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B978-3-437-41169-4.10013-1

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Arbeitsbedingte Erkrankungen des Herzens und der Gefäße

Erkrankungen des Herzens durch berufliche Einflüsse

Erkrankungen des HerzGefäßeHerzens werden nicht gesondert als Berufskrankheit in der Liste aufgeführt. Dennoch gibt es berufliche Einflüsse, die zu ihrer Entstehung beitragen können. Wenn eine in der BK-Liste aufgeführte Noxe als Ursache identifiziert werden kann, ist eine Anerkennung möglich.
Koronare Herzkrankheit
Herzkrankheit, koronareEine Reihe unabhängiger Untersuchungen zeigt, dass SchichtarbeitSchichtarbeit mit erhöhtem Risiko für eine koronare Herzkrankheit einhergeht. Schichtarbeit ist häufig: Etwa 15 % aller Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten in Schicht, davon etwa zwei Drittel auch nachts. Befunde weisen darauf hin, dass der Zusammenhang teilweise, aber bei weitem nicht vollständig, durch Erhöhung von CholesterinCholesterin, Triglyceriden und höheren Zigarettenkonsum erklärt werden kann. Viele andere denkbare Mechanismen wurden nur unvollständig oder gar nicht untersucht. Auch der Einfluss von Störgrößen wie beispielsweise der sozio-ökonomische Status ist nicht gänzlich ausgeschlossen. Es gibt aber auch Belege, dass die Schichtarbeit an sich durch Schlafmangel und/oder Störung des natürlichen chronobiologischen Rhythmus das Risiko für eine koronare Erkrankung erhöht. In dieser Situation wird als praktischer Ansatz eine intensivierte Kontrolle beeinflussbarer koronarer Risikofaktoren bei Schichtarbeitern vorgeschlagen.
Auch Lärm, v. a. im Umweltbereich, in dem die Lärmexposition u. U. über einen längeren Zeitraum (Wohnbereich, dort auch am Wochenende) und ungünstigeren Zeiten (nachts) wirkt, kann ab einem sog. äquivalenten Dauerschallpegel von 60 dB(A) und mehr das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen (Kap. 7.2).
Aufgrund ubiquitärer Verbreitung im Arbeitsleben ist beruflicher Stress (definiert z. B. nach dem Anforderungskontrollmodell, Gratifikationskrisenmodell oder Gerechtigkeitsmodell, Kap. 6) ein wichtiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen, insbesondere Herzinfarkt.
Vor allem in der Viskoseproduktion wird KohlenstoffdisulfidKohlenstoffdisulfid (Formel CS2; Synonym Schwefelkohlenstoff) verwendet, ferner zur Herstellung von Synthetikfasern und zur Extraktion von Fett aus organischem Material. Höhere chronische Expositionen, über die bis in die siebziger Jahre berichtet wurde, waren mit einem deutlich erhöhten Risiko verbunden, an einer koronaren Herzkrankheit zu versterben. Der Pathomechanismus ist ungeklärt, es gibt aber Hinweise, dass es sich um kurzfristige Einflüsse und nicht um eine beschleunigte Atherogenese handelt. Unter modernen hygienischen und regulatorischen Bedingungen konnte ein erhöhtes Risiko nicht mehr nachgewiesen werden.
Myokarditis
Ätiologie
MyokarditisMyokarditiden können infolge einer Reihe von Infektionskrankheiten auftreten, die sich auch oder vorwiegend durch berufliche Tätigkeit akquirieren lassen.
Eine myokardiale Beteiligung kommt vor bei: viralen Infektionen, darunter auch Influenza, HIV, Mumps und Hepatitis, Rickettsien-Infektionen wie Q-Fieber, bakterielle Infektionen wie Tuberkulose, Diphtherie, Brucellose, Clamydien-Infektionen wie Ornithose und Spirochäteninfektionen wie Leptospirose und Borreliose. Letztere, die Lyme-Erkrankung durch Borrelia burgdorferi, betrifft in ca. 10 % auch das Herz. Wochen bis Monate nach den charakteristischen Hauterscheinungen kommt es dann meist zu AV-Block-Bildern verschiedenen Ausmaßes.
Klinik
Der klinische Verdacht entsteht bei sich rasch entwickelnden Zeichen der Herzinsuffizienz im Anschluss an eine Infektionskrankheit, die primär milde verlaufen kann. Häufig sind verschiedenartige Herzrhythmusstörungen und eine – meist global – eingeschränkte myokardiale Funktion.
Akutes Herzversagen
ChloroformHerzversagen:akutesChloroform und andere halogenierte Kohlenwasserstoffe:halogenierteKohlenwasserstoffe können in hohen Konzentrationen, wie sie durch technische Unfälle entstehen können, akutes Herzversagen hervorrufen. Der Pathomechanismus ist nicht geklärt.
Implantierte Schrittmacher oder Cardioverter-Defibrillatoren können durch magnetische Felder gestört werden. Dies ist beispielsweise in der Nähe eines Magnetresonanztomographen der Fall. Entsprechende Bereiche müssen gekennzeichnet sein.

Erkrankungen der Gefäße durch berufliche Einflüsse

Hypertonie
HypertonieOb Lärmbelastung zu einer Hypertonie-Erkrankung führt, ist trotz zahlreicher Untersuchungen nicht geklärt. Nachweisbar ist ein Anstieg des Blutdrucks während der Lärmbelastung, der aber nach Expositionsende wieder zum Ausgangswert zurückkehrt.
Mehrere Untersuchungen weisen daraufhin, dass mit einer höheren Gesamtkörperlast an BleiBlei in Mengen, wie sie durch Umweltbelastung üblicherweise vorkommen, das Risiko für die Entwicklung einer arteriellen Hypertonie steigt. Die Beziehung zwischen Blutblei und Blutdruck ist aber nur schwach ausgeprägt: Eine Verdopplung des Blutbleigehalts ist in etwa mit einem Blutdruckanstieg (systolisch) von 1 mmHg vergesellschaftet.
Raynaud-Phänomen
Pathogenese
Raynaud-PhänomenHandgehaltene Werkzeuge, die Vibrationen im Bereich von 30–1000 Hz mit genügender Intensität abgeben, können bereits nach wenigen Wochen des Gebrauchs zu einem sog. vibrationsbedingten vasospastischen Syndrom führen (Kap. 7.1.1). Dies ist durch zwei Komponenten gekennzeichnet:
Klinik
  • Störungen der FingerdurchblutungFingerdurchblutung führen zu Abblassen (weiß), oft begleitet von Taubheitsgefühl, Zyanose (blau) und reaktiver Hyperämie (rot), vielfach einhergehend mit Schmerz bei Provokation durch Kälte und/oder Feuchtigkeit, unabhängig vom Gebrauch des Werkzeugs. Während anfangs nur eine Fingerspitze betroffen sein kann, führt das Fortschreiten der Erkrankung zur Beteiligung mehrerer Finger sowie proximaler Phalangen und immer häufigerem Auftreten der Erscheinung. Der Daumen bleibt meist ausgespart. Fingerspitzennekrosen können auftreten. Rauchen verschlimmert den Krankheitsverlauf. Die Erkrankung ist pathophysiologisch gekennzeichnet durch eine Mediahypertrophie der Fingerarteriolen und eine gestörte Funktion des vaskulären Endothels. Das Raynaud-Phänomen selbst wird dann reflektorisch über das sympathische Nervensystem vermittelt. Dies erklärt, warum auch die nicht arbeitende Hand oder die Zehen mit reagieren können.

  • Störungen der peripheren Sensibilität von intermittierendem Taubheitsgefühl (auch ohne Raynaud) bis zu permanenten Sensibilitätsstörungen treten auf. Pathophysiologisch handelt es sich um Schädigungen der Mechanorezeptoren und eine demyelinisierende NeuropathieNeuropathie:demyelinisierendeNeuropathie der peripheren Nerven. Beide Komponenten können unabhängig voneinander auftreten. Die Diagnose lässt sich durch Kälteprovokation (Eintauchen der Finger für wenige Minuten in 5–15 C kaltes Wasser) mit anschließender klinischer Beobachtung und ggf. Fingerplethysmographie stellen.

Differenzialdiagnose
Wichtig sind die Abgrenzung gegen das Karpaltunnelsyndrom und der differenzialdiagnostische Ausschluss anderer Erkrankungen (Kollagenosen, stenosierende Arterienerkrankungen u. v. a.) die ebenfalls ein Raynaud-Phänomen hervorrufen können.
Therapie
Therapeutisch steht die Beendigung oder zumindest Minimierung der schädigenden Einflüsse und ggf. das Aufgeben des Rauchens im Vordergrund.
Hypothenar-Hammer-Syndrom
Hypothenar-Hammer-SyndromDas (berufliche) Hämmern mit dem Kleinfingerballen (Ausbeulen, Justieren von Möbeln, Montieren von Radkappen o. Ä.) kann zur Thrombosierung der Arteria ulnaris und des oberflächlichen arteriellen Hohlhandbogens führen. Lokale Druckdolenz und trophische Störungen bis hin zu FingerkuppennekrosenFingerkuppennekrosen kommen vor. Im Einzelfall ist eine Anerkennung als Quasi-Berufskrankheit über die Öffnungsklausel zu prüfen.

Fragen zu Kapitel 13

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