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B978-3-437-58621-7.00007-1

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978-3-437-58621-7

Abb. 7.1a

(© Poschwatta-Rupp) [M574]

Vorlagen zur Erstellung eines Wochenprotokolls, erstellt mit der Software Optidiet 5.1

Abb. 7.1b

(© Poschwatta-Rupp) [M574]

Vorlagen zur Erstellung eines Wochenprotokolls, erstellt mit der Software Optidiet 5.1

Abb. 7.2

(nach [30, 31]) [E855]

Heidelberger Stufenkonzept zur Prävention und Therapie klimakterischer Beschwerden

Leitsymptome von M. Crohn und Colitis ulcerosa

(nach Langhorst [16])

Tab. 7.1
Symptom Häufigkeit bei M. Crohn (%) Häufigkeit bei Colitis ulcerosa (%)
Bauchschmerzen 70–80 40–80
Durchfall 70–90 80–90
Darmblutung 20–25 90–100
Analfistel 10–40 0–5
Gewichtsverlust 50–60 20–40
Fieber 25–40 10–20
Anämie 20–30 20–50

Klassifikation von Übergewicht und Adipositas

(nach [6])

Tab. 7.2
Klassifikation BMI Grad des Übergewichts
Übergewicht ≥ 25,0
Präadipositas 25–29,9 gering erhöht
Adipositas Grad I 30–34,9 erhöht
Adipositas Grad II 35–39,9 hoch
Adipositas Grad III ≥ 40 sehr hoch

Konsensus-Definition eines metabolischen Syndroms nach IDF

(nach [2–4])

Tab. 7.3
Kriterium Mann Frau
Blutdruck ≥ 130/85 mm Hg oder antihypertensive Pharmakotherapie
Plasmaglyzeride ≥ 1,7 mmol/l bzw. ≥ 150 mg/dl oder Medikation
HDL-Cholesterin < 1,0 mmol/l bzw < 40 mg/l bzw. Medikation 1,3 mmol/l bzw. < 50 mg/l bzw. Medikation
Nüchternglukose ≥ 5,6 mmol/l bzw. ≥ 100 mg/dl oder Diabetes Typ 2 diagnostiziert bzw. Therapie mit oralen Antidiabetika

Naturheilkundliche Therapien bei Beschwerden während und nach der Therapie eines Mammakarzinoms

(nach [52])

Tab. 7.4
Symptom Wirksamkeit nachgewiesen Nutzen möglich Potenziell gefährlich, ggf. in Studien
Angst Mind-Body-Medizin
Energetische Therapien (IB)
Massage (IC)
intensive (IIB) Massage wird in betroffenen Körperregionen oder bei Blutungsneigung nicht empfohlen
Stimmungsschwankungen Mind-Body-Medizin
(chronische) Schmerzen Mind-Body-Medizin
Massage (IC)
Energetische Therapien (IC)
Akupunktur
s. unter Angst
Verbesserung der Lebensqualität Mind-Body-Medizin
Sport, Bewegungstherapie
körperliche Leistungsfähigkeit Sport, Bewegungstherapie
Erschöpfung (Fatigue) Sport, Bewegungstherapie
Energetische Therapien (IC)
Akupunktur (IIC)
Übelkeit, Erbrechen Akupunktur Hypnose
Mundtrockenheit/schmerzhafte Mucositis durch Radiotherapie Akupunktur (IB) Hypnose
Raucherentwöhnung Akupunktur (IIC)
Dyspnoe Akupunktur (IIC)
Neuropathie Akupunktur (IIC)
Hitzewallungen Akupunktur (IB) Hydrotherapie
Depression Mind-Body-Medizin (IB) Lichttherapie
Schlafstörungen Mind-Body-Medizin (IB) Lichttherapie
Nahrungsergänzungsmittel, Phytotherapie abraten, da Interaktionen möglich. Ggf. in Studien sinnvoll

Mind-Body-Medizin: Supportgruppen, kreative Therapien, Meditation, Stress-Management, Hypnose, Entspannungsverfahren, Biofeedback, gelenkte Imagination, Atemtherapie, MBSR, Yoga, Tai-Chi

Energetische Therapien: Magnetfeldtherapie, Reiki, heilende Berührung, Qigong

Terminologie des benignen Prostatasyndroms und assoziierter Symptome/Diagnosen

Tab. 7.5
Abkürzung Beschreibung
BPH Benigne Prostatahyperplasie (histologische Diagnose)
LUTS Miktionsbeschwerden (Lower Urinary Tract Symptoms)
BPE diagnostische nachweisbare Organvergrößerung (Benign Prostatic Enlargement)
BOO Blasenentleerungsstörung (Bladder Outlet Obstruction)
BPS Benignes Prostatasyndrom (BPE + BOO + LUTS)
BPO Benign Prostatic Obstruction (benigne Prostataobstruktion), durch BPE verursachte BOO

Phytotherapeutische Fertigarzneimittel bei BPS

Tab. 7.6
Pflanze Präparatebeispiele Postulierte Wirkung
Hypoxis rooperi (Wurzelknolle des südafrikanischen Sternengrases) Harzol®, Prostasal®
Azuprostat®
Hemmung der Leukotrien- und Prostaglandinsynthese
Kürbissamen (Cucurbita pepo) Bazoton® uno, Cysto® urgenin, Nomon mono®, Granu fink® prosta forte Hemmung der Androgensynthese/Prostaglandinsynthese, Hemmung der DHT-Synthese
Sägepalmenfrüchte (Sabal fructus) Cefasabel®, Prostagutt® mono, Prostagutt uno, Prosta urgenin uno®, Sabal Sandoz®, Sabal Stada®, Sabal Uno®,Talso uno, Strogen uno®
  • Hemmung der 5 α-Reduktase, Hemmung der Aromatase, α-1 Rezeptor-Antagonismus, spasmolytischer Effekt, antiproliferative Effekte, Hemmung der Zyklooxagenase und Lipooxygenase

  • Studien wurden mit Permixon durchgeführt (in Deutschland nicht zugelassen), Übertragbarkeit auf deutsche Monopräparate fraglich

Brennnesselwurzel (Urtica dioica) Bazoton uno®, Prostamed Urtica®, Prosta Stada®, SHGB-Senkung, Aromatasehemmung, Beeinflussung der Wachstumsfaktorrezeptoren
Sägepalmenfrüchte und Brennnesselwurzel Prostagutt forte® s. o.
Roggenpollen Pollstimol Kps. Hemmung der Zyklooxygenase, Hemmung der Lipoxygenase, spasmolytischer Effekt

Pflanzliche Präparate bei Harnwegsinfekten

Tab. 7.7
Symptomatik Arzneidrogen Präparatebeispiele
häufiges Wasserlassen mit Brennschmerz, allgemeines Krankheitsgefühl Bärentraubenblätter Cystinol akut 2–2–2 Drg. (max. 1 Woche)Arctuvan Bärentraubenblätter Tbl., tgl. 2–4 × 2 Tbl.
rezidivierende Entzündungen mit Brennen beim Wasserlassen, auch akut auftretende Beschwerden Echtes Goldrutenkraut Cystinol long 1–1–1 Kps.
Polbax novo tgl. 3 × 1 Tbl.
zur adjuvanten Basistherapie bei akutem Harnwegsinfekt, zeitlich begrenzt zur Rezidivprophylaxe Kapuzinerkressenkraut, Meerrettichwurzel Angocin Anti-Infekt® N 3–3–3 Tbl.
Zur Rezidivprophylaxe 2–0–2 Tbl. über 3 Wochen
bei Neigung zu Harnwegsinfekten zur Durchspülung Birkenblätter, echtes Goldrutenkraut, Orthosiphonblätter Canephron novo 2–2–2 Tbl.
Canephron N (Tausendgüldenkraut, Liebstöckelwurzel, Rosmarinblätter) 2–2–2
zur Unterstützung der Ausscheidungsfunktion der Niere Schachtelhalmkraut, Goldrutenkraut, Hauhechelwurzel, Petersilienwurzel Solidagoren® N Tropfen
tgl. 3 × 15 Tr.

Ursachen peripherer Paresen

Tab. 7.8
Verteilungsmuster Beispiele häufiger Ätiologien
monoradikulär Bandscheibenvorfälle, knöcherne und ligamentäre Einengungen der Neuroforamina, Herpes zoster
polyradikulär Spinalstenosen, Neuroborelliose (Stadium 2), Guillain-Barré-Syndrom (GBS), chronisch inflammatorische demyelinisierende Neuropathie (CIDP), FSME-induzierte Polyradikulitis, HIV-Neuropathie
Plexus traumatisch, nach Strahlentherapie, neuralgische Schulteramyotrophie, Thoracic-outlet-Syndrom
einzelne Nerven traumatisch, Kompartment-Syndrom, Nerven-Kompresssions-(Engpass-)Syndrome (Karpaltunnelsyndrom KTS, ulnare Neuropathie am Ellenbogen – UNE), akute exogene Druckschäden nach Narkose oder Koma, Mono-Neuritis, z. B. bei Diabetes mellitus
nach peripher hin zunehmend, handschuh- und/oder strumpfförmig Polyneuropathien: äthlytoxisch, Diabetes mellitus, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Hepatopathien, Vitaminmangel-Erkrankungen (Vit. B1, B2, B6, B12, Vit. E), verschiedenste Medikamente, toxisch (Blei, Quecksilber, Thallium, Hexacarbone in Lösungsmitteln „Schnüffler“) nach Chemotherapie, hereditär, Critical-illness-Polyneuropathien nach Langzeitbeatmung und Mehrfachantibiose, Paraproteinamie bei allen Arten von monoklonalen Immunopathien (MGUS, Plasmozytom, M. Waldenstrom), paraneoplastisch

Ursachen symptomatischer Parkinson-Syndrome

Tab. 7.9
Ätiologie Beispiele
vaskulär subkortikale vaskuläre Enzephalopathie (SVE) oder
strategisch liegende Schlaganfälle
Medikamente klassische Neuroleptika, Antiemetika, Reserpin, Lithium, Kalziumantagonisten (Cinnarizin, Flunarizin), Valproinsäure
Tumoren extrem selten, z. B. bei Lymphomen
posttraumatisch z. B. bei Boxern
Toxine z. B. Kohlenmonoxid, Mangan, Trichlorethylen, MPTP, TaClo
Entzündungen AIDS-Enzephalopathie oder seltene Enzephalitiden wie die Enzephalitis lethargica
metabolisch z. B. Morbus Wilson, Hypoparathyreoidismus

Naturheilverfahren bei ausgewählten Erkrankungen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Eberhard Volger

Am Beispiel der Herz-Kreislauf-Erkrankungen lässt sich besonders gut belegen, wie sinnvoll und hilfreich das Zusammenwirken von anerkannten Naturheilverfahren mit der konventionellen Medizin sein kann. Sowohl in der Primär- wie auch in der Sekundärprävention sind die klassischen Naturheilverfahren, insbesondere die Bewegungstherapie, die mediterrane Kost und Methoden zur Kompensation von Alltagsstress allgemein anerkannt, da sie die Morbidität und Mortalität senken können.

Da sich die klinische Kardiologie jedoch hauptsächlich mit den akuten Krankheitsbildern beschäftigt, ist von dieser gelungenen Integration in den einschlägigen kardiologischen Lehrbüchern wenig zu finden.

Kardiovaskuläre Risikofaktoren

Lange bevor sich die Atherosklerose klinisch manifestiert, entwickelte sie sich allmählich und unbemerkt nicht selten schon bei jungen Menschen. Ihre Folgekrankheiten haben längst epidemische Ausmaße erreicht, nicht nur in den Industrieländern. Angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft ist offensichtlich, wie wichtig eine frühzeitige präventive Behandlung der kardiovaskulären Risikofaktoren ist. Oft handelt es sich gleich um mehrere, deren schädigende Wirkung sich fatal potenziert. Daher sollten die Risikofaktoren integrativ erfasst werden, wie dies verschiedene Score-Systeme ermöglichen, um eine rasche Abschätzung des individuellen Risikos zu ermöglichen (z. B. Procam-Score oder ESC-Score, www.chd-taskforce.de, www.CARRISMA-pocket-LL.de).
Die Behandlung der kardiovaskulären Risikofaktoren ist eine Domäne der klassischen Naturheilverfahren, beginnend mit einer Lebensstilmodifikation auf der Grundlage einer bewussten Wertschätzung des eigenen Lebens.
  • Das Zigarettenrauchen, die arterielle Hypertonie und Hypercholesterinämie sind diejenigen Risikofaktoren, deren Prävention und Behandlung eindeutig zu einer verbesserten Prognose und einer gesteigerten Lebenserwartung führen. Alles spricht dafür, dass dies auch für die abdominelle Adipositas, den Diabetes mellitus, niedriges HDL-Cholesterin mit erhöhten Triglyzeriden und auch die zu geringe körperliche Aktivität gilt [3].

  • Kein eindeutiger Nachweis für eine protektive Wirkung liegt hingegen für die Behandlung einer Homocysteinämie oder erhöhter Lp(a) Werte vor. Die postmenopausale Hormonsubstitution hat sogar entgegen früherer Erwartungen auch im Hinblick auf kardiovaskuläre Ereignisse eine eher ungünstige Prognose und ist daher nur noch in begründeten Einzelfällen indiziert.

Die hierarchische Beurteilung der Risikofaktoren bietet nun eine klare evidenzbasierte Grundlage für die Behandlung.
Raucherentwöhnung
Rauchen beschleunigt Alterungsprozesse und erhöht das Letalitätsrisiko. Das kardiovaskuläre Risiko hängt mehr von der Zahl der pro Tag gerauchten Zigaretten, als von den Raucherjahren ab. Bei 20 Zigaretten pro Tag verliert ein Raucher bis zum 60. Lebensjahr statistisch 15 Jahre. Obwohl es neuerdings Hinweise gibt, wie die schädlichen Einflüsse des Rauchens möglicherweise gemildert werden könnten (z. B. Alkohol und Coenzym Q10), so sind dies selbstverständlich medizinisch gesehen keine Alternativen zum Rauchverzicht.
Naturheilverfahren können bei der so schwierigen Raucherentwöhnung eine motivierende Rolle spielen. Es gibt Untersuchungen zu den Einflüssen körperlichen Trainings, von Entspannungsverfahren, der Hypnotherapie, der Akupunktur und von Elektrostimulationen. Für keines dieser Verfahren konnte jedoch trotz zahlreicher Studien ein überzeugender klinischer Wirksamkeitsnachweis erbracht werden [4]. Entscheidender als das Verfahren scheint im Einzelfall der Einfluss des behandelnden Arztes zu sein. Bei jedem Arztbesuch mit freundlichen Worten zum Rauchverzicht zu ermuntern, stellt eine der kostengünstigsten Maßnahmen in der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar. Kognitive Kurzinterventionen und eine schriftliche Selbstverpflichtung zum Rauchverzicht sind hilfreich.
Gute Erfolgsraten können mit den konventionellen Methoden einer Nikotinersatztherapie oder mit Bupropion erzielt werden.
Hypercholesterinämie
In Abhängigkeit ihrer Plasmakonzentration durchtränken die Lipoproteine den subendothelialen Gefäßraum. Insbesondere das oxidierte LDL-Cholesterin triggert eine Kaskade von pathophysiologischen Reaktionen, an deren Ende die Entwicklung von atherosklerotischen Plaques steht.
Obwohl es keinen eigentlichen Schwellenwert gibt, gelten als pathologisch erhöht Gesamtcholesterinwerte > 240 mg/dl und LDL-Cholesterinwerte > 160 mg/dl. HDL-Cholesterin hat eine besondere Bedeutung für den Rücktransport des in der Gefäßwand abgelagerten Cholesterins. Daher ist ein niedriges HDL-Cholesterin < 40 mg/dl ein unabhängiger Risikofaktor. Anzustreben ist ein Gesamtcholesterin < 200 mg/dl, ein LDL-Cholesterin < 100 mg/dl ist optimal, auch wenn es bei Erwachsenen nur sehr selten zu beobachten ist.
Mit nicht-medikamentösen Maßnahmen können die Cholesterinwerte um 2–20 % gesenkt werden. Diese großen Unterschiede hängen nicht nur mit der Compliance zusammen, sondern sind auch genetisch bedingt („good and bad responder“). Wenn die von den Fachgesellschaften empfohlenen Zielwerte nicht zu erreichen sind, ist die Gabe von Lipidsenkern erforderlich, da sie nachweislich in der Lage sind die Prognose zu verbessern.

Merke

So wichtig die im Folgenden aufgeführten Maßnahmen zur Basisbehandlung sind, so ist deren ausschließliche Anwendung bei den genetisch bedingten Formen der primären LDL-Hypercholesterinämie und der gemischten Hyperlipoproteinämie nicht ausreichend, um die Cholesterinwerte in den Bereich der Normwerte abzusenken.

Ernährungstherapie bei LDL-Erhöhung
Das Meiden cholesterinhaltiger Nahrungsmittel im Rahmen einer fettarmen Kost bewirkt nur in begrenztem Ausmaß eine Senkung des LDL-Cholesterins, da nur 50 % des Cholesterins in der Nahrung resorbiert wird. Weit mehr wird durch Eigensynthese in der Leber produziert, angepasst an die jeweilige exogene Zufuhr. Ein besserer Effekt wird durch eine veränderte Fettsäurezusammensetzung erzielt. Dies ist das Ziel einer fettmodifizierten Kost.
Fettmodifizierte Kost
Liegt eine Erhöhung des LDL vor, wird eine fettnormalisierte und -modifizierte Ernährung angestrebt, die folgendermaßen aufgebaut sein sollte.
  • Fett < 30 % der Nahrungsenergie (durchschnittlich ca. 40 %)

  • gesättigte Fettsäuren < 10 %

  • einfach ungesättigte Fettsäuren (z. B. in Olivenöl) –15 %

  • mehrfach ungesättigte Fettsäuren < 10 %

  • Cholesterin < 300 mg/d

Ohne sich einem Diätzwang unterwerfen zu müssen, kann eine derartige fettmodifizierte fettmodifizierte KostKost erreicht werden, wenn man sich an der Zusammenstellung der traditionellen Mittelmeerküche orientiert, in der bevorzugt Olivenöl zur Zubereitung der Speisen verwendet wird und der Konsum von Fleisch- und Wurstwaren geringer ist als in Mittel- und Nordeuropa, dafür aber mehr frischer Salat, Gemüse, Getreideprodukte und Fisch auf den Tisch kommen. Diese Nahrung enthält einen geringeren Anteil an gesättigten Fettsäuren, Transfettsäuren, weniger Omega-6- und dafür mehr Omega-3-Fettsäuren, wodurch nicht nur das LDL gesenkt wird, sondern über den Prostaglandinstoffwechsel auch Entzündungsreaktionen gehemmt und ein gewisser Gefäßschutz erreicht werden kann.
Mediterrane Kost
Mit einer Ernährung, die sich an der mediterranen Kost mediterrane Kostorientiert, kann die kardiovaskuläre Ereignisrate unabhängig von der Absenkung des LDL-Cholesterins bei Patienten nach Herzinfarkt um bis zu 45 % abgesenkt werden.
Cholesterinsenkend wirkende Nahrungsmittel
  • Sojaeiweiß kann ebenfalls zu einer Senkung des LDL-Cholesterins beitragen.

  • Lösliche Ballaststoffe wie sie im Hafer oder als Pektin in Äpfeln und Zitrusfrüchten enthalten sind, bewirken eine geringe, aber ebenfalls signifikante Senkung des Gesamtcholesterinspiegels.

  • Rotreis ist ein Fermentationsprodukt des normalen Reises und kann neueren Studien zufolge das Gesamtcholesterin und das LDL-Cholesterin bis zu 20 % verringern.

  • Sulfat- und Magnesiumwässer wirken vermutlich über eine beschleunigte Darmpassage und eine dadurch verminderte Gallensäuren-Rückresorption cholesterinsenkend.

Bewegungstherapie
Regelmäßig durchgeführtes Ausdauertraining senkt zwar nicht das LDL-Cholesterin, wohl aber den Anteil an den besonders atherogenen „small dense LDL-Partikeln“. Darüber hinaus erhöht es signifikant die Werte für HDL-Cholesterin und reduziert die Triglyzeride. Es trägt zur Gewichtsnormalisierung bei und schützt so vor der Entstehung eines metabolischen Syndroms.
Phytotherapie
Knoblauch, der am besten klinisch untersuchten Heilpflanze, wird eine antiatherogene Wirkung nachgesagt. Das in ihm enthaltene Allicin kann zur Absenkung des LDL-Cholesterins durch eine geringe Hemmung der HMG-CoA Reduktase beitragen und verringert als Antioxidans die LDL-Oxidation. Am besten untersucht sind Trockenpulverpräparate in einer Tagesdosis von 900–1.200 mg (z. B. Beni-Cur® Drg., Kwai® N Drg., Sapec® Drg.). Diese Wirkungen sind allerdings so gering, dass an der klinischen Relevanz gezweifelt wird. Ähnliches gilt für Artischocken- und Bockshornkleepräparate. Auch Flohsamen (Psyllii semen) bewirkt durch seine löslichen Ballaststoffe eine leichte Cholesterinsenkung. All diese Phytopharmaka können jedoch eine Kostumstellung und sofern notwendig eine medikamentöse Lipidsenkung nicht ersetzen. In Ergänzung zu einer fettmodifizierten Kost können Phytosterine, die einer Margarine (z. B. Becel protect) zugesetzt sind, zu einer weiteren Verbesserung der Lipidwerte beitragen.
Ordnungstherapie
Dauerhafte starke psychische Belastungen können über erhöhte Stresshormonkonzentrationen die LDL-Cholesterinwerte ansteigen lassen. Umgekehrt sinken sie bei Entspannung und Ruhe, so auch meist im Urlaub wieder ab. Durch eine allgemeine Lebensstilmodifikation und ein Stressmanagement können auf diese Weise auch Fettstoffwechselstörungen günstig beeinflusst werden.
Körperliche Inaktivität
Ein inaktiver Lebensstil ist ein typisches Merkmal vieler Bevölkerungsschichten. Die allgemeine Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit zählt daher zu einem wichtigen Bestandteil der kardiovaskulären Prävention. Die Zunahme der körperlichen Fitness um 1 MET (Metabolic Equivalent = etwa 15 Watt) senkt die Mortalität um 12 % [1].
Der maximale präventive Effekt wird bei einem zusätzlichen Energieverbrauch von etwa 3.000 kcal/Woche durch körperliche Aktivität erreicht. Dies bedeutet etwa eine Stunde Sport/Tag bei mittlerer Intensität. Empfohlen werden wenigsten > 30 min/Tag mit einer Aufteilung in etwa 80 % dynamische Ausdauersportarten und 20 % Krafttraining. Aber auch mit kürzeren Zeiten sind präventive Effekte nachweisbar.
Arterielle Hypertonie
Die arterielle Hypertonie ist weltweit eine der häufigsten Erkrankungen. In Deutschland ist diese Volkskrankheit bei etwa 20 % der Bevölkerung bekannt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein und bei bis zu 50 % der Erwachsenen liegen. Die Prävalenz dieser Krankheit nimmt mit dem Alter zu.
Das geringste kardiovaskuläre Risiko besteht für Erwachsene bei durchschnittlich systolischen Blutdruckwerten < 120 mmHg und einem diastolischen Wert < 80 mmHg.
Nach den aktuellen Leitlinien soll der Zielblutdruck bei Typ-II-Diabetikern bei 130–139/80–85 mmHg und bei Hypertonikern mit Niereninsuffizienz <130/80 mmHg liegen.
Entgegen früheren Empfehlungen ist eine antihypertensive Therapie auch schon bei hoch normalen Blutdruckwerten ratsam, wenn ein hohes kardiovaskuläres Gesamtrisiko besteht.
Ordnungstherapie
Unter ordnungstherapeutischen Gesichtspunkten ist die Änderung des Lebensstils die Basis jeder Hypertoniebehandlung.

Praxistipp

Hinsichtlich ihrer blutdrucksenkenden Wirkung sind folgende Maßnahmen durchzuführen:

  • Steigerung der körperlichen Aktivität

  • Gewichtsnormalisierung, v. a. Reduzierung des Bauchumfangs wegen der endokrinen und proinflammatorischen Wirkung des viszeralen Bauchfettes

  • regelmäßige hydrotherapeutische Anwendungen mittlerer Reizstärke

  • Begrenzung des Kochsalzverbrauchs

  • Reduktion des Alkoholkonsums auf < 30 g/Tag bei Männern und < 20 g/Tag bei Frauen

  • Verminderung von Stress- und Lärmbelastung

Die Umsetzung dieser Empfehlungen senkt den Blutdruck vergleichsweise wie eine medikamentöse Monotherapie.

Ernährungstherapie
Durch eine konsequente Ernährungsumstellung lässt sich der Blutdruck von Hypertonikern zweifelsfrei senken. Erwiesen ist es für eine Ernährung nach den Prinzipien der Mittelmeerkost – u. a. wird Knoblauch, Zwiebeln, Olivenöl, Omega-3-Fettsäuren aus Seefisch eine blutdrucksenkende Wirkung zugeschrieben – oder in ähnlicher Weise für die DASH-Diät (DASH-DiätDietary Approaches to Stop Hypertension) mit reichlich Früchten, frischem Gemüse (erhöhtes Angebot an Kalium, Kalzium, Magnesium) und der Reduktion von gesättigten Fettsäuren durch fettarme Milchprodukte und wenig Fleisch [11].
Zusätzlich zu diesen Basismaßnahmen sollte auf Folgendes geachtet werden:
  • Wichtig ist die Beschränkung des täglichen Kochsalzverbrauchs auf 6 g (Durchschnitt 13 g). Dies lohnt sich umso mehr, je höher der Ausgangsblutdruck ist. Neuere Untersuchungsergebnisse bestreiten diesen Zusammenhang allerdings und überdies ist nur jeder zweite Hypertoniker salzsensitiv.

  • Falls keine Gewichtsprobleme bestehen, soll der Blutdruck durch den Genuss von 50 g dunkler Schokolade pro Tag leicht gesenkt werden können, da die Flavonoide im Kakao den peripheren Gefäßwiderstand senken.

  • Heilfasten nach F. X. Mayr oder Buchinger lässt den Blutdruck durch eine gesteigerte Natriurese relativ schnell abfallen. Eine vegetative Umstimmung und die Stressreduktion unterstützen diesen Effekt. Nicht ratsam ist dagegen eine Schroth-Kur wegen der Trinktage mit Alkohol. Eine ähnliche Wirkung wie mit dem Heilfasten kann auch zu Haus mit regelmäßigen Obst-, Reis- und Safttagen erzielt werden.Empfehlenswert ist ansonsten reichlich zu trinken (1,5–2,0 l Mineralwasser oder Kräutertee).Mehr als 2 Tassen grüner Tee pro Tag vermag den Blutdruck ebenfalls leicht zu senken.

Bewegungstherapie
Vor Beginn einer aktiven Bewegungstherapie sollte bei Hypertonikern eine fachärztliche Untersuchung einschließlich eines Belastungs-EKGs durchgeführt werden, um die Belastungsgrenzen zu ermitteln und eine ischämische Herzerkrankung weitgehend auszuschließen.
Aktive Maßnahmen
Ausdauertraining kann den systolischen und diastolischen Blutdruck senken. Gleichzeitig dient es der Prävention und Behandlung von Übergewicht und beugt einem atherosklerotischen Gefäßumbau vor.
Nach den neueren Leitlinien wird ein moderates Ausdauertraining von 30 Min. Dauer empfohlen, möglichst täglich oder wenigstens 4 ×/Wo. Während der Belastung soll der Puls auf etwa 70–85 % der maximalen Herzfrequenz (maximale Herzfrequenz = 220 minus Lebensalter) ansteigen.
  • Dafür besonders geeignete Bewegungsarten sind zügiges Gehen, Nordic Walking, Joggen und Fahrradfahren. Schwimmen ist auch geeignet, wenn keine Hinweise auf eine Herzinsuffizienz vorliegen.

  • Im Gegensatz zu früheren Empfehlungen ist in gewissem Umfang zusätzlich zum Ausdauertraining ein Fitnessprogramm mit dynamischen Kraftbelastungen erlaubt.

Merke

Entscheidend ist es, bisher körperlich nicht aktive Hypertoniker dazu zu motivieren, sich mehr zu bewegen, denn sie werden den größten gesundheitlichen Nutzen davon haben.

Passive Maßnahmen
Als passive Maßnahmen, die reflektorisch von nachgewiesener antihypertensiver Wirkung sind, können auch serielle Massagen empfohlen werden, wenn gleichzeitig auffällige muskuläre Verspannungen zu beobachten sind. Bewährt haben sich neben den klassischen Massagen v. a. die Bindegewebsmassagen oder auch Schröpfmassagen.
Bürstenmassagen werden ebenfalls zur Unterstützung empfohlen.
Hydrotherapie
Durch Warmreize kommt es zu einer Vasodilatation. So kann durch ein temperaturansteigendes Armbad ein erhöhter Blutdruck akut gesenkt werden. Ein ähnlicher Effekt wird mit CO2- Bädern erreicht, die bei kurmäßiger Anwendung auch einen länger anhaltenden Effekt haben.
Ein Dampf- oder Saunabad lässt den Blutdruck aus den gleichen Gründen abfallen. Hypertoniker sollte jedoch zu Abkühlung keinesfalls in ein kaltes Tauchbad steigen, da hierbei ein Blutdruckanstieg bis > 300 mmHg systolisch droht.

Studien

Beobachtungsstudien zeigten immer wieder, dass erhöhte Blutdruckwerte im Lauf einer Kur auch mit seriellen hydrotherapeutischen Kaltanwendungen abgesenkt werden konnten. Der Effekt wurde als eine adaptive Normalisierung durch die Reiztherapie gedeutet, obwohl nicht auszuschließen war, dass mehr die Erholung und die Bewegung als die Wasseranwendungen den Blutdruck reduzierten.

Eine neue randomisierte und kontrollierte Studie bei Hypertonikern in Stadium I und II bestätigt nun tatsächlich einen blutdrucksenkenden Effekt schon durch kleinere Wechselgüsse und Wassertreten nach 2–3 Wochen [7]. Die erwartete Blutdrucksenkung infolge der Bewegungstherapie, der Ernährungsumstellung und Entspannungsverfahren wurde dadurch signifikant übertroffen und trug zudem zu einer erhöhten körperlichen Leistungsfähigkeit bei. Wiederholte hydrotherapeutische Anwendungen ermöglichten nicht nur eine bessere Blutdruckeinstellung, sondern in manchen Fällen auch eine Reduktion oder das Absetzen von Blutdruckmitteln. Dies ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil derartige Anwendungen zu Hause ohne großen Aufwand praktiziert werden können.

Ordnungstherapie
Auch Methoden zum Stressabbau und zur Entspannung können bei belasteten Hypertonikern den Blutdruck senken. Geeignet und effektiv sind:
  • transzendentale Meditation

  • kognitive Restrukturierung und Stress Coping

  • Biofeedback

  • Yoga

  • progressive Muskelrelaxation nach Jacobson

  • autogenes Training

  • Qigong

Kontrollierte Studien zeigen auch hier, dass es mit Hilfe dieser Verfahren in vielen Fällen möglich sein kann, die Medikation zu reduzieren (5.1).
Phytotherapie
Eine klinisch relevante Blutdrucksenkung ist von pflanzlichen Arzneimitteln nicht zu erwarten. Standardisierte Weißdorn-Extrakte können zwar durch eine geringgradige Vasodilatation leicht antihypertensiv wirken, werden aber in erster Linie bei einer beginnenden Herzinsuffizienz im Alter gegeben.
Auch Knoblauch hochdosiert als Trockenpulver kann eine Grenzwerthypertonie günstig beeinflussen. Mit synthetischen Antihypertensiva ist eine additive Wirkung nachgewiesen worden [13].
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Von alters her wurden ausleitende Verfahren zur Behandlung von Fülle-Zuständen (Plethora) eingesetzt. Bis zur Einführung der ersten blutdrucksenkenden Medikamente Mitte des 20. Jahrhunderts waren Aderlässe und Schröpfen gängige Methoden zur Blutdrucksenkung. Blutentziehende Maßnahmen kommen heute nur noch in Ausnahmefällen in der Behandlung der Hypertonie zum Einsatz. Bei Patienten mit Polyglobulie und Hypervolämie sind sie jedoch durchaus indiziert.

    • Aderlass: Ein wiederholter Aderlass kann bei pykno-athletischen Hypertoniken mit einem Schlafapnoesyndrom und einer Polyglobulie nicht nur zur Blutdrucksenkung beitragen, sondern auch das Allgemeinbefinden verbessern. Mit 1–2 Blutentnahmen von 150–250 ml pro Woche sollte der Hämatokrit allmählich auf Werte um ca. 40 % eingestellt werden. Da es hierbei nicht zu einem Erythropoetinanstieg kommt, hält die Hämatokritabsenkung meist mehrere Wochen an.

    • Schröpfen: Ein ähnlicher Effekt kann durch blutiges Schröpfen erzielt werden, wobei die Schröpfköpfe auf die „Hypertoniezone“ gesetzt werden (6.1.3).

  • Akupunktur: Eine blutdrucksenkende Wirkung der Akupunktur bei milder Hypertonie ist durch Studien belegt. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass der Effekt nach dem Beenden der Akupunktursitzungen wieder rasch verschwindet und eine Langzeitbehandlung kaum praktikabel sein dürfte.

Koronare Herzkrankheit (KHK)

Die KHK ist die Manifestation der Atherosklerose an den Koronararterien. Als multifaktorielles Geschehen schreitet sie in Jahren und Jahrzehnten zu lebensbedrohlichen Zuständen mit Myokardischämie, Myokardinfarkten, Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz fort. Als besonders gefährlich gelten die atheromatösen Plaques, können sie doch auch ohne das Gefäßlumen höhergradig einzuengen, rupturieren und zu einem akuten thrombotischen Verschluss führen. Das Plaquewachstum erfolgt oft schubweise, wobei nicht nur die Risikofaktoren, sondern auch Entzündungsprozesse eine Rolle spielen. Neben einer Progression ist auch eine Regression an den Plaques möglich. Erstmals konnte dies durch eine radikale Änderung des Lebensstils [12] mit extrem fettarmer vegetarischer Kost, körperlichem Training und Entspannungsübungen nachgewiesen werden – und zwar unabhängig von einer pharmakologischen Beeinflussung.
Dies zeigt, welches Gewicht den klassischen Naturheilverfahren bei der Behandlung der chronischen KHK zukommt. Auch wenn koronarangiografisch keine Regression nachgewiesen werden sollte, können diese Maßnahmen dennoch durch eine verminderte Gefahr einer Deckplattenruptur wesentlich zur Stabilisierung von Plaques beitragen und somit die Prognose der KHK entscheidend verbessern. Bewegungstherapie, Ernährungsumstellung, Stressbewältigung, Entspannungsübungen und Motivation zu einem gesundheitsfördernden Lebensstil sind daher seit Langem auch fester Bestandteil der kardiologischen Rehabilitation einschließlich der Nachbehandlung nach akuten koronaren Ereignissen, Interventionsbehandlungen und Bypass-Operationen.
Aus naturheilkundlicher Sicht liegt das langfristige Behandlungsziel bei Patienten mit KHK nicht nur darin, die Atheromatose zu stabilisieren oder zu bessern, sondern auch in der Besserung der Herz- und Kreislaufregulation und Patienten zu einem verantwortlichen Umgang mit sich selbst anzuhalten. Die Ordnungstherapie trägt wesentlich zu Verhaltensänderungen und einer Verminderung der psychosozialen Risikofaktoren bei.
Ordnungstherapie
Ein niedriger sozioökonomischer Status, soziale Isolation, außergewöhnliche familiäre und berufliche Belastungen, vermehrte Reizbarkeit und Feindseligkeit erhöhen einzeln und in Kombination das kardiale Risiko. Depressionen, die im Laufe der Erkrankung häufig auftreten, verschlechtern nachweislich die Prognose. Auf diesem Hintergrund sind im Rahmen einer modernen kardiologischen und naturheilkundlich orientierten Therapie folgende klinisch überprüfte Methoden erfolgversprechend.
Psychosomatische Grundversorgung
Sie kann wesentlich dazu beitragen, das Gesundheitsverhalten und die Compliance durch folgende Maßnahmen zu verbessern:
  • offene und vorurteilsfreie Zuwendung, um eine tragfähige therapeutische Beziehung aufbauen zu können

  • Zusammenhang zwischen Verhalten und Gesundheitsrisiko verständlich herstellen

  • Berücksichtigung und Überwindung innerer Barrieren

  • gemeinsame Entwicklung realistischer Therapieziele

  • fürsorgliche und verständnisvolle Verlaufskontrollen

Multimodale Rehabilitation
  • Die multimodale Rehabilitation mit Einzel- und Gruppenangeboten hat sich v. a. bei Patienten mit niedrigem sozioökonomischen Status und Mangel an Rückhalt in der Familie bewährt. Bei Belastungen innerhalb einer Partnerschaft und in der Familie kann eine Paartherapie weiterhelfen.

  • Frauenspezifische Rehabilitation: Frauen nehmen kardiale Beschwerden anders wahr und sind beim Herzinfarkt durchschnittlich zehn Jahre älter als Männer. Sowohl körperlich wie psychosozial bewältigen sie dieses Ereignis schlechter. Erste Untersuchungen zeigen, dass sie von einer spezifischen Betreuung profitieren [6].

  • Bei Überforderung am Arbeitsplatz oder auch nach dem Verlust der Arbeit hilft ein qualifiziertes Stressmanagement-Training. Eine kognitive Restrukturierung trägt dazu bei, mit verbliebenen Stressoren besser leben zu lernen.

Merke

In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass eine erfolgreiche Raucherentwöhnung die wichtigste Einzelmaßnahme zur Risikoreduktion ist.

Entspannungsverfahren
Einige strukturierte Entspannungsverfahren und Anregungen zur Modifikation des Lebensstils wurden im Zusammenhang mit der Behandlung einer chronischen KHK untersucht [9]. Sie tragen zu einer besseren Lebensqualität und Stressresistenz bei und zeigen eine vergleichbar gute Wirksamkeit, wie eine etablierte medikamentöse Therapie.
  • Meditation: als konzentrative Wahrnehmung der Atmung, eines Mantras oder von Lauten und Worten, die im Geist wiederholt werden; auch ähnliche Formen wie Zen-Meditation, Licht/Klang-Meditationen und Achtsamkeitsmeditationen

  • Mindfulness-Based-Stress-Reduktion (MBSR 5.1.2): um Durchführung einer sinnvollen Lebensstiländerung zur erleichtern

  • entspannende Atemübungen

  • Qigong

  • progressive Muskelrelaxation nach Jacobson: Schulung zur besseren Wahrnehmung des eigenen Muskeltonus

  • autogenes Training, Autosuggestion mit formelhaften Vorsätzen

Depressionsbehandlung
Bei Patienten, die ein akutes koronares Ereignis überstanden haben, entwickelt sich häufig eine nachvollziehbare Depressivität, die jedoch einen eigenen Krankheitswert entwickeln kann und dann umgehend behandlungsbedürftig ist. Depressionen bei KHK verschlechtern die Prognose, wozu im Wesentlichen drei psychobiologische Pathomechanismen beitragen.
  • Hyperregulation des autonomen Nervensystems mit chronisch erhöhter Herzfrequenz

  • überschießende Stressantwort der Hypophysen-Nebennieren-Achse mit ungünstigen metabolischen Auswirkungen

  • subklinisch aktiviertes Gerinnungssystem und erhöhte Spiegel von Entzündungsmediatoren

Hydro- und Thermotherapie
Die Hydrotherapie hat sich bei der Behandlung der chronischen KHK bewährt. Die Kreislaufbelastung der einzelnen Anwendungen reicht von 25 Watt (ebenerdiges Gehen) bis 75 Watt (langsames Radfahren). Analog zur Bewegungstherapie wird zunächst mit niederen Reizstärken begonnen (Oberkörperwaschung, Trockenbürstung, wechselwarme Fußbäder) ehe in wöchentlichen Abständen die Reizstärken angehoben werden können. Maximal können über den Tag verteilt drei Kneipp-Anwendungen gegeben werden. Entscheidend ist nicht, welche Reizstärke schließlich erreicht wird, sondern ob die Maßnahmen regelmäßig durchgeführt werden.
Neben einer vegetativen Umstimmung in Richtung Parasympathikotonie werden eine verbesserte Kreislaufregulation mit Blutdrucknormalisierung, ein leichter Anstieg der Leistungsfähigkeit und ein gehobenes subjektives Befinden erzielt.
Die Sauna ist durchaus für Patienten mit stabiler KHK geeignet. Die Kreislaufbelastung entspricht etwa 50 Watt, sofern man nicht unter die kalte Schwallbrause oder ins Tauchbecken geht.

Studien

Die Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Patienten ist eine etablierte multimodale Intervention auf somatischer (Bewegungstherapie, Ernährungsumstellung), psychologischer (Lebensstilmodifikation, Stressbewältigung), edukativer und sozialer Ebene. In aktuellen Studien konnte nachgewiesen werden, dass die stationäre Anschlussheilbehandlung nach akutem Herzinfarkt und nach Bypass-Operationen die Reinfarktrate, die Hospitalisation und die Gesamtmortalität im Verlauf von 1–2 Jahren signifikant reduziert. Diese positiven Ergebnisse wurden zusätzlich zu einer evidenzbasierten medikamentösen Behandlung erzielt [14].

Einen ähnlichen Ansatz hat das ein Jahr dauernde Safe-Life-Programm, das ein moderates aerobes Training mit modifizierter mediterraner Kost, täglichen Entspannungsverfahren und häuslichen hydrotherapeutischen Anwendungen kombiniert [10].

Phytotherapie
Es gibt keine pflanzlichen Arzneimittel, deren therapeutischer Nutzen bei einer KHK erwiesen wäre. Baldrian- und Melissenpräparate können zur Behandlung von Schlafstörungen, Unruhe- und Erregungszuständen nützlich sein, ohne mit konventionellen Mitteln zu interferieren.
Bewegungstherapie
Angepasstes regelmäßiges aerobes AusdauertrainingAusdauertraining, aerobes führt bei klinisch stabiler KHK nachgewiesenermaßen [1] zu folgenden Veränderungen:
  • verbesserte körperliche Leistungsfähigkeit

  • reduzierte belastungsabhängige Beschwerden

  • gesteigerte Lebensqualität

  • Senkung der Gesamt- und der kardialen Mortalität

Der günstige prognostische Effekt der körperlichen Aktivität erklärt sich durch folgende positive Mechanismen:
  • verbesserte koronare Endothelfunktion

  • Ökonomisierung der Herzarbeit

  • Stabilisierung der Koronarläsionen

  • Kollateralbildung

  • verbesserte maximale Sauerstoffaufnahme

  • reduziertes Thromboserisiko

So zeigte sich in einer Vergleichsstudie, dass körperliches Training bei stabilen Patienten mit signifikanten Koronarstenosen ein besseres Langzeitergebnis bringt als eine Koronarangioplastie alleine [5].
Planung des Trainingsprogramms
In Anlehnung an die Risikoklassifizierung der American Heart Association ist die Bewegungstherapie nach dem Schweregrad der KHK zu untergliedern. Neben Anamnese und körperlicher Untersuchung sind hierfür aktuelle kardiologische Untersuchungsbefunde nötig. Eine Spiroergometrie kann bei kardio-pulmonaler Insuffizienz noch genauere Hinweise auf die Leistungsgrenze geben. Die Notwendigkeit einer ärztlichen Überwachung und eines Monitorings ist nach der aktuellen Leitlinie geregelt [1].
Bei der Planung des Trainingsprogramms für KHK-Patienten sollten individuelle Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Im Rahmen der SekundärpräventionSekundärprävention:KHK sollte es folgende Elemente beinhalten:
  • aerobes Ausdauertraining

  • dynamisches Kraft(ausdauer)training

  • Koordinations-/Flexibilitätstraining

Geeignete Trainingsformen sind:
  • Spazierengehen

  • Wandern

  • Nordic Walking

  • Laufen (Jogging)

  • Radfahren/Fahrradergometertraining

  • Tanzen

  • Ausdauertraining an Kardio-Fitnessgeräten

Auch das Schwimmen zählt zu den geeigneten Sportarten. Obwohl es eine günstige dynamische Bewegungsform mit Beteiligung größeren Muskelgruppen darstellt, darf der Effekt der Wasserimmersion nicht übersehen werden, der zu einer intrathorakalen Volumenverschiebung führt. Zusätzlich steigt die Herzarbeit durch die thermoregulatorischen Prozesse und einen erhöhten peripheren Widerstand. Bei allem spielt auch die Schwimmtechnik eine Rolle. So drohen eine kardiale Dekompensation und Herzrhythmusstörungen. Auch bisher stabile Herzpatienten sollten beim Schwimmen daher immer unter Aufsicht sein. Eine Mindestleistung von 1,5 Watt/kg bei guten und 2 Watt/kg bei schlechten Schwimmern ist Voraussetzung.
Trainingsdauer und -häufigkeit
Zur allmählichen Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit sollte zunächst die Trainingsdauer und -häufigkeit und erst dann die Intensität gesteigert werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es unterschiedliche Anpassungsgeschwindigkeiten für die Organsysteme gibt. So adaptieren sich das Herz-Kreislauf-System und die Muskulatur schneller als Sehnen und Gelenke.
  • Untrainierte sollten sich anfänglich nur 5–10 Min. belasten und im Lauf der Zeit auf 30 Min. steigern. Ein aerobes Ausdauertraining sollte mindesten 3 ×/Woche, am besten täglich über 30 Min. erfolgen.

  • Als Hinweis, dass die Belastung nicht die aerobe Schwelle überschreitet, gilt eine konstante Herzfrequenz. Die Ausdauerherzfrequenz sollte in der Regel mehr als 80 % der maximalen symptomlimitierten Herzfrequenz betragen. Die subjektive Einschätzung nach dem Motto „laufen, ohne zu schnaufen“, korreliert gut mit dieser Zielfrequenz.

Körperliches Training hat sich auch nach Katheterinterventionen als sinnvoll erwiesen, da hierdurch die kardiale Ereignis- und die Rehospitalisierungsrate reduziert werden kann. Es ist erwiesen, dass eine Trainingstherapie nach Bypass-Operation nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern auch die Lebensqualität und die Langzeitprognose verbessert.
Massagetherapie
Massagen können reflektorisch den peripheren Gefäßwiderstand und damit auch die Herzarbeit senken. Über eine Verbesserung der Prognose bei KHK ist nichts bekannt. Da im Rahmen dieser Erkrankung häufig muskuläre Verspannungen am Thorax auftreten, können sie zu einer Beschwerdelinderung beitragen.
Ernährungstherapie
Zu einer Lebensstiländerung bei KHK gehört in den meisten Fällen auch eine Änderung der Ernährungs- und Trinkgewohnheiten. Seit 1999 ist bekannt, dass mit einer Kost, die sich an der traditionellen mediterranen Küche orientiert, die Reinfarktrate von Patienten nach Herzinfarkt gesenkt werden kann [2]. Allerdings ist dieses Studienergebnis bisher durch keine weitere verifiziert worden. Die Leitlinien geben dennoch klare Empfehlungen (7.1.1). Zudem ist nachgewiesen, dass Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl bei KHK-Patienten das Risiko an einen plötzlichen Herztod zu versterben, vermindern können.

Praxistipp

Im Alltag lassen sich diese Empfehlungen und Erkenntnisse am besten mit der mediterranen Kost oder einer daran orientierten Vollwerternährung umsetzen.

  • tgl. 5 abwechslungsreiche Einheiten von Obst, Blatt-, Kohl- und Wurzelgemüse, Tomaten (auch als Direktsäfte), Salat, Hülsenfrüchte, Avocados

  • Kartoffeln, Reis und Hartweizen auch als Vollkornprodukte

  • Olivenöl und Rapsöl zur Speisenzubereitung

  • reichlich Zwiebeln, Kräuter, Knoblauch, wenig Salz

  • fettreduzierte Milch maximal 0,5 l/Tag

  • Geflügelfleisch, Süßwasserfisch

  • nur 1–2 ×/Woche rotes Muskelfleisch, wenig Wurst und fetten Käse

  • 1–2 ×/Woche fetter Seefisch

  • Mandeln, Walnüsse, selten Süßigkeiten, wenig Alkohol

  • schonende Zubereitung

  • möglichst keine Fertig- und Convenienceprodukte

Weiter Möglichkeiten zur gezielten LDL-Cholesterinsenkung 7.1.1.

Heilfasten
Eine Fastentherapie, z. B. das Fasten nach Buchinger, Fasten nach F. X. Mayr, sollte nur bei Patienten mit einer stabilen KHK und nur unter stationären Bedingungen durchgeführt werden. Je nach Ausgangsgewicht beträgt die Fastendauer 1–4 Wochen, wobei während dieser Zeit auch Bewegungstherapie und Entspannungsübungen angeboten werden. Angezeigt ist eine schonend umstimmende Fastentherapie nicht nur für adipösen Koronarpatienten, sondern auch für solche mit Verdauungsbeschwerden.
Erweiterte Naturheilverfahren
Ab- und ausleitende Verfahren: Kardiovaskuläre Risikofaktoren, akute koronare Ereignisse und Interventionen wirken sich ungünstig auf die rheologischen Eigenschaften des Blutes aus. Dies verstärkt sich bei hohen Hämatokritwerten. Insofern ist es plausibel, bei einer Polyglobulie mit mehrfachen kleinen Aderlässen von 150–250 ml pro Woche den Hämatokritwert allmählich bis auf etwa 40 % abzusenken.

Merke

Für folgende Verfahren fehlen Wirksamkeitsnachweise bzw. sind eher nachteilige Wirkungen bei der Behandlung der KHK zu befürchten:

  • Sauerstofftherapie

  • Chelattherapie

  • Homöopathie

  • Mikronährstoffmedizin

  • peri- und postmenopausale Hormonsubstitution

Herzinsuffizienz

Die Herzinsuffizienz ist überwiegend eine Erkrankung des höheren Alters (> 75 Jahren). Dieser Erkrankung liegt ein in Ruhe und unter Belastung vermindertes Herzminutenvolumen trotz ausreichender diastolischer Füllung zugrunde.
Auch hier ist grundsätzlich die Reduktion oder das Ausschalten von Risikofaktoren, wie Rauchen, Hypercholesterinämie und Übergewicht ein entscheidender erster Schritt. Sinnvollerweise sollte möglichst eine Kausaltherapie angestrebt werden. Die Therapieziele verbesserte Belastbarkeit (kardial, pulmonal, muskulär), verbesserte Lebensqualität (seltenere Krankenhausaufenthalte), Abnahme von Herzrhythmusstörungen und erhöhte Lebenserwartung sind in vielen Fällen ohne die moderne Pharmakotherapie nicht erreichbar.
Die Kardiologie erkennt jedoch durchaus auch den Nutzen von Naturheilverfahren an, soweit sie wissenschaftlich belegt sind.
Ordnungstherapie
Herzinsuffiziente Patienten werden mehr oder weniger ständig daran erinnert, dass sie Leistungseinschränkungen im Alltag hinnehmen müssen. Dies und die oft ungünstige Prognose führen nicht selten zu depressiven Verstimmungen und sozialer Isolation.
  • Neben den verschiedenen Maßnahmen zur Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit sind daher eine psychosomatische Grundversorgung und soziale Unterstützung in vielen Fällen nötig.

  • Im Übrigen empfiehlt sich ein geregelter Tagesablauf mit ausreichenden Ruhepausen.

  • Als Entspannungsverfahren eignet sich erfahrungsgemäß das Autogene Training weniger, da die Wahrnehmung von Palpitationen eher beunruhigend sein kann. Günstiger sind meditative und atemorientierte Verfahren.

