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B978-3-437-41169-4.10023-4

10.1016/B978-3-437-41169-4.10023-4

978-3-437-41169-4

Forschungskonzept Arbeitsmedizin

Auf dem Gebiet der Arbeitsmedizin gibt es spannende Fragestellungen für Forschungskonzept ArbeitsmedizinForschungsvorhaben. Das vorliegende Forschungskonzept Arbeitsmedizin

  • geht von den aktuellen und künftigen Strukturen des Erwerbslebens aus

  • nennt Felder wichtiger arbeitsmedizinischer Fragestellungen

  • skizziert die erforderlichen Strukturen zur adäquaten wissenschaftlichen Bearbeitung dieser Fragestellungen.

Künftige Entwicklungen der Arbeit

Das Entwicklungen der ArbeitArbeitsleben wird sich in den nächsten Jahrzehnten weiter deutlich verändern:
Allgemeine Phänomene
  • neue Technologien und Produktionsverfahren

  • Globalisierung des Erwerbslebens mit Zunahme internationaler Kooperationen und Konkurrenz örtlicher Beschäftigungsverhältnisse

  • steigender Wert des Wirtschaftsfaktors Gesundheit

  • Erfordernis lebenslangen Lernens

  • Zunahme des Dienstleistungssektors, insbesondere von Berufen mit sozial-kommunikativen Anforderungen sowie von Tätigkeiten um die Gesundheit

  • Veränderung der Altersstruktur der Beschäftigten und Verlängerung der Lebensarbeitszeit

  • Zunahme von komplexen Tätigkeitsprozessen und Wegfall einfacher Arbeiten

  • Zunahme nicht monetarisierter Arbeit, ehrenamtlicher Arbeit, wohltätiger Arbeit in Vereinen und Kirchen, Familienarbeit.

Arbeitsorganisation
  • Arbeitsorganisation immer stärkere Beschleunigung von Veränderungen bei Arbeitsinhalten und Arbeitsorganisation

  • Veränderungen der Arbeitszeiten (variable, partizipative Arbeitszeitgestaltung mit Beeinflussung der Tages-, Wochen-, Jahres-, Lebensarbeitszeit)

  • immer stärkere Verflechtung von Arbeit und Nichtarbeit, von Arbeitszeit und Freizeit

  • Rückgang traditioneller lebenslanger Beschäftigungsverhältnisse am klassischen festen Arbeitsplatz mit Zunahme von temporärer Projektarbeit, Teilzeitarbeit, Heimarbeit, Telearbeit, Arbeitslosigkeit (Variabilität der individuellen Arbeitsbiographien).

Gefahrstoffe
  • Gefahrstoffe nach wie vor unzureichende Kenntnisse über toxikologische u. a. Eigenschaften von Gefahrstoffen (u. a. Chemikalien, Stäube, Biostoffe)

  • globalisierungsbedingter Import von gefahrstoffbelasteten Vor-, Zwischen- und Endprodukten

  • Auftreten neuer Gefahrstoffe durch neue Technologien.

Arbeitsphysiologie und Arbeitspsychologie
  • Verdichtung der Arbeitsanforderungen

  • Veränderung traditioneller betrieblicher Strukturen

  • Erfordernis ständiger Neuorientierung und Anpassung an Arbeitsprozesse

  • Zunahme des Risikos mentaler Fehlbelastungen und daraus resultierender Beanspruchungen

  • Verarbeitung von Informations- und Kommunikationsfluten.

Arbeitsmedizinische Fragestellungen

Präventionsstrategien
Präventionsstrategienarbeitsmedizinische FragestellungenEine wesentliche Aufgabe der Arbeitsmedizin besteht in der Erforschung der Belastung und Beanspruchung durch Arbeit sowie der Entwicklung und Qualitätssicherung von risikoorientierten, flexiblen Präventionsstrategien. Dabei ist der auf das Individuum zentrierte Ansatz von besonderer Bedeutung. Daraus ergeben sich Informationen zur Gefährdung von Populationen.
Wichtig ist auch der Zugang zu Populationen im betrieblichen Setting, die selbst (noch) nicht aus eigenem Antrieb ärztliche Hilfe aufsuchen oder auch sozial benachteiligt sind.
Die arbeitsmedizinische Forschung ist hierbei
  • grundlagenwissenschaftlich und klinisch

  • interdisziplinär: verschiedene medizinische, natur-, ingenieur- und sozialwissenschaftliche Disziplinen vernetzend

  • transdisziplinär: vorgenannte Disziplinen einerseits sowie öffentliche Gesundheit, Vorstellungen der Sozialpartner, der Zahlenden (Arbeitgeber, Beitragszahler, Steuerzahler) und der Politik andererseits vernetzend.

