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B978-3-437-41169-4.10002-7

10.1016/B978-3-437-41169-4.10002-7

978-3-437-41169-4

Dualer Arbeitsschutz, dualerArbeitsschutz in Deutschland.

Konzept zur Festlegung risikobasierter Grenzwerte für Krebs erzeugende Gefahrstoffe.

Am häufigsten angezeigte Berufskrankheiten und Anerkennungen 2007 [4].

Am häufigsten anerkannte Berufskrankheiten und neue Rentenfälle 2007 [4].

Beweisanforderungen bei Berufskrankheiten.Berufskrankheit:Beweisanforderung

Beispiel einer Positivliste für Ärztinnen in einer internistischen Abteilung mit Tätigkeiten, die bei entsprechenden Schutzmaßnahmen erlaubt sind

Tab. 2.1
Positivliste für schwangere Ärztinnen in der internistischen Abteilung ................... des Krankenhauses .............. erstellt von .......... am ........
Es sind immer die allgemeinen Hygieneregeln zu beachten:
  • Tragen von Handschuhen bei Kontakt mit potenziell infektiösem Material,

  • dabei darf nicht die Möglichkeit einer Schnitt/Stichverletzung bestehen.

  • Tragen von Mundschutz/Schutzbrille bei Gefahr von Spritzern auf Schleimhäute

Folgende Tätigkeiten können von Schwangeren ausgeführt werden:
  • Anamnesen und körperliche Untersuchungen

  • Durchführung und Auswertung von EKG und Langzeit-EKG

  • Funktionsprüfung und Dokumentation von Schrittmachern

  • Durchführung und Auswertung von Langzeitblutdruckmessung

  • Durchführung und Auswertung von Lungenfunktionen

  • Durchführung und Auswertung von Ultraschall- und Doppleruntersuchungen

  • Durchführung und Auswertung von Gastroskopien, Koloskopien, Rektoskopien

  • Durchführung und Auswertung von Bronchoskopien (Ausschluss sicher oder wahrscheinlich infektiöser Patienten. Ggf. gegen Spritzer auf die Schleimhäute Mundschutz und Schutzbrille tragen.)

  • Konsiliaruntersuchungen

  • Durchführung und Auswertung von Stationsvisiten

  • Aufnahme-, Patienten- und Entlassungsgespräche

  • Verschlüsselung entsprechend der Dokumentationspflicht

  • Diktat von Arztbriefen, Bescheinigungen und Gutachten

  • Erstellung und Auswertung von Statistiken

  • Sprechstundentätigkeit

  • Verbandwechsel

  • Umgang mit Blut und Blutprodukten (z. B. Verbandwechsel, Blutkonserven anhängen in liegendes System), Speichel, Urin (z. B. Katheterisieren) und Stuhl

  • Tagdienst auf Intensivstation ohne schwere körperliche Arbeiten und Punktionen

  • Aufenthalt im Kontrollbereich bei Zustimmung des Strahlenschutzverantwortlichen und Einhaltung des Grenzwertes

  • Gespräche mit Angehörigen

  • Beschäftigung an Sonn- und Feiertagen (Ausnahmegenehmigung durch Aufsichtsbehörde)

Unterschrift der Schwangeren Unterschrift des Vorgesetzten

Beispiele für Grenz- und Richtwerte in Blut- und UrinprobenQuecksilberPentachlor- phenol (PCP)PCPCadmiumBlei

Tab. 2.2
Stoff Medium Personenkreis Referenzwert HBM I HBM II BAT
Blei Blut Frauen < 45 J. 60 g/l 100 g/l 150 g/l 100 g/l
Blei Blut Männer u. Frauen > 45 J. 120 g/l 150 g/l 250 g/l 400 g/l
Cadmium Urin Erwachsene (Nichtraucher) 1,0 g/g Krea 2 g/g Krea 5 g/g Krea 15 g/g Krea
Quecksilber Urin Gesamtbevölkerung 1,4 g/l 7 g/l 25 g/l 30 g/l
Pentachlor- phenol (PCP) Urin Gesamtbevölkerung 6 g/g Krea 20 g/g Krea 30 g/g Krea 300 g/l

BAT-Wert aufgehoben

kein BAT-, sondern EKA-Wert

Überblick über Grenzwerte für LuftschadstoffeGrenzwerte, Luftschadstoffe

Tab. 2.3
Schadstoffe Wert Art des Wertes Überschreitungen pro Kalenderjahr Zeitbezug WHO-Leitwert
Feinstaub 50 g/m3 Grenzwert ab 2005 35 24-h-Mittelwert
40 g/m3 Grenzwert ab 2005 Jahresmittelwert
NO2 40 g/m3 Grenzwert ab 2010 Jahresmittelwert 40 g/m3
200 g/m3 Grenzwert ab 2010 18 1-h-Mittelwert 200 g/m3
Ozon 120 g/m3 Zielwert ab 2010 8-h-Mittelwert 12 g/m3
180 g/m3 Informationsschwelle 1-h-Mittelwert
240 g/m3 Alarmschwelle 1-h-Mittelwert
SO2 350 g/m3 Grenzwert ab 2005 24 1-h-Mittelwert
125 g/m3 Grenzwert ab 2005 4 24-h-Mittelwert 125 g/m3
500 g/m3 Alarmschwelle 1-h-Mittelwert
Jahresmittelwert 50 g/m3

Grenzwerte für Kontaminanten in Lebensmitteln

Tab. 2.4
Erzeugnis Höchstgehalt (Frischgewicht)
Benzo[a]pyren in Geräuchertem 5,0 g/kg
Blei in Fleisch 0,1 mg/kg
Cadmium in Fleisch 0,05 mg/kg
Dioxine und PCB 8,0 ng/kg
Quecksilber in Fisch 0,5 mg/kg
Zinn, anorganisch, in Konserven 200 mg/kg

Grenzwerte für TrinkwasserTrinkwasser, Grenzwerte

Tab. 2.5
Parameter Grenzwert Einheit
Benzo[a]pyren 0,01 g/l
Benzol 1 g/l
Blei 10 g/l
Cadmium 5 g/l
coliforme Keime 0 K/ml
Koloniezahl 0 K/ml
Natrium 200 mg/l
Nitrat 50 mg/l
Nitrit 0,5 mg/l
PAK, polyzyklische, aromatische Kohlenwasserstoffe 0,1 g/l
Pflanzenschutzmittel, Einzelsubstanz 0,1 g/l
Summe aller gemessenen Pflanzenschutzmittel 0,5 g/l
Quecksilber 1 g/l
Vinylchlorid 5 g/l

Arbeitsbedingte gesundheitliche Probleme in der subjektiven Wahrnehmung der Beschäftigten

Tab. 2.6
arbeitsbedingte gesundheitliche Beschwerden Prozentsatz der Arbeitnehmer, die Beschwerden haben und diese als arbeitsbedingt ansehen
Rückenschmerzen 25
Muskelschmerzen 23
allgemeine Erschöpfung 23
Stress 22
Kopfschmerzen 16
Reizbarkeit 11
Verletzungen 10
Schlafstörungen 9
Angstzustände 8
Augenprobleme 8
Gehörprobleme 7
Hautprobleme 7
Magenbeschwerden 6
Atembeschwerden 5
Allergien 4
Herzkrankheiten 2
Quelle: Fourth survey on working conditions, European Foundation 2005

Arbeits- und Gesundheitsschutz

Arbeitsschutz dient der Prävention. Prävention bedeutet allgemein Krankheitsvorbeugung bzw. Krankheitsverhütung.

Es lassen sich folgende drei Stufen unterscheiden: Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention.

Primärprävention hat zum Ziel, die Gesundheit zu fördern und zu erhalten und die Entstehung von Krankheiten zu verhindern. Hierzu Primärpräventiongehört auch die Erkennung und Vermeidung von Risikofaktoren, zum Beispiel durch Impf- oder Anti-Rauch-Kampagnen, Programme zur gesunden Ernährung oder zur körperlichen Aktivität.

Dabei steht die Verhältnisprävention für eine Strategie, die auf Kontrolle, Verminderung oder Beseitigung von Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz Verhältnispräventiondurch technische und organisatorische Maßnahmen setzt, während die Verhaltensprävention auf Einstellungs- und Verhaltensänderungen durch Gesundheitserziehung bzw. Gesundheitsförderung durch VerhaltenspräventionInformation und Aufklärung zielt.

Die Sekundärprävention soll das Fortschreiten eines Krankheitsfrühstadiums durch Frühdiagnostik und rechtzeitige Behandlung verhindern. SekundärpräventionSie umfasst Maßnahmen zur frühzeitigen Entdeckung von Krankheiten. Solche Untersuchungen bei scheinbar Gesunden auf das Vorliegen bestimmter symptomloser Krankheitszeichen oder -vorzeichen nennt man Screening. Hierzu gehören auch die Screening-Maßnahmen in Form von arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen.

Als Tertiärprävention wird die Vermeidung der Verschlimmerung von bereits manifest gewordenen Erkrankungen bezeichnet. Im Arbeitsleben Tertiärpräventionumschreibt die Tertiärprävention auch Maßnahmen, die erkrankten und behinderten Mitarbeitern die Arbeit wieder ermöglichen oder erleichtern sollen, wobei hier kurative und rehabilitative Ansätze zusammentreffen.

Gesetzliche Grundlagen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in Deutschland

Institutionen für Arbeitsschutz

Der Arbeitsschutz in Deutschland erfolgt nach einem dualen System, d. h. komplementär agieren hier staatliche ArbeitsschutzEinrichtungen und die GesundheitsschutzTräger der gesetzlichen Unfallversicherung (Abb. 2.1). Bei der Frage nach einer möglichen Wechselwirkung zwischen beruflicher Tätigkeit und Erkrankung seines Patienten kann sich der behandelnde Arzt von folgenden Stellen unterstützen lassen:
  • Staatliche Einrichtungen: Die staatliche Überwachung der gesetzlichen Arbeitsschutzvorschriften ist im ArbSchG und in der Gewerbeordnung (GewO) verankert. Der staatliche Gewerbearzt ist – von Bundesland zu Bundesland verschieden – den Bezirks- oder Landesregierungen zugeordnet. Die Gewerbearzt, staatlicherGewerbeaufsichtsämter bzw. Ämter für Arbeitsschutz haben sonderpolizeiliche Rechte. Neben den staatlichen Gewerbeärzten sind dort auch die Gewerbeaufsichtsämtertechnischen Aufsichtspersonen tätig. Die staatlichen Gewerbeärzte bekommen Kenntnis von jeder Berufskrankheiten-(BK)Anzeige (Kap. 2.8.1) an die Berufsgenossenschaften, bzw. nehmen BK-Anzeigen entgegen und leiten sie an die zuständigen Berufsgenossenschaften weiter, mit denen sie eng zusammenarbeiten. Sie können – häufig anlassbezogen (bei Unfällen, Berufskrankheiten oder sonstigen Anzeigen Dritter) – unangemeldet während der Betriebszeiten Arbeitsplatz- und Betriebsbesichtigungen durchführen und ggf. Auflagen für die Fortführung der Tätigkeit erteilen. Des Weiteren überwachen sie die Einhaltung von Mutterschutzgesetz (MuSchG) (Kap. 2.3.2) und Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG). Kap. 2.3.3

DAS GEHT SIE AN!

Das Gewerbeaufsichtsamt berät, wenn es z. B. um die Frage nach dem Einsatz einer schwangeren Ärztin im Operationssaal geht (Gefahren durch Infektion, Strahlung etc.). Es ist ggf. möglich, solche Tätigkeiten unter bestimmten Vorkehrungen individualisiert zuzulassen.

  • Unfallversicherungsträger (UVT) sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Sie sind aufgrund des 15 Abs. 1 Nr. 3 SGB VII ermächtigt, Unfallversicherungsträger (UVT)rechtlich bindende Vorschriften zu erlassen. Entsprechende Regelungen sind in den Berufsgenossenschaftlichen Vorschriften für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (BGV) niedergelegt. Die UVT im gewerblichen und landwirtschaftlichen Bereich sind die Berufsgenossenschaften, BGVim öffentlichen Dienst je nach Trägerschaft z. B. die Bundesausführungsbehörde für Unfallversicherung oder die BerufsgenossenschaftenGemeindeunfallversicherung. Auch Kindergartenkinder, Schüler und Studenten sind auf diese Weise versichert. Der Verband Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) ist der Spitzenverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften und der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand. Er nimmt die gemeinsamen Interessen seiner Mitglieder wahr und fördert deren Aufgaben zum Wohl der Versicherten und der Unternehmen. Der Verband vertritt die gesetzliche Unfallversicherung gegenüber Politik, Bundes-, Landes-, europäischen und sonstigen nationalen und internationalen Institutionen sowie Sozialpartnern. Die Berufsgenossenschaften werden allein durch Beiträge der Unternehmer finanziert. Alle Unternehmen sind zur Mitgliedschaft verpflichtet. Damit ist die Haftung des Unternehmens für eine Erkrankung eines Arbeitnehmers durch die Arbeit auf den Unfallversicherungsträger übertragen. Die Höhe des Beitrags richtet sich neben der Lohnsumme nach dem Risiko in der Branche und auch in dem Betrieb. Die UVT haben vor allem die Aufgabe der Verhütung von Erkrankungen, zahlen aber auch Entschädigung für BKen, Arbeits- und Wegeunfälle. Im Zweifel (da den Beschäftigten oft unbekannt) weiß der Arbeitgeber, welchem Unfallversicherungsträger sein Betrieb zugeordnet ist, da er diesem ja die Beiträge zahlt. Von den UVT werden auch Spezialkliniken zur Behandlung und Rehabilitation betrieben (z. B. in Hamburg-Bergedorf und Murnau für Unfälle, in Bad Reichenhall, Oberbayern, und Falkenstein, Sächsisches Vogtland, u.a. für BKen der Atemwege).

  • Betrieblicher Gesundheitsschutz: Die gesetzliche Verantwortung für den Arbeitsschutz trägt der Arbeitgeber. Der Arbeitgeber muss einen Gesundheitsschutz, betrieblicherBetriebsarzt und eine Sicherheitsfachkraft (technischer Grundberuf, mindestens Meister, spezielle Ausbildung) bestellen, die ihn – zeitlich entsprechend Betriebsgröße und Gefährdungspotenzial – in Fragen des Arbeitsschutzes beraten. Auch der Betriebsrat hat ein Mitspracherecht. Gesetzlich implementiert sind dreimonatliche Arbeitschutzausschusssitzungen (ASA-Sitzungen), in denen Arbeitgeber, Betriebsrat, Sicherheitsfachkraft und Betriebsarzt aktuelle Fragen Arbeitschutzausschusssitzungendes Arbeitsschutzes diskutieren und Betriebsbegehungen unter Arbeitschutzgesichtspunkten durchführen. In Betrieben mit mehr als 20 Beschäftigten benennt der Arbeitgeber zusätzlich zur Unterstützung mindestens einen Arbeitnehmer zum Sicherheitsbeauftragten.

MERKE!

Verantwortlich für alle Maßnahmen des betrieblichen Arbeitsschutzes ist der Arbeitgeber.

Der Betriebsarzt ist der erste kompetente Ansprechpartner bei einem konkreten gesundheitlichen Problem eines Arbeitnehmers an seinem Arbeitsplatz. Arbeitsschutz kann nur in Zusammenarbeit aller Beteiligter erfolgreich umgesetzt werden.

Arbeitsschutzgesetz, ArbSchG

Das Arbeitsschutzgesetz (Gesetz über die Durchführung von Maßnahmen des Arbeitsschutzes zur Verbesserung der Sicherheit und des ArbeitsschutzgesetzGesundheitsschutzes der Beschäftigten bei der Arbeit, ArbSchG) richtet sich an den Arbeitgeber. Dieser muss Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten gewährleisten. Es setzt EU-Richtlinien in deutsches Recht um. Es regelt allgemeine Prinzipien des Arbeitsschutzes, die Rechte und Pflichten der Beschäftigten, die Organisation der ersten Hilfe im Betrieb, die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung (Kap. 2.2), den Anspruch auf arbeitsmedizinische Untersuchungen.

Gefährdungsbeurteilung

Das zentrale Instrument des betrieblichen Arbeitsschutzes ist die Gefährdungsbeurteilung ( 5, 6 ArbSchG). Sie darf nur von einer fachkundigen Person durchgeführt werden. Verfügt der Arbeitgeber nicht Gefährdungsbeurteilungselbst über entsprechende Kenntnisse, dann muss er sich fachkundig beraten lassen. Als fachkundig gelten laut Verordnung insbesondere der Betriebsarzt und die Fachkraft für Arbeitssicherheit. Fachkundig können auch externe Personen und Unternehmen sein. Zweifellos gilt auch der Hersteller als fachkundige Person.
Die Gefährdungsbeurteilung muss alle in Kap. 2.2 und Kap. 2.3 aufgeführten Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, deren Adressat ausschließlich der Unternehmer ist, berücksichtigen und wird z. T. explizit in den Verordnungen gefordert, wie etwa in der Bildschirmarbeitsplatz-Verordnung die Ermittlung von körperlichen Problemen und psychischen Belastungen durch den Arbeitsplatz.
Prozessschritte einer Gefährdungsbeurteilung
  • 1.

    Festlegen von Arbeitsbereichen und Tätigkeiten

  • 2.

    Ermitteln der Gefährdungen:

    • Gestaltung und Einrichtung der Arbeitsstätte und des Arbeitsplatzes

    • physikalische, chemische, biologische, mechanische Einwirkungen

    • Explosions- und Brandgefahr

    • Gestaltung, Auswahl und Einsatz von Arbeitsmitteln, -stoffen, Maschinen und Anlagen

    • Organisation und Arbeitsinhalte, psychosoziale Faktoren (s. u. Belastungsanalyse)

  • 3.

    Beurteilen der Risikohöhe:

Risiko Eintrittswahrscheinlichkeit Schadensausmaß
Eine Risikobeurteilung von Expositionen gegenüber Arbeitsstoffen ist durch den Vergleich der Tätigkeit mit verfahrensspezifischen Kriterien ( standardisierte Beurteilungen der Berufsgenossenschaften für definierte Produktionsschritte) oder durch Raumluftmessungen ( Umgebungsmonitoring) und Vergleich mit dem Arbeitsplatzgrenzwert (Kap. 2.5) möglich. Bei zusätzlicher dermaler Resorption ist wenn möglich auch ein Human-Biomonitoring (Kap. 2.4, Kap. 2.5) zur Beurteilung der Gesamtbelastung notwendig.
  • 4.

    Festlegen konkreter Arbeitsschutzmaßnahmen:

    • a. technisch:

    • Ersatz eines gefährlichen Arbeitsstoffes durch einen weniger gefährlichen, (z. B. Ersatz von Benzol durch Styrol oder Toluol, Ersatz von Asbest durch künstliche Mineralfasern)

    • Umstellung des Verfahrens, so dass keine gefährdenden Expositionen mehr auftreten, (z. B. Kapselung lauter Maschinen, Verwendung geschlossener Systeme, Absauganlage)

    • b. organisatorisch:

    • zeitliche Beschränkung des Aufenthalts im Gefahrenbereich

    • c. persönlich:

    • persönliche Schutzmaßnahmen, z. B. Atemschutz, Gehörschutz, Schutzbrillen, -kleidung etc.

  • 5.

    Durchführung der Maßnahmen

  • 6.

    Überprüfen der Wirksamkeit der Maßnahmen

  • 7.

    Fortschreiben der Gefährdungsbeurteilung

  • 8.

    Dokumentation.

Die Gefährdungsbeurteilung soll tätigkeitsbezogen (Berücksichtigung von verschiedenen Betriebsarten wie Wartung, Reinigung etc.) und personenbezogen (Berücksichtigung von besonders schutzbedürftigen Personengruppen wie Jugendlichen, Schwangeren etc.) erfolgen.
Die Beschäftigten sind gemäß 12 ArbSchG über Gefahren für Sicherheit und Gesundheit zu unterrichten und sind nach 15 ArbSchG verpflichtet Schutzmaßnahmen anzunehmen.
Die Gefährdungsbeurteilung inkl. Unterweisung soll in folgenden Situationen stattfinden:
  • bei Inbetriebnahme neuer Anlagen bzw. bei Tätigkeitsbeginn

  • bei Veränderungen im Aufgabenbereich

  • bei der Einführung neuer Arbeitsmittel oder -verfahren.

Die Gefährdungsbeurteilung von psychischen Belastungen wird auch Belastungsanalyse genannt.
Eine Belastungsobjektivierung wird durch verschiedene Fragebögen ermöglicht, die folgende Merkmalbereiche abdecken sollten:
  • Belastungsobjektivierung qualitative und quantitative Arbeitsbelastung

  • Arbeitsorganisation und Umgebungsbedingungen

  • Abhängigkeit vom Vorgesetzten, von technischen Einrichtungen, von anderen Beschäftigten

  • Ausmaß der Fremdkontrolle und der Bürokratisierung

  • Leistungs- und Zeitdruck

  • Ungewissheit, Folgen von Fehlhandlungen

  • Störungen und Wartezeiten

  • geringe Handlungsvariabilität/Monotonie, Entscheidungsspielraum

  • Kommunikations- und Hilfeleistungsmöglichkeiten.

Eine psychosoziale Beanspruchung kann über folgende Merkmale erfragt werden:
  • Gesundheitszustand

  • Ermüdungssymptome

  • Beanspruchung, psychosoziale • Arbeits(un)zufriedenheit

  • anhaltende Gereiztheit durch die Arbeit

  • emotionale Erschöpfung

  • außerberufliche Situation.

MERKE!

Die Gefährdungsbeurteilung ist die Basis des betrieblichen Arbeitsschutzes. Die Gefahrenbekämpfung soll an der Quelle erfolgen. Es gibt folgende Hierarchie von ArbeitsschutzmaßnahmenArbeitsschutzmaßnahmen:

TOP 1. technisch, 2. organisatorisch, 3. persönlich.

Gefahrstoffverordnung

Die Europäische Gefahrstoff-Richtlinie beschreibt Mindestanforderungen zum Schutz von Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer vor Gefährdungen durch chemische Arbeitsstoffe. Die Umsetzung dieser Richtlinie sowie weiterer europäischer Richtlinien in nationales Recht machte eine Überarbeitung der Gefahrstoffverordnung ab 2005 erforderlich.
Die Gefahrstoffverordnung umfasst jetzt alle chemischen Stoffe, Zubereitungen und Erzeugnisse. Je nach Bewertung der Gefahrstoffe werden die GefahrstoffverordnungTätigkeiten in 4 Schutzstufen eingeteilt:
  • Schutzstufe 1: reizende (Xi), gesundheitsschädliche (Xn) und ätzende (C) Gefahrstoffe bei niedriger Exposition Maßnahmen: Exposition minimieren (Optimierung des Verfahrens, Hygiene-, Reinigungsmaßnahmen)

  • Schutzstufe 2: für die gleichen Gefahrstoffe bei höherer Exposition Maßnahmen: Substitution des Gefahrstoffes, sonst Verfahren optimieren, Absaugungen, Messungen (Arbeitsgrenzwerte AGW s.u.), persönliche Schutzausrüstung

  • Schutzstufe 3: sehr giftige (T+) und giftige (T) Gefahrstoffe Maßnahmen: Substitution des Gefahrstoffes, geschlossene Systeme, Absaugungen, Messungen (AGW s.u.), persönliche Schutzausrüstung

  • Schutzstufe 4: krebserzeugende, erbgutverändernde und fruchtbarkeitsschädigende Gefahrstoffe (Kategorie 1 oder 2) Maßnahmen: Substitution des Gefahrstoffes, geschlossene Systeme, Absaugungen ohne Luftrückführung, Messungen (AGW s.u.), persönliche Schutzausrüstung.

Bislang nahm die Gefahrstoffverordnung auf gesundheitsbasierte (MAK-) und technikbasierte (für krebserzeugende Arbeitsstoffe, TRK-)Werte Bezug. Jetzt gibt es in der Gefahrstoffverordnung nur noch einen Luftgrenzwert mit einem für alle Gefahrstoffe einheitlichen Bewertungsmaßstab: den Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) (Kap. 2.5). Er gibt an, bei welcher Konzentration eines Stoffes im Schichtmittel akute oder chronische Arbeitsplatzgrenzwert (AGW)schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit im Allgemeinen nicht zu erwarten sind. AGW sind in der TRGS 900 (Technische Regel für Gefahrstoffe) vom staatlichen Ausschuss für Gefahrstoffe festgelegt.

Infektionsschutzgesetz

Das Infektionsschutzgesetz hat im Jahre 2001 das alte Bundesseuchengesetz abgelöst. Das Infektionsschutzgesetz regelt u. a. die InfektionsschutzgesetzInfektionsprävention im Krankenhaus. Hinzu kommen Bereiche wie Kindergärten, Gastronomiebetriebe u. a. Durch eine Kooperation zwischen Arbeitsmediziner und Hygieniker/Infektiologen können z. B. Verhaltensweisen von Personal als Überträger von Krankheitserregern positiv beeinflusst werden. Auf diese Weise können auch die in der Gefahrstoffverordnung vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilungen als Voraussetzung für Impfindikationen umgesetzt werden.

Biostoffverordnung

Die Biostoffverordnung regelt den Schutz der Beschäftigten gegen Gefährdung durch biologische Arbeitsstoffe bei der Arbeit. Biologische BiostoffverordnungArbeitsstoffe in diesem Sinne sind Mikroorganismen, einschließlich gentechnisch veränderter Mikroorganismen, Zellkulturen und humanpathogener Endoparasiten, die beim Menschen Infektionen, sensibilisierende oder toxische Wirkungen hervorrufen können. Es wird unterschieden zwischen gezieltem Umgang mit biologischen Arbeitsstoffen (Biotechnologie, Pharmabereich, sonstige industrielle Produktion) und nicht gezieltem Umgang (Gesundheitsfürsorge, Landwirtschaft und sonstige Berufe mit Tierkontakten, klinische Laboratorien, Nahrungsmittelproduktion, Müllbeseitigung und Wertstoffsortierung, Abwasserkläranlagen).
Bei allen Tätigkeiten, bei denen eine Exposition gegenüber biologischen Arbeitsstoffen auftreten kann, ist eine Gefährdungsbeurteilung notwendig. Risikogruppen werden wie bei der Gefahrstoffverordnung entsprechende Schutzstufen und Schutzmaßnahmen zugeordnet.

Gentechnikgesetz, Gentechnik-Sicherheitsverordnung

Das Gentechnikgesetz und die Gentechniksicherheitsverordnung regeln den Schutz vor möglichen Gefahren Gentechnikgesetzgentechnischer Verfahren und Produkte. Je nach angenommenem GentechniksicherheitsverordnungRisiko für die menschliche Gesundheit und für die Umwelt werden auch hier verschiedene Schutzstufen unterschieden.

Strahlenschutz-/Röntgenverordnung

Mit der Neuregelung aus dem Jahr 2001 wurden die Dosisgrenzwerte für Bevölkerung und Arbeitskräfte abgesenkt. StrahlenschutzverordnungZum Schutz der Bevölkerung vor RöntgenverordnungStrahlenexpositionen aus zielgerichteter Nutzung radioaktiver Stoffe und ionisierender Strahlung wird der Grenzwert von 1,5 auf 1 Millisievert (mSv) im Kalenderjahr, der Grenzwert für beruflich strahlenexponierte Personen von 50 auf 20 mSv gesenkt. Die Berufslebensdosis beträgt 400 mSv.
Für ein ungeborenes Kind, das aufgrund der Tätigkeit der Mutter einer Strahlenexposition ausgesetzt ist, wird ein Grenzwert für die effektive Dosis vom Zeitpunkt der Mitteilung der Schwangerschaft bis zu deren Ende von 1 mSv festgelegt.
Zum Schutz des ungeborenen Lebens bei noch nicht erkannter Schwangerschaft beträgt der Grenzwert für die berufliche Strahlenexposition gebärfähiger Frauen 2 mSv für die über im Monat kumulierte Dosis an der Gebärmutter (früher 5 mSv).
Mit der Novelle wurden Strahlenschutzverordnung und Röntgenverordnung abgeglichen. Letztere hat das Ziel, die Strahlenbelastung von Personen, die Röntgeneinrichtungen oder Störstrahler betreiben, sowie von Patienten weiter zu senken.

Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung

Diese Verordnung aus dem Jahr 2007 setzt EG-Arbeitsschutzrichtlinien in deutsches Recht um. Sie definiert folgende Lärm-ArbeitsschutzverordnungAuslösewerte und Maßnahmen:
  • Lärm:

    • ab Tageslärmexpositionspegel 80 dB bzw. Spitzenschalldruckpegel 135 dB: Maßnahmen zur Lärmreduktion (TOP), Tragen von Gehörschutz ist zu ermöglichen, Unterweisung

    • ab Tageslärmexpositionspegel 85 dB, bzw. Spitzenschalldruckpegel 137 dB: Maßnahmen zur Lärmreduktion (TOP), Gehörschutz muss verwendet werden, Lärmbereich ist zu kennzeichnen und abzugrenzen, Unterweisung

  • Für Vibrationen (Hand/Arm, Ganzkörper) sind gleichfalls entsprechende Grenzwerte festgelegt.

Bildschirmarbeitsplatzverordnung

Vibrations-ArbeitsschutzverordnungSie stammt aus dem Jahr 1996 und soll die ergonomische Situation am Bildschirmarbeitsplatz verbessern; es Bildschirmarbeitsplat zverordnungwerden die Anforderungen an Bildschirm, Tastatur, Arbeitsplatz und -umgebung konkretisiert.

Arbeitsstättenverordnung

Die Arbeitsstättenverordnung aus dem Jahr 2004 legt fest, was der Arbeitgeber beim Einrichten und Betreiben von Arbeitsstätten in Bezug auf Arbeitsstättenverordnungdie Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten zu beachten hat.
Geregelt werden z. B. Anforderungen an Arbeitsräume, Pausen-, Bereitschafts- und Sanitärräume, Beleuchtung, Belüftung und Raumtemperatur. Es werden allgemeine Schutzziele – insbesondere ist in 5 der Nichtraucherschutz verankert – aber keine konkreten Vorgaben angegeben. Letztere sollen durch den staatlichen Ausschuss für Arbeitsstätten in Form von Arbeitsstättenregeln (ASR) erarbeitet werden, bis dahin (längstens bis 2010) gelten die älteren Arbeitsstättenrichtlinien.

Sozialer Arbeitsschutz

Arbeitstätigkeit der Frau

Vier physiologische Determinanten bedingen im Wesentlichen die Unterschiede zwischen Arbeitsschutz, sozialermännlicher und weiblicher Arbeitskraft:
  • Arbeitstätigkeit, Frauen• Frauen haben eine geringere Muskelmasse als Männer (36 % versus 42 % des Körpergewichts), die Muskelkraft entspricht im Mittel etwa 70 % der des Mannes und liegt damit in einem ähnlichen Bereich wie der altersphysiologische Rückgang beim Mann (der mit 60 Jahren noch etwa 60 % der Kraft des 25-Jährigen hat).

  • Frauen haben eine höhere Geschicklichkeit als Männer: Die Handgeschicklichkeit ist etwa 10 % höher als beim Mann, die Fingerfertigkeit ist etwa6 % höher, wobei die Rechts-Links-Differenz ebenfalls bei etwa 6 % liegt. (Die Frau erledigt mit links, was der Mann mit rechts schafft.)

  • Frauen haben auf physiologischer Grundlage eine höhere soziale Kompetenz als Männer.

  • Frauen können Kinder bekommen, Männer nicht.

Diese Determinanten und weitere äußere Einflüsse (tradierte Sozialisierungsmuster, gesellschaftliche Rollenerwartungen, als Alltagserfahrungen abgeleitete Vorurteile in Betrieben) haben dazu geführt, dass es Frauenberufe und Männerberufe gibt. Dabei verteilen sich 2⁄3 aller erwerbstätigen Frauen auf nur 11 Berufsgruppen (im Wesentlichen Organisations-, Verwaltungs- und Büroberufe, kaufmännische Berufe, Gesundheitsbranche). Die meisten dieser Frauenarbeitsplätze sind dem boomenden Dienstleistungsgewerbe zuzuordnen und damit weniger vom konjunkturellen oder strukturellen Arbeitsplatzabbau betroffen.

MERKE!

2⁄3 aller erwerbstätigen Frauen arbeiten in nur 11 Berufsgruppen.

Arbeitsbereiche mit spezifischen gesundheitsrelevanten Beeinträchtigungen von Frauen
Klassische äußere Einflüsse/Schadstoffe am Arbeitsplatz
Viele neue Hautkrankheiten treten infolge mangelnder Prävention auf: Etwa 18 000 Berufskrankheiten-Anzeigen, ca. 600 Anerkennungen pro Jahr, großenteils Frauen im Friseurbereich, im Gesundheitswesen und in anderen Dienstleistungsberufen. (Anmerkung: Große Präventionskampagnen der Unfallversicherungsträger haben hier zu deutlich verbesserter Prävention und rückläufigen Berufskrankheiten geführt.)
Im Bereich der ambulanten Altenpflege (fast ausschließlich Frauenarbeit) sind die Arbeitsbedingungen oft sehr problematisch: Nacht- und Schichtarbeit, Tragen und Heben unter unergonomischen Bedingungen, Infektionsgefährdung etc.
Erzieherinnen im vorschulischen Bereich arbeiten gleichfalls oft unter ergonomisch ungünstigen Bedingungen, sie sind gegenüber Lärm exponiert und unterliegen einer Infektionsgefährdung. Hier sind insbesondere die in der Schwangerschaft gefährlichen Infektionserkrankungen Keuchhusten, Masern, Mumps, Ringelröteln, Röteln, Windpocken, Zytomegalie und Hepatitis A zu nennen.
Hinzu kommt die immer noch fehlende arbeitsmedizinische Betreuung von etwa 50 % der Beschäftigten.
Neue Arbeitsformen
Zu den neuen Formen der Frauen-Erwerbsarbeit gehören vermehrt befristete Beschäftigungsverhältnisse, Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung, Leiharbeit, Frauen-ErwerbsarbeitTätigkeit für mehrere Arbeitgeber, Wechsel zwischen Arbeitslosigkeit und Erwerbsarbeit, Arbeit in Call-Centern und Teleheimarbeit.
Auf letztere zwei Formen sei kurz eingegangen:
  • Call-Center (wo zu etwa 80 % Frauen tätig sind) haben sich zu regelrechten Motoren der Beschäftigung entwickelt. Die Call-CenterArbeitsbedingungen sind hingegen oftmals problematisch (Schichtarbeit, mangelhafte Einarbeitung, Zeitdruck, geringer Handlungsspielraum, hoher Personal-Turnover). Hieraus resultieren in Studien hohe Raten an somatoformen Störungen.

  • Teleheimarbeit kann eine Möglichkeit sein, berufliche und familiäre Bedürfnisse in Einklang zu bringen. Dem stehen aber auch TeleheimarbeitNachteile gegenüber: Der Teleheimarbeiter, meist am Bildschirmarbeitsplatz, steigt aus dem Sozialverbund des Betriebes aus. Die Teilnahme an Fortbildungen verliert an Selbstverständlichkeit. Es kommt zu einer fragwürdigen Vermischung von Privatem und Beruflichem. Darüber hinaus hat ein Heimarbeitsplatz ein niedrigeres Sozialprestige als ein konventionelles in der Firma gelegenes Büro, was wiederum hemmend für Aufstiegschancen ist.

Mehrfachbelastung durch Beruf, Haushalt und Kinder
Der Erwerbstätigenanteil unter den Frauen ist mit 60 % nur gering unter der bei den Männern (70 %).
In Mehrfachbelastung:BerufDeutschland ist der weibliche Anteil der Berufstätigen fast so hoch wie der männliche. Zwischen 60 % und 70 % der weiblichen Berufstätigen sind Mütter. Gleichwohl ändern sich die klassischen männlichen Erwartungshaltungen an die Kombination von Mehrfachbelastung:MutterschaftPartnerschaft und Haushalt nur langsam: Abhängig erwerbstätige Frauen stehen zu 43 % in einer Teilzeitbeschäftigung, Männer nur zu 7 %. Es existiert jedoch eine Vielzahl von persönlichen wie auch staatlich zu regelnden Möglichkeiten, die Kette des TeilzeitbeschäftigungVerzichtens für Frauen zu unterbrechen: organisierte Mittagsbetreuung, Koordination von Öffnungszeiten betrieblicher und anderer Kindergärten mit mütterlichen Arbeitszeiten, Jobsharing, Teilung der Hausarbeit, Kündigung als Hausfrau, einmal pro Woche kinder- und/oder partnerfreier Tag etc. Darüber hinaus ist es wichtig, oft latente Schuldgefühle bei berufstätigen Müttern abzubauen. Auch eine berufstätige Frau ist eine gute Mutter.

MERKE!

Unter den abhängig erwerbstätigen Frauen sind 43 % teilzeitbeschäftigt, bei den Männern sind es nur 7 %.

Verminderter Zugang zu Führungspositionen
Der früher bestehende Unterschied zwischen Männern und Frauen hinsichtlich der Qualifikation von Ausbildungsabschlüssen gleicht sich zunehmend aus, Frauen profitieren zunehmend von ihren besseren Abschlüssen. Neben demokratischen und grundrechtlichen Aspekten sprechen auch handfeste betriebs- und volkswirtschaftliche Gründe (demographischer Wandel, Fachkräftemangel) für mehr Frauen in Führungspositionen. Dennoch liegt der Anteil von Frauen in Top-Führungspositionen nach wie vor unter zwei Prozent.
Die für Frauen mit hoher beruflicher Qualifikation Führungspositionenoftmals fehlenden Führungspositionen, FrauenAufstiegsmöglichkeiten gehören zu den wichtigsten sozialen Stressoren, die es abzubauen gilt.

Gesundheitsschutz für Schwangere am Arbeitsplatz – Mutterschutzgesetz

Für die Zukunft unserer Gesellschaft ist die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie von grundlegender Bedeutung. Fast ein Drittel der Frauen in Deutschland verzichtet heute aus beruflichen Gründen bewusst auf Nachwuchs.
Das Mutterschutzgesetz (MuSchG) und die ergänzende Mutterschutzrichtlinienverordnung (MuSchRiV: Mutterschutzgesetz, MuSchGBGBl. I, 1997, S. 782) schützen alle Arbeitnehmerinnen während der Schwangerschaft Mutterschutzrichtlinienverordnung, MuSchRiVund in den Monaten nach der Geburt umfassend vor gesundheitlichen Gefährdungen am Arbeitsplatz. Darüber hinaus wird die Schwangere vor Einkommensverlusten und Kündigung bewahrt.
Sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Schwangeren bestehen viele Informationsdefizite und Vorurteile zum Mutterschutzgesetz. Werdende Mütter klagen über negative Reaktionen und voreilige Umsetzungen. Deshalb informieren viele Schwangere ihren Arbeitgeber insbesondere in den ersten Monaten aus Angst vor diesen Folgen nicht, obwohl gerade in dieser Zeit der Schutz für das Kind besonders wichtig ist.

MERKE!

Das Mutterschutzgesetz enthält Schutzbestimmungen, um sowohl die werdende Mutter als auch das Kind vor besonderen beruflichen Gesundheitsgefahren im Rahmen von Schwangerschaft und Stillzeit zu schützen. Dies ist notwendig, weil einerseits veränderte physiologische Verhältnisse vorliegen, andererseits negative Auswirkungen auf das Kind möglich sind.

Das Mutterschutzgesetz gilt nur für Frauen, die in einem Arbeitsverhältnis stehen, also u. a. nicht für Hausfrauen, Selbstständige, Schülerinnen und Studentinnen. Für Beamtinnen gilt das entsprechende Beamtenrecht.

DAS GEHT SIE AN!

Schwangerschaft und Medizinstudium – Schwangerschaft:Medizinstudiumklar geht das!

Auch wenn das Mutterschutzgesetz für Studierende nicht gilt, ist es medizinisch sinnvoll, dieselben Schutzmaßnahmen wie für alle anderen Schwangeren anzuwenden.

Als häufiges Problem wird Formalin angesehen, das zur Konservierung von anatomischen Präparaten eingesetzt wird. Das daraus freiwerdende Formaldehyd ist genotoxisch. Allerdings muss bei Einhaltung des Arbeitsplatzgrenzwertes (AGW) keine Fruchtschädigung befürchtet werden. Sind funktionierende Absaugungen vorhanden, ist der Präparierkurs in aller Regel für Schwangere möglich.

Experimentelle und klinische Doktorarbeiten können mit einer Exposition gegenüber toxischen Substanzen und Medikamenten sowie potenziell infektiösen Agenzien einhergehen, die zu Tätigkeitseinschränkungen führen können. Entscheidend ist die spezielle Arbeitsplatzsituation. Lassen Sie sich durch den Betriebsarzt oder den Gewerbearzt beraten.

Was ist wichtig für die Schwangere?
Die werdende Mutter soll (muss aber nicht!) dem Arbeitgeber die Schwangerschaft und den voraussichtlichen Geburtstermin mitteilen. Nur dann hat der Arbeitgeber die Möglichkeit, aber auch die Pflicht, unverzüglich Schutzmaßnahmen für die Schwangere zu ergreifen.
Es ist also der werdenden Mutter überlassen, ob und wann sie ihre Schwangerschaft meldet. Die Verantwortung für den Mutterschutz am Arbeitsplatz liegt ab dem Moment der Meldung oder sobald die Schwangerschaft mit gesundem Menschenverstand zu erkennen ist, allein beim Arbeitgeber. Die Erklärung der Schwangeren auf eigenes SchwangerschaftRisiko in gefährdenden Bereichen weiterzuarbeiten (mein Bauch gehört mir) ist juristisch nicht haltbar.

MERKE!

Die Verantwortung für den Mutterschutz am Arbeitsplatz liegt ab dem Moment der Meldung oder sobald die Schwangerschaft klar erkennbar ist allein beim Arbeitgeber.

Zu den Beschäftigungsbeschränkungen nach MuSchG und MuSchRiV zählen vor allem:
  • Mehrarbeit (über 8,5 h Schwangerschaft:Beschäftigungsbeschränkungenpro Tag)

  • Steharbeiten von mehr als 4 h pro Tag ab 6. Schwangerschaftsmonat

  • Nachtdienst zwischen 20.00 und 6.00 Uhr

  • Notfalltätigkeiten (Rettungsdienst, Notaufnahme)

  • Tätigkeiten mit erhöhter Infektionsgefährdung.

Die Beschäftigungsbeschränkungen beziehen sich konkret auf wahrscheinlich oder bekannt infektiöse Patienten, Bereiche mit erhöhtem Infektionsrisiko (z. B. Infektionsstationen) und Eingriffe mit stechenden, schneidenden oder bohrenden Instrumenten.
Durch die Anwendung stichsicherer Instrumente, z. B. Kanülen, die derzeit eingeführt werden, ergeben sich möglicherweise Erleichterungen.
Verboten bleiben:
  • Beschäftigung mit krebserregenden, fruchtschädigenden oder erbgutverändernden Gefahrstoffen (z. B. Zytostatika)

  • Beschäftigung mit sehr giftigen, giftigen oder gesundheitsschädlichen Stoffen bei Überschreiten des Grenzwertes

  • schweres Heben und Tragen

  • Einwirkungen von Strahlung, Gasen, Dämpfen, Hitze, Kälte, Erschütterungen oder Lärm.

In der Praxis entfallen für die Schwangere dadurch meist nur einzelne Tätigkeiten, die oft von Kollegen übernommen werden können (z. B. Blutabnahmen), so dass sie in ihrer vertrauten Arbeitsumgebung bleiben und ggf. ihre Ausbildung fortsetzen kann.
Wenn Schwangerschaft:Blutabnahmendurch ärztliches Zeugnis individuelle Gefährdungen für die Gesundheit der Schwangeren oder des Kindes attestiert werden, muss der Arbeitgeber sie von diesen gefährdenden Tätigkeiten freistellen ( 3 MuSchG). Dieses Beschäftigungsverbot kann sich auf bestimmte Teile oder auf die gesamte Tätigkeit erstrecken.
Bestehen gesundheitliche Gefährdungen, so muss die Schwangere einer geeigneten und zumutbaren Umsetzung zustimmen (z. B. Versetzung einer schwangeren OP-Schwester in eine geeignete Funktionseinheit). Ein Beschäftigungsverbot darf nicht mit einer Krankschreibung (AU-Bescheinigung) verwechselt werden, die ggf. zu finanziellen Schwangerschaft:BeschäftigungsverbotEinbußen führt.
Die werdende Mutter kann (muss aber nicht!) in den letzten 6 Wochen vor der Entbindung arbeiten. Wenn sie freiwillig arbeitet, kann sie die Arbeit jederzeit einstellen.
Sie darf 8 Wochen nach der Geburt nicht arbeiten.

MERKE!

Das Mutterschutzgesetz garantiert der Schwangeren auch finanzielle Sicherheit, weil durch Umsetzung oder Freistellung kein Verdienstausfall entstehen und der Arbeitgeber bis vier Monate nach der Geburt nicht kündigen darf.

DAS GEHT SIE AN!

Schwangerschaft bei Studentinnen und Ärztinnen Schwangerschaft:ärztliche Tätigkeitim Krankenhaus ist in der Regel kein Hindernis!

Die überwiegende Zahl der Tätigkeiten im Krankenhaus ist für Schwangere unter allgemeinen Hygienemaßnahmen und ausreichendem Impfschutz möglich.

Welche Pflichten hat der Arbeitgeber?
Der Arbeitgeber meldet die Schwangerschaft sofort der zuständigen Aufsichtsbehörde (Gewerbeaufsichtsamt). Dazu macht er Angaben über Dauer und Art der Tätigkeit.
Die Aufsichtsbehörde sorgt für den Gesundheitsschutz der Schwangeren, indem sie überprüft, ob der Arbeitsplatz geeignet ist. Sie berät, ob zusätzliche Schutzmaßnahmen erforderlich und vom Arbeitgeber umzusetzen sind.
  • Der Arbeitgeber muss alle Arbeitsplätze und Tätigkeiten auf eine mögliche Gefährdung für Schwangere beurteilen ( 1 Mutterschutzrichtlinienverordnung).

  • Bei Beschäftigung von Frauen im gebärfähigen Alter erstellt er diese Beurteilung am besten in Form einer Positivliste (Tab. 2.1).

Welche Vorteile hat eine Positivliste?
Eine Positivliste enthält detailliert alle Tätigkeiten, die Schwangere in einem bestimmten Arbeitsbereich ausführen können. Gleichzeitig sind alle Tätigkeiten, die nicht in dieser Liste stehen, absolut unzulässig. Sie bietet Planungssicherheit, denn es besteht für alle Beteiligten Klarheit, welche Tätigkeiten die Schwangere ausführen kann. Die erstellte Positivliste gilt für alle künftigen werdenden Mütter in diesem oder einem vergleichbaren Arbeitsbereich. Sie wird regelmäßig aktualisiert und kann aufgrund der praktischen Erfahrungen um geeignete Tätigkeiten erweitert werden.

DAS GEHT SIE AN!

Die Einführung der Positivlisten z. B. in München hat den Mutterschutz in den Mutterschutz:KrankenhäuserKrankenhäusern erheblich entbürokratisiert und ermöglicht vielen Schwangeren den Verbleib am bisherigen Arbeitsplatz.

Ausnahmeregelungen können in Einzelfällen von der Aufsichtsbehörde genehmigt werden.
Es ist empfehlenswert, sich bei Fragen zum Mutterschutz und zur Beschäftigung Stillender individuell vom Betriebsarzt und Gewerbearzt beraten zu lassen.
Tätigkeit als Ärztin und Mutterschaft

DAS GEHT SIE AN!

Von etwa 400 000 Ärzten in Deutschland sind gut 40 % weiblich. Von den Ärztinnen bis zum Alter von 65 Jahren sind 81 % berufstätig, von den Ärzten 92 %, also 11 % mehr. In der großen Mehrzahl wird ElternzeitElternzeit (früher Erziehungsurlaub genannt) von Ärztinnen, viel weniger von Ärzten genommen. Diesem kritikwürdigen Zustand liegen innere und äußere Barrieren zugrunde:

  • rollentypische konventionelle, im Grunde überholte Sozialisation

  • Schuldgefühle berufstätiger Frauen (Rabenmutter), die durch Studien in der Frühpädagogik keine Begründung finden

  • Idealvorstellung dauerhafter Treue des Partners (fehlende finanzielle Eigenvorsorge der Frauen)

  • androzentrische Ausrichtung von Karrieren bis hin zu subtilen und direkten Diskriminierungsmechanismen

  • konservative Zuschreibung von Geschlechterrollen

  • Nichtanerkennung von Familienkompetenzen

  • nicht partnerschaftliche Familienarbeit

  • mangelhafte Ausstattung mit Horten und Ganztagsschulen.

Folgt man den oben genannten Zahlen, stellt sich die Frage des beruflichen Wiedereinstiegs somit bundesweit für nahezu 30 000 Ärztinnen. Diese Frage kann nur vor dem Hintergrund der Freiheit und zugleich Limitierung individueller Lebensentwürfe persönlich beantwortet werden.

Für einen beruflichen Wiedereinstieg sprechen verschiedene Aspekte:

  • hohe Ausbildungskosten von etwa 150 000 Euro, Staat und Gesellschaft brauchen Steuerzahler

  • Ärzte- und Ärztinnenmangel (Frauen als stille Reserve)

  • die Evidenz, dass überlange Arbeits-Einsatzzeiten vermehrt mit Fehlleistungen einhergehen, setzt sich durch und erhöht den Ärzte- und Ärztinnenbedarf

  • adäquate Nutzung der Ressourcen Wissen und Kompetenz von Ärztinnen

  • nach der Kindererziehung folgen 10 bis 20 Lebensjahre in Arbeitsfähigkeit (alternativ drohendes empty-nest-Syndrom)

  • zunehmende Bereitschaft von Chefärzten und Verwaltungen zur Einstellung von Wiedereinsteigerinnen auf Teilzeitbasis

  • Erkennen der bei gleicher Fachkompetenz spezifischen biographischen Erfahrungen von Müttern mit oftmals erhöhter sozialer und kommunikativer Kompetenz

  • auch Väter, hier männliche Ärzte, entdecken die Bedeutung und die Freude der Kindererziehung

  • verstärkte Verlagerung der stationären Medizin in halbstationäre, prästationäre, poliklinische Bereiche, beispielsweise in medizinischen Versorgungszentren

  • verstärkte Nutzung intelligenter Teilzeitmodelle (z. B. Teilzeit Classic: 5 Tage, täglich einzelne Stunden, Teilzeit Classic Vario: 2–4/5 Tage Voll/Teil-Zeit, Teilzeit Jobsharing, Teilzeit Invest, Sabbatical, Teilzeit Team, Teilzeit Saison, Teilzeit Home, Elternzeit, Altersteilzeit).

Hemmnisse eines Wiedereinstiegs sind zugleich:

  • inhärente, kaum gelöste Probleme mit Halbtagsarbeit im Stationsalltag (Übergaben, Röntgenbesprechungen)

  • mangelhafte Ausstattung mit Horten und Ganztagsschulen; arbeitsplatznahe Kinderbetreuungsplätze für alle Altersstufen mit arbeitszeitkompatiblen Öffnungszeiten sollten selbstverständlich sein. Auch müssen 14 Wochen Schulferien leistbar sein. Vorteil für Arbeitgeber: geringere Mitarbeiter-Fluktuation, seltenerer Aufwand der Einarbeitung, höhere Arbeitszufriedenheit

  • vergleichsweise lange Schulferien der Kinder ohne Kongruenz zur Zahl dienstfreier Tage in der Arbeitswelt

  • oft noch starre unflexible Arbeitszeitmodelle

  • überholte Tätigkeitsbeschränkungen für Teilzeitarbeit im niedergelassenen, kassenärztlichen Bereich

  • schlechtere Bezahlung der sprechenden (meist weiblichen) Medizin im Vergleich zur (männlich dominierten) technischen Medizin

  • verminderte Aufstiegsmöglichkeiten bei Teilzeitarbeit.

Arbeitstätigkeit von Jugendlichen – Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG)

Das Mutterschaft:als ÄrztinJugendarbeitsschutzgesetz enthält eine Reihe von Vorschriften für die Beschäftigung von unter 18-Jährigen:
  • nicht Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG)mehr als 8 h täglich und 40 h wöchentlich

  • nur in der Zeit von 7 bis 20 Uhr; Ausnahmen gelten für das Gastgewerbe, Bäckereien und landwirtschaftliche Betriebe

  • keine Tätigkeiten, die mit besonderen Gefahren einhergehen, mit besonderer Hitze- oder Kältebelastung, besonderen Einwirkungen schädigender Noxen, Untertagearbeit, Akkordarbeit und Arbeit mit sittlicher Gefährdung.

Das Jugendarbeitsschutzgesetz verlangt eine ärztliche Erstuntersuchung jedes Jugendlichen, bevor ein Beschäftigungsverhältnis eingegangen wird. Da viele Jugendliche keinen Hausarzt haben und dem Kinder- und Jugendarzt entwachsen zu sein meinen, werden Untersuchungen nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz leider oftmals ohne nähere Auseinandersetzung mit den gesundheitlichen Besonderheiten der Jugendlichen einerseits und den betrieblichen Anforderungen andererseits durchgeführt.

MERKE!

Mit haus- und fachärztlichen Gefälligkeitsattesten, in denen ohne spezifische Arbeitsplatzkenntnisse bestimmte gesundheitliche Eignungen (z. B. Eignung zum Friseurberuf bei ausgeprägter atopischer Dermatitis) attestiert werden, wird den Jugendlichen oft ein Bärendienst erwiesen.

Leistungsgewandelte Arbeitnehmer

Leistungsgewandelt ist der moderne, sozialpolitisch korrekte Begriff für leistungsgemindert. Zugrunde liegt die richtige Arbeitnehmer, leistungsgewandeltVorstellung der Sicherung und des Erhalts der Leistungsfähigkeit, die als mit dem Nichtbehinderten vergleichbar bzw. eben gewandelt unterstellt wird. Eine Leistungsminderung kann auf körperlichem, mentalem und psychischem Gebiet liegen.
  • Die körperliche Leistungsfähigkeit untergliedert sich üblicherweise in Muskelkraft (dynamisch oder statisch gefordert), motorische Leistungsfähigkeit:körperlichLeistungsfähigkeit (Handgeschicklichkeit, Bewegungsgeschwindigkeit, Koordination) und kardiopulmonale Leistungsfähigkeit. Die Objektivierung erfolgt mit standardisierten Testverfahren.

  • Die mentale Leistungsfähigkeit beinhaltet die Informationsaufnahme, Informationsverarbeitung und Informationsabgabe. Eine Reihe von Tests steht für die Beurteilung zur Verfügung.

  • Die psychische Leistungsfähigkeit hängt u. a. von Aufmerksamkeit, Motivation und Arbeitszufriedenheit ab.

MERKE!

Der zunehmende Paradigmenwechsel von der Defizitorientierung (was kann er/sie nicht?) zur Ressourcenorientierung (wie kann er/sie im Arbeitsmarkt mit seinen Fähigkeiten gesundheitlich und sozial optimal zurechtkommen?) hat das Ziel, Menschen mit Leistungseinschränkungen im Arbeitsmarkt zu halten.

Durch ein Case-Management Leistungsfähigkeit:psychischunter Kooperation von Patient, Hausarzt, Facharzt, Betriebsarzt, Rehaklinik bzw. ambulantem Rehazentrum, Gutachterdiensten, Personalvertretung (Betriebs-, Personalrat) und Geschäftsleitung soll schon bei drohendem Auseinanderklaffen von Anforderungs- und Fähigkeitsprofil interveniert werden. Dies bedeutet, dass technische und arbeitsorganisatorische Maßnahmen zum Einsatz kommen, die meist einen Arbeitsplatz- bzw. Arbeitgeberwechsel zu vermeiden helfen.
Bei einem großen Teil von Behinderungen kann ein wirksamer Ausgleich mit der Möglichkeit geschaffen werden, im Arbeitsleben zu verbleiben.
Auf Besonderheiten der Berufstätigkeit älterer Arbeitnehmer, deren Stärken und Schwächen, wird in Kap. 3.2 eingegangen.

Nacht- und Schichtarbeit

Warum Schichtarbeit?
Technologische Gründe (Metallverarbeitung, Hochöfen, Elektrolyse),Schichtarbeit wirtschaftliche Gründe (Nacht- und SchichtarbeitAuslastung der Maschinen, SchichtarbeitWartungsarbeiten, NachtarbeitAuftragslage) und Versorgungsgründe (Medizin, Polizei, Energieversorgung, Medien) erfordern Schichtarbeit. Etwa 15 % aller Berufstätigen in Deutschland arbeiten im Schichtdienst.
Physiologische Veränderungen unter Nacht- und Schichtarbeit
Eine zirkadiane Rhythmik besteht z. B. für den Puls, die Körpertemperatur, Hormonspiegel (Melatonin, Cortisol), das Immunsystem, die DNA-Rhythmik, zirkadianeSynthese, den Tonus der Atemwege, die Niere und den Magen-Darm-Trakt. Dieser Rhythmus wird zum einen durch exogene Zeitgeber (Licht, soziale Kontakte, Arbeit) über den Nucleus suprachiasmaticus gesteuert. Bei Personen, die sich mehrere Tage unter konstanten Licht- und Temperaturbedingungen aufgehalten haben, wurde darüber hinaus eine zirkadiane Rhythmik von ca. 25 Stunden beobachtet. Diese wird einem endogenen Zeitgeber zugeschrieben.
Zirkadianrhythmen eines Schichtarbeiters passen sich binnen einer Woche nicht vollständig an die Nachtschicht an.
Eine durchwachte Nacht kann durch ausreichend langen und erholsamen Schlaf in der folgenden Nacht kompensiert werden. Schlafstörungen durch Nachtarbeit sind somit weniger bedeutsam, wenn der Schichtplan nur zwei bis maximal drei Nachtschichten hintereinander vorsieht.
Erkrankungen bei Nacht- und Schichtarbeit
Neben einer höheren Prävalenz von Schlafstörungen und Appetitstörungen leiden insbesondere ehemalige Nacht- und Schichtarbeit:ErkrankungenNacht- und Schichtarbeiter häufiger an Magen-Darm-Beschwerden und Ulkuserkrankungen. In Quer- und Längsschnittsstudien finden sich erhöhte Häufigkeiten koronarer Herzerkrankungen bei Nacht- und Schichtarbeitern im Vergleich zu Tagarbeitern. Selbst empfundener Stress durch Schichtarbeit kann dabei ein bedeutsamer Auslösefaktor für Magen-Darm- sowie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein.
Einschlafzeiten sowie die Schlafdauer sind bei Schichtarbeitern deutlich verkürzt. Folgen sind häufigeres Erwachen nach Nachtschichten und ein signifikant erhöhtes Risiko für Arbeitsunfälle im Nachtdienst gegenüber der Frühschicht. Insgesamt wird Schichtarbeit oftmals von den Betroffenen schlechter bewertet als Tagarbeit. Dies betrifft besonders die verschlechterten Möglichkeiten, soziale Kontakte zu pflegen.
Bemerkenswert ist, dass nach 12 Jahren Schichtarbeit ca. 50 % der Beschäftigten aus dem Schichtdienst ausscheiden.
Individuelle Voraussetzungen für den Einsatz in Wechselschicht- und Nachtarbeit
So genannte Morgentypen arbeiten besser in der Frühschicht, während Abendtypen Nachtschichten als weniger unangenehm Wechselschichtempfinden. Einen geschlechtsspezifischen Unterschied gibt es nicht. Hingegen haben ältere Menschen oftmals größere Schwierigkeiten, im Schichtdienst zu arbeiten als jüngere. In den USA werden daher Berufsanfänger zunächst in den Nachtschichten eingesetzt, mit zunehmendem Alter ist dann ein Wechsel in die physiologischeren Schichten möglich.
Pauschale Beurteilungen der Eignung für Schichtarbeit sollte nicht vorgenommen werden, da aufgrund der Arbeitsmarktlage und einer Verbesserung der Therapiemöglichkeiten für verschiedene Erkrankungen sind heute viele Einsatzmöglichkeiten individuell zu bejahen, die früher abgelehnt wurden. Stets sollte eine individuelle Beurteilung vorgenommen werden. Schwangere (Mutterschutzgesetz) und Jugendliche (Jugendarbeitsschutzgesetz) dürfen nicht nach 20 Uhr arbeiten. Die Vorgaben des Gesetzgebers sind dem Arbeitszeitgesetz (Kap. 2.3.6) zu entnehmen.
Wechselschichtsysteme
Neben 8-Stunden-Schichten wird auch in 12-Stunden-Schichten gearbeitet. Ob es im Hinblick auf gesundheitliche WechselschichtsystemeAuswirkungen zwischen diesen Schichtsystemen Unterschiede gibt, ist bislang ungeklärt. Sicher ist, dass Vorwärtsrotation (Frühschicht – Spätschicht – Nachtschicht – Freischicht) besser vertragen wird als Rückwärtsrotation (Nachtschicht – Spätschicht – Frühschicht – Freischicht). Ursache hierfür ist die Verlängerung des Tages bei der Vorwärtsrotation (vergleichbar mit einem Flug nach Westen).
Arbeitswissenschaftliche Empfehlungen zur Schichtplangestaltung
  • Nicht mehr als drei Nachtschichten hintereinander

  • nicht mehr als drei Früh- und drei SchichtplangestaltungSpätschichten hintereinander

  • Frühschicht nicht zu früh beginnen

  • Vorwärtswechsel der Frühschichten

  • ungünstige Schichtfolgen vermeiden (z. B. rückwärtsrotierend)

  • geblockte Wochenendfreizeit

  • mindestens ein freier Abend pro Woche von Montag bis Freitag.

MERKE!

Neueinführung eines Schichtplans führt meist zu Akzeptanzproblemen. Eine angemessene Mitwirkungs- und Einführungsstrategie ist daher sehr wichtig.

Optimaler Schichtplan

DAS GEHT SIE AN!

Als ideal sind eingestreute Nachtschichten mit nachfolgenden Freischichten zu betrachten. Ist dies nicht möglich, sollte wie o. g. eine Vorwärtsrotation der Schichten erfolgen. Um soziale Kontakte zu ermöglichen, sollte das Wochenende so oft wie möglich arbeitsfrei sein. Nach Nachtschichten sind Freischichten zu empfehlen. In Nachtschichten sollte es möglich sein, zusätzliche Pausen einzuhalten, um Mahlzeiten einzunehmen.

In Studien hat sich gezeigt, dass ein Nickerchen in der Pause (power napping), bitte nicht zu verwechseln mit Büroschlaf oder Sekundenschlaf, das Unfallrisiko während der Schicht signifikant power nappingverringern kann.

Arbeitszeitgesetz (ArbZG)

Zweck des Gesetzes:
  • die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer bei der Arbeitszeitgestaltung zu Arbeitszeitgesetz (ArbZG)gewährleisten und die Rahmenbedingungen für flexible Arbeitszeiten zu verbessern sowie

  • den Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung der Arbeitnehmer zu schützen.

Der Arbeitgeber hat den Nachtarbeitnehmer auf dessen Verlangen auf einen für ihn geeigneten Tagesarbeitsplatz umzusetzen, wenn
  • nach arbeitsmedizinischer Feststellung die weitere Verrichtung von Nachtarbeit den Arbeitnehmer in seiner Gesundheit gefährdet oder

  • im Haushalt des Arbeitnehmers ein Kind unter 12 Jahren lebt, das nicht von einer anderen im Haushalt lebenden Person betreut werden kann, oder

  • der Arbeitnehmer einen schwerpflegebedürftigen Angehörigen zu versorgen hat, der nicht von einem anderen im Haushalt lebenden Angehörigen versorgt werden kann, sofern dem nicht dringende betriebliche Erfordernisse entgegenstehen.

Stehen der Umsetzung des Nachtarbeitnehmers auf einen für ihn geeigneten Tagesarbeitsplatz nach Auffassung des Arbeitgebers dringende betriebliche Erfordernisse entgegen, so ist der Betriebs- oder Personalrat zu hören. Der Betriebs- oder Personalrat kann dem Arbeitgeber Vorschläge für eine Umsetzung unterbreiten.
Das Arbeitszeitgesetz dient vordergründig und richtigerweise dem Schutz der Beschäftigten, ist jedoch nach Auffassung des Autors in vieler Hinsicht als typisch deutsche Überregulierung in seiner jetzigen Form überholt.
Arbeitszeitgesetz im Krankenhaus

DAS GEHT SIE AN!

Es geht nicht nur um den Schutz der Krankenhausärzte vor Übermüdung und Überlastung, sondern auch um den Schutz der Patienten vor übermüdeten Ärzten mit Kunstfehlern infolge Erschöpfung.

Zur Arbeitszeit zählt auch der volle Bereitschaftsdienst zum Beispiel im Krankenhaus. Längere Arbeitszeiten können tariflich vereinbart werden, wenn in die Arbeitszeit regelmäßig und in erheblichem Umfang Bereitschaftsdienst fällt.

Der Europäische Gerichtshof hat in einem Grundsatzurteil 2000 festgestellt, dass Arbeitszeitgesetz:im KrankenhausBereitschaftsdienste Arbeitszeit seien.
Starre achtstündige Dreischichtmodelle und zwölfstündige Zweischichtmodelle sowie endlich auch Bereitschaftsdiensteflexible, intelligente Modelle mit langfristigen Arbeitszeitkonten finden zunehmend Anwendung.

Betriebsärztliche Tätigkeit

Arbeitssicherheitsgesetz, ASiG

Das Arbeitssicherheitsgesetz (Gesetz über Betriebsärzte, Sicherheitsingenieure und andere Fachkräfte für Arbeitssicherheitsgesetz, ASiGArbeitssicherheit, ASiG) bestimmt die Rolle und die Aufgabe Betriebsärztliche Tätigkeitdes Betriebsarztes und der Fachkraft für Arbeitssicherheit. Es richtet sich an den Arbeitgeber. Dieser hat Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit zu bestellen. Nach 4 darf der Arbeitgeber als Betriebsärzte nur Ärzte bestellen, die über die zur Erfüllung der ihnen übertragenen Aufgaben erforderliche Fachkunde verfügen. Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit beraten und unterstützen den Arbeitgeber bei Gesundheitsschutz und Unfallverhütung ( 1).
Der Arbeitgeber hat dafür zu sorgen, dass die von ihm bestellten Betriebsärzte ihre Aufgabe erfüllen, und er hat sie bei der Erfüllung ihrer Aufgabe zu unterstützen. Insbesondere ist er verpflichtet, ihnen Hilfspersonal sowie Räume, Einrichtungen, Geräte und Mittel zur Verfügung zu stellen ( 2).

MERKE!

Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit unterstehen unmittelbar dem Leiter des Betriebes ( 8.2), bleiben aber in der Anwendung ihrer Fachkunde weisungsfrei ( 8.1). Sie haben untereinander ( 10) und mit dem Betriebsrat ( 9) zusammenzuarbeiten.

2.4.2 Aufgaben des Betriebsarztes ( 3 ASiG)

Die Aufgaben des Betriebsarztes leiten sich her aus 3 des Arbeitssicherheitsgesetzes. Dort heißt es wörtlich:
Die BetriebsarztBetriebsärzte haben die Aufgabe, den Arbeitgeber beim Arbeitsschutz und bei Arbeitssicherheitsgesetzder Unfallverhütung in allen Fragen des Gesundheitsschutzes zu unterstützen. Sie haben insbesondere den Arbeitgeber und die sonst für den Arbeitsschutz und die Unfallverhütung verantwortlichen Personen zu beraten bei:
  • der Planung, Ausführung und Unterhaltung von Betriebsanlagen und von sozialen und sanitären Einrichtungen

  • der Beschaffung von technischen Arbeitsmitteln und der Einführung von Arbeitsverfahren und Arbeitsstoffen

  • der Auswahl und Erprobung von Körperschutzmitteln

  • arbeitsphysiologischen, arbeitspsychologischen und sonstigen ergonomischen sowie arbeitshygienischen Fragen, insbesondere des Arbeitsrhythmus, der Arbeitszeit und der Pausenregelung der Gestaltung der Arbeitsplätze, des Arbeitsablaufs und der Arbeitsumgebung

  • der Organisation der ersten Hilfe im Betrieb

  • Fragen des Arbeitsplatzwechsels sowie der Eingliederung und Wiedereingliederung Behinderter in den Arbeitsprozess

  • der Beurteilung der Arbeitsbedingungen.

Weitere Aufgaben sind:
  • die Arbeitnehmer zu untersuchen, arbeitsmedizinisch zu beurteilen und zu beraten sowie die Untersuchungsergebnisse zu erfassen und auszuwerten

  • die Durchführung des Arbeitsschutzes und der Unfallverhütung zu beobachten und im Zusammenhang damit die Arbeitsstätten in regelmäßigen Abständen zu begehen und festgestellte Mängel dem Arbeitgeber oder der sonst für den Arbeitsschutz und die Unfallverhütung verantwortlichen Person mitzuteilen, Maßnahmen zur Beseitigung dieser Mängel vorzuschlagen und auf deren Durchführung hinzuwirken

  • auf die Benutzung der Körperschutzmittel zu achten

  • Ursachen von arbeitsbedingten Erkrankungen zu untersuchen, die Untersuchungsergebnisse zu erfassen und auszuwerten und dem Arbeitgeber Maßnahmen zur Verhütung dieser Erkrankungen vorzuschlagen

  • darauf hinzuwirken, dass sich alle im Betrieb Beschäftigten den Anforderungen des Arbeitsschutzes und der Unfallverhütung entsprechend verhalten, insbesondere sie über die Unfall- und Gesundheitsgefahren, denen sie bei der Arbeit ausgesetzt sind, sowie über die Einrichtungen und Maßnahmen zur Abwendung dieser Gefahren zu belehren und bei der Einsatzplanung und Schulung der Helfer in erster Hilfe und des medizinischen Hilfspersonals mitzuwirken.

Die betriebsärztliche Tätigkeit ist somit primär präventivmedizinisch beratend. Hierzu benötigt der Betriebsarzt gute Kenntnisse über die beruflich bedingten Belastungen: physikalische, chemische, biologische Einwirkungen, Fragen der Ergonomie und Arbeitsorganisation sowie psychische und soziale Einflüsse. Auch muss er hieraus die resultierenden Beanspruchungen auf den individuellen Organismus ableiten können. Er arbeitet in Erfüllung seiner Aufgaben eng mit vielen anderen betrieblichen Akteuren zusammen wie dem verantwortlichen Unternehmer, dem technischen Betriebsleiter, den Personalverantwortlichen, den Arbeitnehmervertretern, den Schwerbehindertenvertretungen, den Suchtbeauftragten, den Sicherheitsfachkräften und -beauftragten, Gefahrstoff-, Umweltschutz-, Qualitäts- und Gesundheitsbeauftragten, aber auch außerbetrieblich mit den Sachbearbeitern der Krankenkassen, Rentenversicherungsträger und Integrationsämter, den technischen Aufsichtspersonen der gesetzlichen Unfallversicherung und des staatlichen Arbeitsschutzes und den Haus- und Fachärzten der Mitarbeiter.
Von zentraler Bedeutung ist hierbei die strikte Beachtung der ärztlichen Schweigepflicht, eine formale Entbindung hiervon ist sogar für Kontakte zwischen Ärzten bei der Einholung ergänzender Schweigepflicht, ärztlicheBefunde erforderlich.
Darüber hinaus benötigt er Kenntnisse in der Sozial- und Versicherungsmedizin, um Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen kompetent beraten zu können. Der Rahmen seiner Tätigkeit ist durch Vorgaben des Staates und der Gesetzlichen Unfallversicherung weitgehend festgelegt, die Ausgestaltung der Tätigkeit orientiert sich am aktuellen Bedarf und muss auch salutogenetische Ansätze beinhalten.
In Einzelfällen bietet der Betriebsarzt auch Maßnahmen der erweiterten ersten Hilfe bei betrieblichen Notfällen und akuten Gesundheitsstörungen an. Routinemäßige Behandlungen, insbesondere auf kassenärztlicher Basis, sind jedoch (bedauerlicherweise) unüblich. Ebenso verbietet ihm das ASiG, Krankmeldungen der Arbeitnehmer auf ihre Berechtigung zu überprüfen.
Die Umsetzung der Aufgaben der Arbeitsmedizin unterliegt entsprechend dem Wandel der Belastungen in der Arbeitswelt einer stetigen Veränderung. Der Übergang von der körperlichen zu mehr mentaler Belastung am Arbeitsplatz, älter werdende Belegschaften, lebenslanges Lernen, aber auch die zunehmende Auflösung von Raum-, Orts- und Zeitgebundenheit des Arbeitsplatzes (moderne Arbeitsnomaden) mit den Gefahren der Isolation, Überforderung und Burnout-Problematik erfordern vom Arbeitsmediziner ständige Neuorientierung, um mit einem allumfassenden betrieblichen Gesundheitsmanagement diesen modernen Herausforderungen gerecht werden zu können.
Statt der Bestellung eines einzelnen Betriebsarztes (bzw. einer Arbeitssicherheitsfachkraft) kann der Unternehmer einen überbetrieblichen arbeitsmedizinischen Dienst verpflichten ( 19 ASiG). Es kann auch der arbeitsmedizinische Dienst der arbeitsmedizinischer Dienst, überbetrieblichBerufsgenossenschaft in Anspruch genommen werden.

MERKE!

Der Betriebsarzt darf Krankmeldungen der Arbeitnehmer nicht auf ihre Berechtigung überprüfen.

Exkurs
Nach Auffassung des Autors ist das hier gesetzlich definierte (und für die Prüfung zu lernende) Tätigkeitsfeld des Betriebsarztes unnötig eng. Betriebspolikliniken in der ehemaligen DDR, die hausärztliche und betriebsärztliche Funktionen vereinten, hatten Vorteile: Der Arzt kannte den Patienten (und seine Familie) im privaten und beruflichen Umfeld. Der betriebliche Ansatz ermöglichte es darüber hinaus, auch solche Patienten anzusprechen, die von sich aus (mitunter aus mangelndem Gesundheitsbewusstsein) nicht zum Arzt gegangen wären. Einige moderne Großbetriebe führen Betriebspolikliniken als Modellprojekte wieder ein. Auch als überbetriebliche Kompetenzzentren in medizinischen Versorgungszentren, an Betriebspoliklinikenregionalen oder auch universitären Krankenhäusern werden Kombinationsmodelle aus haus- und betriebsärztlicher Versorgung entstehen.

Qualitätsmanagement (QM) in der ärztlichen/arbeitsmedizinischen Dienstleistung

Der grundsätzliche Zweck eines Qualitätsmanagementsystems ist das Erreichen der Erfüllung von Patienten- bzw. Kundenanforderungen, die ständige Verbesserung Qualitätsmanagement (QM)anforderungsgerechter Produkte und Dienstleistungen sowie der Erhalt der Patientenzufriedenheit. Qualitätsmanagement bedeutet ganz allgemein, dass alle Abläufe in einer Praxis beschrieben werden. Auf Grundlage dieser Beschreibung wird systematisch an Verbesserungen gearbeitet.
Nach den Vorgaben des Gesundheits-Modernisierungs-Gesetzes (GMG) wurden Ärzte, Psychotherapeuten und medizinische Institutionen auf Basis des 135a Abs. 2 GMG Gesundheits-Modernisierungs-Gesetzverpflichtet, mit dem 1. Januar 2005 ein Qualitätsmanagement einzuführen. Der Gemeinsame Bundesausschuss entscheidet über die QM-Mindestanforderungen für die vertragsärztliche Tätigkeit. Diese Basics sollen definiert werden und sind für die vertragsärztlichen Anforderungen ausreichend. Für betriebsärztliche Praxen ist die Sicherstellung und Dokumentation ihrer Qualität in besonderem Maße erfolgsbestimmend, da nicht nur der Gesetzgeber als Stakeholder, sondern auch die Industrie als deren Auftraggeber in den letzten Jahren massiv eine Zertifizierung von ihren Zulieferern eingefordert hat.
Zukünftig wird die medizinische und insbesondere die arbeitsmedizinische Dienstleistung immer mehr von ökonomischen Zwängen, gesetzlichen Bestimmungen und anderen Reglementierungen bestimmt. Die Generierung arbeitsmedizinisch-funktional einwandfreier Leistungen stellt ein Pflichtprogramm dar, da der zu betreuende Unternehmer als Kunde mit einer Reihe von Wahloptionen ausgestattet ist. Zwar handelt es sich auch bei arbeitsmedizinischen Leistungen in der Regel um verhaltens- und bewertungsunsichere Vertrauensgüter, doch werden auch die arbeitsmedizinischen Märkte zunehmend informationseffizienter. Im Ergebnis führt der verbesserte Informations- und Kenntnisstand der Unternehmer zu einem professionellen Nachfrageverhalten.

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Arbeitsschutz und betriebliches Gesundheitsmanagement haben unterschiedliche Schwerpunkte. Im ArbeitsschutzArbeitsschutz bestehen konkrete Pflichten auf der Basis von Gesundheitsmanagement, betrieblichesRechtsgrundlagen, die häufig sanktionsgebunden sind. Betriebliches Gesundheitsmanagement bildet einen Rahmen, der mit freiwilligen Aktionen zu füllen ist.
Das Gesundheitskonzept des Arbeitsschutzes hat einen pathogenetischen, das betriebliche Gesundheitsmanagement einen salutogenetischen Ansatz. Dabei ist Gesundheit im Sinne der Salutogenese nicht als ein störungsfreies Funktionieren zu verstehen, sondern als ein flexibles und ständiges Ausbalancieren von Ungleichgewichten, eine Dynamik der Bewegung vom Krankheitspol zum Gesundheitspol.
Der Arbeitsschutz bezieht sich ausschließlich auf die betriebliche Sphäre; das betriebliche Gesundheitsmanagement bezieht sich neben der betrieblichen Sphäre auch auf das private, soziale Umfeld.
Institutionelle Akteure im Arbeitsschutz sind Arbeitgeber mit betrieblichen Experten, Arbeitsschutzbehörden sowie Unfallversicherungsträger. Berufsgruppen, die sich mit dem Arbeitsschutz befassen, sind Techniker und Arbeitsmediziner.
Die institutionellen Akteure im betrieblichen Gesundheitsmanagement sind Arbeitgeber mit betrieblichen Experten sowie Krankenkassen und Sozialversicherungsträger. Berufsgruppen, die sich mit diesem Thema befassen, sind Betriebsärzte sowie zunehmend auch Psychologen, Sozial-, Sport- und Ernährungswissenschaftler.
Die Einbeziehung der Betriebsärzte aufgrund ihres speziellen Wissens und ihrer praktischen Erfahrungen und die Beteiligung der Beschäftigten sind bei der Aufstellung von betrieblichen gesundheitsfördernden Konzepten und Maßnahmen heute unverzichtbar.
Betriebliches Gesundheitsmanagement im Unternehmen erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Es gilt, gesundheitsschädigende Einflüsse auf die Gesundheit zu identifizieren und gezielt abzubauen (z. B. durch Rückenschulprogramme, Ernährungsberatung und Stressbewältigung) und gleichzeitig gesundheitsfördernde Verhaltensweisen (Teamarbeit, Arbeitsorganisation und Kommunikationsstrategien) zu stärken. All dieses muss evidenzbasiert sein.
Ziel eines betrieblichen Präventionsprogramms ist die Etablierung einer Gesundheits- und Sicherheitskultur im Unternehmen mit sinkenden Unfallzahlen Präventionsprogramm, betrieblichesund wenig gestörten Betriebsabläufen. Betriebliche Gesundheitsförderung bringt langfristig jedem Unternehmen wirtschaftlichen Nutzen durch:
  • erhöhte Arbeitszufriedenheit und Produktivität

  • gesteigerte Dienstleistungs- und Produktqualität

  • verbesserte betriebliche Kommunikation/Kooperation

  • langfristige Senkung von Krankheitskosten und

  • kontinuierliche Imageverbesserung des Unternehmens.

Arbeitnehmer berichten zudem über
  • gesteigertes Wohlbefinden am Arbeitsplatz

  • besseres Betriebsklima

  • mehr Zufriedenheit, Freude und Motivation bei der Arbeit

  • weniger Arbeitsbelastungen

  • verringerte gesundheitliche Beschwerden

  • erhöhte Kompetenz in Fragen des Gesundheits- und Arbeitsschutzes

  • gesünderes Verhalten in Betrieb und Freizeit.

Medizinische Untersuchungen von Arbeitnehmern

Von staatlicher Seite regeln Arbeitsschutzgesetz, Arbeitssicherheitsgesetz und die 2008 erlassene Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbmedVV) die betrieblichen ärztlichen Untersuchungen. Die berufsgenossenschaftlichen Regelungen zur arbeitsmedizinischen Vorsorge finden sich in der BGV A4.betriebliche ärztliche Untersuchung
Grundsätzlich werden Wunsch-, Pflicht-, Angebots- und nachgehende Untersuchungen unterschieden. Darüber hinaus steht es dem Arbeitgeber offen, im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung allgemeine Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von gesundheitlichen Risikofaktoren anzubieten.
Wunschuntersuchungen sind den Beschäftigten nach 11 des Arbeitsschutzgesetzes zu ermöglichen.
Pflichtuntersuchungen sind bei Wunschuntersuchungenbestimmten, besonders gefährdenden Tätigkeiten zu veranlassen. Angebotsuntersuchungen sind bei bestimmten gefährdenden Tätigkeiten anzubieten. Die jeweiligen Auslöseschwellen sind im Anhang der AngebotsuntersuchungenArbmedVV aufgeführt. Weitere Vorsorgeuntersuchungen sind nach Strahlenschutz- und Röntgenverordnung zu veranlassen.
Pflichtuntersuchungen sind eine unabdingbare Voraussetzung für eine weitere Beschäftigung des Arbeitnehmers an seinem Arbeitsplatz. Der PflichtuntersuchungenArbeitnehmer ist zwar nicht gesetzlich verpflichtet, die Untersuchungen zu dulden und sich von dem Betriebsarzt seines Arbeitgebers untersuchen zu lassen, die freie Arztwahl ist aber dahingehend eingeschränkt, dass der untersuchende Arzt Kenntnisse vom Arbeitsplatz haben muss. Insofern darf z. B. der Hausarzt auch mit Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin nicht ohne weiteres die Untersuchungen durchführen.
Unter Berücksichtigung der langen Latenzzeiten erfolgen nachgehende Untersuchungen nach Beendigung von Tätigkeiten mit Exposition gegenüber krebserzeugenden oder erbgutverändernden Stoffennachgehende Untersuchungen und Zubereitungen der Kategorie 1 oder 2 im Sinne der Gefahrstoffverordnung, z. B. bei früherer beruflicher Belastung mit Asbest (über die Zentrale Erfassungsstelle asbeststaubgefährdeter Arbeitnehmer, ZAS), bei früherer beruflicher Belastung mit chemischen Kanzerogenen (über den Organisationsdienst für nachgehende Untersuchungen, ODIN) oder bei ehemaligen Uranerzbergarbeitern der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut (Zentrale Erfassungsstelle Wismut, ZeBWis).
Die Vorsorgeuntersuchungen dienen der arbeitsplatzbezogenen Beratung des Arbeitnehmers, der Minimierung des Gesundheitsrisikos und dem Vorsorgeuntersuchungenfrühzeitigen Erkennen von drohenden gesundheitlichen Schäden. Der untersuchte Arbeitnehmer hat ein Anrecht auf alle medizinischen Befunde. Dem Arbeitgeber wird nur mitgeteilt, ob die Vorsorgeuntersuchung hinsichtlich der speziellen Tätigkeit (z. B. mit Lärmbelastung)
  • keine gesundheitlichen Bedenken (z. B. intaktes Gehör)

  • keine gesundheitlichen Bedenken unter bestimmten Voraussetzungen (z. B. Maßnahmen zur Verringerung des personenbezogenen Lärm-Beurteilungspegels wegen beginnender Hochtonschwerhörigkeit, Tragen von Gehörschutz)

  • befristete gesundheitliche Bedenken (z. B. wenn ein Gehörgangsekzem vorübergehend das Tragen von Gehörschutz unmöglich macht) oder

  • dauernde gesundheitliche Bedenken (z. B. Zustand nach Hörsturz) ergeben hat.

Keine gesundheitliche Bedenken bedeutet nicht, dass eine Lärmbelastung gewissermaßen bedenkenlos erfolgen darf. Es heißt vielmehr, dass beim Untersuchten an Arbeitsplätzen mit gehörgefährdendem Lärm unter Einhaltung aller für diese Belastung festgelegten Arbeitsschutzvorschriften einschließlich Durchführung der arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen kein individuell erhöhtes Risiko besteht, an einer Lärmschwerhörigkeit zu erkranken.
Die praktische Durchführung der speziellen (also auf eine spezifische Gefährdung bezogene) arbeitsmedizinische Pflicht- oder Angebotsvorsorgeuntersuchung orientiert sich an berufsgenossenschaftlichen Grundsätzen, die im gewerblichen Bereich das Kürzel G, im landwirtschaftlichen das Kürzel H tragen; diese haben Empfehlungscharakter:
Berufsgenossenschaftliche Grundsätze für Gewerbe
G 1 gesundheitsgefährlicher mineralischer Staub: 1.1 silikogener, 1.2 asbesthaltiger, 1.3 Grundsätze, berufsgenossenschaftlichekeramikfaserhaltiger Staub, 1.4 Staubbelastung allgemein
G 2 Blei oder seine Verbindungen
G 3 Bleialkyle
G 4 Arbeitsstoffe, die Hautkrebs oder zur Krebsbildung neigende Hautveränderungen hervorrufen
G 5 Nitroglyzerin und Nitroglykol
G 6 Schwefelkohlenstoff
G 7 Kohlenmonoxid
G 8 Benzol
G 9 Quecksilber oder seine Verbindungen
G 10 Methanol
G 11 Schwefelwasserstoff
G 12 elementarer weißer Phosphor
G 14 Trichlorethen (Trichlorethylen) und andere Chlorkohlenwasserstoffe
G 15 Chrom-VI-Verbindungen
G 16 Arsen oder seine Verbindungen
G 20 Lärm
G 21 Kälte-Arbeiten
G 22 Säureschäden der Zähne (durch organische Säuren, die sich in der Mundhöhle bilden)
G 23 obstruktive Atemwegserkrankungen (durch Inhalation von Allergenen und chemisch- irritativen Stoffen)
G 24 Hauterkrankungen (mit Ausnahme von Hautkrebs)
G 25 Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten
G 26 Atemschutzgeräte (für Arbeit und Rettung)
G 27 Isozyanate
G 29 Benzolhomologe (Toluol, Xylole)
G 30 Hitzearbeiten
G 31 Überdruck/Taucherarbeiten
G 32 Cadmium oder seine Verbindungen
G 33 aromatische Nitro- oder Aminoverbindungen
G 34 Fluor oder seine anorganischen Verbindungen
G 35 Arbeitsaufenthalt im Ausland unter besonderen klimatischen und gesundheitlichen Belastungen
G 36 Vinylchlorid
G 37 Bildschirmarbeitsplätze
G 38 Nickel oder seine Verbindungen
G 39 Schweißrauche
G 40 krebserzeugende Arbeitsstoffe – allgemein
G 41 Arbeiten mit Absturzgefahr
G 42 Infektionskrankheiten
G 44 Buchen- und Eichenholzstaub
G 45 Styrol
G 46 Muskel- und Skelettsystem.
Berufsgenossenschaftliche Grundsätze für Landwirtschaft
H 1 Lärm
H 2 Pflanzenschutzmittel
H 3 Schweißrauche
H 4 asbesthaltiger Staub
H 5 Holzstaub
H 6 organische Stäube
H 7 Tragen von Atemschutzgeräten
H 8 Arbeiten im Forst
H 9 Baumarbeiten
H 10 Kompostierungsanlagen.
Je nach Gefährdung, Exposition und Anforderung am Arbeitsplatz beinhalten die Vorsorgeuntersuchungen neben einer obligaten Anamneseerhebung und Beratung verschiedene apparative und labortechnische Untersuchungsmethoden.
Anamnese
In Ergänzung zur allgemeinen und spezifischen Anamnese (zur Erfassung der Erkrankung) ist der behandelnde Arzt entscheidend auf die arbeits- und umweltmedizinische Anamnese angewiesen, um selbst den Zusammenhang zwischen einer exogenen Noxe von Arbeitsplatz oder Anamnese, arbeits- und umweltmedizinischeaußerberuflicher Umwelt und Erkrankung herstellen zu können, und um sich sinnvoll von einem Arbeitsmediziner beraten lassen zu können. Das Erscheinungsbild internistischer, neurologischer, orthopädischer, HNO-ärztlicher u. a. Erkrankungen ist identisch, unabhängig davon, ob Arbeits- und Umweltnoxen oder außerberufliche Risikofaktoren zugrunde liegen oder keine Ursachen erkennbar werden. Vergleichsweise selten gibt es ein diagnostisches Verfahren, das die exogene Noxe als ursächlich beweist. Daher muss sich die Bewertung in der Regel darauf stützen, ob Art und Ausmaß der Noxe und Erkrankung zusammenpassen.
Generell sollte die Anamnese alle bisherigen beruflichen Tätigkeiten erfassen. Eine detaillierte Beschreibung, die für die Bewertung eines schädlichen Einflusses notwendig ist, wird aufgrund der beschränkten Zeit im klinischen Alltag nur für die Tätigkeit möglich sein, die im zeitlichen Zusammenhang mit der Erkrankung steht. Bei Erkrankungen mit langer Latenzzeit (z. B. im Mittel 30–40 Jahre für Entstehung eines Mesothelioms durch Asbest) betrifft dies aber einen entsprechend langen Zeitraum. Ein Fragebogen für den Patienten, evtl. zum MesotheliomSelbstausfüllen, kann als Grundlage hilfreich sein, um gezielt weitere Fragen stellen zu können.
Körperliche Untersuchung
Die körperliche Untersuchung hinsichtlich bestimmter Erkrankungen unterscheidet sich prinzipiell nicht von der Untersuchung, körperlichenormalen klinischen fachspezifisch-qualifizierten Untersuchung. Spezielle Krankheitszeichen werden ggf. im Zusammenhang mit den Noxen erwähnt.
Laboruntersuchungen
Neben den Standarduntersuchungen Blutbild, klinische Chemie und Urinstatus ist je nach Fragestellung eine serologische LaboruntersuchungenDiagnostik bezüglich Immunstatus oder spezifischen IgE-Antikörpern gegenüber Berufsallergenen sinnvoll. Eine genetische Diagnostik (nur mit schriftlichem Einverständnis auf freiwilliger Basis) kann in Frage kommen, um spezifische Prädispositionen für eine erhöhte Empfindlichkeit zu erkennen, z. B. den Acetylierstatus bei Exposition gegenüber aromatischen Aminen.
Biomonitoring in Blut oder Urin ist bei stoffbezogenen speziellen Vorsorgeuntersuchungen (z. B. Blei, Nickel, Benzol) integraler BiomonitoringBestandteil. Hierbei können die Gefahrstoffe oder deren Metabolite (Messung der inneren Belastung) oder deren biochemische bzw. biologische Effektparameter (Messung der Beanspruchung Effektmonitoring) bestimmt werden. Es sind die jeweilige Halbwertszeit und sich daraus ergebende Maximalzeitabstände zur Exposition, z. B. nach Schichtende, nach mehreren vorangegangenen Schichten, zu beachten. Beim Biomonitoring im Urin sollte der Messwert in der Regel auf die Kreatinin-Konzentration im Urin bezogen werden, um eine Vergleichbarkeit der Werte auch bei unterschiedlichen Urinkonzentrationen zu ermöglichen.
Apparative Untersuchungen
Die diagnostischen Verfahren für arbeits- und umweltmedizinische Untersuchungen basieren auf den Untersuchungen, apparativeStandardtechniken der klinischen Medizin. Im Folgenden werden nur spezielle Anwendungen dargestellt, ansonsten auf die anderen Kapitel verwiesen.
Die Nennung erfolgt nach der Häufigkeit der durchgeführten Untersuchungen.
Sehtestung
Die Sehtestung beinhaltet folgende Kenngrößen, die je nach spezifischem arbeitsmedizinischem Anforderungsprofil eine Sehtestungunterschiedliche Wertigkeit haben:
  • Die Sehschärfe (Visus) ist definiert als das maximale optische Auflösungsvermögen der Makula bei stärkstem Kontrast (normal: 1 SehschärfeWinkelminute).

  • Das Gesichtsfeld erfasst den Raum, der bei der Fixation eines Punktes wahrgenommen werden kann. Normalerweise ist er horizontal durch Gesichtsfeld160 und vertikal durch etwa 140 begrenzt.

MERKE!

Die Bedeutung nicht nur der Sehschärfe, sondern vor allem auch des Gesichtsfeldes für Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten wird oftmals unterschätzt.

  • Die Adaptation bezeichnet die Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Beleuchtungsstärken. Das Auge kann sich auf verschiedene AdaptationIntensitäten zwischen 0,01 Lux und mehr als 100 000 Lux einstellen. Mit dem Alter sinkt das Adaptationsvermögen, der Lichtbedarf steigt.

  • Die Akkommodation ist die Fähigkeit der Linse, sich auf unterschiedliche Entfernungen einzustellen. Jenseits des 45. Lebensjahres Akkommodationvermindert sich die Akkommodationsbreite infolge eines Rückgangs der Elastizität der Augenlinse.

Audiometrie
Die Audiometrie dient vorrangig dazu, unter Aspekten der Primärprävention, aber auch der Frühdiagnose beginnende EinschränkungenAudiometrie des Hörvermögens zu objektivieren, so dass gezielte Maßnahmen zur Verhütung einer Verschlechterung getroffen werden können. Die Durchführung der Audiometrie wird in Kap. 7.2.3 beschrieben.
Spirometrie
Als Screeningverfahren dient die einfache Lungenfunktionsuntersuchung dazu, klinisch oft lange latente obstruktive (und Spirometrierestriktive) Atemwegs- und Lungenerkrankungen aufzudecken. Die Einsekundenkapazität ist ein eigenständiger Prädiktor nicht nur der pulmonalen, sondern darüber hinaus auch der kardiozirkulatorischen Mortalität. In der klinischen Präventivmedizin bei berufstätigen Kollektiven ist die Zahl relevanter pathologischer Befunde, die bei einem Spirometrie-Screening erhoben werden, stets höher als bei gleichermaßen ungezieltem Einsatz der Ruhe-Elektrokardiographie. Portable Kleingeräte erleichtern den Einsatz am Arbeitsplatz.

MERKE!

Jeder Mensch sollte seine Einsekundenkapazität kennen, so wie die meisten Menschen über ihren Blutdruck Bescheid wissen.

Ganzkörperplethysmographie
Mit der Ganzkörperplethysmographie lassen sich der Atemwegswiderstand und das intrathorakale Gasvolumen bestimmenGanzkörperplethysmographie. Bei pathologischen spirometrischen Werten ist stets eine Ganzkörperplethysmographie indiziert, darüber hinaus bei spirometrisch nicht erklärbarer (arbeitsplatzbezogener) Atemwegssymptomatik.
Lungenfunktionsanalytische Verlaufsuntersuchungen
Die vom Patienten selbst mehrmals täglich durchgeführte Bestimmung des exspiratorischen Spitzenflusses mit einem PeakLungenfunktionsanalyse-Flow-Meter oder die aufwändigere Selbstkontrolle der Lungenfunktion mit einem elektronischen Spirometer gibt bei kooperativen Patienten über einen Zeitraum von meist mehreren Wochen bis Monaten Anhaltspunkte für exogene Auslöser variabler obstruktiver Ventilationsstörungen. Auch kann die im Lungenfunktionslabor objektivierbare Zunahme der unspezifischen Atemwegsempfindlichkeit nach Exposition gegenüber einem sonst nur schwer eingrenzbaren Arbeitsstoff wertvolle Hinweise auf die Noxe geben. Diese Verfahren sollten daher großzügig eingesetzt werden.
Unspezifische bronchiale Provokationstestung
Die Bestimmung der unspezifischen Atemwegsempfindlichkeit ist ein Routineverfahren, welches insbesondere beiProvokationstestung, bronchiale Verdachtsfällen und Frühstadien (berufsbedingter) obstruktiver Atemwegserkrankungen und nach Expositionspausen zum Einsatz kommt, wenn die Basis-Lungenfunktionsprüfung Normalbefunde ergibt.
Spezifische bronchiale Provokationstestung
Zur Beurteilung der individuellen Relevanz einer sensibilisierend oder chemisch-irritativ wirkenden Noxe für die Atemwege können spezifische Provokationstestungen indiziert sein, die spezialisierten Einrichtungen vorbehalten sind. Dies gilt insbesondere vor wichtigen Entscheidungen über Berufswahl, Arbeitsplatzwechsel etc., um medizinische Fehlschlüsse mit oft deletären sozialen und finanziellen Konsequenzen für die Betroffenen zu minimieren.
Ergometrie
Wie auch in der Kardiologie dient das Belastungs-EKG dazu, eine koronare Herzkrankheit aufzudecken und ihre funktionellen ErgometrieAuswirkungen zu bestimmen. Dies ist bei besonderen Tätigkeiten notwendig, um das Risiko für die Person und ggf. für Dritte bestimmen zu können. Zusätzlich (und in der Kardiologie weniger gebräuchlich) gibt es die Indikation der Leistungsbeurteilung mit Hinblick auf Tätigkeiten, die mit einer überdurchschnittlichen kardiozirkulatorischen Beanspruchung einhergehen. Zu diesem Zweck wird mit Hilfe des Fahrradergometers gemessen, welche Leistung (in Watt) bei einer vorgegebenen Herzfrequenz (normalerweise 130, 150 oder 170 Schläge/min) erreicht wird. Diese Werte werden als W 130, W 150 oder W 170 bezeichnet. Durchschnittliche Werte, wie sie für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen verwendet werden, sind für die W 150: 2,1 W/kg KG für Männer und 1,8 W/kg KG für Frauen. Eine Unterschreitung um 20 % wird als weiter klärungsbedürftig gewertet. Zur Objektivierung und Quantifizierung einer Gasaustauschstörung unter Belastung wird die Ergometrie mit Blutgasanalysen unter Belastung kombiniert.
Spiroergometrie
Die Kombination von Ergometrie mit Spirometrie und Atemgasanalyse wird als Spiroergometrie bezeichnet. Sie gibt simultan SpiroergometrieAuskunft über Ventilation, Zirkulation, Diffusion, Stoffwechsel und Regelsystem. Sie ist damit ein wichtiges Verfahren für die Differenzierung kardialer und pulmonaler Leistungslimitierung und für die integrative Beschreibung der kardiopulmonalen Leistungsreserve.
Individuelle Beratung
Die individuelle arbeitsmedizinisch qualifizierte Beratung anlässlich der Untersuchung ist der entscheidende Teil der ärztlichen Präventivmedizin am Arbeitsplatz.

MERKE!

Gesundheitliche Bedenken bestehen nur bei maximal 2 % aller arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen.

Grenzwerte in der Arbeitsmedizin

Das Dosis-Wirkungs-Prinzip
Für die meisten Noxen hängt die Wirkung, vereinfacht gesagt, von der Expositionskonzentration und der Dosis-Wirkungs-PrinzipEinwirkungsdauer ab (Dosis Konzentration Dauer). Für manche Stoffe ist unterhalb einer Schwellenkonzentration auch bei beliebig langer Einwirkzeit keine Wirkung auszulösen.
Als unterer Wert einer Dosis-Wirkungs-Beziehung werden folgende Begriffe definiert:
  • ein LOEL-Wert (lowest observed effect level), bei dem gerade ein Effekt auftritt bzw.

  • ein NO(A)EL-Wert (no observed (adverse) effect level), bei dem kein Effekt mehr zu beobachten ist.

Bei ionisierenden Strahlen unterscheidet man aufgrund ihrer unterschiedlichen Dosis-Wirkungs-Beziehungen deterministische Wirkungen (oberhalb einer bestimmten Dosis, wenn bereits viele Zellen geschädigt sind) von stochastischen Effekten (bei denen auch noch die kleinste Dosis ein Schädigungsrisiko beinhaltet).
Interindividuell unterschiedliche Suszeptibilitäten sind dafür verantwortlich, dass vulnerablere Personen bei niedrigeren Dosen einer schädlichen Einwirkung erkranken als resistentere. Die individuelle Empfindlichkeit gegenüber Noxen folgt nicht unbedingt einer Normalverteilung.
Beispiele für gesteigerte Suszeptibilität sind:
  • Krebsrisiko: Langsam-Acetylierer haben ein höheres Erkrankungsrisiko Suszeptibilitätfür ein berufsbedingtes Harnblasenkarzinom, da die KrebsrisikoSchadstoffe im Urin durch Acetylierung weniger inaktiviert werden. Vor allem die homozygote N-Acetyltransferase Typ 2 (NAT2) kodiert für die langsame Acetylierung und korreliert mit dem Risiko für Urothelkarzinome.

  • Allergierisiko: Atopiker haben ein höheres Risiko, sich auf berufliche Inhalationsallergene zu sensibilisieren, als Nicht-AllergierisikoAtopiker

Grenzwerte
Entfernt vergleichbar den Normwerten der Labormedizin können die in der Arbeitsmedizin verwendeten Grenzwerte dazu dienen, die Grenzwertegesundheitliche Bedeutung einer Schadstoffbelastung abzuschätzen.
Der Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) ist der gesetzlich gültige Grenzwert in der Luft am Arbeitsplatz. Nach der Gefahrstoffverordnung Arbeitsplatzgrenzwert (AGW)ist der Arbeitsplatzgrenzwert der Grenzwert für die zeitlich gewichtete durchschnittliche Konzentration eines Stoffes in der Luft am Arbeitsplatz in Bezug auf einen gegebenen Referenzzeitraum. Er gibt an, bei welcher Konzentration eines Stoffes akute oder chronische schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit im Allgemeinen nicht zu erwarten sind. Arbeitsplatzgrenzwerte sind Schichtmittelwerte bei in der Regel täglich 8-stündiger Exposition an 5 Tagen pro Woche während der Lebensarbeitszeit. Expositionsspitzen während einer Schicht werden mit Kurzzeitwerten beurteilt.
Der biologische Grenzwert (BGW) ist der gesetzlich gültige Grenzwert für die toxikologisch-arbeitsmedizinisch abgeleitete biologischer Grenzwert (BGW)Konzentration eines Stoffes, seines Metaboliten oder eines Beanspruchungsindikators im entsprechenden biologischen Material, bei dem im Allgemeinen die Gesundheit eines Beschäftigten nicht beeinträchtigt wird. Biologische Grenzwerte sind als Höchstwerte für gesunde Einzelpersonen konzipiert. Sie werden unter Berücksichtigung der Wirkungscharakteristika der Stoffe in der Regel für Blut und/oder Urin aufgestellt. Maßgebend sind dabei arbeitsmedizinisch-toxikologisch fundierte Kriterien des Gesundheitsschutzes. Biologische Grenzwerte gelten im Prinzip für eine Belastung mit Einzelstoffen.
Bei vergleichbarer Konzentration eines Arbeitsstoffes in der Luft am Arbeitsplatz differieren die Werte des Biomonitoring zwischen Individuen oft erheblich, da folgende wichtige Determinanten der inneren Belastung relevant sind:
  • Hautresorption

  • Atemminutenvolumen (in Abhängigkeit von der Arbeitsschwere und vom Trainingszustand)

  • persönliche Arbeitshygiene (wer z. B. am bleibelasteten Arbeitsplatz raucht, hat meist höhere Blutbleiwerte als der Beschäftigte ohne gehäuften Hand-Mund-Kontakt bei der Arbeit)

  • eventuelle metabolische Unterschiede (z. B. Aktivierung oder Inaktivierung exogen aufgenommener Substanzen).

Die TRGS 900 (Technische Regel für Gefahrstoffe) vom Ausschuss für Gefahrstoffe führt alle bisher festgelegten AGW auf. Es ist TRGS 900festgelegt, wie weit und wie lange der Grenzwert überschritten werden darf und weitere Kennzeichnungen bezüglich möglicher Fruchtschädigung sowie zusätzlicher Eigenschaften wie Hautresorption und sensibilisierende Wirkung vorgenommen werden müssen. Die TRGS 903 führt eine Liste der bisherigen biologischen Grenzwerte.
Ein Teil der AGW basiert auf der Bewertung von Arbeitsstoffen durch dieTRGS 903 DFG. Die Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft veröffentlicht jährlich eine umfangreiche Liste von Grenzwerten, die MAK- und BAT-Werte-Liste. Diese bringt die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnis über die aufgeführten Arbeitsstoffe zum Ausdruck. Die MAK- und BAT-Werte dürfen, wenn keine entsprechenden AGW oder BGW vorliegen, für eine Bewertung herangezogen werden.
  • Der MAK-Wert bezeichnet die höchstzulässige Konzentration eines Arbeitsstoffes als Gas, Dampf oder Schwebstoff in der Luft am Arbeitsplatz, MAK-Wertdie nach dem gegenwärtigen Stand der Kenntnis auch bei wiederholter und langfristiger, in der Regel täglich 8-stündiger Exposition, jedoch bei Einhaltung einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 40 Stunden im Allgemeinen die Gesundheit der Beschäftigten nicht beeinträchtigt und diese nicht unangemessen belästigt. Die MAK-Werte haben wie die AGW zusätzliche Kennzeichnungen, diese beziehen sich u. a. auf das Risiko der Fruchtschädigung sowie auf zulässige kurzzeitige Überschreitungen.

  • Der BAT-Wert bezeichnet die beim Menschen höchstzulässige Quantität eines Arbeitsstoffes bzw. Arbeitsstoffmetaboliten oder die dadurch BAT-Wertausgelöste Abweichung eines biologischen Indikators von seiner Norm, die nach dem gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Kenntnis im Allgemeinen die Gesundheit der Beschäftigten auch dann nicht beeinträchtigt, wenn sie durch Einflüsse des Arbeitsplatzes regelhaft erzielt wird. Seit 2007 wird der BAT-Wert erstmals als Mittel- statt zuvor als Höchstwert eines Stoffes angegeben, dem ein Mensch sein Arbeitsleben lang ausgesetzt sein kann, ohne dass er gesundheitlichen Schaden nimmt.

Für krebserzeugende, keimzellmutagene und reproduktionstoxische Arbeitsstoffe (KMR-Stoffe) können keine gesundheitsbasierten Grenzwerte aufgestellt werden, da die Unbedenklichkeit eines Toleranzwertes praktisch nichtKMR-Stoffe wissenschaftlich zu belegen ist. Bestimmte Arbeitsstoffe sind aber technisch unvermeidlich. Der Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS) hat eine Gesamtliste für KMR-Stoffe mit Einstufung in die Kanzerogenitätsgruppen (K 1 nachgewiesene Humankanzerogenität, K 2 Verdacht auf Humankanzerogenität, K 3 Hinweise aus Tierversuchen) veröffentlicht. Diese Einstufungen beruhen auf den EU-Vorgaben und können von den entsprechenden Bewertungen durch die Senatskommission der DFG abweichen.
Neu entwickelt wurde vom AGS das Konzept der Festlegung risikobasierter Grenzwerte für krebserzeugende Stoffe (Abb. 2.2). Es umfasst drei Risikobereiche (hohes, mittleres und geringes Risiko – analog einem Ampelprinzip), die durch zwei Risikogrenzen (Akzeptanzschwelle und Toleranzschwelle) voneinander abgegrenzt werden. Die Risiken beziehen sich auf eine Lebensarbeitszeit von 40 Jahren bei einer kontinuierlich arbeitstäglichen Exposition. Die Risikogrenzen sind allerdings nur auf das Einzelstoffrisiko anzuwenden. Für die Bewertung bei gleichzeitiger Exposition gegenüber mehreren Kanzerogenen gibt es bislang noch kein schlüssiges Konzept.
Bislang vom AGS veröffentlichte Grenzwerte:
StoffAkzeptanzrisiko (4 10-4)Toleranzrisiko (4 10-3)
Asbest10 000
Fasern/m3
100 000
Fasern/m3
Trichlorethen6 ml/m3 bzw.
33 mg/m3
11 ml/m3 bzw.
60,5 mg/m3
Je nach Risikogruppe sollen unterschiedliche Schutzmaßnahmen erfolgen:
RisikogruppeMaßnahme
niedrigHygienemaßnahmen, Risikokommunikation, Betriebsanweisung, Unterweisung
Angebotsuntersuchung
mittelMaßnahmen zur Reduzierung der Exposition
Pflichtuntersuchung
hochGefahrenbereich! Risikominderungsmaßnahmen unverzüglich umsetzen Pflichtuntersuchung
Die DFG veröffentlicht in Analogie zu den biologischen Grenzwerten und BAT-Werten Expositionsäquivalente für krebserzeugende Stoffe (EKA-Werte) für ein Biomonitoring in Blut oder Urin. Expositionsäquivalente für krebserzeugende Stoffe (EKA-Werte)Diese geben an, welche innere Belastung sich bei ausschließlich inhalativer Aufnahme bei benannten Luftkonzentrationen ergeben würde. Für einige kanzerogene Stoffe (Acrylamid, Bisphenol A) werden biologische Leitwerte (BLW) angegeben, die eine Bewertung der erhobenen Biomonitoringwerte und eine Entscheidung über zu treffende Schutzmaßnahmen ermöglichen sollen. Eine gesundheitliche Beeinträchtigung ist auch bei Einhaltung des BLWs nicht ausgeschlossen, sodass ein deutliches Unterschreiten empfohlen wird.

MERKE!

Da bereits eine geringe Exposition gegenüber krebserzeugenden Stoffen zu einer erhöhten Gesundheitsgefährdung führen kann, sind die Schutzmaßnahmen Stoffsubstitution oder Be- und Verarbeitung in geschlossenen Systemen immer vorrangig.

Gesundheitsschutz in der Umweltmedizin

Im Gegensatz zu der Arbeitswelt sind in der Umwelt die Menschen einer Exposition 24 h am Tag über das gesamte Leben Gesundheitsschutz in der Umweltmedizinausgesetzt. Es sind nicht nur, wie am Arbeitsplatz, in der Regel gesunde Erwachsene, sondern auch Kinder, alte Menschen, Schwangere und Kranke betroffen. Die Grenz- und Richtwerte müssen deshalb deutlich niedriger als die arbeitsmedizinischen Grenzwerte sein.
Richtwerte
Richtwerte sind Konzentrationen oder Mengen eines gesundheitsgefährdenden Stoffes in Umweltmedien und in der Nahrung ohne Richtwerte in der Umweltmedizingesetzliche Verbindlichkeit. Oft werden sie auch als Orientierungswerte, Beurteilungswerte, Leitwerte usw. bezeichnet. Sie dienen zur Beurteilung einer Belastungssituation und können beispielsweise eine Suche nach Ursachen der Belastung auslösen. Richtwerte werden dann festgelegt, wenn wissenschaftliche und/oder rechtliche Grundlagen für die Festlegung von Grenzwerten fehlen.
Hintergrundwerte
Hintergrundwerte geben die üblicherweise zu erwartende Menge oder Konzentration eines Stoffes im jeweiligen Umweltmedium (Wasser, Boden, Luft, HintergrundwerteNahrung usw.) an. Hintergrundwerte werden aus Messreihen ermittelt und zeigen die Belastung zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten Nutzungsbedingungen auf. Aus der zeitlichen Abfolge von Hintergrundwerten lassen sich Trends erkennen. Hintergrundwerte sind nicht toxikologisch abgeleitet und sagen nichts über die gesundheitliche Relevanz des betreffenden Stoffes aus.
Referenzwerte
Referenzwerte können quasi als Hintergrundwerte von Umweltschadstoffen im menschlichen Körper angesehen werden. Sie geben die zu einem Referenzwertebestimmten Zeitpunkt vorgefundene obere Grenze der Belastung der Bevölkerung oder einer Bevölkerungsgruppe mit einem bestimmten Schadstoff an. Im Rahmen des Human-Biomonitorings können individuell ermittelte Werte (beispielsweise der Quecksilbergehalt im Urin) mit Referenzwerten verglichen werden, um festzustellen, ob es sich um einen üblichen oder einen außergewöhnlichen Wert handelt.
Auch Referenzwerte sind nicht toxikologisch abgeleitet. Referenzwerte sind nicht nur für die Schadstoffbelastung des Körpers verfügbar, sondern man kann auch Referenzwerte für die biologische Wirkung dieser Schadstoffe festlegen. Die Referenzwerte beziehen sich dann auf ein biologisches Effektmonitoring.
Die Überschreitung dieser Umweltwerte sollte vermieden werden, ist aber nicht mit einer Gesundheitsgefährdung gleichzusetzen, da die Werte zur Sicherheit größtenteils zwischen etwa dem 10- bis 1000-Fachen geringer angesetzt sind als die Konzentrationen, bei denen gerade keine adverse Wirkung des Stoffes mehr zu beobachten ist, dem so genannten NO(A)EL: no observed (adverse) effect level Menge, die keinen ungünstigen Effekt mehr hervorruft.
Human-Biomonitoring-Werte
Zur NOAELBewertung der gesundheitlichen Bedeutung von Stoffkonzentrationen im menschlichen Körper wurden, in Analogie zu den Human-Biomonitoringbiologischen Grenzwerten in der Arbeitsmedizin, für mehrere Stoffe Human-Biomonitoring(HBM)-Werte aufgestellt. Bei Überschreitung des HBM-I-Wertes kann eine gesundheitliche Beeinträchtigung nicht ausreichend sicher ausgeschlossen werden, bei einer Überschreitung des HBM-II-HBM-I-WertWertes ist eine gesundheitliche Beeinträchtigung möglich. Die wissenschaftlich begründeten HBM-Werte liegen in der Regel deutlich über den HBM-II-WertNormalwerten, also dem 95 %-Bereich der Normalverteilung einer nicht erkrankten Bevölkerung, die keinerlei gesundheitliche Bewertung zulassen, da auch eine überdurchschnittliche Belastung noch nichts über die Gefährlichkeit eines Stoffes aussagt.
Tab. 2.2 zeigt Beispiele für die unterschiedlichen Grenzwerte.
Die Umweltexpositionen können in Belastungen im Außenbereich, in Innenräumen und durch Nahrungsaufnahme eingeteilt werden.

Außenbereich

Das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) und diverse Verordnungen zur Durchführung dieses Gesetzes regeln Immissionen von Anlagen, Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG)Erzeugnissen, Brenn- und Treibstoffen, BImSchGFahrzeugen, Lärm und Luftschadstoffen.
Lärm
Neben den auralen Lärmwirkungen auf das Hörorgan wie akutes Schalltrauma, Tinnitus und Innenohr-Schwerhörigkeit treten bereits bei Lärmniedrigeren Schallpegeln extraaurale Lärmwirkungen mit Effekten auf den Gesamtorganismus wie z. B. Beeinträchtigung zentralnervöser Funktionen und Regel-Lärmwirkungen, extraauraleErholungsvorgängen auf. Diese führen zu physiologischen Veränderungen (Hormonhaushalt, Stoffwechsel, Blutdruck und Kreislauf, Schlafqualität und -quantität), seelisch/geistigen Störungen (geistige Leistungsfähigkeit, Stressverarbeitungspotenzial, Frustrationstoleranz, Anspannung, Ärger) und sozialen Beeinträchtigungen (Kommunikationsstörung, Sprachentwicklung, Verhaltensänderungen).
Im Bereich Lärm existieren keine einheitlichen Grenz- und Richtwerte und auch keine einheitlichen Ermittlungs- und Beurteilungsverfahren, vielmehr wird je nach Lärmart bzw. Lärmverursacher unterschieden. Für Verkehrslärm gibt es z. B. Grenzwerte der 16. BImSchV (Neubau von Straßen und Schienenwegen), Orientierungswerte der DIN 18005 (Schallschutz im Städtebau), Grenzwerte der VLärmSchR 97 (Lärmsanierung an bestehenden Straßen) und Richtwerte der Lärmschutz-Richtlinien-StV (verkehrsrechtliche Maßnahmen an bestehenden Straßen).
Luftschadstoffe
Quellen der Luftverunreinigung im Außenbereich sind Kraft- und Heizwerke, herstellende und verarbeitende Industrie, LuftschadstoffeKraftfahrzeugverkehr, Müllverbrennung und Haushaltsheizungen. Als chemische Noxen sind vor allem Schwefeldioxid, Stickoxide, Ozon, aber auch Kohlenwasserstoffe, Kohlenmonoxid, Fluoride und Chloride zu nennen (Tab. 2.3). Zigarettenrauch enthält bis zu 4000 verschiedene Einzelkomponenten, die wichtigsten chemischen Bestandteile sind Nikotin, Teer mit aromatischen polyzyklischen Kohlenwasserstoffen, Kohlenmonoxid, Formaldehyd, Stickoxide, Arsen, Schwefel- und Blausäure sowie Nitrosamine.
Die Technische Anleitung (TA) Luft regelt neben weiteren Richtlinien und Verordnungen den Schutz der Allgemeinheit und der Nachbarschaft vor technische Anleitung (TA) Luftschädlichen Umwelteinwirkungen sowie die Vorsorge gegen schädliche Umwelteinwirkungen durch Luftverunreinigungen.
Auswirkungen von Luftschadstoffen:
  • Feinstaub

    • kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität

    • Verschlechterung eines Asthma

    • Verdacht auf Feinstaubandere Effekte (Lungenkrebs, Reduziertes Geburtsgewicht, Atemwegsbeschwerden im ersten Lebensjahr, Häufigkeit von Allergie und Asthma).

  • Ozon

    • Symptome: Husten, Heiserkeit, Schmerzen bei tiefer Einatmung, Kratzen im Hals

    • dadurch z. T. bedingte, Ozongemessene Funktionsstörungen: Hemmung der tiefen Einatmung (neuronal), funktionell restriktive Ventilationsstörung, (fast) keine Atemwegsverengung (Obstruktion)

    • Lungenfunktionsstörungen sind beim Gesunden nicht gravierend.

  • NO2

    • (leichte) Atemwegsverengung bei Asthma auslösbar

    • Verstärkung der unspezifischen Atemwegsempfindlichkeit möglich

    • Asthmatiker empfindlicher als Gesunde

    • Atemwegsentzündung, pro-oxidative Effekte

    • Effekte sind verglichen mit Feinstaub und Ozon eher gering.

  • SO2

    • Hauptursache des sauren Regens, nach konsequentem Einbau von Entschwefelungsanlagen in Industriebetrieben ab den 70er Jahren deutlicher Rückgang der Exposition

    • in höheren Konzentrationen ab 200 g/m3 kann Schwefeldioxid zu einer Atemwegsentzündung mit temporärer geringer obstruktiver Ventilationsstörung führen.

Badegewässer
Die Qualitätsanforderungen an Badegewässer (mit Ausnahme von Wasser für therapeutische Zwecke und Wasser für Schwimmbecken) Badegewässerbezüglich mikrobiologischer und physikalisch-chemischer Parameter werden durch die EG-Richtlinie über die Qualität der Badegewässer (76/160/EWG) geregelt.
Parameterausgezeichnete Qualitätgute Qualität
intestinale Enterokokken200 KBE/100 ml400 KBE/100 ml
Escherichia coli500 KBE/100 ml1000 KBE/100 ml
Die Beschaffenheit von Wasser von Schwimm- und Badebecken muss nach 37 des Infektionsschutzgesetzes kontrolliert werden.

Innenraum

Für den Innenraum gibt es keine spezielle, einheitliche gesetzliche Grundlage wie es z. B. das Bundes-Immissionschutzgesetz für die Außenluft darstellt, um Anforderungen an die Innenraumluftqualität zu präzisieren.
Innenraumluft-Richtwerte für einzelne Stoffe erarbeitet eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Innenraumlufthygiene-Kommission (IRK) beim Innenraumluft-RichtwerteUmweltbundesamt sowie der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG).
Es gibt zwei Richtwert-Kategorien:
  • Richtwert I (RW I) beschreibt die Konzentration eines Stoffes in der Innenraumluft, bei der bei einer Einzelstoffbetrachtung nach Richtwert Igegenwärtigem Erkenntnisstand auch dann keine gesundheitliche Beeinträchtigung zu erwarten ist, wenn ein Mensch diesem Stoff lebenslang ausgesetzt ist. Aus Gründen der Vorsorge sollte auch im Konzentrationsbereich zwischen Richtwert I und II gehandelt werden. RW I kann als Zielwert bei der Sanierung dienen. Die Richtwerte beziehen sich nur auf Einzelstoffe.

  • Richtwert II (RW II) stellt die Konzentration eines Stoffes dar, bei deren Erreichen beziehungsweise Überschreiten unverzüglich zu handeln ist. Diese Richtwert IIhöhere Konzentration kann, besonders für empfindliche Personen bei Daueraufenthalt in den Räumen, eine gesundheitliche Gefährdung darstellen. Je nach Wirkungsweise des Stoffes kann der Richtwert II als Kurzzeitwert (RW II K) oder Langzeitwert (RW II L) definiert sein.

Beispiele für Richtwerte:
VerbindungRichtwert I (mg/m3)Richtwert II (mg/m3)
bizyklische Terpene (Pinen)0,22
Kohlenstoffmonoxid6 ( h) 1,5 (8 h)60 ( h) 15 (8 h)
Pentachlorphenol0,1 g/m31 g/m3
Quecksilber (metallischer Dampf)0,035 g/m30,35 g/m3
Styrol0,030,3
Toluol0,33
Flüchtige organische Verbindungen (VOC)
VOC bizyklische Terpenewerden für PentachlorphenoltypischeKohlenstoffmonoxid QuecksilberSymptome des StyrolSick-buildingToluol-Syndroms wie trockene Schleimhäute der Augen, der Nase und flüchtige organische Verbindungen (VOCdes Rachens verantwortlich gemacht.
Mögliche Quellen von VOC in Innenräumen sind neben den Sick-building-SyndromBaustoffen auch Einrichtungsgegenstände, Reinigungs- und Pflegemittel, Hobby- und Heimwerkerprodukte, Bürochemikalien und vor allem Tabakrauch. Ein wesentlicher Träger von VOC sind Teppichböden.
In Räumen mit TVOC-Konzentrationen (Total Volatile Organic Compounds) zwischen 10 und 25 mg/m3 ist ein täglicher Aufenthalt allenfalls vorübergehend zumutbar (derartige Konzentrationen können während Renovierungen vorkommen). In Räumen, die für einen längerfristigen Aufenthalt bestimmt sind, sollte auf Dauer ein TVOC-Wert zwischen 1 und 3 mg/m3 nicht überschritten werden. Das Ziel sollte sein, in Innenräumen im langzeitigen Mittel eine TVOC-Konzentration von 0,2 bis 0,3 mg/m3 zu erreichen oder nach Möglichkeit zu unterschreiten.
Formaldehyd
Im Vordergrund steht die akut schleimhautreizende Wirkung bei erhöhter Raumluftbelastung.
Eine bedeutende Formaldehydquelle ist der Tabakrauch. In FormaldehydNichtraucher-Haushalten sind Möbel aus Spanplatten mit einer hohen Schadstoffausdünstung die häufigste Ursache für erhöhte Formaldehydkonzentrationen in der Innenraumluft. Sie können über Jahre hinweg Formaldehyd ausgasen. Weitere Formaldehydquellen können Teppichböden oder Isolierschäume sein.
Der vom ehemaligen Bundesgesundheitsamt in den Jahren 1977 und 1992 vorgeschlagene Richtwert für die Formaldehydkonzentration in der Innenraumluft beträgt 0,1 ppm (parts per million). Das entspricht 120 Mikrogramm Formaldehyd pro Kubikmeter Luft.
Passivrauch
Gesundheitsrelevante gesicherte Wirkungen:
  • Atemwegsreizung

  • COPD

  • Lungenkarzinom

  • koronare PassivrauchHerzerkrankung.

Bei Kindern zusätzlich:
  • reduziertes Geburtsgewicht

  • Asthma

  • Otitis media

  • eingeschränkte Lungenfunktion.

Schimmelpilze
Gesundheitsrelevante Wirkungen:
  • Infektionen (Haut, Lunge, bei Immunschwäche, z. B. Aspergillose)

  • Schimmelpilze Geruchsbelästigung (MVOC Microbial Volatile Organic Compounds – leichtflüchtige organische Komponenten als Stoffwechselprodukte)

  • Atemwegsallergien

  • toxische Wirkungen werden diskutiert (Aflatoxine, Mycotoxine, Glucane).

Die Ursache kann in einem erhöhten Feuchtigkeitsgehalt der Wände oder in der unzureichenden Abfuhr erhöhter Raumluftfeuchte durch unsachgemäßes Heizen und Lüften, Kondensation der Luftfeuchte im Bereich von kalten Wänden, die beispielsweise durch Wärmebrücken oder bei unzureichender Wärmedämmung entstehen, liegen.
Feste Grenzwerte können nicht definiert werden. Ist die Konzentration einer typischen luftgetragenen Gattung (z. B. Cladosporium sp.) im Innenraum mehr als doppelt so hoch wie in der Außenluft, ist eine Innenraumquelle wahrscheinlich. Grundsätzlich gilt bereits aus hygienischen Gründen, dass jeglicher Schimmelpilzbefall durch Behebung der Ursache entfernt werden sollte, unabhängig ob gesundheitliche Beeinträchtigungen vorliegen.
Radon
Im geologischen Untergrund wird ständig das natürliche radioaktive Edelgas Radon gebildet. Vom Baugrund in das Gebäudeinnere gelangendes Radon kann sich vor allem über RadonTreppenaufgänge, Kabelkanäle und Versorgungsschächte, aber auch durch Geschossdecken weiter im Haus ausbreiten.
Oberhalb von 100 Bq/m3 Luft sollten Maßnahmen zur Senkung der Radonkonzentration in Betracht gezogen werden.

Nahrungsmittel und Trinkwasser

Der ADI-Wert (acceptable daily intake annehmbare tägliche Aufnahme) ist eine Stoffmenge, die lebenslang täglich aufgenommen werden kann, ohne dass mit einer gesundheitlichen ADI-WertBeeinträchtigung zu rechnen ist. Ein ADI-Wert wird von NahrungsmittelExperten-Gruppen der TrinkwasserWHO (World Health Organization) und der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) festgesetzt. Er beträgt ein Hundertstel derjenigen Menge, die in langdauernden Tierversuchen keine Wirkung zeigte (Sicherheitsfaktor 100). Er dient hauptsächlich der Beurteilung von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln hinsichtlich ihrer Rückstände in Lebensmitteln. Aber auch für Süßstoffe, Lebensmittelfarben und andere Lebensmittelzusatzstoffe werden ADI-Werte angegeben.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ist im Bereich der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit der Grundpfeiler der Risikobewertung der Europäischen Union (EU). Die EFSA wurde von der Europäischen Kommission bzw. den Mitgliedstaaten ersucht, z. B. Risikobewertungen zu folgenden Schadstoffen in Lebensmitteln zu erstellen.
Cadmium
Lebensmittel sind normalerweise die Hauptquelle der Cadmiumaufnahme in der nicht rauchenden Allgemeinbevölkerung. Infolge der Analyse neuer Daten senkte das Gremium den TWI-Wert (tolerable weekly intake) für Cadmium auf 2,5 g/kg KG.
Quecksilber
Quecksilber ist hauptsächlich als Methylquecksilber in Fisch zu finden. Für Quecksilber wurde ein provisorischer TWI-Wert von 1,6 g/kg KG festgesetzt. Methylquecksilber ist auch in geringsten Mengen toxisch und sollte auf ein Minimum reduziert werden.
Blei
Blei findet sich in niedrigen Konzentrationen in fast allen Nahrungsmitteln. Es wurde ein provisorischer TWI-Wert von 25 g/kg vorgeschlagen.
Acrylamid
Acrylamid kann vor allem in stärkehaltigen Produkten wie Kartoffelchips, Pommes frites, Brot und Knäckebrot bei Garprozessen wie Braten, Backen und Rösten bei Temperaturen ab 120 C entstehen. Es ist ein Karzinogen bei Versuchstieren, von der DFG als K 2 eingestuft. Ein gesundheitsbasierter Grenzwert kann deshalb nicht angegeben werden.
Durch die Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 der europäischen Kommission werden die Höchstgehalte für bestimmte Kontaminanten in Lebensmitteln festgesetzt (Tab. 2.4).
Für Trinkwasser gilt die Trinkwasserverordnung. Sie gibt Grenzwerte bezüglich Belastung durch Mikroben, Schwermetalle, Chemikalien etc. vor (Tab. 2.5).

Arbeitsbedingte Erkrankungen

TrinkwasserverordnungDer Begriff der arbeitsbedingten Erkrankungen geht sehr viel weiter als der enge und juristisch streng definierte Berufskrankheiten-Begriff. Für arbeitsbedingte ErkrankungenArbeitsunfähigkeitszeiten und die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz sind arbeitsbedingte Erkrankungen weitaus bedeutsamer als die im Betrieb meist verschwindend kleine Zahl von Berufskrankheiten. Arbeitsbedingte Erkrankungen im Sinne des Präventionsverständnisses sind Gesundheitsstörungen, die ganz oder teilweise durch die Arbeitsumstände verursacht werden. Der 1973 durch das Arbeitssicherheitsgesetz (Kap. 2.4.1) eingeführte Begriff der arbeitsbedingten Erkrankungen ist gesetzlich nicht definiert, im Gegensatz zu den BKen, die vom Gesetzgeber in SGB VII (Kap. 1.2) und in der Berufskrankheitenverordnung näher bestimmt sind.
Während der Präventionsauftrag der gesetzlichen Unfallversicherung sich auf BKen, Arbeits- und Wegeunfälle sowie auf arbeitsbedingte Gesundheitsstörungen bezieht, ist deren Kompensations-(d. h. Entschädigungs-)Auftrag auf BKen, Arbeits- und Wegeunfälle beschränkt.
Die arbeitsbedingten Krankheiten sind zahlenmäßig um mehrere Zehnerpotenzen häufiger als alle BKen zusammengenommen, wie aus einer europäischen Erhebung über arbeitsbedingte gesundheitliche Beschwerden hervorgeht (Tab. 2.6).
Die Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen umfasst somit ein weitaus größeres Public Health Potential und eine weitaus größere Wirkung auf Arbeitsausfallszeiten als die Prävention aller BKen zusammengenommen.
Das 1996 in Kraft getretene Arbeitsschutzgesetz verpflichtet den Arbeitgeber zur Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren und nimmt somit auch dessen betriebsärztlichen Berater auf diesem Gebiet in die Pflicht. Dieser erweiterte Präventionsauftrag ist mit der Neufassung des Sozialgesetzbuchs VII auch Aufgabe der Unfallversicherungsträger geworden.

Berufskrankheiten

Definition
Berufskrankheiten (BKen) sind Erkrankungen, die durch besondere Einwirkungen verursacht sind, denen bestimmte Personengruppen durch ihre versicherte Tätigkeit (d. h. durch Berufskrankheitenihre Arbeit) in erheblich höherem Maß ausgesetzt sind als die übrige Bevölkerung.
Rechtlich handelt es sich um Krankheiten, die die Bundesregierung durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates als Berufskrankheiten bezeichnet und die Versicherte infolge einer den Versicherungsschutz nach 2, 3 oder 6 begründenden Tätigkeit erleiden. ( 9 Abs. 1 SGB VII).
Darüber hinaus ist im Einzelfall die Anerkennung und Entschädigung einer nicht in der Liste (Kap. 2.8.2) aufgeführten Krankheit möglich, wenn aufgrund neuer medizinisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse alle Voraussetzungen für die Bezeichnung einer Erkrankung als BK vorliegen (Quasi-Berufskrankheit, Öffnungsklausel).
Berufskrankheiten sind eine juristisch exakt definierte Teilmenge des großen, unscharf abgegrenzten Bereichs arbeitsbedingter Krankheiten.
Abb. 2.3 und Abb. 2.4 stellen die am häufigsten gemeldeten Berufskrankheiten-Verdachtsfälle, die häufigsten Anerkennungen und die neuen Rentenfälle dar.

MERKE!

Bei den Verdachtsmeldungen stehen Hauterkrankungen, Lärmschwerhörigkeit, LWS-Erkrankungen, Asbestkrankheiten, Infektionskrankheiten und die obstruktiven Atemwegserkrankungen im Vordergrund.

Bei den Anerkennungen sind Lärmschwerhörigkeit, Asbesterkrankungen, Infektionskrankheiten, Hauterkrankungen, Silikose und obstruktive Atemwegserkrankungen Spitzenreiter.

Asbestkrankheiten stehen bei den BK-bedingten Rentenfällen und Todesfällen (ca. 1500 Fälle pro Jahr, Tendenz steigend) auf Grund der asbestassoziierten malignen Erkrankungen Lungenkarzinom und Mesotheliom ganz vorn.

Silikosen und Asbesterkrankungen sind dabei ausschließlich Altfälle nach früherer, meist hoher Exposition.

Berufskrankheitenverfahren

Eine Krankheit als Berufskrankheit zu erkennen ist von großer Bedeutung. Für den Patienten und seine Angehörigen hat die Anerkennung seiner Erkrankung eine u. U. wesentliche finanzielle BerufskrankheitenverfahrenEntschädigung zur Folge. Das Berufskrankheitenverfahren bietet darüber hinaus die Möglichkeit, schädigende Einflüsse am Arbeitsplatz des Patienten zu erkennen und damit auch andere Personen zu schützen.
Meldung einer Berufskrankheit

DAS GEHT SIE AN!

Jeder Arzt ist gesetzlich verpflichtet, eine Krankheit anzuzeigen, wenn der begründete Verdacht auf das Vorliegen einer BK besteht ( 202 SGB VII).

Merkblätter für den anzeigenden Arzt findet man im Internet unter www.baua.de.
Der anzeigende Arzt sollte die Begründung seines Verdachts auf Berufskrankheit:Meldung einereine Berufskrankheit mit möglichst genauen Angaben untermauern. Die Anzeige kann auch vom Patienten selbst, von den Krankenkassen oder vom Arbeitgeber erstellt werden. Der Patient kann sich rein formal nicht gegen die Anzeige verwehren, die gesetzliche Meldepflicht hat hier Vorrang vor der ärztlichen Schweigepflicht. Dem Patienten sind Inhalt und Adressat der Anzeige bekannt zu geben, üblicherweise händigt man Meldepflicht, gesetzlicheihm eine Kopie aus. Psychologisch wichtig ist, dem Patienten verständlich zu machen, dass sich bei weitem nicht alle angezeigten Verdachtsfälle bestätigen lassen, da auch bestimmte juristische Voraussetzungen erfüllt sein müssen (z. B. bei einigen Berufskrankheiten Aufgabe der schädigenden Tätigkeit).
Bei begründetem Verdacht auf eine BK (gesetzliche Meldepflicht!) empfiehlt sich im Zweifelsfalle ein eher großzügiges Meldeverhalten.
Es gibt Einzelfälle, in denen die Patienten, z. B. aus Sorge um ihren Arbeitsplatz, nicht möchten, dass ein Berufskrankheitenverfahren eingeleitet wird. Den weiteren Ermittlungen des Unfallversicherungsträgers kann der Versicherte daher ggf. widersprechen (allgemeines Persönlichkeitsrecht).

MERKE!

Es empfiehlt sich, im Zweifelsfall lieber eine BK-Anzeige zu viel zu erstatten, als eine berechtigte zu unterlassen.

Voraussetzung für eine sinnvolle Berufskrankheiten-Anzeige ist in der Regel, dass sich die festgestellte Erkrankung in der Liste der Berufskrankheiten (Kap. 2.8.2) wiederfindet und dass sowohl ein zeitlicher als auch ein pathophysiologischer Zusammenhang mit der vermuteten beruflichen Noxe besteht. Adressiert wird die Anzeige an den zuständigen Unfallversicherungsträger. Alternativ dazu kann die Berufskrankheiten-Anzeige an den staatlichen Gewerbearzt geschickt werden, der in der Regel über die lokal zuständigen Gewerbeaufsichtsämter zu erreichen ist. Unfallversicherungsträger und staatlicher Gewerbearzt setzen sich wechselseitig über eine Berufskrankheiten-Anzeige in Kenntnis.

FALLBEISPIEL

Anamnese

Der 52-jährige Herr Freerksen ist seit seiner Lehrzeit als Drucker in einer kleinen mittelständischen Druckerei tätig. Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen erfolgten nur unsystematisch durch einen nicht besonders engagierten Betriebsarzt. Seit einiger Zeit bemerkt seine Ehefrau, dass er die Türklingel und das Telefon öfters überhört. Die Nachbarn beklagen sich über den oftmals laut gestellten Fernseher. Ihm selbst ist aufgefallen, dass er bei Nebengeräuschen im Betrieb Schwierigkeiten hat, die Kollegen zu verstehen. Dies gilt auch im Freundeskreis, wenn sich mehrere Leute gleichzeitig miteinander unterhalten.

Klinik

Unauffälliger körperlicher Allgemeinbefund. Keine Anhaltspunkte für andere Leiden, die sich auf das Hörvermögen auswirken können (Arteriosklerose, Diabetes mellitus). Umgangssprache wird gut verstanden, Flüstersprache schlecht. Im vom HNO-Arzt durchgeführten Tonaudiogramm stimmen die Hörschwellenkurven für Luft- und Knochenleitung gut überein. Der Befund ist symmetrisch ausgeprägt. Das positive Recruitment-Phänomen spricht für eine Schädigung der Sinneszellen des Corti-Organs.

Diagnose

Innenohrschwerhörigkeit geringen Grades.

Therapie

Die Verordnung eines Hörgeräts wird angeboten, jedoch von Herrn Freerksen noch nicht für nötig gehalten.

Beurteilung

Meldepflichtiger Verdacht auf beruflich bedingte Lärmschwerhörigkeit.

Verlauf

Der HNO-Arzt meldet den Verdacht auf eine Berufskrankheit an die Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung und händigt dem Patienten eine Kopie der BK-Anzeige aus. Die BG beginnt das Berufskrankheitenverfahren. Zunächst muss Herr Freerksen über frühere Krankheiten und behandelnde Ärzte Auskunft geben. Dann wird vom Technischen Aufsichtsdienst der BG die berufliche Lärmbelastung ermittelt. Es ergibt sich, dass an den Maschinen, die Herr Freerksen bedient hat, der mittlere Schalldruckpegel langjährig über 85 dB(A) gelegen hat. Die Haftungsbegründung für die Entstehung einer versicherungsrechtlich relevanten BK 2301 wird bejaht.
Herrn Freerksen werden drei Gutachter vorgeschlagen, zwei niedergelassene und ein Klinikarzt. Bei der Einladung wird er darauf hingewiesen, dass er für einen Zeitraum von mindestens 14 Stunden weder im Arbeits- noch im Freizeitbereich stärkerem Lärm ausgesetzt gewesen sein darf. Der Gutachter erhebt sehr sorgfältig die Arbeitsanamnese und bedauert, dass technische und persönliche Schutzmaßnahmen offensichtlich nur inkonsequent umgesetzt wurden. Nach verschiedenen klinischen und technischen Untersuchungen (Spiegeluntersuchung, Stimmgabelprüfung, Tonschwellenaudiometrie, Tympanometrie, Sprachaudiometrie) berechnet der Gutachter den prozentualen Hörverlust. Er liegt beidseits bei 30 %. Er empfiehlt der BG eine Anerkennung als Berufskrankheit.
Die MdE ist bei der Lärmschwerhörigkeit relativ einfach zu ermitteln, sie liegt entsprechend dem so genannten Königsteiner Merkblatt (herausgegeben von der deutschen gesetzlichen Unfallversicherung in Abstimmung mit beteiligten wissenschaftlichen Fachgesellschaften) bei 15 %. Der Rentenausschuss der BG (zusammengesetzt aus Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern) stimmt der Einschätzung zu. Auch der Landesgewerbearzt stimmt zu, und Herr Freerksen bekommt von der BG einen Bescheid auf grünem Papier. Ihm wird mitgeteilt, dass eine Berufskrankheit vorliegt, dass er jedoch keinen Rentenanspruch habe, da die MdE unter 20 % liegt. Er fragt sich, was das Ganze dann sollte.
Die BG begeht den Arbeitsplatz und sorgt dafür, dass nunmehr die Mitarbeiter auf die Notwendigkeit von Gehörschutz hingewiesen werden und dass der Arbeitgeber veranlasst, dass regelmäßige arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen bei allen lärmexponierten Mitarbeitern im Betrieb vorgenommen werden. Der Arbeitgeber weist Herrn Freerksen einen leiseren Nebenraum zu (mittlerer Beurteilungspegel 75–80 dB[A]), in dem er sich um Vorbereitungsarbeiten am Bildschirm und um den Versand der Druckware kümmert. Bei einer gutachterlichen Nachuntersuchung nach drei Jahren zeigt sich, dass keine weitere Verschlechterung eingetreten ist.

Fazit

Die Arbeitsplatzumsetzung war also wirksam. Und: Eine MdE unter 20 % kann relevant werden, wenn eine weitere unter 20 % hinzukommt (Stütz-MdE).
Anerkennung einer Berufskrankheit
Im Sozialrecht der gesetzlichen Unfallversicherung (im Gegensatz zur gesetzlichen Kranken-, Renten-, Alters-, Pflege- und Berufskrankheit:Annerkennung einerArbeitslosenversicherung) gilt das Kausalitätsprinzip: Wenn im Individualfall eine BK anerkannt werden soll, wird der Vollbeweis für drei Tatbestände gefordert: versicherte Tätigkeit, schädigende Einwirkung, Gesundheitsschaden. Hingegen reicht Wahrscheinlichkeit (mehr spricht dafür als dagegen) für die gutachterliche Bejahung des Kausalzusammenhangs zwischen schädigender beruflicher Einwirkung und Gesundheitsschaden aus (Abb. 2.5).
Der Unfallversicherungsträger (UVT) ermittelt alle Informationen, die zur Beurteilung der vermuteten BK bedeutsam sind, u. a. Unterlagen der Krankenkassen und Beschreibungen Unfallversicherungsträger (UVT)des Arbeitsplatzes. In der Regel werden dann dem Patienten mehrere Fachärzte zur Auswahl gestellt, die die Begutachtung durchführen können. Meistens erfordert die Begutachtung weitere Untersuchungen, die die Vorbefunde ergänzen. Der staatliche Gewerbearzt kann zu dem Gutachten Stellung nehmen, die Entscheidung der Anerkennung als BK und die Konsequenzen (s. u.) trifft ein paritätisch (Arbeitgeber und -nehmer) besetzter Ausschuss beim UVT. Bei einigen BKen (z. B. obstruktiven Atemwegserkrankungen, Kap. 10.2) ist die Aufgabe der schädigenden Tätigkeit (nicht des Berufs! also keine überstürzten Berufswechsel!) Voraussetzung für die Anerkennung.
Der Patient kann gegen die Entscheidung Einspruch erheben und vor dem Sozialgericht, in weiteren Instanzen vor dem Landessozialgericht und ggf. – bei Fragen von grundsätzlicher Bedeutung – vor dem Bundessozialgericht Klage erheben.
Folgen der Anerkennung
Wird eine BK anerkannt, hat dies potenziell für die betroffene Person verschiedene Maßnahmen zur Folge:
Kompensation
Berufskrankheit:AnerkennungBeträgt die Minderung der Erwerbsfähigkeit (Kap. 1.2) bedingt durch diese oder mehrere BKen zusammengenommen 20 %, zahlt der UVT eine Entschädigung, Kompensationunabhängig vom Umfang der weiteren Berufstätigkeit.
Rehabilitation
Der UVT kommt für Leistungen der medizinischen Rehabilitation auf und unterstützt die berufliche Rehabilitation z. B. durch Zahlung eines RehabilitationVerdienstausgleichs bei Umsetzung auf einen schlechter bezahlten Arbeitsplatz oder durch Umschulung in einen anderen Beruf. Der UVT übernimmt auch Pflegeleistungen.
Prävention
Typische arbeitsmedizinische Präventionsmaßnahmen (Arbeitsschutzmaßnahmen) können vom UVT veranlasst werden (Kap. 2.2). Hierzu gehören z. B. bestimmte Absaugungen, PräventionUnterstützung der Umstellung von Produktionstechniken und berufliche Umschulungsmaßnahmen. Das Leistungsspektrum spezifischer Präventionsmaßnahmen der Unfallversicherungsträger ist breit und aufwändig.
Meldung einer drohenden Berufskrankheit
Wenn für den Arzt zwar ersichtlich ist, dass eine BK nicht vorliegt, es aber Hinweise gibt, dass eine BK zu entstehen, wieder aufzuleben oder sich zu verschlimmern droht, muss ebenfalls der UVT tätig werden (sog. 3-Maßnahmen, entsprechend dem Präventionsparagraphen 3 der BKV). Der Arzt teilt dazu dem UVT mit, welche BK entstehen könnte, worauf sich die Annahme gründet und was ggf. dagegen getan werden soll. Für diese PräventionsparagraphMitteilung ist im Gegensatz zur BK-Verdachtsmeldung die Zustimmung des Patienten erforderlich.
Mitteilung und Vorschlag für Maßnahmen der Prävention bei Berufskrankheiten nach 3 BKV
Im Vorfeld von BKen besteht zwar keine gesetzliche Meldepflicht, aber für den Patienten kann eine frühzeitige Meldung einer drohenden BK oftmals sehr wichtig sein, da noch sinnvolle Präventivmaßnahmen ergriffen werden können. Hiervon wird viel zu selten Gebrauch gemacht. Die Meldung bedarf jedoch der Zustimmung des Betroffenen.
Um speziell beruflich Präventivmaßnahmenverursachte Haut- und Atemwegserkrankungen frühzeitig richtig zu erkennen, zu behandeln und ggf. Präventivmaßnahmen einzuleiten, wurde ein Hautarztverfahren eingeführt. Im Unterschied zum begründeten Verdacht beim Berufskrankheitenverfahren reicht hier weniger, nämlich schon die Vermutung einer BK. Der behandelnde Arzt überweist den Patienten dann an einen Hautarzt bzw. an einen entsprechend erfahrenden Arbeitsmediziner. Der Facharzt beschreibt in einem Bericht Diagnose, stützende Befunde, die Therapie und weitere Maßnahmen zur Behandlung. Ferner enthält der Bericht Angaben über den Arbeitsplatz und Indizien für eine berufliche Verursachung der Erkrankung. Die Kosten für das Verfahren und zuvor genehmigte weitere Untersuchungen übernimmt der UVT. Wünschenswert ist ein vergleichbares Arztverfahren Lunge und Atemwege bei vermuteten arbeitsplatzassoziierten Atemwegsbeschwerden, dies ist bis jetzt leider noch nicht verwirklicht worden.
Schließlich kann sich der Arzt, wenn er Missstände am Arbeitsplatz des Patienten vermutet z. B. in Form mangelnder Arbeitshygiene, andererseits aber die o. g. Verfahren nicht zu begründen sind, direkt an den Betriebsarzt, den zuständigen Unfallversicherungsträger oder den Staatlichen ArbeitshygieneGewerbearzt bzw. das Gewerbeaufsichtsamt wenden. Dazu muss der Patient ihn aber von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden haben.

DAS GEHT SIE AN!

Auf diesem komplizierten Gebiet drohender und bereits manifester BKen ist ein medizinisch qualifiziertes und sozialmedizinisch besonnenes Vorgehen besonders wichtig, um deletäre Konsequenzen für Patienten und Angehörige zu vermeiden. Die häufigsten Fehler sind:

  • mangelnde Objektivierung von Krankheitsbefunden vor empfohlener Tätigkeitsaufgabe

  • überstürzter Tätigkeitswechsel, auch wenn einfache Präventionsmaßnahmen noch nicht ausgeschöpft waren

  • übersehene BKen mit nachteiligen finanziellen Folgen für Erkrankte und Angehörige und – andererseits

  • Wecken völlig unbegründeter Erwartungshaltungen bei erkennbar unbegründetem Anzeigeverhalten.

Arbeitsmedizinisch-klinische Konsiliaruntersuchungen, ggf. auch Beratungen durch den Gewerbearzt, sind im Vorfeld ratsam.

Liste der Berufskrankheiten

Liste der BerufskrankheitenBerufskrankheit:Liste der

Tab. 2.7
BKV-Nr. Krankheiten
1 durch chemische Einwirkungen verursachte Krankheiten
11 Metalle oder Metalloide
1101 Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen1
1102 Erkrankungen durch Quecksilber oder seine Verbindungen1
1103 Erkrankungen durch Chrom oder seine Verbindungen1
1104 Erkrankungen durch Cadmium oder seine Verbindungen1
1105 Erkrankungen durch Mangan oder seine Verbindungen1
1106 Erkrankungen durch Thallium oder seine Verbindungen1
1107 Erkrankungen durch Vanadium oder seine Verbindungen1
1108 Erkrankungen durch Arsen oder seine Verbindungen1
1109 Erkrankungen durch Phosphor oder seine anorganischen Verbindungen1
1110 Erkrankungen durch Beryllium oder seine Verbindungen1
12 Erstickungsgase
1201 Erkrankungen durch Kohlenmonoxid1
1202 Erkrankungen durch Schwefelwasserstoff1
13 Lösemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel (Pestizide) und sonstige chemische Stoffe
1301 Schleimhautveränderungen, Krebs oder andere Neubildungen der Harnwege durch aromatische Amine
1302 Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe
1303 Erkrankungen durch Benzol, seine Homologe oder Styrol1
1304 Erkrankungen durch Nitro- oder Aminoverbindungen des Benzols oder seiner Homologe oder ihrer Abkömmlinge1
1305 Erkrankungen durch Schwefelkohlenstoff1
1306 Erkrankungen durch Methylalkohol (Methanol)1
1307 Erkrankungen durch organische Phosphorverbindungen1
1308 Erkrankungen durch Fluor oder seine Verbindungen1
1309 Erkrankungen durch Salpetersäureester1
1310 Erkrankungen durch halogenierte Alkyl-, Aryl- oder Alkylaryloxide
1311 Erkrankungen durch halogenierte Alkyl-, Aryl- oder Alkylarylsulfide
1312 Erkrankungen der Zähne durch Säuren
1313 Hornhautschädigungen des Auges durch Benzochinon
1314 Erkrankungen durch para-tertiär-Butylphenol
1315 Erkrankungen durch Isozyanate1
1316 Erkrankung der Leber durch Dimethylformamid
1317 Polyneuropathie oder Enzephalopathie durch organische Lösungsmittel oder deren Gemische
1318 Erkrankungen des Blutes, des blutbildenden und des lymphatischen Systems durch Benzol
2 durch physikalische Einwirkungen verursachte Krankheiten
21 mechanische Einwirkungen
2101 Erkrankungen der Sehnenscheiden oder des Sehnengleitgewebes sowie der Sehnen- oder Muskelansätze, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können
2102 Meniskusschäden nach mehrjährigen andauernden oder häufig wiederkehrenden, die Kniegelenke überdurchschnittlich belastenden Tätigkeiten
2103 Erkrankungen durch Erschütterung bei Arbeit mit Druckluftwerkzeugen oder gleichartig wirkenden Werkzeugen oder Maschinen
2104 vibrationsbedingte Durchblutungsstörungen an den Händen
2105 chronische Erkrankungen der Schleimbeutel durch ständigen Druck
2106 Druckschädigung der Nerven
2107 Abrissbrüche der Wirbelfortsätze
2108 Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule durch langjähriges Heben oder Tragen schwerer Lasten oder durch langjährige Tätigkeiten in extremer Rumpfbeugehaltung, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können
2109 Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Halswirbelsäule durch langjähriges Tragen schwerer Lasten auf der Schulter, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können
2110 Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule durch langjährige, vorwiegend vertikale Einwirkung von Ganzkörperschwingungen im Sitzen, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können
2111 erhöhte Zahnabrasionen durch mehrjährige quarzstaubbelastende Tätigkeit
2112 Gonarthrose durch eine Tätigkeit im Knien oder vergleichbare Kniebelastung mit einer kumulativen Einwirkungsdauer während des Arbeitslebens von mindestens 13 000 Stunden und einer Mindesteinwirkungsdauer von insgesamt einer Stunde pro Schicht
22 Druckluft
2201 Erkrankungen durch Arbeit in Druckluft
23 Lärm
2301 Lärmschwerhörigkeit
24 Strahlen
2401 grauer Star durch Wärmestrahlung
2402 Erkrankungen durch ionisierende Strahlen
3 durch Infektionserreger oder Parasiten verursachte Krankheiten sowie Tropenkrankheiten
3101 Infektionskrankheiten, wenn der Versicherte im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war
3102 von Tieren auf Menschen übertragbare Krankheiten
3103 Wurmkrankheit der Bergleute, verursacht durch Ankylostoma duodenale oder Strongyloides stercoralis
3104 Tropenkrankheiten, Fleckfieber
4 Erkrankungen der Atemwege und der Lungen, des Rippenfells und Bauchfells
41 Erkrankungen durch anorganische Stäube
4101 Quarzstaublungenerkrankung (Silikose)
4102 Quarzstaublungenerkrankung in Verbindung mit aktiver Lungentuberkulose (Siliko-Tuberkulose)
4103 Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose) oder durch Asbeststaub verursachte Erkrankung der Pleura, des Peritoneums oder des Perikards
4104 Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs in Verbindung mit Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose) oder mit durch Asbeststaub verursachter Erkrankung der Pleura oder bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Asbestfaserstaubdosis am Arbeitsplatz von mindestens 25 Faserjahren {25 106 [(Fasern/m3) Jahre]}
4105 durch Asbest verursachtes Mesotheliom des Rippenfells, des Bauchfells oder des Perikards
4106 Erkrankungen der tieferen Atemwege und der Lungen durch Aluminium oder seine Verbindungen
4107 Erkrankungen an Lungenfibrose durch Metallstäube bei der Herstellung oder Verarbeitung von Hartmetallen
4108 Erkrankungen der tieferen Atemwege und der Lungen durch Thomasmehl (Thomasphosphat)
4109 bösartige Neubildungen der Atemwege und der Lungen durch Nickel oder seine Verbindungen
4110 bösartige Neubildungen der Atemwege und der Lungen durch Kokereirohgase
4111 chronische obstruktive Bronchitis oder Emphysem von Bergleuten unter Tage im Steinkohlebergbau bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis von in der Regel 100 Feinstaubjahren [(mg/m3) Jahre]
4112 Lungenkrebs durch die Einwirkung von kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) bei nachgewiesener Quarzstaublungenerkrankung (Silikose oder Siliko-Tuberkulose)
4113 Lungenkrebs durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis von mindestens 100 Benzo[a]pyren-Jahren [(g/m3) Jahre]
4114 Lungenkrebs durch das Zusammenwirken von Asbestfaserstaub und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis, die einer Verursachungswahrscheinlichkeit von mindestens 50 Prozent nach der Anlage zu dieser Berufskrankheit entspricht
4115 Lungenfibrose durch extreme und langjährige Einwirkung von Schweißrauchen und Schweißgasen (Siderofibrose)
42 Erkrankungen durch organische Stäube
4201 exogen-allergische Alveolitis
4202 Erkrankungen der tieferen Atemwege und der Lungen durch Rohbaumwoll-, Rohflachs- oder Rohhanfstaub (Byssinose)
4203 Adenokarzinome der Nasenhaupt- und Nasennebenhöhlen durch Stäube von Eichen- oder Buchenholz
43 obstruktive Atemwegserkrankungen
4301 durch allergisierende Stoffe verursachte obstruktive Atemwegserkrankungen (einschließlich Rhinophathie), die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können
4302 durch chemisch-irritativ oder toxisch wirkende Stoffe verursachte obstruktive Atemwegserkrankungen, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können
5 Hautkrankheiten
5101 schwere oder wiederholt rückfällige Hauterkrankungen, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können
5102 Hautkrebs oder zur Krebsbildung neigende Hautveränderungen durch Ruß, Rohparaffin, Teer, Anthracen, Pech oder ähnliche Stoffe
6 Krankheiten sonstiger Ursache
6101 Augenzittern der Bergleute

1

Zu den Nummern 1101 bis 1110, 1201 und 1202, 1303 bis 1309 u. 1315: ausgenommen sind Hauterkrankungen. Diese gelten als Krankheiten im Sinne dieser Anlage zur BKV nur insoweit, als sie Erscheinungen einer Allgemeinerkrankung sind, die durch Aufnahme der schädigenden Stoffe in den Körper verursacht werden, oder gemäß Nummer 5101 zu entschädigen sind.

Arbeits- und Wegeunfälle

Arbeits- und Wegeunfälle sind (im Gegensatz zu BKen) Körperschädigungen durch plötzlich auftretende Einwirkung von außen. Zur genauen Definition siehe Kap. 1.2. Auch hierbei muss die Arbeits- und WegeunfälleSchädigung kausal auf die Einwirkung zurückzuführen sein. Arbeits- und Wegeunfälle sind wesentlich häufiger als BKen und spielen für den Arbeitsschutz eine große Rolle.
Tritt der Unfall bei der versicherten Tätigkeit auf, handelt es sich um einen Arbeitsunfall, tritt er auf dem Weg zwischen Wohnung und Arbeitsstätte auf, um einen Wegeunfall. Durchgangs-( D-)Ärzte, die sich um die fachgerechte Versorgung der Unfallverletzten kümmern und einen Bericht über die Unfallfolgen erstellen, sind in der Regel Chirurgen mit D-ArztSchwerpunkt DurchgangsarztUnfallchirurgie oder Orthopäden/Unfallchirurgen. Ausnahmen von der Vorstellungspflicht beim D-Arzt:
  • Arbeitsunfähigkeit besteht nicht über den Unfalltag hinaus und Behandlung dauert nicht länger als 1 Woche

  • Verletzte mit isolierten Augen- oder HNO-Verletzungen werden sofort beim Augen- oder HNO-Arzt vorgestellt.

Fragen zu Kapitel 2

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