Hydro-, Balneo-, Thermotherapie
Zur Aufrechterhaltung des Blutdrucks bei verminderter Auswurfleistung des Herzens wird der periphere Gefäßwiderstand durch Vasokonstriktion erhöht. Dadurch nimmt die myokardiale Wandspannung zu, wodurch die Auswurfleistung des Herzens weiter sinkt. Da eine Vasodilatation diesen Teufelskreis durchbrechen kann, gehören Vasodilatatoren zur Standardmedikation bei Herzinsuffizienz. Da eine periphere Vasodilatation auch durch Naturheilverfahren auf physikalischem und chemischem Weg hervorgerufen werden kann, können diese zu einer nachweislichen Verbesserung der Klinik bei herzinsuffizienten Patienten beitragen.
Warmbäder/Saunen
Ein warmes Sitz- oder Halbbad (Herzbad) führt nicht nur zu einer peripheren Vasodilatation, sondern bewirkt durch den hydrostatischen Druck auch eine venöse Entstauung und Entwässerung. Auch für Dampfbäder oder Biosaunen ist eine Verbesserung der Auswurffraktion selbst bei fortgeschrittenen Stadien der Herzinsuffizienz nachgewiesen worden.
Kohlendioxidbäder, ob in Form von Gas- oder Wasserbädern, bewirken eine starke Vasodilatation der Hautgefäße. Sie sind daher ebenfalls zur Unterstützung in der Behandlung der Herzinsuffizienz sinnvoll.

Cave

Vollbäder sind wegen einer zu hohen Kreislaufbelastung bei Patienten mit einer mittel- bis höhergradigen Herzinsuffizienz (NYHA III und IV) kontraindiziert.

Ältere herzinsuffiziente Patienten mit gleichzeitiger Bewegungseinschränkung können in zweierlei Hinsicht von einer leichten Gymnastik in warmem Wasser profitieren: Ihre Beweglichkeit nimmt zu und ihre körperliche Leistungsfähigkeit verbessert sich und somit ihre Lebensqualität.
Kneipp-Anwendungen
Serielle Wechselgüsse, Armbäder und Brustwickel können bei Patienten mit Herzinsuffizienz im Stadium NYHA II–III die klinischen Symptome sowie die myokardiale Sauerstoffaufnahme signifikant verbessern [10].
Phytotherapie
Herzglykoside aus dem purpurfarbenen oder wolligen Fingerhut oder Strophanthus-Gewächsen steigern die Kontraktionskraft und -geschwindigkeit des insuffizienten Herzens.
Auch kardioaktive Steroide, sog. Digitaloide aus der Meerzwiebel, Maiglöckchenkraut, dem Frühlingsadonisröschen und Oleanderblättern haben eine positiv-inotrope Wirkung, werden aber nur schlecht resorbiert. Im Vergleich zu Digitalis wirken Digitaloide nicht bradykard und können auch bei eingeschränkter Nierenfunktion gegeben werden.

Merke

Wegen ihrer geringen therapeutischen Breite und einer Nebenwirkungsrate von 5–10 % sind Digitalisglykoside heute nur noch indiziert, wenn die Kammerfrequenz bei tachykarden Vorhofrhythmusstörungen gesenkt werden muss, oder wenn zusätzlich zur Standardmedikation eine systolische Herzinsuffizienz weiter verbessert werden kann.

Zubereitungen aus Weißdornblättern mit -blüten zeigen bei ausreichend hoher Dosierung (900 mg Crataegus-Extrakt/Tag) ebenfalls eine positiv inotrope Wirkung (z. B. Ardeycordal® mono, Cratae-loges® 450, Crateagutt® novo 450). Darüber hinaus haben sie leicht vasodilatierende und rhythmisierende Eigenschaften, ohne mit anderen Medikamenten zu interagieren. Eine subjektive Besserung und eine klinisch nachweisbare Leistungssteigerung sind allerdings erst nach der Einnahme von einigen Wochen nachweisbar.
Zur Behandlung von Unruhezuständen sind die üblichen pflanzlichen Sedativa besonders von Vorteil, da sie keine nachteiligen Effekte auf die Herzleistung haben.

Exkurs: Altersherz

Ein erhöhter Bindegewebsanteil im Myokard schränkt nicht nur die Kontraktilität, sondern auch die Compliance des Herzens beim älteren Menschen ein und setzt die Kompensationsfähigkeit des alternden Herzens bei Belastung herab. Dennoch ist es erstaunlich, wie gut die Leistungsfähigkeit auch bei älteren Menschen immer noch trainierbar ist. Als einschränkende Erkrankung können die physiologischen Alterungsprozesse am Herz-Kreislauf-System daher nicht gewertet werden.

Bestehen klinische Zeichen einer Herzinsuffizienz, müssen auch beim älteren Menschen zunächst deren mögliche Ursachen eruiert werden. Finden sich keine, lohnt sich ein Therapieversuch mit einem Weißdornpräparat.

Bewegungstherapie
Ein angepasstes Bewegungsprogramm kann bei stabiler Herzinsuffizienz eine Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit, der Lebensqualität und der Langzeitprognose erzielen [8]. Deshalb sollte jeder Patient mit chronischer Herzinsuffizienz (NYHA II–III) einer Trainingsintervention zugeführt werden. Zuvor sollte er jedoch mindestens 3 Wochen stabil auf eine Standardtherapie eingestellt worden und frei sein von größeren Gewichtsschwankungen (Normovolämie) sein. Die ersten 1–3 Wochen des Trainingsprogramms sollten zweckmäßigerweise in einer Phase-II-Rehabilitation durchgeführt werden.
  • Die Basis der Trainingstherapie ist ein aerobes Ausdauertraining auf einem Fahrradergometer mit Monitoring. In den ersten Tagen sollte die Trainingsintensität niedrig gewählt werden (40–50 % der maximalen Sauerstoffaufnahme). In der Aufbauphase kann die Belastung allmählich bis auf 70 % der maximalen Sauerstoffaufnahme gesteigert werden.

  • Bei Patienten mit geringer Belastbarkeit empfiehlt sich ein Intervalltraining. Dabei wechseln kurze Belastungsphasen (20–30 Sek.) mit doppelt so langen Erholungsphasen, in denen die Belastung auf ein Minimum (Leertreten) heruntergefahren wird.

Merke

Durch angepasstes dynamisches Ausdauer- und Krafttraining kann bei stabiler Herzinsuffizienz nachweislich eine Verbesserung des Muskelmetabolismus und der Muskelkraft erzielt werden. Die Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining hat sich als vorteilhaft gegenüber reinem Ausdauertraining erwiesen. Bedarfsweise ist auch eine Ergänzung mit Atemtraining sinnvoll. Langsames tiefes Atmen (z. B. 6 Atemzüge/Min.) verbessern die Sauerstoffaufnahme und die Leistungsfähigkeit.

In der Stabilisierungsphase kann auch Sport auf angepasst niedrigem Leistungsniveau ohne Wettkampfcharakter betrieben werden. Langfristig ist die kontinuierliche Teilnahme in Herzgruppen (Koronargruppen) ratsam.
Massagetherapie
Mit leichten Streichmassagen und Lymphdrainagen kann eine antiödematöse, entstauende Therapie wirksam unterstützt werden.
Ernährungstherapie
Bei Übergewicht und Adipositas bewirkt bereits eine Gewichtsreduktion eine deutliche kardiale Entlastung und Besserung der klinischen Symptome. Dies kann initial mit einer Heilfastenbehandlung und später zur Aufrechterhaltung mit Entlastungstagen (1 ×/Wo.), als Reis-, Obst-, oder Obsttag geschehen. Zur Entlastung der insuffizienten Herztätigkeit ist Folgendes zu beachten:
  • Da Alkohol potenziell kardiotoxisch ist, sollte am besten ganz darauf verzichtet werden, wodurch ggf. auch die Gewichtsabnahme erleichtert wird.

  • Die Kost sollte leicht verdaulich, salzarm und reich an Kalium und Magnesium sein.

  • Zum Würzen empfiehlt es sich, statt Salz Gewürze und Kräuter zu verwenden.

  • Um die Verdauungsarbeit zu reduzieren, sind mehrere kleine Mahlzeiten anstelle weniger großer zu bevorzugen. Die letzte Mahlzeit sollte vier Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen werden.

  • Zu große einmalige Trinkmengen können eine Volumenbelastung provozieren. Daher sollten regelmäßig kleinere Mengen getrunken werden.

  • Um rechtzeitig eine Wasserretention zu entdecken, sollte das Gewicht täglich kontrolliert werden. In manchen Fällen ist eine Beschränkung der Flüssigkeitszufuhr geboten.

Erweiterte Naturheilverfahren
Ab- und ausleitende Verfahren: Bei einer hydropisch dekompensierten Herzinsuffizienz mit normalen oder erhöhten Hämatokritwerten kann ein Aderlass von 300–400 ml eine rasche Erleichterung bringen. Wiederholte kleinere Aderlässe können auch bei Patienten, die in Folge einer Diuretikabehandlung eine Hämokonzentration erfahren haben, zu einer subjektiven Verbesserung beitragen.

Periphere arterielle Verschlusskrankheit

periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)Wie die KHK ist auch pAVK in den meisten Fällen Folge einer allgemeinen Atherosklerose. In fortgeschrittenen Stadien findet sich daher in 90 % der Fälle gleichzeitig eine stenosierende KHK und in 70 % relevante Veränderungen an den Karotiden. Die PAVK verläuft zunächst viele Jahre unbemerkt. Erst wenn eine Arterie zu > 90 % stenosiert ist, kann es zu belastungsabhängigen Beschwerden kommen.

Praxistipp

Folgende Allgemeinmaßnahmen sind Basis jeglicher Therapie

  • konsequenter Abbau der Risikofaktoren (7.1.1)

  • regelmäßiges Gehtraining

  • Vermeiden von engen Schuhen und Strümpfen mit Gummizug

  • vorsichtige Fußpflege

  • im Stadium III nächtliche Tieflagerung der Beine

Hydro-, Balneotherapie
  • Temperaturansteigende Bäder wirken stark vasodilatierend. Im Stadium III können sie am kontralateralen Bein oder an den Armen durchgeführt werden, um die konsensuelle Reaktion auszulösen.

  • Kohlendioxidbäder steigern die Kapillardurchblutung und können die Kollateralbildung bei seriellen Anwendungen verbessern.

  • Güsse: Kalte Güsse können noch im Stadium II a gegeben werden, sofern danach eine reaktive Hyperämie beobachtet werden kann. Durchblutungssteigerungen regen grundsätzlich eine Kollateralbildung an.

    • Im Stadium II b sollen nur noch Wechselgüsse erfolgen.

    • Im Stadium III und IV sind Kaltanwendungen jeder Art kontraindiziert.

    • Güsse haben grundsätzlich einen ähnlichen Trainingseffekt wie eine körperliche Aktivität und sollten daher regelmäßig durchgeführt werden.

Phytotherapie
Klinische Studien belegen eine verbesserte schmerzfreie Gehstrecke im Stadium II b nach längerer Einnahme von täglich 120–240 mg nativem Trockenextrakt von Ginkgoblättern (z. B. Tebonin® intens 120). Zusätzlich 2–3 Tassen Buchweizenkrauttee (z. B. Fagorutin® Buchweizen-Tee) mögen den Effekt noch verbessern.
Bewegungstherapie
Die Behandlung der Risikofaktoren sind zusammen mit der Bewegungstherapie, insbesondere dem Gehtraining, die beiden entscheidenden Komponenten einer konservativen Therapie für einen nachhaltigen Behandlungserfolg.
Bewährt hat sich ein progressives aerobes AusdauertrainingAusdauertraining, aerobes im Intervall oder in Dauerform. Der Trainingsaufbau gliedert sich in eine Adaptationsphase (Wochen), eine Aufbauphase (Monate) und eine Stabilisierungsphase (Jahre). Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, die auch kombinierbar sind:
  • Terraintraining: Der Patient legt im freien Gelände eine vorgegebene Gehstrecke als Intervalltraining entweder in der Ebene oder in ansteigendem Gelände zurück. Die Schrittgeschwindigkeit kann durch ein Metronom vorgegeben werden. Die Trainingszeiten werden wenn möglich von Woche zu Woche gesteigert. Ergänzt wird das Gehtraining durch Zehenstandsübungen und aktive Wadendehnungen.

  • Laufbandergometertraining: Gehtraining bei vorgegebener Geschwindigkeit unterhalb der Schmerzschwelle.

  • Lauftraining (Jogging): Im Stadium II a sofern konditionell zumutbar.

  • Fahrradfahren oder Fahrradergometertraining: Neben einem allgemeinem Herz-Kreislauf-Training begünstigt es auch die Bildung von Kollateralen am Oberschenkel.

  • Schwimmen/Wassergymnastik

  • Physiotherapie: Mit zielgerichteten Methoden lassen sich bestimmte Muskelgruppen trainieren.

    • Ratschow-Rollübungen steigern die Ruhedurchblutung durch die Auslösung einer reaktiven Hyperämie.

    • Bindegewebsmassagen können die Durchblutung ebenfalls steigern.

Im Stadium III lässt sich durch ein Training mit einem Armergometer nicht nur die körperliche Belastbarkeit verbessern, sondern nachweislich langfristig auch die Durchblutung der Beine.

Praxistipp

Empfehlenswert ist, sofern möglich, die Teilnahme in Gefäßsportgruppen analog der Herzgruppen.

Ernährungstherapie
Empfehlenswert ist eine Ernährung wie bei KHK. Es sollte auf eine Flüssigkeitszufuhr vom mindesten 2 l pro Tag geachtet werden.
Erweiterte Naturheilverfahren
Ab- und ausleitende Verfahren: Bei langstreckigen Stenosen oder einer Mehretagen-PAVK im Stadium III kann durch eine Hämatokritsenkung in Form eines Aderlasses (isovolämische Hämodilution) über eine verbesserte Rheologie des Bluts eine Beschwerdelinderung erreicht werden, wenn eine chirurgische Intervention nicht möglich ist.

Raynaud-Syndrom

Raynaud-SyndromBeim Raynaud-Syndrom kommt es durch Vasospasmen der Arteriolen zu anfallsweisem Erblassen von Fingern, seltener der Zehen oder Nase und Ohren. In der Bevölkerung leiden etwa 5–15 % am Raynaud-Syndrom, Frauen deutlich häufiger als Männer. Es besteht eine erbliche Disposition. Erste Zeichen treten schon in der Jugend auf.
Sowohl für das primäre als auch das sekundäre Raynaud-Syndrom gilt, dass Kälteexpositionen von Händen und Füßen vermieden werden sollten. Bei nasskalter Witterung sollten warme Handschuhe getragen und auf das Rauchen verzichtet werden.
Ordnungstherapie
Anzustreben ist eine geregelte Lebensweise unter Beachtung des Biorhythmus zur Vermeidung eines chronisch erhöhten Sympathikotonus. Als Entspannungsverfahren scheint das autogene Training besonders geeignet zu sein.
Hydro-, Balneo-, Thermotherapie
Mit rechtzeitiger lokaler Wärmezufuhr kann ein Anfall im Beginn meist rasch beseitigt werden. In der kalten Jahreszeit wirken warme Fußbäder auch mit Zusätzen von Rosmarin oder heiße Nackengüsse präventiv. Ebenfalls geeignet sind Vollbäder mit Zusätzen von Fichtennadeln oder Rosmarin sowie Biosaunen,
Wechselanwendungen mit temperiertem Wasser tragen zudem längerfristig dazu bei, den Sympathikotonus zu senken und können dadurch die Anfälligkeit vermindern.
Bewegungstherapie
Zu empfehlen sind alle Formen von ausdauerorientiertem Sport außer Wassersport oder Klettern, die geeignet sind, den Sympathikotonus zu senken.
Ernährungstherapie
Bevorzugt zuzuführen sind warme bis heiße Getränke, warme Suppen, kräftig gewürzte Speisen, die zu einer peripheren Vasodilatation beitragen können.

Varikosis, chronisch venöse Insuffizienz (CVI)

Varikosischronisch venöse Insuffizienz (CVI)Venenerkrankungen, insbesondere die Varikosis der Beinvenen, sind eine Zivilisationskrankheit mit steigender Tendenz. Frauen sind 3 × so häufig betroffen wie Männer. Über leichtere Venenbeschwerden klagen in Deutschland > 30 Millionen Menschen.
Mehr als 1,2 Millionen leiden an den Folgen einer lang bestehenden Varikosis, an Ulcus cruris.

Merke

Folgende Allgemeinmaßnahmen sind bei einer Varikosis/CVI angezeigt:

  • Fußende des Bettes um 10–15 cm hochstellen,

  • Sonnenbaden vermeiden,

  • Bei stehender Tätigkeit regelmäßige das Gewicht von einem auf das andere Bein verlagern, bei längerem Sitzen zwischendurch wippende Fußbewegungen durchführen.

  • Keine einengende Kleidung, keine Schuhe mit hohen Absätzen tragen.

  • Regelmäßige Hautpflege durchführen.

  • 3S-3L-Regel: Stehen und sitzen schlecht, lieber laufen oder liegen

Jede Art venöser Stauung bedarf einer konsequenten Kompressionsbehandlung (Stütz- bzw. Kompressionsstrümpfe). Ein Ulcus cruris kann so verhindert bzw. zur Abheilung gebracht werden.
Hydro- und Thermotherapie
  • Täglich morgens und abends kalte Beinwaschungen durchführen, anfänglich wechselwarme, später kalte Knie- und Schenkelgüsse.

  • Beim Wasser- oder Tautreten das Wasser nur abstreifen und durch Bewegung trocknen lassen.

  • Bei Rötungen und Schwellungen bzw. einer Varikophlebitis sind Auflagen oder Wickel mit Lehm oder Quark angezeigt.

  • Die Sauna kann bei unkomplizierter Varikosis genutzt werden, wenn man die Beine hochlegt und nach jedem Gang einen kalten Schenkelguss durchführt.

Phytotherapie
Präparate der ersten Wahl sind standardisierte Rosskastanienextrakte mit einer Tagesdosis von mindestens 100 mg Aescin (z. B. Aescorin® forte, Venopyronum® retard, Venoplant® retard S). Nachgewiesen ist eine antiexsudative Wirkung mit klinischer Beschwerdelinderung. Bei Magenunverträglichkeiten stehen die weniger gut untersuchten Präparate aus Steinkleekraut, Mäusedornwurzelstock oder aus roten Weinlaubblättern zu Verfügung (z. B. Meli Rephastasan®, bzw. Phlebodril® mono, bzw. Antistax® Venenkapseln). Auch Zubereitungen aus Buchweizen können nach einigen Untersuchungen die Beschwerden lindern.
Äußere Anwendungen wirken als Einreibung nur leicht entstauend, es sei denn die Zubereitung besteht aus Arnika: Diese wirkt antiphlogistisch und analgetisch.
Bewegungstherapie
Die Muskel-Venen-Pumpe fördert den venösen Rückstrom am effektivsten, wenn die Kompression mit Bewegung kombiniert wird. Am besten eignen sich hierzu Barfußgehen, normales Spazierengehen am besten nicht auf asphaltierten Wegen, Nordic Walking, Wandern und Skilanglauf. Auch regelmäßige Fußgymnastik mit Zehenstandsübungen, Laufen auf den Fersen und Atemübungen sind nützlich. Beim Schwimmen und Aquajogging wirkt zusätzlich der hydrostatische Druck entstauend.

Merke

Kraftsport mit Pressatmung ist ungünstig, da hierdurch der venöse Druck erhöht wird und es zu einem venösen Rückstrom kommt.

Massagetherapie
Bindegewebsmassage und klassische Muskelzonenmassage wirken entstauend und fördern die Muskel-Venen-Pumpe. Bei chronischer Ödemneigung sind Lymphdrainagen angezeigt.
Ernährungstherapie
  • Gewichtsreduktion durchführen, wo notwendig

  • zur Vermeidung von Obstipation ballaststoffreiche Kost bevorzugen

  • bei Alkohol Zurückhaltung üben

Erweiterte Naturheilverfahren
Von den ab- und ausleitenden Verfahren haben sich folgende Anwendungen bewährt.
  • Aderlass: indiziert bei Thrombophilie und erhöhten Hämatokritwerten

  • Blutegeltherapie: schnelle und gute Wirkung der paravenös angesetzten Blutegel bei Thrombophlebitis oder Varikophlebitis

Orthostatische Hypotonie

Hypotonie, orthostatischeBei der orthostatischen Hypotonie fällt nicht nur der systolische Blutdruck im Stehen um 20–30 mmHg, sondern auch der diastolische Druck um 10 mmHg. Unterschieden werden die sympathikotone orthostatische Hypotonie (Herzfrequenzanstieg > 30/Min.), die asympathikotone orthostatische Hypotonie (mit gleich bleibender Frequenz infolge neurologischer Erkrankungen) und die neurokardiogen (vasovagale) Synkopen.
Bei der asympathikotonen orthostatischen Hypotonie bedarf es wegen des Verdachts auf eine autonome Neuropathie einer weiteren neurologischen Abklärung und spezieller Funktionstests. Sie ist meist nur schwer therapeutisch zu beeinflussen. Auch bei der sympathikotonen Form muss zunächst nach Ursachen gefahndet werden, ehe die Ausschlussdiagnose einer eher harmlosen konstitutionellen orthostatischen Dysregulation gestellt werden kann.

Praxistipp

Angezeigt sind folgende Allgemeinmaßnahmen:

  • ausreichende Flüssigkeits- und NaCl-Zufuhr

  • langsamer Lagewechsel, bei Varikosis Kompressionsstrümpfe vor dem Aufstehen anziehen

  • nächtliche Oberkörperhochlagerung von 10°–30° (dadurch Abnahme der nächtlichen Urin- und NaCl-Ausscheidung)

Ordnungstherapie
Bestandteile der Ordnungstherapie sollten folgende Maßnahmen sein:
  • geregelter Tagesablauf, ausgewogenes Verhältnis zwischen Anspannung in der Arbeit und Entspannung

  • nicht zu lange im Bett liegen bleiben

  • positive seelische Impulse setzen

  • Aufenthalte in einem Reizklima

Hydro- und Thermotherapie
Regelmäßige Kneipp-Anwendungen können nachweislich zu einer adaptiven Normalisierung des Blutdrucks beitragen. Dies ist mit keiner Pharmakotherapie zu erreichen. Zu empfehlen sind folgende Maßnahmen:
  • morgendliche Unterkörper- oder Ganzwaschungen mit kühlem, später kaltem Wasser

  • Trockenbürsten

  • morgens Wechselduschen oder Wechselwaden- oder -Schenkelgüsse

  • Tautreten, Wassertreten

  • an warmen Tagen zwischendurch kalte Arm- oder Fußbäder

Bewegungstherapie
Um allgemein tonisierend auf den Körper einzuwirken, sind folgende Maßnahmen zu empfehlen:
  • isometrische Anspannung der Beinmuskulatur vor dem Aufstehen, individuell dosierte Morgengymnastik an frischer Luft

  • regelmäßig Sport treiben, z. B. Radfahren, Wandern, Schwimmen, Ballspiele, Tanzen, auch der Besuch von Fitnessstudios kann hilfreich sein

Ernährungstherapie
Mindestens 1,5–2,0 l (salzhaltige Mineralwässer) trinken, möglichst wenig Alkohol zuführen. Kleine gut gewürzte Mahlzeiten sind zu bevorzugen, danach eine Tasse Kaffee trinken. Abends wenig essen.
Erweiterte Naturheilverfahren
Von den ab- und ausleitenden Verfahren wird das trockene Schröpfen über den Dornfortsätzen der oberen BWS von Anwendern positiv beurteilt.

Funktionelle Herzbeschwerden

Herzbeschwerden, funktionelleFunktionelle Herzbeschwerden stellen keine Krankheitsentität dar. Sie sind vielmehr ein Sammelbegriff für unterschiedliche thorakale Missempfindungen, die auf das Herz bezogen werden und mit Angstzuständen und vegetativer Symptomatik einhergehen können. Die Beschwerden reichen von linksseitigem Ziehen und Stechen über Palpitationen, Leistungsschwäche bis zu Hyperventilation und Schwindelzuständen.

Merke

Patienten mit funktionellen Herzbeschwerden sind nicht nur in Allgemeinpraxen, sondern auch bei Kardiologen und in Notaufnahmen häufig anzutreffen. Sie nur zu beruhigen und über die Harmlosigkeit der Beschwerden aufzuklären, hilft meist nicht. Im Zweifelsfall sind folgende Erkrankungen auszuschließen:

  • organische Herzerkrankungen

  • pleuro-pulmonale Krankheiten

  • mediastinale Krankheitsprozesse

  • Hyperthyreose

  • muskuloskelettale Krankheiten

  • Angststörungen

Funktionelle Herzbeschwerden sollten möglichst frühzeitig umfassend behandelt werden, um eine Chronifizierung zu verhindern. Das Ziel ist, glaubwürdig die Angst vor einer bedrohlichen Herzerkrankung zu nehmen und Methoden anzubieten, mit denen Schmerzen und Blockierungen beseitigt werden können, sodass dauerhaft die physische und psychische Leistungsfähigkeit gestärkt werden kann. Je nach individueller Situation liegt der Behandlungsschwerpunkt in einem Fall auf der Physiotherapie, im anderen Fall mehr auf der Psychotherapie.
Auch in der Behandlung funktioneller Herzbeschwerden zeigt sich der Nutzen, den anerkannten Naturheilverfahren bieten, zumal die konventionelle Medizin kaum Behandlungsoptionen bietet.
Ordnungstherapie
Basis der ordnungstherapeutischen Maßnahmen ist, zu einer individuell sinnvollen Lebensordnung zu verhelfen, Überforderungen zu erkennen und Konflikte zu lösen. Es gilt, den Patienten zu vermitteln, dass sie zwar sicher nichts „am Herzen“, aber möglicherweise etwas „auf dem Herzen“ haben. Hier kann die psychosomatische Grundversorgung erste Hilfen anbieten. Zielführend können auch Entspannungsverfahren, wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson sein.
Hydro- und Thermotherapie
  • Basismaßnahmen: kurzfristig kühle Herzkompresse, heißer Nackenguss, Rückenblitzguss; längerfristig Waschungen, Wechselgüsse von allmählich zunehmender Reizstärke

  • zusätzliche Maßnahmen:

    • Entspannungsbäder mit Zusätzen von Baldrian, Melisse, Lavendel

    • Sauna 1 ×/Wo.

    • Heublumensack auf den Rücken

Phytotherapie
Häufig werden schwach wirksame Kardiaka als KardiakaKombinationspräparate für ein „nervöses Herz“ verordnet, die dem Patienten vermitteln können, er sei doch, wenn auch nicht schwer, herzkrank. Um solch eine Organfixierung zu vermeiden, sind Präparate mit leicht sedierenden Eigenschaften aus Baldrian, Hopfen, Melisse und Passionsblume (z. B. Baldrian-Dispert® Tbl., Boxocalm® Drg., Dormoverlan® Kps.) die Therapie der Wahl. Bei leichten Depressionen sind Zubereitungen aus Johanniskraut zu empfehlen (z. B. Laif® 900).
Bewährt haben sich auch Einreibungen mit Herzsalben,Herzsalben die aus Rosmarin-, Fichtennadelöl, Menthol und Campher bestehen und eine hyperämisierende Wirkung entfalten.
Bewegungstherapie
  • aktive Bewegungstherapie:

    • vorsichtig dosiertes, allmählich zunehmendes ausdauerorientiertes Training, Wandern, Dauerlauf/Jogging, Radfahren, Schwimmen, vorzugsweise Rückenschwimmen

    • Atemgymnastik zur Verbesserung der Atemtechnik und vegetativen Stabilisierung

  • passive Bewegungstherapie:

    • Einzelgymnastik

    • klassische Massagen, Bindegewebsmassagen

    • Manuelle Medizin, Ausgleich einer evtl. Fehlstatik

Erweiterte Naturheilverfahren
In geeigneten Fällen, in denen muskuläre Verspannungen und Myogelosen ursächlich für die Beschwerden infrage kommen, können auch das Schröpfen, die Neuraltherapie oder die Akupunktur funktionelle Herzbeschwerden beseitigen.

Literatur

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Atemwegserkrankungen

Rainer Brenke

Atemwegserkrankungen gehören neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den hauptsächlichen Behandlungsanlässen in der ärztlichen Praxis. Akute Beschwerden verlaufen meist selbstlimitierend, bei chronischen Erkrankungen ist oft eine Dauertherapie notwendig. In beiden Fällen sollten bevorzugt nebenwirkungsarme Therapieformen zur Anwendung kommen. Es sollte auch bedacht werden, dass Naturheilverfahren in den meisten Fällen die aktive Mitarbeit des Patienten erfordern und somit einen selbstbestimmten Umgang mit der Krankheit eher ermöglichen – dieses Umgehen meint nicht nur naturheilkundliche Anwendungen, sondern allgemeine Verhaltensweisen. Dass bei Atemwegserkrankungen der Nikotinkarenz eine überragende Bedeutung zukommt, bedarf keiner näheren Erläuterung.

Häufige Infekte („Infektanfälligkeit“)

InfektanfälligkeitChronische Atemwegserkrankungen nehmen zu. Die Ursachen dafür sind nicht endgültig geklärt. Ein Faktor sind gehäufte Infekte im Kindesalter. Diese können zum einen durch Ansteckung in Kindereinrichtungen zustande kommen, andererseits durch Aufenthalt in klimatisierten Räumen und fehlende thermische Reize sowie zu wenig Bewegung begünstigt werden. Ob hier auch – wie für allergische Erkrankungen diskutiert – eine geringere Auseinandersetzung mit Mikroorganismen durch bessere Hygiene und damit ein fehlendes „Training“ des Immunsystems eine Rolle spielen, wird vermutet, ist jedoch nicht bewiesen.
Im Kindesalter sollte man bedenken, dass das Abwehrsystem sich noch in der Entwicklung befindet und erst zum 11. Lebensjahr weitgehend ausgereift ist. Das erklärt auch die häufigen Infekte in diesem Alter. Es ist davon auszugehen, dass die Reifung des Abwehrsystems durch hydrotherapeutische Reize wie Kneippkindergärten gefördert werden kann. Auch beim alten Menschen lassen die Leistungen des Immunsystems nach, weshalb hier das Thema „Infektanfälligkeit“ erneut Bedeutung erlangt. Oft begleitet die Patienten diese Diagnose aber auch ein Leben lang, ohne dass immunologische Spezialuntersuchungen wirklich weiter gebracht hätten. Nur in den wenigsten Fällen wird man eine immunologische Grunderkrankung oder einen „Immundefekt“ finden, der gezielt behandelt werden kann.

Merke

Wiederholte Atemwegsinfekte können zum Wegbereiter vieler Atemwegserkrankungen werden. Oft spielen dabei auch Foci wie chronische Entzündungen an den Zähnen eine Rolle. Abgesehen von einer Herdsanierung und von Schutzimpfungen gibt es aber kaum erfolgversprechende „schulmedizinische“ Behandlungsansätze einer Infektanfälligkeit.

Die sog. AbhärtungAbhärtung ist eine Domäne der Naturheilkunde. Ihre Wirkung ist viel umfassender als nur eine Senkung der Infektanfälligkeit. Ein abgehärteter Organismus ist im Allgemeinen gesünder.

Ordnungstherapie
Tabakrauch lähmt unter anderem die Zilien und die mukoziliäre Clearance und beeinträchtigt somit die lokale Abwehr. Dem Patienten sind deswegen Nikotinkarenz und allenfalls moderater Alkoholkonsum zu empfehlen. Da chronischer Stress ebenfalls die Immunabwehr hemmt, sind Maßnahmen zum Stressabbau, ggf. auch psychologische Gespräche sinnvoll.
Bei der COPD spielt neben den Inhalationen die Atemtherapie eine entscheidende Rolle – und zwar sowohl unter physiotherapeutischen Zielstellungen als auch im Sinne einer Ordnungstherapie (Übersicht bei [6]).

Praxistipp

Ziele der Atemtherapie

  • Einüben eines physiologischen Atemrhythmus und der physiologischen Atemrichtungen

  • Verbesserung eingeschränkter Atemphasen und der Thoraxmobilität

  • Optimierung des pulmonalen Gasaustausches

  • Sekretlösung und Verbesserung der Expektoration

  • Prophylaxe einer Pneumonie

  • Erhöhung der körperlichen Leistungsfähigkeit

  • Beruhigung und Entspannung

Maßnahmen der Atemtherapie

  • Förderung der Inspiration und Exspiration

  • Erlernen einer geeigneten Hustentechnik

  • Sekretlösung und Pneumonieprophylaxe

  • Gebrauch von apparativen Hilfsmitteln

Vermittelt wird z. B. der Einsatz der Lippenbremse Lippenbremsezur Vermeidung des „Air-trapping-Phänomens“.Air-trapping-Phänomen Hinzu kommen eine Schulung der Atemwahrnehmung, Lagerungsdrainage, Dehnlagerungen zur Weitung und besseren Belüftung der betroffenen Seite und Maßnahmen zur Verbesserung der Thoraxbeweglichkeit. Ob eine Verschiebung der Atemmittellage sinnvoll ist, scheint nicht abschließend entschieden zu sein. Eine Erhöhung der Atemmittellage verbessert jedenfalls die Blutgase, eine Erniedrigung verschlechtert diese. Sinnvoll ist ein Training der Atemmuskulatur zum Ausschöpfen von Reserven.
Während einer Kur bzw. Rehabilitationsmaßnahme reicht eine mehrmalige Schulung bei chronischen Erkrankungen zur Selbstbehandlung oft aus, bei akuten Erkrankungen ist eine tägliche Atemtherapie angezeigt.
Von Physiotherapeuten wird auch der Gebrauch einfacher Atemhilfsgeräte Atemhilfsgerätevermittelt, die der Patient zu Hause anwenden kann. Beispiele dafür sind:
  • Flowgeräte mit kleinem Ball, der durch den Sog aufsteigt; erreicht wird eine vertiefte und verlängerte Inspiration, wodurch Atelektasen vorgebeugt werden kann

  • Gebrauch volumenorientierter Geräte

  • zur Vergrößerung des Totraums: Giebelrohr

  • zur Sekretmobilisation: Geräte wie z. B. die sog. „Flutter“ oder „RC Cornet®“ (einfaches Atemhilfsgerät zur Erzeugung von Vibrationen – benannt nach seinem „Erfinder“ R. Cegla)

  • Nutzung einfacher Hilfsmittel wie Luftballons oder Seifenblasen

  • Anwendung von Inhalationsgeräten wie Ultraschallverneblern

Folgende Maßnahmen können aktiv physiotherapeutisch angewandt werden:
  • zur Erleichterung des Abhustens: Thoraxklopfmassage

  • zur reflektorischen Spasmolyse: Bindegewebsmassage

  • zur Verringerung haltungsbedingter Fehlatemformen: Krankengymnastik

  • bei Muskelschmerzen und Verspannungen: Massagen und Wärmeanwendungen (Folgen einer Überlastung der Atemhilfsmuskulatur)

Hydro- und Thermotherapie
Im Mittelpunkt der abhärtenden Maßnahmen steht die Hydro-und Thermotherapie. Das hat unter anderem seinen Grund darin, dass die Thermoregulation den meisten anderen Regulationskreisen im Körper übergeordnet ist und diese beeinflussen kann. Außerdem können ein moderates Ausdauertraining, eine vorsichtig dosierte und am Hauttyp orientierte UV-(Sonnen-)Bestrahlung, Klimareize und eine vollwertige Ernährung genannt werden (Darm als wichtigstes Immunorgan!).
Als wesentliche Wirkungswege der Abhärtung Abhärtungkonnten bisher identifiziert werden:
  • Optimierung der Durchblutungsregulation an den Akren reflektorisch damit auch im Nasen-Rachen-Raum

  • Anregung unspezifischer Resistenzmechanismen

  • vegetative sowie psychische Stabilisierung (geringere Stressanfälligkeit)

  • biochemische Veränderungen im Sinne einer Stärkung antioxidativer Schutzmechanismen

Zur Abhärtung eignen sich insbesondere Sauna und Fußbäder.
Sauna
Der abhärtende Effekt der Sauna ist sowohl epidemiologisch als auch in seiner Wirkungsweise ausgezeichnet evaluiert. Sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter sinkt die Häufigkeit nach ¼ Jahr regelmäßigen Saunabesuchs (1–2/Wo.) signifikant ab, vorausgesetzt es erfolgen weiterhin regelmäßige Saunabesuche. Nachgewiesen sind eine verbesserte Durchblutungsregulation der Akren, eine Anregung unspezifischer immunologischer Resistenzmechanismen wie der Killerzellfunktion oder der Interferonkonzentration im Blut, eine vegetative Stabilisierung sowie eine Steigerung des antioxidativen Schutzpotenzials. Da bei akuten Beschwerden immunologische Komponenten der Abwehr gehemmt werden können, sollte man bei einem beginnenden oder bestehenden Infekt die Sauna meiden.
Fußbäder
Zum Gewöhnen an thermische Reize und zur Pflege des Wärmehaushalts als eine der vegetativen Grundfunktionen bieten sich ansteigende bzw. warme Fußbäder an. Sie verbessern reflektorisch zudem die Durchblutung im Nasen-Rachen-Raum. Langfristig wird dies nur erzielt, wenn Wechselreize appliziert und die Bäder mit einem kurzen Kaltbad der Füße abgeschlossen werden. Eine „Steigerung“ stellen Senfmehlfußbäder dar. Bei gut funktionierendem Wärmehaushalt bieten sich auch alleinige kurze Kaltreize wie Wassertreten, Taulaufen und kalte Unterschenkelgüsse an.

Praxistipp

Eine Möglichkeit, die Abwehrsituation rein örtlich zu verbessern, ist die sog. SchleimhautregieSchleimhautregie nach Vogler mit den Elementen Räuspern, Gurgeln, vorsichtiges Bürsten von Zahnfleisch und Gaumen beim Zähneputzen, Nasenspülungen mit 0,9-prozentiger Salzlösung sowie kalten Gesichtsgüssen. Nasenspülungen sollten nie mit reinem Wasser, sondern stets mit einer Salzlösung erfolgen. Es gibt Hinweise darauf, dass Emser Salz normalem Kochsalz überlegen ist: Lösungen mit Emser Salz waren bei Nasennebenhöhen-Entzündungen besser wirksam als reine NaCl-Lösungen.

Balneo- und Klimatherapie
Bei infektanfälligen Patienten bieten sich Rehabilitationsmaßnahmen in einem allergenarmen Klima (z. B. Hochgebirge oder Meer) an, bei dem auch die spezifischen Reize einer Helio- oder Thalassotherapie wirksam werden.
Phytotherapie
Im Rahmen der Selbstbehandlung ist die Phytotherapie bei Infektanfälligkeit weit verbreitet, obwohl sie nicht zur Abhärtung im klassischen Sinne gezählt werden kann, sondern der Therapieaspekt im Vordergrund steht. Leider werden hierbei auch viele Fehler gemacht. So sollten Sonnenhutpräparate (Echinacea purpurea, z. B. Pressaft, Echinacin®) nur für wenige Tage am Beginn eines Infektes genommen werden, da es sonst zu Überstimulation des Immunsystems und möglicherweise zur Provokation von Autoimmunphänomenen kommen kann. In den letzten Jahren erfährt auch Pelargonium sidoides (Umckaloabo® – ein Geranienabkömmling) eine zunehmende Verbreitung. Es wird beschrieben, dass dieses Präparat die Adhäsion von Mikroorganismen an der Oberfläche der Schleimhäute reduzieren und zusätzlich durch Bildung von Interferonen und anderen Botenstoffen die Wahrscheinlichkeit einer manifesten Infektion verringert werden kann.
Bewegungstherapie
In den letzten Jahren setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich moderate Bewegung, wie z. B. intensives Spazierengehen 2 ×/Wo. positiv auf die Gesundheit auswirkt. Zu bevorzugen ist jedoch eine intensivere Trainingstherapie, die allerdings nicht in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit der Sauna durchgeführt werden sollte. Die Sportart – die Bandbreite reicht von Schwimmen über Radfahren, Joggen bis hin zum Walking oder Nordic Walking – ist abhängig von der Konstitution, den individuellen Vorlieben und Begleitumständen. Bei guter Anleitung und unter Beachtung der individuellen Grenzen kann auch ein moderater Kraftsport förderlich sein.

Praxistipp

Erschöpfende Belastungen, wie sie im Leistungssport üblich sind, stärken nicht die körperlichen Abwehrkräfte, da das Immunsystem erschöpft wird und die Schleimhäute austrocknen.

Ernährungstherapie
Da der Darm eine Hauptrolle für die Funktionsfähigkeit des Immunsystems darstellt, sind eine vollwertige Ernährung und eine Darmsanierung von großer Bedeutung. Zu Beginn ist bei Fehlen von Kontraindikationen Heilfasten nach Buchinger über 1–2 Wochen oder auch länger sinnvoll. Das Fasten kann den Umstieg in eine vollwertige Ernährung erleichtern. Eine mikrobiologische Therapie (Symbioselenkung) kann unterstützend wirken.
Erweiterte Naturheilverfahren und komplementärmedizinische Therapieverfahren
  • Bei entsprechender Ausbildung kann ergänzend Akupunktur unter Berücksichtigung konstitutioneller Aspekte zum Einsatz kommen.

  • Nahrungsergänzungsmittel mit den Vitaminen C und den Mineralstoffen Kupfer, Eisen und Zink im Rahmen der Mikronährstoffmedizin werden von Ernährungswissenschaftlern zunehmend kritisch gesehen. Nach unserer Meinung wäre eine vorurteilsfreie und wenig emotionalisierte Betrachtung dieses Themas hilfreich, denn bei der Diskussion dieser Frage kann man nicht nur vom Tagesbedarf des Gesunden ausgehen (der sicher durch eine vollwertige Ernährung problemlos gedeckt wird), es sollte vielmehr ein möglicherweise erhöhter Bedarf beim kranken Organismus berücksichtigt werden. Außerdem macht nach Paracelsus „die Dosis das Gift“, und es gibt sicher einen Unterschied zwischen unterschiedlichen Vitaminen oder Spurenelementen.

  • Vielfach wird auch eine Wirkung durch die Stimulation des Immunsystems durch Eigenblutinjektionen postuliert. Zur Vermeidung unerwünschter Reaktionen sollten diese zumindest bei Allergikern ohne Zusatz erfolgen.

Sinubronchiales Syndrom

sinubronchiales SyndromChronische Entzündungen der Nasennebenhöhlen können aufgrund des anatomischen und funktionellen Zusammenhangs der oberen und unteren Atemwege sowie wegen des vergleichbaren Aufbaus der Schleimhaut und der nahezu identischen immunologischen Reaktionsmuster der Nasennebenhöhlen und des Bronchialsystems auf das Bronchialsystem wirken und Atemwegserkrankungen auslösen oder verstärken, was in der Diagnose „sinubronchiales Syndrom“ zum Ausdruck kommt. Ein Asthma bronchiale kann durch Sinusitiden, Rhinitiden und Polypen verschlechtert werden [4]. Daher ist die Mitbehandlung in diesem Bereich bei Atemwegserkrankungen auch im Sinne einer „Fokussanierung“ immer angezeigt.
Hydro- und Thermotherapie
Die Maßnahmen entsprechen denen bei Infektanfälligkeit. Besondere Bedeutung kommt sicher der dort auch beschriebenen „Schleimhautregie“ nach Vogler zu.
Phytotherapie
Schleimstoffe wie Eibischwurzel oder Isländisches Moos (z. B. Isla Moos® Pastillen oder Isla Mint® Pastillen) können die Schleimhaut wie mit einer Schutzschicht überziehen. Saponine aus Primel oder Schlüsselblumenblüten (z. B. Bronchicum® forte N Tr., Sinuforton® Drg., Sinupret® Tr./Tbl.) sollen die Oberflächenspannung von Sekreten herabsetzen und es damit dünnflüssiger gestalten.
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Elektro- und Ultraschalltherapie: Kurzwelle und andere Elektrotherapie-Verfahren aus dem Bereich der Hochfrequenz führen zu einer Tiefenerwärmung z. B. der Nasennebenhöhlen und damit über eine Durchblutungssteigerung zur Verbesserung der Funktionsfähigkeit. Bei der Verordnung ist die Krankheitsphase zu beachten – akute Prozesse erfordern niedrige Dosis, kurze Serien und Behandlungszeiten sowie kurzes Behandlungsintervall, bei chronischen Prozessen ist es umgekehrt.

  • Akupunktur: Durch Akupunktur kann u. a. die Nasenatmung reflexbedingt verbessert werden.

Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD)

Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD)Typisch für die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (abgekürzt COPD oder COLD) ist die langsam zunehmende Atemnot. Bei Überwiegen des Emphysems findet man oft einen hageren bis kachektischen Habitus („Pink puffer“). Überwiegt die Obstruktion, ist die Atemnot in Ruhe oft geringer ausgeprägt, der Habitus oft adipös. Zyanose und ein Schlaf-Apnoe-Syndrom können begleitend vorhanden sein, ebenso wie eine KHK, Stoffwechselstörungen oder ein Hypertonus („Blue bloater“).
Die nachfolgend beschriebenen naturheilkundlichen Maßnahmen, die neben einer medikamentösen Basistherapie das Grundgerüst der Therapie darstellen, können auch auf die unkomplizierte chronische Bronchitis übertragen werden.
Ordnungstherapie
„Ordnungstherapie“ identifiziert man heute weitgehend mit psychosomatischen Ansätzen. Dazu können neben Einzel- auch Gruppenbehandlungen gerechnet werden. Der Umgang mit Nikotin und anderen Genussmitteln muss thematisiert werden. Dieser „verengte“ Begriff der Ordnungstherapie trägt allerdings dem naturheilkundlichen Denken nicht umfassend Rechnung. Denn aus allgemeinärztlicher und naturheilkundlicher Sicht bedeutet „Ordnungstherapie“ auch, Ordnung in die vegetativ gesteuerten Funktionen zu bringen. Diese entsprechen den von Vogler beschriebenen „Grundfunktionen“ und sind bei vielen chronischen Krankheiten gestört. Sie können aber auch zur eigenständigen Krankheit werden. Auf jeden Fall erleichtert ihre Normalisierung einen Prozess der Gesundung. Zu den Grundfunktionen gehören:
  • Wärmehaushalt

  • Schlaf

  • Stuhlgang

  • Atmung

  • Menstruation

„Atmung“ ist hier nur deshalb angeführt, weil es auch rein „vegetativ“ bedingte Atemstörungen gibt – wie das Gefühl, „nicht richtig durchatmen“ zu können. Bei Atemwegserkrankungen ist diese Funktion primär gestört.
Die Therapie orientiert sich an den vorherrschenden Störungen – ansteigende Fußbäder oder auch Senfmehlfußbäder können das Symptom „kalte Füße“ verbessern. Ob dadurch auch eine COPD oder andere Erkrankung der Atemwege positiv beeinflusst wird, kann vermutet werden, ist aber nicht systematisch untersucht worden.
Hydro- und Thermotherapie
Inhalationen
Inhalationen:COPDDie Anwendung von Feuchtverneblern ist ein Kernstück der Behandlung insbesondere auch bei akuten Exazerbationen. Sie werden nicht nur zur Befeuchtung von Atemwegen und der damit verbundenen Erleichterung des Abhustens genutzt, sondern auch zur Applikation von Medikamenten wie Sympathikomimetika eingesetzt, wenngleich sie hierbei der Anwendung von Dosieraerosolen nicht überlegen sein sollen [4]. Wegen der kurzen Halbwertszeit vieler Substanzen sollten dann tgl. 4–6 Inhalationen für jeweils einige Min. erfolgen. Bei Infektnachweis können auch gezielt Antibiotika zugesetzt werden. Sole und Kochsalzlösung haben einen besonders günstigen Effekt auf die Schleimlösung. Es stehen unterschiedliche Inhalationsverfahren zur Verfügung:
  • Düsenaerosole können z. B. mittels Pressluft erzeugt werden. Sie haben eine ziemlich große Tröpfchengröße und sind daher vorwiegend zur Behandlung der luftführenden Wege geeignet.

  • Ultraschallvernebler haben hingegen eine kleinere Teilchengröße, wodurch auch die kleinen Luftwege erreicht werden.

Zur häuslichen Behandlung ist der sog. „PariBoy“ oder auch der „RespiJet“ am meisten verbreitet.
Sauna
Leider Sauna:COPDwerden die Möglichkeiten dieser Therapie heute als zu gering eingeschätzt.
Die Sauna galt in naturheilkundlichen Kreisen lange Zeit als nichtmedikamentöse Basistherapie auch der COPD, während sie von Pneumologen zumindest bei Asthma bronchiale aus Furcht vor einem Anfall oft abgelehnt wurde – was aus Sicht des Autors nicht gerechtfertigt ist. Lediglich bei ausgeprägter respiratorischer Globalinsuffizienz oder bei unzureichender kardiopulmonaler Leistungsfähigkeit (unter 75 Watt) sowie bei allen akuten Exazerbationen und beim pulmonalen Hypertonus ist die Sauna nicht indiziert.
Die Sauna bewirkt die langfristige geringere Anfälligkeit gegenüber Infekten, außerdem werden die Atemwege weit gestellt und der Atemwegswiderstand verringert. Die Anwendung der Sauna wird regelmäßig wenigstens einmal in der Woche empfohlen. Sie sollte nicht unmittelbar mit sportlichen Aktivitäten verbunden werden, da beide Maßnahmen unmittelbar die Blutviskosität ungünstig beeinflussen und damit das Herz-Kreislauf-Risiko bei Kombination für ½–1 Std. erhöhen können.
Bäder
Eine Rarität stellen heute die „mechanischen Bäder“ Bäder:m∗echanische∗dar. Hierzu zählen die Bürsten- und Schöpfbäder (thermoindifferente Halbbäder). Durch feine Erschütterungen des Brustkorbs kann das Abhusten erleichtert werden. Es kommt bei serieller Anwendung zu einem ausgeglichenen vegetativen Tonus. Diese Bäder werden als Serien 2–3 × /Woche angewandt. Bewährt haben sich zudem tägliche Auflagen mit Thymian auf der Brust.
Phytotherapie
Schleimdrogen Schleimdrogenwie Eibischwurzel, Isländisch Moos, Malvenblüten oder -blätter (als Tee) sowie Präparate mit Spitzwegerichkraut (z. B. Bronchitussin® Tbl., Isla Moos® Pastillen, Hevert® Husten-Bronchialtee, Broncholind® Saft) sind bei trockenem Reizhusten als Schleimdrogen indiziert. Hustenreizlindernd wirken Sonnentaukraut und auch Eibischextrakt [3], wie z. B. Makatussin® Drosera Saft, Pertussin® Sirup, Bronchitussin® N Tbl., Bronchostad® Tee.
Einen brochospasmolytischen Effekt hat eine Kombination von Thymian und Efeu (z. B. Hedelix® Tr./Saft, Prospan® Tr., Bronchicum® Tr.). Außerdem wird die mukoziliäre Clearance verbessert.
Bewegungstherapie
In den letzten Jahren schätzt man auch in der Pneumologie zunehmend die positiven Effekte von Bewegungstherapie und Muskeltraining. Die Methoden sind vielfältig und reichen vom Gehtraining, Walking, Ergometertraining bis hin zum Gerätetraining. Gezielt trainiert werden sollte insbesondere die vermehrt beanspruchte Oberkörpermuskulatur, um durch den Muskelaufbau die nicht-pulmonalen Kompensationsmöglichkeiten zu verbessern. Durch eine gute Kapillarisierung der Muskulatur und hohe Mitochondriendichte wird eine bessere Adaptation an erniedrigte Sauerstoffkonzentrationen und gute Belastbarkeit erreicht.
Gefährdete Patienten sollten überwacht werden, eine vorangehende Spiroergometrie ist sinnvoll. Etabliert hat sich auch der wiederholt zur Therapiekontrolle einfach anzuwendende 6-Minuten-Gehtest, bei dem die Strecke gemessen wird, die der Patient bei selbst gewählter Geschwindigkeit schafft.
Ernährungstherapie
Die intensivste ernährungstherapeutische Maßnahme stellt das Heilfasten dar, das sinnvollerweise eine Ernährungsumstellung einleitet. Für einen pneumologischen Patienten ist die immunstimulierende und antiinflammatorische Wirkung des Fastens besonders relevant. Wir bevorzugen die Methode nach Buchinger mit vorgeschalteten Entlastungstagen und anschließenden Aufbautagen über einen Zeitraum von 1–2 Wochen unter ärztlicher Aufsicht.
Anschließend sollte eine vegetarisch geprägte Vollwerternährung bevorzugt werden, die ebenfalls immunstimulierend und antientzündlich wirkt und die Zufuhr tierischer Eiweiße reduziert (tierische Eiweiße sollen pathogene Immunreaktionen und Entzündungsprozesse fördern).
Mikrobiologische Therapie: Ergänzt werden kann die Therapie durch eine mikrobiologische Therapie („Symbioselenkung“). Die Funktion des Darms, der als wichtigstes Immunorgan gilt, ist insbesondere bei pneumologischen Patienten nicht nur durch Fehlernährung, sondern auch durch eine oft nicht zu vermeidende antibiotische Therapie beeinträchtigt.

