© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-55143-7.00007-1

10.1016/B978-3-437-55143-7.00007-1

978-3-437-55143-7

Zu verwendendes Untersuchungsmaterial für einzelne Schadstoffe.

Tab. 7.1-1
Schadstoffe Untersuchungsmaterial
Pestizide, Lösemittel EDTA- oder Oxalat-Blut
Schwermetalle EDTA-Blut oder Serum
Blei, Chrom (VI) EDTA-Blut oder Erythrozyten
Pyrethroide, Nikotin, Drogen Urin

Auswirkungen des Passivrauchens in Abhängigkeit vom Lebensalter.

Tab. 7.2-1
Zeitraum der Passivrauchexposition Beobachtete Gesundheitsstörungen
Intrauterine Exposition Mehr Früh-, Fehl-, Totgeburten, höhere perinatale Sterblichkeit, niedrigeres Geburtsgewicht
Säuglinge Erhöhtes relatives Risiko (rr) für plötzlichen Kindstod in Abhängigkeit von den täglich gerauchten Zigaretten (rr 1,9 bei 1–9 Zigaretten, rr 5,1 ab20 Zigaretten/d)
Kleinkinder Mehr Infekte der Atemwege, mehr Mittelohrentzündungen
Ältere Kinder Häufiger chron. Erkrankungen der Atemwege, häufiger leichte Beeinträchtigung der Lungenfunktion, höheres Allergie-Risiko, häufiger Asthma, evtl. (widersprüchliche Studienresultate) erhöhtes Risiko für Non-Hodgkin-Lymphom und akute lymphoblastische Leukämie
Erwachsene Erhöhte Rate an Krebserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schleimhautreizungen der Augen und der oberen Atemwege

Belastungen in Abhängigkeit von den Lebensmitteln.

Tab. 7.2-2
Lebensmittel Schadstoffe
Milch Tierarzneimittel, chlorierte Kohlenwasserstoffe, PCB, Dioxine
Eidotter chlorierte Kohlenwasserstoffe
Fisch Quecksilber in Form von Methylquecksilber, Arsen, chlorierte Kohlenwasserstoffe
Geräucherte Fischwaren Polyzyklische, aromatische Kohlenwasserstoffe
Dunkel geräucherte Fleischprodukte (z. B. roher Schinken) Benzo(a)pyren
Innereien Schwermetalle, wie Quecksilber, Cadmium
Gemüse (bes. mit großer Blattoberfläche) Schwermetalle, Pestizide
Pilze Schwermetalle (Blei, Cadmium, Quecksilber), radioaktive Belastung

Schädliche Reinigungsmittel und Alternativen.

Tab. 7.2-3
Reinigungsmittel Inhaltsstoffe Alternativen
Abflussreiniger Starke Laugen, die schwere Verätzungen verursachen können Saugglocke, Spirale, manuelle Öffnung und Reinigung des Abflussrohrs
Backofenreiniger Laugen, Tenside Backofen regelmäßig sofort nach Gebrauch mit Scheuermittel reinigen
Entkalkungsmittel Salzsäure, Amidosulfonsäure Zitronensäure, Essigessenz
Fleckentfernung Oxalsäure, Alkohole Terpene, Enzyme, Tenside Gallseife
Geschirrspülmittel Tenside, Lösemittel, Duft- und Farbstoffe Kaum Alternativen, nicht überdosieren
Spülmittel für Geschirrspülmaschine Bleichmittel, Gerüststoffe, z. T. Phosphat Kaum Alternativen, genau dosieren
Scheuermittel Gesteinsmehl, Tenside, z. T. Phosphate, Farb- und Duftstoffe Zu Scheuermitteln greifen, die keine Phosphate, chlororganischen Verbindungen oder Lösemittel enthalten
Waschmittel Tenside, Gerüststoffe, Duftstoffe (z. B. synthetische Moschusverbindungen) Waschmittel ohne Farb- und Duftstoffe verwenden, genau dosieren
WC-Reiniger Verdünnte Säuren (z. B. Salz oder Essigsäure), Tenside Bürste, Scheuermittel, WC-Reiniger auf Basis von Essigsäure

Orientierungswerte zur Beurteilung von Quecksilbergehalten in human-biologischen Untersuchungsmaterialien vom Bundesgesundheitsamt.

Tab. 7.4-1
Untersuchungsmaterial Einheit Kategorie
Unauffällig Wert erhöht, Gesundheitsgefährdung nicht erkennbar Wert deutlich erhöht, Gesundheitsgefährdung auf längere Sicht nicht auszuschließen
Blut µg/l < 3 3–10 > 10
Urin µg/l < 5 5–20 > 20

Umweltmedizin

Susanne Kammerer

Hans Peter Donate

Reinhard Straube

  • 7.1

    Grundlagen1222

    • 7.1.1

      Stellenwert umweltbedingter Erkrankungen1222

    • 7.1.2

      Einfluss der Umweltschadstoffe1223

    • 7.1.3

      Diagnostik1227

    • 7.1.4

      Therapie1229

  • 7.2

    Umweltmedizinische Problemkreise1234

    • 7.2.1

      Rauchen/Passivrauchen1234

    • 7.2.2

      Fremd- und Schadstoffe in Nahrungsmitteln1236

    • 7.2.3

      Zusatzstoffe und Reaktionsprodukte in Lebensmitteln1242

    • 7.2.4

      Textilien1246

    • 7.2.5

      Reinigungs- und Putzmittel1247

    • 7.2.6

      Lärm1248

    • 7.2.7

      Luftschadstoffe1250

    • 7.2.8

      Weitere schädliche Faktoren1252

    • 7.2.9

      Innenraumschadstoffe1252

    • 7.2.10

      Elektrosmog1254

    • 7.2.11

      Trinkwasser1256

  • 7.3

    Umweltassoziierte Erkrankungen1258

    • 7.3.1

      Amalgambelastung1258

    • 7.3.2

      Mikromerkurialismus1259

    • 7.3.3

      Chronisches Fatigue-Syndrom (CFS)1260

    • 7.3.4

      Holzschutzmittel-syndrom1262

    • 7.3.5

      Multiple Chemical Sensitivity (MCS)1264

    • 7.3.6

      Sick-building-Syndrom (SBS)1266

  • 7.4

    Wichtigste Schadstoffe1267

    • 7.4.1

      Asbest1267

    • 7.4.2

      Benzo(a)pyrene1268

    • 7.4.3

      Benzol1269

    • 7.4.4

      Blei1269

    • 7.4.5

      Cadmium (Cd)1271

    • 7.4.6

      Dioxine und Furane1271

    • 7.4.7

      Formaldehyd1273

    • 7.4.8

      Holzschutzmittel1274

    • 7.4.9

      Lösemittel1275

    • 7.4.10

      Nitrat1276

    • 7.4.11

      Nitrosamine1277

    • 7.4.12

      Ozon1277

    • 7.4.13

      Pestizide („Pflanzen-schutzmittel“)1278

    • 7.4.14

      PVC (Polyvinylchlorid)1281

    • 7.4.15

      Quecksilber (Hg)1281

    • 7.4.16

      Flüchtige organische Verbindungen (FOV oder VOC)1283

    • 7.4.17

      Polychlorierte Biphenyle1284

    • 7.4.18

      Schimmelpilze1285

Grundlagen

UmweltmedizinUmweltmedizin als die Lehre von der Erforschung, Beschreibung, Diagnose, Therapie und Prävention umweltbedingter Erkrankungen ist ein interdisziplinäres Fachgebiet. Sie unterteilt sich in eine präventive und eine klinische Umweltmedizin.
  • Die präventive Umweltmedizin beschäftigt sich mit der Auswirkung von Umweltfaktoren auf die öffentliche Gesundheit. Zu diesem auch unter dem Stichwort „Umwelt und Gesundheit“ zusammengefassten Wissenschaftsgebiet arbeiten die Disziplinen „Hygiene und Umweltmedizin“ und „Arbeitsmedizin und Umweltmedizin“.

  • Das Arbeitsgebiet der klinischen Umweltmedizin besteht hingegen in der individualmedizinischen Diagnostik und Therapie umweltassoziierter Erkrankungen unter Erfassung der Risiken, die entweder genetisch bedingt oder erworben sein können und sich aus dem Lifestyle und der Kombination dieser Faktoren ergeben.

Die Umweltmedizin ist von Ihrem Entstehungshintergrund an die verschiedenen Phasen des umweltmedizinischen Aufbruchs in den 1980er- und 1990-er Jahre geknüpft und folgt einem naturheilkundlichen Verständnis. Sie ist trotzdem eine „Art Stiefkind“ auch ablesbar an der Abschaffung der Zusatzbezeichnung Umweltmedizin eine Art Stiefkind geblieben, obwohl international kausale Verknüpfungen von Umwelt und Gesundheit durch Smog, Feinstaub, Radioaktivität, Radar u.v.m. vorlagen. Eine Gebührenordnung für ärztliche Leistungen in der Umweltmedizin wurde bis heute nicht eingeführt. Alle umweltbezogenen Leistungen müssen die Patienten seither selbst bezahlen. In den letzten beiden Jahrzehnten findet verstärkt eine Art wissenschaftlicher Anerkennungskampf der Umweltmedizin im Sinne von biochemischen und physiologischen Mechanismen und labortechnischen Nachweisen der Schädigungen sowohl toxischer stofflicher Noxen, als auch von physikalischen Einwirkungen statt. In dieser Phase haben Labore die wissenschaftliche Ausrichtung mehr und mehr bestimmt. Bei dieser gesamten Entwicklung bleibt es nicht aus, dass nicht genuin naturheilkundliche Methoden, wie z.B. die therapeutische Apherese (7.1.4) zur Anwendung kommen. Dessen ungeachtet soll mit diesem Kapitel eine Grundlage gegeben werden, um Patienten, die z.B. an CFS (chronic fatigue syndrom), MCS (muliple chemical sensitivity), SBS (sick bulding syndrom) leiden, erfolgreich zu behandeln.

Stellenwert umweltbedingter Erkrankungen

umweltassoziierte ErkrankungenStellenwertIn der praktisch klinischen Umweltmedizin liegt inzwischen sehr viel abgesichertes Wissen vor. Trotzdem besteht insbesondere in Bezug zur präventiven Umweltmedizin eine große Meinungsvielfalt. Da konventionelle therapeutische Möglichkeiten noch begrenzt sind, hat v. a. die Erarbeitung präventiver Konzepte in der Umweltmedizin eine große Bedeutung. Die Einbeziehung naturheilkundlicher Methoden ist wesentlich.
Bei der überwiegenden Mehrzahl aller chron. Erkrankungen sind Umweltbelastungen beteiligt. Viele naturheilkundlich tätige Ärzte berücksichtigen zunehmend die umweltmedizinische Belastung des Patienten. Aufgrund des zunehmenden Eintrags von Schadstoffen in unsere Umwelt wird dieses Fachgebiet künftig noch an Bedeutung zunehmen.
In der Umweltmedizin sollen mithilfe epidemiologischer Studien Gesundheitsrisiken möglichst frühzeitig und sensitiv ermittelt und bewertet werden. Toxikologische Studien v. a. zu Schadstoffen, die in der Arbeitsmedizin eingesetzt werden, dienen der Risikoabschätzung einzelner Schadstoffe und haben Einfluss auf die Festsetzung von Grenzwerten. Allerdings gibt es in der Umweltmedizin folgende Grenzen für die Aussagekraft von Studien:
  • Verwischung von Effekten aufgrund einer langen Latenzperiode: Erkrankungen (z. B. onkologische Erkrankungen) weisen oft lange stille Perioden zwischen der Einwirkung einer bestimmten Noxe und Auswirkung auf.

  • Unklarer Vorhersagewert geringgradiger Veränderungen: Eine Schadstoffgrundbelastung führt eventuell zu sehr diskreten Veränderungen des Gesundheitszustands, die in den Studien nicht erfasst werden. Dieses Problem besteht in anderen Bereichen der Medizin nicht. Effekte sind viel offensichtlicher, wenn z. B. die Auswirkung einer Blutdrucksenkung auf den sog. „harten Endpunkt“, auf den Tod des Patienten untersucht wird.

  • Epidemiologische und toxikologische Studienergebnisse berücksichtigen nicht individuelle Suszeptibilitätskriterien, wie genetische Polymorphismen und epigentische Besonderheiten, weshalb ihr Aussagewert für die klinische Umweltmedizin beschränkt ist.

  • Epidemiologische und toxikologische Studien untersuchen meist nur eine Substanz und betrachten keine Kombinationswirkungen unterschiedlicher, gleichzeitig einwirkender Noxen.

  • In den wenigsten Studien wird die besondere Pathophysiologie komplexer chron. Krankheiten berücksichtigt, die die Netzwerkstruktur der Supersysteme Neuro-Endokrino-Immunlogie (NEIS s. u.) als Basis mit einbezieht.

  • Vermutlich liegt Umwelterkrankungen eine Summierung von Belastungen zugrunde, die letztendlich eine Störung der Regulation zur Folge haben. Darauf weisen erste noch nicht publizierte Studienergebnisse (Straube) hin: Seit dem 1.1.2007 wurden bis heute 1000 Patienten der Therapeutischen Apherese bei umweltmedizinischen Erkrankungen als „Ultima ratio“ zugeführt. Jeder Patient wurde nach einem definierten Setting (standardisierter Check-up-Bogen, klinische Untersuchung, EKG und Aufklärung) der Therapeutischen Apherese mit einem innovativen „Umweltfilter“ behandelt: Hier müssen Molekulargröße, Gewicht und Filtertechnik korrekt gewählt werden. Zurzeit sind 178.000 Einzelmarker ausgewertet.

Einfluss der Umweltschadstoffe

UmweltschadstoffeUmweltschadstoffe können die Gesundheit akut und chronisch beeinträchtigen. Bei hoher Schadstoffkonzentration tritt bei wenigen stark belasteten Individuen eine erhebliche Schädigung oder der Tod ein. Bedeutend schwieriger hingegen ist die Risikoeinschätzung in der Umweltmedizin, da hier bei abnehmender Schadstoffkonzentration zunehmend größere Bevölkerungsgruppen über einen langen Zeitraum betroffen sind. Je nach Standpunkt werden Veränderungen der Laborparameter oder Befindlichkeitsstörungen als gefährlich oder als unerheblich eingeschätzt. Gerade in der Umweltmedizin gibt es häufig auch eine Diskrepanz zwischen körperlichen Symptomen und einer Entsprechung auf organischer Ebene, z. B. Patienten mit Holzschutzmittelsyndrom, die unter Erschöpfung leiden, bei denen aber auf organischer Ebene vom Arzt keinerlei Störung nachweisbar ist.
Die meisten Symptome in der Umweltmedizin sind unspezifisch, in der Regel klagen Betroffene über Symptomenkomplexe. Häufig liegt eine Belastung mehrerer Schadstoffe vor, deren Wirkungen sich überlagern. Im Gegensatz zur Arbeitsmedizin ist in der Umweltmedizin ein klarer Rückschluss vom Symptom auf den Schadstoff meist nicht möglich. Häufige auftretende Symptomenkomplexe sind:
  • Reproduktionsstörungen: Infertilität, Aborte

  • Immunstörungen: rezidivierende Infektionen

  • Hauterkrankungen

  • Chron. Erschöpfung, Schwäche, Leistungsabfall

  • Psychiatrische Krankheitsbilder

  • Leaky-Gut-Syndrom: Erschöpfung, mangelnde Energie, Konzentrationsstörungen Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Durchfälle.

  • Atypische Hepatopathie – meist als Folge des Leaky-Gut-Syndroms

  • Atypische Polyneuropathien

  • Demenzielle Symptome

  • Parkinson Syndrom

Toxikologische Risikoabschätzung
In der Praxis wird das Risiko, das von Umweltschadstoffen ausgeht, auf der Grundlage toxikologischer Experimente oder epidemiologischer Studien ermittelt. Dazu wird zunächst im Tierversuch die maximale Schadstoffdosis ermittelt, bei dem bei chron. Exposition keine Schädigung mehr feststellbar ist (sog. NOEL, no-observed-effect-level-Wert). Dieser Konzentrationswert wird mit dem Sicherheitsfaktor 10, 100 oder 1.000 multipliziert und somit erhält man den ADI-Wert. Damit soll sichergestellt sein, dass auch bei unterschiedlich empfindlichen Menschen kein Schaden auftritt. Dieser ADI-Wert besagt, wie viel Schadstoff in mg pro Tag und pro kg KG aufgenommen werden darf, ohne eine Schädigung zu erwarten. Unter Berücksichtigung der typischen Ernährungsgewohnheiten wird festgelegt, welche Schadstoffkonzentrationen verschiedene Lebensmittel enthalten dürfen, ohne dass der ADI-Wert überschritten wird.

Merke

Schwächen des ADI-Werts sind, dass Daten vom Tierversuch auf den Menschen übertragen werden. Zudem ist die Wahl des Sicherheitsfaktors willkürlich und nicht wissenschaftlich begründet.

Ein Mangel dieser Betrachtungsweise besteht darin, dass diese Werte nicht die Kombinationswirkung verschiedener, gleichzeitig auf den Organismus einwirkender Toxine erfassen. Zudem lässt sich das Risiko von Langzeitbelastungen mit niedrigen Dosen nicht abschätzen. Auch der unterschiedlichen individuellen Suszeptibilität aufgrund genetischer Polymorphismen im Detoxifikationssystem des Einzelnen wird in den meisten Studien nicht Rechnung getragen. Auch die Besonderheiten der klinischen Pathophysiologie komplexer chron. Erkrankungen, unter die alle umweltassoziierten Krankheiten subsumiert werden müssen, werden in der Regel nicht berücksichtigt. Doch die vielfältigen, scheinbar unzusammenhängenden Symptome einer Umwelterkrankung als Krankheitsentität lassen sich nur mit dem Wissen um die Zusammenhänge des Regulationsnetzwerkes NEIS (Neuro-Endokrino-Immunologisches System s. u.) erkennen. Die Unkenntnis darüber führt hingegen häufig zur Fehldiagnose „Somatisierungsstörung“ (s. Kasten). Umgekehrt muss auch das Vorhandensein von Somatisierungsstörungen differenzialdiagnostisch erwogen werden.

Merke

Das (Neuro-Endokrino-Immunologisches System [NEIS]) mit dem Neuro-Endokrino-Immunologisches System (NEIS)Nervensystem, dem endokrinen System und Immunsystem als sog. Supersysteme bildet ein interaktives Netzwerk zur Aufrechterhaltung der Homöostase. Jedes der Einzelsysteme verfügt über Rezeptoren, die nicht nur auf die eigenen Regulierungsstoffe reagieren, sondern auch auf die der beiden anderen: Manche Hormone wirken z. B. auch als Neurotransmitter oder Zytokine, manche Zytokine als Hormone und/oder Neurotransmitter, manche Neurotransmitter als Hormone bzw. als Zytokine.

Umwelterkrankungen sind chron. Krankheiten, die anfänglich mit toxischen bzw. allergischen Reaktionen beginnen, im weiteren Verlauf mit einer chron. Entzündung mit zunehmender Störung der Homöostase einhergehen. Dieses schon vor mehr als hundert Jahren in der Naturheilkunde als Regulationsstörung (Regulationsstarre) bekannte und von der „Mainstreammedizin“ belächelte pathophysiologische Phänomen lässt sich heute labortechnisch nachweisen.

  • Über NEIS werden bei chron. Erkrankungen durch die dauerhafte Einwirkung von Umweltnoxen letztendlich alle Organe betroffen: Das Vollbild einer chron. Multisystemerkrankung (Straub 2006) ist die Folge.

  • Ein wichtiger Mechanismus zur nachhaltigen Störung der Homöostase stellt der durch oxidativ/nitrosativen Stress ausgelöste NO/ONOO-Zyklus dar (Pall 2007).

Relevante Werte in der Umweltmedizin
Umweltmedizinrelevante WerteNach der wissenschaftlichen Risikoabschätzung durch toxikologische oder epidemiologische Erkenntnisse erfolgt unter Einbeziehung sozialer, ökonomischer (die Minimierung der Schadstoffeinträge in die Umwelt ist teuer) und psychologischer Faktoren die Risikobewertung. Es handelt sich dabei also um einen wissenschaftlich-gesellschaftlich-politischen Prozess. Abschließend wird ggf. vom Gesetzgeber ein Grenzwert festgelegt.
Obwohl es für viele Schadstoffe (z. B. im Innenraum) keine Grenzwerte gibt, heißt dies nicht, dass die Stoffe unbedenklich sind, sondern nur, dass keine rechtsverbindliche Regelung gilt. Grenzwerte werden von Behörde zu Behörde unterschiedlich festgelegt.

Merke

Grenzwerte sind rechtsverbindlich festgelegt und ziehen bei ihrer Überschreitung Folgen nach sich. Sie garantieren aber keine absolute Sicherheit für die Unbedenklichkeit bei Unterschreitung und/oder bei Kombination mit anderen Stoffen.

  • ADI-(acceptable daily intake-)Wert:ADI-(acceptable daily intake-)Wert, Umweltschadstoffe Gibt die duldbare tägliche Aufnahmemenge von Schadstoffen mit einer angeblichen Wirkungsschwelle an. Er wird von der WHO und der FOA (Food and Agriculture Organisation der UNO) so festgelegt, dass bei lebenslanger Ausschöpfung dieser Menge kein nachweisbarer gesundheitlicher Schaden entsteht.

  • BAT-(Biologischer Arbeitsstoff-Toleranz-)BAT (Biologischer Arbeitsstoff-Toleranz)-Wert, UmweltschadstoffeWert: Erfasst die maximal zulässige Konzentration von Arbeitsstoffen oder deren Metaboliten in Körperflüssigkeiten (Blut oder Urin) bzw. Alveolarluft an. Durch Einhaltung soll die Gesundheit von Beschäftigten bei 8-stündiger täglicher bzw. 40-stündiger wöchentlicher Exposition nicht beeinträchtigt werden.

  • EKA-Wert (Expositonsäquivalent für krebserzeugende Arbeitsstoffe)EKA-Wert (Expositonsäquivalent für krebserzeugende Arbeitsstoffe): Der für krebserzeugende Arbeitsstoffe relevante BAT-Wert.

  • DTA-(Duldbare tägliche Aufnahmemenge-)DTA (Duldbare tägliche Aufnahmemenge)-Wert, UmweltschadstoffeWert: Entspricht dem ADI-Wert. Er wurde in Deutschland für die Pflanzenschutzmittel eingeführt, für die kein ADI-Wert existiert.

  • Hintergrundwert: s. Referenzwert

  • MAK-(Maximale Arbeitsplatz-Konzentration-)MAK (Maximale Arbeitsplatz-Konzentration)-WertWert: Gibt die maximal zulässige Konzentration von Arbeitsstoffen als Gas, Dampf oder Schwebstoff in der Luft am Arbeitsplatz an. Er ist so berechnet, dass bei langjähriger Exposition (tgl. 8 Std. bzw. 40 Std./Wo.) die Gesundheit der Beschäftigten nicht beeinträchtigt wird. MAK-Werte werden jährlich neu bewertet und ggf. verändert. Die Stoffe werden zusätzlich nach ihren fruchtschädigenden, erbgutverändernden und krebserzeugenden Eigenschaften klassifiziert.

  • MIK (Maximale Immissions-Konzentration)MIK (Maximale Immissions-Konzentration): Die von der Kommission „Reinhaltung der Luft“ festgelegten MIK-Werte sind Entscheidungshilfen für den Gesetzgeber, sie sind aber nicht rechtsverbindlich. MIK-Werte werden analog der MAK-Werte abgeleitet. Da sie dem Gesundheitsschutz der allgemeinen Bevölkerung dienen, sind sie wesentlich niedriger als die arbeitsplatzbezogenen MAK-Werte.

  • Orientierungswert: s. Referenzwert

  • PTWI-(provisional tolerable weekly intake-)Wert: Erfasst die vorläufig duldbare wöchentliche Aufnahmemenge von Schwermetallen in Nahrungsmitteln. Diese wird von der WHO und der FOA (Food and Agriculture Organisation der UNO) festgelegt.

  • Referenzwert, UmweltschadstoffeReferenzwert: Die in Bevölkerungsgruppen gemessenen Werte eines Stoffes werden der Häufigkeitsverteilung entsprechend eingeteilt. Meist wird die 95% Perzentile genommen: Bis zu diesem Wert wird angenommen, dass ein Stoff üblicherweise in der Bevölkerung vorkommt. Dieser Referenzwert hat keine toxikologische Aussagekraft. Über dem Referenzwert liegende Werte zeigen lediglich eine ungewöhnlich hohe Belastung an.

  • TRK (technische Richtkonzentration)TRK (technische Richtkonzentration), Umweltschadstoffe: Werden für krebserzeugende oder krebsverdächtige Stoffe angegeben, für die kein MAK-Wert besteht. Der TRK-Wert ist die nach dem Stand der Technik erreichbare Konzentration unter Berücksichtigung toxikologisch-arbeitsmedizinischer Erkenntnisse. Im Gegensatz zum MAK-Wert wird trotz Einhaltung der TRK-Werte eine mögliche Beeinträchtigung der Gesundheit nicht völlig ausgeschlossen. Wie die MAK-Werte gelten sie für gesunde Personen im erwerbsfähigen Alter und sind auf eine 8-stündige tägliche bzw. 40-stündige wöchentliche Exposition bezogen.

  • TE oder TEQ (Toxizitätsäquivalente)TE oder TEQ (Toxizitätsäquivalente): Angaben zur Toxizität von einem Gemisch gleichartig wirkender Gifte, z. B. von Dioxinen. Dazu wird die Konzentration der einzelnen Stoffe mit ihrem Toxizitätsäquivalenzfaktor multipliziert und anschließend addiert.

  • Unit-Unit-risk, Umweltschadstofferisk: Die Unit-risk-Methode ist ein amerikanisches Krebsrisikomodell im Niedrigdosisbereich. Es gibt das durch Extrapolation geschätzte zusätzliche Krebsrisiko bei einer bestimmten Konzentration eines Schadstoffes an und ist bezogen auf eine Lebenszeit von 70 Jahren.

Cave

Genetische genetische PolymorphismenPolymorphismen: Defizite im Enzymmuster der Entgiftungsfunktion stellen die Wertigkeit aller Grenzwerte im Einzelfall infrage!

Diagnostik

Anamnese und körperliche Untersuchung
Anamnese
UmweltmedizinDiagnostikAnamneseUmweltmedizinFür die umweltmedizinische Anamnese müssen mind. 60 Min. veranschlagt werden. Es macht Sinn, zunächst den Patienten spontan seine Probleme schildern zu lassen. Die Unterstützung durch ein umweltmedizinisches Fragebogensystem ist oft hilfreich. Beispielsweise hat die INUS Medical Center AG bereits 2005 mit Spezialisten verschiedener Fachrichtungen ein „Check-up-System“ entwickelt, das eine stufenweise Abklärung durch einen standardisierten Fragebogen und dessen Auswertung ermöglicht. Das System erlaubt, die Symptome und Erkrankungen in einen evidenten Zusammenhang mit umweltmedizinischen Fragestellungen zu bringen.
Wesentliche Fragen sind:
  • Welche Beschwerden treten auf?

  • Was ist die vermutete Ursache?

  • Gibt es einen zeitlichen und örtlichen Zusammenhang der Exposition zur Umweltnoxe?

  • Sind Familienangehörige oder Arbeitskollegen betroffen?

  • Gab es vor Auftreten der Beschwerden einen Umzug, der im zeitlichen Zusammenhang mit dem Beschwerdebeginn steht?

  • Wie verhalten sich die Beschwerden innerhalb oder außerhalb des vermutlich umweltbelasteten Milieus?

  • Haben Reisen, Tropenaufenthalte mehrfach und über längere Zeit stattgefunden?

  • Liegen häufige Langstreckenflüge vor?

  • Wohnen Patienten in der Nähe von Industrieanlagen, Gärtnereien, Landwirtschaftsflächen und -Betriebe.

  • Wie sieht die Wohnungseinrichtung aus?

  • Betten- und Schlafplatzanalyse durchführen.

  • Ernährung? Fast Food, industriell bearbeitete Lebensmittel?

