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B978-3-437-58621-7.00004-6

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Naturheilkundliche Diagnostik

Hans-Jörg Ohlert

Stellenwert naturheilkundlicher Diagnostik

Naturheilverfahren regen durch Applikation verabreichter Reize körpereigene Ordnungs- und Heilkräfte zur Gesundung an. Art, Dauer, Häufigkeit und Intensität dieser Behandlungen hängen grundsätzlich von der (psycho-)somatischen Diagnose ab. Besonders wichtig ist jedoch die Ausweitung der Diagnostik auf die Reagibilität des zu Behandelnden. So kann der Erfolg selbst bei richtiger Diagnose und richtiger Wahl des Naturheilverfahrens ausbleiben, wenn die Intensität des Reizes nicht an den jeweiligen Zustand des Organismus angepasst wird.
Je nach Krankheitsbild kann durch Anamnese und körperliche Untersuchung die richtige Diagnose in der Regel gestellt werden. Bei Bedarf schließen sich dann möglichst spezifische Tests, Laboruntersuchungen und bildgebende Verfahren zur Verifizierung der Diagnose an.

Spezifische naturheilkundliche Aspekte

Patienten, die naturheilkundlichen Rat suchen, haben häufig konventionelle diagnostische und therapeutische Verfahren hinter sich, jedoch ohne subjektiv befriedigenden Erfolg („keiner konnte mir bisher helfen – Sie sind meine letzte Hoffnung“). Unabhängig davon, ob es sich z. B. um chronische Erkrankungen, Schmerzen, abdominelle Beschwerden, Schlafstörungen oder verschiedene Befindlichkeitsstörungen handelt, kann nahezu immer eine psychische Komponente angenommen werden: Entweder liegt eine bisher nicht erkannte Psychosomatose vor, oder die chronischen primär somatischen Beschwerden haben psychische Auswirkungen z. B. in Form eines Gefühls der Aussichtslosigkeit oder einer depressiven Verstimmung.
Um diesem Sachverhalt gerecht zu werden, spielt der Faktor Zeit bei der naturheilkundlichen Anamneseerhebung eine bedeutende Rolle. Der Patient sollte seine Beschwerden ohne Zeitdruck berichten und die mitgebrachten Unterlagen darstellen können.
Neben diesem informativen Charakter des ersten Kontaktes ist allerdings der therapeutische Effekt nicht zu unterschätzen („Endlich hat mir mal jemand zugehört – jetzt fühle ich mich schon besser – Sie haben mir sehr geholfen“). Empathie, Mitgefühl (nicht Mitleid) und den Patienten mit seinen Beschwerden ernst nehmen sind sehr wichtige Bausteine zur Vertrauensbildung innerhalb der Arzt-Patient-Beziehung.

Allgemeine Fragen und Untersuchungen

Diagnostik, UntersuchungenMan kann zunächst nach dem Motto „häufige Krankheiten sind häufige und seltene Krankheiten sind selten“ vorgehen. Unter den häufigen Krankheiten finden sich die typischen Zivilisationskrankheiten, wie z. B. Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Arteriosklerose, die insbesondere mit einer ungesunden Lebensweise (Fehlernährung, Nikotinkonsum, Bewegungsmangel) im Zusammenhang stehen. In der Studie der DKV und des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln „Wie gesund lebt Deutschland? (2010)“ wurden 2.509 Personen nach Folgendem befragt:
  • körperliche Aktivität

  • Qualität der Ernährung

  • Nikotinkonsum

  • Alkoholkonsum

  • persönlichem Stressempfinden sowie Stressvermeidungsstrategien

Von den befragten Personen (18– >65 Jahre) erfüllten nur 13,9 % der Gefragten alle Kriterien (17,9 % der Frauen, 9,6 % der Männer), d. h. 86 % könnten nur durch Änderung des Lebensstils gesünder leben.

Zusätzliche naturheilkundliche Aspekte

Therapeutisch und präventiv können hier die klassischen Naturheilverfahren sehr gut als umfassendes Konzept eingesetzt werden und eignen sich daher im Bezug auf die naturheilkundliche Diagnostik als Struktur der Befragung und Untersuchung. Dabei ergeben sich bereits gezielte Hinweise auf die Gestaltung des Behandlungskonzepts.
Aspekte der Bewegungstherapie: körperlicher Trainings- und Funktionszustand
Diagnostik, naturheilkundliche:TrainingszustandEs ergeben sich Hinweise auf Art, Frequenz und Dauer der Bewegungs- und Trainingstherapie sowie der gezielten Krankengymnastik. Eine genauere Beurteilung der Belastbarkeit und des Trainingserfolges kann man durch Belastungs-EKG oder Spiroergometrie erhalten.
Anamnese
  • Bewegungsprofil, Belastbarkeit: Gibt es eine Abweichung von der Empfehlung der WHO (moderate Bewegung 5 ×/Woche für 30 Min., davon 10 Min. ohne Unterbrechung)? Ist Treppen-/Steigungengehen möglich? Gehstrecke (Spaziergänge möglich?)

  • funktionelle Beweglichkeit: Aktivitäten des täglichen Lebens wie Kleidungswechsel, Körperpflege eingeschränkt?

  • Kreislaufregulation: Schwindel?, Orthostase?, Dyspnoe?

Untersuchung
  • Körperhaltung, Konstitution (s. u.)

  • Muskulatur, Kraftgrade (z. B. Kniebeugen, Liegestützen)

  • Beweglichkeit (Kniebeugen, Finger-Boden-Abstand, Schürzen-, Nackengriff)

  • Koordination (Finger-Nase-, Knie-Hackenversuch)

  • Gleichgewicht (Einbeinstand, Gangbild)

  • Blutdruck, Puls, Schellong-Test, Gefäßstatus

Aspekte der Ernährungstherapie: Ernährungszustand
Diagnostik, naturheilkundliche:ErnährungszustandEs ergeben sich Hinweise auf entsprechende Diäten zur Gewichtsnormalisierung und zur Behebung von nahrungsbedingten Mangelzuständen. Laboruntersuchungen (z. B. Vitamine) und Tests (z. B. Lactosetoleranz) decken Nährstoffmängel bzw. Unverträglichkeiten auf.
Anamnese
  • Ernährungsanalyse: Gibt es eine Abweichung von der Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung? Vollwertige Ernährung mit Gemüse und Obst (5 Portionen/Tag), Fisch, wenig Fleisch, wenig Süßigkeiten und Knabbereien. Die Mahlzeiten sollen regelmäßig und ohne Eile eingenommen werden.

  • Gewichtszunahme oder -abnahme in welcher Zeit?

  • Unverträglichkeiten, Allergien?

  • Stuhlgang (Obstipation?, Durchfälle?, Meteorismus?)

Untersuchung
  • Gewicht, Taillen- und Hüftumfang, BMI

  • Art der Fettverteilung (android oder gynoid?)

  • Haut (Kolorit?, Trophik?)

  • Fingernägel (brüchig?)

Aspekte der Hydro- und Thermotherapie: thermischer Trainingszustand
Diagnostik, naturheilkundliche:thermischer TrainingszustandEs ergeben sich Hinweise auf die Reizstärke der Kalt- oder Warmanwendungen. Zur Verbesserung des thermischen Trainingszustands („Abhärtung“) wird die Reizstärke bei regelmäßigen Anwendungen in Abhängigkeit von der Adaptation des Patienten gesteigert. Dabei gilt das Prinzip der Reizabstufung: so viel wie nötig und so wenig wie möglich.
Anamnese
  • wärme- oder kälteempfindlich?

  • regelmäßig Kaltwasseranwendungen oder „Warmduscher“?

  • regelmäßig Sauna?

  • regelmäßig Aufenthalt im Freien/Spaziergänge?

  • häufig Infekte?

Untersuchung
Eine spezielle Untersuchung der thermischen Reagibilität wird im Praxisalltag eher nicht durchgeführt. Die Befragung des Patienten und die Rücksprache mit dem Therapeuten geben entsprechende Hinweise.
Historisch interessant ist, dass Vincenz Prießnitz (1799–1851) die Hautrötung als lokale Reaktion auf kaltes Wasser als Testmittel verwendete, um zu erkennen, ob ein Patient für seine Behandlungen („Gräfenberger-Gräfenberger-KurKur“) geeignet sei. Blieb die Hautrötung nach Eintauchen in kaltes Wasser aus, wurde er von der Behandlung ausgeschlossen oder durfte nur sehr vorsichtig gebadet werden. Auch Pfarrer Kneipp (1821–1897) wusste durch seine Erfahrungen zunehmend besser Bescheid, bei welchem Patient er welche Reizstärke anwenden durfte.
Aspekte der Ordnungstherapie: psychovegetativer Zustand
Diagnostik, naturheilkundliche:psychovegetativer ZustandAuch gegenwärtige Therapiemodelle, wie z. B. die Work-Life-Balance oder die Mind-body-Medizin (5.1) betonen die Bedeutung von Interaktionen zwischen Körper-Geist-Seele und der Notwendigkeit deren Ausgeglichenheit für die funktionale Gesundheit. Die Anamnese bezüglich Stressoren sowie die Untersuchung des vegetativen Nervensystems sind daher besonders wichtig.
Aus der Anamnese und Untersuchung ergeben sich Hinweise auf die Gestaltung und Gewichtung aktiver und passiver Verfahren unter besonderer Berücksichtigung somatopsychischer Effekte sowie evtl. Entwöhnungsmaßnahmen. Psychovegetative Auswirkungen können weiterführend durch Biofeedbackverfahren deutlich gemacht werden (Reaktion von Puls-, Atemfrequenz, Muskeltonus, Hautwiderstand auf Stress).
Exploration
  • vegetatives System: Schlaf, Appetit, Durst, Schwitzen, Frieren, Stuhlgang, Miktion, Reizhusten, Juckreiz, Vita sexualis (Libido, Potenz)

