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B978-3-437-58621-7.00005-8

10.1016/B978-3-437-58621-7.00005-8

978-3-437-58621-7

Abb. 5.1

[L157, L106]

Essener Modell

Abb. 5.2

[M570, L157]

Selbstwirksamkeitserwartung

Abb. 5.3

[L157, L106]

Salutogenese-Modell der Ordnungstherapie/Mind-Body-Medizin

Abb. 5.4

[L157, L106]

„Tempel der Gesundheit“

Abb. 5.5

[L157, L106]

Arbeitsmodell des Lifestyle-Management-Programms

Abb. 5.6

(nach [1]) [L157]

Verteilung der Kaltpunkte

Abb. 5.7

[L190]

Verschiedene Wickelarten

Abb. 5.8

[M572]

Der kalte Knieguss sollte nur bei warmen Füßen angewendet werden. Wasserstrahl am Bein außen aufwärts bis eine Handbreit über das Knie führen, dort kurz verweilen und innen abwärts führen. Für Wiedererwärmung sorgen.

Abb. 5.9

[M571]

Wasser wird in einem großen Topf zum Kochen gebracht, Heilpflanzen werden von Anfang an zugegeben, ätherische Öle erst kurz vor der Anwendung zugesetzt.

Abb. 5.10

[M571]

Es empfiehlt sich, durch das noch taufeuchte Gras zu laufen, bevor es von der Sonne aufgewärmt wurde. Da die Füße warm sein sollten, erst an der Wiese Schuhe und Strümpfe ausziehen. Eine Auskühlung ist zu vermeiden.

Abb. 5.11

[E854]

Milchsäurespiegel bei standardisierter Fahrradergometrie, in Ruhe und bei derselben Belastung vor und nach leichtem Ausdauertraining. Einheitliche Dosierung durch ansteigende Gehgeschwindigkeit und Trainingszeit. 153 Kurpatienten in drei Gruppen aufgeteilt, dabei thermische Bedingungen während Begehung für zwei randomisierte Kollektive unterschiedlich. Kühlgruppe (n = 63, durch Kleidungsvorgaben um 2 °C erniedrigte Hauttemperatur, subjektives Empfinden „leicht kühl“) und Kontrollgruppe (n = 61, thermisch ausgeglichen). Nullgruppe (n = 29) ohne Ausdauertraining [8].

Abb. 5.12

[A300]

Bindegewebszonen

Abb. 5.13

[M572]

Zwischendornfortsatzgriff

Abb. 5.14

[M572]

Rollgriff

Abb. 5.15

[M572]

Behandlung Os metatarsale II von plantar

Abb. 5.16

[M572]

Behandlung obere BWS

Abb. 5.17

[L190]

Lokalisation der KolonpunkteKolonpunkte nach Vogler und Krauß

Abb. 5.18

[M572]

Kolonmassage: Behandlung des Zökalpunkts (Punkt 1)

Abb. 5.19

[M572]

Kolonmassage: Behandlung des linearen Punkts (Punkt 3)

Abb. 5.20

[M573]

Fußreflexzonentherapie plantar

Abb. 5.21

[M573]

Fußreflexzonentherapie dorsal

Abb. 5.22

[M573]

Fußreflexzonentherapie, medial

Abb. 5.23

[M573]

Fußreflexzonentherapie, lateral

Beispiele physiologischer Funktionen von unterschiedlicher rhythmischer zirkaseptane Periodenzirkadiane Periodenzirkaannuale Periodenultradiane PeriodenRhythmizität:physiologische Funktioneninfraannuale PeriodenDauer

Tab. 5.1
Periodendauer Beispiel physiologischer Funktionen
infraannuale Adoleszenz – Wachstumsrhythmen
zirkaannuale Thermoregulation, hier insbesondere die akrale Wiedererwärmungszeit nach Kaltreizen, das Kälteempfinden (jahreszeitliche Periodisierung)
zirkaseptane Aktivität der RNA- und DNS-Replikationsvorgänge in der Zelle
zirkadiane Verlauf der Körpertemperatur, des Cortisolspiegels im Blut, des Blutdrucks und der Herzfrequenz
ultradiane Darmperistaltik, Muskeltonus

Über den Tag verteilte zirkadian geprägte physiologische Effekte des Menschen

(nach [3])

Tab. 5.2
Tageszeit (Std) Höhepunkt von
 2:00 Trägheit
 3:00 Geburten
 4:00 Sterberate
 6:00 Urinvolumen
 9:00 Testosteronproduktion
11:00 Säuregrad des Urins
12:00 Bluteiweiße
13:00 Wohlbefinden, Temperatur
14:00 Herzschlag, Narkose
16:00 Körpergewicht
18:00 Blutdruck
19:00 Zahnschmerzen
22:00 Leukozyten
24:00 chirurgische Sterblichkeit

Verschiedene Wickel:WickelartenWickelarten

Tab. 5.3
Bezeichnung Abkürzung Applikationsort
Wickelbezeichnungen mit Körperbezug
Halswickel Hw Hals
Armwickel Aw Fingerspitzen bis Oberarm
Armwickel verlängert Aw verl Fingerspitzen bis Schultergelenk
Handwickel Handw Fingerspitzen bis Unterarm
Brustwickel Bw Achselhöhle bis Rippenbogen
Lendenwickel Lw Rippenbogen bis Mitte Oberschenkel
Beinwickel Beinw Zehenspitzen bis Oberschenkel
Beinwickel verlängert Beinw verl Zehenspitzen bis Hüftgelenk
Wadenwickel Ww Kniekehle bis zu Knöchel
Fußwadenwickel Fww Zehenspitzen bis zur Wade
Fußwickel Fw Zehenspitzen bis Unterschenkel
Wickelbezeichnungen ohne Körperbezug
Schal Sh Nacken bis Unterarm
Kurzwickel Kw Achselhöhle bis Mitte Oberschenkel
Packungen
¾-Packung ¾-P Achselhöhlen bis Zehenspitzen
Ganzpackung Gp Nacken bis Zehenspitzen

Maße der Wickeltücher

Tab. 5.4
Halswickel 10 × 60 cm
Schal 80 × 190/210 cm
Brustwickel 80 × 150/190 cm
Lendenwickel 80 × 150/190 cm
Kurzwickel 80 × 190/210 cm
Beinwickel 80 × 100/130 cm
Wadenwickel 80 × 80 cm
Armwickel 70 × 90/210 cm
Oberaufschläger 80 × 190 cm
Unteraufschläger 80 × 190 cm
¾-Packung 180 × 180/200 cm
Ganzpackung 190 × 230 cm

Einteilung der Auflagen und Kompressen

Tab. 5.5
Bezeichnung Abkürzung Applikationsort
Oberaufschläger Oa Brust – oberhalb Knie
Unteraufschläger Ua Rücken – unterhalb Gesäß
Leibauflage LAfl Bauch
Herzkompresse HKr Sternum – linker Brustkorb
Dampfkompresse DKr nach jeweiliger Indikation
Heublumensack Nacken HsNa Nacken – M. trapezius
Heublumensack Lende HsLende Lendenwirbelsäule
Heublumensack Hs nach jeweiliger Indikation (z. B. Knie, Schulter, Ellbogen)

Voraussetzungen zur Durchführung von Güssen

Tab. 5.6
Art der Vorrichtung Voraussetzungen
Gussraum
  • Größe: ca. 16–20 m2

  • Raumklima: ca. 24 °C, belüftbar, Luftentfeuchtung, mögl. Tageslicht

  • Wand- und Bodenbeläge: Fliesen, Bodenfliesen rutschfest

  • 1–2 Thermostatmischbatterien: ¾ Zoll

Gießschlauch ¾ Zoll (20 mm ø, 2 m, Gummi mit Textil verstärkt)
Gießstelle Gitterrost (Metall Kunststoff ummantelt, ca. 1,2 × 1,2 m, Boden bündig über Edelstahlwanne), Oberguss- und Spritzschutzgestell
Blitzgussvorrichtung Thermostatmischbatterie wie oben, Schlauch wie oben1,5 m lang mit Blitzgussdüse 5 mm ø, Blitzgussecke mit Haltegriffen und Gitterrost Abstand Patient – Behandler ca. 3 m
Umkleidekabinen Anzahl 2, mit Zugang zum Gussraum,
Wasserversorgung Es muss für die zu erwartende Anzahl von Güssen eine ausreichend große Speicherkapazität für Warmwasser zur Verfügung stehen und die Temperatur des Kaltwassers darf 18 °C nicht übersteigen

Einteilung der Flachgüsse nach Art und Form

Tab. 5.7
Art Art Form
Einfacher Guss Kn (= Knieguss Abb. 5.8) beide Unterschenkel von hinten und vorne, von den Zehen bis eine Handbreit über das Knie, Fußsohlen
S (= Schenkelguss) beide Beine, hinten von den Zehen bis zum Beckenkamm, vorne von den Zehen bis zur Leistenbeuge, Fußsohlen
R (= Rückenguss) gesamte Rückseite begießen, Fußsohlen
U (= Unterguss) Rück- und Vorderseite, von den Zehen bis unter das Schulterblatt/Rippenbogen, Fußsohlen
V (= Vollguss) gesamter Körper mit Ausnahme des Kopfs
O (= Oberguss) Arme, Brust und Rücken
Ag (= Armguss) Hand bis Schultergelenk
Ag verl. (= Armguss verlängert) Hand bis einschließlich Schulterblatt
Bg (= Brustguss) Brust
Gg (= Gesichtsguss) Gesicht
Wechselguss WKn; WS; WR; WU; WV; WO; Wag; verl. Wag; WBg; WGg Linienführung wie beim einfachen Guss, jedoch ohne „verstärken“ (statt W für Wechsel kann auch We stehen)
Überwärmungsguss heißer Lumbalguss flächige Wasserplatte auf den Lumbalbereich
heißer Nackenguss; flächige Wasserplatte von der Brustwirbelsäule über Nacken und Schultern
heißer Nackenguss flächige Wasserplatte von der Brustwirbelsäule über Nacken und Schultern
Abguss nach einem Bad wird nur der Körperteil abgegossen, der zuvor im Bad erwärmt wurde

Einteilung der Blitzgüsse nach Art und Form

Tab. 5.8
Art Form
kalter Blitzguss KnBl (= Knieblitz) gleiches Areal wie beim Flachguss
SBl (= Schenkelblitz) gleiches Areal wie beim Flachguss
RüBl (= Rückenblitz) gleiches Areal wie beim Flachguss
VBl (= Vollblitz) gleiches Areal wie beim Flachguss
Wechselblitzguss WKnBl: WSBl: WRüBl: WVBl, bei den Wechselblitzgüssen wird nur einmal von heiß zu kalt gewechselt.
heißer Blitzguss HBlRü (= Heißblitz Rücken) Rücken einschl. Gesäß, kann auch im Sitzen durchgeführt werden
Segmentblitzgüsse SegBl „Raute“ Kreuzbein, Gesäß, Unterbauch, Innenseite der Oberschenkel
SegBl „Magen-Zwölffingerdarm-Bauchspeicheldrüse“
Linker Rücken Th6-Th12 keilförmig bis zur vorderen Brustwand
SegBl „Leber-Galle“; rechter Rücken Th6-Th12, rechte Schulter mit M. deltoideus, keilförmig am rechten, unteren Brustkorbrand nach vorne bis zur Bauchmitte

Einteilung der Bäder Bäder:Einteilung

Tab. 5.9
Temperatur Dauer Beispiel
heiße Bäder > 39 °C wiederholt, sekundenlang kleinflächige, Tauchbäder mit 54–56 °C
warme Bäder 36–38 °C 15–30 Min. Teil- und Vollbäder mit Zusatz
indifferente Bäder 32–35 °C 15–30 Min. Ausgangstemperatur für temperaturansteigende Bäder
kalte Bäder <18 °C 6–30 Sek. kaltes Armbad „fröhliches Halbbad“
wechselwarme Bäder
warm 36–38 °C, kalt < 18 °C
warm 5 Min.
kalt 10 Sek.
(2 × wechseln)
Wechselarm-, Wechselfuß-, Wechselsitzbäder
temperaturansteigende Bäder indifferent bis sehr heiß (43 °C) klassisch 20–25 Min.
modifiziert 8–12 Min.
Arm-, Fuß-/Unterschenkelbäder

Klimatische Elemente und Besonderheiten im Mittelgebirgsklima, Hochgebirgsklima und an Nord- und SeeklimaSchonklimaReizklimaReizklimaMittelgebirgsklimaHochgebirgsklimaOstsee

Tab. 5.10
Art des Klimas Reizintensität Klimafaktoren Veränderung
Mittelgebirge
(Schonklima)
schonend, entlastend Waldklima:
Luftreinheit ↑
Lufttemperatur ↓
Luft im Wald immer sauber
im Sommer kühler
im Winter Schutz
Hochgebirge
(Reizklima)
reizstark O2-Partialdruck ↓ 12 %/1.000 m
UV-Strahlung ↑ + 30 %/1.000 m
ganzjährig therapeutisch einsetzbar
Lufttemperatur ↓ – 0,6 °C/100 m
Windgeschwindigkeit ↑
schonend, entlastend Allergene ↓ Hausstaubmilben, Schimmelpilze ganzjährig, Pollen gemäß lokaler Bedingungen
Luftreinheit ↑ ganzjährig
Luftfeuchtigkeit ↓ 25 %/1.000 m
Nord- und Ostsee
(Reizklima)
reizstark
Nordsee (wegen der höheren Windgeschwindigkeiten) reizintensiver als Ostsee
Lufttemperatur ↓ ganzjährig
UV-Strahlung ↑ im Sommer zusätzlich UV-B aus horizontnahem freiem Himmel
Wind ↑ ganzjährig, Nordsee mehr
Aerosole des Meerwassers abhängig vom Salzgehalt und Wind, Nordsee mehr als Ostsee
schonend, entlastend Pollen ↓ im Seewind,
Hausstaubmilben, Schimmelpilze immer vorhanden
Luftreinheit ↑
Luftfeuchtigkeit ↑
Schwüle ↓

Frischpflanzensäfte und ihre Anwendungsmöglichkeiten

Tab. 5.11
Frischpflanzenpresssaft Anwendungsmöglichkeiten
Artischockenblätter zur Unterstützung der Fettverdauung
Baldrianwurzel Unruhezustände und nervös bedingte Einschlafstörungen
Birke unterstützende Behandlung rheumatischer Beschwerden; Durchspülungstherapie bei Entzündungen der Harnwege
Brennnesselkraut zur Durchspülung von Nieren und Blase bei Nierengrieß; unterstützende Behandlung rheumatischer Beschwerden
Echinacea rezidivierende Infekte der Atemwege und der ableitenden Harnwege
Huflattich Bronchialkatarrh, Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut
Johanniskraut nervöse Erschöpfungszustände
Löwenzahnwurzel mit -kraut Störungen des Gallenflusses und Verdauungsstörungen
Salbei vermehrte Schweißsekretion; zur Spülung bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut
Spitzwegerich Katarrhe der Luftwege und Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut

Pflanzliche Drogen und ihre dermatologischen Indikationen.

Tab. 5.12
Pflanzliche Droge Indikationen Anmerkungen
Arnikablüten Follikulitis, Sonnenbrand, Insektenstiche bei zu hoher Konzentration Allergien vom Typ IV
Birkenrinde aktinische Keratose, Psoriasis vulgaris nur standardisierte Zubereitungen verwenden
Bittersüßstängel Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch), Neurodermitis nur standardisierte Zubereitungen verwenden
Eichenrinde Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch), Neurodermitis, Sonnenbrand, Hämorrhoiden nicht länger als 3 Wochen anwenden
Haferstroh Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch), Neurodermitis
Hirtentäschelkraut Wundbehandlung für oberflächlich blutende Hautverletzungen
Johanniskrautöl Wundbehandlung
Kamillenblüten Sebostase, Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch), Neurodermitis, Sonnenbrand, Wundbehandlung, Hämorrhoiden nur standardisierte Zubereitungen verwenden
Mahonienrinde Seborrhö, Akne vulgaris, Psoriasis vulgaris homöopathische Urtinktur
Melissenblätter Herpes simplex
Minzöl, Pfefferminzöl Pruritus
Nachtkerzenöl Neurodermitis hoher Gehalt an γ-Linolensäure
Odermennigkraut Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch) geeignet zur Langzeittherapie
Ringelblumenblüten Wundbehandlung
Salbeiblätter Seborrhö, Hyperhidrose, Herpes simplex nicht bei Schwangerschaft und Stillzeit
Schachtelhalmkraut Wundbehandlung häufiger Verfälschungen
Stiefmütterchenkraut Seborrhö, Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch), geeignet zur Langzeittherapie
Sonnenhutkraut, purpurfarbenes Herpes simplex, Wundbehandlung nur standardisierte Zubereitungen verwenden
Spitzwegerichkraut Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch), Wundbehandlung
Taubnesselblüten, weiße Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch)
Teeblätter, grüne Warzen, Feigwarzen, Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch), Sonnenbrand Dekokt verwenden
Zauberstrauchblätter und -rinde Sebostase, Dermatitis, Ekzem (akut und chronisch), Neurodermitis, Wundbehandlung, Hämorrhoiden Wasserdampfdestillat und Gerbstoffzubereitungen

Wirksamkeitsbelege: Neuere klinische Studien nach GCP-Richtlinien liegen nur selten vor. Nebenwirkungen: Fotosensibilisierende bzw. fototoxische und/oder fotoallergische bzw. allergische Reaktionen sind beschrieben, insbesondere bei überlagerten („alten“) ätherischen Ölen. Grenzen: Bei akuten Entzündungen oder massivem Befall mit Bakterien oder Dermatophyten sind chemisch-synthetische Dermatika wegen des rascheren Wirkungseintrittes zu bevorzugen.

Indikationen von häufig verwendeten Badezusätzen

Tab. 5.13
Indikationen Badezusätze
Kreislaufanregung Rosmarin(öl)
Anregung der Durchblutung, rheumatische Beschwerden Eukalyptus(öl), Rosmarin(öl), Koniferen(öl), Wintergrünöl, Wacholderöl, Heublumen
Erkältungen Eukalyptusöl, Fenchelöl, Thymianöl, Fichtennadel(öl), Campher
Beruhigung, Schlafstörungen Lavendelöl, Baldrian, Hopfen, Melissenöl, Zitronellöl
Nässende Ekzeme Eichenrinde
Dermatitis Kamillen(öl), Haferstroh, Zauberstrauchblätter/-rindentee, Schafgarbentee
Psoriasis vulgaris Weizenkleie
Neurodermitis Kleie, Kartoffelstärke, Haferstroh
Dammschnittpflege nach der Schwangerschaft Eichenrinde, Kamillenblüten, Zauberstrauchblätter/-rinde

Weitere von der Kommission E positiv monografierte Pflanzen.

Tab. 5.14
Pflanzliche Droge (deutsch/lateinisch) Indikationen der Kommission E
(ä = äußere Anwendung) (i = innere Anwendung)
Angelikawurzel (Angelicae radix) Appetitlosigkeit (i), dyspeptische Beschwerden (i)
Anisfrüchte (Anisi fructus) dyspeptische Beschwerden (i), Katarrhe der Luftwege (ä)
Artischockenblätter (Cynarae folium) dyspeptische Beschwerden (i)
Birkenblätter (Betulae folium) Durchspülungstherapie bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und bei Nierengrieß (i), adjuvant bei rheumatischen Beschwerden (i)
Bittersüßstängel (Dulcamarae stipites) adjuvant bei chronischem Ekzem (i)
Bockshornsamen (Foenugraeci semen) Appetitlosigkeit (i), lokale Entzündungen (ä)
Boldoblätter (Boldo folium) leichte krampfartige Magen-Darm-Beschwerden (i), dyspeptische Beschwerden (i)
Bromelain aus der Ananas (Bromelainum der Ananas comosus) akute postoperative und posttraumatische Schwellungszustände, v. a. der Nase und der Nasennebenhöhlen (i)
Campher (Camphora) Muskelrheumatismus (ä), Herzbeschwerden (ä), hypotone Kreislaufregulationsstörungen (i), Katarrhe der Luftwege (i, ä)
Curcumawurzelstock (Curcumae longae rhizoma) dyspeptische Beschwerden (i)
Eibischwurzel/-blätter (Althaeae radix/-folium) Schleimhautentzündungen im Mund- und Rachenraum (i), trockener Reizhusten (i), leichte Entzündung der Magenschleimhaut (i)
Eichenrinde (Quercus cortex) entzündliche Hauterkrankungen (ä), unspezifische akute Durchfallerkrankungen (i), lokale Behandlung leichter Entzündungen im Mund- und Rachenbereich (i)
Enzianwurzel (Gentianae radix) Appetitlosigkeit (i), dyspeptische Beschwerden (i)
Erdrauchkraut (Fumariae herba) krampfartige Beschwerden im Bereich der Gallenblase und der Gallenwege sowie des Gastrointestinaltrakts
Fenchelfrüchte (Foeniculi fructus), Fenchelöl (Foeniculi aetheroleum) dyspeptische Beschwerden wie leichte krampfartige Magen-Darm-Beschwerden, Völlegefühl, Blähungen (i), Katarrhe der oberen Luftwege (i)
Fichtennadelöl (Piceae aetheroleum) katarrhalische Erkrankungen der oberen und unteren Luftwege (i, ä), rheumatische und neuralgische Beschwerden (ä)
Galgantwurzelstock (Galangae rhizoma) Appetitlosigkeit (i), dyspeptische Beschwerden (i)
Gänsefingerkraut (Potentillae anserinae herba) leichte dysmenorrhoische Beschwerden (i), adjuvant bei leichten, unspezifischen, akuten Durchfallerkrankungen (i), leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (i)
Gelbwurz javanische (Curcumae xanthorrhizae rhizoma) dyspeptische Beschwerden (i)
Ginsengwurzel (Ginseng radix) als Tonikum zur Stärkung und Kräftigung bei Müdigkeits-, Schwächegefühl, nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit (i), Rekonvaleszenz (i)
Goldrutenkraut (Solidaginis herba) Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege (i), vorbeugend bei Harnsteinen und Nierengrieß (i)
Haferstroh (Avenae stramentum) entzündliche und seborrhoische Hauterkrankungen, speziell mit Juckreiz (ä)
Harongarinde/-blätter (Harunganae madagascariensis cortex/-folium) dyspeptische Beschwerden (i), leichte exokrine Pankreasinsuffizienz (i)
Hauhechelwurzel (Ononidis radix) Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege (i), vorbeugend bei Nierengrieß (i)
Heidelbeerfrüchte (Myrtilli fructus) unspezifische akute Durchfallerkrankungen (i), leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (i)
Heublumen (Graminis flos) degenerative Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises (ä)
Holunderblüten (Sambuci flos) Erkältungskrankheiten (i)
Huflattichblätter (Farfarae folium) akute Katarrhe der Luftwege mit Husten und Heiserkeit (i), akute, leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (i)
Isländisches Moos (Lichen islandicus) Schleimhautreizungen in Mund- und Rachenraum (i), trockener Reizhusten (i), Appetitlosigkeit (i)
Kapuzinerkressenkraut (Tropaeoli maji herba) adjuvant bei Infekten der ableitenden Harnwege (i), bei Katarrhen der Luftwege (i)
Korianderfrüchte (Coriandri fructus) Appetitlosigkeit (i), dyspeptische Beschwerden (i)
Kümmelfrüchte/-öl (Carvi fructus/-aetheroleum) dyspeptische Beschwerden wie leichte krampfartige Beschwerden im Magen-DarmBereich, Blähungen und Völlegefühl (i)
Lindenblüten (Tiliae flos) Erkältungskrankheiten (i), trockener Reizhusten (i)
Löwenzahnwurzel mit -kraut (Taraxaci radix cum herba) Störungen des Galleflusses (i), Anregung der Diurese (i), Appetitlosigkeit (i), dyspeptische Beschwerden (i)
Mädesüßblüten (Spiraeae ulmariae flos) adjuvant bei Erkältungskrankheiten (i)
Mäusedornwurzelstock (Rusci aculeati rhizoma) adjuvant bei chronisch venöser Insuffizienz (i), adjuvant bei Hämorrhoiden (i)
Mahonienrinde (Mahoniae aquifolii cortex) leichte bis mittelschwere Psoriasis (ä), Seborrhö (ä), leichte Verlaufsform der Acne vulgaris (i), trockene Dermatosen bei Pruritus (ä)
Malvenblätter/-blüten (Malvae folium/-flos) Schleimhautreizungen im Mund- und Rachenraum (i), trockener Reizhusten (i)
Meerrettichwurzel (Armoraciae rusticanae radix) Katarrhe der Luftwege (i, ä), adjuvant bei Infektionen der ableitenden Harnwege (i), hyperämisierende Behandlung bei leichten Muskelschmerzen (ä)
Myrrhe (Myrrha) leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (i)
Odermennigkraut (Agrimoniae herba) leichte unspezifische, akute Durchfallerkrankungen (i), Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (i), leichte oberflächliche Entzündungen der Haut (i)
Orthosiphonblätter (Orthosiphonis folium) Durchspülungstherapie bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege (i), Nierengrieß (i)
Pestwurzwurzelstock (Petasitidis rhizoma) adjuvant bei akuten krampfartigen Schmerzen im Bereich der ableitenden Harnwege, v. a. bei Steinleiden (i)
Primelwurzel (Primulae radix) Katarrhe der Luftwege, Erkältungskrankheiten der Atemwege mit zähflüssigem Schleim (i)
Ratanhiawurzel (Ratanhiae radix) leichte Entzündungen der Rachenschleimhaut (i)
Rettichwurzel (Raphani sativi radix) dyspeptische Beschwerden (i)
Ringelblumenblüten (Calendulae los) entzündliche Veränderungen der Mund- und Rachenschleimhaut (i), Wunden, auch mit schlechter Heilungstendenz (ä)
Rosenblüten (Rosae flos) leichte Entzündungen im Bereich der Mund- und Rachenschleimhaut (i)
Schachtelhalmkraut (Equiseti herba) posttraumatisches und statisches Ödem (i), Durchspülungstherapie bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege (i), Nierengrieß (i), adjuvant bei schlecht heilenden Wunden (ä)
Schafgarbenkraut/-blüten (Millefolii herba/-flos) Appetitlosigkeit (i), dyspeptische Beschwerden wie leichte krampfartige Beschwerden im Magen-Darm-Bereich (i), Pelvipathia vegetativa (ä)
Schlüsselblumenblüten (Primulae flos cum calyce) Katarrhe der Luftwege (i)
Schöllkraut (Chelidonii herba) krampfartige Beschwerden im Bereich der Gallenwege und des Magen-Darm-Trakts
Senfsamen, weißer (Sinapis alba) Katarrhe der Luftwege (ä), chronisch-degenerative Gelenkerkrankungen (ä), Weichteilrheumatismus (ä)
Sennesblätter/-früchte (Sennae folium-/-fructus) Obstipation
Sojaphospholipide (Lecithinum ex soja) leichtere Fettstoffwechselstörungen, v. a. Hypercholesterinämien, sofern diätetische Maßnahmen allein nicht ausreichen, Verbesserung des subjektiven Beschwerdebildes bei Appetitlosigkeit, Druckgefühl im rechten Oberbauch bei nutritiv-toxischen Leberschäden und chronischer Hepatitis
Sonnentaukraut (Droserae herba) Krampf- und Reizhusten
Spargelwurzelstock (Asparagi rhizoma) Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege (i), vorbeugend bei Nierengrieß (i)
Spitzwegerichkraut (Plantaginis lanceolatae herba) Katarrhe der Luftwege (i), entzündliche Veränderungen im Bereich der Mund- und Rachenschleimhaut (i), entzündliche Veränderungen der Haut (ä)
Steinkleekraut (Meliloti herba) chronisch venöse Insuffizienz (i), adjuvant bei Thrombophlebitis, postthrombotischem Syndrom, Hämorrhoiden, Lymphstauungen (i), Prellungen, Stauchungen, oberflächliche Blutergüsse (ä)
Stiefmütterchenkraut (Violae tricoloris herba) leichte seborrhoische Hauterkrankungen (ä), Milchschorf der Kinder (ä)
Süßholzwurzel (Liquiritiae herba) Katarrhe der oberen Luftwege (i), Ulcus ventriculi oder duodeni (i)
Taigawurzel (Eleutherococci radix) Müdigkeit- und Schwächegefühl (i), nachlassende Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit (i), Rekonvaleszenz (i)
Taubnesselblüten, weiße (Lamii albi flos) Katarrhe der oberen Luftwege (i), leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (i), unspezifischer Fluor albus (i, ä), leichte, oberflächliche Entzündungen der Haut (ä)
Tausendgüldenkraut (Centaurii herba) Appetitlosigkeit (i), dyspeptische Beschwerden (i)
Tormentillwurzelstock (Tormentillae rhizoma) unspezifische akute Durchfallerkrankungen (i), leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (i)
Trockenhefe aus Saccharomyces cerevisiae HANSEN CBS 5926 symptomatische Behandlung leichter Durchfallerkrankungen, vorbeugende und symptomatische Behandlung von Reisediarrhö und Diarrhö unter Sondenernährung (i), adjuvant bei chronischen Formen der Akne (i)
Uzarawurzel (Uzarae radix) unspezifische akute Durchfallerkrankungen (i)
Wacholderbeeren (Juniperi fructus) dyspeptische Beschwerden (i)
Walnussblätter (Juglandis folium) leichte oberflächliche Entzündungen der Haut (i), Hyperhidrosis z. B. der Hände und Füße (i)
Wermutkraut (Absinthii herba) Appetitlosigkeit (i), dyspeptische Beschwerden (i), Dyskinesien der Gallenwege (i)
Wolfstrappkraut (Lycopi herba) leichte Formen der Hyperthyreose mit vegetativ-nervösen Störungen (i), Mastodynie (i)
Wollblumen (Verbasci flos) Katarrhe der Luftwege (i)
Zimtrinde, ceylanische (Cinnamomi ceylanici cortex) Appetitlosigkeit (i), dyspeptische Beschwerden (i)

Von der Kommission E positiv monografierte fixe Kombinationen

Tab. 5.15
Kombination Mengenverhältnis für Teezubereitung: Tagesdosierung (g) Indikationen Kommission E
Angelikawurzel, Enzianwurzel, Kümmel 3,3 : 1,5–3 : 1,2–4,5 Appetitlosigkeit, dyspeptische Beschwerden, leichte Spasmen im Gastrointestinaltrakt
Angelikawurzel, Enzianwurzel, Wermutkraut 1,5–2,2 : 0,7–2 : 1,8–2,5 Appetitlosigkeit, dyspeptische Beschwerden
Bärentraubenblätter, Goldrute, Orthosiphonblätter 10 : 3–9 : 3–9 adjuvant bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege
Baldrianwurzel, Hopfenzapfen 7,5–10,7 : 0,5–0,75 nervös bedingte Einschlafstörungen, Unruhezustände
Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Melissenblätter 5–7,5 : 0,3–0,5 : 1,5–4,5 nervös bedingte Einschlafstörungen, Unruhezustände
Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Passionsblumenkraut 5–7,5 : 0,3–0,5 : 1,2–4 nervös bedingte Einschlafstörungen, Unruhezustände
Birkenblätter, Goldrute, Orthosiphonblätter 2–5 : 2–6 : 2–6 Durchspülung bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege
vorbeugend bei Nierengrieß
Pfefferminzblätter, Kamillenblüten, Kümmel 1–3 : 3–6 : 0,5–3 dyspeptische Beschwerden, v. a. mit leichten Krämpfen

Rezepturen:RezepturabkürzungenRezepturabkürzungen

Tab. 5.16
Lateinische Abkürzung Anweisung lateinisch Anweisung deutsch
Aa ana partes zu gleichen Teilen
aqu. Aqua Wasser
add. Adde füge hinzu
Aut simil. Aut similia oder Ähnliches
c. Cum mit
cc, conc. Concisus geschnitten
cont. Contusus gequetscht
d. Da gib
d.s. Detur signetur gib und bezeichne
f. Fiat mache, fertige an
gtt. Gutta, guttae Tropfen
inf. Infunde mache einen Aufguss
m. Misce mische
m.f. spec. Misce fiat species mische und fertige einen Tee an
M.D.S. Misce, da, signa mische, gib, bezeichne
p.c. post cibum nach dem Essen
pulv. pulvus, pulveratus Pulver, gepulvert
Rp. Recipe rezeptiere
S. Signa bezeichne
spec. Species Tee
tal. dos. tales doses solche Mengen
tct., tr. Tinctura Tinktur

Zusammensetzung der Beruhigungstees (Standardzulassungen Tee I–VIII)Rezepturen:Beruhigungstees

Tab. 5.17
Bestandteile (g) Teenummer
I II III IV V VI VII VIII
Baldrianwurzel 40,0 30,0–40,0 30,0–40,0 30,0–40,0 30,0–40,0 30,0–40,0 15,0–40,0
Hopfenzapfen 20,0 20,0–30,0 25,0–40,0 15,0–30,0 15,0–25,0 15,0–25,0
Lavendelblüten 15,0–25,0 20,0–30,0 15,0–25,0
Melissenblätter 15,0 20,0–30,0 10,0–20,0 20,0–30,0 10,0–20,0 15,0–40,0 15,0–25,0
Passionsblumenkraut 10,0–20,0 10,0–20,0
Pfefferminzblätter 15,0 10,0–30,0 10,0–30,0 10,0–30,0 10,0–30,0
Pomeranzenschale 10,0

Zusammensetzung der Magen- und Darmtees (Standardzulassungen Tee I–Rezepturen:Magen- und DarmteeXII)

Tab. 5.18
Bestandteile (g) Teenummer
I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII
Anis 20,0–30,0 15,0–30,0 15,0–30,0 15,0–30,0 15,0–30,0 15,0–30,0
Fenchel 20,0–30,0 20,0–30,0 15,0–30,0 20,0–35,0 15,0–30,0 15,0–30,0 15,0–30,0 15,0–30,0
Koriander 20,0–40,0 15,0–20,0
Kümmel 25,0 20,0–40,0 20,0–30,0 15,0–30,0 20,0–35,0 15,0–30,0 15,0–30,0 15,0–30,0 15,0–30,0
Angelikawurzel 20,0–30,0
Kamillenblüten 25,0 20,0–40,0 10,0–40,0 10,0–40,0 20,0–40,0 20,0–40,0 30,0–50,0
Pfefferminzblätter 25,0 20,0–40,0 10,0–40,0 20,0–30,0 15,0–40,0
Schafgarbenkraut 10,0–30,0 20,0–35,0 15,0–20,0
Süßholzwurzel 15,0–20,0 15,0–35,0
Baldrianwurzel 25,0

Zusammensetzung der Magentees (Standardzulassungen Tee I–Rezepturen:MagenteesVI)

Tab. 5.19
Bestandteile (g) Teenummer
I II III IV V VI
Angelikawurzel 10,0–50,0
Enzianwurzel 20,0 10,0–30,0 10,0–50,0 10,0–15,0
Löwenzahn 10,0–35,0
Melissenblätter 10,0–35,0
Pomeranzenschale 20,0 15,0–25,0
Schafgarbenkraut 15,0–30,0 10,0–35,0 10,0–35,0
Tausendgüldenkraut 25,0 10,0–25,0 10,0–35,0 10,0–25,0 10,0–25,0
Wermutkraut 25,0 10,0–25,0 30,0–50,0 10,0–25,0 10,0–20,0
Zimtrinde 10,0

Zusammensetzung der Blasen- und Nierentees (Standardzulassungen Tee I-Rezepturen:BlasenteesVII)

Tab. 5.20
Bestandteile (g) Teenummer
I II III IV V VI VII
Bärentraubenblätter 35,0–50,0 35,0–50,0 35,0–50,0 35,0–50,0
Birkenblätter 20,0 10,0–20,0 10,0–25,0 15,0–30,0 15,0–25,0
Samenfreie Gartenbohnenhülsen 10,0–20,0 10,0–20,0
Goldrutenkraut oder Riesengoldrutenkraut 20,0 10,0–25,0 10,0–25,0 10,0–20,0
Orthosiphonblätter 15,0–30,0 15,0–30,0 20,0–30,0
Queckenwurzelstock 20,0 10,0–20,0 15,0–25,0
Schachtelhalmkraut 10,0–30,0 10,0–30,0
Süßholzwurzel 20,0
Hauhechelwurzel 20,0

Sonstige Bestandteile, die in einzelnen Tees vorkommen: Brennnesselkraut, Fenchelfrüchte, Hagebuttenschalen, Kornblumen-, Ringelblumenblüten, Rotes Sandelholz, Süßholzwurzel, Pfefferminzblätter

Bindegewebszonen am Rücken

Tab. 5.22
Beidseitige Reflexzonen (paarige Organe)
Pleura, Lunge T3–T10
Niere, Ureter T9–L2
Gonaden T10–L1
Rechtsseitige Reflexzonen (unpaarig)
Duodenum T6–T10
Ileum T8/9–T11
Leber, Galle C3/4 und T6-T10
Appendix, Colon ascendens T9–T12
Linksseitige Reflexzonen (unpaarig)
Herz T1–T8
Magen T5–T9
Jejunum T8–T11
Pankreas T7–T9
Milz T7–T10
Colon descendens T9–L1
Colon sigmoideum T9–L1

Tägliche Wasserverluste in ml

(nach Biesalski [5])

Tab. 5.23
Ausscheidungsorgan/-substanz Normalbedingungen Warmes Wetter Schwere körperliche Arbeit
Haut 350 350 350
Lunge 350 250 650
Urin 1400 1200 500
Schweiß 100 1400 5000
Stuhl 100 100 100
Summe 2300 3300 6600

Vitamine: Herkunft, Quellen, Mangelkrankheiten

(nach Biesalski [5] und Bässler [2])

Tab. 5.24
Vitamin Herkunft Gute Nahrungsquellen Mangelkrankheit
Vitamin A
(Retinoide)
Pflanzen
(Carotinoide)
Vorstufen in gelb-orangen Gemüse- und Obstsorten, Chicorée, Grünkohl, Spinat, Vitamin A in Leber, Lebertran, Aal Nachtblindheit, Hyperthyreose, Keratinisierung von Haut, Schleimhäuten; Infektanfälligkeit
Vitamin D
(Calciferole)
Plankton; durch UV-Licht bei Mensch (Haut) u. Tier Butter, Margarine, Kalbfleisch, Fettfische, Lebertran, Eier, Champignons Rachitis
Vitamin E
(Tocopherole)
Pflanzen Gemüse (insbes. grünes Blattgemüse, Fenchel, Spargel), Samenöle, Weizenkeimöl, Olivenöl, Maiskeim- und Rapsöl keine spezifische Symptomatik; neurologische Dysfunktion bei chronischem Mangel
Vitamin K
(Phyllo- und Menachinone)
Bakterien (Darmflora)
Pflanzen
grünblättriges Gemüse, Sauerkraut, Eigelb, Käse, Leber, Fisch Blutgerinnungsstörungen ↑ Osteoporoserisiko
Thiamin
(Vitamin B 1 )
Pflanzen, einige Hefen, Schimmel, Bakterien Samen, Nüsse, Weizenkeime und -Kleie, Leguminosen, Kartoffeln, mageres Schweinefleisch BeriBeri
Riboflavin
(Vitamin B 2 )
Pflanzen, Bakterien, Pilze Milch, Innereien, Eier, Nüsse, Samen, Fisch, Pilze, Hefe Pellagra, hypochrome Anämie
Pyridoxin
(Vitamin B 6 )
Bakterien (Darmflora), Hefen u. a. Pilze, Pflanzen Hefe, Leber, Weizenkeime, Hafer, Nüsse, Bohnen, Avocados, Bananen, Milchprodukte, Makrelen, Sardinen Störungen der Proteinsynthese, seborrhoische Dermatitis
Cobalamin
(Vitamin B 12 )
Pilze, einige Darmbakterien Leber, Nieren, Eier, Käse, Bierhefe perniziöse Anämie
Vitamin C
(Ascorbinsäure)
Pflanzen, die meisten Tiere (außer Jungtieren), einige Bakterien Früchte und Gemüse, v. a. Hagebutten, Preiselbeeren, Schwarze Johannisbeere, Kiwi, Zitrusfrüchte, Paprika, Tomaten, Kohl Skorbut
Niacin
(Nicotinsäure)
Pflanzen, einige Bakterien, Pilze, Hefe Fleisch, Nüsse, Leguminosen, Grünkohl, Fisch, Hefe Pellagra
Pantothensäure Pflanzen, einige Darmbakterien Hefe, Getreide, Hering, Pilze, Eigelb, Leber, Tomaten Burning-feet-syndrome
Folsäure Pflanzen, einige Darmbakterien Hefe, Leber, Spinat, Weißkohl, Spargel, Tomaten, Roggen Anämie, Neuralrohrdefekt beim Fetus
Biotin Bakterien, Hefen, Pilze Hefe, Leber, Eigelb, Tomaten, Sojabohnen, Reis, Weizenkleie, Vollmilch, Nüsse, Haferflocken Dermatitis, Glossitis, Anorexie, Übelkeit, Haarausfall (seltener Mangel aufgrund Eiweißschädigung)

Vorkommen von Ballaststoffen in pflanzlichen Lebensmitteln

Tab. 5.25
Lebensmittel Ballaststoffklasse
Vollkorngetreide, Nüsse, Samen Zellulose, Hemizellulose, Lignin, Glucane
Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst Poly- und Oligosaccharide (z. B. Pektin, Gummi arabicum, Carrageen, Inulin, Galacto- und Fructo-Oligosaccharide)
pflanzliche Zellwände Wachse, Saponine, Tannine

Disziplinen/Bereiche der Ernährungsberatung

(nach Pudel [37])

Tab. 5.26
Bereich Maßnahmen Ziele
Ernährungsaufklärung zielgerichtete Ansprache über Massenmedien, bildet Grundlage für Ernährungsinformation Wecken des Ernährungsbewusstseins, Sensibilisierung für Ernährungsfragen
Ernährungsinformation Angebote zu gezielten ernährungswissenschaftlichen Fragen, z. B. Broschüren, Flyer, Mailservice oder Hotlines durch Fachkräfte, Erstellen individualisierter Ernährungsprogramme Schließen von Wissenslücken, Korrektur von Fehlinformationen, Klärung günstiger Voraussetzungen für das Ernährungsverhalten
Klassische Ernährungsberatung persönliche Inanspruchnahme von Einzelpersonen bei subjektiv nicht lösbaren Verhaltens- oder Einstellungsproblemen sowie bei Entscheidungskonflikten Ernährungsinformationen und Ernährungsverhalten in Übereinstimmung bringen, Verhaltensänderung
Ernährungstherapie nahtloser Übergang zur Ernährungsberatung: Diät-/Ernährungsberatung für Patienten verändertes Patientenverhalten zur Minderung krankheits- oder ernährungsbedingter Risiken durch Auswahl geeigneter Nahrungsmittel und Zubereitungsverfahren, Heilung, Linderung
Ernährungserziehung Anleitung zu bestimmten Verhaltensweisen durch Vorbildfunktion, Lob, Tadel, argumentative Begründungen frühzeitige Stabilisierung/Förderung eines günstigen Ernährungsverhaltens, Vermeiden ungünstiger Verhaltensweisen

Klassische Naturheilverfahren

Ordnungstherapie: Grundlage ärztlichen Handelns

Anna Paul

Nils Altner

Gustav Dobos

Grundlagen

In der Literatur werden mit dem Begriff Ordnungstherapie sehr unterschiedliche Modelle und Methoden benannt. Diese verschiedenen Konzepte verbindet ein Grundverständnis: Die OrdnungstherapieOrdnungstherapie im naturheilkundlichen Kontext versucht, kranke Menschen in ihrer Ganzheit zu sehen und zu behandeln. Hauptziel aller Interventionen ist die Aktivierung ihrer Selbstregulationsfähigkeit und damit der Selbstheilungskräfte. Dies entspricht dem durch die WHO definierten Gesundheitsbegriff mit der Forderung „… allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen, um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen …“.
Historische Aspekte
Liest man in Schriften der antiken Medizin, wie z. B. in der „Diaita-Lehre“ des Hippokrates (Hippokrates von Kos, 460–377 v. Chr.), findet man dort schon die Inhalte der heutigen Ordnungstherapie beschrieben. Bereits vor über 2.000 Jahren wurde „die Anleitung zur gesunden Lebensführung“ als wichtiger Teil einer medizinischen Behandlung gesehen. Unter „Diaita“ verstand Hippokrates nicht nur diätetische Maßnahmen im Sinn von Ernährungsratschlägen, sondern die gesamte Lebensweise des Menschen.
Diaita als gesunderhaltende Alltagskultur
Die Ordnung und DiaitaAusgewogenheit wichtiger Lebensbereiche wird als Grundlage für Gesundheit und Heilung gesehen. Als bedeutsam sind die folgenden Lebensbereiche beschrieben:
  • Licht und Luft

  • Essen und Trinken

  • Bewegung und Ruhe

  • Schlafen und Wachen

  • Ausscheidungen

  • Gemütsbewegungen

Diaita Aus dieser Betrachtung entstand ein Entwurf einer Lebensphilosophie, die sich als menschliche Lehre des Leibes verstand und letztlich auf eine Kultur des Alltags zielte. Die Regelkreise zur gesunden Lebensführung wurden als vernetztes System verstanden, das nur im Ensemble wirkte.
Gesundheitsbildung betraf zum einen die Kultivierung des persönlichen Lebensstils (diaita privata), welcher gleichzeitig in allen Punkten auf die öffentliche Gesundheitspflege (diaita publica) übergreift und sich in kleinen, überschaubaren Diaita:p∗rivata∗Gemeinschaften (diaita communis) umsetzen lässt. „Wenn ein Mensch Gesundheit sucht, dann frage ihn erst, ob er bereit ist, künftig Diaita:p∗ublica∗auch die Ursachen seiner Krankheit zu beseitigen. Nur wenn er dies bejaht, darfst Du ihm helfen.“ (Diaita:c∗ommunis∗Hippokrates von Kos)
In die heutige Zeit und in das zentrale Anliegen der europäischen Naturheilkunde übersetzt, geht es im Prinzip der Selbstregulation immer um die Stärkung der individuellen Gesundheitsressourcen durch Anregung und Unterstützung der natürlichen Regulations- und Abwehrkräfte. Dies beruht auf der Beobachtung, dass der Organismus über Selbstheilungskräfte verfügt, die durch tägliche Entscheidungen, z. B. im Hinblick auf Ernährung, Bewegung, Arbeitspensum und Erholung sowie auf die Gestaltung der sozialen Kontakte, behindert oder unterstützt werden können. Diese Entscheidungen sind immer im Kontext des Lebensstils, des sozialen Umfeldes und der Kultur, in der ein Mensch lebt, zu betrachten.
Seit der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert bestimmen zunehmend die Vorgaben der Arbeits- und Kulturwelt die Lebensgestaltung der Menschen und verdrängten den Einfluss natürlicher Rhythmen. Dieser Prozess ist so weit internalisiert, dass viele Menschen im Laufe ihrer Enkulturation die Wahrnehmung für ein natürliches, d. h. gesundes Maß an Belastung und Erholung, an Menge und Qualität ihrer Nahrung oder an körperlicher Aktivität verloren haben.

Merke

Ordnungstherapeutische Interventionen zielen auf die Wiedererlangung des Gespürs für die natürlichen Bedürfnisse des eigenen Organismus sowie auf die Vermittlung von Strategien für die Gestaltung des Lebens(stils) unter Berücksichtigung dieser ordnenden Prinzipien.

Ordnungstherapie als eigenständiger Begriff
Der Begriff der Ordnungstherapie entstammt der europäischen Naturheilkunde, die sich, wie andere Reformbewegungen auch, zur Zeit der industriellen Revolution zu Systemen und Schulen formierte. Für den Seelsorger Sebastian Kneipp war das Ordnungstherapie:EntwicklungWiedererlangen und der Erhalt von „Ordnung“ im Leben ein zentrales Thema für Therapie und Gesunderhalt. Ihm ging es zum einen um ein harmonisches Verhältnis von Geist und Körper. „Erst als man den Zustand ihrer Seelen kannte, und da Ordnung hineinbrachte, ging es mit den körperlichen Leiden auch besser“. Außerdem stand für ihn außer Frage, dass es dazu immer wieder des rechten Maßes bedurfte „Im Maß liegt die Ordnung, jedes Zuviel und jedes Zuwenig setzt an Stelle von Gesundheit Krankheit“. Konkret hieß das für Kneipp „Untätigkeit schwächt, Übung stärkt, Überlastung schadet“. Die Befähigung zu einer geordneten Lebensführung, die die geistigen und körperlichen Aspekte des Menschseins gleichermaßen beachtet und die im Alltag maßvolle Entscheidungen trifft, stand für Kneipp im Zentrum seines Therapiekonzepts. Die Patienten sollten zu Experten ihres Lebens werden. Ganz im Sinne der Aufklärung war der aktive, selbstverantwortliche Mensch das Idealbild. Und Gesundheit wurde gewissermaßen zum Projekt in eigener Sache, das es ein Leben lang zu verfolgen galt. Franz Kleinschrod, einer der ersten Kneippärzte beschrieb erstmals 1921, 24 Jahre nach Kneipps Tod, die drei Säulen der Kneipp-Lehre als „Abhärtung und Arbeit“, „richtige Ernährung“ sowie „die richtige geistig-seelische Einwirkung auf den Leib“.
Maximilian Bircher-Benner führte dann 1938 den Begriff der Ordnungstherapie ein und bezeichnete damit die Gesamtheit seiner Gesundheitslehre. Diese beruhte v. a. auf seiner speziellen Ernährungstherapie auf der Basis von Rohkost in Kombination mit Bircher-Benner, Maximilianphysikalischen Heilmethoden wie etwa Wasseranwendungen. Der Kneipparzt J. H. Kaiser übernahm den Begriff für seine Weiterentwicklung des Säulenmodells von Kleinschrod. Ordnungstherapie wird von Kaiser als therapeutisches Verfahren verstanden und neben bzw. als übergeordnetes Prinzip über die übrigen Therapiesäulen gestellt. Diese bezieht sich auf den Tagesablauf, auf angemessene Ernährung, Bewegung und Entspannung bezieht aber auch das soziale Eingebundensein, Gefühle, Gedanken, Werte, Lebensziele bis hin zu spirituellen Fragen mit ein.
Aufgaben und Ziele heute
Der ganzheitliche Ansatz der Ordnungstherapie und das Erkennen, dass zur Sicherung eines nachhaltigen Therapieerfolgs immer eine Lebensstilmodifikation gehört, führte seit den Ordnungstherapie:Aufgaben1980er-Jahren v. a. in Reha-Kliniken, wie z. B. in der vormals von Prof. Volger geleiteten Klinik Bad Wörishofen der DRV Schwaben, zur interdisziplinären Zusammenarbeit mit Psychologen, Ärzten, Sozialarbeitern, LebensstilmodifikationErnährungsberatern, Sportpädagogen, Ergotherapeuten und besonders geschultem Pflegepersonal.
Zusätzlich zum ärztlichen Aufnahmegespräch fand je nach Bedarf ein gesondertes Vorgespräch mit einem Psychologen statt. Die Therapieangebote waren und sind modular aufgebaut. Zur Förderung der Regulationsfähigkeit werden u. a. Biofeedback sowie z. B. spezielle Atemübungen und v. a. das Singen eingesetzt, das sich laut Volger sehr gut zur psychischen Stabilisierung bei Patienten, z. B. nach Herzinfarkt, Herzoperationen oder Transplantationen eignet. Seit 1992 wird die Verpflegung nach den Prinzipien der mediterranen Kost bereitet. Spirituelle Aspekte von Heilung werden ebenso berücksichtigt wie Achtsamkeits- und Sensitivitätsangebote, bei denen es um die Schulung einer bewussten Wahrnehmung und um das Finden kleiner Glücksmomente im Alltag geht.
Strukturiertes Gesundheitstraining nach Melchart
Die Stärkung der Eigenaktivität der Patienten als Partner in der ordnungstherapeutischen Behandlung mit dem Ziel der Lebensstiländerung wurde etwa ab Mitte der Gesundheitstraining nach Melchart1980er-Jahre durch Prof. Melchart (Münchener Modell, heute Kompetenzzentrum für Komplementärmedizin und Naturheilkunde an Eigenaktivität der Patientender TU München) in den Fokus gerückt. Der von Melchart und seinem Expertenteam entwickelte Ansatz sieht die Ordnungstherapie als gesundheitspädagogisches Konzept, das in einem strukturierten Gesundheitstraining umgesetzt wird. Dieses orientiert sich an den „Regelkreisen der vernünftigen Lebensführung“ nach Schipperges [15]:
  • Ernährung und ihre Prinzipien

  • Lebensraum und seine Gestaltung

  • Alltag und seine Ordnung

  • Kräftehaushalt und sein Ausgleich

  • Körper und seine Pflege

  • Gefühlsleben und seine Dynamik

Die Schulung soll nicht mit „erhobenem Zeigefinger“ durchgeführt werden, sondern durch Vorbild und Information die Erkenntnis vermitteln, dass gesündere Verhaltensweisen langfristig „nicht Lustverzicht, sondern Lustgewinn“, also eine Steigerung der Lebensqualität bedeuten. Dieser Ansatz setzt weniger auf eine fachbezogene Behandlung durch Spezialisten für die verschiedenen Lebensbereiche, sondern auf eine fachübergreifende und daher integrierte Begleitung des therapeutischen Prozesses. Die ist v. a. durch Generalisten zu leisten. Von ihrer Grundausbildung sind diese Generalisten z. B. Oekotrophologen, Sportpädagogen, Psychologen, Sozialpädagogen, Pädagogen und Ärzte, die sich in speziellen Weiterbildungen zum Fachreferenten für Gesundheitstraining qualifiziert haben. Inhalte des strukturierten Gesundheitstrainings sind:
  • Entspannung und Stressreduktion

  • Ernährung

  • Bewegung

  • Gesundheitspraxis im Alltag

  • Selbsthilfestrategien

Merke

Im Mittelpunkt der Schulung steht das naturheilkundliche Übungsprinzip, um eine Verhaltensänderung zu initiieren. Durch Bewusstwerden von Zusammenhängen zwischen Verhalten und Gesundheit und durch aktives Einüben von neuen Verhaltensweisen sollen gesundheitsförderliche Verhaltensweisen in den Alltag integriert werden.

Mit diesem gesundheitspädagogischen Konzept werden seit 1996 internistische Patienten in der Ambulanz für Naturheilkunde des Klinikums rechts der Isar behandelt. Hauptindikationen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, chronische Atemwegserkrankungen, Osteoporose, chronische Rückenschmerzen und Krebserkrankungen. Seit 2002 gibt es eine Tagesklinik, derzeit mit dem Schwerpunkt auf der Versorgung von Patienten mit Krebserkrankungen. Dieses Konzept wurde in verschiedenen klinischen und rehabilitativen Settings erprobt und bildet inzwischen auch an anderen Kliniken so u. a. an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Kliniken Essen-Mitte, am Immanuel-Krankenhaus in Berlin sowie den angeschlossenen Stiftungs-Lehrstühlen für Naturheilkunde in Essen und Berlin die Basis der ordnungstherapeutischen Arbeit.
Mind-Body-Medizin
In den 1970er- und 80er-Jahren wurden in den USA Therapiekonzepte in der Verhaltensmedizin entwickelt, die zum Teil der modernen Ordnungstherapie entsprechen bzw. diese ergänzen. Zu den Gemeinsamkeiten gehören ein ganzheitliches Menschenbild (Mind-Body-Medizin:Entwicklungbio-psycho-sozial-spirituell) sowie der salutogenetische d. h. ressourcenorientierte Behandlungsansatz. Die Konzepte wurden in den 1990er-Jahren von den National Institutes of Health in Washington D. C. unter dem Begriff Mind-Body-Medicine zusammengefasst und definiert.

Merke

Die Mind-Body-Medizin konzentriert sich, ähnlich wie die Ordnungstherapie, auf das Zusammenspiel von Geist, Psyche, Körper und Verhalten und darauf, wie emotionale, mentale, soziale, spirituelle und verhaltensmäßige Faktoren unmittelbar die Gesundheit beeinflussen. Da insbesondere Stressbelastungen im Zusammenhang mit unzureichenden Bewältigungsressourcen gesehen werden, zielen mind-body-medizinische Interventionen immer auf die Förderung von Bewältigungs- und Gesundheitsressourcen.

Als Mind-Body-Methoden nennt das NIH Interventionsstrategien wie Entspannungstechniken, Vorstellungsübungen, Meditation, Yoga, Tai Chi, Qigong, kognitiv-behaviorale Techniken, Gruppenunterstützung, autogenes Training und Spiritualität [18].
Verhaltensmedizinische Ansätze
Die Ursprünge der Mind-Body-Medizin sind in den verhaltensmedizinischen Testlabors amerikanischer Universitäten zu finden. So untersuchte Walter Cannon in den 1920er-Jahren an der Harvard University den Zusammenhang von Stress und neuroendokrinen Vorgängen und bezeichnete die akute Stressreaktion des Körpers in Gefahrensituationen als „Fight or Flight ResponseCannon, Walter“. Auch der Begriff der „Homöostase“, der Fähigkeit des Körpers, auf Reize zu reagieren, geht auf Walter Cannon zurück. Hans Selye entwickelte Fight or Flight Responsein den 1930er- bis 50er-Jahren in Montreal eine physiologische Stresstheorie, in der er die „unspezifische Reaktion des Körpers auf jede Form von Anforderung“ als „Cannon, Walterallgemeines AdaptionssyndromSelye, Hans“ beschrieb. In den 1960er-Jahren erkannte Richard Lazarus, dass der Verlauf einer Stressreaktion davon abhängt, wie eine Person eine Anforderung subjektiv bewertet und ob sie der Ansicht istAdaptionssyndrom, dass ihr für die Bewältigung ausreichend eigene Ressourcen zur Verfügung stehen.

Studien

Im Gegensatz zur naturheilkundlichen Ordnungstherapie, für deren Wirksamkeit bis in die 1990er-Jahre kaum wissenschaftlich akzeptierte Nachweise existierten, sind mind-body-medizinische Interventionen in den USA seit den 1970er-Jahren systematisch beforscht worden. Zu den Anwendungsbereichen und Indikationen, bei denen eine metaanalytisch nachgewiesene Evidenz für die Wirksamkeit der Einbeziehung von Mind-Body-Methoden vorliegt, gehören [9]:

  • Bluthochdruck

  • Rehabilitation bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen

  • onkologische Erkrankungen

  • Inkontinenz

  • Vorbereitung vor chirurgischen Eingriffen

  • Schlafstörungen

  • Kopfschmerz

  • chronische Rückenschmerzen (LWS)

  • Arthritis

Mind-Body-medizinische Lazarus, RichardInterventionen sind mittlerweile in verschiedenen Leitlinien für die Behandlung von Brustkrebs, Colitis ulcerosa sowie Reizdarm verankert. Die Diversität in Methoden, Studiendesigns und Outcome-Variablen erschwert teilweise eine endgültige Einschätzung der Wirksamkeit, wobei zu prüfen bleibt, ob es in jedem Fall sinnvoll ist, die in der Pharmaforschung entwickelten Evidenzkriterien wie z. B. Verbindung auf Lebensstilinterventionen zu übertragen [16].
Psychoneuro(endokrino)immunologie
Eng mit der Entwicklung der Mind-Body-Medizin verbunden ist die Erforschung der Verbindungen zwischen Psyche, Nervensystem, hormonellen Vorgängen und dem Immunsystem, der sich die Psychoneuro(endokrino)immunologie widmet. Mitte der 1970er-Psychoneuro(endokrino)immunologieJahre begann Rober Ader (University of Rochester) in Kooperation mit Nicolas Cohen, die Zusammenhänge von Psyche und Bewusstsein systematisch zu untersuchen. Er hatte in Tierexperimenten entdeckt, dass die immunsuppressive Wirkung eines Medikaments, das gleichzeitig mit Saccharin verabreicht wurde, durch die weitere ausschließliche Gabe von Saccharin erzielt wurde. Diese Erkenntnis über die Konditionierbarkeit der Immunreaktion erweckte das Interesse an den Interaktionen von Bewusstsein und Immunsystem und trug zudem zur frühen Placeboforschung bei. Für die mind-body-medizinische Praxis sind v. a. diejenigen Erkenntnisse relevant, die sich mit den kognitiven, hormonellen und immunologischen Aspekten der Stressexposition beschäftigen. Abgeleitet werden ordnungstherapeutische Interventionen, die Stressbewältigung, Spannungsregulation und insbesondere Entspannung fördern und damit die Immunkompetenz stärken.

Programme der Mind-Body-Medizin

Benson-Programm
Wegweisend für die Etablierung der Mind-Body-Medizin waren die Arbeiten des Kardiologen Herbert Benson, der ausgehend von den Mind-Body-Medizin:ProgrammeErkenntnissen zu Stress und stressbedingten Erkrankungen in den Benson-Programmfrühen 1970er-Jahren an der Harvard University untersuchte, wie sich der Bluthochdruck durch Biofeedback – durch das Bewusstmachen der Blutdruckveränderung Benson, Herbertmit technischen Hilfsmitteln – regulieren lässt. Er fand heraus, dass meditative Verfahren mindestens genau so effektiv sind und ohne technische Geräte auskommen. Benson prägte den Begriff der „Relaxation Response“ als Gegenfunktion zur „Fight or Flight Response“ [5] und beschrieb damit, wie sich im Alltag stressinduzierte Veränderungen des Organismus ausgleichen oder abpuffern lassen. Er Relaxation Responsegründete an der Harvard University ein Institute for Mind-Body-Medicine, das sich der Forschung, Therapie und Fight or Flight ResponseLehre auf dem Gebiet der Mind-Body-Medizin widmet. Seit einigen Jahren firmiert es unter dem Namen Benson-Henry Institute for Mind-Body Medicine. In den dort ambulant angebotenen vier- bis dreizehnwöchigen Gruppenprogrammen erlernen Patienten Methoden der Stressreduktion und Gesundheitsförderung und üben z. B. mit Unterstützung von Therapeuten und Mitpatienten täglich Ausdauertraining, kognitive Umstrukturierung, Meditation und Yoga ein. Es gibt zudem spezielle Programme mit den Schwerpunkten Krebs, chronische Schmerzen, Fertilität, Frauengesundheit, achtsames Essen sowie ein indikationenübergreifendes Resilienzprogramm. Hinweise auf gesundheitsfördernde Auswirkungen einer regelmäßig hervorgerufenen Relaxation Response z. B. durch Meditation oder Qigong auch auf epigenetische Strukturen finden sich u. a. bei Dusek et al. [10, 25] und Li et al. [14].
Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR)
Ende der 1970er-Jahre begann Jon Kabat-Zinn an der University of Massachusetts die Wirkungen von Achtsamkeitsmeditation bei Patienten mit chronischen Erkrankungen zu untersuchen. Mind-Body-Medizin:StressbewältigungÄhnlich wie bei Benson legt sein achtwöchiges ambulantes Programm der Mindfulness-Based-Stress-Reduction (MBSR) Kabat-Zinn, Joneine möglichst tägliche Durchführung von meditativen Übungen nahe: Zudem soll der Patient eine achtsame Haltung einüben, die davon geprägt ist, dem gegenwärtigen Moment mit einer akzeptierenden, nicht reaktiven Gelassenheit zu Mindfulness-Based-Stress-Reduction (MBSR)begegnen [13].

Merke

Die Haltung Mind-Body-Medizin:Achtsamkeitder AchtsamkeitAchtsamkeit regt dazu an, alles, was in das Feld der Aufmerksamkeit tritt, akzeptierend anzunehmen und sein zu lassen. Dazu gehören zum einen angenehme und freudvolle Wahrnehmungen, die unter Umständen durch die wachsende Beachtung im Alltag einen größeren Stellenwert im Erleben erhalten. Zum anderen geht es auch darum, körperliche Missempfindungen sowie internalisierte Selbstabwertungen, Ängste, Befürchtungen und aggressive Impulse wahrzunehmen, zu akzeptieren und sein zu lassen.

Unliebsame Wahrnehmungen und Wertungen werden also nicht wie in herkömmlichen kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen in erster Linie disqualifiziert und ersetzt. Vielmehr wird der Versuch unternommen, sie auf metakognitiver Ebene als Bestandteile der Realität zu akzeptieren, um sie dann auf ihre Angemessenheit hin zu prüfen und gegebenenfalls Alternativen auszuprobieren. Die wachsende Fähigkeit zur intentionalen Lenkung, Ausrichtung und Fokussierung der Aufmerksamkeit bringt zudem die eigenen Belastungsgrenzen und Bedürfnisse stärker ins Bewusstsein.

Studien

Im Verlauf achtsamkeitsbasierter Programme werden die Beschwerden häufig gelindert. Zum Teil treten sie auch ganz in den Hintergrund des Erlebens. Positive Ergebnisse von Programmen sind metaanalytisch bei folgenden Krankheiten nachgewiesen [11]:

  • chronische psychische Störungen wie Depression, Angst und Panik

  • chronische Schmerzen

  • Tumorerkrankungen

  • KHK

Die Beschwerden nehmen zum Teil über mehrere Jahre deutlich ab, und das Wohlbefinden sowie die Lebensqualität der Patienten steigen. Gesundheitsfördernde Wirkungen konnten zudem bei der Raucherentwöhnung gezeigt werden, wenn sie komplementär zu gängigen Therapieformen unterrichtet wurden [1].

Neuere Reviews bringen weitere Hinweise auf die Wirksamkeit achtsamkeitsbasierter Interventionen bei rheumatischen Erkrankungen, bei Krebs sowie bei Gesunden.

Die Wirkungen sind von mittlerer Effektstärke und v. a. messbar für reduziertes Stresserleben und Angst, weniger grübelnde Gedankenaktivität, mehr Empathie und Selbstfürsorge [8]. Zudem liegen zahlreiche Untersuchungen vor, die hirnphysiologische, psychoneuroimmunologische und epigenetische Wirkzusammenhänge erhellen.

Ornish-Programm
An der University of California in San Francisco etablierte Dean Ornish ein Programm für Herzkranke, das auf einer Ernährungsumstellung sowie auf Meditation, Yoga, Ausdauertraining und liebevoller Ornish-ProgrammZuwendung zu anderen Menschen und zu sich selbst basiert [21]. Ornish konnte zeigen, dass die Teilnahme an seinem Lifestyle-Ornish, DeanProgram zu einer Plaquesstabilisierung und teilweisen Regression der Koronarsklerose führte, was bis dahin als unmöglich galt. Spätere Untersuchungen brachten Hinweise auf eine verringerte Wachstumsrate von Krebszellen in der Prostata [22] sowie auf eine telomerasebedingte größere Stabilität der Chromosomen und damit eine reduzierte Zellalterung [20].

Moderne integrative Ordnungstherapie

Im Jahr 1999 wurde als Modellvorhaben des Landes Nordrhein-Westfalen die Klinik für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte gegründet. Ziele der Einrichtung, die 54 stationäre Betten, eine Ordnungstherapie:moderne integrativeTagesklinik und eine Ambulanz umfasst, sind die Erforschung und Evaluation naturheilkundlicher und mind-body-medizinischer Behandlungsmöglichkeiten und deren Integration in die klinische Versorgung. Neben inneren Erkrankungen spielen die spezialisierten Bereiche der integrativen Gastroenterologie und der integrativen Onkologie eine Rolle. Aufbauend auf Erfahrungen in ambulanten Settings sowie im Reha- und Kurbereich ist es in Essen gelungen, naturheilkundliche und insbesondere ordnungstherapeutische Interventionen fest in der stationären akutmedizinisch internistischen Versorgung zu etablieren. Die an der Stiftungsprofessur für Naturheilkunde der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung an der Universität Duisburg-Essen angesiedelten Aktivitäten in Forschung und Lehre halten die Qualität der klinischen Versorgung auf dem neusten Stand.
Selbstverständnis (Methodik)
Die moderne Ordnungstherapie nach Essener Prägung (Abb. 5.1) verbindet das antike Medizinverständnis und das strukturierte Gesundheitstraining nach Melchart mit Aspekten und Methoden aus amerikanischen Ordnungstherapie:SelbstverständnisLebensstilprogrammen wie dem Symptomreduktionsprogramm nach Herbert Benson, dem Lifestyle-Programm für Herzerkrankte nach Dean Ornish und der Mindfulness-based-Stress-Reduction nach Jon Kabat-Zinn. Die Module und Methoden werden je nach Indikation individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Patienten zugeschnitten. Diese Ordnungstherapie bezieht sich also sowohl theoretisch als auch in den Methoden auf die Mind-Body-Medizin, schöpft aus verschiedenen Programmen und erweitert diese um selbsthilfetaugliche Ansätze aus der europäischen Naturheilkunde (Hydro- und Phytotherapie, Hausmittel) sowie der chinesischen Medizin (Akupressur, Phytotherapie, Qigong).

Merke

Die Ordnungstherapie ist eine multimodal zusammengesetzte Therapieform, die in Ansätzen und ihrer Methodik aus den klassischen Naturheilverfahren und der Mind-Body-Medizin schöpft. Ziel ist die Förderung und Unterstützung der Eigenaktivität im Sinne einer gesundheitsorientierten Lebensstilstrukturierung und die Förderung körperlicher und seelischer Selbstheilungskräfte. Die Therapie umfasst folgende Aspekte:

  • Spannungsregulation (Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung)

  • kognitive Umstrukturierung

  • Ernährung

  • Bewegung

  • soziale Unterstützung

  • selbsthilfetaugliche naturheilkundliche Strategien

Grundprinzipien
Wesentliche Grundprinzipien der modernen Ordnungstherapie/MBM liegen im Aufbau und in der Stärkung von personalen gesundheitsbezogenen Schutz- und Bewältigungsressourcen im bio-psycho-sozial-spirituellen Kontext. Die Fokussierung auf Ordnungstherapie:Grundprinzipienvorhandene Ressourcen und deren Stärkung im Lebensalltag soll dem Patienten im Umgang mit der eigenen (chronischen) Erkrankung mehr Eigenverantwortung und Selbstständigkeit ermöglichen. Daher lassen sich die drei Grundprinzipien von Nachhaltigkeit, Salutogenese und Achtsamkeit formulieren. Dabei erlaubt die Einbeziehung spiritueller Themen im Kontext therapeutischer Interventionen einen gemeinsamen Austausch zu Fragen nach dem Lebenssinn, nach Grundwerten und dem Eingebundensein in größere Zusammenhänge. Unter Umständen kann z. B. die eigene Erkrankung Anlass sein, diesen Lebensfragen mehr Bedeutung zu geben und daraus Erkenntnisse und Anbindungen zu erfahren, die das eigene Leben tief bereichern.
Nachhaltigkeit
Wie lange und nachhaltig kann eine Therapie das Verhalten des Patienten beeinflussen? Übernimmt der Patient das in der Klinik erlernte Gesundheitsverhalten in den Alltag? Welche Ansätze haben eine gute Chance, ein Gesundheitsverhalten zu prägen oder es Nachhaltigkeitüberhaupt zu ändern? In der Verhaltensmedizin wie auch in der Rehabilitations- und Gesundheitsverhaltensforschung werden diese Fragen der verinnerlichten Zustimmung (Adhärenz) und die daraus erwachsende dauerhafte Einhaltung der angestrebten Lebensstilveränderungen diskutiert.
In neueren Modellen des Gesundheitsverhaltens wird nicht nur Wert gelegt auf das Reduzieren oder Meiden pathogener Risikofaktoren, wie z. B. Rauchen oder Alkoholmissbrauch, sondern der Fokus auf die Stärkung der gesunderhaltenden Ressourcen gelegt. Dies sind z. B. die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und Selbstregulation, soziale Kompetenzen wie Empathie und Altruismus sowie das Bewusstsein für das Einbezogensein in transpersonale Zusammenhänge. Es geht also sowohl um die Reduzierung pathogener Faktoren als auch um die Förderung salutogener Fähigkeiten.
Salutogenese
Der partizipative und ressourcenorientierte Ansatz in der Medizin wurde wesentlich vom Paradigma der Salutogenese geprägt, das auf den israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky zurückgeht. Er Salutogenesewollte in den 1960er-Jahren verstehen, welche Ressourcen es manchen Menschen ermöglichten, trotz schwieriger, sogar traumatischer Lebensereignisse wie etwa der Internierung in Konzentrationslagern, die Fähigkeit zu Gesundheit und Antonovsky, AaronGesundung beizubehalten. Damit stellte er die bis dahin im medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Diskurs vorherrschende Frage nach den Ursachen für und der Entwicklung von Krankheit (Pathogenese) neu, indem er versuchte, die Faktoren zu verstehen, die die Entwicklung oder den Erhalt von Gesundheit (Salutogenese) ermöglichen [3].

Merke

Antonovsky geht von einem persönlichen Kohärenzsinn (Sense of Coherence – SOC) aus, der es je nach Ausprägung ermöglicht, Lebensereignisse zu verstehen, zu handhaben und in ein sinnvolles Ganzes einzuordnen. Menschen mit hohem SOC empfinden Schwierigkeiten eher als Herausforderungen denn als Belastung.

Bedeutsam für die MBM ist das von Antonovsky formulierte Paradigma der Gesundheitsorientierung im Unterschied zur bis dahin vorherrschenden Blickrichtung auf Faktoren, die Erkrankungen verursachen und chronifizieren lassen. Die Befähigung des Patienten zur Identifizierung seiner Quellen für Gesundheit liegt allen ordnungstherapeutischen Methoden zugrunde. Sie zielen immer auf die nachhaltige Entwicklung der salutogenen Ressourcen der Person bzw. einer Gruppe.
Achtsamkeit
Die Schulung der Achtsamkeit zielt darauf, Präsenz zu entwickeln, d. h., zu lernen, den gegenwärtigen Moment bewusst und aufmerksam wahrzunehmen und eine möglichst offene und akzeptierende Grundhaltung gegenüber dem aktuellen Lebensmoment Mind-Body-Medizin:Achtsamkeiteinzunehmen. Zu den achtsamkeitsfördernden Methoden zählen verschiedene Meditationsformen wie die atemzentrierte Meditation, der Body Scan, aber auch bewegtere Formen wie Hatha Yoga, Qigong oder Tai-Chi. Unter der wachsenden Anzahl manualisierter therapeutischer achtsamkeitsbasierter Programme zählen die bereits erwähnte Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR) von Kabat-Zinn, die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie nach Teasdale, Segal und Williams sowie die Acceptance and Commitment Therapy nach Hayes und Kollegen zu den wichtigsten.

Studien

In jüngerer Zeit haben neurophysiologische Untersuchungen Aufsehen erregt, die anhand bildgebender Verfahren bei Gesunden zeigen, dass achtsamkeitsbasierte Methoden und Programme Hirnfunktionen und Hirnstrukturen nachhaltig gesundheitsfördernd beeinflussen [6]. So fand Chiesa [7] in einer Metaanalyse, dass Achtsamkeitsmeditation die präfrontalen und anterioren cingulären Bereiche des Kortex aktiviert, die mit der Blutdruckregulation und Herzfrequenz, mit Schmerzempfinden sowie mit kognitiven Funktionen wie der Antizipation von Belohnung, mit Entscheidungsfindung, Empathie und emotionalem Erleben assoziiert werden. Zudem lassen sich Korrelationen zwischen Meditationspraxis und der Ausprägung kortikaler Strukturen nachweisen, die mit Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Interozeption verbunden sind.

Merke

Bedeutsam ist eine achtsame Haltung zum einen als ein salutogener Faktor, von dessen Förderung Patienten in ihrem Gesundungsprozess profitieren können. Zum Anderen lässt sie sich zu den professionellen Grundfähigkeiten in psychosozialen Berufen zählen, da sie ein individualisiertes, ressourcenförderndes und zugleich selbstfürsorgliches Arbeiten unterstützt (vgl. [2]).

Lebenssinn, Lebensziel – Spiritualität
In kurativen und präventiven Settings werden zunehmend Gruppeninterventionen eingesetzt, die nicht nur gesundheitsfördernde Verhaltensweisen wie Stressbewältigung, Bewegung und Ernährung vermitteln, sondern auch die grundsätzliche Haltung zum Leben thematisieren. Bei Interesse tauschen sich die Patienten zu Fragen von Präsenz, Gemeinschaft, Verantwortung, Lebenssinn und Spiritualität aus. Umweltmedizinisch-ökologische Themen wie Schadstoffbelastung, Lärm, Licht und Luftqualität im häuslichen oder beruflichen Umfeld können ebenso bedeutsam sein wie philosophisch-spirituelle Fragen nach Werten, Wünschen und dem Lebenssinn. Mind-Body-Interventionen wirken hier, indem sie die Selbstwahrnehmung und -reflexion mittels introspektiver Methoden anregen (z. B. durch kognitive Umstrukturierung, Achtsamkeitsmeditation und durch achtsam geführte Gespräche). Dadurch entwickeln die Patienten eine bessere Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstheit, aus der heraus ihre Fähigkeiten zur Selbstfürsorge und -verantwortung wachsen können.

Ordnungstherapeutische Praxis

Verhaltenstheoretische Aspekte ordnungstherapeutischen Handelns
Chronische Erkrankungen zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie den Patienten in seinen sozialen Beziehungen und in seiner Leistungsfähigkeit einschränken. Dadurch Ordnungstherapie:verhaltenstheoretische Aspekteentstehen Enttäuschungen, die in hohem Maß als leidvoll erlebt werden. Nicht selten Verhaltensänderungenführt ein solches Erleben im Alltag zu dysfunktionalen Verhaltensweisen, die die Gesundheitsressourcen zusätzlich zur Erkrankung weiter belasten: So kann z. B. eine durch häufige Migräne reduzierte Leistungsfähigkeit und eingeschränkte soziale Eingebundenheit depressive Stimmungen auf der einen Seite und berufliches Überengagement auf der anderen Seite fördern. Die Bereiche Entspannung, Stressregulation und Bewegung sind infolge der Migräne nicht optimal gesundheitsfördernd ausgeprägt und die Person neigt vielleicht dazu, die durch ihre Anfälle „verloren“ gegangene Arbeitszeit durch Überengagement an den „guten“ Tagen kompensieren zu wollen. Sportliche Aktivitäten, Mußezeiten und Treffen mit Freunden werden reduziert oder sogar ganz aufgegeben. Die Selbstregulation des Organismus wird dadurch eingeschränkt, der Organismus kann sich nicht mehr optimal erholen und neigt zur Erschöpfung und Zunahme der muskulären Verspannungen. Der entstehende Teufelskreis kann durch Medikamente nur sehr kurzfristig unterbrochen werden, bis die Medikamenteneinnahme selbst zum dysfunktionalen und symptomverstärkenden Verhalten wird. Der Bewegungsmangel und die soziale Isolation fördern zudem die depressive Gestimmtheit, was unter Umständen die Rückzugstendenzen weiter unterstützt.
Unterbrechen des Negativkreislaufs
Dieser Negativkreislauf würde mithilfe einer integrativmedizinischen Intervention unterbrochen, z. B. während eines stationären Aufenthalts durch eine mehrtägige Heilfastenkur mit Medikamentenreduzierung bzw. -entzug und anschließender Verhaltensänderungen:Negativkreislaufmediterraner Vollwerternährung. Eine flankierende Akupunkturbehandlung könnte ergänzt werden durch Senfmehlfußbäder, heiße Nackenrollen und Minzölauflagen auf die Stirn. Die begleitenden mind-body-medizinischen Interventionen beträfen beispielsweise die Reflexion der Fastenerfahrungen und würden die Bedeutung einer Regelmäßigkeit in Bezug auf Ernährung, Bewegung und Entspannung einschließen (z. B. Walking, Yoga, Qigong und Meditation). Im Einzel- und Gruppenaustausch würden die von der Patientin selbst wahrgenommenen Auswirkungen auf ihre Symptome und Befindlichkeit besprochen und Zusammenhänge zwischen ihren Gedanken, Erwartungen, Handlungen und den Symptomen erhellt werden. Begleitende Vorträge und Gespräche könnten sich den Themen Ursachen und Umgang mit Schmerzen, physiologische und psychologische Wirkungen von Bewegung, Entspannung und Ernährung widmen und Fragen nach deren selbstverantwortlicher und nachhaltiger Umsetzung im Alltag thematisieren.
Gemeinsam mit dem Patienten lässt sich herausfinden, in welchen dieser Bereiche (z. B. Ernährung, Bewegung, naturheilkundliche Selbsthilfe und Stressbewältigung) gesundheitsfördernde Veränderungen sinnvoll, wünschenswert und im Alltag umsetzbar sind.

Merke

Nicht die Überzeugung des Arztes oder Therapeuten ist der Motor der Veränderung, sondern die Einsicht und der Wunsch des Patienten. Die Befähigung zu einer nachhaltigen Selbstfürsorge im Alltag steht dabei immer im Vordergrund der Interventionen.

Selbstwirksamkeitserwartung
Um den Vorsatz zu einer Verhaltensänderung zu bilden, ist es nicht hinreichend, dass ein Mensch weiß, was er gegen potenzielle Gesundheitsrisiken tun kann. Es Selbstwirksamkeitserwartungist auch notwendig, dass er davon überzeugt ist, diese Verhaltensänderungen:SelbstwirksamkeitserwartungenHandlung aus sich selbst heraus ausführen zu können. Solche Kompetenzerwartungen oder auch Selbstwirksamkeitserwartungen [4] müssen je nach Patient durch ordnungstherapeutische Interventionen eventuell erst geweckt, in jedem Fall überzeugend gestärkt und verankert werden (Abb. 5.2). Dies geschieht methodisch durch vier Behandlungsansätze.
  • Passfähigkeit: Lebensstiländerung muss in Zielformulierung und Umsetzungsplanung auf die Möglichkeiten des Patienten abgestimmt sein.

  • Lernen am Modell: Hier werden v. a. das Gruppensetting als Handlungsort und der Therapeut als Modell wirksam. Als heilendes Agens fördert die Gruppe die Anteilnahme und soziale Entfaltung der Persönlichkeit. Soziale Unterstützung als ein wesentlicher Faktor für Gesundung wird angeregt und therapeutisch gestaltet.

  • Symbolische Erfahrung: Das Verhältnis von Therapeut und Patient soll vertrauensvoll und partnerschaftlich anerkennend (achtsam) sein.

  • Gesamtorganismische Erfahrungen: Durch körperliche, emotionale und kognitive Erfahrungen wie z. B. der Empfindung einer wohltuenden Entspannung und einer damit einhergehenden Schmerzlinderung werden signifikante Erlebnisse initiiert, die die Hoffnung auf Besserung der Beschwerden stärken, zur Wiederholung und Intensivierung des positiven Erlebnisses anregen und aus der Hilflosigkeit zur erlebten Selbstwirksamkeit führen.

Motivationsstufen
Das transtheoretische Stadienmodell der Gesundheitsverhaltensänderung nach Prochaska und Di Clemente [23] entstand aus der leidvollen klinischen Erfahrung, dass Verhaltensänderungen:Motivationsstufenmanche Patienten trotz plausibler und gut gemeinter Empfehlungen keine Einsicht zeigen, ihren Lebensstil zu transtheoretische Stadienmodelländern und scheinbar wider jede Vernunft auf ihrem ungesunden Lebensstil beharren. Doch im Gegensatz dazu gibt es immer wieder Patienten, die lebensverändernde Empfehlungen umsetzen. Eine Erklärungsmöglichkeit wäre es, den ablehnenden Patienten eine Therapieresistenz zuzuschreiben. Die von Prochaska und Di Clemente empirisch gefundene Erklärung geht dagegen von Phasen der Veränderungsbereitschaft beim Menschen aus. Es liegt beim Therapeuten, diese zu identifizieren und darauf abgestimmt therapeutisch zu intervenieren. Phasenspezifische Interventionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Angebot der aktuellen Verhaltensänderungen:VeränderungsbereitschaftSituation eines Patienten entspricht, er positive Erfahrungen damit macht und durch diese erfolgreichen, weil passenden Modifikationen, in seiner Selbstwirksamkeitserwartung gestärkt wird. Damit sind beste Bedingungen geschaffen für ein Voranschreiten von einer Motivationsstufe zur nächsten, sobald der Patient dazu bereit ist. Die fünf Stufen werden als Phasen der Absichtslosigkeit, der Absichtsbildung, der Vorbereitung, der Handlung und der Aufrechterhaltung bezeichnet und gehen mit folgenden Zielen und Interventionen einher.
Absichtslosigkeit
  • Charakteristika: In diesem Stadium ist die Änderung des Gesundheitsverhaltens innerhalb der nächsten sechs Monate nicht vorgesehen. Patienten sind meist uninformiert Absichtslosigkeitüber die langfristigen Konsequenzen ihres Verhaltens Verhaltensänderungen:Absichtslosigkeitoder demoralisiert, weil sie ihr Verhalten bisher nicht ändern konnten und sie wollen nicht darüber nachdenken. Oder sie wehren eine Veränderung ab, weil sie infolge eines befürchteten höheren sozialen Drucks meinen, aus wichtigen sozialen Gruppen ausgeschlossen zu werden.

  • Interventionsziel: Problembewusstsein wecken.

  • Intervention: Fehlende Informationen individuell passend vermitteln; emotionalen Bezug zum Thema herstellen; Eigenverantwortung und Wahlfreiheit betonen (um Reaktanz zu vermeiden).

Absichtsbildung
  • Charakteristika: In diesem Stadium möchte der Patient ernsthaft sein Verhalten innerhalb der nächsten sechs Monate ändern. Doch dies gestaltet sich schwieriger als von Absichtsbildungder Person gewünscht. Sie kann sich daher über Verhaltensänderungen:AbsichtsbildungJahre in diesem Stadium befinden. Immer mit der Absicht, dass eines Tages die Veränderung eintreten wird.

  • Interventionsziel: Wunsch nach Veränderung unterstützen.

  • Intervention: Unterstützen des progressiven Auflösens der Ambivalenz durch eine systematische Auseinandersetzung mit persönlich relevanten Vor- und Nachteilen der Verhaltensalternativen.

Vorbereitung
  • Charakteristika: In diesem Stadium beabsichtigen Patienten, ihr Verhalten in naher Zukunft zu verändern – gewöhnlich innerhalb der nächsten Monate. Sie haben typischerweise einen Aktionsplan und bereits (probehalber) einige Verhaltensänderungen:VorbereitungtVeränderungen vorgenommen, wie z. B. einem Fitnessstudio beizutreten oder die Anzahl der Zigaretten pro Tag zu reduzieren.

  • Interventionsziel: Selbstverpflichtung zur Veränderung des Verhaltens stärken; kognitive, emotionale und organisatorische Aspekte der Verhaltensänderung vorbereiten.

  • Intervention: Über effektive Veränderungsstrategien informieren und bei der Konkretisierung der individuellen Ziele und deren sukzessiver Umsetzung unterstützen; Unterstützungsmöglichkeiten des Umfeldes aktivieren.

Handlung
  • Charakteristika: Patienten haben begonnen, innerhalb der letzten sechs Monate Verhaltensweisen zu verändern. Dies ist das aktivste Stadium der Veränderung, in dem die meisten Fortschritte auftreten und es ist zugleich das am wenigsten Verhaltensänderungen:Handlungstabile Stadium und korreliert mit dem höchsten Rückfallrisiko.

  • Interventionsziel: Unterstützung bei der Verankerung des Zielverhaltens im Alltag.

  • Intervention: Stärkung der Selbstwirksamkeit durch Aufmerksamkeitslenkung auf Erfolge; Selbstverstärkung und Belohnung durch andere anregen; Wahrnehmung und Mobilisierung unterstützender Beziehungen fördern. Um Auslöser des Problemverhaltens zu vermeiden, werden Techniken der Stimuluskontrolle vermittelt oder alternative Verhaltensweisen entwickelt.

Aufrechterhaltung
  • Charakteristika: Dieses Stadium umfasst eine Periode von mindestens sechs Monaten, nachdem die Veränderung vollzogen wurde.

  • Interventionsziel: Habituierung des Zielverhaltens unterstützen; konstruktiven Verhaltensänderungen:AufrechterhaltungUmgang mit Rückfällen vorbereiten.

  • Intervention: Aufmerksamkeitslenkung auf bereits erreichte und spürbare Vorteile des veränderten Verhaltens; erfolgreiche Strategien verstärken; vermitteln von Strategien im Umgang mit Ausrutschern.

Motivierende Gesprächsführung
Sind die Inhalte der Interventionen auf die Motivationsphasen der Patienten abgestimmt, d. h. das Was ist geklärt, dann bleibt die Frage des Wie der Vermittlung. Hier gilt es, die Integrität von Sein und Tun der Adressaten anzuerkennen.

Merke

Jedes Verhalten, und mag es dem Außenstehenden auch noch so dysfunktional erscheinen, soll als bislang bestmögliche Bewältigungsstrategie akzeptiert werden. Mit dieser wertschätzenden Haltung wird der Patient in seiner Selbstwirksamkeitserwartung gestärkt.

Gesprächsführung, motivierendeWenn dann die Motivation zur Weiterentwicklung von Verhaltensweisen und möglicherweise auch von Haltungen in Richtung Absichtsbildung und darüber hinaus wächst, sind angemessene Interventionen gefragt. Für die therapeutische Praxis der Motivationsförderung bietet die motivierende Gesprächsführung [17] ein hilfreiches Konzept. Dieser Ansatz betont zum einen die (potenziellen) Ressourcen der Patienten und zum anderen notwendige therapeutische Kompetenzen und Interventionen des Behandlers. Veränderung wird als natürlicher Prozess betrachtet, d. h. die Verhaltensänderung findet oft ohne therapeutische Unterstützung statt oder bedarf gelegentlich nur weniger Kurzinterventionen.
Hinsichtlich der Motivation zeigen sich drei Aspekte als wesentlich: Wichtigkeit, Zuversicht und Bereitschaft.
  • Ist die subjektive Wichtigkeit einer Veränderung gering ausgeprägt, wird dies nicht als resistent, widerständig oder verleugnend betrachtet, sondern als zu geringe Diskrepanz zwischen einem aktuellen Ist-Zustand und zukünftigen Zielen und Werten (Soll-Zustand).

  • Ist ein Mensch willens eine Veränderung anzustreben, zeigt dabei aber eine geringe Zuversicht bezüglich des Gelingens, führen intrapsychische Prozesse zu einer Verminderung des damit verbundenen Unbehagens der Ambivalenz („es wird schon nicht so schlimm sein“).

  • Jedoch reichen eine hohe Wichtigkeit und Zuversicht oftmals nicht aus, eine Verhaltensänderung zu initiieren, wenn die Bereitschaft dazu fehlt. Auch diese Ambivalenz ist – wie die vorherigen Phänomene – ein normaler menschlicher Aspekt sowie ein Stadium im normalen Prozess von Veränderung und keinesfalls ein Anzeichen für Widerstand oder fehlende Motivation (vgl. [17]).

Therapeutische Unterstützung liegt hier in der Hilfestellung zur Auflösung der Ambivalenz – jedoch ohne zu überreden. Die Patienten sollten selbst die Argumente für eine Verhaltensänderung aussprechen. Es gilt, die Ambivalenz zu intensivieren. In diesem sog. Change-Talk werden direktiv Äußerungen persönlicher Gründe und Vorteile unterstützt, die für eine Veränderung sprechen. Es lassen sich vier Kategorien unterscheiden:
  • Nachteile des gegenwärtigen Zustands

  • Vorteile einer Veränderung

  • Zuversicht bezogen auf die Veränderung

  • Bedürfnis nach/Absicht zur Veränderung

Merke

Die motivierende Gesprächsführung ist nicht als Zauberkasten gedacht, mit dem Menschen dazu bewegt werden, Dinge zu tun, die sie von sich aus nicht tun wollen. Sie bietet vielmehr eine Grundhaltung im therapeutischen Miteinander, durch das eine Veränderung auf natürliche Weise hervorgerufen und gefördert werden kann.

Es geht dabei um die Förderung der intrinsischen Motivation. Dazu müssen Ambivalenzen erforscht werden, bevor sie aufgelöst werden können. Nur dann kann eine Veränderung initiiert und nachhaltig beibehalten werden.

Ordnungstherapeutische Interventionen

Nachfolgend werden die modular aufgebauten Interventionen vorgestellt, wie sie im stationären und teilstationär-tagesklinischen Betrieb der Essener Klinik umgesetzt werden. Dabei handelt es sich bis auf das Anamnesegespräch um Ordnungstherapie:InterventionenGruppeninterventionen. Alle diese Angebote sind jedoch auch für das Einzelsetting adaptierbar, wobei jedoch der zusätzliche therapeutische Effekt der Gruppe verloren geht. Die ersten vier Module (Anamnese, Einführung in das Konzept, Verhaltensänderung planen sowie Stress und Spannungsregulation) sind als übergeordnete Themen zu verstehen, deren Durchführung die Basis für die nachfolgende Arbeit an den einzelnen Lebensstilbereichen legt.
AnamneseIm Anamnesegespräch erfolgt eine umfassende Eingangsdiagnostik bezüglich der vorhandenen Lebensstilgestaltung, der kognitiven Fähigkeiten, der Einsicht in Zusammenhänge zwischen Lebensstil und Erkrankung bzw. Genesung sowie bezüglich der Veränderungsmotivation. Abschließend wird gemeinsam mit dem Patienten der Handlungsauftrag formuliert.
Basismodul: Einführung in das KonzeptDie Einführung in das mind-body-medizinische Interventionskonzept dient dazu, den Patienten den ganzheitlichen Ansatz vorzustellen, der sie zu einem selbstverantwortlichen Lebensstil befähigen soll. Diese Einführung lässt sich am besten als interaktiver Gruppenvortrag vermitteln.
Basismodul: Verhaltensänderungen planenDieses Modul spricht die Eigendynamik von Verhaltensänderungsprozessen an und lädt die Patienten ein, ihre eigene Motivation für Veränderungen immer wieder zu reflektieren. Bewährt hat sich hier ebenfalls die Form eines interaktiven Gruppenvortrags.
Das Modul unterstützt die Patienten dabei, konkrete Schritte ihrer Verhaltensänderung zu planen und umzusetzen. Im Anschluss an eine Ressourcenexploration, die bereits erfolgreich umgesetzte Verhaltensänderungen zu Bewusstsein bringt, werden erfahrungsbezogen die grundlegenden Annahmen und Stufen des transtheoretischen Modells erläutert. Um eine möglichst große Eigenständigkeit und Eigenverantwortung zu gewährleisten, werden zu den einzelnen Stufen des Modells sukzessive Hilfestellungen gegeben und Strategien für die Umsetzung vermittelt. Somit ist eine Basis geschaffen, auf der die Patienten die weiteren Schritte gehen können und auf die sie auch für jede zukünftige Verhaltensänderung zurückgreifen können.
Basismodul: Stress und SpannungsregulationIn diesem Modul wird die Bedeutung von Stress und Stressbewältigung für die Gesundheit verdeutlicht sowie Strategien der Spannungsregulation erarbeitet. Dabei wird herausgestellt, dass viele der Alltagsgewohnheiten und -entscheidungen bezüglich Ernährung und Bewegung, aber auch Wertvorstellungen, Gedanken, Gefühle und innere Monologe Einfluss auf Stresszustände und die Spannungsregulation nehmen. Zu diesem grundlegenden Modul gehören auch Themen der Kommunikation und sozialen Unterstützung sowie der Umgang mit Emotionen und eventuell vorhandenen spirituellen Bedürfnissen. Das Modul wird optimalerweise mittels interaktiver Vorträge und Gruppengespräche vermittelt.

Praxistipp

Es ist zu empfehlen, den Therapieplan des Patienten, der zunächst aufgrund des Anamnesegesprächs erstellt wurde, nach Durchlaufen der Basismodule (Einführung in das Konzept, Stress und Spannungsregulation sowie Verhaltensänderung) nochmals zusammen mit dem Patienten zu besprechen und evtl. anzupassen, da sich aufgrund des erweiterten Informationsstandes aufseiten des Patienten u. U. weitere Änderungsabsichten entwickelt haben.

Merke

Die hier vorgestellten Mind-Body-Interventionen können keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung ersetzen. In der Essener Klinik ergänzen sie die anderen integrativmedizinischen Behandlungsformen bei akuten internistischen Erkrankungen, die häufig eine chronische Komponente aufweisen. Dabei ist sicherzustellen, dass Patienten mit psychischen Störungen und psychiatrischen Erkrankungen an Fachkollegen überwiesen werden. Dazu zählen auch suchterkrankte und depressive Patienten.

Im Patientenkontakt wird in der Ordnungstherapie mit drei Therapieschwerpunkten gearbeitet.
  • Es sollen Informationen und Zusammenhänge vermittelt werden, z. B. regelmäßige Entspannung trägt zur Reduzierung der Muskelspannung bei.

  • Es werden konkrete Handlungsweisen trainiert oder geübt, z. B. Yoga-Praxis.

  • Nachhaltige Verhaltensänderungen werden durch Motivation, Bewusstmachen und Bestätigen positiver Erfahrungen ermöglicht, z. B. „Seit zwei Wochen klagen Sie nicht mehr über Beschwerden und ich sehe Sie jetzt häufig lächeln.“

In der Praxis gehen Training und Motivation oftmals Hand in Hand. Die drei Therapieschwerpunkte lassen sich den Elementen des Kohärenzgefühls nach Antonovsky zuordnen (Abb. 5.3).
Ordnungstherapeutisches Anamnesegespräch
Das ordnungstherapeutische Erstgespräch ist ein ca. 45-minütiges teilstrukturiertes motivierendes Interview, in dem die Gesundheitsressourcen, die Einschränkungen und v. a. Informationen zum Alltagsverhalten des Patienten erfragt und Ziele für den Ordnungstherapie:AnamneseKlinikaufenthalt oder für die ordnungstherapeutische Beratung gemeinsam mit dem Patienten besprochen werden.
Folgende Inhalte sollten mit dem Patienten erörtert werden:
  • Erkrankung und Motivation für Behandlung

  • Ziele für die ordnungstherapeutische Behandlung

  • Einsicht in Zusammenhänge zwischen Lebensstil und Gesundheit/Krankheit

  • Tagesstruktur

  • Ernährungsverhalten

  • Fastenerfahrung

  • Bewegungsverhalten

  • Atmung und Spannungsabbau

  • Entspannung

  • Schlaf

  • Arbeit/Leistung

  • finanzielle Situation

  • soziales Netz

  • persönliche Stärken und Schwächen

  • Hobbys

  • Selbsterfahrung/Psychotherapie

  • einschneidende Erlebnisse

  • Stressverarbeitung

  • Glaube

  • Lebenssinn

Ziele des Erstgesprächs sind, dass der Patienten-Status entsprechend der sozialkognitiven Modelle erhoben und über das Gesundheitsverhalten des Patienten reflektiert wird. Es wird geklärt, auf welcher Motivationsstufe er sich in einzelnen Lebensstilbereichen befindet und welche Selbstwirksamkeit er für sich in den Lebensbereichen für möglich hält und erwartet. Das Ergebnis dieses Gesprächs fließt in die integrativmedizinische Therapieplanung ein.
Basismodul Konzepteinführung: „Tempel der Gesundheit“
  • Therapieinhalte:

    • Einführen in das biopsychosoziale Verständnis von Gesundheit und Krankheit

    • Ausführungen zu Gesundheit als Balance seelischer, emotionaler, körperlicher, Basismodule, Ordnungstherapie:Tempel der Gesundheitsozialer und geistiger Dimensionen sowie zu Wirkzusammenhängen zwischen einzelnen Lebensbereichen, der Notwendigkeit deren Balance für Lebensqualität

    • „Tempel der Gesundheit“ erläutern (Abb. 5.4)

  • Therapieziele: Ganzheitliches Verständnis für das Auftreten von Symptomen und Beschwerden entwickeln und eine Vorstellung für ressourcenorientiertes Alltagsverhalten als Basis für die Planung von Lebensstilveränderung und Krankheitsbewältigungsstrategien bekommen.

Praxistipp

Anknüpfend an das Erstgespräch bietet sich ein Austausch über das aktuelle Gesundheitsverhalten an. Mit Blick auf den Tempel der Gesundheit kann dieser Austausch z. B. wie folgt eingeleitet werden: „Wieviel Ihrer täglichen Aufmerksamkeit verwenden Sie auf die Pflege der Säulen?“ „Und wieviel Energie und Zeit wird für das Dach verwendet?“ Im weiteren Gespräch soll darauf hingewiesen werden, dass die Säulen meist erst bei „Störungen“ beachtet werden, und auch nur diejenigen, die beeinträchtigt sind. So sind soziale Kontakte und Beruf wichtige Gesundheitsressourcen, die allerdings auch angemessen dosiert werden wollen.

Im Alltag bedeutet es eine täglich neue Herausforderung, abzuwägen, welche Säulen wie zu pflegen sind. Es gilt, mittels bewusst gestalteter gesundheitsfördernder Bewegung, Entspannung, Atmung, Ernährung und naturheilkundlicher Selbsthilfe die Bedingungen dafür zu stärken, dass Belastungen und Stress bewältigt werden, die Selbstregulations- und Selbstheilungspotenziale des Organismus sich entfalten können und damit seine Gesundheitsressourcen gestärkt werden. Erkrankungen und Chronifizierungen können Anlass sein, den eigenen Umgang mit den Säulen der Gesundheit kritisch zu betrachten und weiter zu entwickeln.
Basismodul: „Lebensstiländerungen planen“
Das Modul ist v. a. in Bezug auf die Adhärenz entscheidend, da der Patient durch aktive Mitarbeit endgültig seinen „Tempel der Gesundheit“ selbst in Besitz nehmen und die Verantwortung übernehmen kann. Er erlangt Basismodule, Ordnungstherapie:Lebensstiländerungen planenKenntnis darüber, wie er sich erholen und regenerieren kann. Gleichzeitig zeigt das Modul die Wege, wie der Blick auf den Tempel im Bewusstsein bleibt – positiv als Chance und nicht als Last.
Therapieschwerpunkt – Information und Wissen
  • Therapieinhalte: Prinzipien der Zielsetzung und Planung

  • Therapieziele: Verhaltensänderungsprinzipien kennen und verstehen

Therapieschwerpunkt: Training und Fertigkeiten
  • Therapieinhalte:

    • Individuelles Erarbeiten der Bereiche, die verändert werden sollen: Körper/Gesundheit/Fitness; Partnerschaft/Familie; Job/Karriere/Ausbildung; Netzwerk/soziale Beziehungen; finanzielle Situation; Gefühle; Zeit für sich, Reflexion und Lebensplanung; Umgebung (privat und beruflich); Beiträge für die Gemeinschaft; Spiritualität

    • Entwicklung einer systematischen Zielplanung, die persönliche Werte, Bedürfnisse und Motivationen einbezieht

    • Erstellen eines persönlichen Aktionsplans, um motivierende Ziele in konkrete Handlungen umzusetzen (persönliches Gesundheitsprogramm zusammenstellen)

    • Erkennen der individuellen vermeintlichen Hindernisse: externe und interne (z. B. innere Widerstände, Ängste, destruktive Einstellungen)

  • Therapieziele: Ablauf der Verhaltensänderung für sich selbst reflektieren und entsprechende Selbstmotivationsstrategien anwenden können

Therapieschwerpunkt: Motivation und Einstellungen
  • Therapieinhalte: Unterstützen bei der achtsamen und gelassenen Bewältigung der Krankheit und Entwicklung eines gesundheitsförderlichen Verhaltens

  • Therapieziele: Disziplin, Geduld und Selbstfürsorge entwickeln können, die für die langfristige Perspektive der Verhaltensänderung notwendig sind

Basismodul: „Stress und Spannungsregulation“
Therapieschwerpunkt – Information und Wissen
  • Therapieinhalte:

    • Information über die physiologische Stressreaktion, Zusammenhänge von Gewohnheiten, Veränderungen, Sicherheitsbedürfnis, Ängsten und Stress, Strategien zur Basismodule, Ordnungstherapie:Stress- und SpannungsregulationStressbewältigung, Achtsamkeit, Zeitmanagement, Entspannung, Bewegung

    • dysfunktionale Kognitionen und kognitive Umstrukturierung, um eigene Gewohnheiten und Einstellung(en), eigenes Verhalten im gewünschten Sinn zu verändern

    • physiologische Grundlagen von An- und Entspannung

  • Therapieziele: Regulationsmöglichkeiten von Anspannung und Entspannung im Alltag durch verschiedene situationsgerechte Methoden kennenlernen

Praxistipp

Aufgrund des Erstgesprächs wird entschieden, welche der folgenden Therapiemodule im Anschluss an die Basismodule, die alle Patienten durchlaufen, Eingang in den individuellen Therapieplan finden. Innerhalb der einzelnen Themenbereiche sind Interventionen zu wählen, die je nach Motivationsstufe den Schwerpunkt auf „Information“, „Training“ oder auf „Motivation“ legen.

Folgende Fallskizze soll exemplarisch zeigen, welche Therapiemodule mit welchem Erfolg zu einem individuellen Therapieplan zusammengestellt werden können.

Exkurs: Fallskizze

Die Patientin Anne S. wurde von ihrem Hausarzt aufgrund chronischer Kopfschmerzen mit Übelkeit sowie akuten Gelenkschmerzen an Schulter, Fuß, Knie, Daumen zum stationären Aufenthalt an die Kliniken Essen-Mitte überwiesen. Auf einer Schmerzskala von null bis zehn lagen ihre Schmerzen bei neun. Zudem lag ein Schmerzmittelabusus mit medikamenteninduziertem Kopfschmerz vor und die Patientin wies einen chronischen Hypertonus auf, der dauerhaft medikamentös behandelt wurde.

Anne S. wurde zwei Wochen stationär in der Klinik behandelt. Unter Anleitung des Pflegepersonals führte sie als Bestandteil des Moduls naturheilkundliche Selbsthilfe regelmäßig selbstständig ein Kopfschmerzstufenschema mit Euminz-Stift, Lidocain-Nasenspray und Weidenrinde-Tabletten durch. Sie erhielt lokale Wärmeanwendungen in Form von Zapp-Sack-Auflagen (einer durchblutungssteigernden Ingwer-Getreide-Auflage), Senfmehl-Fußbädern und Bienenwachsauflagen sowie als vegetativ umstimmende Maßnahmen Kneipp-Brustwickel. Zusätzlich wurde sie mit der Schabmassage Gua Sha und mit Akupunktur behandelt.

Im Modul Ernährung wurde ihr Theorie und Praxis zur mediterranen Vollwertkost vermittelt. Im Modul Bewegung lernte sie ebenfalls theoretisch und praktisch die gesundheitsförderlichen Aspekte von Bewegung kennen, führte ein moderates Ausdauertraining in Form von Walking durch und erlernte Qigong-Übungen. Im Rahmen des Moduls Stressbewältigung gehörte im Sinne einer kognitiven Umstrukturierung eine Auseinandersetzung mit ihrem persönlichen Umgang mit der Erkrankung dazu. Das Entspannungsverfahren der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson wurde vermittelt und eingeübt, außerdem Visualisierungsübungen und Methoden der Achtsamkeitsmeditation.

Anknüpfend an die vermittelten Kenntnisse und ihre positiven Erfahrungen mit deren Umsetzung im Klinikalltag wurde im Modul Verhaltensänderungen planen in diesen Bereichen sowie zu den Themen Entspannung und Stressregulation eine Lebensstilmodifikation angeregt.

Vertiefen konnte Anne S. die Themen und deren Umsetzung im häuslichen Alltag im Anschluss an den stationären Aufenthalt in der Tagesklinik, die über zehn Wochen hinweg einmal wöchentlich mit sechs Stunden in einer festen Gruppe angeboten wird. Sie setzte mit Hilfe von Übungen, die es zu Hause durchzuführen galt, konkrete Lebensstilveränderungen im Alltag um. Die Wahrnehmung für ihre Belastungsgrenzen wuchs und sie begann, eine respektierende Selbstfürsorge zu praktizieren. Die Tagesklinikgruppe unterstützte sie hierbei sozial ebenso wie emotional und die Teilnehmer motivierten einander gegenseitig durch Erfahrungsaustausch und Diskussion.

Sechs Monate nach der Behandlung ist Anne S. noch immer schmerzfrei. Ihr Blutdruck ist unauffällig und ihre Antihypertonika wurden abgesetzt. „Ich arbeite natürlich auch an mir“, betont sie, denn das sei entscheidend für ihr Wohlergehen. Sie hat ihre Ernährung umgestellt und auch ihrem Mann dafür gewonnen. Im Alltag integriert sie Bewegung ganz gezielt, indem sie kurze Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt und statt den Fahrstuhl zu nehmen, Treppe steigt. Sie konnte ihr Gewicht um 15 kg reduzieren. Fast täglich führt sie schon vor der Arbeit eine zehnminütige Sequenz von Qigong-Übungen durch, die ihrer Muskeltonus v. a. im Schulter-Nacken-Bereich lockert, die Lumbalregion sowie die Kniegelenke entlastet und zum Erhalt ihrer Beweglichkeit beiträgt. Um die Aufmerksamkeit von manchmal noch schmerzenden oder verspannten Stellen zu lösen bzw. um aus einem allzu intensiven Gedankenkarussell aussteigen zu können und den in stressigen Zeiten immer enger werdenden Fokus von Aufmerksamkeit und Wahrnehmung weiter werden zu lassen, führt sie regelmäßig den sog. Body Scan, eine Aufmerksamkeitsreise durch den Körper, durch.

Bei akuten Kopfschmerzen greift sie zum Kopfschmerzstufenschema und anderen naturheilkundlichen Selbstanwendungen. Insbesondere das Senfmehlfußbad erlebt sie als sehr wirkungsvoll. Dank der kognitiven Umstrukturierung und der Achtsamkeitspraxis sieht sie selbst an schwierigen Tagen immer noch die schönen Dinge und erfreut sich daran. In der Summe all dieser Veränderungen erlebt sie eine deutliche Reduzierung der Häufigkeit und Intensität ihrer Beschwerden (von 9 auf 2). Als mindestens ebenso bedeutsam erlebt sie die Zunahme ihrer Lebensqualität. Sie sagt von sich: „Diese Krankheit ist das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte, weil ich ganz viel gelernt habe. Ich habe gelernt, mich zu entspannen. Ich habe gelernt, vieles anders zu sehen. Es geht mir einfach richtig gut durch diese Krankheit.“

Modul: Entspannung, Achtsamkeit und Meditation
Therapieschwerpunkt: Training und Fertigkeiten
  • Therapieinhalte: Stresswahrnehmung (u. a. Biodots, Warnsignale), Auslösen der Relaxation Response durch Erlernen von Techniken wie Body Scan, Visualisierungen, Achtsamkeitsmeditation, Tuina-Atemübung, progressive Muskelentspannung, Yoga

  • Therapieziele: achtsamer Umgang mit eigenem Stress, Stressvermeidung, Anwenden von verschiedenen Entspannungstechniken

Therapieschwerpunkt: Motivation und Einstellungen
  • Therapieinhalte: Selbsterfahrung durch Gruppen- oder Einzelgespräche, Wahrnehmen der Wirkungen im Alltag

  • Therapieziele: Gelassener werden, achtsamer Umgang mit sich selbst und der Umwelt

Modul: Spannungsregulation – „Kognitive Strukturen“
Therapieschwerpunkt: Training und Fertigkeiten
  • Therapieinhalte: Vermittlung des ABC-Modells und ABCD-Modells aus der kognitiven Umstrukturierung als Selbstbeobachtungsmethode

  • Therapieziele: Erkennen der Verzerrungen stressverschärfender Gedanken; positive Beeinflussung der stressverstärkenden kognitiven Prozesse; Spannungsregulation durch aktive Beeinflussung der Gedanken

Therapieschwerpunkt: Motivation und Einstellungen
  • Therapieinhalte: Selbsterfahrung durch Gruppen- oder Einzelgespräche, Wahrnehmen von stressverschärfenden Gedanken im Alltag, der Einfluss von Gedanken auf Körper, Verhalten und Gefühle

  • Therapieziele: Sensibilisierung der Patienten für stressverschärfende Gedanken im Alltag.

Modul: Symptomreduzierung „Naturheilkundliche Selbstanwendungen“
Therapieschwerpunkt: Training/Fertigkeiten
  • Therapieinhalte: naturheilkundliche Selbsthilfestrategien anwenden z. B. Auflagen, Wickel, Bäder, Einläufe, Tees und Fastenbegleitung

  • Therapieziele: adäquate Selbsthilfestrategien und/oder medizinische Hilfe in Anspruch nehmen

Therapieschwerpunkt: Motivation/Einstellungen
  • Therapieinhalte: Gesundheit und Krankheit als multifaktorielles Geschehen begreifen, das durch eigenes Handeln positiv beeinflusst werden kann

  • Therapieziele: eigene Ressourcen erkennen, Risikoverhalten bewusst machen, krankheitsbedingte Grenzen im Lebensstil akzeptieren

Ernährungsmodul 1 „Essen – aber wie?“
Therapieschwerpunkt – Information
  • Therapieinhalte:

    • diagnosespezifisches Ernährungsverhalten kennenlernen

    • Grundprinzipien der mediterranen Vollwertkost und ihrer ernährungsphysiologischen Wirkungen

    • Mahlzeitenhäufigkeit und -rhythmus, Snack-Management, Mahlzeitensituation/-umstände

    • Lebensmittelauswahl (Lebensmittelkreis, Antioxidantien, Fett etc.) Trinkverhalten, Ernährung im Alltag

  • Therapieziele: Vollwerternährung und/oder diagnosespezifisches Ernährungsverhalten in den Alltag umsetzen

Ernährungsmodul 2 „Lehrküche“
Therapieschwerpunkt: Training/Fertigkeiten
  • Therapieinhalte: Vollwertig kochen (Lehrküche), gezielte Lebensmittelauswahl beim Einkaufen oder im Restaurant/Kantine

  • Therapieziele: Zubereiten von Mahlzeiten, Auswahl von geeigneten Mahlzeiten

Therapieschwerpunkt: Motivation/Einstellungen
  • Therapieinhalte:

    • positive Einstellungen zu gesunder und regelmäßiger Ernährung

    • kognitive und Verhaltensumstellung im Alltag

    • Achtsamkeitsübungen

  • Therapieziele: Einstellungsänderung

Bewegungsmodul 1 „Inforunde Bewegung“
Therapieschwerpunkt – Information/Wissen
  • Therapieinhalte: Effekte von Bewegung auf die Gesundheit, remembered wellness, Selbstwahrnehmung in Bewegung, Leistungs-Defokussierung, Integration von Bewegung in den Alltag

  • Therapieziele: verschiedene situationsgerechte Möglichkeiten zur Integration von Bewegung in den Alltag kennen lernen

Bewegungsmodul 2 „Bewegung im Alltag“
Therapiemodus: Training/Fertigkeiten
  • Therapieinhalte: Morgenbewegung, Walking, Nordic Walking, Qigong, Yoga, Körperwahrnehmungsschulung, Achtsamkeit für eigenen Körper in Bewegung

  • Therapieziele: individuell angepasstes Bewegungsverhalten in den Alltag integrieren

Therapieschwerpunkt: Motivation/Einstellungen
  • Therapieinhalte: ohne Leistungsdruck Bewegung als positives Alltagselement erleben

  • Therapieziele: eigene Bewegungsvorlieben als Voraussetzung für die Habituierung von gesundheitsförderndem Bewegungsverhalten erkennen und ausprägen

Modul Kreative Gesundheitsbildung
Therapieschwerpunkt – Training/Fertigkeiten
  • Therapieinhalte: Wahrnehmen und Ausdrücken von Gesundheitsressourcen und -potenzialen mittels bildnerischer Gestaltung

  • Therapieziele: Selbstbezug, Selbstbewusstsein und Selbstausdruck stärken, Kreativität als Quelle für Lebensqualität und Gesundheit fördern und damit Selbstwirksamkeitserwartung stärken

Modul „Inforunde Schmerz“
Therapieschwerpunkt: Information/Wissen
  • Therapieinhalte:

    • akuter vs. chronischer Schmerz

    • Funktionen von Schmerz

    • Schmerzwahrnehmung, Schmerzleitung und -empfinden, Schmerzgedächtnis

    • naturheilkundliche Strategien und Schmerz

  • Therapieziele: Achtsamerer Umgang mit eigenen Schmerzen, Zusammenhänge zwischen Schmerzen, Stress und stressverschärfenden Gedanken verstehen, Strategien im Umgang mit Schmerzen kennenlernen

Modulübergreifendes Thema Schmerz
Das Thema wird in die Entspannungs- und Bewegungsmodule, in die kreative Gesundheitsbildung sowie in die naturheilkundlichen Selbstanwendungen integriert.
  • Therapieinhalte: Im Bereich Entspannung, Bewegung und naturheilkundliche Selbsthilfestrategien Methoden der Reduzierung von akuten Schmerzen einüben, Akzeptanz für chronische und chronisch rezidivierende Schmerzen entwickeln und die individuelle Erfahrung reflektieren, um Ressourcen für den Alltag aufzubauen in Form eines „Skill-Trainings“.

  • Therapieziele: Strategien im Umgang mit Schmerz erfahren und trainieren und damit mehr Akzeptanz für Schmerzen entwickeln und Handlungsoptionen eröffnen.

Aspekte der Ordnungstherapie in der Medizin

Ordnungstherapie als chronobiologisches Regulativ
Zunehmend überformen kulturelle Anforderungen und Gewohnheiten unsere natürlichen Rhythmen und Bedürfnisse. Insbesondere die Veränderung des Tag-/Nacht-Rhythmus durch künstliches Licht und die Verschiebung eines natürlichen Wechsels von An- undChronobiologie:Ordnungstherapie Entspannung hin zu lang andauernden Aktivitätsphasen ohne Erholungspausen beeinflussen die Gesundheit negativ, indem sie dysregulierte Aktivierungen stressphysiologischer Parameter erzeugen. Davon betroffen sind z. B. der Blutdruck und Herzschlag, arteriosklerotische und andere entzündliche Prozesse, supprimierte Immunaktivität, muskuläre Verspannungen sowie psychische Phänomene wir Hyperarrousal, Reizbarkeit, Aggressivität, Erschöpfung, Burnout und Depressionen. Auch das jahreszeitenunabhängige Überangebot an Nahrung sowie ein bewegungsreduzierter, sitzender Lebensstil in dauerhaft temperierten Innenräumen wirken derhythmisierend. Sie tragen zur Ausprägung z. B. des metabolischen Syndroms sowie einer Immunschwäche bei, reduzieren Ausdauer, Kraft, Stimmung und die Thermoregulationsfähigkeit des Organismus. Ordnungstherapeutische Interventionen zielen hier auf eine Alltagsgestaltung ab, die von einem rhythmischen Wechsel zwischen Phasen der Arbeit und Erholung, von Mahlzeiten und Esspausen, von Bewegungsreizen und Ruhe sowie von Kälte- und Wärmereizen geprägt ist.
Ein Beispiel für eine gesundheitsrelevante Dysregulation physiologischer Rhythmen betrifft die Frequenz des Herzschlags. „Wenn der Herzschlag so regelmäßig wie das Klopfen des Spechts oder das Tropfen des Regens auf dem Dach ist, wird der Patient innerhalb von vier Tagen sterben.“ Diese Erkenntnis formulierte der chinesische Arzt Wan Shuhe bereits in seinem Klassiker der Pulsdiagnose, Maijing, im dritten Jahrhundert (vgl. [19]). Heute sprechen wir von Herzfrequenzvariabilität und sehen sie als ein Anzeichen für die Regulationsfähigkeit des Organismus an. Äußere und innere Reize nehmen Einfluss auf das komplexe Zusammenspiel von sympathikotonen und parasympathikotonen Prozessen des Organismus. Je nach Anforderung Herzfrequenzvariabilitätverändern sich im gesunden Zustand die Takte des Herzschlags und des Atems ständig, da der Organismus sich permanent an Anforderungen anpasst, indem er seine Aktionsbereitschaft erhöht bzw. reduziert. Dabei sind bereits subtile Einflüsse wie Sinneseindrücke, Gedanken und Gefühle bedeutsam. Gesundheit lässt sich in diesem Zusammenhang gleichsetzen mit der Reagibilität eines Organismus auf die jeweils aktuelle Situation. Eine starre, nicht reagible Herzfrequenz weist demnach auf eine ernstzunehmende Einbuße der Regulationsfähigkeit hin, die mit erhöhtem Mortalitätsrisiko für Patienten mit Herz-Kreislauf Erkrankungen einhergeht. Der gesunde Organismus ist bestrebt, immer wieder den Herzrhythmus und den Atemrhythmus zu synchronisieren, wobei die Herzfrequenz atemsynchron schwankt, indem sie sich während einer Einatmung erhöht und bei der Ausatmung reduziert. Von Herzkohärenz wird gesprochen, wenn Atem- und Herzrhythmus auf diese Weise verbunden sind, d. h. wenn sich eine sog. respiratorische Sinusarrhythmie einstellt. Es liegen Hinweise vor, dass dies v. a. dann zutrifft, wenn positive Emotionen wie Dankbarkeit, Vergeben Herzkohärenzoder Liebe empfunden werden. Bei Stress, Ärger und Angst hingegen entkoppeln sich die beiden Rhythmen. Durch Biofeedback gestützte Stressbewältigungsprogramme lässt sich die Fähigkeit zur Herzkohärenz trainieren. Auch die Praxis von Meditation wirkt sich positiv auf die Herzfrequenzvariabilität aus.

Merke

In gewissen Maßen sind wir in der Lage, Verschiebungen der äußeren Taktgeber zu tolerieren bzw. durch Adaptionen des inneren Rhythmus auszugleichen, werden jedoch langfristig rhythmische Bedürfnisse vernachlässigt und persönliche Belastungsgrenzen überschritten, sind gesundheitliche Folgen unvermeidlich. Die moderne Ordnungstherapie beschäftigt sich daher mit Mitteln und Wegen, wie Patienten lernen können, ihre Belastungsgrenzen und ihre natürlichen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu respektieren, indem sie selbst und bewusst zum Rhythmusgeber ihres Alltags werden. Die Herausforderung liegt darin, im Alltag natürliche und kulturliche Bedürfnisse und Anforderungen so zu koordinieren, dass die individuellen Gesundheitsressourcen erhalten werden und Alltagsbelastungen erfolgreich bewältigt werden können. Die Therapiemodule der Ordnungstherapie und Mind-Body-Medizin zielen letztlich alle darauf ab, die Patienten in ihrer Fähigkeit zur Selbstregulation zu stärken und sie zu befähigen gesundheitsfördernde Entscheidungen im Alltag zu treffen, v. a. im Hinblick auf Ernährung, Bewegungsverhalten, Stressbewältigung und Spannungsregulation.

Klinische ordnungstherapeutische Settings
Im Kontext der integrativen Medizin wird Ordnungstherapie-Mind-Body-Medizin in ambulanten, teilstationären oder stationären Settings angewendet. Die Interventionen werden meist in Gruppen durchgeführt und können verschiedene zeitliche Ordnungstherapie:klinische SettingsFormate besitzen. In der Essener Klinik haben sich im stationären Bereich z. B. zweieinhalb Stunden täglich für die Dauer von zwei Wochen bewährt. Für den teilstationären Bereich der Tagesklinik erfolgen die Interventionen über einen Zeitraum von zehn Wochen für sechs Stunden an einem Tag pro Woche [27]. Im ambulanten Setting mit Patienten im Einzelkontakt dauert das ordnungstherapeutische Erstgespräch ca. 1,5 Stunden. Je nach Ressourcenlage werden im Anschluss daran drei bis zehn jeweils einstündige Beratungen vereinbart.

Praxistipp

Für einen langfristigen Therapieerfolg ist es entscheidend, dass die Patienten dabei unterstützt werden, täglich zu Hause für mindestens 30 Min. bewusst lebensstilverändernde Verhaltensweisen in ihre Alltagsgestaltung einbeziehen – und zwar je nach Situation in den Bereichen Ernährung, Bewegung, Spannungsregulation und Achtsamkeit.

Ordnungstherapie und Mind-Body-Medizin in der Primärprävention
Eine in der Ordnungstherapie und Mind-Body-Medizin entwickelte Definition des Begriffs „Lebensstilmanagement“ lautet: „Strukturierung des Lebensstils mit dem Ziel, dieMind-Body-Medizin:Ordnungstherapie eigenen körperlichen und seelischen Selbstheilungskräfte zu fördern.“ Primärprävention:OrdnungstherapieDiese Strukturierung umfasst v. a. den gesundheitsfördernden Umgang mit Ernährung, Bewegung, Anspannung und Entspannung und den bewussten Umgang mit Genuss- und Suchtmitteln. Die Lebensstilbereiche Bewegung, Ernährung, Rauchen und Genussmittelkonsum sowie die Stressbewältigung entsprechen den Handlungsfeldern der Prävention und Gesundheitsförderung, wie sie die Krankenkassen definieren (§ 20, SGB V, 2). „Lifestyle-Management“ führt diese Bereiche in einem multimodalen, integrativen Konzept zusammen. Ziel eines salutogenetisch ausgerichteten Lifestyle-Management-Programms im Kontext von Angeboten zur Prävention und Gesundheitsförderung ist es, trotz diverser beruflicher und privater Stressfaktoren, die teilweise auch nicht veränderbar sind, durch das Aufspüren und die Mobilisierung körpereigener, gesundheitserhaltender Kräfte, im Alltag eine höhere Lebensqualität und ein gesteigertes Wohlbefinden zu erlangen und erhalten. Diese Ausrichtung ist ganz im Sinne der 1986 von der WHO verabschiedeten Ottawa Charta, die eine Überwindung des Risikofaktorenkonzepts verlangt und Gesundheit weniger als statisches Ziel, denn als Lebensstil versteht. Den Menschen soll ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit ermöglicht werden, um sie zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Das Lifestyle-Management-Programm (Abb. 5.5) fördert den Aufbau einer expliziten, motivierten und langfristig angelegten gesundheitsfördernden Einstellung durch die Wissensvermittlung bezüglich des Abbaus von Risikofaktoren und die Vermittlung positiver, protektiver und gesundheitsfördernder Erfahrungen. Im Rahmen eines Lifestyle-Management-Programms sollten die Teilnehmer lernen, durch eine nachhaltige Veränderung ihres Lebensstils und der damit einhergehenden Aktivierung individueller Ressourcen, mit den Belastungen des Alltags gesundheitsförderlich(er) umzugehen.
Prototypen von Lifestyle-Management-Programmen wurden u. a. gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und in Zusammenarbeit mit dem Institut für angewandte Innovationsforschung in Bochum von MitarbeiterInnen der Essener Klinik entwickelt sowie als Pilotprogramme umgesetzt und evaluiert [23, 25].

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Chronobiologie

Egbert J. Seidel

Alexander Fischer

Sämtliche Körperfunktionen unterliegen rhythmischen Veränderungen, deren Kenntnis und Beachtung die Prävention und Therapie, insbesonders chronischer Krankheitsbilder beeinflussen kann. Die ChronobiologieChronomedizin ist damit ein wichtiger Bestandteil der Ordnungstherapie im Rahmen der Naturheilkunde.

Grundlagen

Die meisten physiologischen Funktionen aller Lebewesen, auch des Menschen, unterliegen tageszeitlichen Rhythmen und Schwankungen. Die Existenz einer „inneren Uhr“ konnte in den letzten Jahren bis auf die molekulare Ebene hin wissenschaftlich nachgewiesen werden. Biologische Rhythmen haben neben dieser endogenen häufig auch eine exogene Basis und werden durch Außenreize beeinflusst.
Chronobiologie ist die Wissenschaft von der Erforschung wiederkehrender biologischer Rhythmen, die den Ablauf von Lebensprozessen und deren Synchronisation steuern. Nach Hildebrandt [3] „beschränkt sich Chronobiologie nicht nur auf ein Wissen davon, Chronobiologiedass ‚alles schwankt‘, sondern bietet vielmehr komplexe Einblicke in eine differenzierte zeitliche Organisation, die sowohl die Umweltbeziehungen der Lebensvorgänge als auch die autonomen Zeitstrukturen und die für sie maßgeblichen Ordnungsprinzipien betrifft.“ Hieraus lassen sich diagnostische Zeitordnungen (Chronophysiologie) erstellen, deren Kenntnisse Grundlage für die therapeutische Nutzung autonomer Funktionen im Sinne einer Reaktions-, Regulations- und Adaptationstherapie im Rahmen der Naturheilverfahren darstellen (Chronotherapie).
Chronopharmakologie bildet neben Chronotoxikologie die experimentelle Grundlage der Chronotherapie und befasst sich u. a. mit den Einflüssen von Arzneistoffen auf rhythmische Charakteristika.
Chronophysiologie
ChronotherapieSämtliche physiologische Funktionen unseres Körpers unterliegen nahezu rhythmischen Variationen: Ganz offensichtlich und gut nachvollziehbar ist für dieses Phänomen beispielsweise der Schlaf-wach-Rhythmus, die Ein- und Ausatmung, der Herzschlag oder derChronophysiologie Menstruationszyklus. Aber auch der Blutdruck, der Tonus der glatten Muskulatur und die Peristaltik, das motorische System, die Thermoregulation sowie mentale Funktionen und Aktivitäten des ZNS und PNS unterliegen chronophysiologischen Schwankungen. Dabei zeigt sich stets ein rhythmischer Wechsel zwischen ergotroper und trophotroper Tendenz sowie eine hierarchische Ordnung innerhalb dieser Rhythmizität. Bekannt ist in diesem Zusammenhang die tageszeitliche Abhängigkeit verschiedener Parameter der thermischen Reagibilität des Menschen, z. B. dass die mittlere akrale RhythmizitätWiedererwärmungszeit nach kaltem Handbad ein Maximum zwischen 9:00 undChronobiologie:Rhythmizität 15:00 Uhr und ein Minimum zwischen 21:00 und 3:00 Uhr aufweist. Die autonome Reagibilität wird auch jahreszeitlich beeinflusst. Zum Sommer hin verstärkt sich die ergotrope Einstellung, zum Winter hin die trophotrope.
Die Dauer einer biologischen Periode ist sehr unterschiedlich (Tab. 5.1). Von großer physiologischer Bedeutung sind:
  • mehrjährige, infraannuale Perioden

  • ein Jahr dauernde, zirkaannuale Perioden

  • sieben Tage anhaltende, Chronobiologie:biologische Periodenzirkaseptane Perioden

  • tägliche Wechsel (zirkadian)

  • ultradiane Perioden umfassen kurzwelligere Rhythmen (Bruchteile von Sek. bis Std.)

Die für chronobiologische Abläufe essenziellen Rhythmen sind zirkadian und grundsätzlich endogen, also genetisch determiniert, und werden durch innere Uhren über sog. Uhrengene gesteuert. Diese biologischen Uhren behalten einen Rhythmus selbst unter Abschirmung von der Außenwelt bei.

Merke

UhrengeneUhrengene kommen bei allen Lebensformen vor, beim Menschen wurden in der (Schleim-)Haut sich rhythmisch exprimierende Uhrengene nachgewiesen, wodurch sich zeitliche Strukturierungen der Zellzyklen postulieren lassen. Diese Uhrengene werden dem zentralen Nervensystem zugeordnet, die Lokalisation der zentral steuernden „Hauptuhr“ befindet sich am Boden des 3. Ventrikels des Diencephalon, im Nucleus suprachiasmaticus (SCN) des Thalamus.

Die Bezeichnung zirkadian wird nicht immer korrekt, sondern meist als Ausdruck eines 24-Rhythmizität:innere UhrenStunden-Rhythmus verwendet, wobei die meisten Rhythmen am Menschen nur unter alltäglichen Bedingungen, also unter Beeinflussung durch äußere Zeitgeber untersucht wurden. Unter Ausschaltung exogener Taktgeber umfasst unsere innere Uhr einen 25-Stunden-Tag-Rhythmus. Es bleibt dann Aufgabe der Zeitgeber, die innere Uhr auf den geophysikalischen 24-Stunden-Tag zu synchronisieren. In Tabelle 5.2 haben Moser und Lehofer [3] Beispiele für die Tagesrhythmik physiologischer Phänomene des Menschen aufgeführt.
Chronomedizin
Die Bedeutung rhythmischer Phänomene für das Leben und Überleben, für Gesundheit und Krankheit wurde in zahlreichen Studien der letzten Jahre nachgewiesen. Dies gilt sowohl für den Eintritt des Lebens (Geburt) als auch für dessen Ende (Tod). So tritt der Tod v. a. spät nachts bzw. in den frühen Morgenstunden ein, außerdem liegt die Sterberate im Winter höher als im Sommer. Bei Geburten zeigt sich ein Häufigkeitsmaximum des natürlichen Eintritts von Wehen und natürlichen Geburten zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens, während eingeleitete und Totgeburten v. a. am späten Vormittag auftreten. In der „herkömmlichen“ westlichen Medizin ist die zirkadiane Rhythmik der Organfunktionen seit Langem bekannt. So treten bei allergischen Erkrankungen Verschlechterungen auf dem Hautsektor und im Atemwegsbereich v. a. zwischen 3 und 5 Uhr morgens auf, Gallenkoliken von 23 bis 1 Uhr nachts, koronare Erkrankungen mit Palpitationen zwischen 11 und 13 Uhr mittags.
Seit Langem sind zudem jahreszeitliche Schwankungen der Immunitätslage und saisonale Krankheitshäufungen bekannt [7].

Chronobiologische Praxis

Die Kenntnis dieser chronophysiologischen Gegebenheiten bietet vielseitige praktisch nutzbare Aspekte. Sie spielt in der physikalischen Therapie und der Naturheilkunde eine herausragende Rolle. Aber auch andere Bereiche der (Schul-)Medizin nutzen zunehmend dieses Wissen, beispielsweise beim zeitlich abgestimmten Einsatz von Analgetika bei schweren Schmerzzuständen [5], bei der Gabe von Melatonin zur Behandlung von Insomnie [10] oder der Lichttherapie bei Depression [4].
Beispiele praktischer Anwendung der Chronomedizin
Im Hinblick auf Gesundheit und Heilung muss stets auch die Frage berücksichtigt werden, „ob die Einordnung der rhythmischen Funktionen in die Umweltordnung ungestört ist oder gefördert bzw. reguliert werden muss“ (zitiert nach [3]). Wegen der hierarchischen Struktur der rhythmischen Funktionsordnung stehen alle Rhythmen in mehr oder weniger enger Wechselwirkung, weshalb im Prinzip keine isolierte Wirkung auf einzelne rhythmische Funktionen zu erwarten ist.
Alle Reaktionen auf die Anwendungen der physikalischen Therapie unterliegen zeitlichen Schwankungen, da sämtliche Körperfunktionen rhythmischen Umstellungen des Organismus gehorchen.
Jahresrhythmus
So ist im Jahresrhythmus vom Februar bis August mit einer zunehmend ergotropen Einstellung, von August bis Februar mit einer zunehmend trophotropen Tendenz des vegetativen Systems zu Jahresrhythmusrechnen. Dies äußert sich in Wachstums- und Rhythmizität:JahresrhythmusInvolutionsprozessen, die v. a. die endokrinen Drüsen betreffen.
Als Beispiele für weitere jahresrhythmische Schwankungen seien die zunehmende Kälteempfindlichkeit und Vasomotorentonus an den Akren in der zunehmenden Jahreshälfte, Jahresschwankungen der Stresstoleranz, der Stimmungslage und Reaktionsgeschwindigkeit genannt. Häufig ist dabei eher ein doppel- oder mehrgipfliger Jahresverlauf als ein rein sinusförmiger Verlauf typisch. Die wichtigsten Arbeiten stammen dazu bereits aus den 1950er- bis 1980er-Jahren, zusammengefasst von Hildebrandt.
Tagesrhythmus
Am besten untersucht sind die tagesrhythmischen Einflüsse physikalischer Therapien.
  • Kaltreize werden Tagesrhthmusbeispielsweise am stärksten in der vormittäglichen Rhythmizität:JahresrhythmusAufheizungsphase zwischen 3 und 15 h beantwortet, wenn die Kerntemperatur steigt und die akrale Hautdurchblutung eingeschränkt ist.

  • Hingegen steigt während der Reize:K∗altreize∗trophotropen Phase nachmittags und abends die Empfindlichkeit der thermischen Verhaltensregulation gegenüber Wärmereizen.

Die Wahl der Tageszeit für eine thermische Anwendung ist daher mitbestimmend für effektive Reizstärke und Qualität der Reaktion. Gleichwohl fehlen bislang praktische Erfahrungen zur Optimierung der Hydrotherapie im Reize:W∗ärmereize∗Tagesverlauf.
Ein weiteres Beispiel sinnvoller Therapiegestaltung ist die Tatsache, dass beim Ausdauertraining der Zuwachs an körperlicher Leistungsfähigkeit nachmittags und am frühen Abend am größten ist.
Synchronisierende Wirkungen
Abgesehen vom Licht-Dunkel-Wechsel, der als Zeitgeber der Zirkadian-Rhythmik auch beim Menschen die größte Bedeutung hat [9], können auch physikalisch-therapeutische Reizanwendungen synchronisierend wirken. In einer Untersuchung mit Blinden synchronisierende Wirkungenkonnte mithilfe pünktlich durchgeführter morgendlicher Kalt-, Bewegungs- und Nahrungsreize eine straffere Synchronisation von Schlafzeiten und tagesrhythmischen Verläufen der Körpertemperatur erreicht werden. Als Erklärung wird einerseits angeführt, dass damit eine umfassende Ordnung der Lebensweise angestrebt und erreicht werden kann. Anderseits ist die Berücksichtigung der jeweiligen Erregbarkeit und Reagibilität des Organismus von Bedeutung, da dieser ebenfalls tagesrhythmischen Schwankungen unterliegt.

Merke

Der zur richtigen Zeit applizierte Reiz unterstützt den Organismus in seinem Bestreben der Synchronisation und der Stabilisierung der normalen Umwelteinordnung.

Chronopharmakologie und Schmerz
Schmerzempfindungen und Reaktionen auf Schmerzreize korrespondieren mit tagesrhythmischen Prozessen, was durch den Nachweis zirkadianer Rhythmen in den Konzentrationen von Endorphinen und Enkephalinen in den entsprechenden schmerzverarbeitenden Zentren im ChronopharmakologieGehirn bestätigt wurde. Hildebrandt unterscheidet zwischen epikritischer (eher spitzer Schmerz, genau zuzuordnen) und protopathischer Schmerzempfindlichkeit (nicht genau lokalisierbare Empfindung, längere Dauer, dumpf). Hierbei zeigte die epikritische Schmerzempfindlichkeit ihr Maximum zur Mittagszeit, die protopathische Schmerzempfindlichkeit dagegen ca. 3:00 Uhr nachts.

Praxistipp

Schmerzstillende Wirkungsmechanismen unterliegen ebenfalls tagesrhythmischen Abhängigkeiten, was gleichermaßen für den Einsatz von Analgetika wie auch Placebos gilt. Nach Untersuchungen von Pöllmann und Hildebrandt [3] kann der Anteil des Placeboeffekts an einer medikamentösen Schmerzstillung am Tage bis zu 50 % betragen, während er nachts unter 10 % ausmacht.

Lokalanästhetika
Zur Schmerzmedikation wurden bislang vornehmlich die analgetischen Effektivitäten von Lokalanästhetika untersucht. Während der lokalanästhetische Effekt von Lidocain in einheitlich definierter Dosierung frühmorgens ca. 12 Minuten anhält, Chronopharmakologie:Lokalanästhetikahält er nachmittags deutlich länger an. Empirisch zeigte sich ein Wirkungsoptimum für Lokalanästhetika mit etwa 3-fach längerer Wirkung um 15 Uhr, zu diesem Zeitpunkt ist die affektiv-protopathische Schmerzempfindung am Menschen am niedrigsten.
NSAR
Bei Untersuchungen der NSAR belegten Analysen durch Reinberg et al. bereits 1967 die chronokinetischen Eigenschaften von Natriumsalicylat. Hierbei zeigte sich beim Menschen eine wesentliche Verzögerung der Salicylatausscheidung im Harn nach dem Chronopharmakologie:NSAREnde der Ruheperiode gegenüber der Aktivitäts- bzw. Beginn der Ruheperiode.
Antirheumatika und Rheumatoide Arthritis
In der medikamentösen Therapie chronischer Krankheitsbilder wie der Rheumatoiden Arthritis (RA) werden chronobiologische Rhythmen zunehmend für eine sichere und gut verträgliche Therapie genutzt [1].

Praxistipp

Beim Antirheumatikum Indometacin zeigten sich nach oraler Verabreichung am Menschen deutliche pharmakokinetische Unterschiede, sodass Nebenwirkungen nach morgendlicher Gabe weitaus stärker auftreten als nach abendlicher.

Die chronische RA weist ihrem Chronopharmakologie:AntirheumatikaKrankheitsbild entsprechend eine deutliche tageszeitliche Rhythmik auf, mit in den frühen Morgenstunden besonders ausgeprägten Beschwerden. Aufgrund bisheriger Studienergebnisse sollten NSAR bei RA zur Vermeidung frühmorgendlicher Verschlechterungen sowie Nebenwirkungen abends verabreicht werden.
Tumorpatienten weisen ebenfalls häufig starke Variationen der Schmerzintensität im Tagesverlauf auf, sodass hier durch eine asymmetrisch aufgeteilte zweimal tägliche Gabe von Opioiden ein erheblicher Benefit für den Patienten erreicht werden kann [5].

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Hydro- und Thermotherapie

Eberhard Volger

(5.3.1, 5.3.2, 5.3.4 [Indikationen])

German Schleinkofer

(5.3.3, 5.3.4)

Uwe Lange

(5.3.5–5.3.7)

Hydrotherapie: Grundlagen

Die Hydrotherapie nützt Wasser in verschiedenen Anwendungsformen, um durch Wärmeentzug oder Wärmezufuhr thermoregulatorische Vorgänge auszulösen, die der Gesundheitsförderung oder der Krankenbehandlung dienen. Zur Durchführung wird Hydrotherapie:Grundlagennormales Wasser aus der Leitung verwendet. Dieses ortsungebundene Heilmittel kommt äußerlich in flüssiger Form zur Anwendung, seltener als Eis (Kryotherapie) oder Dampf. Da die thermischen Reize bei der Hydrotherapie im Vordergrund stehen, spricht man auch von Hydro-Thermotherapie.
Wasser ist die einzige chemische Verbindung, die in allen drei Aggregatszuständen, fest, flüssig und gasförmig, vorkommt. Nach allem was wir wissen, ist das Leben aus dem Wasser entstanden und eines seiner wichtigsten Voraussetzungen. Wasser erfuhr in allen Kulturen eine besondere Verehrung: Es dient zu rituellen Waschungen. Als Weihwasser und in der Taufe kommt ihm eine spirituelle Bedeutung zu.
Die Hydrotherapie ist in der Geschichte der Medizin von Anfang an von herausragender Bedeutung. Die hippokratische Medizin spricht dem Wasser als Urelement heilende Wirkung zu. In der Neuzeit wurde die Hydrotherapie durch Vinzenz Prießnitz (1799–1851) und in ihrer heutigen Form v. a. durch Sebastian Kneipp (1821–1897) populär und weiterentwickelt. Benedikt Lust (1972–1945), einer seine Schüler, führte sie in den USA ein.
Wirkungen: Wirkfaktoren und Wirkungsphysiologie
Wegen seiner außergewöhnlichen physikalisch-chemischen Eigenschaften besitzt Wasser die höchste Wärmekapazität aller Flüssigkeiten und eignet sich daher in besonderer Weise als Wärmeträger, aber ebenso für den Wärmeentzug, also zur Kühlung.Prießnitz, Vinzenz
Wirkfaktoren
  • Die Temperatur ist der wesentlichste Wirkfaktor in der Hydrotherapie.Hydrotherapie:Wirkungen

  • Ein mechanischer Reizfaktor ergibt sich bei Bädern durch den hydrostatischen Druck: So können durch Kompression kapazitiver Gefäße in den Beinen und im Unterleib 700–800 ml Blut intrathorakal verschoben werden, was zu einer kardialen Belastung führt (Vorsicht bei Pat. Reizfaktoren:mechanischemit Neigung zu Herzrhythmusstören und -insuffizienz). Zu den mechanischen Reizfaktoren zählen auch die taktilen Reize bei Waschungen, Bürsten- und Schöpfbädern und der Massageeffekt eines Blitzgusses.

  • Zu den chemischen Reizfaktoren zählen resorbierbare Badezusätze wie bestimmte phytotherapeutisch wirksame Auszüge und Kohlendioxid. Kohlendioxidbäder bewirken eine Reizung der Wärmerezeptoren und eine ausgeprägte Hyperämie der Hautgefäße, wodurch der Blutdruck v. a. diastolisch abfällt. Reizfaktoren:chemischeGleichzeitig wird die Empfindlichkeit der Kälterezeptoren herabgesetzt.

  • Als elektrischen Reizfaktor bezeichnet man im Rahmen der Hydrotherapie die Effekte hydrogalvanischer Bäder z. B. von Zwei- und Vierzellenbad oder eines Stanger-Bads.

Wirkweise
Die Wirkung der Hydrotherapie beruht v. a. auf der Reizung der in der Haut, aber auch in Reizfaktoren:elektrischeSchleimhäuten und Blutgefäßen liegenden Thermorezeptoren, die thermoregulatorische Reaktionen auslösen. Da der Mensch mehr durch Wärmeverlust als durch Überwärmung gefährdet ist, sind in seiner Haut 10-mal mehr Kalt- als Warmrezeptoren eingelagert. Sie reagieren auch schneller, da sie oberflächlicher liegen als die tiefer liegenden Warmrezeptoren und eine höhere Nervenleitungsgeschwindigkeit besitzen. Zusätzlich unterscheidet sich die Dichte der Rezeptoren je nach Körperregion (Abb. 5.6).

Merke

Die höchste Dichte der Kaltrezeptoren befindet sich im Gesicht und am Stamm.

  • Warmrezeptoren reagieren bei Erwärmung der Haut von 30–45 °C mit einer Zunahme ihrer Entladungsfrequenz bis zu einem Plateau. Ab 45 °C sind die hitzeempfindlichen Rezeptoren aktiv und lösen ein Schmerzempfinden aus.

  • Rezeptoren:W∗armrezeptoren∗Bei einer Hauttemperatur von 25–35 °C reagieren Kaltrezeptoren am empfindlichsten. Bei höheren und niederen Temperaturen nimmt ihre Spontanaktivität und Sensibilität ab. Kaltrezeptoren können bei rascher Erwärmung auf über 45 °C das paradoxe Phänomen eines Kältegefühls hervorrufen.

Merke

Da die Dichte der Kaltrezeptoren deutlich größer ist als die der Warmrezeptoren und deren maximale Impulsfrequenz auch nur ⅓ des Werts der Kaltrezeptoren beträgt, ist die Gesamtheit der aus ihnen kommenden Impulse etwa 30-mal höher als die aus den Warmfasern stammenden. Daraus folgt, dass Kaltreize in der Hydrotherapie auch eine stärkere Wirkung als Warmreize entfalten.

Wärmeproduktion und Wärmeleitung
Der Körperkern sorgt unter Ruhebedingungen für die notwendige Wärmeproduktion, um eine Homoiothermie aufrechtzuerhalten. Die Körperkerntemperatur istRezeptoren:K∗altrezeptoren∗Wärmeproduktion jedoch keine absolut konstante Größe. Wie Blutdruck, WärmeleitungPulsfrequenz und die Atmung unterliegt sie in engen Grenzen Körperkerntypischen zirkadianen Schwankungen. So wird die Aufwärmphase in der ersten Tageshälfte, beginnend etwa um 3 Uhr morgens, von einer Abkühlphase beginnend etwa ab 15 Uhr abgelöst. Dies führt dazu, dass ein Kaltreiz am Morgen stärker wirkt als am Abend. Wesentlich ausgeprägter sind jedoch die Temperaturschwankungen der Körperschale in Abhängigkeit der Umgebungstemperatur und der Muskelaktivität. Die Körperschale ist im Gegensatz zum Körperkern wechselwarm also poikilotherm.
Der vom Körperkern zur Körperschale bestehende Temperaturgradient erzeugt eine Wärmeleitung von innen Körperschalenach außen (Konduktion). Gleichzeitig findet über die Blutgefäße auch ein Wärmetransport statt (Konvektion). Der konvektive Wärmetransport wird v. a. durch die Thermoregulation beeinflusst. So wird ein Wärmeverlust durch folgende Konduktionvasomotorische Regelvorgänge vermindert und somit die Isolierfähigkeit der Körperschale gesteigert:
  • Arteriovenöse Shunts Konvektionwerden bei Kälte geöffnet, wodurch der Wärmeverlust durch das Kapillarnetz der Haut vermieden werden kann.

  • Die parallele Anordnung von wärmeren Arterien zu den kälteren Venen erfüllt die Funktion eines Wärmetauschers nach dem Gegenstromprinzip.

  • Der in Wärme vorherrschende Blutrückfluss durch oberflächliche Hautvenen wird bei Kälte in die tiefer liegenden Leitvenen umgeleitet.

Bei dieser Umverteilung des Blutflusses sind nervale, humorale und chemische Vorgänge involviert. Die Vasokonstriktion erfolgt aktiv v. a. durch Noradrenalin, aber auch Adrenalin und Angiotensin spielen eine Rolle. Die Vasodilatation ist dagegen ein rein passiver Vorgang, die allein durch eine Tonusminderung der glatten Gefäßmuskulatur eintritt.
Nervale Steuerung
Die aus den Thermorezeptoren der Haut, aber auch der Muskulatur, den Blutgefäßen und des Magens eingehenden Informationen werden im Rückenmark integriert und ins ZNS weitergeleitet. Die thermische und vegetative Homöostase kann nicht alleine durch die spino-segmentale Integrationsstufe bewerkstelligt werden. Dazu bedarf es der nächsthöheren Integrationsstufen, den von der Medulla oblongata gesteuerten tonischen Reflexe im Bereich des Kreislauf- und Atemzentrums. Im Hypothalamus befinden sich die empfindlichsten thermozeptiven Strukturen, die geringste Abweichungen der Bluttemperatur registrieren: Rautenhirn, Mittelhirn, Hypothalamus und die Formatio reticularis sind die eigentlichen Schaltzentralen für die Thermoregulation. Dieses komplex organisierte autonome System regelt schließlich über verschiedene Efferenzen (u. a. die Hypophysen-Nebennieren-Achse) folgende Stellglieder der Wärmeregulation:
  • Vasomotorik

  • Blutdruck, Herzfrequenz, Herzzeitvolumen, Atmung

  • metabolische Thermogenese

  • Muskeltonus und motorische Thermogenese

  • Schweißsekretion und Wärmeregulation:S∗tellglieder∗Pilomotorik („Gänsehaut“)

In diesen Hirnarealen lassen sich auch Bereiche unterscheiden, deren Reizung entweder mehr leistungssteigernde autonome Aktivitäten (Ergotropie) auslöst oder solche, die Entspannung, Erholung und Regeneration fördern (Trophotropie). Dies stellt die höchste Stufe der Regelung des vegetativen Gleichgewichts dar, die von Informationen aus der Körperfühlsphäre beeinflusst wird und über das limbische System auch eine emotionale Einfärbung erfährt. Während die aufsteigenden Bahnen im Tractus spinothalamicus noch nach Sinnesqualitäten geordnet sind, ist die Weiterleitung ab dem Thalamus nach Körperregionen organisiert. Die vielfältigen Interaktionen zwischen diesen Hirnarealen und der Großhirnrinde bewirken schließlich, dass Sinnesreize wahrgenommen, empfunden und bewertet werden können. Dies wiederum moduliert zentripetal die vegetativen Vorgänge bis hin zu immunologischen Reaktionen. So kommt es zu den überaus weitreichenden und komplexen Wirkungen hydro-thermotherapeutischer Anwendungen.
Kaltreize und ihrer Wirkungen
Kaltreize sind kurzfristige Anwendungen in Form von Waschungen, Güssen, Packungen, Umschlägen und Bädern in einem Temperaturbereich von 12–16 °C. Individuell kann zu Beginn einer Hydrotherapie das Wasser Kaltreizeauch mit 18–22 °C temperiert sein. In der Reize:Kaltreizephysikalischen Medizin gibt es neben den Kneipp-Kaltwasseranwendungen auch eine spezielle Kältetherapie mit lokalen Eisapplikationen oder einer Ganzkörperkältetherapie in einer Kältekammer mit Temperaturen bis −110 °C. (6.2)
Kalt- und Kältereize lösen aufgrund der physiologischen Gegebenheiten eine stärkere vegetative Reaktion aus, als Warmreize. Kälte dringt in tiefere Gewebeschichten ein, wird länger toleriert und dennoch ist die Gefahr von Gewebeschäden vergleichsweise geringer als bei starken Warm- und Heißreizen.
Wirkungen
  • Lokale und reflektorische Vasokonstriktion → peripherer Gefäßwiderstand ↑, kurzfristiger Blutdruckanstieg ↑ (keine Gefahr für Hypertoniker). Nachdem sich anfänglich auch die Herzfrequenz erhöht, sinkt sie dann über längere Zeit sogar unter den Ausgangswert ab. Nach Beendigung des Kältereizes kommt es bei intakter Gefäßregulation zu einer reaktiven Vasodilatation mit entsprechender Hyperämie.

  • Lokale Stoffwechselprozesse und Entzündungsreaktionen werden gedrosselt, Ödeme bilden sich zurück. Bei Fieberzuständen kann die Körpertemperatur deutlich abgesenkt werden. Sinkt die Bluttemperatur allerdings im Körperkern ab, werden die metabolische und muskuläre Thermogenese (Kältezittern) hochgefahren.

  • Analgesie, insbesondere bei rascher Absenkung der Hauttemperatur (besonders bei kryotherapeutischen Anwendungen)

  • Aktivierung von immunologischen Vorgängen nicht nur in der Haut, sondern auch systemisch

  • Kortisol-Ausschüttung

  • kurzfristige Steigerung des Muskeltonus gefolgt von einer Tonusminderung, Beseitigung von Muskelspasmen oder einer Hyperreflexie

  • Steigerung des Darm- und Blasentonus

  • Vigilanzsteigerung gefolgt von allgemeiner Entspannung nach Beendigung des Kältereizes bis hin zur Schlafförderung

Anwendungsgebiete in der Akutversorgung
  • Indikationen: akute Arthritiden, aktivierte Arthrosen, akute Entzündungen, postoperative und posttraumatische Schäden, variköser Symptomkomplex, Fiebersenkung, Einschlafstörungen

  • Kontraindikationen: Raynaud-Syndrom, Endangiitis obliterans, periphere arterielle Verschlusskrankheit im Stadium II–III, instabile koronare Herzkrankheit, konsumierende Erkrankungen, Kälteurtikaria, bekannte Kältehämolysine, Mikroangiopathien, entzündliche Blasen- und Nierenerkrankungen, allgemeine Kälteüberempfindlichkeit

Merke

Kaltanwendungen dürfen nicht durchgeführt werden, wenn der Patient friert oder die Haut kalt ist.

Warm- und Heißreize und ihrer Wirkungen
Warmanwendungen sind Güsse und Bäder im Temperaturbereich von 35–39 °C. Eine Sonderform sind die Warmreizetemperaturansteigenden Fuß- oder Armbäder nach HeißreizeHauffe. Hier wird durch Zulaufen heißen Wassers Reize:Warmreizeinnerhalb von 10–15 Min. die Badetemperatur von 34–40 Reize:Heißreize°C erhöht.
Heißreize werden in Form von Peloiden, Wickeln, Heusack und Packungen im Temperaturbereich von 35–39 °C angewendet. Zur Ganzkörperwärmetherapie zählen die Überwärmungsbäder und die verschiedenen Saunaformen.
Wirkungen
  • Durchblutungssteigerung durch Vasodilatation

  • Blutdrucksenkung und Steigerung des Herzzeitvolumens

  • reflektorische Muskelentspannung

  • verbesserte Dehnbarkeit des Bindegewebes

  • Schmerzlinderung bei chronischen Schmerzen des Bewegungsapparats

  • Aktivierung von Lysosomen und Enzymen, erhöhte Phagozytoseaktivität, gesteigerte Diffusionsfähigkeit

  • Senkung der Viskosität der synovialen Flüssigkeit

  • Stoffwechselsteigerung

  • physische und psychische Entspannung

Anwendungsgebiete in der Akutversorgung
  • Indikationen: Weichteilrheumatismus, degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen, chronische Gelenkentzündungen, Einschlafstörungen.

  • Kontraindikationen: Ödeme und chronisch venöse Stauungszustände, eingeschränkte Herzleistung, fortgeschrittene Tumorkrankheiten (mit Ausnahme gezielter Hyperthermiebehandlung), dekompensierte Hyperthyreose, Polyneuropathie mit gestörtem Temperatur- und Schmerzempfinden, Mikroangiopathien.

Merke

Zu starke, unmittelbare Heißreize können statt zu einer Vasodilatation zu einer paradoxen Vasokonstriktion führen.

Wechselwarme Reize
Wechselgüsse und Wechselbäder werden in der Kneipptherapie verordnet, um einen schonenden Zugang zu den Kaltanwendungen zu ermöglichen oder die Vasomotorik zu trainieren. Bei wechselwarmen Reizen wechselwarme Reizefolgt einem einige Min. dauernden Warmreiz ein in der Reize:wechselwarmeRegel nur wenige Sek. dauernder Kaltreiz. Üblicherweise wird bei derartigen Anwendungen die Temperatur dreimal gewechselt, wobei mit einem Warmreiz begonnen und mit einem Kaltreiz geendet wird.

Hydrotherapeutische Praxis

Die zahlreichen, unterschiedlichen Anwendungsformen, Temperaturbereiche, Körperregionen und Anwendungszeiten ergeben ein äußerst breit gefächertes therapeutisches Angebot, das vom Erfahrenen zu einer fein abgestuften, individuellen Verordnung genutzt werden kann. Es reicht von sehr milden, nur leicht anregenden, bis zu belastenden Anwendungen, wobei die Belastung von unerfahrenen Laien wie Ärzten oft deutlich überschätzt wird, sie gehen nicht über Alltagsbelastungen hinaus.
Auswahl der Reizstärke
Begonnen wird mit den weniger belastenden Anwendungen. Die Reizstärke der Anwendungen wird je nach der individuellen Reaktion erst nach und nach angehoben.

Merke

Determinanten für die hydrotherapeutischen Reizstärken sind:

  • Art des Reizes, kalt oder warm

  • Temperaturdifferenz zur Hautoberfläche

  • Größe des Hautareals

  • Körperregion (Rezeptorendichte)

  • Reizdauer

  • begleitende Reizfaktoren (mechanisch, hydrostatisch, chemisch, elektrisch)

Die Wirkstärke der Anwendungen hängt nicht nur von objektiven Determinanten für die Reizstärke:HydrotherapieReizstärke der jeweiligen hydrotherapeutischen Anwendung ab, sondern auch von verschiedenen individuellen Faktoren, die die Reaktionslage bestimmen, wie:
  • Adaptationsgrad, Gesundheitszustand

  • Konstitution

  • Medikation

  • Alter, Geschlecht

  • Tageszeit (zirkadiane Rhythmik)

Merke

Bei den hydrotherapeutischen Anwendungen handelt es sich um physiologische Stressoren, die eine komplexe Reizantwort auslösen. Daher ist es dringend erforderlich, dass nach den Anwendungen eine Ruhezeit von 30–60 Min. eingehalten wird.

In der Praxis hat es sich bewährt, die gängigen hydrotherapeutischen Anwendungen nach Kneipp in drei Reizstärken einzuteilen.
Reizstärke I (schwache Reize)
Die Reizstärke I entspricht einer ergometrisch gemessenen Kreislaufbelastung von etwa 25 Watt, vergleichbar ruhigen Gehens auf ebener Erde. Sie kommt zur Anwendung bei:
  • Teilwaschungen (Oberkörper, Unterkörper)

  • Reize, schwache:HydrotherapieTeilbädern (Arm, Fuß, Sitzbad), 5–10 Min, bei 37 °C

  • Wechselteilbädern (Arm, Fuß), 5 Min, bei 36 °C/5–6 s bei 12–16 °C

  • kleinen Güsse (Knie, Arm) mit temperiertem Wasser (18–22 °C)

Reizstärke II (mittlere Reize)
Die Reizstärke II entspricht einer Kreislaufbelastung von 25–75 Watt. Sie kommt zur Anwendung bei:
  • Ganzkörperwaschung

  • Wassertreten

  • Halbbad kalt, 12–18 °C

  • Halbbad warm bei 37 °C mit Reize, mittlere:Hydrotherapieanschließendem kalten Schenkelguss (12–16 °C)

  • Wechselgüssen (Knie, Schenkel, Arm, Gesicht, Brust, Ober- und Rückenguss) bei 36–38 °C/12–16 °C

  • Waden- oder Armwickel

  • Heublumensackpackung (½–¾ Std.)

Reizstärke III (starke Reize)
Die Reizstärke III entspricht einer Belastung von etwa 75–100 Watt, was vergleichbar ist mit Joggen, zügigem Treppensteigen oder dem Tragen eines mittelschweren Koffers und somit Alltagsbelastungen entspricht. Sie kommt bei folgenden Reiz, starke:HydrotherapieApplikationen zur Anwendung:
  • kalten Güssen (Unter-, Ober-, Rücken- und Vollguss) bei 12–16 °C

  • heißem Lumbalguss bei 40–43 °C

  • heißem Blitzguss bei 40–43 °C

  • ¾- und Vollbad bei 37 °C mit anschließendem kalten Guss (12–14 °C)

  • temperaturansteigenden Teilbädern (Arm-, Fuß-, Sitzbad), für 10–15 Min. bei 33–39 °C

  • Wechselsitzbad für 10 Min, bei 37 °C, anschließend für 2–6 Sek. bei 12–16 °C

  • großem Wickel (Lenden-, Kurz-, Brustwickel)

  • Überwärmungsbad

Akut- und Langzeiteffekte
Grundsätzlich ist zwischen den unmittelbaren Reaktionen, den Immediateffekten nach einer oder weniger Anwendungen und den komplexen Langzeiteffekten nach seriellen Anwendungen infolge physiologischer Anpassungsvorgänge (funktionelle und trophisch-plastische Adaptation) zu unterscheiden.
Akuteffekte
Bei den Immediateffekten sind lokale und generalisierte thermoregulatorische Reaktionen zu beobachten. Eine davon, die auch therapeutisch genutzt werden kann, ist die konsensuelle Reaktion. Die konsensuelle Reaktion bewirkt, dass bei einem temperaturansteigenden Armbad auch eine Erhöhung der Hauttemperatur an den Füßen beobachtet werden kann.
Während die Immediateffekte durch zahlreiche Untersuchungen meist an Gesunden relativ gut Reaktion:konsensuellebelegt sind, ist die Studienlage zu den Langzeiteffekten, insbesondere in der Behandlung von chronischen Krankheiten trotz jahrzehntelanger Erfahrungen im Kurwesen immer noch unbefriedigend.

Merke

Es muss berücksichtigt werden, dass die Hydrotherapie selten als einzelne Therapiemaßnahme verordnet wird, sondern nach Kneipp bevorzugt mit anderen Elementen seiner Gesundheitslehre – Lebensstiländerung, Bewegung, Ernährungsumstellung und pflanzlichen Arzneimitteln – zusammenwirken sollte. Unbestritten fördern diese Maßnahmen zusammen die natürlichen Fähigkeiten des Organismus zur Regeneration, Normalisierung von gestörten Regelvorgängen und Kräftigung. Der Wirkungsnachweis der einzelnen Komponenten einer solchen Komplextherapie ist durchaus möglich, aber deutlich aufwendiger, als die Untersuchung von Akuteffekten.

Langzeiteffekte

Studien

Es liegen valide Studien vor, die den therapeutischen Nutzen einer seriellen Hydrotherapie belegen, so bei Patienten mit chronisch venöser Insuffizienz [4], bei Hypertonikern [7], bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz [9] und bei solchen mit COPD [5]. Einige Befunde lassen auch einen gewissen Schutz vor Erkältungskrankheiten vermuten.

Ältere Beobachtungen [4] wiesen als Langzeiteffekte eine allgemeine gesteigerte körperliche Leistungsfähigkeit, eine verbesserte Stimmungslage und einen gesunkenen Schmerzmittelverbrauch nach [8].
Die Langzeiteffekte einer Kneippkur werden wie folgt beschrieben:
  • Abnahme von körperlichen Beschwerden, weniger Schmerzen

  • Konditionssteigerung

  • bessere Blutdruckeinstellung

  • weniger Schlafstörungen

  • geregelte Verdauung

  • geringere Wetterfühligkeit, geringere Kälte- oder Wärmeüberempfindlichkeit

  • allgemein verbessertes psychisches Befinden

  • gesteigertes Selbstwertgefühl und verbesserte Voraussetzungen für Bewältigungsstrategien bei Beschwerden und Krankheiten

Indikationen und Kontraindikationen
Die Hydrotherapie sollte in der Regel im Sinne der komplexen Physiotherapie nach Kneipp mit anderen naturheilkundlichen Verfahren, wie Ordnungs-, Bewegungs-, Ernährungs- und Phytotherapie kombiniert werden.
Prävention
Die Hydrotherapie wird präventiv eingesetzt zur:
  • allgemeinen Gesundheitsförderung

  • Primärprävention

  • Behandlung von leichteren Erkrankungen z. B. von unkomplizierten fieberhaften Infekten, funktionellen Störungen verschiedener Art

  • bevorzugt in der Sekundär- und Tertiärprävention von chronischen Zivilisationserkrankungen

Rehabilitation
In der Rehabilitation hat sie sich als unterstützende und ergänzende Maßnahme bewährt bei folgenden Erkrankungen:
  • Erkrankungen des Bewegungsapparats

  • kardiovaskuläre Erkrankungen, auch postoperative oder postinterventionelle Hypo- und Hypertonie

  • Venenerkrankungen und postthrombotischen Zustände

  • Stoffwechselstörungen insbesondere dem metabolischen Syndrom

  • Infektanfälligkeit

  • funktionelle gastrointestinale Störungen

  • vegetative und psychosomatischen Störungen mit Erschöpfungszuständen

Kontraindikationen
Zu den Kontraindikationen s. spezifische Anwendungen.

Grundregeln der Hydrotherapie nach Kneipp

Die Kneipp-Hydrotherapie bietet mit mehr als 100 Anwendungen eine Vielzahl von therapeutischen Möglichkeiten: Das Spektrum reicht von milden, reizschwachen Anwendungen wie „Waschungen“ bis zu sehr starken, reizintensiven Behandlungen wieHydrotherapie:Grundregeln nach Kneipp z. B. „Blitzgüssen“. Nachfolgend werden nur die am häufigsten verordneten Anwendungen vorgestellt.

Merke

Die Temperaturen hydrotherapeutischer Anwendungen werden wie folgt unterschieden:

  • sehr kalt = < 15 °C

  • kalt = 16–18 °C

  • temperiert = 19–22 °C

  • kühl = 23–27 °C

  • lauwarm = 28–32 °C

  • indifferent = entspricht der Hauttemperatur (ca. 33°–35 °C am Rumpf)

  • warm = 36–39 °C

  • heiß = 39–41 °C

  • sehr heiß = > 42 °C

Folgende Grundregeln haben sich bei der Durchführung hydrotherapeutischer Anwendungen bewährt.
  • Keine therapeutischen Anwendungen ohne vorausgehende ärztliche Untersuchung und Verordnung durchführen.

  • Das Befinden und die Konstitution der Patienten beachten. Ältere Menschen, Astheniker und Athletiker haben allgemein ein größeres Wärmebedürfnis als Pykniker. Dem sollte ggf. anfänglich mit aufwärmenden Maßnahmen und Wechselanwendungen Rechnung getragen werden.

  • Unmittelbar vor oder nach den Anwendungen nicht rauchen und keinen Alkohol trinken.

  • Nicht mehr als drei Wasseranwendungen pro Tag durchführen.

  • Jede Anwendung ist zugleich eine Zuwendung und hat mit großer Achtsamkeit auf die Bedürfnisse des Patienten zu erfolgen.

  • Zeitlichen Abstand von anderen Anwendungen und Mahlzeiten einhalten.

Kalt- oder Warmanwendungen?
  • Die Raumtemperatur sollte bei 20–22 °C liegen.

  • Keine Kaltanwendung auf kalte Haut bzw. bei fröstelnden Patienten. In solchen Fällen sind vorbereitend leichte Maßnahmen zum WarmanwendungenAufwärmen notwendig.

  • Nach kalten KaltanwendungenWasseranwendungen das Wasser nur abstreifen, sodass ein Feuchtigkeitsfilm auf der Haut bleibt.

  • Nach Kaltanwendungen sollte sich der Patient rasch wieder erwärmen (am besten durch Bewegung).

  • Akut entzündliche Erkrankungen erfordern eher Kaltanwendungen, bei chronischen Krankheiten können Warmanwendungen sinnvoller sein. Grundsätzlich sind aus physiologischen Gründen Kaltreize jedoch langfristig wirkungsvoller. Die Reizdauer ist ohnehin nur kurz und darf nie zu einer Unterkühlung führen.

  • Nach warmen und temperaturansteigenden Bädern sollte der Patient 30 Min. ruhen.

  • Vorsicht bei Kaltanwendungen an den Beinen und im Beckenbereich bei Frauen während der Menses.

Durchführung und Reizstärke
  • Güsse beginnen immer rechts („herzfern“), sie werden an den Extremitäten immer von außen nach innen und von unten nach oben geführt.

  • Die Reizstärke ist der individuellen Reaktionslage des Patienten anzupassen.

  • Reizstärke:HydrotherapieNach Anwendungen der Reizstärke I–II ist leichte körperliche Betätigung (Spazierengehen), nach Anwendungen der Reizstärke III eine Ruhepause von mindestens einer Stunde ratsam.

  • Serielle Anwendungen beginnen immer mit Reizstärke I und werden meist im Wochenabstand je nach der individuellen Reaktion in ihrer Reizstärke gesteigert.

  • Langzeiteffekte lassen sich frühesten nach zwei Wochen serieller Anwendungen erwarten.

Nachbehandlung, Kombinationen
  • Zur Stabilisierung der erzielten adaptiven Prozesse empfiehlt sich die eigenverantwortliche Fortsetzung der bewährten Behandlung zu Hause – vergleichbar einer körperlichen Trainingstherapie.

  • Hydrotherapeutische Anwendungen sollten nach Möglichkeit mit Bewegungstherapie und falls erforderlich auch mit einer Ernährungsumstellung und der Gabe von Phytotherapeutika, aber auch anderer indizierter Pharmaka kombiniert werden, um Synergieeffekte zu nutzen. Hierzu bedarf es in naturheilkundlichem Sinn einer ordnungstherapeutischen Konzeption.

Hydrotherapeutische Anwendungen

Waschungen
Bei einer Kneipp-Waschung wird ein dünner Wasserfilm mithilfe eines Waschungstuchs oder Waschungshandschuhs auf die Haut aufgetragen. Um einen Temperaturreiz auszulösen, muss die Temperatur des Hydrotherapie:AnwendungenWaschungswassers eine Differenz zur Hauttemperatur aufweisen. Bei Waschungenkalten Waschungen sollte sie mindestens 10–12 °C niedriger sein.
Waschungen sind besonders wirkungsvoll, wenn sie seriell eingesetzt werden. Daher sind sie v. a. für die stationäre Behandlung im Krankenhaus oder in der Kur geeignet, aber auch in der häuslichen Gesundheitspflege können Waschungen z. B. zur Fiebersenkung und zur Verdauungsförderung eingesetzt werden.
Waschungen können je nach Verordnung kalt, temperiert, wechselwarm und heiß durchgeführt werden.
  • Wechselwaschung: warm gefolgt von kalt analog Wechselguss nur milder

  • Reinigungswaschung: Die Reinigungswaschung wird im Anschluss an schweißtreibende Anwendungen durchgeführt. Bei der Reinigungswaschung wird Wasser mit indifferenter Temperatur verwendet. Es soll kein neuer Reiz gesetzt werden. Nach der Reinigungswaschung wird im Gegensatz zu therapeutischen Waschungen abgetrocknet.

Nach dem Ort ihrer Anwendung werden Waschungen unterteilt in:
  • Oberkörperwaschung (OKW)

  • Unterkörperwaschung (UKW)

  • Ganzwaschung (Gw)

  • Leibwaschung (Lbw)

  • Glieder- oder Extremitätenwaschung (Glw)

Wirkungen
Waschungen wirken mild kreislaufanregend.
Indikationen und Kontraindikationen
  • Indikationen: in der Rekonvaleszenz, fieberhafte Infekte, zur Durchblutungsförderung, Verbesserung der Kreislaufregulation, vegetative Harmonisierung

  • Kontraindikation: Frieren oder Frösteln

Durchführung
Waschungen als unspezifische Reiztherapie zur „vegetativen Umstimmung“, sollten als früh morgendliche Behandlung (5:00–7:00 Uhr) verabreicht werden. Waschungen, die zur besseren Verdauung oder zur Schlafförderung beitragen sollen, können unmittelbar nach dem Essen oder vor dem Einschlafen durchgeführt werden.
Folgende Voraussetzungen sollten gegeben sein.
  • Der Patient muss sich warm fühlen.

  • Das Bett muss erwärmt, der Raum temperiert und zugfrei sein.

  • Gebraucht werden 1 Waschungstuch (Leinen oder Gerstenkorngewebe, Halbleinen von 80 × 40 cm), Waschungseimer (5 l) sowie 1–2 l kaltes Wasser (10–18 °C), Bettvorlage (z. B. Handtuch)

  • Zusätze können wie folgt dosiert werden (Dosierung auf 1 l Wasser):

    • Essig: ¼ l

    • Arnika: 1 EL

    • Retterspitz: 1 EL

    • Salz: 2 EL

Praxistipp

  • Falls erforderlich, sollte der Patient vor der Waschung die Toilette aufsuchen.

  • Die Waschung zügig, aber nicht hastig und in ruhiger, gedämpfter Atmosphäre durchführen (kein grelles Licht – nur das Notwendigste sprechen).

  • Nach der Waschung Patient gut einpacken, damit er sich schnell wieder erwärmen kann.

  • Das Waschungstuch nach der Behandlung mit frischem Wasser ausspülen und im Zimmer des Patienten zum Trocknen aufhängen.

  • Während der Phase des „Nachdünstens“ sollte der Patient bis zum Warm- und Trockenwerden (ca. ½–¾ Std.) entspannt ruhen. Sehr häufig schläft der Patient nochmals ein.

  • Feuchte Dunstwärme ist erwünscht, es sollte jedoch nicht zu einem Schweißausbruch kommen (freier machen).

Ablauf einer Oberkörperwaschung (OKW)
  • Vorbereitung:

    • Der Patient sitzt oder steht, der Oberkörper ist entkleidet.

    • Das 3-fach gefaltete Waschungstuch ins Wasser tauchen und gut ausdrücken.

    • Das Waschungstuch liegt auf derWaschungen:Oberkörperwaschung linken Hohlhand, die offenen Tuchseiten werden mit Daumen und Zeigefinger gehalten.

  • Rechter Arm:

    • Der Behandler erfasst die rechte Hand des Patienten und führt das Waschungstuch vom Handrücken zur Schulter und zurück.

    • Der Behandler nimmt das Waschungstuch in die rechte Hand (frische Tuchseite) und wäscht nun die Handinnenfläche bis zur Achselhöhle.

    • Tuch erneut eintauchen und ausdrücken.

  • Linker Arm:

    • Dasselbe Vorgehen am linken Arm – beim Waschen der Außenseite des Arms hat der Behandler das Tuch in der rechten Hand, beim Waschen der Innenseite in der linken Hand.

    • Tuch erneut eintauchen und ausdrücken.

    • Waschungstuch nun 2-fach falten. Waschungstuch mit beiden Händen von der rechten Hals-/Schulterseite zur linken und zurück führen.

    • Brust und Bauch rechts beginnend mit senkrechten, parallelen Zügen waschen.

    • Falls erforderlich, zusätzlich unter den Brüsten in Form einer „liegenden 3“ waschen.

    • Tuch erneut eintauchen und ausdrücken.

    • Rücken in gleicher Weise waschen.

    • Der Patient trocknet sich nicht ab, er zieht Schlafanzug/Nachthemd über und wird gut eingepackt.

Ablauf einer Unterkörperwaschung (UKW)
  • Vorbereitung:

    • Der Patient steht auf der Unterlage (Handtuch o. ä.) mit entkleidetem Unterkörper.

    • Der Behandler steht vor dem Patienten.

    • Das 2-fach gefaltete Waschungstuch ins Waschungen:UnterkörperwaschungWasser tauchen und ausdrücken.

    • Beide Hände umfassen die oberen Ecken des Waschungstuchs.

  • Vorderseite – rechtes Bein:

    • Die linke Hand führt das Tuch von der Außenseite des Fußes über den Unterschenkel und Oberschenkel bis zum Beckenkamm und an der Vorderseite des Fußes abwärts.

    • Die rechte Hand führt das Tuch an der Innenseite des Beines aufwärts bis zum Rumpf (einschließlich Leistenbeuge).

    • Tuchseite wechseln.

  • Vorderseite – linkes Bein:

    • Die rechte Hand führt das Tuch an der Außenseite und Vorderseite des linken Beins, die linke Hand an der Innenseite des linken Beins.

  • Vorderseite – Bauch:

    • Im Kolonverlauf mehrmals umkreisen.

    • Waschungstuch eintauchen und ausdrücken.

  • Rückseite – rechtes Bein:

    • Die rechte Hand führt das Waschungstuch an der Außenseite des Beines aufwärts bis zum Beckenkamm und an der Rückseite des Beines abwärts.

    • Die linke Hand führt an der Innenseite des Beines aufwärts bis zum Gesäß.

  • Rückseite – linkes Bein:

    • Die linke Hand führt das Waschungstuch an der Außenseite des Beines aufwärts bis zum Beckenkamm und an der Rückseite abwärts.

    • Die rechte Hand führt das Waschungstuch an der Innenseite des Beines aufwärts bis zum Gesäß.

    • Tuchseiten wechseln.

  • Rechte und linke Gesäßhälfte:

    • Kreisförmig waschen.

    • Tuchseiten wechseln.

  • Rechte und linke Fußsohle: Kreisförmig waschen.

Ablauf einer Ganzwaschung (Gw)
  • Patient steht auf Unterlage (Handtuch o. ä.).

  • Behandler steht vor dem Patienten.

  • Waschungstechnik wie bei OKW und UKW.

Merke

Bei den Waschungen sollte folgende Reihenfolge eingehalten werden:

  • Oberkörper von vorn

  • Unterkörper von vorn

  • Oberkörper von hinten

  • Unterkörper von hinten

Leibwaschung
Die Leibwaschung kann vom Patienten selbst ausgeführt werden.
  • Der Patient liegt entspannt auf dem Rücken im warmen Bett, die Knie sind aufgestellt.

  • Neben dem Bett befindet sich eine Schüssel mit kaltem Wasser (14–16 °C) Waschungen:Leibwaschungund Tuch.

  • Das Waschungstuch ist 3-fach gefaltet.

  • Das gut ausgedrückte Waschungstuch an 2 diagonal gegenüberliegenden Ecken fassen und im Kolonverlauf den Bauch kreisförmig waschen (ca. 5 Umkreisungen).

  • Nach jeweils 5 Umkreisungen die Tuchseiten wechseln = 20 Umkreisungen.

  • Bei Bedarf: Waschungstuch erneut eintauchen, ausdrücken und weitere 20 Umkreisungen folgen lassen.

  • Zur Wirkungsverstärkung und bei genügender Eigenwärme kann das feuchte Tuch auf dem Bauch liegen bleiben und mit einem trockenen Tuch bedeckt werden.

Glieder- oder Extremitätenwaschung
Die Waschung der Unterarme und/oder Unterschenkel wird meist als fiebersenkende Serienwaschung angewendet und wie folgt ausgeführt. Die Temperatur des Waschungswassers sollte nach dem Empfinden des Patienten kühl, aber nicht eiskalt sein.
  • Waschungen:ExtremitätenwaschungDie zu behandelnden Extremitäten aufdecken und zügig waschen, anschließend wieder leicht zudecken, nach dem Warm- und Trockenwerden erfolgt die nächste Waschung.

  • Eine Serie besteht aus 5–7 Waschungen. Beginnt der Patient zu schwitzen, ist das Behandlungsziel erreicht. Die sich anschließende Reinigungswaschung mit indifferenter Temperatur (s. o.), bei der kein neuer Reiz gesetzt wird, dient dem Wohlbefinden des Patienten.

  • Sollte es während der ersten Serie von Waschungen nicht zum Schwitzen oder zur Fiebersenkung kommen, kann nach 2 Std. eine weitere Serie folgen.

Wickel, Packungen, Auflagen, Kompressen
Unter einem Kneipp-Wickel versteht man die straffe Einwickelung eines Körperteils mit einem nassen Leinentuch, gefolgt von einem trockenen Baumwolltuch und einem Wolltuch. Folgende Formen werden unterschieden:
  • Echter Wickel: Umschlag um Wickelein Körperteil (z. B. Wadenwickel), Wickel können zur Kühlung, zum Wärmeentzug, aber auch zur Wärmeproduktion verwendet werden.

  • Packungen: Wickel, bei denen mehr als die Hälfte des Wickel:echterKörpers eingepackt wird. Warme Packungen erzeugen einen Wärmestau, sind schweißtreibend und bedürfen wegen der damit verbundenen Kreislaufbelastung der Überwachung des Patienten.

  • PackungenAuflagen auf eine Körperregion: zur gezielten Wärmezufuhr

  • Kompressen: ebenfalls Auflagen, jedoch von kleinerer Größe

Wickel werden bevorzugt nach den zu behandelnden Körperteilen Auflagenklassifiziert, wenige auch ohne Bezug zu einem Körperteil genannt (Tab. 5.3, Abb. 5.7). Weitere KompressenWickelbehandlungen, die den gesamten Körper einschließen, sind das „nasse Hemd“ und der „spanische Mantel“. Bei diesen Wickeln ist das Innentuch in Form eines langen Hemdes oder Mantels geschnitten.
Die Wickeltücher haben eine unterschiedliche Größe (Tab. 5.4) und können durch Umschläge auf die erforderliche Größe gebracht werden.
Wirkungen
Durch thermische und in geringerem Umfang auch chemische Reize (Wickelzusätze), werden im Sinne einer Reiz-Reaktions-Regulationstherapie lokale, segmentale, vegetative und konsensuelle Wirkungen erzielt.

Merke

  • Thermophysiologisch wirken Wickel wärmeentziehend, wärmeproduzierend, wärmestauend sowie schweißtreibend.

  • Wirkfaktoren bei Wickeln sind die Liegedauer des Wickels, die Temperatur des Wickels sowie Zusätze.

Zusätze können die Wirkung der thermophysiologisch wirksamen Wickel verstärken oder erweitern.
  • Essig: ¼l handelsüblicher Obst- oder Weinessig auf 1 l Wasser

  • Salz: 2 EL Salz auf 1 l Wasser

  • Quark: Handelsüblicher Speisequark wird auf das angefeuchtete Innentuch des Wickels Wickel:Zusätzeaufgetragen. Bei kleinflächiger Anwendung als Quarkpflaster empfiehlt es sich, über den Quark eine dünne, durchlässige Lage aus Gaze o. ä. zu legen, damit die Auflage wieder leicht entfernt werden kann.

  • Lehm: Lehmpulver oder Lehmbrei werden mit Wasser angerührt und das Innentuch des Wickels darin eingetaucht. Neben der Anwendung als Lehmwasserwickel kann Lehmbrei auch als kleinflächiges Lehmpflaster angewendet werden. Hierzu wird der Lehmbrei etwa 1 cm dick auf das feuchte Tuch aufgetragen und wie beim Quarkpflaster abgedeckt.

  • Senf: 125 g Senfmehl in ½ l kaltem Wasser quellen lassen und nach 10 Min. mit ½ l kochendem Wasser aufgießen. Wickeltuch in das Senfwasser tauchen. Senfwickel werden immer heiß angelegt. Das Senfmehl kann auch in pastöser Konsistenz kleinflächig als Senfpflaster appliziert werden.

Cave

Senföl ist stark hautreizend – Reaktionen beachten!

