© 2020 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-41169-4.10006-4

10.1016/B978-3-437-41169-4.10006-4

978-3-437-41169-4

Anstieg des Prozentsatzes der Erwerbsunfähigkeitsrenten aufgrund psychischer Störungen im Zeitraum 1983–2005 [3].

Psychische Belastung und Beanspruchungsfolgen.

Psychische Belastung und Beanspruchung

Bedeutung
Belastung:psychischeBeanspruchung:psychischeDa die Arbeitsmedizin auf das Engste mit der Arbeitswelt verbunden ist, wirken sich die Veränderungen der Arbeit unmittelbar auf die Probleme und Aufgaben aus, die die Arbeitsmedizin zu bewältigen hat. Besondere Herausforderungen ergeben sich aus Folgendem:
  • Globalisierung

  • Strukturwandel in Richtung wissensintensive Dienstleistungen

  • Alterung der Bevölkerung

  • gewandeltes Panorama arbeitsbedingter Erkrankungen

  • Notwendigkeit zur Begrenzung der Lohnnebenkosten durch Vermeidung von Sozialversicherungsfällen (Erhalt der Arbeitsfähigkeit bis ins Rentenalter).

Die Änderungen der Arbeitswelt lassen sich so zusammenfassen:
  • Reduktion von Personal, Auslagerung von Arbeit, Automatisierung, steigender (internationaler) Konkurrenzdruck, Arbeitsplatzverlust

  • steigende Anforderungen an Produktivität und Effizienz des einzelnen Arbeitnehmers.

  • steigende Anforderungen an Qualifikation, Flexibilität, Mobilität und Verantwortung

  • Die psychomentale Belastung bei der Arbeit zeigt in Folge dieser Veränderungen eine (im Vergleich zur abnehmenden körperlichen Belastung) eher steigende Tendenz.

Parallel dazu nehmen die Häufigkeit von Fehltagen (Arbeitsunfähigkeit) und die Zahl der neuen Rentenfälle in Folge psychischer Erkrankungen zu (Abb. 6.1).
Ob diese Zunahme der psychomentalen Belastung durch die Arbeit und die Zunahme psychischer Erkrankungen ursächlich zusammenhängen, ist derzeit Gegenstand der Forschung. Beides beschäftigt die Arbeitmedizin auch unabhängig voneinander:
  • Die Bestimmung der psychomentalen Belastung ist ein Teil der Gefährdungsbeurteilung, die für jeden Arbeitsplatz durchgeführt werden muss.

  • Fehlzeiten, verminderte Leistungsfähigkeit trotz Anwesenheit und ggf. Wiedereingliederung von Personen, die durch psychische Erkrankungen leistungsgewandelt sind, betreffen die Aufgaben des Hausarztes und des Betriebsarztes.

Gefährdungsmechanismen
GefährdungsmechanismenDas Belastungs-Beanspruchungs-Wirkungskonzept (Kap. 3.1) kann schematisch verdeutlichen, wie psychische Belastungen am Arbeitsplatz unter bestimmten Umständen zu individuellen und zeitlich unmittelbaren, kurzfristigen Reaktionen eines Menschen (Beanspruchung) führen, die bei längerer Einwirkung und in längerer Zeit sowohl positive (Wachsen an den Aufgaben) als auch negative Auswirkungen (z. B. Krankheit) haben können. Als Stressoren werden Arbeitsbelastungen bezeichnet, die Stress (Beanspruchung) auslösen können.
Für die Erfassung von psychischen Belastungen durch die Arbeit kann unterschieden werden zwischen den personenunabhängigen Belastungssituationen (objektive, personenunabhängige und aufgabenzentrierte Sichtweise der Arbeitsbedingungen – bedingungsbezogene Analyseverfahren) und der subjektiven Wahrnehmung der arbeitenden Person bezüglich ihrer Arbeitsbelastungen. Bei Letzterem ist die Grenze zwischen Belastung (externe Sichtweise der Arbeitsbelastung) und Beanspruchung (interne Sichtweise der Arbeitsbelastung) nicht sicher zu ziehen, da die individuelle Situation auch die Sichtweise der Arbeitsbedingungen beeinflusst.
Beispiele für personenunabhängige Belastungen sind:
  • Zeitdruck durch Rationalisierung und Arbeitsverdichtung durch Personalabbau