Im Rahmen des Erstkontakts kann auch festgestellt werden, ob tatsächlich Hinweise auf eine umweltbedingte Erkrankung bestehen, oder ob der Patient z. B. nach Medienmitteilungen, nur ein Informationsbedürfnis zu bestimmten Themen hat. Erhärten sich die Hinweise für eine umweltbedingte Erkrankung, sollte ein umweltmedizinischer Fragebogen ausgefüllt werden. In diesem Fragebogen finden sich Fragen zu Lebensgewohnheiten, z. B. zum Rauchen oder zur Ernährung sowie zum Arbeits- und zum Wohnbereich.

Merke

Ein Verdacht auf eine Umweltbelastung besteht, wenn die Symptomatik bei Abwesenheit vom Ort (z. B. im Urlaub) abklingt, und sich nach der Heimkehr verschlimmert, oder wenn Beschwerden nach einer Renovierung oder dem Kauf neuen Mobiliars beginnen.

Körperliche Untersuchung
Zu achten ist v. a. auf Haut- und Atemsymptome. Hauterkrankungen verweisen auf einen dermalen oder oralen Kontakt, Beschwerden im Atemtrakt auf inhalativen Kontakt. Geachtet werden muss auf folgende Symptome:
  • Haut: Blässe, Rötung, Ekzem, Urtikaria, Akne, Pigmentveränderungen, Mykosen

  • Atemtrakt: Atemnot, Bronchitiden, inhalative Allergien, Sinusitiden

  • Neurostatus: Reflexe, Gleichgewicht, Sinnesorgane, Koordination

  • Psychostatus: Affekt (starke Affekte, Affektarmut), Konzentration, Gedächtnis

Wohnungsbegehung
Häufig ergeben sich bereits beim Erstkontakt mit dem Patienten relevante Informationen, die in einigen Fällen kostenintensive Untersuchungen ersparen (z. B. Austausch neuer, geruchsintensiver Möbelstücke). Patienten müssen auch über Möglichkeiten und Grenzen der Untersuchungen informiert werden Begehungen werden von Instituten durchgeführt.
In einem Untersuchungskonzept wird zunächst das genaue Ziel der Untersuchung festgehalten (z. B. Überprüfung bestimmter Grenz- und Richtwerte für bestimmte Schadstoffe oder lediglich Abklärung geruchlicher Auffälligkeiten). Die Kosten von Analysen schwanken zwischen ca. 60 € für Radon, 150 € für Formaldehyd und 1500 € für den Nachweis von Dioxinen und Furanen. Da die Krankenkasse bei ärztlicherseits begründetem Verdacht die Untersuchungskosten nur in Einzelfällen übernimmt, ist ein Untersuchungskonzept meist ein Kompromiss zwischen technischer und finanzieller Machbarkeit.
Umweltmedizinische Analytik
Umweltmedizinumweltmedizinische AnalytikIm Wesentlichen wird hier zwischen folgenden Verfahren unterschieden:
  • Umweltmonitoring: Messung der äußeren Belastung durch Nachweis und quantitative Bestimmung einer bestimmten Noxe, z. B. im Rahmen einer Begehung

  • Biomonitoring: Messung der inneren Belastung durch Nachweis und quantitative Bestimmung von Schadstoffen oder deren Abbauprodukte in Körpermaterialien. Spezifische Schadstoffe erfordern spezielles Probenmaterial (Tab. 7.1-1). Neben der allgemeinen Labordiagnostik mit den praxisüblichen Blut- und Urinuntersuchungen können folgende zusätzliche Untersuchungen indiziert sein:

    • Routineparameter: Retikulozyten, GLDH, Transaminasen, Cholinesterase; Gesamtcholesterin, HDL- und LDL-Cholesterin, Triglyzeride; Kreatinin-Clearance, β-2-Mikroglobulin; Ferritin, Eisen, Folsäure, Vitamine A, B1, B6, B12, E; T3, T4, TSH, TRH-Test, Prolaktin, DHEAS, evtl. weitere Hormonanalysen; Zink, Selen, evtl. Kupfer, evtl. biogene Aminosäuren

    • Allergiediagnostik: IgE, evtl. spezielle RAST-Teste, Reib-, Prick- und Scratch-Tests, IgA, IgG, IgM

    • Immundiagnostik: Lymphozytendifferenzierung (evtl. mit Stimulation); mikrobiologische Stuhlanalyse einschl. Pilzkulturen (Candida), ggf. Sputumproben (Candida), Speicheltests. Leaky-gut, Histamin, DAO, evtl. Zöliakie

    • Genetische Diagnostik: Phase I Enzyme: CYP 1A2, CYP 2D6, SOD 2, PON 1, evtl. CYP 2C19, CYP 2C9; Phase II: GSTT1, GSTM1, GSTP1, NAT2, evtl. UGT1

Umweltmedizinische Tests
DMPS-Test
UmweltmedizinTestverfahrenDMPS-TestDer Stimulationstest mit dem Chelator DMPS – Chelatbildner sind Stoffe, die mit mehrwertigen Schwermetallen Komplexe bilden und so Schwermetalle aus Körperflüssigkeiten zur Ausscheidung bringen – ist umstritten. Er gibt einigen Autoren zufolge wertvolle Zusatzinformation gegenüber der Quecksilberbestimmung ohne Stimulation im Urin. Da DMPS v. a. mit dem in der Niere befindlichen Quecksilber reagiert, gibt der Test v. a. Aufschluss über renale Hg-Depots.
  • Basiswert für Quecksilber im Harn bestimmen.

  • Nach vollständiger Blasenentleerung Gabe von DMPS 300 mg p.o. mit etwas Wasser auf nüchternen Magen (z. B. 3 Kps. Dimaval®).

  • Bestimmung der Schwermetalle im 24-h-Sammelurin nach DMPS-Gabe. Wenn die Sammlung des 24-h-Urins nicht möglich ist, 2–3 h nach DMPS-Gabe Spontanurinprobe gewinnen.

  • Auswertung: Der Test mit Sammelurin liefert genauere Messergebnisse, da er im Vergleich zum Spontanurin unabhängig vom Harnvolumen ist. Normwerte liegen bei Menschen ohne Amalgamfüllungen < 5 µg/24 h, bei Amalgamträgern bei 20–30 µg/24 h. Eine erhöhte Belastung liegt bei einer Ausscheidung von > 60 µg/24 h vor.

Kaugummitest
KaugummitestDer Kaugummitest ist ein relativ grober Screeningtest zum Nachweis eines vermehrten Abriebs von Amalgambestandteilen aus Zahnfüllungen. Er basiert auf der Tatsache, dass Quecksilber in seinen verschiedenen Formen, aber auch andere Metalle wie Zinn und Silber durch intensives Kauen aus den Amalgamfüllungen vermehrt freigesetzt werden. Die Freisetzung korreliert nicht nur mit der Anzahl, sondern auch mit dem Zustand (Ausmaß der Korrosion) der Füllungen.
  • 2 Std. vor Beginn des Tests keine Speisen zu sich nehmen und nichts kauen.

  • Speichelprobe 1: Ein Röhrchen vor dem Kaugummikauen mit 5 ml Speichel füllen.

  • Speichelprobe 2: Anschließend einen zuckerfreien Kaugummi 5 Min. lang intensiv mahlend zwischen den Amalgamfüllungen kauen. Dabei von Anfang an Speichel sammeln und die Gesamtmenge, die ca. 10–15 ml ergibt, in ein Röhrchen füllen.

  • Beide Speichelproben in ein Labor schicken und Quecksilber, evtl. auch Zinn, Silber und Kupfer bestimmen lassen.

  • Auswertung: Bei einem Quecksilberanstieg von < 25 µg/l ist das toxikologische Risiko wahrscheinlich gering, über 51 gilt es als möglich.

Merke

Der Kaugummitest ist nicht zu empfehlen, wenn in den letzten zwei Monaten zahnärztliche Behandlungen stattgefunden haben.

Therapie

UmweltmedizinTherapiemaßnahmenTherapeutische Strategien in der Umweltmedizin müssen individuell erstellt werden. Die erste Maßnahme ist der sofortige ExpositionsstoppExpositionsstopp als Grundlage aller weiteren Maßnahmen. Außerdem folgende Maßnahmen durchführen:
  • Minimieren der Stressoren: chemische, physikalische (z. B. Lärm, EMF), biologische (z. B. Schimmelpilze, chron. Bakterieninfekte wie Borreliose), psychosoziale Konflikte.

  • Zusätzliche Noxen wie Rauchen, Alkohol und Koffein meiden.

  • Substitution von Antioxidanzien, Vitaminen, Zink und Selen: Bei dem körpereigenen Versuch Giftstoffe auszuscheiden werden diese Substanzen in verstärktem Maße verbraucht. Ein erhöhter Verbrauch ergibt sich auch von den Folgeerkrankungen, z. B. einer erhöhten Infektanfälligkeit.

  • Anregung von Stoffwechselfunktionen durch körperliche Aktivität (2.11) und Sauna (2.28.5). Cave: Bei hochsensiblen Patienten ist die Schadstoffmobilisierung durch Sauna u.U. nur in geringen Dosen tolerabel.

Einige Naturheilverfahren können dazu beitragen, eine weitere Belastung mit Schadstoffen zu umgehen oder deren Ausscheidung zu beschleunigen. Zusätzlich können Auswirkungen einer Schadstoffbelastung, wie z. B. eine immunsuppressive Wirkung oder die Verarmung an bestimmten Vitaminen und Spurenelementen beseitigt werden.
Orthomolekulare Medizin
Üblicherweise wird ein Gemisch an Antioxidanzien – Vitamin C (500 mg bis mehrere g/d als Pulver, Brausetabletten oder als Infusion), Vitamin E (150–1.000 mg/d oral als Dauertherapie), β-Karotin (20–40 mg/d als Kps.) – verabreicht.

Praxistipp

Zu einer Ernährung mit farbstoffreichem Obst und Gemüse raten (Tomaten, Karotten, Paprika, Rotkohl, Kiwi, Orangen, Melonen, Ananas), weil hier noch weitere gesundheitsfördernde Substanzen, wie z. B. sekundäre Pflanzenhilfsstoffe, enthalten sind.

  • Zink: Ist essenziell im katalytischen Zentrum von mehr als 100 Enzymen, tägliche Mindestaufnahme etwa 15 mg. Zink ist unentbehrlich für die zelluläre und humorale Immunantwort, für Wachstum und Fortpflanzung. Es kann als Zinkorotat (10–40 mg/d) oder Zinksulfat (10–80 mg/d) oral substituiert werden.

  • Selen: Deutschland gehört zu den Regionen, deren Böden arm an Selen sind, daher sind viele Menschen mangelversorgt. Selen ist essenziell für die Glutathion-Peroxidase (Erythrozyten) und Jodthyronin-5-Deiodase. Selen ist entscheidend für die Funktion des Immunsystems und zur Produktion von Schilddrüsenhormonen. Es wird außerdem für die Entgiftung von Blei, Cadmium und Quecksilber benötigt. Selen kann oral als Selenmethionin (in einer Dosis von 40–80 µg/d) oder als Natriumselenit (100–200 µg/d) substituiert werden.

  • Weitere Nährstoffe: je nach Symptomatik auch Substitution von z. B. neurotropen Vitaminen, Coenzym Q10 oder antioxidativen Aminosäuren.

    • Co-Enzym Q10 (=Ubichinon) stellt einen wichtigen Faktor in der mitochondrialen Atmungskette dar. Ohne Ubichinon kann der notwendige, „aktivierte“ Sauerstoff mit Glukose in der ATP-Synthese nicht die notwendige Energie liefern. Nach aktuellen Studien muss der Spiegel von Ubichinon mindestens 25, mg/l betragen. Tiefere Spiegel können zu einem Einbruch der ATP Synthese und somit auch zur sog. Mitochondropathie führen; klinisch können z.B. eine nicht toxische Hepatopathie oder eine Herzinsuffizienz oder ein chronisches Erschöpfungs-Syndrom die Folge sein.

    • Als neurotrope Vitamine bezeichnet man Vitamin B1 (Aneurin), Vitamin B2 (Riboflavin); Vitamin B3 (Niacin); Vitamin B6 (Pyridoxal), Vitamin B12 (Cobalamin). Ihr Merkmal ist, dass sie alle im Krebszyklus und Membranstoffwechsel der Nerven eine Schlüsselrolle einnehmen. Ein Mangel führt zu Polyneuropathien, Myopathien, dementiellen Syndromen. Daher ist die Bestimmung dieser Vitamingruppe bei o.g. klinischen Bildern v.a. in der klinischen Umweltmedizin eine wichtige Untersuchung. Die Therapie erfolgt mit adaptierten B-Vitamin-Kombinationen, da meist mehre Vitaminen gestört sind.

    • Antioxidative Aminosäuren sind L-Cystein, Methionin, S-Adenosylmethionin, Methionyl-Tyrosin. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei antioxidativen Prozessen im Mitochondrium und im Endothel der Gefäße, aber auch bei der Neutralisation von Toxinen aus Nahrung und Umwelteinflüssen. Sie sind Bestandteil des intrazellulären Glutathions, um den sog. oxidative Stress in Zellen und Zellverbänden zu neutralisieren. Somit spielen sie auch in der Krebsprophylaxe eine wichtige Rolle.

    • Enzyme: Bromelain und Papain sind Proteasen. Die essentiellen Enzyme werden in der orthomolekularen Therapie bei folgenden Indikationen und Prozessen eingesetzt:

      • Chronische Entzündung als silent inflammation

      • Reduktion von Entzündungsmolekülen wie CRP, alpha 2Makroglobulin, Fibrinogen, aber auch Zellzerfallsprodukte, Biofilmen von Bakterien (z.B. bei Borreliose, Belastungen mit Staphylokokken, Streptokokken wichtig), Optimierung der Rheologie bei Entzündungen (Reduktion des Thromboserisikos). Die Enzymtherapie muss in den ersten 3 Tagen hochdosiert erfolgen und kann dann nach klinischem Erfolg herunter titriert werden.

      • Rheumatoide Arthritis

    • Alpha Liponsäure:

      • Alpha-Liponsäure ist in den Mitochondrien jeder einzelnen Körperzelle vorhanden und als Coenzym von Enzymkomplexen für die zelluläre Energieproduktion unabdingbar. Zudem ist sie ein besonders wirkungsvolles und vielseitiges Antioxidans. Ihre Vorteile: Sie passiert leicht die Blut-Hirn-Schranke und schützt dadurch auch das Gehirn; sie dringt in intra- und wasserlösliche und fettlösliche Strukturen ein (Zellmembranen, Zytosol, Blutserum, Lipoproteine) und wird als Dihydroliponsäure ein noch stärkerer Radikalfänger und ein noch wirksameres Antioxidans.

      • Alpha-Liponsäure und Dihydroliponsäure machen freie Radikale verschiedener Art unschädlich (z.B. Superoxid-Radikale, Hydroxyl-Radikale, Hypochlorid-Anionen, Peroxylradikale, Singulett-Sauerstoff) und bilden Chelate mit (Schwer-) Metallen wie z. B. Cadmium, Eisen, Kupfer und Quecksilber. Außerdem bringen sie bereits oxidierte (wasser- und fettlösliche) Antioxidantien, wie z.B. Vitamin C, Vitamin E, Glutathion und Coenzym Q10 in ihre ursprüngliche aktive Form zurück: Dies ist der Grund, weshalb man Alpha-Liponsäure auch als Antioxidans der Antioxidantien bezeichnet.

      • Zudem erhöht Alpha-Liponsäure den intrazellulären Gehalt an Vitamin C, Glutathion, Coenzym Q10 und antioxidativ wirksame Enzyme wie Katalase und Glutathionreduktase.

Cave

  • Zink und Selen nicht gleichzeitig einnehmen, da sie um denselben Aufnahme-Mechanismus konkurrieren.

  • Zwischen der Einnahme von Vit. C und Selen müssen mindestens 2 Std. liegen, da die Selenverbindungen sonst zu nicht resorbierbarem Selen reduziert werden.

Ernährungstherapie (2.21)
Durch die richtige Lebensmittelauswahl (2.21) kann die Aufnahme von Pestiziden, Antibiotika und Zusatzstoffe vermindert und die Umwelt entlastet werden. Zudem sichert eine gesunderhaltende Ernährung die ausreichende Versorgung mit
Vitaminen und Mineralstoffen und schafft die Voraussetzung für ein intaktes Immunsystem. Einzelberichten zufolge ist auch der Ausgleich des Säure-Basen-Haushalts nach Messungen des pH-Werts wegen häufiger Übersäuerung bei Umweltpatienten hilfreich.

Cave

Heilfasten (2.24), v. a. Nullfasten sowie radikale Diäten, sind bei umweltmedizinischen Patienten kontraindiziert, da im Fett gespeicherte lipophile Toxine (z. B. Pestizide, Dioxine) schlagartig mobilisiert werden und eine Verstärkung der Symptome auslösen können.

Aus- und ableitende Heilverfahren (2.6)
Plausible Wirkungen ergeben sich durch die Verbesserung der Mikrozirkulation und Entleerung der Toxindepots im Bindegewebe sowie durch die Immunstimulation. Dem speziell in der Umweltmedizin angewandten ausleitenden Verfahren des Ölziehens liegt die Vorstellung zugrunde, dass sich fettlösliche Schadstoffe in Speisefetten gut lösen und durch die Schleimhäute in schadstofffreie Speiseöle diffundieren. Bisher ist die Methode nicht wissenschaftlich belegt, wird aber von vielen Patienten dankbar angenommen. Auch Knoblauch soll aufgrund seiner Disulfidbrücken im Molekül in der Lage sein, Schwermetalle im Körper zu binden und ihre Entfernung zu beschleunigen.

Praxistipp

Ölziehen wird, wie folgt, durchgeführt:

  • Mehrmals tgl. 1–2 EL Speiseöl 5–10 Min. im Mund behalten, dabei das Öl bewegen und leer kauen. Dann ausspucken.

  • Ölziehen sollte bevorzugt morgens gleich nach dem Aufstehen durchgeführt werden.

Entspannungsverfahren
Besonders bewährt bei Umweltsyndromen haben sich z. B. autogenes Training (2.7), progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (2.47) oder Yoga (Amalgambelastung 7.3.1, Holzschutzmittelsyndrom 7.3.4, MCS 7.3.5, SBS 7.3.6).
Mikrobiologische Therapie (2.37)
Der Sinn einer mikrobiologischen Therapie ist bei Patienten, die an umweltmedizinischen Erkrankungen leiden, aus mehreren Gründen plausibel:
  • Einzelfallberichten zufolge liegt bei vielen Patienten Candida-Befall vor.

  • Wissenschaftlich belegt ist, dass Schwermetalle, wie z. B. Hg, bereits in geringen Konzentrationen die natürliche Darmflora stören.

  • Bei einer Belastung der Niere (viele Umwelttoxine werden renal eliminiert) werden vermehrt Toxine über den Darm ausgeschieden. Diese Ausleitung kann unterstützt werden.

  • Durch positive Wirkung der Symbioselenkung über die Peyer-Plaques auf das darmassoziierte Immunsystem können die häufig bestehenden Probleme im immunologischen Bereich positiv beeinflusst werden.

Immunstimulation mit klassischen Naturheilverfahren
Ausgehend von der Vorstellung, dass das Immunsystem von toxischen Stoffen geschwächt wird, werden verschiedene immunstimulierende Therapieansätze verfolgt, die nicht unumstritten sind. Folgende Verfahren bieten sich an:
  • Phytotherapie (2.46): Eingesetzt werden Sonnenhutzubereitungen (Echinacea purpurea oder angustifolia).

  • Hydrotherapie (2.28) und Eigenbluttherapie (2.15): Wirken als unspezifische Reiztherapie fördernd bzw. ausgleichend auf das Immunsystem.

Merke

Vor Therapiebeginn ist abzuklären, ob eine Allergie vorliegt, in diesem Fall ist die Stimulation kontraindiziert. Das Gleiche gilt bei einer Autoimmunerkrankung.

Therapeutische Apherese
Die therapeutische therapeutische AphereseApherese (TA) – der Begriff bezeichnet Verfahren, Apherese. therapeutischederen Therapieeffekt auf der Elimination von Blutbestandteilen beruht – basiert auf der traditionsreichen Erfahrung von Aderlasstherapeuten in allen Kulturen der Welt. Die heutige Behandlungsform der ChemophereseChemopherese® ist eine besondere Form der hochtechnologischen Plasmareinigung und Immunmodulation Die Blutplasmareinigung (gr. apherein = trennen) hilft dem Körper, sich von schädlichen Eiweißen und Stoffwechselprodukten (z. B. Cholesterin, Phytansäure) oder anderen Giftstoffen (sog. Paraproteine, tumorassoziierte Proteine, zirkulierende Immunkomplexe, Pathoproteine, Haptene) und übersteuerten Entzündungsmolekülen (TNFalpha/Interleukine 1alpha/beta; Interleukin 4/6/8) zu befreien und das deregulierte Neuro-Endokrine-Immunsystem (NEIS) wieder in sein natürliches Gleichgewicht zurückzubringen.

Cave

Die therapeutische AphereseApherese. therapeutische als UmweltaphereseUmweltapherese ist nicht Leistungsinhalt der GKV, da diese bisher nur 3 Diagnosen akzeptieren, sodass momentan nicht alle davon profitieren können.

Die ChemophereseChemopherese® als ein Verfahren der therapeutischen Apherese wird bevorzugt bei akuten und chronisch-progressiven Krankheitsverläufen, bei Belastung mit chemisch definierten Umweltgiften zur Linderung, Remission und ggf. Heilung eingesetzt. Sie kommt bei folgenden Indikationen zur Anwendung:
  • Multiple Chemical Sensivity (MCS 7.3.5), chron. Erschöpfungs-Syndrom (CFS 7.3.3)

  • Toxische Enzephalopathie, toxische Polyneuropathie

  • Fibromyalgie-Syndrom, Mitochondropathie

  • Chron. persistierende Borreliose, Neuroborreliose

  • Morbus Alzheimer

  • Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises

  • Schwere allergische und toxische Hauterkrankungen (z. B. Pemphigus)

  • Kollagenosen, Vaskulitiden

  • Additiv bei komplexer Chemotherapie in der Krebsbehandlung zur Behandlung des sog. Tumorlyse-Syndroms

Merke

Aufgrund der individuell sehr unterschiedlichen Symptomatik umweltassoziierter Erkrankungen muss der Entwicklung neuer Therapiekonzepte in der Umweltmedizin Vorrang eingeräumt werden. Das Vorsorgedenken muss oberstes Prinzip der Umweltmedizin sein.

Die Chemopherese/Therapeutische Apherese ist eine hochindividualisierte Therapieform, die in Dosierung und Applikation dem jeweiligen Patienten individuell angepasst werden muss. Eine Standardtherapie gibt es nicht! Die Therapeutische Apherese muss in ihrer Anwendung exakt bestimmt und vom Facharzt durchgeführt werden.

Umweltmedizinische Problemkreise

Rauchen/Passivrauchen

39% der Männer und 31% der Frauen in Deutschland sind Raucher. In den letzten Jahren nahm die Zahl der Raucher besonders bei den Männern kontinuierlich ab, allerdings gewöhnten sich mehr junge Frauen das Rauchen an. Erfreulicherweise sinkt der Anteil der jugendlichen Raucher seit Jahren und erreichte im Frühjahr 2007 einen historischen Tiefstand von 18%. Laut einer Umfrage in 27 europäischen Ländern aus dem Jahr 2012 sind 28% Raucher (32% der Männer und 24% der Frauen).
Weltweit verursacht Rauchen geschätzte 5 Millionen Todesfälle jährlich.
Aktives Rauchen
Im Tabakrauch wurden bisher 5.000 verschiedene Chemikalien analysiert, von denen 43 als krebserregend eingestuft werden (z. B. Benzo(a)pyren, Dimethylamin, Hydrazin). Im Vergleich zu Nichtrauchern werden durch aktives Rauchen die Mortalitätsraten folgender Erkrankungen signifikant erhöht:
  • Tumorerkrankungen: Tumoren der oberen Atemwege, Lunge, Speiseröhre, Pankreas, Magen, Rektumkarzinome, Blasentumoren

  • Lungenerkrankungen: Lungentuberkulose, Pneumonie, COPD

  • Herz- und Kreislauferkrankungen: ischämische Herzerkrankungen, Myokard-Degeneration, Arteriosklerose, Hypertonie

  • Zerebrovaskuläre Erkrankungen

  • Erkrankungen des Verdauungstrakts: Magen-Ulzera, Leberzirrhose

Merke

Das Shisha-Rauchen erfreut sich in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit. Bezüglich des Gesundheitsrisikos ist es nicht anders zu bewerten als Rauchen, denn auch Shisha enthält Tabak. Shisha-Raucher inhalieren ebenfalls toxische und kanzerogene Chemikalien und Nikotin und können sogar eine besonders hohe Exposition gegenüber Kohlenmonoxid (CO) aufweisen: Die Konzentration dieses Schadstoffes kann nach Mitteilung des Englischen Krebsforschungszentrums bis zu 17-mal höher sein als bei Zigarettenrauchern und eine Kohlenmonoxid-Vergiftung hervorrufen. Auch Shisha-Rauchen erhöht das Risiko an Lungenkrebs zu erkranken um 50%.

Ebenso bedenklich sind elektronische Zigaretten (e-Zigaretten), bei denen Nikotin in einem Aerosol gelöst mithilfe von batteriebetriebenen Geräten aufgenommen wird. Obwohl zahlreiche Raucher der Ansicht sind, E-Zigaretten seien eine Hilfe beim Aufgeben des Rauchens, fehlen bislang Studien bezüglich der Eignung von E-Zigaretten. 2015 haben in einem Positionspapier neun Fachgesellschaften, darunter Pneumologen, Internisten, und Kardiologen von E-Zigaretten als Hilfe zum Rauchstopp abgeraten. Zum selben Urteil kam die U.S. Food and Drug Administration. Zudem werden mit E-ZIgaretten zahlreiche Aromastoffe verdampft, die per se eine Gesundheitsgefahr darstellen können, wie z.B. Irritantien, Lösungsmittel und Karzinogene, wobei die genauen Inhaltsstoffe oft nicht bekannt sind.

Passivrauchen

Merke

Nach Einschätzung des EPA (Environmental Protection Agency, amerikanisches Umweltbundesamt) ist das Risiko, durch Passivrauchen an Lungenkrebs zu erkranken, 57-fach höher als das Krebsrisiko durch alle bekannten Außenluftkarzinogene (z. B. Asbest, Arsen, Benzol und Vinylchlorid), die derzeit von der EPA bewertet werden. Deshalb ist das Passivrauchen ein vorrangiges umweltmedizinisches Innenraumproblem.

