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B978-3-437-41169-4.10020-9

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Chronische Krankheiten und deren Einfluss auf die Leistungsfähigkeit

Eine sehr wichtige sozialmedizinische Leistungsfähigkeitchronische KrankheitenAufgabe jedes Arztes besteht darin, seine Patienten hinsichtlich ihrer Einsatzfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt zu beraten und zwar in zweifacher Richtung:

  • Führt die vorliegende Krankheit dazu, dass die jetzige (evtl. künftige) Arbeit nicht ohne Probleme ausgeführt werden kann?

  • Führt die jetzige (oder künftige) Arbeit absehbar zu einer ungünstigen Beeinflussung des Gesundheitszustandes?

Diese Fragen setzen fundierte arbeitsmedizinische Kenntnisse und ein sehr behutsames, schrittweises und mit dem Patienten hinsichtlich aller absehbaren Konsequenzen abgestimmtes Vorgehen voraus.

MERKE!

Manches gut gemeinte (und vom Patienten erbetene) haus- und fachärztliche Attest, in dem bescheinigt wird, ein Patient könne eine bestimmte Arbeit nicht mehr ausführen, kostet die Patienten den Arbeitsplatz! Wenn der Arbeitgeber dem Attest entnimmt, der Beschäftigte könne auf absehbare Zeit die arbeitsvertraglich geschuldete Leistung nicht erbringen, wird er ggf. kündigen.

Hier sollen nur einige wenige häufige chronische Krankheiten, bei denen sich die Frage nach der beruflichen Einsatzfähigkeit stellt, exemplarisch abgehandelt werden. Das individualisierte Beurteilungsprinzip gilt für alle beruflichen Umfelder und sämtliche Krankheitsbilder.

Diabetes mellitus
Diabetes mellitusAus arbeitsmedizinischer Sicht hat der Diabetes mellitus folgende funktionelle Bedeutungen:
Diabetiker müssen vor allem am Anfang ihrer Erkrankung in regelmäßigen Abständen den Arzt kontaktieren.
Für das Erwerbsleben können sich folgende relevante Einschränkungen ergeben:
  • die Notwendigkeit einer Diät-Verpflegung

  • eine regelmäßige Lebensführung bedingt durch die Diät

  • ggf. Einschränkung der körperlichen Leistung bedingt durch Medikamentengabe und deren Nebenwirkungen

  • ggf. Einschränkung durch Spätkomplikationen wie diabetische Retino- und Nephropathie sowie die sklerotische Mikro- und Makroangiopathie.