  • Anforderungen durch rasch wechselnde neue Technologien

  • Mehrgleisigkeit (Telefon, PC mit Internetanbindung, laufender Eingang von E-Mails, Sprechfunk, Handy, Anzeigetafeln etc.)

  • hohe Verantwortung

  • Unsicherheit des Arbeitsplatzes

  • oft lange Anfahrtswege

  • mitunter interpersonelle Probleme am Arbeitsplatz (bis hin zum Mobbing).

Während manche Stressfaktoren mit bestimmten Arbeiten (z. B. Fluglotsendienst, OP-Personal, die meisten Verkehrsberufe) untrennbar verbunden und damit relativ wenig beeinflussbar sind, lassen sich in anderen Bereichen Verbesserungen der psychomentalen Belastung durch strukturelle Maßnahmen erzielen. So wurden z. B. Dienstvereinbarungen zum Schutz der Beschäftigten vor Mobbing am Arbeitsplatz entwickelt.
Die Beurteilung der Beanspruchung erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen.
  • Die subjektive Beanspruchung beinhaltet die Einschätzung des Erlebens der Arbeit und des Befindens. Die Beanspruchungsreaktionen sind durch typische Erlebensqualitäten charakterisiert. Aus Handlungs- und Verhaltensänderungen lässt sich Beanspruchung ableiten. Die Beanspruchungsreaktionen können mit instabiler und/oder verminderter Leistungsfähigkeit einhergehen. Beispiele für Modelle zu potenziell gesundheitsschädlicher subjektiver Beanspruchung s. u.

  • Somatische Beanspruchungsobjektivierung basiert auf der Erfassung von Veränderungen vegetativer, hormoneller, elektrophysiologischer und metabolischer Parameter.

Aufbauend auf einem erweiterten Belastungs-Beanspruchungs-Bewältigungskonzept werden arbeitsbedingte Ermüdung, Stress, die Monotonie und der Zustand psychischer Sättigung als Beanspruchungsreaktionen mit vorübergehender Verschlechterung der Aufgabenbewältigung verstanden.
Ermüdung
ErmüdungArbeitsbedingte Ermüdung wird definiert als Zustand einer belastungsbedingten, zeitabhängigen, reversiblen Verminderung der Leistungsfähigkeit, die mit psychophysiologischen Funktionsänderungen einhergeht.
Ermüdung tritt erst nach einer bestimmten Tätigkeitsdauer auf und ist abhängig von Art, Dauer, Intensität und Umgebungsbedingungen einer Arbeit sowie individuellen Voraussetzungen des Menschen. Sie kann verschiedene Phasen durchlaufen. Entsprechend der Art der Belastung und den unterschiedlichen physiologischen Mechanismen werden unterschieden:
  • periphere oder Muskelermüdung, überwiegend bei physischen Belastungen

  • zentralnervöse oder psychische Ermüdung, überwiegend bei psychomentaler Belastung.