⅓ der Bevölkerung lebt in einem Haushalt mit einem Raucher, über 50% der Kinder in Deutschland sind Passivrauch exponiert. Ebenso wie das Aktivrauchen ist auch Passivrauchen mit einem erhöhten Tumor- und Herz-Kreislauf-Risiko verbunden. Epidemiologischen Studien zufolge sind in Deutschland etwa 400 Krebstodesfälle pro Jahr auf die Exposition von Passivrauchern zurückzuführen. Doch auch die Wahrscheinlichkeit für andere Erkrankungen wird erhöht. Betroffen sind v. a. Kinder (Tab. 7.2-1).
Studien zufolge erhöht allein der ärztliche Rat, das Rauchen zu beenden, die Wahrscheinlichkeit einer Abstinenz um 33%. Am erfolgreichsten ist der Rauchverzicht, wenn psychotherapeutische Maßnahmen und medikamentöse Hilfen (z. B. Nikotinersatztherapie) angeboten werden. Dennoch sind die langfristigen Abstinenzquoten wie bei allen Suchterkrankungen niedrig und liegen höchstens bei ca. 23%.
Maßnahmen zum Nichtraucherschutz
In Deutschland ist seit September 2007 das Rauchen in Einrichtungen des Bundes, in öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxis und auf Bahnhöfen und Flughäfen verboten, bzw. auf spezielle Bereiche beschränkt.
Mit der seit dem 1. September 2007 geltenden Fassung des § 10 des Jugendschutzgesetzes wurde die Altersgrenze für den Erwerb von Tabakwaren von 16 auf 18 Jahre angehoben. In mehreren Bundesländern ist ein Rauchverbot auch in Schulen gesetzlich verankert. Seit dem 1. Juli 2008 gilt Rauchverbot in allen Bundesländern. Wie schwer man sich in Deutschland mit Nichtraucherschutz tut, sieht man daran, dass strenge Gesetze von den einzelnen Ländern teils wieder zurückgenommen wurden. So trat z. B. in Bayern 2009 das novellierte „Gesetz zum Schutz der Gesundheit“ in Kraft; seither darf in separaten Nebenräumen von Gaststätten und Diskotheken sowie in getränkegeprägten Einraum-Kneipen mit weniger als 75 Quadratmetern wieder geraucht werden. Allerdings haben Kinder und Jugendliche dort, wo geraucht wird, keinen Zutritt. Insgesamt hinkt Deutschland beim Nichtraucherschutz anderen europäischen Ländern, wie Großbritannien, Spanien oder Italien hinterher: Dass gesetzgeberische Maßnahmen wie ein totales Rauchverbot in Restaurants oder am Arbeitsplatz wirksam sind, zeigt die Situation in Italien: Bereits ein Jahr nach Einführung der Nichtraucherschutzgesetze (z. B. Rauchverbot in allen Gaststätten) haben sich dort 500 000 Menschen das Rauchen abgewöhnt. Auch gesundheitliche Folgen sind sofort erkennbar: Laut Forschungsergebnissen, die in den renommierten Zeitschriften Circulation und Journal of the American College of Cardiology im Jahre 2009 veröffentlicht wurden, haben Rauchverbote in Europa und den USA die Anzahl der Herzinfarkte jährlich um 26% vermindert.
Laut einer Studie der WHO aus dem Jahr 2009 sind weltweit noch immer mehr als 94% der Menschheit nicht durch Gesetze vor Tabakrauch geschützt.

Fremd- und Schadstoffe in Nahrungsmitteln

NahrungsmittelSchadstoffeNahrungsmittelFremdstoffeDie Nahrung ist eine Quelle für Fremd- und Schadstoffe, die auf unterschiedlichstem Weg dorthin gelangen. Dazu zählen Verunreinigungen durch Schimmelpilze und andere Erreger sowie Rückstände aus Landwirtschaft und Viehzucht. Zudem können Zusatzstoffe oder Stoffe, die bei der Zubereitung der Nahrung entstehen, Gesundheitsprobleme erzeugen (Effekte der sog. noch jungen Epigenetik).
Wenn Pflanzen oder Tiere, die am Anfang der Nahrungskette stehen, schwer abbaubare Schadstoffe aufnehmen, ist eine immer stärkere Anreicherung im Verlauf der Nahrungskette möglich (Bioakkumulation). Einige Schadstoffe haben eine sehr hohe Persistenz in der Umwelt (z. B. chlorierte Kohlenwasserstoffe, polychlorierte Biphenyle und Schwermetalle) und reichern sich so in der Nahrungskette an. Das Fleisch von Tieren, die am Ende der Nahrungskette stehen, ist am höchsten belastet. Beispiele für die Belastungen verschiedener Lebensmittel zeigt Tab. 7.2-2.
Unterschieden werden folgende Gruppen von Fremd- bzw. Schadstoffen in Lebensmitteln:
  • Biogene Stoffe: natürliche Stoffe, die während des Wachstums einer Pflanze gebildet werden und gesundheitsfördernd oder schädigend sein können.

  • Mikrobielle Verunreinigungen: entstehen bei Wachstum, Transport, Verarbeitung, Lagerung oder bei der Aufbewahrung von pflanzlichen Lebensmitteln oder in der Haltung von landwirtschaftlichen Nutztieren.

  • Rückstände: Restmengen und/oder Abbauprodukte von Stoffen, die in Landwirtschaft und Viehzucht eingesetzt werden, können in Lebensmitteln verbleiben.

  • anthropogene Verunreinigungen: menschengemachte Verunreinigungen gelangen über die Umwelt unbeabsichtigt in Lebensmittel; z. B. Stoffe, die u. a. von Betrieben, Haushalten, Landwirtschaft und Verkehr abgegeben werden.

Biogene Stoffe
Pflanzen enthalten sowohl gesundheitsfördernde Stoffe (z. B. Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe) als auch gesundheitsschädliche Stoffe, die auch als biogene Toxine bezeichnet werden. Bekannte biogene Toxine sind:
  • Solanine der Nachtschattengewächse: z. B. in grünen Kartoffeln und unreifen Tomaten, Vergiftungssymptome sind Brennen im Hals, Kopfschmerzen und Durchfälle

  • Blausäurehaltige Glykoside: z. B. in Leinsamen, bitteren Mandeln und den Kernen von Steinfruchtarten; unter Einwirkung von Darmbakterien wird aus ihnen Blausäure freigesetzt; Vergiftungsgefahr ist jedoch – außer bei sehr einseitiger Ernährung – sehr gering

  • Goitrogene: v. a. in Kohl- und Krautarten, begünstigen bei gleichzeitigem Jodmangel eine Schilddrüsenvergrößerung

Mikrobielle Verunreinigungen
Nahrungsmittelmikrobielle VerunreinigungenAlle nachfolgend genannten Probleme sind die Folge intensiver und nicht artgerechter Tierhaltung.
BSE
Die Bovine Spongiforme Enzephalopathie (BSE)bovine Spongiforme Enzephalopathie (BSE) ist eine Erkrankung des Nervensystems mit Absterben von Gehirn- und Nervenzellen, Verhaltens- und Bewegungsstörungen. Die Übertragbarkeit auf den Menschen gilt als wahrscheinlich. Von der neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit (nvCJK) sind v. a. junge Patienten (25.–42. Lj.) betroffen. Als Auslöser der BSE vermutet man einen äußerst stabilen und hitzebeständigen Eiweißstoff (Prion). Tierversuche und Befunde an Erkrankten legen nahe, dass genetische Cofaktoren für BSE und nvCJD vorhanden sein müssen, damit die Krankheit ausbricht. Muskelfleisch sowie Gelatine gelten als Gewebe mit geringer Infektiosität. Höher ist die Infektiosität von Knochenmark und Lymphgewebe, am höchsten diejenige von Gehirn.
Im Jahr 2000 gab es den ersten deutschen BSE-Fall, seither gilt ein totales Fütterungsverbot von Tiermehl. Seit dieser Zeit muss in der gesamten EU spezifiziertes Risikomaterial (SPR) – nämlich Lymphorgane und ZNS von Wiederkäuern – obligat nach der Schlachtung vernichtet werden. Seitdem gibt es auch eine BSE-Überwachung bzw. die Überwachung BSE-ähnlicher Erkrankungen bei Schafen und Ziegen.
Die BSE-Inzidenz ist in der EU insgesamt rückläufig. Zusätzlich zu den Zwangstests für alle Tiere, die BSE-Symptome aufweisen, sind in Deutschland seit dem 1. Januar 2001 Schlachtkörper-Schnelltests an allen Rindern vorgeschrieben, die älter als 30 Monate sind. BSE wird abnehmen bzw. voraussichtlich bald verschwinden, da die Verfütterung von Tiermehl seit Juli 1994 europaweit verboten ist und so der Hauptinfektionsweg nicht länger besteht. Der Fall BSE zeigt, wie erfolgreich konsequent durchgeführte seuchenhygienische Maßnahmen sind. Waren im Jahr 2001 126 Rinder in Deutschland BSE-positiv, so sank diese Zahl seither kontinuierlich. Im Jahr 2010 gab es in Deutschland bei über einer Million durchgeführten Tests erstmals kein BSE-positives Rind mehr.
EHEC
Enterohämorrhagische E. coli (EHEC)enterohämorrhagische E. coli (EHEC) sind eine Untergruppe der Darmbakterien Escherichia coli mit humanpathogenen Eigenschaften. Als Infektionsquelle kommen Rohmilch, rohes Fleisch sowie pflanzliche Lebensmittel infrage, die mit Tierdung gedüngt wurden. Ein Krankheitsausbruch ist stark altersabhängig: 58% der vor 2011 beobachteten Erkrankungen fielen auf die Altersgruppe von Kindern zwischen 0–4 Jahren. Falls Symptome nach einer EHEC-Infektion auftreten, handelt es sich meist um schmerzhafte und blutige Durchfälle, die meist nach 6–10 Tagen ausheilen. Allerdings kann bei einigen Betroffenen und bei ca. 25% der Vorschulkinder das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) auftreten, das mit Blutungen, Zerstörung roter Blutkörperchen und Nierenschäden bis hin zum Nierenversagen einhergeht und letal enden kann.
Die Inzidenz von EHEC steigt, im Jahr 2010 wurden in Deutschland insgesamt 918 EHEC-bedingte Durchfallerkrankungen gemeldet. Von Mai bis Juli 2011 ereignete sich eine EHEC-Epidemie in Deutschland, die durch fäkal kontaminierte Bockshornklee-Sprossen aus Ägypten hervorgerufen wurde. Besonders Norddeutschland war hiervon betroffen. Insgesamt wurden dem Robert-Koch-Institut 855 Erkrankungen an HUS und 2.987 Falle von akuter Gastroenteritis übermittelt, die dem Ausbruch zugerechnet werden konnten; darüber hinaus infizierten sich auch mehr als 100 Touristen aus anderen Ländern, die sich im Inkubationszeitraum in Deutschland befanden. Unter den HUS-Patienten verstarben 35 (4,1%) und unter den EHEC-Patienten mit Gastroenteritis 18 (0,6%). Die Epidemie unterschied sich deutlich von früher beobachteten EHEC-Infektionen, da Erwachsene, v. a. Frauen – und nicht Kleinkinder – betroffen waren. Es handelt sich um den bisher größten Krankheitsausbruch durch EHEC-Infektionen in Deutschland und bezogen auf die Anzahl der HUS-Falle um den größten weltweit beschriebenen Ausbruch. Auch hier hatte sich die Therapeutische Apherese als wirksam (7.1.4) erwiesen.
Diese Epidemie hatte auch deutliche wirtschaftliche Auswirkungen. So mussten beispielsweise große Teile der Gurken-, Salat- und Tomatenernte vernichtet werden, die ursprünglich zu Unrecht als Auslöser der Epidemie vermutet wurden. Die EU leistete Bauern 210 Millionen € Entschädigungszahlungen, was den Verlust jedoch in keiner Weise ausgleichen konnte.

Merke

  • Bei einer EHEC-Infektion ist die Gabe von Antibiotika kontraindiziert, da hierdurch die Freisetzungsrate des Bakterientoxins erhöht wird.

  • Der wirkungsvollste Schutz vor einer EHEC-Infektion besteht in einer Erhitzung der rohen Lebensmittel (> 70 °C für 10 Min.). Diese Vorgehensweise ist v. a. bei kleinen Kindern, alten Menschen und Immunsupprimierten angezeigt.

Gammelfleisch
GammelfleischSeit den Jahren 2005 und 2006 ereigneten sich zahlreiche Fleischskandale. In einigen fleischverarbeitenden Betrieben war (ist) es Usus, bereits verdorbene und abgelaufene Ware abzuwaschen, offensichtlich verdorbene Stellen abzuschneiden, neu in Folie zu verpacken und mit einem neuen Mindesthaltbarkeitsdatum zu versehen. Das Wort „Gammelfleisch“ – eine sprachliche Neubildung – wurde in dieser Zeit geprägt: Gammelfleisch ist letztlich verdorbene Ware und dem Bereich der mikrobiologischen Kontamination zuzurechnen. Neben vergammeltem Hackfleisch, Geflügel, Döner-Spießen und Wild wurden in Bayern jahrelang nicht zum menschlichen Verzehr geeignete Schlachtabfälle umetikettiert und in den Handel gebracht. Dabei kann optisch nicht zwischen Frisch- und Gammelfleisch unterschieden werden: Durch Begasung mit Sauerstoff erhält Gammelfleisch eine „appetitlich“ rote Farbe.
Im November 2006 wurden auch erstmals tonnenweise Gammelfisch sichergestellt. Immer wieder werden Gammelfleischskandale (z. B. 2010 bei Rindfleisch) aufgedeckt. Inzwischen stehen einige Testverfahren kurz vor Marktreife, z. B. ein Scanner und ein Amperemeter, mit dem der Verbraucher Gammelfleisch erkennen kann.
Obwohl Gammelfleisch zwar nicht für den menschlichen Verzehr geeignet und widerwärtig ist, ist die gesundheitliche Gefährdung eher gering. Da es sich meist um Tiefkühlware handelte, konnte keine nennenswerte Vermehrung von Mikroorganismen stattfinden. Der widerliche Geruch und Geschmack beruht oft auf dem Ranzigwerden der im Fleisch enthaltenen Fette, falls das Fleisch zu lange gefroren wurde. Werden Fleischwaren allerdings mehrfach an- bzw. aufgetaut und erneut eingefroren, kann es zu einer massiven Keimbelastung führen.
Das Problem „Gammelfleisch“ wird vermutlich noch an Bedeutung gewinnen, in den seltenen Fällen, in denen Verantwortliche verurteilt wurden, waren die Haftstrafen sehr gering (3–4 Jahre).
Campylobacter-Infektionen
Campylobacter-InfektionenDie Campylobacteriose ist wahrscheinlich die weltweit häufigste bakterielle Durchfallerkrankung, die von den thermophilen Campylobacter-Arten Campylobacter jejuni (in ca. 95%) und Campylobacter coli (in ca. 5% d. Fälle) ausgelöst wird.
Als Erregerreservoir gelten Nutztiere (z. B. Huhn, Geflügel, Schwein, Rind) sowie von diesen gewonnene kontaminierte Lebensmittel, v. a. Fleisch, Innereien bzw. Milch und Milchprodukte, die nicht oder nur unzureichend erhitzt konsumiert werden. In Entwicklungsländern spielt zudem kontaminiertes Trinkwasser eine wichtige Rolle.
Obwohl Campylobacter jejuni/coli deutlich empfindlicher gegenüber Umwelteinflüssen sind als Salmonellen, können die Keime besonders auf feuchten Oberflächen (z. B. Schlachtgeflügel) mehrere Wo. überleben. Zudem ist die für eine Infektion erforderlich Keimmenge mit 500–1.000 Keimen sehr gering. Daher sind auch Übertragungen von Mensch zu Mensch (in der Familie, Kindergärten, Pflegeheimen) bzw. von Haustieren (bes. häufig junge Katzen) zu Mensch möglich.
Wie bei der Salmonellose bietet gute Küchenhygiene die beste Prävention vor der Erkrankung. Besonders gefährlich ist eine Kontamination durch Tauwasser von Fleisch.
Salmonellen
SalmonellenSalmonelleninfektionen treten v. a. häufig bei intensiver Geflügelhaltung auf. Kontaminiertes Geflügelfleisch sowie Eier und Eiprodukte, jedoch auch Fisch und Hackfleisch sind am häufigsten Ursache einer Salmonelleninfektion beim Menschen. Insgesamt waren 9,6% des untersuchten Geflügelfleisches mit Salmonellen kontaminiert.
In Deutschland wurden im Jahr 2014 insgesamt 16.222 Salmonella-Erkrankungen gemäß IfSG an das RKI übermittelt. Typischerweise besteht im Spätsommer ein Erkrankungsgipfel. Die höchsten altersspezifischen Inzidenzen treten bei Kindern unter 10 Jahren auf, mit einem Maximum bei Kleinkindern. Todesfälle durch Salmonellose sind in Deutschland selten.
Die Infektionsdosis für den erwachsenen Menschen liegt bei 104–106 Keimen. Befinden sich Salmonellen in stark fetthaltigen Lebensmitteln (z.B. Käse, Schokolade, Salami), in Gewürzen oder besteht eine besondere Disposition, z.B. Abwehrschwäche, wie bei Säuglingen, Kleinkindern, alten Menschen, sind Erkrankungen bereits bei Infektionsdosen unter 102 Keimen beobachtet worden.
Eine gute Küchenhygiene bietet die beste Prävention vor der Erkrankung. Hühnerfleisch muss vollständig durchgebraten sein, Cremes nicht mit rohen Eiern zubereiten, sondern die Eier im Wasserbad auf 70 °C erhitzen. Gefahr droht auch durch Tauwasser von Tiefkühlhähnchen, wenn diese kontaminierten Nahrungsmittel roh gegessen werden (z. B. Salat). Produkte aus bäuerlichen Kleinbetrieben sind seltener mit Salmonellen kontaminiert.
Schimmelpilze
SchimmelpilzeIn verdorbenen Nüssen, Getreide, Futtermitteln, Fleisch und Milch können sich Aspergillus flavus und andere Pilze vermehren, die das hepatotoxische und kanzerogene Aflatoxin bilden. Reis, Getreide und Futtermitteln können auch mit Ochratoxin, das von Aspergillus- und Penicilliumarten gebildet wird, kontaminiert sein. Ochratoxin ist hepato- und nephrotoxisch.
Rückstände
NahrungsmittelRückständeRestmengen und/oder Abbauprodukte von Stoffen, die in Landwirtschaft und Viehzucht eingesetzt werden, können in Lebensmitteln verbleiben. Während in Lebensmitteln pflanzlicher Herkunft hauptsächlich Pestizid- und Düngemittelrückstände nachgewiesen werden, überwiegen bei Lebensmitteln tierischer Herkunft Rückstände von Futtermittelzusatzstoffen und Arzneimitteln, v. a., wenn die vorgeschriebenen Wartezeiten nicht eingehalten werden.
2011 verarbeitete ein Futtermittelhersteller in Norddeutschland dioxinbelastetes Futterfett, wodurch verseuchtes Futter in die Mastanlagen von Schweine- und Hühnerzüchtern gelangten. Die zulässigen Grenzwerte für Dioxin wurden um bis zu dem 80-fachen überschritten.

Merke

In Milch, Eiern und fettem Fleisch akkumulieren Chlorkohlenwasserstoffe, PCB und Dibenzodioxine und -furane.

Hormonbehandlungen lebensmittelliefernder Tiere, wie sie in USA und Kanada üblich sind, sind europaweit verboten. Lebensmittel werden in Stichproben – im Rahmen des Monitorings des Bundesinstituts für den gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) – auf ihren Schadstoffgehalt überprüft. Auch die Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) veröffentlicht Zusammenfassungen der staatlichen Lebensmittelüberwachung.
Im Juli 2002 fand ein vom Frankfurter Verbrauchermagazin ÖKO-TEST beauftragtes holländisches Labor Rückstände des krebserregenden Antibiotikums Nitrofuran in „Chicken Nuggets“. Das äußerst bedenkliche Mastmittel ist in der EU bereits seit 1993 verboten, wurde aber bei Stichproben in mehr als 10% der Hähnchenimporte aus Übersee in die EU nachgewiesen. Im vorliegenden Fall stammte das Nitrofuran aus einer Massentierhaltung aus Brasilien. Nitrofuran wurde mehrfach in Geflügelfleisch und Shrimps aus Thailand nachgewiesen. Im Jahr 2009 wurde mehrfach Nitrofurazon in Garnelen gefunden. Shrimps, Garnelen und Fisch aus Aquakultur sind besonders betroffen, besonders aus den Ländern Indien, Brasilien, China, Thailand sowie aus Bangladesch.
Anthropogene Verunreinigungen
Nahrungsmittelanthropogene VerunreinigungenAnthropogene Verunreinigungen sind Kontaminationen von Lebensmitteln mit Rückständen von Pflanzenbehandlungs- und Tierarzneimitteln sowie Verunreinigungen, die durch den Menschen (z. B. polychlorierten Biphenylen, Dioxinen, leichtflüchtigen Kohlenwasserstoffen, toxischen Spurenelementen) oder sonstige Umweltchemikalien verursacht wurden. Die Überwachung auf Rückstände von Tierarzneimitteln und Hormonen –– ein wesentlicher Bestandteil des gesundheitlichen Verbraucherschutzes – obliegt in Deutschland den Ländern. Das Untersuchungsspektrum anthropogener Verunreinigungen umfasst:
  • Natürliche Hormone (z. B. Östradiol, Testosteron)

  • Synthetische Hormone (z. B. Stilbene, Trenbolon, Boldenon)

  • β-Agonisten (z. B. Clenbuterol, Salbutamol)

  • Thyreostatika (z. B. 2-Thiouracil, Tapazol)

  • Kortikosteroide (z. B. Betamethason, Dexamethason, Flumethason)

  • Tranquilizer (z. B. Azaperon/Azaperol)

  • Nitrofurane (Metaboliten) und Nitroimidazole

  • NSAID (nichtsteroidale Entzündungshemmer)

  • Antiparasitika (Avermectine, Benzimidazole, Levamisol)

  • Kokzidiostatika (z. B. Polyetherantibiotika)

  • Antibiotika und Chemotherapeutika (Tetrazykline, Chinolone, Sulfonamide, Penicilline, Aminoglykoside, Makrolide)

Beispiel einer anthropogenen Verunreinigung von Lebensmitteln war der Skandal um Nitrofen, der auch den Biomarkt erschütterte. Für Nitrofen, ein sehr persistentes Getreideherbizid, besteht in den alten Bundesländern seit 1988 und in den neuen Bundesländern seit 1990 ein vollständiges Anwendungsverbot. Dieses Verbot wurde Anfang 2010 durch die Verordnung (EU) 37/2010 EU-weit übernommen. Durch eine Lagerhalle, die zu DDR-Zeiten als Pestizidlager gedient hatte, kam es zur Nitrofen-Verunreinigung von Öko-Getreide. Im Tierversuch zeigt Nitrofen eine krebserregende Wirkung, außerdem steht es im Verdacht, auf das Endokrinium einzuwirken. Darüber hinaus verursacht es experimentell bei Embryos Lungenfehlbildungen. Zur Wirkung beim Menschen gibt es derzeit keine toxikologischen Daten. Ähnliche Lebensmittelskandale kommen leider in regelmäßigen Abständen in Europa trotz strenger Kotrollen vor.

Zusatzstoffe und Reaktionsprodukte in Lebensmitteln

Zusatzstoffe
NahrungsmittelZusatzstoffeZusatzstoffe – Konservierungsstoffe, Antioxidanzien, Bleichmittel und Farbstoffe, Geschmacks- und Aromastoffe, Emulgatoren und Dickungsmittel, Fruchtbehandlungsmittel – werden Lebensmitteln aus ökonomischen und psychologischen Gründen bei der Gewinnung, Herstellung, Verarbeitung oder Zubereitung zugesetzt. Nicht alle Zusatzstoffe sind gesundheitlich unbedenklich. Sie können jedoch bei Personen oder Bevölkerungsgruppen mit besonderer Empfindlichkeit gegenüber spezifischen chemischen Stoffen Gesundheitsprobleme hervorrufen: Der Geschmacksverstärker ASL-Glutamat führt bei einigen Personen zu Taubheitsgefühl im Nacken, Herzklopfen, Schwächegefühl und Kopfschmerzen (sog. China-Restaurant-Syndrom); das Verdickungsmittel Carrageen steht im Verdacht, in größeren Mengen die Darmschleimhaut zu schädigen, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit für ein Dickdarmkarzinom erhöht.
Zusätzlich zu den in der EU seit 1997 zugelassenen und mit E-Nummern kennzeichnungspflichtigen 296 Lebensmittelzusatzstoffen gibt es Zusatzstoffe, die nur als Gruppe oder gar nicht deklariert werden müssen. Dazu zählen mehrere Tausend Aromastoffe, die als synthetische, naturidentische oder natürliche Aromen zu kennzeichnen sind.
Reaktionsprodukte
  • NahrungsmittelReaktionsprodukteReaktionsprodukte entstehen natürlicherweise, wenn der Mensch Lebensmittel bearbeitet. Z. B. die beim Grillen oder Braten von Fleisch neu gebildeten heterozyklischen Amine, polyzyklischen Aromate, Nitro- und Nitrosoverbindungen (7.4.11), die als karzinogen gelten sowie das beim hohen Erhitzen von Kohlenhydraten entstehende Acrylamid, oder die v. a. bei der Härtung von Fetten entstehenden Transfettsäuren.

  • Unerwünschte Reaktionsprodukte werden durch physikalische Konservierungsverfahren wie etwa Bestrahlung gebildet.

  • Eiweißstoffe können in gentechnisch veränderten Mikroorganismen, Pflanzen oder Tieren gebildet werden.

Acrylamid
AcrylamidDie Diskussion um Acrylamid wurde im Juli 2002 entfacht, nachdem eine Behörde in zahlreichen Lebensmitteln erhöhte Konzentrationen der krebserregenden Substanz nachwies. Acrylamid entsteht bei hoher Erhitzung infolge einer komplizierten chemischen Reaktion (Maillard-Reaktion) zwischen einem Zucker- (Glukose) und einem Eiweißbaustein (Asparagin). Heute wird davon ausgegangen, dass sich Acrylamid schon immer in stark erhitzten, kohlenhydratreichen Lebensmitteln bildete. Durch eine verbesserte Analytikmethode wurde es erst jetzt möglich, die genaue Belastung in Lebensmitteln zu analysieren.
Hohe Acrylamidkonzentrationen wurden gefunden in:
  • Kartoffelchips (2.300 µg/kg), Pommes frites (1.100 µg/kg), Rösti (4.500 µg/kg), Kartoffelkroketten

  • Knäckebrot (1.900 µg/kg)

  • Kleingebäck (Mürbgebäck, Spritzgebäck)

Acrylamid wird als wahrscheinlich krebsauslösend und erbgutschädigend für den Menschen eingestuft. Völlig uneins sind sich die Experten allerdings darüber, wie viele mögliche Krebsfälle durch die Aufnahme von Acrylamid entstehen können. Das Krebsrisiko durch Acrylamid schwankt zwischen 700 und 10.000 Krebsfällen pro einer Million Menschen. Aktuelle Studien geben eher Entwarnung: Einer im Jahr 2011 veröffentlichten Metaanalyse zufolge besteht allenfalls zwischen einer erhöhten Acrylamidaufnahme und der Entwicklung von Nierenkarzinomen eine positive Korrelation. Auch in einer großen Studie aus Holland fand sich kein Zusammenhang zwischen Krebsinzidenz und der erhöhten Aufnahme von Acrylamid.
Aufgrund Ihres Ernährungsverhaltens nehmen folgende Personen zu hohe Acrylamidmengen auf:
  • Kinder und Jugendliche: Sie verzehren oft sehr viele gebratene und frittierte Lebensmittel. Ihre Acrylamidaufnahme liegt oft höher als die der Erwachsenen und das bei einem zugleich geringeren Körpergewicht.

  • Starke Kaffeetrinker: Wer täglich 1 l Kaffee trinkt, nimmt ca. 25 µg/d Acrylamid auf.

  • Menschen, die häufig Pommes frites oder Chips verzehren: Der Konsum von etwa 50 g/d Pommes frites bzw. 17 g/d Chips bedeutet eine Aufnahme von ca. 30 µg/d Acrylamid.

Praxistipp

Hohe Acrylamidgehalte können durch folgende Zubereitungstipps vermieden werden.

  • Pommes frites oder Kartoffelkroketten im Backofen so kurz wie möglich garen, d. h. nur so lange, bis die Produkte gar und goldgelb sind.

  • Bei Kartoffelprodukten auf niedrige Gartemperaturen achten, d. h. max. 200 °C bei Ober- und Unterhitze, max. 180 °C bei Umluft und max. 175 °C bei Zubereitung in der Fritteuse.

  • Kartoffeln nach dem Schälen und Zerkleinern vor der Weiterverwendung wässern, um ein Teil des Zuckers, der Ausgangsstoff für die Bildung von Acrylamid, herauszulösen.

  • Bratkartoffeln aus gekochten Kartoffeln zubereiten.

  • Beim Backen von Brot und Gebäck zu starke Bräunung vermeiden, z. B. mit Backpapier.

  • Großvolumige Gebäcke haben weniger hohe Acrylamidgehalte als Kleingebäck.

  • Bei Mürbe- und Spritzgebäck Ofentemperaturen von mehr als 190 °C vermeiden.

