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B978-3-437-58621-7.00001-0

10.1016/B978-3-437-58621-7.00001-0

978-3-437-58621-7

Abb. 1.1

[M568, L157]

Einteilung der Medizinkonzepte und Naturheilverfahren

Standortbestimmung

Naturheilverfahren und Naturheilkunde

Definitionen

Eberhard Volger, Benno Brinkhaus
Im alltäglichen Sprachgebrauch und in der Fachliteratur werden viele Begriffe als Synonyme für die Bezeichnungen Naturheilkunde und Naturheilverfahren gebraucht. Tatsächlich sind diese Synonyme inhaltlich nur teilweise deckungsgleich. Da Unklarheiten in der Begrifflichkeit gerade in diesem medizinischen Bereich immer wieder zu Missverständnissen und Vorurteilen im Dialog mit anderen medizinischen Disziplinen führen, ist es notwendig, Klarheit in diese Begriffswelt zu bringen.

Naturheilverfahren und Naturheilkunde

Für Naturheilverfahren und die Naturheilkunde liegen unterschiedliche Definitionen vor. Gebräuchlich und häufig verwendet werden die folgenden Erklärungen.

Merke

  • NaturheilkundeNaturheilkunde lässt sich definieren als die Lehre von Naturheilmitteln und den Naturheilverfahren sowie deren besonderen Wirkungen und Wirkprinzipien (Pschyrembel – Wörterbuch Naturheilkunde). Die Naturheilkunde beschäftigt sich auch mit der „Natur“ des Patienten und dessen Erkrankungen, entwickelt eine eigene Anthropologie und eigene Krankheitskonzepte.

  • NaturheilverfahrenNaturheilverfahren können definiert werden als therapeutische Maßnahmen, die mit direkt aus der Natur entnommenen, nebenwirkungsarmen Mitteln körperliche und seelische Ordnungs- und Heilkräfte aktivieren und im Rahmen der Gesamtmedizin der Gesundheitsförderung, der Linderung von Beschwerden sowie der Heilung von Krankheiten dienen.

Sanfte Medizin und Ganzheitsmedizin

Umgangssprachlich wird im Zusammenhang mit Naturheilverfahren oft von „sanfter Medizin“ gesprochen, wenn sich Laien als Alternative zur sog. Schulmedizin eine fürsorgliche und möglichst natürliche und nebenwirkungsarme Behandlung ohne beängstigende apparative Diagnostik und gefährliche Arzneimittelchemie wünschen. Obwohl Naturheilverfahren nur bei wenigen Indikationen eine wirkliche Alternative zu den Therapievorgaben der konventionellen Medizin sein können, sind sie in der Prävention und in der Behandlung von v. a. chronischen Erkrankungen fest etabliert und bieten außerhalb der Akutmedizin bei vielen Alltagsbeschwerden wertvolle Hilfe.
Alternativmedizin
AlternativmedizinDer häufig von Patienten oder in der Laienpresse verwendete Begriff „alternative Medizin“ ist auf dem Hintergrund der „Alternativbewegung“ der 1970er- und 1980er-Jahre zu sehen, die ihre sozialen und geistigen Wurzeln in Jugendprotest-, Studenten- und Anti-Atomkraft-Bewegung hat. Der Begriff ist daher nicht ganz frei von ideologischen Untertönen und impliziert in seiner Bedeutung meist den Gegenentwurf zur etablierten (konventionellen) Medizin, der sog. Schulmedizin.
Im „Sammeltopf“ der alternativen Medizin befinden sich anerkannte aber auch umstrittene diagnostische und therapeutische Verfahren bis hin zu Außenseitermethoden. Die klassischen Naturheilverfahren gehören nicht in diese Gruppe, da sie in der Regel nicht als „Alternative“ eingesetzt werden und häufig bereits Bestandteil der konventionellen Medizin sind.
Viele alternativmedizinische Methoden halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht Stand. Es besteht daher die Gefahr, dass bei ernsthaften Erkrankungen eine adäquate Diagnostik und Therapie entweder zu spät oder gar nicht erfolgt. Die Alternativmedizin wird von Ärzten und v. a. von Heilpraktikern und selbst ernannten Therapeuten angewendet.
Ganzheitliche Medizin (Ganzheitsmedizin, holistische Medizin)
Medizin:holistischeGanzheitsmedizinDer inzwischen oft strapazierte Begriff der „Ganzheitsmedizin“ ist ebenfalls ein Versuch, eine Antwort auf die Defizite des modernen Medizinbetriebs und das ausschließlich mechanistische und positivistische Denken zu finden. Auch dieser Begriff wird häufig von Patienten oder in der Laienpresse verwendet. Die ganzheitliche Medizin postuliert den humanitären Anspruch, den Menschen als eine Einheit von Körper, Geist und Seele zu verstehen, der in Wechselbeziehung zu seinem sozialen Umfeld und seiner Umwelt steht, sowie von kulturellen und religiösen Erfahrungen geformt wird. Als Bezeichnung einer inneren Haltung sind mit diesem Begriff genau definierten diagnostischen und therapeutischen assoziiert.
Erfahrungsheilkunde
ErfahrungsheilkundeDie Erfahrungsheilkunde basiert ihrem Selbstverständnis zufolge primär auf dem durch die Praxis erlernten und tradierten Wissen der Volksmedizin und den komplementärmedizinischen Methoden als integralen Bestandteilen der ärztlichen Heilkunst.
Erfahrungsheilkundliche Aspekte sind auch in der konventionellen Medizin auszumachen, ist die Medizin doch ihrer eigentlichen Bestimmung nach eine anwendungsorientierte Wissenschaft, in der ärztlich Erfahrung und Praxis eine wichtige Rolle spielen, auch wenn sich dies in der Lehre nicht so niederschlägt. Selbst in der Evidence-based Medicine (EbM) ist neben den wissenschaftlichen Studien immer auch noch die Expertenmeinung von Bedeutung.
Komplementärmedizin und CAM
Medizin:KomplementärmedizinKomplementärmedizinDie Komplementärmedizin versteht sich nicht als Ersatz zur konventionellen Medizin – wie die Alternativmedizin –, sondern als Ergänzung zur konventionellen Medizin.
Die zahlreichen unter dem Begriff Komplementärmedizin zusammengefassten Verfahren und Methoden können in drei Bereiche unterteilt werden (Abb. 1.1).
Im englischsprachigen Raum ist die Alternativ- mit der Komplementärmedizin im Begriff Complementary and Alternative Medicine (CAM)complementary and alternative Medicine (CAM) zusammengefasst. Der Begriff CAM hat sich auch unter anderem mangels Alternativen mittlerweile auch in Westeuropa durchgesetzt.
Integrative Medizin
Medizin:integrativeintegrative Medizin Der bereits seit mehr als 10 Jahren in den USA und in Großbritannien verwendete Begriff der „integrativen Medizin“ wird zunehmend in Westeuropa aktueller. Die integrative Medizin (Abb. 1.1) ist wie folgt definiert: „Integrative Medicine is the practice of medicine that reaffirms the importance of the relationship between practitioner and patient, focuses on the whole person, is informed by evidence, and makes use of all appropriate therapeutic approaches, healthcare professionals and disciplines to achieve optimal health and healing.” The Consortium of Academic Health Center for Integrative Medicine, May 2004 (http://www.ahc.umn.edu/cahcim/about/home.html)
Da die klassischen Naturheilverfahren gut in die etablierte Medizin integriert sind, zielt die integrative Medizin v. a. darauf ab, auch die bisher noch umstrittenen Methoden der Komplementärmedizin in die konventionelle Medizin einzuführen und zum Wohl der Patienten gemeinsam anzubieten. Dies setzt allerdings voraus, dass die Verfahren, die integriert werden sollen, streng wissenschaftlich begleitet werden oder bereits positiv evaluiert wurden. In Deutschland steht man noch am Anfang der „integrativen Medizin“, während in den USA jährlich Summen in Höhe von ca. 120 Millionen US-Dollar vom National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) für Forschung in diesem Bereich bereitgestellt werden.

Einteilung der Naturheilverfahren

Eberhard Volger, Benno Brinkhaus
Mit dem Begriff Naturheilverfahren werden umgangssprachlich die unterschiedlichsten Therapieverfahren bezeichnet: Nicht nur diejenigen, die definitionsgemäß (1.1) genuine Naturfaktoren einsetzen und als sog. klassische Naturheilverfahren bezeichnet werden, sondern auch fälschlicherweise beispielsweise die Homöopathie und die Verfahren der Chinesischen Medizin (CM).
Die Systematik der Naturheilkunde geht auf den bayrischen Militärarzt Lorenz Gleich, LorenzGleich (1798–1865) zurück, der als Naturheilmittel Teile der natürlichen Umwelt bezeichnete, die zur Pflege, Förderung und Wiederherstellung der Gesundheit eingesetzt werden. Sebastian Kneipp, SebastianKneipp (1821–1897) entwickelte hieraus die fünf Säulen seines Behandlungssystems.
Klassische Naturheilverfahren
Naturheilverfahren:klassischeAls klassische klassische Naturheilverfahren:DefinitionNaturheilverfahren (Abb. 1.1) werden diejenigen therapeutischen Maßnahmen bezeichnet, die genuine Naturfaktoren, d. h. der Natur entstammende Wirkfaktoren einsetzen, u. a. Wärme und Kälte, Licht und Luft, Wasser und Erden (Peloide), Bewegung und Ruhe, Ernährung und Fasten, Heilpflanzen und heilsame seelische Einflüsse. In Anlehnung an Sebastian Kneipp gehören zu den klassischen Naturheilverfahren die folgenden Therapieverfahren, die zur Prävention und Therapie eingesetzt werden.
  • Ordnungstherapie: als Fundament und Verbindung zu den nachfolgenden Verfahren ist die Ordnungstherapie die Summe der Maßnahmen zur geordneten Lebensführung und einem gesunderhaltenden Lebensstil

  • Hydrotherapie: Anwendung von Wasser in unterschiedlichen Temperaturen und Formen; z. B. als Güsse, Bäder, Wickel, Kompressen

  • Bewegungstherapie: aktive und passive Bewegungsübungen einschließlich Massage und Manueller Medizin

  • Ernährungstherapie: gesunde, naturbelassene und dem jeweiligen Gesundheitszustand angepasste Ernährung einschließlich therapeutischem Fasten

  • Phytotherapie: Zubereitungen aus Arzneipflanzen als Mehr- und Vielstoffgemische zur inneren und äußeren Anwendung