Stress
StressStress wird meist einseitig mit übermäßiger Arbeit und Gesundheitsgefährdung in Verbindung gebracht. Stress als eine unspezifische Anpassungsreaktion eines Lebewesens entsteht, wenn die Befriedigung von biologischen und/oder gesellschaftlichen Bedürfnissen, Motiven oder Zielen bei Handlungsnotwendigkeit und Handlungsschwierigkeit gefährdet ist. Oder anders ausgedrückt: Stressreaktionen (subjektiv Empfindung der gestressten Person oder objektiv zu beobachten) treten vor allem dann auf, wenn eine Herausforderung die einer Person zur Verfügung stehenden Fähigkeiten und Ressourcen so stark beansprucht oder übersteigt, dass sie nicht in der Lage ist, erfolgreich auf sie zu reagieren. Solche Situationen werden als Bedrohung empfunden, wenn die handelnde Person sie als wichtig einschätzt und im Fall des Misserfolgs negative Konsequenzen befürchten muss. Auch Unterforderung ist ein Stressor.
Monotonie
MonotonieUnter dem ermüdungsähnlichen Zustand Monotonie wird eine reversibel herabgesetzte psychische Aktivität verstanden, die sich in erhöhtem Müdigkeits- und Schläfrigkeitsgefühl mit Leistungsschwankungen und -minderungen zeigt und durch spezifische Umstände einer Arbeitssituation hervorgerufen wird.
Psychische Sättigung
psychische SättigungPsychische Sättigung als stressähnlicher Zustand ist charakterisiert durch Widerwillen, Abneigung gegen eine Tätigkeit oder eine Situation. Dies geht mit Leistungsverschlechterung, affektiven Ausbrüchen und Unruhe einher.
Eine Reihe negativer gesundheitlicher Folgen von Beanspruchung, die per se noch nicht als Krankheiten (nach ICD 10) definiert sind, aber Vorstadien von Erkrankungen darstellen können, werden beschrieben. Beispielhaft sind hier zwei Modelle von Störungen aufgeführt, die per Definition durch Arbeitsbedingungen verursacht werden.
Burnout
BurnoutMit Burnout wurde ursprünglich ein Symptomenkomplex von Müdigkeit, Gereiztheit, Unausgeglichenheit sowie negativer zynischer Grundstimmung gegenüber Kollegen, Klienten und der eigenen Arbeit bezeichnet. Dieser Zustand war bei besonders engagierten und pflichtbewussten Helfern in Sozialberufen zu beobachten, die zu Beginn ihrer beruflichen Tätigkeit unrealistisch hohe Erwartungen an das hatten, was sie beruflich bewirken könnten, die für ihre Arbeit förmlich entflammt waren, und dann von der Realität enttäuscht wurden, was zu den o. g. Symptomen und dem Gefühl führte, ausgebrannt zu sein.
Heute wird Burnout als Synonym für physische und psychische Befindensbeeinträchtigung vor allem bei Beratungs-, Pflege- und Betreuungstätigkeiten verwendet. Nach der häufig verwendeten Definition von Maslach und Jackson zeichnet sich Burnout im beruflichen Kontakt mit anderen Menschen aus durch:
  • emotionale Erschöpfung: Gefühl, durch den Kontakt überbeansprucht und ausgelaugt zu sein

  • Depersonalisation: gefühllose und abgestumpfte Reaktionen im Umgang mit den Interaktionspartnern; negative und zynische Einstellungen gegenüber den Klienten

  • Gefühle reduzierter persönlicher Erfüllung und Leistungsfähigkeit: Unzufriedenheit mit der eigenen Person, wachsendes Gefühl der Inkompetenz und des Versagens bei der Arbeit mit Menschen.

Irritation
IrritationIrritation nach der Definition von Mohr beschreibt die Folgen von beständig wirkenden alltäglichen Stressoren im Arbeitskontext. Es werden habitualisierte Gereiztheitsreaktionen (emotionale Ebene), die Unfähigkeit abzuschalten (kognitive Ebene) sowie persönlich wahrgenommene körperliche Agitation (physiologische Ebene) erfasst. Sekundärfolgen, wie nachlassende soziale Unterstützung aufgrund andauernder Gereiztheitsreaktionen, erfordern von der betroffenen Person zusätzliche Regulationshandlungen, für die jedoch keine psychischen Ressourcen vorhanden sind. Diese Stressfolgen bauen sich infolge von Belastungen während der Erwerbsarbeit auf und dauern in der arbeitsfreien Zeit an.
Burnout und Irritation sind keine Krankheiten, sind aber schwerer wiegenden psychosomatischen Beeinträchtigungen vorgelagert.
Mobbing
MobbingMobbing umfasst negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind, die Anfeindungen, Schikanen und Diskriminierungen beinhalten, diese Person in eine Position der Unterlegenheit bringen und über einen längeren Zeitraum erfolgen. Mobbinghandlungen werden (nach Leymann) in fünf Kategorien eingeteilt:
  • Angriffe auf die Möglichkeiten, sich mitzuteilen