Die besondere Verantwortung der wissenschaftlichen Forschung des Faches Arbeitsmedizin ist dabei der adäquaten Primärprävention (KrankheitsvermeidungKrankheitsvermeidung), der umfassenden Sekundärprävention (FrüherkennungFrüherkennung), der individuellen Tertiärprävention (RehabilitationRehabilitation) mit einer adäquaten Kompensation eingetretener Schäden sowie der Gesundheitsförderung verpflichtet.
Evidenzbasierte und qualitätsgesicherte systematische Präventionsforschung muss Grundlage sämtlicher herkömmlicher Präventionsstrategien sowie der Erstellung neuer Vorsorge-Leitlinien sein.
Exposition
Besonderer Forschungsbedarf auf Seite der Exposition besteht unter anderem bei kombinierten Belastungen unterschiedlicher Faktoren sowie bei komplexen Belastungen von Atemwegen, Haut, Sinnesorganen sowie des psychomentalen Bereiches. Die isolierte Betrachtung einzelner Wirkungsfaktoren verliert an Bedeutung. Die Kombination von Arbeits- mit Umweltbelastungen hat aufgrund der Belastungsreduktion im Arbeitsbereich und der wachsenden Risikowahrnehmung in der Bevölkerung eine größere Rolle zu spielen.
Wichtige arbeitsbedingte Erkrankungen und Berufskrankheiten
  • Erkrankungen des Bewegungsapparats

  • Depressionen, psychosomatische Krankheitsbilder sowie auch Burnout, chronisches Erschöpfungssyndrom

  • Allergien

  • Krebserkrankungen

  • Hautkrankheiten

  • Atemwegs- und Lungenerkrankungen

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen

  • neurodegenerative Erkrankungen.

Es wird dabei wichtig sein, individuelle Risiken besser als bisher einzuschätzen, um Risikopopulationen besser eingrenzen zu können, Prävention und Gesundheitsförderung zielgerichtet einsetzen zu können und ineffektive Vorsorgeuntersuchungen und Präventionsmaßnahmen abzubauen.
Zunehmend wird sich auch die Arbeitsmedizin den arbeitsbezogenen (Teil-)Ursachen und Therapie- und Präventionsmöglichkeiten bei unspezifischen Erkrankungskomplexen (z. B. multiple chemische Überempfindlichkeit, Sick-building-Syndrom) zuwenden müssen. Hierbei ist die Risikowahrnehmung der Betroffenen den wissenschaftlichen Kenntnissen von Belästigungen, Beschwerden und Krankheiten gegenüberzustellen.
Bisher ungelöste Probleme
Dazu gehören Altlasten mit erheblichen Forschungsbedarf (z. B. asbestinduzierte Erkrankungen, Quarz, radioaktive Strahlung), arbeitsmedizinisch relevante ConfounderConfounder (z. B. Rauchen, Ernährung, andere Verhaltensweisen), klassische, auch in Zukunft weiter bestehende Gefährdungen (z. B. Schweißrauche, landwirtschaftliche Aerosole, Lärm, Hautbelastungen, Schichtarbeit, Arbeiten mit Absturzgefahr, Infektionsgefahr im Gesundheitsdienst, statische Belastungen bei körperlicher Arbeit) sowie Defizite in der menschengerechten Arbeitsplatzgestaltung (z. B. ErgonomieErgonomie).
Wissenschaftlich herausfordernde Fragestellungen
  • Aufdeckung arbeitsmedizinisch relevanter Schädigungs- und zunehmend auch Protektionsmechanismen, die berücksichtigen, dass banale Ursache-Wirkungs-Beziehungen bei den komplexen Anpassungs- und Kompensationsmechanismen des Menschen nicht mehr haltbar sind

  • Vorverlagerung des Eintritts von Erkrankungen durch arbeitsbedingte Einflüsse, deren Ursachen und Beeinflussung

  • Kombinationseffekte unterschiedlicher Einwirkungen, z. B. im Bereich der Synkanzerogenese

  • vergleichsweise seltene Erkrankungen durch Arbeitseinflüsse ohne eindeutige epidemiologisch belegbare Gruppentypik, was eine Erweiterung des arbeitsmedizinischen Herangehens bedeutet

  • Gefährdung zunehmend älterer Arbeitnehmer durch Gefahrstoffe und andere Belastungen (z. B. veränderte Abwehr- und Bewältigungsmechanismen im Alter)

  • Anwendbarkeit, Bewertung und Ergebnisinterpretation neuer Methoden aus anderen Wissenschaften in der arbeitsmedizinischen Praxis (Validierung und Qualitätskontrolle)

  • integrative Leistungsbeurteilung

  • Aufklärung des berufsbedingten Anteils von Volkskrankheiten (z. B. degenerativen Gelenkerkrankungen, Allergien, Bronchitis, Krebserkrankungen, Depressionen)

  • Integration arbeitsmedizinischer, arbeitspsychologischer und betriebswirtschaftlicher Betrachtung.

Hierzu bedarf es der Weiterentwicklung der eigenen Kompetenz des fachspezifischen arbeitsmedizinischen Methodeninventars z. B. auf dem Gebiet des toxikologischen, pneumologischen, kardiologischen und psychomentalen Belastungs- und Beanspruchungs-Biomonitorings.
Betriebsärztliche Tätigkeit
Die betriebsärztliche Tätigkeit selbst wird auch zum wissenschaftlichen Gegenstand arbeitsmedizinischer Forschung werden. Wichtig sind hierbei u. a. die betriebliche Epidemiologie, die Überprüfung der Wirksamkeit und Effizienz der betrieblichen Versorgungsforschung, die Gesundheitsförderung im Betrieb, die Vernetzung im integrierten Versorgungssystem und die Integration arbeits-, organisationspsychologischer und betriebswirtschaftlicher Aspekte.

Strukturen zur wissenschaftlichen Bearbeitung dieser Fragestellungen

Die Arbeitsmedizin/Betriebsmedizin ist stärker als andere medizinische Fächer von äußeren, vielfach nicht medizinischen und nicht wissenschaftlichen Einflüssen reguliert. Erforderlich ist eine Besinnung auf die medizinisch-wissenschaftliche Kernkompetenz der Arbeitsmedizin und eine Dereglementierung politischer Einflüsse auf inhaltliche Umsetzungen des Fachgebietes.
Arbeitsmedizinische Hochschulforschung garantiert eine von Interessensvertretungen unabhängige und neutrale sowie umfassende, den einzelnen Fragestellungen speziell angepasste und national sowie international anerkannte arbeitsmedizinische Forschung. Die Bearbeitung zukünftiger Forschungsfelder darf nicht ausschließlich durch potenzielle Drittmittelgeber gesteuert werden, sondern muss ausreichenden Spielraum für eine eigene zielgerichtete Entwicklung haben. Die Arbeitsmedizin an den Hochschulen hat eine Schlüsselrolle in der fachspezifischen Aus-, Weiter- und Fortbildung. Auch in Zeiten knapper werdender Ressourcen ist zur Gewährleistung des gesellschafts- und sozialpolitischen Auftrages der Arbeitsmedizin eine adäquate Ausstattung von arbeitsmedizinischen Hochschulinstituten zwingend erforderlich. Die zukünftige Entwicklung in der Arbeitswelt wird eine enge Verbindung von Qualifizierung und Forschung erfordern. Da die Bedeutung von Gesundheit in der Volkswirtschaft wächst, brauchen alle arbeitsbezogenen Fachgebiete mehr Kenntnisse über die Beziehungen zwischen Arbeit und Gesundheit.
Arbeitsmedizinische Forschung kann in vielen Bereichen nur als integrierende Wissenschaft zwischen den Hochschulen und der betrieblichen Praxis gelingen.
Arbeitsmedizinische Forschung lebt in der internationalen Kooperation mit dem Ziel der praktischen Verbesserung von Arbeitsbedingungen sowie dem Ex- und Import von guten arbeitsmedizinischen Standards.
Gute arbeitsmedizinische Standards dürfen nicht zum Wettbewerbsnachteil werden.
Die arbeitsmedizinische Forschung muss und wird einen wesentlichen Beitrag im Rahmen einer zukunftsfähigen Arbeitsforschung zur Förderung der Gesundheit der Beschäftigten und zur Optimierung der Produktivität unserer Wirtschaft bei optimaler Förderung humaner Ressourcen im engen Zusammenwirken mit anderen Wissenschaftsdisziplinen leisten.
Promotion in der Arbeitsmedizin
Eine arbeitsmedizinische Promotion kann ein guter Einstieg in unser vielschichtiges Fach sein. Experimentelle und epidemiologische, klinische, psychologische und biomechanische, tausenderlei Themen müssen bearbeitet werden. Das Ziel ist letztlich, Arbeit dauerhaft gesundheitsförderlich zu gestalten. Erkundigen Sie sich!

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