Wickelzusätze pflanzlicher Herkunft wie Heublumen, Kamille, Zinnkraut, Thymian können durch Abkochungen der jeweiligen Pflanzen gewonnen werden oder aus Badeextrakten selbst hergestellt werden. Unter dem Firmennamen Retterspitz ist ein Arzneiprodukt als fertiger Wickelzusatz erhältlich, der aus verschiedenen Kräutern und anderen Wirkstoffen zusammengesetzt ist. Er kann unverdünnt oder in Wasser gelöst verwendet werden.
Indikationen und Kontraindikationen
Halswickel (kalt)
Kalte Halswickel wirken entzündungshemmend und schmerzlindernd. Zum stärkeren Wärmeentzug kann der Wickel mit gekühltem Quark oder einer Heilerde versehen werden.
  • Indikationen: akute Pharyngitis, Laryngitis, Tonsillitis, leichte Wickel:HalswickelHyperthyreose

  • Kontraindikationen: keine

Waden- oder Beinwickel (kalt)
Kalte Waden- oder Beinwickel sind altbewährt zur allgemeinen Senkung der Körpertemperatur bei hohem Fieber ab 38,5 °C, Patienten dabei nur mit einem Betttuch zudecken. Wickel ggf. mehrfach wechseln.
  • Indikationen: Thrombophlebitis, Wickel:WadenwickelVarikophlebitis (mit Quark oder Lehmbrei), Varikosis, posttraumatisch, akute Arthritis (hier z. B. Kniewickel), arterielle Hypertonie

  • Kontraindikationen: nicht bei Schüttelfrost, hier vorübergehende Wärmezufuhr und medikamentöse Fiebersenkung

Nasse Strümpfe, „nasse Socken“
Diese typische Kneippanwendung bewirkt einen milden Wärmeentzug sowie eine reaktive Hyperämie mit konsensueller Reaktion.
  • Indikationen: Einschlafstörungen, „heiße Füße“, „restless legs“, Varikosis

  • Kontraindikationen: bei „Wickel:nasse Strümpfekalten Füßen“ vorher ein warmes Fußbad nehmen

Brustwickel
Indikationen: akute oder chronisch entzündliche Erkrankungen der Brustorgane.
  • kalter Brustwickel: Indikationen sind akute fieberhafte Bronchitis, Pleuritis, Perikarditis. Pneumonie, Kontraindikationen: schweres Krankheitsbild

  • Wickel:Brustwickelheißer Brustwickel: Indikationen sind chronisch produktive Bronchitis, Spastische Bronchitis Kontraindikationen: schweres Krankheitsbild

Durchführung
Der Kneipp-Wickel besteht aus drei verschiedenen Tüchern.
  • Innentuch: Das Innentuch besteht aus grobem Leinen und liegt als nasses Tuch unmittelbar der Haut auf. Es ist das kleinste der drei Wickeltücher.

  • Zwischentuch: Das Zwischentuch ist ein dünnes Baumwolltuch, das als trockenes Tuch das Innentuch bedeckt und auch das äußere Wolltuch am oberen und unteren Rand jeweils um ca. 2 cm überragt.

  • Außentuch/Abschlusstuch: Den äußeren Abschluss bildet ein Tuch aus Wolle oder Wollmischgewebe.

Wickeltechnik
Die Wickeltücher werden so platziert, dass sie den zu behandelnden Körperabschnitt umhüllen können. Der längere Tuchabschnitt befindet sich auf der dem Patienten abgewandten Seite. Soll der Patienten den Wickel erwärmen, können die trockenen Tücher Wickel:Wickeltechnikvorab im Bett bereitgelegt und durch den Patienten erwärmt werden.
Das gut ausgewrungene, nasse Innentuch wird dann auf die trockenen Tücher gelegt und im „Zug-Gegenzug-Verfahren“ straff um den jeweiligen Körperteil gewickelt. Bei dieser Technik holt der Behandler das Tuch von der gegenüberliegenden Seite zu sich her und schiebt es mit der Handkante unter den Patienten. Die dem Behandler zugewandte Tuchseite wird dabei unter Spannung gehalten und anschließend über den Patienten auf die andere Seite gelegt und festgesteckt.
Anlegetemperatur von Wickeln
Wickel können heiß oder kalt angelegt werden.
  • Bei kalt angelegten Wickeln, die vom Patienten erwärmt werden sollen, dient der initiale Kältereiz der Wärmebildung. Durch den anfänglichen Wärmeentzug kommt es nachfolgend zur Wärmebildung und zum Wärmestau. Diese Wickel liegen ¾–1¼ Std. Ein wärmeproduzierender Wickel sollte Wickel:kaltenach ca. 10 Min. nicht mehr als kalt empfunden werden! Bei kalt angelegten Wickeln, die vom Patienten erwärmt werden sollen, ist auf Folgendes zu achten:

    • Der Patient muss sich warm fühlen.

    • Das Wickeltuch darf nur wenig Wasser enthalten, das Wasser muss kalt sein.

    • Wickeltücher sind straff anzulegen.

    • Der Behandler muss zügig arbeiten.

    • Patient gut zudecken. Kann der Patient den Wickel nicht innerhalb von 20 Min. erwärmen, muss dieser abgenommen und dem Patienten Wärme zugeführt werden.

Merke

Ein lauwarm angelegter Wickel führt nicht zu der gewünschten Wärmebildung.

  • Bei heißen Wickeln ist darauf zu achten, dass sie sehr schnell angelegt werden müssen, da sie sonst schon während des Anlegens abkühlen.

    • Wärmeentziehende Wickel dürfen nur so lange liegen wie sie Wärme entziehen können, sie müssen abgenommen werden, wenn sie nicht Wickel:heißemehr kühlen.

    • Schweißtreibende Wickel folgen dem gleichen Prinzip. Nach dem angestrebten Schweißausbruch sollte der Patient noch 30 Min. im Wickel bleiben. Anschließend erhält der Patient eine indifferente Reinigungswaschung.

  • Soll kleinflächig passiv Wärme zugeführt werden, Wickel:schweißtreibendesind heiße Auflagen und Kompressen den Wickeln vorzuziehen.

Auflagen, Kompressen
Auflagen, Aufschläger und Kompressen sind feuchte, mehrfach gefaltete Tuchlagen, die nur einseitig aufliegen und mittels eines trockenen Zwischen- und Außentuchs am Körper fixiert werden. Sie können heiß oder kalt Auflagenappliziert werden. Soll passiv Wärme zugeführt Kompressenwerden, sind heiße Auflagen wirkungsvoller als heiße Wickel. Auflagen können mit Zusätzen versehen sein, wie z. B. Lehm, Quark (kühlend, entzündungshemmend z. B. bei Prellungen, Varikophlebitis, Gelenksentzündungen), Senf (zur reaktiven Hyperämie, resorptionsfördernd z. B. bei Pleuraerguss), die dickbreiig angerührt und auf ein Tuch aufgetragen werden.
Auflagen, und Kompressen werden ja nach Applikationsort oder Art der Anwendung unterschieden (Tab. 5.5).
Heublumensack/Heusack
Der Heublumensack gilt als „Morphium“ der Naturheilverfahren, denn zusätzlich zur feuchten Wärme des Heusacks kommt die phytopharmakologische, sedierende und muskelrelaxierende Wirkung der in den Heublumen enthaltenen süßlich duftenden Cumarine hinzu. Beim Heublumensack handelt es sich um eine feuchtheiße Auflage. Kurz gehäckseltes Heu oder die natürlicherweise am Boden eines Heustocks vorkommenden kleinen Heuanteile (Heublumen) werden in Leinensäcke gefüllt und in speziellen Heusackdämpfern im Wasserdampf erhitzt. Neben den Leinensäcken gibt es auch gebrauchsfertige Einwegheusäcke aus Papiervlies.
  • Anwendung: Heusäcke werden so heiß wie möglich angelegt und mittels Wickeltüchern befestigt, wobei das Innentuch entfällt. Zwischen die beiden äußeren Tücher sollte ein Gummituch als Nässeschutz gelegt werden. Eine Sonderform ist der Heusack mit Wärmeträger. Hierbei wird der angefeuchtete und gequollene Heusack bei Raumtemperatur angelegt und mittels eines Wärmeträgers (heiße Moorbreipackung) erhitzt.

  • Indikationen: Myogelosen, Muskelverspannungen, chronisch degenerative Wirbelsäulen- und Gelenkserkrankungen, Verkrampfungen im Magen-Darm-Bereich, Unterleibsbeschwerden

  • Kontraindikationen: akut entzündliche Prozesse

Dampfkompresse
Dampfkompressen sind schnell auszuführende feucht-heiße Wärmeanwendungen. Sollte ein Heusack nicht verträglich sein, kann alternativ eine Dampfkompresse eingesetzt werden.
Bei der Dampfkompresse wird das vierfach gefaltete Leinentuch eines Kurzwickels in sehr heißes Wasser getaucht, mithilfe eines trockenen Handtuches stark ausgewrungen und in ein trockenes Flanelltuch eingeschlagen. Durch die trennende Flanellschicht ist der Wärmeübergang sanfter und die feuchte Wärme wird gleichmäßiger an die Haut abgegeben. Die Kompresse wird mit dem Zwischen- und Außentuch eines Wickels an der jeweiligen Körperstelle befestigt.
Herzkompresse
Bei der Herzkompresse wird ein mehrfach gefaltetes Handtuch auf der linken Thoraxseite aufgelegt. Sie kann kalt oder warm appliziert werden.
  • Indikationen:

    • Herzkompresse (kalt): funktionelle Herzbeschwerden, Palpitationen, Unruhezustände, Blähungen, Leibkrämpfe

    • Herzkompresse (warm): Verspannungen der Intercostalmuskulatur

  • Kontraindikationen: Entzündungen im Hals- oder Nackenbereich

Heiße Rolle
Die heiße Rolle besteht aus trichterförmig ineinander gerollten Tüchern, die mit heißem Wasser gefüllt werden. Die Hitze wird dabei langsam von innen nach außen abgegeben und kommt über längere Zeit mit einer gleichbleibenden angenehmen Temperatur von ca. 40 °C außen an. Zum Einsatz kommen mechanische (Massage) und durch die feuchte Wärme thermische Reize.
  • Anwendung: Die heiße Rolle wird bevorzugt während der Massagetherapie zur Behandlung von Myogelosen eingesetzt. Wirkungsvoll ist sie immer dann, wenn eine starke Wärmezufuhr auf Haut, Bindegewebe und Muskeln sowie auf den Leib erwünscht ist.

  • Indikationen: Verspannungen der Nackenmuskulatur und Spannungskopfschmerz, Myogelosen, Migräne (zu Beginn), Schulter-Arm-Syndrom, Tinnitus, Epikondylitis

  • Kontraindikationen: Entzündungen im Hals- oder Nackenbereich

Leibauflage
Die Leibauflage ist eine schnell auszuführende Anwendung bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden.
  • Anwendung: Bei der Leibauflage wird ein das Innentuch eines Lendenwickels 6–8-fach gefaltet und so platziert, dass der sich Nabel in der Mitte der Auflage befindet. Die Leibauflage kann je nach Indikationsstellung heiß oder kalt aufgelegt werden. Sie wird mit dem Zwischen- und Außentuch eines Lendenwickels fixiert.

  • Indikationen:

    • kalte Leibauflage: Neigung zu Obstipation, „Blinddarmreizungen“

    • heiße Leibauflage: Meteorismus, Krampfzustände im Magen-Darm-Bereich

    • Kontraindikationen: schwerwiegende gastrointestinale Erkrankungen

Güsse
Ein Kneippguss ist eine Anwendung mit fließendem Wasser, bei der ein gebundener, gleichmäßiger, fast druckloser Wasserstrahl in Form einer Wasserplatte oder eines Wassermantels auf den gesamten Körper oder einzelne Körperteile gebracht wird. Die Wassertemperatur Güssekann je nach Gussart kalt, temperiert, warm, ansteigend oder im Wechsel von warm und kalt verwendet werden.
Um Güsse durchzuführen (Tab. 5.6), sollten folgende Voraussetzungen gegeben sein.
Flachguss
Der klassische Kneippguss wird auch als Flachguss bezeichnet. Die Unterscheidung nach Art und Form (Tab. 5.7) impliziert zugleich die Unterscheidung nach unterschiedlichen Temperaturen.
  • Einfache Güsse: Güsse:Flachgusskalt (< 18 °C), temperiert (19–22 °C), selten nur warm (36–38 °C); die Temperatur bei kalten Güssen sollte mindestens um 10 °C niedriger sein als die Hautemperatur.

  • Wechselgüsse: Güsse:einfacher Gusswarm – kalt; Grundversion zweimaliger Wechsel, bei sehr empfindlichen Patienten kann der 1. Kaltanteil temperiert gegossen werden, der 2. Kaltanteil sollte dann jedoch richtig kalt sein, der Warmanteil hat deutlich länger zu sein als der Kaltanteil.

  • Güsse:Wechselguss Überwärmungsgüsse: von indifferent (ca. 32 °C) langsam und gleichmäßig ansteigend heiß (ca. 43 °C) bis zu einem Abguss nach einem Bad.

  • Abguss nach einem Bad: kalt, temperiert, kühl. Da nach einem vorangegangenen Bad (Sauna) die Hauttemperatur erhöht istGüsse:Überwärmungsguss und die erforderliche Differenz von 10 °C auch mit höheren Temperaturen gegeben ist, erzielt man die gewünschten Reaktionen bereits mit temperierten und kühlen Abgüssen.

Wirkungen
Güsse reizen die Thermorezeptoren der Haut besonders effektiv, da durch das ständig nachfließende Wasser der Wärmeabfluss (kalter Guss) aus der Haut bzw. der Wärmezufluss (warmer Guss) in die Haut im Gegensatz zum Bad oder einem Wickel konstant ist. Die von den Thermorezeptoren fortgeleiteten Informationen verursachen komplexe regulatorische Prozesse nicht nur lokal und segmental, sondern auch systemisch. Adaptative Vorgänge auf solche Reize erklären, warum Akuteffekte (Immediateffekte) von Langzeiteffekten bei kurmäßiger Anwendung unterschieden werden müssen.
Durchführung
Gussbehandlungen sind in gewissem Umfang standardisiert und sollten in der Linienführung dem vorgegebenen und verordneten Schema folgen. Innerhalb des vorgegebenen Grundmusters kann und soll der Behandler die Reizstärke (Dauer, Temperatur) individuell an die Reaktionslage des Patienten anpassen.
Güsse sollten immer herzfern und peripher beginnen. An den Extremitäten sind zuerst die weniger empfindlichen Außenseiten und dann die Innenseiten zu begießen. Der Wasserstrahl sollte in einem 45°-Winkel auf die Haut treffen, sodass sich ein gleichmäßiger Wassermantel (Extremitäten) bzw. eine Wasserplatte (Rumpf) bildet.

Praxistipp

  • Wassermenge: Bei den drucklosen Flachgüssen sollte das Wasser eine Handbreit (ca. 8,5 cm) aus dem ¾-Zollschlauch bei senkrechter Schlauchhaltung hervorsprudeln (Abb. 5.8). Dies entspricht einem Wasserverbrauch von 5 l in 10 Sek.

    Bsp.: Kn (Knieguss) Gussdauer 70–90 Sek., Mittelwert 80 Sek. = 40 l

  • Die Dauer eines Gusses ist stets individuell zu bemessen. Grundsätzlich sollte ein Guss so lange dauern, bis die gewünschte Reaktion erzielt ist. Güsse können – je nach therapeutischer Absicht, Gussart, Gussform, Wärmehaushalt des Patienten und Wassertemperatur – von wenigen Sek. bis zu mehreren Min. dauern.

Bei der Durchführung der Güsse ist auf Folgendes zu achten.
  • Verweilen: Beim Verweilen sollte der Wasserstrahl leicht hin und her bewegt werden, damit besonders bei kalten Güssen der Kältereiz nicht zu stark nur auf eine Stelle einwirkt. Verweilt wird z. B. beim Knieguss eine Handbreit oberhalb der Kniekehle, beim Schenkelguss am Beckenkamm, beim Vollguss auf Schulterhöhe.

  • Verstärken: Unter Verstärken ist das wiederholte Begießen eines Körperabschnitts zu verstehen. Verstärkt wird bei den kalt ausgeführten einfachen Güssen.

  • Atemhinweise: Bei kalten Güssen sind Atemhinweise zu geben. Vor dem Guss sollte der Patient einatmen und mit Beginn des Gusse ausatmen. Während des gesamten Gusses ist auf eine gleichmäßige Atmung und entspannte Körperhaltung zu achten.

Indikationen und Kontraindikationen
  • Knieguss, Schenkelguss (kalt und wechselwarm), bevorzugte Anwendungszeit vormittags:

    • Indikationen: primäre Hypertonie, primär hypotone Kreislaufregulationsstörungen, stabile koronare Herzkrankheit, da sympathikolytisch wirkend, Varikosis, postthrombotische Zustände, periphere arterielle Durchblutungsstörungen (Stad. I–II nach Fontaine), „Bindegewebsschwäche“, posttraumatische Zustände an den Beinen, akute Arthritis (nur kalt), Einschlafstörungen (vor dem Zubettgehen)

    • Kontraindikationen: Ischialgie, Infektionen der Nieren und ableitenden Harnwege, Menstruation

  • Armguss (auch mit Brustguss, kalt oder wechselwarm):

    • Indikationen: Ermüdung und Abgeschlagenheit, funktionelle Herzbeschwerden incl. paroxysmale supraventrikuläre Rhythmusstörungen, zur milden Kreislaufanregung, rheumatische Beschwerden im Arm (nur warm), Sehnenscheidenentzündung (nur kalt), Infektprophylaxe

    • Kontraindikationen: instabile koronare Herzkrankheit

  • Gesichtsguss (kalt): Der Gesichtsguss wird auch „Schönheitsguss“ genannt.

    • Indikationen, Ermüdung und Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Migräne, chronisch rezidivierende Sinusitiden, sinubronchiales Syndrom, Infektanfälligkeit, beginnende Presbyopie

    • Kontraindikationen: akute Sinusitis, Neuralgien, Glaukom

  • Nackenguss (temperaturansteigend):

    • Indikationen: Verspannungen der Nackenmuskulatur und Spannungskopfschmerzen, Myogelosen der Nackenmuskulatur, Migräne (zu Beginn), Schulter-Arm-Syndrom, Tinnitus, Epikondylitis

    • Kontraindikationen: Glaukom, schwere Hypertonie, Hyperthyreose

  • Lumbalguss (temperaturansteigend):

    • Indikation: Lumbago, Lumboischialgie, muskuläre Verspannungen im LWS- und Beckenbereich, Zystitis, Dysmenorrhö

    • Kontraindikationen: akute entzündliche Prozesse im Behandlungsgebiet

Blitzguss – Druckstrahlguss
Es handelt sich um eine Anwendung mit größerer Reizstärke, sodass bei empfindlichen und vegetativ labilen Menschen Vorsicht geboten ist. Die Blitzgüsse sollten nur von erfahrenen Therapeuten durchgeführt werden. Ein Blitzguss ist eine Teil- oder Güsse:BlitzgussGanzkörperanwendung mittels eines Wasserdruckstrahls. Die Temperatur der Blitzgüsse kann kalt, im Wechsel heiß-kalt oder nur heiß sein.
Blitzgüsse werden nach Art (Ort und Lokalisation) wie folgt unterschieden (Tab. 5.8).

Praxistipp

Das Blitzguss-Massage-Bad ist eine Kombination von Heiß- oder Segmentblitzgüssen mit einem warmen ¾-Bad mit Kräuterzusatz. Die Behandlungsfolge ist Bad (37–38 °C) 5 Min. – Blitzguss – Bad (38–39 °C) – Blitzguss – Bettruhe.

Wirkungen
Bei Blitzgüssen werden thermische und mechanische Reize gesetzt. Die Reizintensität ist höher als bei den Flachgüssen. Bei den Segmentblitzgüssen wird der kutiviszerale Reflex therapeutisch ausgenutzt.
Die Segment- und Heißblitze werden mit sehr hoher Temperatur (42–44 °C) appliziert. Die mechanische Reizstärke kann vom Behandler variiert werden, indem er mit der Fingerkuppe den Wasserstrahl abschwächt. Empfindliche Körperpartien sind grundsätzlich mit einem abgeschwächten Strahl zu behandeln.
Indikationen und Kontraindikationen
  • Indikationen: muskuläre Verspannungen, chronische Wirbelsäulenbeschwerden, chronische Ischialgien, Bronchitiden, funktionelle Störungen des Magen-Darm-Trakts (Segmentblitz)

  • Kontraindikationen: akute Entzündungen in der Behandlungsregion, Blutungsneigung, symptomatische Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Bäder
Ein Bad entspricht dem Eintauchen in ein anderes Medium. Dieser Wechsel erfordert vom Organismus viele aktive Anpassungsreaktionen.
Bäder werden nach Flächenausdehnung, Temperatur/Dauer (Tab. 5.9) und Inhaltsstoffen unterschieden.
Die Wirkfaktoren Bädersind thermischer, mechanischer und chemischer Natur.
In der Hydrotherapie üblich sind Voll- und Teilbäder.
  • Vollbad (head out immersion), der gesamte Körper mit Ausnahme des Kopfes befindet sich im Wasser.

  • ¾-Bad, das Wasser reicht bis zur Brust und die Arme befinden sich im Wasser

  • Bäder:Vollbad½-Bad, das Wasser reicht bis zum Bäder:TeilbadNabel

  • Sitzbad, das Wasser reicht von der Mitte des Oberschenkels bis zum Nabel

  • Fußbad (richtiger wäre Unterschenkelbad), das Wasser reicht von den Zehen bis über die Wade, es gibt aber auch Fußbadewannen bei den das Wasser nur bis zum Knöchel reicht („Schiele Bad“)

  • Armbad, das Wasser reicht von den Fingerspitzen bis zur Mitte des Oberarms

  • Augenbad, eine kleine Badewanne, die über ein Auge gestülpt werden kann

Bei Bädern spielen neben dem Temperaturfaktor der Auftrieb und hydrostatische Druck eine wichtige therapeutische Rolle. Durch den Auftrieb reduziert sich das Körpergewicht um 90 %, wodurch zusammen mit der wärmebedingten Muskelentspannung die Gelenke entlastet werden. Der hydrostatische Druck komprimiert die Venen und Lymphgefäße und wirkt dadurch entstauend, was bei chronischen degenerativen Gelenkserkrankungen auch therapeutisch erwünscht ist.

Merke

Durch die intrathorakale Blutverschiebung kommt es zu einer Volumenbelastung des Herzens, die bei herzinsuffizienten Patienten berücksichtigt werden muss.

In das Badewasser werden häufig phytotherapeutisch wirksame Badezusätze (s. u.) gegeben. Diese können entweder direkt durch adstringierende Gerbsäuren (z. B. Eichenrinde) entzündungshemmend auf die Haut wirken oder im Falle von ätherischen Ölen (in Ölbädern, Badesalzen und Aquasanen) in therapeutisch wirksamen Mengen resorbiert und inhaliert werden.
Durchführung
Medizinische Badewannen haben ein Fassungsvermögen von ca. 200 l. Bei Vollbädern kann durch die Verdrängung von einer Wassermenge von ca. 125 l ausgegangen werden.

Praxistipp

Dosierung

Bei der Dosierung von Badezusätzen ist gemäß den Herstellerangaben zu verfahren, da eine Überdosierung allergische Hautreaktionen auslösen kann. Als Richtwerte können angegeben werden:
  • Badeextrakte: 1 ml/l Badewasser

  • Badeöle: 10–30 ml pro Vollbad

Grundregeln

  • Badetemperaturen sind grundsätzlich mit dem Thermometer zu kontrollieren.

  • Badethermometer regelmäßig auf ihre Funktionsfähigkeit überprüfen (Vergleich mit geeichtem Fieberthermometer).

  • Beim Ein- und Aussteigen aus der Badewanne Hilfestellung geben.

  • Auf optimale Lagerung achten (Wannenverkürzer, Sitzposition bei Teilbädern).

  • Reaktionen/Fehlreaktionen (Belastung durch den hydrostatischen Druck) beachten.

  • Langsamer Ausstieg bei Vollbädern (Patient erst auf Wannenrand sitzen lassen).

  • Auf richtige Nachbehandlung (Abguss/Bettruhe) achten.

  • Hygienevorschriften einhalten.

Indikationen
Armbad (kalt)
  • Indikationen: Ermüdung und Abgeschlagenheit, posttraumatische Zustände, aktivierte Arthrosen im Ellenbogen und Handgelenk, Sehnenscheidenentzündungen, Epikondylitis (akut), Lymphstauungen, Kopfschmerzen, Hypotonie

  • Bäder:ArmbadKontraindikationen: Raynaud-Syndrom, fortgeschrittene periphere arterielle Verschlusskrankheit, instabile koronare Herzkrankheit

Armbad (warm)
  • Indikationen: inaktive Arthrosen des Ellenbogengelenks und der Hand- und Fingergelenke, Raynaud-Syndrom, Bronchitis, funktionelle Durchblutungsstörungen der Hände, kalte Hände, vasomotorischer Kopfschmerz, PAVK der Beine unter Ausnutzung der konsensuellen Reaktion auch als temperaturansteigendes Armbad

  • Kontraindikationen: Lymphödem

Fußbad (kalt)
  • Indikationen: variköser Symptomkomplex, akute Thrombophlebitis, postthrombotische Zustände, Sprunggelenksdistorsion, aktivierte Sprunggelenksarthrose, Lymphödem

  • Kontraindikationen: symptomatische PAVK, Entzündungen der Nieren und der Bäder:Fußbadableitenden Harnwege, Menstruation

Fußbad (temperaturansteigend)
  • Indikationen: Initialstadium von Erkältungskrankheiten (evtl. mit Zusatz von Thymian), akute und chronische Harnwegsinfekte, PAVK II–III, Raynaud-Syndrom, Morbus Sudeck II, arthrotische Beschwerden, vasomotorischer Kopfschmerz, Hypertonie, chronisch rezidivierende Sinusitiden, spastisches und irritables Colon, chronische Adnexitis

  • Kontraindikationen: Varikosis, postthrombotischer Zustand, Thrombophlebitis und andere akut entzündliche Zustände

Sitzbad
Das Sitzbad enthält Eichenrindenextrakt und wird bei 28–30 °C für 10–12 Min. durchgeführt.
  • Indikationen: Hämorrhoidalleiden, Analekzem (Zusatz Kamille), Analfissuren, Balanitis, Vulvitis (Zusatz Kamille)

  • Kontraindikationen: Bäder:Sitzbadakute Entzündungen der ableitenden Harnwege, Lumboischialgien, Diarrhö, Prostatitis

Halbbad (kalt)
Gilt als „Psychopharmakon der Naturheilkunde“ besonders an heißen Tagen.
  • Indikationen: zur Entspannung nach körperlichen und seelischen Anspannungen, vegetative Übererregbarkeit, Varikosis, Einschlafstörungen

  • Kontraindikationen: Bäder:HalbbadInfekte, Erkrankungen der Nieren und ableitenden Harnwege, Menstruation, Lumboischialgien

Dreiviertel- und Vollbad (warm)
Der physiologische Reiz eines warmen Teilbads kann durch Bürstungen oder Beschöpfen des Kopfes, Nackens und der Brust noch verstärkt werden. Zum Schluss empfiehlt sich ein kalter Knie- oder Bäder:VollbadSchenkelguss.
  • Indikationen: degenerative Bäder:DreiviertelbadErkrankungen des Bewegungsapparates, „Muskelkater“, Erschöpfungszustand, zur Entspannung und Schlafförderung, aber nur 10 Min.

  • Kontraindikationen: Varikosis Grad III, Thrombophlebitis, postthrombotisches Syndrom, Lymphödem, Herzinsuffizienz NYHA (II)–III, paroxysmales Vorhofflimmern, klinisch relevante ventrikuläre Herzrhythmusstörungen, akute rheumatische Arthritis

Badezusätze
Medizinische Badezusätze werden nur bei warmen/indifferenten Bädern oder beim warmen Teil der Wechselbäder zugefügt. Bei temperaturansteigenden Bädern ist ebenfalls die Verwendung von Zusätzen möglich, Bäder:Badezusätzejedoch wird die Konzentration durch das ständig Badezusätzezulaufende Wasser geringer.
Die thermischen und mechanischen Wirkungen, die in jedem Bad wirksam sind, können durch die im Wasser gelösten Inhaltsstoffe verstärkt werden. In der Hydrotherapie werden vorwiegend Badezusätze als Fertigarzneimittel in Form von Badeölen oder Badeextrakten den Voll- bzw. Teilbädern zugesetzt. Während bei Badeölen die ätherischen Öle das wirksame Agens darstellen, sind in Badeextrakten auch die übrigen Pflanzeninhaltsstoffe enthalten. Die Inhaltsstoffe der Badezusätze entfalten ihre Wirkung durch:
  • Anlagerung auf der Haut (Adsorption)

  • Einlagerung in die Haut (Absorption)

  • Durchdringung der Haut (Penetration) und Verteilung über das Herz-Kreislauf-System

  • Inhalation

Medizinische Bäder werden in der Regel als adjuvante Behandlungen im Rahmen von Reha-Maßnahmen und Kuren eingesetzt. Sie eignen sich aber auch zur Selbstbehandlung im häuslichen Umfeld. Medizinische Bäder kommen v. a. bei folgenden Erkrankungen zur Anwendung:
  • Hauterkrankungen

  • Erkrankungen der oberen Luftwege – Erkältungen

  • Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises

  • Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems

  • Neurovegetative Erschöpfungszustände

Hauterkrankungen
Atopisches Ekzem, Neurodermitis, Psoriasis
Das Sojaölbad ist auch angezeigt bei Ichthyosis, Pruritus senilis, trockener, juckender Haut.
  • Wirkstoff: Sojaöl

  • Wirkung: juckreizstillend, rückfettend

  • Badezusätze:HauterkrankungenBadeform: je nach Lokalisation Teil- und Vollbäder

  • Badetemperatur: Sojaölbadindifferent (32–35 °C)

  • Dauer: 10–15 Min.

Weitere für diese und verwandte Krankheitsbilder geeignete Badezusätze: Nachtkerzenölbad, Mandelölbad, Erdnussöl, Haferstroh, Ichthyol, Kleie, Schafgarbe, Schwefel, Thymian, Teer.

Praxistipp

Vorsicht, durch den Ölfilm in der Wanne und auf der Haut besteht erhöhte Rutschgefahr!

Juckende, nässende Ekzeme – Hyperhidrosis
Zur Anwendung kommt ein Eichenrindenextraktbad.
  • Wirkstoff: Gerbstoffe

  • Wirkung: adstringierend, juckreizstillend, antiseptisch, sekretionshemmend

  • Badeform: Teilbäder (häufig Sitzbäder), seltener Voll- und ¾-Bäder

  • Badetemperatur: Eichenrindenextraktbadindifferent (32–35 °C)

  • Dauer: 10–15 Min.

Praxistipp

Nach dem Bad nicht abtrocknen, die Haut nur leicht abtupfen und Pflegecreme auftragen.

Entzündungen der Haut und Schleimhaut
Das Kamillenblütenölbad oder das Bad aus Kamillenblütenextrakt ist auch angezeigt zur Nachbehandlung von Operationen im Vaginal- und Analbereich, bei Analekzemen und Analfissuren.
  • Wirkstoff: Kamillenöl, α-Bisabolol

  • Wirkung: antiphlogistisch, Kamillenblütenölbadantibakteriell, antimykotisch

  • Badeform: je nach Lokalisation als Teilbad (sehr häufig als Sitzbad), Tauchbad

  • Badetemperatur: warm (36–38 °C)

  • Dauer: 10–15 Min.

Weitere für diese und verwandte Krankheitsbilder geeignete Badezusätze: Schachtelhalm (Zinnkraut), Schafgarbe.

Praxistipp

Bei eitriger Nagelbettentzündung die betroffene Stelle wiederholt, aber nur kurzzeitig in sehr heißes (50–52 °C) Badewasser mit Kamillenzusatz eintauchen.

Akute und chronische Erkrankungen der Atemwege
Zur Anwendung kommt das Eukalyptusölbad.
  • Wirkstoff: Eukalyptusöl (1,8-Cineol)

  • Wirkung: expektoriationsfördernd, verflüssigt festes Bronchialsekret, Badezusätze:Atemwegserkrankungenbronchiolytisch

  • Badeform: Vollbäder, Arm- und Fußbäder, temperaturansteigende Fußbäder (klassisch)

  • EukalyptusölbadBadetemperatur: warm bis heiß (37–39 °C)

  • Dauer: 15–20 Min.

Weitere für diese und verwandte Krankheitsbilder geeignete Badezusätze: Nadelbaumöle (Konifere, Latschenkiefer, Fichte), Menthol, Thymian, Campher.

Praxistipp

  • Nach dem Bad soll eine Bettruhe von mindestens 30 Min. eingehalten werden.

  • Bei temperaturansteigenden Fußbädern verstärken schweißtreibende Tees aus Holunder- und Lindenblüten die Wirkung.

Cave

Eukalyptus, Campher und Menthol nicht bei Säuglingen und Kleinkindern verwenden. Ob diese Zusätze für Schwangere unbedenklich sind, ist nicht eindeutig geklärt.

Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises
Das Salicylat-Bad ist auch angezeigt bei Schmerzuständen am Bewegungsapparat, stumpfem Trauma.
  • Zusatz: Salicylat-Bäder

  • Wirkstoff: Salicylsäure, Badezusätze:rheumatische ErkrankungenSalicylsäuremethylester

  • Wirkung: antiphlogistisch, analgetisch

  • Badeform: Salicylat-BadVollbad

  • Badetemperatur: warm/heiß (36–39 °C)

  • Dauer: 15–30 Min.

Weitere für diese und verwandte Krankheitsbilder geeignete Badezusätze: Eukalyptusöl, Heublumen, Ichthyol, Koniferenöl, Menthol, Schwefel, Wacholder, Wintergrünöl.

Praxistipp

Nach dem Bad soll eine Bettruhe von mindestens 30 Min. eingehalten werden.

Cave

Nicht bei Säuglingen und Kleinkindern verwenden. Verwendung in der Schwangerschaft wird nicht empfohlen.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Die folgenden medizinischen Bäder sind angezeigt bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Mikroangiopathie, Polyneuropathie, arterieller Hypertonie, Algodystrophie (M. Sudeck), neurovegetativen Erschöpfungszuständen (vegetative Bäder:Herz-Kreislauf-ErkrankungenDystonie), CVI und venösen Ulcera.
  • Zusatz: CO2-Bäder – Kohlensäurebäder

  • Wirkstoff: CO2 (Kohlenstoffdioxid), H2CO3 (Kohlensäure)

  • Wirkung: Vasodilatation, Senkung des peripheren Widerstands, RR ↓, Blutfluidität ↑, Stimulation der Warmrezeptoren

  • Badeform – Voll- und Teilbäder:

    • Kohlensäure-Wasserbäder oder imprägniert (mechanische Vermischung von CO2 und Leitungswasser oder chemisch zubereitet durch das Mischen von CO2-Träger [Natriumhydrogencarbonat] und CO2-Entwickler [Aluminiumsulfat])

    • CO2-Dampfbäder – Wasserdampf und CO2 werden einer Kabine zugeführt in der der Patient sitzt. Der Kopf befindet sich außerhalb.

    • CO2-Trockengasbäder (geschlossene CO2-Behandlung), der zu behandelnde Körperteil befindet sich in einer abgedichteten Plastikhülle und das CO2-Gas wird über einen Schlauch aus einer Druckflasche zugeführt.

  • Badetemperatur bei Kohlensäure-Wasserbädern:

    • kardiale Erkrankungen: 30–35 °C

    • rheumatische Erkrankungen: 36–38 °C

    • Venenerkrankungen: 28–30 °C

  • Dauer: bei Wasser- und Dampfbädern 20–30 Min, bei Trockengasbädern mindestens 45 Min.

Weitere für diese und verwandte Krankheitsbilder geeignete Badezusätze: Rosmarinöl, Jod-Bäder.

Praxistipp

Bei Wasserbädern ist darauf zu achten, dass Mund und Nase stets über dem Wannenrand sind, damit kein CO2 eingeatmet wird.

Neurovegetative Erschöpfungszustände
Die Bäder mit Baldrian- und Melissenzubereitungen sind auch angezeigt bei Burnout-Syndrom, Stress, Schlafstörungen, nervöser Unruhe.

Praxistipp

Bei beiden Bädern soll nach dem Bad eine Bettruhe von mindestens 30 Min. eingehalten werden.

Bad mit Baldrianzubereitungen
  • Zusatz: Baldrianölbäder, Baldrianextraktbäder

  • Bäder:ErschöpfungszuständeWirkstoff: ätherisches Öl der Baldrianwurzel

  • Wirkung: beruhigend

  • Badeform: Vollbad

  • Badetemperatur: warm (36–38 °C), Behaglichkeitstemperatur möglichst im unteren Warmbereich

  • Dauer: 20–30 Min.

Bad mit Melissenzubereitungen
  • Zusatz: Melisse (Indische Melissenölbäder, Citronellölbäder)

  • Wirkstoff: Citronellöl

  • Wirkung: beruhigend, verbessert die Schlafqualität

  • Badeform: Vollbad

  • Badetemperatur: warm (36–38 °C), Behaglichkeitstemperatur möglichst im unteren Warmbereich

  • Dauer: 20–30 Min.

Dampfanwendungen
Von der Vielzahl der Dampfanwendungen zu Kneipps Zeiten hat sich bis heute der Kopf- bzw. Oberkörperdampf (Abb. 5.9) erhalten. Beim Kopf- oder Oberkörperdampf beugt sich der Patient über einen Topf mit kochendem Wasser und inhaliert Dampfanwendungenaufsteigenden Wasserdampf. Zur Wirkungsverstärkung werden dem Wasser Kräuter oder ätherische Öle zugesetzt. Kopf und Oberkörper sind durch ein Baumwolltuch und Wolltuch abgedeckt.
Wasseranwendungen zur Gesundheitsvorsorge
Sebastian Kneipp empfahl zur Stärkung der körpereigenen Abwehrkräfte und zur allgemeinen Leistungssteigerung Wassertreten, Taulaufen und Schneegehen. Diese von Kneipp propagierten Anwendungen sind eine ausgezeichnete Möglichkeit das heutzutage bestehende Ungleichgewicht zwischen einer Vielzahl von künstlichen Reizen und einem Mangel an natürlichen Lebensreizen auszugleichen.
Die Abhärtungsübungen haben folgende Wirkungen:
  • Verbesserung der Durchblutung (arterieller Zufluss und venöser Rückfluss)

  • Verringerung der Anfälligkeit für Infektionen

  • Harmonisierung des vegetativen Nervensystems

  • psychische Ausgeglichenheit

Cave

Die Abhärtungsübungen sollten nicht angewendet werden bei akuten Nieren-, Blasen- oder Harnwegserkrankungen, während der Menstruation und bei bestehendem Kältegefühl.

Merke

Die Anwendungen sollten immer dann beendet werden, wenn ein intensives Kältegefühl verspürt wird.

Taulaufen
Barfußgehen im taufeuchten Gras (Abb. 5.10) ist eine morgendliche Anwendung, die nur wenige Min. in Anspruch nimmt. Erforderlich ist lediglich ein Stück Rasen oder Wiese.
Der Temperaturreiz regt die Durchblutung an, das Barfußgehen aktiviert die Taulaufenlangen und kurzen Fußmuskeln, dies fördert den venösen Rückstrom und entstaut die Beine. Gehen auf natürlichem, unebenem Grund kräftigt zudem die Fußmuskulatur, erhöht die Gangstabilität und stellt somit auch eine Sturzprophylaxe dar.
Nach dem Taulaufen Tau und evtl. anhaftende Gräser abstreifen und zwischen den Zehen abtrocknen. Die Haut auf Zecken überprüfen.
Wassertreten
Das Wassertreten ist ursprünglich in Bächen ausgeführt worden, heutzutage finden sich zahlreiche Anlagen zum Wassertreten in Kurorten oder in den Parks der Städte. Wassertreten kann aber auch jederzeit zu Hause in einem großen Eimer oder in der Badewanne Wassertretendurchgeführt werden.
Das Wasser sollte bis über die Waden gehen und zwischen 12–16 °C kalt sein. Wenn ein deutliches Kältegefühl zu spüren ist, sollte man das Wassertreten beenden. Danach Wasser abstreifen, zwischen den Zehen abtrocknen und sich durch Bewegung wieder erwärmen. Wassertreten kann zu jeder Tageszeit ausgeführt werden, günstig ist der Nachmittag oder der frühe Abend. Wassertreten am Abend kann die Schlafqualität verbessern. An Wassertretstellen sind stets auch Armbadebecken zu finden. Es wird empfohlen diese Anwendungen nicht unmittelbar nacheinander zu praktizieren, da die Wirkung ausgeprägter ist, wenn ein zeitlicher Abstand von ca. 30 Min. dazwischen liegt.
Durch das abwechselnde Herausheben und wieder Eintauchen der Beine (Storchengang) entsteht ein wechselnder Temperaturreiz und die Muskel-Venenpumpe wird aktiviert. Nachfolgend kommt es auch zur reaktiven, arteriellen Mehrdurchblutung und zu einem angenehmen, anhaltenden Wärmegefühl. Darüber hinaus wirkt es kreislauf- und stoffwechselanregend. Einige Befunde sprechen auch dafür, dass es im Sinne einer Abhärtung auch zu einer Immunstimulation kommt.
Indikationen: variköser Symptomkomplex, postthrombotisches Syndrom, Hypertonie, Hypotonie, PAVK im Stadium I–II, Infektanfälligkeit, Wetterfühligkeit, „schwere Beine“, Einschlafstörungen.
Schneegehen
Für das Schneegehen ist weicher, frisch gefallener Schnee am besten. Überfrorener oder verharschter Schnee kann zu Verletzungen der Haut führen. Das Gehen im Schnee stellt einen starken thermischen Reiz dar und sollte zunächst nur einige Sek. dauern. Bei Schneegehenentsprechendem Training kann es bis zu 3 Min. ausgedehnt werden.
Nach dem Schneegehen Füße gründlich abtrocknen und warme Socken anziehen. Nach kurzer Zeit setzt eine starke Hautdurchblutung verbunden mit einem angenehmen und anhaltenden Wärmegefühl ein.

Literatur

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Thermotherapie: Grundlagen

Unter den Begriff der Thermotherapie fallen sowohl Wärme- als auch Kaltreize, die der Wärmeübertragung (Wärmezufuhr oder Wärmeentzug) dienen. Obwohl die Wirkungsmechanismen der Thermotherapie nur zum Teil bekannt sind, zählen die Verfahren der Wärme- und Kältetherapie zu den effektiven und nicht entbehrlichen Maßnahmen der physikalischen Therapie.

Der menschliche Körper unterliegt bei Körpertemperatur einer Tagesregulation: Eine Aufheizperiode von 3–15 Uhr (höhere Empfindlichkeit für Kaltreize) und eine Entwärmungsperiode von 15–3 Uhr (höhere Empfindlichkeit für Warmreize). Die Thermosensorik funktioniert über entsprechende Kalt- und Warmrezeptoren an der Haut, mit größter Dichte im Gesichtsbereich und geringster Dichte an den Extremitäten. Daneben finden sich auch thermosensible Strukturen an inneren Organen (Blutgefäße, Muskulatur, Magen, ZNS). Die Kaltrezeptoren befinden sich sehr oberflächennah, sodass Reize rascher wahrgenommen und weitergeleitet werden.

Thermoregulation
Die Thermoregulation (6.1) geht wie folgt vonstatten: Auf Rückenmarksebene werden die Informationen vom Körperinneren bzw. von der Peripherie weitergeleitet. Auf Hypothalamusebene liegt die Schaltstelle der autonomen Temperaturregulation. Hier werden entsprechend die Thermoregulationeingehenden Informationen verarbeitet. Beim Überschreiten der Schwellwerte erfolgt so eine entsprechende Gegenregulation. Es bestehen u. a. „Verschaltungen“ zur Formatio reticularis (Schlaf-wach-Funktion; Kaltreize wirken anregend, Warmreize hingegen entspannend und ermüdend) und zum limbischen System (emotionale und affektive Ebene). Peripher vollzieht sich die Thermoregulation über die Vasodilatation bzw. Vasokonstriktion (Regulation über spinale und zentralnervöse Reize), über vermehrte Schweißsekretion, Kältezittern und die Wärmebildung in inneren Organen.
Wärmetransport
Der Wärmetransport (6.1) geschieht über drei Möglichkeiten:
  • Konduktion (Wärmeleitung; z. B. Packungen, Peloid-Bäder)

  • Konvektion (Wärmeströmung, z. B. Wasserbad)

  • Radiation (Wärmestrahlung, z. B. Infrarotbestrahlung)

Der WärmetransportErwärmungsgrad und die -geschwindigkeit sind abhängig von der Wärmekapazität (Wärmespeicherfähigkeit; z. B. hoch bei Wasser und Peloiden), der Wärmeleitzahl (Geschwindigkeit des Wärmeverlustes; Fango gibt rasch Wärme ab, Moor hingegen nur langsam) und die Temperaturdifferenz. Kurze Wärmeapplikationen resultieren in einer reflektorischen Wirkung, längere Anwendungen in einem direkten Temperatureinfluss.
Bei Kälteanwendungen lassen sich folgende physiologische Wirkungen erzielen: Dämpfung und Hemmung von Entzündungsmediatoren, Herabsetzung der Nervenleitungsgeschwindigkeit, Hemmung der Nozizeptoren, Blockierung von Axonreflexen des somatischen und vegetativen Nervensystems [1, 5, 7].
Wärmetherapie
Zu den wärmetherapeutischen Verfahren (Auswahl) gehören als Anwendungen einer lokalen Wärmezufuhr z. B. Bestrahlung/Infrarot, heiße Rolle (6.1.6), Heusack (6.1.6), Hochfrequenztherapie, Paraffinbad, Peloide (Moor, Torf, Schlamm, Thermotherapie:WärmetherapieFango), Wickel (6.1.5) und Ultraschall.
Zur Ganzkörperwärmetherapie eignen sich Sauna, Dampfbad, (Peloid-, Heublumen-)Bäder (6.1.8), Überwärmungsbäder und die wassergefilterte Infrarot-A-Hyperthermie.
Heutzutage wird die passive Hyperthermie Ganzkörperwärmetherapiedominierend in der Onkologie, bei chronisch entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, bei chronischen Wunden und bei Hauterkrankungen therapeutisch eingesetzt [9]. In Abhängigkeit von der Körperkernzieltemperatur ist mit unterschiedlichen Hyperthermie, passiveWirkungen zu rechnen. Eine intensive Hyperthermie (> 40,5 °C) wirkt immunsuppressiv, eine mäßig bis starke Hyperthermie (38,5–40,5 °C) immunstimulierend bzw. -modulierend.

Merke

Wärmezuführende Maßnahmen sind stets kreislaufbelastend. Akut entzündliche Prozesse können verschlimmert/provoziert werden (jedoch nicht obligat!).

Wirkungen
Durch wärmezuführende Maßnahmen resultiert eine Erhöhung der Hauttemperatur, Schmerzlinderung (Analgesie), Entzündungshemmung (Antiphlogese, v. a. in chronischen Phasen), Muskelentspannung (Muskelrelaxation), Bindegewebsauflockerung, Durchblutungssteigerung (Hyperämisierung), Beeinflussung des Zytokinmilieus der Haut, Stimulation von Phagozytose und Diffusion sowie sedierende Effekte bei großflächigen Anwendungen.
  • Bei Anwendungen im Rumpfbereich kommt es zur reflektorischen Beeinflussung glattmuskulärer innerer Organe.

  • Bei Ganzkörperwärmeapplikation resultiert u. a. eine Anhebung der Körperkerntemperatur, Anstieg der Herzfrequenz, Blutdruckabfall und Stoffwechselanregung [1, 3, 7].

Neben einer unmittelbaren Erwärmung von Geweben durch direktes Einfließen der Wärmeenergie (z. B. durch Peloidpackungen, Infrarot-Strahlung), ist eine mittelbare Erwärmung infolge Wärmebildung nach Energieabsorption möglich (z. B. Hochfrequenztherapie, Ultraschall).

Thermotherapeutische Praxis

Formen der Thermotherapie
Lokale Wärmemaßnahmen
  • Bei der heißen Rolle wird ein Frottierhandtuch trichterförmig zusammengerollt und mit heißem Wasser gefüllt. Der zu behandelnde Körperteil wird anschließend kurzzeitig mit der Rolle berührt.

  • Peloidpackungen und Thermotherapie:lokale MaßnahmenWickel werden etwa 20 Min. appliziert.

  • Ultraschall (0,1–3 W/cm2) und Hochfrequenztherapie werden etwa 15–20 Min. angewendet.

  • Bei der Hochfrequenztherapie wird die Wärme nicht in den Körper geleitet, sondern sie entsteht im Gewebe.

  • Heublumen werden nach überbrühen mit heißem Wasser ausgepresst oder mit Heißdampf erhitzt und bei 40–42 °C für 30 Min. aufgelegt.

Ganzkörperhyperthermie
  • Das Überwärmungsbad beginnt bei Körpertemperatur, durch Zufließen heißen Wassers wird die Wassertemperatur bis 41 °C gesteigert, Dauer des Bades 30–45 Min.

  • GanzkörperhyperthermieDie wassergefilterte Infrarot-A-Hyperthermie hat Thermotherapie:Ganzkörperhyperthermieeine gute Tiefenwirkung und Hautverträglichkeit. Es werden 2 Behandlungen pro Woche empfohlen (in der Tumortherapie auch mehr), Dauer 30–45 Min. Im Praxisalltag stehen hierzu zwei Systeme zur Verfügung: Heckel HT 3000 und Iratherm 1000.

Merke

Bei der Ganzkörperhyperthermie ist eine Puls- und Blutdruckkontrolle unabdingbar.

Indikationen und Kontraindikationen
  • Indikationen: weichteilrheumatische Beschwerdebilder, degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen, chronische Gelenk-, Wirbelsäulenentzündungen und psychosomatische Erkrankungen, Unruhe- und Erregungszustände, chronische Atemwegsinfektionen und onkologische Krankheitsbilder (unter strenger ärztlicher Kontrolle!)

  • Kontraindikationen: Durchblutungsstörungen (arteriell und venös), Ödeme (aller Art), Blutungen und Blutungsneigung, Tumore, schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hohes Lebensalter, akute entzündliche Prozesse, aktivierte Arthrose, Hauterkrankungen/-verletzungen im Behandlungsgebiet

Kältetherapie

Die Kältetherapie umfasst einen Temperaturbereich zwischen + 15 °C (milde Kryotherapie) bis −180 °C. Dabei ist insbesondere zwischen einer kurzzeitigen und längeren Kältetherapie mit unterschiedlichen Wirkungen zu differenzieren. Thermotherapie:KältetherapieKältetherapeutische Verfahren können lokal oder als Ganzkörperanwendung eingesetzt werden.
Lokale Anwendungen
Lokal kommt Kälte in Form von Eis (Bäder, Abreibungen, Tauchbad, Wickel), kalten Packungen (Moor, Lehm, Quark), leicht verdunstenden Flüssigkeiten, tiefgefrorenen Kryogelbeutel, Kaltluft/-gas, thermoelektrischer Kühlung, Kühlbandagen oder als Kneipp-Therapie (fließendes Kaltwasser, Wassertreten, kalte Güsse, Barfgußgehen) zur Anwendung.
Wirkungen
Eine Kurzzeitapplikation (ca. 5 Min.) bewirkt neben der Absenkung der Hauttemperatur eine Schmerzlinderung (Analgesie), reaktive Hyperämie und Bewegungsförderung. Zudem wird die Muskelspindelaktivität angeregt (Tonuserhöhung). Eine Entzündungshemmung und Anästhesie erreicht man nur durch Langzeitapplikation (ca. 20 Min.). Hierbei erfolgt eine Minderung der Muskelspindel mit Senkung des Muskeltonus (spastikhemmend).
Weitere Wirkungen der Kältetherapie sind Hemmung von Ödemen, Blutungen, Phagozytose und Enzymreaktionen [1, 5, 7].
Durchführung
Je nachdem, ob eine analgetische oder antiphlogistische Kältewirkung erzielt werden soll, variiert die Applikationsdauer (s. unter Wirkungen). Bei lokaler Kälteapplikation mit Packungen/Eisbeuteln direkten Hautkontakt durch eine Stoffzwischenlage vermeiden. Bei Eiswickeln diese wechseln, sobald das Tuch erwärmt ist. Kaltluftapplikation ca. 5–10 Min. durchführen (–30 °C bis –40 °C), Eistauchbäder zwischen 1–10 Min.
Indikationen und Kontraindikationen
  • Indikationen: akute Arthritiden, aktivierte Arthrosen, akute Entzündungen, postoperative und posttraumatische Zustände, Spastiken sowie schlaffe Paresen

  • Kontraindikationen: Kälteüberempfindlichkeit, Kälteagglutinine, Raynaud-Syndrom, Vaskulitis, arterielle Durchblutungsstörungen, Sklerodermie, gestörtes Temperaturempfinden sowie Blasen- und Nierenerkrankungen [1, 5, 7]

Merke

Die Abhängigkeitsvariablen für die Ausprägung des lokalen Kältereizes sind vielfältig: Anwendungstemperatur, Applikationsdauer, physikalische Eigenschaften des Kälteträgers, Ausgangstemperatur der Haut und deren Leitfähigkeit, Körperregion und Größe des Applikationsortes. Im hohen Lebensalter sollte die Anwendung aufgrund der veränderten Reagibilität des Gefäßsystems vorsichtig durchgeführt werden. Kälteschäden (Erfrierungen) bei lokaler Anwendung vermeiden durch „Zwischenschicht“ (z. B. Handtuch) zwischen Kältemedium und Haut.

Ganzkörperkältetherapie – Kältekammer
Bei der Ganzkörperkältetherapie werden Kältekammern eingesetzt – meist kommen 2–3 Kammersysteme zum Einsatz, wobei i. d. GanzkörperkältetherapieR. die Hauptkammer −110 °C hat und die Vorkammern zur KältekammerAdaptierung mit Temperaturen um die −60 °C bis −70 °C Thermotherapie:Ganzkörperkältetherapiedienen. Die Luft ist extrem trocken, sodass ein verändertes Kälteempfinden resultiert.
Die Patienten halten sich unter Bewegung in Badekleidung mit Akrenschutz (Handschuhe, Mund- und Nasenschutz) bis zu 3 (maximal 5) Min. in der Kältekammer auf.
Wirkungen
Die schockartige Kälteeinwirkung hat starke Wirkungen auf den menschlichen Organismus und fokussiert auf anhaltende Schmerzlinderung, Besserung der Funktion und allgemeine Leistungssteigerung. Zudem resultieren biochemische, hormonelle und immunmodulierende Prozesse und Muskelrelaxation. Sportler erleben die Aktivierung brachliegender Kraftreserven. Sportverletzungen, chronische Schlafstörungen und Migräne stellen ebenfalls Indikationen für die Ganzkörperkältetherapie dar; Besserungen sind auch beim Asthma bronchiale und der spastischen Bronchitis bekannt.
Durchführung
Die Ganzkörperkältebehandlung in der Kältekammer (−100 °C bis −140 °C) erfolgt in Badekleidung und mit Akrenschutz (Handschuhe, Socken, Mund- und Nasenschutz) für eine Dauer bis 5 Min.
Indikationen
Zu den Indikationen zählen ferner entzündliche, degenerative und weichteilrheumatische Erkrankungen, Schmerzen und Hauterkrankungen (Neurodermitis, Psoriasis). Zudem mehren sich die Hinweise, dass durch die Ganzkörperkälteapplikation die im Gehirn produzierten schmerzlindernden Endorphine freigesetzt werden [10].

Studien

Ergebnisse aus Übersichtsarbeiten der Cochrane Database zeigen für die kurzfristigen Wirkungen der Thermotherapie eindeutig Wirksamkeitsnachweis bei der rheumatoiden Arthritis und degenerativen Gelenkveränderungen [3, 11]. Ganzkörperkältetherapie bei Patienten mit rheumatoider Arthritis ergab Hinweise bei Kortison-naiven Patienten über eine normale Stressreaktion, wobei dieser Effekt bei Kortison-therapierten Patienten nicht nachweisbar war (Hinweis auf eine Suppression der Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse). Zudem konnte in kleineren Kohorten bei Patienten mit rheumatoider Arthritis und ankylosierender Spondylitis eine Steigerung der Schmerzschwelle, Suppression von T-Lymphozyten und Abnahme pro-inflammatorischer Zytokine objektiviert werden [2, 6, 8, 12, 13].

Literatur

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Balneologie und Klimatherapie

Rainer Brenke

(Balneologie: 5.4.1, 5.4.2)

Angela Schuh

(Klimatherapie: 5.4.3, 5.4.4)

Balneologie und Kurortmedizin: Grundlagen

„Balneologie“ ist die Wissenschaft von Bädern. Der Begriff der „Balneologie“ ist ebenso wie die „Klimatologie“ eng mit dem Begriff der „Kuren“ verbunden. Eine Kur ist eine „Reizserienbehandlung im veränderten Milieu“ [3]. „Balneotherapie“ ist die KurortmedizinBezeichnung für die Behandlung mit Bädern. Damit meint man „Heilbäder“ als Teil der „ortsgebundenen Heilmittel“, zu denen man auch Heilwässer zum Trinken oder Inhalieren, Peloide und Gase zählt. Mit dem Begriff „Krenotherapie“ beschreibt man eine Brunnentrinkkur.
Zur Balneotherapie im umfassenden Sinne gehören auch ordnungstherapeutische Aspekte wie eine Veränderung im Verhalten und der Einfluss einer gesundheitsfördernden Umwelt („Milieutherapie“). Diätetische Maßnahmen und KrenotherapieAnwendungen der physikalischen Medizin ergänzen das Therapieangebot. Auch die Behandlung mit „medizinischen Bädern“ außerhalb von Kurorten wird oft der Balneotherapie zugerechnet, ebenso kann man sie aber auch zur Hydrotherapie zählen.
Gesundheitspolitische Aspekte
Bei der allgemeinen Beurteilung des Werts einer „klassischen“ Kur im Vergleich zum Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik darf man nicht voreilige Schlüsse ziehen – es war der Zwang zum Sparen, der zu einem Verlust im Ansehen der Balneologie:gesundheitspolitische AspekteKuren führte, denn natürlich fällt es schwer, mit den einzelnen und häufig kombinierten Elementen einer Kur den Ansprüchen einer „evidenzbasierten Medizin“ gerecht zu werden. Von politischer Seite wurde diese Entwicklung auch durch Slogans wie „Opas Badekur ist tot“ und „morgens Fango, abends Tango“ unterstützt. Außerdem kommt eine Diffamierung der Kuren unserem Zeitgeist entgegen, da Kuren mit ihrem hohen Anteil passiver Kurortmaßnahmen nicht in unsere aktive Gesellschaft zu passen scheinen. Die Kürzung der Dauer der Kuren von im Regelfall vier auf drei Wochen erfolgte ohne wissenschaftlichen Hintergrund und hat den Erfolg der Kuren auch nicht verbessert. Grundlagenforschungen zeigten, dass man die notwendige Dauer einer Reizserie zum Auslösen von Adaptationsprozessen nicht beliebig verkürzen und durch Reizhäufigkeit oder Reizintensität ersetzen kann [2]. Auch hier hat sich das Primat einer kurzsichtigen Ökonomie durchgesetzt.
Historische Aspekte
Das Bild von Lucas Cranach – „Der Jungbrunnen“ lässt die Hoffnungen der Menschen vergangener Tage an den Effekt einer Badekur erahnen. Zu den „Geburtshelfern“ des Kurortgedankens kann man eine Reihe von Laienbehandlern wie Prießnitz oder Sebastian Kneipp zählen. Ab 1855 hat Sebastian Kneipp als Priester in Wörishofen Patienten behandelt – am Beginn vorwiegend mit Wasseranwendungen (kalte Güsse als Kernstück der Hydrotherapie nach Kneipp). Später erfuhr die Therapie eine Erweiterung um die Verfahren, die heute als klassische Naturheilverfahren bezeichnet werden. Neben der Hydrotherapie sind das die Phytotherapie, die Bewegungstherapie, die Ernährungstherapie und die Ordnungstherapie. Auch heute noch spielen diese Verfahren in den Kurorten eine wichtige Rolle.
Anfang des letzten Jahrhunderts boomten die Heilbäder in Europa. Die reicheren Schichten der Bevölkerung wollten „etwas für die Gesundheit“ tun. Man geht heute davon aus, dass damals gerade die chronisch Kranken besser in einem Heilbad als in einer Klinik aufgehoben waren. Die Therapiemöglichkeiten bei chronischen Erkrankungen waren trotz rasanter Entwicklung der Akutmedizin damals noch recht begrenzt. Etwas später entstanden dann zusätzlich die „Sanatorien“, deren Besonderheit eine ärztliche Leitung war. Sie sollten die Attraktivität der Kurorte erhöhen und die ökonomisch noch labilen Kurorte stützen. Mit Übernahme der Kuren in die gesetzlichen Leistungen der Sozialversicherten ging in vielen Fällen die Individualität der Behandlungen verloren. Es entstanden Kurkliniken, aus denen sich später die Rehabilitationsmedizin entwickelte. Diese betreiben heute oft eine Medizin auf hohem Niveau, wenngleich die ärztliche Besetzung quantitativ aus ökonomischen Gründen oft zu wünschen übrig lässt.
Konzepte der Balneotherapie
Die klassische, heute zunehmend selten durchgeführte Kur setzt typische äußere Bedingungen voraus. Damit ist eine Triade aus Kurmittelhaus mit den physiotherapeutischen Anwendungen, Balneologie:KonzepteKurhaus zur Entspannung und Unterhaltung und Kurpark gemeint. Letzterer dient ebenfalls der KurmittelhausEntspannung und soll den Sozialkontakt während einer Kur fördern.

Merke

Durch die „komplexe Reizserientherapie am Kranken im veränderten Milieu“ löst eine Kur adaptive Prozesse mit spezifischen und unspezifischen Therapieeffekten aus. Endogene Rhythmen werden durch die äußere Zeitordnung als ordnendes Element eines Kurablaufs geordnet, was auch einen Aspekt der Ordnungstherapie darstellt. Dabei geht man von einer Anregung der Selbstheilungskräfte – der „Salutogenese“ oder „Hygiogenese“ aus.

Kurverlauf in Phasen
Nach KurhausJordan [3] kann man verschiedene Phasen bei Kurparkeinem Kurablauf unterscheiden.
  • Am Beginn einer Kur wird die sog. Kureintrittsreaktion ausgelöst, die durch Kurortmedizin:Kurverlaufvegetative Labilität gekennzeichnet ist. Sie ist Folge des Übergangs vom Alltag in den Kurort und ist mit einer klimatischen, sozialen, rhythmischen und allgemeinen therapeutischen Einordnung verbunden.

  • Es folgtKureintrittsreaktion die Akklimatisationsreaktion etwa vom 10.–14. Tag. Erste Anpassungen werden vollzogen und es kommt zu einem ersten reaktiven Optimum. Trotzdem wird diese Phase subjektiv nicht immer als angenehm empfunden, da auch eine Labilisierung durch Summation noch nicht Akklimatisationsreaktionvollzogener Anpassungen besteht.

  • Was sich nun anschließt, ist in der 3. Woche die Kurbelastungsreaktion. Sie ist durch Adaptation an die wirksamen Reize gekennzeichnet. Mitunter scheint es auch zu einem Aufschaukeln noch unbewältigter Reizfaktoren zu kommen. Das bedeutet aber auch, dass 3 Wochen für einen Kuraufenthalt in vielen Fällen zu kurz sind.Kurbelastungsreaktion Die angestrebten Anpassungen sind noch nicht in allen Fällen vollzogen.

  • Zuletzt kann die Kurendreaktion genannt werden, in der die Reakklimatisation nach der Rückkehr in den Alltag zum Ausdruck kommt.

Wichtig für die Beurteilung durch den Patienten ist auch die Unterscheidung des Kureffekts vom Kurerfolg. Der Kureffekt ist am Ende eines KurendreaktionKuraufenthaltes erkennbar, ein Kurerfolg ist dagegen die Folge längerfristiger und anhaltender Umstellungen und kann noch Wochen oder Monate nach Ende der Kur eintreten. Man kann diese Erkenntnis im Übrigen auf physikalische Reizserientherapien allgemein übertragen. Positive Effekte können demnach noch nach Ende der eigentlichen Reizserie auftreten.
Kurarten
Außer den typischen Klimakuren (5.4.2) kennt man folgende Kurarten.
Terrainkur
Eine Terrainkur ist durch ein dosiertes Gehen im ansteigenden Gelände mit dem Ziel einer Steigerung der Kurortmedizin:KurartenAusdauerfähigkeit gekennzeichnet. Meist handelt es sich um eine 3–4 Wochen dauernde Kur, bei der 3–4 ×/Woche ein 30–40 minütiges Gehtraining Terrainkurabsolviert wird. Die Belastung soll mehr als 65 % der maximalen Sauerstoffaufnahmefähigkeit betragen. Folgen sind eine Steigerung der Sauerstoffaufnahme sowie ein Absinken von Herzfrequenz und Blutdruck. Letzteres kommt durch eine Senkung des peripheren Widerstandes zustande. Außerdem erhöhen sich Enzymaktivitäten in den Muskelzellen und es kommt zu einer Vergrößerung der Kapillaroberfläche mit einem besseren Sauerstoffangebot in den Muskelzellen.
Liegekur
Bei Liegekuren kommt besonders ein milder Kältereiz zum Tragen. Kälteadaptationen, Regeneration und Ausdauerfähigkeit werden gefördert.
Heliotherapie
Bei der Heliotherapie als möglichem LiegekurBestandteil der Liegekur sind UV-Strahlung und Lichtexpositionen Therapiemittel. Die Vitamin-D-Bildung wird gesteigert, die Hautfunktionen werden verbessert und Langerhanszellen gedämpft, was nicht nur für viele HeliotherapieHautkrankheiten, sondern auch für Allergiker von Bedeutung ist.
Bäderkur
Die physiologische Wirkung eines Vollbades ist an anderer Stelle ausführlich beschrieben (5.3.4). Von besonderer Relevanz ist die Wirkung des hydrostatischen Drucks, der einerseits einen erhöhten Rückstrom von Extrazellularflüssigkeit in das Blut bewirkt und andererseits für eine Verlagerung von Blutvolumen aus der Peripherie in den intrathorakalen Raum in einer Größenordnung von 400–800 ml verantwortlich ist. Das ist mit einer deutlichen Belastung des Herz-Kreislauf-Systems verbunden. Die vermehrte Produktion des natriuretischen Peptids durch Vorhofdehnung führt zu der bekannten Badediurese. Allgemein wirkt die thermoneutrale Wasserimmersion beruhigend auf den Kreislauf, durch den Auftrieb entspannt sich die Muskulatur, Wirbelsäule und Gelenke werden entlastet. Außerdem erhöht sich die Schmerzschwelle.
Früher waren Wannenbäder auch ohne Zusatz in einer Kur weit verbreitet, heute werden sie aber oft durch Bewegungsbäder verdrängt. Hier kann zusätzlich eine aktive Krankengymnastik durchgeführt werden. Wannenbäder kommen aber auch heute noch besonders in Form von Zusatzbädern zur Anwendung, so in Form von Kohlensäurebädern oder „Totem Meer Salz-Bädern“ z. B. bei Bäder:BewegungsbäderHauterkrankungen. Moorbäder werden heute aus hygienischen Gründen ebenfalls vorwiegend als Wannenbäder verabreicht.
Wirkfaktoren
Man kann zwischen allgemeinen Wirkungen und speziellen, von den jeweiligen Standorten und zur Anwendung kommenden Maßnahmen abhängigen Wirkungen unterscheiden.
Allgemeine Wirkungen
  • ordnungstherapeutische Ansätze durch Harmonisierung des Tagesablaufs, gesunde Ernährung und Einschränkung von Genussmitteln

  • Wechsel von Bewegung und Ruhe (Gegensatz zu den oft einseitigen Belastungen im Alltag)

  • Kurortmedizin:WirkungenWegfall schädlicher Umwelteinflüsse

Gutenbrunner und Hildebrandt [2] beschreiben als allgemeine Effekte einer Kur:
  • normalisierender Einfluss auf Funktionsgrößen in Ruhe

  • bessere Regelgüte

  • Koordination rhythmischer Funktionen

  • allgemeine Verbesserung von Befinden und Leistungsfähigkeit auf physischer und psychischer Ebene

  • normalisierende Einwirkung auf Körpergewicht und Stoffwechsel

  • Initiierung trophisch-plastischer Veränderungen an Muskulatur, Haut und Blutbildung

  • „Abhärtung“ durch Beeinflussung von Resistenz und Immunität

Spezielle Wirkungen
Die speziellen Wirkungen ergeben sich aus:
  • Wirkung ortsgebundener Heilmittel

  • Balneotherapie

  • Einflüssen des Klimas

  • Wirkungen von physikalischer Therapie und Krankengymnastik

Umstritten ist der vielfach beschriebene „Normalisierungseffekt“ einer Kur, wonach sich hohe Ausgangswerte senken, niedrige dagegen erhöhen sollen. Zumindest zum Teil ist dieses Phänomen auch ein rein statistisches Problem und hängt mit Zufallseffekten zusammen. Bei einem maximal erhöhten Wert – z. B. einem systolischen Blutdruck von 200 mmHg wird man mit großer Wahrscheinlichkeit auch ohne Therapie beim zweiten Mal einen niedrigeren Wert messen, da nach oben ja kaum noch Spielraum besteht. Genauso verhält es sich mit einem extrem niedrigen Wert, bei dem man beim nächsten Messen wahrscheinlich einen höheren Wert misst. Beim wiederholten Messen beliebiger Parameter kommt es also regelmäßig zu einem Absenken hoher Werte und einer Erhöhung niedriger Werte. In einem X-Y-Diagramm mit Anfangs- und Endwerten dreht sich Regressionsgerade, was mit einem „echten“ Normalisierungseffekt zunächst einmal nichts zu tun hat. Bezeichnet wird dieses Phänomen als a: (a-b)-Effekt oder Wilderausgangswertegesetz und muss von echten Kureffekten unterschieden werden. Es funktioniert übrigens auch mit Würfeln. Würfelt man eine „6“, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit danach eine kleinere Zahl würfeln. Bei einer „1“ hingegen ist die Wahrscheinlichkeit groß, beim nächsten Wurf eine höhere Zahl zu erzielen. Einen „Normalisierungseffekt“ im Sinne eines Kureffektes wird dabei niemand vermuten. Hier sind Medizinstatistiker gefragt, um mithilfe geeigneter Methoden den wirklichen Effekt einer Kur einwandfrei nachzuweisen oder auszuschließen.

Balneotherapeutische Praxis

Merke

Die Tageseinteilung bei einer Kur kann wie folgt aussehen: 2 Std. Therapiezeit, 4½ Std. Verweilen im Zimmer einschließlich Mittagsruhe sowie Wahrnehmen kultureller Veranstaltungen, 5½ Std. Aufenthalt im Freien, 2 Std. Einnahme von Mahlzeiten.

Dauer und Temperatur von Bädern
Für die Dauer von Bädern und die Temperatur kann es Anhaltspunkte, jedoch keine starren Regeln gebenBalneologie:Praxis, da auch die Belastbarkeit des Patienten, das Krankheitsbild und das Therapieziel eine Rolle spielen. Auch Bäder:DauerInhaltsstoffe der Bäder beeinflussen Dauer und Bäder:TemperaturTemperatur. Am Rande sei vermerkt, dass die am häufigsten genutzte Wassertemperatur von 28 °C in Hotelschwimmbädern einen relativ geringen gesundheitlichen Wert mit sich bringt, da das Wasser zur Ausbildung von Kälteanpassungen und zur Erzielung von Herz-Kreislauf-Effekten zu warm ist, zur Schmerzlinderung und Muskelentspannung bei Problemen am Bewegungsapparat dagegen zu kalt. Natürlich muss man gerade in einem Hotel einen vernünftigen Kompromiss finden.

Praxistipp

Medizinisch werden sonst folgende Temperaturen und Dauern von Bädern empfohlen:

  • Bäder:MoorbäderMoorbäder: 39–42 °C bei einer Dauer von 15–20 Min.

  • Bewegungsbäder Bäder:Bewegungsbäderfür den Bewegungsapparat: 34–35 °C, Dauer 20–40 Min.

  • Wannenbäder Bäder:Wannenbäderr: 34–38 °C mit einer Dauer von 15–30 Min.

  • CO2-Bäder: 28–34 °C, Dauer 20–30 Min.

  • Schwimmbäder zum Training: 26–29 °C (eine kühlere Temperatur sollte bevorzugt werden)

Gerade für die Schwimmbäder wird man bei Vorhandensein von nur einem großen Becken – ähnlich wie in Hotels – Kompromisse suchen, besser ist es natürlich, es stehen verschiedene Becken zur Verfügung. Nach den Bädern sollte stets eine Nachruhe eingehalten werden, damit es zu den erwünschten vegetativen Umstellungen und einer allgemeinen Muskelentspannung kommt. Meist werden 3 bis 6 Bäder in der Woche verordnet.
Zu den Anlagen der Balneotechnik gehören auch die bis vor einigen Jahrzehnten weitverbreiteten, jetzt seltener zu findenden Trinkhallen. Davor war das unmittelbare Trinken aus der Quelle üblich. Weiter verbreitet sind auch heute noch Einrichtungen zur Inhalation. In sog. Mofetten – relativ niedrig temperierte kohlendioxidhaltige TrinkhallenQuellen in Vulkangebieten – kommt Kohlendioxid in gasförmiger Form zur Anwendung. Gebräuchlich waren auch einfache Kohlensäure-Gasbäder, bei denen der Patient in einem geschlossenen Kasten saß und nur der MofetteKopf durch eine Abdichtung heraus ragte. Radonbäder werden in speziellen Anlagen durchgeführt, geraten aber wegen befürchteter Strahlenschäden immer mehr in die Kritik und aus der Mode. Mit einer relativ neuen Entwicklung, der Speleotherapie Bäder:R∗adonbäder∗bezeichnet man die Therapie in Höhlen und Stollen. Hier herrscht ein konstantes Klima und weitestgehend Allergenfreiheit.
Indikationen für eine Kur
Eine Kur ist bei SpeleotherapieWeitem nicht nur zur Erholung von gestressten Stadtbewohnern sinnvoll. Eine große Rolle spielen Kuren auch im Sinne einer Rehabilitationsmaßnahme nach schwerer akuter und chronischer Erkrankung oder Operation. Ein Ziel ist die schnelle Kurortmedizin:Kur, IndikationenWiedereingliederung in den Beruf. Auch im Rahmen einer Primärprävention durch Abbau von Risikofaktoren und Beseitigung von Funktionsstörungen oder Entlastung bei familiären Belastungssituationen sind Kuren sinnvoll. Meist werden sie jedoch im Rahmen der Sekundärprävention eingesetzt (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen). Bei vielen chronischen Erkrankungen unterstützen Kuren die Therapie und verfolgen das Ziel einer Anregung von Selbstheilungskräften und Nutzung noch vorhandener Reserven des Organismus. Häufig ist das bei rheumatischen und degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates der Fall.
Balneotherapeutika: Heilwässer
Typische Balneotherapeutika sind die Heilwässer. Diese sind natürliche, therapeutisch anwendbare Mineralwasser, die – sofern zum Trinken angeboten – unter das Arzneimittelgesetz fallen. Sie können eisenhaltig, jodhaltig und fluoridhaltig sein Balneotherapeutika:Heilwässeroder Radon, Schwefel oder Kohlendioxid enthalten (letztere Säuerlinge genannt).
Kohlendioxidhaltiges Wasser
Wird kohlendioxidhaltiges Wasser für Bäder verwendet, wirkt es durch eine Hemmung der Kaltrezeptoren und Anregung der Warmrezeptoren. Dadurch wird ein mit Kohlendioxid bereitetes Bad etwa 2° wärmer als ein gleich temperiertes pures Heilwässer:kohlendioxidhaltigesWasserbad empfunden. Der periphere Widerstand sinkt und es kommt zu einer ausgeprägten Mehrdurchblutung der Haut. Als Indikation ergibt sich z. B. der Hypertonus.
Schwefelwässern
Bei Schwefelwässern wird Sulfidschwefel über die Haut aufgenommen. Schwefel soll entzündliche Reaktionen und Allergien hemmen. Daher wurden früher Schwefelbäder bei Psoriasis, Neurodermitis und anderen chronischen Ekzemen eingesetzt. Außerdem kamenHeilwässer:Schwefelwasser Schwefelbäder bei Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates zum Einsatz [4].
Thermalwasser
Thermalwasser wird in sog. Thermen auch in Form von Bädern angewandt. Sie müssen eine Mindesttemperatur von 20 °C aufweisen. Mineralwässer und Thermen erhalten ihre charakteristische Zusammensetzung bei einer Passage durch Gesteinsschichten, was Heilwässer:ThermalwasserJahrhunderte dauern kann. Es gilt die Regel, dass ein Mineralwasser über 1 g gelöste Stoffe/l enthalten muss.
Sole
Eine Sole aus „Solewasser“ hat einen Mindestgehalt von 1,4 % NaCl oft aber über 20 % und wird in unterschiedlichen Konzentrationen zu Inhalationen und bei Bädern angewandt. Dabei wird eine schützende Wirkung auf die SoleHaut postuliert.
Akratothermen und Aktropegen
Akratothermen sind sog. Wildwässer über 20 °C, die weniger als 1 g Mineralbestandteile/l enthalten. Über ihre biologische Heilwässer:SoleThermen:AkratothermenWirkung besteht Uneinigkeit. Akratopegen Heilwässer:kohlendioxidhaltigesenthalten ebenfalls weniger als 1 g Mineralien/l und habenAkratothermen eine Temperatur von unter 20 °C. In der Regel wird ihnen eine diuretische Wirkung nachgesagt.
Balneotherapeutika: Peloide
AkratopegenPeloide“ stammen begrifflich von dem griechischen Wort Pelos = Schlamm. Ist das spezifische Gewicht gering und die Fluidität hoch, spricht man von Moorbädern. Schlick kommt in Seebädern zur PeloideAnwendung. Optimale Grundstoffe sind sonst Torfe aus Balneotherapeutika:PeloideHochmooren. Sie können über das 20-fache ihres Gewichts an Wasser aufnehmen. Von großer Bedeutung sind die typischen thermischen Eigenschaften. Bei Moorbädern findet kaum ein konvektiver Wärmetransport statt. Der Wärmeeinstrom in die Haut ist nur gering. Folge ist die oft beschriebene bessere Verträglichkeit gegenüber einem vergleichbar temperierten Wasserbad. Die Rolle der Inhaltsstoffe ist immer noch umstritten. Nachgewiesen sind Huminsäuren und Hormone. Prinzipiell können diese ihre Wirkung bei Erkrankungen am Bewegungsapparat entfalten und entzündungshemmend wirken. Ebenso wird bei chronischen Unterleibserkrankungen der Frau eine Wirkung nicht nur der Wärme, sondern auch der Inhaltsstoffe vermutet.
„Fango“ besteht aus anorganischen Peloiden. Es kann zwar weniger Wasser aufnehmen, ist aber sehr gut für Packungen geeignet.
Balneotherapeutika: Heilgase
Als Heilgase gelten Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff sowie Radon. Radon zählt zu den α-Strahlern, die über die Haut und Lunge aufgenommen werden Heilgasekönnen. Als lipidlösliches Gas lagert es sich im Balneotherapeutika:Heilgasezentralen Nervensystem und der Nebennierenrinde an. Die Halbwertszeit liegt bei etwa 50 Min. Radon wird eine analgesierende RadonWirkung und Stimulation der Kortisolproduktion nachgesagt. Gute Erfolge wurden beim Morbus Bechterew und der systemischen Sklerodermie beschrieben. Die Wirkungen kamen denen einer gezielten Bewegungstherapie gleich. Radon kann als Gas sowohl eingeatmet als auch in Form von Bädern im Wasser gelöst angewandt werden. Auch unabhängig von der aktuellen Diskussion über die mögliche schädliche Wirkung galt schon immer, dass Radonbäder nur bei Patienten außerhalb des reproduktionsfähigen Alters anzuwenden sind. Eine undifferenzierte generelle Angst vor Strahlenwirkungen jeglicher Art scheint unbegründet. Niedere Dosen müssen nicht in jedem Falle schädlich wirken – es bestehen sogar Indizien dafür, dass gerade in niederen Dosisbereichen die DNA-Reparaturkapazität angeregt werden kann – also ein erwünschter medizinischer Effekt vorliegt.
Trinkkuren
Waren vor wenigen Jahrzehnten Trinkkuren noch sehr weit verbreitet, so sind sie heute in den Hintergrund getreten. Dennoch haben Heilwässer auch außerhalb von Kurorten ihre Bedeutung. Zuvor soll aber auf einige generelle Fragen im Zusammenhang mit dem Trinken von TrinkkurenWasser eingegangen werden.

Exkurs

Wasserkunde: Der Gebrauch an Mineralwasser hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Betrug der jährliche pro Kopf-Verbrauch 1970 in Deutschland 12,7 l, so lag er 2010 bei 129,8 l. Die Diskussion darüber, welches Wasser denn nun am besten getrunken werden soll, ist stark emotional gefärbt und nicht abgeschlossen. Zum einen trifft es sicher zu, dass Trinkwasser zu den am besten untersuchten Lebensmitteln gehört – was aber nur bis zur Entnahmestelle im Haus gilt. Zum anderen ist sicher auch die Diskussion über den Wert von Glas- oder PET-Flaschen berechtigt, da heute nicht sicher ausgeschlossen werden kann, dass speziell von PET-Flaschen Substanzen, die auch hormonähnlich wirken können, auf das Getränk übergehen können. Ein möglicher gesundheitlicher Schaden ist allerdings nicht zweifelsfrei bewiesen. Für welche Form des Wassertrinkens man sich entscheidet, ist abhängig von den Vorlieben, dem Geschmack aber auch den Ängsten und der gesundheitlichen Gefährdung jedes Einzelnen. Nachfolgend soll daher nur wertungsfrei der Unterschied zwischen den einzelnen Wasserarten aufgelistet werden. Kritisch kann angemerkt werden, dass zeitweilig in der Frage der empfohlenen Trinkmengen auch übertrieben wurde oder wird. 4–5 l Wasser pro Tag tragen in unserem Klima sicher auch nicht dazu bei, die Menschen gesünder zu machen und können auch schaden – ebenso wie eine zu geringe Trinkmenge. Die noch vor wenigen Jahren zu bemerkende Modeerscheinung, dass man kaum einen Menschen unter 40 ohne Wasserflasche in der Hand in einem öffentlichen Verkehrsmittel antraf, scheint etwas abzuebben, hat aber sicher unser Bewusstsein für eine vernünftige Trinkmenge geschärft.

Mineralwasser
Mineralwasser wird aus unterirdischen Wasservorkommen gewonnen und ist dort weitgehend vor Verunreinigungen geschützt. Es muss unmittelbar am Quellort abgefüllt werden und bleibt weitgehend unbehandelt. Ein Zusatz oder Entziehen von Kohlensäure ist ebenso wie Mineralwasserder Entzug von Eisen und Schwefel aus Geschmacks- und Akzeptanzgründen erlaubt. Mineralwasser zählt als einziges amtlich anerkanntes Lebensmittel in Deutschland. Seine hohe Qualität ist durch regelmäßige Kontrollen gewährleistet. Je nach Bestehen von chronischen Erkrankungen kann man sich gezielt das eine oder andere Mineralwasser aussuchen. Während man z. B. beim Hypertonus ein eher natriumarmes Wasser wählen sollte, kann es sinnvoll sein, zum Ausgleich eines Flüssigkeitsdefizits nach körperlicher Belastung ein Mineralwasser mit höherem Natriumgehalt zu wählen. Beispiele dafür sind ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Kaiser Friedrich Quelle, Heppinger, Selters/Taunus, Fachinger, Rhenser, Apollinaris oder Luisenbrunnen.
Heilwasser
Ein Mineralwasser mit zusätzlichen nachgewiesenen gesundheitsfördernden Wirkungen nennt man Heilwasser (7.1.3). Notwendig ist eine amtliche Zulassung analog eines Arzneimittels.
Quellwasser
HeilwasserQuellwasser hat ebenso wie Mineralwasser seinen Ursprung aus unterirdischen Wasservorkommen. Es wird gleichfalls direkt am Quellort abgefüllt, muss aber weniger strenge Normen erfüllen als Mineralwasser. Zur Anwendung kommt nur die Trinkwasserverordnung, die QuellwasserGeschmacksneutralität und fehlende Gefahren für die Gesundheit vorschreibt. Für den Verkauf ist keine amtliche Anerkennung notwendig. Für Wasserspender wird meist Quellwasser verwandt.
Tafelwasser
Tafelwasser ist eine Mischung verschiedener Wasserarten – also kein „Naturprodukt“. Es kann aus einem Gemisch von Leitungswasser, Mineralwasser oder auch Meerwasser bestehen. Zusätze von Mineralien oder Kohlensäure sind erlaubt.
Leitungswasser – Trinkwasser
Meist besteht das Leitungswasser in Deutschland zu zwei Dritteln aus Grundwasser und zu einem Drittel aus Oberflächenwasser wie aus Flüssen, Seen oder Talsperren. Die Wasserwerke reinigen das Wasser und TafelwasserLeitungswassererzeugen so Trinkwasserqualität. Aber – dies wurde Trinkwasserbereits festgestellt – auch die Wasserwerke können die einwandfreie Qualität nur bis zu den Häusern garantieren – Blei- oder Kupferleitungen können für Verunreinigungen sorgen, selten genutzte oder verschmutze Entnahmestellen für mikrobielle Kontaminationen. Von „offizieller“ Seite wird empfohlen, Leitungswasser zum Trinken zu verwenden und nur bei nachgewiesenem oder wahrscheinlichem Mineralbedarf Mineralwasser zu trinken. Darüber muss jeder selbst entscheiden. Dabei sollte man auch die immer wieder auftauchenden Berichte über mögliche Verunreinigungen wie z. B. Blei, Kupfer, Nitrat oder Radon nicht ignorieren und sich über die Besonderheiten des heimischen Trinkwassers informieren. Besonders für Säuglinge oder Kleinkinder ist das sicher nicht übertrieben.

Exkurs

Sinn oder Unsinn von Kohlendioxid-Zusatz? Auch „mit Gas“ oder „ohne Gas“ wird gerne und emotional diskutiert. Im Wesentlichen dürfte das eine Frage des Geschmacks sein. Bei größeren Trinkmengen z. B. nach Sport kann ein „stilles Wasser“ die bessere Alternative sein, vielen schmeckt es aber mit Kohlendioxid einfach besser. Es spricht auch manches dafür, dass sich eine einmal geöffnete Flasche mit Kohlendioxid länger frisch hält.

Unabhängig davon, für welches Wasser man sich nun entscheidet, auch den Patienten sollte vermittelt werden, dass kalorienfreies Wasser in vielen Fällen die bessere Alternative gegenüber intensiv gezuckerten und mit anderen Inhaltsstoffen versetzte Limonade ist.

Regeln für die Verordnung von Heilwässern
Allgemeine Regeln für die Verordnung von Heilwässern:
  • Anionen wie Chlorid, HCO3, SO4 sind verantwortlich für die Wirkungen im Verdauungstrakt.

  • Kationen wie Natrium, Kalzium, Magnesium wirken spezifisch z. B. auf den Heilwässer:Verordnung, RegelnKnochenstoffwechsel oder das Herz.

  • Spurenelemente (Eisen, Kupfer, Jod, Zink und Fluorid) decken bei machen Wässern mit den täglichen Bedarf ab.

Indikationen
Hauptindikationen sind traditionell:
  • Hydrogenkarbonatwässer: Funktionsstörungen des Magens

  • Natrium- oder Magnesiumsulfatwässer: Gallenblasenerkrankungen (Stimulation der Cholezystokininsekretion)

  • sulfathaltige Wässer: Obstipationsbehandlung (schlecht resorbierbar)

  • magnesiumreiche Wässer: Herzrhythmusstörungen

  • kalziumhaltige Wässer: Osteoporosetherapie

  • hypotone Heilwässer: Diureseförderung

Weit verbreitet ist die grafische Darstellung der Zusammensetzung eines Heilwassers in einem Kreisdiagramm – das als „Udluft-Schema[2] bekannt ist.
Wirkungen
Physiologisch werden bei der Beurteilung der physiologischen Wirkungen von Trinkkuren drei Effekte unterschieden.
  • Immediateffekt: Unmittelbar beeinflusst werden die Schleimhäute des Udluft-SchemaVerdauungstrakts sowie die Anregung von Motorik und Sekretion.

  • Mittelbare Wirkungen: Hierzu gehören Veränderungen des Wasser- und Elektrolytgehalts bzw. die gezielte Substitution bei Mangelzuständen (Eisen und Kalzium als Beispiele). Ebenso die unmittelbare pharmakodynamische Wirkung des Magnesiums oder die Beeinflussung der Schleimhäute und die Anregung der harnproduzierenden Organe bzw. Änderung der Urinzusammensetzung (mögliche Verhinderung von Steinbildungen).

  • Langzeitwirkungen: Dazu liegt relativ wenig gesichertes Wissen vor. Eine Anpassung des Stoffwechsels und der Urinzusammensetzung wird z. B. ebenso erhofft wie eine dauerhafte Anregung der motorischen und sekretorischen Verdauungsfunktion.

Anwendung einzelner Heilwässer (Beispiele)
Hydrogenkarbonathaltige Heilwässer
  • Inhaltsstoffe und Wirkungen: Hydrogenkarbonat als Anionen sowie Natrium, Kalzium und Magnesium als Kationen. Freie Magensäure kann gebunden werden, außerdem tragen sie zur Entzündungshemmung und Schleimlösung bei.

  • Heilwässer:hydrogenkarbonathaltigeIndikationen: Hyperazidität, gastroduodenales Ulkus, wenngleich die Behandlung des Ulkus durch Heilwasser einen gewissen medizinischen Anachronismus darstellen dürfte

  • Kontraindikationen: Harnwegsinfekte mit E. coli

Heilwässer mit hohem Sulfatgehalt
  • Inhaltsstoffe und Wirkungen: Sulfat als Anion, Natrium, Kalzium und Magnesium als Kationen. Therapeutisch genutzt werden ihre laxierende Wirkung und eine mögliche Freisetzung von Hormonen.

  • Indikationen: Störungen der Heilwässer:sulfatreicheDarmmotilität mit chronischer Obstipation, Colon irritabile, Dyskinesien der Gallenwege, Anregung der Gallen- und Pankreassekretion und Prophylaxe von Kalzium-Phosphat-Harnsteinen

  • Kontraindikationen: Motilitätsstörungen des Verdauungstraktes, akut-entzündliche Erkrankungen oder Blutungsneigung des Magen-Darm-Trakts, Herz-Kreislauf- oder Niereninsuffizienz, Dehydratation

Heilwässer mit relativ hohem Natriumgehalt
  • Inhaltsstoffe und Wirkungen: Natriumreich sind Heilwässer mit mehr als 1.000 mg Natriumchlorid/l. Sie regen die Magensekretion an und führen zur Diuresesteigerung. Die Warnung vor Wässern mit hohem Natriumgehalt beim Hypertoniker muss Heilwässer:natriumreicheman sicherlich relativieren – so soll keine Gefahr einer Verschlechterung des Blutdrucks bei gleichzeitigem signifikanten Hydrogenkarbonatgehalt bestehen.

  • Indikationen: Appetitanregung und funktionelle Magen-Darm-Störungen

  • Kontraindikationen: akute Gastroenteritiden und Blutungsneigung im Magen-Darm-Trakt sowie Abflussstörungen von Leber und Pankreas. Herzinsuffizienz, Schwangerschaftsgestosen und Ödemneigung, Hypertonie

Kalziumhaltige Heilwässer
  • Inhaltsstoffe und Wirkungen: Kalzium, Hydrogenkarbonat und Sulfat als Anionen. Die Wirkung besteht in einer Entzündungshemmung am Darm sowie einer Herabsetzung von dessen Tonus. Sie beeinflussen Allergien günstig durch Hemmung der Heilwässer:kalziumhaltigeHistaminfreisetzung und hemmen die Resorption von Oxalat.

  • Indikationen: Steinleiden, Kalziummangel, Osteoporose, allergische Erkrankungen und chronische Atemwegsinfekte

  • Kontraindikationen: vermehrte Kalziumausscheidung im Urin, die speziell bei Hyperparathyreoidismus zu beobachten ist

Magnesiumhaltige Heilwässer
  • Inhaltsstoffe und Wirkungen: Kalzium und Magnesium kommen meist zusammen vor. Anionen sind dann in der Regel Sulfat und Hydrogenkarbonat. Magnesiumwässer schützen in gewissem Maß vor einer Kalziumsteinbildung im Urogenitaltrakt. Sie Heilwässer:magnesiumhaltigehaben auch eine entzündungshemmende Wirkung im Gastrointestinaltrakt.

  • Indikationen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Zur Prophylaxe (und ggf. Therapie) von unkomplizierten Rhythmusstörungen, die durch Magnesiummangel hervorgerufen oder verstärkt werden können, KHK. Ein vermehrter Magnesiumbedarf besteht auch im Wachstum und in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie beim Leistungssport.

  • Kontraindikationen: Nierenfunktionsstörungen, Vorsicht bei bestimmten Nierensteinen, AV-Blockierungen, Myasthenia gravis, Exsikkose

Säuerlinge (Kohlensäurehaltige Heilwässer)
  • Inhaltsstoffe und Wirkungen: Voraussetzung zur Einordnung als „Säuerling“ ist eine CO2-Konzentration von über 2.000 mg/l. Ihre Wirkung ist mit einer Freisetzung von CO2 im Magen verbunden. Dies geht mit einem Dehnungsreiz und Heilwässer:kohlensäurehaltigezu einer beschleunigten Entleerung des Magens sowie einer Anregung der Sekretion durch vermehrte Gastrinfreisetzung einher.

  • Indikationen: Anregung der Verdauung, Appetitstörungen in einer Förderung der Diurese

  • Kontraindikation: Rupturgefahr des Magens bei vorgeschädigter Magenwand (selten)

Typische Kurorte in Deutschland
Bei der noch vorhandenen Vielzahl können nachfolgend nur einige Beispiele genannt werden. Eine Wertung ist damit in keiner Weise verbunden. In den Kneipp-Kurorten stehen traditionelle Wasseranwendungen und klassische Naturheilverfahren im Vordergrund. Indikation sind KurorteHerz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen, vegetative Störungen, verzögerte Rekonvaleszenz, Abhärtung und allgemeinen Leistungssteigerung. Typische Kurorte sind Bad Berneck im Fichtelgebirge, Bad Iburg, Laasphe, Bad Wörishofen, Aulendorf, Hindelang, Mölln, Waldsee und Berggießhübel.
Kurorte mit Moor- und Mineralbädern
Die nachfolgend beispielhaft genannten Kurorte haben jeweils unterschiedliche Indikations-Schwerpunkte:
  • Erkrankungen des Bewegungsapparats: Bad Aibling, Bad Berensen, Bad Feilnbach, Füssen, Bad Kohlgrub, Bad Orb, Bad Soden am Taunus, Bad Moor- und MineralbäderBrambach, Bad Elster und Bad Liebenwerda

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bad Driburg, Bad Kissingen, Bad Säckingen, Bad Liebenstein, Bad Sulza

  • Erkrankungen der Atemwege: Bad Ems, Bad Kreuznach, Bad Reichenhall, Bad Pyrmont, Bad Frankenhausen, Bad Kösen

  • Stoffwechselprobleme: Bad Brückenau, Bad Königshofen im Grabfeld, Bad Mergentheim, Bad Berka

  • gynäkologische Erkrankungen: Aachen, Bad Dürkheim, Bad Oeynhausen, Bad Doberan

  • urologische Erkrankungen: Bad Neuenahr-Ahrweiler, Bad Wildungen, Bad Elster

  • „Thermalbäder“ mit breitem Indikationsspektrum: Bad Füssing, Bad Griesbach und Bad Birnbach (Rottaler Bäderdreieck)

Seeheilbäder
In deutschen Seeheilbädern werden wegen Allergenarmut und Reizklima vorwiegend Erkrankungen der Atemwege und der Haut sowie atopische Erkrankungen behandelt. Außerdem werden Kinderkuren durchgeführt, z. B. in Cuxhaven, Norderney, Westerland auf Sylt, Wyk auf Föhr, Travemünde, SeeheilbäderTimmendorfer Strand, Graal-Müritz, Wustrow, Zingst.
Hoch- und Mittelgebirgsklima-Kurorte
Hier können sowohl ein Reiz- als auch ein Schonklima (Mittelgebirge) überwiegen. Behandelt werden u. a. Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie – besonders im Kurorte:HochgebirgsklimaHochgebirge – Hauterkrankungen. Beispiele sind: Bad Bergzabern, Kurorte:MittelgebirgsklimaBischofsgrün, Bad Harzburg, Freudenstadt, St. Blasien, Bayrischzell, Garmisch-Partenkirchen, Oberstdorf.

Literatur

[1]

R. Brenke A. Brenke Erfolgsaussichten von Radonkuren bei Patienten mit progressiver Sklerodermie Z. ges. inn. Med 44 1989 354 357

[2]

C. Gutenbrunner G. Hildebrandt Handbuch der Balneologie und medizinischen Klimatologie 1998 Springer Heidelberg

[3]

H. Jordan Kurorttherapie 1975 Gustav Fischer Jena

[4]

H.G. Pratzel W. Schnizer Handbuch der Medizinischen Bäder 1992 Haug Heidelberg

[5]

E. Träbert Radioaktivität 2011 Kiepenheuer & Witsch Köln

Klimatherapie: Grundlagen

Die moderne Klimatherapie steht heute auf weitestgehend wissenschaftlich gesicherter Grundlage. Die Klimatherapie umfasst die gezielte Behandlung definierter Krankheitsbilder und chronischer Leiden durch die Anwendung klimatischer Klimatherapie:GrundlagenFaktoren. Sie wird in der Prävention bzw. Gesundheitsförderung mit großem Erfolg und langfristiger Besserung der Beschwerden eingesetzt.

Basierend auf der medizinischen Klimatologie, die sich mit den gesundheitsfördernden und belastenden Auswirkungen von Wetter und Klima auf den Menschen befasst, beschäftigt sich die Klimatherapie als Naturheilverfahren damit, wie die gesundheitsfördernden Auswirkungen des Wetters und des Klimas auf den Menschen eingesetzt werden können.

Insbesondere chronische Erkrankungen der Haut und Atemwege wie atopische Erkrankungen stellen eine Domäne der Klimatherapie dar. Die Klimatherapie hat zudem einen besonderen Stellenwert in der Prävention in den heilklimatischen Kurorten und Seeheilbädern Deutschlands – dort kombiniert mit Anwendungen des Meeres als Thalassotherapie – und in verschiedenen anderen europäischen Ländern.

Bioklimatische Zonen
In Deutschland wird Klimatherapie im Mittelgebirgsklima, Hochgebirgsklima und im Seeklima (Meeresklima) durchgeführt.
Mittelgebirgsklima
Das Mittelgebirgsklima umfasst Klimatherapie:bioklimatische ZonenHöhenlagen von ca. 300 m bis 1.000 m über dem Meeresspiegel. Auch die wenigen Erhebungen, die über 1.000 m und in einer Mittelgebirgslandschaft (wie z. B. im Südschwarzwald) liegen, sind klimatherapeutisch nicht dem MittelgebirgsklimaHochgebirge zuzurechnen. Die Waldgebiete der Mittelgebirge haben ein eigenes Lokalklima, das Waldklima, das je nach Baumart, Belaubung, Höhe der Bäume und Dichte des Bestandes zu unterschiedlichsten klimatischen Verhältnissen führt, die meist ideale klimatherapeutische Voraussetzungen bieten.
Hochgebirgsklima
Das Hochgebirgsklima wird für die Klimatherapie für die sog. mittleren Höhenlagen zwischen 1.000 m und bis maximal 3.000 m definiert. Mit der Begründung des kleinräumigen Luftaustauschs in Form von Hangauf- und -abwindzirkulationen und der unmittelbaren Nähe Hochgebirgsklimazu höheren Lagen werden in Deutschland Gebirgstäler ab 600 m Höhenlage zum Teil mit einbezogen. Auch die über 600 m und sehr nahe an den Bergen gelegenen Regionen Oberbayerns und des Allgäus können im weitesten Sinn dem Hochgebirgsklima zugeordnet werden, jedoch als „unterste Stufe“ oder (richtiger) unter dem Begriff des „subalpinen Klimas“.
Seeklima
An Nord- und Ostsee wird Klimatherapie an den Küsten und auf den Inseln durchgeführt. Inseln zeigen die stärksten Klimareize, wohingegen Küstengegenden eher milder einzustufen sind.
Klimatische Elemente als Wirkfaktoren
Kühle Luft und Wind
Charakteristika
Durch die klimatischen Elemente „kühleSeeklimaklimatische Elemente:kühle Luft Luft und Wind“ wird die Leistungsfähigkeit der Klimatherapie:klimatische ElementeThermoregulation, insbesondere der Vasomotorik, günstig beeinflusst: Angestrebt wird ein klimatische Elemente:kühle LuftTraining des Thermoregulationssystems, das sog. „Gefäßtraining“ bzw. klimatische Elemente:Wind„Abhärtung“. Zudem steigern kühle Luft und Wind akut die Effekte körperlicher Arbeit und fördern langfristig die Wirkungen eines aeroben Ausdauertrainings [7] – eine entsprechende Bekleidung vorausgesetzt, die die Haut leicht abkühlen lässt.
Wirkungsphysiologie
Kühle Luft und Wind rufen „Abhärtung“ hervor, die zu einer verminderten Infektanfälligkeit führt. Eine direkte Beteiligung des Immunsystems ist nachgewiesen. Kühle Umgebungsbedingungen steigern akut und langfristig die Effekte von körperlicher Arbeit [7]. Ein Ausdauertraining mit solchermaßen kühler Körperschale führt zusätzlich zu dem durch die Bewegung ohnehin erreichten Trainingseffekt zu einem kälteinduzierten Anwachsen des aeroben Muskelstoffwechsels in einer Größenordnung, die zu einer Verdopplung des Trainingseffekts (Abb. 5.11) im Vergleich zum Training bei indifferenten thermischen Bedingungen führt.

Merke

Neben weiteren wichtigen Einflüssen auf den Erkrankungsverlauf (multidisziplinäres Therapieregime in Rehabilitationskliniken, psychosoziale Faktoren [10]) basiert die klimatherapeutische Strategie bei Neurodermitis, Asthma bronchiale und Rhinitis allergica auf Allergenvermeidung, hoher Luftreinheit, geringer Luftfeuchtigkeit und hoher UV-Intensität.

UVA- und UVB-Licht
Charakteristika
Sonnenstrahlung, konkret der UV-B-Anteil der Sonnenstrahlung, hat bei vorsichtiger und gekonnter Dosierung weitreichende positive physiologische Effekte, die in Form der klimatische Elemente:UVA-LichtHeliotherapie genutzt werden. Erzielt werden soll eine Vitamin D3-klimatische Elemente:UVB-LichtSynthese infolge der UV-B-Strahlung in der Haut. Das sichtbare Tageslicht hat ebenfalls eine große Bedeutung. Es ist der wichtigste Zeitgeber und hat einen antidepressiven Effekt. Der Wirkmechanismus wird ausschließlich über das Auge vermittelt. Dazu sind Lichtintensitäten ab 2.500 Lux nötig, die bei jeder „outdoor“-Exposition tagsüber vorhanden sind. Klimatherapeutische Anwendungen oder nur ein täglich einstündiger Spaziergang reduzieren die Beschwerden der saisonalen Depression ebenso wie täglich eine Stunde künstliche Bestrahlung.
Wirkungsphysiologie
Aufgrund zahlreicher Studien besteht eine eindeutige Evidenz, dass Vitamin D3 (zu 90 % vom UV-B in der Haut gebildet, größter Effekt 295–296 nm) für zahlreiche Krankheitsbilder relevant ist und die gesundheitsfördernden Effekte der Heliotherapie vermittelt. Vitamin D3 hat zahlreiche bekannte positive physiologische Auswirkungen [11], wie u. a. eine antikanzerogene Wirkung [11]. Vitamin D3 ist auch die Basis für die klimatherapeutische Behandlung der Psoriasis und der Osteoporose. So wurde z. B. nach einer 4-wöchigen Heliotherapie in 1.600 m ein im Vergleich zur nicht-sonnenden Kontrolle signifikant größerer Anstieg des Vitamin D3 nachgewiesen. Der Anstieg war in Hinblick auf die Behandlung von Osteoporose in einer therapeutisch relevanten Größenordnung, gekoppelt mit entsprechender Veränderung des Kalziumspiegels im Blut.
Die UV-B-Strahlung führt zudem über eine Zunahme der Vitamin-D3-Synthese zum Anwachsen der Ausdauerleistungsfähigkeit. Eine 3-wöchige Klimatherapie in Regionen von 700–3.000 m erbrachte eine signifikante Reduzierung des Trainingsmangels [8].
Luftreinheit und Allergenfreiheit
Hohe Luftreinheit und die Absenz oder Reduktion von Aeroallergenen (Pollen, Schimmelpilze und klimatische Elemente:LuftreinheitHausstaubmilben) sind ebenfalls wesentliche Elemente der Klimatherapie und sind klimatische Elemente:Allergenfreiheitsowohl präventiv als auch therapeutisch v. a. bei chronischen Erkrankungen einsetzbar. Es ist gesichert, dass Luftschadstoffe entzündete und Aeroallergenehyperreagible Atemwege belasten und einen direkten Einfluss auf das Immunsystem haben. Luftverunreinigungen können auch zu einer Verschlechterung der Neurodermitis führen. Sie verstärken zudem die Allergenität der Aeroallergene.
Der Aufenthalt in pollenfreier Umgebung (während der heimischen Pollensaison) verhindert das Auftreten einer Heuschnupfensymptomatik und die weitere Entwicklung einer Pollenallergie. Entsprechendes gilt für auch für Schimmelpilze und Hausstaubmilben. Hausstaubmilbenkot ist das wichtigste Aeroallergen für die Neurodermitis.

Studien

Mehrere Studien aus dem Alpenraum zeigen, dass Hausstaubmilben wegen der geringen Luftfeuchtigkeit ab ca. 1.600 m nicht mehr lebensfähig sind, schon zwischen 850 m und 1.200 m ist die Milbenkonzentration deutlich verringert.

Klimatherapeutische Praxis

Für eine erfolgreiche klimatherapeutische Behandlung muss der Körper täglich während mehrerer Wochen bei exakter Dosierung den biometeorologischen Bedingungen ausgesetzt werden.
Klimaexpositionsverfahren
Klimatische Terrainkur
Die Klimatherapie:PraxisTerrainkur ist das am weitesten verbreitete Klimaexpositionsverfahren und wird sowohl zur Behandlung von Patienten aber auch für gesundheitsbewusste Gäste und Urlauber in fast allen KlimaexpositionsverfahrenKurorten und Rehabilitationskliniken an der See sowie im Terrainkur:klimatischeMittel- und im Hochgebirge eingesetzt [8].
Die Terrainkur ist das kurmäßig dosierte Gehen auf ansteigenden Wegen oder im Sand (am Strand) bei gleichzeitiger Kälteadaption. Während einer „klimatischen Terrainkur“ sollen sich die therapeutischen Auswirkungen des körperlichen Ausdauertrainings während der Wanderungen und die günstigen Einflüsse des Klimas gegenseitig ergänzen und zusätzliche Trainingsreize durch entsprechende klimatische Bedingungen wie kühle Luft, Wind oder UV-Strahlung gesetzt werden.
Die klimatische Terrainkur wird grundsätzlich mit „kühler Körperschale“ durchgeführt, um die oben bereits beschriebene Verdoppelung des Ausdauertrainingseffektes und eine gleichzeitige Abhärtung zu erzielen. Kühle Körperschale meint eine angepasste Bekleidung, die einem subjektiv thermischen Empfinden von „angenehm leicht kühl“ entspricht und die mittlere Hauttemperatur um 2 °C reduziert.
Dosierung: Die Terrainkur sollte 3–4-mal/Woche über einen Zeitraum von 3 Wochen erfolgen. Empfohlen wird eine submaximale Belastung mit einer Herzfrequenz von 160 Schlägen/Min. minus Lebensalter auf den Steigungsstrecken als Belastungsrichtwert empfohlen. Die Trainingsherzfrequenz wird langsam gesteigert.
Frischluft-Liegekur
Die Frischluft-Liegekur – die Kälteexposition während ruhigen Liegens – ist das älteste klimatherapeutische Verfahren. Sie wird heute in Form einer leichten Kälteexposition während ruhigen Liegens vorgenommen und erlaubt eine exakte Dosierung der Frischluft-Liegekurklimatischen Reize ohne gleichzeitige körperliche Belastung.
Dosierung: Die Frischluft-Liegekur ist ein ruhiges Liegen im Freien, wobei die Person zugedeckt liegt, ohne zu schwitzen bzw. zu frieren – eine leicht kühle Haut ist optimal. Die Ruhezeit liegt zwischen wenigen Minuten und 2 Stunden.
Wichtig ist ein geschützter Liegeort im Freien (keine Zugluft, Wärme- oder Kältestrahlungen vom Boden/Wänden).
Heliotherapie
Bei der Heliotherapie, der therapeutischen Anwendung des UV-B-Anteils der Sonnenstrahlung, werden der ganze Körper oder erkrankte Teile der Haut der Sonne exponiert. Durch Adaptation an die Sonnenstrahlung werden verschiedene Mechanismen in Gang gesetzt, wobeiHeliotherapie das wesentlichste therapeutische Ziel der Heliotherapie die Zunahme der Vitamin-D3-Synthese (s. o.) ist. Wichtig für die Erzielung der gesundheitsfördernden und therapeutischen Effekte sowie für die Vermeidung eines Risikos ist die gekonnte und richtige Dosierung der Sonnenstrahlung ohne Sonnenschutz (Übersicht in [8]).
Dosierung: Die Besonnungsdauer wird durch den individuellen Hauttyp vorgegeben. Hellhäutige, rotblonde, blasse Personen benötigen eine deutlich kürzere Sonnenexposititon als dunklere Hauttypen. Der „mittlere“ deutsche Hauttyp III weist einen Eigenschutz von ca. 30 Min. auf. Hilfreich ist das Austesten der individuellen Lichtempfindlichkeit mittels einer sog. Erythem-Lichttreppe: Eine Schablone wird auf den Unterarm gelegt und auf die Aussparungen werden aufsteigend unterschiedliche UV-B-Intensitäten appliziert. Nach 24 Std. kann aufgrund der Hautrötung die minimale Erythemschwelle – d. h. der Zeitpunkt, ab dem sich die Haut zu röten beginnt – abgelesen werden. Während der therapeutischen Heliotherapie wird auf Sonnenschutz verzichtet. Ein Sonnenbrand ist auf alle Fälle zu vermeiden! Zwischen den einzelnen Besonnungen sollte eine 24-stündige Pause liegen.
Meerbad
Auch das Meerbad gehört im weitesten Sinne zur Klimaexposition. Es bedeutet meist einen massiven Kältereiz und wirkt sich auf Kreislauf und Stoffwechsel aus.
Während der Thalassotherapie werden Anwendungen des Meeres wie warme und kalte Meerwasserbäder, MeerbadSchlamm-, Schlick- und Algenpackungen therapeutisch eingesetzt.
Dosierung: Das Meerbad wird in Abhängigkeit von der Wassertemperatur anfänglich täglich wenige Minuten durchgeführt und langsam gesteigert [8].
Klimatherapie in verschiedenen Klimazonen
Die Wirkfaktoren von Mittelgebirgs-, Hochgebirgs- und Seeklima sind in Dosis und Variabilität gegenüber dem Flachland verändert (Tab. 5.10) und sind reizintensiv bzw. schonend und entlastend. In den einzelnen Klimazonen sind immerKlimatherapie:nach Klimazonen reizintensive und entlastende Parameter vorhanden, nur die Ausprägung des einen oder anderen Faktors überwiegt. Entsprechend spricht man auch von einem Reiz- oder Schonklima [8].

Merke

  • ReizklimaReizklima: Dies erfordert eine Adaptation des Körpers an die reizintensiven Klimaelemente kühle Luft und Wind, Sonnenstrahlung, sichtbares Licht und an die speziellen Bedingungen im Hochgebirgsklima, wie reduzierter Sauerstoffpartialdruck oder beim Seeklima an das Aerosol des Meerwassers.

  • SchonklimaSchonklima: Es bewirkt eine Entlastung des Körpers von belastenden Wetter- oder Klimabedingungen, wie z. B. Luftverunreinigungen, Allergenen, Schwüle, Nebel, Inversionen.

Indikationen der verschiedenen bioklimatischen Zonen
Hochgebirgsklima
Höchste Evidenz über kurz und langfristige Erfolge liegt für die Klimatherapie im Hochgebirge vor [5]: Die Domäne sind die atopischen Erkrankungen wie Neurodermitis und HochgebirgsklimaAsthma bronchiale. So vermindern sich z. B. bei jugendlichen Asthmatikern mit Hausstaubmilbenallergie einem Höhenaufenthalt bronchiale Hyperreagibilität und Entzündungsmarker. Das Fehlen von atopische Erkrankunge:K∗limakur∗Luftschadstoffen während Klimatherapie zwischen 810 m und 1.010 m wirkt sich positiv auf den Krankheitsverlauf von asthmatischen Kindern aus.

Studien

Die AURA-Studie [1] mit 165 Kindern und 138 Erwachsenen mit atopischer Dermatitis in drei bayerischen Rehabilitationskliniken (in 850, 1.000 und 1.200 m ü. N. N.), stellt günstige Immediateffeke fest: Der SCORAD sank nach 3–4 Wochen in allen drei Höhenlagen deutlich und verbesserte sich z. B. bei Kindern in 1.200 m hochsignifikant von 31,4 auf 15,9. Selbst in 850 m war bei Erwachsenen eine hochsignifikante Reduktion von 63,2 auf 37,8 festzustellen. FEV1, auch beim Kaltluft-Provokationstest sowie Lebensqualität (signifikante Zunahme aller Subparameter des SF-36) stiegen an. Nach einem 4–6-wöchigen Rehabilitationsaufenthalt in 1.600 m Höhe waren bei Entlassung 92 % der Patienten mit atopischer Dermatitis erscheinungsfrei.

In einer Übersichtsarbeit mit Daten von 428 erwachsenen und jugendlichen Asthmapatienten (mit und ohne Hausstaubmilbenallergie) nach Klimatherapie in 1.600 m Höhe [9] konnten eine Verminderung der Steroidtherapie sowie wesentliche positive Veränderungen immunologischer Parameter nachgewiesen werden.

Eine kontrollierte Studie (Jugendliche mit Asthma bronchiale und Hausstaubmilbenallergie 10 Wochen in Davos [2]) zeigt eine signifikante Verbesserung aller Parameter im Vergleich zu der auf Seehöhe behandelten Kontrollgruppe: Zunahme der Lebensqualität, Verbesserung der bronchialen Reaktion, Verdopplung der Histamin- und AMP-Konzentrationen im Provokationstest, Abnahme der Eosinophilen und Entzündungsparameter. Sie bestätigt auch einen längerfristig anhaltenden Effekt: Die signifikante Verbesserung des Krankheitsbilds und die Steigerung der Lebensqualität waren noch 6 Wochen nach Beendigung der Hochgebirgsklimatherapie festzustellen, während sich bei der Kontrollgruppe keine Veränderung ergab.

Langfristige Erfolge konnten auch bei über 6.000 erwachsenen Patienten mit atopischem Ekzem und allergischem Asthma bronchiale dokumentiert werden [7]. Im Follow-up zeigte sich bei ⅔ noch nach 12 Monaten eine deutliche Verbesserung. Auch der Kortikosteriodverbrauch blieb deutlich reduziert. Die Fehlzeiten in Beruf und Schule waren in den 12 Monaten nach Hochgebirgsklimatherapie von vorher 26 % auf 2 % abgesunken.
Nicht-allergisches Asthma ist ebenfalls eine etablierte Indikation für die Hochgebirgsklimatherapie basierend auf den gesicherten positiven Effekten sauberer Luft und der „Abhärtung“ durch die ganzjährig kühlen Temperaturen (s. o.). Einer neueren Übersichtsarbeit zufolge zeigen Patienten eine Reduktion ihrer Asthmasymptome [9].
Unter Einsatz der ganzjährig therapeutisch relevanten UV-B-Intensität im Hochgebirge gehört die Heliotherapie auch heute noch zu den effektivsten Behandlungsarten der Psoriasis, gerade bei schweren Formen. In Davos weisen 95 % der Patienten bei Entlassung Erscheinungsfreiheit bzw. eine wesentliche Besserung auf. Aufgrund der längerfristigen Rezidivfreiheit wenden 2/3 der Patienten bis zu 7 Monate nach Hochgebirgsklimatherapie keine Kortikosteroidmedikation mehr an [7].

Studien

Die AMAS-Studie [4] zeigte bei Patienten mit metabolischem Syndrom nach 3-wöchiger Klimatherapie in 2.000 m Höhe günstige Auswirkungen u. a. auf die Blutfette.

Auch bei weiteren Indikationen der Klimatherapie wie Osteoporose, KHK oder sog. funktionellen Störungen des Herz-Kreislauf-Systems sprechen Studienergebnisse für eine rasch einsetzende und anhaltende Reduzierung der Symptome durch Hochgebirgsklimatherapie.

Cave

Neben Erkrankungen wie lichtprovozierbaren Dermatosen und Lupus erythematodes sind grundsätzlich alle diejenigen Erkrankungen für das Hochgebirge kontraindiziert, bei denen die Sauerstoffsättigung des arteriellen Blutes bereits im Tiefland reduziert ist [7]. Weitere Kontraindikationen stellen u. a. der Zustand nach schweren Erkrankungen sowie ausgeprägte maligne Erkrankungen dar.

Seeklima
Für die Klima- und Thalassotherapie an Nord- und Ostsee ist ein großer Erfahrungsschatz vorhanden. Es liegen aber nur wenige den heutigen wissenschaftlichen Anforderungen entsprechende Daten vor.
Die Prävention von gesteigerter Infektanfälligkeit der Seeklimaoberen Atemwege ist die bekannteste Indikation für die Nord- und Ostsee. Diese erfolgt über Abhärtung, deren kurz- und längerfristige Erfolge gesichert sind [8]. So fand man auch ein signifikant höheres Durchblutungsniveau der Infektanfälligkeit:K∗limakur∗Nasenschleimhaut nach einer 6-wöchigen Klimakur von infektanfälligen Kindern auf Sylt, was als konsensuelle Erholungsreaktion nach einem Kaltreiz auf die Füße bekannt ist. Nach einer Nordsee-Klimakur sind bei Kindern die Konzentrationen an sekretorischem IgA im Speichel sowie von Kortisol erhöht.
Auch für Asthma bronchiale sind Behandlungserfolge (wie Reduktion des IgE, Zunahme Suppressor[T8]-Zellen, Reduktion Helfer T4-Zellen und T4/T8-Verhältnis) bekannt. Eine 4-wöchige thalassotherapeutische Behandlung (Klimatherapie und Meerwasserbäder) an der Nord- und Ostsee zeigte bei 90 % der 3- bis 65-jährigen Neurodermitiker eine akute Reduktion des EASI-Scores um 50 % [3]. Sonnenbestrahlung und Meeresbad stellen die Hauptkomponenten der Behandlung der Psoriasis an der See dar und führen erfahrungsgemäß zur deutlichen Verbesserung des Hautzustands.

Cave

Je nach Schweregrad und Ursache sind zahlreiche Erkrankungen, wie eine ausgeprägte Hypertonie, für die hoch reizintensive Nordsee kontraindiziert, für die Klimatherapie an der Ostsee unter gleichzeitiger hochqualifizierter medizinischer Betreuung jedoch möglich.

Mittelgebirgsklima
Für diejenigen Patienten, die keine zusätzlichen starken Klimareize wie im Hochgebirge oder an der See vertragen können, ist das Mittelgebirge geeignet. Die wichtigste und erfolgreichste Indikation ist die Rekonvaleszenz nach schweren Erkrankungen und MittelgebirgsklimaOperationen für Patienten aller Altersgruppen, auch für maligne Erkrankungen. Durch seine schonenden Faktoren ist das Mittelgebirgsklima auch für schwere Herz- und Gefäßkrankheiten besonders geeignet. Bei schweren nicht-allergischen Atemwegserkrankungen, die – wie COPD oder schweres intrinsic Asthma – bereits im Flachland eine reduzierte Sauerstoffversorgung haben, wird die Klimatherapie unter dem Aspekt der Entlastung von Luftverunreinigungen und der dadurch stattfindenden Entlastung des Atemtrakts durchführt. Die entzündeten Schleimhäute der Atemwege erhalten eine Chance zur Regeneration.

Cave

Alle Formen von Atopien wie allergisches Asthma, Heuschnupfen (während der Pollensaison) und Neurodermitis stellen eine Kontraindikation dar, da im Mittelgebirge Allergene in Form von Pollen, Schimmelpilzen und Hausstaubmilben gehäuft vorkommen.

Literatur

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A. Schuh Biowetter – Wie das Wetter unsere Gesundheit beeinflusst. Becks Wissen 2007 Beck München

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A. Schuh Die Evidenz der Klima- und Thalassotherapie Schweiz. Zschr. Ganzheits Med 21 2009 96 104

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C. Steiner Neurodermitis und Psoriasis: Was bringt die stationäre Therapie im Hochgebirgsklima mehr? Praxis (Bern 1994) 98 2009 1373 1376

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K. Vähävihu L. Ylianttila R. Salmelin Heliotherapy improves vitamin D balance and atopic dermatitis Brit J Dermatol 158 2008 1323 1328

Phytotherapie

Karin Kraft

Grundlagen

Die Behandlung mit Heilpflanzen ist eine wesentliche Grundlage jeder Form der Ethnomedizin. Die nationale wie auch die EU-Definition des Begriffs „Phytotherapie“ umschreibt die Anwendung von Arzneipflanzen (-teilen)Phytotherapie (pflanzliche Drogen) sowie deren Zubereitungen zur Heilung, Linderung und Prävention von Krankheiten bis hin zu Befindlichkeitsstörungen.

Merke

Die Phytotherapie beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und vertritt ein naturwissenschaftliches, kausales oder symptomatisches Therapieprinzip. Der Zusammenhang von Dosis und Wirkung wird als pharmakologisch charakterisierbar aufgefasst. Phytotherapie ist somit ein besonderer Teil der allopathischen Medizin, aber nicht eine „besondere“ Therapierichtung mit eigenem Weltbild. Sie kann grundsätzlich mit den Maßstäben der allopathischen Medizin (einschließlich der Kriterien der evidenzbasierten Medizin) gemessen werden.

Pflanzliche Drogen und deren Extrakte enthalten Vielstoffgemische, deren chemische Zusammensetzungen in der Regel nur teilweise bekannt sind. Wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe sind chemisch definierte Stoffe oder Stoffgruppen, deren substanzieller Beitrag zur therapeutischen Wirkung einer pflanzlichen Droge oder Zubereitung aus pflanzlichen Drogen bekannt ist. Neben diesen Hauptwirkstoffen, welche die Wirkrichtung bestimmen, enthalten pflanzliche Drogen Nebenwirkstoffe, die den Effekt der Hauptwirkstoffe modifizieren können, indem sie beispielsweise deren Stabilität oder Bioverfügbarkeit beeinflussen. Außerdem finden sich Begleitstoffe, die nicht unmittelbar an der Wirkung beteiligt sind, aber die Pharmakokinetik der Wirkstoffe beeinflussen können.
Von der Pflanzenheilkunde zur rationalen Phytotherapie
Bereits im altgriechischen Corpus Hippocraticum (um 400 v. Chr.) wurden 234 Heilpflanzen und deren gezielte Anwendung beschrieben. Auch in der mittelalterlichen Klostermedizin spielten Heilpflanzen eine herausragende Rolle: Das berühmte Lorscher Arzneibuch ist eine Handschrift aus der Zeit Karls des Corpus HippocraticumGroßen (um 795) und wurde als Handbuch für den Mönchsarzt konzipiert. Es handelt sich um eine 150-seitige Sammlung medizinisch-pharmazeutischer Texte. Die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179) beschrieb in ihrem Werk Cause et Curae, Pflanzen, die von der Bevölkerung zur Behandlung von Krankheiten verwendet wurden wie z. B. Bibernell, Bockshornklee, Brennnessel, Engelsüß, Galgant, Huflattich, Klette, Lorbeer, Majoran, Raute, Storchschnabel, Tormentill und Wermut. Die Erfindung des Buchdrucks war für die Verbreitung des Wissens zu Heilpflanzen von großer Bedeutung. Eines der ersten gedruckten Kräuterbücher und zugleich eines der wichtigsten frühen Werke zur Naturgeschichte ist der Gart der Gesundheit von 1485. In 435 Kapiteln werden 382 Pflanzen, 25 Arzneimittel aus dem Tierreich und 28 Mineralien beschrieben.

Merke

Bis zum 19. Jahrhundert sind pflanzliche Drogen und deren Zubereitungen sehr wichtige Bestandteile der therapeutischen Konzeption.

Nach der Einführung der „chemiatrischen“ Arzneisubstanzen durch Paracelsus (1493–1541) finden sich in den offiziellen Arzneibüchern jedoch zunehmend komplex zusammengesetzte Arzneimittel (sog. Compositae). In der Württembergischen Pharmakopöe von 1771 betrug ihr Anteil bereits über 55 %. Die Herstellung der Compositae erforderte pharmazeutisches Fachwissen, ihre Anwendung ärztliches. Hierin liegt die Ursache der Trennung in Pharmazie und ärztliche Tätigkeit in der frühen Neuzeit.
Mit dem Aufstreben der Naturwissenschaften wurde der überlieferte Arzneischatz einer gründlichen Prüfung unterzogen. Mit der Entdeckung des Morphins durch Friedrich Wilhelm Sertürner im Jahr 1804 begann das Zeitalter der Pharmakochemie. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden viele pharmazeutische Firmen gegründet, die zunehmend patentgeschützte Arzneimittel auf den Markt brachten. Im Deutschen Arzneibuch von 1882 finden sich 15 Sertürner, Friedrich Wilhelmsynthetische Arzneistoffe bei insgesamt 896 Arzneistoffen, 1910 sind es bereits 65 synthetische Arzneistoffe bei insgesamt 638. Gleichzeitig gingen der Handel und die Anwendung von Arzneipflanzen in dieser Zeit stark zurück.
Volksmedizinische Pflanzenheilkunde
In der naturheilkundlichen Bewegung (ab ca. 1800) wurden alle Medikamente zunächst strikt abgelehnt. Erst Sebastian Kneipp (1821–1897) führte die Verwendung von Arzneipflanzen auf Phytotherapie:volksmedizinischevolksheilkundlicher Basis in die Naturheilkunde ein und beschrieb ihre Anwendung auch in seinen Büchern. Seinem Beispiel folgend finden sich in der populärmedizinischen Ratgeberliteratur (z. B. bei Kneipp, SebastianBilz, Platen oder Wolf) viele Zeugnisse der Anwendung von Phytotherapie um die Jahrhundertwende. Winternitz, der als erste Inhaber eines naturheilkundlichen Lehrstuhls in Wien forschte und lehrte, erzielte große Erfolge mit dem Einsatz von Phytotherapie.
Um dem wachsenden Misstrauen der meisten deutschen Ärzte gegenüber der therapeutischen Wirkung von Arzneipflanzen entgegenzutreten, die im Gegensatz zu den chemisch definierten nicht beworben wurden, wurde um 1910 die Hortus-Gesellschaft gegründet, die den Anbau und das Sammeln geeigneter Arzneipflanzen auf heimischem Boden förderte. Sie legte Versuchsgärten und Mustergüter an und führte pharmakologische Studien zu Arzneipflanzen und deren Wirkstoffen durch. So wurden Apotheken und Hortus-Gesellschaftpharmazeutische Industrie mit Rohstoffen versorgt und zugleich Arbeitsplätze für Kriegsinvalide geschaffen. Im Jahr 1917 wurden sogar die Schulkinder durch einen ministeriellen Erlass zum Kräutersammeln herangezogen. In dieser Zeit erwarb der Schweizer Pfarrer Johann Künzle (1857–1945) ein umfangreiches phytotherapeutisches Wissen, das in der Bevölkerung noch nach seinem Tode großen Anklang fand. In den 1920er-Jahren war die Anwendung von Heilpflanzen durch medizinische Laien weit verbreitet. Etwa um 1929 wurden als Künzle, Johannpharmazeutische Novität Frischpflanzenpresssäfte aus Arzneipflanzen hergestellt, die in den Reformhäusern erhältlich waren, von den Laienheilern empfohlen wurden und in naturheilkundlich orientierten Bevölkerungskreisen eine weite Verbreitung fanden.
Entwicklung der rationalen Phytotherapie
Die Apotheker boten pflanzliche Drogen ab ca. 1930 wieder vermehrt an. Die Phytotherapie kehrte auch allmählich in die ärztlich ausgeübte Medizin zurück: Rudolf Fritz Weiß (1895–1991), der Phytotherapie:rationalespäter die wissenschaftliche Gesellschaft für Phytotherapie mitbegründete, übernahm 1931 eine Dozentur für Phytotherapie an der Berliner Akademie für ärztliche Fortbildung. 1942 erschien die erste Auflage seines Lehrbuches Weiß, Rudolf FritzPhytotherapie.
Im Dritten Reich wurde die Forschung zur Phytotherapie zur staatlichen Aufgabe. 1935 wurde die Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde e. V. gegründet, deren Zweck es war, Anbau und Sammlung von Heilpflanzen durch straffe Organisation unter staatlicher Aufsicht vorwärtszutreiben, um damit eine vom Ausland unabhängige Arzneimittelversorgung zu erreichen. 1939 wurden die staatlichen Forschungsmittel für die Phytotherapie allerdings zugunsten der Entwicklung chemisch-synthetischer Arzneimittel gestrichen. Phytopharmaka waren jedoch inzwischen regulärer Bestandteil von therapeutischen Konzepten auch an den Universitätskliniken geworden und hatten Eingang in die medizinischen Lehrbücher gefunden.
In der Nachkriegszeit wurde international, so auch in Deutschland, vom Staat die Herstellung von chemisch-synthetischen Arzneimitteln gefördert. Heilpflanzen wurden in den pharmakologischen Lehrbüchern für Ärzte ab Mitte der 1960er-Jahre nur unzureichend bearbeitet oder überhaupt nicht mehr erwähnt. In der Bevölkerung ließ das Interesse aber nicht nach. Verfasser populärmedizinischer Kräuterbücher wie z. B. Maria Treben sahen sich als Bewahrer der volksheilkundlichen Tradition und beriefen sich dabei u. a. auf Hildegard von Bingen, Albertus Magnus, Paracelsus oder Sebastian Kneipp und erreichten hohe Auflagen. Die unkritische Sichtweise dieser Autoren hat der Akzeptanz der Phytotherapie durch Fachkreise jedoch eher geschadet als genützt.
Phytotherapie heute
In den letzten Jahren wurde die Phytotherapie auch von der medizinischen Forschung wiederentdeckt, nachdem man sich jahrzehntelang lediglich auf die Monotherapie mit chemisch definierten Substanzen konzentriert hatte, um eine möglichst hohe spezifische Wirksamkeit bei der jeweiligen Indikation zu erzielen. Es zeigte sich jedoch, dass diese Substanzen in der Regel im Sinne des Multi-Targeting nicht nur bei der vorgesehenen Indikation wirken, sondern auch andere positive und/oder negative Wirkungen haben können. Für Extrakte aus Arzneidrogen wurde inzwischen in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt, dass sie infolge der Vielzahl ihrer Inhaltsstoffe ein breites Indikationsspektrum bei sehr guter Verträglichkeit besitzen. Daraus isolierte Naturstoffe weisen oft sogar eine geringere Wirkung auf, häufig sind die Wirkstoffe auch nur in Kombination wirksam. Deshalb stehen Extrakte aus Arzneipflanzen zunehmend im Fokus der modernen medizinischen Forschung.
Arzneimittelrechtliche Grundlagen
Phytopharmaka oder Phytotherapeutika sind Arzneimittel, die als arzneilich wirksame Stoffe ausschließlich Pflanzen, Pflanzenteile oder Pflanzenbestandteile in bearbeitetem oder unbearbeitetem Zustand enthalten. Seit 2000 werden Phytotherapie:arzneimittelrechtliche Grundlagensie in der EU als „herbal medicinal products“ bezeichnet.
Phytopharmaka in Deutschland
In Deutschland entsprechen Phytopharmaka gemäß § 22 des Arzneimittelgesetzes (AMG) von 1976 einem chemisch-synthetischen Phytopharmaka:herbal medicinal productsArzneimittel. Sie unterliegen auch den gleichen Anforderungen hinsichtlich Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit. Bei einem PhytopharmakaZulassungsverfahren von Phytopharmaka gibt es gegenüber den chemisch-synthetischen Arzneimitteln jedoch einen Unterschied, der auch von der European Medicinal Agency (EMA) übernommen wurde. Es können neben den produktspezifischen Ergebnissen auch Monografien (wissenschaftliches Erkenntnismaterial), die von einer Sachverständigenkommission erarbeitet wurden, bei einem Zulassungsverfahren vorgelegt werden.

Exkurs: Monografien

Kommission-E-Monografien

Aufgrund der Umsetzung des 2. Arzneimittelgesetzes von 1976 bzw. 1978 mussten bereits am Markt befindliche Phytopharmaka im Rahmen des Nachzulassungsverfahrens den Nachweis von Qualität, MonografienWirksamkeit und Unbedenklichkeit aus dem Monografien:Kommission Ewissenschaftlichen Erkenntnismaterial erbringen. Da dieses Material zunächst zusammengestellt werden musste, wurde die interdisziplinär zusammengesetzte Kommission E am Bundesgesundheitsamt, dem späteren Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), mit dieser Aufgabe betraut. Von 1978 bis 1995 entstanden 378 Monografien (standardisierte Datensammlungen) von pflanzlichen Drogen und Drogenzubereitungen, die internationale Bedeutung erlangt haben. 245 Drogen wurden positiv bewertet, 133 negativ. Eine pflanzliche Droge wurde negativ monografiert, wenn das Risiko größer war als der Nutzen oder wenn der Wirksamkeitsbeleg für die beanspruchte Indikation nicht ausreichend belegt werden konnte. Diese Monografien scheinen zwar heute veraltet zu sein, dennoch bestätigen die neueren Monografien aus Europa und von der WHO im Wesentlichen deren Aussagen.

ESCOP-Monografien

Auf europäischer Ebene arbeitet seit 1992 die European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP), die 1989 als Dachverband nationaler Gesellschaften für Phytotherapie gegründet wurde. Hauptziele der ESCOP sind die Förderung und Erarbeitung des Monografien:ESCOPwissenschaftlichen Status von pflanzlichen Drogen und die Harmonisierung ihrer Zulassung innerhalb von Europa, Hauptaufgabe ist die Erarbeitung von detaillierten Monografien. Es gibt bereits mehr als 120 Monografien, auch zu außereuropäischen Drogen.

WHO-Monografien

Seit 1998 erstellt die Abteilung Traditional Medicine – Department of Essential Drugs and Policy der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Monografien. Bevorzugt werden Drogen, die global bei häufigen Indikationen in der traditionellen Medizin verwendet werden.Monografien:WHO Diese Tätigkeit dient der internationalen Harmonisierung der Qualität und der klinischen Anwendung sowohl im traditionellen wie im modernen Bereich. Inzwischen wurden über 130 Monografien erstellt. Die Abteilung bietet auch Hilfestellung bei der Erarbeitung nationaler Rezepturen im Rahmen der nationalen Harmonisierung und bei der Entwicklung von Arzneimittelmärkten in den Entwicklungsländern. Dies ist erforderlich, da aufgrund der hohen Kosten der westlichen Medizin gegenwärtig 80 % der Weltbevölkerung mit ethnomedizinischen Methoden behandelt werden.

HMPC-Monografien

Seit 2008 erarbeitet das europäische Herbal Medicinal Products Committee (HMPC) der European Medicines Agency (EMA), – der europäischen Zulassungsbehörde – Monografien, um den europäischen Harmonisierungsprozess voranzubringen (zu den Monografien:HMPCIndikationsangaben 5.5.5 bei den jeweiligen Drogen). Bis Ende 2011 wurden europaweit 751 traditionelle pflanzliche Arzneimittel registriert. Im Jahr 2011 wurden z. B. 71 pflanzliche Arzneimittel, davon 54 Monopräparate und 17 Kombinationspräparate zugelassen.
Monografiekonforme Phytopharmaka in Deutschland und der EU
Entsprechen Phytopharmaka den Anforderungen des deutschen AMG, wozu die Konformität mit der entsprechenden Monografie gehört, werden sie nach § 105 des Arzneimittelgesetzes (AMG) zugelassen. Sie sind an der Zulassungsnummer (Zul.-Nr.) Phytopharmaka:monografiekonformeerkenntlich und apothekenpflichtig. Das HMPC hat für bestimmte Extrakte, bei denen für die beanspruchten Indikationen ein sehr guter Wirksamkeitsbeleg vorliegt, die Kategorie „well-established use“ geschaffen. Die Anforderungen in dieser Kategorie sind hinsichtlich des Wirksamkeitsbelegs von Extrakten sehr hoch.
Traditionell angewendete Phytopharmaka in Deutschland und der EU
In Phytopharmaka:well established useEuropa ist noch eine weitere Klasse von Phytopharmaka erhältlich, die nach der Traditional Herbal Medicinal Products Directive (THMPD) der EU-Richtlinien eine Registrierungsnummer (Reg.-Nr.) tragen (Richtlinie 2002/24/EG). Sie sind nicht Phytopharmaka:traditionelleapothekenpflichtig, werden in der Regel außerhalb der Apotheke gehandelt und spielen bei der Therapie durch Ärzte nur eine geringe Rolle.
Bei diesen Arzneimitteln liegen in der Regel keine klinischen Prüfungen der Wirksamkeit vor, diese muss aber plausibel sein. Qualität und Sicherheit müssen jedoch nachgewiesen sein, d. h. die Extrakte müssen den Anforderungen der betreffenden HMPC-Monografie im Sinne des „traditional use“ entsprechen. Zudem muss für das betreffende Produkt eine über 30-jährige Tradition vorliegen, davon mindestens 15 Jahre in einem EU-Mitgliedstaat.
Diese Arzneimittel tragen die Kennzeichnungen: „Das Arzneimittel ist ein traditionelles Arzneimittel, das ausschließlich auf Grund langjähriger Anwendung für das Anwendungsgebiet registriert ist“ und „… der Anwender sollte bei fortdauernden Krankheitssymptomen oder beim Auftreten anderer als der in der Packungsbeilage erwähnten Nebenwirkungen einen Arzt oder eine andere in einem Heilberuf tätige qualifizierte Person konsultieren.“ Sie dienen zur Vorbeugung sowie Unterstützung und Förderung von therapeutischen Maßnahmen. In dieser Kategorie finden sich leider viele in Deutschland vom BfArM zugelassene Phytopharmaka, deren Wirksamkeitsnachweis trotz Vorliegens von klinischen Studien vom HMPC nicht als ausreichend bewertet wurde.

Exkurs: Kombinationspräparate

In der vornaturwissenschaftlichen Zeit wurden pflanzliche Drogen in Teezubereitungen fast immer kombiniert verabreicht. Diese empirischen Erkenntnisse wurden bei Entwicklung von Phytopharmaka aufgenommen. So waren noch in den 1970er-Jahren viele Phytopharmaka:Kombinationspräparatepflanzliche Kombinationspräparate auf dem Markt. Seit Abschluss des Nachzulassungsprozesses gibt es in Deutschland nur sehr wenige Phytopharmaka, die drei oder noch mehr Extrakte aus pflanzlichen Drogen enthalten.

Die Ursache dafür ist, dass die Kommission E infolge der großen Aufgabenfülle und knappen Ressourcen kaum Kombinationsmonografien erstellen konnte. Daraufhin mussten die Hersteller von nicht-monografierten Kombinationspräparaten in Deutschland gegenüber dem BfArM im Rahmen des Nachzulassungsprozesses die Wirksamkeit für jeden Bestandteil des Phytopharmakons belegen. Dies erfordert jedoch mehrarmige klinische Studien, die auch von global agierenden Arzneimittelherstellern allenfalls dann finanziert werden können, wenn das betreffende Produkt patentiert ist, was bei Phytopharmaka regelhaft nicht der Fall ist. Damit konnten die meisten Kombinationspräparate das Nachzulassungsverfahren nicht erfolgreich abschließen und sind deshalb nicht mehr erhältlich, obwohl sie bezüglich ihrer Wirksamkeit aufgrund ihrer Zusammensetzung völlig plausibel waren.

Abgrenzung Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel
Phytopharmaka unterscheiden sich deutlich von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM), diätetischen Lebensmitteln und anderen dem Lebensmittelrecht unterliegenden Kategorien, in denen u. a. auch pflanzliche Extrakte und Inhaltsstoffe zum Verkauf gelangen. Da NahrungsergänzungsmittelÄrzte und Patienten die Unterschiede zwischen Phytopharmaka und NEM oft nicht genau kennen, sollen einige wichtige Aspekte dargestellt werden.

Exkurs: Nahrungsergänzungsmittel (NEM)

NEM sind Lebensmittel (gemäß Richtlinie 2002/46/EG), die

  • dazu bestimmt sind, die allgemeine Ernährung zu ergänzen und verzehrt zu werden (Arzneimittel werden dagegen eingenommen),

  • Konzentrate von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung allein oder in Kombination darstellen,

  • in dosierter Form (Kapseln, Tabletten und anderen Darreichungsformen), d. h. vergleichbar zu Arzneimitteln, zur Aufnahme in abgemessenen kleinen Mengen in den Verkehr gebracht werden.

Bei der Herstellung eines NEM im Sinne der EU-Verordnung dürfen nur folgende Nährstoffkategorien verwendet werden: Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente. Bei der Deklaration ist eine krankheitsbezogene Werbung verboten, d. h. sie haben offiziell keine therapeutische Zweckbestimmung.

Die Qualitäten von NEM sind sehr unterschiedlich. Im Gegensatz zu Phytopharmaka dürfen sie allerdings aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht deklariert werden.

Es gibt NEM mit pflanzlichen Extrakten, die eine Qualität haben, die einem standardisierten Phytopharmakon sehr nahekommt. Sie sind auf konstante Mindestgehalte von wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen eingestellt und in der Regel apothekenexklusiv. Die meisten NEM minderer Qualität sind nicht apothekenexklusiv bzw. nur außerhalb der Apotheke, z. B. im Internet oder im Versandhandel erhältlich. NEM werden vor Markteintritt hinsichtlich Wirksamkeit, Qualität und Unbedenklichkeit nicht behördlich überprüft.

Phytopharmaka: Anforderungen und Arzneiformen

Phytopharmaka werden in den üblichen Arzneiformen wie z. B. Tropfen, Tabletten, Dragees, Kapseln und Externa angeboten. Besonderheiten der Phytotherapie sind Medizinaltees (5.5.7), Frischpflanzenpresssäfte und verschiedene Phytopharmaka:AnforderungenAnwendungsformen für ätherische Öle wie Raumverdampfung, Wasserdampfinhalationen, medizinische Bäder, Salben und Gele.
Pharmazeutische Qualität
Für eine angemessene Qualität der Phytopharmaka müssen die Beschaffenheit der verwendeten pflanzlichen Drogen und anderen Ausgangsstoffe ebenso wie die Herstellungsbedingungen besonderen Standards zu genügen. Grundlage für eine hohe Phytopharmaka:pharmazeutische Qualitätpharmazeutische Qualität ist eine hohe und gleich bleibende Qualität der Ausgangsstoffe. Qualitätsbestimmende Faktoren für die Zusammensetzung eines pflanzlichen Extrakts sind die korrekte Pflanzenspezies und der richtige Pflanzenteil. Da pflanzliche Rohstoffe naturgegeben beträchtlichen Schwankungen beim Gehalt von Wirk- und Begleitstoffen sowie Verunreinigungen unterschiedlicher Herkunft unterliegen, ergeben sich Einflüsse auf Wirkstoffgehalte und Reinheit insbesondere durch:
  • Umweltfaktoren wie z. B. Klima oder Bodenbeschaffenheit

  • Sorteneigenschaften (Wildsammlung, Anbau in Kulturen)

  • Wahl des Erntezeitpunktes (Tageszeit, Wachstumsphase der Pflanze)

  • Art der Drogengewinnung (manuell, maschinell)

  • Nachbehandlung

  • Lagerung

Während bei der Wildsammlung das Pflanzenmaterial sehr heterogen sein kann und oft verschiedene Chargen miteinander gemischt werden müssen, um ein standardisiertes Produkt herzustellen, ist das Pflanzenmaterial in Arzneipflanzenkulturen (kontrollierter Anbau) homogen. Kontrollierter Anbau ist teuer, aber bei Pflanzen, die unter Artenschutz stehen oder von denen große Mengen benötigt werden, unverzichtbar. Sie bieten zudem weitere Vorteile: Verwechslungen oder Verfälschungen sind nahezu ausgeschlossen, Verunreinigungen oder unkontrollierte Rückstände von Pflanzenschutzmitteln selten. Der zunehmende ökologische Arzneipflanzenanbau zeitigt nach neueren Untersuchungen beim Ertrag und beim Gehalt von wichtigen Inhaltsstoffen (Wirkstoffen) sehr gute Ergebnisse. Grundsätzlich sollen bei Anbau und Ernte von Arzneipflanzen die Regeln der Good Agricultural and Collection Practice (GACP) Anwendung finden.

Merke

Pflanzliche Drogen in Arzneibuch-Qualität unterliegen im europäischen Raum Reinheitsanforderungen z. B. hinsichtlich:

  • Pflanzenschutzmittelrückständen

  • Aflatoxinen (Höchstmenge für A. B1: 2 μg/kg)

  • Schwermetallen (z. B. Blei, Quecksilber oder Kadmium)

  • mikrobieller Belastung (diese darf vergleichsweise hoch sein, da pflanzliche Drogen der Arzneimittelkategorie 3B entsprechen)

Bei Bezug von Arzneidrogen aus außereuropäischen Ländern ist primär nicht davon auszugehen, dass Arzneibuchqualität geliefert wird.

Standardisierung
Bei sog. standardisierten Herstellungsverfahren wird der Extrakt auf einen bestimmten Gehalt an einer wirksamkeitsbestimmenden Substanz(-gruppe) eingestellt. Dafür werden Inprozesskontrollen (Überwachung der Herstellungsschritte durch Phytopharmaka:Standardisierunganalytische Kontrollen), z. B. mittels Leitsubstanzen, durchgeführt. Hierbei handelt es sich um chemisch definierte Inhaltsstoffe – unabhängig davon, ob sie wirksamkeitsbestimmende Eigenschaften haben –, die zu Kontrollzwecken von Interesse sind. Diese Standardisierung ist die Grundvoraussetzung für die Reproduzierbarkeit der Wirksamkeit des betreffenden Phytopharmakons.

Merke

In Deutschland zugelassene Fertigarzneimittel auf pflanzlicher Basis enthalten fast ausnahmslos standardisierte Extrakte, wobei bei den einzelnen pflanzlichen Drogen je nach Hersteller unterschiedliche Extraktionsverfahren verwendet werden.

Durch die unterschiedlichen Extraktionsverfahren können Unterschiede in der Wirkung bzw. Wirksamkeit beim individuellen Patienten auftreten. Es ist somit durchaus zu empfehlen, bei geringer oder fehlender Wirksamkeit eines bestimmten Extrakts auf einen anderen zu wechseln. Dies ist beispielsweise bei Extrakten aus der Teufelskrallenwurzel bekannt. Andererseits wird bei einigen Extrakten ein Verlust der Wirkung bzw. Wirksamkeit beobachtet, z. B. bei Bitterstoffpräparaten, die zudem oft nach einiger Zeit der Anwendung auch durch den Patienten abgelehnt werden. Hier empfiehlt sich der Wechsel auf ein wirkungsgleiches Präparat unter Berücksichtigung der Vorlieben des Patienten. Bei einigen Extrakten, die als sog. Tonika z. B. im Rahmen der Rekonvaleszenz eingesetzt werden, wird eine kurmäßige Anwendung empfohlen. Dies gilt beispielsweise für Extrakte aus Ginseng- oder Taigawurzel. Leider sind – im Gegensatz zu früher – nicht mehr viele Fertigarzneimittel mit Kombinationen pflanzlicher Extrakte im Handel, da der Forderung der Zulassungsbehörde nach dem Nachweis des konstruktiven Beitrags der einzelnen Komponenten zur Wirksamkeit wegen des hohen Forschungsaufwands oft nicht entsprochen werden konnte. Sie zeichnen sich in der Regel durch eine sehr gute Verträglichkeit bei einem etwas breiteren Wirkungsspektrum im Vergleich zu Monoextrakten aus, was gerade bei funktionellen Störungen von Vorteil ist.

Vertragsärztliche Grundlagen: Erstattungsfähigkeit der Phytopharmaka

Fast alle apothekenpflichtigen Phytopharmaka werden seit dem 1.1.2004 von den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) nicht mehr erstattet, weil sie gemäß der §§ 48 und 49 AMG 76 infolge ihrer geringen oder fehlenden Nebenwirkungen nicht Phytopharmaka:Erstattungsfähigkeitverschreibungspflichtig sind. Für die Verordnung sollte ein „Grünes Rezept“ verwendet werden, damit der Patient das vom Arzt gewünschte Präparat erhält.
Erstattet werden von den GKVen:
  • Verordnungen bei versicherten Kindern bis zum vollendeten 12. Lebensjahr und bei Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr, sofern der Alkoholgehalt nicht über 5 % (V/V) liegt bzw. die Einzeldosis nicht mehr als 0,5 g Ethanol enthält; individuelle Rezepturverordnungen müssen erstattet werden

  • Phytopharmaka, die Alkaloide, Digitalisglykoside oder Cucurbitacine etc. enthalten und deshalb verschreibungspflichtig sind

  • Ginkgoextrakt als symptomatische Behandlung von hirnorganischen Leistungsstörungen im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts bei demenziellen Syndromen

  • Präparate mit Johanniskrautextrakt, die zur Behandlung mittelschwerer depressiver Episoden zugelassen sind, bei dieser Indikation

  • parenterale (insbesondere s. c.) Mistelpräparate, die auf Mistellektin 1 standardisiert sind, in der palliativen Therapie von malignen Tumoren zur Verbesserung der Lebensqualität

Flohsamenschalenpräparate, die für die Indikationen „zusätzlich zur Obstipationsbehandlung und zur unterstützenden Quellmittelbehandlung bei Morbus Crohn, Kurzdarm-Syndrom und HIV-assoziierten Diarrhöen“ zugelassen sind, sind zwar im Prinzip erstattungsfähig. Die erhältlichen Präparate sind dafür aber nicht zugelassen und damit dennoch nicht erstattungsfähig.
Auch Verordnungen bei Empfängern von Hartz-IV-Leistungen sind erstattungsfähig, wenn sie auf einem „Grünen Rezept“ verordnet werden. Es kann zusammen mit einer vom Apotheker ausgestellten Quittung bei der Arbeitsagentur vorgelegt werden, um Hilfsbedarf geltend zu machen. Grüne Rezepte können auch zusammen mit Belegen über Zuzahlungen bei der Einkommenssteuer geltend gemacht werden.
Nicht erstattungsfähig durch die GKVen sind:
  • nicht apothekenpflichtige Phytopharmaka (nur durch einige Privatkrankenkassen)

  • Arzneimittel, die aus negativ monografierten Drogen hergestellt werden und Kombinationen mit mindestens einem negativ monografierten Partner

  • Phytopharmaka, die in der sog. Negativliste aufgeführt sind

  • nicht monografiekonforme Pharmaka, die pflanzliche Extrakte enthalten, wie:

    • Bachblüten-Essenzen

    • Hildegard von Bingen-Medizin-Arzneimittel

    • Arzneimittel der orthomolekularen Medizin

    • Arzneimittel der Paracelsus-Medizin (spagyrische Arzneimittel)

    • Arzneimittel der Chinesischen Medizin, der Ayurvedischen Medizin und anderer transkultureller Medizinen

Phytotherapeutische Praxis

Zubereitungen aus Drogen
Die Wahl der Zubereitung von Phytotherapeutika aus pflanzlichen Drogen richtet sich nach den Inhalts- bzw. Wirkstoffen, die man (v. a.) extrahieren möchte. Extrakte aus Phytotherapie:Praxisein- und derselben Zubereitungen, pflanzliche:Drogenpflanzlichen Droge können somit je nach verwendetem Herstellungsverfahren unterschiedlich zusammengesetzt sein und gegebenenfalls auch unterschiedlich wirken.
Extrakte entstehen durch die Einwirkung von einem Lösungsmittel auf die Extraktepflanzliche Droge. Man unterscheidet folgende Extrakttypen:
  • Wässrige Extrakte: Die Wasserextrakte, die im allgemeinen Sprachgebrauch Kräutertees genannt werden, werden vom Anwender in der Regel selbst hergestellt.

  • Alkoholische Extrakte: Alkoholische Extrakte:wässrigeDrogenauszüge werden durch Pflanzenauszüge:wässrigeExtraktion mit Ethanol verschiedener Konzentration, Methanol, Isopropanol oder einem anderen geeigneten Extraktionsmittel gewonnen. Der Alkohol wird Extrakte:alkoholischeanschließend ganz oder teilweise (nur bei Ethanol) aus dem Extrakt entfernt.

    • Flüssigextrakte (Pflanzenauszüge:alkoholischeFluidextrakte, Tinkturen): Diese Extrakte enthalten Ethanol. Trockenextrakte (Siccumextrakte): Aus Trockenextrakten und aus zerkleinerten bzw. pulverisierten Drogen werden Tabletten, FlüssigextrakteFilmtabletten, Dragees, Granulate und Hartgelatinekapseln hergestellt.

    • FluidextrakteDickextrakte (Spissumextrakte): Dickextrakte sind die Grundlage von Gelen, Weichgelatinekapseln, Pastillen, Salben, Cremes, Sirupen, Suppositorien und medizinischen Bädern.

Merke

Bei den Herstellungsverfahren sind Extrakttyp, Extraktionsmittel und das Droge-Extrakt-Verhältnis von Bedeutung. Das Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV)Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV) muss bei zugelassenen Phytopharmaka in der Patienteninformation angegeben werden. Beim DEV handelt es sich um das Verhältnis der Masse eingesetzter Droge zur Masse des nach der Extraktion erhaltenen nativen, getrockneten Extrakts. So bedeutet „DEV von 10:1“, dass 10 Teile Droge 1 Teil Drogenzubereitung entsprechen.

Arzneitees
  • DickextrakteAufguss (Infus): Die Droge(n) werden mit kochendem Wasser übergossen und nach der vorgeschriebenen Ziehzeit abgeseiht. Das Verfahren eignet sich besonders für Blüten, Blätter und Samen, fein Arzneiteeszerkleinerte Rinden- und Wurzeldrogen sowie Teedrogen, die ätherische Öle oder Infusthermolabile Stoffe enthalten.

  • Abkochung (Dekokt): Die Droge(n) werden in Wasser aufgekocht, bei leichtem Kochen ziehen gelassen und anschließend abgeseiht. Das Verfahren wird v. a. bei Wurzeln, Rinden und bei Drogen mit schwer löslichen Inhaltsstoffen wie z. B. Kieselsäure eingesetzt.

  • DekoktKaltansatz (Mazerat): Die Droge(n) werden mit kaltem Wasser aufgegossen und nach mehrstündigem Stehenlassen bei Raumtemperatur nach kurzem Aufkochen abgeseiht. Das Verfahren wird z. B. bei schleimstoffhaltigen Arzneipflanzen eingesetzt.

Filterbeuteltees, die sehr Mazeratfeingeschnittene Drogen oder Drogenpulver enthalten, sind dann eine sinnvolle Option, wenn sie Arzneibuchqualität haben und aromageschützt einzeln abgepackt sind, um die Oxidation von Inhaltsstoffen durch den Luftsauerstoff und den Verlust flüchtiger Stoffe während des Herstellungsprozesses und der Lagerung zu vermeiden. Sie haben einen sehr hohen Extraktionsgrad, sind praktisch in der Handhabung, sind stets gleich dosiert und haben stets die gleiche Zusammensetzung.

Merke

  • Von den im Lebensmittelhandel als FilterbeutelteeFilterbeuteltee erhältlichen „Kräutertees“ ist keine Arzneiwirkung zu erwarten.

  • Tassenfertige InstantteesInstanttees sind, wenn sie einen hohen Zuckergehalt (bis zu 96 %) haben, wenig empfehlenswert. Sie sind zudem stark hygroskopisch und verklumpen deshalb sehr leicht bei Kontakt mit Wasserdampf, wodurch sie unbrauchbar werden.

Fluidextrakte
Fluidextrakte sind Drogenauszüge mit Ethanol bzw. mit Ethanol-Wassergemischen. Zur Herstellung von Fluidextrakten wird die betreffende Droge zunächst mit Ethanol extrahiert, bis ca. 90 % der Inhaltsstoffe herausgelöst sind. Der Ethanol wird anschließend bis zu Fluidextrakteeinem Verhältnis von Droge : Ethanol wie 1:1 abdestilliert. Der Ethanolgehalt der betreffenden Fertigarzneimittel liegt zwischen 20 und 60 %, sie sollen deshalb von Lebererkrankungen oder (Ex-)Alkoholikern nicht eingenommen werden. Ethanol ist ein sehr gut geeignetes Extraktionsmittel. Bei zunehmendem Volumenanteil (Angabe in %) werden auch lipophile Drogenbestandteile, z. B. ätherische Öle, extrahiert. Die Vermehrung von Keimen wird durch Alkohol gehemmt.
Tinkturen
Tinkturen werden in der Phytotherapie gewöhnlich aus getrockneten pflanzlichen Drogen durch Mazeration oder Perkolation – ein kontinuierliches Auszugsverfahren, bei dem es zum erschöpfenden Auszug der Inhaltsstoffe kommt und unter geeigneten Bedingungen bis zu 95 % Tinkturender Pflanzeninhaltsstoffe ausgezogen werden können – hergestellt. Das Verhältnis von Droge zu Extraktionsmittel ist für jede Tinktur im Deutschen Arzneibuch festgelegt: Bevorzugt werden Tinkturen aus 1 Teil Droge und 5 oder 10 Teilen Ethanol hergestellt, z. B. Arnikatinktur 1:10. Sie müssen gegebenenfalls vor der Anwendung mit Wasser verdünnt werden.
An phytotherapeutischen Tinkturen gibt es folgende Standardzulassungen: Arnikatinktur, Baldriantinktur, Myrrhentinktur, Ratanhiatinktur. Im Gegensatz zu phytotherapeutischen Tinkturen werden homöopathische Urtinkturen aus frischem Pflanzenmaterial aufbereitet, sie enthalten Pflanzeninhaltsstoffe in Mengen wie eine allopathische Tinktur.
Tinkturen sollten in gut schließenden Gefäßen vor Licht geschützt und kühl aufbewahrt werden. Wegen der möglichen Instabilität der enthaltenen Verbindungen sollten sie nicht länger als ein Jahr aufbewahrt werden.
Spezialextrakte
Bei den Spezialextrakten werden unerwünschte Bestandteile einer pflanzlichen Droge durch ausgewählte Extraktionsverfahren entfernt, wodurch auch die Konzentration von wirksamkeitsrelevanten Inhaltsstoffen ansteigt bzw. ansteigen kann. Durch diese SpezialextrakteAnreicherung kann auch die erforderliche Tagesdosis leichter eingenommen werden. Ein typisches Beispiel ist der Spezialextrakt aus den Blättern von Ginkgo biloba (EGb 761).
Zubereitungen aus Frischpflanzen
Frische Pflanzenteile dienen als Ausgangsmaterial für Presssäfte, Destillate und ölige Pflanzenauszüge.
Frischpflanzenpresssäfte
Frischpflanzenpresssäfte Zubereitungen, pflanzliche:Frischpflanzenwerden aus frisch geernteten Pflanzenteilen hergestellt, es darf nur eine geringe Menge Wasser zugesetzt werden. Sie enthalten vorwiegend hydrophile, aber auch lipophile Inhaltsstoffe. Sie werden mittels FrischpflanzenpresssäfteUltrakurzzeiterhitzung abgefüllt und kühl und dunkel in Glasflaschen gelagert.
Nach dem Öffnen müssen sie verschlossen im Kühlschrank aufbewahrt und entsprechend der Packungsbeilage meist innerhalb einer Woche verbraucht werden. Frischpflanzenpresssäfte werden rasch mit Keimen besiedelt, im Saft können enzymatische Aktivitäten zum Zersetzungsprozess beitragen. Sie sind nicht apothekenpflichtig. Sie eignen sich zur unterstützenden Behandlung von Erkrankungen (Tab. 5.11). Sie werden in der phytotherapeutischen Praxis wegen ihrer guten Verträglichkeit sehr geschätzt.
Destillate
Mithilfe der Wasserdampfdestillation können flüchtige Inhaltsstoffe wie z. B. Senf- und Lauchöle oder ätherische Öle von frischen Pflanzen abgetrennt werden. Ein typisches Beispiel ist das Hamameliswasser, das durch Wasserdampfdestillation von Hamamelisblättern und -Destillatezweigen gewonnen wird. Alkoholische Destillate („Geiste“) enthalten die aus der betreffenden Droge abdestillierten ätherischen Öle. Sie haben einen Alkoholgehalt zwischen 40 und 70 %. Sie sind für die phytotherapeutische Praxis von geringerer Bedeutung.
Ölige Pflanzenauszüge
Bei öligen Frischpflanzenauszügen ist die Basis Oliven-, Mandel- oder Erdnussöl, Inhaltsstoffe sind die fettlöslichen Bestandteile von Arzneipflanzen (z. B. ätherische Öle). Ihre Stabilität ist bei Luftkontakt relativ gering. Zur inneren Pflanzenauszüge:öligeAnwendung werden sie in Weichgelatinekapseln abgefüllt (z. B. Nachtkerzenöl). Sie werden in gut verschlossenen Glasgefäßen, kühl und vor Licht geschützt gelagert. Johanniskrautöl wird aus frischen Johanniskrautblüten und -blättern durch Mazeration in Pflanzenöl gewonnen. Es wird bei Muskelschmerzen und Weichteilrheumatismus angewendet. Diese Auszüge sind v. a. für die äußerliche Anwendung von Bedeutung.
Phytotherapeutische Externa
Wässrige und wässrig-ethanolische Drogenauszüge werden auch äußerlich als Lösungen zu Umschlägen, Waschungen und Bädern verwendet oder dienen in Form von Tinkturen, Flüssig- oder Trockenextrakten der Herstellung von Salben.
In Europa werden ca. 25 Externa, phytotherapeutischepflanzliche Drogen äußerlich angewendet, bevorzugt bei dermatologischen Indikationen (Tab. 5.12). Je nach Wirkstoffgehalt der pflanzlichen Zubereitungen sind antiallergische, antihistaminische, desodorierende, immunmodulierende, sekundär analgetische, kortisonähnliche, mild oberflächenanästhesierende, vasokonstriktorische oder zytostatische Wirkungen beschrieben.
Umschläge
Umschläge mit wässrigen oder alkoholischen Lösungen erzeugen Verdunstungskälte, sie müssen wegen der raschen Austrocknung immer wieder angefeuchtet werden. Sie wirken kühlend, antiphlogistisch und antipruriginös und werden zur Säuberung und zur Stimulation der UmschlägeGranulation und Reepithelialisierung von oberflächlichen Wunden genutzt. Sie sind bei akuten, oberflächlich entzündeten, nässenden und vesikobullösen Hauterkrankungen und Ulzerationen indiziert.
Alkoholische Lösungen sind zumeist Ethanol-Wasser-Gemische (50–70 % Ethanol). Sie kühlen infolge der Alkoholverdunstung stärker und wirken intensiver austrocknend und entfettend als wässrige Lösungen. Sie sind bei Seborrhö, am behaarten Kopf, im Gesicht und an den Händen und Füßen indiziert.
Salben, Cremes, Gele und Pasten
Bei Salben, Cremes, Gelen und Pasten handelt es sich um halbfeste Zubereitungen zur Anwendung auf der Haut oder der Schleimhaut. Grundlagen sind Fette, Öle, Wachse, Vaseline und Glyzerin, die selbst heilungsunterstützende Eigenschaften besitzen. Entsprechend der Zusammensetzung als hydrophiles oder lipophiles System beeinflussen sie die Freisetzung der zuvor eingebrachten Wirkstoffe und damit die Wirkung der Zubereitung. Wasserhaltige Zubereitungen wirken kühlend und trocknend, sie werden zur Therapie akuter Entzündungen verwendet. Fetthaltige Zubereitungen bilden einen Lipidfilm auf der Haut. Durch die Verhinderung der Abdunstung werden verhärtete Hornschichten aufgeweicht, Feuchtigkeitsgehalt und Elastizität der oberen Hautschichten nehmen zu. Die Eindringtiefe der Wirkstoffe ist größer als bei den wasserhaltigen Zubereitungen. Sie eignen sich zur Therapie chronischer Hautveränderungen.
  • Cremes: Cremes sind abwaschbare Öl-in-Wasser-Emulsionen und haben eine mittlere Tiefenwirkung. Sie sind bei (sub)akuten und nässenden entzündlichen Dermatosen einschließlich Neurodermitis sowie Seborrhö indiziert.

  • Salben: Salben Externa, phytotherapeutische:Cremesind hydrophobe Wasser-in-Öl-Emulsionen, sie haben eine ausgeprägte Tiefenwirkung. Als Grundlage besonders geeignet ist Wollwachs mit Arzneibuchqualität. Indikationen sind sehr trockene Haut, chronische Entzündungen (z. B. chronische Ekzeme,Externa, phytotherapeutische:Salben Psoriasis) und Sebostase. Wegen des Okklusiveffektes sind sie bei akut-entzündlichen, nässenden Hauterkrankungen kontraindiziert.

  • Gele: Gele sind fettfrei und ohne Emulgatorzusatz, sie haben eine kühlende und filmbildende Wirkung und eignen sich für die Behandlung von oberflächlichen trockenen Entzündungen.

  • Pasten sind Externa, phytotherapeutische:Geledurch einen Feststoffanteil von 20–50 % in der Salbengrundlage charakterisiert und weisen eine erhebliche Wasserbindungsfähigkeit auf. Sie werden bei nässenden Hautoberflächen eingesetzt.

Wickel, Auflagen und Kataplasmen
Typische pflanzliche Zusätze bei Wickeln (zur Durchführung 5.3.4) und Auflagen sind: Frischpflanzen(teile), z. B. frischeExterna, phytotherapeutische:PastenWickel Blätter, getrocknete Pflanzenteile, z. B. AuflagenHeublumen (Heublumensack), Teedrogen, KataplasmenTinkturen und Öle.
Kataplasmen sind WickelBreiumschläge, die z. B. aus Leinsamen, Senfmehl oder Kartoffeln hergestellt werden.
Badezusätze
Die Phytobalneotherapie wirkt durch die physikalischen Badeffekte und die Wirkstoffe der Kataplasmenphytotherapeutischen Badezusätze, die Ganz- oder Teilbädern zugesetzt werden. Bei Badezusätzen mit reinem ätherischem Öl sind Emulgatoren (z. B. Sahne) erforderlich, um die BadezusätzeDispersion im Badewasser zu ermöglichen, damit hohe lokale Konzentrationen, die auf die Haut reizend wirken, vermieden werden.

Merke

  • Das Badeöl soll bei Verlassen der Badewanne als schützender Film auf der Hautoberfläche verbleiben.

  • Bäder wirken reinigend, bei längerer Badedauer allerdings austrocknend. Ölzusätze beeinflussen trockene Haut günstig.

Ätherische Öle werden über den Wasserdampf eingeatmet. Sie wirken im Respirationstrakt und – als Aromatherapie – über den Riechnerv auf das limbische System (5.5.7). Die Resorption relevanter Wirkstoffe z. B. von Salizylsäure, Cineol, α-Pinen und Limonen ist nachgewiesen. Phytobalneotherapeutische Anwendungen werden adjuvant bevorzugt bei dermatologischen Indikationen (Tab. 5.13), aber auch zur Anregung der Durchblutung, bei rheumatischen Beschwerden und Erkältungen eingesetzt.
Bei vielen Badezusätzen ist die Wirksamkeit in kontrollierten Studien untersucht, die Verträglichkeit ist in der Regel ausgezeichnet.
Allgemeine Kontraindikationen für Bäder sind:
  • Herzinsuffizienz NYHA III und IV

  • Allergien

  • Hautkrankheiten

  • schwere respiratorische Insuffizienz

  • nicht eingestellte Hypertonie

  • schwere Infektionskrankheiten

Spezielle Kontraindikationen sind:
  • Erkältungsbäder bei Kindern bis drei Jahren

  • wärmende Bäder bei akut entzündlichen schmerzhaften Prozessen

Dosierung
Die Dosierungen für pflanzliche Drogen und ihre Zubereitungen für die innere wie die äußere Anwendung basieren auf langjähriger Empirie. Dies gilt für z. B. alle Teedrogen, die nach relativ unpräzisen Angaben dosiert werden. Nur für einige Fertigarzneimittel liegen Untersuchungen im Sinne einer Dosisfindung oder -optimierung vor. Zumeist wurden die empirisch gefundenen Dosierungen bestätigt. Dabei ist zu beachten, dass die Dosierungen bei verschiedenen Extrakten der gleichen Arzneipflanze voneinander differieren. Bei Arzneimitteln, bei denen Wirksamkeitsbelege für Erwachsene bei einer bestimmten Indikation vorhanden sind, kann man von einer nahezu optimalen Dosis für diese Personengruppe ausgehen. Daraus kann aber nicht z. B. auf die optimale Dosierung bei Kindern in verschiedenen Altersstufen geschlossen werden.
Indikationen
In Europa zugelassene Phytopharmaka haben ein sehr breites therapeutisches und pharmakologisches Wirkungsprofil und können die Befindens- und gleichzeitig die Befundebene beeinflussen, d. h. symptomatisch und kausal wirken. Sie sind allerdings nicht stark wirksam.
Pflanzliche Arzneimittel sind indiziert und können als Monotherapie angewendet werden bei leichten bis mittelschweren Erkrankungen (z. B. Depression), insbesondere bei funktionell bedingten und chronischen Erkrankungen (z. B. Reizdarmsyndrom) und bei Befindlichkeitsstörungen (z. B. Heiserkeit).
Adjuvant angewendet eignen sie sich zur Rezidivprophylaxe (z. B. bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen), zur Nachbehandlung in der Rekonvaleszenz und in der Rehabilitation, bei degenerativen und bei schweren Erkrankungen sowie – in Ausnahmefällen – in der Notfallmedizin.
Phytotherapeutika sind in der Regel mit anderen medikamentösen und nicht medikamentösen Verfahren gut kombinierbar und eine der fünf Grundsäulen der klassischen Naturheilverfahren. Nach Indikationsgruppen aufgelistet eignen sie sich besonders zur Behandlung folgender Erkrankungen:
  • Erkältungskrankheiten und respiratorische Infekte

  • funktionelle Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts

  • Funktionsstörungen und Erkrankungen des Urogenitaltrakts

  • Herz- und Kreislaufstörungen, Venenerkrankungen

  • Hirnleistungsstörungen

  • Hauterkrankungen

  • Schmerzen

  • Schlafstörungen

  • Angststörungen und depressive Zustände

  • metabolische Störungen

Merke

Phytotherapie ist in der Regel nicht wirksam bei selten auftretenden, schwer verlaufenden Krankheiten („orphan diseases“).

Anwendung bei Kindern
Das toxische Risiko, d. h. die akute, chronische und lokale Toxizität, die Genotoxizität, Kanzerogenität und Reproduktionstoxizität gehört zu den zulassungsrelevanten Kriterien. In wissenschaftlichen Untersuchungen erhobene Daten liegen hierzu jedoch nur Phytotherapie:Kinderselten vor, deshalb werden in zunehmendem Maße bei Phytopharmaka Zulassungseinschränkungen für verschiedene Patientengruppen vorgenommen, die auch auf den Packungsbeilagen für die Anwender erscheinen und bei diesen zur Verunsicherung führen. Insbesondere sind Kinder verschiedener Altersgruppen, Schwangere und Stillende davon betroffen. Eine teilweise über mehrere Jahrhunderte belegte Anwendungspraxis ist dabei nicht zulassungsrelevant. Zudem fehlen bei Kindern weitgehend klinische Studien zum Wirksamkeitsnachweis. Das verwundert nicht, weil GCP-konforme klinische Studien bei Kindern in Deutschland ab 1945 bis vor einigen Jahren verboten waren. Infolgedessen wurden in den letzten Jahrzehnten fast alle Pharmaka bei Kindern im Sinne des Off-Label-Use verwendet. Das BfArM schließt jedoch bereits seit mehreren Jahren eine Anwendung von Phytopharmaka bei Kindern unter 12 Jahren aus, wenn keine Daten aus entsprechenden Studien mit Angaben von Kinderdosierungen einschließlich von Anwendungsbeobachtungen vorliegen. Das Europäische Parlament hat 2007 eine Verordnung verabschiedet, wonach bereits im Markt befindliche Arzneimittel bei entsprechend durchgeführten einfacheren Studien eine spezielle Zulassung für die Anwendung bei Kindern erhalten. Leider sind klinische Studien bei Kindern infolge der Notwendigkeit der Einwilligung der Erziehungsberichtigten, die es in der Regel gerade im Bereich der Komplementärmedizin ablehnen, dass ihr Kind der Placebogruppe zugeordnet werden kann, besonders schwer durchzuführen.
Für Kinder zu bevorzugende Darreichungsformen sind wässrige Drogenauszüge (Medizinaltees) und Frischpflanzenpresssäfte. Bei den Medizinaltees sind Filtertees infolge ihrer reproduzierbaren Dosierbarkeit besonders günstig. Bei den tassenfertigen Instanttees sollte man darauf achten, nur Produkte mit einem Anteil von 40–50 % Drogenextrakt ohne kariogene Kohlenhydrate zu verwenden.

Merke

Ethanolische und ethanolisch-wässrige Zubereitungsformen werden für Kinder von offizieller Seite nicht empfohlen, obwohl die zugeführten Alkoholmengen bei bestimmungsgemäßem Gebrauch unterhalb der durch die übliche Ernährung zugeführten Mengen liegen. Der Alkoholgehalt von handelsüblichen Obstsäften und Brot ist sogar deutlich höher als der von ethanolhaltigen Phytopharmaka. Alternativen sind Säfte und Tr. ohne Alkohol. Sinnvoll sind auch Lutschpastillen und Zäpfchen, soweit verfügbar. Tabletten und Weichgelatinekapseln sind für größere Kinder ebenfalls geeignet.

Ätherische Öle sollten direkt oder in Form von Cremes, Salben und Gelen, insbesondere wenn sie Menthol enthalten, nicht bei Säuglingen und Kindern im Alter bis zu zwei Jahren im Gesicht oder in Gesichtsnähe aufgebracht werden, da sie den sog. Kratschmer-Reflex auslösen können, bei dem es zum Glottiskrampf mit Atemdepression bzw. sogar Erstickung kommen kann.

Kontraindikationen
Das Spektrum der Kontraindikationen ist gut überschaubar. Sie lassen sich in der Regel aus dem Spektrum unerwünschter Wirkungen oder aus dem Wirkmechanismus ableiten. Bei vielen Phytopharmaka findet sich der Hinweis auf eine Kontraindikation in Schwangerschaft und Stillzeit aufgrund fehlender Belege der Unbedenklichkeit, im Kindesalter aufgrund eines fehlenden Wirksamkeitsbelegs.
Risiken und (unerwünschte Arzneimittelwirkungen [UAW])
Trotz der gut belegten geringen Nebenwirkungsrate haben Phytotherapeutika einige Anwendungsrisiken:
  • Unkenntnis von UAW und von möglichen Interaktionen bei den weniger gut Phytopharmaka:Risikenuntersuchten Drogen und Fertigarzneimitteln: Diese Gefahr Phytopharmaka:Nebenwirkungenbesteht insbesondere bei den negativ monografierten und transkulturellen Drogen, die in Deutschland nicht zugelassen sind

  • Überschätzung der Wirksamkeit bei gleichzeitiger Unterschätzung des Schweregrades der Krankheit (falsche Einschätzung des Nutzen-Risikos)

  • falsche Applikation oder Applikationsdauer

  • Verwendung von qualitativ unzureichenden oder unterdosierten Phytopharmaka

In Deutschland zugelassene Phytopharmaka haben gegenüber vielen chemisch-synthetischen Medikamenten jedoch den Vorteil einer größeren therapeutischen Breite und einer geringen Nebenwirkungsrate. Bei ihrer bestimmungsgemäßen Anwendung sind Nebenwirkungen deshalb selten zu erwarten. Das ist auch der Grund dafür, dass sie – bis auf wenige Ausnahmen – nicht rezeptpflichtig sind. Zudem sind die meisten unerwünschten Wirkungen mild und nicht schwerwiegend.
Etwas häufiger treten folgende vorhersehbare unerwünschte Arzneimittelwirkungen auf: gastrointestinale Beschwerden bei der Einnahme von konzentrierten Extrakten, allergische (Typ-I- oder Typ-IV-)-Reaktionen (z. B. auf Korbblütler), phototoxische (z. B. Engelwurz) oder toxische Reaktionen (überdosierte oder falsch gelagerte ätherische Öle) oder unerwünschte Wirkungen nach Langzeiteinnahme (anthranoidhaltige Laxanzien). Bei den seltenen nicht vorhersehbaren (idiosynkratischen) Reaktionen spielen hepatotoxische und allergische Reaktionen die größte Rolle, gelegentlich finden sich auch Nephrotoxizität und kardiale Probleme. Bei der Verwendung von transkulturellen Arzneidrogen liegt nach dem bisherigen Kenntnisstand die Nebenwirkungsrate um ein Vielfaches höher.
Wechselwirkungen
Jeder Organismus verfügt über Schutzmechanismen, um Fremdstoffe zu eliminieren. Besonders bedeutsam im Zusammenhang mit Arzneimitteln sind Cytochrom P450-Enzyme, insbesondere das CYP 3A4, das am Abbau von ca. 60 % aller Arzneimittel Phytopharmaka:Wechselwirkungenbeteiligt ist, und die Efflux-Transporter. Hierbei handelt es sich Membran-Proteine wie z. B. das P-Glykoprotein, das in der Zellmembran gelegen ist und Substanzen aus der Zelle herauspumpt. Die Cytochrom P450-Enzyme und das P-Glykoprotein können durch eine Vielzahl von Stoffen, die in Arzneimitteln, aber auch in Lebensmitteln vorkommen, gehemmt oder stimuliert werden. Wenn ein Patient sich einen dieser Stoffe zuführt und gleichzeitig ein Medikament mit einer geringen therapeutischen Breite wie z. B. aus der Wirkstoffklasse der Gerinnungshemmer, Protease-Inhibitoren, Zytostatika oder Immunsuppressiva einnimmt, kann es abhängig davon, ob die beiden Mechanismen gehemmt oder induziert werden, zu einem Konzentrationsanstieg oder -abfall beim Medikament kommen. Eine klinische Relevanz liegt jedoch nur vor, wenn dieser mehr als 20 % beträgt. Diese Größenordnung wurde bisher bei den in Deutschland zugelassenen Phytopharmaka nur für hoch dosierte Johanniskrautextrakte erreicht.

Auswahl von Heilpflanzen mit Wirksamkeitsnachweis

Nachfolgend werden die bedeutsamsten in Deutschland verwendeten Heilpflanzen vorgestellt, die jeweilige deutsche Bezeichnung wird zuerst genannt. Bei den Indikationen werden in der Regel die auch heute gültigen entsprechend der Kommission E Phytotherapie:Heilpflanzenaufgeführt, die Indikationen des HMPC werden im englischen Originaltext angegeben (Stand Februar 2012). Die Deklaration als „herbal medicinal product“ bedeutet beim HMPC eine vollumfängliche Anerkennung des jeweiligen Extraktes als Arzneimittel mit einem Evidenzniveau von 1–2 bei der angegebenen Indikation (well-established use). Bei der Zuordnung des jeweiligen Extraktes als „traditional herbal medicinal product“ wurden die vorliegenden klinischen Untersuchungen als nicht ausreichend für eine Indikation entsprechend dem ICD-10 erachtet. Für alle in dieser Liste genannten pflanzlichen Drogen existieren Fertigarzneimittel, die einen standardisierten Extrakt enthalten, bei den meisten liegen klinische Studien zum Wirksamkeitsnachweis vor.
Arnika (Arnika montana L. bzw. A. chamissonis ssp. foliosa)
Arnikablüten (Arnicae flos) enthalten u. a. Sesquiterpenlactone: Helenalin, 11, 13-Dihydrohelenalin (vermutlich die Wirkstoffe), ätherisches Öl mit Thymol und Thymolderivaten (0,2–0,3 %) und Flavone (0,4–0,6 %).
WirkungenAntiphlogistisch, analgetisch bei ArnikaEntzündungen, antiseptisch.
WirksamkeitZur Anwendung bei Osteoarthritis, chronisch-venöser Insuffizienz und postoperativen Ödemen liegen klinische Studien vor [1–3].
Indikationen
  • Kommission E: Verletzungs- und Unfallfolgen, Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut, Furunkulose, Entzündungen infolge Insektenstichen, Oberflächenphlebitis

  • HMPC: Monografie liegt vor

DosierungTinktur muss für Umschläge 3- bis 10-fach, für Mundspülungen 10-fach mit Wasser verdünnt werden. Salben sollten maximal 15 % fettes Arnikaöl oder 20–25 % Tinktur enthalten.
Unerwünschte WirkungenBei längerer Anwendung Ekzeme, bei Anwendung auf geschädigter Haut häufig ödematöse Dermatitis. In unverdünnter Form kann Arnikatinktur eine toxische Dermatitis verursachen.
InteraktionenKeine bekannt.
KontraindikationenBekannte Allergie gegen Arnika.
Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi L. Sprengel)
Bärentraubenblätter (Uvae ursi folium) enthalten mindestens 6 % Hydrochinonglykoside (Arbutin 4–12 %), Methylarbutin (bis 4 %), Gallotannine (10–20 %) und Flavonoide.
WirkungenBakteriostatisch. Die Hydrochinone werden in konjugierter Form von den BärentraubeBakterien in den Harnwegen aufgenommen und dekonjugiert, die früher beschriebene Alkalisierung des Urins ist deshalb für die Wirksamkeit nicht erforderlich.
WirksamkeitsnachweisKlinische Studien liegen nicht vor.
Indikationen
  • Kommission E: unkomplizierte entzündliche Erkrankungen der ableitenden Harnwege

  • HMPC: traditional herbal medicinal product used for treatment of symptoms of mild recurrent lower urinary tract infections such as burning sensation during urination and/or frequent urination in women, after serious conditions have been excluded by a medical doctor [4]

Dosierung
  • Auszug mit 150 ml kaltem Wasser: 3 g Droge, bis zu 4 × tgl.

  • 400–840 mg Hydrochinonderivate/Tag

AnwendungshinweisOhne ärztlichen Rat sollten Bärentraubenblätter nur bis zum Verschwinden der Symptome (maximal 1 Woche) und maximal 5 ×/Jahr eingenommen werden.
Unerwünschte WirkungenBei magenempfindlichen Patienten Übelkeit und Erbrechen möglich.
KontraindikationenErkrankungen der Nieren; Schwangerschaft, Stillzeit; Behandlung bei Kindern unter 12 Jahren.
Baldrian (Valeriana officinalis L.)
Baldrianwurzel (Valerianae radix) enthält ätherisches Öl (0,5–2 %; Mono- und Sesquiterpene), hydrophile Lignane, Aminosäuren.
WirkungenSedierend, Förderung der Schlafbereitschaft, spasmolytisch, muskelrelaxierend.
WirksamkeitsnachweisIn kontrollierten StudienBaldrian mit schlafgestörten Patienten traten nach 2- bis 4-wöchiger Therapie unter bis zu 1.200 mg Baldrianextrakt/Tag Besserungen der Tagesbefindlichkeit und der Schlafqualität ein, Soforteffekte fanden sich nicht [5–7]. Bei Kindern und Erwachsenen wurden mehrere Anwendungsbeobachtungen durchgeführt und eine gute Verträglichkeit dokumentiert.
Ähnliches gilt für Kombinationspräparate aus Baldrianextrakt (640 mg/Tag) und Melissenextrakt (320 mg/Tag) oder Kombinationen von Baldrianwurzel und Hopfenzapfen und/oder Passionsblumenkraut, wobei auch Besserungen bei Angst- und Depressionsindizes eintraten [8–12].
Indikationen
  • Kommission E: Unruhezustände, nervös bedingte Einschlafstörungen

  • HMPC: Baldrianwurzel – bisher nicht abschließend bearbeitetKombination Baldrianwurzel und Hopfenzapfen:

    • herbal medicinal product for the relief of sleep disorders

    • traditional herbal medicinal product for relief of mild symptoms of mental stress

    • traditional herbal medicinal product used to aid sleep [4]

Dosierung
  • Tee: 2–3 g Droge, 1–3 × tgl. bzw. vor dem Einschlafen

  • ethanolisch- oder methanolisch-wässrige Extrakte: ca. 600 mg/Tag, Anwendung nach Angaben des Herstellers

Unerwünschte WirkungenSehr selten Kopfschmerzen und morgendliche Benommenheit.
KontraindikationenAnwendung bei Kindern unter 3 Jahren.
Beinwell (Symphytum officinale L.)
Beinwellkraut, -wurzel, -blätter (Symphyti radix, herba, folium) enthalten reichlich Schleimstoffe, Allantoin (bis 1,5 %), Gerbstoffe (4–6 %), Pyrrolizidinalkaloide: 0,03 % (natürliche Variabilität um den Faktor 10).
WirkungenLokal reizmindernd, Beinwellwundheilungs- und zellregenerationsfördernd; antimitotisch.
WirksamkeitsnachweiseKontrollierte klinische Studien mit positivem Wirksamkeitsbeleg liegen bei akuter Sprunggelenksdistorsion, Gonarthrose, Sportverletzungen und bei Weichteilrheumatismus vor [13–18]. Bei Kindern wurden Anwendungsbeobachtungen bei stumpfen Verletzungen durchgeführt.
Indikationen
  • Kommission E: Prellungen, Zerrungen, Verstauchungen

  • HMPC: traditional herbal medicinal product used for the symptomatic treatment of minor sprains and bruises [4]

Dosierung
  • Salben und andere Zubereitungen mit 5–20 % getrockneter Droge: Mehrfach tgl. nur auf intakter Haut anwenden.

  • Pro Tag dürfen nicht mehr als 100 μg Pyrrolizidin-Alkaloide (hepatotoxisch) appliziert werden. Die in Deutschland zugelassenen Fertigarzneimittel sind Pyrrolizidin-abgereichert.

Unerwünschte WirkungenSelten lokale Hypersensitivitätsreaktionen.
KontraindikationenSchwangerschaft, Stillzeit, Kinder unter 2 Jahren.
Brennnessel (Urtica dioica L., Urtica urens L.)
Brennnesselkraut/-blätter (Urticae herba/-folium) enthalten u. a. ungesättigte Fettsäuren, 1–2 % Flavonoide, Caffeoylchinasäuren, 13-Hydroxyoctadiecatriensäure, Mineralsalze, Silikate.
WirkungenDiuretisch, antiphlogistisch, immunmodulierend; Brennnesseldosisabhängige Hemmung der Sekretion von TNF-α und IL–1ß.
WirksamkeitsnachweisIn Studien bei Osteoarthrose, rheumatoider Arthritis, aktivierter Gonarthrose, Gonarthritis und Koxarthritis mit hydroethanolischem Extrakt (2 × 670 mg/Tag) propanolischem Extrakt (2- bis 3 × 145 mg/Tag) oder frischen Blättern ergaben sich Schmerzreduktionen und Reduktionen der gleichzeitigen Einnahme von NSAR [19–21].
Indikationen
  • Kommission E: adjuvant bei rheumatischen Beschwerden, Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege, zur Prävention und Therapie bei Nierengrieß

  • HMPC: traditional herbal medicinal product to increase the amount of urine to achieve flushing of the urinary tract as an adjuvant in minor urinary complaints; for relief of minor articular pain, used in seborrhoeic skin conditions [4]

Dosierung8–12 g Droge/Tag, in 2–3 Dosen, Zubereitung entsprechend.
Unerwünschte WirkungenSelten gastrointestinale Beschwerden und Allergien.
KontraindikationenÖdeme infolge eingeschränkter Herz- und Nierentätigkeit.
Brennnesselwurzel (Urticae radix) enthält u. a. Phytosterole in geringer Konzentration, Scopoletin, Urtica dioica-Agglutinine (0,1 %), Lignane, Polysaccharide.
WirkungenErhöhung von Miktionsvolumen und max. Harnfluss, antiinflammatorisch, Hemmeffekte auf die Prostata-Aromatase (Agglutinine) und die 5-α-Reduktase.
WirksamkeitsnachweisIn 4 placebokontrollierten Doppelblindstudien mit einem methanolisch-wässrigen Extrakt ergaben sich bei Tagesdosen von 600 und 1.200 mg Extrakt und einer Therapiedauer zwischen 4 und 24 Wochen bei Patienten mit benigner Prostatahyperplasie Besserungen des maximalen Harnflusses und von Symptomenscores [22–24]. Auch mehrere Anwendungsbeobachtungen wurden durchgeführt.
Indikationen
  • Kommission E: zur symptomatischen Therapie bei Miktionsbeschwerden bei benigner Prostatahyperplasie Stadium I–II nach Alken

  • HMPC: bisher nicht abschließend bearbeitet

DosierungTagesdosis: 4–6 g Droge, Zubereitungen: entsprechend.
Unerwünschte WirkungenGelegentlich leichte Magen-Darm-Beschwerden; allergische Hautreaktionen.
KontraindikationenNicht bekannt.
Cayennepfeffer (Capsicum frutescens L. s. l.)
Cayenne-Pfefferfrüchte (Capsici fructus acer) enthalten Capsaicinoide, insbesondere Capsaicin (0,3–1 %), Carotinoide, Flavonoide, fettes Öl.
WirkungenLokal hyperämisierend, analgetisch, juckreizmindernd, antiphlogistisch, Freisetzung von Substanz P (CayennepfefferCapsaicin).
WirksamkeitsnachweisNeuere kontrollierte Studien liegen zu postherpetischer und postoperativer Neuralgie, diabetischer Polyneuropathie, Gonarthrose, schmerzhaftem Muskelhartspann, unspezifischen Rückenschmerzen, und Weichteilrheumatismus vor, in denen mit Capsaicin-Creme (0,025–0,075-prozentig) im Vergleich zu Placebo signifikante Schmerzlinderungen und Abnahmen der Schmerzintensität bei einer Anwendungsdauer zwischen 2 und 9 Wochen erreicht wurden [25–28].
Indikationen
  • Kommission E: schmerzhafter Muskelhartspann im Schulter-Arm-Bereich sowie im Bereich der Wirbelsäule bei Erwachsenen und Schulkindern

  • HMPC: bisher nicht abschließend bearbeitet

Dosierung
  • extern anzuwendende halbfeste Zubereitungen (entsprechend 0,02-bis 0,05 % Capsaicinoide)

  • flüssige Zubereitungen (entsprechend 0,005 bis 0,01 % Capsaicinoide)

  • Capsicum-Pflaster (entsprechend 10–40 μg Capsaicinoide/cm2)

Unerwünschte WirkungenNeben initial recht ausgeprägten vaskulären und sensorischen Reaktionen (Erythem, Schmerz und Wärmegefühl) gelegentlich Brennen, Stechen, entzündliche Reaktionen; selten urtikarielles Ekzem, Dermatitis bis hin zu Blasen- und Ulcusbildung möglich.
KontraindikationenAnwendungen auf geschädigter Haut, Schleimhäuten; Überempfindlichkeit gegenüber Paprikazubereitungen.
Echinacea, Sonnenhut, purpurroter (Echinacea purpurea L. MOENCH)
Der aus dem Purpursonnenhutkraut (Echinaceae purpureae herba) hergestellte Frischpflanzenpresssaft enthält die wirksamkeitsmitbestimmenden Alkamide, zudem Polysaccharide, Polyacetylene, Flavonoide.
WirkungenErhöhung der Echinacea, Sonnenhut, purpurroterLeukozytenzahl, Aktivierung der Phagozytoseleistung der Granulozyten, fiebererzeugend, Äußere Anwendung: wundheilungs- und granulationsfördernd, antiviral, antiphlogistisch.
WirksamkeitsnachweisIn systematischen Reviews, einer Metaanalyse und einem Cochrane-Review wurde eine signifikante Besserung von Symptomen bei Erkältungskrankheit belegt, es ergaben sich Hinweise auf eine Verkürzung der Krankheitsdauer. Allerdings wurden verschiedene Extrakte aus unterschiedlichen Spezies verwendet [29–32].
Indikationen
  • Kommission E: adjuvant bei rezidivierenden Infekten im Bereich der Atemwege und der ableitenden Harnwege

  • HMPC: traditional herbal medicinal product for

    • symptomatic treatment of mild dyspeptic, complaints such as heartburn and bloating

    • relief of excessive sweating

    • the symptomatic treatment of inflammations in the mouth or the throat

    • relief of minor skin inflammations [4]

DosierungPresssäfte: 6–9 ml/Tag, Zubereitungen entsprechend Anwendungsdauer: Nicht länger als 2 Wochen, dann sollte eine Pause von zwei Wochen eingehalten werden.
Unerwünschte WirkungenNicht bekannt.
KontraindikationenAllergie auf Korbblütler; aus grundsätzlichen Erwägungen chronisch-progrediente Systemerkrankungen wie Tuberkulose, Kollagenosen, multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen, Leukosen, HIV-Infektion, AIDS.
Efeu (Hedera helix L)
Efeublätter (Hederae helicis folium) enthalten Triterpensaponine (2,5–6 %), insbesondere Hederacosid C, das die Vorstufe zum im Körper entstehenden wirksamkeitsmitbestimmenden α-Hederin darstellt, Flavonoide, Polyacetylene.
WirkungenSpasmolytisch, Efeuexpektorierend, sekretolytisch, haut- und schleimhautreizend. α-Hederin wirkt indirekt β2-sympathomimetisch.
WirksamkeitsnachweisEs liegen kontrollierte Studien mit positivem Wirksamkeitsnachweis bei Patienten mit chronisch-obstruktiven Atemwegserkrankungen, Pertussis, rezidivierender Bronchitis und Asthma bronchiale vor, auch bei Kindern [33]. Zudem finden sich zu diesen Indikationen einige Anwendungsbeobachtungen, auch bei Kindern [34].
Indikationen
  • Kommission E: Katarrhe der Luftwege, symptomatische Behandlung chronisch-entzündlicher Bronchialerkrankungen

  • HMPC: herbal medicinal product used as an expectorant in case of productive cough, traditional herbal medicinal product used as an expectorant in cough associated with cold [4]

DosierungStandardisierte Zubereitungen entsprechend 0,3 g Droge/Tag. Dosierungen bis 0,8 g Droge/Tag werden gut toleriert.
Unerwünschte WirkungenBei empfindlichem Magen können bei hohen Dosen Magenbeschwerden, Brechreiz und Erbrechen auftreten.
KontraindikationenNicht bekannt.
Eukalyptusbaum, Gewöhnlicher Fieberbaum (insbesondere Eucalyptus globulus LA BILLARDIÈRE)
Eukalyptusöl (Eucalypti aetheroleum) aus den Blättern (Eucalypti folium) besteht mindestens zu 70 % aus 1,8-Cineol, dem Hauptwirkstoff.
WirkungenSekretomotorisch, expektorierend, schwach spasmolytisch, lokal schwach hyperämisierend, antiphlogistisch.
EukalyptusbaumWirksamkeitsnachweisBei Schnupfen nahm die Nasenkongestion in der ersten Stunde nach Inhalation mit Eukalyptusöl im Vergleich zu Wasserdampf ab. In einer placebokontrollierten Studie konnte 1,8 Cineol 3 × 200 mg oral bei steroidpflichtigem Asthma bronchiale die Steroiddosis um 36 % reduzieren [35], in einer Studie mit Vergleichsmedikation besserten sich bei chronisch-obstruktiver Lungenkrankheit die Funktionsparameter [36].
Indikationen
  • Kommission E: Erkältungskrankheiten der Luftwege (innere und äußere Anwendung), rheumatische Beschwerden (äußere Anwendung)

  • HMPC: bisher nicht abschließend bearbeitet

Dosierung
  • innere Anwendung: 0,3–0,6 ml/Tag (mittlere Dosis) in magensaftresistenten Weichgelatinekapseln, Zubereitungen entsprechend

  • äußere Anwendung: 5–20-prozentige ölige und halbfeste bzw. 5–10-prozentige wässrig-ethanolische Zubereitungen: Einige Tr. des ätherischen Öls einreiben

Unerwünschte WirkungenSelten nach innerer Anwendung Übelkeit, Erbrechen, Durchfall.
KontraindikationenBei innerer Anwendung entzündliche Erkrankungen im Magen-Darm-Bereich und im Bereich der Gallenwege, schwere Leberkrankungen. Bei Säuglingen und Kleinkindern nicht im Bereich des Gesichtes auftragen.
InteraktionenDie beschriebene Induktion des hepatischen CYP 450 Systems ist klinisch nicht relevant.
Flohkraut (Plantago psyllium L.) und Indischer Wegerich (Plantago ovata FORSSKAL)
Flohsamen (Psyllii semen), Indische Flohsamen (Plantaginis ovatae semen) und Indische Flohsamenschalen (Plantaginis ovatae testa) enthalten in der Epidermis der Samenschale 10–12 % unverdauliche FlohkrautSchleimstoffe (komplexe Polysaccharide). Wegerich, indischerFlohsamenschalen haben die höchste Quellungszahl (40) aller pflanzlichen Drogen.
WirkungenRegulation der Darmperistaltik (antidiarrhoisch, antiobstipativ), antiphlogistisch, reizlindernd, lipidsenkend (Reduktion der Resorption).
WirksamkeitsnachweisIn aktuellen kontrollierten Studien nahmen bei obstipierten Patienten Stuhlhäufigkeit und -gewicht signifikant zu bei zugleich weicheren Stühlen [37–39].
Die signifikanten Abnahmen von Beschwerden bei Morbus Crohn, Reizdarmsyndrom und Divertikulitis sind durch klinische Studien mit Flohsamen und Flohsamenschalen belegt [40]. In einer Metaanalyse führte bei mit fettarmer Kost behandelten Patienten mit Hypercholesterinämie die Einnahme von 10,2 g Flohsamenschalen/Tag zur Reduktion des Gesamtcholesterins um 3,9 % und der LDL-Konzentration um 6,7 % im Vergleich zu Placebo [41]. In einer neueren Metaanalyse mit 21 kontrollierten Studien ergaben sich bei der Einnahme von 20,4 g Psyllium/Tag eine Senkung des Gesamtcholesterins um 0,375 mmol/l und des LDL-Cholesterins um 0,278 mmol/l [42]. In einem Review zur Therapie von adipösen Kindern und Jugendlichen mit pathologischem Kohlenhydratstoffwechsel nahm die prozentuale Änderung der postprandialen Glukose bei Typ 2-Diabetikern nach Psyllium-Gabe um 12,2 bis 20,2 % ab [43].
Indikationen
  • Kommission E: Flohsamen, Indische Flohsamen: habituelle Obstipation, Reizdarmsyndrom. Indische Flohsamen(schalen): Erkrankungen, bei denen eine erleichterte Defäkation mit weichem Stuhl erwünscht ist (z. B. Analfissuren, Hämorrhoiden, nach rektal-analen operativen Eingriffen, in der Schwangerschaft); adjuvant bei Diarrhö verschiedener Genese

  • HMPC: herbal medicinal product:

    • Plantaginis ovatae semen: for the treatment of habitual constipation; in conditions in which easy defaecation with soft stools is desirable, e. g. in cases of painful defaecation after rectal or anal surgery, anal fissures or haemorrhoids

    • Plantaginis ovatae testa: wie semen, zusätzlich: in patients to whom an increased daily fiber intake may be advisable e. g. as an adjuvant in constipation predominant irritable bowel syndrome, as an adjuvant to diet in hypercholesterolemia [4]

DosierungTagesdosis: Flohsamen 10–30 g/Tag, Indische Flohsamen 10–40 g/Tag, Indische Flohsamenschalen 4–20 g/Tag, Zubereitungen entsprechend.
Unerwünschte WirkungenAllergie auf Flohsamen (sehr selten); bei unzureichender gleichzeitiger Flüssigkeitszufuhr Obstruktion von Ösophagus oder Intestinum möglich.
AnwendungshinweisJe 5 g Flohsamen(schalen) müssen mit mindestens 150 ml kaltem Wasser (nicht mit Milch) aufgerührt und so rasch wie möglich getrunken werden. Einnahme zu den Mahlzeiten. Flohsamen(schalen) frühestens 30, besser 60 Minuten nach anderen Arzneimitteln einnehmen. Zur Behandlung der Obstipation Flohsamenschalen nicht vorquellen lassen.
InteraktionenDie Resorption von gleichzeitig eingenommenen Arzneimitteln kann verzögert werden.
KontraindikationenStenosen der Speiseröhre und des Magen-Darm-Trakts, bekannte Allergie auf Flohsamen(schalen); schwer einstellbarer Diabetes mellitus, gleichzeitige Therapie mit Cumarinen, Kinder unter 12 Jahren.
Ginkgo (Ginkgo biloba L.)
In Deutschland erhältliche Zubereitungen aus Ginkgoblättern (Ginkgo bilobae folium) enthalten in der Regel einen Spezialextrakt mit einem Droge-Extrakt-Verhältnis von 35–67 : 1 (wässriger Aceton-Extrakt, EGb 761). Wichtige Stoffgruppen sind z. B. Flavonolglykoside (22–27 Ginkgo%), Ginkgolide A, B und C (2,8–3,4 %), Bilobalid (2,6–3,2 %) und Proanthocyanidine (4–10 %).
WirkungenNeuroprotektiv, Steigerung der Hypoxietoleranz insbesondere von Hirngewebe, Verbesserung neuronaler Stoffwechselstörungen und der zerebralen Perfusion, Verminderung von Retinaödem, antioxidativ, Reduktion der Kapillarpermeabilität, Verbesserung von psychomotorischen und kognitiven Funktionen, Förderung der Kompensation von Gleichgewichtsstörungen.
WirksamkeitsnachweisZu hirnorganischen Leistungsstörungen wurden über 50 klinische Studien durchgeführt. Es liegen mehrere Metaanalysen und Reviews zu M. Alzheimer und anderen hirnorganischen Leistungsstörungen vor, die teilweise eine Überlegenheit über Placebo zeigen. Die Wirksamkeit von Ginkgo-biloba-Extrakt ist in einigen Reviews vergleichbar mit der der Cholinesterase-Hemmer, die Verträglichkeit ist allerdings deutlich besser [44–48]. Ein Benefit bei Patienten mit leichter bis mittelschwerer Demenz assoziiert mit neuropsychiatrischen Symptomen wurde in einer aktuellen Studie beschrieben [49]. In einigen Studien zur Verbesserung der Gehirnleistung bei Personen über 50 Jahre ergab sich eine signifikante Verbesserung von Kurz- und Langzeitgedächtnis, der Intensität der Aufmerksamkeit, beim Arbeitsgedächtnis und bei der Intelligenz, die Ergebnisse sind jedoch widersprüchlich [50, 51].
Zur Indikation arterielle Verschlusskrankheit (Claudicatio intermittens) liegen einige mehrheitlich randomisierte doppelblinde kontrollierte Studien mit günstigen Ergebnissen vor, die Überlegenheit im Vergleich zu Placebo wird in einem systematischen Review jedoch nicht bestätigt [52]. Zu Tinnitus gibt es vorwiegend offene Studien mit großen Patientenzahlen, in einer Metaanalyse konnte jedoch nicht belegt werden, dass die Prognose günstig beeinflusst wird [53].
Indikationen
  • Kommission E: symptomatische Behandlung von hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts beim dementiellen Syndrom, Schwindel, Tinnitus, Verbesserung der schmerzfreien Gehstrecke bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit im Stadium II nach Fontaine (Claudicatio intermittens) im Rahmen physikalisch-therapeutischer Maßnahmen (v. a. Gehtraining)

  • HMPC: Monografie liegt vor.

Dosierung
  • demenzielles Syndrom: 120–240 mg Extrakt/Tag in 2–3 Einzeldosen

  • arterielle Verschlusskrankheit, Schwindel und Tinnitus: 120–160 mg/Tag in 2–3 Einzeldosen

Anwendungshinweis
  • dementielles Syndrom: Einnahme für mindestens 8 Wochen. Nach einer Behandlungsdauer von 3 Monaten sollte geprüft werden, ob die Fortsetzung der Therapie noch gerechtfertigt ist.

  • arterielle Verschlusskrankheit: Behandlungsdauer über mindestens 6 Wochen. Schwindel und Tinnitus: Die Anwendung über mehr als 6–8 Wochen bringt keinen therapeutischen Vorteil.

Unerwünschte WirkungenSehr selten gastrointestinale Beschwerden, Kopfschmerzen und allergische Hautreaktionen. Der Kausalzusammenhang zwischen in der Literatur beschriebenen Einzelfällen von Blutungen mit der Einnahme von Ginkgo-biloba-Extrakten gilt nicht als gesichert.
InteraktionenKeine bekannt, dennoch zur vorsorglichen Risikoabwehr Ginkgo-Zubereitungen vor Operationen absetzen.
Kontraindikation:Überempfindlichkeit gegenüber Ginkgo-biloba-Zubereitungen.
Hopfen (Humulus lupulus L.)
Hopfenzapfen (Lupuli strobulus) enthalten 15–30 % Harz mit oxidationsempfindlichen Bitterstoffen, z. B. Lupulon und Humulon, Proanthocyanidine und Flavonoide.
WirkungenSedativ, schlaffördernd.
WirksamkeitsnachweisIn einer kontrollierten Studie mit einem HopfenBaldrian-Hopfen-Kombinationspräparat wurden Schlafstörungen signifikant im Vergleich zu Placebo bzw. zu Baldrian allein reduziert [8], in einer weiteren Studie war die Wirksamkeit der Kombination mit Diphenhydramin äquivalent und gegenüber Placebo überlegen [9].
Indikationen
  • Kommission E: Unruhe- und Angstzustände, Schlafstörungen

  • HMPC: traditional herbal medicinal product for relief of mild symptoms of mental stress and to aid sleep [4]

DosierungTee: 0,5 g Droge, 2–4 × tgl., andere Zubereitungen entsprechend.
Unerwünschte Wirkungen, KontraindikationenNicht bekannt.
Ingwer (Zingiber officinalis ROSCOE)
Ingwerwurzelstock (Zingiberis rhizoma) enthält u. a. ätherisches Öl (2,5–3 %; Monoterpene, Sesquiterpene), Scharfstoffe (4–7,5 %; Gingerole, Shogaole) und Diarylheptanoide.
WirkungenAntiemetisch (auch bei Therapie mit Zytostatika), Förderung der Speichel- und IngwerMagensaftsekretion, cholagog, Steigerung von Tonus und Peristaltik des Darms
WirksamkeitsnachweisIn Reviews aus kontrollierten Studien wird eine Überlegenheit von Ingwer gegenüber Placebo bzw. Äquivalenz gegenüber der Referenzmedikation bei Seekrankheit und morgendlicher Übelkeit und Brechreiz bei Schwangerschaft, auch bei der Prophylaxe, belegt [54–57]. In neueren Studien ergaben sich positive Effekte bei postoperativer Übelkeit und Erbrechen und partiell bei adjuvanter Gabe bei Chemotherapie [58–60].
Indikationen
  • Kommission E: dyspeptische Beschwerden; Verhütung der Symptome der Reisekrankheit

  • HMPC:

    • herbal medicinal product for the prevention of nausea and vomiting in motion sickness.

    • traditional herbal medicinal product for the symptomatic relief of motion sickness.

    • traditional herbal medicinal product for symptomatic treatment of mild, spasmodic gastrointestinal complaints including bloating and flatulence [4]

Dosierung2–4 g gepulverte Droge/Tag, Einnahme vor den Mahlzeiten.
Unerwünschte WirkungenNicht bekannt.
KontraindikationenSchwangerschaftserbrechen.
Johanniskraut, echtes (Hypericum perforatum L.)
Wichtige Inhaltsstoffe alkoholischer Extrakte von Johanniskraut (Hyperici herba) sind Naphthodianthrone (0,05–0,3 %, insbesondere Hypericin, Pseudohypericin), Hyperforin (2–4 %), Gerbstoffe (6–15 %), Flavon- und Flavonolderivate, Xanthone, wenig Johanniskraut, echtesätherisches Öl.
Wirkungen des Gesamtextrakts: mild antidepressiv, anxiolytisch
WirksamkeitsnachweisIn 57 kontrollierten Studien, zusammengefasst in 2 neueren Metaanalysen fanden sich Responderraten von 59 %/29 % (Verum/Placebo) bzw. 55 %/55 % (Verum/Vergleichspräparat) mit Dosierungen von 500–1.000 mg Extrakt/Tag [61, 62]. Auch bei Depressionen im Rahmen des Klimakteriums existieren in Kombination mit Cimicifuga racemosa positive Wirksamkeitsbelege [63].
Indikationen
  • Kommission E: leichte bis mittelschwere depressive Verstimmung, psychovegetative Störungen, Angstzustände, nervöse Zustände

  • HMPC:

    • herbal medicinal product: for the treatment of mild to moderate depressive episodes (according to ICD-10)

    • traditional herbal medicinal product: for the relief of temporary mental exhaustion and for the symptomatic relief of mild gastrointestinal discomfort [4]

Dosierung
  • wässrig-ethanolische (50–60 % Ethanol) oder wässrig-methanolische (80 % Methanol) Extrakte und Tinkturen/Tag

  • Kinder (6–12 Jahre): bis 500 mg/Tag

Unerwünschte WirkungenGelegentlich gastrointestinale Beschwerden, Unruhe, Müdigkeit, allergische Exantheme. Insbesondere bei hellhäutigen Personen kann es durch eine Photosensibilisierung zu sonnenbrandähnlichen Reaktionen der Hautpartien kommen, die starker Bestrahlung ausgesetzt sind.
InteraktionenAbschwächung der Wirksamkeit von Warfarin, Phenprocoumon, Ciclosporin, Tacrolimus, Sirolimus, Proteinase-Inhibitoren wie Indinavir, NNRT-Hemmer wie Nevirapin, Irinotecan, Imatinib, Amitriptylin, Nortriptylin, Midazolam, Theophyllin, Digoxin, Verapamil, Simvastatin bei gleichzeitiger Anwendung. Die postulierten Interaktionen mit hormonellen Kontrazeptiva werden nicht durch Studien unterstützt.
Bei gleichzeitiger Behandlung mit anderen Arzneimitteln, die photosensibilisierend wirken, ist theoretisch eine Verstärkung phototoxischer Wirkungen möglich.
KontraindikationenAllergie gegen die Inhaltsstoffe, bekannte Lichtüberempfindlichkeit der Haut. Schwere Depressionen, Anwendung bei Kindern unter 6 Jahren, bei Schwangerschaft und Stillzeit wegen fehlender ausreichender Untersuchungen.
Kamille, echte (Matricaria recutita L. RAUSCHERT)
Kamillenblüten (Matricariae flos) enthalten u. a. ätherisches Öl (0,5–1,5 %, insbesondere (-)-α-Bisabolol, Bisabolane und Matricin), Flavonderivate (1–3 %, z. B. Apigenin) und Schleimstoffe.
WirkungenWundheilungsfördernd, desodorierend, Kamille, echteantibakteriell, antiphlogistisch, spasmolytisch, fungizid.
WirksamkeitsnachweisIn einer Anwendungsbeobachtung bei gastrointestinalen Beschwerden wurde die Wirkung von 95 % der Patienten als gut bis sehr gut bewertet. In einer weiteren Studie führte 5 ml Kamillenextrakt/Tag innerhalb von 6 Wochen zur Besserung bzw. bei 44,2 % zum Sistieren der Beschwerden. In randomisierten Therapiestudien bei Dermatitis infolge UV-Bestrahlung bzw. bei mittelgradigem atopischem Ekzem oder chronischem Ekzem wurde eine Äquivalenz zu Externa mit 0,25 bzw. 0,5 % Hydrocortison belegt, in einer Studie mit Dermabrasio nach Tätowierung war Kamillenextrakt Placebo hinsichtlich des Wundheilungseffektes überlegen. Bei Phlebitis nach Infusionsbehandlung und bei Schleimhautläsionen im Mund und Rachenraum (z. B. Aphten) ergaben Anwendungsbeobachtungen mit Kamillenextrakt günstige Wirkungen [64, 65]. Bei Hämorrhoiden 2. Grades hatte eine äußerliche Add-on-Therapie mit Kamillenextrakt den besten Effekt.
Indikationen
  • (Kommission E):

    • innere Anwendung: entzündliche Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts, gastrointestinale Spasmen;

    • äußere Anwendung: Haut- und Schleimhautentzündungen, bakterielle Hauterkrankungen einschließlich der Mundhöhle und des Zahnfleisches; entzündliche Erkrankungen und Reizzustände der Luftwege (Inhalationen)

  • HMPC: Monografie liegt vor.

Dosierung
  • innere Anwendung: Tee: 3 g Droge (1 EL), 3–4 × tgl. frisch zubereiten, zwischen den Mahlzeiten trinken

  • äußere Anwendung: Aufgüsse für Spülungen und Gurgellösungen 3–10-prozentig (m/V), Badezusatz: 50 g Droge auf 10 l Wasser, Zubereitungen entsprechend, feste und halbfeste Zubereitungen entsprechend 3–10 % Droge

  • Inhalationen: 10–20 ml eines ethanolischen Extrakts/Liter heißes Wasser

Unerwünschte WirkungenEinzelfälle von Allergien.
KontraindikationNicht bekannt.
Knoblauch (Allium sativum L.)
Die Knoblauchzwiebel (Allii sativi bulbus) enthält 0,5–1 % Cystein-Sulfoxide, insbesondere Alliin und γ-Glutamyl-Cysteine. Im schonend verarbeiteten Knoblauchpulver sind diese Inhaltsstoffe sowie das für deren Abbau verantwortliche Enzym Alliinase enthalten.
KnoblauchWirkungenArteriosklerosehemmend, kardioprotektiv, lipidsenkend, mild antihypertensiv, antioxidativ, vasodilatierend, profibrinolytisch reversibel, thrombozytenaggregationshemmend, antibakteriell, antimykotisch, antiviral.
WirksamkeitsnachweisEs liegen über 50 klinische Studien zu kardiovaskulären Effekten vor. In 2 Metaanalysen bei Patienten mit Hyperlipidämie sank bei mindestens 4-wöchiger Einnahme von 600–900 mg Knoblauchzubereitungen/Tag das Gesamtcholesterin um 6–12 % [66, 67]. In 2 Metaanalysen ergaben sich milde antihypertensive Effekte [68, 69]. In placebokontrollierten Doppelblindstudien wurde der Zuwachs von arteriosklerotischen Plaquevolumina im Bereich der A. carotis communis bzw. der Koronararterien durch eine Einnahme von 900 mg Knoblauch/Tag über mindestens 4 Wochen bis mehrere Jahre signifikant reduziert, in einer weiteren mit mehr als 300 mg Knoblauch/Tag die altersbedingte Zunahme des elastischen Gefäßwiderstandes verzögert [70–72].
Indikationen
  • Kommission E: Vorbeugung altersbedingter Gefäßveränderungen, adjuvant bei Erhöhung der Blutfette, wenn die diätischen Maßnahmen nicht ausreichend sind

  • HMPC: bisher nicht abschließend bearbeitet

Dosierung0,5–1 g getrocknetes Knoblauchpulver/Tag.
Unerwünschte WirkungenBei ca. 27 % der Anwender erhebliche Geruchsbildung, selten gastrointestinale Beschwerden, sehr selten allergische Reaktionen.
KontraindikationenNicht bekannt.
Lavendel (Lavandula angustifolia MILLER)
Die getrockneten Lavendelblüten (Lavandulae flos) enthalten ätherisches Öl (mindestens 1,5 %, Hauptkomponenten: Linalylacetat, Linalool) sowie 12 % Gerbstoffe.
Wirkungen von Lavendelöl: sedativ, karminativ, cholagog, anxiolytisch.
WirksamkeitsnachweisIn Lavendelkontrollierten Studien bei Patienten mit Depression, Unruhe, Angststörungen oder Insomnie konnte bei Inhalation von Lavendelöl akut oder über bis zu 4 Wochen bzw. bei Einnahme des Öls eine messbare Verbesserung der jeweiligen Beschwerden erreicht werden [73–75]. Eine Sedierung der Patienten wurde nicht festgestellt. Außerdem war ein orales Lavendelölpräparat bei generalisierten Angststörungen über 6 Wochen vergleichbar wirksam wie ein Benzodiazepin [76, 77]. In kontrollierten Studien bei gesunden Probanden und bei verschiedenen Patientengruppen nahm die Schlafqualität bei Inhalation von Lavendelöl zu [78–80].
Indikationen
  • Kommission E: Lavendelöl innere Anwendung: Unruhezustände, Einschlafstörungen, funktionelle Oberbauchbeschwerden; äußere Anwendung: funktionelle Kreislaufstörungen

  • HMPC: Lavendelöl äußere und innere Anwendung: traditional herbal medicinal product for relief of mild symptoms of mental stress and exhaustion and to aid sleep [4]

Dosierung
  • innere Anwendung: Tee: 1–2 TL Droge/Tasse, bis zu 3-mal/Tag, Lavendelöl: 1–4 Tr. auf 1 Stück Würfelzucker, bis zu 3-mal/Tag; 80 mg aufkonzentriertes Lavendelöl 1-mal/Tag.

  • äußere Anwendung: Badezusatz: 20–100 g Lavendelblüten auf 20 Liter Wasser

Unerwünschte WirkungenIn Einzelfällen Kontaktallergien bei kosmetischer Anwendung des Öls.
KontraindikationenNicht bekannt.
Lein (Linum usatissimum L.)
Leinsamen (Lini semen) enthalten ca. 25 % Ballaststoffe (bestehend aus 10 % schwer verdaulichen Polysacchariden, Zellulose, Hemizellulose, Lignin), 45 % fettes Öl (52–76 % Linol- und Linolsäureester), 25 % Eiweiß, Lignane, Linustatin.
WirkungenLeinPeristaltikanregend, laxierend, schleimhautprotektiv.
WirksamkeitsnachweisIn älteren Studien erwies sich Leinsamen als wirksames Laxans bei geriatrischen Patienten [81].
Indikationen
  • Kommission E – innere Anwendung:

    • habituelle Obstipation

    • durch Abführmittel geschädigtes Colon

    • Reizdarmsyndrom

    • Divertikulitis

    • Gastritis und Enteritis

  • Kommission E – äußere Anwendung: bei lokalen Entzündungen

  • HMPC:

    • herbal medicinal product for the treatment of habitual constipation or in conditions in which easy defaecation with soft stool is desirable

    • traditional herbal medicinal product for use as a demulcent preparation for the symptomatic relief of mild gastrointestinal discomfort [4]

DosierungInnere Anwendung: 2–3 × tgl. 1 EL unzerkleinerten Leinsamen zusammen mit jeweils ca. 150 ml Wasser einnehmen (maximal 45 g/Tag). Bei äußerer Anwendung werden 30–50 g Leinsamenmehl als feuchtheißes Kataplasma verwendet.
Unerwünschte WirkungenHäufig Meteorismus.
KontraindikationenIleus.
InteraktionenEs ist eine verminderte Resorption andere Arzneistoffe möglich, deshalb sollten andere Medikamente mit einem Abstand von 30 bis 60 Minuten eingenommen werden. Wegen der Verzögerung der duodenalen Glukoseresorption kann beim insulinpflichtigen Diabetiker eine Reduktion der Insulindosis erforderlich werden.
Mariendistel (Silybum marianum L. GAERTNER)
Mariendistelfrüchte (Cardui mariae fructus) enthalten mindestens 1,5 % Silymarin (Komplex, der aus den Flavonolderivaten Silybinin (50–70 %), Silydianin und Silychristin A und B besteht), 15–30 % fettes Öl mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren.
MariendistelWirkungenMembranstabilisierend, antitoxisch, radikalbindend, antifibrotisch, antiinflammatorisch, bei Hepatozyten Anstieg der ribosomalen Proteinsynthese.
WirksamkeitsnachweisPlacebokontrollierte Studien bei chronischen alkoholischen Leberschäden, bei Leberzirrhose und bei Hepatitis C fanden günstige Effekte [82–85].
Indikationen
  • Kommission E: Silymaringemisch: adjuvant bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen, toxischen Leberschäden und Leberzirrhose

  • HMPC: bisher nicht abschließend bearbeitet

Dosierung12–15 g Droge/Tag (mittlere Dosis), Zubereitungen entsprechend 200–400 mg Silymarin (berechnet als Silybinin).
Unerwünschte WirkungenGelegentlich Übelkeit, Dyspepsie, Diarrhö, Appetitlosigkeit, Blähungen; allergische Reaktionen vom Typ I.
KontraindikationenNicht bekannt.
Melisse, Zitronen-Melisse (Melissa officinalis L)
Melissenblätter (Melissae folium) enthalten u. a. 0,05 %–0,8 % ätherisches Öl (hauptsächlich Citral und Citronellal), 4 % Gerbstoffe und Flavonoide.
WirkungenSedierend, karminativ, schlafinduzierend (hydroalkoholischer Extrakt), virustatisch.
MelisseWirksamkeitsnachweiseBei Demenz besserte ein Melissenextrakt (60 Tr. oral über vier Monate) im Vergleich zu Placebo die kognitive Leistungsfähigkeit und reduzierte die Agitiertheit [86]. Zur Indikation Unruhe und nervös bedingte Einschlafstörungen liegt eine nicht kontrollierte Studie bei Personen mit leichten Angststörungen und Schlafstörungen vor [87].
Indikationen
  • Kommission E: nervös bedingte Einschlafstörungen, funktionelle gastrointestinale Beschwerden

  • HMPC: traditional herbal medicinal product for

    • relief of mild symptoms of mental stress and to aid sleep

    • symptomatic treatment of mild gastrointestinal complaints including bloating and flatulence [4]

DosierungAls Tee 1,5–4,5 g Droge, 2–3 × tgl., Tinktur (1 : 5 in 45 % Alkohol): 2–6 ml, 3 × tgl., andere Zubereitungen: entsprechend.
Unerwünschte Wirkungen und KontraindikationenNicht bekannt.
Mistel (Viscum album L.)
Phytotherapeutische Präparate aus Mistelkraut (Visci albi herba) enthalten u. a. Mistellektine (Viscum-album-Agglutinine), Flavonoide, Lignane und Viskotoxin.
WirkungenBei intrakutaner Injektion lokale Entzündungsreaktion, Verbesserung der Lebensqualität, bei MistelTumorpatienten Linderung von tumorbedingten Schmerzen, immunabwehrsteigernd.
WirksamkeitsnachweiseDie älteren Studien mit parenteraler (insbesondere s. c.) Anwendung verschiedener Mistelpräparate sind in der Mehrzahl von nicht ausreichender Qualität. Neuere Studien mit einem auf Mistel-1-Lektin normierten Extrakt ergaben bei Pankreas-, Mamma- und kolorektalen Karzinomen, Blasen-, Ovarial-, Zervix-, Bronchialtumoren und Kopf-Halstumoren signifikante Verbesserungen bei der Lebensqualität [88].
Indikationen
  • Kommission E: degenerativ-entzündliche Gelenkerkrankungen, Palliativtherapie im Sinne einer unspezifischen Reiztherapie bei malignen Tumoren

  • HMPC: With regard to the use of Viscum album L., herba in cancer therapy, the HMPC concluded that this is outside the scope of the Directive 2001/83/EC as amended for traditional herbal medicinal products. The HMPC also considered use in cancer therapy and concluded that the information available in the public domain was not sufficient to enable a well-established use indication to be supported [4].

DosierungNach Angaben des Herstellers.
Unerwünschte WirkungenBei parenteraler Anwendung (vor allem s. c.) selten Schüttelfrost, hohes Fieber, Kopfschmerzen, pektanginöse Beschwerden, orthostatische Kreislaufstörungen, allergische Reaktionen, Phlebitiden, subkutane Knotenbildung am Injektionsort, Lymphknotenschwellung, sehr häufig vorübergehende Schwellung/Rötung an der Injektionsstelle.
KontraindikationenEiweißüberempfindlichkeit, hochfieberhafte Erkrankungen, chronisch-progrediente Infektionen, primäre Hirn- und Rückenmarktumoren, bekannte Allergien auf Mistelzubereitungen, Schwangerschaft.
Mönchspfeffer, Keuschlamm (Vitex agnus-castus L.)
Mönchspfefferfrüchte (Agni casti fructus) enthalten ätherisches Öl, Iridoidglykoside (Agnusid und Aucubin), Flavonoide und bizyklische Diterpene.
WirkungenStimulation von hypophysären Dopamin-2-Rezeptoren, Hemmung der Prolaktinausschüttung.
MönchspfefferWirksamkeitsnachweisIn kontrollierten Studien ergaben sich eine Reduktion der Mastodynie, günstige Einflüsse auf das prämenstruelle Syndrom und günstige Effekte bei Zyklusstörungen infolge Corpus-luteum-Insuffizienz. Mehrheitlich wurden 40 mg eines ethanolischen Mönchspfefferextrakts pro Tag über 3 Monate verabreicht [89–91].
Indikation
  • Kommission E: Regeltempoanomalien, prämenstruelles Syndrom, Mastodynie

  • HMPC:

    • herbal medicinal product for the treatment of premenstrual syndrome

    • traditional herbal medicinal product for the relief of minor symptoms in the days before menstruation (premenstrual syndrome) [4]

DosierungZubereitungen entsprechend 30–40 mg Droge/Tag für mindestens 3 Monate.
Unerwünschte WirkungenGelegentlich treten urtikarielle Exantheme auf.
KontraindikationenSchwangerschaft, Stillzeit.
Passionsblume (Passiflora incarnata L.)
Passionsblumenkraut (Passiflorae herba) enthält als Hauptinhaltsstoffe bis 2,5 % Flavonoide, ansonsten u. a. Protocatechusäure, Kaffeesäure und geringe Mengen ätherischen Öls.
WirkungenAnxiolytisch, schlafzeitverlängernd, motilitätshemmend.
PassionsblumeWirksamkeitsnachweisIn einer kontrollierten Studie bei Patienten mit Angststörungen war ein hydroethanolischer Extrakt äquivalent zu 30 mg Oxazepam. Des Weiteren liegen einige positive Studien zu Kombinationspräparaten mit Baldrian, Hopfen und/oder Johanniskraut bei Nervosität, Schlaf- und Angststörungen vor [92, 93].
Indikationen
  • Kommission E: nervöse Unruhezustände

  • HMPC: traditional herbal medicinal product for relief of mild symptoms of mental stress and to aid sleep [4]

Dosierung0,5–2 g Droge, 3–4 × tgl., Zubereitungen entsprechend.
Unerwünschte WirkungenSehr selten entwickeln sich Hypersensitivitätsreaktionen.
KontraindikationenNicht bekannt.
Pfefferminze, echte (Mentha x piperita L.) (Kulturform)
Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium)
Diese enthalten 0,5–4 % ätherisches Öl (Pfefferminzöl: s. u.), zudem Lamiaceen-Gerbstoffe (bis 4,5 %) und Flavonoide.
WirkungenSpasmolytisch, choleretisch, karminativ, Förderung der Magensaftsekretion, appetitanregend.
PfefferminzeWirksamkeitsnachweisKlinische Studien zu den angegebenen Indikationen liegen nicht vor.
Indikationen
  • Kommission E: krampfartige Beschwerden im Magen-Darm-Bereich und der Gallenblase und -wege

  • HMPC: traditional herbal medicinal product for the symptomatic relief of digestive disorders such as dyspepsia and flatulence [4]

DosierungTee: 1,5–3 g zerkleinerter Droge, 3 × tgl., Tinktur (1:5; 45 % Ethanol): 2–3 ml, 3 × tgl., Zubereitungen entsprechend
Unerwünschte WirkungenNicht bekannt.
KontraindikationenDauergebrauch bei chronischen Magenbeschwerden, bei Cholezystolithiasis nur nach Rücksprache mit dem Arzt anwenden.
Pfefferminzöl (Menthae piperitae aetheroleum)
Pfefferminzöl enthält 30–55 % (-)-Menthol und andere Alkohole, 12–32 % Ketone (z. B. Menthon), zudem Ester.
WirkungenKühlend, spasmolytisch, karminativ, cholagog, motilitätsfördernd, antibakteriell, sekretolytisch.
WirksamkeitsnachweisEine Metaanalyse über 16 Studien mit magensaftresistent verkapseltem Pfefferminzöl (ca. 200 mg 3 × tgl.) ergab bei Patienten mit Reizdarmsyndrom eine Überlegenheit gegenüber Placebo [94]. Studien mit Kombinationspräparaten, die u. a. Pfefferminzöl enthielten, ergaben bei Dyspepsie signifikante Verbesserungen der Symptomatik im Vergleich zu Placebo [95, 96]. Bei Patienten mit chronischen Spannungskopfschmerzen und bei Migräne ohne Aura ergaben klinische Studien signifikante Reduktionen der Schmerzsymptomatik im Vergleich zu Placebo [97, 98].
Indikationen
  • Kommission E:

    • innere Anwendung: krampfartige Beschwerden im oberen Gastrointestinaltrakt und den Gallenwegen, Reizdarmsyndrom, Mundschleimhautentzündungen, Katarrhe der oberen Luftwege

    • äußere Anwendung: Katarrhe der oberen Luftwege, Myalgien, neuralgiforme Beschwerden

  • HMPC:

    • innere Anwendung: herbal medicinal product for the symptomatic relief of minor spasms of the gastrointestinal tract flatulence and abdominal pain, especially in patients with irritable bowel syndrome

    • äußere Anwendung: herbal medicinal product for the symptomatic relief of mild tension type headache

    • traditional herbal medicinal product – äußere Anwendung: for the relief of symptoms in coughs and colds, for the symptomatic relief of localised muscle pain, for the symptomatic relief of localised pruritic conditions in intact skin, for the relief of symptoms in coughs and colds (inhalation), for the relief of symptoms in coughs and colds (oromucosal application) [4]

Dosierung
  • innere Anwendung: 1–4 Tr., bis 3 × tgl., in Wasser verdünnt, Retardformen (bei Reizdarmsyndrom): 0,2–0,4 ml, 3 × tgl. vor den Mahlzeiten, Inhalation: 3–5 Tr. in heißes Wasser geben; bei Husten und Erkältung

  • äußere Anwendung: zur Analgesie (Einreibung): Äquivalente Dosierung zu 1,25–16 % m/m Menthol in flüssigen oder halbfesten Zubereitungen

Unerwünschte WirkungenEine Refluxsymptomatik kann durch nicht retardierte Formen verstärkt werden, Hautreizungen bei äußerlicher Anwendung sind selten. Bei Neugeborenen kann Ikterus auftreten.
KontraindikationenVerschluss der Gallenwege, Cholezystitis und schwere Leberschäden; Anwendung im Gesicht bei Säuglingen und Kleinkindern. Bei Gallensteinleiden nur nach Rücksprache mit einem Arzt anwenden. Kontaktallergie gegen Pfefferminzöl oder Menthol.
Rosmarin (Rosmarinus officinalis L.)
Rosmarinblätter (Rosmarini folium) enthalten 1,0–2,5 % ätherisches Öl (1,8-Cineol, α-Pinen, Campher, Borneol), Gerbstoffe, bittere Diterpenphenole.
WirkungenSpasmolytisch, hautreizend, durchblutungsfördernd, antiinflammatorisch.
WirksamkeitsnachweisRosmarinKlinische Studien zu den nachstehenden Indikationen sind nicht vorhanden.
Indikationen
  • Kommission E:

    • innere Anwendung: dyspeptisches Syndrom

    • äußere Anwendung: adjuvante Therapie bei rheumatischen Beschwerden und peripherer Kreislaufdysregulation

  • HMPC: traditional herbal medicinal product

    • innere Anwendung: for symptomatic relief of dyspepsia and mild spasmodic disorders of the gastrointestinal tract

    • äußere Anwendung: as adjuvant in the relief of minor muscle and articular pain [4]

Dosierung
  • innere Anwendung: Teeaufguss: 4–6 g Droge/Tag, 10–20 Tr. ätherisches Öl, Zubereitungen entsprechend

  • äußere Anwendung: 6–10 % ätherisches Öl in halbfesten und flüssigen Zubereitungen, andere Zubereitungen entsprechend. Abkochung: 50 g Rosmarinblätter in 1 Liter zum Badewasser geben, 2 × wöchentlich

Unerwünschte WirkungenSehr selten Kontaktdermatitis.
KontraindikationenAllergie auf Rosmarinblätter und deren Zubereitungen. Keine Bäder bei großen offenen Wunden und großen Hautläsionen, bei Fieber, akuten Entzündungen, schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Rosskastanie (Aesculus hippocastanum L.)
Getrockneter Rosskastaniensamen (Hippocastani semen) enthält 3–10 % β-Aescin (ein saures komplexes Triterpensaponingemisch) als wirksamkeitsmitbestimmenden Inhaltsstoff, zudem Flavonoide, Gerbstoffe und Phytosterole.
WirkungenAntiexsudativ, Rosskastaniekapillarabdichtend, ödemprotektiv, venentonisierend.
WirksamkeitsnachweisEine Metaanalyse aus 17 Studien mit oral anzuwendendem Extrakt zeigte eine signifikante Besserung der Symptome der chronisch venösen Insuffizienz im Vergleich zu Placebo und eine äquivalente Wirkung gegenüber Kompressionsstrümpfen bei guter Verträglichkeit [99].
Indikationen
  • Kommission E: chronisch venöse Insuffizienz

  • HMPC:

    • Herbal medicinal product: for treatment of chronic venous insufficiency, which is characterized by swollen legs, varicose veins, a feeling of heaviness, pain, tiredness, itching, tension and cramps in the calves

    • Traditional herbal medicinal product

      • to relieve symptoms of discomfort and heaviness of legs related to minor venous circulatory disturbances

      • for relief of signs of bruises, such as local oedema and haematoma [4]

Dosierung100 mg Aescin/Tag.
Unerwünschte WirkungenBei innerer Anwendung in Einzelfällen Übelkeit, Pruritus und Magenbeschwerden.
KontraindikationenNicht bekannt.
Sägepalme (Sabal serrulata [MICHAUX] NUTTAL ex SCHULTES)
Sägepalmenfrüchte, Sabalfrüchte (Sabal fructus) enthalten freie und konjugierte δ-7- und δ-5-Phytosterole sowie gesättigte und ungesättigten Fettsäuren.
WirkungenAntiandrogen (Hemmung der 5α-Reduktase und der Dihydrotestosteron-Bindung), Sägepalmeantiinflammatorisch, antiödematös, antiexsudativ.
WirksamkeitsnachweisÜber 30 klinische Studien mit Behandlungszeiten zwischen 4 und 52 Wochen wurden in Metaanalysen untersucht und ergaben mit verschiedenen Extrakten bei Patienten mit benigner Prostatahyperplasie eine statistisch signifikante Überlegenheit der therapeutischen Wirksamkeit gegenüber Placebo bzw. eine äquivalente Wirksamkeit gegenüber Finasterid. Zudem ergaben sich auch eine Senkung des Restharnvolumens und ein Anstieg der maximalen Harnflussrate, die Prostatagröße nahm jedoch nicht ab. Die Verträglichkeit war auch in Langzeitstudien sehr gut [100, 101].
Indikationen
  • Kommission E: Miktionsbeschwerden, bei benigner Prostatahyperplasie (Stadium I–II nach Alken)

  • HMPC: Monografie liegt vor

DosierungMit lipophilem Lösungsmittel hergestellter Extrakt: 320 mg/Tag, andere Zubereitungen entsprechend.
Unerwünschte WirkungenSelten Magen-Beschwerden.
KontraindikationenNicht bekannt.
Salbei, dalmatinischer (Salvia officinalis L.)
Salbeiblätter (Salviae folium) enthalten u. a. ätherisches Öl (1,0–2,5 %) mit den Hauptkomponenten α- und β-Thujon (20–63 %), 1,8-Cineol (6–16 %) und Campher (14–37 %); Lamiaceen-Gerbstoffe, Diterpen-Bitterstoffe, Triterpene und Salbei, dalmatinischerFlavonoide.
WirkungenAntibakteriell, virustatisch, fungistatisch, adstringierend, sekretionsfördernd, antihidrotisch.
WirksamkeitsnachweisIn einer kontrollierten Studie bei Patienten mit Halsschmerzen, Pharyngitis und/oder Tonsillitis war eine Kombination mit Echinacea purpurea ebenso wirksam wie ein Chlorhexidin/Lidocain-Spray [102]. In einer offenen Studie wurde die Anzahl der Hitzewallungen bei menopausalen Frauen signifikant reduziert [103]. Ebenso nahm in einer placebokontrollierten Pilotstudie die Zahl der Hitzewallungen bei Männern mit Prostatakarzinom und Androgendeprivation signifikant ab [104].
Indikationen
  • Kommission E: innere Anwendung: dyspeptische Beschwerden, Hyperhidrosis; externe Anwendung: Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut

  • HMPC:

    • traditional herbal medicinal product for symptomatic treatment of mild dyspeptic, complaints such as heartburn and bloating

    • traditional herbal medicinal product for relief of excessive sweating

    • traditional herbal medicinal product for the symptomatic treatment of inflammations in the mouth or the throat

    • traditional herbal medicinal product for relief of minor skin inflammations [4]

Dosierung
  • innere Anwendung: Tagesdosis 4–6 g Droge, Tinktur (1 : 10; in 55 % Ethanol): 75 Tr./Tag, 1,5–3 g Fluidextrakt

  • Externe Anwendung: 2,5 g Droge bzw. 2–3 Tr. des ätherischen Öls auf 100 ml Wasser bzw. 5 g alkoholischer Auszug auf 1 Glas Wasser. Zur Pinselung: unverdünnter alkoholischer Auszug

AnwendungsdauerNicht länger als 4 Wochen (Vorsichtsmaßnahme).
Unerwünschte WirkungenEpileptiforme Krämpfe bei längerer Einnahme des ätherischen Öls oder alkoholischer Extrakte.
KontraindikationenSchwangerschaft.
Teufelskralle, südafrikanische (Harpagophytum procumbens (BURCHELL) DE CANDOLLE)
Die südafrikanische Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix), d. h. die sekundäre Speicherwurzel, enthält Bitterstoffe vom Iridoidtyp (insbesondere 1,2–3 % Harpagosid), Phenylethanolderivate und Flavonoide.
WirkungenAntiphlogistisch, Teufelskralle, südafrikanischedosisabhängig schwach peripher-analgetisch, choleretisch, appetitanregend.
WirksamkeitsnachweisEs gibt klinische Studien und Anwendungsbeobachtungen mit wässrigen sowie mit wässrig-ethanolischen Extrakten. In placebo- bzw. mit NSAR kontrollierten Studien bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, Arthrosen (z. B. aktivierter Koxarthrose oder Gonarthrose), Muskelschmerzen, Fibromyalgie und Lumbalgien wurde insbesondere die analgetische Wirksamkeit belegt. Die Tagesdosis betrug 50 bzw. 100 mg Harpagosid, die Anwendungsdauer zwischen 4 Wochen und 2 Monaten. Die Verträglichkeit war deutlich besser als die bei NSAR-Einnahme [105, 106].
Indikationen
  • Kommission E: Appetitlosigkeit, dyspeptische Beschwerden; adjuvant bei degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates

  • HMPC: traditional herbal medicinal product

    • for relief of minor articular pain

    • used for the relief of mild digestive disorders such as bloating and loss of appetite [4]

Dosierung
  • Appetitlosigkeit: 0,5 g Droge, 3 × tgl., Zubereitungen entsprechend

  • dyspeptische Beschwerden, Erkrankungen des Bewegungsapparates: 4,5–9 g Droge/Tag Zubereitungen entsprechend

Unerwünschte WirkungenDiarrhö (8 %), seltener gastrointestinale Beschwerden bei höheren Dosierungen.
KontraindikationenMagen- und Duodenalulzera; Kinder unter 12 Jahren. Bei Cholezystolithiasis nur nach Rücksprache mit einem Arzt einnehmen.
Thymian, echter, Spanischer Thymian (Thymus vulgaris L, Thymus zygis L.)
Thymiankraut (Thymi herba) enthält u. a. ätherisches Öl (mind. 1,2 %, z. B. Thymol, Carvacrol), Lamiaceen-Gerbstoffe und Flavonoide.
WirkungenBronchospasmolytisch, expektorierend, antibakteriell, analgetisch.
WirksamkeitsnachweisIn einer Thymian echterklinischen Studie mit Patienten mit Bronchitis und produktivem Husten war eine Kombination aus Thymiankraut und Primelwurzel gegenüber Placebo überlegen [107].
Indikationen
  • Kommission E: Symptome der Bronchitis und des Keuchhustens, Katarrhe des oberen Respirationstrakts

  • HMPC: traditional herbal medicinal product used as an expectorant in cough associated with cold [4]

Dosierung1–2 g getrocknete Droge auf 1 Tasse als Aufguss, mehrmals tgl.; Tinktur (1 : 10, 70 % Ethanol): 40 Tr., bis 3 × tgl., Fluidextrakte: entsprechend. Lokale Anwendung: 5-prozentiger Tee.
Unerwünschte WirkungenSehr selten Allergien.
KontraindikationenNicht bekannt.
Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa L. NUTTAL)
Traubensilberkerzenwurzelstock (Cimicifugae racemosae rhizoma) enthält 4–7 % Triterpenglykoside (u. a. Actein, Cimicifugosid), Isoflavone, Phenolcarbonsäuren und Cimicifugasäure F.
WirkungenZentrale D2-Rezeptor-vermittelte Wirkungen (Senkung der TraubensilberkerzeKörpertemperatur), osteoprotektiv, Hemmung des Metabolismus von Östrogenen.
WirksamkeitsnachweisIn Metaanalysen aus Studien mit Dosierungen entsprechend einem Drogenäquivalent von 40 mg/Tag und Einnahmedauern von 12–24 Wochen besserten sich somatische, psychische und neurovegetative klimakterische Beschwerden, insbesondere die Inzidenz von Hitzewallungen, signifikant [108].
Indikationen
  • Kommission E: klimakterisch bedingte neurovegetative Beschwerden, prämenstruelle und dysmenorrhoische Beschwerden

  • HMPC: herbal medicinal product for the relief of menopausal complaints such as hot flushes and profuse sweating [4]

Dosierung
  • Extrakte entsprechend 40 mg Drogenäquivalent/Tag

  • Anwendungsdauer: Begrenzung auf 6 Monate wegen fehlender Langzeitstudien

Unerwünschte WirkungenHautreaktionen (Urtikaria, Juckreiz, Exanthem), Gesichtsödem, periphere Ödeme und gastrointestinale Symptome (z. B. dyspeptisches Syndrom, Diarrhö).
KontraindikationenHormonabhängige Tumoren.
Umckaloabowurzel, afrikanische (Pelargonium sidoides D. C., Pelargonium reniforme Curt.)
Es wird ein spezieller Extrakt aus dem Wurzelstock (Pelargonii sidoides radix) verwendet, der 0,5 % Cumarine (darunter Umckalin), Phenolcarbonsäuren, Polyphenole, Gallussäure und Flavonoide enthält.
WirkungenAntibakteriell, Umckaloabowurzel, afrikanischeimmunstimulierend, antiphlogistisch, antiviral, antioxidativ, Stimulierung des respiratorischen Flimmerepithels.
WirksamkeitsnachweisIn einer Metaanalyse aus 4 kontrollierten klinischen Studien bei akuter bakterieller Bronchitis erwies sich der Extrakt bei einer Therapiedauer von 4–7 Tagen als überlegen gegenüber Placebo bzw. Acetylcystein[109]. Eine Cochrane-Auswertung bestätigt die gute Evidenz der Wirksamkeit bei akuten respiratorischen Infekten bei Erwachsenen und Kindern [110].
Indikationen
  • entsprechend Zulassung: akute und chronische Bronchitis

  • HMPC: traditional herbal medicinal product for the symptomatic treatment of common cold [4]

Dosierung4–6 g Droge/Tag, Zubereitungen entsprechend.
Unerwünschte WirkungenSehr selten Exanthem bei Kindern.
KontraindikationenErhöhte Blutungsneigung, schwere Leber- und Nierenerkrankungen; Schwangerschaft und Stillzeit.
Weide (Salix purpurea L., Salix alba L. und andere Weidenarten)
Weidenrinde (Salicis cortex) enthält 1,5–11 % Salicylalkoholderivate wie z. B. Salicinester, die während des Extraktionsprozesses partiell zu Salicin hydrolisiert werden), Flavonoide, Chalkone, Flavane und Polyphenole.
WirkungenAntiphlogistisch, peripher Weideanalgetisch, antipyretisch.
WirksamkeitsnachweisIn über 10 klinischen Studien wurden bei Patienten mit rheumatoider Arthritis, Zervikal-, Lumbal- oder degenerativem Wirbelsäulensyndrom, bzw. mit akuten Rückenschmerzen sowie Cox- oder Gonarthrose mit Dosierungen äquivalent zu 240 mg Gesamtsalicin/Tag Reduktionen bei Schmerzen bzw. in den entsprechenden Symptomenscores erreicht [111, 112].
Indikationen
  • Kommission E: fieberhafte Erkrankungen, Kopfschmerzen, rheumatische Beschwerden

  • HMPC:

    • herbal medicinal product: used for the short-term treatment of low back pain

    • traditional herbal medicinal product: used for the relief of minor articular pain, fever associated with common cold, headache [4]

Dosierung120–240 mg Gesamtsalicin/Tag in wässrig-alkoholischen oder wässrigen Trockenextrakten, Tinkturen, Fluidextrakten.
Unerwünschte WirkungenAllergische oder pseudoallergische Reaktionen.
KontraindikationenSalicylatsensitivität; Kinder unter 4 Jahre.
Weinrebe (Vitis vinifera L. ssp. Vinifera)
Rote Weinlaubblätter (Vitis viniferae rubrae folium) enthalten bis zu 7 % Flavonoide, mindestens 4 % Polyphenole und mindestens 0,2 % oligomere Procyanidine.
WirkungenAntiödematös, antiphlogistisch, kapillarabdichtend, thrombozytenaggregationshemmend, Weinrebeantioxidativ.
WirksamkeitsnachweisEs liegen randomisierte, doppelblinde placebokontrollierte Studien und Anwendungsbeobachtungen bei Patienten mit chronisch venöser Insuffizienz Stadium I und II vor. Bei diesen Patienten wurde über 6–17 Wochen 360 oder 720 mg Weinlaubextrakt ohne weitere Therapie appliziert. Beinödeme und spezifische Symptome wurden durch die Gabe des Extrakts klinisch relevant, aber nicht immer signifikant reduziert. Transkutaner Sauerstoffdruck und Hautdurchblutung (Mikrozirkulation) besserten sich [113, 114].
Indikationen
  • Kommission E: keine

  • HMPC:

    • herbal medicinal product: for treatment of chronic venous insufficiency, which is characterized by swollen legs, varicose veins, a feeling of heaviness, pain, tiredness, itching, tension and cramps in the calves

    • traditional herbal medicinal product:

      • to relieve symptoms of discomfort and heaviness of legs related to minor venous circulatory disturbances

      • for symptomatic relief of itching and burning associated with haemorrhoids

      • for symptomatic treatment of cutaneous capillary fragility [4]

Dosierung360–720 mg wässriger Extrakt (DEV 4–6 : 1) pro Tag.
Unerwünschte Wirkungen, Kontraindikationen, Interaktionen: Nicht bekannt
Weißdorn (u. a. Crataegus monogyna JACQUIN emend. LINDMAN, Crataegus laevigata [POIRET] DE CANDOLLE)
Die getrockneten Weißdornblätter mit Blüten (Crataegi folium cum flore) enthalten u. a. Flavonoide (1–2 %), oligomere Procyanidine (0,4–1 %), biogene Amine (2–8 %), Phenolcarbonsäuren und Polysaccharide.
WirkungenAntiarrhythmisch, kardioprotektiv, positiv Weißdorninotrop und dromotrop, negativ bathmotrop und chronotrop, Förderung der koronaren Durchblutung und der Ejektionsfraktion, Steigerung der Arbeitstoleranz und des Herzzeitvolumens, Senkung des peripheren Gefäßwiderstandes, Verbesserung der subjektiven Beschwerden der Herzinsuffizienz im Stadium II, Erhöhung der anaeroben Schwelle.
WirksamkeitsnachweisEs liegt eine Vielzahl von klinischen Studien mit Weißdorn-Monopräparaten als alleinige Therapie oder als Adjuvans zur konventionellen Therapie bei Patienten mit Myokardinsuffizienz NYHA I–III über bis zu 24 Wochen vor. Die Behandlung mit 900–1.800 mg Extrakt/Tag ergab eine signifikante Besserung typischer Symptome, eine geringe Zunahme der maximalen Belastbarkeit und eine deutliche Abnahme des Druckfrequenzprodukts [115].
Indikationen
  • Kommission E: Herzinsuffizienz im Stadium II nach NYHA

  • HMPC: Monografie liegt vor

Dosierung
  • 160–900 mg/Tag nativer wässrig-alkoholischer Extrakt mit definiertem Gehalt an Flavonoiden bzw. oligomeren Procyanidinen

  • Anwendungsdauer: Einnahme über mindestens 6 Wochen

Unerwünschte Wirkungen, KontraindikationenNicht bekannt.
Zaubernuss, virginische (Hamamelis virginiana L.)
Zauberstrauchblätter/-rinde, virginische, Hamamelisblätter/-rinde (Hamamelidis folium et cortex) enthalten Gerbstoffe (Hamamelitannine, Gallotannine: Rinde 8–12 %, Blätter 3–8 %), Flavonoide und wenig ätherisches Öl.
WirkungenZaubernuss, virginischeAdstringierend, antiphlogistisch, lokal hämostypisch, antipruriginös, antibakteriell, sekretionshemmend, gewebeverdichtend, vasokonstriktorisch.
WirksamkeitsnachweisBei Hämorrhoidalleiden (Stadium I) waren Präparate mit 10-prozentigem Extrakt (Hamamelisrinde) in 2 klinischen Studien bei 3-wöchiger Therapie vergleichbar wirksam wie eine Kortikoid-Salbe [116]. Bei Kindern liegt eine Anwendungsbeobachtung zu Windeldermatitis, kleinen Hautverletzungen und lokal begrenzten Dermatitiden vor [117].
Hamamelisdestillate (Hamameliswasser), in denen kaum Gerbstoffe nachweisbar sind, waren in kontrollierten Studien nicht wirksamer als Placebo [118, 119].
Indikationen
  • Kommission E: leichte Hautverletzungen, lokale Haut- und Schleimhautentzündungen, Hämorrhoiden, Krampfaderbeschwerden

  • HMPC: traditional herbal medicinal product

    • for relief of minor skin inflammation and dryness of the skin

    • for symptomatic relief of itching and burning associated with haemorrhoids

    • used as a mouthwash and gargles for relief of minor inflammation of mucous membranes of the oral cavity [4]

Dosierung
  • Anwendung auf Schleimhäuten: Zubereitungen, die ca. 0,1–1 g Droge äquivalent sind.

  • Anwendung auf der Haut: Extrakte entspr. 5–10 % Droge in halbfesten und flüssigen Zubereitungen, die mehrmals tgl. aufgetragen werden

Unerwünschte Wirkungen und KontraindikationenNicht bekannt.

Übersichten und Rezepturen

Bewährte pflanzliche Drogen
In Tabelle 5.14 werden von der Kommission E positiv verabschiedete, besonders bewährte pflanzliche Drogen mit ihren Indikationen aufgeführt, die in Abschnitt 5.5.3 nicht erwähnt wurden. Sie wurden auch unter dem Aspekt der guten Verträglichkeit Phytotherapie:Rezepturenausgewählt. Für die Details und weitere, aufgrund der aktuellen Studienlage sinnvolle Indikationen wird auf die Fachliteratur verwiesen [120].
Bewährte fixe Kombinationen
Kombinationen von pflanzlichen Drogen, insbesondere fixe Kombinationen (Tab. 5.14), haben sich in der Praxis sehr bewährt, sie eignen sich bei entsprechender Erfahrung auch für die individuelle Rezeptur. Von der Kommission E wurden für einige fixe Kombinationen positive Monografien und Muster erstellt. In der Tabelle finden sich Kombinationen, die insbesondere für die Teezubereitung geeignet sind. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Fertigarzneimitteln mit sinnvollen Kombinationen.
Rezepturanweisungen

Merke

Das Ausstellen einer Rezeptur erfordert erhebliche Sachkenntnis: In der Regel empfiehlt es sich, auf die in den Deutschen Arzneibüchern aufgeführten Teerezepturen oder auf die Tees der Standardzulassungen (s. u.) zurückzugreifen, da diese hinsichtlich Wirksamkeit und Unbedenklichkeit vielfach erprobt wurden.

Die individuelle Verordnung von Medizinaltees ist eine der wenigen Gelegenheiten bei der medikamentösen Therapie, den Patienten aktiv in seine Behandlung einzubinden. Diese Maßnahme stärkt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient,Rezepturen:Rezepturanweisungen weil sich der Patient individuell behandelt fühlt. Zudem hat der Arzneitee neben der pharmakologischen Wirkung auch sensorische bzw. organoleptische Effekte wie Geruch, Geschmack, Wärmegefühl. Das Ritual der Teezubereitung vermittelt dem Patienten zudem, dass er etwas für sich und seine Gesundheit tut, und hat eine entspannende Wirkung. Zudem kommt es zu einer Strukturierung des Tagesablaufs, was v. a. für ältere Patienten wertvoll ist.
Für Arzneitees werden die vom Apotheker bereits vorbereiteten Arzneidrogen (grob bis mittelfein geschnitten bei Blüten, Blättern, Kraut bzw. fein geschnitten oder pulverisiert bei Holz, Rinde, Wurzeln) verwendet. Früchte und Samen, die ätherische Öle enthalten, dürfen erst direkt vor der Zubereitung zerkleinert oder gequetscht werden. Bei Teemischungen muss der geschlossene Behälter vor Entnahme geschüttelt werden, da bei verschieden großen Bestandteilen leicht eine Entmischung eintritt.
Bei der Teezubereitung muss die Vorschrift sorgfältig beachtet werden, da ansonsten mit einer Abnahme oder sogar einem Verlust der Wirkung zu rechnen ist. Die Teezubereitung sollte in einer speziellen Teetasse mit Siebeinsatz und Deckel erfolgen, der Tee sollte gelegentlich umgerührt werden. Zum Schluss soll der Teefilter ausgedrückt werden und die flüchtigen Bestandteile, die sich am Deckel gesammelt haben, sollten in die Tasse entleert werden. Medizinaltees werden bevorzugt ungesüßt getrunken, v. a. Magen-, Darm-, Leber- und Gallentees. Als Süßungsmittel eignet sich am ehesten Honig, der man aber frühestens nach Abkühlung des Tees auf 60 °C zugegeben werden sollte, da seine wertvollen Inhaltsstoffe temperatursensibel sind.

Praxistipp

Beim Erstellen von Arzneiteerezepten sind folgende Regeln zu beachten:

  • Es sollten nur monografiekonforme Drogen mit Arzneibuch-Qualität verordnet werden. Bei von der Kommission E negativ monografierten Drogen oder sog. transkulturellen Drogen (Chinesische Medizin, Ayurveda etc.) übernimmt der Therapeut die Verantwortung für Wirksamkeit und Unbedenklichkeit, der Apotheker, der die Drogen angibt, die Verantwortung für die Qualität.

  • Die Bestandteile einer Arzneiteemischung können nicht beliebig gewählt werden. Ein Arzneitee sollte aus 4 bis maximal 8 pflanzlichen Drogen bestehen, wobei stets ein Grundmittel mit Begleitdrogen und Drogen zur Verbesserung des Geschmacks oder Aussehens kombiniert wird.

  • Rezeptanweisungen können in lateinischer Sprache (in abgekürzter Form) an den Apotheker erfolgen, sie sind international standardisiert (Tab. 5.15), d. h. man kann auch im nicht-deutschsprachigen Ausland sicher sein, dass das Rezept wie gewünscht ausgeführt wird.

  • Die Rezeptur muss Angaben der Mengen bzw. der Mengenverhältnisse der Rezepturbestandteile und den Verarbeitungsgrad der einzelnen Drogen enthalten.

  • In der Gebrauchsanweisung für den Patienten müssen Zubereitung und Anwendung genau beschrieben werden.

  • Bei einer Durchspülungstherapie muss auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr von mindestens 2 l/Tag geachtet werden.

  • Medizinaltees sollen nicht als Haustees verwendet werden. Sie sollten regelmäßig gewechselt werden, damit Wirkungsverluste vermieden werden. Sogenannte Früchtetees sind Lebensmittel, sie haben keine arzneiliche Wirkung.

Bewährte Teerezepturen
Standardzulassungen sind nach AMG 76 § 36 pauschal zugelassene Arzneimittel. Sie erlauben es dem Apotheker, bestimmte Fertigarzneimittel auf Vorrat herzustellen und zu vertreiben, ohne dafür ein aufwändiges Zulassungsverfahren anzustrengen. Dazu gehört auch das TeerezepturenAbfüllen von Teedrogen und Teemischungen in verbrauchergerechte Packungsgrößen. Zu einer Tee-Standardzulassung gehören Pflichttexte zu den Anwendungsgebieten, Gegenanzeigen, Wechselwirkungen und Nebenwirkungen sowie zur Dosierungsanleitung und Art der Anwendung. Standardzulassungen garantieren die Qualität und sollten deshalb bevorzugt genutzt werden.
Die Abgabe von Medizinaltees erfolgt in geklebten Blockbeuteln bzw. Seitenfaltenbeuteln aus einseitig glattem gebleichten Natronkraftpapier (50 g/m2, gefüttert mit gebleichtem Pergamyr 40 g/m2).
Standardzulassungen für Monodrogen
Folgende häufig verwendete Teedrogen liegen als Standardzulassungen vor. Sie eignen sich wegen ihres relativ angenehmen Geschmacks auch für eine Anwendung über wenige Wochen. Die Indikationen entsprechen denen, die für die Drogen im Abschnitt 5.5 angegeben werden.
  • Anis

  • Baldrianwurzel, Bärentraubenblätter, Birkenblätter, Brennnesselblätter

  • Eibischblätter, Eibischwurzel, Eichenrinde

  • Heidelbeeren, Holunderblüten

  • Indische Flohsamen, Isländisches Moos

  • Kamillenblüten, Kümmel

  • Lavendelblüten, Lindenblüten

  • Malvenblätter

  • Pfefferminzblätter

  • Ringelblumenblüten, Rosmarinblätter

  • Schachtelhalmkraut, Stiefmütterchenkraut, Süßholzwurzel

  • Tormentillwurzelstock

Standardzulassungen für Teemischungen
Für die Indikationen nervöse Unruhe, Erkrankungen der ableitenden Harnwege, Erkältungen, Husten und Bronchitis, Störungen der Gallesekretion und gastrointestinale Funktionsstörungen gibt es folgende Standardzulassung für Teemischungen:
  • nervöse Unruhe: Beruhigungstee I–VIII (Tab. 5.16)

  • gastrointestinale Funktionsstörungen: Magen- und Darmtee I–X, Magentee I–VI (Tab. 5.17, 5.18)

  • Erkrankungen der ableitenden Harnwege: Blasen- und Nierentee I–VII (Tab. 5.19)

  • Erkältungen, Husten und Bronchitis: Erkältungstee I–V, Husten- und Bronchialtee I–II (Tab. 5.20)

Praxistipp

Beruhigungstee I (Teemischung nach Standardzulassung)

Rp Valerianae radix 40 g
Lupuli strobulus 20 g
Melissae folium 15 g
Menthae piperitae folium 15 g
Aurantii pericarpium 10 g
M. f. spec.
D. S. 1 TL mit 150 ml heißem Wasser überbrühen, abgedeckt 5–10 Min. ziehen lassen. 2–3 Tassen tgl. und 1 Tasse vor dem Schlafengehen trinken.
  • Vorgeschriebene Kennzeichnung auf Teebeutel und Packungsbeilage: Zulassungsnummer: 1949.99.99 (Beruhigungstee I)

  • Anwendungsgebiete: Nervöse Erregungszustände, Einschlafstörungen

  • Art der Anwendung: Zum Trinken nach Bereitung eines Teeaufgusses

  • Hinweis: Vor Licht und Feuchtigkeit geschützt lagern

Zusammensetzung der Husten- und Bronchialtees (Standardzulassungen Tee I–II) Rezepturen:HustenteesRezepturen:Bronchialtees

Tab. 5.21
Bestandteile (g) Teenummer
I II
Anis 10,0–40,0
Fenchel 10,0–25,0
Lindenblüten 40,0–60,0
Spitzwegerichkraut 25,0–35,0
Thymian 10,0–40,0 10,0–30,0

Sonstige Bestandteile, die in einzelnen Tees vorkommen: Eibisch-, Malvenblätter, Malven-, Kornblumen-, Schlüsselblumenblüten, Hagebuttenschalen, Isländisches Moos, Lungen-, Quendel-, Stiefmütterchenkraut, Pfefferminzblätter

Bewährte Tinkturrezepturen
Es gibt folgende Standardzulassungen an Tinkturen.
  • Arnikatinktur

  • Baldriantinktur

  • Myrrhentinktur

  • Ratanhiatinktur

Tinkturen sollten in gut schließenden Gefäßen vor Licht geschützt und kühl aufbewahrt werden. Wegen der möglichen Instabilität der enthaltenen Verbindungen sollten sie nicht länger als ein Jahr aufbewahrt werden.

Merke

Homöopathische Urtinkturen werden aus frischem Pflanzenmaterial hergestellt, sie enthalten Pflanzeninhaltsstoffe in Mengen wie eine allopathische Tinktur.

Praxistipp

Läsionen im Mund- und Rachenraum

Für entzündliche Erkrankungen oder Läsionen im Mund- und Rachenraum können folgende Tinkturen angewendet werden:
  • Arnikatinktur: 1 TL Tinktur auf 1 Glas warmes Wasser, damit mehrmals tgl. möglichst heiß gurgeln oder spülen.

  • Oder: Myrrhentinktur: 5–10 Tr. in 1 Glas Wasser geben, damit mehrmals tgl. gurgeln oder spülen. Für Pinselungen 2–3 × tgl. Läsion mit unverdünnter Tinktur betupfen.

  • Oder: Ratanhiatinktur: 5–10 Tr. in 1 Glas Wasser geben, damit mehrmals tgl. gurgeln oder spülen. Für Pinselungen 2–3 × tgl. Läsion mit unverdünnter Tinktur betupfen.

  • Oder: Salbeitinktur: Unverdünnte Tinktur für Pinselungen verwenden. Schleimhautläsionen mehrmals tgl. damit einpinseln.

Bittere appetitanregende und tonisierende Galletropfen

Rp:
Tinktur aus Mariendistelfrüchten
Wermutkrauttinkturaa 15,0 g
Pfefferminzspiritus20.0 g
M. f. tinct. cholagogae
D. S. 2 × tgl. 20 Tr. in etwas Wasser vor den Mahlzeiten einnehmen.

Krampflösende und karminative Tinktur

Bei Diarrhöen mit Koliken kommt eine Tinktur mit Wermutkraut und Enzianwurzel zur Anwendung.
Rp:
Tormentillae tinctura DAB 10 (Tormentillwurzelstocktinktur)30.0 g
Absinthii tinct. DAB 6 (Wermutkrauttinktur)
Gentianae tinct. DAB 6 (Enzianwurzeltinkturaa 10,0 g
M. f. tinct. antidiarrhoeica et carminativa)
D. S. 3 × tgl. 30 Tr. in etwas Wasser oder schwarzem Tee einnehmen.

Aromatherapie

Die Aromatherapie – der Begriff wurde durch den Kosmetikchemiker Gattefossé im Jahr 1937 geprägt – umfasst die innere und äußere Anwendung ätherischer Öle (oral, perkutan mit Bädern, Massagen und Wickeln sowie inhalativ) einschließlich der Nutzung ihrer Wirkungen, die über das olfaktorische System vermittelt werden. Die Wirkungen pharmakologischer Dosierungen von ätherischen Ölen ebenso wie die der Stimulation von N. olfactorius und N. trigeminus, zu der lediglich Dosierungen im Bereich von 10–9 g/m3 Luft benötigt werden, wurden in Untersuchungen wissenschaftlich bestätigt.
Wesentlich ist die Verwendung der natürlichen ätherischen Öle, da es sich bei diesen um die optisch aktive Verbindung handelt, die mit dem die Wirkung hervorrufenden Rezeptor interagiert. Bei synthetisch hergestellten ätherischen Ölen handelt es sich dagegen um optisch nicht aktive Razemate, die auch andere Rezeptoren stimulieren können und deshalb anders und meist schwächer wirken.
Wirkungen
Ätherische Öle werden, da sie fettlöslich sind, hervorragend über die Haut resorbiert und gelangen über den Blutkreislauf in alle Organe, wobei sie sich in fetthaltigen Geweben anreichern können. Sie passieren auch die Blut-Hirn-Schranke.
Die Aromatherapeuten nutzen in der Regel nur die durch das olfaktorische System vermittelten Wirkungen. Hierzu werden Konzentrationen der ätherischen Öle von 0,1–2 % verwendet. Besonders häufig werden die ätherischen Öle von Anis, Bergamotte, Eukalyptus, Fenchel, Geranium, Jasmin, Kamille, Lavendel, Majoran, Minze, Nelke, Pfefferminze, Rosmarin, Sandelholz und Zimt genutzt, um Wirkungen wie Entspannung, Sedierung, Schlafförderung, Kreislaufstimulation oder Anregung des ZNS zu erreichen.
Indikationen
Typische Anwendungsgebiete sind Schwangerschaftsprobleme und Geburtshilfe sowie psychosomatische Erkrankungen, da Düfte kognitive und emotionale Assoziationen anregen. Bei direkter Applikation, bei der in der Regel Zubereitungen mit einem Gehalt von mindestens 10 % der ätherischen Öle verwendet werden, kommen die unter 5.5.5 bei den verschiedenen ätherischölhaltigen Pflanzen genannten zahlreichen Indikationen der Phytotherapie hinzu.
Der Bereich, der durch die wissenschaftliche Beleglage bzw. durch die infolge der Inhaltsstoffe plausiblen Wirkungen vorgegeben ist, wird gegenwärtig durch die Aromatherapeuten oft weit überschritten. Eine seriöse Anwendung der Aromatherapie würde der allgemeinen Anerkennung dieser interessanten Therapieoption dienlich sein. Sie wird aber erst möglich werden, wenn, wie es in Österreich seit drei Jahren der Fall ist, Aromatherapeuten durch Pharmazeuten und Ärzte ausgebildet werden.

Studien

Klinische Studien belegen, dass Aromatherapie über das olfaktorische System eine wirksame und dabei nebenwirkungsarme (Zusatz-)therapie bei häufigen Symptomen und Erkrankungen darstellen kann. Positive Wirksamkeitsbelege liegen für die über das olfaktorische System vermittelten Wirkungen von folgenden ätherischen Ölen vor:

  • Ingweröl: postoperative Übelkeit [121]

  • Kamillenöl: Angst während des Geburtsvorgangs [122]

  • Lavendelöl: Angst während des Geburtsvorgangs [122], Angst in der Palliativtherapie und bei Intensivpatienten [122], Angst und Agitiertheit bei Demenzpatienten [122, 123], Angst bei zahnärztlichen Eingriffen [124], Dreimonatskoliken und Unruhe bei Säuglingen [125, 126], Schlafqualität bei Intensivpatienten mit koronarer Herzkrankheit [78]

  • Melissenöl: Angst während des Geburtsvorgangs und in der Palliativtherapie [122]

  • Muskatellersalbeiöl: Angst während des Geburtsvorgangs [122]

  • Zitronenöl (Citrus sinensis): Angst bei Tumorkranken [122]

  • Eine Wirksamkeit von Aromatherapie bei Schmerzen während des Geburtsvorgangs konnte dagegen nicht belegt werden [127], ebenso wenig aufmerksamkeitssteigernde Wirkungen bei Gesunden [128].

Unerwünschte Wirkungen, Kontraindikationen
Ätherische Öle werden über die Haut resorbiert und können zwei bis drei Tage lang im Körper verbleiben. Sie sollten nie unverdünnt eingenommen oder direkt auf die Haut aufgetragen werden, da sie die Haut und Schleimhaut direkt schädigen können.
Beim Auftragen auf die Haut werden leichter Allergien ausgelöst als durch Inhalation.
Bei bekannter Neigung zu allergischen Reaktionen sollte im Zweifelsfall auf eine Anwendung verzichtet werden. Neben natürlich vorkommenden allergieauslösenden Komponenten wie z. B. Isoeugenol, Citral, Coumarin, Farnesol, Linalool und Hydroxycitronellal können allergieauslösende Stoffe in ätherischen Ölen auch durch Einwirkung von Luftsauerstoff entstehen. Je größer das Luftvolumen über dem Flüssigkeitsspiegel ist, desto leichter sind Oxidationsprozesse möglich. Deshalb sollten möglichst kleine Fläschchen gekauft werden, die auch rasch nach Anbruch verbraucht werden sollten. Zudem sollte die Flasche nach der Verwendung rasch wieder verschlossen werden. Aromaöle sollten dunkel und nach Anbruch im Kühlschrank gelagert werden.

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Bewegungstherapie

Hans-Jörg Ohlert

(5.6.1, 5.6.4)

Egbert Seidel

unter Mitarbeit von Alexander Fischer (5.6.2, 5.6.3)

Grundlagen der Sensomotorik

Sensomotorik ermöglicht die unbewusste und bewusste Steuerung von Bewegungsabläufen (Zielmotorik) und die Aufrechterhaltung der Körperhaltung (Stützmotorik) unter ständiger Berücksichtigung neurosensorischer Rezeptorinformationen.
Je komplexer und Sensomotorik:Grundlagenbewusster eine Bewegungshandlung ist, umso höher liegt die steuernde neuronale Struktur. Die untere Stufe der neuronalen Verarbeitung ist die Rückenmarkebene (spinale Reflexe). Hier wird insbesondere der Haltetonus gegen die Schwerkraft geregelt. Darüber liegt das extrapyramidale System (Hirnstamm, Kleinhirn und Basalganglien), das unwillkürliche, automatisierte, mehr proximale motorische Bewegungsprogramme ermöglicht. Als oberste Stufe steuert das pyramidalmotorische System (Neocortex) mit seinen sensorischen und motorischen Arealen bewusste, mehr distale feinmotorische Bewegungen. Die höher liegenden Zentren haben einen bahnenden oder hemmenden Einfluss auf die nachgeschalteten Ebenen. Gemeinsame Endstrecke ist die spinale Ebene.
Sensorik: Tiefensensibilität
Sensorische Rezeptoren versorgen die Rechenzentren des Nervensystems über afferente Bahnen mit Informationen, damit diese Haltearbeit und Bewegungsabläufe ziel- und bedarfsgerecht koordinieren können. Als Interozeption wird dabei die Wahrnehmung aus körpereigenen Regionen (z. B. Muskulatur, Gelenkkapsel, Gleichgewicht) und als Exterozeption die Wahrnehmung der Körperumgebung (z. B. akustische, visuelle InterozeptionWahrnehmungen, Druck, Berührung) beschrieben.
Der Organismus verfügt über einen spezialisierten Anteil somatosensorischer Afferenzen zur Wahrnehmung von:
  • Richtung und Geschwindigkeit aktiver/Exterozeptionpassiver Gelenkbewegungen (Bewegungssinn, Kinästhesie)

  • Gelenkstellungen im Raum (Positionssinn)

  • Muskelkraft bei Bewegungen und Haltearbeit (Kraftsinn)

Die entsprechende Reizaufnahme und Signalkodierung erfolgt in den Propriozeptoren. Unter Tiefensensibilität wird die Wahrnehmung des Körpers mit diesen Rezeptoren verstanden. Sie können bewusst wahrgenommen oder unbemerkt bleiben.
Propriorezeptoren: Muskelspindeln
  • Lage: intrafusal (parallel zur extrafusalen Arbeitsmuskulatur)

  • Funktion: Wahrnehmung der Muskellänge und deren Veränderungsgeschwindigkeit. Je mehr Muskelspindeln in einem Muskel, desto feinmotorischer lässt er sich Propriorezeptorensteuern (z. B. Augenmuskel).

  • Reizweiterleitung über 1a Fasern: Bei Dehnung der Muskelspindel werden die Änderungsgeschwindigkeit (Gruppe-I-Fasern) und die Muskellänge (Gruppe-II-Fasern) zum Vorderhorn weitergeleitet: Dort erfolgt die Umschaltung auf α-Motorneurone, die über die motorische Endplatte den homonymen Muskel kontrahiert (direkte Erregung). Dadurch wird der Dehnung entgegengewirkt und die Muskellänge konstant gehalten (Haltearbeit).

Golgi-Sehnenorgane (Sehnenspindel)
  • Lage: in der Sehne als Fortsetzung der extrafusalen Muskelfaser

  • Funktion: Wahrnehmung der Muskelspannung (aktiv und passiv)

  • Reizweiterleitung über Ib-Fasern: Bei Spannungserhöhung werden homonyme α-Golgi-SehnenorganeMotoneurone gehemmt und dadurch der Tonus gesenkt. Gleichzeitig wird der Tonus der antagonistischen Muskelfasern gesteigert. Somit wird einer drohenden Überspannung der Muskulatur entgegengewirkt. Dieser Schutzmechanismus wirkt sich über polysynaptische Übertragungen auch auf synergistische Muskelgruppen z. B. alle Flexoren einer Extremität aus.

Die Afferenzen der Propriozeptoren werden über die Tractus spinocerebellares anterior und posterior und die Hinterstrangbahnen des Rückenmarks zum Gyrus postcentralis weitergeleitet und verarbeitet (Wahrnehmung).
Vestibularapparat
  • Lage: Das Gleichgewichtsorgan liegt beidseits im Innenohr.

  • Funktion: Mechanorezeptoren, Wahrnehmung von Stellung und Bewegungen des Kopfes im Raum, wobei Bewegungsrezeptoren in den Bogengängen (Rotation) und Schwererezeptoren in den Maculae lokalisiert sind.

  • Reizweiterleitung über den N. vestibulocochlearis zu den Vestibulariskernen in der Medulla oblongata mit Verbindungen zum Kleinhirn und Augenmuskelkernen

Sensorik: Oberflächensensibilität
Bei der Oberflächensensibilität werden taktile, nozizeptive und thermische Reize kodiert und weitergeleitet.
Mechanorezeptoren vermitteln Druck, Berührung und Vibration. Sie sindSensomotorik:Oberflächensensibilität auch bei der propriozeptiven Wahrnehmung beteiligt, aber nicht so stark wie die Muskel- und Sehnenspindeln. Bei stereognostischen Handlungen (Ertasten von Gegenständen) wirken alle Rezeptoren zusammen.Mechanorezeptoren Je nach Adaptationsverhalten an den Reiz werden slow adapting (SA-Rezeptoren) von rapidly adapting (RA-Rezeptoren) unterschieden.
Ruffini Körperchen
  • Lage: Stratum reticulare der Subkutis (vermehrt in Handflächen), Gelenkkapseln

  • Funktion: SA-Rezeptor, Wahrnehmung von Richtung, Druck- und Scherkräften im Gewebe. Die Aktionspotenzialfrequenz ist proportional zum Druck.

Vater-Pacini Körperchen
  • Lage: Subkutis, Gelenkkapsel, Periost, Muskelfaszien

  • Funktion: RA-Rezeptor (sehr schnell adaptierend), Wahrnehmung von Beschleunigungen und Druckänderungen (Vibrationen); konstanter Druck ist kein adäquater Reiz

Merkel-Tastscheiben
  • Lage: Epidermis

  • Funktion: SA-Rezeptor, Wahrnehmung von Druck (insbesondere senkrechter, z. B. auf Fußsohle)

Meissner-Tastkörperchen
  • Lage: Epidermis, hohe Dichte in Fingerkuppen und Zungenspitze

  • Funktion: RA-Rezeptor, Wahrnehmung von Geschwindigkeit von Berührungen

Nozizeptoren
  • Lage: Kutis und in allen anderen Organen mit Ausnahme von Gehirn und Leber

  • Funktion: freie Nervenendigungen, Wahrnehmung von Druck (Stich, Schnitt), schmerzhafter Kälte oder Hitze, Gewebsschädigungen (z. B. durch Freisetzung von Bradykinin, Substanz P), chemischen Noxen

Bei hellem, eher oberflächigem Schmerz wird ein Flucht- oder Schutzreflex ausgelöst. Bei dumpfen, tiefen Schmerzen reagiert der Organismus eher mit vegetativer Symptomatik und emotionalen Reaktionen.
Thermorezeptoren
  • Lage: Epidermis/Dermis

  • Funktion: dünne, myelinisierte Fasern, die jeweils Kalt- und Warmreize weiterleiten

Reizweiterleitung
Die Reizweiterleitung der Rezeptoren der Oberflächensensibilität erfolgt über markhaltige Aδ- und marklose C-Fasern.
Alle somatosensiblen Afferenzen des Körpers werden über Spinalnerven weitergeleitet. Für den Bereich des Kopfes übernimmt der N. Reizweiterleitungtrigeminus diese Funktion. Informationen, die zum Bewusstsein gelangen, werden entweder über das anterolaterale System (protopathische Sensibilität: Schmerz, Temperatur, grobe Druckempfindung) oder das Lemniscus-medialis-System (epikritische Sensibilität: Vibration, Berührung, Lokalisation) übertragen.
Die protopathische protopathische SensibilitätReizverarbeitung ist entwicklungsgeschichtlich älter. Sie hat durch die Verknüpfung mit dem limbischen System auch emotional modulierende Eigenschaften. Die jüngere epikritische Sensibilitätepikritische Reizverarbeitung ist hinsichtlich Strukturerkennung und Lokalisation differenzierter. Die affektive Komponente tritt dabei in den Hintergrund.
Sehsinn
Die visuellen Informationen werden über die Rezeptoren der Netzhaut verarbeitet und über den N. opticus zum Chiasma, von dort über den Tractus opticus zum Corpus geniculatum laterale und schließlich zur Sehrinde geleitet. Reflexmotorische Fasern verlassen den beschriebenen Weg und führen zu motorischen Kernen und Vestibulariskernen des Kleinhirns, die den Informationsaustausch für den optokinetischen Reflex (bei Blickverschiebungen) ermöglichen. In diesem Sinne gibt es auch direkte Verschaltungen des Vestibulums mit dem N. oculomotorius, N. trochlearis und N. abducens (vestibulo-okulären Reflex, bei Kopfbewegungen).
Gleichgewichtssensibilität, -sinn
Das Gleichgewichtssystem ermöglicht sichere Bewegungs- und Handlungsabläufe unter Berücksichtigung der notwendigen Haltearbeit durch die Gravitation. Nur dadurch können z. B. Stürze vermieden werden. Die für die neuromuskuläre Steuerung notwendigen Informationen erhält das System v. a. von den oben beschriebenen vestibulären, visuellen und propriozeptiven Rezeptoren.
Motorik
Das motorische System ermöglicht Aktionen der quergestreiften Muskulatur, die durch somatomotorische Neurone ausgelöst werden. Dabei handelt es sich um willkürliche Zielmotorik, unwillkürliche Haltemotorik und gelernte Bewegungsautomatismen.
Zielmotorik – pyramidales System
Das pyramidalmotorische System steuert v. a. willkürliche feinmotorische Bewegungen der peripheren Muskulatur. Vom Gyrus praecentralis läuft der Impuls für eine geplante und bewusste Bewegung über das obere Motoneuron zur Umschaltstelle auf das untere Motoneuron. Im Kopfbereich sind dies Hirnnerven, peripher die α-Motorneurone, die die Zielmuskeln aktivieren. Durch ständige Rückkopplung mit der Sensorik kann die aufzuwendende Kraft und Richtung der Bewegung zielgerecht angepasst und die geplante Handlung vollendet werden.Motorik
Stützmotorik – extrapyramidales System
Das extrapyramidale System steuert Haltearbeit z. B. zur Gewährleistung der aufrechten Körperhaltung. Weiterhin ermöglicht es den Ablauf gelernter Bewegungsabläufe wie Gehen, Auto- oder Fahrrad fahren usw. Diese können auch unbewusst durchgeführt werden. Phylogenetisch betrachtet ist es älter als das pyramidale System. Die beteiligte Muskulatur wird hauptsächlich über propriozeptive Sensorik angesteuert, wobei auch hier das α-Motoneuron den Reiz auf die motorische Endplatte des Muskels überträgt. Die übergeordneten Kontrollen liegen in motorischen Zentren des Kortex, in den subkortikalen Kernen, im Kleinhirn und im Hirnstamm.
Grundtonus
Der Grundtonus der Muskulatur wird über efferente γ-Motoneurone geregelt. Diese übertragen Impulse von motorischen Zentren des Kleinhirns, des Hirnstamms (Formatio reticularis) und der Basalganglien auf intrafusale Muskelfasern der Muskelspindeln. Sie sind somit die einzigen Rezeptoren im Organismus, die efferent angesteuert werden.
Über diesen Weg können neben der Unterstützung der Haltearbeit auch Bewegungen über die α-Motoneurone initiiert werden (indirekte Erregung). γ-Motoneurone können wie α-Motoneuronen willkürliche und unwillkürliche Bewegungen auslösen.
Stellenwert der Sensomotorik
Effizienz und Effektivität der Handlungsabläufe hängen vom Zusammenspiel folgender Komponenten ab:
  • Koordination: Zusammenwirken der Strukturen des sensomotorischen Systems unter Sensomotorik:EigenschaftenEinbeziehung des Energiestoffwechsels (Atmung, Herz-Kreislauf, Energieträger). Bei der Ganzkörperkoordination spricht man von Gewandtheit, bei der Teilkörperkoordination von KoordinationGeschicklichkeit.

  • Ausdauer: Zeitraum bis zur Ermüdung. Er ist abhängig von der Ökonomie der Arbeitsabläufe, Energiebereitstellung (aerob und anaerob), Laktatelimination und Wärmeregulation.

  • Kraft: Je nach Funktion wird Ausdauerunterschieden:

    • isotonisch (gleichbleibende Spannung): der Muskel verkürzt sich ohne Kraftänderung

    • isometrisch (gleichbleibende Muskellänge): die Muskellänge bleibt gleich bei zunehmender Kraft (KraftHaltearbeit)

    • auxometrisch: Muskellänge und Kraft verändern sich (häufigste Form)

    • isokinetisch: gleichbleibende Geschwindigkeit der Kontraktion oder Extension

    • konzentrisch: Muskel verkürzt sich bei Kraftentfaltung

    • exzentrisch: Muskel dehnt sich bei Kraftentfaltung

Praxistipp

Sensomotorisches Training ist insbesondere bei älteren Menschen sehr wichtig. Mangelnde oder einseitige Bewegung und Trainingsmangel führen zu Abschwächung bis zur Atrophie der Muskulatur mit Beeinträchtigung des koordinativen Systems. Kommen noch Störungen der Sensorik hinzu (z. B. verringerter Visus, periphere Polyneuropathie), steigt das Sturzrisiko noch mehr an.

Gute koordinative Fähigkeiten ermöglichen:

  • Unfall- und Verletzungsprophylaxe

  • Optimierung des Bewegungsflusses

  • verbesserter Ausnutzungsgrad konditioneller Fähigkeiten (Ökonomisierung)

  • optimales Zusammenspiel bewegender und stabilisierender Muskulatur

Aktive Bewegungstherapie: Grundlagen

Die aktive Bewegungstherapie, insbesondere die Sporttherapie, hat die Steigerung der körperlichen und mentalen Leistungsfähigkeit einschließlich der kardiopulmonalen Ausdauer, Muskelkraft und Muskelausdauer sowie der Bewegungstherapie, aktiveKoordination und die Einbindung in ein soziales Umfeld als zentrale Ziele. Dabei wird auch eine verbesserte Motivation und Entspannungsfähigkeit angestrebt. Es werden die Therapiemittel nach individueller Vordiagnostik angewendet, welche hinsichtlich der konditionellen Fähigkeiten (Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Koordination, Schnelligkeit) für den Patienten ausgewählt wurden. Die Sporttherapie und insbesondere die medizinische Trainingstherapie werden so dosiert, dass keine Fehlbelastung und Fehlbeanspruchung eintreten und somit auch Menschen mit Behinderungen teilnehmen können.
Die Bewegungstherapie einschließlich der Sporttherapie hat seit Mitte des letzten Jahrhunderts eine zunehmende primärpräventive Bedeutung erfahren. Bei Konzeption der ersten bewegungstherapeutischen Angebote im 19. Jahrhundert hatte die Bevölkerung noch mehrheitlich schwere bis schwerste körperliche Arbeit imSporttherapie Alltag zu bewältigen, Mobilität per Kutsche oder Auto war nur wenigen vorbehalten. Aus diesem Grunde hat sich in der Geschichte der Naturheilverfahren die Gewichtung zwischen Bewegungs- und Sporttherapie und den anderen elementaren Verfahren zunehmend verschoben.
Konzepte
Unter Bewegungstherapie werden alle Maßnahmen verstanden, die passive, assistive, aktive und aktiv-resistive Bewegungen als Therapie einsetzen.
Bewegungstherapie mit geringer Reizstärke
Die Bewegungstherapie, aktive:KonzepteBewegungstherapie umfasst alle Maßnahmen, die gezielte und dosierte Bewegungsabläufe als formative und funktionsregulierende Reize nutzen, wie z. B. die Sporttherapie, Ergotherapie und Krankengymnastik, um durch allgemeine und gezielte Reize, schwache:Bewegungstherapiekörperliche Aktivität zahlreiche Erkrankungen günstig zu beeinflussen.
Bewegungstherapie hat bei nicht ausreichender Intensität keine Verbesserung der Leistungsfähigkeit zur Folge (Intensität unter 25–30 % der maximalen Leistungsfähigkeit). Eine aktuelle Studie konnte aufzeigen, dass bei 3.000 Schritten mehr am Tag vs. geführte Spaziergänge nach 6 Wochen keine gesundheitlich relevanten Verbesserungen mehr erzielt werden konnten [19]. Unter dieser Grenze werden ihr dennoch folgende für die Prävention bedeutsame Mechanismen zugeschrieben: Ablenkung, Selbstwirksamkeit, Aufbau eines sozialen Netzwerkes bzw. sozialer Kontakte und Mindfulness/Awareness-Hypothese (Verbesserung der Achtsamkeit und des Bewusstseins).
  • Ab 40 %–45 % der maximalen Leistungsfähigkeit entsteht ein leichter Reiz, welcher vorhandene Leistungskapazitäten der an der Bewegung beteiligten Organsysteme erhalten und geringfügig verbessern kann.

  • Ein optimaler Reiz zur Beeinflussung der Alterungsvorgänge (Maladaptationsvorgänge) wird mit einer Intensität von 50–80 % der maximalen Leistungsfähigkeit gesetzt.

Zur Bestimmung der Intensitäten ist die Ermittlung von Leistungsparametern notwendig (Leistungsdiagnostik: Watt/kg, maximale Sauerstoffaufnahme VO2max, Herzfrequenz, Laktat).
Bewegungstherapie mit mittlerer bis größerer Reizstärke (Sporttherapie)
Die Sporttherapie ist die therapeutische Anwendung des Sports in der Behandlung von Krankheiten bzw. von durch Krankheiten beeinträchtigter Funktionen auf der Basis der Reize, mittlere:Bewegungstherapiewissenschaftlichen Bewegungs- und Trainingslehre. Ziele der Reize, starke:BewegungstherapieSporttherapie sind:
  • Normalisierung oder Kompensation gestörter körperlicher, psychischer oder sozialer Funktionen

  • Vorbeugung sekundärer Schädigungen

  • Förderung gesundheitsorientierter Verhaltensweisen

In den Sozialgesetzen der Bundesrepublik Deutschland wird die Sporttherapie auch als Rehabilitationssport, Behindertensport und Funktionstraining bezeichnet. Diese Begriffe stellen aber keine wissenschaftliche Identität dar, sondern sind Konzepte der sozialmedizinischen Umsetzung der Sporttherapie im SGB V und SGB IX. Die wissenschaftliche Methodenlehre definiert nur Sporttherapie als Methode der Bewegungstherapie im Gesamtkonzept der physikalischen und rehabilitativen Medizin.
Wirkmechanismen und Wirksamkeit
Der Einsatz der Therapiemittel im Bereich von Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Koordination und der Schnelligkeit beruht auf den biomechanischen und leistungsphysiologischen Wirkprinzipien der Trainings- und Sporttherapie. Durch die sporttherapeutische Intervention können die Zielbereiche der Alterungs- und Inaktivierungsprozesse des Menschen in positiver Hinsicht beeinflusst werden, welche v. a. bei chronischen Erkrankungen eine lebensverkürzende Bedeutung haben.

Merke

Die wichtigsten Alterungs-/Maladaptationsprozesse des Menschen sind:

  • Rückgang der kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit

  • Reduktion der Muskelmasse

  • Verminderung von Myoglobingehalt und Glykogen in den Zellen

  • Rückgang der Kapillarisierung der quer gestreiften Muskulatur

  • Verschlechterung der rheologischen Parameter des Blutes, Viskosität und der Erythrozytenaggregation

  • Knochendichtereduzierung

  • zunehmende Insulinresistenz der peripheren Rezeptoren

  • Rückgang der Eigenaktivität

Die aktive Bewegungstherapie im Sinne einer Sporttherapie wirkt sich positiv auf viele Maladaptationsprozesse aus.

Mit den Mitteln und Methoden der Bewegungs- und Sporttherapie ist es möglich diese Maladaptationserscheinungen positiv zu beeinflussen, wobei die Effekte nur quantitativ, aber nicht qualitativ vom Lebensalter des Patienten abhängen. In zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen [1, 2] konnten diese positiven Wirkungen auf die MaladaptationserscheinungenMaladaptationsprozesse nachgewiesen werden und bewegungstherapeutische Konzepte zur Therapie von chronischen Krankheiten evaluiert werden. Insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei Stoffwechselerkrankungen, aber auch bei neurologischen Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Post-Polio-Syndrom (PPS) sind in den letzten Jahren zahlreiche Arbeiten erschienen. Im Bereich der muskuloskelettalen Erkrankungen spielen die Konzepte der Bewegungs- und Sporttherapie eine herausragende Rolle und hier insbesondere das Konzept der medizinischen Trainingstherapie, z. B. in der postoperativen Rehabilitation von Gelenkeingriffen (Hüft-Totalendoprothese, Knie-Totalendoprothese) und bei chronischen Rückenschmerzpatienten.
Regelmäßige körperliche Belastungen führt zu einer Senkung der Blutzucker- und Blutfettwerte, einer Blutdruckregulation und reduziert das Körpergewicht. Ferner sind positive Effekte auf Kraft, Ausdauer und Koordination sowie bezüglich der Körperwahrnehmung zu erwarten. Aber auch der Einfluss auf die Psyche wurde bisher gut untersucht. So fördert regelmäßige körperliche Belastung die Motivation, führt zu Stressabbau, Minderung von Ängsten, Abbau von Depression, problembezogene Ablenkung und Verbesserung des Selbstwertgefühls [12].
Bei einer immer mehr durch Vereinsamung geprägten Gesellschaft (Zunahme der Single-Haushalte, Kinderlosigkeit) werden soziale Aspekte durch die Sporttherapie gefördert: persönliche Verantwortung, Förderung sozialer Kontakte und das gegenseitige Eintreten füreinander.
Methoden und Therapiemittel
Die Methoden und Therapiemittel der Bewegungs- und Sporttherapie werden wie folgt unterschieden.
Ausdauertraining
Therapiemittel sind das Dauerleistungstraining, das Intervalltraining und die Wiederholungsmethode. Dabei unterscheiden sich diese 3 Therapiemittel hinsichtlich der Pausengestaltung. Dauerleistungstraining wird über 20–30 Min. ohne Pause in einem Ausdauertrainingbestimmten Intensitätsbereich durchgeführt, welcher bei der Eingangsdiagnostik als Zielbereich definiert wurde. Soll eine Verbesserung im Grundlagenausdauerbereich 1 erfolgen (aerobe Leistungsfähigkeit ohne Laktatanstieg), wäre der Zielbereich eine Intensität von ca. 60–65 % der maximalen Herzfrequenz unter Belastung. Bei der Wiederholungsmethode erfolgen mehrere Belastungsintervalle mit einer Pause, in welcher die Ruheherzfrequenz erreicht werden sollte. Beim Intervalltraining wird vor Erreichen der Ruheherzfrequenz die nächste Belastungsphase begonnen. Alle drei Therapiemittel unterscheiden sich hinsichtlich der kardialen und zirkulatorischen sowie metabolischen Anpassungsvorgänge. Das Dauerleistungstraining kann am besten dosiert und erforderlichen Gegebenheiten (z. B. Medikamenteneinstellung) angepasst werden.
Krafttraining
Zur Anwendung kommen das Maximalkrafttraining, begrenztes Schnellkrafttraining und das Kraft-Ausdauer-Training.
Im Präventions- und Bewegungstherapiebereich kommen vorrangig das Schnellkrafttraining und das Kraft-Ausdauer-Training infrage. KrafttrainingSchnellkrafttraining dient z. B. der Sturzprophylaxe. Kraft-Ausdauer-Training ist das am häufigsten eingesetzte Therapiemittel in diesem Bereich und zur Prävention von Rückenschmerzen z. B. bei Bürotätigkeiten enorm wichtig. Dabei wird konzentrisches und exzentrisches Muskelkrafttraining unterschieden, wobei das exzentrische Training die intra- und intermuskuläre Koordination der Kontraktion besser unterstützt.
Beweglichkeitstraining
Therapiemittel sind das Flexibilitätstraining und Dehnbarkeitstraining. Unter bestimmten beruflichen und Alltagsbelastungen sowie im Altersgang kommt es zur Abnahme der Dehnbarkeit bestimmter Muskelgruppen sowie der Umfänge von Funktionsbewegungen (z. B. BeweglichkeitstrainingAnteflexion der LWS, Abduktion des Schultergelenkes). Insbesondere die Altersrigidität führt zu einer Einschränkung von Funktionen am Stütz- und Bewegungssystem. Geeignete Therapiemittel in der Prävention und Therapie sind das Flexibilitätstraining (Verbesserung der physiologischen Bewegungsumfänge von Gelenken und Wirbelsäule einschließlich der Bänder und Gelenkkapseln) sowie die gezielte Dehnung verkürzter Muskeln. Von Verspannung und Verkürzung sind häufig Muskeln betroffen, die Haltearbeit leisten müssen, wie z. B. der M. erector spinae, der M. pectoralis minor et major, M. suralis und die ischiokrurale Muskulatur. Dabei darf nicht versäumt werden, dass die verkürzte Muskulatur im Rahmen von Dehntechniken auch einer Verbesserung der Kraft-Ausdauer-Leistungsfähigkeit bedarf. Verkürzte Muskeln weisen immer eine sog. Verkürzungsschwäche auf.
Koordinationstraining
Eingesetzt werden das mentale Training und das sensomotorische Training. Das mentale Training führt die erarbeitete Verbesserung in einem Funktionsbereich mittels afferenter Stimulation und Wahrnehmung der Bewegungsdefizite mit der gedanklichen KoordinationstrainingRealisierung von Bewegungsmustern ohne Bewegungsdurchführung zusammen. Mentales Training ohne Kenntnis korrekter Bewegungsabläufe ist dabei nicht zielführend. Sensomotorisches Training verbessert hingegen die Körperwahrnehmung mit gleichzeitiger Optimierung (Ökonomisierung) der Bewegungsabläufe. Hilfreich sind dabei v. a. rhythmische Bewegungsausführungen. Zur Verbesserung des kreativen Anteils der Sensomotorik können z. B. bei der Gangschulung unebene Böden, horizontal oder vertikal nachgebende Unterlagen zur Auslenkung gewählt werden (z. B. Trampolin, Posturomed, Weichbodenmatten, Sand, Kieselsteine).
Schnelligkeitstraining
Therapiemittel sind das Reaktionsschnelligkeitstraining sowie das Aktionsschnelligkeitstraining. Hierbei geht es in der Prävention und Therapie vorrangig um eine Sturzprophylaxe und Handlungskonzepte im Bereich des kreativen Anteils der Motorik, um Schnelligkeitstrainingrechtzeitig auf bestimmte Alltagsgegebenheiten mit motorischen Reaktionen zu reagieren (Lastwechsel beim Busanfahren, Abbremsvorgänge, kippende Gehwegplatten). Aber auch das gezielte Üben von Stolpern und Abfangen, Wendungen und Lagewechsel in rascher Reihenfolge gehören zu diesen Therapiemitteln.

Aktive Bewegungstherapie: Praxis

Grundbedingung jeder Bewegungs- und Sporttherapie ist die Dauer der Bewegung. Für die erste Umstellung von Funktionen sind mindestens 6 Min. notwendig, optimal sind 30–60 Min. und diese sollte mindestens 2–3 ×/Woche wiederholt werden.
Es konnteBewegungstherapie, aktive:Praxis aber auch von Foster et al. [5] eindrucksvoll gezeigt werden, dass Übertrainingseffekte oder chronische Ermüdungstendenzen durch zu häufige oder zu hohe Belastungen (u. a. ultralange Läufe) zu einer Schädigung der Gesundheit und einer Reduzierung der Leistungsfähigkeit führen. Dies ist v. a. bei Bewegungstherapie mit älteren Patienten zu beachten, insbesondere bei gruppentherapeutischen Angeboten.
Im Rahmen der Sporttherapie gibt es verschiedene Konzepte. Die häufigsten in Deutschland umgesetzten sind derzeit die Medizinische Trainingstherapie, der Rehabilitationssport und das Funktionstraining, der Behindertensport und das Multi-joint-Training. Diese Konzepte folgen keinen wissenschaftlichen Definitionen, sondern werden häufig vom Erstbeschreiber bzw. von Gesetzestexten vorgegeben und führen deshalb oft zu Unstimmigkeiten.
  • Insbesondere der Rehabilitationssport, der Behindertensport und das Funktionstraining sind Konzepte der Sporttherapie, welche auf der Basis der wissenschaftlichen Bewegungs- und Trainingslehre im Kontext mit Methoden der Rehabilitationsmedizin und der Sekundär- und Tertiärprävention angewendet werden.

  • Trainingsmittel und -methoden des Sports und des sportlichen Trainings werden auch im Bereich der Primärprävention angewendet. Dieser Gesundheitssport wird auch unter die Begriffe Wellness- und Fitnessbereich subsumiert.

  • Die Medizinische Trainingstherapie ist das wichtigste in der Rehabilitation und der physikalischen Medizin angewendete Konzept.

Medizinische Trainingstherapie
Die Medizinische Trainingstherapie (MTT) beinhaltet gerätegestützte Trainingsmethoden, wobei unterschiedliche Trainingsformen eingeschlossen werden. Die Therapiegeräte können auch sequenziell angeordnet werden, was zur Bezeichnung medizinische Trainingstherapie (MTT)Sequenztherapie geführt hat (Seidel in [6]). Hinsichtlich der unterschiedlichen Trainingsformen unterscheidet man isometrisches Training, auxiotonisches Training und isokinetisches Training.
Globale Zielsetzung der MTT ist die Wiederherstellung einer funktionellen Stabilität bei physiologischer Beweglichkeit mit folgenden Maßnahmen:
  • Ausbildung von Kokontraktionen bei ausreichender Kraftausdauer

  • Wiedererlangung und Stabilisierung von Fähigkeiten und Fertigkeiten (hierzu gehören Konzepte der Sturzprophylaxe)

  • Entwicklung einer individuellen Handlungskompetenz (z. B. beim Treppensteigen, Heben und Tragen von Lasten)

Die MTT wird in den folgenden vier Phasen durchgeführt. Diese Phasen werden chronologisch dem jeweiligen klinischen Befund angepasst und durchlaufen von Phase 1–4 im Durchschnitt 4–6 Wochen, wobei jede Phase zwischen 1–2 Wochen dauern kann. Schwere Verletzungen und Erkrankungen benötigen oftmals auch Monate (u. a. Schlaganfall, Schädel-Hirn-Traumen III°).
  • Phase 1 – Mobilisationstraining:

    • angepasstes Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining

    • Übungen zur Wahrnehmung inkl. Propriozeption

    • Informationsweiterleitung aus der Peripherie

  • Phase 2 – Stabilisationstraining:

    • weitere Verbesserung von Beweglichkeit, lokaler Muskelkraftausdauer, allgemeiner aerober Ausdauer, von Koordination und Wahrnehmung

    • optionale Haltung und Stabilität

    • Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit

  • Phase 3 – Funktionstraining:

    • Koordinations- und Reaktionstraining

    • Abbau von Funktionsdefiziten

    • weiteres Kraft- und Ausdauertraining

    • Erlernen alltagsspezifischer Teilbewegungen sowie umfassende Bewegungsschulung

  • Phase 4 – Belastungstraining:

    • Umsetzung der erlernten/trainierten Grundeigenschaften in sport-, alltags- bzw. berufsspezifische Fähigkeiten und Fertigkeiten

    • Schulung vielfältiger Bewegungsanforderungen, neuromuskulärer Qualitätsumbau

    • Koordinations- und Schnelligkeitsübungen

    • Kraft- und Ausdauertraining mit exzentrischen und reaktiven Belastungen

Terraintraining
Das Terraintraining stellt eine spezielle Form der Bewegungs- und Sporttherapie dar. Dabei werden unter Beachtung leistungsbezogener Daten Wegenetze definiert, deren Anstiege/Abstiege sowie Streckenlängen bestimmten normierten Belastungsstufen entsprechen. Diese Terraintrainingkönnen jedoch nur in Watt-Leistung angegeben werden. Beispiel: Steigung 2 % mit einer Gehgeschwindigkeit von 3,4 km/h entspricht ca. 60–70 W (70 kg Normpatient). Diese Leistung muss aber immer vom verordnenden Arzt in eine Leistung W/kg umgerechnet werden. Hierfür werden Terrain-Weg-bezogene Tabellen genutzt, welche diese Umrechnungen für alle Gewichtsklassen ermöglichen. Damit ist eine individuelle Steuerung der Belastung nach einer Leistungsdiagnostik beim Terraintraining möglich und notwendig. Entsprechende Therapie-Gruppen müssen danach zusammengestellt werden. Von der therapeutischen Zielsetzung (Training im Grundlagenausdauerbereich I oder II) hängt sowohl die Auswahl als auch die Dauer der Therapiemaßnahme ab.
Diagnostik
Zwingende Voraussetzung für die Verordnung der Bewegungs- und Sporttherapie ist die Durchführung einer leistungsphysiologischen Diagnostik. Auf der Basis dieser Diagnostik werden die Zielbereiche und Therapiemittel in ihrer Dosierung und im Trainingsplan festlegt. Nur so können die jeweiligen Trainingsmittel ausgewählt und dosiert werden und nur so kann sichergestellt werden, dass der Patient von dieser Dosierung profitiert und keine Fehlbelastungen und Fehlbeanspruchungen auftreten.
Die Dosierung einer Sporttherapie sollte immer nach einer individuellen Leistungs- und Funktionsdiagnostik, im Bereich der kardiologischen sporttherapeutischen Interventionen z. B. nach einer Ergometrie bzw. Spiroergometrie erfolgen. Die vom Untersucher festgelegten Intensitätsintervalle werden anhand physiologischer Reaktionen während der Sporttherapie überwacht (z. B. Herzfrequenz, Laktat-Spiegel, Blutdruck, Borg-Scala). Im Bereich muskuloskelettaler therapeutischer Intervention sind v. a. Funktionsuntersuchungen der Wirbelsäule, Messung der Kraft- bzw. Koordinationsfähigkeiten für die Steuerung der Intervention von großer Bedeutung.
Der am häufigsten verwendete Parameter zur Belastungssteuerung in der Bewegungs- und Sporttherapie ist die Herzfrequenz. Auch ohne vorausgegangene Leistungsdiagnostik werden verschiedene Berechnungsformeln, z. B. die Formel nach Fox, Gellish, Fairbarn oder Hossack verwendet. Die am häufigsten angewendete Formel von Fox (HFmax = 220 – Lebensalter) ist nach aktuellen Studien jedoch nicht zur Belastungssteuerung geeignet. Der Leistungstest ist durch alle oben genannten 4 Formeln nicht zu ersetzen [2].

Praxistipp

Die Bewegungs- und Sporttherapie kann mit anderen therapeutischen Maßnahmen der physikalischen und rehabilitativen Medizin und der Naturheilkunde kombiniert werden. Diese Kombinationen kommen v. a. in der Rehabilitation zum Tragen und werden in den Leitlinien zur Rehabilitation z. B. des Rückenschmerzes beachtet. Häufige Kombinationen sind Sporttherapie und Entspannungsverfahren.

Indikationen
Die wichtigsten Indikationen sind Erkrankungen des muskuloskelettalen Systems sowie kardiovaskuläre Erkrankungen (Zustand nach Herzinfarkt, Bypassoperationen, koronaren Interventionsbehandlungen und Herzinsuffizienz). Auch in der Neurologie, z. B. nach zerebralen Insulten, beim M. Parkinson, in der Psychiatrie und bei onkologischen Erkrankungen wird die Bewegungs- und Sporttherapie zunehmend eingesetzt. Im Vordergrund steht v. a. die Behandlung konditioneller Defizite. Zudem stellt die (Sport)Bewegungstherapie einen wichtigen Baustein in der Gesamtstrategie von psychosomatischen Erkrankungen dar, insbesondere bei Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und reaktiver depressiver Verstimmung.

Studien

  • Die Evidenz der Sporttherapie beruht weitestgehend auf Interventionsstudien. Placebokontrollierte RCTs (randomized controlled trial) sind in der Sporttherapie nicht möglich, lediglich RCTs ohne Placebogruppen sind möglich. Viele Interventionsstudien zeigen jedoch wissenschaftlich signifikante Ergebnisse und erreichen den Evidenzgrad 2 oder B.

  • Für den chronischen Rückenschmerz ist für die Schmerzreduktion und die Funktionsverbesserung eine Effektivität nachgewiesen. Dies gilt insbesondere in der Kombination mit psychologischen Verfahren [7].

  • Zur Bewegungs- und Sporttherapie liegen bei Depression sehr interessante Ergebnisse aus Studien vor (Verbesserung der Hirndurchblutung, der neurotrophen Faktoren, des Neurotransmittersystems (Erhöhung des 5-Hydroxytryptophan-(Serotonin) und Noradrenalinspiegels) sowie des neuroendokrinen Systems (Stressadaptation [12]).

Kontraindikationen
Als generelle allgemeine Kontraindikationen sind alle akuten Erkrankungen anzusehen, welche mit einer Entzündung oder Fieber einhergehen. Weiterhin sind Kontraindikationen zu beachten, welche sich auf ein bestimmtes Krankheitsbild oder das Sturzrisiko beziehen. Als Beispiel seien hier die Kontraindikationen des Diabetes mellitus genannt: akute Entgleisung des Zuckerstoffwechsels, offene Ulzera, Charcot-Fuß, proliferative Retinopathie, höhergradige Herzrhythmusstörungen, Blutglukosewahrnehmungsstörungen.
Generell stellen schwerwiegende nicht adäquat zu kontrollierende internistische und orthopädische Begleit- und Folgeerkrankungen eine relative Kontraindikation dar.
Auch der Einfluss von Medikamenten auf das Sturzrisiko bei der Bewegungstherapie darf nicht unterschätzt werden. Hier sind v. a. häufig verwendete Schmerzmedikamente und Neuroleptika zu beachten. Einfache Tests (z. B. Tinetti) helfen, dieses Risiko vor Beginn der Sporttherapie abzuwägen.
Es gelten weiterhin die in den sportmedizinischen Lehrbüchern genannten Kontraindikationen.

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