  • Angriffe auf die sozialen Beziehungen

  • Auswirkungen auf das soziale Ansehen

  • Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation

  • Angriffe auf die Gesundheit.

Die Prävalenz wird auf zwischen 1 bis 4 % der Beschäftigten eingeschätzt. Die Dauer liegt meist zwischen 15 und 40 Monaten. Oftmals treten psychosomatische Beschwerden auf, ärztliche und therapeutische Fehleinschätzungen sind nicht selten. Häufig resultieren langfristige Krankschreibung, Versetzung, Kündigung, Frühberentung.
Die Ursachen von Mobbing werden in einem komplexen Zusammenwirken von persönlichen Beziehungen und institutionellen Rahmenbedingungen gesehen – vereinfacht:
  • Ursachen im Täter (Kränkung, Rachegedanken, Arroganz, Machtstreben)

  • Ursachen im Opfer (soziale Besonderheiten, besonders hohe oder mangelnde Leistung)

  • Ursachen in den Sozialbeziehungen (schlechtes Betriebsklima, Neid, Gruppendruck)

  • Ursachen in der Organisation (schlechte Führung/Unternehmenskultur, ungünstige Arbeitsbedingungen, schlechte Arbeitsorganisation, Rationalisierungsmaßnahmen).

Präventions- und Interventionsmöglichkeiten liegen auf Seiten des Betriebs (Vorgesetztenschulung, Verpflichtung zur Mediation, Schlichtungsstelle), der Vorgesetzten (keine Toleranz von Mobbing), Kollegen (Wahrnehmung, Eingreifen, Konfliktbewältigung) und Betroffenen (Kontaktaufnahme mit Beratung, ggf. juristisches Vorgehen).
Stressmodelle mit negativen gesundheitlichen Folgen
Personenunabhängige Arbeitsbedingungen
StressmodellDer Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen an sich (unabhängig von der subjektiven Bewertung) und Krankheit ist Gegenstand intensiver Forschung, deren Ergebnisse sich in den Lehrbüchern der Arbeits- und Organisationspsychologie finden. Generell kann man derzeit sagen, dass hinsichtlich psychischer Erkrankungen klassische Stressoren (wie Arbeitsintensität, Belastungen durch schlecht strukturierte Umgebung, organisatorische Probleme, Konflikte) eher mit psychosomatischen Problemen und Irritation einhergehen; fehlende Ressourcen und fehlende positive Aspekte der Arbeit sind eher mit Depressivität und mit mangelndem Selbstwertgefühl verbunden (Abb. 6.2).
Tätigkeiten, die durch die kontinuierliche oder länger dauernde Notwendigkeit, eine hohe Aufmerksamkeit aufzubringen, um das Eintreten möglicherweise katastrophaler Konsequenzen zu vermeiden (evtl. bei gleichzeitiger Monotonie), gekennzeichnet sind, sind mit einem erhöhten Risiko für eine koronare Herzkrankheit verbunden. Beispiele finden sich in Berufen mit Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten (z. B. Busfahrer).
Arbeitsbedingungen nach subjektiver Einschätzung durch die Betroffenen
Nach dem demand-controldemand-control-(Anforderungs-/Kontroll-)Anforderungs-Kontroll-ModellModell von KarasekKarasek und TheorellTheorell sind Arbeiten mit hoher psychomentaler Belastung durch folgende Trias gekennzeichnet:
  • hohe Arbeitsanforderungen demand (z. B. Zeitdruck, Arbeitshektik, widersprüchliche Arbeitsanforderungen)

