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B978-3-437-41169-4.10009-X

10.1016/B978-3-437-41169-4.10009-X

978-3-437-41169-4

Lasten, deren langjähriges regelmäßiges Heben und Tragen mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung Bandscheiben-bedingter Erkrankungen einhergeht

Tab. 9.1
Alter (Jahre) Last (kg)
Frauen Männer
15–17 10 15
18–39 15 25
ab 40 10 20

Arbeitsbedingte Erkrankungen und Berufskrankheiten des Bewegungsapparates

MERKE!

Entzündliche und degenerative Erkrankungen des BewegungsapparatBewegungsapparates sind die häufigsten Diagnosen bei der Feststellung der Erwerbsminderung (früher: Erwerbsunfähigkeit bzw. Berufsunfähigkeit).

Erkrankungen der Wirbelsäule sind jedoch sehr selten Berufskrankheiten.

Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Wirbelsäule

Mit erhöhtem Risiko für die Entwicklung Bandscheiben-bedingter BandscheibenErkrankungen der WirbelsäuleWirbelsäule geht das regelmäßige Heben und Tragen der in Tab. 9.1 aufgeführten Lasten einher.
Die objektive Feststellung einer bestehenden Beeinträchtigung bereitet vielfältige Probleme, da Symptomatik, Funktionszustand und Röntgenbefund nur in geringem Maße korrelieren. Rückenbeschwerden haben zudem oftmals eine psychische Komponente, die Aspekte der Arbeitplatzzufriedenheit beinhalten kann.
Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule (BK 2108, 2110)
LendenwirbelsäuleDer begründete Verdacht auf das Vorliegen einer bandscheibenbedingten Erkrankung der Lendenwirbelsäule durch Heben und Tragen schwerer Lasten und Arbeiten in extremer RumpfbeugehaltungRumpfbeugehaltung (2108) ist gegeben, wenn klinisch ein akutes Lumbalsyndrom, ein mono- oder polyradikuläres lumbales Wurzelsyndrom oder ein Kaudasyndrom vorliegen, eine mindestens 10-jährige Tätigkeit mit Heben oder Tragen schwerer Lasten (Tab. 9.1) oder Arbeit in extremer Rumpfbeugehaltung vorliegt, wobei die genannten Lasten mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Häufigkeit in der überwiegenden Zahl der Arbeitsschichten gehoben oder getragen worden sein müssen. Unter Arbeit in extremer Rumpfbeugehaltung sind Tätigkeiten in Arbeitsräumen zu verstehen, die niedriger als 100 cm sind (z. B. Bergbau untertage).
Des Weiteren können bandscheibenbedingte Erkrankungen der Lendenwirbelsäule durch langjährige, vorwiegend vertikale Einwirkung von GanzkörperschwingungenGanzkörperschwingungen im Sitzen entstehen (BK 2110). Voraussetzung für die Annahme eines beruflichen Kausalzusammenhangs ist bei entsprechender klinischer Symptomatik eine langjährige, in der Regel mindestens 10-jährige, wiederholte Einwirkung von (vorwiegend vertikalen) Ganzkörperschwingungen in Sitzhaltung. Beschäftigte, bei denen dieses relevant sein kann, sind vor allem Fahrer von Baustellen-LKWs, land- und forstwirtschaftlichen Schleppern, Forstmaschinen im Gelände, Bagger, Gradern (Straßenhobel, Bodenhobel, Erdhobel), Scrapern (Schürfwagen), Muldenkippern, Rad- und Kettenladern, Raddozern, Dozern, Gabelstaplern auf unebenen Fahrbahnen und Militärfahrzeugen im Gelände.
Bandscheibenbedingte Erkrankungen der Halswirbelsäule (BK 2109)
HalswirbelsäuleDer begründete Verdacht auf das Vorliegen einer bandscheibenbedingten Erkrankung der Halswirbelsäule durch langjähriges Tragen schwerer Lasten auf der Schulter setzt den Nachweis einer langjährigen, außergewöhnlich intensiven mechanischen Belastung der Halswirbelsäule voraus (Bsp. früher: Fleischträger). Sofern ein lokales Zervikalsyndrom oder ein cerviko-brachiales Syndrom oder ein cerviko-zephales Syndrom vorliegt und Lastgewichte von mindestens 50 kg mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Häufigkeit in der überwiegenden Zahl der Arbeitsschichten auf der Schulter getragen worden sind, ist der begründete Verdacht auf das Vorliegen einer Bandscheiben-bedingten Erkrankung der HWS gegeben.

