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B978-3-437-41169-4.10004-0

10.1016/B978-3-437-41169-4.10004-0

978-3-437-41169-4

Rückgang des LatexasthmaLatexasthma im Gesundheitswesen durch Rückgang der Verwendung gepuderter Latexhandschuhe. Daten aus Deutschland, 1992–2001 [2].

Gesundheitliche Aspekte von Arbeitsplätzen im Gesundheitsdienst

Auch Tätigkeiten im Gesundheitsdienst, Tätigkeit imGesundheitsdienst (ärztlicher und pflegerischer sowie Assistenzbereich, jeweils ambulant und stationär) können mit gesundheitlichen Belastungen verbunden sein. Die wesentlichen Probleme, die zu Berufskrankheiten führen können, bestehen in:

  • Erkrankungen der Haut (BK 5101)

  • Infektionskrankheiten (BK 3101)

  • Atemwegssensibilisierungen durch Arbeitsstoffe (BK 4301)

  • Wirbelsäulenerkrankungen (BK 2108–2110).

Erkrankungen durch ionisierende Strahlen (BK 2402) sind in den letzten Jahren ständig zurückgegangen.

Erkrankungen durch allergisierende Stoffe

Latex
LatexIn den 80er und 90er Jahren kam es zu einem drastischen Anstieg von SoforttypallergienSoforttypallergien gegen NaturlatexNaturlatex, vor allem verursacht durch Handschuhe. Etwa 5 bis 10 % des Krankenpflegepersonals sind gegen Latex sensibilisiert, ca. 60 % dieser Personen zeigen Überempfindlichkeitsreaktionen. Dabei steht die KontakturtikariaKontakturtikaria im Vordergrund. Aber auch RhinokonjunktivitisRhinokonjunktivitis, allergische Rhinitis, allergischeRhinitis und Asthma Asthma bronchialebronchiale sind infolge der aerogenen Belastung häufig zu beobachten. Als Auslöser konnten Proteine, die aus der Latexmilch stammen, identifiziert werden. Die dominierenden Proteine in der Latexmilch sind das HeveinHevein und seine Vorläufer.
Den Schwerpunkt der Prophylaxe bildet hier die so genannte Expositionskarenz, d. h. das Tragen von ungepuderten Latexhandschuhen, oder bei bereits Sensibilisierten von latexfreien Handschuhen bzw. in Abhängigkeit von Schweregrad der Sensibilisierung, ein praktisch latexfreies Arbeitsumfeld. Mit dem Verbot der Verwendung gepuderter Latexhandschuhe kam es zu einem deutlichen Rückgang neuer Erkrankungsfälle (Abb. 4.1).

Infektionskrankheiten

Bei den im Gesundheitsdienst erworbenen InfektionskrankheitenInfektionskrankheiten dominiert weiter die Hepatitis C vor der Hepatitis B vor den Tuberkuloseerkrankungen (Kap. 12, Infektions- und Tropenkrankheiten mit weiterführenden Details zu den einzelnen Erkrankungen). Die erworbene Immunschwäche AIDS spielt zahlenmäßig eine völlig untergeordnete Rolle.
Arbeitsunfälle

MERKE!

Bei den ArbeitsunfälleArbeitsunfällen im Gesundheitsdienst handelt es sich, abgesehen von Wegeunfällen, ganz überwiegend um KanülenstichverletzungKanülenstichverletzungen/SchnittverletzungSchnittverletzungen durch Skalpelle.

Kein RecappingRecapping! Die wesentliche Maßnahme zur Vermeidung von Kanülenstichverletzungen besteht darin, gebrauchte Nadeln niemals in die Kanülenhüllen zurückzuführen, sondern in vorgeschriebenen Abwurfbehältern zu entsorgen. Moderne verletzungsarme Instrumente (vorrangig stichsichere Nadeln) sind mittlerweile Pflicht. (Ausnahmen von der Verwendungspflicht für Sicherheitsprodukte entsprechend TRBA 250 sind nur möglich, wenn durch organisatorische Maßnahmen ein besonders niedriges Unfallrisiko sichergestellt werden kann oder wenn der zu behandelnde Patient erwiesenermaßen nicht infektiös ist. Dieses muss im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung unter Beteiligung eines Betriebsarztes festgestellt und gesondert dokumentiert werden.)

Prophylaxe vor Exposition
Dass jeder Mitarbeiter im Gesundheitsdienst sich selbst und seinen Kollegen, Patienten und anderen Kontaktpersonen gegenüber zum Schutz vor vermeidbaren Infektionskrankheiten verpflichtet ist, sollte sich von selbst verstehen.
Bausteine der Vorbeugung
  • aktive Immunisierung gegen Hepatitis B und Titerkontrolle (zur Dokumentation der Fähigkeit, ausreichend Antikörper zu bilden Responderstatus)

  • Benutzen von geeigneten Nadelabwurfbehältern (nicht überfüllen!)