  • geringe persönliche Entscheidungs- und Entwicklungsfreiheit control (wenig Freiheitsgrade, wenig Möglichkeiten, Vorbildung zu nutzen, geringe berufliche Kompetenz, wenig Möglichkeiten zur Weiterentwicklung der eigenen Qualifikation; der Betroffene kann seine Aufgaben nicht aktiv und erfolgsgesteuert bearbeiten und macht die Erfahrung, wesentliche Aspekte seiner Umwelt nicht kontrollieren zu können – Erfahrung mangelnder Selbstwirksamkeit)

  • geringe soziale Unterstützung.

In diese Kategorie gehören unter anderem Berufe, deren Arbeitsablauf durch Maschinen (Fließbandarbeit) oder andere Personen (statusniedriges Arbeiten im Dienstleistungsbereich) vorgegeben wird.
Nach dem effort-reward imbalanceeffort-reward imbalance-(Gratifikationskrisen-) Gratifikationskrisen-ModellModell (SiegristSiegrist) liegt als Ursache psychischer Belastung am Arbeitsplatz ein Ungleichgewicht zwischen hoher Verausgabung und geringer Belohnung zugrunde. Stress entsteht hiernach, wenn große Anstrengung bei der Arbeit auf fehlende Anerkennung und Wertschätzung, schlechte Bezahlung und/oder ausbleibende Beförderung oder Arbeitsplatzunsicherheit stößt.
Beschäftigte werden sich zwar bemühen, solchen Situationen auszuweichen, es lassen sich in dem Modell jedoch Bedingungen benennen, die diese Strategie verhindern können:
  • Es gibt von der persönlichen Qualifikation, den persönlichen Notwendigkeiten und der Arbeitsmarktsituation her keine Alternative zur gegenwärtigen Tätigkeit.

  • Aus strategischen Gründen in Erwartung einer zukünftigen Verbesserung (beruflicher Aufstieg) wird die Situation in Kauf genommen.

  • Die Beschäftigten haben ein in der Persönlichkeit verankertes Muster der Bewältigung beruflicher Aufgaben, das als übersteigerte berufliche Verausgabungsneigung (OvercommitmentOvercommitment) bezeichnet wird. Betroffene weisen eine distanzlose Identifikation mit den an sie gestellten beruflichen Anforderungen auf und neigen dazu, Leistungserwartungen und Belohnungen unrealistisch einzuschätzen: Sie leisten oft mehr, als von ihnen erwartet wird und verausgaben sich in einem Umfang, der auf lange Sicht in einen chronischen Erschöpfungszustand münden kann.

Folgen psychischer Belastung
Beide o. g. Modelle haben bei ihrer Anwendung in epidemiologischen Studien gezeigt, dass sich ein Zusammenhang zwischen dem subjektiv empfundenen Stress bei der Arbeit und dem Risiko kardiovaskulärer und psychiatrischer Erkrankungen (insbesondere der Depression) nachweisen lässt. Akute StressreaktionenStressreaktionen wie Anstieg der Herzfrequenz und des Blutdrucks sowie Beeinflussung des Cortisoltagesprofils und der Stimmungslage sind gut belegt und machen das Erkrankungsrisiko biologisch plausibel. Moderne betriebliche Interventionsmaßnahmen beinhalten daher auch Programme zur Reduktion krankmachenden Stresses.

FALLBEISPIEL

Anamnese

Die 51-jährige Frau Guttbiehr arbeitet seit ihrem Hauptschulabschluss als Wäscherin in einer Filiale eines Reinigungsbetriebs. Seit vielen Jahren besteht eine Fahrgemeinschaft mehrerer Kollegen/innen aus ihrem Wohnort und der Nachbargemeinde zum Arbeitsplatz. Es herrscht ein sehr kameradschaftliches, wertschätzendes Betriebsklima mit persönlichen Freundschaften. Frau Guttbiehr wuchs in einem kleinen Dorf im Schwarzwald als Einzelkind bei der früh verwitweten Mutter und dem Stiefvater auf, der sie über sieben Jahre regelmäßig brutal vergewaltigte. Nach ihrem Fortzug in die Kreisstadt hatte sie mehrere, teils mehrjährige, stets unbefriedigende Partnerschaften. Nach deren Beendigung reagierte Frau Guttbiehr stets mit depressiven Einbrüchen, die ambulant medikamentöse Behandlung erforderten. Jetzt ist sie seit 12 Jahren verheiratet mit einem 56-jährigen Handwerker, der eine Tochter in die Ehe gebracht hat; sie hat keine eigenen Kinder.
Frau Guttbiehr ist seit acht Wochen arbeitsunfähig wegen einer schweren Depression. Auslösend ist die Ankündigung des Reinigungsbetriebs, die Filiale zu schließen; Frau Guttbiehr soll zusammen mit zwei weiteren bewährten Kräften in einen 20 km entfernt gelegenen neuen Großbetrieb übernommen werden.

Klinik

Mäßig adipös, internistisch sonst unauffällig. Repetitiver Rapport, anklammernd, rat- und perspektivlos, Todeswunsch, nicht sicher distanziert von konkreten Suizidvorstellungen. Keine formalen Denkstörungen.

Diagnose

  • Persönlichkeitsstörung vom abhängigen Typ

  • posttraumatische Belastungsstörung

  • rezidivierende depressive Episode

  • Suizidalität.

Therapie

Stationäre Behandlung zunächst allgemeinpsychiatrisch über zwei Wochen, anschließend psychotherapeutisch unter Medikation.

Beurteilung

Auch Menschen mit mehreren psychiatrischen Diagnosen können langjährig zuverlässige Arbeitnehmer sein und gerade durch Arbeit zu ihnen gemäßen Bedingungen langfristig stabilisiert und erwerbsfähig gehalten werden. Bei Verlust des Arbeitsplatzes folgen gelegentlich dramatische Verschlechterungen.

Verlauf

Nach dreimonatiger stationärer Therapie Wiederaufnahme der Arbeit nunmehr am neuen Arbeitsplatz. Begleitende niederfrequente ambulante Gesprächstherapie ohne Medikation.

Fazit

Jeden Patienten nach seinem Befinden und im Verdachtsfalle immer in angemessener Form nach Suizidalität fragen!
Prävention und Behandlung
Prävention psychischer ProblemeGrundsätzlich gibt es die Möglichkeit der VerhältnispräventionVerhältnisprävention und der VerhaltenspräventionVerhaltensprävention. Je nach Stadium der Erkrankung lässt sich die primäre (vor Auftreten der Erkrankung) von der sekundären (Erfassung a- oder oligosymptomatischer Frühstadien zur Verhinderung der Verschlimmerung) und der tertiären Prävention (Rückfallprophylaxe) unterscheiden.
Primär- und Sekundärprävention auf betrieblicher Ebene
Die VerhältnispräventionVerhältnisprävention ist fachlich die Domäne der Arbeits- und Organisationspsychologie. Der Betriebsarzt, wenn nicht speziell ausgebildet, kann lediglich auf die Notwendigkeit aus gesundheitlicher (und humaner Sicht allgemein) hinweisen.
Forderungen an einen gesundheitsförderlichen Arbeitsplatz sind:
  • menschengerechte und sichere Arbeitsgestaltung; Berücksichtigung ergonomischer Erkenntnisse und der individuellen Konstitution

  • Festlegung adäquater Arbeitszeiten und Ruhepausen, Anpassung der Rhythmen der Arbeit an die Möglichkeiten der Beschäftigten

  • Transparenz der Arbeitsabläufe, Arbeitsanreicherung durch Integration von planenden, ausführenden, steuernden und kontrollierenden Tätigkeiten, Vermeidung störender Arbeitsunterbrechungen, Partizipation

  • offene und flache Kommunikationswege zu Vorgesetzten und Kollegen, Konfliktlösung, transparente Anreizsysteme (Entlohnung) und soziale Anerkennung, Vertrauenskultur

  • Qualifizierung für gegenwärtige und zukünftige Tätigkeiten, Einführung in die Arbeitsaufgaben, zielorientierte Maßnahmen des Trainings und der Gesundheitsförderung

  • Beschwerden an- und ernst nehmen; Vereinbarkeit von Beruf und Familie/Privatleben (Work-Life-Balance) ermöglichen, Beratungseinrichtungen, Sozialdienst; Schonarbeitsplätze.

Zur Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich psychischer Belastungen kann der Betriebsarzt durch persönliche Beobachtung und systematische Auswertung der Erkenntnisse aus Vorsorgeuntersuchungen beitragen (gehäufte Klagen und Erkrankungen in bestimmten Arbeitsbereichen). Zur systematischen Analyse psychischer Belastungen, der Beanspruchung und der Beanspruchungsfolgen steht eine Reihe von standardisierten Messverfahren zu Verfügung, die auch für den Arzt erlern- und interpretierbar sind. Hinzu kommen Mitarbeiterumfragen und Mitarbeiterinterviews und themenzentrierte Mitarbeiter-Arbeitskreise, an denen der Arzt mitwirken kann.
Hinsichtlich der VerhaltenspräventionVerhaltensprävention stehen ausgearbeitete Programme z. B. zum Stressmanagement zur Verfügung, die allerdings wie andere Verfahren mit ähnlicher Thematik (z. B. Coaching) eine praktische Zusatzkompetenz erfordern.
Primär- und Sekundärprävention auf individueller Ebene
Die Voraussetzung für die erfolgreiche Prävention psychischer Probleme durch den Hausarzt oder den Betriebsarzt ist das Erkennen der Problematik. Dazu ist das Eingehen auf spontan geäußerte Beschwerden über Zustände oder Konflikte in der Arbeit ebenso notwendig wie das gezielte Fragen nach der Zufriedenheit mit der beruflichen Situation. Die

Verhaltens- und verhältnisorientierte Ansatzpunkte zur Belastungsoptimierung und Gesundheitsförderung

Tab. 6.1
institutionell (Situation, Betrieb) verhältnisorientiertindividuell (Person) verhaltensorientiert
Belastungen und Beanspruchungenz. B. Belastungsabbau, Pausen, Arbeitsplatzgestaltungz. B. Stressmanagement, Entspannungsübungen
Ressourcenz. B. Erhöhung des Handlungs- und Kontrollspielraumes, Verbesserung des Kooperationsklimasz. B. Qualifikation, Schulung, Kompetenztraining
Kenntnis der o. g. Risikokonstellationen des Anforderungs-/Kontroll-ModellsAnforderungs-Kontroll-Modell und des Gratifikationskrisen-ModellsGratifikationskrisen-Modell sind hierfür grundlegend.
Je nach Kompetenz kann der Arzt versuchen, mit dem Beschäftigten – hier als Patienten – die Problematik selbst anzugehen oder fachliche Hilfe anzufordern. Auch wenn der Entstehungsweg im Einzelfall möglicherweise arbeitsspezifisch ist (z. B. Burnout), so sind die entstehenden psychischen bzw. psychosomatischen Befindensstörungen und Erkrankungen auf individueller Ebene nicht unterschiedlich von den außerberuflich entstandenen. Sie gehören in die Betreuung entsprechender Fachärzte.

Fragen zu Kapitel 6

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen