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B978-3-437-23292-3.00008-8

10.1016/B978-3-437-23292-3.00008-8

978-3-437-23292-3

Analkanalkarzinom

Christian Neumaier

Allgemeines

Epidemiologie

Altersgipfel: 60 Jahre, verschiebt sich in jüngere Altersstufen. Inzidenz: 1,4 – 3/105, ca. 5 % aller gastrointestinalen Tumoren; in letzten 30 Jahren zunehmend insbesondere junge Frauen (siehe Risikofaktoren); Frauen : Männer 2 : 1

Risikofaktoren

  • AnalkanalkarzinomRisikofaktorenRauchen (Risiko 50 – 100 % erhöht)

  • Humane Papillomviren (HPV); ca. 85 % der neudiagnostizierten Fälle (HPV 16, 18, 33)

  • Z.n. Geschlechtskrankheiten oder anale und/oder genitale Warzen

  • Stark fluktuierende Geschlechtspartner, rezeptiver Analverkehr/Homosexualität

  • Vorausgegangenes Zervix-/Vulva-/Vaginalkarzinom

  • Immunsuppression, HIV, AIDS

  • Langfristige Einnahme von Kortikosteroiden

  • Chronisch-entzündliche Reizung (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)

  • Nicht Hämorrhoiden und Fissuren (Ryan DP, N Engl J Med, 2000)

Anatomie des Anus

Der Anus ist 2,5 – 3 cm lang, reicht vom anorektalen Ring (Puborektalschlingen/Apex anosphinktären Komplexes) bis zur perianalen Haut im Umkreis von 5 cm des Afters und wird in den Analkanal und den Analrand unterteilt.
  • Analkanal: proximal vom Oberrand des anorektalen Rings bis zur intersphinkterischen Furche; unterteilt sich im Bereich der Linea dentata in einen proximalen und einen distalen Anteil mit entsprechender glandulärer/plattenepithelialer Differenzierung.

  • Analrand: perianale Haut kaudal des Analkanals bis 5 cm zirkumferrenziell um After.

Bei unklarem Entstehungsort: Klassifikation als Analkanalkarzinom.

Metastasierung

AnalkanalkarzinomMetastasierungDistante Metastasierung in 5 – 10 %, im Verlauf 10 – 20 % (Ryan DP, N Engl J Med, 2000). LK-Metastasen abhängig von der Lage des Primarius und der Ausdehnung.
  • Analkanal nach Lokalisation in Bezug zur Linea dentata:

    • Kranial: mesorektal + intern iliakal → pelvine LK-Metastasen 25 – 35 %

    • Kaudal: inguinal + extern iliakal → inguinale LK-Metastasen 10 – 20 %

  • Analkanal nach Ausdehnung (Boman BM, Cancer, 1984; Frost DB; Cancer, 1984):

    • LK 5 – 8 % bei Tumor < 2 cm vs. 20 % bei Tumor > 4 cm

    • Bei tiefer Infiltration > 55 % LK

Analrand: Inzidenz von pelvinen Lk-Metastasen 5 – 8 % und inguinal bis 30 %.

Histologie

  • Analkanal: (WHO-Klassifikation): AnalkanalkarzinomKlassifikation

    • 75 – 80 % Plattenepithelkarzinome

    • 15 – 20 % Adenokarzinome (Rektumtyp, glandulär-muzinös, innerhalb Fisteln)

    • undifferenzierte Karzinome

    • kleinzellige Karzinome, darüber hinaus: Basaliome, selten Melanome

  • Analrand: meist Plattenepithelkarzinome

Staging

AnalkanalkarzinomStagingEs besteht aktuell keine allgemeingültige S3-Leitlinie für das Analkarzinom, soll 07/2019 publiziert werden. Nur im Rahmen von HPV/HIV Leitlinien.
  • Lokoregionär: körperliche Untersuchung und Inspektion inkl. DRU, Palpation LK inguinal, Prokotoskopie + Endosonografie + Biopsie (Totalbiopsie nur bei Läsionen < 1 cm oder isolierten Schleimhautbefunden), gynäkologische Untersuchung (Vulva und Zervix)

  • Distant: Thorax Becken (CT/MRT); alternativ FDG-PET/CT (insbes. bei T2-4 N0; jedes N+)

Die FDG-PET/CT führt bei bis zu 28 % der Patienten zu einer Änderung des Stagings (insbes. Metastasen ≤ 5 mm), im Zweifel/bei diskrepanten Befunden PET und CT Hohlnadel oder Exzisionsbiopsie anstreben.

