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B978-3-437-41169-4.10019-2

10.1016/B978-3-437-41169-4.10019-2

978-3-437-41169-4

Ursächliche kanzerogene Noxen für die als beruflich anerkannten Krebserkrankungen im Zeitraum 1978–2003 [nach 7].

Klassifikation beruflicher KarzinogeneToluylendiisocyanteTalkStyrolSchlackenwolleÖlsaureNickelLindanGlasfasernFormaldehydEthylenoxidEthanolDioxanDichlormethanCobaltBenzolAsbestAnilin

Tab. 19.1
Kategorie Definition Beispiele
1 Stoffe, die beim Menschen Krebs erzeugen und bei denen davon auszugehen ist, dass sie einen nennenswerten Beitrag zum Krebsrisiko leisten. Epidemiologische Untersuchungen geben hinreichende Anhaltspunkte für einen Zusammenhang zwischen einer Exposition des Menschen und dem Auftreten von Krebs. Andernfalls können epidemiologische Daten durch Informationen zum Wirkungsmechanismus beim Menschen gestützt werden. Asbest
Benzol
Nickel
(Tab. 19.2)
2 Stoffe, die als krebserzeugend für den Menschen anzusehen sind, weil durch hinreichende Ergebnisse aus Langzeit-Tierversuchen oder Hinweise aus Tierversuchen und epidemiologischen Untersuchungen davon auszugehen ist, dass sie einen nennenswerten Beitrag zum Krebsrisiko leisten. Andernfalls können Daten aus Tierversuchen durch Informationen zum Wirkungsmechanismus und aus In-vitro- und Kurzzeit-Tierversuchen gestützt werden. Cobalt
Ethylenoxid
Glasfasern (Faserstaub)
3 Stoffe, die wegen erwiesener oder möglicher krebserzeugender Wirkung Anlass zur Besorgnis geben, aber aufgrund unzureichender Informationen nicht endgültig beurteilt werden können. Die Einstufung ist vorläufig. s. u. 3A und 3B
3A Stoffe, bei denen die Voraussetzungen erfüllt wären, sind der Kategorie 4 oder 5 zuzuordnen. Für die Stoffe liegen jedoch keine hinreichenden Informationen vor, um einen MAK- oder BAT-Wert abzuleiten. Dichlormethan
Ölsaure
Toluylendiisocyanate
3B Aus In-vitro- oder aus Tierversuchen liegen Anhaltspunkte für krebserzeugende Wirkung vor, die jedoch zur Einordnung in eine andere Kategorie nicht ausreichen. Zur endgültigen Entscheidung sind weitere Untersuchungen erforderlich. Sofern der Stoff oder seine Metaboliten keine gentoxische Wirkung aufweisen, kann ein MAK- oder BAT- Wert festgelegt werden. Stickstoffdioxid
Schlackenwolle (Faserstaub)
Talk (asbestfaserfrei)
4 Stoffe mit krebserzeugender Wirkung, bei denen ein nicht gentoxischer Wirkungsmechanismus im Vordergrund steht und gentoxische Effekte bei Einhaltung des MAK- und BAT-Wertes keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Unter diesen Bedingungen ist kein nennenswerter Beitrag zum Krebsrisiko für den Menschen zu erwarten. Die Einstufung wird insbesondere durch Befunde zum Wirkungsmechanismus gestützt, die beispielsweise darauf hinweisen, dass eine Steigerung der Zellproliferation, Hemmung der Apoptose oder Störung der Differenzierung im Vordergrund stehen. Zur Charakterisierung eines Risikos werden die vielfältigen Mechanismen, die zur Kanzerogenese beitragen können, sowie ihre charakteristischen Dosis-Zeit-Wirkungsbeziehungen berücksichtigt. Formaldehyd
1,4-Dioxan
Lindan
5 Stoffe mit krebserzeugender und gentoxischer Wirkung, deren Wirkungsstärke jedoch als so gering erachtet wird, dass unter Einhaltung des MAK-Wertes kein nennenswerter Beitrag zum Krebsrisiko für den Menschen zu erwarten ist. Die Einstufung wird gestützt durch Informationen zum Wirkungsmechanismus, zur Dosisabhängigkeit und durch toxikokinetische Daten zum Spezies-Vergleich. Acetaldehyd
Ethanol
Styrol

