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Normaler BewegungsumfangBewegungsumfang.

Passiver und aktiver Bewegungsumfang bei normaler Beweglichkeit.

Bewegungsumfang bei einer Ilium-anterior-Läsion.

Grundlagen

Osteopathie: „A little history“

Wie alles begann

Die GeschichteOsteopathieHistorie der manuellen Behandlungen ist wohl so alt wie die Geschichte der Menschheit und der sich mit ihr entwickelnden Heilkunst. Zeugnis ihres frühen Einsatzes sind Funde im Alten Ägypten und in Asien. Die europäische Medizin wurde dagegen erst 460 v. Chr. von dem griechischen Arzt Hippokrates begründet. Schon damals betonte er die Bedeutung der Wirbelsäule und beschrieb mehrere Erkrankungen, die durch Wirbelfehlstellungen verursacht werden können, wie z. B. Pharyngitis, Laryngitis, Asthma, Nieren- und Harnblasenentzündungen oder Obstipation. Eine bedeutende Weiterentwicklung fand erst wieder mit Galen (160 n. Chr.) statt. Er ist als Arzt der Reichen und des Adels eine der bekanntesten Figuren in der Medizingeschichte. Galen heilte einen Patienten (Pausanias), der unter Parästhesien im 3., 4. und 5. Finger der linken Hand litt, durch manuelle Behandlung des 7. Halswirbels und erkannte damit die Bedeutung der Austrittstelle der peripheren Nerven im Bereich der Wirbelsäule.
Trotz ihrer Erfolge geriet die manuelle Therapie weitgehend in Vergessenheit, vor allem durch die rapide Entwicklung von Arzneimitteltherapie und Chirurgie. Die modernere „Pharmakotherapie“ stellte in den Augen der Ärzte die „primitiven“ Techniken der manuellen Therapie völlig in den Schatten. Ein weiterer Grund könnte darin bestanden haben, dass die vielen ansteckenden Krankheiten die Ärzte davon abhielt, die Patienten in der Therapie anzufassen. Erst im 19. Jahrhundert setzte eine Renaissance der manuellen Therapie ein. Vor allem in England und in den USA waren sogenannte „Bonesetter“ aktiv. Hieraus entwickelten sich hauptsächlich zwei Vorreiter:
  • Andrew Taylor Still aus den USA (1828–1917), Arzt und Begründer der Osteopathie (Kap. 1.1.2)

  • Daniel David Palmer aus den USA (1845–1913), ein Kolonialwarenhändler und Magnetiseur (Heiler, der mit Magnetismus behandelt)

Palmer gründete die Chiropraktik, nachdem er einen seiner Sklaven mit Hörstörungen durch Manipulationen der oberen Halswirbelsäule (HWS) geheilt hatte. „Cheir“ ist griechisch und steht für „Hand“; „Praktik“, ebenfalls aus dem Griechischen, bedeutet „Behandlung“. Chiropraktik heißt also „Behandlung mit der Hand“. Es liegen kontroverse Angaben dazu vor, ob Palmer ein Patient oder Student von Still war. Sicher dürfte aber sein, dass sich beide Anfang des 20. Jahrhunderts getroffen haben. Vor allem Palmers Sohn entwickelte die Chiropraktik weiter. Die Chiropraktiker legen großen Wert auf die strukturellen Unregelmäßigkeiten der Wirbelsäule. Sie benutzen vor allem die Wirbelfortsätze als kurze Hebel, auf die sie mit Handgriffen einwirken.
Auch innerhalb der Chiropraktik haben sich verschiedene Richtungen mit entweder eher konservativen oder mehr progressiven Einstellungen entwickelt. Obwohl die Tendenz sicher in die Richtung der „sanfteren“ Methoden geht, beschäftigen sich auch heute noch viele Chirotherapeuten leider nur mit Gelenkmanipulationen.

Das Leben von Andrew Taylor Still

Andrew Taylor Still (1828–1917) Still, Andrew Taylorwurde 1828 als Sohn eines protestantischen Pfarrers, der aber gleichzeitig auch Arzt und Landwirt war, geboren. Dessen Tätigkeit als Missionar brachte auch seinen Sohn viel mit nordamerikanischen Indianerstämmen und ihrer Medizin in Berührung. A. T. Still war selbst Ingenieur und studierte später Medizin. Er diente als Chirurg im amerikanischen Bürgerkrieg und sammelte dort Erfahrung und Wissen im Bereich der praktischen Anatomie. Anschließend ließ er sich in einer eigenen Praxis nieder.
Zunächst sah der Ingenieur in Still den Menschen als eine Art „Maschine“ mit Hebelarmen, Bändern, Drehpunkten und Gelenken. Dieser mechanistische Ansatz erklärt seine anfänglich stark positionell ausgerichtete Einstellung zur Statik und Beweglichkeit des Menschen, da im mechanistischen System die einzelnen mechanischen Teile eine korrekte Position aufweisen müssen.
Als Landwirt zog er unvergessliche Vergleiche zwischen einem Menschen und einem „Acker“. Er verglich die Grundsubstanz „Erde“ mit dem Bindegewebe und die „Flüsse“ mit den Blutgefäßen und Nerven. Diese bewässern den Acker bzw. im übertragenen Sinn das Bindegewebe und sorgen für die Drainage und den Abtransport der Abfallstoffe. Eine gute Bewässerung ist demnach ausschlaggebend für eine gute „Ernte“, sprich Gesundheit. So kann ein „Felsen“ bzw. Knochen für eine Obstruktion bzw. Kompression von „Bächen“ und Flüssen, d. h. Gefäßen, sorgen und damit die Ernte bzw. die Gesundheit gefährden.
Anfangs vertrat Still die Auffassung, dass nur Knochen für solche Stauungen verantwortlich sein können und begründete damit den Namen Osteopathie: Leiden bzw. Krankheit, die durch Knochen verursacht wird. Der Ursprung des Worts Osteopathie stammt aus dem Griechischen: „Osteon“ (Knochen) und „Pathos“ (Leiden). Dies gibt auch jetzt noch Anlass zur missverständlichen Übersetzung und fehlerhaften Deutung der Osteopathie als Knochenkrankheit. Still selbst sah später darin einen großen Irrtum. Er dachte an Knochen als Ausgangspunkt pathologischer Syndrome und aus Osteon und Pathos entstand dann die Verbindung Osteopathie.
Der Einfluss seines Vaters als Missionar zeigte sich in seinem Glauben, dass Gott dem Menschen die Möglichkeit gegeben hat, sich aus sich selbst heraus ohne Medikamente zu heilen. Gott hat dem Menschen sozusagen eine eigene Apotheke mitgegeben. Still war davon überzeugt, dass es ausreichen müsste, die Obstruktion der Gefäße zu beheben, damit der Körper sich dann selbst heilen kann.
Ein weiterhin entscheidendes Ereignis in seinem Leben war die Begegnung mit einem an Dysenterie erkrankten Kind. Die Mutter des Kindes bat Still um Rat. Bei der Untersuchung fiel ihm die Diskrepanz der Körpertemperatur zwischen Bauch und Rücken auf. Der Bauch war ganz kalt, der Rücken in der Lumbalregion heiß, die Muskulatur hart und verspannt. Dort begann er zu massieren und zu kneten, worauf sich der Zustand des Kindes deutlich besserte. Still erklärte die Situation dadurch, dass geringe strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule Schäden an Nerven und Gefäßen in ihrer Nachbarschaft, insbesondere im Foramen intervertebrale, verursachen und so die von ihnen versorgten inneren Organe in Mitleidenschaft ziehen. Diese Theorie war natürlich mit den damaligen Vorstellungen in der Medizin kaum vereinbar. Still bezeichnete die damalige Medizin abfällig als „Drug Therapy“ und äußerte seine Unzufriedenheit über die übertriebenen Medikamentenverordnungen. Er versuchte Kollegen zu überzeugen, Patienten nicht mit Medikamenten überzutherapieren.
Es kam zu einem völligen Bruch mit seinen Kollegen, als Still im Jahr 1874 in Kirksville mit 17 Studenten eine eigene medizinische Osteopathie-Schule gründete. Die Studiendauer betrug zunächst 2 Jahre. Die Studenten waren Laien und wurden somit Heilpraktiker. Nach einigen Jahren erweiterte Still das Studium auf 4 Jahre und gründete 1892 The College of Osteopathic Medicine in Kirksville, Missouri. 1928 wurde die American Osteopathy Foundation gegründet und es entstanden immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen, die die Osteopathie fundierten.
Die Osteopathen versuchten sich damals zunehmend der Schulmedizin anzugleichen und integrierten Pharmakologie und Chirurgie in die Ausbildung. Obwohl bereits 1954 genaue Untersuchungen der osteopathischen Ausbildung durch offizielle Instanzen nur geringfügige Unterschiede zum medizinischen Studium aufzeigen konnten, dauerte es bis Ende der 1970iger Jahre, bis eine Angliederung der osteopathischen Medizin an den amerikanischen Universitäten stattfand. Der Titel „D. O.“ (Doctor of Osteopathic Medicine) wird in den USA inzwischen dem des „M. D.“ (Medical Doctor) gleichgestellt.

Die Osteopathie nach A. T. Still

StillOsteopathienach A. T. Still beschäftigte sich am Anfang mit statischen Überlegungen und für ihn galt nur die Position der Gelenke und die Körperhaltung. Erst später entwickelte er ein Verständnis für die Auswirkungen von Bewegungseinschränkungen oder vom Mobilitätsverlust der Gelenke und Muskeln sowie von Spannungen im Bindegewebe auf die Arterien, Venen und das benachbarte Gewebe.
Neben der artikulären Blockierung wurde die Bedeutung der Funktionsfähigkeit der Muskulatur und des Einflusses von Muskelverspannungen mehr und mehr anerkannt. So entwickelteMitchell, Fred L. Sr. Fred L. Mitchell Sr. die Muscle Energy Techniques (MET, Muskel-Energie-Techniken), Muskel-Energie-Techniken (MET)wobei aktive Muskelkontraktionen des Patienten zur Gelenkkorrektur genutzt werden.
„Spontaneous Release by Positioning“, auch Strain and Counterstrain Strain-Counterstraingenannt, ist eine von Lawrence H. Jones Jones, Lawrence H.konzipierte sanfte Methode. Dabei wird die verspannte Muskulatur gelöst, in dem das Gelenk in die schmerzfreie Position mit der geringsten Spannung gebracht wird. Jones nutzt Tenderpoints Tenderpoints (TP)(bestimmte spezielle Druckpunkte) sowohl zur Diagnose und Therapie als auch zur Kontrolle des Behandlungserfolgs. Damit ist ihm ein großer Schritt in der Schmerztherapie gelungen.
William Garner Sutherland riefOsteopathiekraniosakraleSutherland, William Garner Anfang der 1940er Jahre die kraniosakrale Osteopathie ins Leben. Seine Erkenntnis, dass es neben Herz- und Atemrhythmus noch einen weiteren eigenständigen Körperrhythmus gibt, nämlich den kraniosakralen, stieß bei seinen Kollegen anfangs auf Ablehnung und Kritik. Später fanden die Konzepte, z. B. dass die Beweglichkeit der Schädelknochen, des Sakrums und der duralen Membranen mit den Fluktuationen des Liquor cerebrospinalis ein funktionelles System bilden, starke Resonanz. Die kraniosakrale Osteopathie entwickelte sich trotz der schwer wissenschaftlich zu beweisenden Ansätze zu einem festen Teilbereich der Osteopathie und trug in den folgenden Jahren dazu bei, die Position der Osteopathie in der ganzheitlichen Medizin zu stärken.
Die Idee der kraniosakralen Osteopathie wurde von John Upledger Upledger, Johnweiter ausgeführt. In den 1980er Jahren entwickelte Upledger sein Konzept desSomato Emotional Release Somato Emotional Release, das Körper, Geist und Seele verbindet und in die Lehre der Osteopathie integriert. Er löste Energiezysten und Spannungen im Gewebe und verdeutlichte deren Verbindung zu seelischem Stress.
Ihre neurobiologischen Grundlagen verdankt die OsteopathieKorr, Irvin Irvin Korr. Er beschriebRückenmarksegmentfazilitiertes das fazilitierte Rückenmarksegment und legte damit die ganzheitlichen Fundamente der modernen Osteopathie. Über neurovegetative, spinale und hormonale Verknüpfungen werden komplexe Zusammenhänge und Läsionsketten im Körper verständlicher gemacht.
Jean-Pierre Barral Barral, Jean-Pierrebegründete in Frankreich Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre die viszerale Osteopathie, die sich sehr schnell zu einem weiteren unzertrennlichen Pfeiler der Osteopathie entwickelte. Ihm verdanken wir die Untersuchung der Mobilität und Motilität der Organe und ihrer Gleitflächen.
Der französische OsteopathAllen, W. M. W. M. Allen fügt der Osteopathie eine weitere Dimension hinzu. Sein Ausgangspunkt ist die Annahme, dass jeder körperliche Zustand wichtig ist und dass er bereits die Lösung eines Problems in sich birgt. Es geht ihm nicht darum, diesen physischen Zustand zu manipulieren, sondern darum, die zugrunde liegenden Faktoren zur Entfaltung zu bringen. Dabei soll der Therapeut seine persönlichen Vorurteile ablegen und für den Patienten präsent und verfügbar sein. So hat der Patient mehr Möglichkeiten, sich auf seine eigene Art und Weise zu entfalten und seine Schwierigkeiten zu lösen. In der Praxis arbeitet W. M. Allen sehr viel mit Energiefeldern und stellt Zusammenhänge mit dem Meridiansystem der Akupunktur fest.
Zunehmend ist auch ein wachsendes Interesse an Faszien und ihrer Mobilität FaszienMobilitätzu beobachten. Das Bindegewebe, das makroskopisch alles mit allem verbindet, aber auch als „Molekularsieb“ bis auf Zellebene den ganzen Körper durchsetzt, bildet damit das Grundsystem der Verknüpfungen und Vernetzungen. Vermutlich ist dies erst der Anfang einer noch differenzierteren Therapie, deren Weiterentwicklung noch nicht zu Ende ist.

Entwicklung der Osteopathie in Europa

Als sichOsteopathieEntwicklung in Europa immer mehr Osteopathen in Westeuropa niederließen, entstanden ihnen gegenüber auch hier dieselben feindseligen Reaktionen und Vorurteile wie in den USA. Ein Wegbereiter der Osteopathie in Europa war der englische Arzt und Professor der PhysiotherapieMennell, James A. James A. Mennell, der in Amerika Osteopathie studiert hatte. Obwohl er als Erster in der Geschichte der Manuellen Medizin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Lehrauftrag an einer Universität hatte, bildete er erstaunlicherweise hauptsächlich nur Physiotherapeuten aus. Er war mitverantwortlich für die Einführung von manipulativen Gelenktechniken Gelenktechniken, manipulativein die britische Medizin. Sein Sohn John Mennell trug 1977 dazu bei, dass Osteopathen in der North American Academy of Manipulative Medicine (NAAMM) aufgenommen wurden.
1917 wurde durch einen direkten Schüler von A. T. Still, John Martin Littlejohn, die British School of Osteopathy (BSO) Littlejohn, John Martinals erste europäische Schule in London gegründet. Diese Schule ist auch heute noch eine der renommiertesten Schulen in Europa und befindet sich noch immer im Herzen von London. 1946 spaltete sich von der BSO eine Gruppe von Osteopathen ab, das British College of Naturopathy and Osteopathy (BCNO).
1951 wurde die ESO (European School of Osteopathy) von Paul Geny Geny, Paulin Paris als „Ecole Française d'Osteopathie“ (Französische Schule für Osteopathie) gegründet. Diese Schule wurde 1957 durch erfahrene englische Osteopathen wie Thomas G. Dummer, Parnell Bradbury, Denis Brookes und Conrad Winer Dummer, Thomas G.Bradbury, ParnellBrookes, DenisWiner, Conradverstärkt. Unter der Leitung von T. G. Dummer siedelte die Schule 1965 nach London um und mietete dort zuerst Räume beim British College of Naturopathy and Osteopathy. 1969 zog die Schule dann letztendlich nach Maidstone, wo sie sich auch heute noch befindet. 1974 startete die Schule die englischsprachige Vollzeitausbildung und nahm den Namen ESO an. Aktiv dabei waren namhafte Osteopathen wieWernham, JohnBlagraveJ. K.BlagravePeterHall, Thomas Edward John Wernham, J. K. und Peter Blagrave sowie Thomas Edward Hall. Von dieser Schule gehen viele neue Impulse für die Osteopathie aus, der Ansatz von Jean-Pierre Barral ist dafür nur ein Beispiel.
Die in London an der osteopathischen Schule BSO ausgebildeten englischen und französischen Ärzte veröffentlichten in den 1960er Jahren und auch später ihre Erfahrungen über osteopathische Techniken. Stoddard, Maigne und andere sorgten für einen erstaunlichen Fortschritt.
Als weiterer Pionier ist sicher auch der in London bei Mennell und Cyriax ausgebildete Physiotherapeut Freddy M. Kaltenborn Kaltenborn, Freddy M.zu nennen, der in Skandinavien zusammen mit Olaf Evjenth die Orthopädische Manuelle Therapie entwickelte. Geoffrey D. Maitland Maitland, Geoffrey D.ist ein weiterer australischer Physiotherapeut, der sich als Osteopath einen Namen gemacht hat und sich stark an Kaltenborn, Grieve, Lewit und Janda orientierte.
Als amerikanische Osteopathen, wieMagoun, HaroldFrymann, Viola z. B. Harold Magoun und Viola Frymann, in den 1960er Jahren anfingen, die Grundlagen der kraniosakralen Osteopathie an der BSO zu unterrichten, stießen sie zunächst genau wie in Amerika auf Ablehnung und Skepsis. Es entstanden innerhalb der osteopathischen und medizinischen Welt zunehmend Streitigkeiten und Vorurteile. Erst in den 1980er Jahren gewann die kraniosakrale Osteopathie durch wissenschaftliche Untersuchungen auch in Europa an Bedeutung.
Andere europäische Länder folgten mit der Gründung von Ausbildungszentren für Osteopathie, voran Belgien und Frankreich. Nach einer Zunahme osteopathischer Ausbildungseinrichtungen in Deutschland in den letzten 15 Jahren ist inzwischen auch hier ein Wendepunkt erreicht. Die Osteopathie wird zwischenzeitlich auch in Deutschland als effiziente und wichtige Heilmethode immer mehr geschätzt.
In den letzten Jahren ist das Interesse an Soft Tissue Techniques enorm gestiegen. So wurden die kraniosakrale und viszerale Therapie durch fasziale Techniken viel subtiler und variantenreicher.
Die Trennung zwischen Osteopathie und Medizin wurde in Europa bis heute leider nicht überwunden. Viele Ärzte kennen die Osteopathie noch nicht und/oder bezeichnen sie immer noch als „Irrläufer“. Patienten verwechseln sie häufig immer noch mit Osteoporose. Die Osteopathen selbst spalten sich häufig in Gruppen mit bedingungslosen Vorstellungen auf, z. B. die strukturell orientierten Osteopathen oder die energetisch orientierten Osteopathen. Paula Fletcher Fletcher, Paulapräsentierte 2005 in London auf der First International Osteopathic Education Conference eine Übersicht über die osteopathischen Ausbildungen auf der ganzen Welt (A comparative Survey of the Competencies & Capabilities required for Osteopathic Practi Linked with the educational Models in those Countries where Osteopathy is statutorily recognised) und zeigte auf, dass es noch ein weiter Weg bis zu einer übergreifenden weltweiten Anerkennung der Osteopathie ist! Anscheinend verfügt die Osteopathie momentan nur in den USA, in England und in Australien über eine vollständige gesetzliche statutarische Anerkennung und anscheinend dürfen Osteopathen nur dort legal sowohl diagnostizieren als auch therapieren. Dabei ist anzumerken, dass es sich in den USA um Mediziner handelt.
In England wurde die Osteopathie erst 1993 staatlich offiziell anerkannt. Es wurde ein General Osteopathic Council (GOsC) gegründet, das sowohl die Registrierung als auch die Ausbildung der Osteopathen reguliert und überwacht. Zurzeit sind acht Schulen von der GOsC anerkannt, wobei vier Schulen eine Vollzeit-Ausbildung (4–5 Jahre), drei Schulen eine Teilzeit-Ausbildung (5 Jahre) und eine Schule einen postgraduierten Kurs (13 Monate) für Mediziner anbieten.
Innerhalb der osteopathischen Welt in Deutschland ist die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Schulen sehr wünschenswert, aber momentan leider noch Utopie.

Anmerkung des Autors

Ich entschuldige sich im Voraus bei all denjenigen Pionieren der Osteopathie, die ich zu zitieren vergessen habe, und dies werden etliche sein. Es ist nicht mein Ziel, irgendwelche Vorurteile zu schüren.
Ich persönlich vertrete die Meinung, dass Kunst und Stärke der Osteopathie in der Kombination und Anpassung der Techniken an das Individuum liegen. Der Patient steht im Vordergrund und nicht die Technik. Ich freue mich über jeden neuen Gedanken, über jeden frischen Wind, über jeden interessanten Ansatz auf diesem Gebiet. Zudem wünsche ich mir nichts sehnlicher als einen Dialog zwischen den unterschiedlichen Schulen. Das kann nur im Sinne des Patienten, des Studenten und des ausgebildeten Osteopathen sein.

Osteopathie und ganzheitliche Medizin

A. T. Still hatteOsteopathieganzheitliche Medizin schon sehr früh erkannt, dass eine Vielzahl körperlicher, geistiger und seelischer Prozesse bestimmen, ob ein Mensch auf Dauer gesund bleibt und sich wohl fühlt. Gesundheit bedeutet viel mehr als „nicht krank sein“. Es ist eher ein zwar „instabiler“, aber positiver Gleichgewichtszustand, bei dem die Lebensenergie frei fließen kann. Gesundheit bietet vor allem die Möglichkeit, Reize verarbeiten und adäquat beantworten zu können. Ebenso ist es wichtig, nicht nur den Blut- und Lymphfluss, sondern auch die Strömung der elektrischen Potenziale des Nervensystems und die Polarität des Bindegewebes und das ungestörte Fließen der Lebensenergie mit einzubeziehen.
Heine führte die Forschungen von Pischinger [132] fort und bewertet das Bindegewebe als das übergreifende Informations- und ÜbertragungssystemBindegewebeInformations- und Übertragungssystem. Für ihn ist es die Durchgangsstrecke für einen interaktiven Austausch von Stoffwechselprodukten zwischen Zellen, Blut- und Lymphgefäßen. Auch elektromagnetische Veränderungen in den Eiweiß-Zucker-Formationen des Bindegewebes werden in ihm weitergeleitet.
Wird das Bindegewebe überbelastet, können die Fibroblasten entarten und eine veränderte Grundsubstanz produzieren, die an der Entstehung von Tumoren beteiligt sein kann. Wird der freie Fluss gestört, kann das Bindegewebe als „Mülldepot“ missbraucht werden (Kap. 2.2). Die ganzheitliche Medizin geht noch weiter und sieht die elektromagnetischen Felder des Organismus und deren Resonanzwirkung mit anderen elektromagnetischen Feldern aus der Umwelt oder von anderen Personen in einem Zusammenhang.
Schirrmacher, Wiemann und Bingmann [17, S. 59] vermuten hinter den differenzierten Reaktionen des Knochengewebes auf größere Belastungen ein Kommunikationssystem innerhalb des Knochens. Da eine Übertragung von Information oder Substanzen über Flüssigkeitsströme, die nur im extrazellulären oder bindegewebigen Raum verlaufen, aber Stunden brauchen würde, muss es ihrer Meinung nach ein zusätzliches Vernetzungssystem geben. Zuständig sind Gap Junctions Gap Junctionsoder Kanälchen, die Knochenzellen miteinander verbinden. Erwähnte Untersuchungen weisen darauf hin, dass hormonelle, neurale, elektrische, Ionen- und immunologische Signale sich über diesen Weg innerhalb weniger Sekunden in die Nachbarschaft ausbreiten können.
Wright [190] definierte 1976OsteopathieDefinition nach Wright Osteopathie folgendermaßen: „Die Osteopathie ist zugleich Philosophie, Wissenschaft und Kunst in einem. Ihre Philosophie beinhaltet das Konzept der Einheit von Struktur und Funktion des Organismus im gesunden wie im kranken Zustand. Als Wissenschaft umfasst sie Teilbereiche der Biologie, Chemie und Physik im Dienste der Gesundheit sowie der Prävention, der Heilung und der Linderung von Krankheiten. Ihre Kunst besteht in der Anwendung dieser Philosophie und Wissenschaft in der Praxis und in all ihren Teilbereichen.“

Die Osteopathie betrachtet alle Teile des Körpers als eine Einheit, die über verschiedene Vernetzungen miteinander kommunizieren.

Wichtig hierbei ist, dass kein „Einzelteil“ des Menschen eine privilegierte Stellung einnimmt, weder chemische Vorgänge noch der Geist oder der Körper. „La grande dame“ der Osteopathie, Viola Frymann, beschreibt diese Einzelteile eher als Instrumente, die dem Menschen ermöglichen, in der physischen, emotionalen und geistigen Welt zu agieren. Dabei kann ein Körpersystem einerseits die übrigen Elemente beeinflussen und/oder andererseits durch diese beeinflusst werden.
Es wird immer deutlicher, dass ein ganzheitlicher Zugang zu einem Patienten nur durch therapeutische Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig sinnvoll erscheint. Oft ist dabei auch die Zusammenarbeit unterschiedlicher medizinischer Disziplinen angebracht. Dennoch kann ein Therapeut oder Arzt in seinem Fachgebiet dazu beitragen, das Gleichgewicht des Patienten wiederherzustellen.
Der Therapeut hat eine große Verantwortung, den Patienten aufzuklären und ihn mitentscheiden zu lassen, ob eine „mehrgleisige“ Behandlung sinnvoll ist oder nur zu einer Überforderung des Gesamtsystems führt und eventuell einen Zusammenbruch des Vernetzungssystems herbeiführen kann. Manchmal kann es sinnvoll sein, die Belastungen zu reduzieren und eine Reorganisation des Systems anzustreben, um ein stabileres Gleichgewicht herbeizuführen. Es ist durchaus sinnvoll, den primären Störfaktor oder das Hauptstörfeld, wenn man es findet, zuerst zu behandeln. Ich bezweifle, dass es das ideale Gleichgewicht gibt und vermute, dass es nicht für jeden Patienten identisch, sondern individuell unterschiedlich ist.

Hinweis

Es ist wichtig klarzustellen, dass die Osteopathie keine Notfallmedizin und auch kein Allheilmittel ist. Ein guter Osteopath und auch der Arzt kennt seine Grenzen und zieht im Zweifelsfall einen Spezialisten hinzu.

Ob der Therapeut sich weiterhin spezialisiert und versucht, selbst so viele Behandlungsmethoden wie möglich beherrschen und durchführen zu können, ist jedem selbst überlassen. Ich sehe es persönlich als eine Lebensaufgabe, sich weiterzuentwickeln, ohne nach einer völlig illusorischen Vollkommenheit zu suchen. Denn auch in unserer eigenen Entwicklung geht es genauso wie beim Patienten um ein Gleichgewicht, und die Kunst besteht darin, diese Balance stabil zu halten. Dabei wird eine gesunde Beweglichkeit ebenso wie eine ausgeglichene Ernährung oder eine harmonische Beziehung mit der Umgebung und seinen Mitmenschen eine entscheidende Rolle spielen.
Es ist schade, dass viele Streitigkeiten zwischen den unterschiedlichen, manchmal leider fanatischen Anhängern bestimmter Techniken und Theorien bestehen, wobei jede Gruppierung von sich behauptet, die einzige Wahre zu sein. Gibt es aber nicht mehrere Wege nach Rom?

Je breiter unser Horizont ist, umso feiner können wir diesen auf die Bedürfnisse des Patienten abstimmen.

Grundprinzipien der Osteopathie

Leben ist Bewegen, Bewegen ist Leben

Im VordergrundOsteopathieGrundprinzipienMobilität der osteopathischen Lehre steht immer die Mobilität und deren Beurteilung, nicht nur die Mobilität von Gelenken, sondern auch von Muskeln, Faszien, Viszera und anderen Strukturen. Bewegung kennzeichnet Leben, ist unentbehrlich und bis hin zur mikroskopischen Ebene von elementarer Bedeutung. Daher ist es auch fast unmöglich, alle Aspekte und die Vielfalt der „Beweglichkeit“ zu erfassen. Hier werden daher nur die wesentlichen Aspekte herausgestellt.
Leben entsteht durch Bewegung. Bereits vor und während der Befruchtung mit der anschließenden Zellentwicklung, den Teilungs- und Einnistungsprozessen ist die Beweglichkeit unterschiedlicher Strukturen, z. B. von Flimmerepithelien, Mikrotubuli, Spermien und Eizellen, von Bedeutung. Auf körperlicher Ebene wird schon sehr früh deutlich, dass Beweglichkeit für Gesundheit zwangsläufig nötig ist. Schon im Mutterleib sind Bewegungen des Fetus notwendig, damit sich die Gelenke des Kindes optimal entwickeln. Insbesondere die Belastungen, die auf den Kopf des Kindes bei der Entbindung einwirken, erfordern die Beweglichkeit der Schädelknochen, sodass sich Schädelnähte übereinanderschieben und der Kopf leichter durch das knöcherne Becken der Mutter treten kann. In den meisten Fällen werden dabei entstandene Deformierungen des Schädels durch Bewegungen wie Atmen, Saugen und Schreien in den Wochen nach der Geburt wieder ausgeglichen.
Sich bewegen bedeutet auch, im Gehirn das Denken zu bahnen. Sind wir „geistig“ beweglich, können wir erst recht etwas bewirken oder „bewegen“. Linke und rechte Gehirnhälfte steuern die jeweils gegenüberliegende Körperhälfte. Darüber hinaus werden Eindrücke aus unserer Umwelt an die Gehirnhälften weitergeleitet und unterschiedlich verarbeitet. Durch Bewegungen entstehen die für das Denken notwendigen Nervenverschaltungen und es werden innerhalb des Nervensystems Brücken für die Kooperation zwischen linker und rechter Gehirnhälfte angelegt. Erst diese Vernetzungen erlauben es uns, mit unserer Umwelt in Kontakt zu treten, zu kommunizieren und das „Leben zu leben“.
Durch ihre Aktivität unterstützen Kinder die BahnungBewegungsabläufe, Bahnung/Entwicklung von Bewegungsabläufen und sorgen für eine ausreichende und erweiterbare Speicherkapazität. Übt ein Kind gewisse Bewegungsabläufe im Laufe seiner Entwicklung nicht entsprechend ein, besteht die Gefahr, dass sich die Nervenbahnen in seinem Gehirn nur mangelhaft vernetzen [20, 38, 48, 125, 131, 139, 152, 175].
Atmung und Herzschlag sind lebenswichtige Bewegungen. Innere Organe müssen sich bewegen können, um sich den Atembewegungen des Zwerchfells, den Körperbewegungen und auch ihren Füllungszuständen anzupassen. Bänder und Bindegewebsfalten halten ein Organ an seinem Platz und bilden gleichzeitig Gleitflächen für die inneren Organe, damit sie übereinandergleiten können. Diese Bänder enthalten aber z. T. auch Blutgefäße und Nerven für die Organe. Verhärtungen, Spannungen oder Narben dieser Bänder können wiederum zu Einschränkungen der Organfunktion führen. Auch die Beweglichkeit dieser Bänder und damit der Organe trägt zur Gesundheit des Menschen bei.

Die Struktur regiert die Funktion und die Funktion formt die Struktur

Sobald der harmonische Zustand, das dynamische Gleichgewicht bzw. dieHomöostase Homöostase in unserem Körper gestört ist, gibt es auch keine optimale Funktion mehr. Der Patient wird krank.
Eine strukturelle Veränderung oder Pathologie wird die Funktion beeinflussen. Umgekehrt wird aber auch eine Fehlfunktion auf Dauer Wegbereiter einer strukturellen Schädigung sein. Diese Wechselwirkungen beziehen sich nicht nur auf die mechanische Ebene, sondern auch auf die zelluläre, humorale, neurologische, chemische und elektromagnetische Ebene. So wird z. B. ein überdehntes Ligament das Gelenk in seiner Funktion bzw. Beweglichkeit limitieren oder stören oder eine vernarbte Lunge weniger Luft filtern können. Auch eine schmerzfreie skoliotische Haltung, die einer Fehlfunktion entspricht, kann auf Dauer für eine Strukturveränderung in Form einer Bandscheibenprotrusion sorgen. Eine weniger mobile Niere kann z. B. bei der Entstehung von Nierensteinen oder Ödemen der unteren Extremitäten eine Rolle spielen [3, 5, 71, 91, 92].

Der Körper funktioniert als Einheit

Der funktionsfähige Körper ist nicht einfach die Summe aller Einzelteile, sondern das Resultat des Zusammenspiels und der wechselseitigen Beziehungen. Das Zusammenspiel der Strukturen ist entscheidend für unsere Gesundheit. Ist es gestört, hat dies Einfluss auf das Gleichgewicht und Läsionen können entstehen. Allerdings müssen diese Probleme nicht dort auftreten, wo sie entstanden sind und in ihrem Ausmaß auch keinen Bezug zum Auslösefaktor haben. Worauf und in welcher Form der Organismus reagiert, wie er sich an die veränderte Bedingung adaptiert oder die Störung kompensiert, ist unendlich vielfältig und komplex.

Grundsätzlich ist alles mit allem verbunden.

Daher ist bei der osteopathischen Behandlung eine gezielte Anamnese und Untersuchung des gesamten Körpers enorm wichtig. Es sollte dafür ausreichend Zeit zur Verfügung stehen. Da alle Körperbewegungen von Muskelketten und nicht von einzelnen Muskeln (Kap. 2.1.5) ausgeführt werden, wird deutlich, dass z. B. ein Problem im Knie sich auf den Nacken auswirken oder dass ein Beckenschiefstand eventuell Kopfschmerzen verursachen kann. So liegt auch die Vermutung nahe, dass Wirbelgelenke und Rippen durch Blockierungen vegetative Nerven reizen und dadurch funktionelle Herzstörungen hervorrufen können [91, 92, 183].

Das Gesetz der Arterien

Der altgriechischeArterienBlutzirkulation Philosoph Heraklit hat schon geäußert, dass „Alles fließt“. Leben muss ernährt werden und dazu ist eine gute und vor allem freie Zirkulation von Nahrungs- und Stoffwechselprodukten unerlässlich. Dysfunktionen können sowohl die Zufuhr von Nahrungsstoffen als auch den Abtransport von toxischen Substanzen behindern. Es werden aber auch Substanzen, wie z. B. Hormone, über den Blutweg transportiert, wodurch ein harmonisches Zusammenspiel der verschiedenen Organsysteme garantiert wird.
Unter Zirkulation wird aber nicht nur die arterielle und venöse Blutzirkulation verstanden, sondern auch der Austausch anderer Körperflüssigkeiten wie Liquor cerebrospinalis, Lymphe und Synovialflüssigkeit. Auch die freie, unbehinderte Fortleitung von Nervenimpulsen und das freie Zirkulieren von Qi (chinesisch: Energie) im Sinne von körperlicher und geistiger Energie ist ausschlaggebend für eine gute Funktion.

Selbstheilungsmechanismen

GesundheitSelbstheilungsmechanismen ist ein aktives Geschehen und das positive Resultat einer Reihe von Abwehr- und Autoregulationsmechanismen. Mitbeteiligt sind das Immunsystem, das endokrine System, das autonome Nervensystem und andere Regulationssysteme. Gäbe es diese Systeme nicht, würden wir ständig krank werden, weil wir schutzlos Krankheitserregern und Stresssituationen ausgesetzt wären.

Hinweis

Ziel des Osteopathen ist es, diese Abwehrmechanismen zu mobilisieren, ohne die Körperkraft des Patienten zu überfordern [73].

Der Körper ist kontinuierlich bestrebt, Toxine zu binden, zu entgiften und auszuscheiden, sodass er selbst bei langer Fehlernährung noch erstaunlich gut funktionieren kann. Der Körper versucht ständig, Reize, die Stress oder Belastung auslösen, zu verarbeiten. Dazu verfügt unser Körper über Kompensationsmechanismen, bei deren Einsatz sich allerdings oft abnormale Spannungen in den Kompensationsmuskeln aufbauen. Wenn viele verschiedene pathologische Einflüsse kumulieren, kann die Kompensationsfähigkeit und Abwehrkraft des Organismus so weit vermindert sein, dass sie durch einen erneuten, sogar sehr banalen Auslöser oder Krankheitserreger, z. B. Kälte, ungewohnte Arbeit oder einen Sturz, nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Diese Situation wird auch als Fazilitierung Fazilitierungbezeichnet (Kap. 2.5.8.5). Durch die therapeutische Intervention können pathogene Einflüsse behoben werden und der Organismus kann seine Kompensationsfähigkeit wiedererlangen, sodass er imstande ist, sich selbst zu heilen.

Belastung und Belastbarkeit

In der Osteopathie wird der StressBelastung/BelastbarkeitBegriff Stress oder Belastung oft im weitesten Sinne der Bedeutung – sowohl mechanisch als auch psychisch, chemisch oder energetisch – verstanden und als prädisponierender Faktor, der eine Dysfunktion auslöst, bewertet. Die Art, Größe und Dauer der Belastung ist für das Verständnis der Reaktionen des Gewebes wichtig.
In der Psychologie und Psychobiologie [108] wird Stress eher als das Ergebnis von Belastungen aufgefasst und als die Art, wie ein Organismus auf einen Stressor reagiert. Der Stressor ist aus psychologischer Sicht die Ursache für eine Störung des Organismus.
Neben der Beschreibung der einwirkenden Belastung ist es durchaus notwendig, den Begriff Belastbarkeit hinzuzufügen. Parameter wie allgemeine Leistungsfähigkeit, Ernährungszustand, Müde- oder Ausgeruht-Sein, Verspannt- oder Entspannt-Sein werden die Belastbarkeit des Gewebes bestimmen und eventuell für eine Art Vorbelastung, Abschwächung oder verringerte Belastbarkeit sorgen. Die Faktoren, die diese Belastbarkeit beeinflussen, sind abhängig vom Zustand der Homöostase oder von der Stabilität des dynamischen Gleichgewichts des Menschen.
Korr [88] spricht in diesem Zusammenhang von einemRückenmarksegmentfazilitiertes fazilitierten Rückenmarksegment. Die Belastbarkeit dieses Rückenmarksegments ist reduziert und führt damit schneller zu einer osteopathischen Läsion (Kap. 2.5.8.5). Eine osteopathische LäsionOsteopathische Läsion sorgt laut Korr immer für Stress (Belastung) im neurovegetativen Bereich und für ein Ungleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Diese neurovegetative Dysbalance verursacht als solche einen zusätzlichen Reiz, wodurch die Fazilitierung noch mehr verstärkt, oder besser gesagt, der kritische Wert der Belastbarkeit heruntergesetzt wird. Hieraus entsteht leicht ein Circulus vitiosus.
Das geschwächte Segment braucht sozusagen nur noch einen kleinen weiteren Störfaktor, z. B. in Form eines Kältezugs, einen unerwarteten Stoß oder emotionalen Stress, um anschließend eine efferent übersteigerte Reizantwort in den segmental verbundenen Körperstrukturen, sogenanntenMyelomer Myelomeren, auszulösen. Ausstrahlungen mit eventuell neuen Läsionen in den Myelomeren MyotomMyotom (Muskeln; Kap. 2.5.8.2), DermatomDermatom (Haut; Kap. 2.5.8.1), ViszerotomViszerotom (Eingeweide; Kap. 2.5.8.4) oder SklerotomSklerotom (Knochen; Kap. 2.5.8.3) sind möglich.

Man könnte aus dieser Sicht eine osteopathische Läsion als eine „neurologische Überlastung des spinalen medullären Segments“ bezeichnen.

Selbstverständlich spielen hier nicht nur spinale Afferenzen eine entscheidende Rolle, sondern die Informationen werden über ein Eingangskontrollsystem zum Hinterhorn des Rückenmarks geführt. Von dort aus werden sie dann über zentripetale Bahnen an übergeordnete Regelkreise weitergeleitet und dort verarbeitet. Sowohl das vegetative als auch das neuroendokrine System werden zusätzlich ihren Einfluss geltend machen. So wird z. B. die Verbindung zwischen Hypothalamus und limbischen System über denSympathikus Sympathikus-Nebennierenmark-Regelkreis Sympathikus-Nebennierenmark-Regelkreisund über die Hypophysen-Nebennierenrinden-HormoneHypophysen-Nebennierenrinden-Hormone für Reaktionen auf Stress sorgen. Auch die Formatio reticularisFormatio reticularis spielt bei vegetativen und somatischen Funktionen eine Rolle.
Ein aggressiver StressfaktorStressfaktoren StressAuswirkungwie Angst oder Schmerz kann so über den vegetativen sympathischen Weg u. a. für die Erhöhung der Herz- und Atemfrequenz, Erhöhung der Muskelspannung, Umwandlung von Glykogen in Glukose in der Leber (Glykogenolyse) und Anregung des Nebennierenmarks sorgen. Das Nebennierenmark schüttet dadurch AdrenalinAdrenalin in das Blut aus, wodurch der Sympathikus noch weiter erregt wird. Gleichzeitig gibt der Hypothalamus einen Releasing Factor zur Freisetzung des Stresshormons Kortisol an die Hypophyse ab. Dieses Hypophysenhormon stimuliert auch die Glukoneogenese in der Leber und bremst gleichzeitig die Aufbaufunktion der Fibroblasten und die immunologische Funktion der Abwehrzellen im Bindegewebe [12, 108, 128, 154].
Bei akuten Belastungen ist dieser Alarmzustand des Körpers sehr sinnvoll, wie z. B. bei Entzündungen oder in bedrohlichen, lebensgefährlichen Situationen. Ist der Stress aber Dauerzustand, dann resultiert daraus eine Abnahme der Abwehr und ein Schwächezustand des Bindegewebes, Übermüdung, Verspannung und eine Störung der Homöostase.

Hinweis

Der Abbau unnötiger Stressfaktoren und Dauerbelastungen sollte deswegen ein wichtiges Ziel in der ganzheitlichen osteopathischen Behandlung sein.

Die immense Bedeutung des Bindegewebes liegt in seiner Funktion als Transit- oder Filtersystem, wobei jedes Molekül, jede Information, die von den Lieferanten (Gefäßen oder Nerven) zum Kunden (Zelle) gelangen soll, das Bindegewebe durchqueren muss.
Die Beachtung von physisch, chemisch, emotional oder energetisch belastenden Faktoren in der osteopathischen Behandlung ist dementsprechend essenziell. Die Störfelder werden vom Patienten häufig nicht erkannt, weil sie keine für ihn bemerkbaren Symptome hervorrufen. Sie können aber das Gewebe belasten und sich zu chronischen Stressfaktoren entwickeln. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang z. B. Zahnherde, Operationsnarben oder toxische Belastungen.

Gesundheit ist demnach ein dynamischer Drahtseilakt. Der Mensch wird erst krank, wenn er die chronischen Belastungen oder die akuten Stressfaktoren nicht mehr kompensieren oder verarbeiten kann.

Die somatische Dysfunktion

Definition

A. T. Still sprach bei der DiagnostikSomatische DysfunktionSomatische DysfunktionDefinitionDysfunktionsomatische von Gelenkfunktionsstörungen vonOsteopathische Läsion einer osteopathischen Läsion. Im gleichen Zusammenhang stehen auch Termini wie chiropraktische Subluxation, Gelenkblockierung oder osteopathische Dysfunktion. Eine osteopathische Läsion ist aber weitaus mehr als nur eine strukturelle Blockierung. Dementsprechend gilt es dringend, die Terminologie anzupassen.
International wird seit 1976 der Terminus somatische Dysfunktion folgendermaßen definiert: „Die abgeschwächte oder veränderte Funktion von zueinander in Beziehung stehenden Teilen des somatischen (Körper-)Systems (Skelett, Gelenke, myofasziale Strukturen) und den damit in Verbindung stehenden vaskulären, lymphatischen und neuralen Elementen“ (Yearbook of the American Academy of Osteopathy, 1976 [182]).
Praktisch bedeutet dies eine Einschränkung oder sogar einen Verlust der Mobilität von Gelenken, Muskeln oder Faszien mit direkten Auswirkungen sowohl auf das benachbarte Gewebe als auch indirekt, gemäß den Gesetzen der reflektorischen Adaptationen (Kap. 1.5.2), auf weiter entfernte Funktionen und Strukturen. Auch Änderungen der Elastizität und Formbarkeit des Bindegewebes spielen hierbei eine Rolle.
Wichtig ist, dass bei einerArtikuläre DysfunktionDysfunktionartikuläre artikulären Dysfunktion die anatomischen Grenzen nicht überschritten werden. Gelenkluxationen werden damit in der Begriffsbestimmung nicht zu den artikulären Dysfunktionen gerechnet.

Die artikuläre Läsion wird in der Osteopathie nach der Richtung benannt, in der die Bewegung leicht und unbehindert durchführbar ist. Beispielsweise ist bei einer Extensionsläsion die Extension ungehindert durchführbar, die Flexion aber behindert. Bei einer Läsion Ilium anterior iliosakral kann das Ilium gut nach anterior, aber nicht oder nur eingeschränkt nach posterior bewegt werden.

Greenman [60] gibt folgende diagnostische Kriterien zurSomatische Dysfunktiondiagnostische Kriterien nach Greenman Identifizierung einer somatischen Dysfunktion an:
  • Asymmetrie von Teilen des muskuloskeletalen Systems.

  • Beweglichkeit: Bei einer somatischen Dysfunktion wird meist HypomobilitätHypomobilität, somatische Dysfunktion festgestellt. Beweglichkeit des Gewebes wird durch Kompression und durch Shear Movement (Gleiten der verschiedenen Schichten) getestet. Der Osteopath testet passiv und/oder aktiv und interessiert sich für:

    • Quantität der Bewegung

    • Qualität der Bewegung

    • Endgefühl der Bewegung

  • Veränderung des Gewebes: Hier werden die Dualitäten untersucht, z. B. ob das Gewebe komprimierbar oder rigide, feucht oder trocken, warm oder kalt, schmerzfrei oder schmerzhaft bzw. diffus oder begrenzt ist.

Leider konzentriert man sich auch bei diesen diagnostischen Kriterien erneut fast ausschließlich auf somatische Strukturen und es wirft sich dabei nun allmählich die Frage auf, was es mit der Stillschen Trinität des Menschen (Körper – Geist – Seele) und der ganzheitlichen Sichtweise (Kap. 1.3.3) auf sich hat. Das Identifizieren einer somatischen, viszeralen oder kraniosakralen Dysfunktion reicht sicherlich nicht aus, um der problematischen Krankheitssituation eines Patienten gerecht zu werden.
M. L. Kuchera gibt an, dass Stills Mission darin bestand, die Vorgehensweisen im Gesundheitswesen zu ändern (aus [142]). Diese Mission beinhaltete, dem Patienten mehr Aufmerksamkeit zu widmen als der Krankheit und die Studenten zu lehren, sich in Geist, Körper und Seele eines jeden Patienten einzufühlen, um eine individuell angepasste Behandlung aufbauen zu können. In diesem Sinne stellt sich die Frage, was eine osteopathische „Dysfunktion“ bzw. eine osteopathische Diagnose eigentlich bedeutet.
Weil eine ausführliche Stellungnahme zu diesem Thema den Rahmen dieses Buches sprengen würde, muss der Autor hier die Stillsche Trinität leider vernachlässigen. Wir nähern uns dem Becken aus der parietalen-anatomischen-biomechanischen Sichtweise. Trotzdem hofft der Autor, dass der Leser während seines Studiums der Osteopathie lernt, eine ganzheitliche Philosophie und respektvolle integrative Betrachtungs- und Behandlungsweise des Patienten anzuwenden.
Es wird sicherlich eine wichtige Aufgabe der Osteopathieschulen und -dozenten, aber auch eine Herausforderung für jeden Osteopathen sein, dieses Thema in der Praxis, im Unterricht und in weiteren Publikationen aufzugreifen! Sowohl die osteopathische Philosophie als auch die osteopathischen Grundlagen gehören dringend überarbeitet und ergänzt. Zur osteopathischen Philosophie ist z. B. kürzlich ein spannendes und interessantes Buch erschienen [201].

Adaptation, primäre und sekundäre Dysfunktionen

Die primäre artikuläre Dysfunktion wirdArtikuläre DysfunktionAdaptation oft traumatisch durch einen exogenen Faktor oder durch mehrere Mikrotraumen verursacht, was für einen Mobilitätsverlust im Körper sorgt.

Bei einer artikulären Dysfunktion wird die anatomische Grenze nicht überschritten. Gelenkluxationen, Frakturen, Bänderrisse werden damit definitionsgemäß nicht zu den osteopathischen artikulären Dysfunktionen gerechnet, was nicht heißt, dass sie nicht behandelt werden sollen. Sie gehören in den orthopädischen und physiotherapeutischen Bereich.

Unser Körper entspricht nicht einem Turm von rigiden, steifen Elementen, sondern einer höchst komplexen Aneinanderreihung von neurophysiologischen Regelmechanismen. Das Gleichgewicht, das der Körper dabei erreicht, ist ein dynamisches Geschehen. Durch Adaptation oder Kompensation versucht der Körper möglichst optimale Verhältnisse herzustellen. Er versucht z. B. durch gerichtete erhöhte Mobilität oberhalb bzw. unterhalb der primären Dysfunktion für ein neues Gleichgewicht zu sorgen.
Adaptation entspricht einer normalen physiologischen Antwort. Wenn die Adaptation nicht ausreicht oder nicht gelingt, entsteht eine Anpassungsstörung mit Mobilitätsverlust. In diesem Fall sprechen wir von einer Dekompensation.
Die Adaptation bzw. Kompensation ist dabei an drei Gesetze gebunden:
  • Das Gesetz des Gleichgewichts: Beim Gleichgewicht des menschlichen Körpers spricht manHomöostase von Homöostase. Gemeint ist hier nicht nur eine rein physische oder statische Balance, sondern auch eine psychische, viszerale, neurologische, hämodynamische oder hormonale Ausgeglichenheit. Es handelt sich sozusagen um eine übergreifende Überlebensstrategie. Die strukturelle oder statische Adaptation wird sich so einstellen, dass sich die Augen und das Gleichgewichtsorgan im Innenohr in der gleichen transversalen Ebene befinden. Kontrolliert wird dieses parietale Anpassungssystem von Propriozeption. Ein perfektes statisches Gleichgewicht gibt es aber nicht, das wäre nämlich die Immobilität.

  • Das Gesetz der Ökonomie: Um den Energiehaushalt in unserem Körper aufrechtzuerhalten, verlangt dieses Gesetz von einer Adaptation den geringstmöglichen Energieaufwand. Der Organismus wird dann auch versuchen, einen unnötigen Energieverbrauch zu verhindern. Es gibt Systeme, die so kontinuierlich arbeiten wie das Zirkulations- und das Respirationssystem. Die Muskulatur soll die parietale Adaptation aufrechterhalten, ist aber nicht geschaffen, um eine kontinuierliche Leistung zu erbringen. Deswegen wird bei einer chronischen Problematik Muskelgewebe fibrosieren.

  • Das Gesetz des Komforts: Das physiologische Gleichgewicht ist angenehm und schmerzfrei. Als oberstes Gebot gilt Schmerzfreiheit. Der Körper wird alles unternehmen, um Schmerzen zu umgehen. Es wird sogar ein unnötiger Energieverbrauch in Kauf genommen, um im Notfall eine schmerzfreie Schonhaltung zu erreichen.

Wichtig ist, dass bei der Adaptation die Beweglichkeit noch immer intakt ist. Nach Adaptation ist die Struktur zwar in alle Richtungen beweglich, besitzt aber eine Vorzugsrichtung. Wenn diese Adaptation über längere Zeit anhält, kann sie auf Dauer Ausgangspunkt eines Bewegungsverlusts und damit einer erneuten Dysfunktion werden. So entsteht eine sekundäre artikuläre Dysfunktion.

Das Barriere-Konzept

ZumBarriere-Konzept besseren Verständnis der artikulären Läsion ist es notwendig, den Begriff der Barriere zu erklären. Die meisten Gelenke bewegen sich in mehreren Ebenen. Aus didaktischen Gründen wird hier die Bewegungsbarriere nur in einer Ebene beschrieben. Als Beispiel dient hier das Ilium, das sich gegenüber dem Sakrum nach anterior und nach posterior bewegen kann.
Normaler Bewegungsumfang
Der totaleArtikuläre DysfunktionBewegungsumfangBewegungsumfang Bewegungsumfang wird durch die anatomische Integrität des Gelenks und die benachbarten Ligamente, Muskeln oder Faszien begrenzt. Wird die anatomische Grenze (Abb. 1.1) überschritten, entstehen z. B. Frakturen, Luxationen oder Weichteilverletzungen.
Irgendwo in diesem totalen Bewegungsumfang findet man einen neutralen Mittelpunkt – einen Punkt, an dem die Spannung am geringsten ist (Abb. 1.1). Je weiter man sich von diesem Punkt entfernt – egal in welche Richtung, anterior oder posterior –, umso größer wird der Widerstand bzw. die Viskosität oder Spannung des Gewebes. Wenn keine Kraft auf das Ilium einwirkt, kehrt das Ilium normalerweise zu seinem neutralen Mittellinienpunkt zurück (Elastizität).
In diesem totalen Bewegungsumfang befindet sich ein passiver Bewegungsumfang. Die Begrenzung dieses passiven Bewegungsumfangs wird durch Greenman [60] als elastische Barriere Elastische Barrierebeschrieben (Abb. 1.1). Zwischen der anatomischen Begrenzung und der elastischen Barriere befindet sichParaphysiologischer Raum der paraphysiologische Raum (Abb. 1.2). Es ist der Raum, in Thrustdem der Thrust (Gelenknormalisierung) stattfindet.
Der aktive Bewegungsumfang ist normalerweise etwas geringer als der passive. Der Endpunkt des aktiven Bewegungsumfangs wirdPhysiologische Barriere physiologische Barriere (Abb. 1.1) genannt und durch die Spannung der umgebenden bindegewebigen Strukturen aufgebaut. Diese physiologische Barriere kann durch Dehnung verschoben werden und so den aktiven Bewegungsumfang vergrößern.
Die normale Beweglichkeit eines Gelenks bedeutet, dass das Gelenk
  • in all seinen Ebenen frei beweglich ist,

  • bei Entspannung oder Wegnahme der Belastung in seine neutrale Position zurückkehrt.

Bei einer artikulären Dysfunktion ist die Beweglichkeit in bestimmte Richtungen eingeschränkt und diese Einschränkungen sind nach Beenden einer Aktivität oder Belastung in Ruhestellung palpabel. Typisch ist dabei, dass sich der neutrale Mittelpunkt der Ruhestellung in Richtung der Läsion verschoben hat (Abb. 1.3).
Bewegungsumfang bei einer artikulären Dysfunktion am Beispiel der Ilium-anterior-Läsion
Wenn eine Bewegung durch eine BarriereBarriere-KonzeptIlium-anterior-Läsion, Bewegungsumfang behindert wird, spricht man von einer restriktiven Barriere (Abb. 1.3). Der aktive und passive Bewegungsumfang wird auf der einen Seite durch die normale physiologische bzw. elastische Barriere und auf der anderen gegenüberliegenden Seite durch die restriktive Barriere begrenzt.
Bei einer Ilium-anterior-Läsion wird sich das Ilium gemäß der osteopathischen Definition und Begriffsbestimmung gut nach anterior, aber schlecht nach posterior bewegen können. Bei Bewegungseinschränkungen verschiebt sich der neutrale Mittelpunkt in Richtung der Mitte des verfügbaren aktiven Bewegungsumfangs, also in Richtung der Läsion. Greenman [60] spricht in einem solchen Fall vom pathologischen neutralen Mittelpunkt (Abb. 1.3). Ziel einer osteopathischen Behandlung ist, die restriktive Barriere so weit wie möglich in Richtung des Bewegungsverlusts zu verschieben oder diese sogar zu durchbrechen bzw. aufzulösen. Möglichkeiten, auf diese restriktiven Barrieren einzuwirken sind z. B.
  • sich mittels Fascial-Release-Techniken an den Widerstand annähern, anlehnen und warten bis er nachgibt,

  • durch Mobilisationen die restriktive Barriere verschieben oder

  • sie mithilfe von Thrust-Techniken zu durchbrechen.

Unterscheidung von direkten und indirekten Techniken:
  • Bei der direkten Technik versuchtDirekte Technik der Osteopath, die restriktive Barriere zu durchbrechen, d. h. er bewegt sich direkt auf die restriktive Barriere zu. Man kann dabei z. B. sehr langsam (Fascial Release), sehr schnell (Thrust) oder auch sehr rhythmisch (Mobilisation) vorgehen.

  • Bei der indirekten Technik wirdIndirekte Technik das Gewebe dagegen von der restriktiven Barriere weggeführt, also in Richtung der Läsion, um dem umgebenden Gewebe die Möglichkeit zu geben, sich zu entspannen oder zu entkrampfen. Man kann auch hier z. B. langsam arbeiten (Unwinding), sehr schnell (Recoil/Thrust) oder rhythmisch mobilisierend.

Die restriktive Barriere kann sich in einer oder mehreren Gewebearten befinden. Die Art des Gewebes, die Höhe der Gewebsspannung, die Reaktion des Gewebes auf Druck, die Einzigartigkeit des Patienten sowie die Fähigkeiten und Tagesform des Osteopathen sind Faktoren, die die Wahl der Techniken beeinflussen.

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