Generell gesehen sollte kein Diabetiker aus dem Erwerbs- und Berufsleben ausgegrenzt werden, denn jeder gut eingestellte Diabetiker ohne Spätkomplikationen hat eine normale Befähigung für das Erwerbsleben. Ein Diabetiker, der gut geschult ist, kann durchaus seine Mahlzeiten selbst zusammenstellen, sich selbst medikamentös versorgen; auch die Insulin-Injektion kann in aller Regel selbst verabreicht werden.
Es gibt einige Arbeitsformen, die besondere Anforderungen an einen an Diabetes mellitus Erkrankten stellen, wie z. B. die Schichtarbeit:bei Diabetes mellitusSchichtarbeit, wobei eine Zwei-Schichtarbeit bei einem gut geschulten, kompensierten Diabetiker keine Probleme darstellen muss. Der Wechsel zwischen Früh- und Spätschicht sollte wegen der notwendigen Änderung des Lebensrhythmus nicht in zu kurzen Abständen, z. B. alle zwei Wochen, erfolgen.
Mittlerweile und aufgrund der guten Therapiemöglichkeiten kann bei guter bis sehr guter Einstellung ein Diabetiker durchaus auch in Nachtschicht eingesetzt werden; es sollte jedoch vermieden werden, dass eine Beschäftigung an einem isolierten Arbeitsplatz stattfindet, oder dass Außenkontakte zu anderen Arbeitskollegen über einen längeren Zeitraum nicht möglich sind.
Bei AkkordarbeitAkkordarbeit kann sich eine konstante körperliche Belastungssituation ergeben, wobei dann, wenn Pausen, Verpflegung und Insulingabe gewährleistet sind, vielfach kein Einwand gegen die Tätigkeit besteht.
Probleme bereiten eher Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten. Normalerweise ist das Vorliegen eines insulinpflichtigen Diabetes mellitus ein Ausschlussgrund für Fahrtätigkeiten mit Personenbeförderung. Ansonsten kann auch hier kein genereller Ausschluss erfolgen; er ist von Tätigkeitsart, Führung und Krankheitsverlauf sowie dem Auftreten von Spätkomplikationen abhängig.
Für Arbeiten im Überdruck mit körperlichen Anforderungen stellt der Diabetes mellitus ein Ausschlusskriterium dar.
Koronare Herzerkrankung und arterielle Hypertonie
koronare Herzerkrankungarterielle HypertonieGenerell sind diese Erkrankungen aufgrund der mittlerweile multimodalen Therapieoptionen und der vielerlei auf dem Markt befindlichen, durchaus nebenwirkungsarmen Medikamente erst bei fortgeschrittenem Krankheitsstadium sowie ggf. bei bestimmten Arbeitsanforderungen, wie schwerer körperlicher Arbeit, Ausdauerarbeit oder Arbeiten mit Stoffen, die Arteriosklerose fördern (z. B. Schwefelkohlenstoff), zu berücksichtigen.
Krankheiten der Lunge und der Atemwege
Hierzu zählen z. B. chronische Bronchitis, Asthma bronchiale, Emphysem, respiratorische Insuffizienz verschiedener Ursachen, evtl. Tbc-Infektion.
Auch hier gilt prinzipiell das oben Genannte. Arbeitsmedizinisch wichtig ist, dass bei vielen Asthmatikern oder Atopikern eine Berufsberatung und/oder Wiedereingliederung nach einer Rehabilitation erfolgen sollte, da Krankheiten der Lunge sehr oft auch außerberuflich erworben werden. Weiterhin ist es wichtig, toxisch- bzw. chemisch-irritativ oder allergisierend wirkende Stoffe zu vermeiden. Personen mit bronchialer Hyperreagibilität stellen eine Risikogruppe für die Entwicklung einer obstruktiven Atemwegserkrankung dar. Für sie gelten dieselben Prinzipien der Prävention und Vorsorge wie für Personen mit bereits manifester Beeinträchtigung. Auch ist eine Expositionskarenz gegenüber den pulmonal schädigenden Stoffen oder die Krankheit verschlimmernden Stoffen angebracht.
Zerebrale Krampfleiden (Epilepsie)
zerebrales KrampfleidenEpilepsieEs muss auch hier das Risiko abgewogen werden, und es hängt von der Form der Erkrankung ab, ob eine Beeinträchtigung der Handlungsfähigkeit mit und ohne Bewusstseinsverlust und Haltungskontrolle einhergeht oder nicht, ob ein Erfolg der anti-epileptischen Therapie zu verzeichnen ist und wie die Einschätzung des Unfallrisikos in Form von Selbst- und Fremdgefährdung sowie das gesamte ökonomische Risiko für den Betrieb anzusehen sind. Nicht zu vergessen ist eine soziale Toleranzschwelle, vor allem bei Tätigkeiten mit Publikumsverkehr.
Für Nacht- und Schichtarbeit eignen sich normalerweise Epileptiker wegen der durch die Arbeit bedingten Unregelmäßigkeit der Lebensführung und der Reduktion der Schlafzeit nicht. Auch ist einem schlecht eingestellten Epileptiker keine Fahr-, Steuer- oder Überwachungstätigkeit nach der Fahrerlaubnisverordnung möglich.
Bei Tätigkeiten im Ausland und in den Tropen sind wegen des Klimas eine medizinische Beratung und Betreuung vor Ort je nach Art der Tätigkeit angebracht.
Chronische Nierenkrankheiten
Nierenkrankheiten, chronischeBei chronischen Nierenkrankheiten unterscheidet man die chronische Niereninsuffizienz im Stadium der kompensierten Retention sowie präterminale und terminale Niereninsuffizienz.
Die Niereninsuffizienz kann zu Einschränkungen im Bereich der Leistungsfähigkeit, durch Störungen des kardiovaskulären Systems, zu neuromuskulären Störungen, zu zentralnervösen endokrinen Störungen (Hypokalzämie, renale Osteopathie) und zu psychischen und sozialen Belastungen führen. Somit muss die Beurteilung nicht nur anhand des Kreatininwertes, sondern auch anhand der möglicherweise bereits aufgetretenen Folgekrankheiten sowie der psychosozialen Situation des Arbeitnehmers erfolgen.

MERKE!

Als Faustregel kann gesagt werden, dass ein Kreatininwert unter 2 mg/dl keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit darstellt, bei einem Kreatininwert bis unter 5 mg/dl sollte keine Schwerstarbeit durchgeführt werden.

Bei einer präterminalen Insuffizienz ist die Leistungsfähigkeit stark von der Beeinträchtigung bzw. dem Zustand anderer Organsysteme abhängig. Mittelschwere Tätigkeiten sind für junge Leute in der Regel in Vollzeitbeschäftigung noch möglich, bei Dialysepatienten normalerweise, wenn überhaupt noch, leichtere Arbeiten.
Üblicherweise werden Patienten im fortgeschrittenen Stadium eines Nierenleidens als ungeeignet für Nacht- und Schichtarbeit angesehen, aber auch hier ist ein streng individualisiertes Vorgehen erforderlich.
Nach einer erfolgreichen Transplantation oder bei Dialysepatienten ist für Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten Zurückhaltung geboten, da es zu einer allgemeinen Verlangsamung und Störung der Reaktionszeit und der Reizschwelle und somit zu vorzeitiger Ermüdung und Konzentrationsschwäche kommen kann. Auch sollten Arbeiten bei ungünstigen klimatischen Bedingungen (Kälte und Nässe) sowie Umgang mit nephrotoxischen Substanzen (z. B. Cadmium, Quecksilber, Methanol, Blei, Schwefelkohlenstoff) vermieden werden.

DAS GEHT SIE AN!

Für alle diese aufgeführten Krankheitsbilder und auch für die hier nicht erwähnten, bedarf es einer sorgfältigen Erwägung, bevor man einen Arbeitnehmer, gerade auch in der derzeit schwierigeren Arbeitsmarktsituation, aus einer Tätigkeit ausschließt.

Fragen zu Kapitel 20

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