Transfettsäuren
TransfettsäurenTransfettsäuren sind ungesättigte Fettsäuren mit einer oder mehreren Doppelbindungen in trans-Konfiguration. Sie entstehen natürlich und v. a. durch lebensmitteltechnologische Prozesse.
  • In der Natur entstehen Transfettsäuren durch Mikroorganismen aus dem Pansen von Wiederkäuern, welche dort Fettsäuren aus der aufgenommenen Nahrung hydrieren. Deshalb enthalten Milch sowie das Depotfett von Wiederkäuern Transfettsäuren, wie z. B. die trans-Vaccensäure.

  • Eine mengenmäßig größere Rolle spielt die Lebensmitteltechnologie: Hier werden Fette hydriert, um deren Textur und Stabilität zu verbessern (Fetthärtung), z. B. bei der Herstellung von Margarine, aber auch bei der industriellen Fertigung von Backwaren. Darüber hinaus können Transfettsäuren durch starkes Erhitzen von Ölen und Fetten entstehen.

Inzwischen bemüht sich die Industrie um eine Verringerung der Transfettwerte: Erbrachte eine Studie aus den 1990er-Jahren noch eine Schwankungsbreite von 1–17% Transfettsäuren in Margarine, so enthält diese – neueren Analysen zufolge – nur noch 1–2%.
Eine an Transfettsäuren reiche Ernährung erhöht die LDL-Cholesterinfraktion im Blut und senkt das HDL-Cholesterol im Vergleich zu einer Ernährungsweise, die reich an einfach und mehrfach ungesättigten cis-Fettsäuren ist. Das Verhältnis von Gesamtcholesterol zu HDL-Cholesterol wird bei einer transfettsäurereichen Ernährung erhöht, was einen Risikofaktor für koronare Herzkrankheiten (KHK) darstellt. Zudem steigen der Nüchternspiegel von Triglyzeriden sowie die Lipoprotein-a-Konzentration. Beide Parameter sind unabhängige etablierte Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen.
Interventionsstudien und Kohortenstudien dokumentieren, dass bei einer höheren Aufnahme von Transfettsäuren das Risiko, an Dyslipoproteinämien sowie KHK zu erkranken, erhöht ist.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, den Verzehr von Transfettsäuren möglichst zu begrenzen. Erwachsene sollen nicht mehr als 2– /d Transfettsäuren zu sich nehmen. In Dänemark gibt es sogar gesetzlich festgelegte Obergrenzen für den Transfettsäurengehalt in Lebensmitteln. Im Bundesstaat New York, Philadelphia und Kalifornien sind diese Fette in der Lebensmittelproduktion verboten. In Deutschland gibt es verbindliche Grenzwerte für Transfettsäuren nur für Säuglingsnahrung (< 4% des gesamten Fettgehalts) sowie für Olivenöl.

Praxistipp

Die Aufnahme von Transfettsäuren lässt sich durch folgende Maßnahmen vermeiden.

  • Wenig frittierte und Fertigprodukte verzehren.

  • Beim Kauf von Fertigproduktion auf die Deklaration „gehärtete Fette“ achten, und diese vermeiden.

  • Öle mit mehrfach ungesättigten Fetten wie Linol- und Linolensäure nicht zu stark erhitzen.

  • Generell Produkte wie Pommes frites, Blätterteig und Kleingebäck mit Zurückhaltung verzehren.

  • Beim Verzehr von Margarinen Diätmargarinen wählen, welche keine Transfettsäuren enthalten sollen.

Merke

Die Fehlernährung hat die weitaus größte Bedeutung bei der Krankheitsentstehung: In den Industriestaaten wird zu viel, zu fett, zu süß und zu salzig gegessen.

Gentechnik
GentechnikErgänzend zur konventionellen Züchtung wird heute bei allen relevanten Nutzpflanzen die Gentechnik eingesetzt, z. B. um Resistenzgene gegen Schädlingsbefall auf Pflanzen zu übertragen. Auch in der Milchwirtschaft, Back- und Brauindustrie sowie bei der Herstellung von Fleisch- und Wurstwaren kommen gentechnisch veränderte Mikroorganismen, aber auch gentechnisch erzeugte Enzyme zur Anwendung. Von gentechnischen Verfahren erhoffte man sich positive Auswirkungen, z. B. einen geringeren Pestizid- oder Herbizidbedarf für gentechnisch veränderte und somit gegenüber Schädlingen resistenten Pflanzen. Allerdings gibt es immer mehr Belege für unerwünschte ökologische und medizinische Probleme.
  • So ist bei der Integration von Antibiotika-Resistenzgenen als Markergenen in Pflanzen eine Zunahme resistenter Bakterienstämme zu befürchten. Denn integrierte Insektizidgene wirken nicht nur auf Schädlinge, sondern auch auf Nützlinge: Der Gen-Mais „Mon 810“ wurde vom Bundesamt für Verbraucherschutz mit einem vorläufigen Handelsverbot belegt, weil Studien gezeigt hatten, dass das BT-Toxin in der Maispflanze nicht nur den Maiszüngler bekämpft, sondern auch negativ auf Schmetterlinge, Ameisen, Spinnen und andere wichtige Nützlinge wirkt. Zudem ist aus den USA bekannt, dass sich auch nach dem Anpflanzen genmanipulierter resistenter Pflanzen rasch neuartige Resistenzen ausbilden. Dies zeigte eine Gen-Soja-Pflanze: Zwar wurden in der ersten Zeit tatsächlich weniger Herbizide benötigt, allerdings bildeten sich nach einiger Zeit immer mehr resistente Unkräuter, sodass der Bedarf an Herbiziden und Insektiziden heute höher als vor Einführung des Gensojas ist.

  • Ein weiteres Problem der Gentechnik ist, dass ihre Auswirkungen praktisch nicht zu begrenzen sind: Da der Flugradius von Honigbienen mehrere Kilometer beträgt, wurden in Honig wiederholt Kontaminationen mit gentechnisch veränderten Pollen nachgewiesen. Der Europäische Gerichtshof fällte 2011 ein Urteil, das Auswirkungen auf den gesamten europäischen Honigmarkt und den Gentechnik-Anbau haben wird: Demnach ist Honig, der mit gentechnisch veränderten Pollen verunreinigt wurde, nicht verkehrsfähig. Honig oder Nahrungsergänzungsmittel, in denen sich auch nur geringe Rückstände gentechnisch veränderter Pollen finden, dürfen nur noch mit Zulassung auf den Markt gebracht werden. Geklagt hatte ein Imker, in dessen Honig Spuren des genmanipulierten Maises der Sorte Monsanto 810 nachgewiesen wurde.

  • Als problematisch wird auch das allergene Potenzial neu eingeführter Genprodukte gesehen (z. B. Expression eines Fischproteins in anderen Lebensmitteln).

Merke

  • Seit 18.4.04 gelten in der EU neue Vorschriften zur Kennzeichnung von Lebens- und Futtermitteln, die gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthalten. Auf der Packung muss in der Zutatenliste hinter dem Stoff oder in der Fußnote die Formulierung stehen: „enthält gentechnisch verändertes …“ oder „gentechnisch verändert“, falls der GVO-Anteil 0,9% der jeweiligen Zutat enthält.

  • In Europa gibt es inzwischen Freilandversuche mit zahlreichen gentechnisch veränderten Pflanzen, neben Mais z. B. Kartoffeln, Raps und Zuckerrüben. Nähere Informationen unter www.transgen.de

Praxistipp

Um die Zufuhr belasteter Nahrungsmittel zu begrenzen, sind folgende präventive Maßnahmen sinnvoll.

  • Eine abwechslungsreiche Ernährung bietet zugleich einen guten Schutz vor einer zu hohen Schadstoffaufnahme, wie z B. Acrylamid.

  • Schutz vor mikrobieller Verunreinigung durch Salmonellen und EHEC bieten eine gute Küchenhygiene und die ausreichende Erhitzung von Lebensmitteln.

  • Heimische Produkte aus Bioanbau oder zumindest von bäuerlichen Kleinbetrieben sind zu bevorzugen, da hier die Gefahr mikrobieller Verunreinigung und einer Belastung mit Schadstoffen (z. B. Nitrofuran) geringer ist. So zeigte eine Untersuchung an Kleinkindern, dass Kinder die zu 75% aus Bioobst und Biogemüse ernährt werden, eine 6-fach geringere Urinausscheidung an Pestizidmetaboliten aufweisen als konventionell ernährte Kinder. Heimische Produkte sind auch aus ökologischen Gründen zu bevorzugen, da der Transport von Lebensmitteln aus Übersee nicht sinnvoll ist.

  • Zusatzstoffe können am besten durch den weitestgehenden Verzicht auf Fertigprodukte vermieden werden. Diese sind auch aus ernährungsphysiologischer Sicht ungünstig (zu fett, zu salzig).

Textilien

SchadstoffeTextilienÜber die Kleidung kommt die Haut mit den unterschiedlichsten Fasern, in ihnen befindlichen Rückständen und mit verschiedensten Textilveredelungsmitteln in Berührung. Die Textilveredelung dient dazu, die optischen und Gebrauchseigenschaften der Bekleidung zu verbessern. Sie werden sämtlichen Textilfasern zugesetzt. Schätzungen zufolge werden dafür bis zu 600 Wirkstoffe eingesetzt, die meisten sind nicht toxikologisch untersucht.

Merke

Als problematisch gelten organische Lösemittel, Schwermetalle wie Chrom, Nickel und Kobalt und Formaldehyd. Bereits Faserrohstoffe sind mit Schadstoffen belastet.

Baumwolle
Baumwolle, SchadstoffeSie macht mit 53% den größten Faserrohstoffanteil aus. Der Anbau erfolgt mit großem Einsatz von Düngemittel, Pestiziden (7.4.13) und Entlaubungsmitteln. Probleme entstehen v. a. in den Ursprungsländern, weil durch die Verarbeitungsschritte die Schadstoffe stark reduziert werden. Problematischer ist, dass in Baumwolle bis zu 30% des Gewichtsanteils an Textilveredelungsmitteln bestehen bleiben können. V. a. Unterwäsche und Strümpfe sind oft mit antimikrobiellen Stoffen ausgestattet.
Wolle
In Wolle befinden sich Rückstände von Insektiziden (7.4.13) und Akariziden, weil die Schafe zum Schutz gegen Ektoparasiten damit behandelt werden. Die Rückstände sind relativ gering. Die häufig beobachteten Hautirritationen, v. a. von Atopikern, sind auf die Wollfasern an sich zurückzuführen und nicht Ausdruck einer Schadstoffbelastung.
Kunstfasern
Kunstfasern, SchadstoffeDer Kunstfaseranteil an Bekleidungsstücken beträgt fast 50%. Bei ihrer Produktion werden teils schwermetallhaltige Katalysatoren und Stabilisatoren eingesetzt, von denen geringe Rückstände in den Fasern verbleiben. Relativ häufig treten Allergien auf dunkle Dispersionsfarbstoffe auf, die z. B. zur Färbung von Strümpfen verwendet werden.
Seit 2000 wurden wiederholt in diversen Fußballtrikots, anderen Sportbekleidungen und Matschhosen für Kinder, Organozinnverbindungen, und hier v. a. Tributylzinn (TBT), nachgewiesen. Die Substanzen werden wegen ihrer bakteriziden Wirkung verwendet. Bis heute ist kein verbindlicher Grenzwert definiert. TBT ist antiöstrogen wirksam und kann die geschlechtsspezifische Entwicklung von Mädchen stören.
Leder
Leder, SchadstoffeLeder wird gegerbt, gefärbt und in manchen Fällen auch konserviert. Rückstände dieser Verarbeitungsschritte können im Leder enthalten sein. V. a. problematisch sind folgende Substanzen:
  • Chrom VI: Rückstände dieses Karzinogens können enthalten sein, wenn diese Substanz bei bestimmten Produktionsverfahren aus dem zum Gerben verwendeten Chrom III entsteht. In Deutschland gilt ein strenger TRK-Wert (7.1.2), der Rückstände verbietet. Der Wert wird jedoch nur stichprobenartig kontrolliert.

  • PCP: In vielen tropischen Ländern wird PCP zur Konservierung von Leder verwendet. PCP wird von der Haut gut resorbiert. Seine Verwendung ist in Deutschland verboten. Für Importware gibt es zwar einen Grenzwert von 5 ppm, der allerdings nur stichprobenartig kontrolliert und häufig weit überschritten wird.

Praxistipp

  • Neu gekaufte Textilien vor dem Gebrauch mindestens einmal waschen. So verringert sich z. B. der Formaldehydgehalt deutlich.

  • Waren kaufen, die mit einem Prüfzeichen versehen sind (z. B. internationales Gütesiegel Naturtextil, hat strengste Kriterien; Öko-Text Standard 100).

  • Allergiker sollten keine dunkel gefärbten Textilien aus Kunstfaser tragen, die direkt mit der Haut in Berührung kommen.

  • Bei Leder sollten Produkte aus Deutschland bevorzugt werden. Leder nicht auf der nackten Haut tragen. Beim Kauf Lederwaren mit dem Schadstoffgeprüft-Zeichen bevorzugen.

Reinigungs- und Putzmittel

Von den unzähligen Putz- und Reinigungsmitteln für jeden nur denkbaren Anwendungsbereich, die das Abwasser belasten, ist nur ein kleiner Teil wirklich nötig (zu Alternativen Tab. 7.2-3). Problematisch sind v. a. Chlorverbindungen, die in einigen Reinigungsmitteln (z. B. Sanitärreiniger oder Maschinenspülmittel) enthalten sind.
Laut einer Untersuchung der European Respiratory Society an über 3400 Frauen war bei Personen, die erwerbsmäßig und regelmäßig putzten, innerhalb von 20 Jahren ein um 17% größerer Lungenfunktionsverlust nachweisbar. Putzen im häuslichen Umfeld führte zu einem Unterschied von 14% zu denjenigen, die nicht putzen.

Lärm

Über Lärm – der Umweltfaktor, der die meisten Menschen in Deutschland betrifft – beklagen sich die Menschen 10-mal so häufig wie über andere Umweltfaktoren, z. B. Geruchsbelästigung oder Luftverschmutzung. Kritisch ist eine Lärmbelastung von mehr als 65 dB, der heute ca. 16% der Bevölkerung ausgesetzt sind. Und besonders paradox: Obwohl die Lärmbelastung in der Umwelt zunimmt, gehen die meisten Hörschäden auf selbst gewählten Freizeitlärm zurück: 15% der Jugendlichen weisen einen Hörverlust von 20 dB auf.
Die gesetzlichen Regelungen zum Lärmschutz sind im Wesentlichen im Bundesimmissionsschutzgesetz mit seinen nachgeordneten Verordnungen festgelegt. In der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) sind Immissionsrichtwerte festgelegt, die außerhalb von Gebäuden gelten. So dürfen z. B. in Gewerbegebieten tags 65 dB(A) herrschen, in reinen Wohngebieten 50 dB(A). Nachts werden niedrigere Werte gefordert.
Lärm am Arbeitsplatz wird durch das Arbeitsschutzgesetz und die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LärmVibrationsArbSchV) erfasst, welche Lärmschutz für Beschäftigte vorschreibt: Ab einem Tages-Lärmexpositionspegel von 80 dB(A) ist Gehörschutz zur Verfügung zu stellen. Werden 85 dB(A) erreicht oder überschritten, ist Gehörschutz Pflicht.
Lärm verursacht sowohl Schäden am Ohr als auch extraaurale Schäden. Denn der unspezifische Stressor Lärm kann über die Hypothalamus-Hypophysenachse sämtliche Körperfunktionen beeinflussen.
Schäden am Ohr
Nach der Lärmeinwirkung tritt eine zunächst reversible Hörstörung auf, nach Beendigung des Lärms steigt das Hörvermögen wieder auf das Ausgangsniveau an. Zu unterscheiden sind folgende Formen der Hörschädigung:
  • Die reversible Hörschädigung in Form einer Hörermüdung tritt bei ca. 70–75 dB auf. Ab 115 dB kommt es zusätzlich zu Ohrensausen. Die Erholungszeit richtet sich nach der Lärmexposition (je länger, desto länger müssen auch die Erholungszeiten sein).

  • Ein permanenter Hörschaden kann nach der Erholung von einer Hörermüdung nicht auftreten, es sei denn, es kommt zu einer Zerstörung von empfindlichen Strukturen im Ohr, z. B. den Ohrhärchen.

  • Bei andauernder Lärmbelastung kann Tinnitus (Ohrensausen) auftreten, der oft störender empfunden wird als die Schwerhörigkeit. Die daraus resultierende Beeinträchtigung bei der Verständigung kann zu sozialer Isolation führen.

Merke

Die Lärmschwerhörigkeit ist nach der Berufskrankheitenverordnung die am häufigsten entschädigte Berufskrankheit in Deutschland.

Extraaurale Lärmschäden
Durch Schallreize ausgelöste nervöse Impulse gelangen über die Hörnerven zur Hörrinde, zum Hypothalamus-Hypophysen-System und zur Formatio reticularis. Auf diese Weise kann Lärm den Körper zu einer „Alarmreaktion“ veranlassen, in deren Verlauf u. a. auch ACTH ausgeschüttet wird. Verschiedenen Studien zufolge ist für die extraaurale Auswirkung von Lärm nicht der objektive Schallpegel, sondern der subjektiv vom Individuum als Störung empfundene Krach ausschlaggebend. In verschiedenen Studien konnte eine subjektiv empfundene Lärmstörung für folgende Gesundheitsstörungen verantwortlich gemacht werden:
  • Hypertonie

  • Magen-Darm-Geschwüre

  • Allergien

  • Myokardinfarkte

  • Herabsetzung der Konzentrationsfähigkeit, Störung des Kurzzeitgedächtnisses

Lärm wirkt außerdem im Schlaf sehr belastend. Bereits Lautstärken über 50 dB können zu Schlafstörungen führen. Besonderer Lärmschutz ist nötig bei:
  • (fieberhaften) Erkrankungen: die Gefahr, einen Hörsturz zu erleiden ist wesentlich erhöht, d. h. nicht mit Fieber in die Disco!

  • Sauerstoffmangel (Durchblutungsstörungen)

  • Einnahme besonderer Medikamente (z. B. Schleifendiuretika)

  • Zusätzliche Einflüssen (z. B. Vibrationen)

Merke

  • Kleine Kinder sind v. a. lärmempfindlich. Gerade bei Walkmans muss darauf geachtet werden, dass die Lautstärke nicht zu hoch eingestellt wird.

  • Seit März 2007 gilt die neue Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung, in der die bisherigen Grenzwerte, bei denen Lärmminderungsmaßnahmen eingesetzt werden, um 5 dB(A) abgesenkt wurden. (http://bundesrecht.juris.de/l_rmvibrationsarbschv/index.html)

Praxistipp

Alle Schallereignisse, die lauter als die maximale menschliche Stimme sind, können schädigend wirken und sollten nach Möglichkeit gemieden bzw. reduziert werden.

  • Schallereignisse mit hohen Spitzenpegeln vermeiden (z. B. 10 Sek. 115 dB bei einer Bohrmaschine in Ohrnähe).

  • Schallereignisse mit steilen Anstiegen vermeiden (größere Anstiege als ca. 25 dB/sek haben z. B. Schüsse und Feuerwerkskörper).

  • Erholungszeiten einhalten: Die Erholungszeit in relativer Ruhe muss länger sein als die Expositionszeit (bei 80 dB Dauerschall).

  • Bei lärmintensiven Betätigungen Hörschutz benutzen.

Luftschadstoffe

Laut einer Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation starben 2012 weltweit sieben Millionen Menschen vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung. Gegenüber früheren Einschätzungen hat sich diese Zahl verdoppelt.
SchadstoffeLuftDie vier Hauptverursacher der vom Menschen hervorgerufenen Luftbelastung sind: Industrie (Kraftwerke, chemische Industrie, Metallverarbeitung), Verkehr (Flugzeuge, Kraftfahrzeuge, Eisenbahn), Hausbrand (Feuerstellen in privaten und kommunalen Einrichtungen), Landwirtschaft (intensive Tierhaltung).
Die erste Studie der European Respiratory Society, welche die Auswirkungen von Luftschadstoffen über 30 Jahre beobachtete, zeigte, dass Luftschadstoffe selbst nach mehreren Jahrzehnten das Mortalitätsrisiko für COPD erhöhen.
Zusätzlich zu den folgenden umweltmedizinisch relevanten Luftschadstoffen (in alphabetischer Reihenfolge) können Pollen und Pilzsporen die Luft verunreinigen. In Städten finden sich erhöhte Pollenkonzentrationen. Außerdem weisen Pollen in Städten durch Veränderungen der Pollenstruktur bei Anwesenheit von Luftschadstoffen eine erhöhte Allergenität auf.
Ammoniak (NH3)
  • Die Hauptbelastung stammt zu 80–85% aus der Massentierhaltung und zu rund 10% aus der Anwendung von Düngemitteln.

  • Ammoniak wird in der Luft zu Ammonium und in Verbindung mit Schwefeldioxid zu Ammoniumsulfat umgewandelt. Dieses gelangt mit dem Niederschlag in den Boden und fördert dessen Versauerung.

  • Von 1990 bis 2014 sanken die Ammoniak-Emissionen im Gesamtinventar um 53 Tausend Tonnen (Tsd. t) oder 6,7%. Der Rückgang der Emissionen während der letzten Jahrzehnte lässt sich überwiegend auf den Abbau der Tierbestände in den neuen Bundesländern unmittelbar nach der Wiedervereinigung zurückführen.

Ozon
  • Ozon (7.4.12) wird in der Atmosphäre ausschließlich durch chemische Prozesse gebildet. 10% befinden sich in der Troposphäre (Luftschicht bis 10 km Höhe), 90% in der Stratosphäre (Luftschicht in 10–50 km Höhe). Während das Mischungsverhältnis (= Konzentration) des Ozons in der Stratosphäre stetig sinkt (sog. Ozonloch), steigt es in der Troposphäre an. Durch die zunehmende Belastung der Luft mit z. B. Stickoxiden aus dem Straßenverkehr wird zunehmend Ozon gebildet.

  • Mindestens jeder 10. Bundesbürger reagiert empfindlich auf v. a. im Hochsommer stark erhöhte Ozonkonzentrationen. Zu gesundheitlichen Folgen 7.4.

Stickoxide (NOx)
  • Rund ⅔ der Stickoxide stammen aus dem Autoverkehr. Als Mitverursacher von saurem Regen schädigen sie Baustoffe, Böden, Gewässer und Vegetation.

  • Stickstoffdioxid ist ein starkes Reizgas, das Schleimhäute und Atemwege reizt und die Lungenfunktion beeinträchtigt.

  • Ab einem Ozonwert von 180 µg/m3 (1h-Mittelwert) werden über die Medien Verhaltensempfehlungen an die Bevölkerung gegeben.

Schwefeloxide
  • Die Hälfte der Schwefeldioxidemissionen ist menschlichen Ursprungs. Schwefeldioxid schädigt schon in sehr geringen Konzentrationen die Fotosyntheseprozesse der Pflanzen.

  • Seit Inkrafttreten der Feinstaubrichtlinie (s. unten) darf höchstens ein Tagesmittelwert von 125 µg Schwefeldioxid pro Kubikmeter Luft erreicht werden.

Feinstaubbelastung
Unter Feinstaub versteht man Staubpartikel mit einem Durchmesser von weniger als 10 Mikrometer bzw. 1/100 mm, die umweltmedizinisch deshalb besondere Beachtung finden, da sie durch ihre Kleinheit lungengängig sind. Sie stellen eine Mischung von primären Emissionen dar, die v.a aus Verbrennungsprozessen sowie Straßen- und Reifenabrieb stammen.
Im Jahre 1997 wurde die amerikanische Richtlinie um PM2.5 ergänzt, die den alveolengängigen Feinststaub (auch Feinstaub genannt) beschreibt.
  • Die amerikanische Umweltbehörde EPA hat 2004 eine umfassende Bewertung von Feinstäuben vorgelegt. Darin hält sie fest, dass die Exposition gegenüber Feinstaub negative gesundheitliche Auswirkungen auf Menschen mit Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat. Studien zur Langzeitexposition gegenüber Feinstaub ergeben einen Anstieg der Sterblichkeit an kardiopulmonalen Ursachen und Lungenkrebs. Der Verlust an Lebenserwartung in der Bevölkerung kann die Größenordnung eines Jahres erreichen. Außerdem führt die Feinstaubexposition langfristig zu chron. Atemwegserkrankungen oder vermindertem Lungenwachstum. Studien zeigen auch, dass das Geburtsgewicht von Kindern, deren Mütter einer Feinstaubbelastung ausgesetzt sind, erniedrigt ist.

  • In Deutschland wird der Einbau von Partikelfiltern steuerlich gefördert. Mehrere Kommunen haben 2008 Umweltzonen eingeführt, die von Fahrzeugen mit hohen Feinstaubemissionen nicht befahren werden dürfen.

Praxistipp

Die Feinstaubrichtlinie (1. Januar 2005) legt Grenzwerte für den Ausstoß von Feinstaubpartikeln fest: Es darf höchstens ein Tagesmittelwert von 50 µg Feinstaubpartikeln pro Kubikmeter Luft erreicht werden. Dieser Wert wurde am 1. Januar 2010 bestätigt. Die ursprünglich vorgesehenen nur noch 7 zugelassenen Überschreitungen im Kalenderjahr sind durch Richtlinie 2008/50/EG vom 21. Mai 2008 (Anhang XI) wieder auf die ursprünglich zulässigen 35 Überschreitungen korrigiert worden. Nach wie vor gilt der Jahresmittelwert von 40 µg/m3.

Die WHO empfiehlt angesichts der vom Feinstaub ausgehenden Gesundheitsgefahren in ihren WHO-Luftgüte-Richtlinien folgende Grenzwerte für Feinstaub:

  • Jahresmittel PM10 20 µg/m3

  • Jahresmittel PM2,5 10 µg/m3

  • Tagesmittel PM10 50 µg/m3 ohne zulässige Tage, an denen eine Überschreitung möglich ist

  • Tagesmittel PM2,5 25 µg/m3 ohne zulässige Tage, an denen eine Überschreitung möglich ist

Die Richtwerte der WHO liegen damit deutlich unter den rechtswirksamen Grenzwerten der EU.

Es ist davon auszugehen, dass sich die Feinstaubproblematik in Zukunft verschärfen wird. Biologische Membranen sind offensichtlich auf Feinstäube nicht vorbereitet und können Organe bzw. Zellen nicht vor diesen Nanopartikeln schützen. Auch das Immunsystem steht diesen Belastungen offenbar mehr oder weniger hilflos gegenüber.