Primärtumor

  • Tis: Tumor in situ, (M. Bowen, HSIL*, AIN* °II + °III)

  • T1: Tumor < 2 cm

  • T2: Tumor 2 – 5 cm

  • T3: Tumor > 5 cm,

  • T4: Organinfiltration

HSIL – High Grad Squamous Intraepithelial Lesion, AIN – anale intraepitheliale Neoplasie

Cave

Infiltration Sphincter ani, perirektale Haut, rektale Wand, subkutanes Fettgewebe kein T4!

Lymphknoten

  • N0: keine regionale LymphknotenAnalkanalkarzinomStagingLymphknoten

  • N1: regionale Lymphknoten

    • N1a: inguinal, mesorektal, und/oder iliakal intern

    • N1b: iliakal extern

    • N1c: iliakal extern und inguinal, mesorektal, und/oder iliakal intern

Klinische Stadien

  • 0 Tis N0 M0AnalkanalkarzinomStagingklinische Stadien

  • I T1 N0 M0

  • IIA T2 N0 M0

  • IIB T3 N0 M0

  • IIIA T1–2 N1 M0

  • IIIB T4 N0 M0

  • IIIC T3–4 N1 M0

  • IV alle M1

Therapie

AnalkanalkarzinomTherapieNachdem sich in einer initial als neoadjuvant intendierten kombinierten Radio-/Chemotherapie (RChT) mit 30 Gy und ChT mit 5-FU und MMC dramatische Remissionen zeigten, waren nach systematischer Untersuchung 7 von 12 Patienten, die nach neoadjuvanter RCT einer abdomino-perinealen Resektion zugeführt wurden, histologisch tumorfrei. 86 % der mit RChT behandelten Patienten zeigten eine klinische Komplettremission (CR). Hieraus ergab sich der Paradigmenwechsel von einer primären Operation hin zu einer primären RChT. Obgleich niemals ein randomisierter Vergleich einer RChT gegen OP untersucht wurde, ist die RChT aufgrund der Organerhaltung mit 5FU und MMC die Therapie der Wahl.
Eine Indikation zur abdomino-perinealen Resektion (APR) besteht heute als Salvagestrategie bei Residual-/Rezidivtumor, Inkontinenz durch massivem Sphinkterbefall sowie relativ im Stadium I und G1. Bei massivem Sphinkterbefall empfiehlt sich –auch ohne klare Evidenz – eine Post-OP-RChT zur Senkung des hohen Rezidivrisikos.
Simultane RChT basiert überwiegend auf den Ergebnissen von 7 randomisierten Studien:
  • EORTC 22861 (Bartenlink H, JCO, 1997): T3–4 N0–3 und T1–2 N1–3; RT 45 Gy +15 – 20 Gy Boost nach 6 Wo. bei Ansprechen ± ChT. Deutlicher Vorteil RChT vs. RT bzgl. Komplettremission (CR) 80 % vs. 54 %, nach 5 J. lokale Kontrolle (LC) 18 % und kolostomiefreiem Überleben (CFS) 32 % verbessert; Gesamtüberleben (OS) nicht signifikant (n.s.), vermutlich wegen Split-Course-Design der Studie (6 Wo. Pause). Fazit: RCT > RT.

  • EORTC 22953 (Bosset JF, Eur J Cancer, 2003): Phase II Studie mit T2–4 (Primarius > 4 cm) oder N0-3 im split-course mit RT 36 Gy über 4 Wo. + 2 Wo. Pause + 23,4 Gy über 17 d mit MMC/5FU (MMC 10 mg/m2 d1 und d42 + 5FU 200 mg/m2 als Dauerinfusion d1–26 + d43–60); complete response bei 90,7 %, nach 3 J. LC, CFS und OS 88 %, 81 % und 81 %; Grad 3 Toxizität kutan, Diarrhö und hämatologisch 28 %, 12 % und 2 %. Fazit: Bei RChT mit MMC und 5FU ist ein Split-Course-Design von 2 Wo. sicher.

  • UKCCCR/ACT I (Northover J, Br J Cancer, 2010): alle Stadien außer T1 N0; RT 45 Gy + Boost 15 Gy EBRT/25 Gy HDR nach 6 Wo. bei Ansprechen ± ChT. Nach 12 J. persitierende Verbesserung der RChT über RT der LC 18 %, CFS ca. 10 %, krankheitsspezifischem Überleben (CSS) um 12,5 % und OS um 2,2 J., Spättoxizitäten n.s.; Auch hier cave aufgrund des Split-Course-Designs. Fazit: RCT > RT.

  • UKCCCR/ACT II (James RD, Lancet Oncol, 2013): alle Stadien; RCT 50,4 Gy 5FU + MMC 12 mg/m2 oder Cisplatin 60 mg/m2 d1,29; 2. Randomisierung zur Erhaltungs-ChT 5FU + Cisplatin) Stellenwert einer Erhaltungschemotherapie mit 5FU/Cisplatin nach RChT mit 5FU/MMC oder Cisplatin; nach 5 J. keine Unterschiede in Ansprechraten, progressionsfreiem Überleben (PFS) und Toxizitäten. Fazit: Erhaltungschemotherapie vermutlich ohne Mehrwert.

  • RTOG 87-04 (Flam M, JCO, 1996): alle Stadien mit messbarem Tumor; RT 45–50,4 Gy 5FU ± MMC (im Falle eines schlechten Ansprechens Salvage RCT 9 Gy + CDDP) zusätzlicher Nutzen MMC zur RChT mit 5FU, nach 4 J. verbesserte Kolostomierate um 13 %, DFS und krankheitsfreies Überleben (DFS) um 18 %; OS gleich, hämatologische Toxizität (akut und spät) bei MMC erhöht. Fazit: MMC + 5FU bleibt Standard.

  • RTOG 98-11 (Ajani JA, JAMA, 2008): T2-4; RChT 45–59 Gy mit 5FU + MMC vs. 5FU/Cisplatin inklusive Induktion-ChT bei Cisplatin. RChT mit 5FU/MMC oder Cisplatin mit Induktions-ChT, RChT + MMC resultierte in niedrigerer Kolostomierate (10 % vs. 19 % bei Cisplatin), jedoch keine Unterschiede in DFS 10 % und OS 8 % nach 5 J.; erhöhte hämatologische Toxizität bei MMC. Fazit: MMC + 5FU bleibt Standard.

  • ACCORD 03 (Pfeiffert D, JCO, 2012): T1–4 N1–3; RChT 45 Gy + Boost 15 Gy vs. RChT 45 Gy + Boost 20 – 25 Gy. 2  ×  2 Studie mit Frage nach dem Stellenwert der Induktions-ChT 5FU/Cisplatin und Dosiseskalation RT-Boost (15 vs. 20 – 25 Gy) bei RChT mit 5FU/Cisplatin; CFS in allen 4 Gruppen ca. 75 %. Fazit: keine Verbesserung durch Induktions-ChT oder Dosiseskalation.

Merke

Die simultane RChT (risikoadaptiert 50,4 – 59 Gy) mit 5-FU/MMC – ohne Split Course – bleibt der Standard beim Analkarzinom.

Cave: Ein längerer Split Course führt zu Verschlechterung der lokalen Kontrolle und des CFS

Plattenepithelkarzinom des Analrandes (25 – 33 % aller Plattenepithelkarzinome des Anus):
Meist resektabel, dann Exzision analog Plattenepithelkarzinome der Haut > 0,5/ = 1 cm Sicherheitsabstand (europäisch/amerikanisch), ansonsten RChT wie Analkanalkarzinom. In der Erlangener Serie waren insbesondere große Analrandkarzinome prognostisch ungünstig, sodass diese aggressiv therapiert werden sollten, einschließlich eines differenzierten chirurgischen Vorgehens nach onkologischem Staging (Grabenbauer GG, Dis Colon Rectum, 2005).
Besondere histologische Subgruppen:
  • Adenokarzinom: Operation analog tief sitzendem Rektumkarzinom, stadienabhängig auch mit entsprechender neoadjuvanter RChT des Rektums (T3/T4, N+), auch ohne gesicherte klinische Daten bei bekannter schlechter 5-JÜ nach alleiniger OP mit 17 – 40 % zu rechtfertigen (Joon DK, IJRBP, 1999). Analog zu der primären RChT bei Rektumkarzinom gibt es Hinweise auf recht gute Ergebnisse, so dass ein kontinenzerhaltendes Vorgehen nicht ausgeschlossen ist (Joon DK, IJRBP, 1999; Belkacemi Y, IJRBP, 2003; Habr-Gama A, Dis Colon Rectum, 2013).

  • Basaliome: lokale OP oder lokale RT, Dosierung entsprechend anderen Lokalisationen.

  • Kleinzelliges Karzinom: Therapie entsprechend des SCLC/Bronchialkarzinom, bei lokaler Symptomatik in Kombination mit lokaler Bestrahlung.

Detaillierter Therapiealgorithmus

  • Oberflächliche T1-Tumoren (keine Sphinkterinvasion) < 2 cm (auch kleine T2 sind manchmal operabel): Lokale Exzision oder lokale RT ohne ChT (60 – 65 Gy) möglich, da in diesem Fall < 5 % LK + . Dennoch RChT empfohlen, da Rezidivrisiko nicht eindeutig abzuschätzen ist.

  • Tumor > 2 cm, (T2, T3, T4): RCT mit 5-FU/MMC (1. und 5. Wo.).

    • RT: 30 – 36 Gy auf klinisch neg. inguinale LK, 45 Gy auf Becken-LK, 50 Gy bis (max.) 60 Gy auf Primärtumor und klinisch oder PET-CT pos. LK (keine gesicherten Vorteile durch Lymphadenektomie).

    • T2 N0: 45 – 50 – 54 Gy auf Primärtumor

    • T3/4 N0: 50 – 54 – max. 60 Gy auf Primärtumor

    • Ggf. OP des Residualtumors (PT und LK)

    • Tx N+ 54 Gy auf Primärtumor

  • RTOG-Empfehlung: mediale inguinale LK mit bestrahlen (nach Hughes LL, IROBP, 1989 reichen wohl 30,6 Gy), laterale LK nur bei gesichertem Befall.

    • Auch vertretbar: Leisten überhaupt nur bei Befall. Rezidivrisiko dann 10 – 20 %. Oder: Leisten nur bei Primärtumoren im Stadium T3/T4.

    • Oder schließlich: Leisten nur bei Abstand des Primärtumors zur Analöffnung < 1 cm und/oder pelvin N+.

  • Metastasiertes Karzinom: Cisplatin ± 5-FU ist Standardtherapie, Kombination mit Bestrahlung weniger effektiv als bei Primärtumorbehandlung. Medianes Überleben 8 – 12 Mon.

Chemotherapie

  • RTOG: Tag 1: MMC 10 mg/m2 i.v. als Bolus (cave: Myelotoxizität, alternativ Cisplatin, maximal 20 mg Gesamtdosis). Tag 1–4(5): 5-FU 1.000 (750) mg/m2 i.v. über 24 h (je nachdem, ob 4 oder 5 d). Wiederholung an d 28; ggf. MMC-Absolutdosis bei schlechtem AZ auf 15 mg beschränken.

  • UKCCCR: Tag 1 MMC 12mg/m2 i.v. als Bolus (Cave: Myelotoxizität, HUS, alternativ Cisplatin). Tag 1–4 (5): 5-FU 1000 (750) mg/m2 i.v. über 24 h (je nachdem, ob 4 oder 5 d). Tag 28–32 (33): 5-FU 1000 mg/m2 i.v. über 24 h.

  • EORTC:

    • 22861: Tag 1 + MMC 15 mg/m2 i.v. als Bolus, d 1–5 und 29–33 5-FU 750 mg/m2 i.v. über 24 h.

    • Alternativ mit 2 Wo. Split Course

  • 22953: Tag 1 MMC 10 mg/m2 i.v. als Bolus, d 1–26 5-FU 200 mg/m2 i.v. über 24 h, 16 d Pause, dann d 43 MMC 10 mg/m2 i.v. als Bolus, d 43–60 5-FU 200 mg/m2 i.v. über 24 h.

  • ACCORD: 5FU 800 mg/m2 d 1–4, d 29–32; 2. Randomisierung zu einer Induktions-ChT 5FU + Cisplatin

Merke

Benefit durch continuous infusion von 5-FU nicht gesichert, aber z. B. durch (Rich, Radiother Oncol, 1993) und die EORTC 22953 (Bosset JF, Eur J Cancer, 2003) nahegelegt. Cisplatin/5-FU stellt wohl keine Alternative zu MMC/5-FU dar (Ajani JA, JAMA, 2008).

Radiotherapie

Technik und Lagerung

  • RadiotherapieTechnikFrühere Konzepte: initial Beckenfelder ap/pa oder 4-Felder-Box im Lochbrett

  • Primärtumor, perirektale, niedrig iliakale LK bis 45 Gy, ED 1,8 Gy

  • RT-Algorithmus für inguinale LK (ggf. mit zusätzlicher Aufsättigung via Elektronen)

    • Nicht bei oberflächlichen T1 ohne Sphinkterinfiltration

    • mediales Leistendrittel: 30,6–36,0 Gy bei pelvin N0

    • ganze Leisten: 45 Gy bei pelvin N+

    • 54 Gy bei manifestem Leistenbefall auf vergrößerte LK

    • Obere Feldgrenze

      • N0 und tief sitzender Primarius → bis kaudaler Beginn der ISG-Fugen

      • N1 oder hoch sitzender Primarius → bis Promontorium

    • Anschließend Tumor-Boost (Tumor + 2,5 cm Sicherheitsabstand)

      • GD 50 – 54 Gy (T1/2) bzw. 54 – 60 Gy (T3/4, Tx N + ), ED 1,8 Gy via seitliche Gegenfelder oder 3er- bzw. 4er-Box (Primärtumor) oder direktes perineales Elektronenfeld oder intraluminale/interstitielle RT bis 1–2 × 5 Gy (HDR)/10 – 20 Gy (LDR)

  • Moderne Konzepte: IMRT mit CT-gestützter, inverser 3D-Bestrahlungsplanung

    • RTOG 0529 (reduzierte genitale/gastrointestinale/kutane Toxizität)

    • Nachgewiesener Vorteil zur Dünndarmschonung in Bauchlage im Lochbrett (im Vgl. zu Rückenlage leicht instabilere Lagerung)

Cave

Marginal Miss bei perigenitaler Tumorausdehnung (nicht nur bei T3–4), wenn Dose-Constrains der ROTG 0529 zur genitalen Schonung rigide umgesetzt werden (Koeck J, Radiat Oncol, 2016). Hier kann ein prätherapeutisches MRT und FDG/PET-CT zur Festlegung der ventralen Grenze des PTV helfen.

Mögliche Kombination: External Beam Boost bis 50 – 54 Gy, dann 1 – 2 × 5 Gy intraluminales HDR-Afterloading oder 10 – 20 Gy LDR-Afterloading.

Zielvolumendefinition

IMRT
  • RadiotherapieZielvolumenIMRTKonturierung OAR (Dünn-/Dickdarm, Femurköpfe, Genital, Blase)

  • GTV-Konturierung des Primarius und befallener LK

  • CTVPrimarius = GTVPrimarius + 20 mm, CTVN+ = GTVN+ + 10 mm

  • CTVLK low- risk (bei T1–2und /oder N0) = Gefäße + 7 mm (LK perirektal, inguinal, extern und intern iliakal inklusive der obturatorischen LK und präsakral bis Unterkante ISG)

  • CTVLK high-risk bei T3 – 4 und/oder N+ = Gefäße + 7 mm (LK wie bei CTVLK low-risk + iliakal commun/Mesorektum) + CTVN+

  • PTV = CTVPrimarius, LK low-risk/high-risk, N+ + 5 – 10 mm (je nach Lagerungsgenauigkeit)

Ggf. Bolus auf Tumoranteile, die nach außen vorragen, insbesondere Analrandkarzinome oder Hautinfiltrationen; Boost bei Analrandkarzinomen via Elektronenfeld mit Bolus anstreben

Merke

  • Simulation mit metallischem Marker am Anus oder Hautinfiltrationen, sonst Risiko des Marginal Miss!

  • Bei HPV-assoziiertem Anal-Ca Evaluation einer VIN, ggf. Einschluss Vulva in das PTV.

Ergebnisse

  • Analkanal-Plattenepithelkarzinom:

    • 50 % 5-JÜ und 60 % lokale Kontrolle bei alleiniger abdomino-perinealer Resektion (Boman BM, Cancer, 1984).

    • 80 % 5-JÜ bei T1/T2 bei primärer RChT.

    • 70 % 5-JÜ bei T3/T4 bei primärer RChT.

    • Anus-praeter-freies Überleben 57 % (T1–T3 78 %, T4 33 %).

    • 60 % der kolostomiefrei Überlebenden sind voll kontinent, bei insgesamt 90 % ist das Ergebnis befriedigend (Grabenbauer GG, Dis Colon Rectum, 2005).

    • Lymphknotenbefall insgesamt: 30 % N +. Elektive RT der inguinalen LK senkt die Rezidivrate von 21 % auf 10 % (Cummings BJ, IJROBP, 1991), pos. LK werden zu 57 % lokal kontrolliert.

    • 30 % der Patienten sterben an Fernmetastasen, daher beträgt trotz 90 % lokaler Kontrolle das 5-Jahres-Gesamtüberleben nur 60 %. Bei M+ medianes Überleben 10 Mon.

  • Analrandkarzinom: 80 % Heilungsrate

  • Kleinzelliges Karzinom: extrem schlechte Prognose (hohe Metastasierungsrate)

  • Adenokarzinom: Stadienabhängig ähnlich dem Rektumkarzinom

  • Prognosefaktoren:

    • Für das Gesamtüberleben (OS) ist die lokale Kontrolle (LC) des Tumors entscheidend.

    • Die LC ist direkt mit Tumorgröße (> 5 cm), aber auch mit Geschlecht, N +, Ulzeration und HPV/p16-Status verknüpft.

    • Neben des HPV-Status ist die Überexpression von p16 als prognostischer Faktor zu differenzieren (Mai SK, IJROBP 2015).

Die STIKO hat 06/2018 nun eine generelle Empfehlung zur Impfung auch von Jungen zur Immunisierung gegen Hochrisiko-HPV-Stämme im Alter von 9 – 14 J. gegeben (AG HPV der Sta¨ndigen Impfkommission [STIKO], Epid Bull, 2018).

Nebenwirkungen/Aufklärung

Cave

RadiotherapieNebenwirkungenRadiotherapieAufklärungDie RChT des Analkarzinoms ist eine eingreifende Therapie und birgt auch heute noch ein – wenn auch geringes – Mortalitätsrisiko aufgrund der potenziellen Myelosuppression oder einer inapparenten DPD-Insuffizienz bei 5-FU haltiger Chemotherapie.

  • Mortalität 1 – 3 % (Sepsis, kardial)

  • Anorektale Dysfunktion

  • Perianale/inguinale Dermatitis bis hin zu flächigen Epitheliolysen ggf. Superinfektion

  • Dyspareunie (Trockenheit der Schleimhäute und vaginale Schrumpfung)

  • Sterilität

  • Hormonstörungen (Testikel- oder Ovarfunktion)

  • Fistelgefahr bei T4

  • Chemotherapie: HUS, Myelo- und Lungenfibrose, eingeschränkte Blutbildung, kardial

Nachsorge

RadiotherapieNachsorge3-monatliche Nachsorge für 3 J. (danach nur noch 1 % Rezidivrate), 6-monatige Nachsorge bis 5 J.; Lokalrezidiv häufiger als Fernmetastasen → Schnittbildgebung Thorax-Becken einmal jährlich empfohlen (ESMO und NCCN Guidlines).
  • DRU, Proktoskopie mit Endosonografie und Palpation Leistenlymphknoten

  • Lokale Regression noch nach 26 Wo. nach Start RChT (Glynne-Jones R, Lancet Oncol, 2017): 72 % der Patienten mit PR nach 11 Wo. zeigten nach 26 Wo. eine CR.

  • Bei V.a. Persistenz/Rezidiv → PE, ggf. Salvage (cave: 10 – 15 % der PE falsch neg.)

Bei 50 % der Patienten kann durch eine abdomino-perineale Resektion Salvage erreicht werden.

Besonderheiten

HIV-positive Patienten

RadiotherapieHIV-InfektionPotenziell stärkere Mukositis. Empfehlung: Konventionelles Schema beginnen, ggf. entsprechend der Reaktion modifizieren. Immunsupprimierte Patienten scheinen aggressivere Tumoren zu haben oder schlechter auf RChT anzusprechen (bei RChT im Gegensatz zur OP größere Rolle des Immunsystems? Mai SK, Onkologie, 2002).

Merke

Laufende Studien Phase II

Primäre RChT:
  • RT mit Capecitabine/Oxaliplatin (NCT00093379)

  • EORTC 3205 + AMC 045 mit RT Cetuximab bei k-ras-Wildtyp

Unresektable Rezidive/Metastasen:
  • InterAACT Cisplatin/5FU vs. Carboplatin/Paclitaxel (NCT02051868)

  • Single-Arm-Nivolumab

  • KEYNOTE-028 mit Pembrolizumab bei PD-L1-positiven Plattenepithel-Ca

Weiterführende Literatur

Muirhead et al., 2017

R. Muirhead R. Glynne-Jones M. Harrison Initial Results from the Royal College of Radiologists’ UK National Audit of Anal Cancer Radiotherapy 2015 Clin Oncol (R Coll Radiol) 29 3 2017 Mar 188 197 doi: 10.1016/j.clon.2016.10.005. Epub 2016 Oct 31

Wenz, 2017

Wenz F (Hrsg.). Radiation Oncology. Springer International Verlag. ISBN 978-3-319-68470-3 (in Vorbereitung).

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