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B978-3-437-41169-4.10005-2

10.1016/B978-3-437-41169-4.10005-2

978-3-437-41169-4

a) Das Umsetzen einer Last mit Verdrehung des Oberkörpers bei fixiertem Stand ist für die Belastung der Bandscheiben ungünstig.

b) Anleitung zur Vermeidung von Wirbelsäulenschäden durch unergonomische Handhabung von Lasten [1].

Büroarbeitsplatz. Beispiel für Abmessungen entsprechend der DIN-Normen [nach 1].

Testfragen zur Work-Life-Balance

Tab. 5.1
Inventur Zeit für persönliche Zwischenbilanzen sollten regelmäßig zur Verfügung stehen: Wie lebe ich zurzeit? Wie fühle ich mich dabei? Was kommt zu kurz?
Prioritäten Es gibt einen Unterschied zwischen Wesentlichem und scheinbar Dringendem. Fragen Sie sich: Was ist mir wirklich wichtig? Was tue ich dafür?
Zeitmanagement Wer einmal nur eine Woche lang aufschreibt, wohin die Lebenszeit fließt, entlarvt seine Zeitfresser. Es wird empfohlen, hin und wieder, mindestens wöchentlich, eine halbe Stunde nur für sich selbst einzuplanen.
Ziele Ziele und Werte wirken wie ein innerer Kompass und ordnen Handeln und Zeit. Wie heißen Vorstellungen, die im eigenen Leben verwirklicht werden sollen?
Selbstwert Der von Führungskräften häufig verinnerlichte Glaubenssatz Ich bin, was ich leiste ist ein fragiles Fundament für ein gutes Selbstwertgefühl. Jeder soll lernen, wertzuschätzen, wer und was er ist.
Fitness Gesundheit braucht Pflege, aber Sport sollte nicht die gesamte Freizeit kosten. Joggen soll man nur, wenn es Freude macht. Es gilt, die Lebenslust zu bewahren.
Familie Eine intakte Familie ist eine starke Kraftquelle. Aber sie fordert Aufmerksamkeit. Es ist ein Fehler, familiäre Termine weniger ernst zu nehmen als berufliche Verabredungen.
Freunde Freunde sind nicht unwichtiger als berufliche Netzwerke. Der Kontakt zu guten Freunden muss gepflegt werden.

Arbeitsgebundene Zeit, Pausenformen

Tab. 5.2
Begriff Definition
arbeitsgebundene Zeit Arbeitszeit + Arbeitspausen + Umkleidezeit + Wegezeit
willkürliche Pausen kurze Erholzeiten während der Arbeit (z. B. bewusstes kurzes Ausruhen)
arbeitsbedingte Pausen arbeitsablaufbedingte Wartezeiten, z. B. wenn Material verzögert eintrifft oder Dokumente (z. B. Computertomographien) nur mit Verzögerung geladen und geöffnet werden können
maskierte Pausen Ausführen leichterer Nebentätigkeiten (z. B. im Behördenbereich und Verwaltungsbereich großer Industrieunternehmen bekanntes umständliches Herumtragen von Dokumenten, überlanger Gang zur Toilette, übertriebene Pflege von Pflanzen im Büro, weit greifende Reinigungsarbeiten). Maskierte Pausen werden im Zuge der allgemeinen Arbeitsverdichtung immer weniger.
vorgeschriebene Pausen festgelegte Arbeitsunterbrechungen, z. B. für die Essenseinnahme

Physische Belastung und Beanspruchung in der Arbeit

Ergonomie

Definition
ErgonomieBelastung:physischeBeanspruchung:physischeErgonomie (griechisch: ergon Arbeit, nomos Gesetzmäßigkeit) bezeichnet die Wissenschaft der menschengerechten Arbeitsgestaltung durch Anpassung der Arbeit und der Arbeitsgeräte an den Menschen.
Bedeutung
Die Ergonomie hat folgende Zielsetzungen:
  • Anpassung der Anforderungen der Arbeit an die Leistungsfähigkeit der Menschen, dabei Vermeidung von Über- und Unterbelastung