  • Noxen: Alkoholkonsum, Nikotinkonsum, Cannabis usw.

  • Befindlichkeit und Stimmung: müde, traurig, antriebsarm oder wach, ausgeglichen, optimistisch

  • Stressoren: privates Umfeld, Arbeitsplatz, mit sich selbst und dabei jeweils gefühlte körperliche Reaktionen und Befindlichkeit

  • Ausgleichsmöglichkeiten: Hobbys, Sport, Kultur

  • zukunftsgerichtete Planungen: beruflich, privat

Untersuchung
Untersucht wird die vegetative Symptomatik, z. B. kühle schwitzige Hände und Füße, Tremor, Pupillenweite (z. B. Mydriasis bei erhöhtem Sympathikotonus), die vermehrte Peristaltik, Dermografismus ruber, flache, eher thorakale Atmung, Pulsfrequenz erhöht oder erniedrigt.
Aspekte der Konstitutionstherapie: Konstitution
Diagnostik, naturheilkundliche:KonstitutionBei der ersten Begegnung von Patient und Arzt kommt es zur gegenseitigen Wahrnehmung von Körperhaltung, Gestik, Mimik und anderen Sinneseindrücken wie Geruch, Ausdruck der Stimme und Kraft des Händedrucks. Ärztlicherseits beginnt bereits die Suche nach der Diagnose in dem neben den genannten Körpersignalen auch Faktoren wie Alter, Geschlecht und ethnische Herkunft miteinbezogen werden.
  • Unter KonstitutionKonstitution des Patienten versteht man in diesem Zusammenhang seine angeborenen Eigenschaften oder Erbanlage (die gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Epigenetik führen mittlerweile zu einer differenzierteren Betrachtungsweise).

  • Als DispositionDisposition beschreibt man die Anfälligkeit durch bestimmte Reize zu erkranken, wobei das schwächste Organ betroffen ist (Locus minoris resistentiae).

  • Die entsprechenden Manifestationen der spezifischen Organsysteme bezeichnet man als DiatheseDiathese (z. B. allergische Diathese, hämorrhagische Diathese).

Aufgrund der Konstitution können sich Hinweise für Diagnostik und Therapie ergeben, die aber nicht beweisende Bedeutung haben und immer kritisch hinterfragt werden müssen.
Die Zuordnung von Phänotypen zu bestimmten Symptomen oder Krankheiten mit entsprechenden spezifischen Therapieansätzen findet sich bereits bei Hippokrates, der dabei die Säftelehre:HumoralpathologieSäftelehre zugrunde legte. Er beschrieb den schlanken und blassen Habitus Habitus phtisicusphtisicus und den gedrungenen Habitus Habitus apoplecticusapoplecticus mit gerötetem Gesicht und kurzem Hals. Aschner [1, 2] legte verschiedene Aspekte der Konstitutionsdiagnostik zugrunde, u. a. den des Temperaments:
  • PhlegmatikerPhlegmatiker (phlegma: Schleim): oberflächig, Schlaffheit der Gewebe, Neigung zu Adipositas

  • MelancholikerMelancholiker (melanchol: Schwarzgalle): traurig, depressiv, trockene, blasse Haut, Neigung zu Hypochondrie

  • CholerikerCholeriker (chol: Galle): zornig, gedrungener Habitus

  • SanguinikerSanguiniker (sanguis: Blut): fröhlich, schlanker Habitus, gut durchblutet

Praxistipp

Die von Kretschmer [4] beschriebenen Typologien:KretschmerKonstitutionKonstitutionstypen (3.2.2) unterscheiden sich hinsichtlich Körperbau, psychischen Auffälligkeiten und anzuwendenden Therapieverfahren:

Leptosomer Typ (asthenisch)

  • Habitus: groß, schlank, schmales Gesicht

  • Symptome: müde, depressiv, hypoton, infektanfällig, wetterfühlig, Varikosis

  • naturheilkundliche Therapieverfahren: gut verträgliche Vollwertkost, Hydrotherapie mit geringer Reizstärke unter Beachtung der Kreislaufreaktion (Orthostase möglich), Gymnastik

Pyknischer Typ (stehnisch)

  • Habitus: mittelgroß, gedrungen, breites Gesicht, kurzer Hals

  • Symptome: arterielle Hypertonie, Fettstoffwechselstörung, Typ-2-Diabetes, KHK, Arthrose, Abszesse, Infekte

  • naturheilkundliche Therapieverfahren: überwiegend vegetarische Kost, entspannende Verfahren zur Sympathikusdämpfung, körperliches Training unter Beachtung des Blutdrucks

Athletischer Typ

  • Habitus: muskulös

  • Symptome: Wirbelsäulensyndrom, Insertionstendopathien, Muskel-, Sehnenzerrungen

  • naturheilkundliche Therapieverfahren: überwiegend vegetarische Kost, muskelentspannende Verfahren, Haltungsschulung und Gelenkschutzberatung

Symptombezogen Fragen und Untersuchungen

Diagnostik, naturheilkundliche:UntersuchungenDie ausführliche Anamnese zeigt dem Patienten, dass er mit seinen Beschwerden ernst genommen wird, sie hat zudem differenzialdiagnostische Bedeutung.
Aus der Anamnese und Untersuchung ergeben sich Hinweise, ob es sich um einen lokal verursachten, fortgeleiteten oder übertragenen Schmerz handelt. Bei unauffälligen Organbefunden ergibt sich die Indikation zur psychosomatischen Diagnostik.
Anamnese
  • Was: z. B. schmerzhafte Beschwerden, Befindlichkeitsstörung, Krankheitsgefühl

  • Ort der Beschwerden: lokal mit/ohne Ausstrahlung

  • Intensität der Beschwerden: visuelle Analogskala 1–10

  • Schmerzqualität: dumpf, stechend, krampfartig, brennend

  • seit wann: akut, chronisch, chronisch rezidivierend

  • wann: tages-, jahreszeitliches Maximum

  • wie oft: pro Tag, Woche, Monat

  • wie lange: Sekunden, Minuten, Stunden

  • in welchem Zusammenhang: heben, tragen, sitzen, bei Stress?

  • verstärkende oder vermindernde Faktoren: Wärme, Kälte, Körperhaltung, Entspannung, Wochenende, Arbeitszeit

Untersuchung (Beispiel Schmerz)
  • lokal:

    • Schmerzort: Schwellung, Überwärmung, Rötung, Druckschmerz, Verschiebeschmerz

    • Gewebe: Muskel, Sehnenscheide, -ansatz, Gelenkkapsel, Schleimbeutel, Periost

  • übergeordnet (unter Berücksichtigung neuronaler Zusammenhänge):

    • Dermatome

    • Myotome

    • Sklerotome

    • Head-Zonen

Psychosomatische Zielorgane
  • Bewegungsapparat: schmerzhafte Verspannungen der Schulter-, Nacken- und paralumbalen Muskulatur

  • Herz, Kreislauf: Schmerzen, Herzklopfen, Rhythmusstörungen, Schwindel

  • Kopf: Schmerzen, Migräne, Tinnitus

  • Lunge: Atemnot, Husten

  • Magen-Darm-System: Schmerzen, Übelkeit, Durchfälle, Erbrechen

  • Urogenitalsystem: Reizblase, Miktionsstörungen

Literatur

[1]

B. Aschner Lehrbuch der Konstitutionstherapie 7. A. 1953 Hippokrates Stuttgart

[2]

B. Aschner Befreiung der Medizin vom Dogma 1962 Haug Heidelberg

[3]

V. Kotsirilos L. Vietta A. Sali A Guide to Evidence-based Integrative and Complementary Medicine 2011 Elsevier Chatswood

[4]

E. Kretschmer Körperbau und Charakter 26. A. 1977 Springer Berlin

[5]

M. Micozzi Fundamentals of Complementary and Alternative Medicine 4th ed. 2011 Elsevier Oxford

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