnahme auf ein breites klinisches Erfahrungswissen im Gesamtbehandlungsplan mittlerweile ein erheblicher Stellenwert zugemessen (Röhricht 2008).
Von der Beschreibung des in spezifischer Weise gestörten Körpererlebens anorektischer Patientinnen gehen wesentliche Impulse für eine störungsspezifische, körperorientierte Interventionsstrategie aus. Dabei steht die „Körperbild(arbeit)Anorexia nervosaAnorexia nervosaKörperbildarbeitKörperbildarbeit“ ganz im Mittelpunkt der Bemühungen. Immer wieder wird betont, wie wichtig es für essgestörte Patientinnen sei, den eigenen Körper kennen und schätzen zu lernen. Themenschwerpunkte der therapeutischen Arbeit sind insofern Prozesse zur Förderung körperbezogener Bewertungskriterien und des Selbstrespekts. Die Patientinnen werden darin unterstützt, ihre Bedürfnisse wahrnehmen und ausdrücken sowie eigene Grenzen zu spüren/setzen zu können, letztendlich dann auch einen gesunden Umgang mit der eigenen Weiblichkeit anzubahnen. Zudem werden zumeist traumatische, konflikthafte biografische Hintergründe betont, darüber hinaus frühe Entbehrungen im Sinne einer Mangelbeziehung zwischen Mutter und Kind, daraus resultierende Selbstwert- und Beziehungsproblematiken und die häufig destruktiv gegen das eigene Selbst gerichteten negativen Affekte/Verhaltensweisen.
In phänomenologischer Hinsicht ist das Körperleben anorektischer Patientinnen gut erforscht; die Charakteristika werden in Kap. 59 beschrieben. Unterschiedliche Therapieansätze in integrativ-multimodalen Konzepten stimmen in den Grundzügen wesentlich überein (Götz-Kühne 1997; Downing 2002; Forster 2002; Probst 2004; Vocks und Legenbauer 2005; Konzag et al. 2006; Kluck-Puttendörfer 2006).
Konzag et al. (2006: 36) stellen zentrale Wirkprinzipien für die KPT heraus. Die Symbolisierungsfähigkeit solle verbessert werden, um „… dadurch günstigere Voraussetzungen für die Effektivität verbaler Therapieformen zu schaffen.“ Dabei solle vorrangig erreicht werden, dass Patientinnen ihren Körper im Laufe der Behandlung mehr und mehr akzeptieren. Methodisch wird die KPT als eine Kombination aus Körperwahrnehmungstherapie, Entspannungstherapie und kommunikativer Bewegungstherapie konzipiert. Die Wichtigkeit einer ressourcenorientierten Körperarbeit wird wie auch sonst in der KPT betont.
Die therapeutischen Techniken umfassen bei Konzag at al. (2006) die Auseinandersetzung mit den subjektiv wahrgenommenen und objektiv erfassten Körperdimensionen, geleitete Selbstexploration – anfangs häufig unter Einsatz von Objekten sowie zunächst auf jene Körperteile bezogen, die „am wenigsten angst- oder -schambesetzt sind.“ Direkte Körperberührungen werden wegen der Gefahr der Retraumatisierung zunächst vermieden. Eine empathische Kontaktaufnahme zum eigenen Körper wird angestrebt; das Ansprechen körperbezogener traumatischer Erfahrungen ist nicht intendiert, wird ggf. jedoch in späteren Phasen der Therapie mittels Förderung der selbstregulativen Potenziale bearbeitet.
Ein weiterer Schwerpunkt einer integrativen KPT ist die wiederum selbstregulativ konzipierte Arbeit an den frühkindlichen körperlichen Grundbedürfnissen, die benannt werden als: „Geborgenheit, Schutz, Wärme, Körperkontakt, Bewegung, Rhythmus und Atmung“. Die „kommunikative BewegungstherapieBewegungstherapiekommunikative“ wird als ein gruppendynamischer Ansatz verstanden und fördert die körperliche Ausdrucksfähigkeit, regt die „Beobachtungs- und Einstellungsfähigkeit auf andere“ an und bietet schließlich Übungen zur Verbesserung der Entscheidungs- und Auseinandersetzungsfähigkeit an. Innerhalb der Gruppe werden in einem späteren Stadium auch quasi-psychodramatische Komponenten eingeführt, mit denen emotionale, interaktionelle Prozesse nonverbal dargestellt und entsprechend therapeutisch bearbeitet werden.
Forster (2002) integriert Elemente der konzentrativen Bewegungstherapie, Tanztherapie und Entspannungstechniken und fokussiert wie auch Götz-Kühne (1997, 2010)Götz-Kühne (1997)Götz-Kühne (2010) das Behandlungskonzept auf Interventionen zur Verbesserung der Körperwahrnehmung: Zum Einsatz kommen Spiegelkonfrontationen, die Arbeit mit sensuellen Materialien und behutsamen Körperberührungen (taktile Selbstexploration) sowie Entspannungsübungen mit gerichteter Aufmerksamkeitsverschiebung auf bestimmte Körperareale.
Vocks und Legenbauer (2005) entwickelten ein Manual für eine Körperbildtherapie. Angestrebt wird primär eine Einstellungsänderung hinsichtlich der verschiedenen Aspekte der Körpererfahrung. Die Autoren betonen die zentrale Bedeutung der Körperkonfrontationsübungen und heben hervor, wie wichtig es sei, sie zeitlich nicht zu früh im Therapieverlauf zu platzieren und dass hierfür eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung dringend erforderlich sei.
Körperorientierte PsychotherapieManualisierungFür eine Manualisierung einer integrativen KPT in der Behandlung von Essstörungen bietet sich vor dem Hintergrund der hier vorgestellten Literatur und unter Bezugnahme auf das vorhandene klinische Erfahrungswissen eine stufenweise und modular konzipierte Interventionsstrategie an:
  • Basale und als Leitlinie die Therapie untermauernde Definition therapeutischer Zielsetzungen, d. h. explizite Fokussierung auf die von den Patientinnen jeweils vorgegebenen motivationalen Antriebe