  • Gestaltung von Maschinen, Apparaten und Anlagen dahin gehend, dass sie

    • mit gutem Wirkungsgrad

    • fehlerlos und unfallfrei bedient werden können

  • Gestaltung der Arbeitsplätze dahin gehend, dass natürliche Körperhaltungen gewährleistet werden

  • Anpassung der Umweltbedingungen wie Klima, Licht und Lärm an die physiologischen Anforderungen.

Arbeitsplatzgestaltung
ArbeitsplatzgestaltungGrundlage für die Arbeitsplatzgestaltung ist die AnthropometrieAnthropometrie, d. h. die Erfassung und Aufbereitung der Maßverhältnisse des menschlichen Körpers. Entscheidend sind:
  • Abmessungen des menschlichen Körpers

  • Körperstellung und Körperhaltung bei der Arbeit

  • Greifräume

  • Körperkräfte im Bewegungsraum

  • Blick- und Gesichtsfeld.

Entsprechend den DIN-Normen muss die Arbeitsplatzgestaltung nur auf Personen von der 5. bis zur 95. Perzentile zugeschnitten sein. Das bedeutet umgekehrt, dass immerhin 10% aller Gesunden (!) von den DIN-Normen nicht erfasst werden, beispielsweise Gerätschaften unergonomisch zu bedienen sind.
Wichtige ergonomische Vorgaben
Körperhaltungen
  • Körperhaltung • möglichst Wechsel von Gehen/Stehen/Sitzen

  • Tragen von Lasten möglichst körpernah, beidarmig oder mittig auf dem Rücken. Umsetzbewegungen ohne Rotation der Wirbelsäule (Abb. 5.1)

  • Kopf- und Nackenhaltung: Normalsehlinie 10–15 unter der Horizontalen.

Arbeitsplatz
  • Arbeitsplatz Arbeitstisch: ausreichend Beinraumhöhe und -tiefe, richtige Plattenhöhe, Arbeitsmaterialien im Greifraum, evtl. Fußstütze oder Stehpult

  • Bürostuhl: Sitzhöhen- und Sitzlehnenverstellung, Sitzflächenkippung, Lordosestütze

  • Bildschirm: Blickachse schräg nach unten, Positivdarstellung (schwarz auf weiß), Schriftgröße, Zeilenabstand, Bildschirmabstand, Blendung

  • Mensch-Maschine-System: Wahrnehmung der Informationen auf Anzeigegeräten und Handhabung der Bedienungselemente muss so sein, dass Fehlerfreiheit und Ermüdungsarmut gewährleistet sind

  • Anzeigevorrichtungen: günstig sind wenige, offene Halbkreisskalen mit guten Kontrasten und angepasster Ziffern- und Zahlengröße

  • Bedienungselemente: ausreichender Abstand; für Feinbedienung Druckknöpfe, Drehknöpfe, Kippschalter; für Grobeinstellung Kurbeln, Handräder, Pedale, grobe Schalthebel

  • Werkzeuge: handgerechte Griffe, Gewicht und Schwerpunkt angepasst

  • sonstiges: Arbeitszeit (Schichtarbeit), Pausen, Monotonie, Ermüdung sind zu beachten.

Umgebungseinflüsse
  • Arbeitsplatz:Umgebungseinflüsse Lärm: hohe Pegel führen zu Konzentrations- und Hörstörungen

  • mechanische Schwingungen: Beachtung des K-Wertes (Kap. 7.1)

  • Beleuchtung: Anpassung der Beleuchtungsstärke an die Sehanforderungen, Vermeiden von Blendung

  • Farben: Orientierungshilfe, Sicherheitssymbole, Kontraste, psychologische Wirkungen

  • Klima: Effektivtemperatur (Lufttemperatur, Luftfeuchte, Luftgeschwindigkeit) sollte im Behaglichkeitsbereich liegen.