Diese klassischen Naturheilverfahren, die den fünf Therapieelementen der komplexen Gesundheitslehre nach Kneipp entsprechen und unbestreitbar den Kernbereich des kaum überschaubaren Gebiets der Naturheilkunde darstellen, können in ihren wesentlichen Bereichen auf die hippokratische Medizin des Altertums, die sog. traditionelle europäische Medizin (traditionelle europäische Medizin (TEMTEM 1.5), zurückgeführt werden.
Wegen der inhaltlichen Überschneidung zur physikalischen Medizin, Ernährungsmedizin, Sportmedizin und psychosomatischen Medizin sind Vertreter der konventionellen Medizin einerseits und der Naturheilkunde andererseits schon lange der Ansicht, dass es mehr Verbindendes als Trennendes zwischen den Naturheilverfahren und der konventionellen Medizin gibt. So sind die wissenschaftlich begründ- und belegbaren klassischen Naturheilverfahren schon jetzt fester Bestandteil einer modernen sich weiterentwickelnden Medizin. Demzufolge sind die Naturheilverfahren auch nach der aktuellen Approbationsordnung fester Bestandteil der medizinischen Ausbildung (1.4).
Erweiterte Naturheilverfahren
Naturheilverfahren:erweiterteerweiterte NaturheilverfahrenAls „erweiterte Naturheilverfahren“ gelten (Abb. 1.1) diejenigen Methoden, die in Nachahmung natürlicher Prozesse Heilungsprozesse in Gang setzen, wie z. B. die ausleitenden Verfahren, die Akupunktur, Neuraltherapie, Mikrobiologie und die umstimmenden Verfahren.
Komplementärmedizinische Therapieverfahren
In Anlehnung an den Begriff der KomplementärmedizinKomplementärmedizin (1.1.2) werden als komplementärmedizinische Therapieverfahren (Abb. 1.1) diejenigen Methoden der gesundheitlichen Versorgung bezeichnet, die nicht Bestandteil der konventionellen Medizin sind.
Komplementärmedizinische Therapieverfahren umfassen also z. B. Verfahren, die anderen Kulturkreisen entstammen – z. B. die Ethnomedizinen der Chinesischen Medizin, Tibetischen Medizin oder des Ayurveda – sowie Verfahren, die sich als eigenständiges Medizinsystem definieren, z. B. die anthroposophische Medizin und Homöopathie. Ferner sind die sog. unkonventionellen Verfahren als komplementärmedizinische Therapieverfahren definiert. Hierzu zählen z. B. die Aromatherapie, Bachblütentherapie, Biochemie nach Schüssler, Homotoxikologie, Mikronährstoffmedizin, Osteopathie, Ozontherapie und viele andere Therapiekonzepte.

Charakteristika der Naturheilverfahren

Naturheilverfahren:CharakteristikaEberhard Volger, Benno Brinkhaus
Zum Verständnis der Naturheilverfahren ist es nötig, Gesundheit und Krankheit als Teil eines offenen dynamischen Geschehens zu sehen, das von salutogenetischen und pathogenetischen Faktoren beeinflusst wird. Inhärente Mechanismen, die metaphorisch mit „Physis“ oder „inwendigen Arzt“ beschrieben werden, sorgen für die Homöostase oder Erhaltung der Gesundheit durch selbstregulierende und ordnende Kräfte. Im Krankheitsfall – aber auch bei Einsatz als Präventionsmaßnahme – bieten die Naturheilverfahren Heilreize, die diese Dynamik in Gang setzen können.

Merke

Lebende Systeme sind sich selbst erhaltende autopoetische Komplexe, die aus Informationsnetzen aufgebaut mit der Umwelt durch zahlreiche, höchst unterschiedliche kommunikative Prozesse verbunden sind. Alle Lebewesen sind zur Aufrechterhaltung ihrer Homöostase auf den inneren und äußeren Informationsaustausch angewiesen. Das bedeutet, dass Gesundheit eine Lebensqualität ist, die sich ständig neu erschaffen muss.

Modell der Pathogenese und Hygiogenese

Nach Hildebrand und Melchart [1, 3] liegen allen Therapieverfahren der Medizin das Denkmodell der Pathogenese und der Hygiogenese bzw. SalutogeneseSalutogenese zugrunde.
  • Im Modell der PathogenesePathogenese sind Krankheitssymptome Resultat normabweichender Kausalketten und Funktionsdefizite. Orientierungsrahmen ist die Pathophysiologie und das Defizitmodell.

  • Das Konzept der HygiogeneseHygiogenese begreift Krankheitssymptome als aktive Funktionsäußerungen des Organismus und als misslungene oder erfolgreiche Selbstheilungsvorgänge. Orientierungsrahmen sind die therapeutische Psycho-Physiologie und das Ressourcen-und Kompetenzmodell.

Die konventionelle Medizin ist vorwiegend pathogenetisch orientiert und setzt im Rahmen einer sog. primären Therapie direkte Maßnahmen ein, um die Krankheitsursachen auszuschalten oder zu bekämpfen. Die Naturheilverfahren folgen vorrangig dem Modell der Hygiogenese und sekundären Therapie. Die indirekten Therapiemaßnahmen zielen auf die Unterstützung der Selbstheilungskräfte des Organismus.

Merke

Naturheilverfahren:TherapiezieleNaturheilverfahren nutzen als individualisierte und multimodale Behandlungskonzepte physiologische und psychologische Regulationsmechanismen und haben folgende Therapieziele:

  • Anregung der Selbstheilungskräfte durch naturgegebene Einwirkungen einschließlich gezielter unspezifischer und spezifischer systemischer und lokaler Reize

  • Anleitung und Förderung zur Übernahme von Eigenverantwortung und aktiver Gesundheitsförderung sowie aktiver Krankheitsbewältigung durch den Patienten

Hygiogenetische Prinzipien der Naturheilverfahren

Die wichtigste Grundüberlegung zur HygiogeneseHygiogenese ist, dass Naturheilverfahren:Hygiogenese fast alle chronischen Erkrankungen als Regulationsstörungen beginnen oder in ihrer Symptomatik durch die Regulationsstörungen verschiedenster Körperfunktionen charakterisiert sind. Auch die vermehrte Krankheitsanfälligkeit im Sinne chronisch rezidivierender Störungen kann als Regulationsdefizit in den entsprechenden Funktionssystemen interpretiert werden. Der wichtigste Mechanismus hierbei ist die Auslösung bzw. das Unterhalten funktioneller Adaptationsprozesse. Aber auch das Training bestimmter Körperfunktionen im Sinne einer trophisch-plastischen Adaptation fällt darunter. Die gezielte Nutzung von solchen adaptiven Mechanismen zur Krankheitsvorbeugung oder -behandlung wird als „natürliche Therapie“ bezeichnet. Bei allen diesen Maßnahmen handelt es sich um physiologische Reaktionen, die durch therapeutisch induzierte, d. h. definierte Reize, angestoßen werden können.

Gesundheit und Krankheit aus Sicht der Naturheilkunde

Während die Medizin noch an dem newtoncartesianischen Paradigma festhält, hat sich in der Physik durch Max Planck (1858–1947) schon vor 100 Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen, von dem die medizinische Wissenschaft bisher kaum Notiz genommen hat. Denn die mechanistisch reduktionistischen Denkmuster sind immer noch die Grundlage einer andauernden Erfolgsgeschichte der Medizin und gleichzeitig auch fester Bestandteil der westlichen Industriekultur. Dabei sind die Erkenntnisse der QuantenphysikQuantenphysik längst unumstritten – und diese lehren uns, dass es unmöglich ist, die absolute Realität eines bestimmten Objekts oder Phänomens zu erfassen, da der Beobachtungsvorgang oder das Experiment selbst das Untersuchungsergebnis beeinflusst. Da wir also mit der konventionellen medizinischen Forschung trotz unüberschaubar vieler angesammelter Fakten darüber, was das Leben eigentlich ausmacht, nicht erfassen können, ist es notwendig, wenigstens die individuelle Wirklichkeit eines Menschen möglichst umfassend zu erschließen. Denn linear-kausale Bezüge sind immer konstruierte Sonderfälle und spiegeln nur unzureichend die Komplexität des Lebens wider. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Kennzeichen lebender Systeme
Lebende Systeme sind sich selbst erhaltende autopoetische Komplexe, die aus Informationsnetzen aufgebaut mit der Umwelt durch zahlreiche, höchst unterschiedliche kommunikative Prozesse verbunden sind.

Merke

Alle Lebewesen sind zur Aufrechterhaltung ihrer Homöostase auf den inneren und äußeren Informationsaustausch angewiesen. Das bedeutet, dass Gesundheit eine Lebensqualität ist, die sich ständig neu erschaffen muss. Demzufolge ist Krankheit nicht etwa die bloße Abwesenheit von Gesundheit oder eine Art betriebsbedingter Defekt, sondern auch eine Störung im gesundheitsschaffenden Prozess – der SalutogeneseSalutogenese (Aaron Antonovsky, AaronAntonovsky 1923–1994).

Um dies besser verstehen zu können, kommt uns der neue Wissenschaftszweig, die PsychoneuroendokrinoimmunologiePsychoneuroendokrinoimmunologie zu Hilfe. Sie liefert inzwischen eine hinreichende Evidenz dafür, dass emotionale und kognitive Prozesse, aber auch unbewusste Wahrnehmungen parallel Veränderungen auf molekularer Ebene auslösen, mit Konsequenzen für die Neurotransmitter- und Rezeptorfunktionen im ZNS und weiteren Folgen für die hormonelle Steuerung. Neuronale und hormonelle Einflüsse bewirken schließlich auch Veränderungen im komplex-interaktiv agierenden Immunsystem. Die Erkenntnis von vielfältigen selbstregulierenden und -ordnenden Prozessen im Organismus entspricht dem alten Bild vom „inwendigen Arzt“ oder der „wisdom of the body“ der Naturheilkunde.
Kennzeichen regulativer Prozesse
Die überkommene humoralpathologische Vorstellung hat Alfred Pischinger, AlfredPischinger (1899–1983) versucht an das heutige medizinische Verständnis anzupassen. Sein Konzept der GrundregulationGrundregulation greift die Erkenntnis von komplex vernetzten, kybernetischen Lebensprozessen auf. Im Bindegewebe, das die Grundsubstanz durchzieht, sieht er die funktionelle Mittlerfunktion zwischen Kreislauf, Nervensystem und Immunsystem. Kapillaren, Nervenendigungen und Immunozyten sind eng benachbart in die Grundsubstanz eingebettet. Veränderungen der Grundregulation können je nach genetischer Disposition und dem bio-psycho-sozialen Umfeld zu Befindlichkeitsstörungen oder Krankheiten führen.
Um die HomöostaseHomöostase des Systems aufrechterhalten zu können, sind ständig regulative und adaptive Prozesse notwendig. Gesundheit und Krankheit sind nach dem Paradigma der Naturheilkunde komplementäre Erscheinungsformen eines größeren Ganzen. Krankheit entspricht einer gestörten Homöostase mit der Möglichkeit, dass diese Störung durch Selbstorganisation beseitigt wird und sich erneut wieder ein gesundes Gleichgewicht einstellt. Oft bedarf es dazu jedoch der Unterstützung, welche die Naturheilverfahren bieten können. Voraussetzung für das Funktionieren der Selbstorganisation ist allerdings ein Organismus, der nicht zu schwer geschädigt wurde, sodass die Homöostase durch Selbstorganisation wieder erreicht werden kann.
Wirkfaktoren und Wirkweisen
Die Anregung und Unterstützung der selbst heilenden „Natur“ (Physis) des Menschen wird als Physiotherapie, Reiz-Reiz-ReaktionstherapieReaktionstherapie Naturheilverfahren:R∗eiz-Reaktionstherapie∗oder RegulationstherapieNaturheilverfahren:R∗eiz-Reaktionstherapie∗Regulationstherapie bezeichnet. Der Begriff der Reiz-Reaktionstherapie verdeutlicht das Wirkprinzip, wonach durch äußere Reize verschiedenster Art innere regulative Prozesse zur Gesundung angestoßen werden können.
Die Naturheilverfahren bieten hierfür jene Reize, die Bedingungen entsprechen, mit denen sich der Menschen entwickelt hat. Mit Recht darf vermutet werden, dass gerade solche natürlichen Reize besonders gut geeignet sind, die Homöostase wieder herzustellen.
Wirkfaktoren
Naturheilverfahren:WirkfaktorenWirkfaktoren nennt man therapeutische Reize, die v. a. auf die Haut und Schleimhäute als Wärme oder Kälte einwirken und durch Wasser, Licht, Luft oder Erde (Peloide) oder auch Berührung (Massage) vermittelt werden. Auch aktive und passive Bewegungen zählen zu solchen Reizen ebenso wie Ernährung, Fasten und die Einnahme von Heilpflanzen. Wesentliche Lebensreize, die im weiteren Sinne auch zu Heilzwecken eingesetzt werden können, sind die visuellen, akustischen und olfaktorischen Sinneseindrücke. Im weiteren Sinn und ganz entscheidend zählen auch positive emotionale, psychische und seelische Einflüsse dazu.
Die, durch die natürlichen Wirkfaktoren in Gang gesetzten physiologischen Reize lösen Reizantworten aus, die zur Stabilisierung somatischer und psychischer Vorgänge führen, mit dem Ziel der Selbsterhaltung des Individuums zu dienen. Daraus können unterschiedliche Prozesse resultieren von einer raschen Abwehr oder schnellen Gewöhnung bis hin zu längerfristigen Anpassungs- oder Kompensationsvorgängen.
Wirkweisen
Naturheilverfahren:WirkweisenNach Hildebrand lassen sich im Wesentlichen drei Wirkweisen bei klassischen klassische Naturheilverfahren:WirkweisenNaturheilverfahren unterscheiden.
  • SchonungSchonung soll vor den individuell belastenden und krankmachenden Faktoren schützen, um den Organismus die Chance zu geben, Selbstheilungsprozesse in Gang zu setzen.

  • RegulierungRegulierung bedeutet mit wiederholten Reizen z. B. hydrotherapeutischen Anwendungen und/oder Bewegungsübungen die Wiederherstellung eines vegetativen Gleichgewichts zu erreichen, um so beispielsweise die Blutdruckregulation zu verbessern.

  • KräftigungKräftigung hat zum Ziel, die Leistungsfähigkeit des Organismus und seine Funktionskapazitäten zu steigern (Trainingseffekt). Dies wird auch als Adaptationstherapie bezeichnet.

Naturheilverfahren als Reiztherapien
ReiztherapienNaturheilverfahren:ReiztherapienDie verschiedenen Elemente der klassischen Naturheilverfahren haben unterschiedliche Reizqualitäten und verursachen als primäre Wirkung eine spezifische Reaktion im Organismus, ihre sekundäre Wirkung manifestiert sich als allgemeine Wirkung. So ist die primäre Reaktion:primäreReaktion auf einen kalten Guss zunächst eine durch Axonreflexe vermittelte lokale Vasokonstriktion. Sie ist Teil der Thermoregulation, in die das Neurovegetativum, das hormonell und kardiovaskuläre System sowie der Stoffwechsel und beim Muskelzittern auch die Motorik involviert sind. Schließlich bewirkt ein kalter Guss die Stimulation der Formatio reticularis und verbessert die kognitiven Fähigkeiten. Auch immunologische Reaktionen sind nachgewiesen worden. Die Bewegungstherapie wirkt zunächst spezifisch auf die Muskulatur, die Sehnen, Bänder und Gelenke. Reaktion:sekundäreSekundär führt sie zur Aktivierung des kardiopulmonalen, hormonellen und metabolischen Systems. Auch an diesen physiologischen Prozessen sind das Immunsystem und die Psyche mit beteiligt.
Diese Kongruenz der sekundären unspezifischen Wirkungen bei allen fünf Elementen der klassischen Naturheilverfahren erklärt sich dadurch, dass autonome Funktionen die Selbstorganisation und Selbstregulation nicht nur im rein somatischen Bereich koordinieren, sondern auch die übergeordneten vegetativen, emotionalen Bereiche bis hin zur bewussten Wahrnehmung und der Steuerung aktiven Handelns. Zwischen all diesen Bereichen findet ein ständiger Informationsaustausch statt im Sinne einer Stabilisierung des Systems „Mensch“.

Merke

Zu wenig oder zu viele Umgebungsreize können entweder wichtige Anpassungsvorgänge schwächen oder überfordern und so zu Regulations-, Funktionsstörungen und Krankheit führen. Therapeutisch angestrebt wird jedoch die „AbhärtungAbhärtung“ im Sinne einer verbesserten Gesundheit (Hygiogenese).

Naturheilverfahren als Maßnahmen zur Verbesserung der Adaptationsleistung
Naturheilverfahren:AdaptationNur wiederholte Reize bringen das Funktionssystem kurzfristig immer wieder aus dem Gleichgewicht und können so als Adaptation gegenüber den auslösenden Reizen eine verbesserte Reaktionsökonomie und Kompensationsfähigkeit hervorrufen.
Der Prozess der AdaptationAdaptation wird entscheidend von der Qualität und Modalität der auslösenden Reize bestimmt. Eine maßgebliche Rolle spielen neben der Reizintensität auch die Lokalisation des Reizes, seine Dauer und auch der Zeitpunkt der Reizsetzung.
  • Schwache Reize:s∗chwache∗Reize, an die der Körper bereits adaptiert ist, sind therapeutisch beim Gesunden ineffektiv, können im ungünstigen Fall bei langem Fortbestehen dennoch im Sinne einer chronischen Irritation negative Auswirkungen haben.

  • Mittlere bis stärkere Reize wirken adaptogen Reize:m∗ittlere∗bei Gesunden und werden daher im Rahmen der Naturheilverfahren eingesetzt.

  • Stärkste Reize Reize:s∗tärkste∗können nicht nur schädigen, sondern auch die angestrebte Adaptation unterdrücken und sollten somit nicht in den Naturheilverfahren eingesetzt werden.

Merke

Wegen des Reiz-Reaktions-Prinzips wirken die Naturheilverfahren:Reiz-Reaktions-PrinzipNaturheilverfahren meist indirekt und sekundär, somit verzögert, dafür aber nachhaltig. Sie sind hygiogenetisch orientiert. Im Vergleich dazu sind die Therapieeffekte der konventionellen Medizin eher direkt, rasch einsetzend und pathogenetisch orientiert.

Konstitutionsspezifische Aspekte der Naturheilverfahren
Naturheilverfahren:KonstitutionReaktionen auf Reize gleicher Reizstärke können interindividuell in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, Trainingsgrad und Konstitution (3.2) sehr unterschiedlich ausfallen. In der konventionellen Medizin finden konstitutionelle Betrachtungen kaum noch statt. In traditionellen Medizinformen sind konstitutionelle Betrachtungen hingegen weit verbreitet und grundlegend für den therapeutischen Ansatz. In der Praxis fällt eher noch auf, dass auf die gleiche Behandlung Patienten durchaus verschieden reagieren können. Nach der Konstitutionslehre von Ernst Kretschmer, ErnstKretschmer (1888–1964) wird der schmale leptosome Typus vom athletischen und vom breiten pyknischen Typus unterschieden (3.2). Bernhard Aschner, BernhardAschner (1883–1960) differenziert zwischen der lymphatischen Konstitution mit heller Haut und empfindlichen Schleimhäuten, der hämatogenen Konstitution mit braunen Augen und der cholerischen sowie einer Mischform.
Chronobiologische Aspekte
Naturheilverfahren:ChronobiologieRegulative und adaptive Prozesse werden nach Hildebrand [3] von chronobiologischen Rhythmen (5.4) überlagert: Auch Reizantworten können intraindividuell in Abhängigkeit von den zirkadianen Rhythmen durchaus unterschiedlich sein.

Naturheilverfahren in der medizinischen Grundversorgung

Eberhard Volger, Benno Brinkhaus, Anne Wessel

Klassische Naturheilverfahren in der Gesamtmedizin

Während die konventionelle Medizin derzeit in Fachgebiete und Subspezialitäten gegliedert ist, lassen sich Naturheilverfahren wegen ihrer breiten Einsatzmöglichkeit und großen Interdisziplinarität nicht einzelnen medizinischen Fächern zuordnen. Klassische Naturheilverfahren, die ebenfalls fester Bestandteil der Prävention und Rehabilitation sind, werden ähnlich wie präventive und rehabilitative Maßnahmen interdisziplinär eingesetzt.
Anwendungsbereiche und Grenzen
Naturheilverfahren:AnwendungsbereicheSeit den 1980er-Jahren wird die Naturheilkunde wieder an den deutschen Universitäten gelehrt. „Naturheilverfahren“ ist eine der Zusatzbezeichnungen, die zu einzelnen Facharztbezeichnungen getragen werden kann. Naturheilkunde versteht sich im Rahmen der universitären Medizin als ein interdisziplinäres Fach, als ein „Brückenfach“.
Naturheilverfahren können in allen Fachdisziplinen und in den verschiedenen Versorgungsebenen ambulant-präventiv, ambulant-kurativ, akut-klinisch und rehabilitativ-medizinisch angewandt werden. Hauptsächlich finden sie in der ambulant-kurativen und präventiv-medizinischen Ebene sowie in der Rehabilitationsmedizin ihre Anwendung. Leider gibt es bisher nach wie vor nur wenige akut-medizinische Einrichtungen, die Naturheilverfahren in den klinischen Alltag integrieren. Im Jahre 2007 boten von insgesamt rund 2.200 Akut-Krankenhäusern in Deutschland nur ca. 12 Akut-Abteilungen schwerpunktmäßig naturheilkundliche Behandlungen an.
Zielsetzung klassischer Naturheilverfahren ist die Förderung von individuellen psychischen und physischen „gesundheitsstärkenden Faktoren“, also die Förderung von Selbstheilungsprozessen. Als primäre oder adjuvante Therapieform können Naturheilverfahren bei zahlreichen Krankheiten angewandt werden. Besonders häufig kommen sie bei folgenden Beschwerde- und Krankheitsbildern zum Einsatz: funktionelle Störungen, psychosomatische Dysregulation, Infektlabilität, akute und chronische Gelenkbeschwerden und andere muskuloskelettale Schmerzerkrankungen, stoffwechsel- und ernährungsabhängige Erkrankungen, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, pulmonale Erkrankungen, akute und chronische Magen-Darm-Erkrankungen und Hauterkrankungen. Einen wichtigen und gefragten Einsatz finden Naturheilverfahren in der Pädiatrie, zunehmend auch in der Geriatrie und als adjuvante Therapie in der Onkologie. Ein Schwerpunkt besteht außerdem in der Vorbeugung von Krankheit, also in der Präventionsmedizin.
Grenzen der Anwendung von Naturheilverfahren:GrenzenNaturheilverfahren sind u. a. akute lebensbedrohliche Situationen, akute Stoffwechsel- oder hormonelle Entgleisungen, akut notwendige operative Eingriffe sowie schwere genetische Defekte. Akute Psychosen und andere schwere psychiatrische Erkrankungen sind ebenso kontraindiziert. Der Patient sollte kognitiv in der Lage sein, naturheilkundliche Anwendungen zu verstehen und diesen zuzustimmen. Grenzen der sinnvollen Integration von Naturheilverfahren entstehen auch immer wieder durch unzureichende Kenntnisse der Ärzte und des medizinischen Personals.
Eine naturheilkundliche und damit mehr salutogenetisch orientierte Haltung der Akteure unserer Medizin und damit verbunden ein profunderes Wissen über das Fachgebiet Naturheilkunde wären wünschenswerte Ausblicke für die Lehre und den klinischen Alltag.
Wirksamkeitsnachweise und Qualitätsstandards
Naturheilverfahren:WirksamkeitsnachweiseIm Gesundheitswesen wird mit Recht Wert darauf gelegt, dass Wirkung, Wirksamkeit und Sicherheit einer definierten Behandlung durch eine wissenschaftliche Objektivierung belegt werden. Dies gilt insbesondere für neu eingeführte Methoden und Arzneimittel, die nach den Grundsätzen der evidenzbasierten Medizin (EBM) zu prüfen sind. Doch Naturheilverfahren und andere traditionelle Heilsysteme mussten nicht neu eingeführt werden, da sie über eine lange Tradition verfügen. In diesem Fall galt bis vor Kurzem die Annahme, dass etwas, was sich nicht bewährt hat, über kurz oder lang von alleine verschwindet und somit eine Überprüfung für die Naturheilverfahren entbehrlich sei.
Heute erwarten aber nicht nur Vertreter der konventionellen Medizin und Krankenversicherungen, sondern auch kritische Patienten und Anhänger von Naturheilverfahren, dass Qualitätsstandards für alle medizinischen Bereiche gleichermaßen Gültigkeit haben sollten. Deshalb sollten positive Behandlungsergebnisse mit Naturheilverfahren auch mit aussagekräftigen Studien belegt werden. Schließlich können nur so Vertreter der konventionellen Medizin bei der Wahlentscheidung über die bestmöglichste (und eventuell auch kostengünstigste) Therapie die Naturheilverfahren in Betracht ziehen, wenn ihr Nutzen und ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis gleichermaßen gut belegt ist. Dies ist bisher aber nur in wenigen Fällen möglich.
Sowohl im Hinblick auf die Forschungskapazitäten als auch auf die Finanzierungsmöglichkeiten stößt das Postulat, alle noch nicht nach neuesten wissenschaftlich Standards überprüften Naturheilverfahren baldmöglichst nach wissenschaftlich akzeptierten Regeln zu untersuchen, auf praktische Grenzen. In den letzten Jahren wurden dennoch große Anstrengungen unternommen, Lücken der Evidenz im Bereich der Naturheilverfahren baldmöglichst zu schließen. Für viele Naturheilverfahren gilt bis heute: „Absence of evidence is not evidence of absence!“
Studienlage
Naturheilverfahren:StudienlageDie Studienlage im Bereich der klassischen Naturheilverfahren ist wesentlich besser als von manchen Experten angenommen. Diese kritisieren zumeist mehr die Datenlage anderer traditioneller Therapieverfahren und der vielen alternativmedizinischen Verfahren als die der Naturheilverfahren. Für die fünf Elemente der klassischen Naturheilverfahren, die Gegenstand der Weiterbildung sind, liegen eine Vielzahl von Wirksamkeitsnachweisen von vergleichsweise hohem wissenschaftlichen Niveau vor: Insbesondere für die Bewegungs- und die Ernährungstherapie ist die Evidenzlage sehr gut, Ähnliches gilt für viele Bereiche der Ordnungstherapie. Für die moderne Phytotherapie sind ohnehin die Vorgaben des Arzneimittelrechts maßgeblich und für einige Pflanzen wie z. B. Johanniskraut konnte bereits die Wirksamkeit bei definierten Erkrankungen belegt werden. Trotz zahlreicher Studien zu einzelnen Verfahren der Hydro- und Thermotherapie oder der Balneologie fehlen v. a. in diesem Bereich größere kontrollierte und randomisierte klinische Studien. Dennoch, selbst wissenschaftliche Ergebnisse in diesem Bereich finden nicht immer Eingang in die medizinische Praxis: Selbst dort, wo für einzelne Therapiemaßnahmen eindeutige wissenschaftliche Beweise vorliegen, führt dies nicht immer dazu, dass auch entsprechende Therapieempfehlungen in Leitlinien oder Richtlinien umgesetzt werden. Umgekehrt werden auch manche alternativmedizinischen Methoden, die eindeutig als nicht effektiv oder gar gefährlich erkannt worden sind, weiter empfohlen und praktiziert.
Ein besonderes Spezifikum der klassischen Naturheilverfahren ist die Kombination nicht nur mit konventionellen Therapieverfahren, sondern auch von mehreren bis hin zu allen fünf Therapieelementen mit dem Ziel, synergetische therapeutische Effekte nutzen zu können. Allerdings muss konstatiert werden, dass mit Ausnahme von Untersuchungen zur Kombination von regelmäßiger körperlicher Betätigung mit Ernährungsumstellung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu wenige Studien für diesen – aus naturheilkundlicher Sicht so wichtigen Bereich – durchgeführt wurden.
Naturheilverfahren und leitliniengerechte Therapieempfehlungen
Vorgaben für eine leitliniengerechte Therapie gibt es für die klassischen Naturheilverfahren bisher nicht. Gründe dafür sind zum einen der Mangel an validen Studien und v. a. die Tatsache, dass Naturheilverfahren in verschiedensten medizinischen Bereichen begleitend zur konventionellen Therapie eingesetzt werden und dadurch nicht nur die Zahl der Fragestellungen unverhältnismäßig hoch ist, sondern auch der jeweilige methodische Aufwand. Zudem gibt es zu wenig Spezialisten, welche die klassischen Therapieverfahren bei der Erstellung praxisrelevanter Leitlinien vertreten und für deren Aufnahme sorgen.
Entscheidend jedoch ist die Tatsache, dass trotz weiteren großen Forschungsbedarfs die Evidenz für die klassischen Naturheilverfahren zum überwiegenden Teil weit besser ist als für die meisten anderen Verfahren der Komplementärmedizin. Somit sind Teile der klassischen Naturheilverfahren wie insbesondere die Ernährung-, Bewegungs- und Ordnungstherapie schon heute berechtigterweise Teil der modernen medizinischen Versorgung. Diese Verfahren können somit nach klarer Indikationsstellung zum gesundheitlichen Wohle der Patienten eingesetzt werden.

Akzeptanz und Inanspruchnahme von Naturheilverfahren

Naturheilverfahren:AkzeptanzWiederholt durchgeführte Umfragestudien in den letzten Jahrzehnten zeigen insgesamt nicht nur in Deutschland, sondern auch in den industrialisierten Ländern in Europa und Nordamerika eine positive Einstellung der Bevölkerung und von Patienten zu naturheilkundlichen und komplementärmedizinischen Behandlungsmethoden sowie eine wachsende Anwendung von Naturheilmitteln auch ohne ärztliche Verordnung.
Direkte quantitative Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern sind jedoch nur unter Vorbehalt möglich, da traditionell die angewandten Therapieverfahren in den verschiedenen Ländern variieren. So werden in Frankreich weit weniger pflanzliche Heilmittel als in Deutschland oder auch in Belgien oder Großbritannien eingenommen. Dagegen sind in Frankreich, aber auch in Belgien homöopathische Mittel weit verbreitet, während diese in England und den skandinavischen Ländern nicht populär sind, in denen wiederum physiotherapeutische Behandlungsweisen sehr beliebt sind. Zusätzlich sind die wissenschaftlichen Methoden der Umfragestudien und die verwendeten Definitionen in den verschiedenen Ländern heterogen.
Inanspruchnahme – eingesetzte Verfahren
Bei einer im Jahr 2004 publizierten repräsentativen Umfrage bei 1.100 erwachsenen Deutschen gaben 62,3 % (70 % der Frauen und 54 % der Männer) an, in den vorangegangenen 12 Monaten mindestens ein naturheilkundliches oder komplementäres Verfahren angewendet bzw. in Anspruch genommen zu haben [2]. Im Vordergrund der Inanspruchnahme standen nach dieser Umfrage die klassischen Naturheilverfahren. Beispielsweise nutzten 32 % der Frauen, 26 % der Männer die Bewegungstherapie, zu pflanzlichen Heilmitteln griffen 33 % der Frauen und 20 % der Männer. In der Häufigkeit folgten spezielle Wasseranwendungen und Massagen. Dagegen nahmen 20 % der Frauen und 10 % der Männer homöopathische Präparate ein. Akupunktur und Akupressur kam bei weniger als 10 % der Befragten zum Einsatz. Wie auch in anderen Studien bestätigte sich auch hier das größere Interesse der Frauen mittleren Alters und höheren Bildungsniveaus an Naturheilverfahren und komplementärmedizinischen Therapiemethoden im Vergleich zu Männern.
Inanspruchnahme – therapierte Beschwerden und Erkrankungen
Die häufigsten Gesundheitsprobleme, bei denen Naturheilverfahren eingesetzt wurden, waren nach der oben genannten Befragung [2] Rückenschmerzen (57 %) und Erkältungskrankheiten (29 %). Mehr als die Hälfte der Befragten waren der Meinung, dass die Ärzte besser über Naturheilkunde informiert sein sollten und natürliche Heilmethoden häufiger verordnen sollten. Die Befragten gaben zudem an, dass sie auch die Naturheilverfahren häufiger nützen würden, falls die Krankenkassen dafür die Kosten übernähmen. Obwohl die Wirksamkeit von Naturheilverfahren in der Bevölkerung nur von wenigen Befragten (5–8 %) in Zweifel gezogen wird, werden sie von den meisten lediglich als sinnvolle Ergänzung zur konventionellen Medizin und nicht als alternative Maßnahme angesehen. Bei ernsthafteren und akuten Erkrankungen würden sich lediglich 3 % eine ausschließlich naturheilkundliche Behandlung wünschen.
Bei der Verordnung von Naturheilmitteln durch niedergelassene Ärzte stehen die Phytopharmaka im Vordergrund. Zurzeit verfügen allerdings die wenigsten Ärzte, die Naturheilverfahren und komplementärmedizinische Methoden einsetzen oder verordnen, über eine entsprechende Zusatzbezeichnung.

Konventionelle Medizin und Naturheilverfahren: historische Aspekte

Eberhard Volger
Die Naturheilkunde und die sog. Schulmedizin haben dieselben historischen Wurzeln. Erst die rasante Entwicklung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert und die allmähliche Übernahme des naturwissenschaftlich, positivistischen Denkens durch die universitäre Medizin, führten zu einer Trennung. Diejenigen, welche die bewährten Naturheilverfahren weiter als einen wertvollen Erfahrungsschatz ansahen, fühlten sich nun oft als Außenseiter missverstanden. Es war der bayrische Militärarzt Lorenz Gleich (1798–1865), der 1850 als Erster dafür den programmatischen Begriff Naturheilkunde gebrauchte.
Da die moderne Naturheilkunde mehr in der Nachfolge der traditionellen europäischen Medizin zu sehen ist, als die konventionelle Medizin, ist für ihr Verständnis die Kenntnis der Geschichte der europäischen Medizin besonders hilfreich.

Herausbildung der Medizin als Wissenschaft

Schon zu Urzeiten haben Menschen Wärme, Kälte, Erde, Wasser, Luft und bestimmte Pflanzen, sog. genuine Wirkfaktoren zu Heilzwecken verwendet. Mittel aus der Natur waren seit Beginn der Menschheitsentwicklung ein fester Bestandteil in der Behandlung von Verletzungen und Krankheiten.
Nach antikem Verständnis und der ionischen Naturphilosophie des 7.–4. Jahrhunderts v. Chr. wurde die Natur als Lebens- und Heilkraft aufgefasst. Der Arzt verstand sich lediglich als kundiger Vermittler, um die Heilkräfte der Natur zur Wirkung zu bringen im Sinne: „Medicus curat, natura sanat.“
Naturphilosophie der Antike
Naturphilosophie, AntikeEs war geistesgeschichtlich ein enormer Schritt, als sich Thales von Milet (624–545) und seine Schüler von der mythologisch-religiösen Weltsicht trennten und erstmals die, bis heute noch bewegenden Grundfragen der abendländischen Philosophie stellten – die nach dem Urgrund, dem Urprinzip oder Urstoff „Arché“, aus dem alles entstanden sei. Nach ihrer Vorstellung musste dieser Urstoff unendlich und grenzenlos sein. Dieses „Apeiron“ vereint alle gegensätzlichen Eigenschaften und Kräfte, der sich aus ihm heraus entwickelnden Elemente. Thales nahm als Urstoff das Wasser an, Anaximenes (ca. 580–520) die Luft, den Odem und Empedokles von Agrigent (ca. 500–430) postulierte bereits im 5. Jahrhundert vor Chr. die vier grundlegenden Elemente, das Wasser im Gegensatz zum Feuer und die Luft im Gegensatz zur Erde. Diesen Elementen wurden je zwei Eigenschaften zugeschrieben, demnach seien das Wasser feucht und kalt, das Feuer warm und trocken, der Odem warm und feucht und die Erde trocken und kalt. Aus diesen gegensätzlichen Eigenschaften erwuchsen die elementaren Kräfte, welche die unbelebte und die belebte Natur bestimmten und bewegten und somit auch über Gesundheit und Krankheit entschieden.
Diese ElementarlehreElementarlehre, aus der sich später die SäftelehreSäftelehre entwickelte, sollte das medizinische Denken in Europa mehr als 2.000 Jahre bestimmen. Hinzu kam der Einfluss von Pythagoras von Samos (ca. 570–480), der in der Zahl und im Verhältnis von Maß und den Zahlen zueinander ein universelles Ordnungsprinzip erkannte. Das rechte Maß und die harmonischen Verhältnisse wurden so zu bestimmenden Größen für Schönheit und Gesundheit. Zur Förderung der Gesundheit empfahl seine Schule eine maßvolle, geregelte Lebensweise, die „DiaitaDiaita“. Die Sophisten erweiterten die Empfehlungen durch „Arete“, die Tugend oder die „Schönheit der Seele“ zu fördern. Obwohl eine besondere Leistung der griechischen Medizin darin besteht, dass sie sich von der Vorstellung befreite, Krankheiten seien eine Strafe der Götter, spielten die dem Heilgott Asklepios geweihten Tempel als Sanatorien bei psychosomatischen Störungen eine große Rolle. Als Symbol der Erneuerung und Heilung zähle die sich häutende Schlange. Daher stammt als Zeichen für die Medizin die Äskulapnatter, die sich um einen Stab windet.
Hippokratische Medizin
Medizin:hippokratischeHippokrates von Kos (um 460–370 v. Chr.) führte seine Abstammung auf den Heilgott Asklepios zurück und löste sich dennoch von den magisch-religiösen Vorstellungen der damaligen Heilkunst. Im Zentrum stand für ihn nicht die Krankheit, sondern der kranke Mensch. Um ein rationales Behandlungskonzept entwickeln zu können, legte er Wert auf eine genaue Anamnese, eine sorgfältige Untersuchung und Beobachtung des Kranken. Seine Lehre baut auf den Ansichten des Empedokles auf, wonach den vier Elementen und ihren Eigenschaften ein organisches Pendant entspricht. Dem Element Wasser entspricht im menschlichen Organismus der Schleim („Phlegma“), dem Feuer die gelbe Galle („Chol“), der Luft das helle Blut („Sanguis“) und der Erde die schwarze Galle („Melanchol“), womit das dunkle venöse Blut gemeint ist. Gesundheit zeichnet sich durch ein harmonisches Verhältnis dieser Säfte zueinander aus (EukrasieEukrasie), das beim Gesunden durch natürliche Ausscheidungen immer wieder hergestellt wird. Ein Missverhältnis dagegen („DyskrasieDyskrasie“) ist ein Zeichen für Krankheit.

Exkurs

Diese Gedanken begründeten die Humoralmedizin bzw. die HumoralpathologieHumoralpathologie. Diese wurden erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Anatomie und v. a. der Physiologie bzw. der Biochemie in der Neuzeit abgelöst. Die aus der Humoralpathologie ableitbaren Behandlungsanleitungen sehen als Basis eine ausgewogene Lebensführung vor, die auch der Psychohygiene dient. Wasseranwendungen, körperliche Ertüchtigung, Heilkräuter und spezielle Ernährungsempfehlungen kommen dazu. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, um Gesundheit wiederherzustellen, ist eine mögliche Überfülle der Säfte („Plethora“) durch ausleitende Verfahren, wie Aderlass oder Klistiere zu beseitigen. Dabei gilt es, die individuellen Umstände und die Konstitution des Kranken zu berücksichtigen. Eine Maxime der hippokratischen Medizin war das „nihil nocere“, d. h., bei jeder Form der Behandlung sollen mögliche negative Auswirkungen berücksichtigt werden. Der hippokratische Eid lieferte dazu noch die allgemeinen ethischen Grundlagen für die Arzt-Patienten-Beziehung.

Auch wenn die Vorstellungen der Humoralpathologie der hippokratischen Medizin heute nur noch von historischer Bedeutung sind, so ist u. a. die Einführung der Anamneseerhebung, der genauen Untersuchung und der gewissenhaften Beobachtung der Kranken in die ärztliche Ausbildung, doch als der Beginn der Medizin als Wissenschaft zu sehen. Zu Recht wird daher in der hippokratischen Medizin die gemeinsame Wurzel der Naturheilkunde und modernen Schulmedizin gesehen.
Römische Medizin
Medizin:römischeDie römische Medizin wird inhaltlich im Wesentlichen durch die Fortführung der hippokratischen Medizin bestimmt, da die meisten Ärzte die anfänglich in Rom praktizierten aus Griechenland kamen.
Eine besondere Bedeutung erlangte allerdings in der römischen Medizin das Bäderwesen. Als Begründer einer systematischen Balneotherapie gilt Asklepiades aus Prusa (124–60 v. Chr.). In der Kaiserzeit wurden überall im Imperium Romanum Thermen errichtet, die teilweise auch Thermalquellen nutzten, so z. B. in Deutschland in Aachen, Wiesbaden, Baden-Baden. Die ThermenThermen dienten nicht nur der Körperhygiene und Behandlung, sondern waren auch Orte der Entspannung, sportlicher Betätigung, des Gesellschaftslebens und Vergnügens. Diese Therapie fußt auf der Säftelehre, wobei immer wieder mit Nachdruck auf die Beseitigung eines krankheitsverursachenden Agens, der „Materia peccans“ hingewiesen wird.
Mit dem bedeutenden Arzt Galenos von Pergamon (129–199 n. Chr.) erreicht die römische Medizin ihren Höhepunkt. Wie für die hippokratischen Ärzte so war auch für Galen das oberste Prinzip ärztlichen Handelns, die Selbstheilungskräfte der „Physis“, der menschlichen Natur, zu unterstützen, obwohl er sich ansonsten nicht auf eine Lehrmeinung festlegte und auch volksmedizinisches Wissen verwandte.

Exkurs

Galen erweiterte die Humoralmedizin endgültig durch die psychologische Dimension der, den Körpersäften zugeordneten TemperamenteTemperamente. Noch heute sprechen wir von einem CholerikerCholeriker, wenn jemanden die „Galle übergeht“. Ein PhlegmatikerPhlegmatiker besitzt die Eigenschaften des zähflüssigen Schleims, der SanguinikerSanguiniker ist lebendig wie frisches Herzblut und der MelancholikerMelancholiker entspricht in seiner Schwermut der schwarzen Galle, das heißt dem dunklen Blut der Milz. Durch das zusätzliche Einbeziehen der vier Lebensalter und Jahreszeiten schuf Galen letztlich ein in sich geschlossenes, anthropozentrisches medizinisches System.

In seinen Therapieempfehlungen ging es Galen v. a. darum, eine Unausgewogenheit in der Verteilung der Säfte durch Kostumstellung, Heilkräuter aber v. a. durch kalte und warme Bäder sowie Trockenbürstungen und Hautmassagen zu beseitigen.

Nicht allein die Schriften Galens, sondern auch die von Pedanios Dioskurides (1. Jahrhundert n. Chr.) über die pharmakologischen Eigenschaften von mehr als 800 Heilpflanzen und Gewürzen sowie deren Rezepturen wurden zu medizinischen Standardwerken, die bis in die Neuzeit Gültigkeit hatten. Neben dem Bäderwesen ist als Besonderheit der römischen Medizin die Weiterentwicklung der chirurgischen Technik erwähnenswert, wovon v. a. die Perfektion des immer noch erstaunlich modern erscheinenden Instrumentariums zeugt.
Mittelalterliche und arabische Medizin
Medizin:mittelalterlicheMedizin:arabischeNach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reichs konnte die antike medizinische Tradition zunächst in Konstantinopel weiter bestehen. Die tradierten Kenntnisse der griechischen Wissenschaft wurden mit eigenen Erfahrungen verknüpft. Hinzu kamen die kulturellen Einflüsse aus dem Vorderen Orient, worauf die arabische Medizin aufbauen konnte. Infolge der Feldzüge der Araber und der Ausbreitung des Islam im 6. und 7. Jahrhundert über weite Teile des östlichen und südlichen Mittelmeerraums bis zur iberischen Halbinsel kommt es zu einem fruchtbaren Kulturtransfer. Das arabisch-indische Zahlensystem wird eingeführt. Über die persische Medizin gelangt medizinisches Wissen (z. B. die Kauterisation) aus China und Indien in den westlichen Kulturkreis. Insbesondere unter dem Kalifat in Spanien entsteht eine Art medizinische Ökumene aus Muslimen, Juden und Christen, die wichtige Werke in die damals gängigen Handelssprachen arabisch, griechisch und lateinisch übersetzen. Durch die Übersetzerschulen von Toledo und die Medizinschule von Salerno im Königreich Sizilien gelangt das Wissen der arabischen Gelehrten im 12. Jahrhundert rasch auch ins christliche Abendland, wo es zum Grundstock der Ausbildung zunächst an den Klosterschulen und später an den Universitäten wird.
Durch das Christentum verändert sich allerdings die Sicht auf die Krankheitsursachen und Heilerwartungen grundsätzlich. Die Sünde als Abkehr von Gott und die Vergehen gegen die göttliche Ordnung können Krankheit und Leid nach sich ziehen. Die Grundvoraussetzung für Heilung ist daher die Umkehr und das Erbarmen des Heilands Jesu Christi.
Klostermedizin
Medizin:KlostermedizinBenedikt von Nursia (ca. 480–560) der Gründer des ersten Mönchsordens im Jahre 529 schrieb in seiner Ordensregel die Krankenpflege als Aufgabe der Mönche im Sinne tätiger Nächstenliebe (Caritas) fest. Die benediktinische Ordensregel wurde zum Vorbild für andere Ordensgründer und stellt die Basis der Klosterheilkunde dar. Das älteste deutschsprachige Buch der Klostermedizin ist des Lorscher Lorscher ArzneibuchArzneibuch aus dem 8. Jahrhundert. Karl der Große (768–814) ordnete für jedes Kloster die Errichtung eines Hospizes und eines Kräutergartens an. Der Abt des Klosters Reichenau Walahfrid Strabo (ca. 809–849) beschrieb in seinem Lehrgedicht „Hortulus“ 24 Heil- und Würzpflanzen, die in jeden Klostergarten gehören sollten. Dazu gehören u. a. Salbei, Wermut, Fenchel, Schlafmohn, Liebstöckel, Kerbel, Rettich und Minze. Die Klostermedizin erreichte ihren Höhepunkt im 12. Jahrhundert mit den Werken Physica und Causae et Curae der Äbtissin Hildegards von Hildegards von BingenBingen, (1098–1179), die als Mystikerin die eigentliche Heilkraft in der Liebe Gottes sah, die die Gaben der Natur als Heilmittel gewährt. Neben bekannten Heilpflanzen beschreibt sie auch einige neue, wie z. B. die Ringelblume. Auch Bäumen, tierischen Produkten, Edelsteinen und Metallen sprach sie ähnlich wie Dioskurides Heilkräfte zu.
Im Hochmittelalter wurden außerhalb der Klöster erste universitäre Einrichtungen zum Studium der Medizin geschaffen (Salerno, Bologna, Montpellier). Im 13. Jahrhundert wurde die Approbation für Ärzte eingeführt.
Unabhängig von der Klostermedizin entwickelte sich in den aufstrebenden städtischen Gemeinwesen wieder eine Bäderkultur. Die BadhäuserBadhäuser dienten zunächst der Körperhygiene und Roborierung. So war es üblich, nach einem Reinigungsbad noch ein Schwitzbad zu nehmen und zum Schluss vom Bader noch einen Abguss zu bekommen. Schon bald aber dienten die Badstuben mehr dem Vergnügen als der Gesundheit. Um der um sich greifenden Sittenlosigkeit Einhalt zu gebieten, wurden zunächst die Badstuben nach Geschlechtern getrennt. Durch die zunehmende Seuchengefahr im 14. Jahrhundert wurden die meisten Badstuben geschlossen. Dort, wo es möglich war, versuchte man auf „Wildbäder“(Akrothermen) auszuweichen.
Als Beitrag des Mittelalters zum medizinischen Fortschritt werden die Schaffung einer Infrastruktur zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung und die Aufnahme der Medizin in den Kanon der universitären Disziplinen angesehen.
Medizin und Naturheilkunde zu Beginn der Neuzeit
Medizin:NeuzeitDie Neuzeit kündigt sich mit revolutionären Brüchen und einer Erweiterung des Horizonts an. Das Byzantinische Reich geht im Jahr 1453 unter. Amerika und andere ferne und exotische Länder werden entdeckt. Die Erde ist definitiv keine Scheibe mehr. Die Renaissance entdeckt zwar die Antike wieder, überwindet aber das dogmatische Festhalten an alten Weisheiten. Neues und altes Wissen finden durch die Erfindung des Buchdrucks rasche Verbreitung.
Galileo Galilei (1564–1642) bricht als Erster mit der Autoritäts- und Buchgläubigkeit. Seine astronomischen Beobachtungen veranlassten ihn, die aristotelische Vorstellungswelt zu verlassen. Anstelle des deduktiven Vorgehens, das Erkenntnis aus anderen Aussagen mithilfe logischer Schlussfolgerungen ableitet, setzt er auf das induktive Vorgehen, das von einer Beobachtungen oder Messungen ausgehend und auf induktive Weise zu allgemeingültigen Schlüssen kommt. Dies entspricht dem Empirismus seines Zeitgenossen Francis Bacon (1561–1626).
Nach und nach weitet sich der Einfluss des Rationalismus und Empirismus auch auf die Medizin aus. Die Medizin entwickelte sich so allmählich zur Naturwissenschaft, was sich zunächst noch nicht in der Therapie niederschlug.
Mit seinen anatomischen Studien widerlegten Andreas Vesalius (1514–1564) und William Harvey (1578–1657), der den geschlossenen Blutkreislauf entdeckt hatte, die tradierten Ansichten Galens.

Exkurs

Den wichtigsten Vorstoß gegen die antike Humoralpathologie wagte der Arzt und Alchimist ParacelsusParacelsus (1493–1541). Statt der Körpersäfte vertrat er die Ansicht, dass die Körperfunktionen und Krankheitszustände nur durch chemische Prozesse verstanden werden könnten. Dementsprechend führte er Eisenpräparate, Arsen, Quecksilber und Schwefel zusätzlich zu den altbekannten Heilpflanzen als Arzneimittel ein. Den Kritikern, die befürchteten, Kranke könnten damit vergiftet werden, entgegnete er: „Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“. Dennoch, nicht die Arznei allein macht Kranke gesund. Dazu bedarf es immer auch des von ihm so benannten Archaeus, des „inwendigen Arztes“, ganz nach der antiken Überzeugung, dass die Natur selbst zu Heilung befähigt ist. Paracelsus beschäftigte sich auch mit Mineralthermalquellen. Um Heilerfolge erzielen zu können, mussten sie allerdings die richtigen chemischen Grundbestandteile wie „Sal, Mercurius et Sulfur“ aufweisen, dann hätten sie auch „arzneiische Kräfte“.

Van Helmont (1577–1644), ein Schüler und späterer Gegner von Paracelsus, meinte in der Übersäuerung des Blutes die Ursache für viele Erkrankungen gefunden zu haben und empfahl als Therapie v. a. Diäten und Abführmittel. Ausleitende Verfahren erfreuten sich im Barockzeitalter zunehmender Beliebtheit. Thomas Sydenham (1624–1689), der „englische Hippokrates“ führte darüber hinaus neue pflanzliche Heilmittel aus Übersee ein, wie Chinarinde, Brechwurz und Aloe. Sein Landsmann John Floyer (1624–1689) riet neben der Diät und ausleitenden Verfahren bei der Behandlung des Rheumatismus zu Kaltbädern und gymnastischen Übungen.

Herausbildung der Naturheilbewegung

NaturheilbewegungAls erster deutscher Methodiker der Naturheilbewegung kann Friedrich Hoffmann, FriedrichHoffmann (1660–1742) aus Halle bezeichnet werden. Er sah im Wasser eine „Universalmedizin“, die dazu dienen könne, die Gesundheit zu erhalten, Krankheiten vorzubeugen oder zu heilen.
Ähnlich sah es Johann Sigismund Hahn, Johann SigismundHahn (1696–1773), der mit seinem Buch Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen noch im 19. Jahrhundert durch Oertel und Kneipp zu einer nachhaltigen Belebung der Hydrotherapie beitrug.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts geriet die universitäre Medizin trotz einigen wissenschaftlichen Fortschritts in eine Krise. Die Behandlungsmöglichkeiten wiesen seit Langem keine Veränderungen mehr auf, blutentziehende Maßnahmen und Klistiere wurden immer rigoroser eingesetzt. Die neueren Arzneimittel hatten zum Teil erhebliche toxische Wirkung. Zunehmend äußerten sich zeitgenössische Ärzte selbst unzufrieden über ihre Behandlungserfolge.
Konzepte der Zivilisationskritik und Naturphilosophie
Der französische Philosoph der Aufklärung polemisiert im ersten Buch seines zivilisationskritischen Erziehungsromans Émile oder über die Erziehung (1762) scharf gegen die konventionelle Medizin seiner Zeit. Sie scheint ihm pure „Scharlatanerie“ zu sein und eher geeignet, den Menschen durch ihre giftigen Mittel vom Leben zum Tode zu befördern, als ihn wirkungsvoll zu heilen, was für die damalige Zeit durchaus zutraf. „Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des Menschen.“ Er empfiehlt den Gebrauch des Wassers und von Bädern zu Kräftigung und ganz allgemein eine möglichst naturgemäße Lebensweise.
Damals gab es eine gewisse Sehnsucht nach Einfachheit und Überschaubarkeit des Lebens. Auch Schelling (1775–1854) entwickelte eine Art naturphilosophische Medizin:n∗aturphilosophische∗Medizin, ein System der Identität von Natur und Geist, von Realem und Idealem auf allen Ebenen und in allen Bereichen des Makrokosmos (= der Allnatur) und des Mikrokosmos. Er greift den alten Gedanken an die Selbstheilungskräfte des Organismus wieder auf. In der Naturheilkunde wird die Chance zu einer ganzheitlichen Medizin gesehen.
In der Romantik kam es gar zu einer Abkehr vom kalten Rationalismus und einer Hinwendung zu einer schwärmerischen Naturverehrung. All dies weckte in der Bevölkerung das Interesse an natürlichen Heilweisen mit Wasser, Licht, Bewegung an frischer Luft und einfacher Kost. Weniger die Ärzteschaft als missionarische Autodidakten gaben dieser Bewegung ihre eigenen Impulse.
Konzept der Lebenskraft
Christoph Wilhelm Hufeland, Christoph WilhelmHufeland (1762–1836), einer der berühmtesten Ärzte am Beginn des 19. Jahrhunderts, der auch Goethe und Schiller zu seinen Patienten zählte, gab als Arzt der aufkeimenden Naturheilbewegung wichtige Impulse. Sein medizintheoretischer Ansatz ging von der LebenskraftLebenskraft aus, in der er, einen jedem Menschen innewohnenden Selbsterhaltungstrieb sah. Im Gegensatz zu den oft heroischen Behandlungspraktiken seiner Zeit empfahl er schonende, naturgemäße Verfahren, eine möglichst natürliche Kost, regelmäßige körperliche Betätigung und einen harmonischen Lebensstil, um die Lebenskraft aufrechtzuerhalten. Mit seinem Hauptwerk Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern (Makrobiotik), den von ihm angestoßenen Reformen des Gesundheitswesen und als Befürworter von Bade- und Trinkkuren, ist er einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Naturheilkunde.

Praktiker der Naturheilbewegung des 19. Jahrhunderts

Hydrotherapie
1832 gründet der Gymnasialprofessor Eucharius Oertel, EuchariusOertel (1765–1851) in München den ersten hydropathischen Gesundheitsverein, nachdem er sich ausführlich in seinen Schriften mit der antiken Wasserheilkunde beschäftigt hatte. Er erkannte, dass die Hydrotherapie nicht notwendigerweise an Kurorte gebunden und somit überall eingesetzt werden könne. Dieser Vorzug sollte v. a. den Armen zugutekommen, die sich die teuren Arzneimittel nicht leisten können.
Nach dem Vorbild des Bauernsohn Vinzenz Prießnitz, VinzenzPrießnitz (1799–1851), der auf dem Gräfenberg im damaligen österreichischen Schlesien eine Wasserheilanstalt errichtet hatte, regte auch Oertel den Bau einer solchen in Bayern an, was allerdings nicht zur Ausführung kam. Die offenkundigen Kurerfolge von Prießnitz rührten nicht nur von kalten Bädern her, sondern waren auch die Folge differenzierter Anwendungen wie z. B. von Umschlägen, Waschungen, Packungen, Schwitzkuren in Verbindung mit Diäten und regelmäßiger körperlicher Betätigung. Durch Prießnitz wurde die Wasserkur populär. Sein Nachfolger J. H. Rausse (1805–1848), wieder ein medizinischer Laie, verlieh der Wasserheilkunde mit seinen Schriften weiter einen kräftigen Aufschwung. Er pries das Wasser als „Universalheilmittel“.
Der Arzt Wilhelm WinternitzWinternitz, Wilhelm (1934–1917), der am Gräfenberg selbst erste Erfahrungen mit der Hydrotherapie sammelte, konnte sich in Wien zu dem Thema „Hydrotherapie“ habilitieren. Als erster Lehrstuhlinhaber dieses Fachgebietes erarbeitete er die physiologischen Grundlagen der Hydro- und Thermotherapie.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte der schwäbische Pfarrer Sebastian Kneipp, SebastianKneipp (1821–1897) seine Lehre. Wie Oertel machte er mit den Vorschriften J. S. Hahns (1696–1773) eine nachhaltige, positive Selbsterfahrung. Denn durch kalte Waschungen und Bäder in der eiskalten Donau genas er allmählich von einer schweren Lungentuberkulose. Diese Erfahrung motiviert ihn, ein Leben lang neben seiner seelsorgerischen Aufgabe auch Kranken zu helfen. Empirisch entwickelt er seine Heilmethode stetig weiter. Aus wenigen kalten Bädern und Güssen wurden nach und nach über einhundert verschiedene, in ihrer Reizstärke abgestufte, hydrotherapeutische Anwendungen. Zu seinem Therapiekonzept gehört von Anfang an auch die Bewegung, ob Spazierengehen, am besten barfuß, Tau- oder Wassertreten oder auch Holzhacken.
Lehm-, Licht- und Luftkuren
Wie der katholische Pfarrer Kneipp, so schätzte auch der etwas jüngere evangelische Pastor Emanuel Felke, EmanuelFelke (1856–1926) Kaltwasseranwendungen und allgemeine gesundheitsfördernde Maßnahmen. Durch Augendiagnostik glaubte er, auf Krankheiten schließen zu können. Auf ihn geht die Behandlung mit Lehmpackungen bei Entzündungen und venösen Stauungen zurück.
Der Schweizer Anton Rikli, AntonRikli (1823–1906) ergänzte die Naturheilverfahren durch Luft- und Lichtbäder nach seinem Motto: „Wasser tut‘s freilich, aber höher als das Wasser steht die Luft und am höchsten das Licht.“
Ernährungstherapien
Der Fuhrmann Johann Schroth, JohannSchroth (1798–1856), ein Schulkamerad von Prießnitz entwickelte eine Reiz- und Umstimmungstherapie mit einem speziellen Diätregime. Dies besteht aus einer reizlosen, eiweißarmen Kost in Verbindung mit Dursttagen im Wechsel mit Trinktagen, an denen auch Wein konsumiert wird (Schroth-Kur).
Der Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Bircher-Benner, MaximilianBenner (1867–1939) propagierte auf der Basis der Naturheilkunde verschiedene Regeln für ein geordnetes, der Gesundheit förderliches Leben und wählte dafür den Begriff Ordnungstherapie. Auch die Kneipptherapie empfahl er. Bekannt wurde er aber v. a. als Pionier der vegetarischen Vollwertkost (Bircher-Müsli) nachdem von Eduard Balzer, EduardBalzer (1814–1887) bereits 1868 der erste Vegetarierverein gegründet worden war.
Phytotherapie
Kneipp experimentierte auch mit Rezepturen aus heimischen Heilkräutern und gab detaillierte Ernährungsempfehlungen. Seine Gesundheitsvorträge hatten großen Zulauf. Ärzte kamen nach Wörishofen und interessierten sich für sein Therapiekonzept. Obwohl das pathophysiologische Denken Kneipps noch den Prinzipien der Humoralpathologie verhaftet war, sind die fünf sich ergänzenden und unterstützenden Elemente seiner Lehre, die Hydrotherapie, die Bewegungstherapie, die Phytotherapie, die Ernährungstherapie und die Ordnungstherapie heute als Kernbereich der klassischen Naturheilverfahren anerkannt und zum festen Bestandteil in der medizinischen Aus- und Weiterbildung geworden.
Da er wünschte, dass sich Ärzte seiner Lehre annehmen und sie weiterentwickeln sollten, gründete er 1884 den Internationalen Verein Kneippscher Ärzte, der als Ärztegesellschaft für Präventionsmedizin und klassische Naturheilverfahren, Kneippärztebund e. V. weiter existiert. Durch seine Veröffentlichungen und Bücher insbesondere Meine Wasserkur (1886) und So sollt ihr leben (1889) wurden er und seine Lehre nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern in einigen europäischen Ländern und den USA bekannt.

Naturheilbewegung im 20. Jahrhundert

NaturheilbewegungDas auch in der Schulmedizin des 19. Jahrhunderts immer noch weitverbreitete humoralpathologische Denken wurde von Rudolf Virchow (1843–1910) scharf angegriffen. Wissenschaften waren für ihn nur die Physik Newtons und die Chemie. Sein Denken war vom Rationalismus Descartes bestimmt, der die aristotelischen Ansichten des Organischen verneinte und den Körper als eine Art „Gliedermaschine“ betrachtete.
Nicht länger entschied die Verteilung oder Mischung der Säfte über Gesundheit oder Krankheit, sondern die Zellen des Körpers. Den Organismus betrachtete er als „Zellenstaat“. Demzufolge ist Krankheit eine Folge von Störungen in den Zellen oder Geweben. Virchows wissenschaftlich begründbare Zellularpathologie löste die spekulative, alte Humoralpathologie ab.
Anfang des Jahrhunderts bis über den Ersten Weltkrieg hinaus hatte die Naturheilbewegung in der deutschen Bevölkerung einen starken Zulauf. Anhänger der verschiedenen Richtungen organisierten sich in zahlreichen Vereinen. Dort konnte man praktische Anleitungen in Naturheilverfahren erhalten und Vorträge zu Themen wie Körperhygiene, Naturkost, naturgemäße Krankenbehandlung oder über Geschlechts- und Frauenfragen hören. Naturheilkundliche Hausbücher erzielten hohe Auflagen.
Schon damals lehnte man sich gegen den aufkommenden Impfzwang auf. Standespolitisch kämpften die Ärzte um den Erhalt der Therapiefreiheit und die Kostenübernahme für Naturheilverfahren durch die Krankenkassen, wobei sich die Vertreter der „biologischen Medizin“ nicht auf die klassischen Naturheilverfahren einschränken wollten, sondern sich dafür einsetzten, dass auch z. B. die Homöopathie, Heilfasten oder hypnotisch und suggestive Verfahren einbezogen würden.
Auch Schulmediziner interessierten sich zunehmend für diese Themen. Namhafte Vertreter der universitären Medizin, wie die berühmten Chirurgen August Bier, Ferdinand Sauerbruch und Erwin Liek, waren der Ansicht, dass für die Medizin ein rein naturwissenschaftliches Weltbild unzuträglich sei und befürchteten schon damals eine „Medizin ohne Seele“: In den 1920er-Jahren sprach man von einer Krise der Medizin und von einer Krise in der Ärzteschaft.
Naturheilkunde während des Nationalsozialismus
Früh erkannten die Nationalsozialisten eine gewisse Nähe der Naturheilbewegung zu ihrer „Blut-und-Boden-Ideologie“, standen doch einige ihrer führenden Vertreter selbst deren Verfahren sehr nahe. Zudem enthielt die biologische Medizin und die Lebensreformbewegung rassenbiologisches und eugenisches Gedankengut. Die Nationalsozialisten förderten die Erforschung der Naturheilverfahren auf der Grundlage der Schulmedizin, damit sie wieder in diese integriert werden könne. Ziel war die „Neue Deutsche Heilkunde“. Da sie in den Laienheilern wichtige Förderer für die Volksgesundheit sahen, wurde 1939 das „Heilpraktikergesetz“ geschaffen, das Laienheilern einen staatlich anerkannten Status verlieh und ihnen die Möglichkeit zur Behandlung kranker Menschen gab. Die bis dahin nur den Ärzten vorbehaltene Kurierfreiheit war durch das Heilpraktikergesetz beendet.
Entwicklung nach 1945 in West und Ost
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Entwicklung im Osten und Westen Deutschlands, einen unterschiedlichen Verlauf.
Während in der DDR die Naturheilvereine aufgelöst und die Heilpraktiker verboten wurden, gründeten sich diese Organisationen in der BRD rasch wieder von Neuem, ohne dass die Verstrickungen mit der NS-Ideologie aufgearbeitet wurden. Einige Vertreter der Hochschulmedizin nutzten diesen Umstand, um die Naturheilverfahren als solche zu diskreditieren. Teile der klassischen Naturheilverfahren wurden im Osten in der Weiterbildung für den Facharzt Physikalische Medizin integriert und damit in der Schulmedizin verankert.
Im Westen fanden neue Verfahren Eingang die Praxis, z. B. die Homotoxikologie, die Neuraltherapie, bioelektrische Verfahren, Sauerstoff- und Ozonbehandlungen. Zunehmend interessierten sich Laien und Ärzte auch für außereuropäische Medizinsysteme.
Als Ausdruck gesellschaftspolitischer Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre, insbesondere infolge der Ökologiebewegung und anderer zivilisationskritischer Ansätze, suchten und suchen immer mehr Menschen nach Behandlungsmöglichkeiten außerhalb der schulmedizinischen Angebote – nicht nur bei naturheilkundlich orientierten Ärzten, sondern ebenso bei Heilpraktikern. Heute haben etwa 5 % aller Ärzte die Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren und etwa doppelt so viele andere komplementärmedizinische Zusatzqualifikationen.
Aktueller Stand
In den letzten 20 Jahren öffnet sich die Hochschulmedizin allmählich wieder für die Naturheilverfahren und Komplementärmedizin. 1992 wurde das Fachgebiet in den Gegenstandskatalog aufgenommen. Seit 2003 sind die Naturheilverfahren in der Approbationsordnung als Teil eines Querschnittfachs Q12 zusammen mit der physikalischen Medizin und der Rehabilitation verankert. Inzwischen gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz 14 universitäre Arbeitsgruppen für dieses Gebiet. Beginnend mit einer Stiftungsprofessur in Essen und Rostock wurden inzwischen fünf weitere geschaffen, darunter drei Stiftungsprofessuren in Berlin.
Nach der Ansicht des Zukunftsforschers Leo N. Nefiodow [4] wird der Gesundheitsmarkt zukünftig für die Konjunktur noch eine größere Rolle als heute spielen. Allerdings soll der medizinisch technische Fortschritt nicht mehr der bestimmende Faktor sein, sondern die „sanfte Medizin“, der ökologische Landbau und gesundheitsfördernde Freizeitaktivitäten.

Paradigmen der konventionellen Medizin und Naturheilkunde

Eberhard Volger
Das Weltbild der klassischen Physik Newtons und die Philosophie Descartes schufen die Voraussetzung für den Siegeszug der Naturwissenschaften, die Mitte des 19. Jahrhunderts auch Eingang in die damals neue Schulmedizin fanden. Durch sie wurde eine lange Phase der Stagnation in der Medizin überwunden. Neue, aufsehenerregende Einsichten konnten gewonnen und entscheidende Erfolge erzielt werden. Das Erfolgsrezept der naturwissenschaftlichen, biotechnisch orientierten Medizin war und ist immer noch einer linear-kausalen, mechanistischen und deterministischen Denkweise geschuldet.
Isoliert betrachtet stehen viele physiologische Abläufe näherungsweise tatsächlich in einem linear-kausalen Zusammenhang. Diese lassen sich daher vergleichsweise einfach untersuchen und ermöglichten so auch den rasanten Erkenntniszuwachs und den beeindruckenden Wissenszuwachs in der modernen Medizin. Trotz ihrer Erfolgsgeschichte kann die konventionelle Medizin dennoch immer nur Einsichten zu Teilaspekten des Lebens liefern. Die biotechnisch klinische Medizin einerseits ist nach Wesiak [8] etwas überspitzt formuliert zu einer Medizin „für Körper ohne Seele“ und der Bereich der Psychotherapie andererseits zu einer Medizin „für Seelen ohne Körper“ geworden. Die ganzheitliche Sicht des Lebens und die dynamische Beziehung zwischen Gesundheit und Krankheit der hippokratischen Medizin sind dagegen in den Hintergrund getreten.
Dieses Dilemma wird von vielen Ärzten weltweit erkannt und so entstand die Forderung nach einem erweiterten Verständnis von Gesundheit und Krankheit, das die biologische mit der psychischen und der sozialen Dimension verbindet. Für eine Umsetzung dieser Forderung fehlt nach wie vor eine allgemein anerkannte Theorie, wie diese Lebensbereiche miteinander tatsächlich verknüpft sind, obwohl die PsychoneuroendokrinoimmunologiePsychoneuroendokrinoimmunologie dafür beindruckende Befunde liefert. Auch die sich allmählich durchsetzende Erkenntnis einer Differenzierung der Therapie nach Geschlecht, Alter, genetischer Disposition, chronobiologischer Gegebenheit und Herkunft fördert diese Entwicklung.
Dieser Erkenntnisprozess ermöglicht die Annäherung der konventionellen Medizin an die Naturheilkunde, für die das Physische und das Psychische schon immer untrennbar miteinander verbunden waren. Auch ihre alten Vorstellungen eines „inwendigen Arztes“, einer regulierenden und heilenden Kraft im Menschen, die von der Geburt bis ins Alter wirksam ist, werden durch die aktuelle Forschung bestätigt. Somit bestehen gute Voraussetzungen für einen verständnisvollen Dialog zwischen der konventionellen Medizin und der Naturheilkunde und ihren Verfahren. Zur Anerkennung, dass Gesundheit und Krankheit komplementäre Erscheinungsformen eines komplexen Systems sind, ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Literatur

[1]

K. Dieckhöfer Geschichte der Naturheilverfahren D. Melchart R. Brenke G. Dobos M. Gaisbauer R. Saller Naturheilverfahren 2002 Schattauer Stuttgart

[2]

U. Härtel E. Volger Inanspruchnahme und Akzeptanz klassischer Naturheilverfahren und alternativer Heilmethoden in Deutschland – Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsstudie Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd 11 2004 327 334

[3]

G. Hildebrandt Chronobiologische Grundlagen der sogenannten Ordnungstherapie Therapiewoche 24 36 1974 3883

[4]

L.A. Nefiodow Der sechste Kontratieff 6. A. 2007 Rhein-Sieg Sankt Augustin

[5]

K.E. Rothschuh Naturbewegung – Reformbewegung – Alternativbewegung 1983 Hippokrates Stuttgart

[6]

H. Schadewaldt Naturheilkunde – ein medizinhistorischer Überblick Med Welt 41 1990 584 585

[7]

J. Schuhmacher Antike Medizin 1963 De Gruyter Berlin

[8]

W. Wesiak Heilkunde des ganzen Menschen: Utopie oder Wirklichkeit? Das neue medizinische Paradigma F.E. Brock Handbuch der naturheilkundlichen Medizin 1999 ecomed Landsberg

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