Weitere schädliche Faktoren

Smog
Smog bezeichnet einen Luftzustand, bei dem durch eine Inversionswetterlage sich warme Luft über kalte Bodenluft schiebt. Bei Windstille und fortgesetzten Emissionen von SO2, NOx und Staub, steigen die Konzentrationen der Schadgase so an, dass direkte Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen zu beobachten sind.
Die gesundheitlichen Auswirkungen sind wie folgt:
  • Atemwege:

    • Akute Symptome: Reizhusten, Schmerzen bei tiefer Inspiration, Auslösung von Asthmaanfällen bei Asthmatikern

    • Mittelfristige Schädigung: durch direkte Schädigung des Bronchialepithels Freisetzung von Mediatoren, Stimulierung der IgE-Produktion, Instabilität der Mastzellenmembran

  • Augen: Brennen, Tränen und Jucken der Augen

  • Kreislaufkomplikationen bei vorbestehenden Grunderkrankungen

  • Allgemeine Schwächung der Infektionsabwehr und Leistungsfähigkeit

  • Kanzerogenität: Gesamttumorrisiko wird durch Luftschadstoffe erhöht

Innenraumschadstoffe

SchadstoffeInnenraumIn Mitteleuropa hält sich der Mensch 80–90% des Tages in geschlossenen Räumen auf. Die Qualität der Innenraumluft ist daher von großer präventivmedizinischer Bedeutung. Raumklimatische, biologische und chemische Faktoren können Gesundheitsstörungen verursachen. In der Regel sind nicht einer, sondern mehrere Faktoren ursächlich am Krankheitsgeschehen beteiligt. Folgende innenraumassoziierten Gesundheitsstörungen sind bekannt:
  • Allergische Erkrankungen Typ I, III und IV durch biologisch und/oder chemische Innenraumfaktoren

  • Erkrankungen der Schleimhäute: bes. des Atemtrakts und der Augen

  • Hautsymptome: wie Juckreiz und Ekzeme

  • Neurovegetative Symptome: mit Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und Störungen des allgemeinen Wohlbefindens

  • Umweltmedizinische Syndrome: wie Sick Building Syndrom (7.3.6), Multiple Chemical Sensitivity (MCS 7.3.5) und Holzschutzmittelsyndrom (7.3.4)

Physikalische Innenraumfaktoren (Raumklima)
Aus medizinischer Sicht günstig ist eine Tagestemperatur von 18–21 °C, eine Nachttemperatur von 15 °C, eine relative Luftfeuchtigkeit von 50–60% und eine Luftwechselrate von 1–1,5 h, d. h., die Raumluft sollte innerhalb einer Stunde ein- bis 1,5-mal gegen Frischluft ausgetauscht werden. V. a. in modernen Wohnräumen ist der Luftwechsel aufgrund von hoher Wärmeschutzisolierung oft deutlich geringer.
Biologische Innenraumfaktoren
Allergene sind wichtige natürliche Umweltfaktoren bei der Auslösung und Unterhaltung innenraumassoziierter atopischer Erkrankungen.
  • Hausstaubmilben: Textilstaub als wichtigste Brutstätte der 0,2–0,8 mm großen Milben: (80% des Milbenaufkommens in einer Wohnung in Bettmatratzen und Polstermöbeln). In schlecht gelüfteten und überheizten Räumen fühlen sich Milben besonders wohl. Die Exposition gegenüber Hausstaubmilbenallergenen in früher Kindheit fördert die Entwicklung späterer allergischer Erkrankungen (epidemiologische Studien). Ein erhöhtes Sensibilisierungsrisiko besteht ab Konzentrationen von > 2 µg/g Staub.

  • Schimmelpilze: Erhöhte Luftfeuchtigkeit und von außen ins Mauerwerk eindringende Nässe führen häufig zum Wachsen von Schimmelpilzen. Allergien auf Schimmelpilzsporen und chemische Belastung durch Pilztoxine sind die Folge. In Schleswig-Holstein erfolgt der Einsatz des Ökomobils in fast 80% der Fälle wegen Schimmelpilzbefall der Häuser. Auch die Einwirkung von Schimmelpilzgiften durch Hausschimmel wie Aflatoxin oder Okratoxin muss berücksichtigt werden.

  • Mikrobielle Kontaminationen: Klimaanlagen und/oder Raumluftbefeuchter oder Zimmerbrunnen können die Innenraumluft zusätzlich mikrobiell belasten (z. B. Legionellen). In Feuchtbereichen besteht außerdem die Gefahr der Schimmelpilzbildung mit entsprechender Sensibilisierung.

Chemische Innenraumbelastung
In der Raumluft können mehrere Tausend chemische Stoffe auftreten. Durch Passivrauchen (7.2.1) kommen weitere 4.000 Substanzen dazu. Chemische Schadstoffbelastungen entstehen zum einen durch die Aktivität der Bewohner, zum anderen durch Emissionen chemischer Stoffe aus Baumaterialien, Werkstoffen, Hölzern und Textilien.
Eigenbelastungen
  • Ofenheizung, offene Kamine und andere Verbrennungsprozesse: anorganische Schadgase (CO, CO2, NO, NO2, SO2), polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK, PAH), Stäube, Metalle, organische Verbindungen, evtl. Aromaöle (z. B. Duftlampen und Duftkerzen) Dioxine und Dibenzofuran bei Verbrennung behandelter Hölzer oder Kunststoffe

  • Rauchen: CO, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK, PAH), Stäube, Metalle, flüchtige organische Verbindungen (7.4.16), Dibenzodioxine und Dibenzofurane (7.4.6)

Merke

Passivrauch ist der bedeutendste Belastungsfaktor im Innenraum!

  • Pflanzensprays: Pestizide (7.4.13)

  • Klebstoffe: flüchtige organische Verbindungen (7.4.16)

Fremdbelastungen
  • Gestein und Baustoffe: Asbest (7.4.1), synthetische Fasern Radon (s. Problemfelder: Strahlung), Metalle

  • Naturhölzer: Terpene und Terpenoide (flüchtige organische Verbindungen 7.4.16)

  • Behandelte und verarbeitete Hölzer: Holzschutzmittel, polychlorierte Dibenzodioxin und Dibenzofurane, Formaldehyd (7.4.7) und andere flüchtige organische Verbindungen (7.4.16)

  • Lacke und Farben: Formaldehyd und andere flüchtige organische Verbindungen (7.4.16), Stäube, Metalle, Konservierungsstoffe

  • Teppichböden, Textilien, Möbel: flüchtige organische Verbindungen (7.4.16), Pestizide, Isozyanate

Innenraumbelastungen und Allergierisiko
Veränderungen des Innenraumklimas, z. B. ein verminderter Luftwechsel infolge dichter abschließender Fenster oder Türen, werden auch als mögliche Ursache für den Anstieg atopischer Erkrankungen diskutiert. So konnte in zahlreichen Studien ein Zusammenhang zwischen respiratorischen Symptomen bzw. Allergien und dem Vorkommen von Feuchtigkeit oder Schimmel in der Wohnung gezeigt werden. Einer Untersuchung aus Baden-Württemberg zufolge wiesen Schulkinder aus Wohnungen, in denen feuchte Stellen oder Schimmel beobachtet wurden, ein um den Faktor 1,5- bzw. 1,7-mal höheres Risiko für Asthma und Ekzeme auf als Kinder aus unbelasteten Wohnungen.

Praxistipp

  • Die Korrektur raumklimatischer Faktoren verringert die organische Belastung (Milben und Schimmelpilze). Bei Milbenallergikern Bettmatratzen mit einer allergendichten Kunststoffhülle versehen (Encasing). Pilzbewachsene Wandbereiche sanieren.

  • Auf Luftbefeuchter verzichten, Zimmerpflanzen im Schlafzimmer wegen der Schimmelpilzgefahr vermeiden. Naturbelassenes Parkett statt Teppichböden.

  • Die wichtigste Prävention der chemischen Innenraumbelastung ist der Verzicht auf das Rauchen!

  • Keine offenen Kamine im Wohnbereich, keine oder wenig Kerzen, Duftlampen etc. abbrennen, auf Pflanzen- und Insektenspray verzichten, keine lösungsmittelhaltigen Farben und Lacke einsetzen, im Innenraum auf Holzschutzmittel verzichten. Regelmäßig Stoßlüftungen durchführen.

Elektrosmog

Unter Elektrosmog werden Belastungen zusammengefasst, die durch elektrische und magnetische Felder entstehen. Quellen von Elektrosmog sind:
  • Hochspannungsleitungen: Die induzierte magnetische Flussdichte wächst mit der Spannung sowie der transportierten Strommenge und fällt mit zunehmender Entfernung von der Leitung schnell ab.

  • Haushaltsgeräte: Jedes elektrische Gerät induziert ein Magnetfeld, dessen Flussdichte mit steigender Wechselstromfrequenz (in Europa 50 Hz), Betriebsspannung und Stromaufnahme des Geräts wächst. Hohe Belastungen in Kopfnähe werden z. B. vom Föhn hervorgerufen.

  • Elektrische Heizdecken und elektrisch beheizbare Wasserbetten verursachen je nach Bauart eine bedeutende Belastung. Zusätzlich sind die Expositionszeiten sehr lang.

  • Fernseh- und Computerbildschirme: Strahlungsarme Monitore verursachen eine um den Faktor 3 geringere Belastung als ältere Modelle.

  • Radiostationen, Richtfunkanlagen, Hobby-Funk und Funktelefone („Handy“) können bei Dauerbetrieb Grenzwerte erreichen.

Merke

  • Das stärkste Magnetfeld wird von der Magnet-Resonanz-Tomografie verursacht.

  • Mit Gleichstrom (Batterien, Akku) betriebene Elektrogeräte verursachen nur im Moment des An- bzw. Abschaltens ein Magnetfeld.

Die Folgen von Elektrosmog auf die Gesundheit des Menschen sind noch ungenügend erforscht. Einige Wirkmechanismen sind bekannt: So führt elektromagnetische Strahlung im Radio- und Mikrowellenbereich zur Erwärmung des Gewebes. Seit etwa 15 Jahren werden vermehrt subtile biologische Effekte, wie z. B. der Einfluss auf die Proteinsynthese, stressähnliche Wirkungen auf Hormonsystem und auf Zellmembranen diskutiert. Untersuchungen zufolge reagieren etwa 4% der Bevölkerung v. a. empfindlich auf Elektrosmog. Bei solchen elektrosensiblen Menschen genügt eine Stromleitung oder ein Radiowecker im Schlafbereich, um Störungen wie Schlafprobleme, Kopfschmerzen oder Appetitlosigkeit hervorzurufen. Experimentelle Studien zeigen, dass v. a. Zellen des ZNS und des Endokriniums empfindlich auf Wechselstromfelder reagieren. Aus mehreren epidemiologischen Studien sind folgende Zusammenhänge bekannt:
  • Bei Exposition mit Hochspannungsleitung und Wechselstromfeldern nimmt das relative Risiko (rr) für kindliche Malignome zu (rr 1,5–3,0), das für Leukämie und ZNS-Tumoren verdoppelt sich.

  • Bei erwachsenen Hobbyfunkern wurde in zwei Studien ein rr für Leukämien um 2,0 ermittelt.

  • Bei beruflicher Exposition (Elektroingenieur) gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs bei Männern (rr 1,8) sowie auf Leukämien, maligne Lymphome, Melanome und ZNS-Tumoren (rr 1,2–2,0).

  • In der Norddeutschen Leukämie- und Lymphomstudie (NLL) wiesen Männer bei Exposition niederfrequenter elektromagnetischer Felder im Nahbereich (bis zu 100 m) von 50 Hz-Hochspannungsleitungen ein erhöhtes Risiko für maligne Lymphome auf, währenddessen in internationalen Studien bei dieser Exposition eher das Risiko für nicht-lymphatische Erkrankungen zunahm.

  • Bei Heizdeckengebrauch während der Schwangerschaft ist ein erhöhtes Risiko für Aborte und Frühgeburten beschrieben.

Die der Weltgesundheitsorganisation WHO zugehörige Organisation für Krebsforschung (IARC) setzte im Jahr 2001/2002 das potenzielle Risiko für elektromagnetische Felder auf die Stufe – „vielleicht krebserregend“ (Kategorie 2b) – herauf. Im Frühsommer 2011 bestätigte die IARC diese Einstufung für hochfrequente Felder und damit auch z. B. für Mobilfunk und Handys. Die IARC verweist dabei auf eine Studie aus dem Jahr 2004, die bei intensiver Nutzung von Mobiltelefonen ein um 40% erhöhtes Risiko für die Entstehung eines Glioms ermittelte. Eine aktuelle Studie an Patienten mit Gehirntumoren aus Australien, Kanada, Frankreich Israel und Neuseeland kam zu dem Schluss, dass Menschen, die langfristig intensiv Mobiltelefone mit hoher Funkfrequenz verwenden, ein erhöhtes Risiko für Gliome und ein leicht erhöhtes Risiko für Meningiome aufweisen.

Praxistipp

Aus Vorsorgegesichtspunkten sollte die Belastung durch Elektrosmog ernst genommen und, wo möglich, reduziert werden. Wichtig ist v.a der Schlafbereich, der z. B. durch netzgetriebene Radiowecker, Stromleitungen, elektrische Heizdecken oder magnetisierte Federkernmatratzen belastet sein kann. Handys nachts ausschalten, Freisprechtelefone nachts ausstecken. Im Regelfall ist die Reaktion auf die Einwirkung von EMF als Sekundärproblem bei bestehender Sensibilität auf Chemikalien oder bei chronisch persistierenden Infektionen zu sehen. Isolierte EMF-Sensitivitäten sind äußerst selten.

Trinkwasser

SchadstoffeTrinkwasserDie wertvollste, da schadstoffärmste Trinkwasserquelle ist das Grundwasser. Rund 70% des Trinkwasserbedarfs in Deutschland können heute noch aus Grund- bzw. Quellwasser gedeckt werden. Im Gegensatz dazu muss Oberflächenwasser mit hohem Aufwand technisch aufbereitet werden, ehe es als Trinkwasser geeignet ist. Trotzdem können manche Schadstoffe nicht vollständig entfernt werden. Die Versorgung mit einer ausreichenden Menge an Grundwasser mit guter Qualität wird durch sinkende Grundwasserspiegel, Verschmutzung mit Agrarchemikalien und den Eintrag wassergefährdender Stoffe aus Altlasten und Deponien zunehmend schwieriger.
Die gesetzliche Grundlage zur Beurteilung von Trinkwasser ist die in Deutschland 2001 novellierte Verordnung über Trinkwasser und über Wasser für Lebensmittelbetriebe (Trinkwasserverordnung-TrinkwV). Sie gilt in Übereinstimmung mit den Vorgaben der EU-Trinkwasserrichtlinie. In diesen gesetzlichen Verordnungen finden sich Anforderungen an die mikrobiologische Wasserqualität sowie Grenzwerte für gesundheitsrelevante Schadstoffe. Seit November 2011 gilt eine Novelle der Trinkwasserverordnung, in die auch Parameter die Radioaktivität und Uran (neuer Grenzwert für Uran: 0,01 mg/l) betreffend sowie ein technischer Maßnahmewert für Legionellen eingeführt wird. Die bestehenden Grenzwerte blieben weitgehend (außer Cadmium) unverändert. Eine wesentliche Neuerung ist, dass gewerbliche Vermieter und die Betreiber von Gebäuden, in denen Dienste für die Öffentlichkeit angeboten werden (Ämter, Wohnheime, Gerichte, Gaststätten) bei Überschreitung der Grenzwerte am Wasserhahn in diesen Gebäuden strafbar sind.
Infolge der in Deutschland hohen Hygienestandards bei der Gewinnung, Aufbereitung und Verteilung von Trinkwasser sind mikrobielle Infektionen (z. B. E. coli) durch das Wasser selten. Eine größere Bedeutung haben fakultativ pathogene Erreger, wie z. B. Pseudomonas aeruginosa, Legionella pneumophila oder atypische Mykobakterien. Sie verunreinigen das Trinkwasser an den Endsträngen der Wassersysteme, also in Feuchtbereichen in Küche, Bädern und Duschen.
Blei
  • Eine Kontamination des Trinkwassers mit Blei erfolgt auch v. a. durch Bleirohre im Trinkwassersystem. Schätzungen zufolge befinden sich noch heute in 10% aller Haushalte Bleirohre (Altbauten).

  • Bei Überschreiten des Grenzwerts der TrinkwV ist der Vermieter zum Auswechseln der Bleirohre verpflichtet. Da aber nach neuen Erkenntnissen selbst äußerst geringe Bleikonzentrationen die geistige Entwicklung von Kindern beeinträchtigen können, empfiehlt sich bei Bleileitungen im Haus, zunächst (stagniertes) Wasser aus den Leitungen abzulassen und erst das folgende Wasser zu verwenden oder Kindernahrung mit einem geeigneten Tafelwasser zuzubereiten. Auch Schwangere sollten auf Tafelwasser ausweichen.

Fluorid
  • Ein hoher Fluorgehalt der Gesteinsschichten hat hohe Fluoridbelastungen des Grundwassers zur Folge. Gesundheitliche Probleme können bei Kleinkindern entstehen, wenn diese die in Deutschland übliche Fluorprophylaxe (zur Verhütung von Karies) erhalten.

  • Wird zusätzlich der Grenzwert durch das Wasser ausgeschöpft und Fluor mit der Zahnpasta aufgenommen, nehmen Kinder deutlich zu hohe Mengen auf, wodurch es zu Fleckungen und Schäden am Zahnschmelz (sog. Dentalfluorose) kommen kann.

Kupfer
  • Die Verwendung von Kupferrohren kann in Zusammenhang mit langen Stagnationszeiten und niedrigem pH-Wert des Wassers (bes. bei Eigenbrunnenversorgung) zu einer stark erhöhten Kupferaufnahme führen. Symptome wie Übelkeit und Erbrechen kommen v. a. bei Kindern vor.

  • Bei Kleinkindern (vermutlich nur bei gleichzeitig bestehender erblicher Veranlagung) kann eine erhöhte Kupferaufnahme über das Trinkwasser zu einer Leberzirrhose führen, die unbehandelt den Tod durch Leberversagen zur Folge hat. Nach Expertenansicht ist der in der TrinkwV festgelegte Richtwert für Kupfer von 3 mg/l für Kinder mit erblicher Disposition zu hoch.

Nitrat
  • V. a. in Regionen mit intensiver Landwirtschaft (Gülleausbringung) oder mit Weinbau ist es schwierig, die Nitratwerte einzuhalten, da die Überdüngung landwirtschaftlicher Nutzflächen eine wesentliche Quelle der Nitratbelastung darstellt. In ungefähr 5% aller Trinkwasseranlagen in Deutschland wird der Grenzwert überschritten. Gefährlich kann dies für nicht gestillte Säuglinge werden, deren Fläschchennahrung mit solchem Wasser hergestellt wird. Bei ihnen führen die hohen Nitratkonzentrationen zur Säuglingsblausucht. Hierbei kommt es durch eine Sauerstofftransportstörung zu Krämpfen bis zum Koma.

  • In letzter Zeit wurden erste Wasseraufbereitungen mit Umkehrosmose oder Nanofiltration gebaut, um durch Teilentsalzung den Nitratwert im Trinkwasser zu senken.

  • In Regionen, in denen sich die Nitratwerte am Grenzwert von 50 mg/l befinden, sollten zur Bereitung von Säuglingsnahrung geeignete Mineralwässer eingesetzt werden.

Ist Mineralwasser besser als Trinkwasser?
Der jährliche Verbrauch von Mineral-, Tafel- und Heilwasser pro Kopf nimmt ständig zu. Die Ursache dafür ist die irrige Annahme der Verbraucher, Mineralwässer seien von höherem gesundheitlichem Wert als Trinkwasser. Doch auch Mineralwässer können je nach ihrem Gewinnungsort mit Schadstoffen verunreinigt sein. Was viele Verbraucher nicht wissen: Einige gemäß der Mineral- und Tafelwasserverordnung für Mineralwässer geltende Grenzwerte liegen höher als die entsprechenden Grenzwerte der Trinkwasserverordnung und für manche gesundheitsbedenklichen Inhaltstoffe sind gar keine Grenzwerte festgelegt. Beispielsweise existiert kein Grenzwert für Nitrat und Fluorid, und die Arsenkonzentrationen dürfen höher sein als in der Trinkwasserverordnung. Eine Ausnahme davon machen jedoch Mineralwässer, die den Hinweis „zur Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet“ tragen. Sie dürfen höchstens 10 mg Nitrat und 1,5 mg Fluorid pro Liter enthalten.

Praxistipp

Die Verwendung von Mineralwässern bietet nur in folgenden Fällen einen Vorteil.

  • Für Haushalte, insbesondere mit kleinen Kindern, deren Wasser v. a. nitratreich ist. Hier müssen Mineralwässer, die zur Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet sind, verwendet werden.

  • Wenn das hauseigene Wasser durch Blei- oder Kupferrohre belastet ist.

  • Zur Zubereitung von Kindernahrung dürfen keine Mineralwässer mit hohem Sulfatgehalt verwendet werden, da sie v. a. bei Säuglingen zu Durchfällen führen können.

Umweltassoziierte Erkrankungen

Umweltmedizinumweltassoziierte Erkrankungenumweltassoziierte ErkrankungenEs gibt keine allgemeinen Therapieempfehlungen für umweltbedingte Krankheiten oder Befindensstörungen. An erster Stelle steht immer das Meiden der Giftexposition, soweit dieses möglich ist.

Amalgambelastung

AmalgambelastungErste Beschreibungen von Amalgamen als Zahnfüllmaterial findet man bei Hippokrates, die erste Rezeptur dafür bei Galen. Seit mehr als 150 Jahren wird quecksilberhaltiges Amalgam in der modernen Zahnheilkunde als Zahnfüllungsmaterial verwendet. Amalgame zeichnen sich bei geringen Kosten durch eine hohe Festigkeit und gute Verarbeitbarkeit aus. Auch die hohe Kantenfestigkeit wird bislang von keinem anderen Füllungsmaterial mit Ausnahme der Gussfüllung, z. B. mit Gold erreicht. Amalgame bestehen definitionsgemäß aus mindestens 50% Quecksilber (Hg). In dieses flüssige Metall wird bei Zimmertemperatur ein Metallpulver (sog. Alloy), bestehend aus Silber, Zinn, Kupfer, Quecksilber (max. 3% 7.4.15) und Zink eingebracht. Amalgame enthalten somit mindestens 50% und maximal 51,5% Hg. Metallurgisch gesehen sind Amalgame keine Legierungen, sondern Gemenge. Sie sind deshalb weniger stabil als Legierungen. Bei jedem Kauvorgang, bei jedem Zähneputzen sowie bei heißen Speisen und Getränken wird Hg aus dem Amalgam verstärkt als Hg-Dampf freigesetzt.
Die Folgen einer Belastung mit Zahnamalgam werden äußerst kontrovers diskutiert. Nach Ansicht der WHO kann nicht eindeutig entschieden werden, ob durch die aus Amalgamfüllungen freigesetzten Metalle ernsthafte Gesundheitsbeeinträchtigungen hervorgerufen werden. Die Quecksilberdirektive der WHO legt jedoch nahe, dass 80% der Hg-Belastung des Menschen auf Zahnmaterial zurückgeht. Allgemein anerkannt sind lediglich lokale Veränderungen der Mundschleimhaut mit Symptomen wie Metallgeschmack, Zungenbrennen und/oder anderen Missempfindungen in der Mundhöhle und Allergien gegen die enthaltenen Metalle. Umstritten ist dagegen der sog. Mikromerkurialismus (7.3.2). Es häufen sich Publikationen, die Hg-Belastungen aus Amalgamen mit M. Alzheimer, M. Parkinson, ALS sowie Autoimmunerkrankungen wie SLE, MS, etc. in Verbindung bringen.
Prinzipiell ist jeder Quecksilbereintrag in die Umwelt abzulehnen. Entsprechend einigten sich die Umweltminister der Vereinten Nationen bei ihrem Treffen 2009 in Nairobi darauf, ab spätestens 2013 weltweit kein Quecksilber mehr zu verwenden. Seit 2008 ist der Einsatz von Amalgam als Zahnfüllmaterial in Norwegen und Dänemark verboten, seit 2009 auch in Schweden. Am 10. März 2014 gab der wissenschaftliche Beratungsausschuss für Gesundheits- und Umweltrisiken der Europäischen Kommission, das Scientific Committee on Health and Environmental Risks (SCHER), bekannt, dass die Gesundheits- und Umweltgefährdung durch das in zahnärztlichem Amalgam enthaltene Quecksilber vergleichsweise gering sei, das belegten zahlreiche Expertengutachten. In Deutschland wird Amalgam kaum mehr von Zahnärzten verwendet.

Mikromerkurialismus

Mikromerkurialismus Angegeben werden unspezifische Symptome wie Nachlassen der körperlichen Leistungsfähigkeit, leichter Ermüdbarkeit, Reizbarkeit, Kopfschmerzen sowie depressive Verstimmungen und Schlafstörungen.
Diagnostik
  • Quecksilberbestimmung im Urin (nur bei akuter Belastung)

  • Spurenelemente im Blut: häufig erniedrigte Zink- und Selen- sowie erhöhte Kupferkonzentrationen

  • Kaugummitest (7.1.3): allenfalls grobe Abschätzung der Belastung. Bis zwei Monate nach zahnärztlicher Behandlung nicht verwertbar

  • Stimulationstest mit DMPS (7.1.3): umstritten; nach Ansicht einiger Autoren wertvolle Zusatzinformation gegenüber Hg-Bestimmung

  • Haaranalyse: nur für epidemiologische Studien sinnvoll, da stark schwankende Konzentrationen und externe Kontamination möglich sind, nicht für Einzelfälle

  • LTT (Lympozyten-Transformations-Test): zeigt Typ-IV-Sensibilisierung auf Zahnmaterialien

Merke

Intraorale Mundstrommessungen sind ungeeignet zur Beurteilung einer Hg-Belastung. Sie zeigen jedoch eine erhöhte Korrosionsgefahr der Amalgamfüllungen an.

Therapie
Studien liegen nicht vor, Berichte stammen von Einzelfallbeobachtungen.

Cave

Keine Amalgamsanierung bei Schwangeren und Stillenden durchführen, da eine stoßartige Hg-Freisetzung beim Aufbohren erfolgt.

  • Sofortiger Expositionsstopp: Entfernung aller Amalgamfüllungen unter Kofferdamschutz. Kofferdam ist ein dünnes, lediglich im Bereich der zu behandelnden Zähne perforiertes Gummituch, das vor Kontaminationen durch abgesprengtes Amalgam beim Aufbohren der Füllungen schützt. Als bessere Alternative kann der Einsatz von Clean-up – einer, mit einer kleinen Öffnung für den Bohrer versehenen, Schutzkappe aus Kunststoff – mit Anschluss an das Absaugsystem empfohlen werden.

  • Inaktivierung des frei werdenden Hg durch Selen: Selen bildet mit Hg den biologisch inaktiven Hg-Selenid-Komplex. Auch diese Maßnahme ist umstritten, da diskutiert wird, ob Selen die gastrointestinale Absorption von Hg durch Bildung von Hg-Selenid-Verbindungen erhöht:

    • Tag 1–7 vor Sanierung: 100 µg/Tag Selen (1 Trinkamp. Selenase®), um die Speicher aufzufüllen

    • unmittelbar nach Sanierung: Mund mit 2–3 Amp. Selenase® ca. 1 Min. spülen

    • Tag 1–7 nach Sanierung: 100–200 µg Selen über 7 Tage (1–2 Trinkampullen Selenase®)

  • Zinksupplementierung: bei niedrigen und marginalen Zinkwerten mit Zinkaspartat (z. B. Unizink®) oder Zinkorotat®, 2 × 40–50 mg für 4 Wo.; aufgrund eines Zink-Selen-Antagonismus Spurenelement zeitlich versetzt geben

  • Antioxidanzien: um Schadwirkung freier Radikale zu begrenzen

    • Vitamin C: 150–200 mg/d (z. B. Vitamin C/forte Phytopharma®)

    • Vitamin E: 60–100 mg/d (z. B. Optovit® forte)

Apherese: Bei Versagen anderer Methoden kann die Therapeutische Apherese in Form der Chemopherese® als Ultima-Ratio-Therapie eingesetzt werden. Das Grundprinzip ist die intrazelluläre Aktivierung von Schadstoffe sowie die Lösung von Schadstoffdepots in den Pischinger-Räumen (vgl. Straube, Donate 2010). Die Anwendung der Apherese wird für die Mobilisation am Patienten und seinen biologischen und physischen Besonderheiten ausgerichtet.
Prävention
  • Zahnhygiene von frühester Kindheit an und Meiden kariogener Substanzen (auch Honig).

  • Zahnüberwachung bei Kindern und Jugendlichen (durch ungenügende Prävention entsteht 80% aller Karies).

  • Im Alter von 6, 12 und 18 Jahren Prämolaren und Molaren mit Zahnlack versiegeln.

  • Fluorprophylaxe, ausgeglichene Nährstoffversorgung.

  • Kavitäten mit Kompositfüllungen, Gold- oder Keramikinlays versorgen.

Aus vorbeugendem Gesundheitsschutz empfahl das ehemalige BGA, bei folgenden Personen Amalgame nicht oder nur mit Einschränkung einzusetzen:
  • Während der Schwangerschaft keine umfangreichen Sanierungen vornehmen.

  • Bei Kleinkindern bis zum sechsten Lebensjahr und v. a. in den ersten drei Lebensjahren sorgfältig die Notwendigkeit von Amalgamfüllungen abwägen.

  • Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion keine neuen Füllungen mit Amalgam legen.