Praxistipp

Bei kachektischen Patienten sollte auf eine hyperkalorische Ernährung geachtet, bei Adipösen hingegen eine Gewichtsreduktion empfohlen werden.

Erweiterte Naturheilverfahren und komplementärmedizinische Therapieverfahren
  • Ab- und ausleitende Verfahren: Traditionell ist das Schröpfen weit verbreitet, das in Abhängigkeit von der Konstitution „blutig“ oder unblutig in den sog. „Schöpfzonen“ des Brustkorbs zur Anwendung kommt (unblutig 2–3 ×/Woche). Eine Variante ist die „Schöpfkopfmassage“.

Cave

Bei Marcumarisierung oder bei Kortisonhaut des Patienten ist das Schröpfen kontraindiziert.

  • Mikronährstofftherapie: Vitamine und Spurenelemente haben als Nahrungsmittelsupplemente in der konventionellen Medizin infolge der oft unkritischen Anwendung und Überdosierung keinen guten Ruf. Dennoch sind sie aufgrund ihres antioxidativen Potenzials mit der nachfolgenden entzündungshemmenden Wirkung eine mögliche sinnvolle Ergänzung der Therapie. Zu verabreichen sind Vitamin E (400–800 IE/d), Vitamin C (1–2 g/d im akuten Schub), evtl. auch Selen (300–600/d). Für einen begrenzten Zeitraum sind Nebenwirkungen kaum zu erwarten. Bei der Indikationsstellung sollte differenziert werden, ob man den Tagesbedarf eines Gesunden oder Therapieempfehlungen für einen Kranken im Auge hat.

  • Akupunktur dient in erster Linie einer Sedierung und „vegetativen Umstimmung“ bzw. der Bronchospasmolyse.

  • Eigenblutbehandlungen können der „Immunstimulation“ dienen, sind aber in ihrer Wirkung wissenschaftlich nicht bewiesen und sollten daher auf eine risikoarme Weise (möglichst ohne Zusatz) erfolgen.

Asthma bronchiale

Asthma bronchialeDas Asthma bronchiale wird als chronisch entzündliche Erkrankung der Atemwege angesehen mit zumindest am Anfang reversiblen Atemwegsobstruktionen. Da die Pollinosis und die damit einhergehende Hyperreagibilität des Bronchialsystems oft Vorläufer des Asthmas ist, sollte man auch diese Erkrankungen ernst nehmen.
Neben Entzündung mit Schleimhautödem und Bronchokonstriktion stellt die Dyskrinie mit der Produktion eines zähen und glasigen Schleims ein großes therapeutisches Problem dar.
Standardtherapie sind heute inhalative Kortikoide sowie Sympathikomimetika, in den letzten Jahren werden auch zunehmend Leukotrienantagonisten sowie traditionell Theophyllinpräparate eingesetzt. Mastzellstabilisatoren kommen seltener zur Anwendung.
Zur Fokusausschaltung sollten mögliche Probleme im HNO-Bereich (sinubronchiales Syndrom) und an den Zähnen berücksichtigt werden. Auslösende Faktoren wie Kaltreize – kalte Atemluft nicht mit den (meist positiven) Effekten eines Ganzkörperreizes wie der Sauna oder einem kalten Seebad verwechseln – Nebel, Staub, Allergene sowie verursachende Medikamente müssen erkannt und vermieden werden.
Ordnungstherapie
Entspannungsverfahren
Einen hohen Stellenwert haben Entspannungsverfahren zur Reduktion von Angstsymptomen und zur vegetativen Umstimmung. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Verfahren, die nach Ritz [7], wie folgt, bewertet werden.
  • progressive Muskelrelaxation nach Jacobson: einfach zu erlernen, wissenschaftlich evaluiert

  • Biofeedback:

    • zur Entspannung der Atemhilfsmuskulatur: theoretisch gut begründet, aber kaum wissenschaftlich evaluiert

    • bei Sinusarrhythmie: guter theoretischer Hintergrund zum Erreichen einer vegetativen Ausgeglichenheit, gut wissenschaftlich evaluiert

  • autogenes Training: guter wissenschaftlicher Grundgedanken, aber kaum wissenschaftlich evaluiert

  • Hypoventilationstraining: interessante theoretische Grundlagen, zum Teil wissenschaftlich evaluiert, Praxispotenzial

  • Hypnose und Suggestion: gute Grundlagen, wissenschaftlich evaluierte Verfahren

Zusätzlich soll ein Atemfeedback Erwähnung finden, wobei Rückmeldungen über die Atembewegungen des Thorax geliefert werden.
Außerdem können psychologische Gespräche zur Ordnung der Lebenssituation erforderlich sein. Sie helfen beim Erkennen von auslösenden oder den Befund verschlechternden Situationen. Dies trifft auch auf den Abbau von Ängsten zu.
Atemtherapie
Bestimmte Sitzstellungen bzw. Körperhaltungen können im akuten Anfall die Atemarbeit erleichtern und zur Entängstigung beitragen. Dies zu vermitteln, ist Aufgabe einer guten Physiotherapie. Dem Patienten sollte der Reit- oder Kutschersitz auf dem Stuhl oder die Knie-Ellenbogen-Lage bzw. im Bett eine „Embryolage“ (Seitenlage) gezeigt werden. Massagen können den Schultergürtel lockern. Die Inspiration wird durch Packgriffe an den Flanken gefördert. Bei leichteren Anfällen können gähnendes Ausatmen und Lippenbremse hilfreich sein. Außerhalb eines akuten Anfalls ist die Atemtherapie mit der bei COPD vergleichbar.
Hydro- und Thermotherapie
Große Fortschritte hat die konventionelle Asthmatherapie sicher durch die Entwicklung inhalativer Kortikoide und anderer Präparate wie Leukotrienantagonisten gemacht. Dennoch werden in der Handhabung immer wieder Fehler gemacht. Hien [4] kam zu dem Ergebnis, dass das größte Potenzial in der Verbesserung der Asthma-Therapie in der Verordnung des individuell optimalen Geräts und in dessen korrekter Anwendung liegt. Zur Praxis der Feuchtinhalation 7.2.3.
Ein Therapieansatz bei Asthma bronchiale ist die Pflege des Wärmehaushalts. Je nach Symptomatik können ansteigende Fußbäder ebenso wie Senfmehlfußbäder aber auch ansteigende Armbäder hilfreich sein. Kalte Brustwickel haben eine intensive reflektorische Wirkung und sind besonders nach einer vorangegangenen Wärmeanwendung sinnvoll. Sie sollten nicht beim akuten Anfall zur Anwendung kommen. Umstritten ist – wie an anderer Stelle beschrieben – die Sauna. Vom Autor konnte in vielen Jahren kein Asthmaanfall im Zusammenhang mit der Sauna gesehen werden. „Mechanische Bäder“ (Bürsten- oder Schöpfbäder) sind kaum noch verbreitet, besonders in Kombination mit einem abschließenden kalten Brustwickel aber sehr hilfreich.
Phytotherapie
Gut dokumentiert ist die bronchospasmolytische Wirkung von Efeupräparaten (z. B. Hedelix® Tr., Psopan® Saft), die besonders wirksam in Kombination mit Thymian (z. B. Bronchicum® Tr., Expectal® N Sirup) sein sollen. Aus der ayurvedischen Medizin stammen Boswellia-Präparate (Weihrauch), die eine kortisonähnliche Wirkung haben: Ihre antientzündliche Wirkung ist weniger stark ist als die von Kortison, sie haben aber auch nicht dessen Nebenwirkungen. Außerdem wirken sie immunstimulierend. Weihrauchpräparate hemmen die Leukotriensynthese (Übersicht bei [1]). Üblich ist die dreimal tägliche Gabe von je 300 mg eines Extrakts, was zu einer Verbesserung der Atemnot und deutlichen Reduktion der Asthmaanfälle geführt hat (Gupta 1998, zitiert bei [1]). In Deutschland ist die Anwendung von Weihrauch bei Atemwegserkrankungen kaum verbreitet und wenig untersucht.
Bewegungstherapie
Hat man früher die Asthmapatienten körperlich eher geschont, ist heute – je nach Art des Asthmas – die Bedeutung eines gezielten Muskeltrainings außerhalb des akuten Anfalls anerkannt. Zunehmende Verbreitung erfährt wie bei der COPD neben dem traditionellen Ausdauertraining das Gerätetraining nach vorheriger spiroergometrischer Testung. Besonders mit dem Ziel einer vegetativen Umstimmung und weniger unter dem Aspekt des Muskeltrainings können Yoga und Shiatsu sinnvolle Ergänzungen sein.
Massagetherapie
Ergänzt werden kann die Therapie durch eine befundgerechte Behandlung von Reflexzonen. Eine Methode ist die Bindegewebsmassage, die auch eine intensive Wirkung auf das vegetative Nervensystem hat. Weiterhin ist die Segmentmassage zu erwähnen. Eine Ultraschallbehandlung im neuraltherapeutischen Aufbau kann ebenfalls die vegetative Versorgung der Atmungsorgane beeinflussen. Verschiedene manualtherapeutische Interventionen dienen zur Lösung von Blockierungen und beseitigen periphere Atemhemmnisse.
Ohne dass man ihre Grundlagen bisher kennt, kann man schon alleine wegen ihrer ausgeprägten psychosomatischen Wirkung der Fußreflexzonenbehandlung einen hohen Stellenwert beimessen.
Ernährungstherapie
Bei Pneumologen umstritten, in der Naturheilkunde bewährt ist gerade bei akuten Verschlechterungen das Heilfasten in Abhängigkeit von der Konstitution und unter Berücksichtigung von Kontraindikationen. Anschließend sollte der Patient eine vollwertige Ernährung bevorzugen, da sie durch eine Normalisierung der Darmfunktion (Darm als wichtigstes Immunorgan!) und eine Reduktion entzündungsfördernder tierischer Produkte antientzündlich und infektstabilisierend wirkt. Mögliche Nahrungsmittelallergene sollten erkannt und z. B. durch einen stufenweisen Diätaufbau ausgeschaltet werden. Unterstützend kann eine mikrobiologische Behandlung erfolgen.
Erweiterte Naturheilverfahren und komplementärmedizinische Therapieverfahren
Weitere Maßnahmen unterscheiden sich nicht von denen bei COPD oder den übrigen Krankheitsbildern. Das können unter anderem blutiges oder unblutiges Schröpfen oder auch Akupunktur sein.

Pneumonie

Im PneumonieVordergrund der Behandlung steht die gezielte antibiotische oder antimykotische Therapie, sofern diese möglich ist. Neben der medikamentösen Therapie sind Atemtherapie, mehrmals tägliche Inhalationen sowie ggf. Sauerstoff angezeigt. Bei schwerkranken Patienten ist zur Verhinderung einer hypostatischen Pneumonie ein häufiges Umlagern erforderlich.
Hydro- und Thermotherapie
Zur Förderung der Inspiration kommen Kaltreize, z. B. kalte Waschungen oder Abklatschungen bzw. Abreibungen, zum Einsatz. Bei belastbareren Patienten und ausreichender Wiedererwärmung sind kalte Brustwickel hilfreich. Wechselwarme Waschungen sollten immer mit dem Kaltreiz beendet werden. Zur Spasmolyse ist bei weniger akuten Stadien eine heiße Auflage oder eine Senfmehlauflage sinnvoll.
Phytotherapie
Die Anwendung pflanzlicher Präparate spielt bei einer akuten Pneumonie keine große Rolle, sieht man von Expektorantien wie Ätherisch-Öl-Drogen oder von der Verordnung hustenlindernder Präparate (Sonnentaukraut oder codeinhaltige Präparate wie Makatussin® Saft/Tr., Codein-CT®, Codipront®) ab. Eine „Immunstimulation“ mit Sonnenhutpräparaten oder Ähnlichem ist zumindest bei notwendiger Antibiotikagabe fragwürdig, da beim Einsatz eines Antibiotikums von einem so schweren Krankheitsbild auszugehen ist, dass jegliche „Immunstimulation“ zu spät kommen dürfte und allenfalls das naturheilkundliche Gewissen beruhigen würde.
Bewegungstherapie
Bei der akuten Pneumonie dient die Bewegungstherapie der Thromboseprophylaxe. Zum Einsatz kommen isometrische Spannungsübungen sowie Pedaltreten in Rückenlage im Bett. Allgemein akzeptiert ist, dass eine zeitgerechte Frühmobilisation die Prognose verbessert.
Ernährungstherapie
Man sollte in der akuten Krankheitsphase auf die Wünsche des Patienten und auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten.
Physikalische Medizin
Zur Förderung einer abdominalen Atmung und für eine gleichmäßige Belüftung aller Lungenabschnitte haben sich bestimmte Körperhaltungen sowie die Anwendung peripherer Atemantriebe durch mechanische Hautreize bewährt. Dadurch sollen auch die Sekretlösung und das Abhusten gefördert werden. Zur Anwendung kommen auch Nasenstenoseübungen, das Ausatmen auf Strömungslaute und Vibrationen. Eine Hochatmung soll vermieden werden. Bindegewebszonen können je nach Befund gezielt behandelt werden. Nach einer Pneumonie können Restbeschwerden auch mit einer Periostbehandlung an Rippen und Rippenbogen angegangen werden. In sinnvoller Weise wird bei einer Lobärpneumonie je nach betroffenem Lungenabschnitt eine Drainagelagerung verordnet. Bürstenmassagen der Beine regen Kreislauf an.
Erweiterte Naturheilverfahren
Allgemein wird bei schweren Krankheitsbildern vor naturheilkundlichem Aktionismus gewarnt und die Verhältnismäßigkeit der Mittel muss gewahrt bleiben. Denkbar sind u. a. eine unterstützende Akupunktur oder Schröpfen als ausleitende Maßnahme.

Akute Pleuritis

Akute PleuritisBei einer Pleuritis steht heute die konventionelle Behandlung der Grundkrankheit im Vordergrund. Ziel naturheilkundlicher Maßnahmen ist u. a. eine Vermeidung von Verklebungen mit nachfolgenden Verschwartungen. Während der akuten Krankheitsphase steht die Atemtherapie mit Belüftung aller Lungenabschnitte im Vordergrund.
Atemtherapie
Die Atmung soll verlangsamt und vertieft werden. Ein Sandsack auf der kranken Seite kann bei Rückenlage einer Schonhaltung entgegenwirken. Bei Resterguss werden tönende Ausatmung und Nasenstenoseübungen empfohlen. Bei bettlägerigen Patienten helfen isometrische Spannungsübungen der Beine, Bett-„Radfahren“ und ggf. leichte Massagen der Beine bei der Thromboseprophylaxe. Spezielle Lagerungstechniken orientieren sich an der Lokalisation eines Ergusses.
Hydro- und Thermotherapie
Früher waren zur Entzündungseindämmung und Resorptionsförderung bei Pleuritis exsudativa lang liegende Brustwickel und Senfmehlauflagen weit verbreitet. Kalte Waschungen oder Abklatschungen fördern den Atemantrieb.
Tiefenerwärmungen des Brustkorbs wie Kurzwelle im Kondensatorfeld können nach Abklingen der akuten Entzündung sinnvoll zur Vermeidung von Verklebungen sein.
Erweiterte Naturheilverfahren
Ab- und ausleitende Verfahren: Über dem am stärksten schmerzenden Gebiet am Thorax angebrachte Cantharidenpflaster werden zwar oft beschrieben, mögliche Nebenwirkungen erfordern jedoch einen überlegten und umsichtigen Einsatz. Möglicherweise bewirkt diese Maßnahme eine Anregung des Lymphgefäßsystems und damit eine Entstauung und Förderung der Ergussrückbildung.

Literatur

[1]

H.P.T. Ammon Arzneimittel der Ayurveda-Medizin J. Reichling W.D. Müller-Jahncke A. Borchardt Arzneimittel der komplementären Medizin 2001 Govi Eschborn

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M. Augustin V. Schmiedel Leitfaden Naturheilkunde 6. A. 2011 Elsevier München

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A. Deters J. Zippel N. Hellenbrand Aqueous extracts and polysaccharides from Marshmallos roots (Althaea officinalis L.): cellular internalisation and stimulation of cell physiology and human epithelial cells in vitro J Ethnopharmacol 127 1 2010 Jan 8 62 69

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P. Hien Praktische Pneumologie 2000 Springer Heidelberg

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K. Knauth B. Reiners R. Huhn Physiotherapeutisches Rezeptierbuch 8. A. 2002 Elsevier München

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K. Kretzschmar G. Schöne R. Brenke Atemtherapie D. Melchart R. Brenke G. Dobos Naturheilverfahren 2002 Schattauer Stuttgart

[7]

T. Ritz Asthma bronchiale D. Vaitl F. Petermann Entspannungsverfahren 3. A. 2004 Beltz Weinheim

Gastroenterologische Erkrankungen

Jost Langhorst

Andrea Schäfer

Gastroenterologische Erkrankungen sind traditionell sehr häufig Indikationen für naturheilkundliche Therapien. Nicht zuletzt bei der Vielzahl der funktionellen Symptome können komplementäre Therapien eine gute Ergänzung, teils auch die alleinige Therapieform darstellen. Zunehmend kann der naturheilkundliche Therapeut im Bereich gastroenterologischer Erkrankungen auf evidenzbasierte Empfehlungen zurückgreifen.

Reizdarmsyndrom

Das Reizdarmsyndrom (RDS) (Reizdarmsyndrom (RDS)s. auch 8.4.6) ist ein weitverbreitetes Phänomen mit einer Prävalenzrate in den westlichen Industrieländern zwischen 6,6 und 25 %. 50 % aller Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden leiden unter einem Reizdarmsyndrom. Nur etwa 20 % der Patienten suchen einen Arzt auf.

Merke

Nach den aktuellen AWMF-Leitlinien (2011) ist das RDS wie folgt definiert.

  • Es bestehen chronische, d. h. länger als 3 Monate anhaltende Beschwerden (z. B. Bauchschmerzen, Blähungen), die von Patient und Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangsveränderungen einhergehen.

  • Die Beschwerden sollen begründen, dass der Patient deswegen Hilfe sucht und/oder sich sorgt und so stark sein, dass die Lebensqualität hierdurch relevant beeinträchtigt wird.

  • Voraussetzung ist, dass keine für andere Krankheitsbilder charakteristischen Veränderungen vorliegen.

Die Patienten leiden an folgenden Symptomen:
  • Intermittierende abdominelle Schmerzen: Ein klassisches Symptom des RDS, oft krampfartig, in der Symptomstärke wechselnd und typischerweise schlecht lokalisierbar, das häufig in Beziehung zur Defäkation (meist Erleichterung durch Defäkation) steht.

  • Veränderung bzw. Wechsel der Stuhlfrequenz und -konsistenz: Die Defäkation ist in mindestens zwei der folgenden Aspekte verändert – Frequenz, Konsistenz (hart, breiig, wässrig, Veränderung konstant oder wechselnd), Passage (mühsam, gesteigerter Stuhldrang, Gefühl der inkompletten Darmentleerung, Schleimabgang). Es kann entweder eine Neigung zu Stuhlverhärtung mit niedriger Frequenz (sog. Obstipationstyp) vorliegen oder es sind mehrfache, vorwiegend morgendliche, breiige oder wässrige Stuhlgänge möglich (Diarrhötyp). Es ist auch ein Wechsel zwischen beiden Formen möglich, oder es können keinerlei Stuhlunregelmäßigkeiten auftreten. Die Beschwerden können persistierend oder intermittierend sein.

  • Abdominale Distension und/oder Blähungen: Spannungsgefühl und Blähungen, die häufig nur in geringer Beziehung zum intraabdominalen Gasgehalt stehen, gelegentlich jedoch mit einer objektivierbaren Zunahme des Leibumfangs einhergehen, sind typische Symptome des RDS.Das RDS kann einhergehen mit dyspeptischen und extraintestinalen Begleitbeschwerden:

    • dyspeptische Beschwerden: postprandiales Völlegefühl, frühes Sättigungsgefühl, nichtsaures Aufstoßen, Übelkeit/Erbrechen, epigastrische Schmerzen, Sodbrennen

    • mögliche extraintestinale Symptome: Mattigkeit und Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, affektive Störungen wie Angststörungen oder Depression, Miktionsbeschwerden, Menstruationsbeschwerden, Dyspareunie und funktionelle Herzbeschwerden

Merke

Von besonderer Bedeutung ist die Abklärung einer Laktoseintoleranz (hohe Komorbidität, durch konsequente Diät detektierbar) oder einer Fruktosemalabsorption.

Da eine multifaktorielle Genese des Reizdarmsyndroms angenommen wird und konventionelle Therapiemöglichkeiten häufig unbefriedigend bleiben, aber die erreichten unspezifischen Effekte (Placeboraten 50–70 %) ausgesprochen hoch sind, scheint ein integrativer Therapieansatz, bei dem die Aktivierung der eigenen Ressourcen und Selbstheilungskräfte im Zentrum der Therapie stehen, sinnvoll. Der Anteil der Reizdarmpatienten, die komplementäre Verfahren nutzen, ist in der vorliegenden Literatur dementsprechend hoch.

Praxistipp

Folgende Allgemeinmaßnahmen sind zu empfehlen:

  • klare Diagnosevermittlung mit Interpretation der Diagnoseergebnisse (Reassurance)

  • Aufklärung über Wesen und Ursache der Beschwerden (Krankheitsmodell, Edukation)

  • Vermeiden wiederholter Diagnostik

  • stabiles Arzt-Patienten-Verhältnis (therapeutisches Bündnis)

  • Förderung der Eigenverantwortung

  • Konfliktklärung im psychosozialen Bereich

  • Aufzeigen von unterstützenden medikamentösen Maßnahmen

  • Ernährungsberatung

  • einfach erlernbare Entspannungsübungen

  • Identifizierung und Abbau von allgemeinen und beruflichen Stressfaktoren

  • allgemeine körperlich kräftigende – roborierende – Maßnahmen

Psychotherapie
Eine Indikation zur Psychotherapie kann bestehen, wenn medikamentöse Therapiemaßnahmen keinen ausreichenden Therapieerfolg hatten und ein großer Leidensdruck besteht. Darüber hinaus kann eine Psychotherapie notwendig werden, wenn psychosoziale Faktoren eine Rolle für Entstehung, Aufrechterhaltung und Verlauf des RDS spielen und wenn klinisch relevante psychische Störungen vorliegen.
Positive Therapieeffekte wurden bislang von folgenden Psychotherapierichtungen nachgewiesen:
  • dynamische (psychoanalytisch orientierte) Psychotherapie

  • Verhaltenstherapie

  • Hypnose

  • Gruppentherapie

  • funktionelle Entspannung

Nur ein geringer Anteil der Reizdarmpatienten wird einem Fachpsychotherapeuten vorgestellt. Dabei wird betont, dass die intensive Zuwendung durch den Arzt („Kleine Psychotherapie“) wahrscheinlich die wirksamste Therapie ist. Zu empfehlen ist ggf. eine Reizdarm-Selbsthilfegruppe.
Ordnungstherapie
Im Zentrum der Ordnungstherapie für Reizdarmpatienten stehen die Module Ernährung, Bewegung, naturheilkundliche Selbsthilfestrategien, Stressmanagement und Entspannungsverfahren sowie verhaltenstherapeutische Elemente. Den Patienten werden konkrete Handlungsmöglichkeiten zur Selbsthilfe gegeben und die Entwicklung von Krankheitsbewältigungsstrategien unterstützt, die eine „Entchronifizierung“ ermöglichen sollen. Der integrative Therapieansatz ermöglicht es dem Reizdarmpatienten zudem, seine verschiedenen Lebensbereiche und Strukturen zu reflektieren. Auf dieser Basis kann er neue Erfahrungen sammeln und Handlungsstrategien entwickeln, die im salutogenetischen Sinn dem Erhalt und der besseren Nutzung der eigenen Ressourcen dienen. Die Ordnungstherapie in Gruppen gibt zudem Raum für die Reflexion und Verbesserung der psychosozialen Kommunikation und der sozialen Unterstützung.
Der Zusammenhang zwischen psychosozialen Stressoren und dem Auftreten bzw. einer Exazerbation der Erkrankung wurde häufig beschrieben. So berichten viele Betroffene, dass dem Beginn der gastrointestinalen Symptomatik ein belastendes Lebensereignis vorausging. Zahlreiche Patienten geben an, dass Stress die gastrointestinalen Symptome verschlimmert. Psychosoziale Faktoren scheinen als „Modulatoren“ von Bedeutung zu sein. Während Stress nicht alleine chronische gastrointestinale Symptome verursachen kann, so kann er eine gastrointestinale Symptomatik verschlimmern, Symptomepisoden triggern, extraintestinale Symptome bedingen und das Krankheitsverhalten und -erleben beeinflussen.

Studien

Die Datenlage in Hinblick auf eine erhöhte physiologische Stressreaktivität bei Reizdarmpatienten ist widersprüchlich. Eindeutig wissenschaftlich nachgewiesen ist allerdings eine erhöhte affektive Reagibilität.

Der Stellenwert von Entspannungsverfahren als wirksames Therapieverfahren ist vielfach belegt [10]. In mehreren randomisiert-kontrollierten Studien [11] konnte gezeigt werden, dass eine Hypnotherapie beim Reizdarmsyndrom effektiv ist (z. B. 7 Sitzungen in 3 Monaten bzw. 12 Sitzungen in 6 Wochen). Auch für Meditation mit Auslösung der Relaxation Response liegen positive Daten vor.

Als Therapieformen können beispielsweise empfohlen werden: diaphragmales Atmen, Meditation, autogenes Training, progressive Muskelrelaxation, Yoga, Qigong, Achtsamkeitstraining (Mind-Body-Medizin, MBSR), Hypnotherapie.
Hydro- und Thermotherapie
Die Hydrotherapie hat folgende reflektorischen Wirkungen: vegetativ stabilisierend, spasmolytisch, karminativ, gewebestraffend, schmerzlindernd, beruhigend, schlaffördernd. Zur Anwendung kommen als kalte Anwendungen:
  • Kneipp-Leibwaschungen

  • Spiralguss

  • kalt-feuchter Leibwickel: durch Stimulierung des kutiviszeralen Reflexbogens Beschwerdelinderung und verbesserte Reaktionsfähigkeit des vegetativen NervensystemsDurchführung: kaltfeuchtes Leinen- oder Baumwolltuch zwischen Mammillarlinie bis einige cm oberhalb der Symphyse straff anlegen. Mit einem baumwollenen Zwischentuch und schließlich einem Wolltuch umwickeln. Liegezeit ca. 15–20 Min.

Warme Auflagen dienen der passiven Aufwärmung, sie wirken allgemein entspannend, beruhigend und schlaffördernd.
  • Kümmelleibauflage: Einmassieren von Kümmelöl auf dem Bauch, Abdecken mit lauwarmem/feuchtem Baumwolltuch, den Leib mit einem trockenen Baumwolltuch umwickeln, darüber eine Wärmflasche legen, Anwendung für ca. 30 Min.; Wirkung: karminativ

  • feuchtwarme Leibwickel oder -auflagen

  • Heublumensack

Balneotherapie
Bäder beeinflussen den Parasympathikus und wirken infolge der Vasodilatation entspannend und vegetativ stabilisierend. Zudem haben Badezusätze, die zum Teil über die Haut resorbiert werden, eine zusätzliche Wirkung. Zu empfehlen sind Sitz- oder Halbbäder mit Heublumen (Cave: Allergie), Melisse oder Zinnkraut, Temperatur 36–38 °C, Dauer 10–20 Min.
Phytotherapie
Zahlreiche phytotherapeutische Zubereitungen aus folgenden Arzneipflanzen können zur Beschwerdelinderung eingesetzt werden:
  • Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium): wirken spasmolytisch, karminativ, choleretisch, antiseptisch; es liegen erfolgreiche klinische Studien bei Reizdarm vor. In einer Metaanalyse von acht randomisiert-kontrollierten Studien wurde konstatiert, dass die Effektivität zur Therapie nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte. Es liegen jedoch viele wissenschaftliche Hinweise auf eine positive Wirksamkeit vor. Anwendung als magensaftresistente Kapseln (0,2 ml entsprechen 182 mg Pfefferminzöl); Tagesdosis: 3 × 1 Kps. vor den Mahlzeiten, als ätherisches Öl 3 × 0,2 ml oder in Form von Tees.

  • Kümmelfrüchte (Carvi fructus): wirken spasmolytisch, karminativ, Stomachikum, antimikrobiell; für Enteroplant® (50 mg Kümmelöl mit 90 mg Pfefferminzöl in magensaftresistenten Kps.) liegen positive Ergebnisse in randomisiert-kontrollierter Studie vor; Tagesdosis: 3 × 1 Kps. oder in Form von Tees.

  • Flohsamen (Psyllium/Plantago ovata): Wirkung vermutlich über kurzkettige Fettsäuren Butyrat und Acetat sowie als Gelbildner über Wasserbindung in Gelen und viskösen Lösungen. Es gibt zwei randomisiert-kontrollierte Studien mit positiven Ergebnissen; Tagesdosis: (z. B. Flosa®, Mucofalk®) 1–3 × 5 g (1 Beutel).

  • Echte Kamillenblüten (Matricariae flos): wirken entzündungshemmend, krampflösend, relaxierend, karminativ, mildes Bittermittel; z. B. als Teeaufguss

  • Iberogast®-Tinktur: Kombinationspräparat aus Schleifenblumen, Kamilleblüten, Pfefferminzblätter, Angelikawurzel, Melissenblätter, Schöllkraut, Süßholzwurzel. Durch die Kombination der verschiedenen Pflanzen besteht ein duales Wirkprinzip: tonisierend und prokinetisch oder spasmolytisch, je nach pathologischer Ausgangslage. Erfolgreiche randomisiert-kontrollierte Studien mit signifikanter Verbesserung von abdominellen Beschwerden sowie der Schmerzsymptomatik liegen vor [12, 13].

  • Anisfrüchte (Anisi fructi): wirken spasmolytisch, karminativ, Stomachikum, mild antimikrobiell; die Anwendung erfolgt in Form von Tee oder als Fertigprodukt.

  • Melissenblätter (Melissae folium): wirken antikarminativ, entspannend, schlaffördernd, antiviral; die Anwendung erfolgt in Form von Tee oder als Fertigprodukt.

Praxistipp

Je nach Beschwerden sind Zubereitungen aus folgenden Arzneipflanzen angezeigt.

  • spastische Schmerzen: Pfefferminzöl, Kümmelfrüchte, echte Kamillenblüten

  • Obstipation: Flohsamen

  • Diarrhö: getrocknete Heidelbeeren oder Heidelbeermuttersaft, Blutwurz (Tormentill, reich an Gerbstoffen), Kaffeekohle (Coffea carbo)

  • wechselnde Stuhlkonsistenz: Flohsamen

  • Meteorismus, Völlegefühl: Pfefferminzöl, Fenchelfrüchte, Kümmelfrüchte, Anisfrüchte, Melissenblätter

  • Karminativa: Kombinationsfertigpräparate aus Kamille, Fenchel, Pfefferminz, Kümmel und Pomeranzenschale (z. B. Carminativum-Hetterich®, Tagesdosierung 3 × 30 Tr.)

  • motilitätsbedingte Symptome: Iberogast-Tinktur®

Praxistipp

Appetitlosigkeit

Teerezepturen:AppetitlosigkeitTeemischung aus 20 g Engelwurz, 5 g Enzianwurzel, 10 g zerstoßenen Kümmelfrüchten, 5 g Thymiankraut, 5 g Tausendgüldenkraut; Zubereitung: 1–2 TL, ¼ l kochendes Wasser, 5–7 Min. abgedeckt ziehen lassen; tgl. 3 × 1–2 Tassen trinken.

Meteorismus und Flatulenz

  • Teemischung aus 10 g Korianderfrüchten, 10 g Kümmelfrüchten, 5 g Anisfrüchten, 10 g Fenchelfrüchten, 10 g Wermutkraut, 10 g Pfefferminzblättern; Zubereitung: 1–2 TL, ¼ l kochendes Wasser, 5–7 Min. abgedeckt ziehen lassen, tgl. 3 × 1–2 Tassen trinken.

  • Teemischung aus 20 g Kümmelfrüchten, 20 g Anisfrüchten, 20 g Fenchelfrüchten und 20 g Kamillenblüten; Zubereitung: 1–2 TL, ¼ l kochendes Wasser, 5–7 Min. abgedeckt ziehen lassen, tgl. 3 × 1–2 Tassen trinken.

Diarrhö bei RDS

Teerezepturen:Diarrhö bei RDSTeemischung aus 50 g Pfefferminzblättern und 50 g Kamillenblüten; Zubereitung: 1–2 TL, ¼ l kochendes Wasser, 5–7 Min. abgedeckt ziehen lassen; tgl. 3 × 1–2 Tassen trinken.
Heilerde, Heilerdedie aus naturreinem Löss besteht, reich an Mineralien und Spurenelementen ist und über eine große Absorptionsfähigkeit verfügt, kann insbesondere bei Diarrhöen im Rahmen akuter Schübe eingesetzt werden. Für diese Zusammenhänge ist bisher kein wissenschaftlicher Nachweis vorhanden. Sie können aber als wissenschaftlich plausibel und empiriegestützt angesehen werden. Bei Obstipation ist die Gabe von Heilerde eher ungünstig.

Praxistipp

Tagesdosierung der Luvos Heilerde®: 3 × 1 Portionsbeutel – alternativ Kapseln, jedoch erst ab einer Dosierung 3 × 6 Kps. ausreichend wirksam. Kontraindikationen: schwere Nierenfunktionsstörung, Darmverschluss.

Bewegungstherapie
Die positive Wirkung der Bewegungstherapie erklärt sich unter anderem durch eine Verbesserung des Körpergefühls, Training des Beckenbodens und des Zwerchfells, einen Einfluss auf metabolischer und vegetativer Ebene des Gastrointestinaltrakts sowie einen positiven Einfluss auf depressive Verstimmung.
Signifikant positive Effekte auf den Krankheitsverlauf wurden in verschiedenen Studien belegt. Anzustreben ist das regelmäßige, mehrfach wöchentliche Durchführen einer Sportart. Die Auswahl der Bewegungs-/Sportart erfolgt individuell abhängig von Konstitution, Neigungen und Trainingszustand, sowie von Beschwerdebild und Verlauf des Reizdarmsyndroms. Geeignet sind Ausdauersportarten, beispielsweise Walking, die Integration und Nutzung von Alltagsbewegung kann ebenfalls sinnvoll sein.
Massagetherapie
  • Kolonmassage

  • Anleitung zur Selbstmassage Kolon-Ausstreichung

  • Reflexzonenmassage bei Befund (Bindegewebszonen)

Ernährungstherapie
Ernährungseinflüsse auf die Erkrankung sind möglich, allerdings fehlen bislang gesicherte Daten in der Literatur. Die Verordnung einer spezifischen Diät ist in der Regel nicht erforderlich – empfohlen wird eine mediterrane Vollwertkost. Hilfreich ist meist eine Ernährungsberatung, welche die individuelle Unverträglichkeit bestimmter Speisen berücksichtigt. Für die einzelnen Subtypen ergeben sich für die Ernährungsberatung besondere Schwerpunkte.
Ernährungsfaktoren wie Nahrungsmittel, Ernährungsweise und Essverhalten beeinflussen das RDS. Eine Koinzidenz von Laktoseintoleranz und RDS ist möglich. Bei persistierender Symptomatik kann trotz Elimination des Milchzuckers eine Hypersensibilisierung gegenüber kleinsten Mengen Laktose oder – unabhängig von der Lactose-Intoleranz – eine zusätzliche generalisierte Darmüberempfindlichkeit von Bedeutung sein.

Praxistipp

Da insbesondere bei Reizdarmpatienten die Ernährung für das Beschwerdebild von zentraler Bedeutung sein kann, sollten folgende Empfehlungen eingehalten werden:

  • leichte, bekömmliche mediterrane Vollwertkost

  • Ernährungsberatung: ballaststoffreiche Kost, arm an Konservierungsstoffen, hoher Gehalt an Omega-3-Fettsäuren

  • individuelle Identifizierung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten

  • achtsames Essen (Mind-Body-Medizin 5.1)

  • kleine Mengen

  • gut und gründlich kauen

  • mindestens 2 l Flüssigkeit tgl. trinken, bevorzugt Wasser (wenig oder keine Kohlensäure) und Kräutertees, nicht zu den Mahlzeiten trinken. Besonders im Winter ist warmes Wasser häufig besser verträglich als kaltes.

Ballaststoffe Ballaststoffe:R∗eizdarmsyndrom∗werden probatorisch empfohlen bei folgenden RDS-Typen: beim Obstipationstyp, Diarrhötyp und beim Schmerztyp mit Stuhlunregelmäßigkeiten (Leitlinien RDS 2011).
Als Ballaststoffe werden trotz höherer Kosten sog. Gel-Bildner im Vergleich zu Faserstoffen empfohlen aufgrund der geringeren Blähwirkung und höheren Akzeptanz beim Patienten. Zu den Gel-Bildnern zählen: Pektine, Muzilaginosa, Hemizellulose und Flohsamenschalen, z. B. Flosa®-Beutel, Mucofalk®. Ballaststoffe können besonders beim RDS vom Schmerz- und/oder Gas/Blähtyp die Beschwerden verstärken.
Heilfasten
Bei entsprechender Konstitution (v. a. Fülle-Zeichen, Plethora) ist das Heilfasten, z. B. das Saftfasten nach Buchinger (u. a.) eine sinnvolle und gute Ergänzung eines integrativen Therapiekonzepts. Daten aus wissenschaftlichen Studien liegen jedoch bislang nicht vor.
Erzielt werden soll eine kurzfristige Entlastung des Verdauungsapparats sowie eine psychovegetative Umstimmung, die zudem eine nachfolgende Ernährungsumstellung erleichtert.
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Mikrobiologische Therapie: In den bisher vorliegenden Studien [14, 15] zeigen sich Wirkungen v. a. auf definierte Untergruppen (Leitlinienempfehlung RDS 2011). Alle Präparate sollten einschleichend dosiert werden, da Meteorismus und Flatulenz als Nebenwirkung auftreten können.

    • E. coli Nissle 1917: erste erfolgreiche klinische Studien bei Reizdarm; Dosierung (oral): tgl. 2 × 100 mg, Präparat z. B. Mutaflor®

    • Lactobacillus plantarum: erste erfolgreiche klinische Studien bei Reizdarm, Erfolg v. a. bei der Subgruppe „postinfektiöses RDS“; Dosierung (oral): tgl. 2 × 20 mg (abhängig vom Präparat), Präparat: z. B. Paidoflor® – Lactobacillus acidophilus

    • VSL#3®: erste positive klinische Studien bei RDS vom Diarrhötyp; Dosierung: tgl. 2 × 2,5 g (1 Tütchen)

  • Neuraltherapie: Umspritzen des Nabels mit 1-prozentigem Procain, Unterspritzen von abdominellen Narben, segmentale Therapie Th 10 – L3 im Sinne von Quaddeln oder Anspritzen der Facettengelenke, Quaddeln Bauchkranz nach Hopfer und der Vogler Punkte (entlang des Rippenbogens), Ganglion coeliacum rechts (nur durch erfahrenen Neuraltherapeuten).

Reizmagensyndrom

ReizmagensyndromBeim Reizmagensyndrom (auch dyspeptisches Syndrom oder funktionelle Dyspepsie, s. auch 8.4.5) stehen funktionelle Symptome wie Oberbauchschmerzen und -druck, unspezifisches abdominelles Unwohlsein, postprandiales Völlegefühl, Übelkeit, vorzeitiges Sättigungsgefühl, Appetitlosigkeit und teils Sodbrennen im Vordergrund. Eine Abgrenzung zum Reizdarmsyndrom gelingt nur bedingt.
Eine naturheilkundliche und ganzheitliche Therapie sollte immer Lebensstilmodifikationen beinhalten und patienteneigene Ressourcen, z. B. in Form von Selbsthilfestrategien, fördern. Eine ärztliche Anleitung, die auf den klassischen fünf Säulen der Naturheilkunde (Ernährungs-, Ordnungs-, physikalische, Bewegungs- und Phytotherapie) beruht, kann die Therapieerfolge deutlich steigern.
Ordnungstherapie
Reizdarmsyndrom 7.3.1.
Das Erlernen und regelmäßige Durchführen von Entspannungstechniken sowie der sog. Achtsamkeit rufen aufgrund ihres ausgleichenden Effekts auf das vegetative Nervensystem meist eine Symptomlinderung hervor. Bei ausgeprägter Symptomatik und hohem Leidensdruck kann eine stationäre Therapie mit einem multimodalen Konzept indiziert sein.
Physikalische Therapien
Reizdarmsyndrom 7.3.1.
Phytotherapie
Angezeigt sind insbesondere lokal antiphlogistisch und spasmolytisch wirkende Pflanzen, wie Kamillenblüten oder Süßholzwurzel, z. B. auch in Form einer sog. Rollkur: reichlich Kamillentee trinken, jeweils 10–15 Min. auf dem Rücken, der rechten und linken Seite sowie dem Bauch liegen.
  • Pfefferminzblätter und Melissenblätter wirken spasmolytisch

  • gute Evidenz des Kombinationspräparat Iberogast® (7.3.1)

  • Heilerde und Süßholzwurzel: s. unter Refluxösophagitis (7.3.1)

Bei Übelkeit bietet sich eine Therapie mit Ingwer in Form von Tee oder Kapseln (z. B. Zintona® 3 × 250 mg) an.
Bei Appetitlosigkeit sind Zubereitungen aus Bitterstoffdrogen (Amara) die Therapie der Wahl, um die Magen- und Verdauungssaftsekretion anzuregen. Zu den Bitterstoffen zählen v. a. Iridoidglykoside und Mono- und Sesquiterpenalkaloide. Die Bitterstoffe sind hitzelabil, deshalb die Droge nur kurz überbrühen oder kalt ansetzen. Eine halbe Stunde vor der Mahlzeit trinken – bei nachlassender Wirkung ggf. Wechsel des Präparats.

Praxistipp

Folgende Arzneipflanzen gehören zu den BitterstoffdrogenBitterstoffdrogen:

  • Enzianwurzel

  • Wermutkraut (auch entblähend und gallesekretionsfördernd)

  • Tausendgüldenkraut

  • Schafgarbe, zusätzlich auch verdauungsfördernd und krampflösend im Gastrointestinaltrakt

  • Zichorie (Wegwarte), wirkt auch verdauungsfördernd, enthalten z. B. in Kaffeesurrogaten

  • Artischockenblätter (auch galletreibend)

  • Löwenzahnwurzel (auch galletreibend)

  • Angelikawurzel (auch spasmolytisch)

Keine Anwendung bei Magen- und Duodenalulzera, relative Kontraindikation bei Galleabflussstörungen.

Bewegungstherapie
Reizdarmsyndrom 7.3.1.
Ernährungstherapie
Reizdarmsyndrom 7.3.1.
Rohkost kann nach Verträglichkeit eingesetzt werden, ggf. Gemüse und Obst kurz blanchieren. Fettige und/oder blähende Nahrungsmittel (Hülsenfrüchte, Kohl etc.) sind zu meiden. Mehrere kleine, eher warme Mahlzeiten und ein achtsames Essen mit ausreichendem Kauen können die Symptomatik lindern.
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Neuraltherapie 7.3.1

  • Akupressur/Akupunktur: Bei Übelkeit bestehen gute Erfahrungen mit der Nadelung des Akupunkturpunktes Pe 6 (Mitte Unterarm, 2 Cun = 2 Patientendaumenbreiten proximal der Handgelenksbeugefalte; auch mit Dauerkuglen möglich). Der Patient kann in der selbstständigen Durchführung einer Akupressur auf diesem Punkt geschult werden.

Refluxösophagitis und Gastritis

RefluxösophagitisFür ca. Gastritis20 % der Bevölkerung westlicher Industrieländer sind die Symptome einer Refluxkrankheit regelmäßig oder gelegentlich störend präsent. Das bewusst wahrgenommene Übertreten von Magensäure in den Ösophagus führt zu Beschwerden wie Sodbrennen, saures Aufstoßen und retrosternales Brennen. Bei prolongiertem Reflux können eine manifeste Refluxösophagitis sowie erosive und ulceröse Läsionen auftreten. Bei der Gastritis stehen Symptome wie Oberbauchschmerzen und -druck, Völlegefühl, Übelkeit und Appetitlosigkeit im Vordergrund.
Aus naturheilkundlicher Sicht kommen bei den Krankheitsbildern oft dieselben Therapiestrategien in Frage. Die Indikation für Protonenpumpenhemmer sollte aufgrund neuerer Erkenntnisse mit Hinweisen auf ein erhöhtes Osteoporoserisiko, Medikamenteninteraktionen (Clopidogrel, Bisphosphonate) und eine vermehrte Fehlbesiedlung des Darms bei Langzeitgabe strenger gestellt werden.
Ordnungstherapie
Ein regelmäßiger Lebensrhythmus mit konstanten Wach- und Schlafzeiten kann sich positiv auswirken. Empfohlen wird eine Hochlagerung des Oberkörpers oder eine Rechtsseitenlage während des Schlafes.
Entspannungsverfahren (7.3.1), regelmäßig angewandt, können über einen harmonisierenden Effekt auf das vegetative Nervensystem zu einer Reduktion der Symptomatik führen.
Hydro- und Thermotherapie
Reizdarmsyndrom 7.3.1.
  • warme Auflagen auf den Oberbauch z. B. mit Zusätzen wie Melissenöl

  • Heublumensack: wirkt schmerzlindernd, spasmolytisch, allgemein sedierend; verfügt über langes WärmehaltevermögenAnwendung: im Wasserdampf erwärmen, für ca. 45 Min. auflegen

Phytotherapie

Praxistipp

LeinsamenschleimLeinsamenschleim wird wie folgt hergestellt: 2–3 EL Leinsamen (nicht geschrotet) in 500 ml Wasser mind. 30 Min. köcheln lassen, nicht überkochen. Ist das Kochwasser dickflüssig, kann der Schleim durchsiebt werden. Den ausgekochten Leinsamen verwerfen und den Schleim schluckweise warm trinken. 1–2 Tage in einer Thermoskanne haltbar.

Angezeigt sind Zubereitungen aus folgenden Arzneipflanzen:
  • Leinsamenschleim: wirkt schleimhautprotektiv

  • Heilerde: naturreiner Löss mit hohem Gehalt an Mineralien und Spurenelementen bindet überschüssige Magensäure und Produkte abnormer Gärung, Dosierung: tgl. 3 × 1 Portionsbeutel oder 1 TL Luvos® Heilerde mit Wasser einnehmen; Kontraindikationen: schwere Nierenfunktionsstörung, Darmverschluss/-stenosen

  • Süßholzwurzel (Liquiritiae radix): mit dem wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoff Glyzyrrhizin, auch als Ergänzung der Therapie von Ulzera im oberen Gastrointestinaltrakt und einer Helicobacter-pylori-induzierten Gastritis; antiphlogistische Wirkung, Einnahme in Form von Tee, Fluidextrakt oder Kautabletten; bei längerer Anwendung oder höherer Dosierung des wirksamen Inhaltsstoffes Glycyrrhizin ist aber der mineralokortikoide Effekt (Natrium-Retention mit entsprechenden Folgen) zu beachten – daher Empfehlung: maximal 4–6 Wochen Therapiedauer.

Weiterhin können Muzilaginosa (z. B. MuzilaginosaEibischwurzel, Isländisch Moos, Malvenblätter) und lokale Antiphlogistika (Kamillenblüten, Ringelblumenblüten, Süßholzwurzel) sowie Adstringenzien (Salbeiblätter, Tormentillwurzelstock) als Teeaufguss bzw. Kaltmazerat oder Fertigpräparat angewendet werden. Bei atrophischer Gastritis können auch Bittermittel eingesetzt werden.
Pfefferminze kann aufgrund einer relaxierenden Wirkung auf den unteren Ösophagussphinkter bei Refluxösophagitis zur Symptomzunahme führen.
Die Küchenzwiebel (Alium cepa) und Knoblauch (Alium satium) zeigen experimentelle Hinweise auf eine antibiotische Wirkung bei Helicobacter-pylori assoziierter Gastritis. Hier liegen nur Grundlagendaten vor.
Bewegungstherapie
Reizdarmsyndrom 7.3.1.
Ernährungstherapie
Wichtig ist der Verzicht auf Nahrungsmittel und Genussmittel, die anregend auf die Säureproduktion wirken (wie Nikotin, Alkohol, Kaffee, Zitrusfrüchte und scharfe Gewürze). Weiterhin sollte die letzte Tagesmahlzeit nicht zu spät eingenommen werden und aus leicht verdaulichen, kohlenhydratreichen Nahrungsmitteln bestehen. Fettreiche Mahlzeiten sollten vermieden werden. Oft ist eine Aufteilung in mehrere kleine Mahlzeiten sinnvoll.
Eingesetzt werden können auch Schleimstoffe in Form von Leinsamenschleim und Haferschleim mit protektiver Wirkung auf die Schleimhaut des oberen Gastrointestinaltrakts.
Erweiterte Naturheilverfahren
Zur Neuraltherapie auch Reizdarmsyndrom 7.3.1.

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED)

InChronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) Deutschland leiden etwa 300.000 Menschen unter den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen M. Crohn (MC) M. Crohnund Colitis ulcerosa (Colitis ulcerosaCU). Die jährliche Inzidenz für Colitis ulcerosa als auch für den M. Crohn liegt bei etwa 5–6 pro 100.000. Entgegen früherer Annahmen wurde eine typische CED-Psychopathologie oder Persönlichkeitsstruktur durch keine Studie belegt. Allerdings scheint psychosozialer Stress einen negativen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankungen und die Auslösung akuter Schübe zu haben.
Das Beschwerdebild bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen variiert individuell und je nach Schubschwere und Ausbreitung. Die aufgelisteten Leitsymptome (Tab. 7.1) sind oft klinisch richtungweisend und werden bei 60–80 % aller Patienten v. a. bei Kolonbefall im Verlauf der Erkrankung durch extraintestinale Manifestationen begleitet, z. B. Skelett/Gelenkmanifestationen (Arthralgien, Osteoporose), Augen (Episkleritis, anteriore Uveitis), Haut (Erythema nodosum, Pyoderma gangraenosum), Leber/Gallenwege (primär sklerosierende Cholangitis, Fettleber, Cholezystolithiasis), Pankreas (Pankreatitis).
Das Ausdehnungsmuster zeigt bei Colitis ulcerosa einen kontinuierlichen Befall im Kolon von distal nach proximal (bei 55 % der Betroffenen Proktokolitis, 30Proktokolitis % Ausdehnung bis zur linken Flexur und 15 % Pancolitis mit evtl. Backwash-Ileitis).Backwash-Ileitis Im Unterschied dazu kann beim M. Crohn ein diskontinuierlicher Befall des gesamten Gastrointestinaltrakts vorliegen (zumeist Ileum und Kolon, ca. 5–10 % der Betroffenen mit Befall des oberen Gastrointestinaltrakts).
Eine konventionelle Therapie der CED mit Orientierung an den aktuellen Leitlinien sollte im Vordergrund stehen. Ergänzend können bei der individuellen Betreuung naturheilkundliche Therapien zum Einsatz kommen, welche auch zunehmend in den Leitlinien der CED berücksichtigt und zudem von Patienten nachgefragt werden.
Ordnungstherapie

Studien

Den Eindruck, dass Stress einen negativen Einfluss auf die Erkrankung hat und schon einmal unmittelbar zum Auslösen eines Schubes geführt habe, äußerten mehr als 70 % aller Befragten einer großen Studie [17, 18]. Über 80 % erwarteten, dass eine „bessere Stresstoleranz“ den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen würde.

