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B978-3-437-41169-4.10003-9

10.1016/B978-3-437-41169-4.10003-9

978-3-437-41169-4

Belastung und Beanspruchung – dieselbe Belastung führt zu interindividuell unterschiedlicher Beanspruchung [6].

Eigenschaften jüngerer und älterer Beschäftigter im plakativen Vergleich

Tab. 3.1
Eigenschaften jüngerer Beschäftigter Eigenschaften älterer Beschäftigter
hohe körperliche und geistige Belastbarkeit soziale Kompetenz
Flexibilität, Anpassungsfähigkeit Konfliktfähigkeit
Originalität, neue Ideen Gelassenheit
Lernfähigkeit, Gedächtnis Wille zur Integration
Plastizität soziale Autorität
Intuition Systematik
Emotionalität Rationalität
Karrierebewusstsein Befreiung vom Zwang zur Karriere
geringe emotionale Unternehmensbindung hohe corporate identity
Risikobereitschaft Erfahrung im Umgang mit Risiken

Belastung, Beanspruchung, Alter

Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept

Das Belastungs-Beanspruchungs-Belastungs-Beanspruchungs-KonzeptKonzept BelastungBeanspruchungAlterunterscheidet zwischen dem, was aus der Arbeitsumwelt auf den Organismus am Arbeitsplatz einwirkt (Belastung) und der Reaktion des Organismus auf die Belastung (Beanspruchung). (Abb. 3.1)
Belastung
Definition
Belastung ist die wertfreie Bezeichnung für die aus der Art der Arbeitsaufgabe und deren Arbeits- und Ausführungsbedingungen resultierenden Einflüsse auf den Arbeitenden, die eine Wirkung auf ihn ausüben.
Bedingungen, unter denen eine Arbeitsaufgabe zu erfüllen ist, sind die materielle Arbeitsumwelt (arbeitshygienische Faktoren), die soziale Umwelt (z. B. zwischenmenschliche Beziehungen), aber auch die Möglichkeiten zur Erfüllung der Arbeitsaufgabe als aufgabenbezogene Ausführungsbedingungen (z. B. Tätigkeits- oder Handlungsspielraum). Belastung ist weitgehend mit dem Begriff Anforderung identisch, wenn man Anforderungen nicht nur als das versteht, was konkret in der Arbeit zu tun ist. Belastung ist wertfrei, beschreibt weder eine zu hohe oder zu niedrige Quantität, ist weder negativ noch positiv. Sie ist objektiv, d. h. objektivierbar, messbar, vorhanden und entwickelt ihre Qualität erst in der Wechselbeziehung zum Menschen. Hierin besteht ein Unterschied zum allgemeinsprachlichen Gebrauch.
Belastungsarten
Belastungsart:psychosozialeBelastungsart:psychischeBelastungsart:physischeBelastungsart:physikalischeBelastungsart:chemischeMan unterscheidet verschiedene Belastungsarten:
  • physische (körperliche) Belastung, vorrangig Energiestoffwechsel

  • psychische (geistige) Belastung, vorrangig Informationsverarbeitungsprozesse

  • psychosoziale Belastung, besonders zwischenmenschliche Beziehungen, Interaktionsarbeit

  • Belastungen durch Umweltfaktoren ( Exposition), vorrangig materielle (physikalische, chemische, biologische) Faktoren der Arbeit.

Reine Formen dieser Belastungsarten gibt es fast nicht. Es sind nahezu immer Mischformen mit Überwiegen der einen oder anderen Form. Physische Belastungen und materielle Belastungen werden psychisch interpretiert und erfahren dadurch eine zusätzliche Modifizierung ihrer Wirkungsmechanismen. Auf den Arbeitenden wirkt stets eine so genannte Gesamtbelastung, die jedoch nicht direkt messbar ist.
Beanspruchung
Definition
BeanspruchungBeanspruchung ist die Wirkung der Belastung auf das Lebewesen, die sich in Veränderungen von Organen und Organsystemen, im Belastungs- und Beanspruchungserleben sowie der Handlungsfähigkeit zeigt. Die Beanspruchung resultiert also aus der Auseinandersetzung des Menschen mit der Belastung.
Zur Beanspruchung des Menschen kommt es nach der Rezeption, der Aufnahme von Belastungen, über die jeweils spezifischen Sensoren auf drei verschiedenen Wegen:
  • spezifische Wirkungen auf Organe und Organsysteme durch die speziellen Eigenschaften der Belastungsarten und der damit verbundenen speziellen Anpassungsreaktionen des Organismus

  • unspezifische Wirkungen, die jeder Reiz auf den Organismus durch die über die Formatio reticularis ablaufenden Veränderungen des allgemeinen unspezifischen Aktivitätsniveaus ausübt, und unspezifische Wirkungen, die allgemeine Anpassungsreaktionen charakterisieren

  • durch die subjektive Bewertung der Belastungen.

MERKE!