Krebserzeugende Arbeitsstoffe und Gefährdungspotenzial

Tab. 19.2
Kategorie 1-Stoffe Gefährdung, Tätigkeit, Berufsgruppen
aromatische Amine (4-Aminodiphenyl, Benzidin und seine Salze, 2-Naphthylamin, 4-Chlor-o-toluidin, o-Toluidin) Chemiearbeiter, Schlosser, technische Sonderfachkräfte, Maler und Lackierer, Zwischenprodukt in der chemischen Industrie, Farbstoffsynthese
Arsentrioxid und Arsenpentoxid, arsenige Säure, Arsensäure und ihre Salze, z. B. Bleiarsenat, Kalziumarsenat Chemiearbeiter, Metallerzeuger und Walzer, Schlosser, Verhüttung, Rösten, Farben, Beizmittel, Schädlingsbekämpfungsmittel
Asbest (Chrysotil, Krokydolith, Amosit, Anthophyllit, Aktinolith, Tremolit) (Faserstaub) sehr große Zahl Exponierter in praktisch allen Branchen: Schlosser, Chemiearbeiter, Schweißer, Schiffbauarbeiter, Elektriker, Bauarbeiter
Achtung: vielfältige Bystanderexpositionen!
Benzol Chemiearbeiter, Maler und Lackierer, technische Sonderkräfte, Schlosser, Destillation von Steinkohleteer in Kokereien, Extraktions-, Entfettungs-, Reinigungs- und Lösemittel
Beryllium Schleifmittelherstellung, Schleiferei, Leuchtstoffröhrenfertigung
Bis(chlormethyl)ether (Dichlormethylether) Chemiearbeiter
Buchen- und Eichenholzstaub Tischler und Modellbauer, Holzaufbereiter, Raumausstatter, Polsterer
1,3-Butadien Chemiearbeiter (Herstellung von Butadien/Butadien-Kunstgummi)
-Chlortoluole: Gemisch aus -Chlortoluol, , -Dichlortoluol, , , -Trichlortoluol und Benzoylchlorid Chemiearbeiter
Cadmium Cd-Gewinnung, Herstellung von Cd-Legierungen, Schmuckhandwerk
Dichlordiethylsulfid Schwefellost
Erionit (Faserstaub) mineralische Naturfaser, Umweltexposition v. a. Zentralanatolien
Hartmetall, Wolframcarbid- und kobalthaltig (einatembare Fraktion) Herstellung gesinterter Hartmetalle: v. a. Werkzeugherstellung
N-Methyl-bis(2-chlorethyl)amin Stickstofflost (Gelbkreuzkampfstoff)
Monochlordimethylether Chemiearbeiter
Nickel in Form atembarer Stäube/Aerosole von Nickelmetall, Nickelsulfid und sulfidischen Erzen, Nickeloxid und Nickelcarbonat, wie sie bei der Herstellung und Weiterverarbeitung auftreten können Nickelraffinerie, sog. Carbonyl-Verfahren (MOND-Verfahren), Chemiearbeiter, Metallverarbeitung
Passivrauch Gastgewerbe
Pyrolyseprodukte aus organischem Material Teerdeckenarbeiter, Dachdecker
Siliziumdioxid, kristallin Sandstrahler, Mineure, Tunnelbauer
Trichlorethen Chemiearbeiter, Metallbearbeitung, Schlosser, Lösemittel
Vinylchlorid VC-Polymerisation
Zinkchromat Chemiearbeiter, Maler und Lackierer, Metalloberflächenbearbeiter, Schlosser, Galvanotechnik, Korrosionsschutz, Holzimprägnierung, Gerben von Leder

Beruflich verursachte Krebserkrankungen (1978–2003).PleuramesotheliomPerikardmesotheliomMesotheliomLungenkarzinomAsbestoseAdenokarzinom

nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen anerkannt werden könnten (K1-Einstufung in den letzten Jahren: Cadmium [ggf. BK 1104] und Beryllium [ggf. BK 1110]) und um neue Berufskrankheiten, über die noch keine statistischen Auswertungen vorliegen: BK 1308, 4113, 4114.

