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B978-3-437-44080-9.00001-5

10.1016/B978-3-437-44080-9.00001-5

978-3-437-44080-9

Bauplan des menschlichen KörpersKörperBauplan. a Mann von vorne. b Frau von vorne. c Mann von hinten. d Frau von hinten.

[K340]

Perzentilenkurven. a Mädchen 0–5 Jahre. b Jungen 0–5 Jahre.

[L157]

Änderung der Körperproportionen während des Wachstums.

[L238]

Regionen des Körpers. a Ansicht von vorne. b Ansicht von hinten.

[K340]

Ebenen und Achsen. a Sagittalebene (Planum sagittale), in ihr verlaufen sagittale und longitudinale Achsen. b Transversalebene = Horizontalebene (Planum transversale), in ihr verlaufen transversale und sagittale Achsen. c Frontalebene = Koronarebene (Planum frontale), in ihr verlaufen longitudinale und transversale Achsen.

[L127]

Orientierungslinien sowie Richtungs- und Lagebezeichnungen.

[L127]

Bewegungsbezeichnungen.

[L126]

Neutral-Null-Stellung. a Neutral-Null-StellungAnsicht von vorne. b Ansicht von der Seite.

Dokumentation des Bewegungsumfangs von Gelenken.

a Normales Bewegungsausmaß desGelenkeBewegungsumfang Kniegelenks. b Kniestreckung nicht möglich. c Vollständige Knieversteifung.

Schichten der Hautdecke. C = Cutis, E = Epidermis, D = Dermis, SC = Subcutis, Fo = oberflächliche Faszie, Fm = Muskelfaszie, M = Muskel, rc = Retinaculum cutis, SD = ekkrine Schweißdrüsen; HE-Färbung, Vergr. 22-fach.

[S010-2-16]

Aufbau eines Haarfollikels.

[L141]

Aufbau eines Nagels (Fingerendglied, Phalanx distalis). a Aufsicht. b Sagittalschnitt.

Skelett. Ansicht von ventral.

[E460]

Aufbau des Knochens aus Kompakta und Spongiosa.

Funktionelle Anpassung von Knochen am Beispiel des Femurs. a Kraftlinien für die mediale und laterale Kortikalis von Femurkopf und -hals. b Verlauf der entsprechenden Trajektorien.

[L126]

Aufbau eines Röhrenknochens (Os longum) am Beispiel des Femurs. Ansicht von dorsal.

Ossifikationszeitpunkte des Skeletts. a Obere Extremität. b Untere Extremität.

[L126]

Synarthrosen. a Bandhaft [Syndesmose]. b Knorpelhaft [Synchondrose]. c Knochenhaft [Synostose].

[L126]

Funktionelle Anpassung durch Binde- und Stützgewebe am Beispiel der Schambeinfuge (Symphysis pubica).

[L126]

Echtes Gelenk (Junctura synovialis, Articulatio, Diarthrose). Die das Gelenk bewegende Muskulatur und ein die Gelenkkapsel verstärkender Bandapparat sind nicht mit dargestellt.

Gelenktypen (Juncturae synoviales). a Scharniergelenk. b Zapfengelenk. c Radgelenk. d Eigelenk. e Sattelgelenk. f Kugelgelenk. g Planes Gelenk.

[L127]

Allgemeiner Aufbau des Gelenks. a Gelenkknorpel. b Gelenkkapsel.

[L126]

Muskeltypen. a Einköpfig parallelfaserig. b Zweiköpfig parallelfaserig. c Zweibäuchig parallelfaserig. d Mehrköpfig flach. e Durch Zwischensehnen unterteilt mehrbäuchig. f Einfach gefiedert. g Mehrfach gefiedert.

Aufbau von Sehnenansatzzonen. a Chondral-apophysäre Ansatzzone. b Schema einer chondral-apophysären Ansatzzone mit Knorpelzellen, Proteoglykanen und Kollagenfasern. c Periostal-diaphysäre Ansatzzone.

[L126]

Aufbau einer Sehnenscheide.

Muskelarbeit, MuskelarbeitÜbertragung der Muskel- auf die Sehnenkraft je nach Verlauf der Muskelfasern zu den Sehnen.

Gliederungsprinzip eines Skelettmuskels. SkelettmuskulaturGliederungsprinzip

Hebelarm und Muskelwirkung.

[L126]

Körper- und Lungenkreislauf.

[S010-2-16]

Arterien und Venen des Körperkreislaufs. a Arterien; bei der Frau: A. ovarica. b Venen; am linken Arm und auf der linken Kopfseite sind die tiefen Venen dargestellt, am rechten Arm und auf der rechten Kopfseite die oberflächlichen Venen.

Venenklappen.

Pfortaderkreislauf.

Pränatales Herz-Kreislauf-System;

Lig. botalli,

Ductus arteriosus botalli,

Ductus venosus arantii,

Lig. arantii.

Übersicht über das Lymphgefäßsystem.

Lymphknoten. a Zu- und abführende Lymphgefäße. b Schematischer Schnitt.

Gliederung des Nervensystems. NervensystemGliederunga Ansicht von ventral. b Ansicht von dorsal.

Autonomes (vegetatives) Nervensystem.

[L106]

Hauptebenen.

Tab. 1.1
Ebene Entsprechende radiologische Schnittbildebene Beschreibung
Frontalebene (Koronarebene)(Abb. 1.5c) koronare Schicht
  • die bei der Vorderansicht des Menschen sichtbare Bewegungsebene

  • jede Ebene, die den Körper in vorn und hinten teilt und parallel zur Stirn verläuft

  • Bewegungen in dieser Ebene finden also von links nach rechts oder von oben nach unten statt

Transversalebene (Axialebene, Horizontalebene, Transaxialebene)(Abb. 1.5b) axiale Schicht
  • jede Ebene senkrecht zur Längsachse

  • beim stehenden Menschen also jede horizontale Ebene

Sagittalebene
(Abb. 1.5a)
sagittale Schicht
  • jede von vorne nach hinten durch den Körper laufende Ebene

  • verläuft parallel zur Mediansagittalebene

Median(sagittal)ebene(Abb. 1.5a) sagittale Schicht
  • Sagittalebene, die genau durch die Mitte des Körpers von vorne nach hinten verläuft und den Körper in 2 gleiche Hälften teilt

Hauptachsen.

Tab. 1.2
Achse Beschreibung
Longitudinalachse (Vertikalachse)
(Abb. 1.5a, c)
Längsachse durch den Körper; zieht von oben nach unten (oder umgekehrt)
Transversalachse (Horizontalachse)
(Abb. 1.5b, c)
zieht von der linken Körperhälfte zur rechten quer durch den Körper (oder umgekehrt)
Sagittalachse (Ventrodorsalachse)
(Abb. 1.5a, b)
durchbohrt den Körper pfeilwärts von vorne nach hinten (oder umgekehrt)

Richtungsbezeichnungen und Lage der Körperteile.

Tab. 1.3
Begriff Bedeutung
kranial oder superior zum Kopfende hin
kaudal oder inferior zum Steißende hin
anterior oder ventral nach vorne oder bauchwärts
posterior oder dorsal nach hinten oder rückenwärts
lateral seitlich, von der Mitte weg
medial mittig, auf die Mitte zu
median oder medianus innerhalb der Medianebene
intermedius dazwischen liegend
zentral zum Inneren des Körpers hin
peripher zur Oberfläche des Körpers hin
profundus tief liegend
superficialis oberflächlich liegend
externus außen liegend
internus innen liegend
apikal zur Spitze gerichtet oder gehörend
basal zur Basis gerichtet, basalwärts
dexter rechts
sinister links
proximal zum Rumpf hin
distal zum Ende der Gliedmaßen hin
ulnar zur Ulna (Elle) hin
radial zum Radius (Speiche) hin
tibial zur Tibia (Schienbein) hin
fibular zur Fibula (Wadenbein) hin
volar oder palmar zur Hohlhand hin
plantar zur Fußsohle hin
dorsal (Extremitäten) zum Handrücken oder zum Fußrücken hin
frontal stirnwärts
rostral (wörtlich übersetzt „schnabelwärts“) zum Mund oder zur Nasenspitze hin (nur für Bezeichnungen am Kopf)

Orientierungslinien am KörperOrientierungslinien am KörperKörperOrientierungslinien.

Tab. 1.4
Linie Legende
Linea mediana anterior vordere Mittellinie, die den Körper in 2 symmetrische Hälften teilt
Linea sternalis parallel zur Linea mediana anterior am lateralen Rand des Brustbeins
Linea parasternalis parallel zur Linea mediana anterior, genau zwischen Linea sternalis und medioclavicularis
Linea medioclavicularis parallel zur Linea mediana anterior, genau durch die Mitte des Schlüsselbeins
Linea axillaris anterior parallel zur Linea mediana anterior, genau durch den Vorderrand der Achselhöhle
Linea axillaris posterior parallel zur Linea mediana posterior, genau durch den Hinterrand der Achselhöhle
Linea scapularis parallel zur Linea mediana posterior, genau durch den unteren Winkel (Angulus inferior) des Schulterblatts
Linea paravertebralis parallel zur Linea mediana posterior am lateralen Rand der Wirbelsäule
Linea mediana posterior hintere Mittellinie, die den Körper in 2 symmetrische Hälften teilt

Anatomische BewegungsbezeichnungenExtremität(en)Bewegungsbezeichnungen.WirbelsäuleBewegungsbezeichnungenBeckenBewegungsbezeichnungenKiefergelenkBewegungsbezeichnungen

Tab. 1.5
Region Begriff Bewegung
Extremitäten Extension Streckung
Flexion Beugung
Abduktion Wegführen vom Körper/Abspreizen
Adduktion Heranführen an den Körper
Elevation Hebung des Arms/Schultergürtels über die Horizontale
Depression Absenken des Arms/Schultergürtels von oberhalb der Horizontalen
Innenrotation Einwärtsdrehung
Außenrotation Auswärtsdrehung
Pronation Umwendbewegung von Hand/Fuß mit nach oben gerichtetem Handrücken bzw. angehobenem lateralem Fußrücken
Supination Umwendbewegung von Hand/Fuß mit nach oben gerichteter Hohlhand bzw. angehobenem medialem Fußrand
Radialabduktion (Radialduktion) Abspreizen der Hand/Finger in Richtung Radius
Ulnarabduktion (Ulnarduktion) Abspreizen der Hand/Finger in Richtung Ulna
Palmarflexion/Volarflexion Beugung der Hand in Richtung Hohlhand
Plantarflexion Beugung des Fußes in Richtung Fußsohle
Dorsalextension Streckung von Hand/Fuß in Richtung Handrücken/Fußrücken
Reposition Zurückführung des Daumens neben den Zeigefinger
Reposition Zurückführung des Daumens neben den Zeigefinger
Inversion Hebung der Innenseite des Fußes (im unteren Sprunggelenk)
Eversion Hebung der Außenseite des Fußes (im unteren Sprunggelenk)
Wirbelsäule Rotation Drehbewegung der Wirbelsäule in der Longitudinalachse
Lateralflexion Seitneigung
Inklination (Flexion) Vorwärtsneigung
Reklination (Extension) Rückwärtsneigung
Becken Flexion (anteriore/ventrale Rotation) Beckenkippung nach vorne
Extension (dorsale Rotation) Beckenaufrichtung nach hinten
Kiefergelenk Abduktion Kieferöffnung
Adduktion Kieferschluss
Protrusion/Protraktion Vorschieben des Unterkiefers
Retrusion/Retraktion Zurückziehen des Unterkiefers
Okklusion Ineinandergreifen der Ober- und Unterkieferzähne
Mediotrusion Unterkiefer auf einer Seite nach vone medial
Laterotrusion Unterkiefer auf einer Seite nach hinten lateral

Einteilung der Knochen.RöhrenknochenKnochenplatteKnochenlufthaltigeSesambeineOs(-sa)sesamoidea

Tab. 1.6
Bezeichnung Beispiel Erläuterung
lange Knochen (Ossa longa), sog. Röhrenknochen Femur, Humerus
  • besitzen einen Schaft (Corpus) und Enden (Extremitates)

  • im Schaft liegt die Markhöhle (Cavitas medullaris)

flache Knochen (Ossa plana), sog. platte Knochen Os parietale, Scapula bestehen aus 2 kompakten Lamellen mit dazwischen integrierter Spongiosa
kurze Knochen (Ossa brevia) Handwurzelknochen, Fußwurzelknochen besitzen keine Markhöhle, sondern einen Kern aus Spongiosa
unregelmäßige Knochen (Ossa irregularia) Wirbel Knochen, die nicht in die vorgenannten Kategorien passen
lufthaltige Knochen (Ossa pneumatica) Maxilla, Os ethmoidale Knochen, die einen oder mehrere mit Luft gefüllte und mit Schleimhaut ausgekleidete Räume enthalten
Sesambeine (Ossa sesamoidea) Patella, Os pisiforme in Sehnen eingelagerte Knochen
akzessorische Knochen (Ossa accessoria) Os trigonum zusätzliche Knochen, die nicht regelmäßig vorkommen

SynarthrosenSynarthrosen.BandhaftSyndesmoseKnorpelhaftSynchondroseKnochenhaftSynostose

Tab. 1.7
Synarthrose Synonym Füllgewebe Beschreibung Beispiele
Bandhaft (Abb. 1.18a) Syndesmose, Junctura fibrosa Bindegewebe (Kollagen, elastische Fasern) 2 Knochen sind durch Bindegewebe miteinander verbunden
  • Membrana interossea cruris, Syndesmosis tibiofibularis, Schädelfontanellen

  • Sonderform: Gomphose (Aufhängung des Zahns in der Zahnalveole des Kiefers)

Knorpelhaft (Abb. 1.18b) Synchondrose, Junctura cartilaginea Knorpel (hyaliner Knorpel, Faserknorpel) 2 Knochen sind durch Knorpel miteinander verbunden Epiphysenfugen, Rippenknorpel, Symphysis pubica
Knochenhaft (Abb. 1.18c) Synostose, Junctura ossea Knochen 2 Knochen sind sekundär durch Knochengewebe miteinander verschmolzen Os sacrum, Os coxae, Epiphysenfugen nach Wachstumsabschluss, einzelne Schädelnähte

HerzklappenHerzklappen.Valva(-ae)atrioventricularissinistraValva(-ae)atrioventricularisdextraValva(-ae)aortaeValva(-ae)trunci pulmonalis

Tab. 1.8
Klappentyp Name Anzahl Segel oder Taschen Lage
Segelklappe Mitralklappe (Valva atrioventricularis sinistra) 2 zwischen linkem Vorhof und linkem Ventrikel
Trikuspidalklappe (Valva atrioventricularis dextra) 3 zwischen rechtem Vorhof und rechtem Ventrikel
Taschenklappe Aortenklappe (Valva aortae) 3 zwischen linkem Ventrikel und Aorta
Pulmonalklappe (Valva trunci pulmonalis) 3 zwischen rechtem Ventrikel und Truncus pulmonalis

HerzaktionenHerzaktionen.SystoleDiastole

Tab. 1.9
Herzaktion Phase HerzklappenAV-Klappen Taschenklappen
Systole Anspannungsphase des Ventrikelmyokards geschlossen geschlossen
Austreibungsphase des Ventrikelmyokards geschlossen offen
Diastole Entspannungsphase des Ventrikelmyokards geschlossen geschlossen
Füllungsphase (Ventrikelmyokard entspannt) offen geschlossen

Strukturen des pränatalen Kreislaufs.Ligamentum(-a)arteriosum (Botalli)Ductusvenosus (Arantii)Ligamentum(-a)venosum

Tab. 1.10
Kurzschluss Pränatal Postnatal
zwischen rechtem und linkem Vorhof Foramen ovale Fossa ovalis im Vorhofseptum
zwischen Truncus pulmonalis und Aortenbogen Ductus arteriosus (botalli) Lig. arteriosum
zwischen V. portae und V. cava inferior Ductus venosus
(arantii)
Lig. venosum

Große Lymphstämme.Truncus(-i)jugularisTruncus(-i)subclaviusTruncus(-i)bronchomediastinalisTruncus(-i)intestinalesTruncus(-i)lumbales

Tab. 1.11
Lymphstamm Lokalisation Drainagegebiet
Truncus jugularis Hals kranial Kopf
Truncus subclavius Hals lateral Arm, Brustwand, Rücken
Truncus bronchomediastinalis Mediastinum Brustorgane
Trunci intestinales Darmgekrösewurzeln Darm
Truncus lumbalis Lumbalregion Bauchwand, Gesäß, Becken, Bein

Bezeichnungen der Serosaüberzüge.SerosaüberzügePleuraparietalisPleuravisceralisPerikard (Pericardium)Epikard (Epicardium)PeritoneumparietalePeritoneumvisceralePeriorchiumEpiorchium

Tab. 1.12
Organ Parietales Blatt Viszerales Blatt
Lunge Pleura parietalis Pleura visceralis
Herz Pericard Epicard
Magen, Darm Peritoneum parietale Peritoneum viscerale
Hoden Periorchium Epiorchium

Allgemeine Anatomie

Friedrich Paulsen

Faramarz Dehghani

  • 1.1

    Teilgebiete5

  • 1.2

    Bauplan des menschlichen Körpers5

    • 1.2.1

      Gliederung5

    • 1.2.2

      Körperproportionen7

    • 1.2.3

      Lagebeschreibungen9

    • 1.2.4

      Allgemeine Bezeichnungen10

  • 1.3

    Haut und Hautanhangsgebilde15

    • 1.3.1

      Hautarten und Hautschichten16

    • 1.3.2

      Hautanhangsgebilde16

  • 1.4

    Muskuloskelettales System18

    • 1.4.1

      Knorpel18

    • 1.4.2

      Knochen18

    • 1.4.3

      Gelenke23

    • 1.4.4

      Allgemeine Muskellehre29

  • 1.5

    Kreislaufsysteme33

    • 1.5.1

      Körper- und Lungenkreislauf33

    • 1.5.2

      Pfortaderkreislauf37

    • 1.5.3

      Pränataler Kreislauf38

    • 1.5.4

      Lymphkreislauf38

  • 1.6

    Schleimhaut, Drüsen, seröse Höhlen41

    • 1.6.1

      Schleimhäute41

    • 1.6.2

      Drüsen41

    • 1.6.3

      Seröse Höhlen41

  • 1.7

    Nervensystem42

Klinischer Fall

Gonarthrose

Anamnese

Ein 63-jähriger Patient klagt seit mehreren Jahren über zunehmende Schmerzen und Bewegungseinschränkung im linken Kniegelenk. Er berichtet, früher viel Sport getrieben zu haben. Dabei habe er sich zweimal die Menisken verletzt. Schmerzmittel würden ihm nicht mehr helfen, aber zunehmend Magenprobleme bereiten.

Erstuntersuchung

Bei der klinischen Untersuchung fällt unter anderem auf, dass das linke Kniegelenk leicht geschwollen und bei Druck auf den medialen Gelenkspalt schmerzhaft ist. Bei Bewegungen sind Reibungsgeräusche (Krepitationen) spür- und hörbar. Die Beweglichkeit ist eingeschränkt. Das Knie kann nur noch bis ca. 80° gebeugt und auch nicht vollständig gestreckt werden.

Weitere Diagnostik

Die radiologische Untersuchung zeigt einen deutlich verschmälerten Gelenkspalt, der Knochen unmittelbar unterhalb des Knorpels ist verdichtet und es sind kleine Knochenzysten zu erkennen. Seitlich am Knochen haben sich Osteophyten (Knochenanbauten) gebildet. Der untersuchende Orthopäde stellt die Diagnose einer fortgeschrittenen Arthrose.

Therapie

Weil der Befund relativ weit fortgeschritten ist, das Knie stark schmerzt und die Beweglichkeit bereits eingeschränkt ist, rät der Orthopäde dem Patienten zum Gelenkoberflächenersatz. Bei der Operation wird das Gelenk in der Regio genus anterior durch einen vertikalen Haut- und Gelenkkapselschnitt eröffnet. Der direkte Blick in die Gelenkhöhle bestätigt die Diagnose. Die Menisken sind bereits zu einem großen Teil degeneriert, der Gelenkknorpel ist besonders auf der medialen Seite nahezu verschwunden und man erkennt bereits subchondralen Knochen. Auch auf der lateralen Seite sind 2 große Knorpeldefekte sichtbar. Die Rückseite der Kniescheibe wirkt makroskopisch intakt, sodass die Operateure auf den Ersatz des Patellaknorpels verzichten. Sie führen einen bikondylären Oberflächenersatz durch. Dabei werden im Gegensatz zur früher häufigen Totalendoprothese des Kniegelenks nur die zerstörten Gelenkgleitflächen ersetzt, um möglichst wenig Knochensubstanz zu opfern. Außerdem sind beim bikondylären Oberflächenersatz die Gelenkersatzteile nicht oder nur teilweise gekoppelt und ermöglichen so einen natürlicheren Bewegungsablauf.

Weiterer Verlauf

Nach der Operation wird der Patient bereits am 1. Tag mobilisiert. Er erhält spezielle Injektionen, die eine Thrombosebildung verhindern sollen. Wenige Tage nach der Operation stellen die Ärzte fest, dass der Unterschenkel geschwollen ist. In diesem Fall handelt es sich um ein Lymphödem, das sich mittels Lymphdrainage innerhalb weniger Tage zurückbildet. Zwölf Tage nach der Operation werden die Nahtklammern entfernt und der Patient zur Anschlussheilbehandlung aus der Klinik entlassen. In der Anschlussheilbehandlung steht eine intensive Physiotherapie zur Kräftigung der Muskulatur im Mittelpunkt. Die Beweglichkeit wird zunehmend gesteigert und die Koordination geübt. Acht Wochen später stellt sich der Patient in der Klinik zur Nachkontrolle vor. Er hat keine Schmerzen mehr und kann sein Knie inzwischen wieder bis 95° beugen. Die Narbe ist gut verheilt und er erzählt, dass er in Kürze einen Tanzkurs belegen will.