In der ersten randomisiert-kontrollierten Studie [17, 18] zur naturheilkundlichen Ordnungstherapie/MBSR bei Patienten mit Colitis ulcerosa konnte eine relevante Verbesserung der Lebensqualität nachgewiesen werden. Vor diesem Hintergrund ist die Mind-Body-Therapie in die Leitlinien für Colitis ulcerosa aufgenommen worden.

Die Rolle psychosozialer Faktoren in der Krankheitsgenese und -modulation wird bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kontrovers diskutiert. Sowohl aus klinischer Sicht als auch vonseiten der Patienten liegt ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen psychosozialen Stressoren und einer Exazerbation der Erkrankung jedoch nahe. Trotz einiger gegensätzlicher Ergebnisse stützen wissenschaftliche Untersuchungen die klinische Bedeutung psychologischer Faktoren. So wurde in großen prospektiven und epidemiologischen Untersuchungen [19, 20] an CED-Patienten ein Zusammenhang von psychosozialen Stressoren und Krankheitsaktivität belegt.
Empfohlene Therapieformen sind z. B. diaphragmales Atmen, Meditation, autogenes Training, progressive Muskelrelaxation, Yoga, Qigong, Achtsamkeitstraining (Mind/Body Medicine, MBSR).
Die Bedeutung des Rauchens als Risikofaktor für MC mit einem etwa 2-fach erhöhten Risiko für die Schubausbildung, Notwendigkeit einer Immunsuppression und Operationsraten gilt als gesichert. In Hinblick auf die CU wird nach der aktuellen Studienlage ein gegenteiliger Effekt angenommen, sodass ein Rauchstopp ggf. die Aktivität erhöhen kann.
Hydro- und Thermotherapie
Zur Anwendung kommen Auflagen und Sitzbäder. Die folgenden Therapien haben eine vegetativ stabilisierende, spasmolytische, schmerzlindernde, beruhigende und schlaffördernde Wirkung.
Auflagen
  • Leibwaschungen: Ein zusammengefaltetes Tuch wird nach Anfeuchten langsam kreisförmig im Uhrzeigersinn beginnend rechtsseitig auf der Höhe des Hüftknochens 30–40-mal über den Leib bewegt. Zunächst 18–22 °C kaltes Wasser, im weiteren Verlauf kälteres Wasser; reflektorische Wirkung: reflektorische, vegetativ stabilisierend, spasmolytisch, karminativ, schlaffördernd; Cave: keine Anwendung bei akuten Harnwegsinfekten.

  • Kalter Leibwickel: Kalt-feuchtes Leinentuch, dann Handtuch und Wolltuch um den Bauch wickeln. Die Erwärmung sollte nach 10 Min. eingetreten sein; reflektorische Wirkung.

  • Kümmel-Leibauflage: Einmassieren von Kümmelöl auf den Bauch, Abdecken mit lauwarmem/feuchtem Baumwolltuch, den Leib mit trockenem Baumwolltuch umwickeln, darüber eine Wärmflasche legen, Anwendung für ca. 30 Min.

  • Kamillenleibauflage: 1 TL Kamillenblüten auf ¼ l kochendes Wasser, 10 Min. ziehen lassen, kleines Baumwolltuch tränken, abdecken mit lauwarmem/feuchtem Baumwolltuch, den Leib mit einem trockenen Baumwolltuch umwickeln, darüber eine Wärmflasche legen, Anwendung für ca. 30 Min.

  • Heublumensackauflagen: Den Heusack zu etwa ⅔ mit Heublumen füllen und verschließen (alternativ als Fertigprodukt erwerben). Anschließend unter fließendem Wasser anfeuchten oder in einem Topf etwa 20 Min. dämpfen. Nach der Entnahme aufschütteln und vorsichtig auf den Bauch legen. Liegedauer 45 Min. bis 1 Std. (bis kein Wärmegefühl mehr vorliegt); anschließend nachruhen; Cave: bei zu heißer Anwendung besteht Gefahr des Verbrühens, Allergie denkbar.

Bäder
Bei Analfissuren sind entzündungshemmende und wundheilungsfördernde Sitzbäder aus Kamillenblüten die Therapie der Wahl: 2–3 EL Kamillenblüten mit 1 Liter kochendem Wasser 5 Min. ziehen lassen. Sitzbäder angenehm temperieren und nach Bedarf wiederholen.
Phytotherapie
Phytotherapeutische Zubereitungen
Zur Behandlung der darm- und stuhlassoziierten Beschwerden können phytotherapeutische Zubereitungen aus folgenden Arzneipflanzen zur Anwendung kommen.
  • Flohsamen (Psyllii semen): antientzündliche Wirkung, vermutlich durch die kurzkettige Fettsäuren Butyrat und Acetat, außerdem Wirkung als Quellmittel: als Gelbildner über Wasserbindung in Gelen und viskösen Lösungen, erhöht das Stuhlvolumen, reguliert die Peristaltik; Kontraindikation: Stenosen; Wechselwirkungen: Mögliche Absorption und damit Wirkungsherabsetzung gleichzeitig eingenommener Medikamente, mögliche Nebenwirkungen: Meteorismus, Völlegefühl, in Einzelfällen Überempfindlichkeitsreaktion, ein Fall von Bronchospasmus; Dosierung zur Remissionserhaltung bei Colitis ulcerosa: (z. B. Flosa®; Mucofalk®) tgl. 1–3 × 1 Beutel, In-vitro-Studien sowie erste klinische Studien bei Colitis ulcerosa, Erwähnung in den Leitlinien der AWMF für Colitis ulcerosa, Flohsamen sind bei entsprechender Indikation erstattungsfähig. Keine Studie für M. Crohn.

  • Weihrauch (Boswellia serrata): Wirkstoff aus dem Harz der Rinde: Boswelliasäure; Wirkprinzip: In-vitro-Hemmung der Leukotrienbiosynthese; unerwünschte Nebenwirkungen: selten gastrointestinale Beschwerden, allergische Reaktionen. Dosierung: z. B. Boscari®, tgl. 3 × 1–2 Tbl. (400 mg/Tbl.); In-vitro-Studien sowie erste klinische Studien bei M. Crohn, in Leitlinien bisher keine Empfehlung.

  • Myrrhe (Commiphora molmol): Wirkstoff aus dem Harz der Rinde: Commiphora-Säure; Anwendung in Kombination (z. B. Myrrhinil Intest®): Myrrhe (100 mg), Kamille (100 mg) und Kaffeekohle (50 mg); In-vitro-Studien und eine RCT; Dosierung: tgl. 3 × 2–4Tbl.; Myrrhentinktur zur Therapie oraler Aphten oder einer Stomatitis (in vitro Studien). Erste klinische Studie in der remissionserhaltenden Therapie bei Colitis ulcerosa ergab Nichtunterlegenheit im Vergleich zum Goldstandard Mesalazin [32].

  • Heidelbeermuttersaft/getrocknete Heidelbeeren (Vaccinium myrtillus): sind reich an Gerbstoffen und wirken so adstringierend und mild antiseptisch; eignen sich in Form von Heidelbeermuttersaft oder getrockneten Heidelbeeren besonders für den Einsatz bei akuten Schüben mit Diarrhöen. Es liegen bisher keine Forschungsergebnisse vor, die eine positive Wirksamkeit bei CED beweisen würden. Aufgrund des umfassenden Erfahrungswissens und der wissenschaftlichen Plausibilität kann die Therapie trotzdem empfohlen werden.

  • Blutwurz/Tormentilla, Potentilla erecta: ist reich an Gerbstoffen und wirkt so adstringierend und mild antiseptisch; Darreichung in Form von Tee, Tinktur oder Fertigpräparat, Mittlere Tagesdosis: 1,5–3 g Droge. Es liegen bisher keine Forschungsergebnisse vor. Aufgrund der wissenschaftlichen Plausibilität kann die Therapie trotzdem empfohlen werden.

  • Wermut (Artemisia absinthum): Wirksamkeit v. a. durch Bitterstoffe zur Appetitanregung, bei Beschwerden des Verdauungstrakts, zur Anregung der Leberfunktion sowie bei krampfartigen Störungen des Darms und der Gallenwege, außerdem bestehen antimikrobielle und wundheilungsfördernde Wirkungen. Es liegt eine Studie vor mit positivem Outcome als komplementäre Therapie bei aktivem M. Crohn. Das untersuchte Fertigpräparat steht in Deutschland nicht zur Verfügung. Einsatz in Form von Tees.

  • Ingwer (Zingiberis rhizoma): Wirkstoffe: Öle und Scharfstoffe der frischen oder getrockneten Wurzelstöcke fördern die Speichel- und Magensaftsekretion und führen darüber hinaus zur Steigerung des Tonus und Anregung der Darmperistaltik; In-vitro-Studien; antidiarrhoische Wirkung, Darreichung in Form von Tee, Tinktur. Mittlere Tagesdosis: 2–4 g Droge, Fertigpräparat (Zintona®) Tagesdosis: 3 × 250 mg.

  • Gelbwurz (Curcumae longae rhizoma): Wirkstoffe: Curcuminoide und das ätherische Öl; In-vitro-Studien: cholagoge und antioxidative Wirkung, antiinflammatorische und tumorprotektive Wirkungen. Darreichung in Form von Tee, Tinktur oder Fertigpräparat; Mittlere Tagesdosis: 1,5–3 g Droge, In Studien 2 × 1 Kps. (81 mg standardisiertes Extrakt). Fertigpräparate (Curcumin®; Curcutruw®); Leitlinien: Curcumin kann in der remissionserhaltenden Behandlung der Colitis ulcerosa komplementär zu einem Aminosalizylat eingesetzt werden.

Zu Zubereitungen bei Appetitlosigkeit, Meteorismus, Flatulenz 21.1.

Praxistipp

Klysma

Bei Proktitis, Sigmoiditis oder Linksseitencolitis kann folgendes phytotherapeutisches Klysma (1.000 g) angewendet werden:
  • Eichenrinde, Dec. Aq. 10 %125 g

  • Blutwurz, Dec. Aq. 10 %125 g

  • Weidenrinde, Dec. Aq. 10 %125 g

  • Aqua dest. 610 g

  • Nestargel 15 g

Dosierung: 1 × tgl. über mind. 7 Tage im akuten Schub
Cave: Allergische Reaktion

Diarrhö bei CED

Teerezepturen:Diarrhö bei CEDTeemischung aus 20 g Blutwurzwurzelstock, 10 g Pfefferminzblätter, 10 g Kamillenblüten; Zubereitung: 1–2 TL, ¼ l kochendes Wasser, 5–7 Min. abgedeckt ziehen lassen; tgl. 3 × 1–2 Tassen trinken.
Heilerde
Der an Mineralien und Spurenelementen reiche, naturreine Löss verfügt über eine sehr große Absorptionsfähigkeit; Wirkung: adstringierend, antidiarrhoisch, Produkte abnormer Gärung werden gebunden und eliminiert. Heilerde kann besonders bei Diarrhöen im Rahmen akuter Schübe eingesetzt werden. Bei Obstipation ist die Gabe von Heilerde eher ungünstig.
  • Tagesdosis Luvos Heilerde®: 3 ×1 Portionsbeutel mit viel Wasser

  • Kontraindikationen: schwere Nierenfunktionsstörung, Darmverschluss

Bewegungstherapie
Verschiedene Publikationen weisen v. a. auf einen positiven Einfluss von regelmäßiger Bewegung auf die Lebensqualität hin. Zum Einfluss auf Erstmanifestation und Krankheitsverlauf ist die Datenlage allerdings inkonsistent.
Das Risiko, an einer CED zu erkranken, ist reduziert bei Arbeit an frischer Luft mit körperlicher Aktivität. Das Osteoporosefrakturrisiko wird bei Patienten mit M. Crohn durch regelmäßige körperliche Aktivität reduziert. Auch die Unterstützung stationärer Rehabilitationsbehandlung durch gezielte körperliche Aktivität konnte belegt werden. Beim Einsatz regelmäßiger Bewegungsprogramme bei Patienten mit CED scheinen insbesondere der Ausschluss von Mangelzuständen und eine Vorbeugung vor Mangelernährung wichtig zu sein. In einer Studie fanden sich Hinweis darauf, dass M.-Crohn-Patienten in Remission nach einer moderaten sportlichen Betätigung (Aerobic) im Vergleich zu gesunden Probanden eine signifikant höhere Zinkausscheidung über den Urin hatten.
Geeignet sind beispielsweise:
  • Alltagsbewegung

  • körperliches Training: Ausdauersportart wie Walking, Nordic Walking, Schwimmen, Joggen

Die Auswahl der Bewegungs-/Sportart erfolgt individuell abhängig von Konstitution, Neigungen und Trainingszustand, aber auch vom aktuellen und langfristigen Verlauf der CED. Im hochakuten Schub ist körperliche Schonung empfohlen. Neben dem Ausdauertraining ist auch die Schulung der Körperwahrnehmung von Bedeutung.
Ernährungstherapie
Es gibt keine Kostform, die sich als spezielle Colitis-ulcerosa- oder M.-Crohn-Diät bewährt hat. Die Kost, die generell für alle Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen empfohlen werden kann – eine der mediterranen Küche angelehnte Vollwertkost – unterscheidet sich nicht von einer für die Normalbevölkerung empfohlenen gesunden Ernährung.
Besondere Empfehlungen gelten nur für spezielle Situationen wie nachgewiesene Mangelzustände, Beschwerden durch Stenosen, Zustand nach Darmresektion, Störungen der Fettverdauung oder bei Laktoseintoleranz. Bei fulminanter Colitis ulcerosa, bei hochgradiger proximaler Stenose, Subileus/Ileus oder schwerer Malabsorption kann eine totale parenterale Ernährung notwendig werden.
Individuelle Unverträglichkeiten sowie die Aktivität der CED (Schub oder Remission) sollten hier berücksichtigt werden.

Praxistipp

Je nach Stadium der Erkrankung sind folgende ernährungstherapeutische Maßnahmen zu empfehlen:

  • In akut entzündlichen Stadien ist eine vollwertige Schonkost als leicht verdauliche Kost zu empfehlen.

  • In der Remission sollte eine mediterrane Vollwerternährung mit langsamem Einstieg und individueller Note durchgeführt werden. Sie gewährleistet eine optimale Zufuhr von Vitaminen, Mineralstoffen, Fettqualität und Omega-3-Fettsäuren, ist antioxidantienreich und beinhaltet wenig tierische Fette.

Als allgemeine Empfehlungen gelten:

  • Mindestens 1,5 l Flüssigkeitszufuhr pro Tag, z. B. als Mineralwasser, Kräuter- oder Früchtetees, verdünnte Fruchtsäfte; nicht unbedingt zu den Mahlzeiten trinken, sondern 45–60 Min. danach.

  • Langes Kauen der Speisen erhöht die Bekömmlichkeit.

  • Täglich mehrmals Gemüse und Obst – roh oder kurz gegart – nach der Regel „5-mal am Tag“ einplanen.

Bei M. Crohn hat eine ausschließliche Ernährung mit enteral bilanzierten Diäten (Elementardiät oder Oligopeptidnahrung) in einzelnen Studien eine deutliche antientzündliche Wirkung gezeigt, die Patientenadhärenz und die variirenden Verträglichkeiten sind allerdings limitierend.
Der therapeutische Wert von Glutamin, Butyrat (komplexe Fettsäuren) oder Lezithin ist bisher nicht ausreichend in großen Studien belegt [23]. Bezüglich Omega-3-Fettsäuren gibt es einige vielversprechende Daten für die Remissionserhaltung bei M. Crohn – eine Metaanalyse war allerdings negativ [24].
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Mikrobiologische Therapie: Probiotika – apathogene lebende Bakterien, die den Darm besiedeln und von denen der Wirt profitiert – haben in Deutschland eine lange naturheilkundliche Tradition, die Bandbreite an verfügbaren Präparaten ist groß.

    • E. coli Nissle 1917 – Wirkmechanismen: Adhäsionshemmung pathogener Bakterien an der Darmwand, Wiederherstellung von Permeabilitätsdefekten der Darmwand, Hochregulation von IgA, TNF-alpha, IL-6 und IL-10; Reduktion der bakteriellen Translokation bei experimenteller Colitis; In-vitro-Studien, klinische Studien bei Colitis ulcerosa [25, 26], Leitlinien der AWMF (Remissionserhaltung), bisher keine positive Studie bei M. Crohn, Dosierung (oral): tgl. 2 × 100 mg, Präparat: z. B. Mutaflor®

    • Saccharomyces boulardii (lebende Trockenhefe): erwiesene Wirkung zur Prävention antibiotikaassoziierter Diarrhöen, erste klinische Studien bei Colitis ulcerosa sowie zur Remissionserhaltung bei M. Crohn; Dosierung (oral): tgl. 2 × 250 mg, Präparat: z. B. Perenterol®

    • VSL#3® – Kombination aus acht verschiedenen Bakterienstämmen: Streptococcus thermophilus, Bifidobacterium breve, Bifidobacterium longum, Bifidobacterium infantis, Lactobacillus acidophilus, Lactobacillus plantarum, Lactobacillus casei, Lactobacillus bulgaricus; erwiesene Wirkung zur Remissionserhaltung bei Pouchitis; In-vitro-Studien, erste klinische Studien bei Colitis ulcerosa in Remission; Dosierung: tgl. 2 × 2,5 g (1 Tütchen)

Merke

Bei allen Präparaten empfiehlt sich eine einschleichende Dosierung, da Meteorismus und Flatulenz als Nebenwirkung auftreten können.

  • Manuelle Therapie: Zur Anwendung kommen reflektorische Verfahren. Die Bindegewebsbehandlung kann ergänzend eingesetzt werden bei Wirbelsäulen-Beschwerden mit Bindegewebszonen und „Gelosen“ im Bereich der zugeordneten Zonen des Bindegewebes oder der Muskulatur. Die reflektorisch zugeordnete „Darmzone“ befindet sich (z. B. nach Aschner) im mittleren LWS-Bereich bds. paravertebral. Wenn hier eine bindegewebige Verspannung (Gelose) z. B. über die Untersuchung der sog. Kibler-Falte festgestellt wird, kann eine Bindegewebsbehandlung (z. B. Schröpfkopf- oder Bindegewebsmassagen) sinnvoll sein.Durch eine Besserung des Bindegewebs-Befundes kann aus naturheilkundlicher Sicht eine reflektorische (kutiviszeral vermittelte) Besserung der entzündeten Darmabschnitte möglich sein. Für diese Zusammenhänge ist bisher kein wissenschaftlicher Nachweis vorhanden.

  • Neuraltherapie: Als unterstützende Maßnahme kann regional (verschiedene Bauchreflexpunkte), segmental, an Ganglien (z. B. Ganglion coeliacum – nur für erfahrene Neuraltherapeuten) oder im Bereich von sog. Neuromodulativen Triggerpunkten (Zähnen, Tonsillen, Nasennebenhöhlen, Narben etc.) Procain® injiziert werden.

  • Akupunktur: Eine begleitende Akupunktur (mit Moxibustion) als komplementäre Therapie bei leicht- bis mittelgradiger Krankheitsaktivität hat sowohl für M. Crohn als auch für Colitis ulcerosa Eingang in die aktuellen Leitlinien gefunden.

Leber- und Gallefunktionsstörungen

Die Leber ist das wichtigste Stoffwechselorgan des Körpers mit vielfältigen Synthese-, Entgiftungs- und Ausscheidungsfunktionen. Häufigste chronische Erkrankungen sind Virushepatitiden, Fettleberhepatitis und nutritiv-toxische sowie medikamenteninduzierte Leberschäden. Gallefunktionsstörungen sind klinisch häufig von der Dyspepsie oder dem Reizdarmsyndrom schwer abzugrenzen. Naturheilkundliche Verfahren haben bei akuten Cholezystitiden, Cholangio- oder Choledocholiathiasis sowie Cholangitiden keine große Relevanz.
Insbesondere bei den chronischen Lebererkrankungen wie Hepatitis B und C sowie Autoimmunhepatitiden sollte zunächst zur Festlegung des konventionellen Therapieschemas eine spezialisierte hepatologische Betreuung erfolgen. Naturheilkundliche Therapien können komplementär zur Symptomlinderung und auch mit dem Ziel der Reduktion der Transaminasenerhöhung eingesetzt werden.
Bei Erkrankungen der Gallenwege ist die Domäne der Naturheilkunde primär die Behandlung chronischer und/oder funktioneller Beschwerden nach Ausschluss akuter entzündlicher Veränderungen oder einer symptomatischen Cholangio- oder Choledocholithiasis.
Ordnungstherapie
Neuere Studien [27, 28] zeigen sehr günstige Effekt einer Gewichtsreduktion im Rahmen einer Lebensstiländerung, bei Hinzunahme von regelmäßiger Bewegung und Ernährung bei der nicht-alkoholischen Steatosis hepatis (NASH).
Hydro- und Thermotherapie
  • feuchtwarmer Leberwickel (s. Kasten): Wirkung spasmolytisch, entzündungshemmend, durchblutungsfördernd

  • kalte Leibwickel: 7.3.1

  • regelmäßige Bäder: Eine Erhöhung des zentralen Venendrucks führt zu vermehrter Freisetzung von atrialem natriuretischen Peptid, folgend zu vermehrter Diurese, welche sich positiv auf eventuell vorhandene Aszites und Ödeme auswirken kann.

Praxistipp

Der Leberwickel wird 2 ×/Woche bis täglich durchgeführt: Feucht-warmes Leinentuch auf den rechten Oberbauch legen, ein Handtuch darüber und eine Wärmeflasche darauf legen. 30–60 Min. einwirken lassen.

Phytotherapie
Zur Anwendung kommen je nach Symptomatik Cholagoga oder Hepatoprotektiva.
Cholagoga
Hier kann zwischen Choleretika (steigern hepatische Synthese und Sekretion der Galle) und Cholekinetika (steigern den Gallefluss) unterschieden werden. Die Anwendung sollte erst nach Ausschluss einer Galleabflussstörung und möglichst zwischen den Mahlzeiten erfolgen, damit in der Nüchternphase der verminderte Gallefluss nicht die Gefahr der Steinbildung erhöht. Die cholagenen Phytotherapeutika wirken meist auch spasmolytisch. Zum Einsatz kommen, z. B. als Tee:
  • Erdrauchkraut (Fumariae herba)

  • Gelbwurzwurzelstock (Curcumae rhizoma)

  • Schöllkraut (Chelidonium herba): unter Kontrolle der Transaminasen und des Bilirubins

  • Schafgarbenkraut (Millefolii herba)

  • Artischocke s. u.

Kontraindikation für Schöllkraut, Artischocke, Gelbwurz: Verschlussikterus
Hepatoprotektiva
  • Mariendistelfrüchte (Cardui Mariae fructus) können mit einer Tagesdosis von 200–400 mg Silymarin-Konzentrat adjuvant bei chronischen Lebererkrankungen, als Prophylaxe unter potenziell lebertoxischer Chemotherapie und intravenös als Antidot bei Knollenblätterpilzvergiftungen eingesetzt werden. In vitro und im Tierversuch hepatoprotektive Wirkung. Positiver Effekt auf durch Alkohol und Medikamente verursachte toxische Leberschäden [29, 30]. Bei akuter oder chronischer Hepatitis konnte bislang kein positiver Effekt auf die Viruslast nachgewiesen werden.

  • Artischockenblätter (Cynarae folium) mit leicht lipidsenkender Wirkung sowie Anregung des Galleflusses. Wirkung auf subjektive Parameter (rechtsseitige Oberbauchbeschwerden) [31] nicht jedoch auf objektive Parameter (Transaminasen, Entzündungsaktivität, Fibrose).

  • Mistelpräparate können bei subkutaner Anwendung Symptome wie Müdigkeit und Abgeschlagenheit bessern, jedoch zeigen sich in Studien diskrepante Ergebnisse bezüglich der Effekte auf Transaminasen und Viruslast.

  • Süßholz (Glycyrrhiza glabra) verfügt über hepatoprotektive Effekte bei intravenöser Anwendung (in Deutschland noch nicht zugelassen).

Cave

Einige Phytotherapeutika, z. B. Pestwurz, Pelargonium sidoides, dürfen nicht bei Leberinsuffizienz angewendet werden.

Bewegungstherapie
Regelmäßige körperliche Aktivität wirkt sich unterstützend positiv aus.
Ernährungstherapie
  • Alkohol strikt meiden, Kaffee und andere Reizstoffe reduzieren.

  • Gewichtsnormalisierung anstreben, z. B. bei NASH.

  • Kurzzeitiges Heilfasten ist angezeigt bei leichten Lebererkrankungen, bei schweren Hepatopathien (Leberzirrhose etc.) allerdings kontraindiziert.

  • Unter stark hypokalorischer Kost erfolgt ein Anstieg der freien Fettsäuren (sowie Transaminasen und Bilirubin), die eine Steatosis hepatis noch verstärken können.

  • Vitamin E (tgl. 800–1.000 IU): Hinweise auf positive Wirkung bei chronischer Hepatitis B und Steatohepatitis.

  • Natriumselenit (tgl. 50–200 μg) zeigte in Studien eine präventive Wirkung bei Hepatitis C bezüglich der Entwicklung eines hepatozellulären Karzinoms.

  • Eine hohe Fruktoseaufnahme (v. a. durch sog. Softdrinks) ist mit einem deutlich erhöhten Risiko für die Entwicklung einer nicht-alkoholischen Leberzirrhose assoziiert.

  • Bei Leberfibrose und Leberzirrhose fettreduzierte Kost mit hohem Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren bevorzugen, bei Kachexie und Kräfteabfall allerdings auf ausreichende Kalorienzufuhr achten.

  • Bei Aszites und hepatischen Ödemen empfiehlt sich eine Salzreduktion (< 6 g/Tag).

  • Bei hepatischer Enzephalopathie Eiweißzufuhr reduzieren und auf regelmäßigen Stuhlgang achten (Ammoniakreduktion).

Merke

Ein guter Ernährungszustand ist bei Leberzirrhose mit einer günstigeren Prognose assoziiert.

Erweiterte Naturheilverfahren
  • Ab- und ausleitende Verfahren:

    • Schröpfen (Magen – und Pankreaszone Th 2–Th 7 links paravertebral; Leber- und Gallenzone Th 2–Th 8 rechts paravertebral) je nach Konstitution (Fülle, Leere) auch blutig

    • Aderlässe sind bei der Hämochromatose Therapiestandard, Indikation auch bei Patienten mit chronischer Hepatitis und erhöhtem Serumferritin, (ca. alle 4 Wochen 100–300 ml Blut), in Studien hier positiver Einfluss auf objektive Kriterien wie Entzündungsaktivität und Fibrosierung.

  • Neuraltherapie: Vogler-Punkte am Rippenbogenrand zur Symptomlinderung, Narben im Segment, Nabel (Verbindung zur Leber über obliterierte V. umbilicalis), segmentale Therapie Th 6–10, Ganglion coeliacum rechts (nur durch erfahrenen Neuraltherapeuten)

Literatur

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Stoffwechselstörungen und endokrine Erkrankungen

Sabine Poschwatta-Rupp

Bei den im Folgenden dargestellten Erkrankungen – besonders dem metabolischen Syndrom und der Adipositas – handelt es sich meist um chron. Erkrankungen mit steigender Prävalenz, bei denen der Lebensstil (z. B. Fehlernährung, Bewegungsmangel) eine wichtige Rolle spielt. So sind schätzungsweise 20–40 % der Bevölkerung westlicher Industrienationen vom metabolischen Syndrom betroffen [32].

Im Zuge der zunehmenden Häufigkeit von Adipositas und Übergewicht ist auch mit einer Zunahme des metabolischen Syndroms zu rechnen, insbesondere die viszerale Ausprägungsform [15, 16, 32]. Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist übergewichtig (67 % bei Männern, 53 % bei Frauen) bzw. adipös, wobei der Anteil der Adipösen seit 1998 deutlich angestiegen ist. Bei den Männern sind heute 23,3 %, bei den Frauen 23,9 % betroffen [24]. Ein zu hohes Körpergewicht ist in der Regel der erste Risikofaktor eines metabolischen Syndroms.

Die zunehmende Prävalenz stellt den Therapeuten vor wachsende Aufgaben in der Sekundär- und Tertiärprävention. Die Patienten profitieren besonders von einer intensiven, interdisziplinären Betreuung und langfristigen Behandlungsstrategien.

Die naturheilkundlichen Maßnahmen für die folgenden Krankheitsbilder sind als zusätzliche Maßnahmen zur konventionellen Therapie einzusetzen.

Metabolisches Syndrom

Das metabolische Syndrom ist eine Kombination von Übergewicht, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Insulinresistenz. Diese äußert sich durch eine verminderte Insulinwirkung im Organismus und spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung des Typ-2-Diabetes. Die verschiedenen Risikofaktoren beeinflussen sich gegenseitig, was zu einem deutlichen Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen führt [25].
Die Deutsche Adipositasgesellschaft (DAG) klassifiziert Übergewicht und Adipositas so (Tab. 7.2):
Die viszerale Fettmasse, beurteilbar durch den Taillenumfang, sollte möglichst bei allen Personen mit einem BMI ≥ 25,0 kg/m2 gemessen werden, um durch präventive Maßnahmen frühzeitig die Entwicklung eines metabolischen Syndroms zu verhindern: Bereits eine Stagnation der Gewichtszunahme kann dazu beitragen [13].
Besonders im Kindes- und Jugendalter sollte Übergewicht vermieden werden, da die Adipozyten bis zum 20. Lebensjahr angelegt werden und ihre Zahl lebenslang konstant bleibt. Dies erschwert später eine Gewichtsabnahme im Erwachsenenalter [31]. In der Entstehung von Übergewicht und Adipositas werden heute neben genetischen und Umweltfaktoren (s. u.) auch Suchtfaktoren diskutiert.

Studien

Untersuchungen konnten am Tiermodell zeigen, dass die Aufnahme von Fast Food eine vermehrte Produktion der Neurotransmitter Dopamin im Gehirn induziert. Es werden analog zur Wirkung von Kokain D2-Rezeptoren des Belohnungssystems im Gehirn stimuliert. Eine Wiederholung des Experimentes löste einen Gewöhnungseffekt aus [10]. Dieser Aspekt kann evt. künftig in der Therapie von Adipositaspatienten an Bedeutung gewinnen.

In der Pathogenese nimmt die Insulinresistenz eine Schlüsselstellung ein [18, 22, 32]. Bedeutend ist eine genetische Prädisposition, für die Manifestation sind Umweltfaktoren entscheidend. Hierzu gehören chronobiologische und psychosoziale Faktoren – so entstehen Schlafstörungen u. a. durch späte/unregelmäßige Mahlzeiten. Die Melatoninproduktion, die im Normfall ab 19 Uhr einsetzt, wird reduziert und die Schlafqualität nimmt ab [29]. Ferner tragen Distress, mangelnde Vitamin-D-Versorgung, teilweise bedingt durch zu geringe Sonnenlichtexposition, aber auch ein Missverhältnis zwischen körperlicher Aktivität und Energiezufuhr sowie qualitative und quantitative Fehlernährung zur Entstehung des metabolischen Syndroms bei.

Merke

Bei etwa 50 % der Pat. mit metabolischem Syndrom liegt eine gestörte Glucose-Homöostase vor und bei ca. 80 % der Pat. ein Typ-2-Diabetes. Das Risiko für eine KHK und Apoplexie steigt bei metabolischem Syndrom um das Dreifache, jeder Risikofaktor trägt dazu bei.

Laut IDF (International Diabetes Federation) und WHO sollte bei europäischen Männern langfristig ein Bauchumfang von max. 94 cm, bei Frauen von 80 cm angestrebt werden. Wenn zusätzlich mind. zwei der vier genannten Kriterien zutreffen (Tab. 7.3), liegt nach IDF ein metabolisches Syndrom vor [2, 13].
Bei der Behandlung des metabolischen Syndroms steht bei verhaltenstherapeutischer Lebensstilintervention die Ernährungstherapie im Mittelpunkt.
Ordnungstherapie
Elemente der Ordnungstherapie können die Behandlung unterstützen. Hier gilt es besonders, die Lebensrhythmen zu normalisieren. Es lohnt sich z. B., auf eine ausgewogene Schlafhygiene – immerhin klagt etwa ein ⅓ der Bevölkerung über eine unzureichende Schlafqualität – und regelmäßige Mahlzeiten zu achten. So tragen drei Mahlzeiten mit etwa vier Stunden Esspausen sowie eine möglichst frühe Abendmahlzeit (mindestens 3–4 Std. vor dem Schlafengehen) zur Stabilisierung des Körpergewichts sowie zu einer ungestörten Melatoninsynthese und einer guten Schlafqualität bei [29]. Inwiefern ein Schlafdefizit eine Gewichtszunahme induziert, ist unklar. Ein denkbarer Mechanismus ist das Absinken des Leptinspiegels bei gleichzeitigem Anstieg des Ghrelinspiegels und somit eine Förderung des Appetits. Möglicherweise führt das späte Zubettgehen auch dazu, dass mehr gegessen wird [5].
Da auch Stress zu verändertem Essverhalten führen kann, sollte über Perspektiven des Stressabbaus nachgedacht werden. Einen guten Beitrag leisten Freizeitsport und diverse Entspannungstechniken.
Hydro- und Thermotherapie
Hydro- und thermotherapeutische Anwendungen üben Reizwirkungen auf den Organismus aus, er wird zu Reaktionen gezwungen. Hitze, mehr aber noch Kälte, fördert die Stoffwechselaktivität.
Zur Anwendung können kalte Waschungen, Güsse, Leibwickel oder Packungen kommen. Bei ausgeglichenem Wärmehaushalt (warme Füße) sind auch Tauchsitzbäder geeignet. Halb- oder Vollbäder mit Heublumen, Wacholder oder Rosmarin, Moorschwebstoff und Schwefel mit anschließendem Leibwickel sind eine weitere Option. Ein Saunagang pro Woche kann ebenfalls wohltuend sein.
Phytotherapie
Zur Cholesterinsenkung und Gerinnungshemmung können Knoblauchpräparate, z. B. Kwai® N/Kwai forte 300 mg Drg., Sapec® Drg., Anwendung finden [38]. Auch die cholesterinsenkende Wirkung des Artischockenextrakts, z. B. Cynacur® Drg., Cynarix N Drg. konnte belegt werden [14].
Zur Stabilisierung des Glukosestoffwechsels tragen pflanzliche Quellstoffe wie Guarkernmehl, z. B. Guar-Verlan Granulat® sowie Inulin (aus Topinambur oder Löwenzahlwurzel), z. B. Recatol® Algin M Lemon Kautabletten bei [38].
Entwässernd wirkt Brennnessel aufgrund ihres hohen Kaliumgehalts, gut geeignet als Tee.
Bewegungstherapie
Ein wesentliches Element der Therapie ist körperliche Aktivität. Es ist erwiesen, dass regelmäßige körperliche Aktivität nicht nur vielen Erkrankungen vorbeugt (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas, Typ-2-Diabetes, Darmkrebs, Osteoporose, orthopädischen Beschwerden), sondern sie auch deutlich zu lindern vermag.
Angepasst an die individuelle Situation des Patienten sollten folgende Maßnahmen der Bewegungstherapie einbezogen werden: Atem- und Stoffwechselgymnastik unter physiotherapeutischer Anleitung, Radfahren, Gehtraining sowie Traben im Intervall, Nordic Walking, ggfs. Tanzen sowie weitere Sportarten gemäß ärztlicher Empfehlung [9, 40]. Aquafitness, Schwimmen und Wärmeentzug sind als gelenkschonende Maßnahmen ebenfalls sehr geeignet [40].
Massagetherapie
Massagen wirken wohltuend und zum Teil entwässernd oder durchblutungsfördernd – je nach angewandter Methode. Sie werden im Bereich des Rückens und des Thorax und Nackens sowie als Bindegewebsmassagen angewendet [9]. Da Massagen zu einer passiven Therapieeinstellung des Patienten beitragen können, sollten sie möglichst im Zusammenhang mit bewegungstherapeutischen Maßnahmen angeboten werden.
Ernährungstherapie
Der Ernährungstherapie sollte eine gründliche Ernährungsanamnese (5.8) vorausgehen, um die Lebens- und Ernährungssituation zu erfassen. Sehr empfehlenswert ist auch die Ermittlung der Körperzusammensetzung mit der Bio-Impedanz-Methode sowie eine EDV-gestützte Ernährungsanalyse eines Wochenprotokolls (Abb. 7.1). Diese ermöglicht einen guten Eindruck über die Nährstoffversorgung, vorausgesetzt, der Patient wurde eingehend in die Protokollführung eingewiesen und die Protokollphase repräsentiert eine typische Wochensituation des Betroffenen.
Das Ziel der Ernährungstherapie ist neben der anzustrebenden Gewichtsnormalisierung die Optimierung der Nährstoffversorgung und Stoffwechselsituation durch eine nachhaltige Verhaltensänderung unter Berücksichtigung der begleitenden Risikofaktoren und Erkrankungen. Da eine effektive Gewichtsreduktion bei vielen Patienten nicht möglich ist, gilt es in diesen Fällen, den Gesundheitszustand zu verbessern, eine weitere Gewichtszunahme zu verhindern und die kardiovaskulären Risiken zu vermindern. Dies wird erreicht durch:
  • Vermeidung postprandialer Blutzuckerspitzen und somit Reduktion der kompensatorischen Hyperinsulinämie

  • Verminderung oder Beseitigung der Dyslipoproteinämie

  • Senkung erhöhter Blutdruckwerte

Idealerweise sollen langfristig die Normwerte erreicht werden. Selbst wenn nicht alle Risikofaktoren ausgeschaltet werden können, trägt jeder Teilerfolg zu einer deutlichen Minderung des kardiovaskulären Risikos sowie der Mortalität bei. Der einflussreichste Faktor ist die Reduktion des Körpergewichts [13].

Merke

Langfristige Ziele der Ernährungstherapie sind (nach [39]):

  • Blutzuckerwerte nüchtern: < 100 mg/dl (5,5 mmol/l) und postprandial: < 140 mg/dl (7,8 mmol/l)

  • HDL-Cholesterin: > 40 mg% (1,06 mmol/l) für Männer; > 50 mg% (1,32 mmol/l) für Frauen

  • Triglyzeride: < 150 mg% (oder 2,0 mmol/l)

  • Körpergewicht: BMI 18,5–25 kg/m2, Taillenumfang < 80 cm bei Frauen und < 94 cm bei Männern

  • Blutdruck: < 130/85 mm Hg

Gewichtsreduktion
Der Schwerpunkt der Ernährungstherapie liegt in Maßnahmen zur Gewichtsreduktion. Dieser langwierige Prozess verläuft nur dann erfolgreich, wenn die Verhaltensmodifikationen dauerhaft umsetzbar sind und vom Patienten als neue Gewohnheiten übernommen werden. Dies ist nur dann gewährleistet, wenn der Patient den Gewinn an Lebensqualität kontinuierlich wahrnimmt, z. B. die Freude am liebevoll gedeckten Tisch, neu entdeckte Genusserlebnisse, keine Müdigkeit nach den Hauptmahlzeiten und keine Heißhungerattacken.
Ernährungsweise und Essverhalten
Im ersten Schritt sollte der Patient zu einem geregelten Mahlzeitenrhythmus motiviert werden. Chronobiologen bestätigen, dass regelmäßige Mahlzeiten und eine frühe, nicht zu üppige Abendmahlzeit, die mindestens 3–4 Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen wird, zur Gewichtsreduktion beitragen [29].
Energiedefiziente Kost muss nicht zwangsläufig mit Hungergefühl assoziiert sein. Durch Kau- und Sättigungsübungen sowie Genussschulungen lässt sich die Wahrnehmung trainieren. Weiterhin fördern voluminöse, energiearme Mahlzeiten eine nachhaltige Sättigung, da das wesentliche Sättigungssignal durch die Dehnung der Magenwand über Dehnungsrezeptoren induziert wird.

Praxistipp

  • Auf regelmäßige Mahlzeiten achten – 3–5 Mahlzeiten am Tag, abhängig von der individuellen Situation.

  • Esskultur pflegen und auf bewussten Genuss achten.

  • Leichtes Energiedefizit von etwa 500–800 kcal/Tag als Orientierung für entsprechende Kalorienzufuhr wählen.

  • Nach Gewichtsabnahme Gewichtskonstanz anstreben.

Obst und Gemüse
Da die Mehrheit der Bevölkerung zu wenig Obst und Gemüse verzehrt [16], gilt es, Hilfestellung zu einfachen, niederschwelligen Verhaltensänderungen zu geben. Wasserreiches Obst und Gemüse, aber auch mageres Fleisch und halbfette Milchprodukte tragen entscheidend zu einer Senkung der Energiedichte der Nahrung bei. Diese sollte unter 125 kcal/100 g liegen, beträgt in den Industrienationen jedoch zwischen 160 und 180 kcal/100 g Lebensmittel. Mediterrane Speisen weisen neben einem sättigenden Volumen sehr häufig eine niedrige Energiedichte auf [32].
Gemüse und Obst liefern zudem wertvolle, lösliche Ballaststoffe (u. a. Pektin, Pflanzengummis und Inulin), die neben ihrer stuhlregulierenden und gelbildenden Wirkung als Substrat für die physiologische Mikroflora im Darm bedeutend sind. Einige, z. B. Pektin, wirken blutzuckerregulierend. Haferkleie senkt das LDL-Cholesterin. Wasserunlösliche Ballaststoffe, die in Vollkorngetreide, Nüssen und Samen zu finden sind, werden von der Darmflora teilweise zu kurzkettigen Fettsäuren fermentiert. Im Kolon binden sie Gallensäuren und tragen somit indirekt zur Senkung des Cholesterinspiegels bei [20]. Sie erhöhen zudem das Stuhlvolumen.

Praxistipp

  • Anteil pflanzlicher Lebensmittel erhöhen.

  • Lebensmittel wählen, die reich an Mikronährstoffen sind, z. B. buntes Obst und Gemüse, Kräuter, Gewürze.

Steigerung des Vollkornanteils
Relativ leicht umsetzbar ist die sukzessive Steigerung des Vollkornanteils in der Nahrung. Bei vielen Patienten passen sich die Geschmackspräferenzen an. Ferner ist der Austausch fetter Wurst- und Käsesorten gegen mittelfette bis fettarme Produkte und pflanzliche Fettquellen schrittweise realisierbar.

Praxistipp

  • Mindestens 30–40 g Ballaststoffe/Tag zuführen, die Hälfte als wasserlösliche Ballaststoffe (Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Saaten, Gemüse, Obst).

  • Senkung der glykämischen Last (Produkt aus glykämischem Index und der KH-Menge in 100 g bzw. der verzehrten Portion) anstreben.

Fette
Wertvolle Fette liefern Nüsse und Saaten, die ein vegetarisches Gericht ernährungsphysiologisch und geschmacklich aufwerten. Einige Untersuchungen zeigen günstige Effekte einer mediterranen Kost in Verbindung mit dem täglichen Verzehr von Nüssen [27]. Der hohe Gehalt an Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen trägt ferner zu einer Prophylaxe gegen Arteriosklerose bei [7].

Praxistipp

  • Je nach zusätzlichen Risikofaktoren Fettmodifikation vornehmen: weniger gesättigte Fettsäuren zugunsten einfach und mehrfach ungesättigter Fettsäuren, insbesondere Omega-3-Fettsäuren, z. B. durch 2 Portionen fetten Seefisch pro Woche, möglichst mit MSC-Siegel (Marine Stewardship Council).

  • Nahrungscholesterin sollte maximal 300 mg/Tag betragen, bei erhöhtem LDL-Cholesterin sollte je nach Compliance eine Cholesterinzufuhr von maximal 200 mg/Tag angestrebt werden.

  • 40–55 % der Nahrungsenergie sollte aus Kohlenhydraten bestehen, möglichst mit niedrigem glykämischem Index.

Meiden niedrigmolekularer Kohlenhydrate
Saccharose und andere niedermolekulare Kohlenhydrate werden häufig über Getränke (z. B. Limonaden, Fruchtsaftgetränke, Nektare, „Eistee“) aufgenommen. Immerhin beträgt der Anteil dieser Lebensmittelgruppe mehr als 10 % der täglichen Kohlenhydratzufuhr. Daher sollte der Patient an ernährungsphysiologisch geeignete und geschmackvolle Alternativen herangeführt werden. So werden überflüssige Insulinsekretionen mit nachfolgenden Hungerattacken vermieden.

Praxistipp

  • Zufuhr niedermolekularer Zucker und Süßigkeiten begrenzen (maximal 10 % der Tagesenergie), stattdessen Kohlenhydrate mit niedrigem glykämischen Index bevorzugen.

  • Fructose nicht als Zuckeraustauschstoff verwenden, da sie das LDL-Cholesterin sowie die Serum-Triglyzeride ansteigen lässt [40].

Weitere Maßnahmen
Dem Patienten sind zudem folgende Empfehlungen zu geben:
  • Alkoholzufuhr begrenzen – Frauen maximal 10 g/Tag, Männer 20 g/Tag.

  • Bei Hypertonie maximal 6 g Kochsalz am Tag verwenden, ggfs. durch Kaliumsalz ersetzen (Kalium wirkt blutdrucksenkend), statt Salz Gewürze und Kräuter bevorzugen.

  • Reichlich Gemüse und Obst zuführen – sie sind kaliumreich.

  • Bohnenkaffee in Maßen genießen.

Heilfasten
Zu Beginn einer ernährungstherapeutischen Maßnahme kann eine mindestens einwöchige Fastenkur oder eine 3–4-wöchige Kur nach F. X.-Mayr, jeweils unter fachlicher Betreuung und nach Ausschluss möglicher Kontraindikationen, sehr hilfreich sein. Abgesehen von ihren Stoffwechselwirkungen schulen diese Methoden den Geruchs- und Geschmackssinn und justieren das natürliche Sättigungsgefühl nach den Mahlzeiten (5.10).
Gut geeignet sind auch regelmäßige „Schalttage“ als Obst- oder Rohkosttage, insbesondere für Patienten, die nicht zugänglich für das Fasten sind. Rohkosttage ohne Obst sind auch beim Diabetiker möglich, beim insulinpflichtigen Patienten muss die Insulindosis angepasst werden. Als Getränke werden Sulfatwässer und Brennnesseltee empfohlen [9].

Cave

  • Bei Hyperurikämie und Gicht ist Fasten kontraindiziert!

  • Für Diabetiker sind Obsttage nicht geeignet, wohl aber Rohkosttage!

Studien

In den letzten Jahren verdichtet sich die wissenschaftliche Diskussion zunehmend dahin, dass die Reduktion der täglichen Kohlenhydratzufuhr ernährungsphysiologisch förderlich sein könnte. Ein Argument der Autoren ist, dass der Kohlenhydratbedarf des modernen Menschen mit einem eher bewegungsarmen Lebensstil gegenüber früheren Generationen, die von körperlicher Arbeit geprägt waren, gesunken ist [41]. Durch Kostformen mit geringer glykämischer Last können die postprandialen Glucose- und Insulinantworten sowie die Nüchternkonzentration von IGF-1 (Insulin-like growth factor) deutlich gesenkt werden [26]. Insbesondere auf die Risikofaktoren des metabolischen Syndroms scheint eine kohlenhydratreduzierte Kostform einen günstigen Einfluss auszuüben, wie aktuelle Metaanalysen zeigen [28].

Ein zweiter Ansatz ist die Erhöhung des Proteinanteils auf 20–30 Energie-% in Verbindung mit einer Kohlenhydrat- oder Fettreduktion. Ein Argument für einen höheren Proteinanteil ist der gute Sättigungseffekt von Nahrungsprotein [1, 34]. Auch wenn eine Kost mit maximal 35 Energie-% für den gesunden Menschen wahrscheinlich unproblematisch ist, muss die Verträglichkeit bei Patienten mit metabolischem Syndrom überprüft werden.

Hier werden langfristige Beobachtungen zeigen müssen, ob diese Konzepte nachhaltig wirksam und langfristig umsetzbar sind sowie herkömmlichen Ernährungskonzepten überlegen sind.

Erweiterte Naturheilverfahren
  • Ab- und ausleitende Verfahren: Gute Erfolge können bei plethorischer Veranlagung durch kleine Aderlässe erzielt werden, gegebenenfalls unter zusätzlicher Gabe von Basentherapeutika [9, 12].

  • Mikrobiologische Therapie: Ob eine mikrobiologische Therapie zur Behandlung des metabolischen Syndroms effizient ist, lässt sich anhand der aktuellen Datenlage noch nicht beurteilen. Zum einen liefern einige Studien Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Mikrobiom und einer vorliegenden Adipositas bzw. eines metabolischen Syndroms, andererseits ist eine Modifikation der Florazusammensetzung durch den gezielten Einsatz von Probiotika sehr begrenzt, wogegen Präbiotika bzw. Ballaststoffe die Stoffwechselaktivität der residenten Flora deutlich beeinflussen [30, 36].

Diabetes mellitus

Die Prävalenz manifester Diabetiker ist altersabhängig und steigt mit zunehmendem Lebensalter auf ca. 20 % bei über 70-Jährigen. 90 % davon sind Typ-2-Diabetiker, die Ursachen sind Überernährung und Bewegungsmangel.
Dem Diabetes mellitus liegt entweder eine Störung der Insulinwirkung, der Insulinsekretion oder eine Kombination beider Phänomene zugrunde. Ursache des Typ-1-Diabetes ist eine Destruktion der β-Zellen des endokrinen Pankreas, die immunologisch oder – in Europa selten – idiopathisch bedingt ist. Der Typ-2-Diabetes ist bedingt durch folgende drei Faktoren: Insulinresistenz, sekretorischer Defekt der β-Zellen, fortschreitende Apoptose der β-Zellen.
Wichtige Bestandteile der Therapie des Diabetikers sind die Förderung der Selbstverantwortung („Empowerment“), Schulungen in praktischer und individueller Diätetik sowie eine Unterstützung zur langfristigen Umsetzung der Ernährungsmaßnahmen [33]. Während beim Typ-1-Diabetes sowie bei der MODY-Form eine Insulintherapie erforderlich ist, wird diese beim Typ-2-Diabetes erst nach Erschöpfung der Insulinreserve notwendig. Hier gilt es, im Sinn des ordnungstherapeutischen Prinzips die Lebensstilfaktoren zu korrigieren.
Ordnungstherapie
Es sollte auf die Regelmäßigkeit der Nahrungszufuhr geachtet werden, um starke Hyper- oder Hypoglykämien zu vermeiden. Evtl. müssen kleine Zwischenmahlzeiten angeordnet werden.
Der Typ-2-Diabetiker profitiert besonders von körperlicher Aktivität, da sie sich positiv auf die Insulinsensitivität, die insulinunabhängige Glukoseaufnahme und die glykämische Kontrolle auswirkt. Jede Muskelkontraktion fördert die Glukoseaufnahme in die Muskelzellen [19]. Bei der Sportausübung muss unbedingt auf Hypoglykämien geachtet werden. Bei Durchblutungsstörungen bietet sich Intervalltraining an. Die Serumtriglyzeride können beim Diabetiker durch moderates Ausdauertraining gesenkt werden. Das Ausmaß des Effektes hängt von der Reduktion des Taillenumfangs ab [19].
Hydro- und Thermotherapie
Zur Unterstützung der Immunfunktion sind tägliche Wechselduschen zu empfehlen [8]. Warme Bäder mit Heublumen- oder Fichtennadelzusätzen wirken stoffwechselaktivierend. Bei peripheren Durchblutungsstörungen infolge von Makro- und Mikroangiopathien kommen temperaturansteigende Arm- und Fußbäder sowie Leibwickel zur Anwendung.
Phytotherapie
Zur Resorptionsverzögerung und Vermeidung postprandialer Blutzuckerspitzen kann Weizenkleie oder Leinsamen empfohlen werden [9].

Praxistipp

  • Die Dosierung der Weizenkleie sollte individuell so eingestellt werden, dass ein geformter, weicher Stuhlgang erreicht wird:

    • Weizenkleie in der Regel tgl. 1–3 × 1–3 EL mit reichlich Flüssigkeit einnehmen.