Work-Life-Balance, Pausenregime und Erholung

Der Begriff der Work-Life-Work-Life-BalanceBalance beschreibt den Ausgleich zwischen Berufs- und Privatleben. (Der Begriff ist eigentlich unglücklich gewählt, da work natürlich ein wesentlicher Bestandteil von life ist.) Immer mehr Menschen, vorrangig in Führungspositionen, aber auch in mittleren Ebenen und durchaus auch im Handwerker- und Industriearbeiter-Bereich tun sich schwer, Arbeit, Familie, Freunde und eigene Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Ein populärwissenschaftlich erscheinender Test, jedoch auf organisationspsychologischer Basis (Prof. Konradt, Kiel) beinhaltet verschiedenste Parameter (Tab. 5.1).
Die normale wöchentliche Arbeitszeit abhängig Beschäftigter liegt hierzulande derzeit im Mittel bei etwa 38 bis 42 h, Tendenz steigend. Hausfrauen, Selbstständige, Handwerker, Führungskräfte arbeiten vielfach das Doppelte dieser Zeit.
PausenregimeWer arbeitet, muss sich auch zwischendurch ausruhen dürfen. Man spricht von einer lohnenden Arbeitspause, wenn sie zu einer Leistungssteigerung führt. Das Ziel einer klugen Pausenregelung ist eine optimale Arbeitsleistung unter Vermeidung einer chronischen Ermüdung.

DAS GEHT SIE AN!

Der Erholungswert von Pausen ist zu Anfang der Pause am höchsten. Kurzpausen von 5 bis 10 min Dauer sind daher arbeitsphysiologisch besonders günstig. Dies gilt auch beim Lernen (z. B. Durcharbeiten eines Arbeitsmedizin- und Umweltmedizin-Buchs).

Man unterscheidet verschiedene Arten von Pausen (Tab. 5.2).

Bildschirmarbeitsplätze

Arbeitsmedizinische Bedeutung
BildschirmarbeitsplätzeDas Gewicht des Themas ergibt sich allein schon aus der massenhaften Verbreitung von Bildschirmarbeit. Daher lohnt es sich, Personen mit Bildschirmtätigkeiten darüber aufzuklären, worauf zu achten ist.
Vordergründig betrachtet, sind Bildschirmarbeitsplätze arbeitsmedizinisch langweilig, da eigentlich harmlos und ungefährlich: man sitzt trocken und warm, muss nicht heben und tragen, nichts Gefährliches einatmen, und man kann sich durch moderne Bildschirmarbeit keine BK zuziehen.
Aber: nicht nur Toxen und Noxen können Menschen krank machen, sondern auch unergonomisch gestaltete Bildschirmarbeitsplätze. Es ist ein Fehler, wenn im heutigen Informations- und Kommunikationszeitalter die Bedeutung der Bildschirmarbeitsplätze vernachlässigt wird. Insbesondere wenn geringer Gestaltungsspielraum, höherer Arbeitsdruck, geringere Anerkennung der geleisteten Arbeit und unergonomisch gestaltete Büro-, d. h. Bildschirmarbeitsplätze zusammentreffen, wird die Krankschreibungsrate deutlich steigen. Die Beschäftigten klagen dann oftmals über:
  • asthenopische Beschwerden, Kopfschmerzen, Augenbrennen, -jucken und -flimmern, Blendung

  • Nackenbeschwerden

  • Beschwerden im Bereich der Unterarme und Hände durch repetitive Belastung

  • subjektiv als unbefriedigend empfundene raumklimatische Verhältnisse.