FALLBEISPIEL

Anamnese

Herr Obermichl, ein 49-jähriger, gelernter Kfz-Mechaniker und langjähriger LKW-Fahrer, erkrankte im 41. Lebensjahr an einem Bandscheibenprolaps LWK 4/5. Er war wegen einer ausgeprägten Schwindelsymptomatik nach unergiebiger (möglicherweise nicht ganz vollständiger Diagnostik) über ein Jahr krankgeschrieben gewesen. Die Ehefrau las in der Apothekenzeitung, dass Aluminium für das Nervensystem giftig sei. Ihr fällt ein, dass ihr Mann bei seiner aktuellen Arbeitsstelle Aluminiumlamellen für Garagentore gesägt und gefräst hat, und drängt zu einer Aluminiumbestimmung im Serum. Der Wert ist gegenüber dem Referenzwert der Allgemeinbevölkerung leicht erhöht. Der Hausarzt meint, der Schwindel habe mit dem leicht erhöhten Aluminiumwert nichts zu tun. Herr Obermichl ist verunsichert.

Klinik

Adipositas, Aluminium im Urin 11 g/l (Normalbereich 2–30, BAT-Wert 200 g/l).

Diagnose

Kein Anhalt für erhöhte Aluminiumbelastung, Schwindel unklarer Genese.

Therapie

Keine. Nur Beratung, Hinweis auf erforderliche neurologische Abklärung.

Beurteilung

Die Patientengeschichte scheint arbeitsmedizinisch unergiebig, eher ein verirrter Fall für die Schwindelsprechstunde. Bei der Abschlussbesprechung (Können wir sonst noch etwas für Sie tun?) stellte sich heraus, dass
Herr Obermichl seit seinem 26. Lebensjahr als LKW-Fahrer für eine Brauerei tätig gewesen war. Dies bedeutete, jeden Werktag einschließlich Samstag morgens jeweils 940 Bierkästen aufzuladen und im Laufe des Tages bei der Kundschaft abzuladen. Beim Gewicht einer Bierkiste von 15 kg entspricht dies Hebevorgängen von 28 000 kg, also 28 Tonnen pro Schicht (eineinhalb vollen Eisenbahnwaggons), 170 Tonnen pro Woche, vielfach mit Rumpfdrehung. In jeder Hand wurden meist zwei Kästen transportiert, also meist 60 kg pro Hebevorgang.

Verlauf

Der begründete Verdacht auf das Vorliegen einer berufsbedingten Bandscheibenerkrankung (BK 2108) lag vor, BK-Anzeige. Beratung des Patienten, dass bei momentaner Beschwerdefreiheit aber nicht mit einer Rentenzahlung zu rechnen sei.

Fazit

Eine ganzheitliche Betrachtung des Patienten ist oft hilfreich. Und: Es gibt immer noch viele Berufe mit gewaltigen ergonomischen Problemen.

Weitere wichtige Berufskrankheiten des Bewegungsapparates

Sehnenscheidenerkrankung (BK 2101)
SehnenscheidenerkrankungEine TendovaginitisTendovaginitis kommt vor allem bei Tätigkeiten mit einseitiger, langdauernder mechanischer Beanspruchung vor, wobei Berufsanfänger besonders betroffen sind. Vor allem sind Fließband- und Montagearbeiter, Kassierer, Maurer, Packer, Transportarbeiter, Musiker (Gitarristen, Pianisten) oder Leistungssportler betroffen. Die Unterlassung der gefährdenden Tätigkeit ist Voraussetzung für die Anerkennung als Berufskrankheit – dies ist nicht medizinisch-wissenschaftlich vorgegeben, sondern sozialpolitisch gewollt. Aus eben diesem Grunde (Unterlassungszwang) führt nur ein geringer Anteil der Meldungen zu Anerkennungen.
Meniskusschäden (BK 2102)
MeniskusschädenMeniskusschäden, wie sie bei Bergleuten, Fliesenlegern, Dachdeckern, Bergführern und anderen vergleichbar belasteten Personengruppen vorkommen können, sind als anerkannte Berufskrankheit immer noch relativ häufig.
Gonarthrose (BK 2112, neue BK seit 7/2009)
Die GonarthroseGonarthrose als Berufskrankheit muss durch eine Tätigkeit im Knien oder vergleichbare Kniebelastung (Hocken, Fersensitz, Kriechen) verursacht sein. Diese kommen besonders vor bei Fußbodenverlegearbeiten, bei Pflasterern, Dachdeckern, Installateuren, Malern, Betonbauern, Bergleuten, Schweißern, Schiffbauern, Gärtnern und Rangierern. Anerkennungsvoraussetzung ist eine kumulative Einwirkungsdauer während des Arbeitslebens von mindestens 13 000 Stunden und einer Mindesteinwirkungsdauer von insgesamt einer Stunde pro Schicht.
Die Diagnose einer Gonarthrose im Sinne dieser Berufskrankheit hat folgende Voraussetzungen:
  • chronische Kniegelenkbeschwerden

  • Funktionsstörungen bei der orthopädischen Untersuchung in Form einer eingeschränkten Streckung oder Beugung im Kniegelenk

  • die röntgenologische Diagnose einer Gonarthrose entsprechend Grad 2–4 der Klassifikation von KellgrenKellgren (Grad 2: definitive Osteophyten und mögliche Verschmälerung des Kniegelenkspalts, Grad 3: multiple Osteophyten und definitive Verschmälerung des Kniegelenkspalts, Sklerose und mögliche Verformung der Tibia und des Femurs, Grad 4: ausgeprägte Osteophyten und starke Verschmälerung des Kniegelenkspalts, ausgeprägte Sklerose und definitive Verformung der Tibia und des Femurs).

Beruflich kniebelastende Tätigkeit und Adipositas sind nahezu unabhängig voneinander Risikofaktoren für eine Gonarthrose.
Erkrankungen durch Erschütterung bei Arbeiten mit Druckluftwerkzeugen (BK 2103)
Zu diesen kommt es, wenn schnelle regelmäßige Schwingungen oder eventuelle Rückstoßerschütterungen auf die Arme übertragen werden. Klinisch treten degenerative Gelenkveränderungen an den Ellbogen- und den Handgelenken sowie Nekrosen in den Handwurzelknochen auf. Prädilektionsstellen sind das Mondbein und das Kahnbein, außerdem das distale Ellen-Speichen-Gelenk und das Akromioklavikulargelenk.
Vibrationsbedingte Durchblutungsstörungen an den Händen (BK 2104)
vibrationsbedingte DurchblutungsstörungenDurchblutungsstörungen:vibrationsbedingteVibrationsbedingte Durchblutungsstörungen an den Händen (WeißfingerkrankheitWeißfingerkrankheit, Kap. 13.2) können beim Einsatz hochtouriger Werkzeuge (30–1000 Hz) auftreten. Prädisponierend ist der Einsatz von Polier- und Schleifmaschinen, Presslufthämmern und Motorsägen, insbesondere in der kalten Jahreszeit. Es handelt sich um ein sekundäres Raynaud-Phänomen. In fortgeschrittenen Fällen kann die Symptomatik auch im Sommer auftreten, in Einzelfällen ist auch eine Verschlimmerung nach Expositionsende möglich.
Das vibrationsbedingte vasospastische Syndromvibrationsbedingtes vasospastisches Syndrom ist jedoch selten.
Hypothenar-Hammer-Syndrom
(Kap. 13.2)
BK 2105–2107
Zu den seltenen Berufskrankheiten des Bewegungsapparates zählen SchleimbeutelerkrankungenSchleimbeutelerkrankungen durch Druck, Druckschädigungen von NervenDrucklähmungen von Nerven bei Zwangshaltungen und Abrissbrüche der Wirbelfortsätze (Schipperkrankheit).

Fragen zu Kapitel 9

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