    • Leinsamen (1–2 EL) haben ebenfalls einen quellenden Effekt im Darm und tragen durch ihren Schleim zur besseren Gleitfähigkeit des Stuhlgangs bei.

    • Der übergewichtige Patient sollte die ungeschroteten Körner bevorzugen, dass das hochkalorische Öl nicht resorbiert wird.

  • Ein guter Stimulus des gastrokolischen Reflexes ist ein Glas kaltes Wasser vor dem Aufstehen (schluckweise getrunken) [20].

  • Resorptionsverzögernd wirkt ebenfalls als traditionelles Arzneimittel der sog. Diabetiker-Tee (aa. ad 200,0 g) aus Heidelbeerblättern (Myrtilli folia), Bohnenhülsen (Phaseoli pericarpium), Geißrautenkraut- und -samen (Galegae herba, Galegae semen) sowie aus Pfefferminzblättern (Menthae piperitae folium).

Phytotherapeutische Zubereitungen aus pflanzlichen Polysacchariden und Quellstoffen können unterstützend zu den diätetischen Maßnahmen eingesetzt werden. Sie helfen durch die verzögerte Resorption der Kohlenhydrate, postprandiale Hyperglykämien zu vermeiden. Zur Anwendung kommen Zubereitungen aus Guarkernmehl [38], z. B. Guar Verlan®, Figur-Verlan® sowie Zubereitungen aus Alginsäure, z. B. Recatol® Algin M. sowie Inulinpräparate (s. o.).
Versuchsweise können pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel eingesetzt werden, um den Blutzucker zu senken: chinesische Zimtrinde, z. B. Diabetruw®/plus Kps. und der Extrakt aus der Copalchi-Rinde, z. B. Sucontral®, tgl. 3 × 30 Tr., Sucontral® D, tgl. 2 × 1 Drg. Zur Cholesterinsenkung eignet sich Artischockenextrakt über 6–8 Wochen [38].
Als natürliches Süßungsmittel ist das südamerikanische Süßkraut Stevia (stevia rebaudiana) geeignet.
Massagetherapie
Bei Meteorismus und Obstipation sind Kolonbehandlungen entlastend.
Ernährungstherapie
Die Hauptnährstoffe sollten sich wie folgt zusammensetzen (nach [33]):
  • Bei Patienten (insbesondere Typ-1-Diabetiker) mit einer manifesten Nephropathie muss das Nahrungsprotein auf 0,8 g/kg Sollgewicht beschränkt werden.

  • Gesättigte und trans-ungesättigte Fettsäuren sollten < 10 % der Nahrungsenergie (< 8 % bei erhöhtem LDL-Cholesterin) ausmachen.

  • Die Menge an Kohlenhydraten sollte 45–60 % der Nahrungsenergie je nach HBA1C und Serumlipiden betragen.

  • Saccharose und andere Mono- und Disaccharide: maximal 50 g/Tag

Fettstoffwechselstörungen

Während die primären Fettstoffwechselstörungen genetisch bedingt sind, treten die sekundären Formen als Folge verschiedener Erkrankungen oder nach Einnahme bestimmter Medikamente auf. Je nach der Art und der Höhe der Lipidfraktionen können Hyperlipidämien unterschiedliche Folgekrankheiten, insbesondere kardiovaskuläre Erkrankungen hervorrufen. Die häufigste Mischform der Hyperlipidämie dürfte im Zusammenhang eines metabolischen Syndroms auftreten.
In den westlichen Industrienationen liegen bei mehr als 50 % der über 40-Jährigen erhöhte Cholesterinwerte (> 200 mg/dl) vor. Auch Hypertriglyzeridämien werden häufig beobachtet. Die Behandlungsziele sind durch die Risikostratifizierung des Adult Treatment Panels (ATP III) festgelegt. Insbesondere Fettstoffwechselstörungen, die im Rahmen eines metabolischen Syndroms auftreten, sind grundsätzlich gut zu behandeln. Bei bereits bestehender Arteriosklerose muss aggressiv therapiert werden, um das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko zu senken.
Etwa 4–8 Wochen nach Beginn der Ernährungstherapie sollten die Lipide im Serum kontrolliert werden, um ggf. mit einer medikamentösen Therapie die Therapieziele erreichen zu können.
Ordnungstherapie
Im Zentrum stehen die Maßnahmen der Ordnungstherapie. Bei Rauchern ist eine Entwöhnung anzuraten, um das zusätzliche kardiovaskuläre Risiko zu senken. Weiterhin empfiehlt sich eine weitestgehende bis absolute Alkoholkarenz, insbesondere bei erhöhten Triglyzeriden.
Hydrotherapie
Zur Anwendung kommen feuchtkalte Leibwickel, Packungen, Heublumensack sowie ein Saunagang pro Woche, um die Durchblutung zu fördern. Die hydrotherapeutischen Maßnahmen – Waschungen, Güsse und Teilbäder bis hin zu Halb- oder Vollbädern – können durch die Zugabe von stoffwechselanregenden Kräutern (z. B. Latschenkiefernadeln, Kalmus, Heublumen) gesteigert werden.
Wechselbäder (als Arm-, Fuß- oder Sitzbäder) trainieren das Herz-Kreislauf-System. Durch ein temperaturansteigendes Bad können über eine allmähliche Gefäßerweiterung in der Haut eine Entlastung des Herzens und somit eine Blutdrucksenkung erreicht werden [8].
Phytotherapie
Neben Knoblauch (z. B. Kwai® N oder Kwai forte 300 mg Dragees) und Artischockenblättern (z. B. in Cholagogum Artischocke Kapseln oder Liquidum, Hepar SL® forte Kapseln oder/-forte 600 überzogene Tbl.), können Polyphenole, z. B. Resveratrol zur Anwendung kommen [38]. Durch die Förderung der Galleproduktion und -sekretion bewirken sie eine Senkung der Cholesterin- und Triglyzeridwerte. Polyphenole bzw. Resveratrol sind beispielsweise im Kombipräparat TUIM® arteria Kapseln enthalten, das als Nahrungsergänzung erhältlich ist. Es hat neben dem günstigen Effekt auf die Blutfettwerte eine gefäßschützende Wirkung.
Weizen- und insbesondere Haferkleie tragen durch die Bindung von Gallensäuren zur erfolgreichen Therapie bei.
Bewegungstherapie
Moderates, intensives Ausdauertraining (z. B. mind. 3 ×/Woche 30 Min. Radfahren, Walking, forciertes Spazierengehen) wirkt sich positiv auf das Plasmalipidprofil aus. Die Serumtriglyzeride lassen sich um 11–21 % reduzieren. Die LDL-Fraktion sowie das Gesamtcholesterin sinken in Abhängigkeit von der Gewichtsabnahme. Ein HDL-Anstieg kann durch 25–30 km Walking pro Woche, unabhängig von der Intensität, erreicht werden [19, 37].
Ernährungstherapie
Die Ernährung muss je nach Ausprägungsform der Störung angepasst werden. Generell gilt, eine Gewichtsnormalisierung anzustreben bzw. bei normalgewichtigen Patienten auf eine bedarfsgerechte Energiezufuhr zu achten. Bei allen Fettstoffwechselstörungen ist eine seefischhaltige mediterrane Kost günstig.

Praxistipp

  • Getreideprodukte bevorzugt aus Hafer wählen, Müsli oder Joghurt mit Haferkleie anreichern.

  • Maximal 2–3 Eidotter pro Woche verwenden. Beim Backen Vollei zum Teil durch Eiklar ersetzen.

  • Filterkaffee bevorzugen statt ungefilterten oder aufgekochten Kaffee – der Papierfilter hält die LDL-erhöhenden Kaffeeöle zurück.

  • Gehärtete Fette (Margarine, Fertigprodukte) meiden, stattdessen Raps-, Walnuss- und Olivenöl einsetzen.

  • Gemüse- und Kartoffelportionen zulasten von Fleisch vergrößern.

  • Regelmäßig Lachs, Thunfisch, Makrele oder Hering (mit MSC-Siegel) verzehren.

  • Sulfatwässer können unterstützend wirken [9].

Hypercholesterinämie
Bei Hypercholesterinämie sollte der Fettanteil auf höchstens 25–30 % Energie beschränkt werden. Folgende Verteilung wird empfohlen:
  • max. 7–10 % der Energie gesättigte Fettsäuren

  • mind. 10–15 % der Energie einfach ungesättigte Fettsäuren, z. B. aus Olivenöl

  • sowie max. 7–8 % der Energie mehrfach ungesättigte Fettsäuren, z. B. aus Raps- oder Leinöl

Der Cholesteringehalt sollte möglichst unter 300 mg am Tag liegen.
Die Kost sollte ballaststoffreich sein (idealerweise 40–50 g) und reichlich lösliche Ballaststoffe, z. B. Guar, Pektin, Hafer, Hülsenfrüchte enthalten.

Cave

Bei begleitender Hyperurikämie sollte weitestgehend auf Hülsenfrüchte verzichtet werden.

Der Anteil der Mono- und Disaccharide wie z. B. Glukose und Saccharose sollte weniger als 10 % der Energie betragen.
Führen die Ernährungsumstellungen nicht zum gewünschten Erfolg, können die Zufuhr von Cholesterin sowie gesättigten Fettsäuren weiter gesenkt werden – je nach Compliance des Patienten.

Praxistipp

Die diätetischen Vorgaben können komfortabel mit einer professionellen Ernährungssoftware in konkrete Empfehlungen umgesetzt werden. Auch für das Monitoring im Rahmen der langfristigen Betreuung ist die softwaregestützte Methode gut geeignet.

Hypertriglyzeridämie
Bei einer Hypertriglyzeridämie wird eine weitere Fettmodifikation zulasten der gesättigten Fettsäuren vorgenommen:
  • Fettreduktion auf maximal 25 % Energie

  • maximal 7 % der Energie gesättigte Fettsäuren

  • mindestens 10–15 % der Energie einfach ungesättigte Fettsäuren (z. B. aus Olivenöl)

  • maximal 7–8 % der Energie mehrfach ungesättigte Fettsäuren, ggfs. Omega-3-Fettsäuren supplementieren

Weiterhin sollten leicht resorbierbare Mono- und Disaccharide noch mehr limitiert werden, ebenso Zuckeraustauschstoffe wie Fruktose, Sorbit, Maltit und andere Zuckeralkohole. Es empfiehlt sich ferner eine Alkoholabstinenz.
Kombinierte Hyperlipidämien
Die Maßnahmen der Fettmodifikation entsprechen denen der Hypertriglyzeridämie (s. o.). Zudem gelten folgende Empfehlungen:
  • ballaststoffreiche Kost mit mehr als 30 g/Tag bis zu 50 g (bei guter Compliance)

  • Cholesterinzufuhr sollte weniger als 300 mg/Tag, Saccharose nicht mehr als 10 % der Energie betragen

  • Alkoholabstinenz

Hyperurikämie und Gicht

Eine Hyperurikämie ist definiert als eine Serumkonzentration von >6,4 mg/dl Harnsäure bei 37 °C und einem pH von 7,4. Etwa 20 % der Männer haben in den Industrieländern eine Hyperurikämie, während die Prävalenz bei Frauen erst nach der Menopause ansteigt. Die Gicht ist eine Purinstoffwechselstörung mit einer Prävalenz von 1–2 %. Betroffen sind v. a. Männer zwischen 40 und 60 Jahren, wobei neben der Disposition Übergewicht, purinreiche Kost und Alkohol eine Rolle spielen. Klinisch manifestiert sich die Gicht durch eine Arthritis urica, Uratnephropathie und Nephrolithiasis. Mit zunehmender Höhe der Serumharnsäure steigt das Risiko eines Gichtanfalls sowie der Nierensteingenese. Sehr häufig tritt Gicht im Zusammenhang mit dem metabolischen Syndrom auf.
Die Therapieziele sind eine Normalisierung des Harnsäuretiters sowie bei Vorliegen von Übergewicht bzw. Adipositas eine Gewichtsreduktion, im Idealfall bis zum Normalgewicht. Stets muss auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mind. 1,5–2 l/Tag) zur Diurese geachtet werden. Dies gilt besonders bei Patienten, die gleichzeitig unter Zytostatikatherapie stehen.
Ordnungstherapie
Zu empfehlen ist eine konsequente Lebensstiländerung mit Ernährungsumstellung, Verzicht auf Alkohol und regelmäßige Bewegung.
Hydro- und Thermotherapie
Im Anfall können kalte Quarkauflagen mehrmals bis zur Schmerzlinderung empfohlen werden. Beim Gichtanfall sind ebenfalls kalte Güsse, Kompressen und Auflagen oder Wickel lindernd. Wärme sollte vermieden werden.
Im symptomfreien Intervall kommen aufbauende hydrotherapeutische Maßnahmen zur Anwendung, d. h. beginnend mit Waschungen und Güssen und nachfolgenden Halbbädern bis hin zu Vollbädern mit Kräuterzusätzen und einmal wöchentlich Sauna.
Phytotherapie
Im Anfall können standardisierte Präparate der Herbstzeitlose gegeben werden, z. B. Colchystat Bürger Lsg., entsprechend 1 mg Colchicin p. o., dann bis zur Besserung alle 1–2 Std. weiter 0,5–1 mg, wobei 8–10 mg Tagesdosis nicht überschritten werden sollten. Als Dauermedikation sind sie aufgrund der Nebenwirkungen nicht geeignet. Präventiv, d. h. harntreibend und antibakteriell wirken Teezubereitungen aus Brennnessel- und Birkenblättern, aber auch Zinnkraut.
Bewegungstherapie
Körperliche Aktivität trägt nicht nur zur Gewichtsreduktion bei, sie verbessert auch eine eventuell vorhandene Schmerzsymptomatik. Daher empfiehlt sich regelmäßiges Ausdauertraining mit einer Dauer von jeweils mindestens 30 Min.
Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie verfolgt neben der Gewichtsreduktion und ggfs. der Normalisierung weiterer metabolischer Entgleisungen (siehe metabolisches Syndrom) eine Senkung des Puringehalts in der Nahrung zunächst durch eine streng purinarme Kost mit < 300 mg Purin/Tag, später eine purinarme Dauerkost mit maximal 500 mg Purin/Tag. Dies wird erreicht durch eine fleischarme (möglichst nur eine Fleischportion von ca. 100 g/Woche) oder laktovegetabile, basenreiche Kost.
Meeresfrüchte, Sardinen, Innereien, Fleischextrakt und Hefeextrakt sollten gemieden werden.
  • Wenn Geflügel verzehrt wird, sollte die Haut verworfen werden.

  • Hülsenfrüchte sollen sparsam verwendet werden.

  • Obst und Gemüse sind reichlich zu verzehren, wobei auch hier einige purinreiche Sorten nicht in größeren Portionen verzehrt werden sollten. Dazu gehören u. a. Pilze, Artischocken, Brokkoli, Gemüsemais, Rosenkohl, Sauerampfer, Spinat und Schwarzwurzeln.

  • Alkohol muss aufgrund seiner ungünstigen Wirkungen auf den Harnsäurestoffwechsel stark eingeschränkt werden. Er hemmt durch eine vorübergehende Laktatazidose die Harnsäureausscheidung und fördert zusätzlich die Harnsäureproduktion. Bier ist zudem purinhaltig [11].

  • Ferner können alkalisierende Mineralwässer, z. B. Kalzium-Magnesium-Hydrogenkarbonatwasser, zu einer verbesserten Löslichkeit der Harnsäure beitragen.

Erweiterte Naturheilverfahren
Bei erhöhten Hämatokritwerten, die bei Patienten mit Hyperurikämie und/oder Gicht nicht selten beobachtet werden, können auch wiederholt kleine Aderlässe empfohlen werden.

Hypo- und Hyperthyreose

Für eine ausreichende Schilddrüsenfunktion ist eine tägliche Jodzufuhr von etwa 200 μg erforderlich. Dies ist durch die durchschnittliche Ernährung nicht erreichbar, denn Deutschland ist seit vielen Jahren ein Jodmangelgebiet mit regional unterschiedlicher Strumaprävalenz. Beim Erwachsenen kann mit einem täglichen Joddefizit von etwa 120–150 μg gerechnet werden. Bei einem latenten Jodmangel kommt es kompensatorisch zu einer Gewebsproliferation mit nachfolgender Hyperplasie und Hypertrophie. Persistiert der Mangel, entstehen funktionslose Adenome, sog. „kalte Knoten“. Im dauerhaft anhaltenden Mangelzustand können sich aus autonomen Schilddrüsenzellen „heiße Knoten“ bilden, die unkontrolliert Thyroxin bilden und die häufigste Ursache der Hyperthyreose darstellen. Seltener ist die immunogene Hyperthyreose (Morbus Basedow). Strumen entwickeln sich häufig im Kinder- und Jugendalter sowie in der Schwangerschaft und Stillzeit [11].
Die Hypothyreose ist entweder bedingt durch Schilddrüsendysplasie, Athyreose oder genetische Defekte angeboren (bei 1 : 5.000 Neugeborenen) oder erworben. Die meisten erworbenen Fälle sind autoimmun bedingt und möglicherweise zum Teil genetisch determiniert (Hashimoto-Thyreoiditis), seltener sekundär oder tertiär entstanden [23].
Ordnungstherapie
Ordnungstherapeutische Maßnahmen mit dem Ziel der Ruhigstellung beim hyperthyreoten Patienten sind die Nikotinabstinenz sowie eine weitestgehende Regelung des Tagesablaufs und die Vermeidung von Überanstrengung.
Hydro- und Thermotherapie
Um die Stoffwechselaktivität in der Schilddrüse bei Hyperthyreose zu senken, sollen begleitend zur thyreostatischen Therapie kalte Halswickel z. B. mit Quark oder Lehm 1–2 ×/tgl. angelegt werden. Auch Halswickel mit Kohlblättern haben sich bewährt. Nach Abklingen der akuten Symptomatik können kalte Teilwaschungen, Teilgüsse sowie wechselwarme Fußbäder verordnet werden. Im späteren Therapieverlauf bieten sich beruhigende, mildwarme Halb- oder Dreiviertelbäder mit Extrakten aus Melisse, Baldrian, Hopfen und Lavendel bei Gewährleistung der Ruhezeit nach dem Bad an. Ferner werden Luftbäder empfohlen [9].
Phytotherapie
Geeignete Phytotherapeutika sind Wolfstrappkraut z. B. Thyreogutt mono, tgl. 3 × 1 Tbl, zur allgemeinen Beruhigung können auch Präparate aus Passionsblumenkraut, z. B. Hoggar® Balance 425 mg überzogene Tabletten oder Passiflora Curarina® Tropfen verabreicht werden, evtl. zusammen mit Zubereitungen aus Baldrian, Melisse und Hopfen [38]. Bei Palpitationen kann ein Tee aus Herzgespannkraut (Leonurus cardiaca) hilfreich sein.
Bewegungstherapie
Unterstützend können Atemübungen und leichte Gymnastik eingesetzt werden, die zu Beginn eine physiotherapeutische Anleitung erfordern. Entspannungsübungen, Wandern, Schwimmen und Ruhepausen bieten sich ebenfalls an.
Ernährungstherapie
Um dem alimentären Jodmangel und somit den meisten Erkrankungen der Schilddrüse vorzubeugen, empfiehlt sich ein zweimaliger Seefischverzehr pro Woche sowie die Verwendung von jodiertem Salz. Es sind weder Nebenwirkungen durch Jodsalz zu erwarten noch werden durch dessen Gebrauch Schilddrüsenerkrankungen induziert oder der Verlauf bestehender Erkrankungen verschlechtert. Eine Überdosierung wird bei einem Jodgehalt von 20 mg/kg Kochsalz nicht erreicht, es sei denn, die Ernährungsweise ist extrem einseitig und salzreich [11, 23].
Bei Hyperthyreose empfiehlt sich zusätzlich der sparsame Umgang mit Bohnenkaffee, schwarzem Tee und Alkohol, um keine sympathikotone Stoffwechsellage zu provozieren.

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Gynäkologische Erkrankungen und Geburtshilfe

Cornelia von Hagens

gynäkologische ErkrankungenGeburtshilfeFrauenärztinnen und -ärzte behandeln die organbezogenen Erkrankungen des Fachgebiets sowie Beschwerden während der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbetts. Sie betreuen zudem als „Hausärzte der Frauen“ Patientinnen jeden Alters bei Störungen des Befindens sowie zur Prävention. Da Frauen Naturheilverfahren gegenüber besonders aufgeschlossen sind und häufig den Wunsch haben, Naturheilverfahren oder auch komplementäre Verfahren ergänzend sowie bei leichteren Erkrankungen oder zur Prävention auch als alleinige Behandlung anzuwenden, sollten moderne Frauenärztinnen und -ärzte über Kenntnisse zu den Möglichkeiten und Grenzen von Naturheilverfahren und den wichtigsten Verfahren der Komplementärmedizin verfügen.

Prämenstruelles Syndrom (PMS)

prämenstruelles Syndrom (PMS)Bis zu 80 % der Frauen leiden einige Tage vor der Menstruation unter typischen physischen und/oder psychischen Symptomen, die als prämenstruelles Syndrom (PMS) bezeichnet werden. Die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS), die als schwere Form des PMS betrachtet wird, findet sich bei 5–8 % der Frauen und kann das Berufsleben, den Tagesablauf und das Familienleben beeinträchtigen. Durch das Führen eines Patiententagebuchs über 2–3 Monate kann die Verdachtsdiagnose bestätigt werden.
Eine umfassende Anamnese sowie verständliche Informationen über das Krankheitsbild und die unterschiedlichen Behandlungsoptionen sind beim Umgang mit den Symptomen bereits hilfreich und die Grundlage für die Entscheidung für eine in der jeweiligen Lebenssituation geeigneten Therapie.
Ernährungs-, Bewegungs- und Ordnungstherapie
Eine vielseitige, bedarfsgerechte vorwiegend pflanzliche Kost, ausreichende körperliche Aktivität (Minimum: 2–3 × /Woche je 20–30 Min.), regelmäßiger Schlaf und Stressreduktion als Bestandteile der Ordnungstherapie haben einen günstigen Einfluss auf die Symptomatik und sind daher immer empfehlenswert.
Phytotherapie
Placebokontrollierte Studien an chinesischen [1, 2] und deutschen [3] Frauen mit PMS zeigten einen Vorteil für die Anwendung von Mönchspfeffer/Vitus agnus castus (Agnucaston® [4,0 mg Trockenextrakt, entsprechend 40 mg Droge], Premens [20 mg Trockenextrakt]). Die Kombination von Johanniskraut und Vitex agnus-castus führte bei einer Subgruppe von 14 perimenopausalen Frauen mit klimakterischen Beschwerden zu einer Besserung des PMS [4]. Auch ein Trockenextrakt aus Johanniskraut (2 × 450 mg) war bei der Behandlung des PMS dem Placebo überlegen [5].
Ein pollenbasiertes Produkt (Femal) besserte bei norwegischen Frauen prämenstruelle Schlafstörungen und Reizbarkeit im Vergleich zu Placebo [6].
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Mikronährstoffmedizin: Kalzium [7, 8] und Magnesium [9–11] zeigten in placebokontrollierten Studien eine Wirksamkeit beim PMS [12].

  • Für die Einnahme von Vitamin B6 (Pyridoxin), bis zu 100 mg/Tag fanden sich in kontrollierten Studien Hinweise auf eine Wirksamkeit beim PMS [13], die in weiteren Studien bestätigt wurde:

    • In einer Studie an 60 Frauen mit PMS, die über 3 Monate 100 mg/d Pyridoxin oder 2 × 2,5 mg/d Bromocriptin oder 100 mg/d Eisensulfat (Kontrolle) erhielten, kam es zu einer signifikanten Reduktion der Symptome im Vergleich zur Kontrollgruppe. Bei Pyridoxin war die Ansprechrate höher und es gab weniger Nebenwirkungen als bei Bromocriptin [14].

    • In einer placebokontrollierten Studie an 160 Teilnehmerinnen kam es bei 94 auswertbaren Patientinnen zu einer signifikanten Reduktion der Beschwerden unter 80 mg Pyridoxin und unter Placebo. Die Reduktion des psychischen und des Gesamtbeschwerdescores war jedoch bei Pyridoxin signifikant deutlicher [15].

  • Akupunktur: Akupunktur scheint bei PMS eine vielversprechende Therapie zu sein. Die Datenlage sollte jedoch durch methodisch saubere Studien verbessert werden [16, 17].

Dysmenorrhö

Regelschmerzen sind therapiebedürftig, wenn sie die Lebensqualität und die Arbeitsfähigkeit betroffener Frauen stark beeinträchtigen. Die sekundäre Dysmenorrhö bei vorher symptomfreien Frauen ist ein häufiges Symptom der Endometriose, bei der sich auch außerhalb des Cavum uteri endometriales Gewebe findet. Dieses unterliegt ebenfalls zyklischen Veränderungen, was die Bildung von Zysten und Adhäsionen zur Folge hat. Bei der Endometriose können zusätzlich zu den typischen Symptomen Dyspareunie sowie Sterilität und Blutungsstörungen auftreten.
Sowohl bei leichteren, als normal angesehenen Schmerzen, als auch vor der Inanspruchnahme ärztlicher Behandlung werden häufig zunächst traditionelle therapeutische Möglichkeiten zur Selbstbehandlung der Dysmenorrhö eingesetzt.
Ordnungstherapie
Das regelmäßige Praktizieren von Entspannungsverfahren kann hilfreich sein. Bei chronischem Verlauf der Endometriose kann eine Stabilisierungskur mit Integration verschiedener Verfahren (Information, Beratung und psychologische Therapie, Physio- und Balneotherapie, Schmerztherapie mit Integration komplementärmedizinischer Verfahren) in einer spezialisierten Rehabilitationsklinik erwogen werden.
Balneotherapie
Ein ansteigendes Fußbad (1–3 ×/Tag) mit anschließender Ruhezeit von 15–30 Min. wirkt spasmolytisch, analgetisch und entspannend.
Phytotherapie
Geeignete und häufig angewendete pflanzliche Spasmolytika Spasmolytikasind Kamillenblüten, Schafgarbenkraut und Schafgarbenblüten. Sie können als Tee getrunken, als Zusätze für feuchte Unterleibswickel oder für Sitzbäder (Dosierungsempfehlung des Herstellers beachten) verwendet oder als ätherische Öle (Aromatherapie) als Bestandteile von Auflagen, Packungen oder zur Massage von Unterbauch und Kreuzregion (Menstruationsöle, Fertigpräparate oder individuelle Mischungen) angewendet werden.
Ernährungstherapie
Da epidemiologische Studien bei niedriger Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren und ballaststoffarmer Ernährung eine größere Wahrscheinlichkeit von Dysmenorrhö zeigten, der Verzehr von Transfetten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von Endometriose assoziiert ist (18) und die Langzeitexposition mit Schadstoffen im Tierversuch eine Endometriose hervorrufen kann, wird eine vielseitige ballaststoffreiche Ernährung mit reichlicher Aufnahme von ungesättigten Fettsäuren und Meidung von Transfetten und Zusatzstoffen empfohlen.
Erweiterte Naturheilverfahren und komplementärmedizinische Therapieverfahren
  • Mikronährstoffmedizin:

    • Die Gabe von 100 mg/d Vitamin B1 war bei primärer Dysmenorrhö effektiv [19, 20].

    • Auch die Einnahme von Magnesium erscheint vielversprechend und sollte weiter untersucht werden, da in den bisher vorhandenen, kleineren Studien Dosis, Dauer und Häufigkeit der Anwendung nicht vergleichbar waren [20].

    • Vitamin E (2 × 200 IU/d) führte in einer placebokontrollierten Studie zur Besserung der Beschwerden bei primärer Dysmenorrhö [21].

  • Akupunktur: Systematische Übersichtsarbeiten zeigten vielversprechende Hinweise für die Wirksamkeit von Akupunktur [22, 23] und Akupressur [24–26] bei primärer Dysmenorrhö.

Klimakterische Beschwerden

klimakterische BeschwerdenDas Nachlassen der reproduktiven und endokrinen Ovarialfunktionen über einen Zeitraum von mehreren Jahren ist häufig mit körperlichen und psychischen Symptomen verbunden, die bei mäßiger oder starker Ausprägung ein Anlass zur Konsultation eines Frauenarztes oder zur Selbstmedikation sind. Klimakterische Symptome treten nur bei einem Teil der Frauen dieser Altersgruppe über eine unterschiedliche Zeitdauer von Wochen, Monaten oder Jahren auf und die Stärke der Beschwerden korreliert nicht mit dem Hormonspiegel.
Nach der Neubewertung von Risiken und Nutzen der Hormon(-ersatz)therapie durch nationale und internationale Fachgesellschaften seit 2002 werden unterschiedliche nicht-hormonelle Methoden verstärkt eingesetzt und untersucht. Da die publizierten Studien bei den am häufigsten untersuchten Extrakten aus Cimicifuga racemosa keine Überlegenheit gegenüber Placebo zeigen konnten [27, 28], viele Studien methodische Mängel hatten und Langzeitdaten fehlen, ist auch bei Einnahme naturheilkundlicher, frei zugänglicher Wirkstoffe eine regelmäßige ärztliche Überwachung mit Risiko-Nutzen-Bewertung sinnvoll.
Bei klimakterischen Beschwerden wird aktuell ein ganzheitlicher Therapieansatz im Sinne eines Stufenkonzepts empfohlen, der auf einem gesunden Lebensstil aufbaut, der zur Prävention verschiedener altersassoziierter Erkrankungen geeignet ist [29]. Das Heidelberger Stufenkonzept schließt in Abhängigkeit von der Stärke der Beschwerden beispielsweise Möglichkeiten zur Selbsthilfe, unterschiedliche naturheilkundliche und komplementäre Therapieverfahren sowie die Hormontherapie ein (Abb. 7.2)

Praxistipp

Auf Grund der gestiegenen Lebenserwartung verbringen viele Frauen heute mehr als 30 Jahre, das sind 30–40 % ihrer Lebenszeit, in der Postmenopause. Daher ist nicht nur die Besserung klimakterischer Beschwerden, sondern auch die Prävention alterassoziierter Erkrankungen ein wichtiges Therapieziel. Der Beginn des Klimakteriums ist daher ein guter Zeitpunkt, den persönlichen Lebensstil zu überdenken und ggf. Änderungen einzuleiten, um die restliche Lebenszeit möglichst gesund, leistungsfähig und selbstständig verbringen zu können.

Ordnungstherapie
Auch Yoga [32, 33] und andere Entspannungsverfahren [34] bewirkten in kontrollierten Studien eine Besserung klimakterischer Beschwerden. Das aktive Entspannungsverfahren wie Tai-Chi [35, 36] sind auch zur langfristigen Sturzprophylaxe gut geeignet.
Hydro- und Thermotherapie
Kneipp-Anwendungen mit kaltem Wasser, die nach kurzer Anleitung selbstständig zu Hause durchgeführt werden können, bewirken eine Besserung klimakterischer Beschwerden, trainieren das vegetative Regulationssystem und können eine Infektneigung vermindern.
Phytotherapie
Am häufigsten werden Extrakte aus dem Traubensilberkerzenwurzelstock (Cimicifuga racemosa, z. B. Cefakliman® mono, Klimadynon®, Remifemin®) allein oder in Kombinationspräparaten zur Therapie klimakterischer Symptome eingesetzt. Die Kombination ist nach einer aktuellen Metaanalyse [27] einem Placebo überlegen. Da die Studien und verwendeten Präparate jedoch sehr heterogen sind und Daten zur Sicherheit, insbesondere bei Langzeitanwendung fehlen, sollte die Therapie mit zugelassenen Arzneimitteln erfolgen und wie eine Hormontherapie regelmäßig ärztlich überwacht werden. Auch Rhapontikrhabarber (z. B. femi-loges®, Phyto-Strol®) zeigte in placebokontrollierten Studien eine Wirksamkeit bei klimakterischen Beschwerden [37–39].
Bei depressiven Symptomen werden Johanniskrautextrakte (z. B. Felis®, Jarsin®, Laif®, Neuroplant®) häufig eingesetzt: Sie sind einem Placebo überlegen, den synthetischen Antidepressiva ebenbürtig und haben eine geringere Rate an Nebenwirkungen [40]. Die Präparate sind nicht einfach untereinander austauschbar und bei der Behandlung multimorbider Patientinnen muss das Risiko von Arzneimittelinteraktionen berücksichtigt werden.
Isoflavonextrakte, z. B. aus Soja und Rotklee haben aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit mit Östrogenen eine Wirkung auf den Rezeptor und könnten zur Linderung klimakterischer Beschwerden führen. Eine aktuelle Metaanalyse zeigte einen signifikanten Vorteil gegenüber Placebo [41]. Da sich Fragen zu relevanten Inhaltsstoffen und ihrer Dosis sowie zur Sicherheit bei längerer Einnahme noch nicht beantworten lassen, kann zwar die vermehrte Aufnahme von sojahaltigen Nahrungsmitteln zur Prävention verschiedener alterassoziierter Erkrankungen empfohlen werden, während dagegen die Einnahme von Sojaextrakten (NEM) potenzielle Risiken z. B. bez. der Entstehung eines Mammakarzinoms birgt [42].
Bewegungstherapie
Symptomatische Frauen können durch regelmäßige Bewegung eine Verbesserung der Lebensqualität, Stimmung und Schlafstörungen erreichen. Gleichzeitig wird dadurch der nach der Menopause beschleunigte Knochenabbau, der mit dem Risiko für spätere Frakturen einhergeht, verhindert bzw. verzögert. Daher wird allgemein ein bewegungsfreudiger Lebensstil empfohlen, ein aerobes Training mindestens 30 Min./Tag sowie regelmäßiges Training von Ausdauer, Kraft, Koordination, Beweglichkeit und Balance [35, 36], die bis ins hohe Alter beibehalten werden sollten.
Ernährungstherapie
Es wird eine bedarfsadaptierte vielseitige, vorwiegend pflanzliche Ernährung mit Berücksichtigung isoflavonhaltiger und kalziumreicher Nahrungsmittel sowie der Verzicht auf Nahrungsergänzungsmittel (NEM) empfohlen. NEM sind kein Ersatz für vielseitige Ernährung und können bei bestimmten Personen sogar die Erkrankungsrisiken erhöhen.
Erweiterte Naturheilverfahren
Akupunktur wird häufig bei klimakterischen Beschwerden angewendet und zeigte sich in einer prospektiven kontrollierten Studie wirksamer als die Kontrollintervention [43].

Beschwerden während der Schwangerschaft

Schwangerschaft, BeschwerdenSchwangerschaftstypische Beschwerden können sowohl durch körperliche Veränderungen als auch durch die Auseinandersetzung mit der veränderten Lebenssituation verursacht sein. Bei der Behandlung jeder Schwangeren müssen mögliche Risiken der gewählten Therapie für das ungeborene Kind berücksichtigt werden. Übelkeit und Erbrechen, Harnwegsinfekte, Rückenschmerzen und Schwangerschaftsdepressionen sind häufige Symptome, für die es naturheilkundliche Ansätze zur Prävention oder Therapie gibt.
Von einer unkritischen Anwendung von Phytotherapeutika wird auch bei zugelassenen Arzneimitteln abgeraten, da einige Extrakte, z. T. in Abhängigkeit vom jeweiligen Herstellungsverfahren, in Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert sind (Teratogenität, Embryotoxizität, Auslösung von Abort oder Frühgeburt, allgemeine Toxizität) oder bei unzureichender Datenlage aus Sicherheitsgründen nicht empfohlen werden können [31]. Außerdem kommen mehr und mehr Nahrungsergänzungsmittel (NEM) mit pflanzlichen Inhaltsstoffen auf den Markt. Da die Qualitätsstandards für NEM nicht denen von Arzneimitteln entsprechen, können Inhaltsstoffe und Zusammensetzung variieren. Deshalb wird besonders in der Schwangerschaft von der Einnahme von solchen NEM abgeraten.
Bei nicht pharmakologischen Therapieverfahren besteht dagegen auch kein Risiko von Arzneimittelinteraktionen, sodass sie besonders bei den Risikoschwangeren, die vor und/oder während der Schwangerschaft eine medikamentöse Therapie benötigen, bevorzugt eingesetzt werden sollten. Außerdem haben einige Nahrungsmittel auch bekannte gesundheitliche Wirkungen, sodass diese auch von Schwangeren genutzt werden können. Daher ist bei entsprechender Symptomatik die besondere Berücksichtigung bestimmter Nahrungsmittel oder Gewürze bei der Ernährung sinnvoll.

Praxistipp

Um Beschwerden vorzubeugen, können folgende Maßnahmen zur Prävention durchgeführt werden:

  • Die Ernährung soll Mutter und Kind mit allen erforderlichen Nährstoffen versorgen, wobei die werdende Mutter an den erhöhten Nährstoffbedarf beider Organismen denken muss. Da eine ausreichende Versorgung mit Folsäure, die vor dem Auftreten von Neuralrohr-Verschlussstörungen schützt, und mit Jod auch bei sorgfältiger Zusammenstellung der Ernährung oft nicht gewährleistet ist, sollten 400 μg/d Folsäure und 150–200 μg/d Jod zusätzlich zugeführt werden.

  • Während der Schwangerschaft kommt es bei steigendem Sauerstoffbedarf häufig zu einer Eisenmangelanämie. Daher sollte vorbeugend auf eine ausreichende Eisenzufuhr aus tierischen und pflanzlichen Quellen (Hirse, Quinoa, Amaranth, Hülsenfrüchte, Eigelb, Nüsse) geachtet werden, da die Einnahme von Eisenpräparaten in der Schwangerschaft bestehende Verdauungsprobleme verstärken kann.

  • Regelmäßige aerobe Bewegung sollte jeder Schwangeren empfohlen werden, da sie zur Prävention verschiedener Schwangerschaftskomplikationen geeignet [44–47] ist.

(Hyper-)Emesis gravidarum
  • Ernährungstherapie: Ingwer kann in traditionellen Applikationsformen, z. B. als Nahrungsmittel, Gewürz oder Heiltee vorbeugend oder bei leichter Schwangerschaftsübelkeit gegeben werden: Phytotherapeutische Zubereitungen sind nicht zu empfehlen, da ausreichende Daten zur Sicherheit der Gabe von Ingwerextrakten in der Schwangerschaft fehlen.

  • Akupunktur: Obwohl die Datenlage nach den Kriterien des Cochrane-Reviews [48] noch nicht eindeutig ist, scheint bei (Hyper-)Emesis gravidarum ein Therapieversuch mit Akupunktur oder Akupressur aus Erfahrung gerechtfertigt.

  • Massagetherapie: Bei Hyperemesis gravidarum wirken Massagen wohltuend und entspannend.

Harnwegsinfekt
Vorbeugend oder bei Frühsymptomen eines Harnwegsinfekts kann Cranberrysaft gegeben werden, da er die Adhäsion von Bakterien an die Blasenschleimhaut vermindert.
Rückenschmerzen
Akupunktur, Wassergymnastik, Physiotherapie und Massage sind hilfreich bei Rückenschmerzen in der Schwangerschaft [49].
Schwangerschaftsdepression
  • Bewegungstherapie: Für den Einsatz von Bewegungstherapie bei Schwangerschaftsdepression gibt es gute Gründe und die Empfehlung zu regelmäßiger Bewegung lässt sich auch durch eine aktuelle prospektive kontrollierte Studie zur Prävention von Schwangerschaftsdepressionen [50] belegen.

  • Lichttherapie: Lichttherapie ist auch bei Schwangerschaftsdepression eine erfolgversprechende Therapieoption und sollte frühzeitig in Betracht gezogen werden [51], um Nebenwirkungen pharmakologischer Therapien zu vermeiden.

  • Massagetherapie: In der Schwangerschaft kann eine Massagetherapie neben Rückenschmerzen auch Depressivität und Ängstlichkeit verringern.

Nachsorge nach Mammakarzinom

Mammakarzinom, NachsorgeNach der Diagnose Brustkrebs ist die Anwendung von Naturheilverfahren und Komplementärmedizin besonders weit verbreitet. Die meisten Patientinnen wenden sie ergänzend zu ihrer konventionellen Standardtherapie an. Da bisher von keinem Naturheilverfahren ein positiver Einfluss auf den Krankheitsverlauf gezeigt werden konnte, kann keine „Alternative“ zu Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, endokriner Therapie oder der Therapie mit Antikörpern diskutiert werden. Daher werden hier vielmehr Möglichkeiten zur naturheilkundlichen Behandlung von Neben- oder Nachwirkungen der Standardtherapie und zur Verbesserung der Lebensqualität dargestellt. Viele Patientinnen leiden akut oder langfristig an Schmerzen, Übelkeit, Angst, Erschöpfung (Fatigue), Depression, Schlafstörungen sowie schwer behandelbaren Hitzewallungen.
Sowohl in der adjuvanten als auch ganz besonders in der palliativen onkologischen Therapie wird die Lebensqualität inzwischen nicht nur für die Patientinnen, sondern zunehmend auch für Onkologen zu einem wichtigen Kriterium zur Gesamtbeurteilung der vorhandenen Therapieoptionen, das bereits bei der Auswahl der Therapie berücksichtigt werden soll (Tab. 7.4).
Ordnungstherapie
Die im Kapitel Ordnungstherapie (5.1) genannten Verfahren können nach der Diagnose eines Mammakarzinoms hilfreich sein. Besondere Vorteile bieten allerdings asiatische Verfahren wie Yoga, Qigong und Tai-Chi, da sie durch die Schulung von Beweglichkeit, Flexibilität, Koordination und Gleichgewicht auch zur langfristigen Sturzprophylaxe bei der häufig therapieinduzierten Abnahme der Knochendichte geeignet sind [32].
Hydro- und Thermotherapie
Die Selbstanwendung von Kneipp-Kaltwasseranwendungen kann zur Besserung der klimakterischen Beschwerden beitragen und wird auch in einer Studie an Patientinnen mit Mammakarzinom untersucht. Sie kommt dem Wunsch vieler Patientinnen entgegen, selbst etwas zu ihrer Therapie beizutragen.
Balneo- und Klimatherapie
Die Lichttherapie wird zunehmend nicht nur bei Winterdepression eingesetzt. Da Depressionen bei onkologischen Patientinnen häufig unzureichend diagnostiziert und behandelt werden und ein einstündiger morgendlicher Spaziergang eine vergleichbare Wirkung zeigt, sollte besonders bei multimorbiden Patientinnen in den Beratungsgesprächen auf diesen Zusatznutzen von Licht und Bewegung hingewiesen werden, da hiermit auch Arzneimittelinteraktionen vermieden werden können.
Phytotherapie
Die Misteltherapie ist in deutschsprachigen Ländern weit verbreitet, obwohl ein günstiger Einfluss auf den Krankheitsverlauf nicht gezeigt werden konnte und es kaum Hinweise auf eine verbesserte Verträglichkeit der Standardtherapie insbesondere der Chemotherapie unter den hier verabreichten supportiven Therapien gibt. Dagegen gibt es Hinweise auf eine verbesserte Lebensqualität von Tumorpatienten durch eine Misteltherapie [53].
Zu Indikationen für andere Phytotherapeutika: Bei entsprechender Symptomatik sind Baldrian (Schlafstörungen), Johanniskraut (Depressionen) und Flohsamenschalen (kurzfristig bei Obstipation) indiziert. Allerdings müssen während einer onkologischen Standardtherapie sowie bei multimorbiden Patientinnen mit Einnahme nicht-onkologischer Medikamente potenzielle Arzneimittelinteraktionen berücksichtigt werden.
Bewegungstherapie
Die Motivierung zu einem aktiveren Lebensstil mit einer Beratung zur Auswahl von geeigneten Sportarten soll sich sowohl an bisherigen Erfahrungen und Vorlieben als auch an der aktuellen Leistungsfähigkeit und den vorhandenen Möglichkeiten orientieren und ist ein wichtiges Element jeder naturheilkundlichen Therapie. Speziell nach einer Brustkrebserkrankung ist moderate (entsprechend z. B. ½ Std. Walking/Tag), regelmäßige Bewegung nicht nur ein wirksames Antidepressivum ohne Risiko von Arzneimittelinteraktionen. Sie trägt auch während der Chemo- und Radiotherapie zur Verbesserung der Verträglichkeit und Lebensqualität bei, ist die primäre Therapie bei Cancer Fatigue und leistet einen wirksamen Beitrag zum Erhalt der Knochendichte nach der, häufig therapieinduzierten Menopause.
Massagetherapie
Massagen können bei Angst, Depressionen und Schmerzen die Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern. Auch durch Pflegekräfte können Einreibungen mit aromatischen Ölen als eine Form der Aromatherapie angewendet werden.
Ernährungstherapie
Die Ernährung gilt als modifizierbarer Risikofaktor für Brustkrebs, obwohl hierzu nur wenige prospektive kontrollierte Studien durchgeführt wurden, die einen eindeutigen Vorteil einer Ernährungsumstellung nach der Diagnose zeigen [54, 55]. Während sog. Krebsdiäten, die immer wieder propagiert werden, statt mit dem versprochenen Nutzen meist mit erheblichen Risiken für die Patientinnen verbunden ist, können die Empfehlungen des World Cancer Research Fund (http://www.dietandcancerreport.org/) zu einer vielseitigen vorwiegend pflanzlichen Mischkost, das Meiden von Nikotin und Alkohol sowie ein Gewicht im Normalbereich sowohl das Wohlbefinden verbessern [56], langfristig die Risiken für andere Zivilisationskrankheiten senken und möglicherweise die Prognose [57] verbessern.

Merke

Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wird zur Zeit weder zur Primärprävention noch nach der Diagnose eines Mammakarzinoms empfohlen.

Erweiterte Naturheilverfahren
Die Wirksamkeit der Akupunktur bei Schmerzen [58, 59], Übelkeit [56, 57] und klimakterischen Beschwerden [43] wurde nachgewiesen, sodass sie eine weitere nicht-pharmakologische Therapieoption in der Nachsorge des Mammakarzinoms und anderer Tumoren [52] darstellt.

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Urologische Erkrankungen

Angelika Sökeland

Naturheilkundliche Behandlungsansätze haben in der Urologie eine lange Tradition, allen voran die Phytotherapie bei der Behandlung der durch die Prostatahyperplasie bedingten Symptome. Somit wurde und wird z. B. in diesem Bereich schon sehr lange – häufig unbewusst – im Sinn der klassischen Naturheilverfahren behandelt. In neueren urologischen Lehrbüchern wird zwar meist die Phytotherapie, andere klassische Naturheilverfahren aber nicht explizit dargestellt. In letzter Zeit ist wieder ein zunehmendes Interesse an naturheilkundlichen Behandlungsansätzen zu verzeichnen, auch weil diese von den Patienten eingefordert werden.

Prostatahyperplasie (BPH) und Prostatasyndrom (BPS)

Prostatahyperplasie (BPH)DieProstatasyndrom (BPS) gutartige Prostatahyperplasie ist bei annähernd 50 % der über 50-jährigen Männer nachweisbar. Trotz zahlreicher Anstrengungen in der Grundlagenforschung fehlen bis heute eindeutig exakte Vorstellungen über die Pathogenese der Prostatahyperplasie, sodass ein multifaktorielles Geschehen angenommen wird. Die Prostatavergrößerung kann völlig beschwerdefrei verlaufen oder durch ihre topografische Lage zur Einengung der Harnröhre führen und somit Miktionsstörungen verursachen. Bei Vergrößerung der Prostata mit dadurch bedingten Beschwerden spricht man vom benignen Prostatasyndrom (BPS). Die Beschwerden, die durch die Prostatahyperplasie verursacht werden, werden durch die LUTS (Lower Urinary Tract Symptoms) charakterisiert (Tab. 7.5). Nach den neuesten Leitlinien der Deutschen Urologen zur „Diagnostik und Differenzialdiagnostik des BPS“ (http://awmf-leitlinien.de) wird folgende Terminologie zur Charakterisierung des benignen Prostatasyndroms und assoziierter Symptome/Diagnosen verwendet.
Es wird unterschieden zwischen der irritativen (Nykturie, Pollakisurie, imperativer Harndrang) und obstruktiven Symptomatik (verzögerter Miktionsbeginn, Harnstrahlabschwächung, Gefühl der unvollständigen Blasenentleerung). Die Schwere der Miktionsstörung korreliert jedoch nicht mit der Größe der Prostata.
In der Herner LUTS-Studie wurde gezeigt, dass 40,5 % der Männer über 50 Jahren an behandlungsbedürftigen LUTS leiden, 26,9 % eine vergrößerte Prostata haben (> 25 ml) und bei 17,3 % der maximale Harnstrahl auf eine BOO hindeutet. Etwa 60 % der Männer mit mittelschweren Symptomen (Internationaler Prostata Symptom Score [IPSS] 8–19) und über 90 % der Männer mit schweren Symptomen (IPSS >19) auch einen deutlichen Leidensdruck verspüren. Die Häufigkeit der Symptome und die Zunahme des Prostatavolumens korrelieren mit dem Alter der Männer [4].

Praxistipp

  • Bei geringer Symptomatik der Prostatahyperplasie und bei fehlendem Leidensdruck ist ein abwartendes Verhalten gerechtfertigt.

  • Konservative Behandlungen sind bei klinisch relevanter BPO oder bei Vorliegen folgender BPS bedingter Komplikationen nicht indiziert:

    • rezidivierender Harnverhalt

    • rezidivierende Harnwegsinfektionen

    • konservativ nicht beherrschbare Makrohämaturien

    • Harnblasenkonkremente

    • Dilatation des oberen Harntrakts, eingeschränkte Nierenfunktion oder Niereninsuffizienz durch BPO

Ordnungstherapie
Die Abschwächung des Harnstrahls, ein gelegentliches Nachträufeln zum Schluss des Wasserlassens und das nächtliche Aufstehen können zu den normalen Alterserscheinungen gehören. Dies gilt es, den Patienten zu vermitteln. Den Patienten ist eine regelmäßige Blasenentleerung und die Vermeidung von längeren anspannenden Blasenbelastungen anzuraten. Das Führen eines Trink- und Ausscheidungsprotokolls dient zur Feststellung von Trinkgewohnheiten und objektiviert diese.
Hydro- und Thermotherapie
Empfohlen werden folgende Anwendungen:
  • ansteigende Fußbäder

  • Sitz- oder Halbbäder

  • warme Packungen mit Moor- oder Heilerde auf die Blasengegend

  • Moor- und Thermalbäder

Phytotherapie
Die Evidenz der Wirksamkeit von Phytopharmaka bei der Behandlung des BPS wird heute zunehmend nach wissenschaftlichen Kriterien belegt. Ziel einer effektiven Therapie ist die Beseitigung und Linderung der irritativen und obstruktiven Miktionsbeschwerden. Bis 1994 war die Verordnung von Phytotherapeutika die einzige zugelassene Therapieoption zur symptomatischen Behandlung der BPS. Dann kamen α-Blocker und Finasterid als chemisch definierte Substanzen auf den Markt. Der Einsatz der Phytopharmaka deckt bei den meisten Patienten den therapeutischen Bedarf, ist in der Langzeittherapie aufgrund der vergleichsweise geringeren Zahl an Arzneimittelnebenwirkungen gut verträglich und bietet ein günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Phytotherapeutika können angewendet werden bei geringer, mäßiger oder starker Beschwerdesymptomatik, (IPSS < 8 oder Stadium I und II nach Alken/Stadium II und III nach Vahlensieck) wobei ein Therapieversuch mit diesen Mitteln zunächst über 12 Wochen erfolgen sollte. Nach erfolgreichem Einsatz ist eine längere Verordnung empfehlenswert und möglich. Zur Primärtherapie eignen sich besonders Sabal- und Brennnesselwurzelextrakte (Tab. 7.6), ggf. in Kombination, sitosterinhaltige Präparate (z. B. Azuprostat®, Harzol®) und Kürbiskernextrakte (Tab. 7.4). Regelmäßige Kontrollen sind erforderlich. Pollenextrakte sind eher bei entzündlichen Prostataerkrankungen geeignet. Für Sägezahnpalmfrüchte, Brennnesselwurzel und Kürbissamen liegen positive Monografien der Kommission E (5.5.5) vor, für Roggenpollenextrakte hingegen nicht. Phytotherapeutische Zubereitungen liegen als Monopräparate (Tab. 7.6) oder als Kombinationspräparate vor.