Kompetenzen

Nach Bearbeitung dieses Lehrbuchkapitels sollten Sie in der Lage sein:

  • den Körper des Menschen in verschiedene Abschnitte zu gliedern und allgemeine Begriffe der Anatomie zu kennen

  • postnatale Änderungen der Gestalt wie Körperproportionen, Körpermaße und Geschlechtsdimorphismen einzuordnen

  • den Aufbau der Haut und seiner Anhangsgebilde zu beschreiben

  • die Grundzüge des muskuloskelettalen Systems zu verstehen

  • die verschiedenen Kreislaufsysteme zu beschreiben

  • Grundzüge des Aufbaus von Schleimhäuten, Drüsen und serösen Höhlen wiederzugeben

  • das Nervensystem auf einfache Weise einzuteilen

Anatomie Anatomiekommt vom griechischen Wort anatemnein (Aufschneiden, Zergliedern) und bedeutet so viel wie Zergliederungskunst. Sie ist ein Teilgebiet der Morphologie und behandelt den Aufbau des gesunden Körpers (oder im weiteren Sinne der Organismen) und wird häufig mit der Pathologie und der Rechtsmedizin in einem Atemzug genannt. Allerdings ergründet die Pathologie die Entstehung struktureller Veränderungen des Körpers im Rahmen von Krankheiten, und die Rechtsmedizin (Gerichtsmedizin) ist die Lehre von der Entstehung, Diagnostik und Beurteilung rechtlich relevanter Einwirkungen auf den menschlichen Körper und beschäftigt sich mit unklaren Todesfällen und Verletzungen von Opfern.

Teilgebiete

AnatomieAnatomieTeilgebiete wird in verschiedene Teilgebiete gegliedert:
  • makroskopische Anatomie: beschreibt die mit bloßem Auge sichtbaren Strukturen

  • mikroskopische Anatomie: beschreibt die Strukturen, die mittels Lichtmikroskop oder Elektronenmikroskop dargestellt werden können

  • molekulare Anatomie: knüpft an die Molekularbiologie an, verfolgt dabei aber einen morphologischen Ansatz

  • systematische Anatomie: gruppiert die Strukturen des Körpers zu funktionell zusammenhängenden Organsystemen (z. B. dem Kreislaufsystem)

  • topografische Anatomie: beschreibt die Beziehung einzelner Strukturen nach ihrer räumlichen Lage zu den Nachbarstrukturen

  • funktionelle Anatomie: beschreibt die Zusammenhänge zwischen Bau und Funktion

  • deskriptive Anatomie: reine Beschreibung des Körperbaus

  • Embryologie: Embryologiebeschreibt alle mit der Entwicklung des Menschen zusammenhängenden Vorgänge und setzt sich daher mit der Entwicklung von Einzelorganismen (Ontogenese) auseinander (neuere Erkenntnisse aus der frühen Embryonalentwicklung zeigen, dass Störungen in dieser sehr empfindlichen [vulnerablen] Phase nicht nur die Entstehung von bekannten Fehlbildungen begünstigen, sondern auch durch epigenetische Modifikationen für zahlreiche Stoffwechselstörungen im Erwachsenenalter verantwortlich sind)

  • vergleichende Anatomie: untersucht den Körperbau verschiedener Tierarten und vergleicht diesen mit dem des Menschen; sie erlaubt damit Einblicke in die Stammesgeschichte (Phylogenese), die sich mit der Entwicklung von Organen und Organfunktionen im Laufe der Evolution beschäftigt

  • Anatomie am Lebenden: wendet anatomisches Wissen am Lebenden an, z. B. Tasten von Knochenpunkten durch die Haut, Ertasten von Pulsen etc.; sie dient der intensiven Vorbereitung auf die Arbeit mit dem späteren Patienten

  • klinische Anatomie: stellt die Verbindung zwischen der normalen Anatomie sowie den in der klinischen Praxis häufig anzutreffenden Erkrankungen her; die klinischen Zusammenhänge stammen dabei aus vielen verschiedenen Teilgebieten der Medizin

Die Anatomie des Menschen bildet die Grundlage eines jeden praktisch tätigen Arztes. Dabei nimmt die makroskopische Anatomie für die tägliche praktische Arbeit am Patienten eine zentrale Rolle ein. Außer der äußeren Inspektion des Körpers und der Palpation (Tastuntersuchung) kommt dabei der Kenntnis der Innenstrukturen des Körpers eine zentrale Rolle zu, z. B. um Röntgenbilder, Computer- (CT) und Magnetresonanztomografien (MRT), Sonografien und Endoskopien beurteilen zu können, im Rahmen von Operationen die relevanten Strukturen zu identifizieren oder auch „Krankes“ von „Gesundem“ unterscheiden zu können. Für die Beschreibung verwendet die Anatomie eine standardisierte Nomenklatur, die auf der lateinischen und der griechischen Sprache basiert. Sie besteht aus ca. 6 000 anatomischen Namen, die aus rund 600 Wortstämmen gebildet werden und in den Terminologia Anatomica, einer international gültigen Nomenklatur, zusammengefasst sind.
Zur Vermittlung der Anatomie hat das Zergliedern eines Toten seit der Antike eine zentrale Rolle. Im modernen Medizinstudium ist der Präparierkurs dafür unentbehrlich, weil das Anatomiestudium am realen Körper weder durch anatomische Modelle noch durch Atlasbilder ersetzt werden kann. Durch das Zergliedern (Präparieren) gewinnt man eine Vorstellung von der Form, Lage und den räumlichen Beziehungen der Strukturen zueinander. Die Spannweite der gewonnenen Erkenntnisse wird ergänzt durch die mikroskopische Ebene der Zell- (Zytologie), Gewebe- (Histologie) und Organlehre (mikroskopische Anatomie).

Bauplan des menschlichen Körpers

Gliederung

Topografische Gliederung
Der KörperKörperBauplanKörperGliederungtopografische des Menschen ist bilateral symmetrisch aufgebaut (Abb. 1.1). Er gliedert sich topografisch in:
  • KopfKopf (CaputCaput); stellt den höchsten Punkt beim aufrechten Körper

  • HalsHals (Collum)Collum

  • StammStamm (Truncus)

  • BrustBrust (Thorax)Thorax

  • BauchBauch (Abdomen)Abdomen

  • BeckenBecken (Pelvis)Pelvis

  • Extremitäten (Membra)

  • obere ExtremitätExtremität(en)obere (Membrum superius)Membrumsuperius

    • SchultergürtelSchultergürtel

    • SchlüsselbeinSchlüsselbein (Clavicula)Clavicula

    • SchulterblattSchulterblatt (Scapula)Scapula

    • freie obere Extremität

      • OberarmOberarm (Brachium)Brachium

      • UnterarmUnterarm (Antebrachium)Antebrachium

      • HandHand (Manus)Manus

  • untere ExtremitätExtremität(en)untere (Membrum inferius)Membruminferius

    • BeckengürtelBeckengürtel

    • HüftbeinHüftbein (Os coxae)Os(-sa)coxae

    • KreuzbeinKreuzbein (Os sacrum)Os(-sa)sacrum

    • freie untere Extremität

      • OberschenkelOberschenkel (Femur)Femur

      • UnterschenkelUnterschenkel (Crus)Crus(-ra)

      • FußFuß (Pes)Pes

Funktionelle Gliederung
Teilt man den KörperKörperGliederungfunktionelle nach Funktionssystemen ein, lassen sich unterscheiden:
  • Bewegungssystem (Skelett- und Muskelsystem)

  • Atemsystem

  • Kreislaufsystem

  • Stoffwechselsystem

  • Fortpflanzungssystem

  • Kommunikationssystem

  • zentrales Steuersystem

Bilaterale Symmetrie und Metamerie
Der KörperKörperbilaterale Symmetrie ist bilateral symmetrisch aufgebaut (bilaterale Symmetrie). Rechte und linke Körperhälfte sind spiegelbildlich konstruiert. Eine Ausnahme hiervon bilden die inneren Organe.
Unter MetamerieMetamerie versteht man die Wiederholung gleicher Bauelemente (z. B. der Rippen), die entlang einer Achse (Wirbelsäule) angeordnet sind (segmentale oder metamere Gliederung)KörperGliederungmetamere. Ihr Ursprung liegt in der Entwicklung von Somiten (Ursegmenten), die segmentale Einheiten darstellen. Das zeitweise Auftreten von Schlundbögen (Pharyngealbögen, Kiemenbögen) wird auch als BranchiomerieBranchiomerie bezeichnet.

Körperproportionen

Alter, Geschlecht, Gewicht,KörperProportionen Körpergröße und Herkunft (ethnische Faktoren) beeinflussen die Gestalt und den Körperbau. So stehen die einzelnen Glieder, Organe und Regionen des Körpers in jedem Alter in einer gewissen Proportion zueinander und wachsen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Diese proportionalen Verhältnisse sind im Säuglings- und Kleinkindalter am ausgeprägtesten und spielen hier auch die größte Rolle.
Entwicklungsphasen
In der Kinderheilkunde (Pädiatrie) wird die nachgeburtliche (postnatale) Phase in Entwicklungsphasen eingeteilt:Entwicklungsphasen
  • Neugeborenenperiode (erste 2 Lebenswochen)

  • Säuglingsalter (bis Ende 1. Lebensjahr)

  • Kleinkindalter (bis Ende 5. Lebensjahr)

  • Schulalter (bis Eintritt in die Pubertät)

  • Pubertät (Reifungsalter, Dauer variabel)

  • Adoleszenz (Abschluss der Entwicklung und des Längenwachstums des Skelettsystems)

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist es zu einer allgemeinen Entwicklungsbeschleunigung (Akzeleration) Entwicklungsbeschleunigung (Akzeleration)im Vergleich zu früheren Generationen gekommen, z. B. in Bezug auf das Wachstum oder die körperlichen Reifungsprozesse. Hierfür werden die Verbesserung der Lebens-, Hygiene- und Ernährungsbedingungen sowie das veränderte soziale Umfeld verantwortlich gemacht.
Äußere Erscheinungsform
Für die einzelnenErscheinungsform, äußereKörperErscheinungsform, äußere Lebensabschnitte sind körperliche Merkmale typisch, welche die äußere Erscheinungsform eines Menschen prägen. Gestaltliche Unterschiede treten am deutlichsten als Geschlechtsunterschiede (Geschlechtsdimorphismus, Geschlechtsdimorphismusbesonders nach der Geschlechtsreife) hervor. Dabei haben das Skelettsystem, die Skelettmuskeln, die Verteilung des Unterhautfettgewebes, die Behaarung und die Körperproportionen den größten Anteil.
Für die Ausbildung der Gonaden sind die genetisch determiniert entstandenen primären Geschlechtsorgane (Hoden oder Eierstöcke) verantwortlich, die als primäre Geschlechtsmerkmale Geschlechtsmerkmaleprimäre/sekundärebezeichnet werden. Prägend für die äußere Erscheinungsform sind in erster Linie sekundäre Geschlechtsmerkmale, die sich während der Pubertät entwickeln. Ihre Entwicklung steht unter dem Einfluss von Gonadotropinen (Hormonen aus der Hirnanhangsdrüse), die für die Produktion geschlechtsspezifischer Hormone der Keimdrüsen verantwortlich sind.
Bei der Frau gehören zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen:
  • Brustdrüse (Mamma)

  • Verteilung des subkutanen Fettgewebes (gleichmäßigere, sanftere Konturen)

  • Schambehaarung bis in Höhe des Mons pubis (Schamhügel)

  • gleichmäßiger Haaransatz

  • geringere Körpergröße

  • querovales Becken

Beim Mann gehören zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen:
  • Schambehaarung bis zum Bauchnabel

  • Bartwuchs

  • Behaarung von Brust- und Bauchwand (individuell sehr unterschiedlich) sowie auch von Rücken und Extremitäten

  • reduzierter Haaransatz (Geheimratsecken, Teilglatze)

  • höhere Körpergröße

  • schmaleres Becken

Unter Konstitution Konstitutionversteht man die jedem Menschen eigenen körperlichen und geistigen Merkmale, die in ihren Wechselbeziehungen individuell sind. Nach Kretschmer werden 3 Konstitutionstypen unterschieden:
  • Leptosom:Leptosom schlank, schmalwüchsiger Körperbau, schmale, leichtknochige Gliedmaßen, dünne Muskulatur

  • Pykniker: Pyknikermittelgroß, gedrungener Körperbau, Neigung zu Fettansatz, Brustkorb unten breiter als oben, kurzer Hals und breites Gesicht; Temperament behäbig, gemütlich, gutherzig, gesellig, heiter

  • Athlet:Athlet kräftiger Körperbau, breite Schultern, oben breiter Brustkorb; Temperament im Allgemeinen heiter, forsch, aktiv

Diese Einteilung wird heute von der Psychologie abgelehnt.
Körpergewicht
Zur Bestimmung Körpergewichtdes Normalgewichts sowie von Über- und Untergewicht verwendet man beiKörpermassenindex Erwachsenen den Body Mass Index (BMI, Körpermassenindex, Quetelet-Index)Body Mass Index (BMI, Körpermasseindex, Quetelet-Index). Quetelet-IndexEr ist der Quotient aus Körpergewicht und dem Quadrat der Körpergröße. Bei der Bewertung müssen allerdings das Alter, das Geschlecht und die Konstitution berücksichtigt werden. Ein Wert unter 16 steht für starkes Untergewicht, 16–20 für Untergewicht, 20–25 für Normalgewicht, 25–30 für Übergewicht, 30–40 für Adipositas (Fettsucht) und Werte über 40 für extreme Adipositas.

Merke

In den Industrienationen ist die AdipositasAdipositas (mit einem BMI über 30) die häufigste Ernährungsstörung bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern.

Skelettalter
Um das SkelettalterSkelettalter beim Säugling und beim Kleinkind zu beurteilen, zieht man das Röntgenbild der linken Hand heran. Für das Skelettalter von Schulkindern werden Größe und Form der Knochenkerne im Bereich des Kniegelenks beurteilt. Nach Abschluss der Pubertät wird der Schluss der Wachstumsfugen beurteilt.

Klinik

Zur Beurteilung eines regelrechten (Norm) oder davon abweichenden Körperwachstums KörperwachstumPerzentilenkurven/-tabellen (Variabilität) bei Kindern werden Körpergröße, Gewicht und Kopfumfang ins Verhältnis zum Alter gesetzt und mittels Perzentilentabellen ausgewertet (Abb. 1.2).

Körpergröße
Die KörpergrößeKörpergröße ist die Länge der Strecke vom Scheitel bis zur Fußsohle. Sie wird auch als Körperlänge bezeichnet. Die Veränderungen der Körperlänge sind in Abb. 1.3 einander gegenübergestellt. So entspricht die Kopfhöhe beim Embryo Ende des 2. Schwangerschaftsmonats der Höhe des übrigen Körpers. Beim Neugeborenen macht sie nur noch ein Viertel aus, beim 6-Jährigen ein Sechstel und beim Erwachsenen ein Achtel. Der Bauchnabel verschiebt sich von der unteren Körperhälfte beim Embryo durch das Körperwachstum im Verhältnis nach oberhalb der Körpermitte.

Lagebeschreibungen

Topografisch wird der KörperKörperLagebeschreibungenLagebeschreibungen in Regionen unterteilt (Abb. 1.4). Sie sind außerordentlich hilfreich, um die exakte Lage der Organe zu bestimmen, an der Körperoberfläche sichtbare Veränderungen zu beschreiben oder den Ablauf chirurgischer Eingriffe zu dokumentieren (Regionen des Kopfes Abb. 9.11).

Allgemeine Bezeichnungen

In der Medizin werden Lage- und Richtungsbezeichnungen auf ein Koordinatensystem aus 3 senkrecht aufeinanderstehenden Achsen und Ebenen übertragen, das sich auf einen aufrecht stehenden Menschen mit nach vorne gerichtetem Gesicht, herabhängenden Armen, nach vorne gerichteten Handflächen und nebeneinander stehenden Füßen bezieht (anatomische Nullstellung).anatomische Nullstellung
Ebenen
Als KörperEbenenEbenen, KörperHauptebenen werden die Frontal-, die Transversal-, die Sagittal- und die Medianebene unterschieden (Tab. 1.1, Abb. 1.5). Die Hauptebenen können mit Ausnahme der Medianebene beliebig parallel verschoben werden. In der Radiologie werden die 3 anatomischen Hauptebenen bei den bildgebenden Verfahren (CT und MRT) als Schichten mit einer eigenen Nomenklatur definiert.
Achsen
Longitudinal-, Transversal- und Sagittalachse sind die Hauptachsen des KörpersKörperachsen (Tab. 1.2).
Richtungsbezeichnungen und Lage der Körperteile
Lage- und RichtungsbezeichnungenLagebezeichnungen am KörperRichtungsbezeichnungen am KörperKörperLage- und Richtungsbezeichnungen dienen der Beschreibung von Position, Lage und Verlauf einzelner Strukturen. Manchmal sind die Bezeichnungen auch Bestandteil eines anatomischen Namens. Die Lagebezeichnungen sind unabhängig von der Position des Körpers. Die Lagebeschreibungen beziehen sich immer auf die anatomische Nullstellung. Die wichtigsten Begriffe sind in Tab. 1.3 zusammengefasst und z. T. in Abb. 1.5 dargestellt. Abb. 1.6 und Tab. 1.4 fassen darüber hinaus Orientierungslinien am Körper zusammen.
Bewegungsbezeichnungen
Um Positions- und Lageveränderungen BewegungsbezeichnungenKörperBewegungsbezeichnungeneinzelner Körperteile in Bezug auf die in ihren Gelenken stattfindenden biomechanischen Bewegungen zu beschreiben, werden definierte Begriffe verwendet (Tab. 1.5, Abb. 1.7). Diese Bewegungsbezeichnungen sind nicht immer klar voneinander abgrenzbar, da die Bewegungen je nach Gelenkart und beteiligten Gelenken verschiedene Freiheitsgrade erlauben und dadurch Kombinationen möglich sind. Die Bewegungsbezeichnungen sind je nach Körperregion unterschiedlich.
Bewegungsausmaß
Die Bewegungsfreiheit in einem GelenkGelenkeBewegungsfreiheit ist die maximale Auslenkung aus der neutralen Position: Der Mensch steht aufrecht, die Arme sind nach unten hängend entspannt, die Daumen nach vorn gerichtet, Ellenbogen und Kniegelenke sind nicht komplett gestreckt, sondern minimal gebeugt (Abb. 1.8). Diese Neutral-Null-StellungNeutral-Null-Stellung entspricht der anatomischen Nullstellung mit der Ausnahme, dass die Daumen nach vorne zeigen. Die Bewegungsfreiheit kann durch Knochen, Bänder und Weichteile eingeschränkt sein (Gelenkhemmung):
  • Knochenhemmung: KnochenhemmungZwei Knochen stoßen in einer bestimmten Gelenkstellung so aneinander, dass die Bewegung nicht fortgeführt werden kann, z. B. die Streckung im Ellenbogengelenk, wenn das Olecranon in die Fossa olecrani einrastet.

  • Bandhemmung: BandhemmungEin Band ist so angespannt, dass die Gelenkbewegung zum Stillstand kommt, z. B. die Retroversion im Hüftgelenk bei Spannung des Lig. iliofemorale.

  • Weichteilhemmung (Massenhemmung):Weichteilhemmung (Massenhemmung) Weichteile stoßen in einer bestimmten Gelenkstellung so aneinander, dass die Bewegung nicht fortgeführt werden kann, z. B. kann bei übermäßiger Muskulatur an Ober- und Unterarm im Ellenbogengelenk nur eingeschränkt gebeugt werden.

  • Muskelhemmung: MuskelhemmungDie Anordnung der Muskulatur stellt den limitierenden Faktor dar, z. B. die Unmöglichkeit, die Faust bei maximaler Beugung im Handgelenk fest zu schließen (Kap. 1.4.4, aktive und passive Insuffizienz).

Merke

Um den Bewegungsumfang eines Gelenks zu beschreiben und für den Nachuntersucher nachvollziehbar zu machen, bedient man sich der Neutral-Null-Methode (Abb. 1.8).

Klinik

Die Neutral-Null-Methode Neutral-Null-Methodeist ein standardisiertes orthopädisches Bewertungs- und Dokumentationssystem zur Beschreibung der Beweglichkeit von Gelenken. Man geht dabei von der Neutral-Null-Stellung (Abb. 1.8) aus und misst das erreichbare, auf eine bestimmte Achse bezogene Bewegungsausmaß in Winkelgraden. Dabei wird zunächst das Ausmaß der Bewegung bestimmt, die vom Körper wegführt, und danach die Bewegung zum Körper hin (Abb. 1.9). Somit ist die Beweglichkeit eindeutig nachvollziehbar und in Befunden und Arztbriefen dokumentierbar. Bewegungseinschränkungen ermittelt und bewertet man durch Vergleich mit Normwerten. Sie können als Grundlage für gutachterliche Stellungnahmen dienen.

Beispielsweise beträgt das normale Bewegungsausmaß des Kniegelenks 5° Extension und 140° Flexion. Das gerade gestreckte bzw. minimal gebeugte Knie ist die Null-Stellung des Gelenks. Beim Fuß ist dagegen die Null-Stellung der rechte Winkel zum Unterschenkel. Hier sind 20° Extension und 40° Flexion möglich. Der Normalumfang der Kniegelenkbeweglichkeit wird dementsprechend mit 5°–0°–140° (Knie strecken, Durchlaufen der Null-Stellung, Knie beugen, Abb. 1.9a) angegeben; am Fuß sind es entsprechend 20°–0°–40° (Dorsalextension, Durchlaufen der Nullstellung, Plantarflexion).

Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit können exakt mit der Neutral-Null-Methode wiedergegeben werden. Liegt beispielsweise eine Flexionskontraktur im Kniegelenk KniegelenkFlexionskontrakturFlexionskontrakturKniegelenkvon 0°–20°–140° vor (Abb. 1.9b), ist die Kniestreckung nicht möglich, die Null-Stellung wird nicht durchlaufen und das Knie befindet sich bei maximaler Streckung in 20° Beugestellung, kann aber bis 140° weiter gebeugt werden. Bei einer vollständigen KnieversteifungKnieversteifung, vollständige von 0°–20°–20° (Abb. 1.9c) sind weder eine Kniestreckung noch eine Kniebeugung möglich, die Null-Stellung wird nicht durchlaufen.

Haut und Hautanhangsgebilde

Die HautHaut der Körperoberfläche hat mit 1,5–2 m2 die größte Flächenausdehnung aller Organe des Körpers. Sie wiegt insgesamt zwischen 3 und 4 Kilogramm (gemeinsam mit dem Unterhautfettgewebe bis 16 kg). Ihre Dicke variiert je nach Körperregion zwischen 1 und 2 mm. Sie hat folgendeHautFunktionen Funktionen:
  • Schutz (mechanische, thermische, chemische Barriere, Immunabwehr)

  • Registrierung von Druck, Berührung, Erschütterung, Schmerz, Temperatur

  • Energiespeicherung

  • Wärmeisolation

Merke

Zustand und Aussehen der Haut und seiner Hautanhangsbebilde beeinflussen maßgeblich die soziale Akzeptanz und den subjektiven Eindruck eines Menschen. Für den Mediziner liefern sie Informationen über Alter, Lebensweise, Gesundheits- und Allgemeinzustand sowie Stimmung eines Menschen.

Klinik

Um Verbrennungen VerbrennungenNeuner-Regelder Körperoberfläche abschätzen zu können, macht man sich die Neuner-Regel Neuner-RegelVerbrennungenzunutze, die der prognostischen Abschätzung der verbrannten Hautoberfläche dient:

  • Erwachsener:

    • Arme und Kopf je 9 %

    • Brust/Bauch, Rücken und Beine je 18 %

    • Handinnenflächen einschließlich Finger und Genitalbereich je 1 %

  • Kinder bis 5 Jahre:

    • Arme 9,5 %

    • Brust/Bauch, Rücken je 16 %

    • Beine 17 %

    • Kopf 12 % (abhängig vom Alter)

Sind mehr als 20 % der Hautoberfläche verbrannt, handelt es ich um eine schwere Verbrennung. Ab 40 % ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Patient stirbt. Ab 5 % bei Kindern und 10 % bei Erwachsenen besteht Schockgefahr. Eine stationäre Krankenhausbehandlung ist möglichst immer indiziert und sollte speziellen dafür eingerichteten Verbrennungskliniken vorbehalten bleiben, um den Patienten bestmöglich zu therapieren.

Hautarten und Hautschichten

Felder- und Leistenhaut
Man unterscheidet aufgrund des morphologischen Aufbaus Felderhaut und Leistenhaut. Felderhaut Felderhauthat Drüsen und Haare und macht den größten Teil der Körperoberfläche aus. Sie ist in verschiedenen Körperregionen unterschiedlich dick. Leistenhaut Leistenhautbildet das Oberflächenrelief der Hand- und Fußflächen und ist – genetisch determiniert – für jeden Menschen individuell charakteristisch (Fingerabdruck). Dadurch ist eine individuelle Identifizierung möglich.
Hautschichten
Die Haut (Cutis) HautSchichtenCutisbesteht aus Epidermis, Dermis und Subcutis (Abb. 1.10).
Epidermis
Die Epidermis (Oberhaut, Epithel) EpidermisOberhautEpithelbildet die Hautoberfläche und hat charakteristische Schichten:
  • Stratum corneum

  • Stratum lucidum (nur Leistenhaut)

  • Stratum granulosum

  • Stratum spinosum

  • Stratum basale

Es handelt sich um ein mehrschichtiges verhorntes Plattenepithel ohne Blutgefäße, das zahlreiche Rezeptoren in Form von freien Nervenendigungen (mechanische, thermische und/oder Schmerzempfindung) und merkel-ZellenMerkel-Zellen (Druckempfindung) enthält. Außerdem kommen MelanozytenMelanozyten und dendritische Zellendendritische Zellen (Immunzellen, langerhans-Zellen)Langerhans-Zellen vor.
Dermis
Die sich an die DermisLederhautCoriumEpidermis anschließende Dermis (Lederhaut, Corium) ist eine Bindegewebsschicht mit einem oberflächlichen Kapillarplexus (Plexus superficialis) an der Grenze zwischen Epidermis und Dermis und einem tiefen Gefäßplexus (Plexus profundus) an der Grenze zwischen Dermis und darunter liegender Subcutis. Die Gefäßplexus dienen nicht nur der Durchblutung, sondern auch der Wärmeregulation. Die Dermis hat 2 Schichten:
  • Stratum papillare: Papillen aus kollagenem und elastischem Bindegewebe, die der Verzahnung mit der Epidermis dienen. Jede Papille hat eine Kapillare des Plexus superficialis, die bis zur Papillenspitze verläuft.

  • Stratum reticulare: straffes kollagenes und elastisches Bindegewebe

Die Dermis ist gut vaskularisiert und innerviert. Sie beherbergt diverse spezialisierte Rezeptoren:
  • merkel-ZellenMerkel-Zellen für Druckempfindung

  • meißner-TastkörperchenMeissner-Tastkörperchen für Berührung (besonders Stratum papillare)

  • ruffini-KörperchenRuffini-Körperchen für Dehnungsempfindung (besonders Stratum reticulare)

  • vater-pacini-KörperchenVater-Pacini-Körperchen für Vibrationsempfindung

  • freie Nervenendigungen für mechanische, thermische und/oder Schmerzempfindung

Ferner kommen Nerven, Lymphgefäße, Immunzellen, melanotoninproduzierende Zellen (UV-Schutz), Schweißdrüsen, Haarfollikel, Talgdrüsen und glatte Muskelzellen vor. Epidermis und Dermis sind über das aus Bindegewebspapillen bestehende Stratum papillare der Dermis verzahnt. Darunter schließt sich das Stratum reticulare der Dermis an. Letzteres ist hauptsächlich für die Dehnbarkeit der Haut zuständig.

Klinik

Epidermis und Stratum papillare der Dermis (dermoepidermale Verbindungszone) werden durch verschiedene Proteine und Strukturen aneinander fixiert. Fehlt eines oder mehrere dieser Proteine und Haftstrukturen (z. B. genetisch bedingt) oder wird es zerstört (z. B. mechanisch), können Blasen (Bullae) Blasen (Bullae)entstehen und es kann in seltenen Fällen zur großflächigen Ablösung der Epidermis kommen. Es gibt auch Erkrankungen wie das bullöse Pemphigoid, Pemphigoid, bullösesbei denen Antikörper gegen Bestandteile der Haftstrukturen gebildet werden (Autoantikörper). Beim Pemphigus Pemphigusstören die Antikörper die Haftung der Zellen innerhalb der Epidermis.

Subcutis
Unterhalb der Dermis schließt sich die aus lockerem Bindegewebe und Fettgewebe bestehende SubcutisSubcutis (subkutanes Fettgewebe) an.

Klinik

Die Hauptverlaufsrichtung der im Stratum reticulare der Dermis vorkommenden Kollagenfasern gibt sog. Spaltlinien vorHautSpaltlinien, die für die korrekte Schnittführung in der Chirurgie eine große Rolle spielen. Schnittführungen entgegen den Spaltlinien führen zu verstärkter Narbenbildung und der späteren Ausbildung unphysiologischer Falten.

Hautanhangsgebilde

Zu den HautanhangsgebildenHautanhangsgebilde (-organen) zählen außer Haaren und Nägeln auch die großen und kleinen Schweißdrüsen, Talgdrüsen sowie die Brustdrüsen (Milchdrüsen, Mammae).
Haare
Haare (Pili) Haare (Pili)Pili (Haare)sind als Relikt zum Zweck der Wärmeisolation zu sehen. Im Laufe der Evolution war diese Funktion aber nicht mehr nötig und hat sich zurückgebildet. Heute tragen sie im Wesentlichen zum äußeren Erscheinungsbild des Menschen bei und spielen eine große Rolle in der sozialen Akzeptanz und dem ästhetischen Empfinden. Darüber hinaus dienen sie dem UV-Licht- und Wärmeschutz sowie der Tastempfindung.
Haare sind Verhornungsprodukte der Epidermis, die aus Matrixzellen am Boden von Einstülpungen der Epidermis hervorgehen (Abb. 1.11). Die Abkömmlinge der Matrixzellen differenzieren sich zu Hornzellen, aus denen der Haarschaft entsteht.
Grundtypen
Postnatal unterscheidet man 2 Grundtypen von Haaren:
  • Vellushaare (Flaumhaare)Vellushaare (Flaumhaare)Flaumhaare (Vellushaare): Sie sind weich und kurz, die Follikel (s. u.) stecken in der Epidermis. Vellushaare sind dünn und nahezu nicht pigmentiert, sie haben kein Mark (s. u.) und entsprechen der fetalen Lanugobehaarung. LanugobehaarungBei Kindern und Frauen bedecken sie den größten Teil des Körpers.

  • Terminalhaare (Langhaare): Terminalhaare (Langhaare)Langhaare (Terminalhaare)Sie sind fest und lang, die Follikel reichen bis in die Subcutis. Terminalhaare sind dick und pigmentiert, sie verfügen über ein Mark, kommen als Haupthaar, Wimpern, Brauen, Scham-, Achsel- und Barthaare vor und unterscheiden sich meist deutlich bei verschiedenen ethnischen Gruppen. Terminalhaare werden in Kurzhaare (Wimpern, Brauen) und Langhaare (alle übrigen) unterteilt. Ihre Ausprägung hängt von genetischen Faktoren und dem Geschlecht ab.

Haarfollikel
Haare entstehenHaarfollikel in zylindrischen Epitheleinsenkungen, die in die Dermis oder bis in die Subcutis reichen. Diese Haarfollikel werden von Blutgefäßen ernährt und bestehen jeweils aus Haarzwiebel und Haarpapille. Von ihnen geht das Haarwachstum aus. Pro Haarfollikel kommen eine Talgdrüse (Haar-Talgdrüsen-Einheit) Haar-Talgdrüsen-Einheitund ein glatter Muskel (M. arrector pili) Musculus(-i)arrector pilivor. Letzterer kann das Haar aufrichten, indem er die Epidermis grübchenförmig einzieht (Gänsehaut). Am Haar unterscheidet man (Abb. 1.11):
  • Haarschaft: vollständig verhornt, mit einer epithelialen Haarwurzelscheide

  • Haarzwiebel (Haarbulbus): der aufgetriebene epitheliale Anfangsteil des Haares, der zur Zellteilung befähigte Matrixzellen enthält

  • Haarpapille: ein zellreicher Bindegewebsfortsatz der Dermis, der sich von unten in den Haarbulbus vorstülpt

  • Haartrichter: stellt die Mündung des Follikels zur Hautoberfläche dar; in ihn mündet die haarassoziierte Talgdrüse ein

  • epitheliale Wurzelscheide: wird in innere und äußere Wurzelscheide getrennt

    • innere Wurzelscheide: ihre Schichten sind von innen nach außen

      • Scheidencuticula

      • huxley-Schicht

      • henle-Schicht

    • äußere Wurzelscheide: setzt sich aus mehreren Schichten heller, unverhornter Zellen zusammen, die erst im Bereich des Haartrichters verhornen und hier in die Epidermis der Haut übergehen

Genetische Veranlagung und Pigmentgehalt (Melanin) der Haare sind für die charakteristische Haarfarbe eines Menschen verantwortlich. Nach Erlöschen der Melaninproduktion sieht das Haar grau bis weiß aus.
Nägel
Auf der Oberseite der Finger und Zehen befinden sich die ca. 0,5 mm dicken Nägel. Jeder Nagel (Unguis) Nagel/NägelUnguis (Nagel)ist eine konvex gewölbte, durchscheinende Keratinplatte (Nagelplatte), die dem Schutz der Fingerkuppen dient und die Greiffunktion unterstützt (Abb. 1.12). Strukturen des Nagels sind:
  • Nagelplatte (Corpus unguis)

  • Nageltasche (Vallum unguis); hierin liegt seitlich die Nagelplatte

  • Nagelwall (Nagelpfalz): Hautfalte, welche die Nageltasche überragt

  • Nagelhaut (Eponychium, Cuticula, Nagelhäutchen): das Epithel, das in der Nageltasche dorsal der Nagelplatte aufliegt

  • Hyponychium: HyponychiumEpithel, dem die Nagelplatte aufliegt

  • Nagelmatrix (Matrix unguis): Epithel proximal des Hyponychiums, aus dem die Nagelplatte hervorgeht

  • Nagelbett: Bindegewebe unterhalb der Nagelmatrix, das fest mit der Knochenhaut des Endglieds verwachsen ist

  • Lunula:Lunula halbmondförmiger durch die Nagelplatte sichtbarer Teil der Matrix unguis (weißlich), aus der die Nagelplatte hervorgeht

Klinik

Manche Menschen haben weiße Flecken Nagel/Nägelweiße Fleckenunter den Nägeln. Dabei sind Nagelbett und Nagelplatte ungenügend aneinander fixiert. Die Nagelplatte erscheint aufgrund veränderter Lichtreflexion an diesen Stellen milchig-weiß (so wie die Lunula). Mögliche Ursachen dafür sind Stöße gegen die Nagelplatte, Medikamente oder verschiedene Krankheiten.

Ein Mangel an Biotin (Vitamin H) ist ein häufiger GrundNagel/Nägelbrüchige für brüchige Nägel, weil Biotin zur Bildung von Keratin, der Hauptsubstanz der Nagelplatte, benötigt wird.

Diverse systemische Erkrankungen gehen mit Nagelveränderungen einher. Psoriasis (Schuppenflechte) führt so beispielsweise zur Bildung von TüpfelnTüpfelnägel (kleinen Gruben), Nagel/NägelÖlfleckenÖlflecken, Krümelnägeln Krümelnägeloder Nageldystrophie.Nageldystrophie

NagelmykosenNagelmykosen (Pilzbesiedlung der Nägel) sind eine häufige Ursache, einen Dermatologen (Hautarzt) aufzusuchen. Die Therapie ist oft langwierig.

Hautdrüsen
Schweißdrüsen
Schweißdrüsen (Glandulae sudoriferae) HautdrüsenSchweißdrüsenGlandula(-ae)sudoriferaekommen als kleine und große Schweißdrüsen vor.
  • Kleine Schweißdrüsen sind über die gesamte Körperoberfläche verteilt. Dabei variiert ihre Dichte von 50/cm2 (Rücken) bis 300/cm2 (Handinnenflächen). Die Ausführungsgänge münden auf Hautleisten oder erhöhten Punkten der Epidermis. Funktionell stehen sie im Dienst der Thermoregulation: Wird der hypotone Schweiß vermehrt ausgeschüttet, verdunstet die Flüssigkeit und dem Körper wird Wärme entzogen (Verdunstungskälte). Normalerweise werden in 12 Stunden etwa 250 ml Schweiß abgegeben. Bei erhöhter Umgebungstemperatur kann diese Menge um ein Vielfaches steigen. Bakterien, welche die Haut physiologisch besiedeln, verändern die Zusammensetzung des Schweißes und verleihen ihm dadurch einen charakteristischen Geruch.

  • Große Schweißdrüsen (Duftdrüsen)Duftdrüsen kommen nur regional vor, z. B. in der Achselhöhle, um die Brustwarzen, im Augenlid, im äußeren Gehörgang, in der Perigenital- und Perianalregion. Sie werden erst in der Pubertät voll funktionsfähig und beeinflussen – wiederum durch bakterielle Modifikation des Sekrets – den individuellen Körpergeruch eines Menschen.

Talgdrüsen
TalgdrüsenTalgdrüsen kommen meist gemeinsam mit Haaren vor (Haar-Talgdrüsen-Einheit, s. o.). In einigen Körperregionen gibt es aber auch Talgdrüsen ohne Assoziation zu Haaren, z. B. an den Augenlidern (meibom-Drüsen),Meibom-Drüsen (Glandulae tarsales) im äußeren Gehörgang, an den Brustwarzen, Lippen und in der Genitalregion. Talgdrüsen produzieren ein öliges Sekret, das der Einfettung von Haaren und der Haut dient oder beispielsweise den Tränenfilm überzieht und so vor Verdunstung schützt.
Brustdrüse
Die BrustdrüseBrustdrüse ist in Kap. 3.1.2 bei der Brustwand dargestellt.

Muskuloskelettales System

Das muskuloskelettale Systemmuskuloskelettales System setzt sich aus passiven (Knochen, Knorpel, Bänder und Gelenke) und aktiven (Muskeln und Sehnen) Elementen zusammen.

Knorpel

KnorpelKnorpel gehört wie Knochen zu den Stützgeweben des Körpers. Er wird hier nur kurz zum weiteren Verständnis erwähnt. Knorpel besteht aus Knorpelzellen (Chondrozyten) und Extrazellularmatrix (EZM), deren wichtigste Bestandteile Proteoglykane und Kollagenfibrillen sind. Knorpel hat eine hohe Druckelastizität. Diese basiert auf seiner festen Konsistenz, die ihn bei Druck nur begrenzt verformt und nach Entlastung wieder in seine alte Form zurückkehren lässt. Aufgrund der Zusammensetzung unterscheidet man 3 verschiedene Knorpeltypen:
  • Hyaliner Knorpel: Diese häufigste Knorpelart (Gelenkknorpel, Atemwege, Nasenspitze, Nasenseptum, Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien, Rippen, Wachstumsplatten, Primorialskelett vor Verknöcherung) besteht aus in Gruppen zusammengelagerten Knorpelzellen (Chondrone) und EZM. Die Kollagenfasern sind im histologischen Schnitt nicht sichtbar (sie sind maskiert).

  • Elastischer Knorpel: Er ist wie hyaliner Knorpelhyaliner Knorpelelastischer Knorpel aufgebaut, enthält aber zusätzlich in großer Menge elastische Fasern in der EZM und hat kleinere Knorpelzellen. Er kommt in der Ohrmuschel, im äußeren Gehörgang, der Tuba auditiva, der Epiglottis, als kleine Kehlkopfknorpel und in den kleinsten Bronchien vor.

  • Faserknorpel: FaserknorpelDie Knorpelzellen liegen hier einzeln, die Kollagenfasern sind nicht maskiert, man kann sie im histologischen Schnitt sehen (daher der Name). Faserknorpel kommt in Bandscheiben, der Symphysis pubica, den Disci articulares, Menisken, in chondralen Sehnenansätzen, in Gleitsehnen und im Kiefergelenk vor.

Knochen

Die KnochenKnochen (Ossa)Os(-sa) bilden das knöcherne Skelett des Körpers. Das Skelett des Erwachsenen besteht aus nahezu 200 Einzelknochen, die über Gelenke miteinander in Verbindung stehen.
Beim Knochen handelt es sich nicht um totes, sondern um ein sehr gut durchblutetes, lebendes Gewebe. 10 % des Knochens befinden sich auch nach Abschluss des Wachstums in ständigem Umbau. Liegen die Orte für den Knochenauf- und -abbau an verschiedenen Stellen, ändert sich die Form des KnochensKnochenModeling/Remodeling (Modeling); finden beide Prozesse am gleichen Ort statt, ändert sich die Form nicht (Remodeling). Bei konstanter Beanspruchung halten sich Knochenanbau und -abbau die Waage. Erst wenn ein Prozess überwiegt, verändert sich die Knochenstruktur: Überwiegt der Aufbau, kommt es zur Knochenverdichtung (OsteoskleroseOsteosklerose); wird mehr Knochen ab- als aufgebaut, spricht man von OsteolyseOsteolyse oder OsteoporoseOsteoporose (Knochenschwund). Dabei können die Vorgänge lokalisiert oder generalisiert auftreten.
Knochen besteht aus organischen Substanzen (hauptsächlich Typ-I-Kollagen und Knochenzellen [Osteozyten, Osteoblasten, Osteoklasten]) und anorganischer Matrix (enthält Salze wie Kalziumphosphat, Magnesiumphosphat und Kalziumkarbonat sowie Kalzium-, Kalium- und Natriumverbindungen mit Chlor und Fluor). 99 % des körpereigenen Kalziumvorrats sind im Knochen gebunden. Das entspricht 1–1,5 kg Kalzium pro Mensch. Nur 1 % kommt außerhalb des Knochens vor, z. B. im Blut oder in der Muskulatur. Organische und anorganische Matrix bilden einen Verbund, dessen mechanische Eigenschaften vom Verhältnis der Einzelkomponenten abhängen. Knochenaufbau (Knochenformation) und Knochenabbau (Knochenresorption) werden durch diverse Faktoren wie mechanische Beanspruchung, Hormone, Wachstumsfaktoren, Matrixmoleküle und Zytokine beeinflusst.
Funktionen des Knochens sind:
  • Stütze (gesamtes Knochensystem)

  • Schutz (Schädelkapsel und Wirbelkanal)

  • Kalziumreservoir (gesamtes Knochensystem)

  • Blutbildung (gesamtes Knochensystem, altersabhängig)

Klinik

Bei Inaktivität, Immobilisierung (Ruhigstellung, z. B. durch Gips), fehlender Schwerkraft (Astronauten), Erkrankungen wie OsteoporoseOsteoporose (Knochenschwund) oder in Knochen ausgewanderten bösartigen Tumorabsiedlungen (KnochenmetastasenKnochenmetastasen) wird Knochensubstanz abgebaut, wodurch die Stabilität des Knochens gefährdet ist. Ziel der Behandlung ist es, das verschobene Gleichgewicht durch frühes Training oder durch medikamentöse Therapie zugunsten des Knochenaufbaus oder Knochenerhalts zu verschieben. Einer funktionellen Frühmobilisierung nach Verletzungen und Operationen durch Physiotherapie kommt daher sehr große Bedeutung zu.

Einteilung der Knochen
Die KnochenKnochenEinteilung werden in verschiedene Gruppen eingeteilt, die sich nach ihrem Aufbau und ihrem Aussehen richten (Tab. 1.6, Abb. 1.13).
Funktionelle Anpassung
Bauprinzip
Die KnochengestaltKnochenBauprinzip ist genetisch festgelegt; ihre Struktur hängt aber im Gegensatz dazu maßgebilch von der Art und Größe der auf sie wirkenden mechanischen Beanspruchung ab. Dabei sind Knochen nach einem ökonomischen Bauprinzip geformt: Mit dem geringsten Materialaufwand wird ein höchstmögliches Maß an Festigkeit erreicht (Minimum-Maximum-Prinzip). Das Rohr (Röhrenknochen) ist dabei die optimale Konstruktion eines auf Biegung beanspruchten Körpers: innen hohl und in alle Richtungen biegsam (hohe Spannungen am Rand, im Inneren = 0 = neutrale Faser = keine Spannungen). Die Leichtbauweise wird besonders deutlich, wenn man sich die Gewichtsverhältnisse betrachtet: Auf die Knochen entfallen nur 10 % des Körpergewichts, auf die Muskulatur über 40 %.
Knochen besitzen eine äußere kompakte Hülle (Substantia compacta oder corticalis, Kompakta, Kortikalis) KompaktaKortikalisaus Osteonen und Lamellen sowie einen nach innen gerichteten Leichtbau aus Knochenbälkchen (Substantia spongiosa, Spongiosa, Spongiosatrabekel) Spongiosamit dazwischen liegenden Räumen, die dem Knochenmark Raum bieten (Abb. 1.14). Der flächige Aufbau der platten Knochen erlaubt die Unterscheidung in eine äußere und eine innere Kortikalis mit dazwischen liegender Spongiosa. An den platten Schädelknochen wird die Substantia compacta auf der Außenseite als Lamina externa und auf der Innenseite als Lamina interna bezeichnet. Die Substantia spongiosa heißt hier Diploë. DiploëDie pneumatisierten Knochen besitzen Hohlräume, die mit Schleimhaut ausgekleidet sind. Diese Konstruktion, die ausschließlich im Kopf vorkommt, dient der Gewichtsreduktion.
Anpassung
Die Kompakta ist in BereichenKnochenAnpassung, funktionelle höherer Krafteinwirkung (Druckbeanspruchung) verstärkt (quantitative Anpassung). So ist die Kortikalis des Oberschenkelknochens (Femur) beispielsweise auf der medialen Seite verstärkt (dickere Kortikalis, Linea aspera), da er hier in der Frontalebene einer großen Biegebeanspruchung ausgesetzt ist (Abb. 1.15a). Die Spongiosabälkchen sind entsprechend den auf den Knochen in diesem Bereich wirkenden Druck- und Zugspannungen (Drucktrabekel = Drucktrajektorien, Zugtrabekel = Zugtrajektorien) ausgerichtet (qualitative Anpassung) (Abb. 1.15b). Drucktrabekel laufen wie Kompressionstrajektorien; Zugtrabekel laufen wie Dehnungstrajektorien.
In Bereichen des KnochensKnochenneutrale Fasern, die nicht belastet sind (sog. neutrale Faser), ist keine Spongiosa ausgebildet, z. B. im Röhrenknochen.

Klinik

Der Schenkelhalswinkel (Winkel zwischen Oberschenkelknochenhals und Oberschenkelknochenschaft; auchCCD-WinkelCentrum-Collum-Diaphysen-Winkel (CCD-Winkel) CCD-Winkel = Centrum-Collum-Diaphysen-Winkel; Kap. 5.3.1) ist in der Frontalebene normalerweise beim Erwachsenen ca. 126° groß. Unterschreitet der Winkel den Wert von 120°, spricht man von einer Coxa varaCoxavara. Dabei bildet der Knochen vermehrt Zugtrabekel, um der hohen Beanspruchung (Zugspannungen) im Schenkelhals entgegenzuwirken. Diese Anpassungsvorgänge sind allerdings nur bis zu einem bestimmtem Maß möglich. Übersteigt die Beanspruchung im Schenkelhals bei einer Coxa vara die Anpassungsmöglichkeiten des Knochens, resultiert eine Schenkelhalsfraktur. Hierzu reichen bei einer Coxa vara schon wesentlich geringere Kräfte als bei einem normalen Schenkelhalswinkel (Coxa norma).

Bau eines Röhrenknochens
An RöhrenknochenRöhrenknochenBau werden unabhängig von der absoluten Länge ein Schaft (Diaphyse) Diaphysesowie üblicherweise 2 Enden (proximale und distale Epiphyse) unterschieden (Abb. 1.16). Die Epiphysen tragen an ihren Enden Gelenkknorpel; zwischen EpiphyseEpiphyse und Diaphyse liegt für die Dauer des Längenwachstums die knorpelige Wachstumszone (Epiphysenfuge). Nach Abschluss des Knochenwachstums sieht man die ehemalige Wachstumszone im Knochenschnitt noch als Epiphysenlinie. Unmittelbar an die Wachstumszone bzw. Epiphysenlinie schließt sich die Metaphyse Metaphysean. Sie stellt die im Laufe des Wachstums aufgebaute Knochenbildungszone dar. Weitere Knochenvorspünge werden als Apophysen Apophysenbezeichnet. Sie entstehen durch den Ansatz von Sehnen und Bändern und besitzen im Rahmen der Entwicklung eigene Knochenkerne. Bereiche, an denen die Knochenoberfläche nicht glatt, sondern rau ist, werden als Rauigkeit (Tuberositas) bezeichnet. Ferner kommen Knochenkämme oder -leisten vor (Cristae), Lippen (Labiae) oder linienförmige Rauigkeiten (Lineae). Alle Rauigkeiten dienen der Verbindung mit Muskeln und Bändern. Je nach Beanspruchung des Knochens ist das Verhältnis von Dicke und Ausbildung der Kompakta und Spongiosa angepasst (s. o.). Die Markhöhle (Cavitas medullare) ist mit Knochenmark gefüllt, das sich auch zwischen den Spongiosatrabekeln erstreckt.

Klinik

Übersteigt die Belastung eines Knochens seine Festigkeit, kommt es zum Knochenbruch (Fraktur). FrakturKnochenFrakturDabei entstehen 2 oder mehr Bruchstücke (Fragmente), die verschoben (disloziert) sein können. Außer Schmerzen gelten abnormale Beweglichkeit, Reibegeräusche bei Bewegung (Krepitation), Achsenfehlstellungen und ein anfänglicher Muskelstupor (fehlende Muskelaktivität) als sichere Zeichen einer Fraktur. Beweisend ist eine Röntgenaufnahme. Die Frakturheilung sollte im Idealfall unter vollständiger Belastungs- und Bewegungsruhe erfolgen. Dazu verfestigt man die Bruchfragmente bis zur vollen Belastungsfähigkeit, bei Röhrenknochen unter Wiederherstellung der Markhöhle, z. B. durch Gips, Schrauben oder Platten. Bei schmalem, irritationsfreiem Frakturspalt (< 5 mm) ist eine Frakturheilung, primäre/sekundäreprimäre Frakturheilung ohne Ausbildung von Kallus möglich. Dies gelingt allerdings fast nur nach operativer Osteosynthese mit Schrauben und Platten, wenn die Frakturenden optimal adaptiert sind. Die sekundäre Frakturheilung erfolgt über die Ausbildung von Kallus, der allmählich wieder funktionell umgebaut wird.

Im erwachsenen (adulten) Organismus befindet sich rotes KnochenmarkKnochenmarkrotes (Medulla ossium rubra) in den Epiphysen und gelbes Knochenmark Knochenmarkgelbes(Medulla ossium flava) in den Diaphysen. Rotes Knochenmark steht im Dienste der Blutbildung; gelbes Knochenmark besteht hauptsächlich aus Fett- und Bindegewebe. Unter krankhaften (pathologischen) Bedingungen (z. B. massiver Blutverlust) kann das gelbe Knochenmark in kurzer Zeit in den Diaphysen durch rotes Knochenmark ersetzt werden. Die Diagnose von z. B. Erkrankungen des blutbildenden Systems (Leukämien) kann dann mithilfe von Knochenmarkpunktionen der Spongiosa am Beckenkamm (BeckenkammpunktionBeckenkammpunktion) oder am Brustbein (SternalpunktionSternalpunktion – heute nur noch selten durchgeführt) gestellt werden.

Knochenentwicklung (Osteogenese)
EntwicklungsgeschichtlichKnochenEntwicklung Osteogenesebilden sich Knochen aus knorpeligen oder bindegewebigen Vorstufen (Mesenchymverdichtungen, Blastemen). Die dabei ablaufenden Vorgänge derOssifikationdesmaleOssifikationchondrale desmalen (bindegewebigen, direkten) und chondralen (knorpeligen, indirekten) Knochenbildung Osteogenese(Osteogenese), der Aufbau von unreifem (Geflechtknochen, Faserknochen, primärer Knochen) Geflechtknochenund reifem (Lamellenknochen, sekundärer) LamellenknochenFaserknochenKnochen sowie die Vorgänge in den Wachstumszonen des Knochens werden in den Lehrbüchern der Histologie eingehend abgehandelt. Knochenbildung findet jedoch nicht an allen Skelettabschnitten zeitgleich statt. So startet sie bereits im 2. Embryonalmonat am Schlüsselbein (Clavicula) und endet um das 20. Lebensjahr mit dem Schluss der Wachstumszonen mancher Röhrenknochen. Im Rahmen der Entwicklung bilden sich in den Epi- und Apophysen durch enchondrale Ossifikation sekundäreKnochenkerne Knochenkerne. Sie werden üblicherweise in einem begrenzten Zeitraum in einer für jedes Skelettelement typischen Reihenfolge gebildet. Aus dem zeitlichen Auftreten der Knochenkerne und dem Verknöcherungsmuster der Knochen kann das Alter des Skeletts bestimmt werden (Abb. 1.17). Dabei unterscheidet man Knochenkerne, die während der Fetalperiode im Bereich der Diaphysen entstehen (diaphysäre Ossifikation)OssifikationdiaphysäreOssifikationepi-/apophysäre und Knochenkerne, die sich z. T. in der 2. Hälfte der Fetalzeit und z. T. in den ersten Lebensjahren innerhalb der knorpelig angelegten Epi- und Apophysen bilden (epi- und apophysäre Ossifikation). Schließen sich die Epiphysenfugen (Synostosierung, s. u.) ist das Längenwachstum abgeschlossen. Im Röntgenbild sind dann keine isolierten Knochenkerne mehr sichtbar.

Klinik

In der Orthopädie spielen die Bestimmung des Skelettalters SkelettalterBestimmungund der ggf. vorhandenen Wachstumsreserve für die Therapieplanung und Prognose von orthopädischen Erkrankungen und Fehlentwicklungen im Kindesalter eine große Rolle.

Periost und Endost
Knochen sind an allen Stellen, an denen sich keine Gelenkflächen befinden oder Sehnen direkt in sie einstrahlen, von einem Periost Periost(Beinhaut) umgeben. Das Periost besteht aus einer umgebenden bindegewebigen Schicht (Stratum fibrosum) und einer inneren ernährenden Regenerationsschicht (Stratum osteogenicum). Die Kollagenfasern des Stratum fibrosum verlaufen vorzugsweise in Längsrichtung. Davon abzweigende Kollagenfasern ziehen als sharpey-Fasern Sharpey-Faserndurch das vaskularisierte und dicht innervierte Stratum osteogenicum in die Kompakta und verankern das Periost fest am Knochen. Das Periost ist sehr gut innerviert und durchblutet. Innen wird der Knochen (die Spongiosatrabekel) von einem einschichtigen Epithel bedeckt, dem En(d)ost. EndostDie Blutversorgung des Knochens sowie des Knochenmarks erfolgt über größere Gefäße, die den Knochen in Form von Knochenkanälen penetrieren (Vasa nutritia). VasanutritiaSie sind am knöchernen Skelett als Löcher im Knochen sichtbar.

Merke

Aufgrund der guten Innervation des Periosts sind Stöße gegen den Knochen immer außerordentlich schmerzhaft (Tritt gegen das Schienbein). Nach Knochenbrüchen geht die Knochenregeneration vom Peri- und Endost aus.

Blutversorgung
Die im KnochenKnochenBlutversorgung ständig ablaufenden Remodeling-Vorgänge, die Blutbildung im Knochenmark und der Kalziumhaushalt machen eine gute Blutversorgung des Knochens notwendig. Aus diesem Grund hat der Knochen zu- und abführende Blutgefäße (Vasa nutritia), die über entsprechende Durchtrittsstellen im Knochen (Foramina nutritia) Foramen(-ina)nutriciaein- und austreten. Die Kompakta der Röhrenknochen besitzt ein spezielles Gefäßsystem aus Havers-Kanälehavers- und volkmann-KanälenVolkmann-Kanäle.

Gelenke

GelenkeGelenkeGelenkeVerbindungen (Junkturen) sind bewegliche Verbindungen zwischen knorpeligen und/oder knöchernen Skelettelementen. Sie ermöglichen Bewegungen und übertragen Kräfte, ohne dass in den Knochen kritische Beanspruchungswerte erreicht werden, die zu einer Fraktur führen würden.
Gelenkverbindungen
Die benachbarten Knochen des Skelettsystems können kontinuierlich oder diskontinuierlich und damit durch 2 Arten von Gelenken miteinander in Verbindung stehen:
  • unechte Gelenke (Synarthrosen, Synarthrosenkontinuierliche Verbindungen)

  • echte Gelenke (Diarthrosen, Diarthrosendiskontinuierliche Verbindungen)

Unechte Gelenke zeichnen sich durch Füllgewebe zwischen den Skelettelementen aus; es gibt keinen Gelenkspalt, man spricht von Fugen, Junkturen oder Haften. Echte Gelenke besitzen im Gegensatz dazu einen Gelenkspalt zwischen den Skelettelementen.
Unechte Gelenke
Synarthrosen (Tab. 1.7, Abb. 1.18) GelenkeunechteSynarthrosenunterscheiden sich nach Art des Füllgewebes, das aus Bindegewebe, Knorpel oder Knochen bestehen kann. Normalerweise erlauben Synarthrosen nur geringe bis mittelgradige (Füllmaterial Bindegewebe oder Knorpel) oder gar keine Bewegungen (Füllmaterial Knochen) zwischen den Skelettelementen. Dabei hängt das Bewegungsausmaß von der Art und Menge des Füllgewebes ab, das sich seinerseits im Sinne einer funktionellen Anpassung je nach der mechanischen Belastung entwickelt, der die Synarthrose ausgesetzt ist. So werden Syndesmosen auf Zug beansprucht; in Synchondrosen kommt je nach Art der Belastung hyaliner Knorpel (Druckbeanspruchung) oder Faserknorpel (Schubbeanspruchung) vor. Ein Beispiel ist die Symphysis pubica (Abb. 1.19). Sie wird oberhalb und unterhalb durch 2 Bänder verstärkt (Ligg. pubica superius et inferius), welche die Zugkräfte auffangen; im Symphysenspalt kommen hyaliner Knorpel zum Abfangen der Druckkräfte und Faserknorpel für die einwirkenden Schubbeanspruchungen vor.
Bandhaft [Syndesmose, Junctura fibrosa]
Die BandhaftSyndesmoseJuncturafibrosaaneinandergrenzenden Knochen stehen in Verbindung durch:
  • kollagene Bindegewebsfasern – z. B. Membrana interossea radioulnaris

  • elastische Bindegewebsfasern – z. B. Ligg. flava zwischen benachbarten Wirbelbögen

Syndesmosen sind die Membrana interossea cruris, die Syndesmosis tibiofibularis und die Schädelfontanellen bzw. -suturen. Die Schädelnähte (Suturen) SchädelnähteSuturensind durch Bindegewebe überbrückt, das sich aus embryonalem Bindegewebe entwickelt hat und kurz nach der Geburt in Form der Fontanellen noch größere Bereiche zwischen den sich entwickelnden Schädelknochen überbrückt (Kap. 9.1.3). Nach ihrer Gestalt unterscheidet man:
  • Sutura serrata Sutura(-ae)serrata(Zackennaht): gezahnte Verbindung, sehr fest (z. B. Sutura lambdoidea)

  • Sutura squamosa (Schuppennaht):Sutura(-ae)squamosa schuppenartig abgeschrägte Knochenfläche (z. B. Squama ossis temporalis oder Os parietale)

  • Sutura plana (Glattnaht): Sutura(-ae)planadie Knochenränder sind nahezu glatt und parallel (z. B. Sutura palatina mediana)

  • Schindylesis Schindylesis(Nutennaht): ein Knochenkamm ist in eine spaltförmige Vertiefung eingesenkt (z. B. Vomer in Os sphenoidale)

  • Gomphosis (Einzapfung):Gomphosis Einsatz der Zahnwurzel im Alveolarknochen

Knorpelhaft [Synchondrose, Junctura cartilaginea]
Die aneinandergrenzenden Knochen KnorpelhaftSynchondroseJuncturacartilagineastehen durch hyalinen Knorpel in Verbindung. Hierzu gehören die Rippenknorpel zwischen Rippen und Brustbein, die Wachstumszonen der Epiphysen oder auch die Synchondrosis sphenooccipitalis am Schädel. Eine Symphyse (Verwachsung) wie die Symphysis pubica stellt eine Sonderform dar. Wie in den Zwischenwirbelscheiben (Disci intervertebrales) kommt hier Faserknorpel vor.
Knochenhaft [Synostose, Junctura ossea]
Zwei KnochenhaftSynostoseJuncturaosseaKnochen sind sekundär durch Knochengewebe miteinander verschmolzen, z. B. das Os sacrum oder das Os coxae.

Klinik

Verschmelzen 2 Knochen innerhalb eines bestehenden Gelenks, z. B. nach einer Gelenkinfektion oder durch Immobilisierung, spricht man von einer Ankylose.

Echte Gelenke
Kennzeichen von DiarthrosenDiarthrosenGelenkeechte sind (Abb. 1.20):
  • artikulierende Skelettelemente

  • ein Gelenkspalt

  • von Knorpel bedeckte Gelenkflächen (Facies articulares)

  • eine Gelenkhöhle (Cavitas articularis)

  • eine umgebende Gelenkkapsel (Capsula articularis)

  • die Gelenkkapsel verstärkende Bänder

  • Muskulatur, die das Gelenk bewegt und stabilisiert

Die Strukturen bilden eine funktionelle Einheit. Echte Gelenke, die aufgrund einer besonders straffen Gelenkkapsel eine sehr eingeschränkte Beweglichkeit besitzen, nennt man Amphiarthrosen Amphiarthrosenoder feste Gelenke (z. B. Articulatio sacroiliaca, viele Gelenke der Hand- und Fußwurzel).
Gelenkentwicklung
Die ExtremitätenanlagenExtremitätenanlagenGelenkeEntwicklung (Kap. 4.2) bestehen aus einem mesenchymalen Blastem, das dem parietalen Mesoderm der Leibeswand (Somatopleura) entstammt. Innerhalb des Mesenchyms kommt es zu Zellverdichtungen (vorknorpeliges Blastem), aus denen sich knorpelig vorgeformte Skelettelemente entwickeln. An Stellen späterer Gelenke kommt es zu einer intensiven Zellverdichtung. Hierbei können Gelenke auf 2 Arten entstehen:
  • Abgliederung (Abgliederungsgelenke): AbgliederungsgelenkeGelenkeAbgliederung/AnlagerungBei dieser häufigsten Form kommt es zur Spaltbildung innerhalb eines vorgeformten Skelettelements, z. B. Hüftgelenk, Kniegelenk.

  • Anlagerung (Anlagerungsgelenke): Anlagerungsgelenke2 vorgeformte Skelettelemente wachsen aufeinander zu. Im Bereich der Kontaktstelle entsteht im Verlauf zunächst ein Schleimbeutel, der sich weiter zur Gelenkhöhle umbildet. Zusätzlich kommen Gelenkzwischenscheiben (s. u.) vor, z. B. Kiefergelenk, Brustbein-Schlüsselbein-Gelenk (Sternoklavikulargelenk), hinteres Beckenringgelenk (Sakroiliakalgelenk).

Bei Abgliederungsgelenken kommt es im Rahmen der Entwicklung zu folgenden Vorgängen:
  • Innerhalb des Blastems organisieren sich unter dem Einfluss von Hox-Genen Zellverdichtungen, aus denen sich Vorknorpel Vorknorpel, Gelenke(späterer Gelenkknorpel) mit einer dazwischen liegenden zellärmeren homogenen Zwischenzone (Interzone, späterer Gelenkspalt) differenziert.

  • Durch die synchronisierten Gelenkentwicklungsvorgänge kann man bereits in der 6. Embryonalwoche die charakteristische Form der vorknorpelig präformierten Skelettelemente erkennen.

  • In der 8. Embryonalwoche kommt es in der Interzone zur Spaltbildung (Gelenkspalt) und der Ausbildung der Gelenkhöhle. DieGelenkhöhle peripheren Bereiche der Interzone differenzieren sich zur Gelenkkapsel, Gelenkkapselderen innere Anteile mit der Bildung von Gelenkschmiere (Synovia) beginnen. Der dem Gelenkspalt unmittelbar benachbarte Vorknorpel differenziert sich weiter zu hyalinem Gelenkknorpel.Gelenkknorpel GelenkhöhleGelenkkapsel

  • Die Vorgänge sind Mitte des 3. Embryonalmonats abgeschlossen. Die weitere Größenzunahme erfolgt ab jetzt durch interstitielles und appositionelles Wachstum. Allerdings reicht die Ernährung der Knorpel durch Diffusion vom sich zwischenzeitlich differenzierten Perichondrium und über die Synovia aus der Gelenkhöhle schon nach kurzer Zeit nicht mehr aus, weshalb es bereits ab der 13. Embryonalwoche zur Gefäßbildung im hyalinen Knorpel kommt. Nur Bereiche nahe dem Perichondrium und dem Gelenkspalt bleiben gefäßfrei. Ein ordnungsgemäßes Wachstum der Gelenkkörper hängt damit auch maßgeblich von der Blutversorgung ab. Diese Blutversorgung hat allerdings keinen Bezug zum genetisch determinierten Beginn der enchondralen Knochenbildung.

Intraartikuläre Strukturen wie Menisken, Bänder, Gelenklippen und Zwischenscheiben (s. u.) entstammen alle dem Blastem der Interzone. Bei Synarthrosen Synarthrosenunterbleibt im Gegensatz zu den Diarthrosen die Spaltbildung in der Interzone. Aus den Zellen der Interzone differenziert sich hier das spätere Füllgewebe der entsprechenden Synarthrose (Bindegewebe oder Knorpel).

Klinik

Bei Störungen der Gelenkentwicklung können Verschmelzungen von Skelettelementen entstehen (Synostosen, Coalitiones),Synostose Coalitionesdie besonders häufig am Hand- und Fußskelett anzutreffen sind.

Gelenktypen
GelenkeGelenkeTypen (Juncturae synoviales, ArticulationesArticulatio(-nes), DiarthrosenDiarthrosen) haben normalerweise einen erheblichen Bewegungsumfang und können eingeteilt werden nach:
  • Anzahl der Bewegungsachsen (den Körperachsen entsprechend) oder Freiheitsgrade:

    • einachsig

    • zweiachsig

    • mehrachsig

  • Anzahl der miteinander artikulierenden Skelettelemente:

    • einfache Gelenke (Articulationes simplices): 2 Knochen artikulieren miteinander (z. B. Hüftgelenk)

    • zusammengesetzte Gelenke (Articulationes compositates): mehrere Knochen artikulieren miteinander (z. B. Ellenbogengelenk, Kniegelenk)

  • Gestalt und Form der Gelenkflächen (Abb. 1.21):

    • Zylinder- oder Walzengelenke WalzengelenkeZylindergelenke(Articulatio cylindrica):

      • Scharniergelenk (Ginglymus):Ginglymus einachsiges Gelenk, in dem Beugung und Streckung möglich sind (z. B. Articulatio talocruralis, Abb. 1.21a)

      • Zapfengelenk (Articulatio conoidea)Zapfengelenk: einachsiges Gelenk, in dem Rotationsbewegungen möglich sind (z. B. Articulatio radioulnaris proximalis, Abb. 1.21b); der Zapfen dreht sich als Gelenkkopf in einer konkaven Gelenkpfanne

      • Radgelenk (Articulatio trochoidea): Radgelenkeinachsiges Gelenk, in dem Rotationsbewegungen möglich sind (z. B. Articulatio atlantoaxialis mediana, Abb. 1.21c); die konkave Gelenkpfanne dreht sich um einen feststehenden Zapfen

    • Ei- oder Ellipsoidgelenk Ei- oder Ellipsoidgelenk(Articulatio ovoidea, Articulatio ellipsoidea): zweiachsiges Gelenk, in dem Beugung, Streckung, Ab- und Adduktion sowie leichte Kreiselbewegungen möglich sind (z. B. proximales Handgelenk, Abb. 1.21d)

    • Sattelgelenk (Articulatio sellaris): Sattelgelenkzweiachsiges Gelenk, in dem Beugung, Streckung, Ab- und Adduktion sowie leichte Kreiselbewegungen möglich sind (z. B. Daumensattelgelenk, Abb. 1.21e)

    • Kugelgelenk (Articulatio spheroidea): Kugelgelenkedreiachsiges Gelenk, in dem Beugung, Streckung, Ab- und Adduktion, Innen- und Außenrotation sowie Kreiselbewegungen möglich sind (z. B. Schultergelenk, Abb. 1.21f)

    • planes oder ebenes Gelenk (Articulatio plana): Gelenk, in dem einfache Gleitbewegungen in verschiedenen Richtungen möglich sind (z. B. Wirbelgelenke, Abb. 1.21g)

Eine Sonderform bilden KondylengelenkeKondylengelenke (Articulationes bicondylares). Sie haben ähnliche Oberflächenkrümmungen wie Ei- und Zylindergelenke. Ihr Hauptcharakteristikum sind bikonvex gekrümmte Gelenkrollen (Kondylen), die mit konkav gewölbten Gelenkflächen artikulieren. Es handelt sich um zweiachsige Gelenke, in denen Drehbewegungen, Translations- und Abrollbewegungen möglich sind (z. B. Kiefergelenk, Articulatio femorotibialis).

Merke

In einachsigen Gelenken erfolgt die Bewegung um eine Achse, deren Ausrichtung für die Art der Bewegung verantwortlich ist. Sie besitzen damit lediglich einen Freiheitsgrad. In zweiachsigen Gelenken erfolgt die Bewegung um 2 senkrecht aufeinanderstehende Achsen, die sich im Zentrum des Gelenks schneiden. Die Beweglichkeit der Gelenkkörper ist in zweiachsigen Gelenken dadurch größer als in einachsigen und niedriger als in dreiachsigen Gelenken.

Aufbau echter Gelenke
Kennzeichen von Diarthosen ist ein mit Gelenkschmiere gefüllter GelenkspaltSpaltraum (Gelenkspalt, Cavitas articulare). Cavitas(-tes)articulareMit seiner Hilfe ist eine Bewegung der Gelenkkörper gegeneinander möglich.
Allgemeiner Aufbau
Trotz der unterschiedlichen Gelenkform einzelner GelenkeGelenkeAufbau lassen sich grundsätzliche Strukturmerkmale unterscheiden:
  • Caput articulare (Gelenkkopf)

  • Fossa articularis (Gelenkpfanne)Fossaarticularis

  • Überzug aus hyalinem Gelenkknorpel (Gelenkkopf und Gelenkpfanne)

Merke

Ausnahmen von der Regel eines hyalinknorpeligen Gelenküberzugs finden sich am Kiefergelenk und am Gelenk zwischen Schlüsselbein und Brustbein (Articulatio sternoclavicularis). Sie sind von Faserknorpel überzogen.

Gelenkknorpel
Die artikulierenden GelenkknorpelGelenkknorpelhyalinerhyaliner KnorpelGelenkeKnochenenden (Gelenkflächen, Facies articulares) echter Gelenke sind von hyalinem Gelenkknorpel überzogen, der entsprechend der biomechanischen Belastung unterschiedlich dick ist. So hat die Patella mit bis zu 7 mm einen besonders dicken Gelenkknorpel, im Sakroiliakalgelenk ist der Knorpelüberzug auf der Gelenkfläche des Os sacrum mit 4 mm wesentlich dicker als an der Gelenkfläche des Os ilium (1 mm), im Hüftgelenk beträgt die Gelenkknorpeldicke 2–4 mm, in den Fingergelenken nur 1–2 mm.
Gesunder Gelenkknorpel sieht weißlich aus und besitzt weder ein Perichondrium noch Blutgefäße. Er wird über die Synovia aus dem Gelenkspalt mittels Diffusion und Konvektion sowie vom subchondralen Knochen aus ernährt. Gelenkknorpel ist entsprechend seiner biomechanischen Beanspruchung aufgebaut: Die Kollagenfibrillen (Gelenkknorpel-spezifisches Typ-II-Kollagen) verlaufen im Gelenkknorpel gerichtet; die Gelenkknorpelzellen (Chondrozyten), die die Kollagenfibrillen sowie Grundsubstanz (Glykosaminoglykane und Proteoglykane, besonders Aggrecan zur Wasserbindung) bilden, weisen in verschiedenen Bereichen des Gelenkknorpels eine unterschiedliche Morphologie auf. Aus diesem Grund kann Gelenkknorpel in verschiedene Zonen eingeteilt werden (Abb. 1.22a):
  • Die Tangentialfaserzone (Zone I) ist die oberflächliche Zone und dem Gelenkspalt unmittelbar benachbart. Die Chondrozyten sind spindelförmig, die Kollagenfasern parallel zur Oberfläche ausgerichtet. Bedingt durch die Zusammensetzung der Extrazellularmatrix, ist die Wasserbindung in dieser Zone besonders hoch.GelenkknorpelZonen

  • In der Übergangszone (Zone II) verlaufen die Kollagenfibrillen schräg zur Knorpeloberfläche und überkreuzen sich mit den gegenläufigen Kollagenfibrillen rechtwinklig. Die Chondrozyten sind in isogenen Gruppen (jeweils mehrere Zellen auf einem Haufen) angeordnet.

  • Die Radiärzone (Zone III) ist die breiteste Schicht, die Kollagenfibrillen verlaufen radiär auf die darunter liegenden Schichten zu. Die Chondrozyten sind säulenförmig in kleinen Gruppen angeordnet. Die kaudale Grenze bildet eine Grenzlinie („tide mark“) als Grenze des nichtmineralisierten Knorpels zum darunter liegenden mineralisierten Knorpel.

  • Die Zone des mineralisierten Knorpels (Zone IV) ist kalzifizierter Knorpel, der die Verbindung zum darunter liegenden subchondralen Knochen herstellt und biomechanisch die Druckkräfte auf den Knochen überträgt.

Funktionell bildet Gelenkknorpel eine glatte Oberfläche und dient der Herabsetzung der Reibung zwischen den Gelenkkörpern. Über ihn wird der Druck auf den subchondralen Knochen verteilt. Die verschiedenen Zonen des Gelenkknorpels gleichen die unterschiedlichen Elastizitätsmodule der Gewebe einander an und verhindern eine Überlastung der Strukturen. Bei Beanspruchung wird Wasser aus dem Knorpel in Richtung Gelenkspalt abgegeben und bei Entlastung wieder aufgenommen (Konvektion). Die Gelenkflächen können sich dadurch zu einem gewissen Grad reversibel verformen.

Klinik

Degenerative Veränderungen am Gelenk werden als ArthroseArthrose (Gelenkverschleiß, engl. „osteoarthritis“) Osteoarthritisbezeichnet. Die Arthrose ist die häufigste Ursache, einen Allgemeinarzt aufzusuchen. Etwa 5–6 Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an Arthrose. Weltweit ist sie die häufigste Gelenkerkrankung (Arthropathie). Grundsätzlich kann jedes Gelenk betroffen sein; besonders häufig sind die Arthrosen der Knie- und Hüftgelenke. Als Ursachen gelten eine Überbelastung (z. B. erhöhtes Körpergewicht) sowie angeborene und traumatische Veränderungen (z. B. Gelenkfehlstellungen, knöcherne Deformierungen). Allerdings können Arthrosen auch als Folge anderer Erkrankungen (z. B. Gelenkentzündungen) vorkommen (sekundäre Arthrosen).

Morphologisch verschmälert sich der Gelenkspalt und es kommt zur/zu

  • Ausbildung von oberflächlichen Fibrillationen und Demaskierung (Sichtbarwerden) von Kollagenfibrillen (Stadium 1)

  • Knorpelfissuren und Chondrozytenclustern (Stadium 2)

  • subchondraler Sklerosierung (Stadium 3)

  • freigelegtem Knochen und Resorptionshöhlen (Stadium 4)

Röntgenologische Zeichen einer Arthrose sind:

  • Gelenkspaltverschmälerung (1. radiologisches Zeichen)

  • subchondrale Sklerosierung

  • Osteophyten (knöcherne Randanbauten)

  • Pseudozysten (Geröllzysten)

Gelenkkapsel
Die GelenkhöhleGelenkkapsel echter Gelenke ist vollständig von einer Gelenkkapsel (Capsula articularis) umgeben (Abb. 1.22b), die die Gelenkhöhle luftdicht abschließt. Man unterscheidet an der Gelenkkapsel:
  • Membrana fibrosa: MembranafibrosaDiese äußere bindegewebige Faserschicht besteht hauptsächlich aus Kollagen Typ I, enthält wenige elastische Fasern und wird bei vielen Gelenken zusätzlich durch Bänder verstärkt; sie setzt sich peripher in das Periost des Knochens fort.

  • Membrana synovialis: MembranasynovialisDie innere, die Gelenkkapsel auskleidende und somit an den Gelenkspalt angrenzende zellreiche Gelenkinnenhaut wird weiter unterteilt in:

    • synoviale Intima synoviale Intima(besteht aus 2 Zellpopulationen):

      • Typ-A-Synovialozyten, besitzen viele Vakuolen und sind in der Lage zur Phagozytose, nehmen Stoffwechselprodukte aus dem Knorpelzellstoffwechsel auf, liegen oberflächlich zur Gelenkhöhle

      • Typ-B-Synovialozyten, sehen fibroblastenartig aus, besitzen viel endoplasmatisches Reticulum und sind die Bildner der Gelenkschmiere (Synovia), liegen unterhalb der Typ-A-Synovialozyten

    • subsynoviales Gewebe (hier kommen Fibroblasten, Fettzellen, Makrophagen, Mastzellen, Schmerz- und Mechanorezeptoren sowie in großer Menge Blut- und Lymphgefäße vor)

Durch Synovialfalten und -zotten wird die Oberfläche der Synovia vergrößert und kann sich bei den Gelenkbewegungen problemlos mitbewegen.

Klinik

Immunologische Erkrankungen wie die rheumatoide Arthritis rheumatoide ArthritisArthritisrheumatoidespielen sich vornehmlich in der Gelenkkapsel ab. Sie führen zur Produktion von gelenkschädigenden Substanzen, die in die Gelenkflüssigkeit abgegeben werden und den Gelenkknorpel zerstören können.

Synovia
Die hochvisköse Synovia/SynovialflüssigkeitGelenkschmiere (Synovia, Synovialflüssigkeit)Gelenkschmiere ist eine klare, leicht gelbliche Flüssigkeit aus Proteohyaluronat und einem Transsudat des Blutes, die dem Blutserum ähnelt. Normalerweise kommt nur wenig Synovia in einem Gelenk vor (im Kniegelenk z. B. nur 3–6 ml).
Die von den Typ-B-Synovialozyten der synovialen Intima gebildete Synovia hat einen pH-Wert von 7,3–7,7 und besteht aus Hyaluronsäure (2–3 mg/ml), Proteinen (10–30 mg/ml), Glukose (0,5 bis 0,7 mg/ml), Wasser und abgeschilferten Zellen.
Ihre Funktionen sind:
  • Ernährung des Gelenkknorpels und von Teilen der intraartikulären Strukturen

  • Schmierung (reibungsfreies Gleiten der Gelenkflächen)

  • Stoßdämpfer (gleichmäßiges Verteilen der einwirkenden Druckkräfte)

Klinik

Verletzungen oder Entzündungen von Gelenken können zu einer Reizung der Membrana synovialis mit gesteigerter Produktion von Synovia führen. Es entsteht ein GelenkergussGelenkerguss, der so ausgeprägt sein kann, dass das ganze Gelenk unter Spannung steht, schmerzt, geschwollen ist und die Gelenkkonturen verstrichen sind. Je nach Ursache kann es sich um einen Reizerguss mit normal gefärbter Synovia oder auch um verfärbte Ergüsse, z. B. nach Einblutungen (Hämarthros), handeln.

Gelenkbelastung
Gelenkknorpel Gelenkbelastungwird unter physiologischen Bedingungen auf axialen Druck beansprucht, da die Kraftübertragung von einer Gelenkoberfläche auf die andere senkrecht auf die Knorpeloberfläche erfolgt. Kräfte, die dabei auf das Gelenk wirken, sind:
  • das Teilkörpergewicht (z. B. beim einseitig belasteten Hüftgelenk der Rumpf, Hals und Kopf und die oberen Extremitäten)

  • Muskel- und Bandkräfte (z. B. beim einseitig belasteten Hüftgelenk der Tractus iliotibialis und die an ihm angreifenden Muskeln wie M. tensor fasciae latae, M. gluteus maximus, M. vastus lateralis)

Das Teilkörpergewicht wird dabei durch die entgegengesetzt wirkenden Muskel- und Bandkräfte reduziert. Das Ergebnis ist die tatsächlich auf das entsprechende Gelenk wirkende Gelenkbelastung (Abb. 1.15), die als Gelenkresultierende (R) bezeichnet wird und als Vektorsumme aus Schwerkraft (Teilkörpergewicht) sowie Muskel- und Bandkraft dargestellt werden kann. Sie verläuft entsprechend den Gesetzen des Gleichgewichts durch den jeweiligen momentanen Drehpunkt des Gelenks (Abb. 1.15). Bei Bewegungen im Gelenk ändern sich Größe, Richtung und Lage der Gelenkresultierenden.
Der tatsächliche Druck auf den Gelenkknorpel (Gelenkdruck, Flächenpressung) hängt außer von der Größe der Gelenkresultierenden (Gelenkbelastung) auch von der Größe der kraftaufnehmenden Fläche ab. Je kleiner die Fläche ist, desto größer wird der Druck: Ein Pfennigabsatz mit kleiner Fläche hinterlässt auf einem neuen Holzfußboden kleine Mulden im Fußboden, die flache Sohle mit größerer Fläche dagegen nicht.

Klinik

Bei einer Coxa valga Coxavalga(vergrößerter Schenkelhalswinkel) nimmt der Gelenkdruck zu und die kraftaufnehmende Fläche ab. Es kann zur Ausbildung einer Arthrose kommen.

Hilfsstrukturen
In mehreren GelenkenGelenkeHilfsstrukturen kommen intraartikuläre Strukturen vor, die für die biomechanische Funktion und das Bewegungsausmaß der Gelenke als Hilfseinrichtungen essenziell sind:
  • Zwischenscheiben

    • Disci articulares

    • Menisci articulares

  • Gelenklippen (Labra articularia)Gelenklippen

Darüber hinaus kommen SchleimbeutelSchleimbeutel (Bursae synoviales)Bursa(-ae)synovialis vor, die als druckelastische Polster das Gleiten von Sehnen und Muskeln gegen Knochen ermöglichen, sowie Bänder (Ligamenta), die der Verstärkung, Führung oder Hemmung dienen.
Gelenkzwischenscheiben
Sie dienen dem GelenkzwischenscheibenAusgleich von Unebenheiten (Inkongruenzen) zwischen den artikulierenden Gelenkflächen und unterliegen einer Druckbeanspruchung. Sie können als vollständige Scheiben (Disci = Vollmond) oder Teile von Scheiben (Menisken = Mondsichel) vorkommen.
  • Disci articularesDiscusarticularisMeniscus articularis sind aus straffem Bindegewebe und Faserknorpel aufgebaut. Sie füllen die Gelenkhöhle vollständig aus und sind oft mit der Gelenkkapsel verbunden (z. B. Discus articularis des Kiefergelenks).

  • Menisci articulares bestehen ebenfalls aus straffem Bindegewebe und Faserknorpel. Sie haben von oben die Form einer Sichel, im Schnitt Keilfom und überlagern die Gelenkflächen im Randbereich (medialer und lateraler Meniskus des Kniegelenks).

Merke

Disken überdecken die Gelenkfläche im Gegensatz zu Menisken vollständig.

Gelenklippen
Es handelt sich um GelenklippenStrukturen aus Bindegewebe und Faserknorpel, die der Vergrößerung von Gelenkpfannen dienen. Beim Menschen kommen Gelenklippen (Labra) im Schultergelenk (Labrum glenoidale) und im Hüftgelenk (Labrum acetabulare) vor, sind an einem knöchernen Ring (Limbus) der jeweiligen Gelenkpfanne befestigt.
Schleimbeutel
Ein Schleimbeutel (Bursa synovialis) SchleimbeutelBursa(-ae)synovialisist prinzipiell wie die Gelenkkapsel aufgebaut. Man kann ihn sich wie ein flüssigkeitsgefülltes Sitzkissen vorstellen. Umgeben ist er von einer Bindegewebsschicht (Membrana fibrosa) und innen befindet sich eine Synovialmembran (Membrana synovialis), die die Flüssigkeit des Bursenlumens bildet. Die Zusammensetzung der Flüssigkeit ist mit der Synovia echter Gelenke nahezu identisch. Die druckelastischen Bursen ermöglichen das Gleiten von Sehnen und Muskeln über Knochen und Sehnen. Sie können mit der Gelenkhöhle kommunizieren (z. B. Bursa subscapularis im Schultergelenk) oder kommen als selbstständige Bursen vor (z. B. Bursa prepatellaris).

Klinik

Kommt es durch Überlastung, Entzündung oder Trauma zu einer Bursitis Bursitis(Entzündung eines Schleimbeutels), kann der Schleimbeutel sehr viel größer werden, benachbarte Strukturen (z. B. Nerven) durch Druck beeinträchtigen oder Bewegungen einschränken. Ist der Schleimbeutel mit einer Gelenkhöhle verbunden, kann der Prozess auf das Gelenk übergreifen.

Bänder
Bänder (Ligamenta) BänderGelenkeBänderLigamentum(-a)bestehen aus straffem kollagenem Bindegewebe. Die Fasern sind meist parallel angeordnet. Bänder können platt oder strangförmig sein und dienen der Verbindung beweglicher Skelettelemente. Außer den festen Bändern des Bewegungsapparats (z. B. Lig. cruciatum anterius = vorderes Kreuzband im Kniegelenk) gibt es dünne, zarte Bänder, die Strukturen innerhalb von Körperhöhlen verbinden (z. B. Lig. hepatoduodenale = Band zwischen Leber und Zwölffingerdarm). Die Bänder des Bewegungsapparats kommen als intraartikuläre Bänder (z. B. Lig. cruciatum anterius) innerhalb von Gelenken und als extraartikuläre Bänder außerhalb von Gelenken (z. B. Lig. collaterale genus laterale = äußeres Kollateralband des Kniegelenks) vor. Sind extrakapsuläre Bänder in die Gelenkkapsel integriert, spricht man von kapsulären Bändern und stellt sie Bändern gegenüber, die durch lockeres Bindegewebe von der Gelenkkapsel getrennt sind.
Extrakapsuläre Bänder werden entsprechend ihrer Funktion eingeteilt in:
  • Verstärkungsbänder zur Verstärkung der Gelenkkapsel, z. B. das Lig. pubofemorale am Hüftgelenk

  • Führungsbänder, dienen der Sicherung der Gelenkführung, z. B. das Lig. anulare radii am Ellenbogengelenk

  • Hemmungsbänder, schränken die Gelenkbewegung ein, z. B. das Lig. iliofemorale am Hüftgelenk

Bänder haben meist nicht nur eine, sondern mehrere der 3 genannten Funktionen.

Allgemeine Muskellehre

Es gibt 3 verschiedene Arten vonMuskeln MuskulaturquergestreifteMuskelgewebe:
  • quergestreifte Skelettmuskulatur

  • HerzmuskulaturHerzmuskulatur

  • glatte MuskulaturMuskulaturglatte

Die quergestreifte Skelettmuskulatur Skelettmuskulaturbildet den aktiven Bewegungsapparat. Sie umfasst ca. 300 Muskeln mit ihren Sehnen und dem muskeleigenen Bindegewebe. Skelettmuskulatur kommt außer in Skelettmuskeln auch in Zunge, Rachen, Kehlkopf, Teilen der Speiseröhre und im Analbereich vor. Jeder Muskel besteht aus einer unterschiedlich großen Anzahl von Skelettmuskelfasern, den kleinsten selbstständigen Baueinheiten der Skelettmuskulatur.
Skelettmuskeln bewegen Knochen in ihren Gelenken. Weitere MuskelnFunktionenMuskelfunktionen können sein:
  • Stabilisierung der Gelenke (Sicherung der Haltung)

  • Zuggurtung (Reduzierung der Biegebeanspruchung von Röhrenknochen)

  • Energiespeicherung bei Dehnung (Dämpfung im Gelenk bei dynamischer Aktivität)

Klinik

Nach stärkeren, ungewohnten Belastungen (meist beim Sport) kann Muskelgewebe (ein)reißen. Man spricht von Muskelfaserriss Muskel(faser)rissoder bei stärkerer Zerstörung von einem Muskelriss (abhängig allein vom Ausmaß der Muskelschädigung). Meist sind die Muskeln des Ober- oder Unterschenkels betroffen. Man grenzt davon die Muskelzerrung Muskelzerrungab, bei der sich keine makroskopischen Strukturveränderungen mit Zerstörung von Muskelzellen und Einblutungen erkennen lassen.

Der Muskelkater Muskelkaterist ein Schmerz, der nach körperlicher Anstrengung, besonders bei hohen Belastungen bestimmter Muskelpartien, auftritt. Er macht sich meist erst Stunden nach der jeweiligen Aktivität bemerkbar. Früher ging man von einer Übersäuerung des jeweiligen Muskels durch Milchsäure (Laktat) aus. Dies wurde aber widerlegt. Es handelt sich vielmehr um kleine Mikrorisse in den Muskelfibrillen mit einer nachfolgenden Entzündungsreaktion.

Aufbau eines Skelettmuskels
Am SkelettmuskelSkelettmuskulaturAufbau unterscheidet man
  • Muskelbauch (Venter musculi): unterschiedlich geformt

  • Sehne (Tendo musculi): überträgt den Muskelzug direkt oder indirekt auf die Skelett- oder Bindegewebselemente:

    • Ursprung (Origo): Ursprungssehne, rumpfnahe (proximale) Anheftungsstelle

    • Ansatz (Insertio): Ansatzsehne, rumpfferne (distale) Anheftungsstelle

    • Punctum fixum: Anheftungsstelle am unbewegten Skelettelement

    • Punctum mobile: Anheftungsstelle am bewegten Skelettelement

Merke

Muskelursprung und Muskelansatz sind willkürlich festgelegt. Man darf sie nicht mit dem Punctum fixum und dem Punctum mobile verwechseln.

Es ist nicht zwangsläufig immer der Fall, dass das Punctum fixum und der Muskelursprung übereinstimmen, weil Punctum fixum und Punctum mobile je nach Bewegung auch wechseln können. Muskeln auf der Rückseite des Oberschenkels (ischiokrurale Muskeln) können beispielsweise bei Kontraktion entweder im Kniegelenk eine Beugung durchführen (Punctum fixum und Muskelursprung stimmen überein) oder bei distalem Punctum fixum eine Rückkippung des Beckens im Hüftgelenk unterstützen.
Muskeltypen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten,MuskelnTypenSkelettmuskulaturTypen Muskeln einzuteilen:
  • Anordnung der Muskelfasern:

    • paralleler Verlauf der Muskelfasern (zur Zugrichtung der Sehne); es sind ausgiebige Bewegungen mit geringer Kraft möglich

    • gefiedert, d. h. schräger Verlauf der Muskelfasern in einem bestimmten spitzen Winkel (Fiederungswinkel) zur langen, breiten Sehne, hohe Muskelkraft

  • Anzahl der Köpfe: 1, 2 oder mehrere Köpfe

  • Unterschiede nach Gelenkbeteiligung: Je nachdem, ob ein Muskel an Bewegungen in 1 oder in 2 Gelenken beteiligt ist oder keine Beziehung zu einem Gelenk hat, unterscheidet man:

    • eingelenkige Muskeln

    • zweigelenkige Muskeln

    • mimische Muskeln (keine Gelenkbeteiligung)

  • Form: Entsprechend ihrer Form werden MuskelnMuskelnForm eingeteilt in (Abb. 1.23):

    • einköpfig parallelfaserige Muskeln (M. fusiformis)

    • zweiköpfig parallelfaserige Musklen (M. biceps)

    • zweibäuchig parallelfaserige Muskeln (M. biventer)

    • mehrköpfig flache Muskeln (M. planus)

    • durch Zwischensehnen unterteilte mehrbäuchige Muskeln (M. intersectus)

    • einfach gefiederte Muskeln (M. semipennatus)

    • mehrfach gefiederte Muskeln (M. pennatus)

Sehne
SehnenSehnen sind aus straffem parallelfaserigem Bindegewebe aufgebaut und weisen Besonderheiten am Muskel-Sehnen-Übergang sowie im Bereich der Ansatzzonen am Skelett auf. Sie sind außerordentlich reißfest, elastisch und können sich plastisch verformen. Gleichzeitig sind sie aber nur wenig dehnbar (5–10 %). Sie haben die Funktion, den bei der Kontraktion entstehenden Zug eines Muskels auf die Skelettelemente zu übertragen. Die Übertragung des Zugs findet hauptsächlich am Muskel-Sehnen-Übergang statt. Die Form der Sehnen unterscheidet sich von Muskel zu Muskel. Manche Sehnen sind so kurz, dass man sie makroskopisch nicht sehen kann (fleischiger Ansatz), andere sind außerordentlich dünn und flächig, sodass man von AponeurosenAponeurosen spricht.
Typen
Unter strukturellen und funktionellen Gesichtspunkten unterscheidet man Zugsehnen und Gleitsehnen:
  • Zugsehnen verlaufen in Hauptrichtung des Muskels und werden ausschließlich auf Zug beansprucht. Sie weisen den typischen Sehnenaufbau auf.

  • Gleit- oder Drucksehnen ändern ihre Verlaufsrichtung, indem sie um einen Knochen oder eine Bindegewebsstruktur herumziehen. Der Knochen/die Bindegewebsstruktur dient dabei als Drehpunkt (Hypomochlion). Auf der dem Knochen/der Bindegewebsstruktur zugewandten Seite wird die Sehne auf Druck beansprucht und gleitet an dieser Stelle. An der Umlenkstelle ist Faserknorpel in die Sehne eingelagert.

Muskel-Sehnen-Übergang
Die als myotendinöse ZoneMuskel-Sehnen-Übergang myotendinöse Zonebezeichnete Verbindung zwischen der Muskelfaser und den Kollagenfasern der Ursprungs- und Ansatzbereiche ist durch eine ausgeprägte Oberflächenvergrößerung (Faktor 10) der Zytoplasmamembran am Muskelfaserende gekennzeichnet. Im Oberflächenvergrößerungsbereich ist die Basalmembran der Muskelfaser von einem Mikrofibrillennetz (dünne Kollagenfasern) umgeben. Die Fibrillen des Netzes durchflechten sich innig mit Mikrofibrillen der Sehne und führen zu einer festen Verankerung.
Sehnenansatzzonen
Sehnenansatzzonen SehnenAnsatzzonendienen dazu, die unterschiedlichen Elastizitätsmodule von Bindegewebe, Knorpel und Knochen einander anzupassen, sodass es nicht zu Aus- oder Abrissen der Sehne im Ansatzbereich kommt. Man kann sich dies wie eine in den Insertionsbereich eingelagerte Feder vorstellen. Entsprechend dem Aufbau und der Lage unterscheidet man 2 Arten von Sehnenansatzzonen (Abb. 1.24):
  • Chondral-apophysäre Ansatzzonen: chondral-apophysäre Ansatzzonen, SehnenSie kommen bei allen Muskeln vor, die im Bereich ehemals knorpeliger Apophysen inserieren, aber auch bei einigen anderen Muskeln (z. B. die Sehnen der Kaumuskeln am Schädelskelett). Charakteristisch ist die Einlagerung von Faserknorpel im Insertionsbereich, dessen unmittelbar dem Knochen aufliegende Schicht mineralisiert ist. Im Insertionsbereich fehlt das Periost, die Kollagenfasern dringen in den Knochen ein.

  • Periostal-diaphysäre Ansatzzonen: periostal-diaphysäre Ansatzzonen, SehnenSie sind typisch für die Diaphysen der langen Röhrenknochen. Die Kollagenfibrillen flächenhafter Sehnen strahlen in das Periost ein und verankern die Sehne in der Kortikalis des Knochens. Die Kraft wird damit über eine sehr große Fläche übertragen. In manchen Fällen ziehen die Kollagenfasern direkt in den Knochen. An dieser Stelle fehlt dann das Periost. Periostal-diaphysäre Ansätze sind am Knochen durch Rauigkeiten (Tuberositates) gekennzeichnet.

Klinik

Überbeanspruchung chondral-apophysärer Sehnenansatzzonen kann zu degenerativen Veränderungen mit Schmerzen im Bereich der Ansatzzone führen Tennisellenbogen(z. B. Tennisellenbogen). In periostal-diaphysären Sehnenansatzzonen kommt es manchmal zu vermehrter Knochenbildung mit Schmerzen (z. B. im Insertionsbereich der Achillessehne am Fersenbein als Fersensporn Fersenspornoder im Insertionsbereich des M. quadriceps femoris an der Kniescheibe als Patellaspitzensyndrom).Patellaspitzensyndrom

Hilfseinrichtungen von Muskeln und Sehnen
Alle MuskelnMuskelnHilfseinrichtungenSehnenHilfseinrichtungen und Sehnen benötigen in unterschiedlichem Maße Zusatzstrukturen, um sie
  • in die Umgebung einzupassen,

  • vor mechanischer Schädigung zu schützen,

  • Reibungsverluste zu verhindern und die

  • Kraftminderung zu reduzieren.

Zusatzstrukturen sind:
  • Faszien (bindegewebige Hüllen)

  • Retinacula (bindegewebige Haltebänder)

  • Sehnenscheiden

  • Schleimbeutel

  • Sesambeine

Faszien
Die auch Faszienals Muskelbinden Muskelbindenbezeichneten Faszien sind aus kollagenem Bindegewebe bestehende Hüllen, die den einzelnen Muskel, mehrere Muskeln (Muskelgruppe) und Sehnen wie eine Hülle oder wie ein Strumpf ummanteln. Faszien können als äußere Schicht der Muskulatur betrachtet werden. Durch die Faszien wird die nahezu unsichtbare Kontraktion der Muskeln möglich, ohne dass sich das umgebende Gewebe gleichfalls zusammenzieht.
Man unterscheidet:
  • Einzelfaszien: umhüllen einen Muskel

  • Gruppenfaszien: umhüllen mehrere Muskeln einer Muskelgruppe (dabei hat aber jeder einzelne Muskel der Muskelgruppe eine eigene Einzelfaszie)

  • Körperfaszien: gehen von der allgemeinen Körperfaszie (Fascia superficialis) aus und bedecken die darunter liegenden Muskeln (die bereits in Einzel- und Gruppenfaszien stecken)

Merke

Gruppenfaszien bilden besonders im Bereich des Unterschenkels der unteren Extremitäten gemeinsam mit dem Periost der benachbarten Knochen, der Membrana interossea oder dem Septum intermusculare (ebenfalls eine Faszie) osteofibröse Kanäle, osteofibröse Kanälein denen einzelne Muskelgruppen liegen. Man spricht dabei vonMuskellogen Muskellogen. Jede Muskelloge wird von eigenständigen Blut- und Lymphgefäßen versorgt.

Die Bedeutung von Faszien für den Körper ist größer, als dies allgemeinhin angenommen wird. So führten Faszien ein wissenschaftliches Schattendasein. Erst in den letzten Jahren sind sie vermehrt in den wissenschaftlichen Fokus gerückt. Da sie innerviert sind, können über sie auch Schmerzen übermittelt werden. Paramedizinisch gibt es mittlerweile Trends zur „Faszienfitness“.

Klinik

Verletzungen der Blutgefäße einzelner Muskellogen im Rahmen größerer Traumen (z. B. Verkehrsunfall) können dazu führen, dass sich austretendes Blut in der jeweiligen Muskelloge (osteofibröser Kanal) sammelt und das (Muskel-)Gewebe komprimiert. Man spricht dabei von einem KompartmentsyndromKompartmentsyndrom (engl. „compartment“ = Muskelloge). Wenn der osteofibröse Kanal nicht so schnell wie möglich entlastet (eröffnet) wird, kann das Muskelgewebe irreversibel geschädigt werden.

Retinacula
RetinaculaRetinaculum(-a) sind bindegewebige Haltebänder für Gewebeschichten oder Organe. An den Extremitäten sorgen sie z. B. an den Hand- oder Fußgelenken dafür, dass sich die Sehnen bei Muskelkontraktion nicht von den Knochen abheben. Man kann sie wie einen Gurt betrachten, der sie in ihrer typischen Lage hält.
Sehnenscheiden
EineSehnenscheiden Sehnenscheide (Vagina tendinis) Vagina(-ae)tendinisummantelt eine Sehne überall dort, wo sie unmittelbar am Knochen verläuft oder umgelenkt wird (Hypomochlion).Hypomochlion Sie schützt die Sehne und ermöglicht ihre bessere Gleitfähigkeit. Sehnenscheiden sind in ihrem Aufbau mit Gelenkkapseln vergleichbar (Abb. 1.25). Das innere Sehnenscheidenblatt (Stratum synoviale, Pars tendinea) ist mit der Sehne, das äußere Sehnenscheidenblatt (Stratum synoviale, Pars parietale) mit dem Stratum fibrosum der Sehnenscheide verwachsen. In den Gleitspalt (Cavitas synovialis) Cavitas(-tes)synovialiswird eine der Synovia vergleichbare Flüssigkeit abgegeben. Die Ernährung der Sehne wird durch kleine Gefäße gewährleistet, die über kleine Bänder des Mesotendineums (Vincula brevia und longa) in die Sehne eintreten.

Klinik

Überbeanspruchungen können zur schmerzhaftenTendovaginitis Tendovaginitis (Sehnenscheidenentzündung) SehnenscheidenEntzündungführen, die besonders an Hand und Fuß häufig sind. Eine Tendovaginitis stenosansTendovaginitisstenosans (stenosierende Sehnenscheidenentzündung) ist für Überbeanspruchungen der Handbeugemuskeln charakteristisch. Sie tritt besonders häufig bei Tätigkeiten mit stereotypem Bewegungsablauf auf, z. B. Handwerker, Sportler, Klavierspieler oder häufige längerfristige Arbeit an einer Computertastatur (ist teilweise als Berufskrankheit anerkannt). Die Überlastung führt zu kleinen Verletzungen in der Sehne, die der Körper mittels einer Entzündungsreaktion zu reparieren versucht. Die damit einhergehende Schwellung der Sehne engt die Sehnenscheide ein (Tendovaginitis stenosans) und führt zur Bildung von Sehnenknötchen, die bei jeder Fingerbeugung durch kleine ringförmige Bänder (Ringbänder, Ligg. anularia, fixieren die Sehnenscheiden am Knochen) hindurch müssen und dort eingeklemmt werden können. Dies ruft sekundär das Phänomen des „schnellenden Fingers“ schnellender FingerFingerschnellenderhervor.

Schleimbeutel
Die druckelastischenSchleimbeutel Bursen ermöglichen das Gleiten von Sehnen und Muskeln über Knochen und Sehnen (Kap. 1.4.3).
Sesambein
Sesambeine (Ossa sesamoidea) SesambeineOs(-sa)sesamoideasind Knochen, die in Sehnen eingelagert sind und die Sehne funktionell
  • vor zu großer Reibung schützen bzw.

  • den Hebelarm verlängern und damit Muskelkraft sparen.

Sie entstehen im Sinne einer funktionellen Anpassung des Gewebes im Bereich von Drucksehnen. Beispiele sind die Kniescheibe (Patella) oder das Erbsenbein (Os pisiforme) am Handgelenk.
Allgemeine Muskelmechanik
Muskelaktivierung und -koordination
Das Zentralnervensystem koordiniert MuskelnAktivierung/KoordinationBewegungen, indem es Impulse über die peripheren Nerven zu den Muskeln sendet. In der Regel werden gleichzeitig mehrere Muskeln angesprochen, die eine bestimmte Bewegung gleichgerichtet unterstützen (Synergisten)Synergisten, MuskelnMuskelnSynergisten oder ihr entgegenwirken (Antagonisten). Antagonisten, MuskelnMuskelnAntagonistenEine Aktivierung der Synergisten wird so mit einer Hemmung der Antagonisten gekoppelt. Physiologisch erreichen die Nervenimpulse die Muskulatur ständig und sorgen dafür, dass sich ein Teil der Muskelfasern im Kontraktionszustand befindet. So wird eine Spannung aufgebaut, die als Grundtonus (Ruhetonus)MuskelnGrundtonus (Ruhetonus) bezeichnet wird.
Die sichtbare Kontraktion eines Muskels beginnt erst, wenn ein anfänglicher Widerstand gegen den Tonus des/der Antagonisten überwunden ist. Zunächst erhöht sich also nur der Spannungszustand im Muskel, ohne dass sich die Muskelfasern verkürzenisometrische Kontraktion (isometrische Kontraktion).Muskelkontraktionisometrische/isotonische Erst danach erfolgt bei gleichbleibender Spannung eine Verkürzung der Muskelfasern (isotonische Kontraktion), isotonische Kontraktiondie zur sichtbaren Bewegung führt.
Muskelarbeit
Hubkraft und Hubhöhe
Die Arbeit einesMuskelarbeit Muskels hängt ab
  • von seiner Kraftentfaltung (Hubkraft) und

  • vom Ausmaß seiner Verkürzung (Hubhöhe)

und berechnet sich nach der einfachen Formel: Arbeit = Kraft (F) × Weg. Die Kraft wird als Hubkraft, der Weg als Hubhöhe bezeichnet.
  • Hubkraft: Hubkraft, MuskelnMuskelarbeitHubkraft/HubhöheSie hängt vom physiologischen Querschnitt (Gesamtquerschnitt) und vom Fiederungswinkel (der Winkel, über den die Muskelfasern an der Sehne inserieren, s. o.) ab.

  • Hubhöhe: Hubhöhe, MuskelnSie hängt von der Länge der Muskelfasern und vom Fiederungswinkel ab.

Die Muskelkraft und der physiologische Querschnitt eines Muskels (Hubkraft eines Muskels in Abhängigkeit vom Querschnitt aller Muskelfasern rechtwinklig zu ihrer Faserrichtung, s. u.) verhalten sich direkt proportional: Verläuft die Sehne des Muskels parallel zu seiner Zugrichtung (z. B. M. levator scapulae, Abb. 1.26), wird die komplette erzeugte Kraft (absolute Muskelkraft) auf die Sehne übertragen. Dabei sind die MuskelkraftMuskelkraft (FM) und die Sehnenkraft (FS) nahezu identisch. Verlaufen die Muskelfasern dagegen schräg zur Zugrichtung der Sehne (z. B. Mm. rhomboidei major et minor, Abb. 1.26), wird nur ein Teil ihrer Kontraktionskraft auf die Sehne übertragen. Dabei ist die vertikale Sehnenkraft (FS [vertikal]) gegenüber der Muskelkraft (FM) um den Faktor cos α und die transversale Sehnenkraft (FS [transversal]) um den Faktor sin α reduziert.
Muskelquerschnitt
Man unterscheidet am MuskelMuskelnQuerschnitt, anatomischer/physiologischer einen
  • anatomischen Querschnitt (liegt senkrecht zur Hauptlinie im dicksten Teil des Muskels) und einen

  • physiologischen Querschnitt (ist mit der Querschnittsfläche aller Muskelfasern identisch und somit ein Maß für die absolute Kontraktionskraft aller Muskelfasern).

Anatomischer und physiologischer Querschnitt stimmen nur selten überein (nur bei parallelfaserigen und spindelförmigen Muskeln).
Hebelarm und Muskelwirkung
Für das Verständnis der MuskelarbeitMuskelarbeitHebelarm ist es notwendig, auch den Abstand der Insertionsstelle der Sehne vom Gelenkdrehpunkt in die Überlegungen einzubeziehen. Vereinfacht lässt sich mit Hebelgesetzen die notwendige Kraft abschätzen und das Ausmaß der Bewegung bestimmen. Wie bei einem Hebel können am Skelett
  • LastarmMuskelarbeitLastarm/Kraftarm (zu bewegender Körperabschnitt),

  • Kraftarm (auf das Gelenk wirkende Muskeln mit ihren Sehnen) und

  • DrehpunktMuskelarbeitDrehpunkt (am Gelenk)

definiert werden. Wie viel Kraft ein Muskel auf ein Gelenk übertragen kann, hängt von der Länge des jeweiligen Hebelarms Hebelarm, Muskelnab (senkrechter Abstand der Wirkungslinie des Muskels zur Drehachse des Gelenks = Kraftarm) (Abb. 1.27). Der Hebelarm ist, je nach Gelenkstellung, unterschiedlich lang und wird als virtueller Hebelarm bezeichnet. Das Drehmoment eines Muskels berechnet sich nach der einfachen Formel: Drehmoment = Kraft (F) × virtueller Hebelarm.
Damit Skelettelemente um die Drehachse eines Gelenks bewegt werden können, muss ein Muskel wie beschrieben über einen anatomischen (= tatsächlichen) Hebelarm angreifen und dadurch ein Drehmoment erzeugen. Die Länge des Hebelarms entspricht dabei der Entfernung des Muskelansatzes von der Drehachse des Gelenks. So hat z. B. der M. brachioradialis Musculus(-i)brachioradialisMusculus(-i)brachialis einen langen, der M. brachialis einen kurzen anatomischen Hebelarm, wenn der Arm zum Körper bewegt wird (Abb. 1.28). Gibt es nur einen Hebel, wird das Skelettelement in Zugrichtung des Muskels bewegt (z. B. M. brachioradialis, M. biceps brachii, M. brachialis, Abb. 1.28). Bei zweiarmigen Hebeln wird der muskuläre Ansatzpunkt in Richtung auf den Muskelzug bewegt, der Hauptteil des Skelettelements wird dabei in entgegengesetzter Richtung verlagert (z. B. M. triceps brachii, Abb. 1.28, vgl. Abb. 1.27).
Arbeit und Leistung
Das Produkt aus erreichter Hubhöhe und Hubkraft ist Muskelarbeitmechanischedie mechanische Arbeit eines Muskels und wird in Joule gemessen. Die geleistete Arbeit eines Muskels pro Zeiteinheit wird in Watt gemessen.
Aktive und passive Insuffizienz
Wenn ein Muskel bereits Muskelinsuffizienzaktive/passivevoll verkürzt ist, die Gelenkfunktion aber noch nicht die Endstellung erreicht hat, die durch die maximale Kontraktion des Muskels möglich wäre, spricht man von aktiver Insuffizienz. So kann z. B. im Kniegelenk nicht über 125° gebeugt werden (bei Neutral-Null-Stellung im Hüftgelenk). Erst bei zusätzlicher Beugung im Hüftgelenk können 140° erreicht werden.
Von passiver Insuffizienz wird gespochen, wenn ein Muskel aufgrund seiner begrenzten Dehnbarkeit das Erreichen einer aktiven Gelenkstellung verhindert (der Muskel könnte sich weiter verkürzen, er wird aber durch seinen Antagonisten daran gehindert). So kann z. B. bei gebeugtem Handgelenk nicht die Faust geschlossen werden.

Kreislaufsysteme

Wärme, Gase, Nährstoffe, KreislaufsystemStoffwechselendprodukte, Hormone u. a. sowie Abwehrzellen müssen im Körper verteilt werden. Um dies zu gewährleisten, besitzt der Körper verschiedene Kreislaufsysteme:
  • Körperkreislauf

  • Lungenkreislauf

  • Pfortaderkreislauf

  • vorgeburtlicher (pränataler oder fetaler) Kreislauf

  • Lymphkreislauf

Körper- und Lungenkreislauf

Blut
BlutBlut ist das KörperkreislaufLungenkreislaufwichtigste Transportmittel für Gase, Wirkstoffe, Nährstoffe, Abfallstoffe und Wärme. Es ist ein flüssiges Gewebe. Das Blutvolumen beträgt beim Erwachsenen zwischen 4 und 6 Litern. Etwa 44 % davon sind feste Bestandteile (Zellen). Häufigster Zelltyp ist der Erythrozyt Erythrozyten(rote Blutzelle), der dem Gastransport (O2 und CO2) dient. An zweiter Stelle kommen die im Rahmen der Blutgerinnung agierendenThrombozyten Thrombozyten (Blutplättchen) vor. Als Leukozyten Leukozyten(weiße Blutzellen) fasst man eine heterogene Gruppe von 5 verschiedenen Zelltypen kernhaltiger Zellen im Blut zusammen, die alle Funktionen im Rahmen der Immunabwehr einnehmen (3 Gruppen von Granulozyten, Monozyten und Lymphozyten). Sie benutzen das Blut nur als Transportmittel und sind alle in der Lage, das Gefäßsystem und damit das Blut durch amöboide Fortbewegung aktiv zu verlassen, um an ihren Einsatzort im umgebenden Gewebe zu gelangen.
Blutgefäßsystem
BlutBlutgefäße wird in einem Röhrensystem aus Blutgefäßen transportiert. Der Motor für den fortwährenden Blutfluss ist das in einen linken und in einen rechten Ventrikel geteilte Herz. Der linke Ventrikel bedient den Körperkreislauf, der die einzelnen Organe mit Blut versorgt; der rechte Ventrikel betreibt den Lungenkreislauf für die Abgabe von CO2 und die Aufnahme von O2 (Abb. 1.29).
Kreislauf
Das Herz Herzist ein muskuläres Hohlorgan. Bei jeder Herzkontraktion werden ca. 70 ml Blut aus den Herzventrikeln in je eine Arterie gepumpt. Für den linken Ventrikel ist dies die Hauptschlagader (Aorta), für den rechten Ventrikel der Truncus pulmonalis, aus dem die linke und die rechte Lungenarterie hervorgehen. Durch dauernde Verzweigung der Hauptgefäße entstehen immer kleinere ArterienArterien und schließlich ArteriolenArteriolen, die den Übergang in ein Kapillarnetz schaffen, in dem der Stoff- und Gasaustausch stattfindet. Der Rücktransport des Blutes aus dem Kapillarnetz geschieht über Venolen Venolenund dann immer größer werdende Venen, dVenenie das Blut aus dem Körperkreislauf über die obere (V. cava superior) und untere Hohlvene (V. cava inferior) in den rechten Herzvorhof und aus dem Lungenkreislauf über die Vv. pulmonales in den linken Herzvorhof transportieren. Von den Herzvorhöfen gelangt das Blut schließlich wieder in den jeweiligen Herzventrikel (vom linken Vorhof in den linken Ventrikel; vom rechten Vorhof in den rechten Ventrikel) und der Kreislauf beginnt von Neuem. Arteriolen, Kapillarsystem und Venolen werden gemeinsam als EndstrombahnEndstrombahn bezeichnet. Sie bilden gemeinsam die Hauptquerschnittsfläche des Gefäßsystems. Im Bereich der Endstrombahn, in dem Stoffaustausch und Flüssigkeitsverschiebungen stattfinden, verlässt mehr Flüssigkeit das Gefäßbett, als wieder aufgenommen wird, sodass nur ca. 98 % des vom Herz in den Körper- und Lungenkreislauf entsandten Flüssigkeitsvolumens wieder in den venösen Schenkel gelangen. Die fehlenden 2 % werden über den Lymphkreislauf drainiert (s. u.) und gelangen somit über diesen Umweg kurz vor dem Herz wieder in den venösen Schenkel der Blutbahn und damit wieder in den Blutkreislauf zurück.
Hoch- und Niederdrucksystem
Entsprechend dem NiederdrucksystemHochdrucksystemBlutdruck im Kreislaufsystem wird zwischen Hochdrucksystem (linke Herzkammer und Arterien) und Niederdrucksystem (Kapillaren, Venen, rechtes Herz, Lungenkreislauf und linker Vorhof) unterschieden. Im Hochdrucksystem beträgt der Blutdruck (RR = nach RIVA-rocci) unter physiologischen Bedingungen zwischen 60 und 130 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule); im Niederdrucksystem beträgt der Blutdruck auf Herzhöhe zwischen 9 und 12 mmHg.
Vasa publica und Vasa privata
Einige Organe – wie z. B. die Lunge oder die Leber – haben 2 funktionell voneinander unabhängige Gefäßsysteme:
  • Vasa publica: VasapublicaVasaprivataDiese Gefäße haben eine Funktion für den gesamten Körperkreislauf (in der Lunge dienen sie dem Gasaustausch – Aa. und Vv. pulmonales).

  • Vasa privata: Diese Gefäße dienen der speziellen Organdurchblutung (in der Lunge dienen sie der Blutversorgung des Lungengewebes – Rr. bronchiales).

Bei anderen Organen (z. B. Niere) haben die Arterien eine Doppelfunktion und fungieren gleichzeitig als Vasa publica und Vasa privata.
Herz
Das HerzHerz ist die muskuläre Pumpe des Blutkreislaufs. Es führt rhythmisch koordinierte Muskelkontraktionen durch. Die Muskulatur besteht aus spezialisierten Herzmuskelzellen. Die Muskelkontraktionen bauen in den Herzkammern Druck auf, der durch das Öffnen und Schließen von Herzklappen zwischen den Herzvorhöfen und den Herzkammern und zwischen den Herzkammern und den angeschlossenen Arterien (Aorta, Truncus pulmonalis) in eine Richtung gelenkt wird (von den Vorhöfen in die Ventrikel und aus den Ventrikeln in die Arterien). Die Herzkontraktion heißt Systole; Systoledie Erschlaffungsphase ist die Diastole.Diastole
Herzwand
Die HerzwandHerzwand besteht aus 3 Schichten:
  • Endokard:Endokard (Endocardium) Endothel (auskleidende innere Schicht) und Bindegewebe

  • Myokard:Myokard (Myocardium) Herzmuskulatur und Bindegewebe

  • Epikard:Epikard (Epicardium) Bindegewebe und Mesothel (spezialisierte äußere Schicht)

Das Herz liegt in einem Herzbeutel (Perikard). Perikard (Pericardium)Zwischen Epi- und Perikard befindet sich ein kapillärer Spaltraum (seröse Höhle, Kap. 1.6.3).
Herzklappen
Jeder HerzklappenHerzventrikel hat 2 Öffnungen (Ostien), in denen die Herzklappen (Tab. 1.8) sitzen – eine zum entsprechenden Vorhof, die andere zur entsprechenden Arterie. Die Klappen zwischen den Vorhöfen und den Ventrikeln werden als Atrioventrikularklappen AtrioventrikularklappelinkeAtrioventrikularklapperechtebezeichnet. Sie sind entsprechend ihrem Aufbau Segelklappen (links die aus 2 Segeln bestehende Mitralklappe,Mitralklappe rechts die aus 3 Segeln bestehende Trikuspidalklappe). TrikuspidalklappeBei den Klappen zu den Arterien (Aorta, Truncus pulmonalis) handelt es ich um Taschenklappen (links die Aortenklappe Aortenklappemit 3 Taschen und rechts die Pulmonalklappe Pulmonalklappemit 3 Taschen). Alle 4 Ostien für die Klappen befinden sich in einer gemeinsamen Ebene (Ventilebene),HerzVentilebene in der auch das bindegewebige Herzskelett liegt, das der Herzmuskulatur als Fixpunkt dient.
Die Herzklappen öffnen und schließen sich je nach den gerade herrschenden Druckgradienten (Tab. 1.9). Beim Klappenschluss legen sich die freien Ränder der Segel- und Taschenklappen aneinander. Im Gegensatz zu den Taschenklappen haben die Segelklappen einen Halteapparat aus PapillarmuskelnPapillarmuskeln (Mm. papillares), Musculus(-i)papillaresdie über Sehnenfäden (Chordae tendineae) Chordae tendineae cordisan den freien Unterseiten der Segel ansetzen und ein Durchschlagen verhindern. Die Taschenklappen funktionieren im Gegensatz dazu wie Rückschlagventile.
Arterien und Venen
Das BlutgefäßsystemBlutgefäßeAufbau tritt makroskopisch als röhrenförmiges Netzwerk aus ArterienArterien und VenenVenen in Erscheinung, das im gesamten Körper verteilt ist (Abb. 1.30). Die Benennung der Blutgefäße richtet sich nach der Flussrichtung des Blutes im Verhältnis zum Herz. Arterien transportieren Blut vom Herz in die Körperperipherie oder die Lunge (Abb. 1.30a), Venen transportieren Blut aus der Körperperipherie oder der Lunge zum Herz (Abb. 1.30b).
Aufbau
Dabei sind ArterienArterienAufbauVenenAufbau und Venen grundsätzlich gleich aufgebaut. Die Wand der größeren Gefäße besteht von innen nach außen aus 3 Schichten:
  • Tunica intima (Intima, Innenschicht): Diese flache Endothelzellschicht ist durch eine Basalmembran von der Membrana elastica interna getrennt. Letztere ist bei Arterien wesentlich stärker ausgebildet als bei Venen.

  • Tunica media (Media, mittlere Schicht): Sie ist eine Schicht aus Lagen glatter Muskelzellen, die bei den Arterien vom elastischen Typ (s. u.) kräftige Netze aus elastischen Fasern enthält. Die glatten Muskelzellen regulieren bei Kontraktion den Gefäßquerschnitt und damit den Strömungswiderstand. Außen schließt sich eine Membrana elastica externa an.

  • Tunica adventitia (Adventitia, Tunica externa, äußere Schicht): Sie enthält kollagenes Bindegewebe, welches das Blutgefäß in die Umgebung einbaut und verankert. Hier verlaufen Nerven und bei Gefäßen mit großem Durchmesser Blutgefäße für die Bluteigenversorgung des Gefäßes (Vasa vasorum).Vasavasorum

Merke

Arterien haben normalerweise in etwa den gleichen Umfang wie Venen. Ihre Wand ist allerdings deutlich dicker und das Lumen dadurch geringer.

Die Wand von Arteriolen, KapillarenKapillaren und Venolen weist einen hiervon abweichenden Aufbau auf. Hier sei auf die Lehrbücher der Histologie und im Hinblick auf die Druckverhältnisse in den einzelnen Gefäßen, Gefäßanzahl, Gefäßdurchmesser, Gefäßmotorik (Vasomotorik), Gefäßwiderstand und Querschnittsfläche auf die Lehrbücher der Physiologie verwiesen.
Einige Gefäße besitzen Sondereinrichtungen des Gefäßsystems (z. B. die Lebersinusoide). Auch hier sei auf die Lehrbücher der Histologie verwiesen.
In manchen Körperregionen oder Organen wird das Kapillarbett umgangen. Hier stehen Arterien und Venen direkt miteinander in Verbindung (arteriovenöse Anastomosen). arteriovenöse AnastomosenDiese spielen z. B. in der Haut für die Wärmeregulation eine große Rolle.
Arterien
Aufgrund ihres histologischen AufbausArterienAufbau unterscheidet man:
  • Arterien vom elastischen Typ: Bei diesen ArterienArterienvom elastischen Typ (z. B. Aorta, herznahe Arterien) dient der elastische Wandaufbau dazu, einen Teil der bei der Systole auftretenden Energie in Form passiver Wanddehnung für kurze Zeit zu speichern und anschließend bei der Rückkehr in die Ausgangslage wieder freizusetzen (Windkesselfunktion). Dadurch soll erreicht werden, dass der durch die Herzkontraktion zunächst entstehende diskontinuierliche Blutfluss in einen mehr kontinuierlichen Blutfluss umgewandelt wird.

  • Arterien vom muskulären Typ (die meisten ArterienArterienvom muskulären Typ, z. B. A. brachialis, A. femoralis).

  • Sperrarterien: SperrarterienDiese spezialisierten Arterien haben eine unregelmäßig angeordnete Längsmuskelschicht. Die Intima wölbt sich bei ihnen in das Gefäßlumen vor und ist bei Kontraktion in der Lage, den Blutzufluss zu den nachgeschalteten Bereichen zu reduzieren oder aufzuheben. Sie kommen z. B. in den Genitalorganen vor (z. B. Schwellkörper des Penis).

Zwischen den Arterien vom elastischen und denen vom muskulären Typ findet ein allmählicher Übergang statt. Die Arterien des muskulären Typs werden in der Körperperipherie immer kleiner, verzweigen sich dabei immer mehr und erreichen schließlich über Arteriolen (kleinste Arterien) das Kapillarbett. Der Wandaufbau der Arteriolen trägt maßgeblich zur Aufrechterhaltung des Blutdrucks bei. Sie machen in ihrer Gesamtheit etwa die Hälfte des peripheren Widerstandes aus.

Merke

Große und mittlere Arterien verlaufen an mehreren Stellen der Körpers nahe der Körperoberfläche. Hier kann zeitversetzt die Herzkontraktion als PulstastungA. dorsalis pedisPuls getastet werden (Abb. 1.30a), indem die Arterie leicht gegen eine darunter liegende härtere Struktur (z. B. Knochen) gedrückt wird. Der am weitesten distal und damit am weitesten vom Herz entfernt tastbare Puls ist der Puls der A. dorsalis pedis auf dem Fußrücken. Das Ertasten des Pulses gibt zahlreiche Hinweise, z. B. über die Schlagfrequenz des Herzens, über eine mögliche Differenz der Durchblutung von oberer und unterer Extremität oder ganz allgemein über den Durchblutungszustand eines Körperabschnitts.

Venen
VenenVenenAufbau transportieren Blut aus der Körperperipherie und aus der Lunge zurück zum Herz. Ihre Wand ist leicht erweiterbar und bietet eine Reservoirfunktion. Venen des Körperkreislaufs transportieren sauerstoffarmes Blut, die des Lungenkreislaufs sauerstoffreiches Blut. Die meisten Venen verlaufen parallel zu Arterien (Begleitvenen). Insgesamt ist der Verlauf von Venen wesentlich variabler als der von Arterien und kann sich individuell stark unterscheiden. Die großen Venenstämme kommen aber regelmäßig bei allen Menschen vor. Venen gehören mit Kapillaren und Venolen zum Niederdrucksystem des Blutkreislaufs (s. o.). Da die meisten Venen beim aufrechten Stand das Blut gegen die Schwerkraft transportieren müssen, besitzen die größeren Venen der Extremitäten und der unteren Halsregion Venenklappen (Abb. 1.31), Venenklappendie den venösen Rückstrom unterstützen. Sie gewährleisten, dass der Blutfluss nur in Richtung Herz möglich ist. Venenklappen sind einander gegenüberliegende taschenförmige Ausziehungen der Intima (Intimaduplikaturen). Bei Blutfluss in Richtung Herz öffnen sie sich; kehrt sich der Blutfluss aufgrund der Druckverhältnisse um, strömt Blut in die Taschen und verschließt sie.
Die meisten Körperabschnitte besitzen ein oberflächliches venöses System im Unterhautfettgewebe und ein tiefes, meist parallel zu den Arterien verlaufendes Venensystem. Beide Venensysteme stehen zwar über kurze Venen miteinander in Verbindung, das venöse Blut fließt aber nur von oberflächlich nach tief, da in den Verbindungsvenen Venenklappen die Flussrichtung vorgeben.

Merke

Der venöse Rückstrom zum Herz Herzvenöser Rückstromwird gewährleistet durch:

  • Venenklappen (sorgen für den gerichteten Rückstrom)

  • den über die Arterien laufenden Arterienpuls, der die Wände der Begleitvenen komprimiert (arteriovenöse Kopplung)

  • Kontraktion der umgebenden Muskulatur (Muskelpumpe), die ebenfalls zu einer Kompression der Venenwände führt

  • Sogwirkung des Herzens (nur herznah)

  • Druckunterschiede im Brustraum (während der Ein- und Ausatmung)

Klinik

Defekte der VenenklappenVenenklappenDefekte in den Verbindungsvenen zwischen dem oberflächlichen und dem tiefen Venensystem der unteren Extremität führen zur Ausbildung vonVarizenVenen Krampfadern (Varizen), Krampfadern (Varikosis)Varikosis (Krampfadern)die man am Bein als stark erweiterte und geschlängelt verlaufende Gefäße unter der Haut von außen erkennen kann.

Einige Venen besitzen einen spezialisierten Aufbau:
  • Kapazitätsvenen:Kapazitätsvenen Es handelt sich um Venenabschnitte mit sehr dünner Media bei gleichzeitig großem Querschnitt. Sie können große Blutvolumen speichern, sind meist Sperrarterien nachgeschaltet und spielen für Schwellkörper eine Rolle (z. B. in der Nasenschleimhaut/Nasenmuscheln oder den ableitenden Tränenwegen).

  • Drosselvenen: DrosselvenenSie besitzen wie Sperrarterien (s. o.) unregelmäßig angeordnete Längsmuskelbündel in der Media. Sie sind Kapazitätsvenen häufig nachgeschaltet, kommen aber auch unabhängig vor (z. B. im Nebennierenmark). Bei Muskelkontraktion wird der Blutabfluss reduziert oder aufgehoben, sodass sich das Blut in den vorgeschalteten Gefäßabschnitten staut.

Pfortaderkreislauf

Der PfortaderkreislaufPfortaderkreislauf (Abb. 1.32) nimmt innerhalb des Körperkreislaufs eine Sonderstellung ein. Er dient dazu, die über den Magen-Darm-Trakt aufgenommenen Nährstoffe auf kürzestem Weg der Leber zur weiteren Verstoffwechslung zuzuführen. Hierzu wird das Blut der unpaaren Bauchorgane (Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse, Milz) nicht über Venen direkt dem Körperkreislauf zugeführt, sondern gelangt aus dem Kapillarsystem zunächst in ein zwischengeschaltetes Venensystem, welches das Blut in die V. portae (Pfortader) drainiert, die direkt in die Leber führt. Nachdem dieses Blut die Leber durchflossen hat (und die Nährstoffe verstoffwechselt wurden), gelangt es in die untere Hohlvene und damit zurück in den Körperkreislauf.

Klinik

Im Rahmen verschiedener Erkrankungen (z. B. Alkoholabusus) kann sich eine Leberzirrhose entwickeln. Dabei ist der normale Blutzufluss aus der Pfortader in die Leber gestört und das Blut staut sich in die Pfortader und die der Pfortader vorgeschalteten Venen zurück. Der Pfortaderdruck ist erhöht. Der Körper versucht, den gesteigerten Druck durch Umgehungskreisläufe zu kompensieren. Dabei wird das Blut über portokavale Anastomosenportokavale Anastomosen (Verbindungswege zwischen V. portae und Vv. cavae superior et inferior) an der Leber vorbei drainiert. Die im Anastomosengebiet vorkommenden Venen sind dem gesteigerten Blutfluss allerdings nicht gewachsen und erweitern sich varikös. Diese Varizen VarizenÖsophagus(erweiterte, stark geschlängelt verlaufende Venen) können entstehen:

  • am Übergang vom Magen zur Speiseröhre (submuköse ÖsophagusvarizenÖsophagusvarizen können bei der Nahrungsaufnahme leicht verletzt werden und zu lebensbedrohlichen Blutungen führen)

  • in den Venen um den Bauchnabel (paraumbilikale Venen), wobei das Bild eines sog. Caput medusae (MedusenhauptCaputmedusae (Medusenhaupt) aus der griechischen Mythologie) entsteht

  • im Analkanal

Pränataler Kreislauf

Der vorgeburtliche KreislaufKreislaufpränatalerPränatalkreislauf unterscheidet sich vom Kreislauf nach der Geburt (Abb. 1.33). Vor der Geburt werden Nährstoffe und Sauerstoff via Nabelschnur über die Placenta aufgenommen und Stoffwechselprodukte umgekehrt über sie abgegeben. Die Lungen des ungeborenen Kindes sind noch nicht belüftet, es findet hier noch kein Gasaustausch statt. Der Lungenkreislauf ist daher noch nahezu vollständig vom Körperkreislauf abgekoppelt; das Blut wird über Kurzschlüsse an den Lungen vorbeigeleitet (Tab. 1.10). Ein Großteil des Blutes gelangt über eine Verbindungsöffnung in der Vorhofscheidewand (Foramen ovale) Foramen(-ina)ovalecordisdirekt vom rechten in den linken Vorhof und umgeht damit die Lunge. Ein weiterer Teil gelangt aus dem Truncus pulmonalis, der sich dem rechten Ventrikel anschließt, über einen Verbindungsshunt (Ductus arteriosus) in den Aortenbogen und umgeht ebenfalls die Lunge. Da die Leber noch nicht voll ausgereift ist, wird über einen weiteren Kurzschluss (Ductus venosus) das Blut größtenteils aus der Nabelvene direkt in die untere Hohlvene transportiert. Unmittelbar nach der Geburt verschließt sich das Foramen ovale; der Ductus arteriosus (botalli)Ductusarteriosus Botalli und der Ductus venosus (arantii)Ductusvenosus (Arantii) obliterieren. Nun fließt das Blut über den Lungenkreislauf und durch die Leber.

Klinik

Verschließt sich das Foramen ovale nur unvollständig oder gar nicht, entstehen nach der Geburt ein Links-rechts-Shunt, Links-rechts-Shuntbei dem Blut in umgekehrter Richtung fließt. Solche Shunts gehören zu den häufigsten angeborenen Herzfehlern.

Lymphkreislauf

Der LymphkreislaufLymphkreislauf ist ein neben dem Körperkreislauf existierendes System aus Röhren (Lymphgefäßen), die Lymphe transportieren. Er beginnt blind mit Lymphgefäßen im Interstitium, die ca. 2 % der aus dem Kapillarsystem des Blutkreislaufs ausgetretenen Flüssigkeit aufnehmen, durch das Lymphgefäßsystem leiten und dem venösen Schenkel des Blutkreislaufs wieder vor Einmündung in die obere Hohlvene zuführen. In den Lymphkreislauf sind Lymphknoten integriert, die von der drainierten Lymphflüssigkeit (Lymphe) durchflossen werden müssen. Sie dienen der Immunabwehr.
Lymphgefäßsystem
Das LymphgefäßsystemLymphgefäßsystem ist ein dem Blutgefäßsystem vergleichbares System aus aneinandergekoppelten Gefäßen (s. u.).
Funktionen
Funktionen des LymphgefäßsystemsLymphgefäßsystemFunktionen sind:
  • Flüssigkeitstransport: Transport eines Teils der aus den Kapillaren in das Interstitium übergetretenen Flüssigkeit (einschließlich darin gelöster Substanzen) als Lymphe Lymphezurück in den venösen Schenkel des Körperkreislaufs

  • Fetttransport: Transport von im Darm resorbierten Fetten als Chylus Chylusund Überführung in den venösen Schenkel des Körperkreislaufs

  • Immunabwehr durch zwischengeschaltete Lymphknoten

Chylus (Milchsaft) ist die aus dem Darm kommende fettreiche, milchige Lymphe (die resorbierten Nahrungsfette werden in Form von Chylomikronen im Gegensatz zu den Kohlenhydraten und Aminosäuren nicht auf dem Blutweg, sondern auf dem Lymphweg transportiert).
Aufbau
Das LymphgefäßsystemLymphgefäßsystemAufbau beginnt mit Lymphkapillaren Lymphkapillaren(Vasa lymphocapillaria),Vasalymphocapillaria die vergleichbar den Blutkapillaren im interstitiellen Gewebe der meisten Organe (Ausnahme: Zentralnervensystem, Knorpel, Knochenmark) Netzwerke bilden. Die Lymphkapillaren sind blind beginnende Röhren, die im umgebenden Gewebe so verankert sind, dass sie durch Zug aus dem Bindegewebe oder Druck der interstitiellen Flüssigkeit geöffnet werden. Aus dem Kapillarsystem vergrößern sich die Gefäße ständig weiter. Es schließen sich an:
  • Lymphkollektoren (Sammelgefäße)

  • Lymphgefäße: Vasa lymphatica, Transportgefäße, und zwischengeschaltete Lymphorgane, die für die Filtration einer Körperregion zuständig sind (regionäre Lymphknoten) oder die Lymphe von verschiedenen anderen Lymphknoten zugeleitet bekommen (Sammellymphknoten)

  • LymphstämmeLymphstämme (Trunci lymphatici, Tab. 1.11)Truncus(-i)lymphatici

  • große Lymphstämme (sie führen die Lymphe in das venöse Blutgefäßsystem des Körperkreislaufs zurück; an der Einmündung der Lymphgefäßstämme aus der unteren Körperhälfte [Trunci lumbales] in den Ductus thoracicusDuctusthoracicus [Milchbrustgang] istMilchbrustgang dieser zur Cisterna chyli Cisterna(-ae)chylierweitert)

Der größte Teil der Lymphe wird über den Ductus thoracicus Ductusthoracicusin den linken Venenwinkel drainiert (zwischen Vv. jugularis interna sinistra und subclavia sinistra, Abb. 1.34). Die Lymphe des rechten oberen Quadranten des Körpers wird im Gegensatz dazu über den Ductus lymphaticus dexter Ductuslymphaticus dexterin den rechten Venenwinkel (zwischen Vv. jugularis interna dextra und subclavia dextra) geführt (Abb. 1.34).
Um einen gerichteten Lmyphfluss zu den oberhalb des Herzens gelegenen Einspeisungszentren in das venöse Gefäßsystem zu ermöglichen, besitzen Lymphkollektoren und Lymphgefäße Taschenklappen (Lymphgefäßklappen), Lymphgefäßklappendie prinzipiell wie die Venenklappen aufgebaut sind. Die Wand der Lymphgefäße besteht wie die Wand der Venen aus:
  • einer Endothelzellschicht (Intima)

  • einer Muskelschicht (Media)

  • einer umgebenden Adventitia (Externa)

Allerdings ist die Media deutlich dünner als bei den Venen. Die Lymphe wird innerhalb des Gefäßsystems sowohl durch Kontraktion der Mediamuskulatur transportiert als auch – wie bei den Venen – durch die arterielle Pulswelle, die Muskelpumpe der Skelettmuskulatur und die Sogwirkung des Thorax bei der Atmung (Kap. 1.5.1).
Lymphknoten
Im Körper des LymphknotenMenschen kommen bis zu 1 000 Lymphknoten vor, die in das Lymphgefäßsystem eingeschaltet sind. Innerhalb der Lymphknoten besteht eine Kompartimentierung in Rinde und Mark. Jeder Lymphknoten hat zahlreiche zuführende und wenige ableitende, dafür aber großlumigere Lymphgefäße (Abb. 1.35):
  • Die zuführenden Vasa lymphatica afferentiaVasalymphatica afferentia/efferentia führen die Lymphe über Randsinus und Intermediärsinus zu Marksinus, über welche die Lymphe den Vasa efferentia zugeleitet wird. Zwischen den Sinus befindet sich organisiertes lymphatisches Gewebe.

  • Die Vasa lymphatica efferentia verlassen den Lymphknoten am Lymphknotenhilus. Hier treten auch versorgende Blutgefäße ein und aus (Abb. 1.35).

Die Form der Lymphknoten ist sehr variabel (meist linsen- bis bohnenförmig mit einem Durchmesser von etwa 5–20 mm).
Bis zur Einmündung in das venöse Blutgefäßsystem durchfließt die Lymphe meist mehrere hintereinandergeschaltete Lymphknoten. Lymphknoten gehören funktionell gemeinsam mit der Milz, den Tonsillen („Mandeln“) sowie dem lymphatischen Gewebe des Darms und der übrigen Schleimhäute zu den sekundär lymphatischen Organen, lymphatische Organesekundäredie den primär lymphatischen Organen (Knochenmark, Thymus) gegenübergestellt werden und die alle der Immunabwehr dienen.

Klinik

Zu jeder ausführlichen körperlichen Untersuchung eines Patienten gehört die Untersuchung der Lymphknoten in den tastbaren (palpierbaren) Regionen von Hals, Axilla (Achselhöhle) und Leiste.

LymphknotenvergrößerungenLymphknotenVergrößerungen können ein erster Hinweis auf Entzündungsprozesse (Lymphadenitis) oder bösartige Erkrankungen (Metastase eines malignen Tumors [lymphogene Tumormetastasierung] oder einer generalisierten Erkrankung des lymphatischen Systems, z. B. Morbus hodgkin)Hodgkin-LymphomMorbusHodgkin sein.

Stauungen innerhalb der Lymphgefäße, z. B. bei bestimmten Erkrankungen oder nach Durchtrennung von Lymphgefäßen im Rahmen von Operationen können zu einem Lymphödem Lymphödemführen. Das interstitielle Gewebe ist dabei verhärtet (induriert) und die Flüssigkeitsansammlung im Gewebe lässt sich nicht wie bei einem normalen Gewebeödem wegdrücken. Nach Operationen führt man daher oft eine manuelle Lymphdrainagetherapie durch.

Schleimhaut, Drüsen, seröse Höhlen

Die inneren Oberflächen des Körpers (z. B. Atemtrakt, Verdauungstrakt, Urogenitaltrakt, aber auch Augenoberfläche, ableitendes Tränensystem und Mittelohr mit angrenzenden Räumen) werden von Schleimhaut Schleimhaut/-häuteausgekleidet, die außer einer Barrierefunktion gegen Mikroorganismen organspezifische Funktionen übernimmt wie Sekretion und/oder Resorption.
Daneben gibt es Drüsen, Drüsendie funktionell an die Schleimhäute gekoppelt sind oder unabhängig von ihnen Funktionen im Körper einnehmen. Drüsen sind Zellverbände, die ein Sekret produzieren, das sie als exokrine Drüsen über ein Ausführungsgangsystem auf die Schleimhautoberfläche abgeben oder das sie als Hormone in das Blut sezernieren (endokrine Drüsen).
Seröse Höhlen seröse Höhlensind Spalträume des Körpers, die der Verschieblichkeit stark beweglicher Organe (Lungen, Herz, Darm) dienen. Sie stehen nicht mit der Außenwelt in Verbindung (Ausnahme Peritonealhöhle der Frau) und sind von einer dünnen Tunica serosa (Serosa) ausgekleidet.

Schleimhäute

Je nach Funktion Schleimhaut/-häuteAufbauist der Aufbau der Schleimhäute sehr unterschiedlich. Dennoch kann ein grundsätzlicher, einheitlicher, dreischichtiger Bauplan unterschieden werden. Dieser besteht aus
  • Lamina epithelialis mucosae: spezialisiertes Epithel, das funktionell dem Schutz, der Sekretion und/oder Resorption dient

  • Lamina propria mucosae: enthält Blut- und Lymphkapillaren und dient dem Stofftransport und der Immunabwehr

  • Lamina muscularis mucosae (kommt nur im Rumpfdarm vor): glatte Muskulatur, die der Schleimhautmotilität dient

Unter der Schleimhaut schließt sich eine Tela submucosa (submuköses Bindegewebe) mit Blut- und Lymphgefäßen an.

Drüsen

Exokrine Drüsen
Exokrine DrüsenDrüsenDrüsenexokrine leiten ihr Sekret über ein Ausführungsgangsystem an die Oberfläche (Haut, Schleimhäute). Exokrine Drüsen sind z. B. Schweißdrüsen, Talgdrüsen, Duftdrüsen, Speicheldrüsen, Tränendrüsen, Bauchspeicheldrüse, Leber. Das Ausführungsgangsystem beginnt mit einem Endstück, in das die Drüsenzellen das produzierte Sekret abgeben. Oft weist das Ausführungsgangsystem Spezialisierungen auf, die das ausgeschüttete Sekret noch weiter modifizieren (z. B. Salzgehalt, Viskosität). Exokrine Drüsen sind Abkömmlinge des Epithels und münden an der Stelle auf das Epithel, von der ihre Entwicklung ihren Ausgang nahm (exoepitheliale Drüsen). Manche Drüsen bilden als Einzelzellen (z. B. Becherzelle) oder in Form mehrerer Zellen kleine intraepitheliale Aggregate, die als endoepitheliale Drüsen bezeichnet werden.
Endokrine Drüsen
Endokrine DrüsenDrüsenendokrine haben kein eigenständiges Ausführungsgangsystem. Die sekretbildenden (hormonbildenden) Zellen sind von einem Blutgefäßnetz umsponnen, in das die Hormone direkt eingespeist werden. Hormone sind Botenstoffe, die über spezielle Rezeptoren auf Zielgewebe wirken (z. B. wirkt das in der Hirnanhangsdrüse produzierte Hormon TSH = Thyroidea stimulierendes Hormon nur auf die Schilddrüsenzellen).

Seröse Höhlen

Seröse Höhlenseröse Höhlen des Körpers sind:
  • Cavitas pleuralis (Brustfellhöhle)Cavitas(-tes)pleuralis

  • Cavitas pericardialis (Herzbeutelhöhle)Cavitas(-tes)pericardiaca

  • Cavitas peritonealis (Bauchfellhöhle)Cavitas(-tes)peritonealis

  • Tunica vaginalis testis Tunicavaginalis testis(Hodenhülle; sie ist eine Abspaltung der Bauchfellhöhle)

Seröse Höhlen sind kapilläre Spalträume, die mit einer dünnen proteinreichen Flüssigkeitsschicht gefüllt sind. Das spezialisierte Epithel (Serosa, Tunica serosa, Mesothel) schafft eine feuchte, glatte Oberfläche, durch die einerseits die Reibung, die bei der Bewegung der Organe entsteht, auf ein Minimum reduziert wird und die andererseits die Organe aneinanderhält (Kapillaradhäsion – vergleichbar zweier durch Flüssigkeit aneinanderhaftender Glasscheiben).
Die Gelenkhöhle (Kap. 1.4.3), die Hüllen der Sehnenscheiden und die Schleimbeutel (Kap. 1.4.4) sind im Bau den serösen Höhlen ähnlich.
Parietales und viszerales Blatt
Man kann sich eine seröse Höhleseröse Höhlenparietales/viszerales Blatt als einen geschlossenen Sack vorstellen. Die eine Seite bildet die Innenauskleidung des Sacks und wird als parietales Blatt (Serosa parietalis) bezeichnet. Die andere Seite bedeckt das jeweilige Organ und wird als viszerales Blatt (Serosa visceralis) bezeichnet (Tab. 1.12).

Klinik

Seröse Höhlen können sich unter pathologischen Bedingungen zu luft- oder flüssigkeitsgefüllten Räumen erweitern. So kann es bei einer Verletzung der Lunge zu einem Einsaugen von Luft in den Spaltraum mit „Zusammenfallen“ der Lunge kommen (Pneumothorax) Pneumothoraxoder unter bestimmten Bedingungen kann es zum Übertritt von Flüssigkeit aus dem Blut in die jeweilige Höhle kommen (Pleuraerguss, Perikarderguss, Aszites), PerikardergussAszitesdie dann mit dieser Flüssigkeit nach und nach gefüllt wird.

Verklebungen der beiden Blätter nach Entzündung können die normale Organfunktion stark einschränken, z. B. spricht man in der Peritonealhöhle von Briden.

Die Serosa besteht aus 3 Schichten:
  • Serosaepithel (Mesothel)

  • Lamina propria (Serosabindegewebe mit Blut- und Lymphgefäßen)

  • Tela subserosa (Verschiebeschicht)

Funktionell dient sie der Bildung eines Transsudats (dünner Flüssigkeitsfilm) zur Reduktion von Reibung zwischen den parietalen und viszeralen Blättern sowie zur Resorption zu viel gebildeter Flüssigkeit, um einen gleichmäßig dünnen Flüssigkeitsfilm zu gewährleisten.
Mesenterien
Wie oben MesenterienGekrösebeschrieben bilden parietale und viszerale Serosa einen geschlossenen Sack. Die Umschlagstelle beider Blätter von der Wand der Körperhöhle auf das jeweilige Organ beinhaltet die Versorgungsstraße (Blut- und Lymphgefäße sowie Nervenfasern) und den Aufhängeapparat aus Bindegewebe. Sie ist eine Serosaduplikatur und wird im weiteren Sinne (Oberbegriff) als Mesenterium (Gekröse oder Meso) bezeichnet. Beispiele hierfür sind:
  • MesogastriumMesogastrium (Magengekröse)

  • MesenteriumMesenterium (Dünndarmgekröse, im engeren Sinn)

  • MesocolonMesocolon (Dickdarmgekröse)

  • MesohepaticumMesohepaticum (Lebergekröse)

  • MesovarMesovar (Eierstockgekröse)

  • MesosalpinxMesosalpinx (Eileitergekröse)

  • MesometriumMesometrium (Gebärmuttergekröse)

Die Befestigung des Mesos an der Körperhöhle wird häufig auch als Radix bezeichnet (z. B. Radix mesenterii). Funktionell dienen die Mesenterien daher der Blut- und Lymphgefäßversorgung, der Innervation, der Einlagerung von Ausführungsgängen (z. B. Gallenwege) sowie der Fixierung der beteiligten Organe in Form von Haltebändern (Ligamenten), z. B. als:
  • Lig. latum uteri Ligamentum(-a)latum uteri(Gebärmutter, Uterus)

  • Lig. gastrocolicum Ligamentum(-a)gastrocolicumLigamentum(-a)hepatoduodenale(Band zwischen Magen und Dickdarm)

  • Lig. hepatoduodenale (Band zwischen Leber und Zwölffingerdarm)

Die Festigkeit dieser „Bänder“ ist deutlich geringer als die der Bänder des Bewegungsapparats. Kleinere Bauchfellduplikaturen werden als Falten (Plicae) bezeichnet (z. B. Plica caecalis, Plica rectouterina). Die Sonderform einer Bauchfellduplikatur ist das große Netz (Omentum majus), das keine Haltefunktion, sondern eine Abwehrfunktion durch die Einlagerung von Abwehrzellen hat.
Lage der Bauch- und Beckenorgane
Die Lage von Organen innerhalb der BauchBauchorganeLageBeckenorganeLage- und Beckenhöhle ist folgendermaßen definiert:
  • Intraperitoneal: intraperitoneale Lageretroperitoneale Lageextraperitoneale LageDas Organ ist über ein Meso mit der Peritonealwand und/oder Nachbarorganen verbunden (z. B. Magen, Milz).

  • Retroperitoneal: Das Organ liegt „hinter“ dem Peritoneum parietale, seine anderen Wandflächen sind von retroperitonealem Bindegewebe umgeben (z. B. Niere).

  • Sekundär retroperitoneal: Das Organ ist im Rahmen der Entwicklung aus einer ehemals intraperitonealen Lage an die Wand der Peritonealhöhle verlagert worden, sodass wandseitiges Peritoneum viscerale und Peritoneum parietale miteinander verwachsen sind (z. B. Teile des Duodenums, Colon, Pancreas).

  • Extraperitoneal: Das Organ hat keinen Bezug zur Peritonealhöhle und ist von Bindegewebe umgeben (z. B. Prostata).

Nervensystem

Das NervensystemNervensystem (Systema nervosum) dient der
  • Reizaufnahme,

  • Reizweiterleitung,

  • Reizverarbeitung und

  • Reizbeantwortung

und bildet die Grundlage von
  • Emotionen

  • Gedächtnis und

  • Denkprozessen.

Das Nervensystem (Abb. 1.36) gliedert sich in:
  • zentrales Nervensystem (ZNS): bestehend aus Gehirn (Encephalon) und Rückenmark (Medulla spinalis)

  • peripheres Nervensystem (PNS):Nervensystemperipheres (PNS)Nervensystemzentrales (ZNS)ZNS (zentrales Nervensystem) bestehend aus Spinalnerven (dazu gehören die Plexus cervicalis, brachialis und lumbosacralis) und Hirnnerven (Nn. craniales)

Das Nervensystem steuert die Tätigkeit der Muskulatur und Eingeweide, dient der Kommunikation mit der Umwelt und dem Körperinneren (inneres Milieu) und erfüllt komplexe Funktionen wie Erfahrungsspeicherung (Gedächtnis), Entwicklung von Vorstellungen (Denken) sowie Emotionen und dient der schnellen Anpassung des Gesamtorganismus an Veränderungen der Außenwelt und des Körperinneren. Man unterscheidet:
  • Autonomes NervensystemNervensystemautonomes (vegetatives) (vegetatives, viszerales Nervensystem) zur Steuerung der Eingeweidetätigkeit, weitgehend unbewusst (Abb. 1.37); bestehend aus:

    • Sympathikus:Sympathikus Mobilisierung des Körpers bei Aktivität und in Notfallsituationen, Gegenspieler des Parasympathikus. Die Nervenzellen sind im Seitenhorn des thorakolumbalen Rückenmarks lokalisiert. Außerdem zählt man das Nebennierenmark dazu.

    • Parasympathikus: ParasympathikusNahrungsaufnahme und -verarbeitung sowie sexuelle Erregung, Gegenspieler des Sympathikus. Die Neurone sind im Hirnstamm und im Sakralmark lokalisiert.

    • Enterales Nervensystem (Darmnervensystem): DarmnervensystemNervensystementeralesRegulierung der Darmaktivität, steht unter dem Einfluss von Sympathikus und Parasympathikus.

  • Somatisches Nervensystem Nervensystemsomatisches(animalische Innervation von Skelettmuskulatur, bewusste Wahrnehmung von Sinneseindrücken, Kommunikation mit der Umwelt)

Beide Systeme sind eng miteinander verflochten und beeinflussen sich gegenseitig. Außer dem Nervensystem ist auch das endokrine System an der Steuerung des Gesamtorganismus beteiligt.

Klinik

Störungen peripherer Nerven

Verschiedene Erkrankungen (z. B. Diabetes mellitus, Vitamin-B-Mangel, Schwermetall- und Arzneimittelvergiftungen, Durchblutungsstörungen sowie übermäßiger Alkoholkonsum) können zu Störungen peripherer Nerven führen. Dabei sind Ausfallerscheinungen und/oder die Übererregbarkeit von Nervenzellen (Neuronen) möglich. Sind viele Nerven gleichzeitig betroffen, spricht man von einer Polyneuropathie.Polyneuropathie

Störungen des autonomen Nervensystems

In praktisch allen medizinischen Disziplinen spielen Störungen des autonomen Nervensystems eine Rolle. Sie können sich als eigenständige Erkrankungen (z. B. erbliche autonome Neuropathie),Neuropathieautonome als Folge anderer Erkrankungen (z. B. autonome NeuropathieNeuropathiediabetische bei Diabetes mellitus oder Morbus parkinson)MorbusParkinsonParkinson-Syndrom oder als Reaktion auf äußere Einflüsse oder andere Störungen (z. B. vegetative Dysregulationvegetative Dysregulation bei Stress, starken Schmerzen oder psychiatrischen Erkrankungen) bemerkbar machen. Je nachdem, welcher Anteil des autonomen Nervensystems betroffen ist, können Störungen der Kreislauforgane, der Verdauung, der Sexualfunktion oder anderer Funktionen im Vordergrund stehen.

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