Chronisches Fatigue-Syndrom (CFS)

Chronisches Fatigue-Syndrom (CFS) Das CFS (Chronische Fatigue-Syndrom) ist keine unumstrittene Diagnose. Trotz einiger Einzelveröffentlichungen unter unterschiedlichen Namen seit 1750 war sie zu Beginn der 80er-Jahre noch weitgehend unbekannt. Seit ca. 1984 ist v. a. in den USA und den englischsprachigen Ländern ein starker Anstieg der beschriebenen Fälle zu verzeichnen. In den letzten Jahren wird eine Zunahme des CFS auch im deutschsprachigen Bereich beobachtet. Aufgrund der schwierigen Abgrenzbarkeit des Krankheitsbildes variieren die Angaben zur Epidemiologie erheblich. Die Inzidenz wird in verschiedenen Studien zwischen 7 und 3.000 Fällen pro 100.000 Einwohner angegeben.
Definition
Es existieren zwei international anerkannte Definitionen, darunter auch die im Folgenden angeführte der Center of Disease Control der USA (Fukuda et al. 1994):
  • Hauptkriterium: neue aufgetretene, persistierende Müdigkeit für mind. 6 Monate, die nicht durch Bettruhe verschwindet und die durchschnittliche Aktivität um mehr als 50% reduziert.

  • Nebenkriterien: folgende Symptome müssen mit oder nach dem Beginn der Müdigkeit eingesetzt haben und mindestens für 6 Mon. angehalten haben.

    • Subfebrile Temperaturen von 37,6–38,6 °C

    • Halsschmerzen

    • Schmerzhafte Lymphknoten an Hals und Axillen

    • Unerklärte generalisierte Muskelschwäche

    • Myalgien

    • Generalisierte Kopfschmerzen

    • Wandernde Arthralgien ohne Gelenkschwellungen

    • Neuropsychologische Symptome wie z. B. Photophobie

    • Schlafstörungen

    • Beschreibung des Symptomenbeginns durch den Patienten als akut oder subakut

Die folgenden Kriterien müssen durch einen Arzt mindestens 2-mal in einem Abstand von mindestens einem Monat dokumentiert werden: subfebrile Temperaturen von 37,6–38,6 °C, nichtexsudative Pharyngitis, palpable oder druckempfindliche anteriore oder posteriore Hals-Lk. oder axilläre Lk. (Durchmesser < 2 cm). Eine Schweregradeinteilung kann durch die sog. Bell-Skala erfolgen.
Ätiologie
Eine singuläre Ursache existiert vermutlich nicht. Diskutiert werden: chron. Infektion mit Viren (Herpes-Gruppe) oder Bakterien (z. B. Borrelien), chron. Einfluss toxischer Umweltsubstanzen: z. B. Amalgam, Pyrethroide, immunologische Grunderkrankung bisher unbekannter Art, primär psychiatrische Erkrankung oder Somatisierungsstörung.
Diagnostik
Heute in erster Linie in Form einer Ausschlussdiagnostik möglich. Ausgeschlossen werden müssen folgende Erkrankungen:
  • Anämie

  • Mangelernährung, Malabsorption

  • Chron. Infektion: Tbc, Borreliose, Yersiniose, Endokarditis, Hepatitiden, chron. systemische Pilzerkrankungen

  • Stoffwechselerkrankungen: Diabetes mellitus, Hypothyreose

  • Neuromuskuläre Erkrankungen: Multiple Sklerose

  • Malignome

  • Autoimmunerkrankungen

  • Psychiatrische Erkrankungen

Hinweise auf ein CFS geben folgende Laborparameter:
  • Autoantikörper auf Serotonin und Ganglioside

  • Serotonin im Serum (abgesert), Tryptophan im Serum, Melatonin im Serum

  • Intrazelluläres ATP

Therapie
  • Expositionsstopp als Grundlage allen weiteren Vorgehens, zusätzliche Noxen wie Rauchen, Alkohol und Koffein meiden

  • Antioxidanzien wie Vitamin C: 150–200 mg/d (z. B. Vitamin C/forte Phytopharma®) und Vitamin E: 60–100 mg/d (z. B. Optovit® forte)

  • Zink mit Zinkaspartat (z. B. Unizink®) oder Zinkorotat®, 2× 40–50 mg für 4 Wo. substituieren

  • Selensubstitution: mit 100 µg/d Selen (1 Trinkampulle Selenase®); aufgrund eines Zink-Selen Antagonismus Spurenelement zeitlich versetzt geben

  • Vitamine: bei neurologisch betonter Symptomatik Vitamine der B-Reihe bzw. α-Liponsäure (200–400 mg/d p.o. z. B. mit alpha-Lipon Stada® Kps., evtl. initial 300–600 mg als Kurzinfusion verabreichen, oder Benfotiamin (100–500 mg/d p.o. z. B. mit Benfogamma®)

  • Anregung der Stoffwechselfunktionen: durch körperliche Aktivität, Saunagänge und evtl. medikamentös durch Niacin (50–500 mg/d p.o. z. B. Nicobian®)

  • Ausleitungsverfahren (2.6)

  • Psychotherapeutische Betreuung: es gilt, v. a. Tendenzen zu Rückzug und Resignation aufzufangen

  • Evtl. auch hier die therapeutische Apherese als Ultima-Ratio-Therapie

Prognose
Häufig Spontanheilungen nach mehreren Jahren Krankheitsverlauf. Auch langanhaltende chron. Verläufe werden beschrieben.

Holzschutzmittelsyndrom

Holzschutzmittelsyndrom Breit gefächerte Palette von unterschiedlichen Symptomen, die nach Langzeitexposition gegenüber Holzschutzmitteln in Wohnungen und Häusern bisweilen beobachtet werden. Außerhalb des Wohnbereichs klingen die Symptome rasch ab. Im Gegensatz zum SBS selten Anpassungsphänomene. Erste Erkrankungsfälle traten in den 70er-Jahren auf. Über die Zuordnung und Wertigkeit der auftretenden Symptome sowie über den Ursachen bestehen konträre Positionen.
Ätiologie und Symptome
  • Ätiologie: Als Hauptverursacher des Holzschutzmittelsyndroms gilt das seit 1989 verbotene PCP, nicht zuletzt aufgrund seiner Belastung mit Dioxinen (7.4.6). Weiterhin werden die Toxine Lindan, Formaldehyd (7.4.7), Pyrethroide, DDT (7.4.13), Endosulfan (7.4.13) sowie Lösemittel wie Toluol (7.4.9) dafür verantwortlich gemacht.

  • Symptome:

    • Konzentrationsstörungen

    • Kopfschmerzen

    • Gereiztheit

    • Leistungsschwäche und Müdigkeit

    • Schlafstörungen

Diagnostik
  • Umweltmedizinische Anamnese (7.1.3): In frühen Krankheitsstadien verschwinden die Symptome außerhalb des belasteten Bereichs.

  • Begehung (7.1.3): Neben den zu eruierenden Toxinen auch auf Raumklima (Luftfeuchtigkeit, evtl. Schimmelbefall) achten.

  • Raumluftanalysen und Materialproben: Hausstaub ist als Untersuchungsmedium geeignet. Hausstaub auf Gehalt an Formaldehyd, PCP, Lindan, Pyrethroide untersuchen. Bei Hinweisen auf ein vermutetes Holzschutzmittel gezielte Untersuchungen einleiten.

  • Biomonitoring (7.1.3): Titer von Holzschutzmitteltoxinen bestimmen.

  • Labor 7.3.5. Bisher ist es allerdings nicht gelungen, das Holzschutzmittelsyndrom durch Messwerte von Pentachlorphenol (PCP) im Blut und Urin des Menschen in Form von Dosis-Wirkungs-Beziehungen zu definieren.

Merke

Der Nachweis derselben Toxine in Hausstaub oder Material und beim Biomonitoring ist ein deutlicher ursächlicher Hinweis auf ein HSM!

  • Differenzialdiagnose: Häufige begleitende Krankheitsumstände sind:

    • Psychosomatische Störungen: endogene Depression oder psychosomatische Verstärkung im Sinne einer „Ökoangst“

    • Internistische Erkrankungen: Schilddrüse, Pankreas, Lunge, Leber Nieren, Immunsystem, Enzymdefekte, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises

    • Neurologische Erkrankungen: Multiple Sklerose, Anfallsleiden, Polyneuropathie

    • HNO-Erkrankungen: Tinnitus, Schwindel

    • Allergische Erkrankungen: allergische bzw. pseudoallergische Reaktionen, Psoriasis, atopisches oder Kontaktekzem

    • Toxische Polyneuropathie oder Enzephalopathie durch gleichzeitige Belastung mit anderen Noxen z. B. am Arbeitsplatz

Therapie
Expositionsstopp und Förderung der körpereigenen Entgiftung
  • In erster Linie meiden der ursächlichen Noxe, z. B. durch eine Wohnraumsanierung (7.3.4). Vermeidung weiterer möglicher Noxen, z. B.: Verzicht auf Rauchen, Alkohol; Toxinaufnahme aus Nahrungsmitteln reduzieren, Umstellung auf kontrolliert biologische Kost.

  • Bei Bedarf symptomatische antiallergische Therapie durchführen.

  • Chemopherese als Ultima-Ratio-Option.

  • Zur Unterstützung der körpereigenen Entgiftung sind zu empfehlen:

    • Antioxidanzien wie Vitamin C: 150–200 mg/d (z. B. Vitamin C/forte Phytopharma®) und Vitamin E: 60–100 mg/d (z. B. Optovit forte)

    • Zink mit Zinkaspartat (z. B. Unizink®) oder Zinkorotat®, 2× 40–50 mg für 4 Wo. substituieren

    • Selensubstitution mit 100 µg Selen/d (1 Trinkampulle Selenase®); aufgrund eines Zink-Selen-Antagonismus Spurenelemente zeitlich versetzt geben

    • Anregung der Stoffwechselfunktionen durch körperliche Aktivität, Saunagänge und evtl. medikamentös durch Niacin (50–500 mg/d p.o. z. B. Nicobian®)

    • Ausleitungsverfahren (2.6)

    • Psychotherapeutische Betreuung und Stressmanagement: Es gilt, v. a. Tendenzen zu Rückzug und Resignation aufzufangen

Durchführung einer Wohnraumsanierung
  • Da im Dachraum durch Fugen und Ritzen ein ständiger Luftaustausch gewährleistet ist, sind Sanierungsmaßnahmen bei Holzschutzmittelrückständen im Speicher nicht unbedingt erforderlich. Auf alle Fälle Zugang zum Dachboden luftdicht zu Wohnräumen verschließen, um den Eintrag belasteter Staubpartikel zu vermeiden!

  • In Innenräumen mit Holzschutzmitteln behandelte Hölzer möglichst umgehend entfernen. Dies gilt insbesondere für Schlaf- und Kinderzimmer, die Küche und andere oft benutzte Räume. Selten genutzte Abstellräume müssen luftdicht verschließbar sein, wenn auf eine Sanierung verzichtet werden soll. Hier dürfen auch keine Lebensmittel gelagert werden. Bis zur Sanierung kann die Belastung folgendermaßen gering gehalten werden:

    • Räume täglich mehrmals gut lüften.

    • Regelmäßig Staubsaugen und/oder feucht wischen.

    • Kann das belastete Holz nicht entfernt werden (z. B. bei behandelten tragenden Balken), muss das Entweichen der Schadstoffe in die Luft verhindert werden. Folgende Möglichkeiten der Einkapselung bestehen: Umhüllung der Balken mit gasundurchlässiger Alu-Folie. Lackierung der Balken mit sog. diffusionsbremsenden Lacken (am besten einmal pro Jahr wiederholen).

Durch diese Maßnahmen ist zumindest eine Verminderung des Ausgasens von Toxinen möglich. Nach Wohnraumsanierung und Therapie langsames Abklingen der Symptomatik, die bei erneuter Exposition wieder aufflammen kann. In Folge kann sich ein MCS-Syndrom (7.3.5) entwickeln.

Merke

Behandelte Hölzer gehören zum Sondermüll. Nicht verbrennen, da hierbei hochgiftige Dioxine freigesetzt werden können!

Multiple Chemical Sensitivity (MCS)

Multiple chemical sensitivity (MCS) Multiple Chemical Sensitivity (MCS) ist eine erworbene Überempfindlichkeit gegenüber zahlreichen Chemikalien. Erstmals wurde die Erkrankung in den 70er-Jahren in den USA beschrieben. Bis heute ist das Krankheitsbild von wissenschaftlichen Gesellschaften nicht anerkannt. Ab Mitte der 1980er-Jahre nahm die Inzidenz auch in Deutschland zu.
MCS ist keine Befindlichkeitsstörung und primär auch keine Somatisierungsstörung. Die unspezifischen Symptome lassen sich keiner bestimmten Noxe zuordnen. Sie können aber mit einer durch Chemikalien ausgelösten Störung des NEIS (7.1.2) und einer daraus resultierenden chron. Entzündung erklärt und über den Entzündungsstatus (Zytokinstatus) und Messungen des Neurostressstatus (Katecholamne, Cortisol) labortechnisch nachgewiesen werden. Typisch für ein MCS ist eine besondere Geruchssensibilität.
Definition
Die wissenschaftlichen Forschungen orientieren sich bei der Definition der Symptomatik an den von dem Arbeitsmediziner Cullen aufgestellten Kriterien.
  • Die Störung wird erworben im Zusammenhang mit einer nachweisbaren Umweltexposition und Verletzung oder Krankheit.

  • Symptome treten an mehreren Organsystemen auf. Symptome treten auf und verschwinden in Abhängigkeit von vorhersagbaren Reizen.

  • Symptome werden hervorgerufen durch Stoffe aus verschiedenen chemischen Gruppen und verschiedenen toxischen Wirkmechanismen.

  • Symptome werden durch nachweisbare niedrig dosierte Expositionen hervorgerufen, die viele Standardabweichungen unterhalb der durchschnittlichen Exposition liegen, die sonst eine Schadwirkung beim Menschen hervorruft.

  • Kein weitverbreiteter Test von Organfunktion kann die Symptome erklären.

Ätiologie und Symptome
  • Ätiologie: Der Pathomechanismus ist unbekannt. Eine multikausale Entstehung der Erkrankung ist wahrscheinlich, wobei beeinflussende Faktoren vermutlich im chemischen, biologischen und psychischen Bereich zu finden sind (hier: Dysregulation des Neuro-Endokrinen Immunsystem (NEIS)aus verschiedenen Ebenen). Zur Ätiologie des MCS gibt es zwei konträre Hypothesen:

    • Umweltbedingte Störung mit Funktionsbeeinträchtigung sowohl von Nerven, Immun-, Hormon-, Bronchialsystem und Stoffwechsel als auch der Psyche

    • Alleinige Folge psychischer, psychosomatischer und psychiatrischer Störungen mit Geruchskonditionierung, Hypochondrie, Hysterie und Chemophobie

  • Symptome: Symptome ähneln dem SBS. Auffällig beim MCS ist die zunehmende Geruchsempfindlichkeit gegenüber chemischen Emissionen, z. B. Symptomauslösung nach Kontakt mit Parfüm, Lack, Kleber oder Ausdünstungen aus neuen Kleidern oder durch Zigarettenrauch. In Kaufhäusern oder Gaststätten können sich Betroffene oft kaum aufhalten. Die Symptome werden durch Kontakt mit Noxen, z. B. aus dem Innenraum, getriggert. Zudem können folgende Mechanismen Symptome auslösen:

    • Physischer Stress: Sport, körperliche Anstrengung, Sauna, Massagen oder eine Fastenkur (evtl. Mobilisation lipophiler toxischer Noxen)

    • Psychischer Stress: Verlust oder Tod eines Familienmitgliedes oder Partners, Ärger in Beruf

    • Allergien

    • Virale oder bakterielle Infekte

Diagnostik
  • Umweltmedizinische Anamnese: deutliche Besserung außerhalb des belasteten Bereichs, prompte Verschlechterung bei Rückkehr

  • Ernährungsgewohnheiten: Ausschluss echter Nahrungsmittelallergien und/oder Unverträglichkeiten

  • Dauermedikation und Körperpflegemittel prüfen

  • Raumluftanalysen und Materialproben: (7.3.6 SBS)

  • Biomonitoring: (7.3.6 SBS)

  • Differenzialdiagnostik (7.3.4)

  • Labor:

    • Zellulärer Immunstatus

    • Zytokine i.S.: TNF-α, IFN-γ, IL1-β, IP 10, IDO, IL6, IL8, IL10

    • Genetischer Zytokinpolymorphismus: IL1-α, IL1-β, TNF-α, IL1RN, IL6, IL10

    • Vitaminstatus: B1, B2, B3, B6, B12, Folat, D3

Therapie
  • Ausschaltung primärer und sekundärer Noxen:

    • Sanierung (Holzschutzmittelsyndrom 7.4.8)

    • Reinigung der Wohnraumluft mit speziellen Filtern, z. B. mit Zeolith-Generatoren

    • Körperpflegemittel ohne Duft- und Reizstoffe

    • Kleider: nur waschbare Kleider, die vor dem ersten Tragen mehrfach gewaschen werden müssen

  • Ernährungsumstellung (2.21): Nach Nahrungsmittelallergien bzw. -intoleranzen fahnden. Zu einer vollwertigen, verträglichen und allergenarmen Kost aus kontrolliert biologischem Anbau raten.

  • Psychische Stabilisierung: Aufarbeitung von Ängsten, Stressmanagement

  • Begleitende Maßnahmen (Holzschutzmittelsyndrom 7.4.8)

  • Chemopherese

Prognose und Prävention
  • Beim MCS-Syndrom handelt es sich um ein häufig sehr schweres Krankheitsbild, das sogar tödlich verlaufen kann.

  • Die MCS-Symptomatik klingt sehr langsam ab, selbst wenn die Belastung konsequent minimiert wird. Selbst nach jahrelanger Symptomarmut kann nach erneutem Einwirken einer Noxe das Krankheitsbild wieder aufflackern.

  • Das persönliche und so weit möglich berufliche Umfeld (Wohnen, Kleidung, Körperpflege, Ernährung) möglichst arm an Noxen halten. Bei Bedarf frühzeitiges Stressmanagement.

Sick-building-Syndrom (SBS)

Sick-building-Syndrom (SBS) Krankheiten, die auf Bauweise, Belüftungsmaßnahmen und Beheizung eines Gebäudes zurückzuführen sind, werden als Sick-building-Syndrom (SBS) bezeichnet. Synonyme sind Building-illness-Syndrom oder Tight-building-Syndrom. Im Gegensatz zur „Building related Illness“ klingen die Symptome außerhalb des Gebäudes nicht ab.
Erste Erkrankungsfälle traten in den USA in den 1960er- bis 70er-Jahren auf. Über die Zuordnung und Wertigkeit der auftretenden Symptome sowie über den Ursachen bestehen konträre Positionen. Im Jahr 2000 gingen in Hongkong ca. 40% aller Erkrankungsfälle auf ein SBS zurück.
Ätiologie und Symptome
  • Ätiologie: Verursacht wird die Erkrankung v. a. durch schädigende Einflüsse in neuen oder neu renovierten Gebäuden. Bei dem multifaktoriellen Geschehen bestehen folgende Haupteinflüsse:

    • Genetische Disposition: durch enzymatische Defekte und Dysfunktion sind Entgiftungsmechanismen verlangsamt oder gestört.

    • Summe der Belastungen durch:

      • Kleine, unterschwellige Toxindosen (Innenraumschadstoffe, aber auch Lärmbelästigung, Strahlenbelastung) die im Laufe der Jahre kumulieren. Oft finden sich in den Sick-buildings z. B. Klimaanlagen oder konventionell (über)heizte Räume mit geringen Luftwechselraten, stark isolierte Fassaden (Energiesparmaßnahmen): (über)heizte oder zu feuchte (Pilze!) Räume; große Innenraumschadstoffquellen wie Teppichböden, Lösemittel, geruchserzeugende Arbeitsstoffe.

      • Zusätzliche Belastung durch ausgeprägte körperlicher Belastung oder Fettgewebsmobilisationen (z. B. Fastenkur), wenn in Köperdepots gespeicherte Toxine plötzlich freigesetzt werden.

  • Symptome:

    • Reaktionen des Immunsystems, von Haut und Schleimhäuten: Konjunktivitis, allgemein trockene Schleimhäute (Nase und Auge), ferner Schleimhautreizungen im oberen Atemtrakt, trockene Haut, chron. Infektanfälligkeit sowie Haarausfall.

    • Neurologisch-psychische Symptome: Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Stimmungsschwankungen, Vergesslichkeit, Parästhesien, Hör- und Sehstörungen.

    • Diffuse Schmerzzustände.

Diagnostik
  • Umweltmedizinische Anamnese: nur zögerliche Besserung außerhalb des belasteten Bereichs, Verschlechterung bei Rückkehr

  • Begehung: Auf Raumklima wie Luftwechselrate, Feuchtigkeit, Raumtemperatur und Sporenbildung achten, Klimaanlagen auf Funktion und auf mikrobielle Besiedlung prüfen

  • Raumluftanalysen und Materialproben: Hausstaub ist als Untersuchungsmedium geeignet. Hausstaub auf Gehalt an Formaldehyd, PCP, Lindan, Pyrethroide untersuchen. Bei Hinweisen auf ein vermutetes Holzschutzmittel gezielte Untersuchungen einleiten

  • Biomonitoring: Bestimmung von Pestiziden, Lösungsmitteln

  • Differenzialdiagnostik (7.3.4)

  • Labor 7.3.5

Therapie
In erster Linie steht die Vermeidung ursächlicher Noxen. Die Vermeidung weiterer Noxen und begleitende Maßnahmen zur Entgiftung (7.4.8). Auch hier Kombination der Klimaanlagen mit Zeolith-Generatoren.

Wichtigste Schadstoffe

Asbest

Vorkommen
UmweltmedizinSchadstoffeSchadstoffeAsbestAsbestAsbestmaterialien dienten in Gebäuden und Geräten als Brand- und Isolierschutz. Typische Anwendungen im privaten Bereich sind asbesthaltige Wärmedämmstoffe, Brandschutzklappen und Elektrospeicherheizungen. Heute findet man in der Außenluft in Straßennähe 50–150 Fasern/m3 und in der Nähe von verwitternden Asbestzementplatten an Häusern Maximalwerte bis 1.000 F./m3. Die Raumluft enthält in der Regel weniger als 100 F./m3, dies gilt auch beim Betrieb einwandfreier Nachtspeicheröfen.
Gesetzliche Bestimmungen
1979 wurde die Verwendung von Spritzasbest und 1989 die Verwendung aller Asbestmaterialien verboten. Derzeit gibt es noch Kontakt bei Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten an Gebäuden, die vor 1982 errichtet wurden. Diese dürfen nur von nach TRGS 519 geschultem Personal mit entsprechender Schutzausrüstung durchgeführt werden. Treten Faserkonzentrationen von 1.000 F./m3 und mehr auf, müssen die Gebäude aus Gründen des vorsorgenden Gesundheitsschutzes sofort geschlossen werden. Nach der Sanierung von Gebäuden gilt als Richtwert eine maximale Faserkonzentration von 500 F./m3.
Bedeutung
Die krebserzeugende Wirkung von Asbest ist seit mehr als 60 Jahren in der Arbeitsmedizin bekannt. Etwa ⅔ aller heute anerkannten Arbeitserkrankungen gehen auf Asbest zurück. Asbest ist daher in der Gruppe III A 1 der MAK-Liste („Stoffe, die beim Menschen erfahrungsgemäß bösartige Geschwülste verursachen können“). Blauasbest (Krokydolith) ist wesentlich stärker krebsauslösend als Weißasbest (Chrysotil).
Asbestbedingte Mesotheliome sind bösartige Tumoren des Bauchfells oder des Brustfells. Das Risiko für einen Erwachsenen hierfür bei einer Belastung von 100 Fasern pro Kubikmeter über das ganze Leben wird auf 0,5–2/100.000 geschätzt. Außerdem steigt durch eine Asbestbelastung auch das Risiko für ein Lungenkarzinom.
Prävention
Keine privaten Sanierungen (z. B. Entfernen asbesthaltiger Nachtspeicheröfen) durchführen, da hierbei Wohnungen erheblich kontaminiert werden.

Benzo(a)pyrene

Vorkommen
SchadstoffeBenzo(a)pyreneBenzo(a)pyreneBenzo(a)pyrene sind Bestandteil von Dieselabgasen, Brandgasen und Zigarettenrauch. Zudem entstehen sie beim Grillen über offenem Feuer, sie sind auch in geräuchertem Fleisch oder Fisch enthalten. Benzo(a)pyrene sind Leitsubstanz der Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), einer Substanzklasse von etwa 250 verschiedenen Verbindungen.
Bedeutung
  • Seit Langem ist die karzinogene Wirkung bekannt. Reaktive Metaboliten des Benzopyrens greifen die DNA an. Einschätzungen der EPA zufolge beträgt das Risiko, durch lebenslange Inhalation von 1 ng/m3 ein Lungenkarzinom zu entwickeln 8,7/100.000 Exponierte.

  • In Deutschland beträgt die Luftbelastung in ländlichen Gebieten 1–2 ng/d, in Ballungszentren 2–12 ng/d, in Raucherhaushalten 110 ng/d, bei aktiven Rauchern 400 ng/d.

  • Der Grenzwert für Benzo(a)pyren betrug in Deutschland bis Ende März 2005 in Lebensmitteln 1 µg/kg. Dieser Grenzwert wurde ab dem 1. April 2005 durch eine EU-Verordnung auf 5 µg/kg Benzo(a)pyren angehoben. Die Situation für den Verbraucher hinsichtlich des vorbeugenden Gesundheitsschutzes hat sich damit verschlechtert.

Prävention
Rauchverzicht. Selten grillen, hierbei Eintropfen von Fett in offenes Feuer verhindern (z. B. durch Grillpfannen aus Aluminium). Geräucherte Wurst- und Fischwaren nur selten verzehren.

Benzol

Vorkommen
  • BenzolBenzol kommt in Industrieländern ubiquitär vor. Heute stammen 85–90% der Umweltbelastung von Automobilabgasen.

  • Eine inhalative Benzolbelastung kann beim Betanken von Autos entstehen, wobei die Werte äußerst stark schwanken. Starker Benzingeruch spricht für eine hohe Belastung. Auch bei in der Nähe von Tankstellen gelegenen Wohnungen wurden erhöhte Werte gefunden. Zudem können Lebensmittel, die in Tankstellen verkauft werden, mit Benzol belastet sein, die Konzentrationen sind jedoch erheblich geringer als die inhalative Belastung.

  • Vor seinem Verbot war Benzol wichtigstes organisches Lösungsmittel in Farben, Lacken und Verdünnungsmitteln. Benzol findet sich auch im Zigarettenrauch.

Bedeutung
  • Benzol ist beim Menschen eindeutig krebserregend (MAK-Wert-Liste), blutschädigend und chromosomenschädigend, unbedenkliche Konzentrationen können nicht angegeben werden.

  • Die WHO rechnet mit vier zusätzlichen Leukämien auf 100.000 Einwohner bei Benzolbelastungen von 1 µg/m3.

  • Zudem können in der Umwelt vorkommende Konzentrationen lokale Reizwirkungen an Haut und Schleimhäuten hervorrufen.

Prävention
Wegen der ubiquitären Einwirkung im Straßenverkehr, im Stadtverkehr oder im Stau wirksame Klimaanlagen benutzen. Den Aufenthalt von kleinen Kindern in der Nähe belasteter Straßen und Kreuzungen vermeiden, da in Bodennähe höhere Benzolbelastungen vorliegen. In den USA wurde die Entfernung von Benzol aus dem Kraftstoff bereits durchgeführt, solche Maßnahmen sind auch für die EU und Deutschland zu fordern.