Es darf dabei nicht verkannt werden, dass ein schwieriges Betriebsklima vielfach die Ursache solcher Beschwerden ist, die sich vordergründig an Bedingungen der Bildschirmarbeit manifestieren.
Gestaltungsmaßnahmen
Ein Bildschirmarbeitsplatz besteht aus Arbeitstisch und -stuhl, Rechner, Bildschirm, Tastatur, Arbeitsfläche, usw. Alle Komponenten müssen ergonomisch vernünftig aufeinander abgestimmt sein und dabei die unterschiedlichen Körpermaße der Benutzer berücksichtigen (Abb. 5.2).
Arbeitstisch, Arbeitsstuhl
Der Arbeitstisch muss je nach Aufgabe des Benutzers ausreichend Arbeitsfläche bieten, so dass die Arbeitsmittel (Bildschirm, Tastatur, Vorlagen usw.) den Anforderungen entsprechend individuell angeordnet werden können. Dabei muss noch genügend Ablagefläche frei bleiben. Die Tischoberfläche darf nicht spiegeln und muss frei von Reflexionen sein.
Als Arbeitsstuhl ist ein höhenverstellbarer Bürodrehstuhl mit durchgehend höhen- und neigungsverstellbarer Rückenlehne erforderlich. Arbeitstisch und -stuhl müssen so aufeinander eingestellt werden können, dass eine ergonomisch optimale Arbeitshaltung individuell möglich ist (Ober- und Unterschenkel sowie Ober- und Unterarme bilden dabei jeweils einen Winkel von 90).
Bildschirm
Die Bildqualitäts-Forderungen der BildscharbV beziehen sich insbesondere auf die Kriterien
  • Erkennbarkeit der Zeichen (Schärfe, Kontrast, Größe, Abstand, Farbwiedergabe)

  • Helligkeit und Gleichmäßigkeit des Bildschirms

  • Stabilität des Bildes (Bildwiederholfrequenz 75–85 Hz).

Aufstellung des Bildschirms
Der Bildschirm muss benutzerorientiert in der richtigen Höhe aufgestellt sein, die oberste Textzeile soll sich allerhöchstens in Augenhöhe befinden, komfortabel empfinden die meisten Menschen einen wesentlich niedriger aufgestellten Bildschirm. Die Tiefe des Tisches muss dabei der verwendeten Monitorgröße angepasst sein. Jeder Mensch sollte seine individuelle Bildschirmposition finden (z. B. Tag 1: Bildschirm hoch und nah, Tag 2: tief und nah, Tag 3: hoch und entfernt, Tag 4: tief und entfernt, Tag 5: freies Einstellen der optimalen Position – so lange probieren, bis die Aufstellung für Augen und Wirbelsäule am angenehmsten ist (nach Jaschinski, W., Ergonomics 42 [1999] 535–549). Die Tastatur muss getrennt vom Bildschirm angeordnet sein.
  • Der Monitor muss drehbar sowie nach vorn und hinten neigbar sein.

  • Ausrichtung des Monitors so, dass die Blickrichtung möglichst parallel zum Fenster verläuft

  • Verwendung von blendungsbegrenzten Leuchten oder Indirekt-Arbeitsplatzbeleuchtung.

DAS GEHT SIE AN!

Arbeiten mit dem Notebook

Nahezu jeder Mensch arbeitet inzwischen zu Hause (und überall) am Notebook und nicht mehr am festen Rechner. Aber cave:
  • Notebooks benötigen am festen Arbeitsplatz eine getrennte, frei aufstellbare Tastatur.

  • Bei kleinen LCD-Anzeigen von Notebooks ist außerdem ein getrennt aufstellbarer, großer Bildschirm notwendig

Klima: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Zugluft
ZugluftTemperaturLuftfeuchtigkeitKlimaDie Raumtemperatur soll nach allgemein üblicher Einschätzung etwa 20–22 C, im Sommer nicht mehr als 26 C betragen, wobei die zum Teil erhebliche Wärmeentwicklung aller Geräte im Raum mit berücksichtigt werden muss.
Nach Einschätzung des Autors sind die genannten einschlägigen Behaglichkeitsvorstellungen überholt und zu hoch angesetzt. Etwa 17–19 C Raumtemperatur können bei geistiger und erst recht bei körperlicher Arbeit bei adäquater Bekleidung völlig ausreichend sein, tragen wesentlich zur Energieersparnis und damit zur Schonung der Umwelt bei.
Die optimale relative LuftfeuchtigkeitLuftfeuchtigkeit liegt zwischen 40 % und 65 %. Der Mensch hat keinen Sensor für Luftfeuchtigkeit. Vielfach wird über subjektiv zu hohe oder zu niedrige Luftfeuchtigkeit geklagt, wobei diese Einschätzung einer Objektivierung praktisch nie standhält.
Luftbewegung wird besonders bei höheren Temperaturen oft als angenehm empfunden, störende Zugluft muss jedoch vermieden werden. Die Luftgeschwindigkeit sollte zwischen 0,10 und 0,15 m/s liegen.
Lärm
LärmBildschirmarbeit erfordert in der Regel ein hohes Maß an Konzentration, daher sollte der SchallpegelSchallpegel im Arbeitsraum so niedrig wie möglich gehalten werden. Ein Schallpegel von max. 40 dB(A) ist anzustreben. Auf keinen Fall überschritten werden dürfen Beurteilungspegel von
  • 70 dB(A) bei Routinetätigkeiten und

  • 55 dB(A) bei höheren geistigen Anforderungen.

Physische Belastungen am Bildschirmarbeitsplatz
Körperliche Belastungen am Bildschirm wirken sich in erster Linie am muskulo-skelettalen Haltungsapparat aus. Um die Belastung abschätzen zu können, sind insbesondere folgende Gesichtspunkte zu berücksichtigen:
  • Körperhaltungen: statisch, einseitig, verdreht, gebeugt

  • Bewegungen, besonders des Hand-Arm-Schulter-Bereichs: einseitig, wiederholend

  • muskuläre Verspannungen durch: starke Konzentration, hohe Anforderungen an die Fixationsleistung der Augen, starke Belastung des Kurzzeitgedächtnisses, psychosoziale Belastungen.

Die Wahrscheinlichkeit muskulo-skelettaler Beschwerden steigt, wenn mehrere der genannten (Risiko-)Faktoren zusammentreffen und die Belastungen monoton über längere Zeit anhalten.
Psychische Belastungen am Bildschirmarbeitsplatz
Einen besonderen Problembereich stellen die psychischen Belastungen dar. Diese werden erfahrungsgemäß durch hohen Zeitdruck, lange monotone Tätigkeit am Bildschirm ohne Pausen sowie häufige Störungen bei der Arbeit, teilweise durch die Gleichzeitigkeit mehrerer Informationskanäle, verursacht. Sie können aber auch in der Person des Beschäftigten liegen, wenn eine innere Abneigung gegen Bildschirmarbeit und letztlich auch mangelnde Anpassungswilligkeit (der Mensch muss sich auch an die Arbeit anpassen, nicht nur die Arbeit an den Menschen) nicht überwunden werden kann.
Untersuchung der Augen und des Sehvermögens
SehvermögenGemäß 6 (1) BildscharbV hat der Arbeitgeber den Beschäftigten vor der Aufnahme ihrer Tätigkeit an Bildschirmgeräten, anschließend in regelmäßigen Zeitabständen sowie bei Auftreten von Sehbeschwerden, die auf die Arbeit am Bildschirmgerät zurückgeführt werden können, eine ärztliche Untersuchung anzubieten.

FALLBEISPIEL

Anamnese

Frau Björnsson, 39 Jahre alt, ist als Sachbearbeiterin im Katasteramt einer Großstadt tätig. Zuvor arbeitete sie in einem Einzelbüro in einem heruntergekommenen, aber gut belüfteten Altbau. Nach einer Verwaltungsreform wurde sie mit anderen Sachbearbeiterinnen aus vormals anderen Abteilungen in ein gemeinsames Großraumbüro mit künstlicher Klimatisierung und künstlicher Beleuchtung versetzt. Seither klagt sie über Augenbrennen, Hautjucken, Hustenreiz, Gereiztheit und Nervosität. Abends ist sie ganz schlapp. Der Arbeitsdruck ist enorm. Die Emissionen von fünf Laserdruckern nahe ihrem Arbeitsplatz empfindet Frau Björnsson als sehr unangenehm. Sie macht sich Sorgen, zumal sie gehört hat, dass es schon eine ganze Reihe von Krankheiten durch Laserdruckeremissionen gebe. Ein Umweltingenieur misst 110 g/m3 flüchtige organische Verbindungen (VOC, volatile organic compounds) in der Büroluft, die Luftfeuchte beträgt 48 %. Die Klimaanlage erweist sich als schlecht gewartet und verpilzt, da die Stadt den Wartungsvertrag aus Geldmangel gekündigt hat.

Klinik

Asthenischer Habitus, gerötete Konjunktiven, bei der körperlichen Untersuchung, sonst kein pathologischer Befund. Lungenfunktionsprüfung und Bestimmung der Atemwegsempfindlichkeit regelrecht (also kein Asthma). Typ-III-Serologie auf präzipitierende Antikörper (Alveolitis-Diagnostik) negativ. Augenärztliches Konsil: Astigmatismus, der unzureichend ausgeglichen ist. Schilddrüsenwerte regelrecht.

Diagnose

Konjunktivitis, Astigmatismus.

Therapie

Augentropfen, Brille mit spezieller Eignung auch für Bildschirmabstand. Empfehlung, den Betriebsarzt aufzusuchen, damit sich dieser beim Arbeitgeber für die Wartung der Klimaanlage einsetzt. Empfehlung der Kontaktaufnahme der Patientin mit dem Personalrat.

Beurteilung

In Bürogebäuden entwickeln sich oftmals (arbeits-)medizinisch hochkomplizierte Situationen. Die Koinzidenz von hohem Arbeitsdruck, geringer Entlohnung, wenig Anerkennung und wenig Gestaltungsmöglichkeiten bei der Arbeit führt häufig zu Problemen. Dies gilt besonders, wenn neue äußere Faktoren, oft mit sensorisch wahrnehmbaren Emissionen, hinzutreten. Wenn eine exogen-allergische Alveolitis (v. a. durch Schimmelpilze) und ein ODTS (organic dust toxic syndrome durch Endotoxine) ausgeschlossen sind, keine erhöhte Belastung mit flüchtigen organischen Verbindungen und auch kein verdeckter Schimmel vorliegen, die Bildschirmergonomie und die Raumklimatisierung regelrecht sind, bleiben solche Situationen oft sehr unbefriedigend.

Verlauf

Vermehrte Krankschreibungen. Frau Björnsson bekommt eine Tochter und scheidet aus, die Kolleginnen sind froh, dass sie ihr Gejammer nicht mehr hören müssen.

Fazit

Als Ärzte müssen wir eine systematische somatische Diagnostik durchführen, da sich building related illness z. B. als exogen-allergische Alveolitis manifestieren kann. Über Betriebsarzt und Personalvertretung veranlasste raumhygienische Analysen können hilfreich sein, um toxikologisch, mykologisch, bakteriell oder allergologisch relevante Belastungen auszuschließen. Emissionen von Laserdruckern werden oft als lästig empfunden, in ihrer Toxizität jedoch überschätzt, so dass meist eine pragmatische Separierung ratsam ist.
Wenn dieses alles getan ist: Die Medizin kann nicht alle betriebspsychologischen Probleme lösen. Das von Arbeitspsychologen gern verwendete Zitat love it, change it or leave it klingt hart, aber trifft oft den Kern.

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