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B978-3-437-21833-0.00033-4

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978-3-437-21833-0

Psychoanalyse und Gruppenanalyse

Paul L. Janssen

  • 33.1

    Einleitung385

  • 33.2

    Freuds Behandlungstechnik und die Entwicklung der Psychoanalyse385

  • 33.3

    Das objektbeziehungstheoretische Verständnis des psychoanalytischen Prozesses392

  • 33.4

    Das selbstpsychologische Verständnis des psychoanalytischen Prozesses393

  • 33.5

    Relationales bzw. intersubjektives Verständnis des psychoanalytischen Prozesses394

  • 33.6

    Die Wirkung der Deutung und der emotionalen Erfahrung in der Beziehung395

  • 33.7

    Gruppenanalyse395

Einleitung

PsychoanalyseDie Grundlage aller psychoanalytisch begründeten Psychotherapien ist die Theorie der Psychoanalyse, die zwischen 1890 und 1920 von Sigmund Freud und seinen Schülern entwickelt wurde. Sie ist eine Wissenschaft, welche die bewussten und unbewussten seelischen Prozesse im Erleben und Verhalten des Menschen, die innerseelischen Konflikte und Objektbeziehungsmuster als Niederschläge infantiler Beziehungserfahrungen sowie die Selbstkonzepte untersucht. Nach einer mehr als 100-jährigen Geschichte herrscht Pluralismus in Theorie und Praxis der Psychoanalyse (vgl. Williams 2005; Wallerstein 2006). Die theoretischen Grundlagen (Kap. 9) beziehen sich auf die Theorie vom Unbewussten, auf die Trieb-, Konflikt-, Strukturtheorie, die Ich-Psychologie, die Objektbeziehungstheorie, die Selbstpsychologie bzw. Narzissmustheorie und die Bindungs- und Mentalisierungstheorie (s. auch Janssen 2009).

Freuds Behandlungstechnik und die Entwicklung der Psychoanalyse

PsychoanalyseEntwicklungAls Freud die Reihe seiner PsychoanalyseBehandlungstechnik nach Freudtechnischen Schriften etwa 1915 beendete, hielt er die psychoanalytische Behandlungstechnik für die Behandlung von Neurosen für weitgehend konzipiert und formalisiert. Die grundlegenden technischen Schriften wurden von Freud (1916/17) selbst und von weiteren Analytikern überblicksartig dargelegt (z. B. Fenichel 1941; Glover 1955; Greenson 1973; Sandler et al. 1973).

Sie vertraten Freuds Zielvorstellung, dass sich gemäß seinem Strukturkonzept in der Psychoanalyse infantile unbewusste TriebabwehrkonfliktePsychoanalyseTriebabwehrkonflikte, unbewusste infantileTriebabwehrkonflikte, unbewusste infantile, d. h. intersystemische KonflikteKonflikteinfantile zwischen Ich, Über-Ich bzw. Ideal-Ich und Es in der Übertragung wiederholen, bewusst gemacht und durch eine deutende Bearbeitung und eine Durcharbeitung der ÜbertragungsneuroseDurcharbeitenDurcharbeitenÜbertragungsneuroseÜbertragungsneurose aufgelöst werden. Bei gelingendem Prozess wurde in der ÜbertragungsneuroseÜbertragungsneurose die Vergangenheit, d. h. die infantilen Konflikte, in der Gegenwart wiederhergestellt und gedeutet, wodurch es zu einer Auflösung der Neurose (der Übertragungs- wie der infantilen NeuroseNeurosen/neurotische Störungeninfantile) kommt. Diese strukturellen Veränderungen im psychischen Apparat sollen den Patienten befähigen, sich optimal an seine Lebensumstände anzupassen.

Freuds (1914) These von der Wiederholung infantiler, unbewusster konflikthafter Beziehungsmuster in der Beziehung zum Therapeuten in der Übertragung, also der psychogenetische Aspekt der ÜbertragungÜbertragungpsychogenetischer Aspekt (s. u.)Therapeutische BeziehungPsychoanalyse ist von PsychoanalyseBeziehung zum Therapeutenhohem theoretischem und therapeutischem Wert. In der Wiederholung im Hier und Jetzt und mit dem Psychotherapeuten kann das Verdrängte als Gegenwärtiges wiedererlebt werden. Das interpersonelle Feld, insbesondere das der Eltern-Kind-Beziehung, war damit Psychische StörungenEltern-Kind-BeziehungEltern-Kind-Beziehung/-Interaktion(en)psychische Störungenals Entstehungsbedingung für psychische Störungen entdeckt und Wiederholungen dieser verinnerlichten, unbewussten Konflikte in Denk- und Verhaltensschemata in der Beziehung zum Arzt als therapeutischer Zugang konzipiert. Heute ist dieses Konzept durch die Säuglings- und Bindungsforschung wie auch Säuglings- und Bindungsforschungpsychische StörungenPsychische StörungenSäuglings- und Bindungsforschungdurch neurobiologische Forschung erweitert worden.

Differenzierung des Übertragungskonzepts heute nach den Gesichtspunkten:

Intrapsychisch – interpersonell – intrasubjektiv

Die von Freud (1914) definierte Behandlungstechnik wird als klassische Psychoanalyse oder als PsychoanalyseklassischeStandardverfahren bezeichnet. PsychoanalyseStandardverfahrenEs lässt sich zusammenfassend wie folgt beschreiben: Die Psychoanalyse beginnt mit einem Erstinterview oder einer Probebehandlung. Der Analysand ist ein Leidender, Rat- oder Hilfesuchender, dessen Motivation zur psychoanalytischen Therapie über den Leidensdruck gesichert ist. Freud war der Auffassung, dass vor allem neurotisch Kranke diesen Leidensdruck aufweisen. Der Patient trifft eine positive Entscheidung für ein Bündnis mit dem Analytiker und seiner Methode, wenn die aktuelle Begegnung mit ihm seine Bereitschaft fördert, sich auf einen klärenden Prozess der Begegnung mit sich selbst und seinem Verhalten einzulassen.
Die Entscheidung des Analytikers, einen BehandlungskontraktPsychoanalyseBehandlungsvertrag einzugehen, ist von seiner Gegenübertragung und seinenGegenübertragungPsychoanalysePsychoanalyseGegenübertragung psychoanalytisch-diagnostischen Einschätzungen abhängig. Er stellt in einer oder mehreren Sitzungen fest, ob sich eine therapeutische Beziehung herstellen lässt, ob sich unbewusste Konfliktkonstellationen oder Objektbeziehungsmuster finden, ob eine ÜbertragungPsychoanalyseÜbertragungsbereitschaftPsychoanalyseÜbertragung vorhanden ist, Reflexionsfähigkeit besteht und der Patient eine adäquate Beziehung zur Realität aufrechterhalten kann. Des Weiteren muss der Patient in der Lage sein, eine therapeutische Ich-Spaltung zwischen Ich-Spaltung, therapeutischeerlebenden und beobachtenden Ich-Anteilen zu vollziehen und sich mit dem analysierenden Ich des Analytikers identifizieren zu können, wodurch ein therapeutisches Arbeitsbündnis entsteht (zur Indikation vgl. Janssen 2016 und Kap. 31).

Patientengeschichte 1

Die 42-jährige Pat. kommt wegen panikartiger Angstanfälle in meine Behandlung. Sie äußert die Befürchtung, dass ihre Ehe und ihre Familie auseinander brechen, und sie hat große Angst, dass sie auftretende Wutzustände nicht mehr kontrollieren kann. Sie hatte vor einigen Monaten aus medizinischer Indikation einen Schwangerschaftsabbruch. Sie fühlt sich kaum in der Lage, ihren Beruf auszuüben. Die Pat. schildert schon früher, seit der Pubertät auftauchende Angstanfälle und depressive Einbrüche mit suizidalen Gedanken, Befremdungserleben und Zwangsgedanken.

Bei der Pat. ist eine starke Motivation mit hohem Leidensdruck für eine Behandlung erkennbar. Die Übertragungsbereitschaft zeigt sich in der ersten Inszenierung, in der sie die Rahmenvereinbarung als Machtdemonstration meinerseits versteht. Eine Reflexionsfähigkeit ist vorhanden und ihre Beziehung zur Realität ist ungestört. Eine therapeutische Ich-Spaltung kann sie vollziehen. Die Akuität der Störung und der Zusammenbruch der Abwehrstrategien, die sich schon in den Erstgesprächen abzeichneten, hatten mich zu der strukturierenden Vereinbarung (Leben in ihrer Wohnung mit den Kindern und kein Auszug, wie sie ihn vorhatte) veranlasst. Daraufhin war es zu heftigen Auseinandersetzungen mit mir gekommen. Schließlich teilt sie mir schriftlich mit: „Die heftig geführten Auseinandersetzungen arbeiten immer noch in mir. … Im Nachhinein – in der Abwägung des von Ihnen Gesagten – ist neben der großen Angst, Sie könnten mich zurückweisen, eine Therapie ablehnen, auch ein Gefühl von Beruhigung und Sicherheit entstanden, dass dieser Rahmen richtig ist. Ich denke inzwischen, dass Sie wohl das Recht haben, Ihre eigenen Behandlungsbedingungen offen auszusprechen und festzulegen, auch um nicht wiederholt als ‚Feuerwehr‘ benutzt zu werden. Auch wenn ich das Gespräch gegen Ende der Stunde ‚abgebrochen‘ habe, bitte ich Sie dennoch, es wieder aufzunehmen …“. – Diese schriftliche Äußerung heißt, dass die Pat. die Rahmenbedingungen akzeptiert und die Behandlung beginnen kann. Zu Beginn der Therapie hat sie bestürzende und erschreckende Träume voller Bedrohung und Aggression, die erst nach und nach abnehmen. Schon früher hat sie solche Zustände erlebt. Nach einiger Zeit beruhigt sie sich und freut sich manchmal auf die Stunde. Meist sind die Hoffnungen und Erwartungen an sich selbst und den Analytiker sehr groß. Ein therapeutisches ArbeitsbündnisArbeitsbündnis, therapeutisches ist bei aller Fragilität entstanden.

In der Einleitung der Behandlung (Freud 1913) wird dem Patienten das „Zeremoniell der Situation“ mitgeteilt. DerPsychoanalyseRahmenbedingungen Patient liegt auf der Couch, der Analytiker sitzt hinter dem Kopfende. Es wird ein pünktlicher Beginn und Ende der Stunde (45 oder 50 min) vereinbart. Die Regel im Standardverfahren ist, dass Analytiker und Patient sich 4- bis 5-mal pro Woche treffen. Des Weiteren gehört zur Einleitung der Behandlung die Klärung der realen Rahmenbedingungen, z. B. finanzielle Bedingungen, Wohnort des Patienten, möglicher Zeitaufwand, berufliche Situation des Patienten, Urlaubsregelungen, Verschwiegenheit.
Freie Assoziation und Widerstand
Assoziation, freieIn der Einleitung der Behandlung werden dem Analysanden die Bedingungen der Behandlung mitgeteilt: „Sie können alles, was Ihnen durch den Sinn geht, sagen, Sie sollten sich darum bemühen, alles zu sagen, alle Gefühle, Eindrücke, Erfahrungen, Erinnerungen, Träume.“ Die freie Assoziation ist für den PsychoanalyseAssoziation, freiepsychoanalytischen Prozess unabdingbar.

Der „Austausch von Worten zwischen Analysierten und dem Arzt“ (Freud 1916/17: 9) ist die grundlegende Kommunikationsmethode zwischen Patient und Analytiker. Über die freie Assoziation führt der Weg zur Entdeckung des Unbewussten.

Diese Methode ist sicher für manche auch die bedeutendste Entdeckung Freuds (Freud 1895, 1913Freud 1895Freud 1913; Greenson 1973). Der Patient soll alles sagen, offen und ohne Zensur, ohne Wertungen, auch wenn er es für unsinnig und unwichtig hält. In der Analyse in einem entspannten Zustand und in einer spezifischen Situation seinen Vorstellungen, Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen und sie unzensiert und spontan zu äußern, ist auch eine besondere Erfahrung für den Patienten und in der Nähe eines meditativen Zustands (Zwiebel 2013).

Zur freien Assoziation gehört auch die Aufforderung an den Patienten, Träume mitzuteilen, die einTraumZugang zum UnbewusstenUnbewusstesZugang durch Träume besonderer Zugang zum Unbewussten sind (Freud 1900).

Für manche Patienten wird diese Aufforderung zu einer schon lang ersehnten Erfahrung; sie sprudeln nur so von assoziativen Einfällen. Für andere ist diese Aufforderung außerordentlich schwer zu realisieren, weil sie an „vernünftigen“ Gedankengängen orientiert bleiben.

Patientengeschichte 2

PsychoanalysePatientengeschichteDie Pat. ist wegen einer gravierenden depressiven Episode bei anankastischer Persönlichkeitsstörung in einer Psychoanalyse. Sie zeigte in den Stunden sehr häufig einen Assoziationswiderstand. Sie beginnt die Stunde: „Ich weiß nicht, was ich sagen will … was mir nur durch den Kopf geht ist lächerlich …“ [10 min Schweigen]. „Im Auto ist mir durch den Kopf gegangen: Gehe ich zur Toilette oder nicht …“ [Sie war eine Zeitlang zu Beginn jeder Stunde zur Toilette gegangen, wie ein Ritus. Als ich sie darauf anspreche, unterlässt sie es.] Ich sage daher: „Seit wir darüber gesprochen haben, ist das anders geworden. Sie haben sich nicht mehr vorher entleert.“ Danach folgte folgender Dialog, den ich hier wiedergebe, ohne die Länge der Pausen zu benennen; er füllte die weitere Stunde aus. Sie: „Ja, das Bedürfnis war da, aber ich wollte probieren, ob es auch anders geht. Es geht.“ Ich: „Wie haben Sie das erlebt?“ Sie: „Der Anfang war nicht mehr so mühselig. Heute war das Bedürfnis hinzugehen, sonst habe ich die ganze Zeit das Gefühl, ich konzentriere mich auf meinen Unterleib. Das will ich nicht. Auch nach den Stunden bin ich nicht gegangen. Will auch die Stunden behalten [sie schämt sich] … Es ist kein Zufall, dass es eine Rolle spielt … ein Gedanke … es ist Raum für anderes … bin ich nur auf den Unterleib konzentriert.“ Ich: „Was ist, wenn Sie auf den Unterleib konzentriert sind? Stört Sie das?“ Sie: „Ja, sicher … ich will ihn nur in gedanklicher Form.“ Ich: „Eine Frau ohne Unterleib.“ Sie: „Das wäre doch gut …“ Ich: „Ob das so gut wäre …“ Sie [nach einigem Schweigen]: „ … Mir fielen jetzt Josef und seine Brüder [Bibelthema] von Thomas Mann ein. Als es um die Verführung durch die Frau des Potifar ging … Ich bin perplex, wohin das führt.“ Es kommen dann bis zum Ende der Stunde weitere Assoziationen über die Frau des Potifar und Josef und über ihre Probleme mit der Sexualität.

Der Analysand entwickelt Widerstände WiderstandPsychoanalysePsychoanalyseWiderstandgegen die aufdeckende Behandlung (vgl. Fall 2). Widerstände sind strukturell in der Persönlichkeit verankerte Abwehrformen, die für seine Person spezifisch sein können. Die Bewusstmachung dieser Widerstände und der abgewehrten Triebansprüche in den aktuellen Triebanspruch, abgewehrterPsychoanalyseTriebansprüche, abgewehrteund den infantilen Beziehungsmustern ist eine zentrale Technik der Psychoanalyse. In der Psychoanalyse wird der Widerstand verstanden als WiderstandPsychoanalysePsychoanalyseWiderstandcharakterologisch verankerte Abwehrleistung des Patienten gegen die Aufdeckung unbewusster Konflikte und als ein Widerstand gegen Erinnern (Freud 1914). Widerstand kann in jedem psychischen Akt enthalten sein. Als psychische Symptombildung dienen die Widerstände dazu, ein innerseelisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Nach dieser Auffassung vom Widerstand ist der Analytiker quasi objektiv in der Lage, zugrunde liegende Basiskonflikte bei dem Patienten zu erkennen und ein Nichterinnern oder ein Nichtverbalisieren solcher Konflikte auf den Widerstand des Patienten gegen die Behandlung zu beziehen. Nach Freud ist das Verstehen des Widerstands und das Analysieren des Widerstands die Hauptaufgabe des Therapeuten und erfordert das, was Freud Durcharbeiten nennt.

„Dieses WiderstandDurcharbeitenDurcharbeitenWiderstandDurcharbeiten der Widerstände mag in der Praxis zu einer beschwerlichen Aufgabe für den Analysierten und zu einer Geduldsprobe für den Arzt werden. Es ist aber jenes Stück der Arbeit, welches die größte verändernde Einwirkung auf den Patienten hat und das die analytische Behandlung von einer Suggestionsbeeinflussung unterscheidet.“

Freud (1914: 136)

Widerstände äußern sich in sehr verschiedenen Formen, z. B. im AusbleibenWiderstandFormen der Einfälle, Schweigen, Zu-spät-Kommen, Heraushalten von Gefühlen, in den speziellen charakterologisch verankerten Abwehrformationen, z. B. Rationalisierung, Isolierung von Affekten, Verleugnungen, Verdrängungen, Verkehrungen ins Gegenteil, Wendungen gegen die eigene Person, Spaltungen, Projektionen, projektive Identifikationen u. a. (vgl. allgemeine psychoanalytische Krankheitslehre).

Widerstände treten dann in Erscheinung, wenn besondere Ängste vorliegen.

So kann die Angst vor Beschämung und Bloßstellung, aber auch die Angst vor Verurteilung oder Bestrafung, die Angst vor Verlassenwerden oder Trennung, die Angst vor Kränkungen oder psychischem Zusammenbruch den Patienten motivieren, Widerstände gegen bestimmte unbewusste Themen zu entwickeln, z. B. peinliche sexuelle Themen. Widerstände und Ängste äußern sich selbstverständlich in der je spezifischen Übertragungs-Gegenübertragungs-Konstellation. Widerstände sind keine „Fehler“, sondern „Schätze“. Der Analytiker erkennt an ihnen die Bedeutsamkeit eines Verhaltens im therapeutischen Prozess.

Patientengeschichte 2 (Forts.)

PsychoanalysePatientengeschichteDie Pat. kommt in einer späteren Stunde auf das Urinieren vor der Stunde zurück und auf ihren Harndrang, der etwas mit Urethralerotik zu tun hat. Die Stunde beginnt damit, dass sie sehr verschämt ist und gestern nach der Sitzung zur Toilette ging. Mit langen Schweigepausen und vielem Hin und Her äußert sie schließlich den Einfall, der ihr in der Toilette gekommen ist: „Es wäre schön, wenn Sie dabei wären.“ Sie ist so entsetzt darüber, das ausgesprochen und auch gedacht zu haben, dass sie weint und verschämt die Hände vor das Gesicht schlägt. Erst nach einiger Zeit kann sie feststellen, wie gut es tut, dass sie das aussprechen konnte, dass das früher schon einmal eine Rolle spielte, z. B. wenn sie an Berührtwerden durch mich dachte. Ich sage, das gehöre ja ebenso zur Erotik wie das Berühren. Und sofort fällt ihr eine Szene mit ihrem 4 Jahre jüngeren Bruder ein; in der Badewanne hatte sie lustvoll in das Badewasser uriniert und sich gefreut, wie sich warmes Wasser mit Urin vermischte. Sie hatte keine Ekelgefühle. Nach diesem Einfall wird der Widerstand geringer, und sie beginnt, über ihre Schamgefühle, ihre Beziehung zu ihrem Bruder und ihrem Ehemann [die Beziehung war durch ihre Anorgasmie und ihre Streitlust gestört] zu sprechen.

Übertragung, Übertragungsneurose und Arbeitsbündnis
In der Beziehung zum Psychoanalytiker, die sowohl Realaspekte wie Aspekte der Übertragung hat, sollen die innere Welt des Patienten, seine Erwartungen und unbewussten Konflikte erfahrbar werden. Gemäß dem Wiederholungszwang wird der Patient seine früheren Erfahrungen und seine Erwartungen an Beziehungen auf den Analytiker oder auf andere Personen übertragen.

Übertragungen sind unbewusste ÜbertragungDefinitionPsychoanalyseÜbertragungReaktionsbereitschaften des Menschen in Beziehungen. Übertragungsneurose heißt die ÜbertragungsneuroseWiederherstellung der infantilen NeuroseNeurosen/neurotische Störungeninfantile in der Arzt-Patient-Beziehung als eine „künstliche Neurose“ (Freud 1916/17), eine Neurosen/neurotische Störungenkünstliche„artifizielle Erkrankung“ (Freud 1914).

Freud hat den Umgang mit der künstlichen Neurose und der Übertragungsneurose sehr prägnant beschrieben:

„Es ist ausgeschlossen, dass wir den aus der Übertragung folgenden Forderungen des Patienten nachgeben, es wäre widersinnig, sie unfreundlich oder gar entrüstet abzuweisen; wir überwinden die Übertragung, indem wir dem Kranken nachweisen, dass seine Gefühle nicht aus der gegenwärtigen Situation stammen und nicht der Person des Arztes gelten, sondern dass sie wiederholen, was bei ihm bereits früher einmal vorgefallen ist. Auf solche Weise nötigen wir ihn, seine Wiederholung in Erinnerung zu verwandeln. Dann wird die Übertragung, die, ob zärtlich oder feindlich, in jedem Falle die stärkste Bedrohung der Kur zu bedeuten schien, zum besten Werkzeug derselben, mit dessen Hilfe sich die verschlossensten Fächer des Seelenlebens eröffnen lassen.“

Freud (1916/17: 461)

In der klassischen psychoanalytischen Behandlungstechnik ist also der Analytiker die Projektionsfläche der inneren Verhältnisse des Patienten, z. B. seiner Abwehrformation, seiner Über-Ich-Forderungen, seiner Triebwünsche, Über-IchForderungen (Psychoanalyse)Über-IchForderungen (Psychoanalyse)seiner Liebeswünsche Triebwünschein der Liebeswünsche, PsychoanalyseÜbertragungsliebe (Freud 1915).
Freud Übertragungsliebe, Psychoanalysestieß auf die Übertragung als zentrales Agens des psychoanalytischen Prozesses schon sehr früh bei der Behandlung der hysterischen NeurosenNeurosen/neurotische Störungenhysterische; später fasst er folgendermaßen zusammen:

„Es sind Neuauflagen, Nachbildungen von den Regungen und Fantasien, die während des Vordringens der Analyse erweckt und bewusst gemacht werden sollen, mit einer für die Gattung charakteristischen Ersetzung einer früheren Person durch die Person des Arztes … Es gibt solche Übertragungen, die sich im Inhalt von ihrem Vorbild in gar nichts bis auf die Ersetzung unterscheiden. Das sind also … einfache Neudrucke, unveränderte Neuauflagen. Andere sind kunstvoller gemacht, … indem sie sich an irgendeine geschickt verwertete reale Besonderheit an der Person oder an den Verhältnissen des Arztes anlehnen. Das sind also Neubearbeitungen, nicht mehr Neudrucke.“

Freud (1916/17: 279–280)

Diese Definition hat Freud nie revidiert. Daraus leitet sich ab, dass eine strukturelle Veränderung über die Analyse der Übertragungen und der ÜbertragungPsychoanalysePsychoanalyseÜbertragungÜbertragungsneurose möglich ist, wenn der ÜbertragungsneurosePsychoanalysePsychoanalyseÜbertragungsneuroseAnalytiker sich als „Spiegel“ verhält. Viele Analytiker haben dieses Verständnis Freuds übernommen. Greenson (1973: 41) z. B. hat nach Freud die ÜbertragungÜbertragungDefinition definiert als „ein Wiederdurchleben der Vergangenheit, ein Missverstehen der Gegenwart gemäß der Vergangenheit“. Damit werden die verschiedenen Aspekte nach dem Strukturkonzept Freuds auf den Analytiker übertragen: die Triebaspekte, die Über-Ich-Aspekte und die Abwehraspekte.
Gill (1982) charakterisiert die Übertragungen durch die „Unangemessenheit“ der vom Patienten auf den Analytiker ausgerichteten negativen oder positiven Gefühle. Sie summieren sich im Laufe des Prozesses zu einer ÜbertragungsneuroseÜbertragungsneurose, die in der Regression zu den pathologischen Fixierungen in der Ich-Entwicklung führen. Die Übertragung ist ubiquitär in verschiedenen Beziehungen wirksam (Gill 1982). Sie aktualisiert sich nicht nur in Vorstellungen und Fantasien, sondern auch im Verhalten des Patienten. So können Gefühle, motorische Handlungen, Träume, Kindheitserinnerungen, Kommentare über die Realität, schließlich jede Äußerung des Patienten einen unmittelbaren Übertragungsbezug haben. Das Vorhandensein von Übertragungen heißt noch nicht, dass der Patient darüber spricht, denn er schämt sich, seine Gefühle und Einstellungen, Gedanken und Einfälle (z. B. über die Person des Analytikers) zu äußern. Er entwickelt also einen Widerstand gegen die Wahrnehmung der Übertragung. Der Widerstand hängt mit Schamgefühlen, Verlegenheit und Demütigungen zusammen, mit „internalisierten sozialen Missbilligungen“ (Sandler und Sandler 1985). Gill (1982) unterscheidet zwei Manifestationsformen der ÜbertragungÜbertragungManifestationsformen:
  • den Widerstand gegen die WahrnehmungWiderstandgegen Wahrnehmung der Übertragungder Übertragung und

  • den Widerstand gegen die AuflösungWiderstandgegen Auflösung der Übertragungder Übertragung.

Im Widerstand gegen die Wahrnehmung der Übertragung manifestiert sich die Abwehr. Im Widerstand gegen die Auflösung der Übertragung zeigt sich die Wirkung des Wunsches.

Die Bedeutung der Arbeit an der Übertragung liegt darin, dass die in Vergessenheit geratenen und strukturbildenden libidinösen oder aggressiv besetzten Beziehungen der Vergangenheit an der Person des Analytikers wiederbelebt, affektiv aktualisiert, erkannt und geklärt, gedeutet und auch aufgelöst werden können. In der RekonstruktionRekonstruktion, PsychoanalysePsychoanalyseRekonstruktion der infantilen Szene wird dem Patienten ein Stück seiner vergessenen/verdrängten Vorgeschichte vorgeführt (Freud 1937; Lorenzer 1970; Blum 1994).

Patientengeschichte 2 (Forts.)

PsychoanalysePatientengeschichteDie Pat. hatte sich in den vorausgegangenen Stunden mit den erotischen Wünschen in der Übertragung, aber auch mit starken Schamgefühlen und mit einer Wut auf die Männer (Identifikation mit der Mutter, die vergewaltigt wurde, und ihre Wut auf den Ehemann, der sie verlassen hatte) beschäftigt. Bei der Verabschiedung aus der Stunde griff sie neben meine Hand und verletzte mich mit ihren Fingernägeln. Sie ist erschrocken, ich bin es ebenfalls. Eine Klärung ist bei der Verabschiedung nicht mehr möglich.

In der folgenden Stunde kommt sie auf diesen aggressiven Akt zurück. Sie selber kann nicht verstehen, wie er entstanden ist, hat sich aber mit dem Schreck befasst. Ich bestätige, dass ich verletzt wurde, und rege an, den Vorgang genauer anzuschauen. Sie kommt auf ihre Enttäuschung und Wut, die sie bei einer zufälligen Begegnung mit ihrem früheren Freund in der letzten Woche hatte. Sie erinnert sich an die frühere Liebesbeziehung und die Enttäuschungen. In dieses Thema der enttäuschten Liebe drängt sich ein Thema, über das sie unbedingt sprechen will. Sie hat in einer Zeitschrift einen Beitrag über die sog. „Trostfrauen“ gelesen (junge Chinesinnen und Koreanerinnen, die in ein Militärbordell gesteckt wurden, um die Japaner sexuell zu befriedigen). Die Pat. hat aus der Zeitschrift erstmals davon erfahren und ist erstaunt über das Schreckliche, das Grausame und Tödliche (die Frauen wurden „abgeschlachtet“). Jahrelang hatten die Frauen, die überlebt hatten, geschwiegen und jetzt erst darüber gesprochen. Manche der Frauen hätten geäußert, sie wollten selber Soldaten werden. Die Pat. versteht nicht, wie Männer so aggressiv, so grausam sein können. Sie kommt dann auf ihren Garten und die Pflege der Rosen zu sprechen. Ich: „Sie sehen den aggressiven Anteil der Beziehung zwischen Mann und Frau nur aufseiten der Männer und nicht der Frauen.“ Sie: „Frauen können nie so schlimm sein wie Männer. Der Artikel schildert mit großer Genauigkeit und detailliert das aggressive und perverse Verhalten der Männer.“ Ich: „Sie verspüren manchmal den Wunsch, wie manche der chinesischen Frauen ein Soldat zu sein und gegen die Männer zu kämpfen.“ Sie heftig: Nein, das wolle sie nicht. Dann stutzt sie, und es fällt ihr ein, dass sie ihre Katzen hat kastrieren lassen. Ich: Sie könne schon Hass auf die Männer empfinden, wie z. B. gegenüber ihrem früheren Freund oder ihrem Mann, der sie verlassen hat, oder auch mir gegenüber, der nicht immer so zur Verfügung stand, wie sie sich das gewünscht und den sie in der letzten Stunde verletzt habe.

Die Pat. kann sich schließlich eingestehen, dass sie auf Männer, z. B. auf ihren Freund, Wut hatte und auf ihn eingeschlagen hat. Sie beschuldigt aber die Männer, die Frauen mit Blicken auszuziehen. Sie habe Angst vor Männern. Ich: „Sie haben Angst vor Ihren erotischen Wünschen wie in den letzten Stunden.“ Sie kommt dann wieder mehr auf ihre erotischen Wünsche zu sprechen, auch auf einen Traum. Sie kann sich entspannen und angstfrei in der Stunde verabschieden. – Die Szene aus einer Stunde zeigt, dass die Wut auf die Männer, die sie liebt, entstanden durch die Identifikation mit ihrer vergewaltigten Mutter, durch enttäuschende Männer wie ihren Freund und ihren Ehemann und durch Enttäuschungen durch den Analytiker, in dieser Übertragungsszene herausgearbeitet werden konnte, wobei meine Verletzung durch ihren Fingernagel Ausgangspunkt – eine „handelnde Inszenierung“ (Janssen 1987) – ist.

Neben der Übertragung hat Freud (1912) weitsichtig schon eine weitere Ebene der Beziehung zwischen Patient und Analytiker formuliert, die er „unanstößige“ oder „milde“ Übertragungen nennt. Die unanstößige Übertragung entspricht der Übertragungunanstößigenicht spezifizierten Voraussetzung bei Patienten, sich auf eine therapeutische Beziehung einzulassen. Sie lässt sich mit einer emotionalen Verfassung vergleichen, die Erikson (1970) „Urvertrauen“ nennt oder die nach der UrvertrauenBindungsforschung (Kap. 11) mit „sicher-gebundenem Verhalten“ bezeichnet wird. Freud hat Verhaltensicher-gebundenessie in die Nähe der Suggestibilität des Menschen gerückt, da sie für ihn etwas von der Wirkung der Hypnose und der kindlichen Abhängigkeit in einer positiven Elternbeziehung hat. Insbesondere Gill (1982) greift diesen Aspekt auf und beschreibt ähnlich wie Stone (1973) die unanstößige Übertragung als eine reife Übertragung, die nicht analysiert werden soll. Sie sei notwendig, damit der Patient den Widerstand in der Analyse überwindet. Sie sei für alle Fälle förderlich für den psychoanalytischen Prozess. Die unanstößige Übertragung ist keinesfalls eine realistische Verhaltensweise des Patienten gegenüber dem Analytiker.

Patientengeschichte 3

Ein Brief einer Analysandin an mich zeigt, wie sie in der Übertragung die psychoanalytische Situation erlebt. Sie beschreibt in diesem Brief sich und mich in der dritten Person: „Diese warme, liebevolle, annehmende Atmosphäre. Einen Menschen, dem sie alles erzählen konnte und der dafür Sorge trug, dass sie sich nach und nach und mit all ihren noch verborgenen Facetten entfalten konnte. Den Mann, der sich um sie Gedanken machte und der ihr stets wohlwollend zur Seite stand. Ein Mann, von dem sie das Gefühl hatte, sie könne sich an seine Schulter anlehnen.“

Diese Analysandin suchte besonders in der Übertragung in einer Überidealisierung das liebende, versorgende und erotische Objekt.

Aus der Konzeption der unanstößigen Übertragung wird unter ich-psychologischen Aspekten später das Konzept der therapeutischen Allianz (Zetzel 1974) oder das des Therapeutische AllianzArbeitsbündnisses (Greenson 1973). Beides sindArbeitsbündnis, therapeutisches keine festen Größen der Patient-Analytiker-Beziehung; sie sind variabel und hängen von der jeweiligen Konstellation Analytiker-Analysand ab. Sie beruhen wesentlich darauf, dass eine Beziehung entsteht, die es dem Patienten ermöglicht, die therapeutische Ich-Spaltung zu vollziehen und sich mit dem Ich-Spaltung, therapeutischeanalysierenden Ich des Analytikers zu identifizieren. Diese Beziehungsebene ist daher mehr als ein reales, rationales Arbeitsbündnis. Es ist eine basale Beziehung/Übertragung, auf der jede Behandlung gründet (vgl. Deserno 1994).
Psychoanalytische Haltung und Gegenübertragung
Therapeutische HaltungPsychoanalyseIn den ersten Arbeiten zur psychoanalytischen Behandlungstechnik wurde von Freud (1915) die Abstinenz- und AnonymitätsregelPsychoanalyseAbstinenzregelPsychoanalyseAnonymitätsregelAbstinenzregel, PsychoanalyseAnonymitätsregel, Psychoanalyse im Zusammenhang mit der Analyse der ÜbertragungsliebeÜbertragungsliebe, Psychoanalyse eingeführt. Der Psychoanalytiker soll die Bedürfnisse des Patienten, die Triebwünsche (z. B. den Wunsch, berührt zu werden) enthalten, nicht erfüllen. Er soll auch nicht über sein Privatleben informieren und entsprechende Wünsche auf ihre unbewussten Motive hin analysieren. Der Kontakt zwischen Analytiker und Analysand soll auf die Behandlungsstunde beschränkt bleiben. Diese Regel dient dazu, die ÜbertragungsfantasienÜbertragungsfantasien des Patienten anwachsen zu lassen. Die Patienten erleben die Regel häufig als Quelle von Versagung. Sie können allerdings nur fruchtbar verarbeitet werden, wenn sich der Patient nicht gekränkt fühlt und die Wünsche des Patienten vom Analytiker nicht ablehnend und bewertend zurückgewiesen werden. Auch für den Analytiker besteht Abstinenz, d. h., er soll die Befriedigung eigener Wünsche in der Übertragung vermeiden (vgl. Cremerius 1984; Körner und Rosin 1985).

Patientengeschichte 3 (Forts.)

Assoziationen einer Analysandin zur Person des Analytikers: „Ich möchte gern wissen, wie Sie aufgewachsen sind, was Ihre Vorlieben sind. Ich möchte gern wissen, wie Sie zu Ihren Kindern stehen. Wie viele Kinder Sie haben, habe ich schon herauszubekommen … Ich möchte wissen, ob Sie schon mehrmals verheiratet waren. Manches kenne ich aus dem Internet. Die Seite über Ihre Biografie aber ist gesperrt usw. Irgendwann müssen Sie mir alles erzählen, wie Sie gelebt haben und leben, welche Vorstellungen Sie haben.“

Die Patienten versuchen immer wieder, die AnonymitätsregelPsychoanalyseAnonymitätsregelAnonymitätsregel, Psychoanalyse zu umgehen. In manchen Situationen ist es sicher förderlich, dem Patienten Antworten zu geben, in anderen hingegen die Fragen als Einfälle zu verstehen und sie in die Interpretationen einzubeziehen. Eine Orientierung gibt Anna Freud (1936), die vorschlug, der Analytiker solle einen optimalen Abstand zum Ich, Es und Über-Ich des Patienten aufrechterhalten. Daraus ist in der amerikanischen Psychoanalyse der Begriff der technischen NeutralitätPsychoanalytikertechnische NeutralitätNeutralitättechnische entstanden, der die Abstinenz- und Anonymitätsregel umfasst, aber auch weitere Aspekte der analytischen Haltung wie grundsätzliche Offenheit gegenüber dem Material, keine Auswahl zu treffen, sich flexibel auf die Interaktion einzustellen und nicht am eigenen Konzept festzuhalten. Besonders hervorzuheben ist, dass der Analytiker sich nicht zu Stellungnahmen gegenüber dem Patienten hinsichtlich seiner Person, aber auch in Bezug auf Werte und Urteile verleiten lassen soll (Kernberg 1999). Neuere Konzepte zur AbstinenzPsychoanalyseAbstinenzregelAbstinenzregel, Psychoanalyse betonen das Bemühen des Analytikers, sich im Rahmen der Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehung einstellende emotionale Verwicklungen mit dem Patienten immer wieder bewusst zu reflektieren und so ein unbewusstes Agieren des Analytikers zu vermeiden.

„Die abstinente Haltung des Analytikers beruht … im Wesentlichen auf dessen Fähigkeit, sich in seine Patienten einzufühlen, ohne dabei in unreflektierte Austauschprozesse mit ihnen zu geraten, bzw. auf der Fähigkeit, solche Verwicklungen zu spüren, zu reflektieren und immer wieder an ihrer Auflösung zu arbeiten.“

Bauriedl (1997: 35)

Die Wahrnehmungseinstellung des Psychoanalytikers ist die der teilnehmenden BeobachtungPsychoanalytikerWahrnehmungseinstellung bzw. der „gleichschwebenden BeobachtungteilnehmendeAufmerksamkeit“. Freud (1923: 215) verstand unterAufmerksamkeitgleichschwebende gleichschwebender Aufmerksamkeit:

„Sich seiner eigenen unbewussten Geistestätigkeit überlassen, Nachdenken und Bildung unbewusster Erwartungen möglichst vermeiden, nichts von dem Gehörten sich bewusst im Gedächtnis fixieren wollen und solcherart das Unbewusste des Patienten mit seinem eigenen Unbewussten auffangen.“

Es ist ein Verstehensprozess, in dem EmpathieEmpathie für die Lebenssituation des PsychoanalytikerEmpathiePatienten und Identifikation mit ihm eine Rolle spielen (Loch 1965).
Unter dem Einfluss des interaktionellen Verständnisses von Übertragung und Gegenübertragung entwickelt sich in den letzten Jahrzehnten ein neueres Verständnis von Freuds Standardverfahren. Im deutschsprachigen Raum formulierten z. B. Argelander (1968, 1970, 1974)Argelander 1968Argelander 1970Argelander 1974 und Lorenzer (1970, 1983)Lorenzer 1970Lorenzer 1983 das Konzept des „szenischen Verstehens“ (vgl. auch Drews 2000Psychoanalyseszenisches Konzept). Verstehen, szenischesSzenisches VerstehenUnbewusste Bedeutungen liegen nicht allein in verbalen, sondern auch in situativen Informationen. Aus der situativen Information kann der Analytiker die in der Interaktion entstandenen unbewussten Fantasien des Patienten herausarbeiten. Die unbewussten Konfliktsituationen aus der Vergangenheit werden in der neuen Situation der Analytiker-Patient-Beziehung angepasst und schaffen neue Psychoanalytiker-Patient-Beziehung, HandlungsdialogBeziehungssituationen. Was sich in der Szene manifestiert, ist nicht ein einzelnes infantiles Ereignis, sondern eine Konfiguration von infantilen Ereignissen. Durch die Übertragung wird der Analytiker zum Teilhaber der Lebenspraxis des Patienten, was ihm die Möglichkeit verschafft, Zugang zu dessen verschütteter Innenwelt einschließlich der infantilen Szene zu gewinnen. In der Übertragungsszene ist er nicht nur Teilhaber, sondern zugleich auch Mitspieler. Das szenische Konzept umfasst nicht nur die Sprache, sondern auch das Handeln, sodass man mit Klüwer (1983, 2006)Klüwer 1983Klüwer 2006 auch von einem Handlungsdialog zwischen Patient und Analytiker sprechen kann (s. Fallbeispiel 1). Reden Argelander und Lorenzer von der Szene, die das Ich in der analytischen Situation erschafft, sprechen amerikanische Psychoanalytiker (vgl. Gabbard 1999) von solchen Szenen als Enactments, die sowohl der Analysand als auchEnactmentPsychoanalyse der Analytiker erschaffen können. Ich habe dies in der stationären psychoanalytischen Therapie unter den Begriff „handelnde Inszenierung“ PsychoanalyseInszenierung, handelndegefasst (Janssen 1987).
GegenübertragungGegenübertragung ist nach Freud (1910) noch etwas Störendes, eine unbewusste Reaktion des Therapeuten auf den Patienten. Dieses „monadische“ Konzept der Übertragung (Balint 1970) ist für viele Analytiker heutzutage obsolet, da dadurch dem Einfluss der Person des Analytikers zu wenig Beachtung geschenkt wird (vgl. Thomä und Kächele 2006). Zunehmend bekam ein neues Konzept von Gegenübertragung Bedeutung. Die Arbeiten von Heimann (1960) und Racker (1959) gaben den Anstoß dazu, die Gegenübertragung als konkordante oder komplementäre Spiegelung der Übertragung des Patienten zu konzeptualisieren. Die konkordante GegenübertragungGegenübertragungkonkordante setzt ein empathisches Band zwischen Analytiker und Patient voraus. Der Analytiker kann sich mit einer Selbstrepräsentanz des Patienten identifizieren. Eine komplementäre Gegenübertragung setzt die Identifizierung des Analytikers mit einer verleugneten inneren Objektrepräsentanz des Patienten voraus. Heute befassen sich Psychoanalytiker mehr als Freud mit der Wirkung der Persönlichkeit des Analytikers auf den Patienten.
Die amerikanischen ich-psychologisch orientierten Psychoanalytiker entwickelten mit dem Enactment-Konzept (vgl. Gabbard 1999) eine neue methodische Position. Enactment in der Gegenübertragung,EnactmentPsychoanalyse auch Gegenübertragungsinszenierung genannt, ist ein Beispiel für das GegenübertragungsinszenierungenIneinandergreifen von Übertragungs- und Gegenübertragungsmomenten. Danach wirkt sich die Übertragung auf die Haltung des Analytikers aus und beeinflusst das interpersonale Feld zwischen Patient und Analytiker.
Aktualisierte Übertragungen führen zu ÜbertragungaktualisierteGegenübertragungsreaktionenGegenübertragungsreaktionen, die auch im Handeln ihren Ausdruck finden, z. B. Schweigen, bestimmte invasive Interpretationen, Körperhaltung, Änderung des Settings usw. Während das KonzeptKörperhaltung, Gegenübertragungsreaktionen der projektiven Identifizierung (Kap. 33.3) den Analytiker als Container begreift, sieht das Enactment-Konzept den Analytiker als handelnde Person. Individuelle Unterschiede der Analytiker führen zu unterschiedlichen Gegenübertragungsinszenierungen. Der Analysand ruft bestimmte Reaktionen beim GegenübertragungsinszenierungenAnalytiker wach, die inneren Selbst- und Objektrepräsentanzen des Analytikers selber machen die endgültigen Gegenübertragungsreaktionen aus.

Heute versteht man unter Gegenübertragung alle affektiven Regungen, Einfälle, Vorstellungen, Handlungen des Analytikers mit Bezug auf den Patienten und nicht nur auf die Übertragung, sondern auf die gesamte Person.

Dieser interaktionelle Gesichtspunkt bestimmt heute das Verständnis des psychoanalytischenPsychoanalyseinteraktionelles Geschehen Prozesses. Entscheidend ist die Einsicht, dass Übertragung und Gegenübertragung eine Einheit sind und zwischen Patient und Analytiker auch eine unbewusste Kommunikation stattfindet (vgl. Racker 1959; Gill 1982; König 1991; Körner 1990; Ermann 1996; Mitchell 2003; Thomä und Kächele 2006). Der Analytiker ist auch ein „neues Objekt“ (Treurniet 1995) und nicht nur Psychoanalytikerals neues ObjektÜbertragungsobjekt. Nicht alles, was der Patient am Analytiker wahrnimmt, ist Spiegelung, sondern er hat auch realistische Wahrnehmungen vom Analytiker. Die realistischen WahrnehmungenPsychoanalyserealistische Wahrnehmungen verbinden sich mit den Übertragungen oder sind Auslöser von Übertragungen. Es gibt also eine real wahrgenommene und eine durch die Übertragung verzerrte Interpersonalität, sodass in jeder psychoanalytischen Situation zwischen Realität und Übertragungs-/Gegenübertragungskonstellation unterschieden werden muss (s. auch Thomä und Kächele 2006; Thomä 1999).
Nach bisherigem Verständnis sind die Selbst- und Objektbeziehungsmodelle, die in der Übertragung aktualisiert werden, generalisierte Muster, die in unserem prozeduralen Gedächtnis oder im autobiografischen Gedächtnis gespeichert wurden und reaktiviert werden. Die Erinnerung ist zwar ein Epiphänomen in einer aktuellen interpersonalen Beziehung, aber dennoch eine psychische Realität, die zu verstehen und in Bezug zum Aktuellen zu setzen für das Ziel der Psychoanalyse, die Verbesserung der Selbstreflexion, förderlich ist. Einen wesentlichen Fortschritt des Verständnisses vom psychoanalytischen Prozess brachte die Rollenübernahme- und die Enactment-Theorie im Hinblick darauf, dass der Gegenübertragung und der Person des Analytikers im interaktionellen Geschehen die Bedeutung gegeben wird, die sie haben.

Patientengeschichte 4

Die 35-jährige Pat. war wegen einer mittelschweren Depression mit Bestrafungs- und Schlagefantasien in Psychoanalyse, aus der eine Episode des psychoanalytischen Prozesses geschildert werden soll.

Sie hatte mich in der ersten Stunde nach einer Urlaubspause ärgerlich angegriffen. Nach ihrem Eindruck hatte ich sie bei ihrem Vorhaben einer beruflichen Veränderung nicht hinreichend unterstützt. Dann erzählte sie von einem Psychoanalytikerpaar, das sie im Urlaub kennengelernt hatte. „Wie die miteinander umgingen, ist ja auch nicht das Richtige. Die sind viel zu distanziert gewesen.“ Es ist ihr selbst sofort klar, dass sie über unsere analytische Beziehung, über die Neutralität und die Distanz spricht. Sie möchte, dass ich mich für sie einsetze und mit ihr in einer „normalen Beziehung“ umgehe. Diese und andere Äußerungen über ihre Enttäuschungen an dem von ihr fantasierten idealen analytischen Paar sind uns aus der Analyse schon vertraut.

Die nächste Stunde sagt sie telefonisch mit der Begründung ab, sie müsse zur Beerdigung einer Freundin fahren. Es wird in der darauffolgenden Stunde klar, was passiert ist. Die Freundin ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie ist in voller Fahrt frontal gegen einen Lastwagen gefahren. Sie war sofort tot. Ich bin betroffen über diese aggressive Szene und denke an einen Suizid. Sie erzählt über ihre Freundin und über ihre frühere Zusammenarbeit. Sie haben viele Feste zusammen gefeiert. Ihre Freundin war eine Frau voller Leben, immer diskussions- und streitsüchtig, immer bereit, sich auf sexuelle Abenteuer einzulassen. Diese Freundin habe ihren Mann verlassen und wollte ein ganz neues Leben anfangen. Sie geht schnell über diese Inhalte hinweg. Sie hat die Vorstellung, das muss ein Unfall gewesen sein und kein Selbstmord. Selbstmord passt einfach nicht zu dieser Freundin. Ich bringe die Geschichte mit ihrer Freundin mit den Äußerungen und ihrem Misstrauen mir gegenüber in Verbindung, mit den Enttäuschungen und den Angriffen auf das analytische Paar, das sie sich in der Übertragungsbeziehung so sehr wünscht. Aber die Enttäuschung darf nicht wahrgenommen werden, ebenso wenig wie die Aggression am Beispiel des möglichen Selbstmords. Dass sich ihr Widerstand gegen die Wahrnehmung der negativen Aspekte der Übertragung richtet, zeigt sich auch an einer anderen Szene in den Stunden. Sie nimmt in meinem Zimmer das Bild meiner Tochter auf dem Schreibtisch wahr. Das Bild ist aber durch Akten verstellt. Der tatsächlich realistisch wahrgenommene Aspekt ist, dass ich vor lauter Arbeit das Bild der Tochter nicht wahrnehme. Sie sieht sich so ähnlich wie das Bild: Ich nehme ihre Wünsche nicht wahr.

In diesem Beispiel verbinden sich Übertragungsaspekt und realistische WahrnehmungenPsychoanalyserealistische Wahrnehmungen. Die erotischen und freundlichen positiven Gefühle sind jedoch nach wie vor stark. Sie sagt z. B., dass sie nach der letzten Stunde mit einem guten Gefühl weggegangen sei. Sie fühlt sich erleichtert, steigert sich in ein „erhabenes Gefühl“ von einer wunderbaren Beziehung zu mir. Aus diesen Einfällen, den realen Wahrnehmungen im Behandlungsraum, ihren Vorstellungen über unsere Beziehung, dem außeranalytischen Erlebnis (Tod der Freundin) und ihrer Beziehung zu dieser Freundin ergibt sich ein Widerstand gegen die negativen Übertragungsaspekte. Die Bewusstmachung des Widerstands in der Übertragung sieht in der Deutung der Gesamtszene folgendermaßen aus: „Die negativen und misstrauischen Gefühle, die gestern in der Beziehung aufkamen und sich gegen mich, gegen das Analytikerpaar und gegen die Analyse wandten, dürfen Sie nicht wahrnehmen.“ Sie daraufhin: „Es ist ja auch schöner, wenn ich mich gut verstanden fühle und so erotische Gefühle habe und mir eine gute Welt herstelle.“

Aus den interaktionellen GesichtspunktenPsychoanalyseinteraktionelles Geschehen ergibt sich eine neue Definition der Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse: ÜbertragungÜbertragungDefinition ist zum einen die spontane Aktualisierung früher Beziehungserfahrungen in den Interaktionen mit Therapeuten oder anderen Bezugspersonen. Übertragung ist aber nicht nur verzerrte Wiederholung der Vergangenheit in der Gegenwart, sondern andererseits das Ergebnis bewusster und unbewusster Erfahrungen in den Beziehungen zum Psychoanalytiker und damit ein Amalgam zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Aber sie ist auch nicht allein Ergebnis einer Interaktion, sondern partiell Externalisierung der Innenwelt des Patienten.

Das objektbeziehungstheoretische Verständnis des psychoanalytischen Prozesses

Freuds Verständnis des psychoanalytischen Prozesses und insbesondere der Übertragung und Gegenübertragung ist nicht das einzige, das sich in der pluralistischen Gemeinschaft der Psychoanalytiker entwickelte. Zum einen ist das Verständnis geprägt von der Person des jeweiligen Analytikers und seiner Erfahrungen in der Lehranalyse, zum anderen durch seine Erfahrungen in der jeweiligen Praxis oder mit der angewandten Technik. Stand bei Freud z. B. ganz die Sprache und damit die freie Assoziation im Vordergrund, so ist es bei Melanie KleinKleinianische PsychoanalysePsychoanalysekleinianische (1932) in der KinderanalyseKinderanalyse die SpieltechnikSpieltechnik.
Die gespielte Fantasie ist eine zu zweit erzählte Fantasie. FantasiengespielteÜbertragungÜbertragungkleinianische Auffassung ist damit nicht nur das „Unangemessene“, sondern Übertragung ist das, was sich unmittelbar zwischen Analysand und Analytiker als Objektbeziehung aktualisiertPsychoanalyseobjektbeziehungstheoretisches Verständnis, wie in einer Spielszene. Objektbeziehung(en)Übertragen wird die Gesamtsituation (Emotionen, Abwehrmechanismen, Objektbeziehungen).
Bion (1990) hat die kleinianische Auffassung von Übertragung prägnant herausgearbeitet. Übertragung ereignet sich immer dann aktuell, wenn ein Bewusstsein von der Gegenwart eines Objekts vorhanden ist. Die Begegnung mit dem Anderen (dem Objekt), z. B. der Mutter oder Teilen der Mutter, prägt vom Lebensbeginn an die Interaktion, ebenso wie die Begegnung mit dem Analytiker von Anfang an bestimmt wird durch die unbewussten Fantasien, die zur Sprache gebracht (gedeutet) werden müssen. Da Kinder und psychotische Erwachsene nicht die Fähigkeit zur sprachlichen Symbolisierung haben, müsse der Analytiker die verbale Symbolisierung in Deutungen, z. B. der Allmachtsfantasien oder Neidgefühle, übernehmen. Der Patient „lernt“ die Sprache des Analytikers. Nach kleinianischer Auffassung (vgl. Frank und Weiß 2002) ist für schwer (z. B. psychotisch oder narzisstisch) gestörte Patienten der Umgang mit der Idealisierung des Analytikers und mit den Projektionen auf den Analytiker nur schwer möglich, sodass die Angst vor dem Getrenntsein vom Analytiker nur durch die Arbeit in der Übertragung überwunden werden kann. Eindrucksvoll wurden solche Übertragungsprozesse bei psychotisch Kranken z. B. von Rosenfeld (1981) sowie Jackson und Williams (2007) beschrieben.
Melanie Klein formulierte schon 1946 mit der projektiven Identifikation ein zentrales Konzept der Projektive IdentifikationIdentifikationprojektivekleinianischen PsychoanalyseKleinianische Psychoanalyseprojektive Identifizierung: Schlechte Anteile des Ichs werden ausgestoßen und in das Objekt verlegt; dadurch werden diese schlechten Anteile kontrolliert. Nach Klein werden die projizierten Inhalte eher in das Selbst des Objekts hinein als auf das Objekt projiziert. In diesen projektiven Prozessen wird die Zeitlichkeit (Vergangenheit und Gegenwart) aufgehoben, sodass die unbewussten Übertragungs- und Gegenübertragungsfantasien einen ahistorischen Charakter bekommen und sich im Hier und Jetzt ereignen (Segal 1964).
Das Konzept der projektiven Identifizierung wurde vor allem von Bion (1990, 1992)Bion 1990Bion 1992 aufgegriffen und zu einer Behandlungstheorie weiterentwickelt. Die projektive Identifizierung charakterisiert nicht nur die basale Form der Kommunikation zwischen Mutter und Säugling, sondern ist auch eine elementare Kommunikation im späteren Leben zwischen zwei Personen, so zwischen Patient und Analytiker, aber auch zwischen und innerhalb von Teilnehmern in einer Gruppenanalyse (Kap. 33.7). Bion unterscheidet eine normale und eine pathologische projektive Identifizierung. Die projizierten Selbstanteile können „gut“ oder „böse“ sein; allerdings beschäftigen sich die kleinianischen Psychoanalytiker mehr mit den negativen projizierten Selbstanteilen. Die emotionale Beeinflussung des Analytikers durch die Projektion des Patienten ist der zentrale Bestandteil im psychoanalytischen Geschehen. Projektive IdentifikationContainmentIm optimalen Fall gelingt es, die Reaktion auf die Projektion des Patienten zu verarbeiten. Dazu entwickelte Bion die Theorie des Verhältnisses von Container und Contained. Der Container ist die zur Aufnahme Containmentkleinianische Psychoanalysefähige PsycheKleinianische PsychoanalyseContainment des Objekts (z. B. des Analytikers), welche die Inhalte, die in sie hineinprojiziert werden, bewahren („containen“) kann. Durch das Containment werden die Inhalte transformiert. Der Analytiker nimmt sie also auf und verändert sie so, dass sie auch wieder reinternalisiert werden können. Damit hat die projektive Identifikation einen interpersonalen, intersubjektiven Aspekt jenseits der Projektion von unbewussten Fantasien.
Bions Konzept wurde von Ogden (1988), der sich mehr zu den Intersubjektivisten rechnet, weiter ausgearbeitet. Er beschreibt drei Aspekte der projektiven Identifikation: Projektive IdentifikationAspekte
  • 1.

    Ein Aspekt des SelbstSelbstintersubjektive Modelle wird unbewusst auf eine andere Person verlagert (projiziert).

  • 2.

    Der Projizierende übt über interpersonelle Interaktionen Druck aus, um die Person zu zwingen, sich mit dem Projizierten zu identifizieren und entsprechend zu erleben und zu verhalten.

  • 3.

    Der Empfänger der Projektion soll in der therapeutischen Situation diesen Druck aushalten und die projizierten Inhalte verändert wiedergeben, so dass sie auch reintrojiziert werden können.

Projektive Identifikation in diesem Sinne ist nach Ogden ein Prozess, der sich in der Beziehung zwischen Analytiker und Patient ereignet, in einer Beziehung, in der sie zugleich getrennt und doch eins sind. Die Gefühle, die der Patient beim Analytiker auslöst, sind also Gefühle, die der Patient schwer ertragen kann. Projektive Identifizierung ist nach Ogden ein universeller Aspekt der Externalisation einer inneren Objektbeziehung, also ein Aspekt der ÜbertragungÜbertragungprojektive Identifizierung.

Patientengeschichte 5

Die 30-jährige Pat. kommt zu mir wegen eines Frau-zu-Mann-TranssexualismusTranssexualismusPsychoanalyse. Sie möchte eine Psychotherapie fortsetzen, die sie in der Gruppe begonnen hatte. Die geschlechtsumwandelnde Operation wird von ihr zwar erwähnt, aber sie steht einem solchen Vorhaben in den ersten drei Gesprächen sehr unsicher und abwartend gegenüber. In den Sitzungen ließ sich ein guter positiver Kontakt herstellen. Kurz vor der Aufnahme der Behandlung stellte sie folgende Szene her: Sie schrieb mir einen Brief, in dem sie klar feststellte, dass sie bei mir in Behandlung sei und nun das Ziel der Behandlung, nämlich die geschlechtsumwandelnde Operation, nicht länger hinauszögern wolle.

Sie wolle mich zum Gutachter benennen. Ich schrieb ihr daraufhin, wir könnten alles zu Beginn der Behandlung weiter besprechen. Ich hatte noch die offene, freundliche und nahe Atmosphäre der ersten Sitzungen in Erinnerung und war über diesen Brief überrascht. Wahrscheinlich hatte ich ihre Trennungsintoleranz und die Bedeutung der Wartezeit von 3 Monaten unterschätzt. In den ersten Behandlungsstunden machte sie mir deutlich, wie stark sie das Gefühl hatte, dass ich sie verstand, dass sie mit ihren Wünschen bei mir „landen“ konnte. Jahrelang hatte sie in einem „luftleeren Raum“ gelebt, in einem „Loch“, und nun war sie herausgekommen und hatte ihren Weg gefunden.

Mir schien, dass sich in den ersten Sitzungen eine projektive IdentifikationÜbertragungprojektive Identifizierung manifestiert hatte. Durch mein wohlwollendes Auf-sie-Eingehen hatte sie ihren Selbstaspekt in mich hineinprojiziert. Sie empfand mich als ein sich anpassendes, zur Verfügung stehendes Objekt, gleichsam als eine Substanz, die ihr gespaltenes Selbst kitten konnte. Darum wurde ihr der Wunsch auch selbstverständlich, dass ich ebenso wie sie die geschlechtsumwandelnde Operation wünsche. Ich habe gedeutet: „Sie haben Ihren Wunsch bei mir gut aufgehoben gefunden und sind ganz sicher geworden, dass ich ihn erfüllen werde.“ Mein Problem in der komplementären Gegenübertragung war, dass ich ihr einen selbstdestruktiven Wunsch erfüllen sollte, was für mich einen unüberwindlichen Angriff auf meine Identität bedeutete. Ich hatte sie im Gegensatz zu ihrer Mutter, die ihre Weiblichkeit ablehnte, als junge Frau akzeptiert. Bei dieser Pat. war die Ich-Stärke so hinreichend, dass sie zumindest mein Abwarten und Offenhalten akzeptieren konnte. Später sagte sie, das Offenhalten und das Nicht-Stellung-Nehmen hätten sie in einen schrecklichen Zustand gestürzt, den ich als psychotischen Konfusionszustand verstand.

Der Begriff der projektiven Identifizierung ist nach dem der Verdrängung seit Jahren Projektive IdentifikationIdentifikationprojektiveeiner der zentralen Begriffe der Psychoanalyse (vgl. Frank und Weiß 2007). Eine Auffassung ist die von Bion und Ogden, eine andere die von Kernberg (1975). Bei Kernberg ist die projektive Identifikation eine Abwehrform, in der die empathischen Verbindungen mit dem projizierten Inhalt auf den Analytiker erhalten bleiben und der Versuch unternommen wird, den Analytiker im Dienste der Abwehr zu kontrollieren. Sandler (1976) hat für diesen Prozess das Konzept der Bereitschaft zur Rollenübernahme bzw. der Rollenspielbereitschaft formuliertPsychoanalyseRollenübernahmebereitschaftProjektive IdentifikationRollenspielbereitschaft: Der Patient aktualisiert in der Übertragung unbewusst eine internalisierte Objektbeziehung, in welcher der Analytiker eine aus der intrapsychischen Welt des Patienten abgeleitete Rolle erhält. Der Analytiker muss bereit sein, diese Rolle bewusst anzunehmen, um die Übertragungs-Gegenübertragungs-Konstellation erkennen und deuten zu können.
In Deutschland wurde insbesondere auch die Objektbeziehungstheorie von Winnicott (1960a, b, 1962, 1971)Winnicott 1960aWinnicott 1960bWinnicott 1962Winnicott 1971 und von Balint (1970) Objektbeziehungstheorierezipiert. Winnicott beschreibt die fördernde therapeutische Haltung als Bemutterung in Form von „holding, handling, object presenting“. Dem Patienten wird ermöglicht, vom Analytiker einen fördernden Gebrauch zu machen. Balint hat dies mit der „Heilkraft der Objektbeziehung“ beschrieben. So wurde Erfahrungsvermittlung Objektbeziehung(en)Heilkraftstatt Einsicht konstitutiv für den analytischen Prozess (vgl. Cremerius 1979). Loch (1965a, b, 1974, 1975)Loch 1965aLoch 1965bLoch 1974Loch 1975 hat eine eigenständige Synthese von Balints Ansätzen und der klassischen Psychoanalyse gefunden. GegenübertragungGegenübertragungRollenübernahmebereitschaft ist eine Vorbedingung aller Verstehensprozesse und geht also der Übertragung voraus. Der Analytiker müsse eine Tendenz zur Übernahme der Pflegerolle haben, damit Entwicklung möglich ist. Er muss ein tragendes mütterliches Objekt werden, primäre Mütterlichkeit vermitteln können. Fürstenau (1977a, b) will ebenso durch die Verschränkung von Einsicht und Erfahrungsvermittlung im analytischen Prozess die Ich-Integrität des Patienten im therapeutisch-analytischen Prozess erhalten. Der Analytiker soll eine „dosierte, stellvertretende Ausübung derjenigen Ich-Funktionen, die jeweils nicht, nicht genügend oder nicht angemessen vom Patienten ausgeübt werden“,übernehmen, um den Zusammenbruch der Ich-Integrität zu vermeiden (Fürstenau 1977b). Solche und andere neueren Konzepte aus der Objektbeziehungstheorie sind auch für die psychoanalytische Behandlung psychosomatischer Störungen von Bedeutung geworden (z. B. Schöttler 1981; Plassmann 1993; Ermann 2007).

Das selbstpsychologische Verständnis des psychoanalytischen Prozesses

Psychoanalyseselbstpsychologisches VerständnisAusgehend von Freuds Narzissmustheorie (libidinöse Besetzung des Ichs) entwickelte Kohut (1973) die SelbstpsychologieSelbstpsychologie, zunächst nur für die Behandlung narzisstischerNarzisstische PersönlichkeitsstörungSelbstentwicklung/-psychologie Störungen. Sie führte nicht nur zu einer Erweiterung der psychoanalytischen Theorie, sondern auch zu einer Behandlungstechnik.
Kohut definiert die Selbstentwicklung als unabhängig von der Ich- und der Triebentwicklung. Im affektiven Dialog zwischen Mutter und Säugling entstünden die ersten Selbstvorstellungen über verschiedene Sinneseindrücke (z. B. Haut, Mund, Augen oder Ohren). Sie verbinden sich zu einem Selbstkern, der Grundlage des Selbstwertgefühls ist. Solange das Kind unreif ist, wird es vom mütterlichen Objekt als SelbstobjektSelbstobjekt und von dessen Spiegelung und Bedürfnisbefriedigung abhängig sein. In der Behandlung der narzisstischen Störungen soll der Analytiker Selbstobjektfunktionen (z. B. eine emotionale Resonanz, Bestätigung, Beruhigung, Reizschutz) übernehmen, um die Defizite in der Selbstentwicklung auszugleichen. Über ein empathisches SpiegelnÜbertragungempathisches Spiegeln (SpiegelübertragungSpiegelübertragung) sollen die fehlenden Selbstobjektfunktionen ersetzt und übermäßige Frustrationen vermieden werden. Die idealisierende Übertragung, in der sich das grandiose Selbst im Analytiker spiegelt, ist Voraussetzung für einen psychoanalytischen Prozesses und soll nicht gedeutet werden.
Dieses Konzept des Selbstobjekts und die daraus abgeleitete Bedeutung der empathischen Beziehung des Psychoanalytikers zum Patienten als Wirkfaktor hat eine neue psychoanalytisch begründete Psychotherapierichtung ins Leben gerufen, die vor allem die Selbstentwicklung in den Vordergrund stellte. Diese Richtung wurde durch die neuere Säuglings- und Kleinkindforschung bestärkt (z. B. Lichtenberg und Kutter 1989). Wenn der Therapeut sog. Modellszenen, in denen zentrale Motivationen und Erfahrungen von Patienten sichtbar werden, erfasst, werden sie auch für den Patienten verstehbar und regulierbar.

Die Rolle des Selbstobjekts ist unter dem Gesichtspunkt der neueren entwicklungspsychologischen Untersuchungen die zentrale Basis aller therapeutischen Interventionen, wobei in der Therapie eine Atmosphäre der Empathie und des Vertrauens entstehen und dadurch das Selbst stabilisiert werden kann, was Kohut die Selbstkohärenz nennt.

SelbstkohärenzSelbstkohärenz bezeichnet die Fähigkeit, eine integrierte Vorstellung von sich selbst aufrechtzuerhalten. Das Gegenteil dazu ist die Fragmentierung, d. h. die Auflösung des Selbst in einzelne nicht mehr miteinander verbundene Teile, was zum Verlust des Selbstwertgefühls führt. In der Behandlung stehen also nicht so sehr die Neutralität und die Abstinenz im Vordergrund, sondern der Therapeut reagiert emotional. Selbstpsychologen sprechen von „optimaler Responsivität“ (Milch 2001) und von empathischer Begleitung bei dosierter Frustration. Es sind also insbesondere Erfahrungsaspekte der Beziehungskonstellation, die zu einer „Selbst-Heilung und Nachreifung“ führen.

Relationales bzw. intersubjektives Verständnis des psychoanalytischen Prozesses

Radikaler veränderte sich die Auffassung von Übertragungs- und PsychoanalyseIntersubjektivitätstheorieGegenübertragungsprozessen in der relationalen oder intersubjektiven Perspektive der PsychoanalyseÜbertragungrelationale oder intersubjektive PerspektiveGegenübertragungrelationale oder intersubjektive Perspektive. Schon früh haben z. B. Sullivan (1980) und Fairbairn (2001) ihre Enttäuschung über den rein intrapsychischen Ansatz der Psychoanalyse ausgedrückt (nach Fonagy und Target 2006). Sie bemängelten, dass das zentrale Merkmal menschlichen Verhaltens, die Objektsuche, zu wenig in den klassischen Psychoanalysen Beachtung finde; daher haben sie ihre Theorie objektal orientiert. Während Fairbairn mehr in Richtung der kleinianischen Schule tendiert, schuf Sullivan mit der interpersonalen Psychiatrie eine eigene Schule. Erst in den 1980er-Jahren wurde der interpersonale Ansatz wieder in der Psychoanalyse aufgegriffen, und zwar als Greenberg und Mitchell (1983) ihren Überblick über die Objektbeziehungstheorien herausgaben. Sehr bald entwickelte sich eine Gruppe von „Intersubjektivisten“ Intersubjektivistenwie Renik, Odgen, Hoffman, Benjamin, Chodorow, Greenberg u. a. (nach Fonagy und Target 2006). Das Gemeinsame des interpersonalen, relationalen, intersubjektiven Ansatzes ist:

„Interpersonalisten ersetzen das Konzept einer objektiven Wahrheit durch die Subjektivität, sie ersetzen das Intrapsychische durch das Intersubjektive, die Fantasie (Poetik) weicht der Pragmatik (Beschreibung von Erfahrungen oder Vorgängen), statt des Inhalts analytischer Deutungen wird die Beobachtung des analytischen Prozesses besonders gewichtet, und die Begriffe Wahrheit und Verzerrung durch einen Perspektivismus ersetzt, die Suche nach ‚starken‘ Theorien verliert gegenüber dem Versuch, theoretische Einseitigkeiten zu vermeiden, an Bedeutung, und statt der ‚Gegenübertragung als Gefühl‘ wird die ‚Gegenübertragung als Agieren‘ untersucht“.

Fonagy und Target 2006: 280

Die in der psychosomatischen Medizin (Kap. 1) wie in der Psychoanalyse rezipierten konstruktivistischen Erkenntnistheorien verstärken solche grundsätzlich intersubjektiven Positionen (vgl. Brodbeck 1993). Nach diesen Positionen sind die Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse eine gemeinsame schöpferische Konstruktion von Analytiker und Patient innerhalb der analytischen Beziehung. Nach den intersubjektiven Theorien der Psychoanalyse (z. B. Eagle 1988; Greenberg und Mitchell 1983; Mitchell 2003, 2005Mitchell 2003Mitchell 2005; Modell 1990; Renik 1993, 1999Renik 1993Renik 1999; Bauriedl 1994; Ferro 2003; Altmeyer 2003) ist nicht das Subjekt (der Patient) das Objekt des erkennenden Analytikers, sondern es ist eine Begegnung zweier Subjekte. Patient und Analytiker sind „Koautoren des analytischen Prozesses und der schöpferischen Konstruktion von Bedeutungen, die relativ multipel und nicht abschließend festzulegen sind“(Bohleber 1999: 816). Fonagy und Target (2006) beschreiben die Veränderungen, welche die intersubjektiven Perspektiven für die Psychoanalyse bringen, dahingehend, dass der Psychoanalytiker nicht Beobachter, sondern Teilnehmer an einer gemeinsamen Aktivität, der Psychoanalyse, ist. Die GegenübertragungPsychoanalyseIntersubjektivitätstheorie führt zum Agieren, statt Neutralität ist Authentizität erforderlich und eine zeitweise „Selbstenthüllung“ (PsychoanalytikerSelbstenthüllungRenik 1999) des Analytikers. Ich las auch die Formulierung, dass das „alte Paradigma“ von Übertragung und Gegenübertragung ersetzt werde durch die Begegnung im intersubjektiven Feld. Solche Formulierungen sind meiner Ansicht nach ein Bruch mit der klassischen Psychoanalyse; sie verliert dadurch an psychotherapeutischem Bezug.
Die Psychoanalyse, ausgehend von den naturwissenschaftlichen Positionierungen Freuds, wird durch diese Positionierung mehr zu einer hermeneutischen Wissenschaft. Narrative Konstruktionen des SelbstSelbstnarrative Konstruktionen und sozialkonstruktivistische oder intersubjektive ModelleSelbstsozialkonstruktivistische Modelle beginnen, die Auffassung von Übertragung und Gegenübertragung und auch von Widerstand, Abstinenz und Neutralität zu bestimmen (vgl. Ferro 2003; Ogden 1994; Etchegoyen 1991; Renik 1999).
Freud hatte noch die Vorstellung, dass die Psychoanalyse von der Macht der Vergangenheit und dem Wiederholungszwang in der Gegenwart befreit. Die neuen subjektivistischen und konstruktivistischen Theorien heben diese Macht der Vergangenheit auf und setzen nun auf die intersubjektive Bedeutung und den Austausch von Narrativen. Mitchell, einer der exponiertesten Vertreter der Intersubjektivitätstheorie, formuliert:

„Der Analytiker ist aus unserer Perspektive, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, in die Beziehungsmatrix des Analysanden eingebettet. Die Erfahrung des Analytikers wird notwendigerweise durch die Beziehungsstruktur des Analysanden geformt; er spielt die ihm zugeschriebene Rolle, auch wenn er verzweifelt versucht, einen Platz außerhalb des Patientensystems einzunehmen und überhaupt keine Rolle zu spielen.“

Mitchell (1988: 292, nach Gabbard 1999)

Damit werden der psychoanalytische Prozess und die Behandlungstechnik grundsätzlich anders definiert. Übertragung und Gegenübertragung sind eine gemeinsame Schöpfung von Analytiker und Analysand, beide haben einen Beitrag dazu geleistet (vgl. Übersicht bei Mitchell 2003).

Die Wirkung der Deutung und der emotionalen Erfahrung in der Beziehung

PsychoanalyseDeutungDeutungPsychoanalyseNach heutigem Verständnis ist die Wirkung des psychoanalytischen Prozesses zum einen abhängig von der Einsichtsvermittlung und zum anderen von der korrektiven emotionalen Erfahrung in der Beziehung, d. h. dem Erleben einer hilfreichen therapeutischen BeziehungTherapeutische Beziehunghilfreiche und deren Verinnerlichung (Luborsky 1988). Die Verschränkung von Erfahrung und Einsicht steht noch nicht lange im Vordergrund. In der klassischen Psychoanalyse war die Förderung der Einsicht das zentrale Ziel (Loch 1965a; Sandler et al. 1973; Greenson 1973; Cremerius 1979; Mertens 1990; Ermann 1993).

Einsicht bedeutet, für Verhalten und Erleben im Hinblick auf die unbewussten Hintergründe ein strukturiertes und organisiertes Bezugssystem zur Verfügung zu haben. Innerhalb dieses Bezugssystems kann der Patient sein subjektives Erleben in die für ihn nützliche Weise einordnen. Einsicht ist immer mit der emotionalen Erfahrung verbunden, sodass es sich um eine emotional-kognitive Erkenntnis handelt, die strukturell verändert.

Das Bewusstmachen unbewusster Hintergründe und Motive wird in der Psychoanalyse als Deutung beschrieben. Die Deutung stellt dem Patienten Erklärungen als Hypothesen für bisher unverbundene, nebeneinander stehende Handlungen und seelische Zustände, insbesondere intrapsychische Vorgänge wie Gedanken, Fantasien, Gefühle, Träume, aber auch Handlungen und somatische Reaktionen u. a. zur Verfügung. Deutung bezieht sich auf die unbewussten Phänomene, z. B. in Beziehungen (insb. ÜbertragungsbeziehungenDeutungÜbertragungsbeziehungen). Deutungen sind Interventionen, in denen der Analytiker dem Patienten sein Verständnis mitteilt, z. B. welche unbewussten Motive seinen Inszenierungen zugrunde liegen könnten. Sie wirken dann verändernd, wenn sie zutreffend sind, zum richtigen Zeitpunkt kommen sowie verständlich und plausibel für den Patienten formuliert werden. Vor allem kommt es aber auf die Durcharbeitung in wiederholten Inszenierungen im DurcharbeitenAlltagsleben und in der therapeutischen Beziehung an.
Die Wirkung von DeutungenDeutungWirkungen hängt in hohem Maße vom Vorhandensein einer als hilfreich und fördernd erlebten therapeutischen Beziehung ab (Luborsky 1988). Nach dem relationalen und intersubjektiven Verständnis des psychoanalytischen Prozesses wirken insbesondere die Beziehungserfahrungen und Deutungen sind eine Reflexion über die Übertragungs-Gegenübertragungs-KonstellationenÜbertragungs-Gegenübertragungs-KonstellationDeutung. Das gemeinsame Herausarbeiten eines Verständnisses einer bestimmten Situation in der Beziehung soll im Wesentlichen wirksam sein.
Aber nicht jede Intervention ist eine Deutung. Es gibt auch Konfrontationen mit bedeutsam erscheinenden psychischen KonfrontationPhänomenen (z. B. Fehlleistungen) und Klarifikationen, z. B. die detaillierte Herausarbeitung einer KlarifikationBeziehungsepisode, welche die Deutung vorbereitet. Schließlich ist nicht nur die Vermittlung von Einsichten Aufgabe und Ziel des AnalytikersPsychoanalytikerAufgaben und Ziele, sondern auch
  • die Aufrechterhaltung der Ich-Funktionen,

  • die Aufrechterhaltung des Settings,

  • die Entwicklung von Selbstreflexionen und Mentalisierung durch Interpretationen und

  • die Vermittlung von Erfahrungen mit dem neuen ObjektObjekteneuePsychoanalytikerals neues ObjektAnalytiker.

All das geschieht zum einen über verbale Interventionen, aber auch durch die psychoanalytische Haltung, die Tragfähigkeit der Beziehung und die Bereitschaft zum wiederholten Durcharbeiten. Dadurch sollen ein Neubeginn (Balint 1970) im Sinne eines Wandels der Beziehung zu den Liebes- und Hassobjekten eröffnet und neue Beziehungserfahrungen außerhalb der therapeutischen Situation ermöglicht werden.

Gruppenanalyse

GruppenpsychoanalyseDa Menschen als soziale Wesen in Gruppen und Gesellschaft zusammenleben und in diesen Gruppierungen auch Probleme besprechen, sind die Untersuchungen des Gruppenverhaltens auch schon früh Gegenstand der PsychoanalysePsychoanalysein der Gruppe geworden. Freud (1921) hat sich mit dem Verhalten von Gruppen (Kirche und Militär) zu Führern und Leitern befasst. Freud führt die Gruppenbildung auf eine Vereinigung von Individuen, auf eine Über-Ich-Gemeinsamkeit, einen Über-Transfer, also auf eine Identifikation mit Regeln, Normen, Werten und Idealen zurückGruppenpsychoanalyseFreuds Verständnis. Er schreibt:

„An einer psychologischen Masse ist das Sonderbarste dies: Welcher Art auch die sie zusammensetzenden Individuen sein mögen, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse entsteht eine Kollektivseele, vermögend deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln als jedes für sich fühlen, denken oder handeln würde … Die psychologische Masse ist ein provisorisches Wesen, das aus heterogenen Elementen besteht, die für einen Augenblick sich miteinander verbunden haben, genauso wie die Zellen des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zelle bildet.“

Freud (1921: 106)

Freud ist stets der Auffassung geblieben, dass Gruppe oder Masse eine Vereinigung von Individuen ist und das Soziale aus dem Intrapsychischen entsteht. Er bleibt bei dem Konzept, dass die Gruppe über die Projektionen der Innenwelt des Individuums auf den Leiter, vor allem über den Transfer des Über-Ichs entsteht. Gegenüber der Anwendung der Psychoanalyse in der Gruppe blieb Freud offensichtlich skeptisch, so jedenfalls muss man einem Brief aus dem Jahr 1926 entnehmen, den er an Trigant Burrow schrieb, der die Psychoanalyse als Erster in der Gruppe anwandte:

„Ich glaube nicht, dass die Analyse eines Patienten auf irgendeine andere Weise als in der familiären Situation, das heißt begrenzt auf zwei Personen, durchgeführt werden kann. Die Massensituation wird entweder sofort in einem Führer resultieren und solchen, die durch ihn geführt werden, was (zwar) bedeutet, dass es einer familiären Situation nahe kommt, die aber mit großen Schwierigkeiten in der Funktion des Ausdrucks und unnötigen Komplikationen von Eifersucht und Rivalität verbunden ist, oder es bildet sich eine „Bruderhorde“ in der jeder dasselbe Recht hat und ein analytischer Einfluss, so fürchte ich, unmöglich ist.“

nach Schultz-Venrath und Döring (2009: 148)

GruppenpsychoanalyseEntwicklungBurrow (1926, vgl. ausführliche Darstellung bei Sandner 2013 sowie Schultz-Venrath 2015) war also der Erste, der die Anwendung der Psychoanalyse in Gruppen vorschlug. Diese Skepsis Freuds gegenüber Gruppen ist bei einigen Psychoanalytikern der folgenden Jahrzehnte bis heute festzustellen. Andererseits schaffte es die spätere Gruppenbewegung (s. u.), ein wesentlich positiveres Bild der Gruppenpsychoanalyse zu vermitteln und einige Psychoanalytiker davon zu überzeugen, dass es notwendig ist, der sozialen Dimension des Psychischen mehr Beachtung zu schenken.
Erst nach Zweiten Weltkrieg entwickelte sich aus einer Mangelsituation die Anwendung der Psychoanalyse in Gruppen. Englische Psychoanalytiker waren in dem Northfield-Experiment aufgefordert, eine große Anzahl psychisch kranke Soldaten zu behandeln. Sie benutzten dazu die Gruppe. Aus diesen Erfahrungen entstanden die Gruppenanalyse (Bion 1960) und die gruppenanalytische Psychotherapie (Foulkes 1946, 1955, 1978Foulkes 1946Foulkes 1955Foulkes 1978) sowie die therapeutische Gemeinschaft (Maine 1946). Letztere brachte neue Gesichtspunkte für die stationäre Psychotherapie, die grundsätzlich eine Form von Gruppenpsychotherapie ist (vgl. Janssen 1987, 2014Janssen 1987Janssen 2014) und auf die in Kap. 50 eingegangen wird.
Bion (1960), dem es in seinem Konzept um die Psychoanalyse der Gruppe als Ganzes geht, begründet sein Verständnis der Gruppe in der Tradition von Melanie Klein, welche die Gruppe wie Freud als aus der Innenwelt der Individuen entstanden versteht. Diesem Konzept schließt sich Bion an und beschreibt die Gruppe wie ein Individuum in der Beziehung zum Leiter, als quasi duale SituationGruppenpsychoanalyseduale Situation. Er unterscheidet in der Gruppe eine ArbeitsebeneGruppenpsychoanalyseArbeitsebene von drei Grundannahmeebenen (basic assumptions), die regressive, kollektive Phänomene sind und die sich im Laufe des Gruppenprozesses entwickeln können, da die Teilnehmer unbewusste Übereinkünfte in unbewusste Übertragungswünsche auf den Gruppenleiter richten. Auf der Grundannahmeebene entwickeln sich gemeinsame unbewusste Gruppenwünsche nach oraler und narzisstischer Bedürfnisbefriedigung von einer spendende und bestätigenden „Mutter“. Die Gruppenteilnehmer verharren in Erwartung der Erfüllung dieser Wünsche in Abhängigkeit und Passivität, da die individuellen Wünsche nicht wirklich verfolgt werden dürfen, da sonst Neid entstünde. Diesen Zustand der Gruppe nennt Bion GruppenmentalitätGruppenmentalität. Auf der Arbeitsebene kann die Gruppe zwar realitätsorientiert bleiben, Denken, Rationalität und Aufgabenorientierung in den Vordergrund stellen, auf der Grundannahmeebene, welche die unbewussten Wünsche umfasst, werden die Gruppenprozesse aber durch die Grundannahmephänomene „Abhängigkeit, Kampf/Flucht oder Paarbildung“ beeinflusst: GruppenpsychoanalyseGrundannahmephänomene
  • Abhängige Gruppen erwarten vom idealisierten Leiter Versorgung, Hilfe und Bestätigung.

  • Kampf- oder Fluchtgruppen tragen Wut- und Hass aus oder fliehen.

  • Paarbildungsgruppen suchen Erlösung in einem idealisierten Paar.

Das Besondere an der Konzeption Bions ist, dass er die Gruppe als Ganzes verstand und die Gruppenaktionen und -interaktionen verschiedenen Ebenen zuschreibt. Bions Konzept wird später von Analytikern aufgegriffen und fortgeführt, z. B. in Deutschland von Argelander (1972), Kutter (1971, 1976)Kutter 1971Kutter 1976, Ohlmeier (1975).
Foulkes’ (1946, 1955, 1978)Foulkes’ 1946Foulkes’ 1955Foulkes’ 1978 Konzept der Gruppenanalyse, der ebenfalls wie Bion die Gruppe als Ganzes versteht, beschreibt die Gruppe abweichend als Netzwerk von BeziehungenGruppenpsychoanalyseBeziehungsnetzwerk. Das Netzwerk ist die Matrix der Gruppe, ein Gewebe von interpersonalen, intrapsychischen und transpersonalen Beziehungen, die sich in multiplen Übertragungen manifestieren. Stärker als bei Bion wird das Intrapsychische durch das Gruppale oder Soziale beeinflusst. Nach Foulkes wird jedes Individuum zentral bestimmt von der Welt, in der es lebt, durch die Gemeinschaft, durch die Gruppe. Er ist der Auffassung, dass das Soziale die Innenwelt des Individuums penetriert. In dem Netzwerk der Gruppen differenziert Foulkes eine Grundmatrix von der dynamischen Matrix. Erstere entsteht, weil alle Menschen sind. Letztere entsteht, weil über das Menschsein hinaus jedes Individuum spezielle kulturelle und familiäre Hintergründe hat. Die Gruppenmatrix in Kleingruppen entwickelt sich im Lauf eines Gruppenprozesses.
Nach Foulkes erfasst die Gruppensituation besser das Intrapsychische, da jedes Individuum ein Interaktionsnetzwerk der Primärfamilie internalisiert hat, das es auch im Sinne der Übertragung in dieses neue Netzwerk der entstehenden Gruppe projiziert. Die sog. inneren Prozesse im Individuum sind Internalisierungen von Kräften, die in der Gruppe wirken, zu der es gehört. Infantile familiäre Beziehungen sind gruppale Beziehungen und führen zu gruppalen internalisierten ObjektbeziehungenObjektbeziehung(en)gruppale internalisierte und nie zu einzelnen personalen Internalisierungen. Diese gruppalen Internalisierungen werden in Inszenierungen in neuen Gruppensituationen erfassbar. Gruppenanalyse bedeutet nach Foulkes also die Analyse der Gruppenmatrix auf den familiären, interkulturellen und aktuellen Beziehungs- und Übertragungsebenen.
In Deutschland entstand in den 1960er-Jahren eine Gruppenbewegung, welche die Gruppe als „Heilsbringer“, als Medium für die angestrebten individuellen, familiären, institutionellen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungen sah. Ein Exponent dieser Richtung ist der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter (1972), der seinem Buch „Die Gruppe“ den Untertitel „Hoffnung auf einem neuen Weg, sich selbst und andere zu befreien“ gab. Richter schreibt, die Gruppe idealisierend:

„Die Einführung der Gruppe als eines neuen therapeutischen Rahmens markiert einen historischen Wendepunkt in der Entwicklung der Psychotherapie … Die Gruppe wird mit vielerlei neuen Aufgaben besetzt. Sie bietet dem Einzelnen eine Verstärkung seines Ichs, insofern als sein persönliches Ich an dem Gruppen-Ich partizipiert. Die Gruppe liefert dem Individuum Schutz. Es vermindert durch sie sein Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit. Es wird durch die Gruppe größer, stärker und auch klüger. Die Gruppe kann dem Einzelnen helfen, sich wertvoll zu fühlen. Sie verstärkt ihn also auch vom Über-Ich her. Die Gruppen-Norm gibt ihm Halt und schützt ihn besser gegen seine Selbstzweifel. Nach außen hin verstärkt das Individuum mit Hilfe der Gruppe sein Gewicht in der Gesellschaft. Zusammen mit der Gruppe kann es mehr bewirken.“

Richter (1972: 33–34)

Dieses Zitat verdeutlicht, dass mit der der Gruppenbewegung auch die Kritik Freuds (s. o.) überwunden und die Auffassung von der Wirkung der psychoanalytischen Gruppenpsychotherapie positiver werden konnte. Die Psychoanalyse bekam die Chance, der sozialen Dimension menschlichen Verhaltens mehr Bedeutung beizumessen. Die Gruppe ist nach diesen psychoanalytischen Positionen auch immer ein soziologisches Thema mit Bezug zur menschlichen Entwicklung und Fehlentwicklung in gruppalen Kontexten, Organisationen und Institutionen; die Gruppe steht also immer im Spannungsfeld von Individualität und Gesellschaft (Gfäller 2010).
Gruppenanalyse umfasst nach heutigem Verständnis zwei Pole:
  • Einerseits wiederholen Menschen beim Zusammentreffen mit anderen in Gruppen verinnerlichte Interaktionserfahrungen aus früheren, infantilen Beziehungen (Familienintrojekte) in personifizierten interpersonellen Auseinandersetzungen. Diese gruppalen interaktiven Wiederholungsaktionen sind unbewusst und werden als interaktionelle Reinszenierungen verstanden.

  • Andererseits begegnen sie in den Interaktionen mit den anderen in der Gruppe einer anderen subjektiven Innenwelt und der Realität des anderen und machen im Prozess der Gruppe neue Erfahrungen, schaffen eine neue Welt, die ebenfalls internalisiert wird.

In der intersubjektiven Psychoanalyse wird die Gruppenanalyse definiert als ein komplexer Lern- und Bildungsprozess, in dem Subjektivität (eigene Erfahrungen), Intersubjektivität (Beziehungserfahrungen) und Objektivität (Realitätserfahrungen) sich wechselseitig beeinflussen (vgl. Altmeyer und Thomä 2006). Damit steht die Gruppenanalyse der intersubjektiven Psychoanalyse nahe (vgl. Kap. 34.1.6). Sie findet ihre Anwendung insbesondere in der psychodynamischen Gruppenpsychotherapie (vgl. Kap. 35.2.6), aber auch in Institutions- und Organisationsberatung (z. B. Lohmer 2000; Gfäller 2010), die hier nicht zur Diskussion steht.

Literaturauswahl

Altmeyer and Thomä, 2006

M. Altmeyer H. Thomä Die vernetzte SeeleDie intersubjektive Wende in der Psychoanalyse 2006 Klett-Cotta Stuttgart

Argelander, 1970

H. Argelander Die szenische Funktion des Ichs und ihr Anteil an der Symptom- und Charakterbildung Psyche 24 1970 325 345

Balint, 1970

M. Balint Therapeutische Aspekte der Regression. Die Theorie der Grundstörung 1970 Klett Stuttgart

Cremerius, 1979

J. Cremerius Gibt es zwei psychoanalytische Techniken? Psyche 33 1979 577 596

Fonagy and Target, 2006

P. Fonagy M. Target Psychoanalyse und Psychopathologie der Entwicklung 2006 Klett-Cotta Stuttgart

Fürstenau, 1977b

P. Fürstenau Praxeologische Grundlagen der Psychoanalyse L.J. Pongratz Handbuch der Psychologie Klinische Psychologie Bd. 8 1977 Verlag für Psychologie Göttingen 847 888

Gill, 1982

M.M. Gill Analysis of Transference Theory and Technique Vol. 1 1982 International University Press New York

Kernberg, 1999

O.F. Kernberg Psychoanalysis, psychoanalytic psychotherapy and supportive psychotherapy: contemporary controversies Int J Psychoanal 80 1999 1075 1091

Loch, 1974

W. Loch Der Analytiker als Gesetzgeber und Lehrer Psyche 28 1974 432 460

Thomä and Kächele, 2006

H. Thomä H. Kächele Lehrbuch der psychoanalytischen Therapie 3. A. Grundlagen Bd.1 2006 Springer Berlin, Heidelberg, New York, Tokio

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