Blei

Vorkommen
  • BleiDie ubiquitäre Bleibelastung ist hauptsächlich auf die Verwendung von Alkyl-Bleiverbindungen als Benzinzusatz zurückzuführen. Seit Einführung bleifreier Kraftstoffe ist die Belastung deutlich gesunken. Die Industrie verarbeitet Blei zu mehr als 50% in Batterien und Akkumulatoren. Blei ist auch in Rostschutzmitteln, alten Bleirohren und Lebensmitteln enthalten. In Häusern, die vor dem Jahr 1935 erbaut wurden, sind Bleirohre noch weit verbreitet. Dadurch kann das Trinkwasser mit Konzentrationen von über 100 µg/l belastet sein (7.2.7). Derzeit beträgt der Grenzwert im Trinkwasser 25 µg/l, ab 1. Januar 2013: 10μg/l.

  • Zudem enthält Schwebstaub Blei, wobei v. a. Ballungsräume belastet sind. Dadurch können auch pflanzliche Lebensmittel, insbesondere Pflanzen mit großer Blattoberfläche, wie z. B. Grünkohl, belastet sein. Innereien von erwachsenen Schlachttieren sind stark mit Blei kontaminiert. Auch Keramikgefäße mit bleihaltigen Glasuren oder Glasgefäße aus Bleikristall können Ursache einer Belastung sein.

  • Hauptbelastung für die nichtrauchende Bevölkerung ist die Nahrung. Obwohl üblicherweise der ADI-Wert nahrungsbedingt nicht überschritten wird, ist bei einer Mangelversorgung mit Eisen, Kalzium und Vitamin D der ADI-Wert evtl. erhöht, weil in diesem Fall die Bioverfügbarkeit von Blei zunimmt. Ferner muss bei Kleinkindern an eine zusätzliche Belastung durch das Verschlucken bleihaltiger Boden- bzw. Staubpartikel gedacht werden. Grundsätzlich resorbieren Kinder erheblich mehr Blei als Erwachsene.

Bedeutung
Die größte Bedeutung haben umweltmedizinisch auftretende Bleibelastungen für Kinder und Schwangere. Umweltmedizinisch relevante Wirkungen sind:
  • Neurotoxizität: Bei Kindern werden unter Bleiexposition persistierende psychomotorische Beeinträchtigungen und Intelligenzdefizite beobachtet. Hinweise für erste negative Wirkungen auf das kindliche Gehirn liegen bereits für Bleikonzentration im Blut von unter 100 µg/l vor, bei höheren Werten sind sie gesichert. Bei Jugendlichen fand man einen Zusammenhang zwischen Straffälligkeit und Bleikonzentration in den Knochen. Bei höheren Bleibelastungen wird auch das periphere Nervensystem geschädigt (z. B. Radialislähmung).

  • Wachstumsstörungen: Durch erhöhte Bleibelastung (> 150 µg/l) wird der Kalzium-Vitamin-D-Stoffwechsel gestört, evtl. auch die Schilddrüsenfunktion.

  • Blutbildendes System: Die durch Blei auftretende basophile Tüpfelung der Erythrozyten dient zur Früherkennung, außerdem entwickelt sich eine Retikulozytose. Bei Kindern kann schon ab > 200 µg/l eine hypochrome (durch Hemmung der Delta-Aminolävulinsäuredehydratase wird die Hämoglobinsynthese gestört), mikrozytäre Anämie auftreten.

Therapie
  • Die Therapie einer chron. Bleivergiftung ist kaum möglich, da Blei kaum aus den Knochen (Langzeitspeicher) entfernt werden kann. Durch die Therapie mit einem Chelator wie DMPS sinken kurzfristig die Blutwerte, die nach einer Zeit durch Mobilisation aus dem Knochen wieder ansteigen.

  • Besonderer Wert muss auf einen Expositionsstopp gelegt werden.

  • Bei Bleiwerten im Blut von über 70 µg/l ist die Einweisung in ein toxikologisches Zentrum und der Beginn einer Antidottherapie dennoch gerechtfertigt.

Prävention
  • Rauchverzicht in Wohnungen, v. a., wenn Kinder im Haushalt leben.

  • Bei Bleirohren im Haus bis zur Sanierung vor jeder Wasserentnahme zunächst (stagniertes) Wasser aus den Leitungen abzulassen, Mahlzeiten oder Getränke für Schwangere und Kleinkinder mit geeignetem Tafelwasser zubereiten.

  • Kein Spielzeug aus unkontrolliertem Import (Gefahr der Verwendung bleihaltiger Farben) beziehen.

Cadmium (Cd)

Vorkommen
  • Cadmium (Cd)Verwendung in Antikorrosionsmitteln, Batterien und Legierungen. Die Cadmiumbelastungen sind seit den 1980er-Jahren in Deutschland rückläufig. Durch Phosphatdünger und Klärschlamm werden die Böden mit Cadmium belastet, das von den Wurzeln von Pflanzen aufgenommen wird. Reich an Cadmium sind Wildpilze, Großblattgemüse sowie Innereien von erwachsenen Schlachttieren. Raucher sind einer erheblichen Cadmiumbelastung ausgesetzt.

  • Der Mensch nimmt mehr als 90% seiner Belastung über Lebensmittel auf. Kinder schöpfen diesbezüglich den PTWI-Wert zu 30–40% aus. Zur zusätzlichen Belastung kommt es bei Verschlucken von cadmiumhaltigen Staubpartikeln.

Bedeutung
Im Vordergrund steht die Nephrotoxizität von Cadmium. Bei Überschreitung einer Grenzkonzentration von 200 µg/g Nierengewebe können tubuläre und glomeruläre Schäden auftreten. Eine erhöhte Ausscheidung von β-2-Mikroglobulin im Urin ist ein empfindlicher Parameter für eine beginnende Niereninsuffizienz. Im Tierversuch löst Cadmium Lungenkrebs aus. Bedroht von einer zu hohen Cadmiumbelastung sind:
  • Langjährige, starke Raucher

  • Ältere Personen, bei denen das Cadmiumdepot in der Niere nach langjähriger erhöhter Exposition kritische Konzentrationen erreicht

  • Patient mit vorgeschädigter Niere

Umweltmedizinisch relevant ist die Cadmiumbestimmung im Urin (Referenzwert Kinder: 0,5 µg/g Kreatinin, Erwachsene 1,0 µg/g Kreatinin) da sich hierdurch Rückschlüsse auf die Gesamtkörperbelastung ziehen lassen. In der 2011 beschlossenen „ersten Verordnung zur Änderung der Trinkwasserverordnung“ wurde der Grenzwert für Cadmium im Trinkwasser von 0,005 auf 0,003 mg/l gesenkt.
Prävention
Die Maßnahmen einer umweltmedizinischen erhöhten Cadmiumbelastung beschränken sich auf die Prävention: Rauchverzicht, Einschränkung des Verzehrs cadmiumreicher Lebensmittel (Wildpilze, Innereien, Meeresfrüchte).

Dioxine und Furane

Vorkommen
  • SchadstoffeDioxineFuraneDioxinePolychlorierte Dibenzo-p-dioxine (PCDD) und Dibenzofurane (PCDF), vereinfachend Dioxine genannt, kommen in der Natur nicht vor. Vom Menschen wurden sie nie in technischem Maßstab hergestellt, sondern entstanden als unerwünschte Verunreinigungen im Spurenbereich bei vielen industriellen – 80% der Belastung entstehen bei Metallerzeugung und -verarbeitung – und thermischen Prozessen (Müllverbrennung, Feuerstätten). Heute tragen v. a. unvollständige Verbrennungen in Anwesenheit von Chlorquellen zur Belastung bei. Beim Holzschutzmittelsyndrom wird die Hauptwirkung der Dioxinverunreinigung der eingesetzten Mittel zugeschrieben.

  • Aufgrund ihrer langen HWZ akkumulieren Dioxine in der Nahrungskette. Umweltpolitische Maßnahmen bewirkten in den letzten Jahren einen deutlichen Rückgang der Emissionen.

  • Am bekanntesten ist das 2, 3, 7, 8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) als das sog. Seveso-Gift. Dioxine treten stets als komplexe Gemische mit wechselnder Zusammensetzung auf.

Bedeutung
Die umweltmedizinische Bedeutung ergibt sich aus der langen HWZ im menschlichen (Fett)Gewebe von 7–10 Jahren. Ob von den derzeitigen umweltmedizinischen Belastungen ein erhöhtes allgemeines Krebsrisiko ausgehen kann, ist unklar. Von umweltmedizinischer Relevanz sind die folgenden Wirkungen:
  • Reproduktionstoxizität: In Tierexperimenten belegt, beim Menschen finden sich Hinweise.

  • Immuntoxizität: 2, 3, 7, 8-TCDD beeinträchtigt experimentell sowohl die zelluläre, als auch die humorale Immunantwort. Auch beim Menschen gibt es Hinweise darauf. Die Dosis, bei der solche Wirkungen auftreten, wird kontrovers diskutiert, auf alle Fälle haben Kinder eine erhöhte Empfindlichkeit.

Merke

Im Tierversuch treten immuntoxische und reproduktionstoxische Wirkungen auch bei Konzentrationen auf, denen Menschen in der Umwelt ausgesetzt sind. Dagegen werden Hepatotoxizität und Hauterkrankungen nur bei erheblich höheren Dosen beobachtet.

Die für Deutschland geforderte duldbare Aufnahmemenge wird von Kindern überschritten, von Erwachsenen erreicht. Ein erwachsener Mensch nimmt in Deutschland durch Dioxine (berechnet mit den Daten aus 2000-2003) durchschnittlich etwa 0,7 g WHO-Toxizitätsäquivalente pro Kilogramm Körpergewicht und Tag auf. Ausgehend von einer sich weiter fortsetzenden Belastungsminderung liegen derzeit in Deutschland vermutlich etwas niedrigere Belastungen vor.

Besondere Belastungssituationen zeigen:

  • Gestillte Säuglinge: Sie nehmen erhebliche Dioxinbelastungen über die Muttermilch auf, die um den Faktor 100 über dem täglich duldbaren Aufnahmewert liegen. Dennoch wird Stillen aufgrund der zahlreichen anderen positiven Eigenschaften (Mutter-Kind-Beziehung, Allergieprävention) uneingeschränkt empfohlen.

  • Kleinkinder: Durch die Hand-Mund-Aktivität werden vermehrt Dioxine bei belasteten Böden aufgenommen.

  • Menschen, die viel fettes Fleisch und Fisch sowie Milchprodukte verzehren: Dioxine sammeln sich v. a. in fetthaltigen tierischen Nahrungsmitteln. Die Belastung ist in den letzten Jahren jedoch rückläufig.

Dioxinbestimmungen in Humanproben (Blut, Fettgewebe, Muttermilch) werden nur von wenigen Labors durchgeführt (Kosten ca. 500–1500 € pro Probe!).

Risikoabschätzungen von Behörden
  • Die von verschiedenen nationalen und internationalen Institutionen abgeleiteten virtuell sicheren Dosen (VSD) bzw. duldbaren täglichen Aufnahmemengen (TDI) unterscheiden sich um den Faktor 1.000. Die strengsten Maßstäbe hat die amerikanische Gesundheitsbehörde EPA: Sie geht von einer kanzerogenen Wirkung ohne Schwellenwert aus und schlug als VSD einen Wert von 0,006 g/kg/d vor (ein Pikogramm = ein billionstel Gramm).

  • Von der WHO wurde 1998 ein TDI-Wert von Dioxinen und dioxinähnlichen Verbindungen von 1–4 g WHO Toxizitätsäquivalent/kg/d abgeleitet. In Deutschland wird eine Belastung von weniger als 1 g Toxizitätsäquivalent/kg/d gefordert.

  • Grenzwert für die Aufbringung auf landwirtschaftlich und gärtnerisch genutzte Böden ist 100 ng/I-Toxizitätsäquivalent/kg Trockensubstanz Klärschlamm.

Prävention
  • Da es keine kausale Therapie gibt, kann derzeit nur empfohlen werden, die Dioxinbelastung möglichst gering zu halten, v. a. durch Verzicht auf Lebensmittel, die reich an tierischen Fetten sind.

  • Einzelberichten zufolge ist die Substitution von Vitaminen und Spurenelementen sowie andere Naturheilverfahren wie ausleitende Verfahren (2.6) sinnvoll.

Formaldehyd

Vorkommen
  • FormaldehydFormaldehyd ist einer der wichtigsten Grundstoffe der chemischen Industrie. Es befindet sich in zahlreichen Produkten des täglichen Lebens, wie in Möbeln, Textilien, Kunststoffen, Spanplatten, Farben und sogar in Körperpflegemitteln. Weitere Emissionen stammen aus dem Verkehr (umweltmedizinische Problemkreise 7.2).

  • In Innenräumen werden meist Konzentrationen von 30–80 µg/m3 gemessen, es können aber auch Spitzenkonzentrationen von 3.000 µg/m3 erreicht werden. Zigarettenrauch erhöht die Belastung maßgeblich.

Umweltmedizinische Bedeutung
  • Durch die umfangreiche Verwendung ist Formaldehyd einer der häufigsten organischen Luftschadstoffe, der v. a. im Innenraum eine Rolle spielt. Seit dem 1.4.2015 wird Formaldehyd in der EU als krebserzeugend 1b – d. h. die krebserregende Wirkung wurde im Tierversuch nachgewiesen und ist beim Menschen wahrscheinlich – und mutagen 2 eingestuft.

  • In umweltmedizinischen Konzentrationen stehen Reizwirkungen an Haut und Schleimhäuten im Vordergrund. Zudem kann Formaldehyd eine allergische Kontaktdermatitis (Typ IV) und eine Kontakturtikaria (Typ I) auslösen, die meist auf die Verwendung formaldehydhaltiger Desinfektionsmittel zurückzuführen sind. Eine ursächliche Beteiligung am Sick-building-Syndrom (7.3.6) ist wahrscheinlich.

  • Formaldehyd kann als Ameisensäure im Urin bestimmt werden, was jedoch relativ unspezifisch ist. Bei Verdacht besser Raumluftmessungen mit den Dräger-Röhrchen durchführen.

  • Laut Richtwert des BGA sollte die Konzentration von Formaldehyd in der Innenluft 0,12 mg/ m3 (entspricht 0,1 ppm) nicht überschreiten.

  • Wasch-, Reinigungs- und Pflegemittel, die mehr als 0,1% Formaldehyd enthalten sowie Textilien die > 0,15% Formaldehyd enthalten, müssen mit dem Zusatz „enthält Formaldehyd“ gekennzeichnet sein.

Prävention
  • Im Vordergrund steht die Beseitigung der Exposition durch eine Wohnraumsanierung. Danach verschwinden Schleimhautreizungen. Zusätzlich können symptomatische Therapiemaßnahmen durchgeführt werden.

  • Zudem folgende Maßnahmen beachten:

    • Im Innenraum nicht rauchen.

    • Keine offenen Feuerstellen.

    • Beim Kauf von Möbeln auf formaldehydfreie oder -arme Produkte („Umweltengel“) achten.

    • Formaldehydfreie Reinigungs-, Desinfektions- und Körperpflegemittel sowie Textilien und Kosmetika verwenden.

    • Textilien und Stoffe vor Gebrauch waschen.

Holzschutzmittel

SchadstoffeHolzschutzmittelHolzschutzmittelHolzschutzmittel sind biozide Wirkstoffe zum Schutz des Holzes gegen pflanzliche und tierische Schädlinge.
Vorkommen
Früher wurden Holzschutzmittel massenhaft auch im Innenraum (z. B. Vertäfelungen) eingesetzt, aufgrund der Persistenz der verwendeten Substanzen resultieren daraus auch heute noch Belastungen im Innenraum.
Die eingesetzten Holzschutzmittel können in drei Kategorien unterteilt werden:
  • Wasserlösliche Mittel aus Salzen bzw. Salzgemischen: Arsen-, Bor-, Chrom-, Fluor- und Kupferverbindungen

  • Ölige Mittel auf Teerölbasis: wirksame Bestandteile sind Bestandteile des Teers selber, Verwendung früher meist nur im Außenbereich z. B. bei Bahnschwellen und Telegrafenmasten

  • Lösemittelhaltige Holzschutzmittel: seit ca. 1960 eingesetzt und enthalten meist hochwirksame Fungizide (7.4.13)

Für die folgenden, seit Langem verbotenen, Wirkstoffe bestehen auch noch heute Belastungen:
  • Pentachlorphenol (PCP): Hauptverursacher des Holzschutzmittelsyndroms nicht zuletzt aufgrund seiner Verunreinigung mit hochgiftigen Dioxinen. Das starke „Breitband“-Gift für Mikroorganismen, Pflanzen, Insekten und Fische wurde bis zu seinem Verbot im Jahr 1989 v. a. in Holzschutzmitteln eingesetzt. PCP wird über den Magen-Darm-Trakt, die Atmungsorgane und insbesondere über die Haut aufgenommen. PCP ist krebserzeugend.

  • Lindan (γ-Hexachlor-Cyclohexan, γ-HCH): akkumuliert aufgrund seiner hohen Fettlöslichkeit und Stabilität in fettreichen tierischen Nahrungsmitteln bzw. im Fettgewebe des Menschen. Beobachtet werden in erster Linie Schädigungen des Nervensystems. Seit 1977 weitgehend verboten (eingeschränkte Verwendung weiterhin erlaubt, z. B. in Anti-Läusemittel). Auch heute noch finden sich sowohl in Kuhmilch als auch in Muttermilch hohe Belastungen.

  • DDT: DDT (7.4.13) wird nur sehr langsam abgebaut und ist deswegen mittlerweile in der Nahrungskette weltweit verbreitet. Seine Verwendung ist in den alten Bundesländern seit 1972, in den neuen Bundesländern seit 1989 verboten.

  • Karbolineum: Sammelbezeichnung für Teeröle – Stoffgemische aus Hunderten verschiedenen Substanzen. Krebserzeugend sind z. B. die Inhaltsstoffe Benzo(a)pyren (7.4.2), Anthracen, Phenanthren und Pyridine. Karbolineum darf seit 1991 in Innenräumen nicht mehr verwendet werden.

  • Neue Holzschutzmittel: Neuere Wirkstoffe entstammen der Gruppe der Carbamate (7.4.13), Pyrethroide (7.4.13) sowie Fungiziden, die Dichlofluanid enthalten. Verbreitet sind noch die neurotoxischen und vermutlich reproduktionstoxischen tributylzinnhaltigen Holzschutzmittel. Relativ wenig toxisch sind Borsalze.

Umweltmedizinische Bedeutung
  • Die Bedeutung der Holzschutzmittel im Niedrigdosisbereich wird kontrovers diskutiert. Sie gelten als Verursacher des Holzschutzmittelsyndroms und sind am SBS (7.3.6) und MCS (4.3.5) beteiligt.

  • Da Holzschutzmittel häufig in Kombination mit anderen Bioziden eingesetzt werden, entwickeln sich infolge von Summationseffekten atypische Symptome. Zudem haben Holzschutzmittel eine Bedeutung als Kanzerogen: In der „Norddeutschen Leukämie- und Lymphomstudie (NLL)“ wiesen Erwachsene, die Insektizide und Holzschutzmittel in privaten Haushalten anwendeten, ein erhöhtes Leukämie- und Lymphomrisiko auf. Männer, die in der Nähe von Baumschulen leben, hatten ein erhöhtes Risiko für ein hochmalignes Non-Hodgkin Lymphom.

  • Die alten Holzschutzmittel mit Lindan oder Pentachlorphnol waren mit Dioxinen verunreinigt!

  • Eine Untersuchung diverser Holzschutzmittel von Ökotest im Jahr 2011 zeigt, dass auch „moderne Holzschutzmittel“ mehrere problematische und zum Teil kanzerogene Stoffe enthalten.

Prävention
  • Auf konstruktiven Holzschutz achten, d. h. dafür sorgen, dass Wasser schnell ablaufen und das Holz gut austrocknen kann: Dies wird z. B. durch auskragende Dächer, geneigte Oberflächen, Tropfnasen, abgeschrägte Ablaufkanten und ausreichenden Abstand zum Erdreich erreicht.

  • Bei bereits vorhandener Belastung Wohnraumsanierung (7.3.4) durchführen. Die vorbeugende Verwendung von Holzschutzmitteln in Innenräumen ist nach übereinstimmender Meinung von Wissenschaft und Behörden überflüssig.

  • Aufgrund der klimatischen Bedingungen in Deutschland ist ein Schädlingsbefall so gut wie ausgeschlossen. Sollte es aufgrund widriger Umstände oder aufgrund von Bauschäden doch einmal zu einem Befall kommen, gibt es mit dem Heißluftverfahren eine effektive und giftfreie Methode, Schädlinge zuverlässig abzutöten.

Lösemittel

SchadstoffeLösemittelLösemittelLösemittel sind leicht flüchtige Chemikalien, die Fette und nicht wasserlösliche Farben lösen können. Sie sind keine einheitliche Stoffgruppe. Am bekanntesten sind 1,1,1-Trichlorethan (Methylchloroform), Trichlorethen (Trichlorethylen, Tri), Tetrachlorethen (Perchlorethylen, Per) und Dichlormethan (Methylenchlorid 7.4.16, VOCs 7.4.16).
Vorkommen
Lösemittel werden breit eingesetzt, z. B. in Farben, Lacken, Klebern, Isolationsmaterialien, Fußbodenbelägen, Kunststoffen und bei der Textilreinigung. Sie finden sich auch in zahlreichen Haushaltschemikalien.
Umweltmedizinische Bedeutung
  • In der Arbeitsmedizin sind Lösemittel anerkannte Neurotoxine. Missbräuchliche Verwendung (Schnüffeln) bei Jugendlichen führt zu schweren zerebralen Schädigungen.

  • Die Wirkung von Lösemitteln im Niedrigdosisbereich ist umstritten. Sie sind hier beteiligt an Umweltsyndromen wie dem Sick-building-Syndrom (SBS 7.3.6) und Multiple Chemical Sensitivity (MCS 7.3.5). Evtl. kann sich eine toxische Enzephalopathie und Polyneuropathie entwickeln.

Prävention
  • Keine Kleidungsstücke kaufen, die gereinigt werden müssen.

  • Bei der Verwendung im Innenraum auf lösemittelfreie Produkte (z. B. Lack auf Wasserbasis, Reinigungsmittel) achten (7.2.5).

Nitrat

Vorkommen
  • NitratIn der Landwirtschaft werden große Nitratmengen als Stickstoffdünger eingesetzt. Pflanzen, insbesondere solche mit großer Blattoberfläche (z. B. Spinat), reichern Nitrate in ihrer Biomasse an. Der Nitratgehalt des Grundwassers nimmt durch Überdüngung ständig zu (Trinkwasser 7.2.11). 2016 wiesen bereits 25% der Grundwasser-Messstellen in Deutschland einen Wert über den gültigen Grenzwert von > 50mg Nitrat pro Liter auf.

  • Natriumnitrit ist Bestandteil des Pökelsalzes und wird zur Umrötung des Fleisches und zur Erzielung des typischen Pökelgeschmacks von Fleisch- und Wurstwaren eingesetzt.

Umweltmedizinische Bedeutung
  • 70% der Nitratbelastung des Menschen stammen aus Gemüse, ca. 15–20% aus dem Trinkwasser. In einigen Gebieten liegt der Nitratgehalt des Trinkwassers deutlich über dem Grenzwert, sodass die tägliche duldbare Aufnahmemenge von 220 mg/kg Nitrat überschritten werden kann (Trinkwasser 7.2.11).

  • Nitrat selbst ist nur gering giftig. Es kann jedoch in Lebensmitteln und im Körper zu Nitrit reduziert werden. Dieses spielt eine Rolle bei der Entstehung der kanzerogenen Nitrosamine.

  • Bei Säuglingen in den ersten drei Lebensmonaten kann eine zu hohe Nitrataufnahme zu einer Methämoglobinämie führen und die sog. Säuglingsblausucht auslösen.

Prävention
Zu hohe Konzentrationen an Nitrat können vermieden werden durch folgende Maßnahmen:
  • Wenig gepökelte Nahrungsmittel essen.

  • Nitratreiche Gemüse wie Spinat nicht zu häufig verzehren. Nitratreiche Gemüse nicht aufwärmen (führt zu erhöhter Nitritbildung).

  • Freilandgemüse gegenüber Gemüse aus dem Gewächshaus bevorzugen. Gemüse aus dem Bioanbau enthält geringere Nitratwerte.

  • Auf Nitratwerte im Grundwasser achten (bei Wasseramt erfragen) und ggf. Tafelwasser verwenden.

Nitrosamine

Vorkommen
  • NitrosamineNitrosamine sind in Lebensmitteln in geringen Konzentrationen enthalten. Höhere Belastungen entstehen in gepökelten Fleischwaren v. a. nach mikrobieller Reifung (z. B. in Salami) oder wenn diese gegrillt werden. In nitrathaltigem Gemüse ist unter anaeroben Bedingungen (Plastikhülle) die Nitrosaminbildung durch mikrobielle Reduktion möglich.

  • Zigarettenrauch enthält Nitrosamine.

  • Nitrosamine wurden auch in Luftballons nachgewiesen.

Umweltmedizinische Bedeutung
  • Nitrosamine gehören zu den stärksten bekannten Karzinogenen: Seine Metaboliten greifen als alkylierende Agenzien die DNA und Proteine an. Im Tierversuch zeigte sich zudem eine mutagene Wirkung. Epidemiologischen Studien zufolge weisen Personen mit einer hohen Aufnahme an Nitrosaminen ein erhöhtes Risiko für Magenkrebs auf.

  • Raucher nehmen das meiste Nitrosamin über den Zigarettenrauch auf.

Prävention
  • Rauchverzicht

  • Verzehr gepökelter Fleisch- und Wurstwaren einschränken, solche Produkte nicht grillen.

  • Auf gute Versorgung mit Vitamin C und Vitamin E achten – diese hemmen die endogene Nitrosaminbildung.

  • Kaffeekonsum einschränken – die im Kaffee enthaltene Chlorogensäure fördert die endogene Nitrosaminbildung.

Ozon

Vorkommen
  • OzonHöchste Konzentrationen an troposphärischem Ozon liegen im Sommer vor, da zu seiner Bildung UV-Licht erforderlich ist: Aus NO2-Emissionen und chlorierten, aus Abgasen stammenden Kohlenwasserstoffen wird unter UV-Einstrahlung Ozon gebildet. Durch Verlagerung der NOx-Emissionen aus Ballungsräumen werden Ozonspitzenkonzentrationen jedoch auch in Reinluftgebieten erreicht, v. a. in Talkesseln.

  • Bodennahe Ozonkonzentrationen nehmen in den mittleren Breiten der Nordhemisphäre um etwa 1% im Jahr zu.

Umweltmedizinische Bedeutung
  • EU weit gelten Richtwerte für die Ozonkonzentration. Keine Gefahr für die Gesundheit besteht laut EU-Richtlinie durch Ozon unter einem Gehalt von 110 µg/m3. Ab einem Ein-Stunden-Mittelwert von 180 µg/m3 erfolgt die Unterrichtung der Bevölkerung, da bei dieser Konzentration die Leistungsfähigkeit empfindlicher Menschen bereits beeinträchtigt werden kann.

  • Bodennahes Ozon gilt derzeit als einer der wichtigsten Luftschadstoffe. Bei Pflanzen zeigen sich direkte Schäden durch erhöhte Ozonwerte. 5–20% der Bevölkerung gelten als ozonempfindlich.

  • Schon bei einer Konzentration von 80–200 µg/m3 reagieren Kinder mit abnehmender Lungenfunktion, bei Konzentrationen von 120 µg/m3 kommt es zu Schleimhautreizungen, unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit.

  • Ab einer Konzentration von 160 µg/m3 sind entzündliche Lungenreaktionen sowie eine zunehmende Anfallshäufigkeit bei Asthmatikern nachweisbar, bei 400 µg/m3 bestehen für die Allgemeinbevölkerung gesundheitsbedrohende Wirkungen.

  • Im Tierversuch Hinweise auf mutagene und kanzerogene Wirkung.

Prävention
  • Reduzierung des Kraftfahrzeugverkehrs, bes. bei stabilen Hochdrucklagen im Sommer

  • Individuell empfindliche Personen (z. B. Kinder, Asthmatiker) sollten sich bei solchen Wetterlagen über aktuelle Ozonwerte informieren und bei höheren Werten sich im Innenraum aufhalten oder zumindest stärkere körperliche Aktivität im Freien (v. a. in den Nachmittagsstunden) meiden.

Pestizide („Pflanzenschutzmittel“)

SchadstoffePestizidePestizidePestizide sind Substanzen oder Substanzgemische, die der Vorbeugung und Vernichtung einer „Pest“ dienen. Damit sind alle schädlichen, zerstörerischen oder lästigen Tiere, Pflanzen sowie Mikroorganismen in der Umwelt, aber auch am Körper des Menschen (z. B. Läuse) gemeint. 51% sind Herbizide (Pflanzenvernichtungsmittel), 4% Insektizide. Kleinere Gruppen sind Fungizide (gegen Pilze), Akarizide (gegen Milben), Nematozide (gegen Würmer) und Rodentizide (gegen Nagetiere).
Vorkommen
Europaweit sind ca. 800 Stoffe in 20.000 Präparaten auf dem Markt. Die Substanzen gehören auch chemisch den verschiedensten Gruppen mit unterschiedlicher Toxizität an. Allein in den alten Bundesländern beträgt der jährliche Verbrauch 30.000 Tonnen. Weltweit ereignen sich pro Jahr schätzungsweise 500.000–2 Mio. Pestizidintoxikationen. In Ländern der Dritten Welt ist die Intoxikationsrate etwa 13-fach höher als in den Industrienationen (fehlende Schutzbestimmungen). Auch in Deutschland ist die Einnahme von Pestiziden in suizidaler Absicht noch häufig.
Herbizide
HerbizideSie sind mittlerweile ubiquitär vorhanden. Die meisten weisen eine nur geringe Toxizität auf (außer Paraquat). Zu den Herbiziden gehören: Carbonsäurederivate (z. B. Dichlorprob), Harnstoffderivate (z. B. Diuron), aromatische Nitroverbindungen (z. B. Pendimethalin), heterozyklische Verbindungen (z. B. Atrazin, das nicht mehr zugelassen ist), Bipyridillium-Salze (z. B. Paraquat).
Insektizide
InsektizideDie stärkste Toxizität bei den Insektiziden hat die Gruppe der chlorierten zyklischen Kohlenwasserstoffe, deren prominentesten Vertreter DDT ist. Folgende chemische Gruppen werden unterschieden:
  • Chlorierte zyklische Kohlenwasserstoffe: Bekannte Vertreter der ersten Gruppe sind DDT und Lindan. Wegen ihrer hohen Beständigkeit in der Umwelt sind die meisten Stoffe heute verboten (z. B. DDT) oder in ihrer Anwendung beschränkt. Daher nimmt ihre Bedeutung in den letzten Jahren ab. Aufgrund ihrer hohen Beständigkeit akkumulieren sie in der Nahrungskette, insbesondere in fettem Fisch und Fleisch. Muttermilch ist auch heute noch stark mit diesen Substanzen belastet.

  • Organische Phosphorsäureester: Mit einem Einsatz von ca. 600 Tonnen pro Jahr sind sie neben den Carbamaten die am häufigsten in Deutschland eingesetzten Insektizide. Sie sind nicht nur für Insekten, sondern auch für Warmblüter sehr giftig und mit den Kampfstoffen Sarin, Tabun und Soman verwandt. Bekannte Vertreter sind z. B. die Wirkstoffe Chlorpyrifos oder Parathion.

  • Carbaminsäureester: Carbamate spielen heute eine große Rolle als Insektizide, aber auch als Pflanzenschutzmittel und Antipilzmittel in der Landwirtschaft und im Innenraum. Im Deutschland werden 1.500 Tonnen pro Jahr verbraucht. Zur Gruppe der Carbaminsäureester gehören auch die Dithiocarbamate. Letztere Substanzen stehen im Verdacht, mutagene Eigenschaften aufzuweisen. Im Tierversuch führt die Gabe während der Trächtigkeit zu einer erhöhten Rate an Fehlbildungen. Auch negative Auswirkungen auf die menschliche Fruchtbarkeit werden diskutiert.

  • Pyrethroide: Sie machen heute 25% des weltweiten Insektizidverbrauchs aus. In Deutschland werden jährlich 100 Tonnen eingesetzt. Pyrethroide werden in folgenden Bereichen verwendet:

    • Landwirtschaft: v. a. Obst- und Gemüseanbau

    • Forstwirtschaft: Schutz gegen Borkenkäfer

    • Haushalt und Gebäude: Insekten- und Blumensprays. Kammerjäger, bes. gegen Schaben, vorsorgliche Ausrüstung von Textilien, Teppiche und Möbelstücken

Fungizide
FungizideFungizide sind Substanzen, die gegen Pilze eingesetzt werden. Sie finden auch als Ausrüstung in Textilien, Teppichen und Möbeln Einsatz. Die umweltmedizinisch relevanteste Gruppe ist diejenige der Dithiocarbamate.
Umweltmedizinische Bedeutung
  • Pestizide sammeln sich in der Nahrungskette und gelangen so auch in den menschlichen Körper. Insbesondere chlorierte zyklische Kohlenwasserstoffe sind in der Umwelt äußerst stabil und akkumulieren in fettreichen Nahrungsmitteln, v. a. in Milch, im Eidotter sowie fettem Fleisch und Fisch. Diese Stoffe werden auch im menschlichen Körper im Fettgewebe gespeichert.

  • Verunreinigungen mit Pestiziden befinden sich auch an der Oberfläche von Obst und Gemüse, v. a. solches mit großer Blattoberfläche (z. B. Kopfsalat).

  • Reste von Insektiziden können auch in Baumwoll- und Wollstoffen (s. umweltmedizinische Problemfelder: Gegenstände des täglichen Gebrauchs) enthalten sein.

DDT in Muttermilch
Muttermilch gehört zu den am stärksten belasteten Lebensmitteln überhaupt: In ihr finden sich immer noch hohe Konzentrationen an DDT und anderen Organochlorinsektiziden. V. a. belastet ist die Milch von:
  • Erstgebärenden

  • Frauen, die erst spät ihren Kinderwunsch erfüllen

  • Frauen, die nach der Geburt schnell an Gewicht verlieren

  • Frauen, die in der Landwirtschaft tätig sind

Dennoch wird von der DFG empfohlen, so lange wie möglich zu stillen, da die Vorteile, wie Kontakt zum Kind und Allergieprävention die Nachteile überwiegen.
Hormonähnliche Wirkungen
Viele Pestizide entfalten im Körper von Mensch und Tier hormonähnliche Wirksamkeit. Sie ist zwar schwächer als die von körpereigenen Hormonen, wirkt dafür aber langfristig ein. Im Tierversuch sind für Pestizide folgende Wirkungen belegt:
  • Sie verhindern den Eisprung.

  • Sie verursachen erhöhte Fehl- und Frühgeburtsraten.

  • Sie reduzieren bereits in niedrigen Dosen die Vitalität und Befruchtungsfähigkeit von Spermien.

Dass Pestizide die Fruchtbarkeit gefährden, zeigt auch die Beobachtung, dass Frauen, die in der Landwirtschaft oder angegliederten Industrien arbeiten, häufiger an Unfruchtbarkeit leiden als andere. Eine Untersuchung zeigte, dass Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch höhere Konzentrationen an Umweltgiften, darunter auch an DDT und DDT-Abbauprodukten in der Flüssigkeit der Follikel aufweisen als andere. Auch in Spermaproben von unfruchtbaren Männern wurden erhöhte Konzentrationen an Agrarchemikalien gemessen. Weil sich männliche Keimzellen schneller teilen als weibliche, sind sie vermutlich gegenüber Umweltgiften noch anfälliger als die Eizellen der Frau. Daher wird die seit Jahrzehnten zurückgehende Spermaqualität u. a. auf den zunehmenden Eintrag von hormonwirksamen Agrarchemikalien in die Umwelt zurückgeführt. Auswirkungen von Umweltgiften auf die Fruchtbarkeit nehmen wegen der Anreicherung der Agrarchemikalien mit dem Alter zu.
Eine Belastung mit Insektiziden bei bereits eingetretener Schwangerschaft hat eine erhöhte Abortrate zur Folge. Bei einer DDT-Belastung ist die Abortrate umso höher, je höher die Konzentration von DDT im Vollblut ist.
Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, haben ein höheres Risiko für Hodenkrebs als andere. Auch die seit Jahren zunehmende Häufigkeit dieser Krebsart führen manche Wissenschaftler auf die zunehmende Belastung mit hormonwirksamen Umweltschadstoffen zurück. Für in der Landwirtschaft arbeitende Personen besteht auch ein höheres Leukämie-Risiko. In mehreren Studien wurde beobachtet, dass das Erkrankungsrisiko von Frauen mit steigender Zahl der Insektensprays im Haushalt zunimmt. Deshalb werden für die Zunahmen Pyrethroide verdächtigt.
Mehrere Untersuchungen aus den Niederlanden zeigen, dass Frauen, die Vollzeit in Gewächshäusern arbeiten, längere Zeit benötigen als nicht exponierte Frauen im selben Alter, um schwanger zu werden. Zudem ist die Spermaqualität (Morphologie und Beweglichkeit) von Männern, die in Gewächshäusern arbeiten und häufig Pestiziden ausgesetzt sind, niedriger als bei einer nicht exponierten Vergleichsgruppe.
Prävention
Eine umweltmedizinische Pestizidbelastung kann minimiert werden, indem pestizidärmere Nahrungsmittel ausgewählt werden und im Haushalt keine Pestizide eingesetzt werden (z. B. bei Läusen):
  • Verzicht auf fetten Fisch und fettes Fleisch – Muttermilchproben von Vegetarierinnen sind bei sonst ähnlicher Ausgangssituation erheblich weniger stark belastet als diejenige von Frauen, die regelmäßig Fleisch verzehren.

  • Gemüse und Obst aus Bioanbau: Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Obst und Gemüse aus dem Bioanbau weniger stark belastet ist als konventionell angebaute Ware.

  • Verzicht von Verzehr von Obst und Gemüse aus Drittweltländern: Hier besteht die Gefahr, dass dort noch die v. a. problematischen chlorierten zyklischen Kohlenwasserstoffe eingesetzt werden, die bei uns längst verboten sind.

  • Von Gemüse mit großer Blattoberfläche, wie z. B. Kopfsalat oder Grünkohl, die äußersten Blätter großzügig entfernen und wegwerfen.

  • Keine Pestizide im eigenen Haushalt verwenden, v. a., wenn hier Kinder leben: Es gibt umweltfreundlichere, allerdings weniger gut wirksame Alternativen, z. B. Seifenlaugen bei Läusebefall oder Pheromonfallen gegen Motten.

PVC (Polyvinylchlorid)

Vorkommen
SchadstoffePVC (PolyvinylchloridPVC (Polyvinylchlorid)Vinylchlorid (VC) und sein Polymerisat PVC haben wegen ihrer vielfältigen Verwendungsmöglichkeit als Kunststoff enorme Verbreitung gefunden. Problematisch sind auch PVC-verpackte Lebensmittel, weil Monomere aus PVC ausdiffundieren.
In einer Untersuchung der „Stiftung Warentest“ aus dem Jahr 2005 waren v. a. in Folien verpackte Käsesorten mit dem Weichmacher Diethylhexyladipat (DEHA) belastet, zwei Proben überschritten sogar den gesetzlichen Grenzwert von 18 mg/kg.
Umweltmedizinische Bedeutung
PVC steht im Verdacht karzinogen, mutagen und teratrogen zu wirken.
  • Die Beobachtung einer hohen Rate seltener Lebertumoren (Hämangiosarkome) führt zu dem dringen Verdacht. Im Tierexperiment verursacht PVC Tumoren an Leber, Gehirn, Lungen und am hämatolymphopoetischen System. Auch in epidemiologischen Untersuchungen wurden multiple Myelome sowie Hirntumoren mit PVC in Verbindung gebracht. Verdacht besteht auch bei Krebserkrankungen der Verdauungsorgane, Brust und Harnwege.

  • Die mutagene Wirkung wurde experimentell nachgewiesen, beim Menschen wurden fetalschädigene Wirkungen nach beruflicher Exposition beobachtet.

  • In epidemiologischen Studien war die Rate an Fehlbildungen in der Umgebung von VC-Industrien erhöht.

Prävention
  • Kein Kinderspielzeug aus PVC kaufen.

  • Lebensmittel in PVC-Verpackungen meiden.

  • Für den Übertritt von Weichmachern aus Folie in das Lebensmittel sind neben der Fläche auch Temperatur und Dauer des Kontakts entscheidend. Daher Lebensmittel nach dem Kauf zu Hause umpacken.

Quecksilber (Hg)

Vorkommen
  • Quecksilber (Hg)Quecksilber und seine Verbindungen sind wichtige Umweltgifte, die ubiquitär verbreitet sind. Natürlich wird Quecksilber z. B. aus Vulkanen freigesetzt. Mehr als die Hälfte des vom Menschen gewonnenen Eintrags wird in der elektrotechnischen Industrie (z. B. Tageslichtlampen, Batterien) und zur Chloralkali-Elektrolyse (Chlorherstellung) verbraucht.

  • Umweltmedizinisch hat die größte Bedeutung das Zahnamalgam, daneben kommt Quecksilber auch in Thermometern und heute noch als Hilfsstoff in manchen Augentropfen, vereinzelt als Wunddesinfiziens und Dermatika wie z. B. Hautbleichungscreme vor.

  • Quecksilber wird bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe (bes. Kohle) frei und findet sich in den Emissionen von Müllverbrennungsanlagen (1 Tonne Hausmüll ~ 3 g Hg).

  • Anorganisches Quecksilber wird in den oberen Schichten der Fluss- und Meeressedimente zu organischem Quecksilber methyliert, nach heutigen Schätzungen gelangen so über Fische und Schalentiere 5% in die menschliche Nahrungskette. Hohe Anreicherungen werden in Fischen und Meeresfrüchten gefunden (50–1.500 ng/g Frischgewicht). V. a. belastet sind Raubfische, die am Ende der Nahrungskette stehen sowie fettreiche Fische. Die WHO hat einen Höchstgehalt für Methyl-Hg in Fisch von 0,5 mg/kg festgelegt.

  • Organisches Hg ist erheblich lipophiler als anorganische Verbindungen, damit erheblich bessere Resorption. Es durchdringt die Blut-Hirn-Schranke und ist wesentlich toxischer als anorganisches Hg, insbesondere für das ZNS, dessen Symptome dominieren. Zudem verursacht es Chromosomenaberrationen und anormale Chromosomenteilungen im Tierversuch. Kinder und Feten weisen eine erhöhte Empfindlichkeit auf. Der PTWI-Wert der WHO für Quecksilber beträgt 5 µg/kg/Woche, davon 3,3 µg/kg Methyl-Hg.

Umweltmedizinische Bedeutung
Akute Quecksilbervergiftungen treten nur in der Arbeitsmedizin auf. Von umweltmedizinischer Bedeutung sind v. a. die Quecksilberdampffreisetzung von Amalgamfüllungen sowie die organische Quecksilberbelastung durch den Konsum von Fisch. Welche gesundheitlichen Probleme hierdurch auftreten, wird äußerst kontrovers diskutiert (7.3.1). Vom ehemaligen Bundesgesundheitsamt wurden Orientierungswerte zur Beurteilung herausgegeben (Tab. 7.4-1).
Insgesamt werden in Deutschland immer weniger Amalgamfüllungen eingesetzt, sodass die Bedeutung dieses Problems abnimmt.
Da aus ernährungsphysiologischer Sicht Fischkonsum empfohlen wird, nimmt dieser Belastungsweg in der Bedeutung zu. Eine Minimierung der Quecksilberbelastung von Fischen ist daher wünschenswert. Neuen epidemiologischen Studien zufolge wird das Gesundheitsrisiko einer Methyl-Hg-Belastung bislang unterschätzt. So wird im PTWI-Wert der WHO keine Unterscheidung zwischen Erwachsenen, Kindern und Schwangeren gemacht. Doch Feten reagieren 5–10-mal empfindlicher auf Methyl-Hg als Erwachsene. Eine Methyl-Hg-Belastung des Ungeborenen resultiert in späteren Lernschwächen und in Intelligenzdefiziten, wobei hierfür kein Schwellenwert angegeben werden kann. Entsprechend hat die amerikanische Gesundheitsbehörde (EPA) einen neuen PTWI-Wert festgelegt, der um den Faktor 5 geringer ist als der PTWI-Wert der WHO. Dieser Wert wird bei einem Verzehr von nur 200 g Fisch pro Woche mit der höchsten erlaubten Belastung um ein Vielfaches überschritten. Bei nur einer Fischmahlzeit pro Woche mit einem durchschnittlichen Hg-Gehalt an Fisch, wird der Wert bereit zur Hälfte ausgeschöpft. Die bei uns festgelegte Höchstmenge für Quecksilber ist für Frauen im gebärfähigen Alter zu hoch.
Besonders belastet sind Raubfische, die am Ende der Nahrungskette stehen, besonders der Haifisch. Im Vergleich zu anderen Raubfischen wie etwa der Königsmakrele, Schwertfischen und Thunfischen, liegen die Methylquecksilberwerte bei Haien um den Faktor sechs bis zehn über den Werten der anderen Fische.
Prävention
  • Keine Amalgamfüllungen verwenden, sondern auf alternative Füllungen zurückgreifen (7.3.1).

  • Die Methyl-Hg-Belastung kann folgendermaßen reduziert werden, was v. a. jüngere Frauen beachten sollten:

  • Keinen Fisch aus belasteten Gewässern verzehren (z. B. Elbe, Rhein).

  • Fette Fische meiden. V. a. belastet sind folgende Fischarten: Hai, Heilbutt, Schwertfisch, Stör, Thunfisch sowie Aal, Barsch, Hecht und Zander.

  • In der Schwangerschaft nicht mehr als 200 g Fisch pro Woche essen.

Flüchtige organische Verbindungen (FOV oder VOC)

Vorkommen
Schadstoffeflüchtige organische Verbindungen (FOV)flüchtige organische Verbindungen (FOV)Flüchtige organische Verbindungen (FOV, englisch VOC = volatile organic compounds) werden aus Möbellacken, Teppichrückschäumen und Teppichklebern emittiert. Zu dieser großen Gruppe gehören unterschiedlichste Verbindungen, z. B.:
  • Aldehyde, z. B. Formaldehyd (7.4.7)

  • Alkane, Zykloalkane und Isoalkane

  • Alkohole

  • Aromaten, z. B. Benzol (7.4.3)

  • Chlorierte Kohlenwasserstoffe, z. B. Trichlorethen

  • Glykole

  • Karbonyle

  • Phenole

  • Terpene

Umweltmedizinische Bedeutung
  • VOCs haben eine Bedeutung als Schadstoffe im Innenraum (7.2.9).

  • Selbst gesunde Personen reagierten in einer Studie auf die Mischung von 22 häufig anzutreffenden VOCs in einer Konzentration von je 25 µg/m3 mit Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche und Augenreizungen.

  • VOCs sind beteiligt an umweltmedizinischen Syndromen wie MCS und SBS (7.3.5, 7.3.6).

  • VOCs sind die Ursache der toxischen Polyneuropathie und der toxischen Enzephalopathie (TE).

  • Nach der Neuformulierung des Merkblattes zur Berufskrankheitenziffer 1317 steigt die arbeitsmedizinische Bedeutung der VOCs (7.4.16).

Merke

Vertreter der Teilgruppe der Terpene finden sich in erhöhten Konzentrationen in alternativen Bauten als Naturstoffe, die aus Terpentinölen ausdampfen. Trotz ihres natürlichen Ursprungs verursachen sie dieselben Reizwirkungen wie die chemischen Vertreter. Terpene sind der Hauptbestandteil von Zitrusöl und finden sich daher auch in zahlreichen Reinigungsmitteln. Eine Belastung entsteht auch durch die Verdampfung von Duftölen (z. B. Citrus, Orange, Mandarine).

Prävention
  • Teppiche nicht verkleben.

  • Auf Duftlampen verzichten.

  • Stark duftende Reinigungsmittel oder Kosmetika vermeiden.

Polychlorierte Biphenyle

Eigenschaften
  • polychlorierte Biphenyle (PCBs)Polychlorierte Biphenyle (PCBs) stellen eine Gruppe von 209 chemischen Chlorverbindungen dar, die allesamt giftig sind und als krebsauslösend gelten. Sie zählen deshalb zum sog. „dreckigen Dutzend (dirty dozen)“ und sind somit seit dem 17.05.2004 weltweit verboten.

  • Das dreckige Dutzend umfasst die acht Pestizide Aldrin, Chlordan, DDT, Dieldrin, Endrin, Heptachlor, Mirex, Toxaphen, die Industriechemikalien PCBs und Hexachlorbenzol (HCB) und die Dioxine und Furane. 39 der 209 Kongenere sind sog. Koplanare: Sie reagieren chemisch wie die Dioxine.

  • PCBs zeichnen sich durch ihre technische Robustheit aus: temperaturunempfindlich, säure- und laugenfest, hochelastisch.

Vorkommen
  • PCBs wurden wegen dieser Eigenschaften vielfältig eingesetzt: als Isoliermaterial in Großkondensatoren und Transformatoren, in dauerelastischen Anstrichen und Fugenmaterialien, als Schalungsölen im Betonbau, in Gummi- und Plastikspielzeugen, im Isoliermaterial elektrischer Leitungen.

  • 1989 wurde die Anwendung verboten. (Ein striktes PCB-Verbot existiert in Wirklichkeit nicht, da chemischen Produkten weiterhin bis zu 50 mg/kg beigemengt werden dürfen). Bis zum Jahr 2000 war eine Übergangsregelung für vorhandene PCB Produkte in Kraft.

Umweltmedizinische Bedeutung
  • Bei geringer akuter Toxizität steht die schon bei geringen Mengen auftretende chron. Toxizität im Vordergrund.

  • PCBs sind teratogen, hepato-, endokrino- und immunotoxisch, sie reichern sich wegen der extrem hohen Fettlöslichkeit in der Nahrungskette an und stehen im Verdacht, kanzerogen zu wirken.

  • Auch nach dem Verbot der PCBs ist heute noch von einer starken Kontamination besonders bei älteren Gebäuden und v. a. bei Betonplattenbauten aus den 1970er- und 1980er-Jahren auszugehen. Die Belastung von kontaminierten Räumen steigt mit der Raumtemperatur. In Betondecken wurde eine PCB-Kontamination bis zu 2,5 cm tief im Material gefunden.

  • Die Krankheitssymptome gleichen denen der Dioxine und Furane: Chlorakne, Haarausfall, Infektanfälligkeit und Leberschäden, um nur einige zu nennen.

Prävention
Kurzfristig müssen Gebäude nach der PCB-Richtlinie behandelt werden, langfristig sollten PCB-Rückstände vollständig entfernt werden. Dies kann aufwendige Sanierungs- und Schutzmaßnahmen erforderlich machen.

Schimmelpilze

SchimmelpilzeSchadstoffeSchimmelpilzeEine erhebliche Umweltbelastung von Innenräumen stellen Schimmelpilze dar. Nach einer Studie des Instituts für Toxikologie der Christian-Albrecht-Universität Kiel aus dem Jahre 2000 war aus der Auswertung standardisierter Dokumentationsbögen die Belastung der Umweltpat. in 31% der Fälle durch Biozide, in 30% durch Schimmelpilze, in 28% durch Dentalwerkstoffe bewirkt worden. Erst danach folgten Lösemittel und Formaldehyd. In nahezu 50% der ausgewerteten Fälle lag eine Mischexposition vor. Diese Verteilung entspricht in etwa den Erfahrungen der praktisch klinischen Umweltmedizin.
Das Wachstum von Schimmelpilzen korreliert mit Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur. Die Belastungen erstrecken sich allerdings nicht nur auf die baulichen Schwachstellen wie Wärmebrücken im Außenmauerwerk oder Wände und Böden von Nasszellen. Weitere Kontaminationen betreffen Zimmerpflanzen, Wohntextilien und v. a. Schlafutensilien.
Schimmelpilze beeinträchtigen die Gesundheit nicht nur durch ihre Sporenbildung als Allergene, sondern auch durch die Freisetzung von Mykotoxinen in Form von mikrobiellen flüchtigen organischen Verbindungen (mVOCs). V. a. Patient mit MCS (7.3.5), CFS (7.3.3) oder Fibromyalgie (3.10.9) sind von Schimmelbelastungen besonders betroffen. In manchen Fällen können Schimmelpilze auch Auslöser von Umwelterkrankungen sein.
Symptome
Schimmelpilze stören hauptsächlich drei Funktionen des menschlichen Organismus:
  • Schleimhautirritationen:

    • Chron. rezidivierende Störungen der Mukosafunktion des oberen Atemtraktes mit chron. Nasenebenhöhlenentzündungen, allergischem Bronchitiden bis hin zum allergischen Asthma

    • Chron. Bronchiolitis bis zur Alveolitis

    • In schweren Fällen auch Pilzpneumonien

    • Störungen der Darmschleimhaut mit Symptomen des Leaky-Gut-Syndroms und/oder von Colitiden

  • Störungen des Immunsystems:

    • Typ-I-Allergien

    • Pseudoallergien

    • Typ-II und Typ-IV-Allergien

    • Autoimmunreaktionen auf Phospholipide oder Serotonin, meist passager

  • Störungen des Nervensystems:

    • Konzentrationsstörungen

    • Merkfähigkeitsstörungen

    • Wortfindungsstörungen

    • Schlafstörungen

    • Schwindel und Übelkeit

    • Vigilanzstörungen

    • Psychische Auffälligkeiten ohne fachspezifisches Korrelat

Diagnostik
  • Anamnese sehr detailliert durchführen.

  • Wohnraumbegehung mit Erfassung des Mauerwerks, des Mobiliars, der Raumausstattung, der Lüftungsmöglichkeiten und -gewohnheiten, Tierhaltung im Haus (z. B. Hunde, Katzen, Vögel, Hamster) und außerhalb (z. B. Hühner, Pferde, etc.). Besonderes Augenmerk auf den Schlafplatz legen, v. a., wenn über Nachtschweiß geklagt wird.

  • Labordiagnostik: IgG-Antikörperbestimmung aus dem Serum, evtl. auch mit Nativmaterial, das in speziellen Malzextraktagar-(MEA-) Nährböden gesammelt wird.

  • LTT auf Schimmelpilze

  • Speziallabor: Nachweis von Schimmelpilzgiften aus der Luft, evtl. auch AK-Nachweis aus dem Serum

Merke

Bei Verdacht auf Schimmelpilzbelastung in Innenräumen empfiehlt es sich, die Hilfe von erfahrenen Umweltmedizinern und/oder erfahrenen Baubiologen/Umweltingenieuren in Anspruch zu nehmen.

Therapie
Die Therapie besteht wie in allen anderen umweltmedizinischen Problemkreisen darin, die Auslöser zu eliminieren oder zumindest zu minimieren.

Literatur

Böse-O’Reilly et al., 2001

S. Böse-O’Reilly S. Kammerer V. Mersch-Sundermann Leitfaden Umweltmedizin 2. A. 2001 Elsevier, Urban & Fischer München

Mersch-Sundermann, 1999

V. Mersch-Sundermann Umweltmedizin 1999 Thieme Stuttgart

Needleman and Landrigan, 1996

H.L. Needleman P.J. Landrigan Umweltgifte: So schützen Sie Ihr Kind 1996 Trias Stuttgart

Marquardt and Schäfer, 2004

H. Marquardt S. Schäfer Lehrbuch der Toxikologie 2. A. 2004 Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart

Straub, 2006

R.H. Straub Lehrbuch der klinischen Pathophysiologie komplexer chronischer Erkrankungen: Band 1: Physiologische Grundlagen Spezielle Pathophysiologie Band 2 2006 Vandenhoek & Ruprecht Göttingen

Straube and Donate, 2010

R. Straube H.-P. Donate Die Doppelmembranfiltrationsapherese als Behandlungsoption der Therapeutischen Apherese bei Erkrankungen aus der Umweltmedizin umwelt medizin gesellschaft 23 1 2010 9 14

Pall Martin, 2007

L. Pall Martin Explaining „Unexplained Illnesses“: Disease Paradigm for CFS, MCS, FMS, PTSP, GWS and others 2007 Haworth Press Binghampton

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen