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B978-3-437-41169-4.10021-0

10.1016/B978-3-437-41169-4.10021-0

978-3-437-41169-4

Substanzen zur Verbesserung der kognitiven FähigkeitenPsychostimulanzienAntidementiva

(nach DAK Gesundheitsreport 2009)

Tab. 21.1
Wirkstoff/
-klasse
Anwendungsgebiete Wirkung spezielle Problematik am Arbeitsplatz
Psychostimulanzien
Methylphenidat hyperkinetische Störung bzw. Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern ab 6 Jahren und Weiterführung der Therapie bei Jugendlichen im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, Leistungs- und Entscheidungsbereitschaft, Unterdrückung von Müdigkeit Schlafstörungen, Selbstüberschätzung, Euphorie, Inappetenz
Modafinil Narkolepsie mit und ohne Kataplexie, Schlafapnoe, Schichtarbeiter-Syndrom, chronisches Müdigkeitssyndrom, Depressionen, Schizophrenie oder ADHS (alle off-label-use) verbessert die Wachheit und Vigilanz (Daueraufmerksamkeit) während des Tages ungeeignet zum Ausgleich chronischen Schlafmangels
Antidementiva
Piracetam chronische hirnorganisch bedingte Leistungsstörungen im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts bei demenziellen Syndromen mit Gedächtnis-, Konzentrations-, Denkstörungen, vorzeitiger Ermüdbarkeit, Antriebs-, und Motivationsmangel, Affektstörungen Verbesserung kognitiver Fähigkeiten durch Anregung des Hirnstoffwechsels smart drug, laut Cochrane-Review relativ wirkungslos
Donepezil, Rivastigmin, Galantamin (alle Cholinesterasehemmer) leichte bis mittelschwere Alzheimer-Demenz verzögert das Fortschreiten der Verschlechterung der geistigen und Alltagskompetenzen Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
Memantin moderate bis schwere Alzheimer-Demenz Verbesserung von Lernen, Erinnern und der Fähigkeit zur Alltagsaktivität Schwindel, Verstopfung, RR-Anstieg, Kopfschmerzen, Müdigkeit
Dihydroergotoxin Demenzerkrankungen und andere Hirnleistungsstörungen im Alter mit folgender Leitsymptomatik: Störung der geistigen Leistungsfähigkeit, Befindlichkeit, Motivation und sozialen Interaktion Einfluss auf Lern- und Gedächtnisleistung durch Beschleunigung geistiger und psychomotorischer Vorgänge Übelkeit, Erbrechen, Brechreiz, Magen-Darm-Beschwerden, Appetitlosigkeit

Wirkstoffe zur Verbesserung des psychischen WohlbefindensAntidepressiva<03B2>-Rezeptorblocker

(nach DAK Gesundheitsreport 2009)

Tab. 21.2
Wirkstoff/-klasse Anwendungsgebiete Wirkung spezielle Problematik am Arbeitsplatz
Antidepressiva (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer)
Citalopram, Fluoxetin und andere selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Episoden einer Major Depression, Zwangsstörungen, Essstörungen wie Bulimie wirkt stimmungsaufhellend und steigert Antrieb/Handlungsbereitschaft Unruhe, Angst, Desorientiertheit, Schlafstörungen, Störungen der Sexualfunktionen
-Rezeptorblocker
z. B. Metoprolol Hypertonie, Herzinsuffizienz,
ischämische bzw. koronare Herzkrankheiten, Migräneprophylaxe, Angststörungen (off-label-use)
Hemmung der aktivierenden Wirkung von Adrenalin und Noradrenalin und damit Dämpfung des stimulierenden Effekts des Sympathikus auf das Herz Impotenz bei Männern, Schwindel

Suchtproblematik und Doping am Arbeitsplatz

Nikotin

Epidemiologie
NikotinDoping30 % der erwachsenen deutschen Bevölkerung (35 % der Männer und 27 % der Frauen) bezeichnen sich als SuchtproblematikRaucher. Die Anteile derer, die jemals in ihrem Leben regelmäßige Raucher waren, sind bei den Geburtsjahrgängen der Frauen ab 1940 steil angestiegen, während bei Männern die Anteile seit den Jahrgängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts konstant hoch waren. In den Geburtsjahrgängen ab 1960 nahmen die Anteile der Jemalsraucher leicht ab. Das Nikotin:SuchtpotenzialSuchtpotenzial von Nikotin wird als ähnlich hoch wie das der Opiate angesehen. Mindestens ein Drittel der Raucher gelten als abhängige Raucher, bei Alkoholkonsumenten sind das vergleichsweise nur 4 %.

MERKE!

Das Suchtpotenzial von Nikotin wird als ähnlich hoch wie das der Opiate angesehen. Mindestens ein Drittel der Raucher gilt als abhängig.

Der Wunsch aufzuhören, ist bei der Mehrzahl der Raucher vorhanden. Nur 20 % erklären, dass sie diesbezüglich keine Bemühungen unternehmen wollen. Bei dem prozentualen Anteil derjenigen, die tatsächlich ernsthafte Aufhörversuche unternommen haben, liegt Deutschland europaweit mit 43 % jedoch an drittletzter Stelle (EU-Durchschnitt 55 %). Inzwischen ist hinlänglich bekannt, dass sich Nikotinkonsum und Raucherquote durch Verteuerung, Werbungseinschränkung und Rauchverbote wirksam eindämmen lassen.
Rauchen ist in aller Regel eine schwerwiegende Suchterkrankung. Nur ca. 2 % bis 4 % aller Raucher schaffen es ohne therapeutische Hilfe, langfristig mit dem Rauchen aufzuhören. Jährlich sterben in Deutschland etwa dreimal so viele Personen an den Folgen des Rauchens wie an den Folgen des Alkohols. Jährlich sterben über 110 000 Menschen allein in Deutschland an den Folgen des Rauchens, das sind 22 % aller Todesfälle bei Männern und 5 % bei Frauen. Ein Raucher verkürzt seine Lebenserwartung um durchschnittlich 10 Jahre.

MERKE!

Jährlich sterben in Deutschland etwa dreimal so viele Personen an den Folgen des Rauchens wie an den Folgen des Alkohols.

Arbeitsmedizinische und sozioökonomische Bedeutung
Im betrieblichen Umfeld stellt die Nikotinabhängigkeit ein Problem dar, da Raucher im Mittel höhere Rauchen:ArbeitsunfähigkeitArbeitsunfähigkeitszeiten als Nichtraucher aufweisen und unter den Rauchern eine deutlich größere Anzahl noch in der Phase der Berufszeit verstirbt oder vorzeitig berentet wird. Durch zahlreiche Zigarettenpausen geht in der Regel effektive Arbeitszeit verloren.
Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Raucher im Mittel kürzer leben, sind die Rauchen:KrankheitskostenKrankheitskosten pro gelebtem Lebensjahr bei Rauchern höher als bei Nichtrauchern.
Durch den Nichtraucherschutz in 5 der Arbeitsstättenverordnung sowie durch das NichtraucherschutzgesetzNichtraucherschutzgesetz ist der Arbeitgeber verpflichtet, seine Beschäftigten wirksam vor Passivrauch zu schützen. Dies ist dringend geboten, denn eine Passivrauchexposition am Arbeitsplatz geht einher mit einem erhöhten Risiko für chronisch-obstruktive Atemwegserkrankungen, Lungenkarzinome und wohl auch zerebrovaskuläre und koronare Ereignisse.
Die Häufigkeit des Zigarettenkonsums nimmt ab und die Nichtraucherquote steigt, wenn das Rauchen unter der Arbeit nicht mehr möglich ist, und stattdessen längere Wege in Kauf genommen werden müssen.

MERKE!

Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Raucher im Mittel kürzer leben, sind die Krankheitskosten pro gelebtem Lebensjahr bei Rauchern höher als bei Nichtrauchern.

Im Gegensatz zu anderen Abhängigkeitserkrankungen ist die sozialzerstörerische Potenz weniger offensichtlich. Daher wird dieses Suchtproblem oft bagatellisiert. Die betriebliche Gesundheitsförderung bietet einen guten Ansatzpunkt für eine arbeitsplatzbezogene Raucherberatung und Tabakentwöhnung. Gerade die Ärzte sollen regelmäßig das Rauchverhalten ansprechen, medizinische Empfehlungen zum Rauchverzicht geben und über die örtlichen Angebote zur Raucherentwöhnung informieren können bzw. sich diesbezüglich selbst Kompetenzen erwerben. Die Motivation, das Rauchen einzustellen, steigt nachweisbar durch wiederholte Hinweise aus dem persönlichen Umfeld des Betroffenen.

Alkohol

Definition
AlkoholWer nicht mehr trinkt, als ihm bekömmlich ist und seinen Konsum auf Gelegenheiten beschränkt, in denen er weder sich noch andere gefährdet, betreibt einen gesundheitsverträglichen Alkoholkonsum.
Unter riskantem Alkohol:riskanter KonsumKonsum versteht man einen Alkoholverbrauch von täglich mehr als 40 g reinem Alkohol beim Mann (entsprechend 2 Flaschen Bier oder 2 Gläsern Wein) bzw. mehr als 20 g bei der Frau, dementsprechend mehr als 280 g (140 g) pro Woche. Oberhalb dieser Grenze ist langfristig mit körperlichen Folgeschäden wie Leberzirrhose, Hirnatrophie, Pankreatitis u. a. zu rechnen, natürlich auch mit psychischen und sozialen Problemen.
Von Alkohol:MissbrauchAlkoholmissbrauch spricht man, wenn der Betroffene trotz offensichtlicher alkoholbedingter gesundheitlicher Probleme sein Trinkverhalten nicht verändert oder wenn er wiederholt in gefährdenden Situationen Alkohol konsumiert (Alkoholisierung am Steuer oder am Arbeitsplatz).
Aus einem meist langjährigen überhöhten Alkoholkonsum kann sich schleichend eine Alkohol:AbhängigkeitAlkoholabhängigkeit entwickeln. Symptome einer psychischen Alkohol:psychische AbhängigkeitAbhängigkeit allgemein sind:
  • nicht mehr rational steuerbares intensives Verlangen

  • verminderte Steuerbarkeit für die konsumierten Substanzmengen (Kontrollverlust)

  • ungebremster Konsum trotz ersichtlicher körperlicher, psychischer oder sozialer Folgeprobleme

  • Überschreiten des gesellschaftlich tolerierten Trinkverhaltens

  • Vernachlässigung der sonst üblichen Interessen und Lebensziele.

Hinweise auf eine körperliche Alkohol:körperliche AbhängigkeitAbhängigkeit sind:
  • Toleranzerhöhung bezüglich der Trinkmengen

  • Alkohol:Entzugssyndrom Alkoholentzugssyndrom

  • Trinken zur Milderung der Entzugssymptomatik.

Schon wenn drei dieser oben genannten psychischen oder körperlichen Symptome zutreffen, spricht man von einer Abhängigkeit.
Epidemiologie
In Deutschland werden 10 Liter reiner AlkoholkonsumAlkohol pro Jahr und Kopf der Bevölkerung getrunken (112 l Bier, 25 l Wein/Sekt, 6 l Spirituosen). Damit liegt die Bundesrepublik weltweit in der Spitzengruppe.
Etwa 8 % in der deutschen Bevölkerung leben abstinent, 18 % liegen in ihrem Trinkverhalten oberhalb des risikoarmen Konsums. Davon erfüllen etwa 4 % die Kriterien für Missbrauch und 2 % die für eine Abhängigkeit. Aktuelle Schätzungen gehen von ca. 75 000 Todesfällen pro Jahr durch Alkohol aus. Gerade in der produktivsten Phase des Lebens zwischen 35 und 65 Jahren ist jeder vierte Todesfall bei Männern (jeder achte bei Frauen) auf einen übermäßigen Alkoholkonsum zurückzuführen.

MERKE!

Deutschland belegt im Alkoholkonsum weltweit einen Platz in der Spitzengruppe.

Arbeitsmedizinische Bedeutung
Nach aktuellen Schätzungen entsteht der deutschen Wirtschaft durch die Auswirkungen des überhöhten Alkoholkonsums ein volkswirtschaftlicher Schaden von 24 Mrd. Euro, entsprechend 1,2 % des Bruttoinlandsproduktes. Berücksichtigt sind dabei die direkten Krankheitskosten (8 Mrd.: ambulante und stationäre Behandlung, nicht medizinische direkte Kosten, Rehabilitation) und die indirekten Kosten (16 Mrd.: Mortalität, Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung).
Mittels Fahrsimulationstests konnte nachgewiesen werden, dass schon bei einer Blutalkoholkonzentration von 0,5 die Konzentration, die Reaktionsgeschwindigkeit, das Einschätzungsvermögen für Entfernungen und die Feinmotorik beeinträchtigt werden und damit die Unfallgefahr steigt. Das Unfallrisiko steigt nachweisbar ab 0,3 , ist bei 0,5 schon verdoppelt, bei 0,8 vervierfacht und bei 1,1 verzehnfacht.
Vergleichbare Auswirkungen dürfte eine Alkoholisierung am Arbeitsplatz auf Arbeitsqualität, Arbeitsmenge und Arbeitssicherheit haben, deshalb sind Maßnahmen zur Verminderung der Alkoholverfügbarkeit – am besten jedoch ein Alkoholverbot – unter der Arbeit eine sinnvolle Präventionsmaßnahme.
Wechselnde Leistungen, Stimmungsschwankungen, Aggressivität, Schuldverschiebungen, hohe Fehlzeiten, plötzliches Verschwinden vom Arbeitsplatz und Unzuverlässigkeiten belasten das Betriebsklima, wenn Mitarbeiter ein problematisches Trinkverhalten aufweisen.
Als körperliche Stigmata imponieren im fortgeschrittenen Stadium neben dem Foetor eine schlechtere Körperhygiene, das gerötete, evtl. aufgedunsene Gesicht und die vegetative Dysregulation. Betroffene klagen oft über diverse Befindlichkeitsstörungen.
Risikofaktoren für einen überhöhten Alkoholkonsum:RisikofaktorenAlkoholkonsum sind die beruflich bedingte Griffnähe zum Alkohol (Ober, Köche, Brauereimitarbeiter), unregelmäßige Arbeitsrhythmen, Vertreterberufe, aber auch private und berufliche Stressfaktoren (Überlastung, Unterforderung, Angst vor Arbeitsplatzverlust, schlechtes Betriebsklima). Darüber hinaus spielen für die persönlichen Trinkgewohnheiten auch die psychische Stabilität, der Freundeskreis und die genetische Disposition eine Rolle.

MERKE!

Zwischen dem 35. und 65. Lebensjahr ist jeder vierte Todesfall bei Männern und jeder achte bei Frauen auf einen übermäßigen Alkoholkonsum zurückzuführen.

Prävention
Eine sinnvolle betriebliche Suchtprävention, betrieblicheAlkohol:SuchtpräventionSuchtprävention ist die Motivation der Mitarbeiter zum Arbeiten mit 0,0 (Punktnüchternheit).
Immer mehr Betriebe regeln in Betriebsvereinbarungen, dass die Mitarbeiter unbeeinträchtigt durch legale und illegale Drogen, d. h. nüchtern am Arbeitsplatz erscheinen sollen und unter der Arbeit kein Alkohol und keine illegalen Drogen konsumiert werden dürfen. Damit werden klare, überprüfbare Grenzen gesetzt und ein Vorgesetzter steht nicht vor der unlösbaren Aufgabe, zu entscheiden, ob die Alkoholfahne seines Mitarbeiters auf die genehmigte(n) Flasche(n) Bier oder auf einen höheren Alkoholspiegel zurückzuführen ist.
Dadurch steigt erfahrungsgemäß auch die Bereitschaft, vermutete Alkoholprobleme von Mitarbeitern offen zu thematisieren.
Neuere Studien belegen die Effizienz einer gezielten Intervention schon bei den ersten möglicherweise alkoholbedingten Auffälligkeiten, die die Arbeitsleistung beeinträchtigen:
Gerade der Wunsch nach Arbeitsplatzerhalt und die Plausibilität der erkennbaren Leistungsdefizite in zeitlichem Zusammenhang mit einem gesteigerten Alkoholkonsum machen den Arbeitsplatz zu einem besonders geeigneten Instrument, Betroffenen die Notwendigkeit einer Verhaltensänderung zu verdeutlichen.
Wenn die Betroffenen schon am Beginn einer möglichen Suchtkarriere darauf aufmerksam gemacht werden, dass konkrete Veränderungen in der Arbeitsweise aufgefallen sind und dass die Erfüllung der arbeitsvertraglichen Pflichten erwartet wird, können chronische Verläufe oft verhindert werden. Wichtig ist dabei die längerfristige Prozessbegleitung mit meist mehreren Feedbackgesprächen. Der Vorgesetzte zeigt dem Mitarbeiter gegenüber Respekt, macht jedoch auf die aktuell beobachteten Fehlleistungen aufmerksam und klärt über Konsequenzen auf, die sich aus der Fortsetzung dieses Verhaltens ergeben. Er kündigt weitere Verlaufsgespräche mit fester Terminierung an. Falls eine Alkoholabhängigkeit vorliegt, kann der Betriebsarzt als Kenner der spezifischen örtlichen Therapieangebote tätig werden, und mit dem Mitarbeiter klären, welche Behandlung für ihn sinnvoll erscheint; ansonsten kann er als Gesundheitsfachmann evtl. organische Auffälligkeiten benennen und über gesundheitsverträgliche Konsummuster aufklären.

MERKE!

Wenn durch einen betrunkenen Mitarbeiter ein Arbeitsunfall verursacht wird, spielt es keine wesentliche Rolle, ob er alkoholabhängig ist oder nur gelegentlich betrunken an seinem Arbeitsplatz erscheint.

Betrieblicher Handlungsbedarf ist daher nicht erst bei manifester Alkoholabhängigkeit zu sehen, sondern schon in den etwa 10 Jahren davor, wenn sich ein problematisches Konsumverhalten zunehmend verfestigt.

Gemäß den berufsgenossenschaftlichen Vorschriften (BGV A1) darf ein Mitarbeiter, der berauscht ist, im Betrieb nicht beschäftigt werden. Der Vorgesetzte hat nach Feststellung der aktuellen Arbeitsunfähigkeit (u. U. unter Einbeziehung des Werksarztes) dafür zu sorgen, dass der Betroffene sicher nach Hause gelangt (Taxi o. Ä.). In Betriebsvereinbarungen ist das weitere disziplinarische Vorgehen meist nach einem Stufenschema (Ermahnung, Beratungsauflage, Abmahnung mit Kündigungsandrohung, Kündigung – ggf. mit Wiedereinstellungszusage nach erfolgreicher Therapie) festgelegt.
Es ist zu erwarten, dass es einem Mitarbeiter, der lediglich einen riskanten Konsumstil pflegt, gelingt, seinen Alkoholkonsum so zu steuern, dass sein Arbeitsverhalten sich nach der betrieblichen Verwarnung wieder verbessert. Oft reichen weitmaschige Kontakte bei dem Betriebsarzt z. B. mit Leberwertkontrollen aus, um zum risikoarmen Konsum zurückzugelangen. Ist das nicht der Fall, liegt möglicherweise eine Abhängigkeit vor, die einer intensiveren Behandlung und Begleitung bedarf.
Immer sollte die spezielle Problematik des Betroffenen genau erfasst werden:
  • Veränderungen im beruflichen Umfeld erforderlich?

  • Hilfestellung oder Entlastung im privaten Umfeld möglich?

  • Aktueller Gesundheitszustand?

Dabei können interne (Arzt, Sozialberatung, Betriebsrat, Vertrauensleute, betrieblicher Suchtkrankenhelfer) und externe Angebote (Suchtberatungsstelle, Therapieeinrichtungen, evtl Fachabteilungen für qualifizierte Entgiftungsbehandlungen, Entwöhnungstherapieeinrichtungen, aktivierbare Angehörige) genutzt werden.

DAS GEHT SIE AN!

Oberstes Gebot ist eine ärztliche Haltung, die beim Erkrankten zu der Erkenntnis führt, dass er es mit einer zwar hilfsbereiten, in Kenntnis des Problems aber kompromisslosen Instanz zu tun hat. So sollte ein Ziel des Gesprächs die Früherkennung des Problems sein, später die Forderung von Verhaltensänderung, die gemeinsam mit dem Vorgesetzten der Personalabteilung, ggf. dem Betriebsrat und dem Sozialarbeiter durchgeführt werden muss.

Drogen

Definition
DrogenDrogen im engeren Sinne sind illegale psychoaktive Substanzen, die euphorisierend und je nach Substanz aufputschend oder sedierend wirken. Das AbhängigkeitspotenzialAbhängigkeitspotenzial (Rate der Abhängigen unter den Konsumenten) ist unterschiedlich und reicht von etwa 4 % bei Cannabis bis zu ca. 30 % bei Opioiden.
Epidemiologie
Im Europavergleich gehört Deutschland hinsichtlich des Konsums illegaler Drogen zu den Ländern mit niedriger Prävalenz: 3,3 der Deutschen zwischen 15 und 64 Jahren betreiben einen problematischen Konsum (zum Vergleich: Großbritannien 10,4 , Italien 8,5 ).
Jedoch haben immerhin 5 % der 18- bis 64-jährigen Deutschen im letzten Jahr irgendeine illegale Droge konsumiert. Am weitesten verbreitet ist der Drogenkonsum bei den 18- bis 20-Jährigen mit einer 12-Monats-Prävalenz von 18 %. Bei den 15- bis 34-Jährigen liegt die 12-Monats-Prävalenz für Cannabis bei 11 %, für Kokain bei 1,4 % und für Ecstasy bei 1,2 %. Man rechnet mit etwa 150000 Abhängigen von Opiaten. Die Prävalenzzahlen für den Cannabiskonsum gehen in den letzten Jahren wieder zurück. Auch die Zahl der polizeilich gemeldeten erstauffälligen Konsumenten ist seit 2004 stetig rückläufig: Mit etwa 18 000 erstauffälligen Konsumenten hat sich ein Rückgang um 13 % ergeben. Die Zahl der Drogentoten (die fast ausschließlich durch Opiate bedingt sind) sank von 2030 im Jahr 2000 auf 1394 im Jahr 2007. Sicher leisten die Substitutionsprogramme und weitere Maßnahmen der harm- reduction-strategy einen Beitrag zur Senkung der fatalen Verläufe: Die Hälfte der Opiatabhängigen ist in Behandlungsprogramme eingebunden (zum Vergleich: nur ca. 4 % der Alkoholabhängigen sind in fachspezifischer Behandlung).

MERKE!

Die Hälfte der Opiatabhängigen ist in Substitutionsprogrammen eingebunden

Arbeitsmedizinische Bedeutung
In der betrieblichen Praxis trifft man wesentlich seltener auf Mitarbeiter mit vermutetem Drogenkonsum als mit vermutetem Alkoholkonsum. Ein gelegentlicher Freizeitkonsum führt in der Regel zu keinen messbaren Leistungseinbußen, in besonderen Fällen können jedoch schon bei geringem Konsum schwere Gesundheitsstörungen hervorgerufen werden. So kann z. B. eine drogeninduzierte paranoide Psychose ausgelöst werden.
Erst ein gewohnheitsmäßiger Konsum führt häufiger zu Auffälligkeiten im betrieblichen Alltag. Diese sind jedoch eher drogenunspezifisch: Seltener fallen Erregungszustände, Halluzinationen oder ein Einschlafen am Arbeitsplatz auf. Stattdessen bestehen bei Drogenkonsumenten eher vergleichbare Leistungsmängel wie bei Alkoholabhängigen mit Gleichgültigkeit, Unzuverlässigkeit, Fehlerhäufigkeit und vermehrten Fehlzeiten. Ein regelmäßiger Cannabis- oder Stimulanzienkonsum führt zu erheblichen, möglicherweise auch irreversiblen Lern- und Gedächtnisstörungen, die einen Ausbildungserfolg in Frage stellen können.
Vorgehen bei vermuteter Beeinträchtigung durch Drogen
Ergibt sich der Verdacht der Beeinträchtigung durch Drogen am Arbeitsplatz, soll der Betroffene umgehend mit dieser Vermutung konfrontiert werden. Er soll die Möglichkeit erhalten, diesen Verdacht mittels eines Drogentests aus dem Urin zu entkräften. Zahlreiche Firmen bieten Urin-Streifentests an, die auf gängige Drogen testen und ein Ergebnis innerhalb von Minuten liefern.
Ein positiver Urin-Drogen:Urin-DrogenschnelltestDrogenschnelltest weist allerdings nicht nach, dass tatsächlich noch Wirksubstanzen der Droge im Blut vorhanden sind, sondern ist ein qualitativer Substanzgruppennachweis, welcher auch auf die unwirksamen Abbauprodukte der Droge und chemisch ähnliche Substanzen reagiert.
So können aufgrund der Lipophilie des Cannabis die Abbauprodukte, insbesondere die Carbonsäure, noch bis zu 8 Wochen nach Konsum über den Schnelltest nachgewiesen werden.
Eine Einnahme codeinhaltiger Antitussiva oder Analgetika, auch der Verzehr von Mohnbrötchen kann einen positiven Suchtest auf Opiate bedingen.
Antiallergische Medikamente und selbst der Verzehr verschiedener Käsesorten kann einen positiven Test auf Stimulanzien verursachen.
Im Zweifelsfall muss jeder Suchtest mittels einer spezifischen quantitativen GC/Drogen:quantitativer GC/MSMS gesichert werden, idealerweise aus dem Blut, insbesondere wenn arbeitsrechtliche Konsequenzen drohen.
Der Betroffene muss stets vorher darüber informiert werden, wenn ein Drogentest durchgeführt werden soll. Bei positivem Befund sollte mit ihm vereinbart werden, dass kurzfristig anberaumte Nachtests folgen werden, um sich von seiner zukünftigen Drogenabstinenz überzeugen zu können.
Zur Regelung der betrieblichen Konsequenzen bei nachgewiesenem Drogenkonsum kann entsprechend dem Stufenplan bei Alkoholproblemen vorgegangen werden. Auch hier soll den Abhängigen unter den Drogenkonsumenten die Möglichkeit geboten werden, durch eine Entwöhnungstherapie ihre Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen.

MERKE!

Der Betroffene muss immer informiert werden, dass ein Drogentest durchgeführt wird.

Prävention
Die Risiken des Gebrauchs illegaler Drogen insbesondere der weichen Droge CannabisCannabis ist vielen Jugendlichen nicht ausreichend bekannt. Sinnvoll im Sinne der Prävention ist eine zielgruppenorientierte Aufklärung ohne zu moralisieren, möglichst unter Einbeziehung Gleichaltriger z. B. als geschulte Ansprechpartner für die Ausbildungsgruppe.

MERKE!

Bei Alkohol- und Drogenmissbrauch kann der fortgesetzte Konsum dazu führen, dass es zu einer Abmahnung kommt, an die sich eine Kündigung aus verhaltensbedingten Gründen anschließen kann.

Doping am Arbeitsplatz

Definition
Doping Dopingam Arbeitsplatz beschreibt die systematische Einnahme körperfremder Substanzen, um eine Leistungssteigerung bei der Ausübung der beruflichen Tätigkeit zu erreichen, ohne dass der Medikamentengebrauch hier medizinisch indiziert ist. Umgangssprachlich wird von GehirndopingGehirndoping, mind doping, brain booster und enhancement gesprochen. Anders als im Leistungssport unterliegt Doping am Arbeitsplatz keinen Sanktionen, denn ein Dopingreglement gibt es nur für den Wettkampfsport. Im Fokus stehen dabei Psycho- und Neuro-Pharmaka mit Zulassung zur Therapie von alters- und krankheitsbedingten kognitiven Beeinträchtigungen.
Substanzen
Neben den bereits genannten Amphetaminen und deren Derivaten als Stimulanzien (Kap. 21.3) kommen vor allem zwei Gruppen von Wirkstoffen zum Einsatz – Substanzen zur Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten (Tab. 21.1) und solche zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens (Tab. 21.2).
Problematik
Die Problematik ist vielfältig und substanzübergreifend:
  • Eine hochgradig pathogene Lebensweise wird artifiziell unterstützt und prolongiert, die Selbstausbeutung wird optimiert, der Schnellverschleiß medikamentös geschmiert. Das Gegenteil ist richtig und nachhaltig wirksam: Ressourcenförderung, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit.

  • Gesunde nehmen Medikamente. Hierüber liegen keine Studiendaten vor.

  • Eine Vorbeugung neurodegenerativer Prozesse durch Antidementiva ist nicht belegt.

MERKE!

Die Ordensregeln des Hl. Benedikt von Nursia (480–547), Begründer des christlichen Mönchtums im Westen, beinhalten als Mutter aller Regeln auch die Unterscheidungsgabe, die das Zuviel und das Zuwenig meidet und in allem das rechte Maß sucht. Das macht sie zeitlos gültig und in der aktuellen Arbeitswelt immer gefragter. Gehirn-Doping und brain booster sind das absolute Gegenteil eines solchen rechten Maßes.

Fragen zu Kapitel 21

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