Studien

Für vier Phytotherapeutika, die aus Sägepalmenextrakten, Kürbissamen, der Wurzelknolle der Afrikanischen Lilie und der Brennnesselwurzel bestehen, gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit aus randomisierten, kontrollierten Studien, die zwischen 1995 und 1999 durchgeführt wurden [3, 5, 6, 11, 14, 16, 17].

Über die Bewertung der Studienlagen der BPS-Phytotherapeutika gehen die Meinungen allerdings auseinander. Die Studien zu den Phytopräparaten wurden zum großen Teil vor der internationalen WHO BPH-Konsensuskonferenz in Paris im Jahr 2005 durchgeführt und entsprachen somit „nicht den aktuell festgelegten Kriterien“.

Im Jahr 2010 wurde in Berlin bei dem Congress of the Society for Medicinal Plant and Natural Product Research die größte placebokontrollierte klinische Studie vorgestellt, die bisher mit einem pflanzlichen Arzneimittel (Kürbiskerne) zur BPH-Behandlung durchgeführt wurde. Hierbei zeigten sich 3–4 Monate nach Einnahme von Kürbiskernextrakten eine Senkung des IPSS von 3–4 Punkten sowie eine Verbesserung des Leidensdrucks. Somit konnte die G. R. A. N. U. Studie (German Research Activities on Natural Urologicals) zeigen, dass Kürbissamen zur Langzeittherapie von BPH-Patienten mit moderaten Symptomen des unteren Harntrakts gut geeignet sind [10].

Hingegen zeigte sich in einer Studie von Barry MJ et al. Sägepalmextrakt einer Placebogabe nicht überlegen [2].

Bei frühen bis mittleren Krankheitsstadien bessern einige Präparate nachweislich die Symptomatik auch langfristig vergleichbar gut wie Alphablocker und 5α-Reduktasehemmer. Die hohe Patientencompliance und die günstige Kostensituation sprechen, gerade unter dem Aspekt einer jahre- bis jahrzehntelang zu veranschlagenden Therapie, zusätzlich für die Phytotherapie. Es sollte besonders auf valide Wirksamkeitsnachweise des gewählten Präparats geachtet werden [15].
Bewegungstherapie
Zu wenig Bewegung kann zur Kongestion der Prostata führen. Extreme Belastung der Dammregion (z. B. Rennradfahren) ist zu vermeiden.
Ernährungstherapie
Epidemiologische Untersuchungen zeigen deutliche geografische Unterschiede bezüglich der Häufigkeit symptomatischer BPH-Patienten. Einwohner westlicher Industriestaaten zeigen eine höhere Inzidenz als Asiaten gleichen Alters. Da asiatische Einwandererfamilien in den USA die gleichen Inzidenzraten bei der symptomatischen BPH zeigen, wird ein Zusammenhang mit der Ernährung vermutet. Zu empfehlen sind folgende Maßnahmen:
  • vollwertige Grunddiät

  • grundsätzlich wenig Fett (statt tierischem besser pflanzliches Fett mit ungesättigten Fettsäuren: Oliven-, Lein- oder Sojaöl oder Margarine statt Butter)

  • reichlich Ballaststoffe

  • Nahrungsmittel mit Phytoöstrogenen: z. B. Hülsenfrüchte, Sojaprodukte, Cerealien

Harnwegsinfektionen

Der Harnwegsinfektionengramnegative Keim E. coli ist der häufigste Erreger von Harnwegsinfekten. Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer.
Für Harnwegsinfektionen sind der Nachweis eines uropathogenen Erregers im Harntrakt sowie eine signifikante Bakteriurie (> 100 000) und eine Leukozyturie kennzeichnend.
  • Unkomplizierte Harnwegsinfektion: Eine Harnwegsinfektion wirdHarnwegsinfektionen:unkomplizierte laut der Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU [2010]) als unkompliziert eingestuft, wenn im Harntrakt keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Begleiterkrankungen vorliegen, die eine Harnwegsinfektion bzw. gravierende Komplikationen begünstigen [18].

  • Rezidivierende Harnwegsinfektion: Laut DGU wird eine Harnwegsinfektionen:rezidivierenderezidivierende Harnwegsinfektion wird angenommen, wenn eine Rezidivrate von ≥ 2 symptomatischen Episoden pro Halbjahr oder ≥ 3 symptomatische Episoden pro Jahr vorliegen.

Naturheilkundliche Behandlungsansätze bei akuten Entzündungszuständen sind zumeist adjuvante Maßnahmen im Sinne einer die Dauer und Schwere verkürzenden Begleittherapie. Anders ist der Stellenwert von Naturheilverfahren bei subakuten oder chronisch-rezidivierenden Infektionen. Obwohl die Infektion unter einer antibiotischen Therapie abheilt, kommt es nicht selten zu Rezidiven. Bei der dann notwendigen Intervall- oder Langzeitbehandlung mit Chemotherapeutika werden häufig Antibiotikaresistenzen beobachtet, sodass Naturheilverfahren bei chronisch-rezidivierenden Erkrankungen mehr in den Vordergrund treten können.

Cave

Bei chronischer Zystitis sollte durch eine Zystoskopie ein Karzinom ausgeschlossen werden.

Ordnungs- und Ernährungstherapie
Auf eine regelmäßige und vollwertige Ernährung ist zu achten. Regelmäßige Toilettengänge (ggf. Miktionsprotokoll) sind zu empfehlen und es sollte eine möglichst vollständige Entleerung der Blase angestrebt werden. Bei der häufig auftretenden „Honeymoon-Zystitis“ sollte die Blase nach dem Verkehr entleert werden.
Eine regelmäßige Flüssigkeitsaufnahme, die mindestens 2 l pro Tag betragen sollte, dient dem Durchspülungseffekt und bewirkt durch die Verdünnung des Harns eine Reduzierung der Reizung der Blasenschleimhaut. Kaffee, Schwarztee sowie stark kohlensäurehaltige Getränke sollten auf 2–3 Tassen pro Tag beschränkt werden. Ebenfalls sollte der Genuss von Alkohol eingeschränkt werden. Eine vollwertige Grunddiät, die mild gewürzt und leicht verdaulich sein sollte, ist anzuraten.
Hydro- und Thermotherapie
  • Akute Zystitis: Wärmeanwendung, in Form von feuchtwarmen Umschlägen auf die Blasenregion mit Meerrettich oder Eukalyptusöl durchführen, zu empfehlen sind auch warme Sitzbäder mit Lavendel, temperaturansteigende Fußbäder (6.1.1).

  • Chronisch-rezidivierende Blasenentzündungen: Wärmeanwendung, z. B. durch ansteigende Fußbäder (36–42 °C/15 Min.), Moorpackungen auf den Unterbauch oder im Sakralbereich. Saunabäder, temperaturansteigende Sitz- oder Halbbäder, Überwärmungsbäder in Form der Moorlaugen- oder Moorschwebstoffbäder sowie ansteigende Bäder, wechselwarme Waschungen zur Anregung der Durchblutung z. B. 4-wöchige Phase mit morgens kalter oder wechselwarmer Ganzwaschung, mittags kaltem Armbad, abends Wassertreten. Zur Abhärtung dienen Saunabaden, Tautreten, Wassertreten, kalte Güsse, kalte Armbäder sowie Trockenbürstungen.

Balneo- und Klimatherapie
Zu empfehlen sind Aufenthalte an Nord- und Ostsee sowie im Hochgebirge zur Roborierung und Stärkung des Immunsystems.
Phytotherapie
Da die Antibiotikaresistenzen immer mehr zunehmen, ist es sinnvoll, Antibiotika gezielter einzusetzen und bei unkomplizierten Infektionen auf pflanzliche Antibiotika auszuweichen. Studien belegen, dass Harnwegsinfekte in vielen Fällen mit einem pflanzlichen Antibiotikum (Tab. 7.7) aus Kapuzinerkresse und Meerrettich (z. B. Angocin® N) wirksam behandelt werden können – bei einem deutlich geringeren Nebenwirkungspotenzial als bei chemischen Antibiotika. [1, 7, 8]. Für das Benzylsenföl aus der Kapuzinerkresse konnte z. B. eine breite antibakterielle Wirkung im grampositiven und gramnegativen Bereich nachgewiesen werden. Das Allylsenföl aus der Meerrettichwurzel zeigt eine gute Wirksamkeit im grampositiven Spektrum, während das 2-Phenylsenföl ein erweitertes Wirkspektrum im gramnegativen Bereich aufweist. Beide Pflanzenstoffe zusammen bilden somit eine besonders wirkungsvolle pflanzliche Alternative zu den chemischen Antibiotika.
Bewegungstherapie
Bei chronischer Zystitis sind zu empfehlen: rhythmische Gymnastik, leichter Sport und allgemein kräftigendes Training des Beckenbodens.
Massagetherapie
Zur Anwendung kommen die Bindegewebs-, Segment- oder klassische Massage, mit denen über die zugeordnete Head-Zone auf die Harnblase eingewirkt werden kann. Die Bindegewebsmassage erfolgt im Blasensegment Th11–L2 und S2–4.

Literatur

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K.-H. Goos U. Albrecht B. Schneider Aktuelle Untersuchungen zur Wirksamkeit und Verträglichkeit eines pflanzlichen Arzneimittels mit Kapuzinerkressenkraut und Meerrettich bei akuter Sinusitis, akuter Bronchitis und akuter Blasenentzündung bei Kindern im Vergleich zu anderen Antibiotika Arzneim-Forsch./Drug Res 4 2007 238 246

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Erkrankungen des Bewegungsapparats

Benno Ostermayr

Rheumatoide Arthritis

Rheumatoide Arthritis (RA)Obwohl eine kausale Therapie der Rheumatoiden Arthritis (RA) nicht zur Verfügung steht, kann durch ein individuell abgestimmtes und sorgfältig überwachtes interdisziplinäres Behandlungskonzept in vielen Fällen der Krankheitsverlauf günstig beeinflusst werden.
Eine ausschließlich naturheilkundliche Therapie ist lediglich bei milden Krankheitsverläufen oder im chronisch-inaktiven Stadium angezeigt. RA-Patienten mit persistierend hoher Entzündungsaktivität sollten frühzeitig eine etablierte pharmakologische Standardtherapie erhalten, um erosive Prozesse einzudämmen und Gelenkzerstörungen zu vermeiden. Zusätzliche komplementäre diätetische, arzneiliche, physikalische und ordnungstherapeutische Maßnahmen sind aber auch bei dieser Patientengruppe notwendig und sinnvoll, da sie das Erreichen wichtiger Behandlungsziele wie Reduktion von Entzündungen, Linderung von Schmerzen, Erhaltung der Gelenkmobilität, Vermeidung von Kontrakturen, Kräftigung der Muskulatur und Stabilisierung des seelischen Gleichgewichts wesentlich unterstützen können.

Merke

Für den Einsatz physikalischer und reiztherapeutischer Verfahren wie z. B. Hyperthermie und Segmenttherapie bei entzündlichen Gelenkerkrankungen gilt die therapeutische Maxime, dass diese umso schonender und vorsichtiger anzuwenden sind, je akuter und aktiver das Krankheitsbild ist. Bei chron. schleichendem Verlauf hingegen sind stärkere Reize und Belastungen angebracht, um über eine Anregung des Immunsystems, des Vegetativums und des Stoffwechsels „umstimmende Wirkungen“ zu erzielen.

Ordnungstherapie
Die Ordnungstherapie stellt ein übergeordnetes Behandlungsprinzip der Naturheilkunde dar, das einzelne Verfahren zu einem sinnvollen Ganzen verknüpft, und deren Umsetzung im Alltag durch Anleitung und Gespräche unterstützt. Neben dem beratenden Einzelgespräch kommen in der ordnungstherapeutischen Praxis häufig auch psycho- und kreativtherapeutische Methoden (z. B. Entspannungsübungen, Autogenes Training, Musiktherapie, Malen, Modellieren) in Gruppen zur Anwendung. Diese Verfahren verfolgen das Ziel, nicht ausreichend genutzte Selbstheilungskräfte der Psyche und des Organismus zu stärken und freizusetzen.
Da entzündlich-rheumatische Erkrankungen bei einem Großteil der Betroffenen eine Chronifizierungstendenz aufweisen und mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität einhergehen, besitzen ordnungstherapeutische Maßnahmen einen hohen Stellenwert. Für den ganzheitlich orientierten Arzt erwächst die Aufgabe einer übergreifenden Behandlung, die neben Information und Beratung bezüglich therapeutischer Entscheidungen auch die aktive Unterstützung, Führung und ggf. Einleitung weitergehender Behandlungsmaßnahmen (z. B. Psychotherapie, chirurgische Interventionen) umfasst.
Hydro- und Thermotherapie
Akutes Stadium

Cave

Im akuten entzündlichen Stadium ist eine intensive Wärmezufuhr kontraindiziert.

Kaltanwendungen in Form von Eiskompressen, Kältebeuteln (Kryogel), kühlenden Wickeln oder Peloiden wirken schmerzstillend, antiphlogistisch und fördern die Abschwellung entzündeter Gelenke. Eine intensive Entzündungshemmung ist nur mit längerfristigen Kälteapplikationen erreichbar.

Praxistipp

Kältebeutel sollten mehrmals täglich etwa alle drei Stunden auf die erkrankten Gelenke aufgelegt werden. Die Auflagezeit richtet sich nach der Größe der Gelenke (Fingergelenke ca. 5 Min., Hüft- und Kniegelenke ca. 15 Min.). Um Hautschäden zu vermeiden, werden die Eispackungen vor der Auflage mit einem dünnen Zwischentuch umhüllt.

Inaktives Stadium
Lokale oder systemische Zufuhr von Wärme fördert u. a. die Durchblutung, wirkt entzündungshemmend, muskelentspannend und führt zu einer verbesserten Dehnbarkeit von Bindegewebsstrukturen. Bewährt haben sich feucht-warme Wickel, Packungen aus Moor, Fango und Paraffingemischen, weiterhin Vollbäder mit Badezusätzen (Heublumen, Sole, Moor-, Schwefelextrakte). Nachhaltige immunmodulierende und umstimmende Wirkungen lassen sich durch Hyperthermiebehandlungen (Überwärmungsbäder, Infrarot-Ganzkörperhyperthermien) erzielen.
Phytotherapie
Das analgetische und antiphlogistische Potenzial der pflanzlichen Antirheumatika ist geringer einzustufen als das der chemisch-synthetischen Präparate. In einem ganzheitlichen Behandlungskonzept stellen sie eine vorwiegend unterstützende Maßnahme dar, die bei milden Verläufen zur Einsparung von NSAR führen kann. Ähnlich wie Basistherapeutika benötigen auch pflanzliche Antirheumatika eine „Vorlaufzeit“ und müssen längerfristig verordnet werden.
  • Relevante Phytotherapeutika, die in der naturheilkundlichen Rheumatherapie zur inneren Anwendung kommen, sind die Einzeldrogen Harpagophytum procumbens (Teufelskralle, z. B. Teltonal®, Rivoltan®), Salicis cortex (Weidenrinde, z. B. Assalix®, Proaktiv®), Urtica dioica/Urtica urens (große und kleine Brennessel, z. B. Hox alpha®, Natu-lind®), Boswellia serrata (Weihrauch, z. B. Boscari®, H 15 Ayumedica®) und eine Drogenkombination aus Fraxinus excelsior/Populus tremula/Solidago virgaurea (Esche, Pappel, Goldrute), z. B. Phytodolor®.

  • Zur topischen Anwendung eignen sich die Scharfstoffdrogen, z. B. Cayennepfeffer (Capsicum frutescens), Senfsamen (Brassica nigra) und zahlreiche Ätherisch-Öl-Drogen (z. B. Arnikablüten-, Terpentin-, Campher-, Wacholderöl). Diese entfalten ihre analgetischen und antiphlogistischen Wirkungen über kutiviszerale Reflexe.

Die Anwendung von pflanzlichen Rubefazienzien zur RubefazienzienErzeugung eines „Gegenreizes“ ist ein gebräuchliches Therapieprinzip der Naturheilkunde, das sich in klinischen Situationen bewährt hat. Eine analoge Behandlungsform, die zu länger anhaltenden „Counter-irritant-Effekten“ führen kann, ist die intrakutane Injektion von Mistelextrakten (z. B. Helixor®, Iscador®). Die Ausprägung der erwünschten Lokalreaktion (Quaddelbildung) lässt sich durch eine vorsichtig ansteigende Dosierung gut steuern.
Bewegungstherapie/Massage
Die krankengymnastische Bewegungstherapie verfolgt sowohl kurative als auch präventive Ziele, wobei die Erhaltung der aktiven und passiven Gelenkbeweglichkeit und die Lockerung und Kräftigung der Muskulatur im Vordergrund stehen.
Akutes Stadium
  • Im hochakuten Zustand steht die funktionelle Schonung im Vordergrund. Zur Vermeidung von Kontrakturen ist es notwendig, die Gelenke sachgerecht zu lagern und mehrmals am Tag passiv durchzubewegen.

  • Während florider Entzündungsphasen sollten Massagen nur sehr zurückhaltend (in Form von Streichungen, weichen Knetungen) eingesetzt werden, wobei irritiertes periarticuläres Gewebe, Sehnenansätze ausgespart werden müssen.

Inaktives Stadium
Bei rückläufiger Entzündungsaktivität kann die Bewegungstherapie durch gezielte Dehnungs-, Anspannungsübungen und vorsichtiges isometrisches Muskeltraining intensiviert werden.
  • Bei Gelenkergüssen sind langsame und rhythmische Entlastungsbewegungen zur Förderung der Ergussresorption indiziert.

  • RA-Patienten mit bevorzugtem Befall der Hände profitieren besonders von ergotherapeutischen Maßnahmen (z. B. Arbeiten mit Ton- und Knetmassen, kreative Papier-, Textilarbeiten). Solche ablenkenden Übungsbehandlungen können bei Patienten mit einem starken Leidensdruck auch einen Beitrag zur psychischen Krankheitsbewältigung leisten.

Durch Schienen, Orthesen und andere Hilfsmittel lässt sich die mechanische Überbelastung insuffizienter Bindegewebs- und Weichteilstrukturen ausgleichen, eine Verbesserung der Gelenkfunktionen bei Alltagsverrichtungen erzielen und die berufliche Rehabilitation fördern.

Praxistipp

Zur Selbstbehandlung von Muskelverspannungen und -schmerzen haben sich Entspannungstechniken wie die sog. Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson besonders bewährt. Diese lassen sich gut in ein individuell abgestimmtes, aktives Übungsprogramm integrieren, das der Patient nach entsprechender Anleitung regelmäßig und langfristig absolviert.

Ernährungstherapie
Es kann heute als gesichert gelten, dass gezielte ernährungstherapeutische Maßnahmen wie z. B. die Verabreichung einer arachidonsäurearmen Kost und die erhöhte Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren die Entzündungsreaktion bei einer RA positiv beeinflussen können [19]. Die Arachidonsäure wirdArachidonsäure ausschließlich über tierische Nahrungsmittel, v. a. tierisches Fett, Fleisch, Wurstwaren und Eier aufgenommen und führt im Organismus zur Bildung von Eicosanoiden (z. B. Prostaglandine, Leukotriene), die unter anderem bei der Auslösung von Gelenkentzündungen eine wichtige Rolle spielen. Omega-3-Fettsäuren finden sich vorwiegend in Pflanzenölen (α-Linolensäure u. a. in Lein-, Raps-, Soja- und Walnussöl) sowie in Kaltwasserfischen und Meerestieren (Eicosapentaensäure, Docosahexaensäure). Die Eicosapentaensäure weist eine ähnliche biochemische Struktur wie die Arachidonsäure auf und hemmt kompetitiv die Bildung der Eicosanoide, indem sie die Arachidonsäure von den eicosanoidbildenden Enzymen (Zyklooxygenase, Lipooxygenase) verdrängt.

Praxistipp

Bei der praktischen Umsetzung einer naturheilkundlichen Ernährungstherapie der RA hat sich ein stufenweises Vorgehen bewährt: Nach einem intensiv-diätetischen Eingriff in Form einer Fasten- oder Rohkostperiode wird der Patient auf eine frischkostreiche, überwiegend lakto-vegetabile Vollwerternährung umgestellt. In einem weiteren Schritt werden nach erfolgter Ernährungsumstellung, v. a. bei Patienten mit hoher Entzündungsaktivität, zusätzliche Mikronährstoffe wie Vitamine, Spurenelemente, Fettsäuren und Enzyme verabreicht.

Wegen des chronischen Verlaufs muss die Ernährungstherapie rheumatischer Erkrankungen langfristig angelegt werden und den krankheitsspezifischen Veränderungen der Nährstoffaufnahme, des Metabolismus und des Immunsystems Rechnung tragen.
Wegen der erhöhten Frakturgefährdung der Rheumatiker sollte aus ernährungstherapeutischer Sicht eine konsequente, lebenslange Osteoporoseprophylaxe durchgeführt werden. Im Vordergrund stehen die Sicherstellung einer ausreichenden Vitamin D- und Kalziumaufnahme. Die Kalziumzufuhr sollte ca. 1 g pro Tag betragen und vorwiegend durch kalziumreiche Nahrungsmittel wie Milch und Milchprodukte, insbesondere Hartkäse sowie durch frisches Obst und Gemüse (z. B. Grünkohl, Brokkoli, Wirsing) gedeckt werden. Bei der Ernährungsberatung ist darauf hinzuweisen, dass der Verzehr phosphathaltiger Nahrungs- und Genussmittel (z. B. Fleisch, Wurst, Schokolade, Cola-Getränke) die Kalziumaufnahme vermindern und übermäßige Eiweiß- und Kochsalzzufuhr ebenso wie vermehrter Alkohol- und Kaffeekonsum die renale Kalziumausscheidung erhöhen können.
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Ab- und ausleitende Verfahren: Ausleitende Verfahren wie z. B. Aderlass, Blutegel, trockenes und blutiges Schröpfen, Baunscheidt, Cantharidenpflaster nehmen bei der Behandlung rheumatischer Erkrankungen im Rahmen eines multimodalen Behandlungskonzepts traditionell einen wichtigen Platz ein. Bei der Auswahl und Anwendungshäufigkeit der einzelnen Verfahren sind – ähnlich wie in der physikalischen Therapie – z. B. der Allgemein- und Kräftezustand des Patienten, konstitutionelle Merkmale, das Stadium der Entzündung zu berücksichtigen.Paravertebrale Schröpfkopfbehandlungen kommen bei RA-Patienten mit chronischen HWS-Beschwerden als unterstützende Maßnahme in Betracht. Liegt palpatorisch eine starke Überempfindlichkeit der Nackenzone vor, sollten die Schröpfköpfe mehr lateral (Tonsillenzone) aufgesetzt werden.

  • Neuraltherapie: Durch das breite Spektrum praktisch bewährter Injektionstechniken hat die Neuraltherapie bei der naturheilkundlichen Therapie rheumatischer und orthopädischer Erkrankungen große Verbreitung gefunden. Bei rheumatoider Arthritis empfehlen sich besonders Intrakutanquaddeln im Bereich der schmerzhaften Areale, Injektionen an schmerzhaft verändertes Gewebe (Muskeln, Periost, Bänder, Sehnenansätze), Injektionen an Gelenke und evtl. Blockaden der beteiligten sympathischen Ganglien (Grenzstrang).

Spondylitis ankylopoetica (Sp.a)

Die Spondylitis ankylopoeticaBehandlung des M. Bechterew, M. Bechterewreaktiver Arthritiden folgt im Wesentlichen wie beschrieben für die Rheumatoide Arthritis (7.7.1).
Die Schwerpunkte der Therapie sollten auf umstimmenden Maßnahmen (Heilfasten, Überwärmungsbäder, Infrarot-Ganzkörperhyperthermie, Eigenblut-, Reizkörperinjektionen), Krankengymnastik (passiv lockernde Techniken, Wirbelsäulengymnastik, Atemübungen, Schwimmen), Neuraltherapie und den ab- und ausleitenden Verfahren liegen. Bewährt haben sich bei letzteren u. a. Schröpfkopfbehandlungen sowie Baunscheidt-Stichelungen, die paravertebral vom Okziput bis zum Iliosakralgelenk erfolgen sollten.

Arthrosen der großen Gelenke

Da GelenkarthroseArthroseden Arthrosen kein gemeinsames ätiologisches Prinzip zugrunde liegt, gibt es für die verschiedenen Arthroseformen keine einheitliche kausale Therapie. Im Vordergrund der Arthrosebehandlung stehen daher neben der Elimination von Risikofaktoren (Übergewicht, Störungen des Stoffwechsels, statische Fehlbelastung durch Form- und Funktionsstörungen, körperliche Überlastung durch Beruf und Sport) die Anwendung von symptomatischen Maßnahmen, die den Besonderheiten des betroffenen Patienten Rechnung tragen. Diese ergeben sich u. a. aus Lokalisation, Art und Schwere der Arthrose, Entzündungsaktivität, beruflichem und sozialem Umfeld.
Wichtige Ziele der Arthrosetherapie sind die Herabsetzung des Arthroseschmerzes und der sekundären Entzündung, Funktionsverbesserung des Gelenks und des Muskel- und Bandapparates sowie die Verzögerung der Arthroseprogression durch Hemmung der Knorpeldestruktion und Förderung des Knorpelerhalts. Diese Ziele können langfristig nur durch ein komplexes Behandlungskonzept erreicht werden, das neben medikamentösen und physikalischen Maßnahmen auch Schulungs- und Trainingsprogramme und damit die intensive Einbeziehung des Patienten in den therapeutischen Prozess umfasst.
Ordnungstherapie
Da Arthrosen in der Regel langsam verlaufende, chronische Erkrankungen sind, kommt ordnungstherapeutischen, das Verhalten und den Lebensstil modifizierenden Maßnahmen große Bedeutung zu. Der Behandler muss den Arthrosepatienten über seine Erkrankung und deren Prognose aufklären und die Unterschiede zu den progredient entzündlichen Gelenkerkrankungen deutlich machen. Zudem sollte er ausführlich die Bedeutung von Ruhigstellung und Bewegung, von Belastung und Entlastung, von kalorischen Einflüssen (Feuchtigkeit, Nässe), von falschen Sitz-, Steh- und Gehgewohnheiten darlegen und den Patienten zu Verhaltensänderungen anleiten.

Praxistipp

Dem Arthrose-Kranken ist nahezubringen, dass er die kranken Gelenke möglichst viel bewegen, aber nur maßvoll belasten soll. Diesem Behandlungsprinzip sollte sowohl im beruflichen Alltag als auch bei Freizeitaktivitäten Rechnung getragen werden.

So lassen sich durch Veränderung der Arbeitsgewohnheiten oder durch den sporadischen Wechsel der Arbeitsposition einförmige Überlastungen einzelner Gelenke vermindern. Bei der Freizeitgestaltung sind Sportarten mit gleichmäßigen, fließenden Bewegungsabläufen (Radfahren, Schwimmen, Wandern mit entsprechenden Pausen) zu bevorzugen und solche mit hoher Impuls- und Stoßbelastung (z. B. Tennis, Squash, steiles Bergabgehen, Kampfsportarten) einzuschränken oder auszuschließen. Bei fortgeschrittenen Arthrosen sollte der Patient auf die Vorzüge von orthopädischen Hilfsmitteln (z. B. Gehstöcke, Unterarmkrücken) hingewiesen und über deren richtigen Gebrauch instruiert werden.
Hydro- und Thermotherapie
Bei der aktivierten Arthrose ist eine antiphlogistische Therapie nötig, da eine länger bestehende Synovialitis zu einer Ernährungsstörung und Schädigung des Knorpels führt. Neben einer passageren Ruhigstellung und Entlastung werden die betroffenen Gelenke mit Kälte und kühlender Hydrotherapie behandelt. Nach Abklingen der Entzündungssymptome können hyperämisierende Maßnahmen in Form von intensiver Wärmezufuhr durchgeführt werden. Bewährt haben sich besonders heiße Wickel oder Packungen mit Fango oder Moor, die eine intensive und anhaltende lokale Wärmezufuhr erlauben, ohne das Herz-Kreislauf-System übermäßig zu belasten. Eine weitere Möglichkeit bieten ansteigende Bäder ohne oder mit Zusätzen (z. B. Heublumen, Schwefel) und die elektrotherapeutischen Verfahren (z. B. diadynamische Ströme, Iontophorese, hydroelektrische Bäder).
Phytotherapie
Pflanzliche Schmerz- und Entzündungsmittel werden in der Komplementärmedizin wegen des geringen Nebenwirkungspotenzials und der Notwendigkeit einer Langzeittherapie häufig alleine oder in Kombination mit niedrig dosierten NSAR zur Behandlung von Arthrosebeschwerden verordnet.
  • Zur inneren Anwendung kommen Phytopharmaka aus Brennesselkraut/-blättern (Urtica herba/-folium, z. B. Hox® alpha, Natu·lind®, Rheuma Hek®), Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix, z. B. Teltonal®, Rivoltan®, Doloteffin Sogon®), Weidenrinde (Salicis cortex, z. B. Assalix®, Proaktiv®), Hagenbuttenpulver (Rosa canina, z. B. Litozin®) sowie Kombinationspräparate und Spezialitäten, die u. a. Extrakte aus Heisteria-, Birken-, Eschen-, Pappelrinde, Goldrute enthalten (z. B. Phytodolor®), infrage. Für die einzelnen Stoffgruppen liegen zahlreiche experimentelle und klinische Daten vor, die u. a. die analgetischen, antiphlogistischen und chondroprotektiven Wirkungen belegen.

  • Zur äußeren Anwendung stehen z. B. Salben, Cremes, Linimente aus Arnikablüten, Beinwellwurzelzubereitungen, Cayennepfefferextrakten (z. B. Kneipp® Arnika Salbe, Kytta Salbe®, Capsamol® Salbe) sowie Breiumschläge aus Senfsamen, Kohlwickel und Heublumenkompressen zur Verfügung. Diese Arzneidrogen entfalten v. a. hyperämisierende Wirkungen, wobei über sog. Counter-irritant-Effekte reflektorisch auch tiefere Gewebestrukturen beeinflusst werden. Rasche und anhaltende Counter-irritant-Wirkungen lassen sich mit Senfbreiumschlägen Senfbreiumschlägeerzielen.

Praxistipp

Senfmehl mit warmen Wasser (maximal 40–45 °C!) zu einem Brei verrühren, auf ein Leintuch aufbringen und auf die schmerzende Stelle legen. Zu beachten ist, dass durch heißes Wasser (60 °C) das Enzym Myrosinase zerstört wird, welches das therapeutisch aktive Benzylsenföl freisetzt. SenfwickelSenfwickel sollten, abhängig von der Hautempfindlichkeit, nur sehr kurze Zeit (5–15 Min.) appliziert werden. Bei längerer Anwendungsdauer kann es zu Blasenbildung, schlecht heilenden Ulzerationen und Nekrosen kommen.

Bewegungstherapie/Massage
Eine zentrale Stellung in der Behandlung der Arthrose nimmt die aktive und passive Bewegungstherapie in Form von Massagen, Krankengymnastik oder aktivem Bewegungstraining ein. Je nach individuellem Befund streben diese Maßnahmen u. a. eine Dehnung verkürzter Muskeln, den Ausgleich muskulärer Dysbalancen durch Kräftigung schwächerer oder atrophierter Muskelpartien, die Remobilisation von Bewegungseinschränkungen bzw. Kontrakturen und eine Verbesserung in der Koordination der Bewegungsabläufe an.
Um einen nachhaltigen Behandlungserfolg zu erzielen, sollte die Übungsbehandlung nicht nur am befallenen Gelenk und in der unmittelbaren Umgebung erfolgen, sondern mit einer Korrektur der Gesamtstatik und des gesamten Bewegungsverhaltens verbunden werden.
Ein wichtiges Prinzip der Arthrosebehandlung ist die Bewegung unter Entlastung. Geeignete Maßnahmen sind hierzu das Bewegungsbad, Aquajogging oder das dosierte Training auf dem Fahrradergometer. Als häusliche Übungsprogramme haben sich einfache Dehn-, Pendel- und Streckübungen nach entsprechender Anleitung durch einen Physiotherapeuten bewährt. Entscheidend ist, dass alle Übungen bewusst, fließend, regelmäßig und über lange Zeiträume durchgeführt werden.
  • Bei einseitiger Hüftarthrose ist eine Lockerung der Hüftmuskeln und eine Kapseldehnung dadurch möglich, dass nach Platzierung des gesunden Beines auf einer leichten Erhöhung, das kranke Bein frei hin- und herschwingt.

  • Für die Kniegelenke lässt sich eine analoge extendierende Entlastung schaffen, indem sich der Patient auf einen Tisch setzt und mit den Unterschenkeln hin- und herpendelt.

  • Für die Polyarthrose der Hände (z. B. Heberden-, Bouchard-, Rhizarthrose) ist das Kneten mit warmem Fango besonders hilfreich, weil sich bei dieser Maßnahme die günstigen Effekte von Thermo- und Bewegungstherapie miteinander verbinden.

Ernährungstherapie
Es kann als gesichert gelten, dass es in präarthrotisch und metabolisch vorbelasteten gewichttragenden Gelenken durch Übergewicht in verstärktem Umfang zur Ausbildung von Sekundärarthrosen kommt. Daher sollten adipöse Patienten mit Sprunggelenks-, Knie-, Hüft- und Wirbelsäulenarthrosen zunächst eine Gewichtsreduktion durchführen. Infrage kommen hierzu aus naturheilkundlicher Sicht stark kalorienreduzierte, intensivdiätetische Maßnahmen wie z. B. Heilfasten, Kartoffel-Reisdiät, Rohkosttage. Allein durch diese Maßnahmen lassen sich in vielen Fällen vorbestehende Entzündungen, Schwellungen und Schmerzen deutlich reduzieren.
Langfristig sollten Arthrosepatienten v. a. solche mit aktivierten Arthrosen eine kalorisch und in der Zusammensetzung den individuellen Bedürfnissen angepasste Vollwerternährung, die an den Diätempfehlungen für RA-Patienten angelehnt ist, zu sich nehmen.
Die Wirksamkeit von Chondroprotektiva, also von Substanzen, die den Knorpelstoffwechsel günstig beeinflussen sollen, wird kontrovers diskutiert. Bei Auswahl und Verordnung ist zwischen zugelassenen Arzneimitteln mit definiertem Wirkstoffgehalt (z. B. Glucosaminsulfat, Dona®) und Nahrungsergänzungsmitteln aus nicht definierten Inhaltsstoffen pflanzlichen und tierischen Ursprungs (z. B. Chondroitin, Kollagenhydrolysat – Orthomolexpert Gelenknahrung®) zu unterscheiden.
Bei aktivierten Arthrosen finden häufig auch Enzympräparate pflanzlicher und tierischer Provenienz (Bromelain, Trypsin, z. B. Bromelain POS®, Phlogenzym®) Anwendung.
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Ab- und ausleitende Verfahren: Insbesondere die Therapie mit Blutegeln und Vesikantien (Canthariden-, Senfpflaster) sowie die Nadelung mit Baunscheidtgeräten nehmen bei der naturheilkundlichen Behandlung symptomatischer Arthrosen traditionell einen wichtigen Platz ein. Bei der Blutegeltherapie kombinieren sich die Effekte der Gegenirritation durch die Läsion des Blutegelbisses und der lokalen Entstauung mit den vielfältigen pharmakologischen Wirkungen der Inhaltsstoffe des Blutegelspeichels. Den bisher im Blutegelspeichel identifizierten und untersuchten Substanzen werden u. a. durchblutungsfördernde, analgetische und antiphlogistische Eigenschaften zugeschrieben.

Praxistipp

In einer Therapiesitzung werden in Abhängigkeit von der Größe des Gelenks bzw. der betroffenen Region 2–6 Blutegel angesetzt. Die erzielten klinischen Besserungen halten in der Regel mehrere Monate, in Einzelfällen auch länger an. Wiederholungsbehandlungen sind in Abhängigkeit von der individuellen Situation des Patienten jederzeit möglich. Die Blutegeltherapie ist bei Beachtung der Kontraindikationen (z. B. Gerinnungsstörungen, Anämie, allergische Diathese, akute Infektionskrankheiten) eine gut verträgliche und nebenwirkungsarme Behandlungsform.

  • Neuraltherapie: Degenerative Erkrankungen des Halte- und Bewegungsapparates betreffen in der Regel alle Bestandteile eines „Bewegungssegments“ (Knochen, Knorpel, Kapsel, Bänder, Muskeln, nervale Strukturen). Diese können durch gezielte lokale und übergeordnete segmentale Injektionen therapeutisch beeinflusst werden. Bewährt haben sich u. a. Injektionen in vorhandene Schmerzpunkte und Gelosen, Umspritzung eines Gelenks mittels Intrakutanquaddelung, Injektionen an Sehnenansätze, Schleimbeutel, periphere Nerven und Nervenwurzeln sowie an die zugehörigen sympathischen Ganglien. Aus funktioneller Sicht ist die Einbeziehung benachbarter Gelenk-, Knochen-, Band- und Muskelregionen in den Injektionsplan sinnvoll und führt zu besseren Behandlungsergebnissen. So sollte beispielsweise der Behandlungsplan einer Koxarthrose neben den lokalen Injektionen (M. trochanter, pericapsulär), ggf. auch Injektionen an Schmerzpunkte im Bereich des M. tensor fasciae latae, des Beckenrings, der LWS und der Iliosakralgelenke umfassen.

Rücken- und Nackenschmerzen

RückenschmerzenNackenschmerzenRücken- und Nackenschmerzen gehören zu den größten Gesundheitsproblemen moderner Industrienationen. In Deutschland leiden etwa 20 % aller Erwachsenen an Rückenschmerzen, die gravierend sind und mit Funktionsbeeinträchtigungen einhergehen. In einem hohen Prozentsatz sind chronische Rückenschmerzen unspezifischer Natur, d. h. den Beschwerden liegen keine ätiologisch eindeutig relevanten pathologischen Veränderungen zugrunde. Spezifische Rückenschmerzen sollten, soweit möglich, kausal behandelt werden. Risikofaktoren für chronische Rückenschmerzen sind Übergewicht (Hyperalimentation), körperliche Inaktivität (Hypomobilität), ungünstige Körperhaltungen bei der beruflichen Tätigkeit, frühere Rückenschmerzen oder Schmerzen in anderen Körperregionen, psychosozialer Stress, Depressivität.
Für eine ganzheitliche naturheilkundliche Behandlung kommen vorwiegend unspezifische akute und chronische Nacken- und Rückenschmerzen sowie diejenigen spezifischen Beschwerden infrage, für die keine erfolgversprechenden oder nur nebenwirkungsreiche schulmedizinische Behandlungsoptionen zur Verfügung stehen. Ziel aller therapeutischen Maßnahmen sollte eine rasche und nachhaltige Schmerzbeseitigung und die Wiederherstellung gestörter Funktionen sein, um dem Patienten die Wiederaufnahme seiner Alltagsaktivitäten zu ermöglichen und die Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses zu verhindern.
Es besteht ein allgemeiner Konsens darüber, dass der Schwerpunkt der Therapie auf Maßnahmen liegen sollte, die den Patienten aktivieren und in den therapeutischen Prozess miteinbeziehen. Einseitige, die Passivität fördernde Therapien (Ruhigstellung, Injektionen) sind nur zeitlich begrenzt sinnvoll, da sie bei längerfristiger Anwendung die Chronifizierung der Rückenschmerzen fördern.
Ordnungstherapie
Chronische, unspezifische Rückenschmerzen sind meistens durch eine nicht ausreichende Belastbarkeit des Halteapparats bedingt. Da nur eine trainierte und gut tonisierte Muskulatur in der Lage ist, eine physiologische Haltung über den gesamten Tagesablauf aufrechtzuerhalten, sind eine regelmäßige stabilisierende Gymnastik, Ausgleichssport und rückengerechtes Verhalten im Alltag die Grundlage eines ordnungs- und bewegungstherapeutischen Konzepts, das vom Patienten regelmäßig und langfristig umgesetzt werden muss. Konsequente Rückenschulung dient dem Ziel, der Chronifizierung der Rückenschmerzen vorzubeugen und kann dazu beitragen, das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. Bewegungstherapeutische Maßnahmen sollten durch Entspannungstechniken bzw. eine Kombination aus Entspannungs- und Bewegungstechniken (z. B. Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, autogenes Training, Yoga, Qigong, Atemtherapie) sowie durch konfliktzentrierte Beratungen und Gespräche unterstützt werden, um so nachhaltige Verhaltensänderungen zu erreichen, die helfen, das Rückfallrisiko zu limitieren.
Hydro- und Thermotherapie
Wirbelsäulenbeschwerden führen über eine Reizung der Nozi- und Mechanorezeptoren zu einer Tonuserhöhung vorwiegend der paravertebralen Muskulatur. Klinisch äußert sich diese Überaktivität der Muskulatur als „Hartspann“ (Myogelose), die zunächst eine stabilisierende Schutzfunktion für das betroffene Bewegungssegment darstellt. Bei längerem Fortbestand kann eine solche Hartspannbildung jedoch selbst zum Ausgangspunkt von chronischen Schmerzen werden und zu einer zunehmenden Funktionsbeeinträchtigung der gesamten Wirbelsäule führen.
  • Zur muskulären Entspannung haben sich sowohl eine lokale Erwärmung der hypertonen Muskulatur als auch die Ganzkörperüberwärmung in der Praxis sehr bewährt. Für lokale Wärmeanwendungen stehen Peloidpackungen (Fango-, Moorpackungen), Heublumensäcke, die heiße Rolle oder Ultraschall- und Elektrotherapie (Hochfrequenzdiathermie, Dezimeterwellen) zur Verfügung.

  • Bei akuten, sehr schmerzhaften Muskelverkrampfungen ist die kurzfristige Applikation von Kälte (Kältespray, Eisabreibungen) hilfreich, da sie durch eine Oberflächenanästhesie gezielte Dehnübungen ermöglicht („Spray- und Stretch-Technik“). Lokale, zeitlich begrenzte Kälteanwendungen (Kryogelpackungen, kalte Lendenwickel) stellen eine auch bewährte Maßnahme zur Schmerzbekämpfung bei Patienten mit nicht operationsbedürftigem akutem lumbalen Diskusprolaps dar, wobei bei der Auflage von kalt-nassen Wickeln darauf zu achten ist, dass diese nicht zum Wärmestau führen.

Phytotherapie
Zur unterstützenden medikamentösen Behandlung vertebragener Schmerz- und Entzündungszustände kommen im Wesentlichen die gleichen oral und topisch anzuwendenden Phytopharmaka infrage, die bei der Therapie von Gelenkarthrosen im Gebrauch sind (s. o.). Für Extrakte aus der südafrikanischen Teufelskralle (Harpagophyti radix z. B. Rivoltan®, Teltonal®) und der Weidenrinde (Salicis cortex, z. B. Assalix®, Proaktiv®) konnte in mehreren Studien (zitiert bei Schilcher) eine gute Wirksamkeit bei unspezifischen Rückenschmerzen, degenerativem HWS- und LWS-Syndrom, Muskelschmerzen nachgewiesen werden. In Fällen, die mit einer psychischen Überlagerung der Beschwerden einhergehen, hat sich die zusätzliche Verordnung von Johanniskrautpräparaten (Hyperici herba, z. B. Hyperforat®, Laif®) zur Stimmungsaufhellung und zur psychovegetativen Entspannung in der Praxis oftmals als nützlich erwiesen.
In der Kneipptherapie rheumatischer Erkrankungen und degenerativer Wirbelsäulenleiden spielt traditionell die Anwendung von Heublumen (Graminis flos) in Form von Bädern oder Auflagen (Heusack) zur Förderung der Durchblutung, muskulären Entkrampfung und Schmerzlinderung eine große Rolle. Heublumen sind natürlich vorgegebene Mischungen von Gräserblüten, Samen, Blattstückchen verschiedener Poaceen-Arten (Quecke, Lolch, Trespe, Ruch-, Liesch-, Fuchsschwanzgras, Wiesenschwingel), die durch Absieben von Heu gewonnen werden. Die Anwendung von Heublumensäcken erfolgt rein empirisch, wobei neben der thermischen Wirkung auch verstärkende pharmakologische Effekte der Inhaltsstoffe (ätherische Öle, Cumarine, Furanocumarine) diskutiert werden.

Praxistipp

Für die Herstellung eines Heublumensack; HerstellungHeublumensackes zur Behandlung von Rückenschmerzen wird ein grober Leinensack mit Heublumen befüllt und in strömendem Wasserdampf auf ca. 42 °C erhitzt. Anschließend wird der Heusack in ein Tuch eingeschlagen und nach Prüfung der Hitzeverträglichkeit am Unterarm auf die schmerzende Stelle aufgebracht. Zur Fixierung der Auflage und zur Erzielung einer protrahierten Wärmeabgabe wird der Patient noch zusätzlich in ein Baumwolltuch eingeschlagen. Die Behandlungsdauer sollte ca. 30–45 Min. betragen.

Bewegungstherapie
Im Rahmen eines multimodalen Behandlungskonzepts von Wirbelsäulenbeschwerden und -erkrankungen kommt aktiven und passiven Techniken der Krankengymnastik, Extensionen und Massagen ein hoher Stellenwert zu.
  • Bei akuten Bandscheibenvorfällen, die einer konservativen Therapie zugänglich sind, sollten zunächst entlastende Lagerungen, die den intradiscalen Druck im betroffenen Bewegungssegment vermindern, vorgenommen werden. Die Lagerungen ergeben sich aus der physiologischen Haltung bzw. aus einer Stellung, die vom Patienten als schmerzerleichternd empfunden wird und gleichzeitig eine maximale Erweiterung der Zwischenwirbelräume gewährleisten.

  • Bei HWS-Syndromen lässt sich dies durch Flachlagerung mit stützender Halskrawatte, bei LWS-Syndromen durch eine Knierolle oder Stufenlagerung erreichen. Durch vorsichtige, gezielte Extensionen (manuell, Glissonschlinge, Perl-Gerät) mit ansteigender Zugbelastung kann die Erweiterung verengter Bewegungssegmente noch verstärkt werden.

Die Krankengymnastik hat die Aufgabe, verspannte Muskeln zu lockern, Kontrakturen zu lösen, schwache Muskeln mit isometrischen Anspannungen und Komplexbewegungen (Kabat-Methode, Klapp-Kriechübungen) zu kräftigen und die Koordination der Bewegungsabläufe zu optimieren. Da die krankengymnastische Behandlung von Wirbelsäulenbeschwerden nur bei langfristiger Durchführung effektiv ist, muss der Patient zu selbstständigen Übungen angeleitet werden, die er in seinen Tagesablauf übernimmt. Wichtig ist, dass die Muskulatur in allen Bewegungsrichtungen beübt wird und auch wirbelsäulenferne Muskelpartien einbezogen werden. So wird z. B. durch eine Tonisierung der Bauchmuskulatur die LWS entlastet und der Druck auf die lumbalen Bandscheiben um etwa ein Drittel reduziert.
Für die aktive Übungsbehandlung von Wirbelsäulenbeschwerden eignen sich besonders Bewegungsbäder, die durch eine Verringerung der Eigenschwere Bewegungsabläufe ermöglichen, die im Trockenen nicht durchführbar sind.
Massagetherapie
Massagen haben sich besonders bei Patienten mit diffusen Rückenschmerzen auf Grundlage von fortgeschrittenen Osteochondrosen und Spondylarthrosen bewährt, da sie die muskuläre Hypertonie und schmerzhafte Verspannungen reduzieren und damit eine gute Ausgangsbasis für eine aktive Übungstherapie schaffen.
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Ab- und ausleitende Verfahren: Ausleitende Verfahren, insbesondere Schröpfkopf- und Baunscheidtbehandlungen werden als „kutiviszerale Reflextherapie“ bei Schmerzsyndromen der Wirbelsäule in der naturheilkundlichen Praxis häufig zur Unterstützung physikalischer Maßnahmen eingesetzt. Vor Beginn der Therapie sollte eine sorgfältige Inspektion und Untersuchung der paravertebralen Rückenpartie und eine Lokalisierung von Leere- bzw. Füllegelosen, muskulären Verhärtungen erfolgen.

    • Leeregelosen („Leeregelosenkalte Gelosen“) imponieren als verhärtete, derbe oder eingesunkene Partien, Füllegelosen („heiße Gelosen“) als prall-elastische, druckempfindliche oder als sulzige, manchmal überwärmte Erhebungen oder Areale.

    • Füllegelosen Füllegelosenfinden sich in der Regel eher bei akuten Zuständen und bei plethorischen Konstitutionstypen, Leeregelosen bei chronischen Prozessen und asthenischen Patienten.

Merke

Als allgemeine Behandlungsregel gilt, dass Leeregelosen trocken und Füllgelosen blutig geschröpft werden sollten. Im Hinblick auf häufig anzutreffende „Mischbilder“ hat aber auch ein alternierendes Vorgehen (blutiges Schröpfen im Wechsel mit trockenem Schröpfen) seine Berechtigung.

  • Neuraltherapie: Beschwerden oder Schmerzen bei funktionellen oder degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen sind häufig reflektorischer Natur und lassen sich daher durch neuraltherapeutische Behandlungstechniken häufig gut beeinflussen. Therapieziele sind u. a. die Abschwächung der Nozizeption, die Normalisierung eines erhöhten Muskeltonus, die Verbesserung der Durchblutung, die Optimierung übergeordneter Regelkreise und die Unterbrechung viszero-vertrebraler Irritationen.Praktisch bewährt haben sich v. a. Injektionen und Infiltrationen in hyperalgetische Areale der Haut, der Muskeln, der Nervenscheiden, des Bandapparates, des Periosts und der Gelenkkapseln. Bei chronischen Verläufen sollten diese durch eine temporäre Ausschaltung der dazugehörigen sympathischen Ganglien, epidurale Injektionen und eine Störfeldsanierung (z. B. Narbenunterspritzung) ergänzt werden.

Weichteilrheumatische Beschwerden, Fibromyalgie-Syndrom

weichteilrheumatische BeschwerdenFibromyalgie-SyndromWeichteilrheuma ist ein Oberbegriff für ätiologisch, pathogenetisch und klinisch unterschiedliche Krankheits- und Beschwerdebilder, die mit Schmerzen im Bereich der Weichteile (z. B. Bindegewebe, Unterhautfettgewebe, Bänder, Sehnen, Muskulatur) einhergehen und die nichtentzündlicher (z. B. Pannikulose, Tendinose) oder entzündlicher Natur (Pannikulitis, Tendinits) sein können. Unterschieden werden lokalisierte Formen des Weichteilrheumatismus (z. B. Myalgie, Enthesopathien, Bursitis) und generalisierte Weichteilbeschwerden wie das Fibromyalgie-Syndrom.
Das Fibromyalgie-Syndrom ist ein ätiologisch unklares Krankheitsbild, das durch ausgedehnte chronische Schmerzen sowie einer Vielzahl funktioneller und vegetativer Begleitbeschwerden wie vermindertes Leistungsvermögen, Durchschlafstörungen, Müdigkeit, depressive Verstimmung, Schwellungsgefühle in den Händen gekennzeichnet ist.
Die Therapie des Fibromyalgie-Syndroms, die im Folgenden kursorisch dargestellt werden soll, ist langwierig und schwierig und erfordert ein multimodales Vorgehen unter Einbeziehung von Gesprächs- bzw. Psychotherapie, Schulungsprogrammen, Trainingstherapie, physikalischen und medikamentösen Maßnahmen. Wichtige Therapieziele sind Beschwerdelinderung, Verbesserung der Lebensqualität, Erhaltung der Funktionsfähigkeit im Alltag sowie Vermeidung einer Dauermedikation mit Schmerzmitteln.
Ordnungstherapie
Grundlage einer erfolgreichen Therapie der Fibromyalgie stellt die gesprächs- und ordnungstherapeutische Beratung und Unterstützung des Patienten dar, die mit einer fortlaufenden beschwerdeassoziierten Anpassung der durchzuführenden Behandlungsmaßnahmen einhergeht. Dies setzt vom Behandler Kenntnis und Akzeptanz des Beschwerdebildes sowie Kommunikationsfähigkeit, vom Patienten Motivation, Entwicklung von Eigenaktivität und den Wunsch nach langfristiger Veränderung voraus.
Hydro- und Thermotherapie
Als vegetativ umstimmende Verfahren kommen sowohl die Ganzkörperkältetherapie (Kältekammer) als auch die Ganzkörperwärmetherapie (Infrarot-Ganzkörperhyperthermie, Überwärmungsbad) infrage. Für Letztere konnte eine mehrere Monate anhaltende Schmerzreduktion nachgewiesen werden.
Phytotherapie
Aus dem Bereich der Phytotherapie bieten sich als Begleitmedikation v. a. Johanniskraut- und Passionsfruchtpräparate (z. B. Hyperforat®, Kytta-Sedativum®) wegen ihrer stimmungsaufhellenden, angstlösenden und schlaffördernden Wirkungen sowie Weidenrindenextrakte wegen ihrer analgetischen Eigenschaften an. Einreibungen und Bäder mit Ätherisch-Öl-Drogen (Kampfer, Eukalyptus-, Fichtennadelöl) werden subjektiv oft als sehr wohltuend empfunden.
Bewegungstherapie
Physiotherapeutische Anwendungen sollten bei länger bestehenden Krankheitsverläufen auf Grund der verminderten muskulären Leistungsfähigkeit langsam begonnen und vorsichtig gesteigert werden. Der Schwerpunkt sollte auf aktiven Maßnahmen liegen, die der Patient nach Anleitung selbst durchführen kann. Bewährt hat sich aerobes Ausdauertraining (z. B. Fahrradergometertraining, Walking, Muskelkrafttraining, Muskeldehnung), welches an das individuelle Leistungsniveau des Patienten angepasst ist.