Tab. 19.3
BK-Ziffer anerkannt 1978–2003 BK-Bezeichnung gesicherte Tumore
1103 223 Erkrankungen durch Chrom oder seine Verbindungen Lungenkarzinom, Nasenkrebs
1104 n ? Erkrankungen durch Cadmium und seine Verbindungen Lungenkarzinom, Nierenkrebs
1108 122 Erkrankungen durch Arsen oder seine Verbindungen Lungenkarzinom, Hautkrebs
1110 n ? Erkrankungen durch Beryllium und seine Verbindungen Lungenkarzinom
1301 1211 Schleimhautveränderungen, Krebs oder andere Neubildungen der Harnwege durch aromatische Amine Krebs der ableitenden Harnwege
1302 77 Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe Hämangioendothelsarkom der Leber, Lungenkarzinom, Nierenkrebs
1303 432 Erkrankungen durch Benzol, seine Homologe oder durch Styrol akute, chronisch-myeloische Leukämie (cave: Benzol-bedingte Erkrankungen des Blutes, des blutbildenden und des lymphatischen Systems ab 7/2009 unter BK 1318)
1310 156 Erkrankungen durch halogenierte Alkyl-, Aryl- oder Alkylaryloxide Lungenkarzinom
1311 n ? Erkrankungen durch halogenierte Alkyl-, Aryl- oder Alkylarylsulfide Lungenkarzinom, Magenkarzinom
1318 im genannten Zeitraum noch keine Erkrankungen des Blutes, des blutbildenden und des lymphatischen Systems durch Benzol Leukämien, Non-Hodgkin-Lymphome
2402 3531 Erkrankungen durch ionisierende Strahlen Lungenkarzinom, Leukämie, Hautkrebs, evtl. Pleuramesotheliom
3101 n ? Infektionskrankheiten, wenn der Versicherte im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war Lungenkarzinom (Narben-Ca nach Tb), Leberzellkrebs (nach chronisch aggr. Hepatitis B und Non-A-Non B-Hepatitis)
4101 300 Quarzstaublungenerkrankung (Silikose) Lungenkarzinom bei silikotischer Schwiele
4102 26 Quarzstaublungenerkrankung in Verbindung mit aktiver Lungentuberkulose (Siliko-Tuberkulose) Lungenkarzinom bei silikotischer Schwiele
4104 9540 Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs in Verbindung mit Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose), in Verbindung mit durch Asbeststaub verursachter Erkrankung der Pleura oder bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Asbestfaserstaub-Dosis am Arbeitsplatz von mindestens 25 Faserjahren (25 108)
(Fasern/m3) Jahre
Lungenkarzinom
Kehlkopfkrebs
4105 8947 durch Asbest verursachtes Mesotheliom des Rippenfells, des Bauchfells oder des Perikards Pleura-, Peritoneal-, Perikardmesotheliom
4109 125 bösartige Neubildungen der Atemwege und der Lungen durch Nickel oder seine Verbindungen Krebs der Atemwege (Lungen, Nasenhaupt- u. Nasennebenhöhlen)
4110 271 bösartige Neubildungen der Atemwege und der Lungen durch Kokereirohgase Lungenkarzinom,
Kehlkopfkrebs
4112 129 Lungenkrebs durch die Einwirkung von kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) bei nachgewiesener Quarzstaublungenerkrankung (Silikose oder Siliko-Tuberkulose) Lungenkarzinom
4113 im genannten Zeitraum noch keine Lungenkrebs durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis von mindestens 100 Benzo[a]pyren-Jahren(g/m3)
Jahre
Lungenkarzinom
4114 im genannten Zeitraum noch keine Lungenkrebs durch das Zusammenwirken von Asbestfaserstaub und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis, die einer Verursachungswahrscheinlichkeit von mindestens 50 % nach der Anlage zu dieser Berufskrankheit entspricht Lungenkarzinom
4203 513 Adenokarzinome der Nasenhaupt- und Nasennebenhöhlen durch Stäube von Eichen- oder Buchenholz Adenokarzinome der inneren Nase
5102 176 Hautkrebs oder zur Krebsbildung neigende Hautveränderungen durch Ruß, Rohparaffin, Teer, Anthrazen, Pech oder ähnliche Stoffe Hautkrebs

Krebserkrankungen als Berufskrankheiten

Epidemiologie
Jährlich sterben in Deutschland ca. 210 000 Menschen an Krebs. Die Zahl der neu Krebserkrankungenaufgetretenen Krebsbösartigen Erkrankungen wird auf etwa 350 000 bis 400 000 pro Jahr beziffert.
Seit den 60er Jahren weiß man, dass exogene Einflüsse für die Mehrzahl aller Krebserkrankungen verantwortlich sind. Theoretisch sind 40 bis 65 % aller Krebserkrankungen hierzulande vermeidbar. Das mittelfristige Potenzial primärer Prävention wird auf 20 bis 30 % geschätzt, wobei Maßnahmen zur Verminderung des Zigarettenrauchens mit weitem Abstand im Zentrum aller dieser Überlegungen stehen.
Arbeitsmedizinische Bedeutung
Der Anteil der Berufskrebse an der Gesamtzahl aller BerufskrebsKrebserkrankungen wurde für Mitteleuropa in den 80er Jahren zwischen 3 und 8 % eingeschätzt. Durch den drastischen Rückgang beruflicher Exposition gegenüber Karzinogenen liegen konservative seriöse Abschätzungen heute bei etwa 3 %.
Bei den heute diagnostizierten Berufskrebserkrankungen handelt es sich im Wesentlichen um ein Altlastenproblem, dem Arbeitsplatzverhältnisse von vor 20 bis hin zu mehr als 40 Jahren zugrunde liegen. Zwei Drittel des gesamten beruflichen Lungenkrebsgeschehens werden gegenwärtig durch asbestbedingte Pleuramesotheliome und PleuramesotheliomeLungenkarzinome bestimmt. Die Berufskrebs-LungenkarzinomStatistik in Deutschland wird sicherlich noch bis zum Jahre 2020 oder 2030 durch die Folgelasten des ehemals sorglosen Umgangs mit Asbest wie auch mit Radon-Folgeprodukten dominiert werden.
Viele Berufskrebserkrankungen treten auf, wenn zusätzlich eine relevante Exposition gegenüber weiteren (außerberuflichen) Karzinogenen (für das Lungenkarzinom v. a. Zigarettenrauchen) gegeben ist.

MERKE!

Die Tatsache, dass jährlich nur etwa 4000 Verdachtsfälle berufsbedingter Krebserkrankungen gemeldet werden, lässt – stark vergröbert – eine relevante Dunkelziffer von etwa 2⁄3 der potenziellen Berufskrebsfälle erkennen. Die Krebspatienten und ihre Angehörigen sind die Leidtragenden!

Das System der Berufskrankheiten-Verdachtsmeldung ist als Screening zu betrachten. Soll die Dunkelziffer, also die Zahl der nicht erkannten Berufskrankheiten niedrig sein, dann muss ein Screening entsprechend sensitiv sein, auch unter Inkaufnahme falsch positiver Verdachtsmeldungen. Das Übersehen möglicher beruflicher Ursachen von Krebserkrankungen ist das Problem, das es zu lösen gilt.

DAS GEHT SIE AN!

Pflicht: Als Allgemeinarzt müssen Sie die wichtigsten Ursachen für Berufskrebs kennen. Als Facharzt müssen Sie die fachspezifisch wenigen Schlüsselfragen nach beruflichen Krebsauslösern Ihres Spezialgebiets im Kopf haben und wissen, wo Sie Checklisten finden, um eine qualifizierte Berufskrankheiten-Verdachtsanzeige losschicken zu können. Das kann ganz flott gehen. Der HNO-Arzt muss nur nach Buchen- und Eichenholzstäuben bei Schreinern (Nasenkrebs) und Asbest (Kehlkopfkrebs) fragen, der Urologe nur nach aromatischen Aminen, Cadmium und Trichlorethen (allerdings Arbeitsstoffe nennen in der Sprache des Patienten), der Hämato-Onkologe nur nach Benzol-haltigen Lösemitteln (auch in der Patienten-Sprache). Der internistische Pneumologe hat es schwerer, verspürt aber auch meist professionelle Freude an beruflicher Detektivarbeit.

Kür: Erst für den Gutachter oder den speziell Interessierten gilt das Mühsame: Eine arbeitsmedizinische Anamnese bezüglich beruflicher Kanzerogene erfordert eine lückenlose Erhebung aller Arbeitstätigkeiten beginnend mit der Schulzeit – einschließlich etwaiger Wehrdienstzeiten, Kriegsgefangenschaft, Gelegenheitsarbeiten und Haftzeiten.

Dabei ist die Angabe der Berufsgruppe (Schlosser, Chemiearbeiter) oft wenig informativ, entscheidend ist die tatsächlich und ganz konkret ausgeübte Tätigkeit. Auch Nachbarschaftsexpositionen als Bystander können z. B. für Krebserkrankungen durch Asbeststaubeinwirkung von ausschlaggebender Bedeutung sein.
Ursachen beruflich verursachter Krebserkrankungen
Bezüglich beruflich verursachter Krebserkrankungen kommen insbesondere chemische oder physikalische Noxen, aber auch Viren in Frage.
Die International Agency for Research on Cancer (IARC) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnen diejenigen Einwirkungen als krebserregend, welche die
  • Inzidenz solcher maligner Tumoren erhöhen, die auch ohne Anwesenheit des Karzinoms spontan entstehen

  • Latenzzeit bis zum Auftreten solcher Tumoren verkürzen

  • Tumoren in anderen Geweben mit und ohne Erhöhung der Gesamtinzidenz erzeugen

  • die Zahl der Tumoren beim Individuum erhöhen.

Klassifikation beruflicher Karzinogene

Chemische Stoffe oder Stoffgruppen, welche mit Karzinogeneder Entstehung maligner Erkrankungen assoziiert sind, werden u. a. von der International Agency for Research on Cancer und der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG MAK- und BAT-Werte-Listen) veröffentlicht. Die wissenschaftliche Bewertung, welche die IARC und die Senatskommission vornehmen, erfolgt im Hinblick auf eine Prävention. Die zugrunde liegenden Kriterien sind deshalb aus grundsätzlichen Erwägungen nicht identisch mit den Kriterien einer versicherungsrechtlich-individualmedizinisch wesentlichen Ursache im Sinne des deutschen Berufskrankheitenrechts. Eine genaue Definition der gültigen Kategorien mit entsprechenden Beispielen ist in der Tab. 19.1. wiedergegeben.
Krebserzeugende Arbeitsstoffe (Noxen)
In Tab. 19.2 sind diejenigen Tätigkeiten/Berufsgruppen aufgeführt, bei denen die erwiesenermaßen epidemiologisch gesicherten humankarzinogenen Arbeitsstoffe (Kanzerogenitäts-Kategorie K1) typischerweise vorkommen.
Die fehlende Nennung einer Exposition in dieser Liste bedeutet jedoch nicht, dass eine BK-Verdachtsanzeige nicht sinnvoll sein könnte, denn: Weitere derzeit mehr als 134 Stoffe sind als krebserzeugend für den Menschen anzusehen, weil durch hinreichende Ergebnisse aus Langzeit-Tierversuchen oder Hinweise aus Tierversuchen und epidemiologischen Untersuchungen davon auszugehen ist, dass sie einen nennenswerten Beitrag zum Krebsrisiko leisten (Kanzerogenitäts-Kategorie 2).

Vorgehen bei begründetem Verdacht auf eine Berufskrankheit Krebs

DAS GEHT SIE AN!

Jeder approbierte Arzt und Zahnarzt ist verpflichtet, den begründeten Verdacht auf das Vorliegen einer BK dem zuständigen Träger der Unfallversicherung und/oder der für den medizinischen Arbeitsschutz zuständigen Stelle (staatlicher Gewerbearzt/Landesgewerbearzt) mitzuteilen. Diese Mitteilung hat unverzüglich zu erfolgen.

Die Merkblätter, welche einen Anhaltspunkt dafür geben, ob eine Berufskrankheitenanzeige (Kap. 2.8.1) sinnvoll ist, sind im Internet abrufbar (www.baua.de). Es empfiehlt sich auch hier, im Zweifelsfall lieber eine BK-Anzeige zu viel zu erstatten, als eine berechtigte zu unterlassen.
Ärzte und Zahnärzte müssen die Versicherten über den Inhalt der Anzeige unterrichten und ihnen den Unfallversicherungsträger und die Stelle nennen, denen sie die Anzeige übersenden. Wichtig ist, die Anzeige nicht nur zu erstatten, wenn der Arzt das Vorliegen einer BK für sicher oder für wahrscheinlich hält, sondern bereits, wenn er bei einem Versicherten Krankheitserscheinungen beobachtet, die den Verdacht auf eine BK begründen. Die Meldepflicht besteht auch, wenn erst nach dem Tod des Versicherten aufgrund einer Obduktion der Verdacht auf eine BK auftritt.
Der zuständige Unfallversicherungsträger ermittelt danach zum einen hinsichtlich der konkreten Expositionsverhältnisse, zum anderen wird die Krankheitsgeschichte aufgearbeitet und dokumentiert. Insbesondere für berufsbedingte Krebskrankheiten sind eine lange Dauer der gefährdenden Einwirkungen und/oder eine lange Latenzzeit bis zum Auftreten der Erkrankung kennzeichnend. Einer sorgfältigen Erhebung der Arbeitsvorgeschichte kommt deshalb eine besondere Bedeutung zu. Es geht dabei nicht nur um die Beschäftigungszeiten, sondern vor allem um die konkret verrichteten Tätigkeiten und die dabei aufgetretenen Einwirkungen.
Einen Überblick über die verantwortlichen Noxen der als beruflich anerkannten Krebserkrankungen im Zeitraum von 1978 bis 2003 gibt die Abb. 19.1. (Quelle: Statistiken der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Anmerkung: Bedauerlicherweise existiert keine gemeinsame Berufskrebs-Statistik aller gesetzlichen Unfallversicherungsträger. In der vorliegenden Aufstellung fehlen daher die Zahlen aus dem Bereich der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand sowie der Landwirtschaftlichen Unfallversicherung.) Die Gliederung nach BK-Nummern mit Angabe der betroffenen Zielorgane ergänzt hierzu die Tab. 19.3.

MERKE!

Asbestbedingte Erkrankungen machen damit nach wie vor etwa 70 % aller Berufskrebskrankheiten aus, gefolgt von ionisierenden Strahlen (u. a. Uran und Uranfolgeprodukte), deren Anteil am Berufskrebsgeschehen bei 15 % liegt.

Hinzu kommt die Möglichkeit einer BK-Meldung entsprechend der so genannten Öffnungsklausel [ 9 (2) SGB VII], sofern Öffnungsklauselbestimmte neue medizinisch-wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen (Kap. 2.8.1).

Gutachterliche Bewertung bei Verdacht auf eine Berufskrebserkrankung

Der Nachweis der beruflichen gutachterliche BewertungVerursachung einer Krebserkrankung ist Berufskrebserkrankungvielfach schwierig, weil Berufskrebse auch diejenigen Organe betreffen, die ohne spezifische berufliche Karzinogene oft von Tumoren befallen werden, wie Atemwege, Harnwege, hämatopoetisches System und Haut. Sie unterscheiden sich in ihrer histologischen Struktur prinzipiell nicht von anders verursachten bzw. spontan entstandenen bösartigen Geschwulsten der gleichen Organe.
Bei der gutachterlichen Kausalitätsbeurteilung geht es somit vorrangig darum, ob nach aktuellem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis die Krebserkrankung generell durch berufliche Einwirkungen verursacht werden kann, und ob diese Voraussetzungen im Einzelfall mit Wahrscheinlichkeit erfüllt sind.
Voraussetzungen für die Anerkennung einer Krebserkrankung als BK
  • Die Krebserkrankung muss medizinisch gesichert sein.

  • Der als Ursache der Krebserkrankung angeschuldigte Gefahrstoff – wenn noch nicht ermittelt, u. U. der spezifische Arbeitsvorgang – muss nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaften bösartige Neubildungen beim Menschen verursachen können. Der Nachweis der Kanzerogenität erfolgt durch epidemiologische Erhebungen bei entsprechend belasteten Kollektiven. Ergebnisse aus Tierversuchen können Hinweise für eventuelle kanzerogene Potenzen bzw. Gefährdungen geben, wobei die Gültigkeit solcher Ergebnisse auf die Krankheitslehre des Menschen geklärt sein muss.

  • Der Gefahrstoff muss am Arbeitsplatz über einen angemessenen Zeitraum vorhanden gewesen sein und auf den Körper des Versicherten eingewirkt haben.

  • Der Nachweis des krebserzeugenden Gefahrstoffes ist möglichst quantitativ zu führen.

  • Die durch die Krebsnoxe hervorgerufenen Expositionszeichen und die aufgenommenen Schadstoffe im Körper sind ergänzend zu berücksichtigen.

  • Die Expositionszeit und die Latenzzeit müssen den für die jeweilige Noxe vorliegenden Erfahrungen entsprechen. Im Einzelfall sind Ausnahmen möglich.

  • Das Alter des Versicherten ist zu berücksichtigen. (Vorverlegung des normalerweise zu erwartenden Erkrankungsalters?).

  • Die Organlokalisation des Krebsleidens muss mit den arbeitsmedizinischen Erfahrungen übereinstimmen.

  • Unter dem Gesichtspunkt der Synkarzinogenese sind begünstigende Synkarzinogeneseberufliche Kofaktoren der Krebsentstehung zu berücksichtigen (z. B. Asbest plus polyzyklische Kohlenwasserstoffe, siehe BK 4114). Eine BK-Verdachtsmeldung muss also auch dann erfolgen, wenn bestimmte Schwellendosen (25 Faserjahre, 100 Benzo(a)pyren-Jahre) jeweils für sich genommen unterschritten sind, da synkanzerogene Effekte in der BK 4114 versicherungsrechtlich positiv gewürdigt werden.

  • Auch außerberufliche Kofaktoren sind zu dokumentieren und zu bewerten (Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährungsgewohnheiten, Lebensstil).

  • Bei ausreichender beruflicher Exposition ist ein Berufskrebs auch bei relevanten konkurrierenden außerberuflichen Einwirkungen wahrscheinlich, wenn der berufliche Faktor zumindest annähernd gleichwertig ist ( Hälfte oder sogar Drittel der Gesamt-Kausalität).

FALLBEISPIEL

Anamnese

Herr Hugendubel, ein 54-jähriger Monteur, leidet seit seinem 45. Lebensjahr an langsam progredienter Belastungsluftnot, etwas Husten und Auswurf. Die Beschwerden treten ohne Arbeitsplatzbezug auf. Seit dem 25. Lebensjahr raucht er etwa 10 Zigaretten täglich. Der Lungenfacharzt diagnostiziert eine chronisch-obstruktive Bronchitis und behandelt antiobstruktiv. Von Zeit zu Zeit bei Exazerbationen wird ein Röntgenbild der Thoraxorgane angefertigt. Als Zufallsbefund stellt sich eine Raumforderung rechtshilär dar.

Klinik

Karnofsky 80 %. Klopfschallverkürzung rechts dorsobasal. Keine peripheren Lymphknoten.

Diagnose

Bronchoskopisch wird ein nicht kleinzelliges Lungenkarzinom diagnostiziert.

Therapie

Unterlappenresektion rechts, postoperatives Staging T2N0M0.

Beurteilung

Ein Lungenkarzinom bei einem Raucher auch mit nur knapp 19 Packyears ist keine Seltenheit. Die Berufsangabe Monteur ist arbeitsmedizinisch unergiebig. Das Nichterheben einer qualifizierten Arbeitsanamnese ist tägliche Realität.

Verlauf

Der Patient fragt den Stationsarzt, ob die Krankheit etwas mit seiner Arbeit zu tun haben könne. Er habe 18 Jahre lang als Galvaniseur gearbeitet und Metallteile veredelt. Danach seien die Teile in heißem Tri entfettet worden. Der Stationsarzt kann weder mit der Tätigkeitsangabe Galvaniseur noch mit Tri etwas anfangen. Nach einem Telefonkonsil mit der örtlichen Arbeitsmedizin-Ambulanz wird eine Berufskrankheiten-Verdachtsanzeige (BK 1103, 1104) erstattet.
In der technischen Ermittlung stellte sich beim Ansetzen der Badchemikalien eine langjährige hohe inhalative Belastung gegenüber Nickelsalzen sowie Chromtrioxid heraus. In den Hartchrombädern bildeten sich Chrom-VI-haltige Aerosole. Biomonitoring-Werte existierten nicht. Die gutachterliche Empfehlung lautete, eine Berufskrankheit 1103 anzuerkennen mit einer MdE von 100 %. Die Berufsgenossenschaft folgte. Trichlorethen kann bei langjähriger hoher Exposition Nierenkarzinome verursachen. Die Nierensonographie war unauffällig.
Herr Hugendubel wurde dem Organisationsdienst für nachgehende Untersuchungen (ODIN) nach beruflicher Kanzerogenexposition für systematische Screeninguntersuchungen gemeldet.

Fazit

Es ist wichtig, die gesamte Arbeitsanamnese ab Schulabschluss zu erheben und die Patienten nicht nur nach ihren Berufsbezeichnungen zu fragen, sondern was sie konkret getan haben und mit welchen Stoffen sie Umgang hatten.

Fragen zu Kapitel 19

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