  • Empathische, wertschätzende und ressourcenorientierte Kontaktaufnahme zum eigenen Körper und sukzessive Reduktion körperfeindlicher Aktivität

  • Verbesserung der Körper(selbst)wahrnehmung in Richtung auf eine realitätsnahe, an den eigenen Bedürfnissen orientierte und die Körpergrenzen betonende Körperwahrnehmung

  • Förderung der körperlichen (Selbst-)Ausdrucksfähigkeit und Abbau des körperbezogenen Vermeidungs- und Kontrollverhaltens

  • Umstrukturierung der interaktionellen Kompetenzen mit Verbesserung der Nähe-Distanz-Regulation

  • Schließlich: Bearbeitung der intrapsychischen Konflikte, der defizitären und traumatischen Biografien und der verinnerlichten soziokulturell geprägten Leitbilder.

Zusammenfassung und Ausblick

Im Hinblick auf eine breitere Etablierung der KPT unter den als wirksam akzeptierten Psychotherapiemethoden ist eine Forcierung der Forschungsbemühungen im Sinne einer Evaluation manualisierter, integrativer klinischer KPT erforderlich.
Eine bereits zu verzeichnende Bezugnahme auf jüngere Erkenntnisse affektiver Neurowissenschaft kann wichtige Impulse/Anregungen für die Prozessforschung anbieten; dabei scheint es erforderlich zu sein, Erkenntnisse bzgl. der Frage der eigentlich aktiven Wirkkomponenten in der KPT zu gewinnen. Weiterhin stellt sich die Frage nach den Besonderheiten in der therapeutischen Beziehung in der KPT. Hinsichtlich einer differenziellen Therapie bleibt zu klären: Wann wirkt welche Intervention besser? Wann wirken kombinierte Interventionsstrategien besser? Welche Therapeutencharakteristika sind mit höherer Effektivität assoziiert?
Eine störungsspezifische, syndromorientierte Evaluation kann sich an den Beschreibungen der Störungen des Körpererlebens orientieren; dabei wird Bezug genommen auf präverbale Kommunikations- bzw. Abwehrmuster und als „affektmotorische Schemata“ beschriebene Muster des Verhaltens.

Literaturauswahl

Becker, 2006

H. Becker Körperpsychotherapie, ein Königsweg zum psychosomatisch Kranken Marlock Weiss 2006 759 767 (2006a)

Downing, 1996

G. Downing Körper und Wort in der Psychotherapie. Leitlinien für die Praxis 1996 Kösel München

Geissler and Heisterkamp, 2013

P. Geissler G. Heisterkamp Einführung in die analytische Körperpsychotherapie 2013 Psychosozial-Verlag Gießen

Geuter, 2015

U. Geuter Körperpsychotherapie. Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis 2015 Springer Heidelberg

Joraschky et al., 2009

P. Joraschky T. Loew F. Röhricht Körpererleben und Körperbild. Ein Handbuch zur Diagnostik 2009 Schattauer Stuttgart

Loew et al., 2006

T. Loew K. Tritt C. Lahmann F. Röhricht Körperpsychotherapienwissenschaftlich begründet? Eine Übersicht über empirisch evaluierte Körperpsychotherapieverfahren Psychodynamische Psychotherapie 5 2006 6 19

Marlock and Weiss, 2006a

G. Marlock H. Weiss Handbuch der Körperpsychotherapie 2006 Schattauer Stuttgart

Röhricht, 2000

F. Röhricht Körperorientierte Psychotherapie psychischer Störungen. Ein Leitfaden für Forschung und Praxis 2000 Hogrefe Göttingen, Bern, Toronto, Seattle

Röhricht, 2009

F. Röhricht Body oriented psychotherapythe state of the art in empirical research and evidence based practi a clinical perspective. Body, Movement and Dance in Psychotherapy. An International Journal for Theory Research and Practice 4 2009 135 156

Sulz, 2005

S. Sulz Gehirn, Emotion und Körper S. Sulz L. Schrenker C. Schricker Die Psychotherapie entdeckt den Körper. Oder: Keine Psychotherapie ohne Körperarbeit? 2005 CIP-Medien München 3 23

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