  • kein Recapping (niemals eine gebrauchte Kanüle in ihre Hülle zurückstecken)

  • Dokumentation des eigenen Impfstatus am Arbeitsplatz mitführen, insbesondere bezüglich Hepatitis Hepatitis BB

  • recherchieren und aushängen, wie die örtlich nächstgelegene, rund um die Uhr kompetent besetzte Infektionsabteilung erreichbar ist, da diese bei begründetem HIV-Infektionsrisiko innerhalb von 1–2 Stunden nach Stich- bzw. Schnittverletzung zu konsultieren ist!

DAS Geht SIE AN!

Prophylaxe nach Exposition, Postexpositionsprophylaxe (PEP)

Vorgehen bei Nadelstich- oder vergleichbaren Postexpositionsprophylaxe (PEP)Verletzungen
  • Blutung anregen, um möglichst alles Fremdmaterial aus dem Stichkanal zu entfernen (Dauer 1–2 min). Die Wirksamkeit eines Blutstaus durch Abbinden zur Infektionsverhinderung ist unklar. Durch Vakuumsaugvorrichtung kann die Spülung des Stichkanals verbessert werden (Maßnahme ist umstritten).

  • Zur Desinfektion den Stichkanal spreizen, um eine Wirkung des Mittels in die Tiefe zu erreichen. Im Bedarfsfall Hilfsperson zuziehen (Dauer der Desinfektion 2–3 min). Desinfektion auf alkoholischer Basis ist zu bevorzugen. Die Penetration des Desinfektionsmittels in die Tiefe kann über die Schmerzauslösung abgeschätzt werden.

  • Bei Spritzern ins Auge ausgiebig mit fließendem Wasser spülen bzw. wenn verfügbar mit wässriger 2,5 %iger PVP-Jod-Lösung. Kontaminationen der Haut, Wunden oder Schleimhaut (Mund) mit einem Schleimhautdesinfektionsmittel (z. B. 40 %iger Alkohol oder Schleimhaut-Antiseptikum, ethanolbasierte Kombination mit PVP-Jod) desinfizieren.

  • Abschätzen der Infektionsgefahr nach Patientenanamnese, Art und Menge des eingebrachten Materials und Verweilzeit in der Eintrittspforte. Nach Möglichkeit sollte unbedingt der Infektionsstatus beim Spender (Patienten) bezüglich Hepatitis C und HIV (evtl. durch Schnelltest) bestimmt werden, bei fehlendem Hepatitis-B-Impfschutz des Verletzten auch der Hepatitis-B-Status (evtl. durch Schnelltest).

  • Bei begründetem HIV-Infektionsrisiko unbedingte Konsultation der örtlichen/nächstgelegenen Infektionsabteilung innerhalb von 1–2 h und Vorstellung in der Nothilfe und danach in der Chirurgischen Ambulanz zur Aufnahme als Arbeitsunfall und eventuellen prophylaktischen antiviralen Therapie ( Postexpositionsprophylaxe, PEP). Bei hohem Risiko einer HIV-Infektion baldmöglichster Beginn der antiviralen Therapie innerhalb der ersten 2 h nach Verletzung, maximal bis 24 h danach sinnvoll. (Kap. 12)

  • Eintragung des Unfalls ins Verbandsbuch der Station.

  • Die Nachsorge nach Nadelstichverletzungen übernimmt der betriebsärztliche Dienst. Wir empfehlen folgendes Vorgehen, wenn ein Infektionsrisiko nicht ausgeschlossen werden konnte (Kap. 12):

    • bei Mitarbeitern mit Impfschutz gegen Hepatitis B: Wenn Verdacht auf HIV besteht, sollte sofort, nach 6 und nach 12 Wochen nach der Verletzung (bzw. ggf. nach Beendigung der PEP, s. o.) ein HIV-Test gemacht werden. Besteht Verdacht auf Hepatitis C, sollte sofort eine anti-HCV-Bestimmung, nach 6 Wochen anti-HCV und HCV-RNA und nach 12 Wochen anti-HCV bestimmt werden. Wegen der langen Inkubationszeit bei Hepatitis C ist 6 Monate nach Verletzung eine weitere anti-HCV-Bestimmung sinnvoll (Empfehlung der Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege). Ist eine HCV-Infektion erfolgt, ist ggf. eine Frühtherapie (Interferon) zur Verhinderung der Chronifizierung sinnvoll.

    • Bei Mitarbeitern ohne Hepatitis-B-Impfschutz (nicht Geimpfte oder Non-Responder, d. h. anti-HBs-Titer nie über 10 gekommen): aktive und passive Impfung, anti-HBs- und anti-HBc-Bestimmung sofort, 6 Wochen, 3 und 6 Monate nach Verletzung.

Weiterführender Link zu diesem Thema
Ratschläge zur postexpositionellen Prophylaxe des Robert-Koch-Instituts: www.rki.de

Psychomentale und andere Belastungen

Eine Tätigkeit im GesundheitsdienstBelastung:psychomentale bedeutet anspruchsvollste Interaktionsarbeit mit Kranken, deren Angehörigen und oft auch mit Sterbenden.
Als viel stärker belastend wird jedoch oftmals das Umfeld im Gesundheitsdienst vor allem am Arbeitsplatz im Krankenhaus empfunden. Besondere Stressoren sind:
  • Personalknappheit, Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, zu wenig Zeit für Patientenkontakte

  • übersteigerte Bürokratie mit enormem Zeitaufwand für vielerlei kaum aufeinander abgestimmte Dokumentationen

  • überlange Arbeitszeiten

  • überzogene Hierarchien

  • Mängel bei der mitarbeiterorientierten Führung (fehlende Rückmeldung, fehlende Anerkennung, keine Mitarbeitergespräche etc.)

  • inadäquat niedrige Entlohnung.

In niedergelassenen Praxen kommt oft die wirtschaftliche Unsicherheit hinzu, im ambulanten Pflegedienst die Vereinsamung und der mangelnde Austausch mit Kollegen.
Regelungen gemäß Mutterschutz- und Jugendarbeitsschutzgesetz sowie auch dem Arbeitszeitgesetz müssen auch unter diesem Aspekt berücksichtigt werden. Probleme durch Nacht- und Schichtarbeit und der Umgang mit besonderen Gefahrstoffen (z. B. Narkosegase) stellen eine besondere Herausforderung für Betriebsarzt und Sicherheitsfachkraft dar.

Vorsorgeuntersuchungen im Gesundheitsdienst

ZahlreicheVorsorgeuntersuchungen im Gesundheitsdienst Unfallverhütungsvorschriften mit Durchführungsanweisungen regeln das erforderliche Vorgehen. Wichtig sind u. a. berufsgenossenschaftliche Vorschriften Arbeitsmedizinische Vorsorge, Gesundheitsdienst, Umgang mit krebserzeugenden Gefahrstoffen und Betriebsärzte und Aufgabenkatalog für betriebsärztliche und sicherheitstechnische Betreuung der Kleinbetriebe (damit sind jetzt auch Arztpraxen mit wenigen Mitarbeitern einbezogen). Sehr wichtig sind die TRGS (Technische Regeln für Gefahrstoffe) Umgang mit Gefahrstoffen in Einrichtungen der humanmedizinischen Versorgung und die TRBA (Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe) 100 (Schutzmaßnahmen für gezielte Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen in Laboratorien) und 250 (Biologische Stoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege).
Außerdem gibt es von den Unfallversicherungsträgern (hier vor allem: Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege) Merkblätter, die sich z. B. mit folgenden Themen befassen: aktive Immunisierung gegen Hepatitis B, AIDS-Merkblatt für Versicherte im Gesundheits-, Rettungs- und Sanitätsdienst, sichere Biotechnologie-Eingruppierung biologischer Agenzien (Bakterien), Ausstattung von Laboratorien, Hautkrankheiten und Hautschutz, sichere Handhabung von Zytostatika.
Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen werden u. a. durchgeführt nach:
  • den berufsgenossenschaftlichen Grundsätzen gemäß

    • G 23 (obstruktive Atemwegserkrankungen)

    • G 24 (Hauterkrankungen)

    • G 37 (Bildschirmarbeitsplätze)

    • G 40 (krebserzeugende Gefahrstoffe – allgemein)

    • G 42 (Tätigkeiten mit Infektionsgefährdung)

  • der Röntgen- und Strahlenschutzverordnung

  • der TRGS 513 (Begasungen mit Ethylenoxid [wegen Kanzerogenität im Tierversuch stark rückläufig] und Formaldehyd in Sterilisations- und Desinfektionsanlagen).

Außerdem wird das technische Personal je nach Gefährdungspotenzial untersucht.

Anforderungen an die Arbeitsschutzorganisation in der Arztpraxis

Das ArbeitsschutzgesetzArbeitsschutzorganisation ( 3 ArbSchG) und das Bürgerliche Gesetzbuch ( 618 und 823 BGB) fordern vom Inhaber einer Arztpraxis – wie von jedem anderen Unternehmen auch – für eine geeignete Organisation des Arbeitsschutzes zu sorgen. Zu diesen Anforderungen zählen grundlegend die Sicherstellung einer arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Betreuung, die Erstellung der Gefährdungsbeurteilung, die Veranlassung arbeitsmedizinischer Vorsorgeuntersuchungen, die Organisation der ersten Hilfe und des Brandschutzes, die jährliche Unterweisung der Mitarbeiter, die Erstellung eines Hygieneplans inkl. Einteilung der Instrumente in Risikogruppen, die Erstellung von Betriebsanweisungen und eines Gefahrstoffkatasters sowie eines Medizinproduktebuches.

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