Im klassischen Belastungs-Beanspruchungs-Konzept ist vereinfacht die Belastung die Ursache und die Beanspruchung die Wirkung.

Wichtig ist dabei, dass der Mensch infolge jahrtausendelanger evolutionärer Prozesse vielfältige Adaptations- und Kompensationsmechanismen entwickelt hat.
Systeme ohne Belastung verkümmern (Beispiel: Muskelatrophie nach Inaktivierung der unteren Extremität durch Gipsverband nach Skiunfall), Systeme mit Überbelastung dekompensieren (Beispiel: Herzinsuffizienz infolge chronisch-obstruktiver Atemwegserkrankung).
Also ist nicht die fehlende, sondern die adäquate Belastung für das Wohlergehen und die Integrität des Individuums von Bedeutung.
Wechselwirkung von Belastung und Beanspruchung
Gleiche Belastung kann individuell zu ganz unterschiedlicher Beanspruchung führen. Dieses liegt an den Ressourcen, die der Einzelne einer Belastung entgegenzusetzen hat, und die individuell ganz verschieden ausgeprägt sein können, wie beispielsweise Kraft, Intelligenz, Gesundheit, Training, Ausbildung oder Ausdauer. Beanspruchung kann also grundsätzlich auf zweierlei Weisen vermindert werden, einmal durch Reduzieren der Belastung, zum anderen durch Stärkung von Ressourcen. Und hier gibt es nun einen weiteren interessanten Zusammenhang, der fast naturgesetzliche Bedeutung in der Biologie hat: Die wichtigste Maßnahme zur RessourcenstärkungRessourcenstärkung ist wiederum Belastung. Fähigkeiten, die nicht benötigt oder gefordert werden, gehen verloren. Sinnvoll dosierte Belastung macht (widerstands)fähig, Belastungsdefizit macht unfähig und vulnerabel.
Die Beziehung zwischen Belastung einerseits und der dadurch hervorgerufenen biologischen Wirkung ist dabei oftmals nicht linear, sondern weist eine J-förmige Beziehung auf in dem Sinne, dass es individuell eine optimale Belastung gibt, so dass nicht nur das Überschreiten dieses Optimums negative gesundheitliche Folgen haben kann, sondern genauso das Unterschreiten. Der Mensch ist ein Wesen, das reizabhängig und belastungsabhängig ist. Training, d. h. dosierte physiologische Belastung, schiebt das Belastungsoptimum in Richtung höherer Belastung und erhöht die Belastungstoleranz.
Work-Ability-Index (WAI)
Wie kann man die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen bestimmen? Diese Frage ist für die Arbeitsmedizin von immenser Bedeutung, um zu gewährleisten, dass Arbeitsanforderungen auch leistungsgerecht sind und nicht auf eine individuelle Überforderung hinauslaufen. Hierzu wurde von einer finnischen Arbeitsgruppe unter der Leitung von Juhani Illmarinen in den 90er Jahren das Konzept des Work-Ability-Work-Ability-Index (WAI)Index entwickelt, das sich inzwischen weltweit durchzusetzen beginnt. Der Work-Ability-Index wird bestimmt auf der Basis von sieben grundsätzlichen Kriterien, die vom Arbeitnehmer überwiegend aufgrund subjektiv empfundener Gegebenheiten des Individuums selbst bestimmt werden und zu einer zahlenmäßig bestimmbaren und praktisch anwendbaren Größe, eben des WAI führen.
Die Items des WAI beziehen sich auf
  • die Arbeitsfähigkeit im Vergleich zu der besten jeweils erreichten

  • auf die Arbeitsfähigkeit in Bezug auf die Bewältigung der aktuellen Arbeitsanforderungen

  • die Anzahl der aktuellen, vom Arzt diagnostizierten Erkrankungen

  • die geschätzte Beeinträchtigung der Arbeit als Folge der Erkrankungen

  • auf den Krankenstand während des letzten Jahres

  • auf die eigene Vorhersage der Arbeitsfähigkeit in den nächsten 2 Jahren

  • auf die mentalen Ressourcen zur Bewältigung der Arbeitsanforderungen.

Dieses Verfahren wurde in der Zwischenzeit vielfältig auf Kollektive der unterschiedlichsten Zusammensetzung angewandt. Wenn man sich Kollektive betrachtet, wird erkennbar, dass der WAI bei 30-Jährigen im Mittel zwischen gut und hervorragend einzustufen ist. Der Mittelwert fällt dann allerdings erst langsam, dann immer steiler mit dem zunehmenden Lebensalter ab, und erreicht bei 60-Jährigen nur noch einen mäßigen Wert. Viel wichtiger als diese Mittelwertbetrachtung ist aber, dass auch unter den 60-Jährigen noch Menschen mit einem hervorragenden WAI zu finden sind, und dass der altersbedingte Leistungseinbruch somit keineswegs eine unausweichliche Gesetzlichkeit darstellt. Unsere Aufmerksamkeit gilt vielmehr den Individuen, die nach unten herausfallen, und die eine wichtige Zielgruppe für gesundheitsfördernde Maßnahmen bilden.

Arbeit und Alter

Lebenserwartung, Statistik
LebenserwartungAlterSeit längerer Zeit erleben wir einen beispiellosen Rückzug aus dem Arbeitsleben. Waren um 1900 noch fast 70 % der 65-jährigen Männer berufstätig, so waren es 2000 nur 7 % der 65- bis 75-Jährigen in Deutschland (Portugal: 30 %, Irland: 19 %, Schweden: 15 %, Griechenland: 12 %). Gleichzeitig stieg aber die Lebenserwartung der Männer hierzulande von 46 Jahren im Jahr 1900 auf 77 Jahre bei Männern und 82 Jahre bei Frauen im Jahr 2005/2007. Die verbesserten Lebensbedingungen, bessere Hygiene, bessere medizinische Versorgung und geringere Säuglings- und Kindersterblichkeit sind dabei die wesentlichen Determinanten einer gestiegenen Lebenserwartung.
Leistungsfähigkeit im Alter
Leistungsfähigkeit im AlterEs ist nicht nur die Arbeit, die ein vielfach negatives Image hat, dies gilt auch für das Alter. Alt wird assoziiert mit Abbau, mit Krankheit, mit Ruhestand, das heißt Inaktivität, Rückzug von der Produktivität und Ausstieg aus dem Bruttosozialprodukt. Wir beobachten hier also eine gewaltige Abkehr von Ciceros Auffassung in seinem Werk De senectute. Nur selten wird Alter heute in Beziehung gesetzt mit Altersweisheit, Souveränität, Gelassenheit, Überblick und mit einem von Zwängen befreiten Tätigsein.
Mit steigendem Alter sinkt die körperliche und intellektuelle Belastungstoleranz, ein Mensch kann dem altersbedingten Absinken seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten nicht dauerhaft entkommen. Irgendwann sind bei den meisten Menschen die individuellen Ressourcen so weit abgesunken, dass eine kritische Schwelle erreicht wird, an der die Leistungsfähigkeit nicht mehr ausreicht, Belastungen des Alltags ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Wann dieser Zustand erreicht wird, hängt einmal von der Ausgangssituation ab, von den ursprünglich vorhandenen Ressourcen, dem Sockel also, von dem aus der Abbau fortschreitet. Es ist erfreulich oft zu beobachten, dass Menschen auch im hohen Lebensalter den Zustand körperlicher und geistiger Hilflosigkeit nicht mehr erleben.
Die mit dem Alter absinkende LeistungskurveLeistungskurve ist außerdem stark davon abhängig, wie sehr vorhandene Fähigkeiten weiterhin gefordert werden, nicht nur die körperlichen, auch gerade die intellektuellen Fähigkeiten, die soziale Kompetenz, Entscheidungskompetenz, Problemlösungskompetenz etc.

MERKE!

In der Regel wird der Mensch durch nichts in so ganzheitlicher komplexer Weise gefordert, wie durch Arbeiten.

Dennoch wird es nötig sein, gerade im Alter die Belastung durch Arbeit, durch gezielte Freizeittätigkeit sinnvoll zu ergänzen, auf körperlichem und auf geistigem Gebiet.
Körperliches Training stärkt nicht nur Knochen, Muskeln, Sehnen und Gelenke, also den Bewegungsapparat, sondern wirkt leistungsverbessernd auf fast alle Organsysteme. Nach Untersuchungen der Kölner Sporthochschule können durch körperliches Ausdauertraining wichtige Gehirnfunktionen um bis zu 40 % verbessert werden. Während des Joggens beispielsweise steigt die Gehirndurchblutung um 25 %. Auch geistiges Training im Alter ist unverzichtbar zum Erhalt wichtiger Funktionen wie Gedächtnis, Originalität, Kreativität, Spontaneität, Kontaktfähigkeit, Entscheidungskraft und Flexibilität. Entscheidend ist auch hier, was jemand aktiv tut, nicht das, was er passiv rezeptiv in sich aufnimmt.
Tätig sein ist auch das beste Mittel, um dem Auftreten psychischer Probleme im Alter entgegenzuwirken, welche ein großes Problem der klinischen Medizin darstellen und dennoch weithin unterschätzt werden.
Aber gibt es denn heute überhaupt Arbeit für Ältere? In den Betrieben beginnt sich allmählich die ablehnende Einstellung gegenüber der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer zu vermindern. Es setzt sich, zunächst noch vereinzelt, die Erkenntnis durch, dass durchaus nicht immer die jungen Teams die Effizienteren, Leistungsfähigeren und Belastbaren sind, sondern dass so genannte bunte Teams mit einer gemischten Alterszusammensetzung konfliktfreier und leistungsfähiger sind. Jüngere und Ältere haben jeweils unterschiedliche Stärken (Tab. 3.1).

Fragen zu Kapitel 3

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