Praxistipp

Bei krisenhaften Verschlechterungen können kurzfristig auch passive Maßnahmen (z. B. Massagen, Packungen, Wickel, Bäder, Schröpfkopfbehandlungen) zur Anwendung kommen.

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Neurologische Erkrankungen

Robert M. Bachmann

(7.8.1–7.8.3)

Johannes Pichler

(7.8.4–7.8.6)

Spannungskopfschmerz

Die SpannungskopfschmerzAnlage zu Kopfschmerzen scheint vererbt zu sein. Die Pathogenese des multifaktoriellen Geschehens ist nach wie vor ungeklärt. Eine Rolle spielen z. B. auch Schmerzmittel-, Koffein- und Nikotinabusus, Fehlstellungen im Kiefergelenk, Reizungen und Dislokationen im atlanto-occipital Gelenk sowie Fehlstellungen der Wirbelsäule, insbesondere der HWS. Die Naturheilverfahren bieten zahlreiche Möglichkeiten, auf die Intensität und Dauer, Häufigkeit der Attacken und v. a. die – möglichst geringe – Schmerzmitteleinnahmen Einfluss zu nehmen oder diese sogar zu verhindern. Vor allem lernt der Patient, dass er selbst aktiv eingreifen, die „Sprache“ der Schmerzen verstehen und damit umgehen kann.
Behandlungsziele einer naturheilkundlichen Therapie sind:
  • Minderung des Tonus der Nacken- und Kopfmuskulatur, Verminderung der Aktivität der Schmerzrezeptoren

  • Verbesserung der Vasomotorenaktivität durch hydrotherapeutische Anwendungen (Kneipp-Wassertherapie)

  • Sympathikolyse durch Entspannungsmethoden zur Vagusaktivierung

  • Muskeldetonisierung im Bereich der HWS durch Massagetherapien und Warmanwendungen

  • Verbesserung der vegetativen Regulationsfähigkeit und der vegetativen Reizverarbeitung

  • Vermehrung der autonomen Reserven und Alkalireserven

Ordnungstherapie
Bei Kopfschmerzpatienten ist der biologische Rhythmus zwischen Leistung und Erholung, Anspannung und Entspannung, sehr oft verloren gegangen. Dieses natürliche Wechselspiel unterliegt v. a. der aus dem Takt geratenen Steuerung durch das vegetative Nervensystem. Ein Kopfschmerzanfall kann auch durch ein lokales Ungleichgewicht der Neurotransmitter im Gehirn ausgelöst werden. Das gestörte vegetative Nervensystem kann jedoch wieder trainiert und harmonisiert werden, damit es besser mit den Reizen der Umwelt fertig wird, die auch der Kopfschmerzpatient nicht immer zu vermeiden mag. Geeignete Mittel hierzu sind – neben den Kneipp-Wasseranwendungen und angemessener körperlicher Bewegung im streng aeroben Bereich – Entspannungsübungen wie das autogene Training oder die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, die durch den Wechsel von An- und Entspannung der Muskeln Kopfschmerzen vorbeugen können. Auch maßvolles Yoga und andere Meditationsformen sowie atemtherapeutische Maßnahmen wirken harmonisierend auf das vegetative Nervensystem.
Das „Stressmanagement“ im Alltag erleichtern auch Atmungs- und Haltungs-, Lockerungs- und Wirbelsäulenübungen. – im Sinne einer zeitordnenden Therapie (Chronohygiene) bzw. Psychohygiene nach Indikationsstellung (Psychosomatik)
Bewegungstherapie
Neben „passiven“ Bewegungsarten wie Massagen, Lymphdrainage, Bindegewebsmassagen und bei Bedarf Rückenschule oder (Kranken-)Gymnastik sind ebenfalls geeignete aktivierende Ausdauersportarten wie Wandern, Laufen, Joggen, Nordic Walking, Radfahren oder Schwimmen besonders im Hinblick auf eine optimale Gewährleistung der Sauerstoffversorgung empfehlenswert.

Praxistipp

Die Bewegung der großen Muskelgruppen mit den genannten Sportarten verbessert die Sauerstoffversorgung des Gehirns um bis zu 25 %. Bewegung in Form von Ausdauersportarten hilft eine muskuläre Dysbalance zu beseitigen und ist unterstützend hilfreich. Vorsicht: Übertreibung führt zu gegenteiligen Effekten und löst – durch Laktazidose – häufig Kopfschmerzen aus.

Ernährungstherapie
Eine laktovegetabile Ernährung – Gemüse, Kartoffeln sowie, falls vertragen, Milchprodukte –, die dem Organismus zahlreiche Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine zuführt, in Verbindung mit forcierter Flüssigkeitszufuhr, hat sich bewährt. Unbedingt reduziert werden sollten Genussgifte wie Alkohol und Koffein.

Praxistipp

Am 2./3. Tag kann bei einer Ernährungsumstellung sowie insbesondere beim Fasten und beim Weglassen von Genussmittelen (z. B Kaffee, Tee, Nikotin) eine Erstverschlimmerung (Entzugssyndrom) der Symptome auftreten.

Fasten und Intensivdiätetik
Bei leichteren Kopfschmerzformen kann vorbeugend selbst präventives Fasten erfolgreich sein. Schwere Kopfschmerzformen sind ausschließlich der stationären Fastentherapie (z. B. Buchinger-Fasten, F. X.-Mayr-Kur) vorbehalten.
Hydrotherapie
Um die Gefäße vorbeugend zu trainieren, werden im Sinne der Hydrotherapie nach Kneipp über das Medium Wasser Wärme- und Kältereize therapeutisch eingesetzt. Da Kopfschmerzpatienten meist besonders kälteempfindlich sind und als Zeichen für eine mangelnde Anpassungsbereitschaft der Gefäße v. a. unter kalten Händen und Füßen, leiden, wird ganz gezielt die Eng- und Weitstellung der Gefäße trainiert. Nach wiederholten Wechselreizen(warm-kalt-warm-kalt!) tritt mit der Zeit die angemessene Reaktion immer schneller und geübter ein.

Praxistipp

Spezielle Kneipp-Maßnahmen bei Kopfschmerzen sind auf die Arteriolen und Venen ausgerichteten, kreislaufanregenden und -optimierenden Anwendungen, wie z. B.:

  • Wassertreten

  • Trockenbürsten

  • Tautreten

  • Wechselduschen

  • Wechselarmbad

  • Wechselschenkelguss oder das ansteigende Fußbad

Durch die Anwendungen werden kurze Kälte- oder Wärmereize gesetzt, die Anwendungen sind stets individuell und fein zu dosieren.

Geeignet sind auch ein temperaturansteigender Nackenguss sowie ein Heusack im Nacken. Hier kommt es über eine konsensuelle Reaktion zur Muskelentspannung in den zugehörigen Segmenten und somit zu einer Durchblutungsverbesserung. Bei Bädern ist generell Vorsicht geboten insbesondere bei niedrigem Blutdruck!
Massagetherapie
  • klassische Massage, um Verspannungen an der HWS zu lösen

  • Lymphdrainage am Oberkörper

  • Bindegewebsmassage zur positiven Beeinflussung der Durchblutung über kutiviszerale Reflexwege

  • ggf. Manuelle Medizin

Phytotherapie
Bewährt haben sich Teezubereitungen v. a. zur Verbesserung der zerebralen Durchblutung (z. B. Rosmarin), zur Förderung der Ausscheidungsfunktion (z. B. Birke, Brennnessel), zur Verbesserung der Verdauungsleistung – etwa in Form der karminativ wirksamen Anis-, Fenchel-, Kümmelfrüchte – und zur psychovegetativen Entspannung bzw. Schlafförderung (z. B. Hopfen, Melisse, Baldrian). Eingesetzt werden auch zur Stimmungsaufhellung und Antriebssteigerung Teezubereitungen aus Johanniskraut sowie Teezubereitungen aus z. B. Rosmarin und Weißdorn zur Unterstützung des Kreislaufs.
Zur äußeren Anwendung, z. B. im Bereich der Schläfen, haben sich ätherische Öle (Pfefferminzöl) bewährt, z. B. Euminz® Lsg., Inspirol Heilpflanzenöl, JHP® Rödler Flüssigk. Bei Spannungskopfschmerzen wirken zudem Zubereitungen aus Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix) und Weidenrinde (Salicis cortex z. B. Assalix® überzogene Tbl., Optovit actiflex überzogene Tbl., Proaktiv® Hartkps.) schmerzlindernd.
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Ab- und ausleitende Verfahren:

    • Einläufe, v. a. im akuten Anfall

    • evtl. Schröpfen

    • Blutegel, ggf. Therapieversuch mit Cantharidenpflaster im Segment z. B. über dem Proc. mastoideus

  • Mikrobiologische Therapie: Kopfschmerzen stehen sehr oft im Zusammenhang mit einem beeinträchtigten Verdauungsapparat, der seine Selbstreinigungsfähigkeit verloren hat und damit selbst zur Belastung für den Körper geworden ist. Davon ausgehend, dass der Darm über die zweitgrößte Anzahl von Nervenzellen verfügt – man spricht vom „Darmhirn“ – und zudem schmerzstillende Hormone und Glückshormonen (Serotonin) synthetisiert, die auch künstlich durch Medikamente zugeführt werden, kommt dem Darm als therapeutischer Ansatzpunkt, eine große Bedeutung bei. Bei Kindern und schwerer Obstipation hat sich die mikrobiologische Therapie ergänzend bewährt.

  • Neuraltherapie:

    • im Anfall: Nur für Geübte: Neuraltherapeutikum intra- und paravenös, auch bei reflektorischen Verspannungen der Nacken- und HWS-Muskulatur, ggf. obere BWS

    • bei Gefäßspasmus im Temporalbereich an die A. temporalis superficialis kleines Depot (ca. 0,5 ccm) zur Spasmolyse ausreichend

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Migräne

Bei einer diagnostizierten Migräne – die Migräne ist eine Ausschlussdiagnose – muss sich der Patient darauf einstellen, dass sein Leiden oft über mehrere Jahrzehnte verläuft. Er sollte sich nicht nur im Anfall als Patient begreifen, sondern sich gedanklich immer im Stadium der Zweitprävention befinden – ein wichtiger Lernschritt, der besonders in der naturheilkundlichen Behandlung von großer Bedeutung ist. Die therapeutische Strategie bezieht sich also im Wesentlichen auf das Erlernen geeigneter präventiver Maßnahmen im beschwerdefreien Intervall.

Merke

Naturheilverfahren bieten komplexe, multimodale Therapieansätze. Ziel ist es, die Anfallsdauer zu reduzieren, die Intensität zu mindern und die Anfallsfrequenz zu senken. Zudem ist die Reduktion der Medikation auf ein notwendiges Minimum anzustreben. Bei der Behandlung muss dabei deutlich unterschieden werden, welche Verfahren für die ambulante und welche für die stationäre Therapie geeignet sind – abhängig vom Schweregrad der Erkrankung.

Die naturheilkundlich ausgerichtete Migränebehandlung macht sich zum einen das Reiz-Reaktions-Prinzip zunutze und stärkt damit die Reaktionsfähigkeit des Organismus auf äußere, ggf. nicht beeinflussbare Reize. Die Reizschwelle wird gewissermaßen angehoben. Dies kommt nicht nur der Toleranz gegenüber Migräneauslösern zugute, sondern auch einer Reihe anderer Reaktionsabläufe im Organismus – vergleichbar einer natürlichen, unspezifischen Sympathikolyse (Stresstoleranz).

Zum anderen sollen die Kompensationsmöglichkeiten des Stoffwechsels (Sauerstoffversorgung, Flüssigkeits- und Mineralienzufuhr) wieder in ihrer ganzen Bandbreite verfügbar gemacht werden. Bei allen Migränepatienten wird der Stoffwechsel durch die ständige Beanspruchung seiner Kompensationsmechanismen überlastet. Dies ist dadurch zu erklären, dass die in unserem Kulturkreis bevorzugte Lebensweise in mehrfacher Hinsicht „unphysiologisch“ ist. So fordern z. B. Bewegungsmangel, eine überwiegend sitzende Lebensweise, Ernährung mit minderwertiger Nahrung, Fehlernährung vom Standpunkt des Biorhythmus den Regulationsmöglichkeiten des Körpers mehr ab, als er leisten kann. Dennoch können die Regulationsmechanismen die „Entgleisungen“ lange Zeit kompensieren.

Praxistipp

Das naturheilkundliche Behandlungsziel besteht darin, die Reizschwelle durch Training (Konditionierung) der Reiz-Reaktions-Regelkreise anzuheben. Es ist unerheblich, worin der Reiz primär besteht (z. B. Kältereiz, Stoffwechselreiz, psychischer Reiz, Wetter). Bewährt hat sich die Kneipp-Hydrotherapie als Basisbehandlung mit ihrem Reizabstufungssystem. Gut dosierbare Reize machen die Behandlung gezielt steuerbar.

Sympathikolyse

Durch gezielte Sympathikolyse (psychische und muskuläre Entspannungsmaßnahmen, Wärmezufuhr, Beeinflussung des Stoffwechsels in Richtung des basischen Bereichs mit Erhöhung der Alkalireserve) soll die Dysbalance zwischen einer vagusbetonten (trophotropen) und der sympathikusbetonten (ergotropen) Aktivierung wieder harmonisiert und gelöst werden. Als spürbare Folge wird z. B. die Durchblutung und damit die Sauerstoffversorgung verbessert.
Cave: Bei der Migräne ist nicht selten die parasympathikotone Gegenregulation überschießend, sodass ein
Anfall gerade in der Phase des nachlassenden Stresses eintritt – z. B. die Wochenend- bzw. Urlaubsmigräne, Migräne nach Beilegen einer Stresssituation.

Gefäßtraining

Die adäquate Reaktion auf Reize und die Sympathikolyse kommt auch der vasomotorischen Gefäßregulation zugute. Damit wird bei der Migräne ein pathogenetisch wichtiger Faktor gezielt beeinflusst. Auch hier bewähren sich hydrotherapeutische Kneipp-Maßnahmen, v. a. die thermischen Wechselanwendungen, geringerer Reizstärke darüber hinaus auch eine gut dosierte Bewegungstherapie – streng im aeroben Bereich.

Beeinflussung des Stoffwechsels

Der Darm als größtes Vagus-Organ sollte in die Migränebehandlung einbezogen werden, indem Maßnahmen zur gründlichen Entlastung und Sanierung des Magen-Darm-Trakts und der nachgeordneten Stoffwechselvorgänge (s. u.) durchgeführt werden.

Übersäuerung und Migräne

Der pH-Wert im Blut ist in engen Grenzen reguliert (ca. 7,35–7,42). Bei Näherung an den sauren Bereich tritt eine Strukturstarre der Erythrozyten ein, die zu Minderperfusion und Verminderung der Sauerstoffutilisation führt – ein möglicher Auslöser des „Ischämieschmerzes“ bei Migräne, die mit Laktatbildung einhergeht. Der Brechreiz führt zu einer erhöhten Bikarbonatbildung über die Belegzellen und soll der Azidose entgegenwirken. Die Erhöhung der Alkalireserve über basische Heilwässer, basische Nahrungsergänzungsmittel bzw. bilanzierte Diäten soll möglichst prophylaktisch alkalisierend eingreifen.

Merke

Die naturheilkundliche Migränetherapie ist überwiegend auf die Konstitution und evtl. Auslösefaktoren ausgerichtet – eine Kausaltherapie ist nicht möglich.

Eine naturheilkundliche Migränetherapie kann aus folgenden Therapiemaßnahmen bestehen:

  • Stoffwechselentlastung: durch Fasten oder ein individuell ausgewähltes Ernährungskonzept

  • Hydro- und thermotherapeutische Maßnahmen nach Kneipp zur Stabilisierung der vegetativen Balance und Durchblutungsverbesserung (Vasomotorentraining, Sympathikolyse). Der Vorteil der Hydro- und Thermotherapie gegenüber anderen balneologischen Maßnahmen besteht darin, dass die Reize individuell dosiert und zudem segmentale Applikationen ausgewählt werden können, um konsensuelle Reaktionen auszulösen, z. B. Nackenguss (temperaturansteigend), Wechselarmbad oder -guss, Gesichtsguss.

  • Entsäuerung und Entgiftung: Die erhöhte Säurebelastung wirkt sich nicht nur auf den Stoffwechsel der Zellen aus, sondern – bei der Migräne besonders wichtig – meist durch eine Gefäßspastik auch auf die Blutgefäßregulation. Humoralpathologen erklären die Gefäßfehlregulation damit, dass durch eine Vasokonstriktion die Peripherie vor Schad-und Schlackenstoffen geschützt werden soll. Als Folge der Vasokonstriktion sinkt die Sauerstoffversorgung im Gewebe ab, der Metabolismus stellt auf anaerobe Verstoffwechselung um. Laktat häuft sich an, der pH-Wert im Blut steigt und lähmt die Vasomotoren.

    • Entsäuerung des Bindegewebes und der Grundsubstanz (nach Pischinger) durch Säure-Basen-Therapie, Vergrößerung der Alkalireserve

    • Entgiftung durch ausleitende Verfahren (Purgation mit hypo- bis isotonischen salinischen Wässern und Einläufen, diaphoretische Verfahren – erhöhte Flüssigkeitszufuhr, kleiner Aderlass, Schröpfen über den Myogelosen – meist im Nacken-Oberkörper-Bereich)

  • Bewegungstherapie: Empfohlen werden aktivierende Sport- und Bewegungsarten im trainingswirksamen, aeroben Bereich (Walken, Ausdauersportarten wie z. B. Fahrradfahren, Schwimmen) bei gleichzeitiger Schonung des Bewegungsapparats und Vorsicht vor Auskühlung. Die Anwendungen sollen nach einem auf Konstitution ausgerichteten Therapie- bzw. Kurplan erfolgen, der auch nachfolgende Ruhephasen berücksichtigt. In den ersten 4–6 Behandlungstagen soll – v. a. bei diätetischen und intensivdiätetischen Maßnahmen – körperliche Ruhe dominieren, da infolge eines unerwünschten Harnsäure- und Laktatanstiegs Beschwerden ausgelöst werden können und die Compliance beeinträchtigt werden kann.

  • Entspannungstherapie: z. B. Autogenes Training, Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga

  • Neuraltherapie: zur Schmerztherapie und zur Beeinflussung etwaiger Irritationszonen im Segment (Störfelder)

Wichtigstes Beurteilungskriterium für den Therapieerfolg sollte der Langzeiterfolg durch befähigende Maßnahmen (Coping) sein. In der Praxis kann z. B. – in der Hand des Geübten – die Akupunktur, die Neuraltherapie, die Chirotherapie empirisch in vielen Fällen zum schnellen Erfolg führen, der jedoch oft nicht lange anhält, wenn die Selbstregulation („Selbstheilungskräfte“) des Körpers nicht grundlegend gestärkt werden.

Psychische Störungen scheinen eher Folge als Ursache der Migräne zu sein. Die mehrfach beschriebene „Migränepersönlichkeit“ (z. B. ehrgeizig, sehr ordentlich, unfähig, loszulassen, autoaggressiv) ist umstritten. Aber auch psychische Stressoren können, wie alle anderen Stressoren auch, die Regulationsmechanismen überfordern und so einen Migräneanfall auslösen. Ferner können Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper einen Circulus vitiosus unterhalten, da sich die Schmerzen im Anfall und das Vermeidungsverhalten zweifellos auf die Psyche auswirken.

Praxistipp

Eine stadiengerechte Therapie differenziert die Therapiemaßnahmen nach der Aktualität der Beschwerden. Während des akuten Stadiums steht die (konventionelle) medikamentöse Therapie im Vordergrund (Analgetika, Antiemetika, Antidepressiva, Sympathikolytika, Muskelrelaxanzien Infusion), die naturheilkundlichen Methoden und Mittel werden adjuvant eingesetzt.

Akutes Stadium

  • forcierte Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr ggf. in Kombination mit Antiemetika (Iberogast, MCP)

  • Pfefferminzöl auf die Schläfengegend

  • basische Mineralsalze auch als Infusion (Baseninfusion)

  • Einlauf, im frühen Schmerzstadium, evtl. mit Koffeinzusatz, Schröpfen im Schulter-Nacken-Bereich

  • ansteigende Fußbäder, um Gefäßspasmen über kutiviszerale Reflexe zu lösen, kalter Gesichtsguss im Anfall

  • Bewährt hat sich Versuch die Punkte 3 E 21, 3 E 22 und 3 E 23, zu nadeln auch in Kombination mit der intra- und paravenösen Gabe eines Neuraltherapeutikums (Procain, Lidocain, Xyloneural®) auch intrakutan an die Nackensegmente (Mastoid) sowie an die Arteria temporalis superficialis.

  • Einlauf (Irrigator) – hierdurch Flüssigkeitszufuhr und reflektorische Vagusaktivierung

Beschwerdearmes/-freies Intervall

Im beschwerdefreien Intervall kommen vorwiegend verhaltenspräventive, konditionierende Verfahren zur Anwendung (s. u.).

Ordnungstherapie
Auch durch Entspannungsverfahren wird eine Sympathikolyse (s. o.) durch konditionierende Maßnahmen angestrebt, die sich günstig auf die Blutgefäßregulation auswirkt. Obwohl Migräneanfälle nicht direkt mit dem Auftreten von Stress korreliert sind, sondern im Gegenteil häufig erst mit dem Ausklingen einer besonderen Erregung oder Belastung auftreten, können mit Entspannungsverfahren beachtliche Erfolge erreicht werden.
Dazu geeignet sind Yogaübungen, Autogenes Training und die Muskelrelaxation nach Jacobson. Die Aufgabe des Arztes besteht unter anderem darin, für jeden Patienten das am besten geeignete Verfahren herauszufinden. Für mehr körperorientierte Patienten könnte die progressive Relaxation am besten geeignet sein, anderen behagen die Suggestionen des Autogenen Trainings, wieder andere sprechen gut an auf fernöstliche Entspannungsverfahren, die stärker in eine Lebensphilosophie eingebettet sind.
Bewegungstherapie
Auch die Bewegungstherapie befähigt den Körper zu einer besseren Adaptation an endogene und exogene Reize. Wichtig ist jedoch v. a. bei der Migräne, dass sich der Patient nicht überlastet: Die Belastung soll deshalb streng innerhalb der Grenzen der aeroben Atmung bleiben. Der Übergang vom aeroben zum anaeroben Stoffwechsel kann bei Belastung mithilfe des Übergangs von der Nasen- zur Mundatmung vollzogen werden. Gewählt werden sollte eine Bewegungs- bzw. Sportart, die dem Patienten Spaß macht, die an der frischen Luft ausgeführt werden kann und die möglichst viele Muskelgruppen trainiert (z. B. Wandern, Nordic-Walking, Joggen, Skilanglauf).

Merke

  • Bei Ausdauersportarten streng im aeroben Bereich bleiben, Vorsicht: kein „work-out“ – dies kann schmerzauslösend sein! (Kneipp-Zitat: „Lieber wenig und häufig als viel und selten.“)

  • Jeglicher Leistungsanspruch ist wegen seiner Sympathikus aktivierenden Wirkung strikt abzulehnen. Vor allem bei Fastenden fällt der Beginn des Bewegungstrainings in der zweiten Woche oft mit einem gesteigerten Wohlbefinden bis hin zur Euphorie (durch Endorphine) zusammen, sodass hier besonders darauf geachtet werden muss, dass sich die Patienten nicht überfordern.

Ernährungstherapie
  • Ernährung auf eine elektrolytreiche, wertstofferhaltende, möglichst laktovegetabil ausgerichtete, basenbetonte Kost umstellen.

  • Nahrungsverteilung über den Tag: morgens reichliches Frühstück, mittags mäßige Portionen, abends kleine Portionen, kein rohes Gemüse und Obst, keine Obstsäfte nach 15 Uhr (schlechtere Verstoffwechselung bedeutet Gärung, Säure- und Fuselalkoholbildung)

  • Fleisch, Fisch mäßig zuführen, bevorzugt Getreide, Obst, Gemüse aus kontrolliertem biologischem Anbau verwenden und wertstofferhaltend zubereiten.

  • Einhaltung der Ernährungsregeln, z. B. langsam und in Muse essen, gut kauen und damit darmentlastend vorverdauen.

  • Flüssigkeitszufuhr: elektrolytreiche, kohlensäurearme Heilwässer unter Beachtung der Indikation/Kontraindikation (z. B. Fachinger, Hirschquelle, Adelholzener) mit Gehalt an Kalium, Kalzium, Magnesium, Natrium sowie Bikarbonat als auch Sulfat. Um die Ausscheidung von 1 – (besser) 2 l hellem klarem Urin zu erreichen, müssen 2,5–3 l gutes Mineralwasser (s. o.), Heilwasser oder basischer Kräutertee zugeführt werden.

Merke

Große Trinkmengen sollten nicht zu den Mahlzeiten zugeführt werden, sondern zwischen den Mahlzeiten (Abstand 30–90 Min.) erfolgen.

Fasten und Intensivdiätetik
Die Patienten unterziehen sich einem individuellen Fastenregime, das zwei Ziele verfolgt: Zum einen den Stoffwechsel zu entlasten, zu „entschlacken“, zu entsäuern, und zum anderen, die verschütteten Instinkte dafür wieder wachzurufen, was dem Körper zuträglich ist und was nicht. Als spezielle Fastenform bewährt sich die F. X. Mayr-Kur. Im Gegensatz zum reinen Wasser- oder Teefasten können hier – je nach Konstitution des Patienten – mildere Formen wie das Milch-Semmel-Fasten, Eiweißzulagen, Gemüsezulagen, milde Ableitungsdiät nach Rauch gewählt werden. Auch hier ist die nachfolgende Kauschulung elementarer Bestandteil.

Merke

Insbesondere Migränepatienten sind oftmals eher asthenisch und sollten nicht komplett fasten. Der große Vorteil der Mayr-Kur liegt darin, dass schon während der Fastenphase eine geeignete Esskultur erlernt wird.

Die Mayr-Kur beruht auf den Prinzipien der Säuberung, Schonung (Entlastung der Verdauungsdrüsen) und Schulung (Reorganisation des Verdauungssystems).
Hydrotherapie
Verschiedene hydrotherapeutische Anwendungen sind bei Migräne geeignet. Sie bewirken v. a. eine Sympathikolyse und trainieren allgemein die Reaktionsfähigkeit auf unterschiedlichste Stressoren und speziell die Blutgefäßregulation. Die wichtigsten Kneipp-Maßnahmen bei Migräne sind:
  • temperaturansteigendes Armbad, Wechselarmbad

  • Wechselarmguss, temperaturansteigender Nackenguss

  • temperaturansteigendes Halbbad: Melissen-(beruhigend) und Rosmarinauszüge (anregend) als Badezusatz. Keine Vollbäder wegen zu großer Reizstärke.

  • ansteigendes Fußbad (nach Kneipp oder Schiele), mit abschließendem Kaltreiz, z. B. als Knieguss-Wassertreten

  • Trockenbürsten des Oberkörpers und der Nackenmuskulatur

  • Wechselduschen im kurmäßigen Ablauf

  • Heusack auf Leib und Nacken

Praxistipp

Ein temperaturansteigendes Arm- oder Fußbad (Zusatz: Melisse) sollte bereits im Stadium der Migränevorboten ausgeführt werden, um den Anfall zu kupieren. Migränepatienten sind oft besonders kälteempfindlich. Sie sollten angeleitet werden, immer auf warme Füße und Hände zu achten.

Massagetherapie
Eine verspannte Nacken-und Halsmuskulatur kann über Reflexwege die zerebrale Durchblutung beeinträchtigen. Durch Massage können Verspannungen gelockert werden. Ausdrücklich ist jedoch vor einer zu rigorosen Massage zu warnen, da sie einen Migräneanfall auslösen kann. Die regionale Massage muss daher unbedingt von Geübten ausgeführt werden.
Neben der klassischen Massage haben sich die Lymphdrainage und Bindegewebsmassage bewährt.
Phytotherapie
Bewährt haben sich Tees bzw. zugelassene Phytopharmaka (ESCOP) mit folgendem Wirkprofil:
  • diuretische Wirkung: Brennnesselkraut, Löwenzahnwurzel und -kraut (Löwenzahn zusätzlich choleretisch)

  • beruhigend und entspannend: Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Melissenblätter, Johanniskraut (antidepressiv), Passionsblume

  • kreislaufanregend: Rosmarintee

  • antiemetisch: Artischocke

Spasmolytische Wirkungen haben Zubereitungen aus folgenden Heilpflanzen:
  • Pestwurz (Petasites hybridus): krampflösend, schmerzstillende Wirkung durch Petasin und Isopetasin (als wirkbestimmende Sesquiterpene)

  • Mutterkraut (Tanacetum partenicum): wirkt durch Synthesehemmung von präinflammatorischen Zytokinen (Leukotriene, Prostaglandine Interleukine) sowie durch Hemmung der Thrombozytenaggregation und serotoninantagonistische Effekten, z. B. Nemagran® Tr.

  • Pfefferminze als Öl auf die Schläfenregion, z. B. Euminz® Lsg., Inspirol Heilpflanzenöl, JHP® Rödler Flüssigk.

Erweiterte Naturheilverfahren
  • Ab- und Ausleitungsverfahren:

    • Intestinale Spasmen werden häufig durch den gesteigerten Anfall ausscheidungspflichtiger (Schad-)Stoffe hervorgerufen, zudem liegt bei vielen Migränepatienten eine chronische Überlastung des Darms vor. Hier haben sich zusätzlich Einläufe mit ca. 1 I körperwarmem Leitungswasser bewährt. Die Patienten werden angeleitet und führen den (Irrigator-)Einlauf, auch im Anfall, selbst durch. Patienten berichten, dass ein Einlauf zu Beginn der ersten Vorbotensymptome einen Migräneanfall unterbindet.

    • Geeignet sind weiterhin ein Aderlass im Sinne der Aschner-Verfahren (50–100 ml Blut; zweimal pro Woche über zwei Wochen) oder eine Schröpfbehandlung bei Veränderungen in entsprechenden Segmenten, v. a. in der Schulter-Nacken-Zone.

  • Neuraltherapie: Wird die Migräne durch ein Störfeld (Irritationszone) unterhalten, wirkt die Neuraltherapie nicht nur anfallskupierend, sondern auch vorbeugend. Bei Migränepatienten häufig beobachtete Störfelder bzw. Irritationszonen gehen von Narben, von Myogelosen in der Nacken- und HWS-Muskulatur, in letzter Zeit aber immer häufiger von der „Irritationszone Darm“ aus. Neuraltherapeutisch können folgende Punkte behandelt werden:

    • spontan schmerzhafte Punkte, z. B. in der Schläfengegend oder am Nacken

    • Quaddelung des Dornenkranzes, bei der im Zweizentimeterabstand auf der Hutmaß-Linie Quaddeln gesetzt werden

    • Injektion an die Arteria temporalis superficialis

    • Quaddelung des „Wunderpunktes“ in der Mitte der Glabella

    • Infiltration der Nervenaustrittspunkte der Nn. supra- und infraorbitalis

    • Die Injektion in und an die Kubitalvene (isolateral) hat sich bei verschiedenen Behandlern ebenfalls bewährt. Sie hat eine „umstimmende“ Wirkung. Weitere mögliche Punkte befinden sich entlang des Konzeptionsgefäßes, auf dem Punkt MP 15 und auf dem sog. Abdomenkranz.

Literatur

[1]

R.M. Bachmann K.L. Resch Naturheilverfahren für die Praxis 2. Al. 2003 Hippokrates Stuttgart

[2]

R.M. Bachmann G.M. Schleinkofer Natürlich gesund mit Kneipp 2012 Trias Stuttgart

[3]

R.M. Bachmann Fasten und Heilen nach F. X. Mayr 2012 Knaur München

[4]

R.M. Bachmann Kneipp-Therapie bei Schmerz G. Bernatzky R. Likar F. Wendtner Nichtmedikamentöse Schmerztherapie 2007 Springer Heidelberg

[5]

R.M. Bachmann C. Schöllmann Der Säure-Basen-Haushalt 1998 Forum-Verlag Stockdorf

Trigeminusneuralgie

HäufigTrigeminusneuralgie sind die in der konventionellen Medizin verabreichten peripher wirksamen Analgetika ohne Nutzen. Bei stärksten Schmerzattacken erfolgt die Verabreichung von Phenytoin als Kurzinfusion.

Eine Analyse und das Vermeiden der auslösenden Faktoren sind neben einer Herdsuche (früher als „Focus“ bzw. Irritationszone bezeichnet) bevorzugt das Anliegen einer naturheilkundlichen Therapie: So können Erkrankungen der Nebenhöhlen, Halswirbelsäule sowie psychisch-emotionalen Belastungen die Beschwerden verursachen und unterhalten. Eine Milieusanierung durch intensivdiätetische Maßnahmen und Säure-Basen-Balance senken die Schmerzauslösung meist deutlich. Auch ausleitende Verfahren kommen wegen ihrer entzündungsmindernden Wirkung zum Einsatz.

Ordnungstherapie
Unterstützend kommen Entspannungsverfahren wie Autogenes Training, Muskelrelaxation nach Jacobsen, Qi Gong zur Anwendung.
Bewegungstherapie
Zu empfehlen ist mildes, regelmäßiges Ausdauertraining streng im aeroben Bereich (Endorphine!).
Ernährungstherapie
  • Zu empfehlen ist eine salzarme, fleischreduzierte z. B. ovo-lakto-vegetabile Ernährung – bei ausreichender Erfahrung auch therapeutisches Fasten – unter Nutzung der schmerzlindernden, entzündungshemmenden, abschwellenden Wirkung (auch bei Nervenkompressionssyndromen).

  • Ausreichende hydrogencarbonathaltige Heilwasserzufuhr bzw. eine Basensubstitution mit basischen Mineralsalzen (bilanzierte Diäten siehe www.basentherapie.de) können bei Verdacht auf eine falsche, zu säurebetonte Ernährung die Alkalireserve erhöhen.

Hydro- und Thermotherapie
Kneipp-Anwendungen werden präventiv zur unspezifischen Erhöhung der Reizschwelle eingesetzt: Zur Anwendung kommen v. a. Wechselgüsse, Trockenbürsten in nicht direkt betroffenen Körperregionen unter Ausnutzung der konsensuellen Reaktion. Die Anwendungen finden vorzugsweise im beschwerdefreien bzw. -armen Intervall statt. Gewählt werden Anwendungen mit geringer Reizstärke.
Im Akutstadium sind bevorzugt kalte Anwendungen einzusetzen. Bewährt hat sich ein kalter Kneipp-Gesichtsguss (s. unten) – unter Beachtung der gewünschten positiven Reaktion. Benötigt wird ein Kneipp-Gießhandstück oder Gummischlauch (¾ Zoll Durchmesser, Länge ca. 1,5 m) und ein Frotteehandtuch.
  • Handtuch um den Hals legen und leicht nach vorne beugen.

  • An der rechten Schläfe beginnen und den Wasserstrahl über die Stirn zur linken Schläfe führen und wieder über die Stirn zurück zur rechten Gesichtshälfte.

  • Von dort rechte Gesichtshälfte mit drei senkrechten Strichen begießen (mit dem Wasserstrahl dazu senkrecht auf- und abfahren).

  • Dann in gleicher Weise linke Gesichtshälfte mit drei senkrechten Strichen begießen.

  • Anschließend das Gesicht mit dem Wasserstrahl dreimal umkreisen.

  • Wichtig: Zwischendurch langsam durch den Mund ein- und betont ausatmen, dazu den Guss eventuell kurz unterbrechen.

  • Nach dem Guss das Gesicht leicht abtupfen.

Vertrebragene Störungen im Nackenbereich (Myogelosen) sollten durch Wärmebehandlung (Kneipp-Heusack, temperaturansteigender Nackenguss, Schröpfbehandlung) ausgeschaltet werden.
Erweiterte Naturheilverfahren
Bewährt hat sich die therapeutische Lokalanästhesie bzw. Neuraltherapie mit folgenden Maßnahmen:
  • Injektionen an Nervenaustrittspunkte: 2–3 × tgl. Injektionen mit ca. 1 ml Xyloneural an die betroffenen Austrittspunkte (meist Foramen supraorbitale, infraorbitale) sowie in die im Anfall dominanten Schmerzareale und Triggerzonen.

  • Auch die intravenöse und paravenöse Gabe eines Neuraltherapeutikums ist empfehlenswert. Narbeninfiltration, Zähne, im Rahmen einer gekonnten Neuraltherapie und Störfeldanamnese sind wichtig.

  • Baseninfusion mit Ringerlösung, Bikarbonat und einem Lokalanästhetikum (z. B. Procain®) sollte versucht werden (Behandlungszyklus 2 ×/Woche bei insgesamt 6 Behandlungen).

Literatur

[1]

E. Adler Störfeld und Herd im Trigeminusbereich 4. A. 1990 Haug Heidelberg

[2]

P. Dorsch Lehrbuch der Neuraltherapie nach Huneke 13. A. 1994 Haug Heidelberg

[3]

R.M. Bachmann G.M. Schleinkofer Natürlich gesund mit Kneipp 2012 Trias Stuttgart

[4]

R.M. Bachmann W. Trautwein Vitalkost 1996 Hippokrates Stuttgart

[5]

R.M. Bachmann C. Schöllmann Der Säure-Basen-Haushalt 1998 Forum Verlag Stockdorf

Schlaganfall

Ein akuterSchlaganfall Schlaganfall ist immer ein Notfall. Unter der Prämisse „time is brain“ wird bis zu 4,5 Stunden nach den ersten Symptomen versucht, über Thrombolyse und/oder mechanische Rekanalisation so viel Hirngewebe zu retten wie möglich.

Ganz anders sieht das in der Primärprävention aus: Ein konsequentes Umsetzen der Ordnungstherapie kann das Schlaganfallrisiko erheblich senken. In der Rehabilitation nach Schlaganfall sind naturheilkundliche Ansätze in den beübenden/therapeutischen Verfahren fest verankert. Da Schlaganfallsrehabilitation immer eine interdisziplinäre Teamarbeit darstellt, übernehmen Rehabilitationsmediziner zunehmend Ideen aus den multidisziplinären Teams. Erfahrungen weisen darauf hin, dass komplementäre, auf das Individuum zugeschnittene Ansätze im Einzelfall einen Nutzen bringen können. Diese Effekte in wissenschaftlichen Studien nachzuweisen ist jedoch schwierig, sollte aber wenn möglich angestrebt werden.

Unter dem Begriff Schlaganfall (Syn.: Apoplex) werden alle Apoplexplötzlich auftretenden zerebro-vaskulären Ereignisse zusammengefasst. Dazu zählen:

  • ischämische Infarkte (in ischämische Infarkteabsteigender Reihenfolge kardio-embolisch, arterio-arteriell oder lokal-thrombotisch bedingt)

  • primär intrazerebralen Blutungen (ICB)

  • Subarachnoidalblutungen (SAB)

Nach Angaben des Erlanger Schlaganfallregisters ereigneten sich im Jahr 2008 in Deutschland ca. 196.000 erstmalige und 66.000 wiederholte ischämische Infarkte. Die durchschnittliche Inzidenz von 174/100.000 Einwohnern nimmt mit steigendem Lebensalter zu, etwa die Hälfte der Schlaganfallpatienten ist über 70 Jahre alt. Männer sind in fast allen Altersstufen zu etwa 30 % häufiger betroffen, erst über 85 Jahren erkranken mehr Frauen [4]. Ischämische Infarkte stellen die häufigste Erkrankung in der Neurorehabilitation und häufigste Ursache dauerhafter Behinderung.

Ordnungs- und Ernährungstherapie
Eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung und ein Dranbleiben am Thema von beiden Seiten ist essenziell in der Primärprävention des Schlaganfalls. Gelingt es, konsequent 3-mal pro Woche mindestens 30 Min. Sport zu treiben und sich obst- und gemüsereich bzw. mediterran zu ernähren, sinkt die Gefahr einen Schlaganfall zu erleiden, so die Guidelines der American Heart Association/American Stroke Association [3]. Die kardiovaskulären Risikofaktoren müssen nicht nur kontrolliert, sondern bei pathologischem Befund konsequent behandelt werden:
  • Patienten mit arterieller Hypertonie (RR > 140/90 mmHg, Diabetiker: RR > 130/80 mmHg) können ihr Risiko mit DASH-Diät, Ausdauersport, Gewichtsreduktion und/oder Antihypertensiva senken [1]. Der präventive Effekt der Antihypertensiva geht vom Maß der Blutdruckreduktion aus, das Wirkprinzip der einzelnen Antihypertensiva ist relativ unerheblich.

  • Raucher sollten ihren Nikotinkonsum einstellen und sich dabei von extern unterstützen lassen: Pharmakologische (Nikotinpflaster und -kaugummi, Anticraving-Therapie mit Trizyklika, Buproprion oder Vareniclin) wie auch nichtpharmakologische Hilfen (Verhaltenstherapie, Gruppenarbeit) sind wirkungsvoll.

  • Diabetiker sollten mit Diät, regelmäßiger Bewegung, Antidiabetika und bei Bedarf Insulin möglichst durchgehend normoglykämische Werte erreichen.

  • Gegen Bewegungsmangel hilft nur aktiv werden: Regelmäßige sportliche Betätigung mit Anstieg der Herzfrequenz und vermehrter Schweißproduktion beeinflusst die Blutdruck-, Blutfett- und Blutzuckerwerte, Blutrheologie und Thrombozytenreaktivität positiv. Erzielt wird durch körperliche Aktivität eine relative Risikoreduktion um etwa 40–60 % [9, 14].

Praxistipp

Folgende Maßnahmen sind in der Primärprävention:SchlaganfallPrimärprävention nicht hilfreich.

  • Alkohol, Knoblauchpräparate und Nootropika (z. B. Ginkgo biloba, Piracetam, Nicergolin, Cyclandelat, Dihydrergotoxin, Memantin, alle Acetycholinesterasehemmer).

  • Eine Hormonsubstitution nach der Menopause erhöht das Schlaganfallrisiko.

  • Vitamine, insbesondere Vitamin E, A und C, sind unwirksam. Im Gegenteil können Antioxidantien wie Vitamin E die Wirkung von Statinen negativ beeinflussen.

  • Eine Senkung erhöhter Homocysteinspiegel mit Folsäure und B-Vitaminen reduziert das Schlaganfallrisiko nicht.

  • Ein polypragmatisches Vorgehen mit Kombinationen aus Vitaminen, ASS, Statinen, Folsäure oder Spurenelementen wird nicht empfohlen.

Nur wenige Patienten sind in der Lage, Verantwortung für ihren Gesundheitszustand zu übernehmen und nicht an andere abzugeben. Dies gilt für Prävention und Rehabilitation gleichermaßen. Der Behandler hat also im Einfordern von Compliance und Selbsttraining, das immer wieder erfolgen sollte, eine stark verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Aufgabe.
Da nach Schlaganfällen häufig – für alle erkennbare – Beeinträchtigungen zurückbleiben, ist die Überwindung der Scham für die eigenen Handicaps eine essenzielle Aufgabe der (neuro-)psychologischen Nachsorge. Über das Erkennen und Ausbauen der weiterhin verfügbaren anderen Fähigkeiten wird ein neues, stabiles Selbstwertgefühl erarbeitet, das unabdingbare Voraussetzung für eine größtmögliche Teilhabe an Familie, Freundeskreis, Berufsleben und Gesellschaft darstellt.
Bewegungstherapie
Insgesamt gilt, dass keine der verschiedenen Methoden innerhalb der Physiotherapie in der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten einer anderen überlegen ist [12]. Repetitive, aufgabenspezifische aktive Übungen sind einem unspezifischen Training überlegen [8] und bieten v. a. einen Effekt an den unteren Extremitäten [2]. Dabei kann mentales Training kann die Durchführung motorischer Aufgaben verbessern.
An den oberen Extremitäten ist der forcierte Gebrauch (forced use = constraint induced movement therapy, CIMT) in der chronischen Phase bei Vorhandensein einer motorischen Teilfunktion des paretischen Armes der konventionellen Physiotherapie überlegen. Allerdings halten die Patienten das konsequente Einbinden des gesunden Arms, um den Einsatz des betroffenen Arms zu intensivieren, über Wochen im Alltag nur schwer durch.
Motorische Unabhängigkeit erreichen die Betroffenen v. a. durch das Gehen. Dabei gilt: Gehen erlernt man durch Gehen, d. h., es ist wichtiger das Gehen einzuüben als Asymmetrien oder die Entwicklung einer Spastik zu vermeiden. Ideal wäre eine Therapiedauer von mindestens einer Stunde täglich, hilfreich ist zusätzliches Krafttraining [6]. Solange die Patienten noch nicht alleine gehen können, sollen sie auf Fußstützen am Rollstuhl verzichten und diesen mit den Füßen antreiben. Das kräftigt die Beine zusätzlich. Bereits selbstständig gehfähige Patienten können am Laufband ihre Ganggeschwindigkeit und Ausdauer effektiv steigern.

Exkurs

  • Einen noch breiteren Ansatz als die Physiotherapie in der Schlaganfallrehabilitation verfolgt die Ergotherapie, die nicht nur ein motorisch-funktionelles Training anbietet (v. a. für die oberen Extremitäten), sondern ein Wiedererlernen der Alltagsverrichtungen (activities of daily live, ADL).

  • Nach einem erstmaligen Schlaganfall ist ungefähr ein Drittel der Patienten initial aphasisch, Dysarthrien sind noch häufiger. Die Sprachtherapie soll bereits in der frühen Phase der Spontanerholung beginnen und möglichst täglich stattfinden.

Hydro- und Balneotherapie
  • Prophylaxe (zur Blutdrucksenkung) :

    • Primärprävention:BlutdrucksenkungBürstungen

    • Wassertreten

    • wechselwarme Waschungen und Güsse

    • milde warme Vollbäder (37°)

    • Sauna (ohne kaltes Tauchbad)

    • Teilbäder, als besonders günstig gilt das „kalte Armbad“: Dabei erhöhen die Kaltreize anfangs den Blutdruck, nach einer mehrwöchigen Anwendung stellt sich zumeist die gewollte Blutdrucksenkung ein. Bei Hypertonie-Patienten ist eine Gewöhnungsphase an die hydrotherapeutischen Reize unabdingbar.

Praxistipp

Hypertoniker sollten schrittweise an den sehr starken Reiz der Kälte herangeführt werden, um sie an die Kältebelastung zu gewöhnen. Der Blutdruck muss danach gemessen werden. Zuerst werden Kältebäder auf eine Dauer von max. 10 Sek. begrenzt. Es werden Teilbäder mit einer geringere Eindringtiefe (z. B. nur die Füße bis 10 cm über die Knöchel) und Temperaturen von anfangs über > 27 °C gewählt. Frühestens nach 1 Woche können Expositionsdauer und Eindringtiefe erhöht werden.

  • Rehabilitation:

    • Lokale Wärmeanwendungen (wie Fango) tragen zur Muskelentspannung, z. B. bei beginnender Spastik bei und machen nachgehende Therapien oftmals erst möglich.

    • Das Bewegungsbad soll möglichst schon während der Frührehabilitation eingesetzt werden. Der Wasserwiderstand stimuliert die Atmung, erhöht die Atemkraft und trainiert das Kreislaufsystem. Zusätzlich dämpft die angenehm empfundene sensorische Stimulation des Wassers die anfangs häufige vegetative Übererregung sowie den erhöhten Muskeltonus (Spastik). Aufgrund des Auftriebs können trotz deutlicher Paresen zuerst das Stehen und dann Gleichgewicht und Koordination beübt werden.

Phytotherapie
  • Prophylaxe: Es gibt Hinweise darauf [5], dass die zahlreichen Inhaltsstoffe von Heidelbeeren und Cranberries (Flavonoide, Anthocyanine, Proanthocyanidine und Flavonole) sowie Omega-3-Fettsäuren in Fischöl das kardiovaskuläre Risiko senken können. Für Cranberries liegen bislang keine Studien für standardisierte Präparaten vor, für Fischöl war – unter relativ niedrigen Dosen – bislang kein relevanter Nutzen zu beobachten.

  • Rehabilitation: Die weitverbreiteten Phytotherapeutika auf der Basis von Ginkgo, Eleutherococcus (Acanthopanax) und Sanchi wurden auf ihren Nutzen bei der Erholung nach Schlaganfall in großen Cochrane-Reviews hin untersucht. Ein statistisch belegbarer, durchgängiger Effekt konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Massagetherapie
Zusätzlich zum tonus- und schmerzsenkenden Effekt, der bei echten Spastiken leider nicht anhält, haben Massagen eine positive Wirkung auf die oft begleitenden Angstsymptome und depressiven Verstimmungen, die sich bei Schlaganfall-Patienten durchaus mit den Wirkungen psychotherapeutischer Interventionen messen kann [11].
In Zusammenarbeit mit der Physiotherapie arbeiten Massage und manuelle Therapie an der Mobilisation der Gelenke, um Kontrakturen bei drohender Schrumpfung der Gelenkkapseln durch die Immobilität zu verhindern. Besteht nur eine mittelgradige Parese, können Funktionsmassagen helfen, eine neue Wahrnehmung und ein höheres Maß an Bewegungskontrolle für die betroffene Extremität zu erreichen.
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Elektrotherapie beinhaltet sowohl sensible Stimulation als auch die direkte Anregung der Muskelkontraktion. Am besten belegt ist eine Verbesserung der Handgelenkextension durch elektrische Reizung der Unterarm-Extensoren. Für andere Muskelregionen gilt, dass aufgrund der Heterogenität der Studien und der zu geringen Fallzahlen keine allgemeine Empfehlung zum Einsatz von Elektrostimulation zum erneuten Kraftgewinn nach Schlaganfall ausgesprochen werden kann [13].

  • Prophylaxe: Meditation, Yoga und Atemtherapie können zur Senkung des Blutdrucks beitragen [15].

  • Rehabilitation: Die Ergebnisse zu Akupunktur bei Schlaganfall sind widersprüchlich: Eine Metaanalyse aller Studien – verglichen wurde die Akupunktur mit Schein-Akkupunktur (sham) – zeigte, dass Akupunktur bei der Erholung von Schlaganfällen nicht hilft [7]. Eine andere Metaanalyse von 56 Untersuchungen aus demselben Jahr [16] sieht zwar einen positiven Einfluss auf den Rehabilitationsverlauf, bemängelt jedoch die zumeist schlechte Studienqualität. Obwohl die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) die Akupunktur während der Rehabilitation nach einem Schlaganfall für unwirksam erklären, wird in China Akupunktur in der Frühphase nach Schlaganfall eingesetzt. Erfahrene Anwender hierzulande berichten ebenfalls über Erfolge im Einzelfall.

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Periphere Paresen

In der Behandlung peripherer Paresen haben die Physio-, Ergo- und Physikalische Therapie oberste Priorität. Operationen sind bei Nervendurchtrennungen (möglichst sofort) indiziert oder bei Therapieversagen der konservativen Maßnahmen. Eine vorhersagbare medikamentöse Einflussnahme auf die Regeneration peripherer Nerven ist weder der Schulmedizin, Nahrungsergänzungsmitteln noch komplementären Ansätzen gelungen.

Das Verteilungsmuster der Lähmung (Tab. 7.8) weist auf den Schädigungsort hin: Entspricht es den Dermatomen der Nervenwurzeln, dem Versorgungsgebiet eines peripheren Nerven oder eines Plexus? Oft lässt sich die Ursache erst in einer differenzierten neurophysiologischen Untersuchung aus Neurografie und Elektromyografie ermitteln, wobei sich im EMG Denervierungszeichen frühestens vier Wochen nach dem schädigenden Ereignis zeigen.

Unter allen Engpasssyndromen ist das Karpaltunnelsyndrom (KTS) mit Abstand am häufigsten: Es stellt ca. 45 % aller nichttraumatischen Nervenschädigungen. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Eine zusätzliche diuretische Behandlung kann nur bei symptomatischem KTS während der Schwangerschaft helfen. Liegt eine andere Ursache vor und sind die Beschwerden sehr ausgeprägt, kann die lokale Injektion von Steroiden oder ein systemischer Steroidstoß über 2 Wochen das auslösende Ödem reduzieren.

Im Folgenden soll nur die Therapie von Läsionen einzelner Nerven näher beleuchtet werden. Bei traumatischen peripheren Nervenläsionen (v. a. in den Versorgungsgebieten von N. medianus, ulnaris, radialis und ischiadicus) ist eine konsequente Schmerztherapie essenziell, um die Entwicklung eines chronisch regionalen Schmerzsyndroms (CRPS, früher M. Sudeck) zu verhindern.

Ordnungstherapie
Die Patienten benötigen v. a. nach traumatischen Nervenläsionen für den langen Heilungsverlauf einen zuverlässigen Begleiter, der bereits zu Beginn mit ihnen den Zeitbedarf für die Regeneration des bei ihnen geschädigten peripheren Nerven (0,5–1 mm/Tag) im Detail bespricht. Die Hauptaufgabe des Behandlers liegt darin, die Erkrankten immer wieder zu motivieren, damit sie ihr Übungsprogramm eigenständig und regelmäßig durchführen.
Bei Verlust der Schutzsensibilität gilt es, die Aufmerksamkeit der Patienten für ihre Körperoberfläche zu schärfen. Sie sollten das betroffene Areal täglich auf Verletzungen untersuchen.
Bewegungstherapie: Physio- und Ergotherapie
Unter allen nicht-operativen Maßnahmen bei peripheren Nerven kommt der Physio- und Ergotherapie die Hauptrolle zu. Einerseits erarbeiten die Therapeuten mit den Patienten die Funktionsanbahnung, andererseits leiten sie diese an, täglich ein Eigenübungsprogramm zur Kräftigung paretischer Muskeln durchzuführen: So sollte jeder Patient mit einer peripheren Fazialisparese – unabhängig vom Schweregrad – sofort eine Broschüre zum Beüben der mimischen Muskulatur ausgehändigt bekommen [9].
Engpasssyndrome benötigen zum Abschwellen der beteiligten Gewebe Schonung und die Korrektur von Fehlhaltungen. Das Ruhigstellen des Handgelenks in Mittelstellung mit einer nächtlichen Schiene ist einer lokalen Steroidinfiltration zur Besserung in Studien zwar überlegen [12], viele Patienten halten die Therapie im Alltag aber nicht konsequent durch, weil sie mit der Schiene nicht ausreichend schlafen können. Auch die UNE sollte zuerst mit einer Polsterung tagsüber und einer Schiene zur Nacht behandelt werden. Danach hilft ein Eigenübungsprogramm zusammen mit manuellen Techniken des Therapeuten, die den Nerv gegenüber den umgebenden Geweben mobilisieren.
Phytotherapie
Die Wachstumsbedingungen für die erneute Aussprossung eines abgeschnittenen Nervs zu erleichtern, ist das Ziel vieler chemischer und phytotherapeutischer Ansätze, die aber noch keine reproduzierbaren Erfolge erbringen konnten.
Gegen die Beschwerden bei diabetischer Polyneuropathie werden in China häufig verschiedene Kräuterrezepturen lokal aufgebracht. Eine aktuelle chinesische Studie konnte keinen sicheren Wirksamkeitsnachweis erbringen [3].
Massagetherapie
Massagen haben die Aufgabe, lokale Schwellungen zu reduzieren, die den Nerv zusätzlich komprimieren. Die Lymphdrainage zielt darauf ab, die umgebenden Ödeme zu reduzieren, den Lymphabfluss zu fördern sowie eine effektivere Mikrozirkulation und bessere Trophik des Gewebes zu gewährleisten. Damit lassen sich die Wachstumsbedingungen für die neu aussprossenden Nervenfasern verbessern. Durch die Mobilisation von Faszien werden auch die Durchtrittsstellen weiter oder zumindest elastischer.
Erweiterte Naturheilverfahren
  • Elektrotherapie: Eine elektrische Stimulation peripherer Nerven galt lange als ineffektiv, selbst die Schmerzen bei diabetischen Polyneuropathien lassen sich mit Elektrostimulation zumeist nicht lindern [10]. Neuere Arbeiten von Gordon und ihren Mitarbeitern an der University of Alberta [6, 7] lassen aber vermuten, dass zumindest im Fall des KTS Elektrostimulation die Heilung messbar fördert.

  • Zunehmend wird die osteopathisch ausgerichtete manuelle Therapie zur Behandlung des KTS empfohlen [15].

  • In der Hand erfahrener Anwender eignet sich die Neuraltherapie gegen radikuläre oder periphere Schmerzen durch Kompressionssyndrome, obwohl dazu wenige Studien vorliegen [4].

  • Akupunktur wird zur rascheren Erholung von peripheren Fazialisparesen in China in großem Umfang eingesetzt, auch wenn die Wirksamkeit bei dieser Indikation bisher nicht eindeutig belegt wurde [2]. Eine Studie an 1.200 Patienten soll nun die Effektivität der Akupunktur in der Kombination mit Cortison klären [17]. Für das KTS konnte bisher keine Wirksamkeit nachgewiesen werden [14, 18], trotzdem empfehlen die Autoren ihre Anwendung.

  • Es gibt Hinweise, dass sich Yoga sehr positiv auf den Verlauf eines KTS auswirkt.

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Parkinson-Syndrome

Parkinson-Syndrome sind chronisch progrediente Erkrankungen, deren degenerativer Prozess sich nicht aufhalten, bestenfalls verlangsamen lässt. Es kommt oft vor, dass naturheilkundliche Behandlungsansätze von gut informierten Patienten nachgefragt werden, noch häufiger wenden diese naturheilkundliche Maßnahmen an – ohne Wissen der Ärzte. International setzen sich v. a. in den Schwellenländern (z. B. China, Indien, Pakistan, Brasilien, Argentinien) phytotherapeutische Ansätze zunehmend durch, zumal sich einige Präparate sehr günstig produzieren lassen. In unseren Breitengraden essenziell sind die beübenden/therapeutischen Verfahren in der neurologischen Rehabilitation, die ihre Effektivität in Studien beweisen konnten.

Obwohl die Pathophysiologie und das klinische Erscheinungsbild des idiopathischen und des atypischen Parkinson-Syndroms oft unterschiedlich sind, ist die Behandlung mit nicht-medikamentöser Therapien ähnlich, sodass eine gemeinsame Behandlung in diesem Rahmen gerechtfertigt scheint. Mit einer Prävalenz von 100–200/100.000 Einwohnern ist das idiopathische Parkinson-Syndrom – es macht 75 % aller Parkinson-Syndrome aus – eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland. Bei den über 70-Jährigen liegt die Prävalenz sogar bei 2.000/100.000. Die erwarteten Veränderungen der demografischen Struktur in Mitteleuropa lassen mit einer steigenden Zahl an Erkrankten rechnen.

  • Außer durch die generalisierte Akinese fallen Parkinson-Syndrome (PS) durch folgende, in unterschiedlicher Gewichtung auftretende, motorische Kardinalsymptome auf: Rigor, Ruhetremor, posturale Instabilität.

  • Häufige nicht-motorische Begleitsymptome sind:

    • sensorische Symptome: Dysästhesien und Schmerzen

    • vegetative Symptome: anhaltendes Absinken des Blutdrucks, plötzliche orthostatische Fehlregulation, Obstipation, Urge-Inkontinenz, Nykturie, Pollakisurie, imperativer Harndrang und sexuelle Dysfunktion

    • psychische Symptome: v. a. Depression

    • kognitive Symptome: frontale Störungen, in fortgeschrittenen Stadien Demenz

In den letzten Jahren stellte sich heraus, dass die nicht motorischen Symptome für Lebensqualität der Betroffenen eine höhere Rolle spielen als die motorischen!

Das idiopathische Parkinson-Syndrom (IPS, Parkinson-Krankheit, ca. 75 % aller PS) wird hinsichtlich der klinischen Symptome in folgende Verlaufsformen eingeteilt:

  • akinetisch-rigider Typ

  • Äquivalenz-Typ

  • Tremordominanz-Typ

Auch der monosymptomatische Ruhetremor und die Demenz vom Lewy-Körper-Typ (DLK) könnten seltene Varianten des idiopathischen Parkinson- Syndroms darstellen.

Familiäre Formen des idiopathischen Parkinson-Syndroms zeichnen sich v. a. durch einen früheren Beginn aus. Symptomatischen (sekundären) Parkinson-Syndromen liegen verschiedene Ursachen zugrunde (Tab. 7.9).

Liegen eindeutige Symptome eines Parkinson- Syndroms vor – obwohl noch keine genaue ätiologische Einordnung gelungen ist –, besteht eine Indikation zur Behandlung [7]: Denn erst wenn ca. 70 % der dopaminproduzierenden Zellen in der Substantia nigra zerstört sind, sind die körpereigenen Kompensationsstrategien so überfordert, dass die Symptome von außen bemerkbar sind.

Merke

Eine medikamentöse Therapie zeitlich hinauszuzögern heißt, den Dopamin-Produktionsstress für diese Zellen weiter hochzuhalten und ein anhaltend rasches Absterben mit Zunahme der Symptomatik in Kauf zu nehmen. Auch wenn das bisher nur für eine Substanz bewiesen ist (Rasagilin, Olanow 2009), geht man aktuell davon aus, dass jegliche Form von dopaminerger Medikation den degenerativen Prozess verlangsamen kann. Dies gilt es, den Patienten – aber leider auch vielen Kollegen – zu vermitteln, die zu Beginn der Erkrankung teilweise immer noch eine abwartende Haltung einnehmen.

Ordnungstherapie
Die Diagnose Morbus Parkinson stellt für jeden Betroffenen und sein ganzes persönliches Umfeld einen Schock dar. Die Krankheitsbewältigung gelingt deutlich besser mit einem Arzt, der sich als zuverlässiger Ansprechpartner erweist und der eine offene Kommunikation anbietet. Das kostet Zeit, wie auch die Behandlung von Parkinson-Patienten grundsätzlich sehr aufwendig ist. Dafür entsteht im Idealfall mit diesen chronischen Patienten ein über Jahre wachsendes, enorm vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis. Dies stellt die Basis für regelmäßige supportive Gespräche dar, zumal durchschnittlich etwa 40 % der Parkinson-Patienten unter Depressionen leiden. Zusätzlich zu verhaltenstherapeutisch orientierten Therapieprogrammen haben gegen die Depression Entspannungstechniken als förderlich erwiesen [6]. Explizit wird die progressive Muskelentspannung nach Jacobson empfohlen, auch da sie ihren Ansatz direkt an der Motorik hat. Der Patient soll letztendlich lernen, einzelne Muskelpartien auch in alltäglichen Situationen entspannen zu können. Zur Förderung der Krankheitsbewältigung sollten die Patienten konkret zu lokalen Selbsthilfegruppen vermittelt werden, auch um dort selbst aktiv zu werden. Das reduziert das Gefühl des „Ausgeliefertseins“. Unterstützung finden Sie bei der Deutschen Parkinson Vereinigung (DPV).
Parkinsonassoziierte Schlafstörungen lassen sich mittels einer konsequent betriebenen Schlafhygiene günstig beeinflussen [10, 16]:
  • Regelmäßig gleiche Zubettgeh- und Aufstehzeiten

  • Das selbstständige nächtliche Lagern im Bett kann durch eine harte Matratze, leichte Decken und Bettsocken erleichtert werden.

  • Reduktion der Trinkmenge ab 18 Uhr wegen der ausgeprägten Neigung zur Nykturie

  • Vermeiden von Koffein, Alkohol und physischer Anstrengung am Abend

  • Einschlafstörungen: Wer anstehende Probleme abends aufschreibt, um sie am nächsten Tag zu bearbeiten, senkt den Hang zum Grübeln.

Bewegungstherapie
Den Patienten ist regelmäßiger leichter Ausdauersport anzuraten, der außer Kräftigung und Erhalt der Beweglichkeit auch die Stimmung hebt, was bei Parkinson-Patienten ganz wichtig ist. Das Führen eines Bewegungsprotokolls dient in der Phase der Wirkschwankungen einerseits der Anpassung der dopaminergen und Begleit-Medikation, andererseits des Bewusstmachens erreichter Erfolge.
Physiotherapie
Physiotherapie ist ein essenzieller Bestandteil der Behandlung des Parkinson-Syndroms. Offene, d. h. nicht verblindete, Studien lassen vermuten, dass ein früher Beginn krankengymnastischer Übungsbehandlungen die erforderlichen Dosen an Dopaminergika reduzieren kann.
Die Therapie hilft, krankheitsspezifische Störungen der Bewegungsinitiierung und -ausführung sowie der Haltungsreflexe zu kompensieren. Laufbandtraining mit partieller Gewichtsabnahme unter einer Ganggeschwindigkeit zwischen 0,5 und 3 km/h fördert Flüssigkeit und Schrittlänge des Gangbildes. Repetitives Training korrektiver Stützreaktionen mittels Posturografie sowie protektiver Reaktionen (z. B. Ausfallschritt) erzielt einen über mindestens 2 Monate anhaltenden Effekt auf posturale Stabilität und Gehgeschwindigkeit [8].
LSVT-BIG – die physiotherapeutische Version des Lee Silvermann Voice Trainings, bei der selektiv möglichst großer Bewegungsamplituden aller Rumpf- und Extremitätenbewegungen repetitiv eingeübt werden, um die verzögerten und kleinräumigen Bewegungen effektiv zu verbessern [4] – versucht, den immer kleiner werdenden Bewegungsamplituden mit großen, weitgreifenden Bewegungen entgegenzuwirken [5]. Die Patienten können durch die Nutzung externer rhythmischer, akustischer (lautes Zählen, Metronom) oder optischer Stimuli (aufgeklebte Leuchtstreifen) lernen, in Freezing-Perioden das Gehen zu initiieren [14, 19]. Die positiven Auswirkungen der Rhythmik macht sich auch die tänzerische Musiktherapie (TMT) zu eigen. Ähnlich verhält es sich mit Qigong, das gut an die Einschränkungen, die Parkinson-Patienten mitbringen, angepasst und in der Gruppe geübt werden kann. In einer gut kontrollierten Studie an 56 Patienten konnte nachgewiesen werden, dass sich die motorischen Symptome damit bessern lassen [13].
Ergotherapie
In der Ergotherapie wird an der Überwindung des Tremors, beispielsweise mit Gewichten an den Handgelenken gearbeitet. Am Wichtigsten ist aber der Erhalt der Selbstständigkeit im Bereich der scheinbar so einfachen Alltagsverrichtungen wie Essen und Trinken, Ankleiden, Zubereitung der Mahlzeiten oder Medikamentenvorbereitung. Im ADL-Training werden Handlungen, die für den einzelnen Patienten subjektiv bedeutsam sind, repetitiv geübt oder zuvor gezielt einzelne problematische Sequenzen herausgegriffen.

Exkurs

  • Parkinson-Patienten entwickeln im Krankheitsverlauf fast alle eine hypophone Dysarthrophonie, die sich zusammensetzt aus einer Atemstörung mit reduzierter Lautstärke und fehlender Sprachmodulation, repetitiven Silbenwiederholungen (Palilalie) sowie erhöhter Sprechgeschwindigkeit. Die verbale Kommunikationsfähigkeit nimmt so sehr ab, dass die Erhaltung der sozialen Kontakte immer schwieriger wird. Das „Lee Silverman Voice Treatment“ stellt eine Kombination von Sprech- und Atemtherapie dar. In einem hochfrequenten Trainingsprogramm wird das Sprechen schrittweise bis hin zur Ebene freier Konversation trainiert. Die Verbesserung der Verständlichkeit wird über das Erhöhen der Sprechlautstärke („think loud/shout“) und ein Sprechen mit tieferer Stimme erzielt. Die Effizienz dieser Methode für IPS und im Einzelfall auch für atypische Parkinson-Syndrome ist gut belegt (LSVT-LOUD [5]).

  • Im Rahmen einer Schlucktherapie wird die Schluckmuskulatur gestärkt und die Reinigungsfunktionen werden trainiert (Husten, Räuspern), um so Aspirationspneumonien vorzubeugen.

Ernährungstherapie
Nur 40 cm lang ist der Abschnitt im Jejunum, der L-Dopa ins Blut aufnehmen kann. Dort muss es auch noch mit neutralen Aminosäuren um die Kapazitäten der aktiven Transportmechanismen in der Darmwand konkurrieren.
Proteinreiche Nahrung kann zu verminderten Plasmaspiegeln von L-Dopa und einer verminderten zerebralen Verfügbarkeit führen. L-Dopa sollte daher immer zeitlich versetzt zu den Mahlzeiten (d. h. ½ Stunde vor oder 1½ Stunden danach) eingenommen werden. Ergänzend kann man eine Verbesserung der Resorption über eine Steigerung der gastrointestinalen Motilität mit Domperidon erreichen. Zu empfehlen sind folgende Maßnahmen:
  • vollwertige Grunddiät (Kap. 4.4)

  • wenig Fett zuführen: pflanzliches Fett mit ungesättigten Fettsäuren, z. B. Oliven-, Lein oder Sojaöl, bevorzugen

  • reichlich Ballaststoffe zur Anregung der Darmmotilität gegen die Obstipationsneigung

  • keine zu großen Proteinmahlzeiten zuführen, mehrere kleine Mahlzeiten bevorzugen

  • ausreichend trinken: mehr als 2 Liter pro Tag (nicht bei ausgeprägter Herzinsuffizienz)

Hydrotherapie
Empfohlen werden folgende Anwendungen gegen die häufige orthostatische Dysregulation, den tagsüber oft anhaltend niedrigen Blutdruck und die Beinödeme:
  • Kneipptherapie mit Wechselgüssen, insgesamt möglichst häufige Wechselbäder

  • Lymphdrainage und danach

  • Tragen von angepassten Kompressionsstrümpfen der Klasse 2

Hilfreich ist das Training im Bewegungsbad: Parkinson-Patienten genießen die geringe Gelenkbelastung und den konstanten Widerstand im Wasser sowie die fehlende Sturzgefahr. Trainiert werden Körperhaltung, Gleichgewicht und Koordination. Am besten sollte die Temperatur warm sein (30–33°), das wirkt entspannend auf den Muskeltonus, was schmerzhafte Verspannungen lindern kann. Der umgebende Wasserdruck stimuliert die Atmung und erhöht die Atemkraft.
Phytotherapie
Schon 1937 gelang der Nachweis von L-Dopa in der Juckbohne (Mucuna pruriens), die als Futterpflanze in den Tropen weit verbreitet ist. Unter dem Namen Atmagupta wird sie seit Jahrhunderten in der ayurvedischen Medizin eingesetzt. Die Wirkungsweise ist die gleiche wie bei chemisch hergestelltem L-Dopa. Zudem werden den Inhaltsstoffen der Juckbohne über das L-Dopa hinaus neuroprotektive Effekte zugeschrieben. Das Juckbohnen-Pulver kann in Wasser aufgelöst oder in Form von fertigen Kapseln eingenommen werden. Keines der folgenden Produkte wird in Deutschland hergestellt oder unterliegt hiesigen Sicherheitskontrollen.
  • Mucuna-pruriens-Vegi-Kapseln (G & M Naturw. GmbH & Co. KG)Ingr.: Mucuna pruriens 20 %, entspricht L-Dopa 480 mg, Folsäure 0,2 mg, Kieselsäure 20 mg

  • Jory-Kraut (JoryHerb Ltd.) 1 kg weißes Puder

  • Sinoway (Sinoway Industrial Co. Ltd). 1 kg weißes bis cremefarbenes Puder

  • Das einzige standardisierte Mucuna-pruriens-Präparat dürfte Zandopa® sein, dessen Vorläuferprodukt HP-200 in mehreren pharmazeutischen Studien getestet wurde (Fa. Zandu der Emami Group, in Kolkata, Indien, www.emamiltd.in). 7,5 g Zandopa® enthalten 250 mg natürliches L-Dopa, sie werden in 100 ml Wasser aufgelöst. Auch wenn Zandopa® kein in Deutschland zugelassenes Arzneimittel ist, kann es ärztlich verordnet und mit nur einer einzigen Einschränkung empfohlen werden: Es enthält laut Angaben des Herstellers keinen Decarboxylasehemmer-Zusatz. Trotzdem wird es zumeist besser vertragen als die pharmazeutischen L-Dopa-Produkte, ausreichende Wirkspiegel sind in Studien nachgewiesen worden (Import durch Apotheker nach § 73/3 AMG, die Auflagen werden von den Bundesländern streng überwacht).

Studien

  • Katzenschlager et al. verglichen 2004 in einer Studie L-Dopa/Carbidopa mit zwei verschiedenen Dosen eines Mucuna-pruriens-Präparats. Alle eingeschlossenen Patienten befanden sich in einem fortgeschrittenen Stadium des IPS mit bereits kurzer Wirkdauer von L-Dopa und Dyskynesien in der On-Phase. Nach Einnahme des 30 g Mucuna-pruriens-Präparats waren bei den Patienten ein schnellerer Wirkeintritt und eine um 21,9 % längere (37 Min.) On-Zeit zur im Vergleich zu 200 mg/50 mg L-Dopa/Carbidopa ohne Zunahme der Dyskinesien gegenüber L-Dopa zu verzeichnen. Deshalb wird vermutet, dass Mucuna pruriens im Jejunum besser resorbiert wird als die synthetischen Präparate.

  • Eine doppelblinde, randomisierte und placebokontrollierte Studie zu den Inhaltsstoffen des in Südamerika weit verbreiteten Getränkes Ayahuasca zeigte, dass der pflanzliche Hauptbestandteil – Banisteriopsis caapi, eine Kletterliane – nicht nur wie ein reversibler MAO-Hemmer wirkt, sondern auch einen über vier Stunden anhaltenden Effekt auf Rigor und Akinese hatte [15]. In Deutschland wird es nur als homöopathisches Mittel angeboten. Allerdings versucht eine Forschergruppe an der University of Mississippi [12, 18], die Inhaltsstoffe so aufzubereiten, dass daraus ein Phytotherapeutikum hergestellt werden kann.

Massagetherapie
Detonisierende Massagen fördern bei Parkinson die Entspannung und vermindern verspannungsbedingte Schmerzen. Obwohl die Patienten dies subjektiv sehr wohltuend beschreiben, gibt es keine Studien über einen alltagsrelevanten positiven Effekt auf Beweglichkeit und allgemeines Aktivitätsniveau. Allerdings helfen Kolonmassagen gegen die häufig erhebliche Obstipation. Im Falle einer Kamptokormie, einer unwillkürlichen, ausgeprägten Rumpfneigung nach vorne, welche im Sitzen und Stehen bzw. Gehen auftritt und sich im Liegen weitgehend zurückbildet, wird versucht der Muskelverkürzung der ventralen Muskeln (M. rectus abdominis, M. pect major und minor, M. sternocleidomastoideus) über Dehnung, Entspannung und manuelle Therapie entgegenzuwirken.

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Dermatologische, allergologische und Autoimmunerkrankungen

Johannes Ring

Florian Pfab

dermatologische ErkrankungenJohannesAutoimmunerkrankungen Ring, Florian Pfab

Naturheilkundliche und komplementärmedizinische Therapieverfahren werden in der Behandlung von entzündlichen Hauterkrankungen zunehmend eingesetzt: In Frankreich bei 49 % der Patienten, in Deutschland bei 46 %, in Australien bei 48,5 % und in den USA bei 34 % [1–4]. Im Folgenden werden v. a. evidenzbasierte Möglichkeiten in der Behandlung mit komplementärmedizinischen Verfahren dargestellt.

Allergische Rhinokonjunktivitis (RCA)

Etwa Rhinokonjunktivitis, allergischeallergische Rhinokonjunktivitis aller RCA-Patienten leiden unter persistierender RCA (mehr als 4 Tage pro Woche oder mehr als 4 Wochen pro Jahr), ⅔ unter intermittierender Rhinitis allergica (weniger als 4 Tage pro Woche und weniger als 4 Wochen pro Jahr) [5]. Die pollenbedingte Rhinitis zeichnet sich v. a. durch Niesen, Sekretion und Begleitkonjunktivitis aus, während milbenbedingte Rhinitiden als wichtigstes Symptom eine Obstruktion verursachen [1]. Bei der persistierenden Rhinitis sind alle Symptome, Niesen, Juckreiz, klare Sekretion und nasale Obstruktion gleichermaßen stark ausgeprägt [5].
Die RCA geht häufig mit Störungen der Lebensqualität und Leistungsfähigkeit (von Schlafstörungen mit Tagesmüdigkeit bis hin zur Verminderung der Lernfähigkeit), Pharyngitis (80 %), Asthma (40 %), atopischem Ekzem (37 %) und Sinusitis (25 %) einher [5].

Merke

Die besten Hinweise für eine Effektivität in der naturheilkundlichen Behandlung einer allergischen Rhinitis bestehen derzeit für Pestwurz und Akupunktur

Phytotherapie
Zu den folgenden Phytotherapeutika bzw. Kombinationspräparaten liegen klinische Studien vor: Nachgewiesen wurde eine spezifisch immunmodulatorische Wirkung [6–8]. Die Ergebnisse der klinischen Studien werden durch experimentelle und klinische Studien unterstützt.
  • Zubereitungen aus Pestwurz (Petasites hybridus, z. B. Petadolex oder Tesalin) mit Leukotrien-hemmender Wirkung zeigten in sechs randomisierten kontrollierten Studien im Vergleich zu Placebo eine signifikante Besserung der Symptomatik. Die Wirkung ist mindestens vergleichbar mit dem Effekt nicht-sedierender Antihistaminika bei intermittierender allergischer Rhinitis [9]. Tagesdosis 4–7 g. [108]Cave: Risiken aufgrund der Pyrrolizidinalkaloide; bei der Herstellung von Fertigarzneimitteln können diese entfernt werden.

  • Für Aller 7 [9–12], eine antiinflammatorisch und antioxidativ wirkende indische Kräutermischung, konnten zwei randomisierte kontrollierte Studien einen spezifischen Effekt nachweisen. Aller-7 enthält standardisierte Extrakte aus folgenden Drogen: AMLA-Frucht (Phyllanthus emblica), Nüsse des Myrobalan-Baums (Terminalia chebula), Rinde des Siris-Baumes (Albiuzia lebbeck), Ingwerwurzel (Zingiber officinalis) sowie die Früchte des indischen langen Pfeffers (Piper longum) und des schwarzen Pfeffers (Piper nigrum). Empfohlen werden 330 mg Aller-7 (2-0-2).

  • Die Einnahme von Cinnamomum zeylanicum, Malpighia glabra und Bidens pilosa (z. B. Nutrilite Clearguard) bewirkte im Vergleich zu Placebo eine Symptomreduktion bei nasalem Provokationstest mit Allergenen zusammen mit einer Abnahme der inflammatorischen Substanz Prostaglandin E2 in der Nasallavage [13].

  • Die Einnahme des in der chinesischen Medizin traditionell angewandten Krautes Astragalus membranaceus (z. B. Lectranal Kps.; Einnahme 1-0-1 bis 2-0-2) zeigte in einer placebokontrollierten Studie eine Besserung der Symptomatik [14].

Phytotherapeutika, die Resveratrol, Quercetin oder Magnolienextrakt enthalten, können die Ausschüttung inflammatorischer Mediatoren und Zytokine beeinflussen [15].
  • Resveratrol ist einResveratrol Phytoalexin mit antioxidativen Eigenschaften, das zu den Polyphenolen zählt. 1963 wurde die Verbindung erstmals aus dem Japanischen Staudenknöterich (Polygonum cuspidatum) isoliert und identifiziert. 1976 gelang der Nachweis in Weinbeeren.

  • Der Radikalfänger Quercetin (lat. QuercetinQuercus = Eiche) ist ein Flavonoid und zählt zur Untergruppe der Flavonole, die in vielen Pflanzen, wie der Färbereiche, Zwiebeln, Brokkoli, grünen Bohnen oder im Apfel vorkommen. Ebenso ist es im Wein enthalten. Da Quercetin hauptsächlich in der Traubenschale vorkommt, sind die Gehalte in Rotweinen höher als im Weißwein. Daneben trägt auch eine Holzfasslagerung zum Quercetingehalt bei, da die Substanz während der Lagerung langsam vom Holz in den Wein übergeht.

  • Magnolien (Magnolia) sind eine Pflanzengattung der Familie der Magnoliengewächse (Magnoliaceae). Sie umfassen etwa 230 Arten, die aus Ostasien und Amerika stammen.

Erweiterte Naturheilverfahren
Etwa 20 % der Allergie-Patienten setzen Akupunktur ein. Die bisherigen Ergebnisse klinischer Studien zur Wirksamkeit von Akupunktur bei Patienten mit saisonaler allergischer Rhinitis (SAR) [16–20] weisen darauf hin, dass Akupunktur wirksam sein kann. Allerdings fehlen bislang überzeugende und methodisch adäquate placebokontrollierte klinische Studien an einem größeren Patientenkollektiv. Bei perennialer allergischer Rhinitis bestehen laut einer kürzlich erschienenen Meta-Analyse [21] Hinweise für eine Effektivität des Verfahrens.
Hauptpunkte in der Behandlung mit Akupunktur sind folgende Punkte:
  • Körperakupunktur: Di 11, Di 4, Di 20 und Yin Tang [22]

  • Ohrakupunktur: Allergiepunkt, Thymuspunkt, ACTH, Auge und äußere Nase

Allergisches Asthma bronchiale

Asthma ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen, die bei ca. 10 % der kindlichen und 5 % der erwachsenen Bevölkerung vorkommt [23]. Mischformen zwischen allergischem und intrinischem Asthma sind möglich, so kann v. a. bei initial allergischem Asthma die intrinsische Komponente im Krankheitsverlauf in den Vordergrund treten. Charakteristisch für Asthma ist das Fehlen von Symptomen im beschwerdefreien Intervall. 80 % der Asthmatiker leiden auch unter Rhinoconjunctivitis allergica [24].

Merke

Die beste Evidenz besteht derzeit für folgende Maßnahmen: Gewichtsreduktion, Nikotinkarenz, Einnahme von Vitamin A und C, Vermeidung eines Vitamin-D-Mangels sowie für die Muskelrelaxationstherapie nach Jacobson.

Ordnungstherapie
Tabakrauchen verschlimmert das Asthma des Rauchers und der passivrauchenden Erwachsenen sowie der Kinder und Jugendlichen, weswegen Tabakabstinenz empfohlen wird [25].
Besonders bei den multifaktoriellen schweren Verlaufsformen des Asthmas spielt oft eine psychische Komponente eine Rolle. Das psychosoziale Umfeld der Patienten – bei Kindern und Jugendlichen insbesondere das familiäre Umfeld – sollte in die Beurteilung einbezogen und die Betreuung entsprechend ergänzt werden [25].
Physiotherapie
Techniken der physiotherapeutischen Atemtherapie können als flankierende Maßnahmen sinnvoll sein, um die Symptome der Atemnot, des Hustenreizes und der Angst zu reduzieren sowie das Selbstmanagement und die Lebensqualität zu verbessern [25]. Eine Metaanalyse von fünf randomisierten kontrollierten Studien verweist auf spezifische Effekte der Muskelrelaxationstherapie nach Jacobson [26].
Balneo- und Klimatherapie
Aufenthalte am Meer bzw. im Hochgebirge (z. B. Davos) können aufgrund der Veränderung des mikrobiellen bzw. allergenen Umfeldes zu einer deutlichen Besserung der Lungenfunktion und der Lebensqualität führen [27].
Phytotherapie
Folgende Rezepturen der außereuropäischen Phytotherapie zeigten in placebokontrollierten randomisierten kontrollierten Studien spezifische Effekte bei Asthma bronchiale [28]:
  • ASHMI: Radix Glycyrrhizae, Radix Sophorae Flavescentis, Ganoderma; 4 Kps./d über 4 Wochen (0,3 g/Kps.) [29–31]

  • mMMDT (modifizierte Mai-Men-Dong-Tang): Radix Glycyrrhizae, Radix Ophiopogonis, Radix Panacis Quinquefolii, Tuber Pinelliae, Herba Tridacis procumbentis; 40 mg/KG/d über 4 Monate [32]

  • Ding Chuan Tang: Radix Glycyrrhizae, Tuber Pinellia, Gingko Bilboae, Herba Ephedrae, Flos Tussilaginis Farfarae, Cortex Mori Albae Radicis, Fructus Perilla Frutescens, Semen Pruni Armeniacae, Radix Scutellariae Baicalensis; 6 g/d über 3 Monate [33]

  • STA-1: Radix Glycyrrhizae, Tuber Pinellia, Gingko Bilboae, Herba Ephedrae, Cortex Mori Albae Radicis, Fructus Perilla Frutescens, Semen Pruni Armeniacae, Radix Scutellariae Baicalensis Radix Rehmanniae Preparata, Cortex Moutan Radicis, Fructus Corni Officinalis, Sclerotium Poriae Cocos, Rhizoma Alismatis Orientalis, Radix Dioscoreae Oppositae; 80 g/Kg/d über 6 Monate [34]

Bewegungstherapie
Körperliches Training (z. B. Schulsport, Teilnahme an Lungensportgruppen) kann zur Verringerung der Asthmasymptomatik, Besserung der Belastbarkeit und zur Verbesserung der Lebensqualität durch Verringerung der Morbidität beitragen [25].
Ernährungstherapie
Bei adipösen Asthmapatienten sollte eine Gewichtsreduktion empfohlen werden.
Erweitere Naturheilverfahren und komplementärmedizinische Therapieverfahren
  • Akupunktur: Einige experimentelle Studien deuten auf eine Wirksamkeit von Akupunktur bei Asthma hin [38–42]. Entsprechende große kontrollierte klinische Studien fehlen aber derzeit.

  • Mikronährstofftherapie: Da eine zu niedrige Zufuhr von Vitamin A und C mit einem erhöhten Risiko für Asthma assoziiert ist, wird die Einnahme von Vitamin A und C empfohlen [35]. Asthma im Kindesalter kann Folge eines Vitamin-D-Mangels sein, weswegen auf entsprechende Substitution geachtet werden sollte [36, 37].

Studien

In einer placebokontrollierten Studie zur Wirksamkeit einer individualisierten Laserakupunktur in Kombination mit der Gabe von Probiotika bei Schulkindern konnte eine signifikante Reduktion der bronchialen Hyperreagibilität gezeigt werden [40].

Atopisches Ekzem

Das Ekzem, atopischesatopisches Ekzematopische Ekzem weist unterschiedliche Schweregrade auf, wobei die Mehrheit der Patienten unter einer leichteren Form der Neurodermitis leidet. Die Krankheit verläuft wechselhaft mit Krankheitsschüben von unterschiedlicher Dauer und Schwere. Die Erkrankung kann häufig rezidivieren. Auch geringgradig ausgeprägte Manifestationen haben manchmal schwere Beeinträchtigungen und psychische Belastungen zur Folge. Spontanheilung ist jederzeit möglich. Allerdings entwickeln mindestens 30 % aller Kinder, die unter Neurodermitis leiden, zumindest zeitweilig auch im Erwachsenenalter Ekzeme.
Zwischen 50–80 % der Patienten weist IgE-vermittelte Sensibilisierungen gegen Aeroallergene und/oder Nahrungsmittelallergene (z. T. in Assoziation mit einer Rhinokonjunktivitis allergica, einem allergischen Asthma bronchiale oder einer klinisch relevanten Nahrungsmittelallergie) auf (extrinsische Form des AE). Hiervon wird eine Form abgegrenzt, bei der das klinische Bild identisch ausgeprägt sein kann, jedoch keine entsprechende Sensibilisierung nachzuweisen ist (sog. intrinsische Form, nicht IgE-assoziierte Form).

Merke

Die Basistherapie der gestörten Barrierefunktion sieht folgende Maßnahmen vor:

  • Vermeiden der Hauttrockenheit: Triggerfaktoren und Hautirritantien meiden, atmungsaktive Kleidung bevorzugen, Meiden von individuellen Provokationsfaktoren z. B. Allergenen, rückfettende Externa, entsprechende Schulungen (ggf. auch der Eltern)

  • Rückfettende Externa bevorzugen: Obwohl aus logistischen Gründen kaum placebokontrollierte Studien zu rückfettenden Externa vorliegen, gelten diese als unverzichtbare Grundtherapie des atopischen Ekzems [43]. Empfohlen werden z. B. Ölbäder wie Balneum Hermal, Balmandol, Kneipp Nachtkerzen Ölbad oder Kamillenbad.

  • Cave: Wasser mit Chlorzusatz trocknet aus.

Balneo- und Klimatherapie
Aufenthalte am Meer (z. B. Borkum, Norderney oder Sylt) bzw. im Hochgebirge (z. B. Davos) können aufgrund der Veränderung des mikrobiellen bzw. allergenen Umfelds ebenso wie heliotherapeutische Verfahren zu einer deutlichen Besserung des Hautzustands und der Lebensqualität führen [27, 44].
Phytotherapie
Der klassischen Basistherapie der gestörten Barrierefunktion mit Emollientien können auch Phytotherapeutika eingesetzt werden.
  • Externa mit einem hohen Anteil an Gamma-Linolensäure sind Borretschsamenöl und Nachtkerzenöl. Calendula-, Teebaum-, Zimt- und Zitronengras-haltige Externa sind aufgrund ihrer antiseptischen Eigenschaften beliebt. Cave: Kontaktallergien sind häufig.

  • In Warmwasser getränkte Schwarzteebeutel finden besonders im Gesichtsbereich gerne Anwendung; z. B. japanischer Oolong Tee [45].

  • Pflanzen, wie der mexikanische Yams, Nachtschattengewächse oder Waschnüsse enthalten Steroidsaponine und wirken damit antiinflammatorisch [46].

  • Vitamin B12 und Avokadoölcreme (z. B. Regividerm) zeigten als Radikalfänger leicht mildernde Effekte in der Pruritustherapie des atopischen Ekzems [47]. Auch das Blut des im Amazonas vorkommenden Drachenbaums (Sangre de Drago) kann als Inhibitor neurogener Inflammation eingesetzt werden [48].

  • Kamillenextrakthaltige Creme zeigte sich in einer doppelblinden Studie der topischen Anwendung von 0,5 % Hydrocortison leicht überlegen [49], eine Creme aus Johanniskrautextrakt zeigte ebenfalls einen spezifischen Effekt [50, 51].

  • In doppelblinden, placebokontrollierten Studien mit Verlaufsbeobachtung über ein Jahr zeigte eine Mischung (z. B. Zemaphyte) aus zehn chinesischen Kräutern (Potentilla chinensis, Tribulus terrestris, Rehmannia glutinosa, Lophaterum gracile, Clematis armandii, Ledebouriella seseloides, Dictamnus dasycarpus, Paeonia lactiflora, Schizonepeta tenuifolia und Glycyrrhica glabra) eine signifikante Besserung der Ekzemherde sowie des Juckreizes [52–57]. Experimentelle Studien zeigen eine spezifische Beeinflussung der Immunantwort (u. a. die Induktion von IL-10 in humanen dentritischen Zellen) durch Zemaphyte [58].

  • Ähnliche Ergebnisse zeigen Studien zu einer Mischung aus fünf Kräutern (2 g Flos lonicerae, 1 g Herba menthae, 2 g Cortex moutan, 2 g Rhizoma atractylodis und 2 g Cortex phellodendri), die nachweislich keine Kortikosteroide enthielten [59–62].

Ernährungstherapie
Von Pauschaldiäten ist abzuraten. Bei relevanten Sensibilisierungen gegenüber Nahrungsmitteln wird eine entsprechende Karenz empfohlen. Hierzu sollte eine fundierte allergologische Abklärung mit Haut-, Blut- und ggf. Provokationstests durchgeführt werden. Ergänzend können entsprechende Schulungen bzw. Beratungen durch Ökotrophologen sinnvoll sein.
  • Atopisch vorbelastete Säuglinge sollten über mindestens 4 Monate voll gestillt werden [63]. Danach erfolgt das Zufüttern naturbelassener Nahrungsmittel.

  • Eier, Fisch, Milch, Weizen und Zitrusfrüchte sollten erst nach Vollendung des 1. Lebensjahrs verabreicht werden.

  • Wenn Stillen nicht möglich ist, sollte hypoallergene Babynahrung eingesetzt werden. Soja- oder Ziegenmilch sind kein Ersatz, da Säuglinge mit Kuhmilchallergie häufig auch eine Sojamilchallergie haben [53].

  • Bei Einnahme von Probiotika während der Schwangerschaft reduziert sich wahrscheinlich das Ekzemrisiko des Kindes; für Probiotikaeinnahme bei bestehender Erkrankung gibt es derzeit nicht ausreichend Evidenz [63].

Massagetherapie
Es konnte gezeigt werden, dass Massage durch die Eltern nach der topischen Applikation von Kortikosteroiden im Vergleich zu einer ausschließlichen topischen Kortikosteroidtherapie das Angstlevel der Eltern reduzierte sowie den Juckreiz und Hautveränderungen bei den betroffenen Kindern signifikant verbesserte [64].
Erweiterte Naturheilverfahren
In der Schmerztherapie ist Akupunktur eine anerkannte und evidenzbasierte Methode [65–67]. Für das der Schmerzempfindung pathophysiologisch nahestehende Symptom Juckreiz liegen Hinweise vor für eine therapeutische und präventive Wirksamkeit der Akupunktur [20, 67–75]: So zeigte sich z. B. der allergeninduzierte Juckreiz (Prick-Test) direkt nach der Akupunktur an den Punkten Mi 10 und Di 4 vermindert im Vergleich zur Placebopunktakupunktur und einer Kontrollgruppe ohne Intervention [72, 76]. In einer weiteren randomisierten placebokontrollierten Studie reduzierten sowohl Verumakupunktur als auch Cetirizin den allergeninduzierten Juckreiz bei Patienten mit atopischem Ekzem im Vergleich zu Placebointerventionen und keiner Intervention signifikant [76]. Der Zeitpunkt der Durchführung der Akupunktur war insofern wichtig, da abortiv durchgeführte Akupunktur den besten Effekt hinsichtlich Juckreizreduktion zeigte. Die Juckreizreduktion durch Cetirizin ging mit verminderter Aufmerksamkeit einher. Ein möglicher Wirkmechanismus könnte die Reduktion des allergenen Potenzials von basophilen Granulozyten sein [75]. In einer experimentellen Studie zeigte Dokukina eine Reduktion von u. a. Beta-Endorphin, ACTH und Somatostatin im Serum nach Akupunkturbehandlung im Vergleich zu Werten vor Behandlung bei Patienten mit Ekzem [77, 78]. Eine ungeblindete klinische Studie an 20 Patienten zeigte eine deutliche Besserung des atopischen Ekzems nach Behandlung mit Akupunktur sowie chinesischen Kräutern [79].

Kollagenosen (SLE, Kollagenosen)

Im Prinzip Kollagenosenkann jedes Organ von einer Kollagenose befallen werden. Eine Rolle spielen organunspezifische Autoantikörper gegen Zellkernmaterial (antinukleäre Antikörper). Bei vielen Kollagenosen besteht ein Zusammenhang mit erblichen Faktoren, z. B. HLA-Antigenen, Hormonen (Frauen sind häufiger betroffen), psychischem Stress, Viren und Sonnenbestrahlung. Es ist nicht geklärt, ob die antinukleären Antikörper Ursache, Folge oder Begleiterscheinung der Krankheit sind [80].
Lupus erythematodes
Die Lupus erythematodesDiagnose systemischer Lupus erythematodes wird anhand der ARA-Kriterien (American Rheumatology Association) gestellt [81, 82]:
  • Ordnungstherapie: Da Nikotinabusus direkt mit der Krankheitsaktivität des kutanen Lupus erythematodes korreliert, sollte Nikotin strikt gemieden werden [80]. Bei Nikotinabusus sind entsprechende Entwöhnungstherapien zu vollziehen.

  • Ernährungstherapie: Bei Patienten mit SLE tritt häufig ein Vitamin-D-Mangel auf, der substituiert werden sollte [83]. Tierexperimentell konnte gezeigt werden, dass ein Vitamin-D-Mangel Autoimmunkrankheiten induzieren kann [84].

  • Erweiterte Naturheilverfahren:

    • Manuelle Medizin: Eine randomisierte kontrollierte Studie (n = 250) zeigte einen Effekt der manuellen Medizin hinsichtlich Schmerzsymptomatik und Beweglichkeit [85].

    • Akupunktur: Wenn der SLE mit Osteoarthritis einhergeht, kann Akupunktur versucht werden [86].

Sjögren-Syndrom
Das Sjögren-SyndromSjögren-Syndrom (SS) betrifft Frauen deutlich häufiger als Männer (9 : 1) und tritt meist nach den Wechseljahren auf. Das SS kann in Assoziation mit rheumatologischen Erkrankungen auftreten (sekundäres SS) wie rheumatoider Arthritis, Lupus erythematodes, Polymyositis, oder Sklerodermie.
  • Phytotherapie: Folgende in der chinesischen Medizin traditionell angewandten Arzneimittel zeigten tierexperimentell eine Erhöhung des Speichelflusses [87] durch folgende Wirkungen:

    • beruhigend und unterstützend: Rhizoma polygonati odorati, Herba dendrobi, Radix glehniae, Radix ophiopogonis und Radix asparagi

    • flüssigkeitsspendend: Radix puerari und Fructus mume

    • hitzeausleitend: Radix rehmannia, Radix scrophulariae und Radix paeoniae rubra

    • kraftsteigernd: Radix astragali, Radix pseudostellariae und Radix glycyrrhizae

    • blutaktivierend: Radix salviae miltiorrhiza

    • feuchtigkeitsausleitend: Fructus gleditsiae abnormalis, Radix trichosanthis und Radix asteris

    • allgemein ausleitend: Semen persicae und Squama manis

  • Ernährungstherapie: Die Inzidenz des Sjögren-Syndroms ist in China und Japan, den Ländern mit dem höchsten Grünteegenuss ausgesprochen niedrig. Da mehrere experimentelle Arbeiten eine antiinflammatorische Wirkung von Grüntee nachweisen konnten, wird eine Wirksamkeit von Grüntee beim SS angenommen [88].

  • Erweiterte Naturheilverfahren: Bezüglich des Hauptsymptoms der Mundtrockenheit wurden einige experimentelle und klinische Studien durchgeführt, die auf eine mögliche Wirksamkeit von Akupunktur bis drei Jahre nach Anwendung hinweisen [89–99]. Der Effekt könnte auf eine erhöhte Ausschüttung von vasoaktivem intestinalem Polypeptid (VIP) und Calcitonine-gene-related peptide (CGRP) zurückzuführen sein.

Sklerodermie
SklerodermieFrühsymptome der generalisierten Sklerodermie sind die Raynaud-Symptomatik und die Verkürzung des Zungenbändchens. Im Verlauf zeigen sich Ödeme an Händen und Füßen, Hautstarre und Atrophie mit wachsartigem Aussehen der dünnen Haut, Verformung der Hände (Krallhand, Madonnenfinger), Maskengesicht, Mikrostomie, Tabaksbeutelmund, sowie Lidschlussproblematik.
  • Bewegungstherapie: Obwohl nur Einzelberichte zur Wirksamkeit von myofaszialen Techniken bei Sklerodermiepatienten vorliegen [100], ist die Physiotherapie dennoch ein wichtiger Bestandteil in der multimodalen Behandlung der Erkrankung und wird im klinischen Alltag häufig eingesetzt. Insbesondere die lineare zirkumskripte Sklerodermie sollte physiotherapeutisch behandelt werden. Bindegewebsmassage und manuelle Lymphdrainage können im sklerotischen Stadium begleitend zur Systemtherapie oder im Anschluss an eine Systemtherapie durchgeführt werden. Die Leitlinie der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft empfiehlt ein- bis zweimal wöchentliche Therapiezyklen für eine Zeitspanne von mindestens drei Monaten [101]. Krankengymnastische Übungen und Muskelaufbau sind bei linear angeordneten Formen der Extremitäten, die zu Kontrakturen und Bewegungseinschränkung geführt haben, notwendig.

  • Phototherapie: Die Therapie mit ultravioletten (UV) Strahlen gehört zu den effektivsten Behandlungsmodalitäten sklerotischer Hauterkrankungen [102]. Da die langwellige UV-Strahlung bis in die tiefen Anteile der Dermis gelangt, stellt sie laut Leitlinie der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft die Therapie der ersten Wahl bei der limitierten Form der zirkumskripten Sklerodermie dar [101]. Im Gegensatz dazu ist die UV-Strahlung bei Formen mit Beteiligung tieferliegender Strukturen (Fettgewebe, Faszien, Muskulatur, Knochen) nicht geeignet.

CREST-Syndrom
Das CREST-CREST-SyndromSyndrom ist eine lokale Form der Sklerodermie mit folgenden Symptomen:
  • Calcinosis cutis

  • Raynaud-Syndrom

  • ösophageale Dysfunktion

  • Sklerodaktylie

  • Teleangiektasien

Hinzu kommt eine pulmonale Hypertonie, die spät, aber häufig auftritt.
  • Hydro- und Thermotherapie: Schwimmen in warmem Wasser sowie ansteigende Arm- und Fußbäder und ggf. Saunagänge können ggf. Linderung bringen, sind derzeit jedoch nicht evidenzbasiert.

  • Ernährungstherapie: Die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren in Form von täglich 12 Fischölkapseln (= 4 g Eicosapentaensäure und 2,64 g Docosahexaensäure) zeigte in einer doppelblinden Studie einen deutlichen Einfluss auf die Kältetoleranz und Verzögerung des Vasospasmus bei Patienten mit primärer Raynaud-Symptomatik [103].

  • Erweiterte Naturheilverfahren

    • Manuelle Therapie: Es gibt Einzelberichte über eine positive Beeinflussung von Dauer und Stärke der Vasospasmen durch myofasziale Techniken (6.4) [104].

    • Akupunktur: In einer experimentellen Studie (n = 24) zeigte sich durch Elektroakupunktur eine Reduktion des Plasma-Endothelin-Spiegels (hochwirksamer Vasokonstriktor) und eine Erhöhung der peripheren Durchblutung (mittels thermografischer Messung) bei Patienten mit progressiver systemischer Sklerodermie [105].

      • In einer klinischen Studie (n = 19) bei Patienten mit systemischer Sklerodermie und sekundärer Raynaud-Symptomatik zeigte die Nadelung der Verumpunkte Di4, M36, 3E5, LG20, PC6 im Vergleich zu Behandlung von Sham-Punkten keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Anzahl und Dauer durchschnittlicher Raynaud-Anfälle [106].

      • In einer nicht-kontrollierten Studie berichteten Glavinskaia et al. [107] über gute Effekte bei zirkumskripter Sklerodermie bei 83 % der Patienten die mit Akupunktur behandelt wurden.

Danksagung: Die Arbeit wurde unterstützt von Christine Kühn, Center for Allergy Research and Education (CK-CARE).

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