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B978-3-437-56474-1.00003-9

10.1016/B978-3-437-56474-1.00003-9

978-3-437-56474-1

Viereckige und dreieckige Strukturen bei Belastung. Eine dreieckige Struktur, wie rechts angegeben, kann mit einem Fachwerk verglichen werden: Eine Belastung verteilt sich in Kompressions- und Traktionsbelastung.

Die „dichteste Packung“ von 12 Kugeln bildet ein stabiles Ikosaeder.

a: Eine Zelle mit inneren Stressfasern als Tensegrity-Struktur. [R350] b: Schematische Darstellung dieser Zelle als Ikosaeder.

Tensegrity zwischen den Hauptkomponenten des menschlichen Körpers und dreidimensionalen Belastungen.

[R350]

Die Aufhängung derBeckenorganeAufhängung (Tensegrity) BeckenorganeTensegrityBeckenorgane, Aufhängung sind Teile des Tensegrity-Netzwerks des Beckens.

Die Kombination von Kompressions- mit Zugelementen – wobei sich die Kompressionselemente nicht berühren, sondern im Spannungsnetzwerk aufgehängt sind – ist typisch für eine Tensegrity-Struktur.

a: Verformung bei Belastung. b: Zurückfedern bei Entlastung.

Tensegrity-Modell des BeckensBeckenTensegrity-Modell von Tom Flemons.

[J790]

Der Self-Locking MechanismSelf-Locking Mechanism der Iliosakralgelenke nach Vleeming.

Das weibliche Becken (a) und das männliche Becken (b) als Hänge- oder Spannbandbrücke mit Tensegrity-Prinzip.

Der Körper als Tensegrity-Struktur.

Beweglichkeit desSakrumBeweglichkeit Sakrums.

Position der AchsenIliosakralgelenk (ISG)Achsen des Iliosakralgelenks (ISG) nach Wilder.

Inflare-BewegungInflare-Bewegung/BeweglichkeitOssa iliaIliumInflare-Bewegung der Ilia beim Anteriorisieren des Sakrums. IS = iliosakral.

Ilium anterior coxofemoralIliumanteriorcoxofemoral (CF) (orange). Ansicht von lateral. SIPS = Spina iliaca posterior superior, SIAS = Spina iliaca anterior superiorSpinailiaca anterior/posterior superior (SIAS/SIPS).

Positionsänderung des Sakrums beim Ilium posterior coxofemoral (CF) (a) und Ilium anterior CF (b). Ansicht von medial. ISG = Iliosakralgelenk.

Coxofemorale AnteversionAnteversion, coxofemorale, BeckenBeckenAnteversioncoxofemorale des Beckens. Ansicht von medial.

Coxofemorale (CF) Retro- und Anteversion des BeckensMusculus(-i)gluteus mediusBecken, Ante-/RetroversionMusculus(-i)gluteus minimusBecken, Ante-/Retroversion mit Kraftvektoren des M. gluteus medius und M. gluteus minimus. Ansicht von lateral.

Ilium posterior coxofemoralIliumposteriorcoxofemoral (CF) (grau). Ansicht von lateral. SIPS = Spina iliaca posterior superior, SIAS = Spina iliaca anterior superiorSpinailiaca anterior/posterior superior (SIAS/SIPS).

Positionsänderung des Sakrums beim Ilium posterior coxofemoral (CF) (a) und Ilium anterior CF (b). Sicht von medial. Die Pfeile verdeutlichen die entsprechenden Positionen. ISG = Iliosakralgelenk.

Einfluss der Gravitation (G) auf das BeckenBeckenGravitation, Einfluss. Ansicht von medial. CF = coxofemoral, IS = iliosakral, SI = sakroiliakal.

Retroversion coxofemoral (CF) Retroversion, coxofemorale, Beckendes Beckens. Ansicht von medial.

Ilium anteriorIliumanterioriliosakral iliosakral (IS) (orange). Ansicht von medial, in Rückenlage.

AnteriorisierungIliumAnteriorisierungiliosakraleAnteriorisierungIlium des Iliums iliosakral (IS): Einflüsse des viszeralen Fasziensystems auf die iliosakrale Beweglichkeit der Ilia. Sagittaler Schnitt.

Ilium posterior iliosakralIliumposterioriliosakral (IS). Ansicht von medial, in Rückenlage.

Posteriorisierung des Iliums iliosakral (IS): Einflüsse des viszeralen Fasziensystems auf die iliosakrale Beweglichkeit der Ilia. Sagittaler Schnitt.

Outflare-BewegungenIliumOutflare-Bewegung der Ilia. IS = iliosakral.

PropellerformIliosakralgelenk (ISG)PropellerformPropellerform, Iliosakralgelenk des Iliosakralgelenks (ISG) bestimmt die Flare-Bewegung des Iliums. Ansicht von dorsal.

Inflare- (a) und Outflare-Bewegungen (b) des Iliums im Stehen. CF = coxofemoral.

Outflare-Bewegung des Iliums. Frontalschnitt in Höhe der Coxofemoralgelenke im Stehen. CF = coxofemoral, ISG = Iliosakralgelenk.

Outflare/Inflare im Rahmen der Myofaszialketten. „Aufrichten“ bzw. „Zusammenstauchen“ der unteren Extremität.

Outflare der Ilia. Sagittaler Schnitt in Höhe der Gebärmutter.

Inflare-BewegungenInflare-Bewegung/BeweglichkeitOssa ilia der Ilia. IS = iliosakral.

Inflare-Bewegungen der IliaInflare-Bewegung/BeweglichkeitOssa ilia. Die Form des Iliosakralgelenks (ISG) bestimmt die Flare-Bewegung des Iliums. Ansicht von dorsal.

Die Inflare- (a) und Outflare-Bewegungen (b) des Iliums im Stehen. CF = coxofemoral.

Inflare-Bewegung des Iliums. Frontalschnitt in Höhe des Coxofemoralgelenks im Stehen. CF = coxofemoral, ISG = Iliosakralgelenk.

Inflare der Ilia. Sagittaler Schnitt in Höhe der Gebärmutter.

Einfluss der GravitationBeckenGravitation, Einfluss auf die Statik in frontaler Ebene.

Beweglichkeit der Ilia in der transversalen Ebene. Innenrotation (orange) und Außenrotation (grau) des Iliums. Ansicht von kranial. CF = coxofemoral.

Beweglichkeit der Ilia in der transversalen Ebene. Innenrotation (a) und Außenrotation (b) des Iliums. Ansicht von kranial. CF = coxofemoral.

SpannungsgleichgewichtIliumSpannungsgleichgewicht des Iliums in sagittaler Ebene. Ansicht von lateral.

SpannungsgleichgewichtIliumSpannungsgleichgewicht des Iliums in frontaler Ebene. Ansicht von ventral auf das rechte Ilium.

SpannungsgleichgewichtIliumSpannungsgleichgewicht des Iliums in horizontaler Ebene. Ansicht von kranial auf das rechte Ilium.

BewegungsachsenSakrumBewegungsachsenIliumBewegungsachsen des Sakrums (a) und Iliums (b). OTA = obere transversale Achse, MTA = mittlere transversale Achse, UTA = untere transversale Achse, RSA = rechte schräge Achse, LSA = linke schräge Achse, VA = vertikale Achse, DVA = dorsoventrale Achse.

Bilaterales Inflare und Outflare. Schematische Darstellung des Sakrums von dorsal mit den iliosakralen Gelenkflächen.

Outflare links und Inflare rechts bzw. Outflare rechts und Inflare links. Schematische Darstellung des Sakrums von dorsal mit den iliosakralen Gelenkflächen.

Darstellung der Gangphase mit dem linken Ilium coxofemoral (CF) und iliosakral (IS) anterior und dem rechten Ilium CF und IS posterior.

Stadien der GangphasenGangphasefrontale Ebene in der frontalen Ebene. Ansicht von dorsal auf das Sakrum und die Gelenkflächen des ISG. CF = coxofemoral, ISG = Iliosakralgelenk.

Stadien der GangphaseGangphasehorizontale Ebene in der horizontalen Ebene.

Stadien der GangphaseGangphasesagittale Ebene in der sagittalen Ebene.

Sakrum sakroiliakalSakrumanterior sakroiliakal (SI) bilateral anterior. Ansicht von medial.

Darstellung von Faktoren, die eine AnteriorisierungSakrumAnteriorisierung des Sakrums sakroiliakal (SI) auslösen können. Medianschnitt.

SakrumSakrumposterior sakroiliakal posterior sakroiliakal (SI). Ansicht von medial.

Darstellung von Faktoren, die eineSakrumPosteriorisierung Posteriorisierung des Sakrums auslösen können. Medianschnitt. SI = sakroiliakal.

Schematische Darstellung des SakrumsSakrum mit den entsprechenden schrägen Achsen. Ansicht von dorsal.

Schematische DarstellungSakrumLinks-Links-Drehung des Sakrums links/links. Ansicht von dorsal.

Schematische Darstellung desSakrumRechts-Rechts-Drehung Sakrums rechts/rechts. Ansicht von dorsal.

Schematische DarstellungSakrumLinks-Rechts-Drehung des Sakrums links/rechts. Ansicht von dorsal.

Schematische Darstellung desSakrumRechts-Links-Drehung Sakrums rechts/links. Ansicht von dorsal.

Beweglichkeit des SakrumsSakrumBeweglichkeitdorsoventrale Achse um die dorsoventrale Achse.

Beweglichkeit des SakrumsSakrumBeweglichkeitvertikale Achse um die vertikale Achse.

Einwirkende Kräfte auf das Becken.

NS(rechts)R(links) bei Sakrum L/L-Läsion. Ansicht von dorsal. N = neutral, S = Seitneigung, R = Rotation, L/L = links/links.

Schematische Darstellung der Funktion des M. gluteus maximus.

Darstellung der Funktion der Mm. obturatorii in der frontalen Ebene. Ansicht von dorsal. IS = iliosakral, CF = coxofemoral.

Darstellung der Funktion des M. piriformis und der Mm. obturatorii in der sagittalen Ebene. Ansicht von lateral rechts.

Schematische Darstellung der Funktion der Adduktoren. IS = iliosakral, CF = coxofemoral.

Darstellung der Funktion der Beckenbodenmuskeln. Ansicht von dorsal.

Darstellung der Funktion des M. iliopsoas.

Positionsänderungen des Acetabulums und des FemurPositionsänderungenFemurs bei derIliumAnteriorisierungIliumPosteriorisierungPosteriorisierungIlium Anteriorisierung iliosakral IS (orange) und Posteriorisierung IS des Iliums (grau). Ansicht von kranial. IS = iliosakral, CF = coxofemoral.

Positionsänderungen des Acetabulums bei Flare-Bewegungen des Iliums. a: Ilium in Outflare. b: Ilium in Inflare.

Positionsänderungen des Acetabulums bei der Außen- bzw. Innenrotation des Iliums. a: Außenrotation des Iliums mit Innenrotation des Femurs und Positionsänderung des Acetabulums. b: Innenrotation des Iliums mit Außenrotation des Femurs und Positionsänderung des Acetabulums.

Roll-Gleit-BewegungFemurkopfRoll-/GleitbewegungHüfte/HüftgelenkFemurkopf, Roll-/Gleitbewegung des Femurkopfes bei der Flexion der Hüfte. Ansicht von lateral. CF = coxofemoral.

Roll-Gleit-Bewegung des Femurkopfes bei der Extension der Hüfte. Ansicht von lateral. CF = coxofemoral.

Roll-Gleit-Bewegung des Femurkopfes bei der Abduktion der Hüfte. Ansicht von dorsal. CF = coxofemoral.

Roll-Gleit-Bewegung des Femurkopfes bei der Adduktion der Hüfte. Ansicht von dorsal. CF = coxofemoral.

Roll-Gleit-Bewegung des Femurkopfes bei AbduktionAbduktionHüftegebeugte der gebeugten Hüfte. Ansicht von kranial. CF = coxofemoral.

Roll-Gleit-Bewegung des Femurkopfes bei Adduktion der gebeugten Hüfte. Ansicht von kranial. CF = coxofemoral.

Roll-Gleit-Bewegung des Femurkopfes bei Außenrotation der gestreckten Hüfte. Ansicht von kranial. CF = coxofemoral.

Roll-Gleit-Bewegung des Femurkopfes bei der Innenrotation der gestreckten Hüfte. Ansicht von kranial. CF = coxofemoral.

Roll-Gleit-Bewegung des Femurkopfes bei der Außenrotation der gebeugten Hüfte. Ansicht von dorsal. CF = coxofemoral.

Roll-Gleit-Bewegung des Femurkopfes bei der Innenrotation der gebeugten Hüfte. Ansicht von dorsal. CF = coxofemoral.

Komplexe Biomechanik während derGangphaseBiomechanik Gangphase. Das linke Bein befindet sich vorn und das rechte Bein hinten. Ansicht von dorsal. CF = coxofemoral.

ÜbersichtFemurBewegung im HüftgelenkHüfte/HüftgelenkFemurbewegungenOscoxae, Bewegungen, coxofemorale/iliosakraleSymphysis pubicaBewegungenSakrumBewegungen, sakroiliakaleLumbosakraler ÜbergangBeweglichkeitOscoccygissakrokokzygeale BewegungenBeckenBewegung, kompensatorische, bei Haltungsanpassungen der Gelenkbewegungen

Tab. 3.1
Femurbewegungen im Hüftgelenk
  • Flexion/Extension in sagittaler Ebene

  • Innen-/Außenrotation in transversaler Ebene

  • Abduktion/Adduktion in frontaler Ebene

CF-Bewegungen des Os coxae
  • Ilium CF anterior und posterior in sagittaler Ebene

  • Iliumrotationen in horizontaler Ebene um eine kraniokaudale Achse; dies führt zu einem dorsalen bzw. ventralen „Klaffen“ des ISG.

  • Ilium in Outflare und Inflare CF in frontaler Ebene

IS-Bewegungen des Os coxae
  • Ilium IS anterior und posterior in sagittaler Ebene

  • Iliumrotationen in horizontaler Ebene um eine kraniokaudale Achse; dies führt zu einem dorsalen bzw. ventralen „Klaffen“ des ISG.

  • Ilium in Outflare und Inflare IS in frontaler Ebene

Bewegungen im Bereich der Symphysis pubica (minimale Beweglichkeit)
  • Os pubis inferior und superior in sagittaler Ebene

  • Öffnen/Schließen der Symphysis pubica bei Iliumrotationen in horizontaler Ebene

  • Kraniales Öffnen und kaudales Schließen der Symphysis pubica bei Outflare-Bewegungen der Ilia bzw. kaudales Öffnen und kraniales Schließen der Symphysis pubica bei Inflare-Bewegungen der Ilia. Hier handelt es sich um die frontale Ebene.

SI-Bewegungen des Sakrums
  • Anterior- und Posterior-Bewegungen des Sakrums in sagittaler Ebene

  • Rotationen des Sakrums um eine vertikale Achse

  • Seitneigung des Sakrums um eine dorsoventrale Achse

  • Torsionsbewegungen des Sakrums um schräge Achsen als Kombinationsbewegungen

Lumbosakrale (L5) Bewegungen
  • Flexion/Extension von L5 in sagittaler Ebene

  • Seitneigungen von L5 in frontaler Ebene

  • Rotationen von L5 in transversaler Ebene

Sakrokokzygeale Bewegungen des Os coccygis
  • Flexion/Extension des Os coccygis in sagittaler Ebene

  • Seitneigungen des Os coccygis in frontaler Ebene

  • Rotationen des Os coccygis in transversaler Ebene

Kompensatorische Bewegungen des Beckens als Ganzes bei Haltungsanpassungen „En Bloc“-Bewegung
  • Becken-Shift nach anterior und posterior in sagittaler Ebene

  • Becken-Sideshift nach links und rechts in frontaler Ebene

  • Beckenrotation nach links und rechts in transversaler Ebene

CF = coxofemoral, ISG = Iliosakralgelenk, IS = iliosakral, SI = sakroiliakal

Joint Play des CoxofemoralgelenksOsteokinematik, CoxofemoralgelenkArthrokinematik, CoxofemoralgelenkCaput femorisAbduktionHüftegestreckteAbduktionHüftegebeugteAdduktionHüftegestreckteAdduktionHüftegebeugteAnteriorisierungcoxofemorale, IliumPosteriorisierungcoxofemorale, IliumAußenrotationHüftegestreckteAußenrotationOberschenkelInnenrotationOberschenkelIliumAnteriorisierungcoxofemoraleIliumPosteriorisierungcoxofemoraleOberschenkel, Außen-/Innenrotation

Tab. 3.2
Bewegung der Knochen= Osteokinematik Bewegung der Gelenkflächen= Arthrokinematik
Flexion der Hüfte oder coxofemorale Anteriorisierung des Iliums Das Caput femoris rollt hauptsächlich nach ventral und gleitet nach dorsal (Abb. 3.73).
Extension der Hüfte oder coxofemorale Posteriorisierung des Iliums Das Caput femoris rollt hauptsächlich nach dorsal und gleitet nach ventral (Abb. 3.74).
Abduktion der gestreckten Hüfte oder coxofemorale Outflare-Bewegung des Iliums Das Caput femoris rollt hauptsächlich nach kranial und gleitet nach kaudal (Abb. 3.75).
Adduktion der gestreckten Hüfte oder coxofemorale Inflare-Bewegung des Iliums Das Caput femoris rollt hauptsächlich nach kaudal und gleitet nach kranial (Abb. 3.76).
Abduktion der gebeugten Hüfte oder coxofemorale Innenrotation des Iliums Das Caput femoris rollt nach dorsal und gleitet nach ventral (Abb. 3.77).
Adduktion der gebeugten Hüfte oder coxofemorale Außenrotation des Iliums Das Caput femoris rollt nach ventral und gleitet nach dorsal (Abb. 3.78).
Außenrotation der gestreckten Hüfte oder coxofemorale Innenrotation des Iliums Das Caput femoris rollt hauptsächlich nach dorsal und gleitet nach ventral (Abb. 3.79).
Innenrotation der gestreckten Hüfte oder coxofemorale Außenrotation des Iliums Das Caput femoris rollt hauptsächlich nach ventral und gleitet nach dorsal (Abb. 3.80).
Außenrotation des Oberschenkels mit gebeugter Hüfte oder coxofemorale Innenrotation des Iliums Das Caput femoris rollt nach kaudal und gleitet nach kranial (Abb. 3.81).
Innenrotation des Oberschenkels mit gebeugter Hüfte oder coxofemorale Außenrotation des Iliums Das Caput femoris rollt nach kranial und gleitet nach kaudal (Abb. 3.82).

Übersicht über die parietalen LäsionenCoxofemoralgelenk (CFG)artikuläre LäsionenIliosakralgelenk (ISG)artikuläre LäsionenSymphysis pubicaartikuläre LäsionenLumbosakraler Übergangartikuläre LäsionenSakroiliakalgelenk (SIG)Läsionen

Tab. 3.3
Muskuläre, ligamentäre und fasziale Läsionen
Artikuläre Läsionen des Coxofemoralgelenks
  • Hüfte in Flexion/Extension

  • Hüfte in Adduktion/Abduktion

  • Hüfte in Außenrotation/Innenrotation

  • Bewegungseinschränkung allgemein

Artikuläre Läsionen des Iliosakralgelenks
  • Ilium anterior/posterior IS, unilateral oder bilateral

  • Ilium Inflare/Outflare IS, unilateral oder bilateral

  • Ilium in Innenrotation/Außenrotation IS, unilateral oder bilateral

  • Up-Slip/Down-Slip des Iliums

  • Beckentorsionen (Ilium anterior IS und Ilium posterior IS)

  • Beckentorsionen (Ilium Inflare IS und Ilium Outflare IS)

Artikuläre Läsionen der Symphysis pubica
  • Pubis inferior/superior

  • Pubis in Inflare/Outflare

  • Pubis in Innenrotation/Außenrotation

  • Bewegungseinschränkung allgemein

Artikuläre Läsionen des Sakroiliakalgelenks
  • Sakrum SI anterior/posterior, unilateral oder bilateral

  • Sakrum L/L oder R/R, L/R oder R/L

  • Dominante linke/rechte schräge Achse

  • Sakrum in Rotation nach links/nach rechts

  • Depressed Sacrum bzw. „Sacrum inferior“ (atypische traumatische Dysfunktion); das Sakrum dreht sich um eine atypische Achse in Höhe des Apex ossis sacri extrem nach anterior (kaudal). Man könnte ein Depressed Sacrum auch als extremes „Sacrum anterior“ mit atypischer Achse ansehen.

  • Up-Slip/Down-Slip des Sakrums

Läsionen der sakrokokzygealen Verbindung
  • Os coccygis in Flexion

  • Os coccygis in Seitneigung nach rechts/nach links

Artikuläre Läsionen am lumbosakralen Übergang
  • L5 in NS(x)R(y)

  • L5 in ER(x)S(x)

  • L5 in FR(x)S(x)

IS = iliosakral, L/L = links/links, R/R = rechts/rechts, L/R = links/rechts, R/L = rechts/links,N = neutral, S = Seitneigung, R = Rotation, E = Extension, F = Flexion, x = eine Seite des Wirbels, y = andere Seite des Wirbels (Kap. 3.7.1)

Von der Biomechanik zur Pathologie des Beckengürtels

Der AufbauBeckengürtelBiomechanik dieses Kapitels wurde aus didaktischen Gründen bewusst so gewählt, dass zunächst biomechanisch und anatomisch wichtige Begriffe kurz erklärt und anschließend die biomechanischen Funktionen der Wandstrukturen des Beckens der Reihe nach erläutert werden. Da es sowohl für das Verständnis als auch für die Praxis wichtig ist, werden parallel Verbindungen zu den viszeralen Strukturen und zur Pathologie hergestellt. Eigens entwickelte Denkmodelle und Hypothesen zur Biomechanik des Beckens runden das Kapitel ab.

Tensegrity und Self-Locking Mechanism

Das BeckenTensegritySelf-Locking Mechanism spielt eine zentrale Rolle im Körper. Alle Myofaszialketten (Kap. 2.1.5), die die Körperteile verbinden, haben direkt oder indirekt einen Bezug zum Becken, oder es ist sogar, wie bei den Myofaszialketten der Extremitäten oder des Rumpfes, ihr Zentrum. Das Becken muss widerstandsfähig und belastbar sein und den ganzen Körper dabei unterstützen, seine aufrechte Körperhaltung beizubehalten. Trotzdem sollte es genügend Elastizität haben, damit sich die Beckenknochen, aber auch andere Körperteile (Extremitäten, Wirbelsäulenabschnitte, Kopf) an asymmetrische Spannungen anpassen können. Der Körper muss folglich so gegensätzliche Eigenschaften wie Stabilität und Flexibilität bzw. Beweglichkeit kombinieren. Diese Eigenschaften ließen sich durch einen „betonierten“ linearen Knochenaufbau allein nicht ausreichend miteinander verbinden.
Levin und Fuller [58, 61, 62, 179] sehen das Sakrum unter dem Gesichtspunkt der „Tensegrity Structures“. Tensegrity setzt sich aus den englischen Begriffen „tension“ (Spannung) und „integrity“ (Integrität, Ganzheit) zusammen. Tensegrity wird hier im Sinne von spannungseinheitlicher Ausgleich verwendet und Tensegrity Structures entsprechend als spannungseinheitliche Strukturen übersetzt. Diese Strukturen übermitteln nur Spannungen in Form von Zug- oder Kompressionskräften.
Bei der Konstruktion von Gebäuden mit großen Spannweiten oder großer Höhe ist eine Reduktion des Gewichts der Konstruktion wichtig. Eine klassische Kuppel kann z. B. nur mit einem maximalen Durchmesser von 43 m errichtet werden. Oberhalb dieser Spannweite wird das Gewicht der Decke zu groß. Erst mithilfe einer Leichtbauweise mit Materialersparnis und mit einer Kombination von Druckelementen (Elemente, die Kompression widerstehen) mit Zugelementen (Elemente, die Traktion widerstehen) lassen sich Spannweiten von über 200 m realisieren (z. B. Florida Suncoast Dome St. Petersburg und Georgia Dome Atlanta in den Vereinigten Staaten). Diese Leichtbaukombination von lokalen Druckelementen und ununterbrochenen Zugelementen trägt zu einer höheren Stabilität bei und wird als Tensegrity-Prinzip bezeichnet.

Man könnte demnach Tensegrity auch frei interpretieren als die Aufhängung von Kompressionselementen in einem Netz aus kontinuierlicher Spannung.

Tensegrity wurde insbesondere von drei Personen geprägt:
  • Dem amerikanischen Künstler, Bildhauer und Photograph Kenneth Snelson (1927), der Tensegrity gern als „Floating Compression“ (schwebende Kompression) deutet. Er konstruierte bereits Skulpturen nach dem Tensegrity-Prinzip, bevor der Begriff Tensegrity entwickelt wurde.

  • Dem amerikanischen Architekten und Ingenieur Richard Buckminster Fuller (1895–1983), der den Begriff Tensegrity erstmals verwendete und 1962 ein Patent auf das Prinzip anmeldete, wobei er auf die Idee seines Studenten Kenneth Snelson zurückgriff.

  • Dem französisch-ungarischen Architekten, Bildhauer und Autor David Georges Emmerich (1925–1996), der Tensegrity-Strukturen als „Gleichgewichtskonstruktionen“ bezeichnete.

Ein frühes Beispiel einer Tensegrity-Struktur lieferte auch der russische Künstler Karl Ioganson, der 1920 drei Stäbe durch eine ununterbrochene Verbindung mit Seilen verband und die gesamte Konstruktion damit im Gleichgewicht hielt. Auch andere Architekten, Ingenieure und Wissenschaftler wie A. Hanaor, R. Motro, G. Minke, A. Pugh und H. Kenner experimentierten mit Tensegrity-Strukturen und entwickelten dafür ein mathematisches Verständnis.
René Motro (*1946) von der Universität in Montpellier prägte 2003 folgende Definition für Tensegrity: „Das Tensegrity-System ist ein System in einem stabilen selbstäquilibrierten Zustand bestehend aus einer diskontinuierlichen Reihe von Kompressionselementen innerhalb eines Kontinuums von Zugspannungselementen“ [79].
Man unterscheidet allgemein zwischen offenen und geschlossenen Tensegrity-Systemen. Um stabil zu sein, müssen offene Tensegrity-Systeme überschießende Kräfte an angeschlossene Konstruktionen oder an die Stützfläche abgeben können. Vorteilhaft dabei ist, dass die Kompressionselemente in einem offenen System nicht als Diagonale eingesetzt werden müssen. Geschlossene Tensegrity-Systeme sind, unabhängig von ihrer Position, in sich stabil (selbststabilisierend). Allerdings müssen sich die Kompressionskräfte beim geschlossenen System kreuzen.
Der Architekt D. H. Geiger (1935–1989) kombinierte Tensegrity-Systeme mit tragenden Membranflächen und erreichte damit Spannweiten von über 200 m! Dazu koppelte er starre Dreiecke mit Zugseilen, die durch eine Vorspannung stabilisiert werden. Die Vorspannung ist notwendig, um ansonsten auftretenden Kompressionskräften in den Seilen und damit einem Durchhängen der Seile vorzubeugen (Abb. 3.1).
Eine Tensegrity-Struktur weist folgende Charakteristika auf:
  • Das System beinhaltet zwei Komponenten: Kompressionselemente und Zugspannungselemente. Die Kompressionselemente dürfen sich nicht berühren, sondern sind in einem Netz aus Spannungselementen aufgehängt. Buckminster Fuller deutete Tensegrity als universales Prinzip sowohl im Mikro- als auch im Makrokosmos. Er bezeichnete das Universum als „omnitensional integrity“ (rundum gespannte Ganzheit). Metaphorisch gesehen handelt es sich um Inseln aus Kompression, die stets von einem Kontinuum aus Spannung umgeben sind.

  • Das System ist selbststabilisierend, was darauf hindeutet, dass es nach einer Störung ohne Hilfe von außen sein Gleichgewicht zurückfindet.

  • Es besteht eine Vorspannung, sodass Tensegrity-Strukturen sich selbst tragen und für die Aufrechterhaltung ihres Gleichgewichts „unabhängig“ von der Schwerkraft sind.

  • Tensegrity-Strukturen sind ganzheitlich vernetzte, dreidimensionale Systeme, sodass sich eine Veränderung in einem Teil in der gesamten Struktur auswirkt.

  • Die Reaktion auf Belastungen ist nicht linear.

Dreiecke kennen keine Biege- und Schubmomente („bending and shear moments“). Wissenschaftler wie Pearce [208], Kroto [209], Ingber und Jamieson [203] und Wang et al. [75] konnten nachweisen, dass nur Strukturen, die dreidimensional aus Dreiecken bestehen, wie z. B. das Ikosaeder, inhärent stabil sind. Da sie ausschließlich unter Zug- und Kompressionsbelastung stehen, verbrauchen sie wenig Energie und sind daher optimal als biologische Struktur geeignet. Solche Strukturen finden sich in der Natur z. B. bei Bienenwaben, aber auch auf molekularer und zellulärer Ebene, z. B. als Buckminster-Fuller-Molekül (C60), bei den Mikrotubuli des Zellskeletts sowie in der Form mancher Viren oder Pollen.
Egal aus welcher Richtung eine Belastung auf derartige Tensegrity-Strukturen einwirkt, es kommt immer zur uniformen Verteilung dieser Kompressionsbelastung als Zugspannung. Typische Beispiele für spannungseinheitliche Strukturen sind das Rad eines Fahrrads oder ein Tennisschläger.
Levin und Fuller führten Tensegrity in die Biomechanik ein. Viren, Enzyme, Zellen und sogar kleine Organismen nehmen eine geodätische Form wie ein Hexagon oder eine Kugel an, aufgebaut aus dreieckigen Strukturen, sodass die Belastung in der gesamten Struktur verteilt und die Struktur zusammengehalten wird [58, 61, 62, 179]. Viereckige Strukturen sind inhärent instabil, weil in den Eckpunkten leichter Biegemomente entstehen. Dreieckige Strukturen hingegen sind inhärent stabil (Abb. 3.2).
Ingber übertrug das Tensegrity-Modell auf die Zelle und verglich das Zellskelett mit einer Tensegrity-Struktur (Abb. 3.3). Er betont, dass es nicht ausreicht, die chemische Zusammensetzung der Geweben zu studieren, sondern dass man auch die dreidimensionale (mechanische) Zusammensetzung verstehen sollte. Zellen und Gewebe müssen immerhin fähig sein, sich zu bewegen, die Form zu ändern und zu wachsen [55]! Wissenschaftler wissen im Grunde genommen wenig über die Kräfte, die Atome zu Molekülen und Moleküle zu Zellen und Gewebe werden lassen. Ingber betrachtete Tensegrity als ein System, das sich mechanisch selbst stabilisiert, in dem es Kompressions- und Traktionskräfte innerhalb der Struktur verteilt und ausgleicht.
Ingber betont, dass Tensegrity eigentlich den Königsweg der Natur verkörpert, nämlich eine starke, stabile Lebensform mit einem Minimum an Material- und Energieverbrauch [50]. Laut seinem Modell bilden mechanische Kräfte wie z. B. Kompression und Traktion wichtige Regulatoren für die Entwicklung der Zelle [49]. Zellen nutzen Spannung, um ihre Struktur zu stabilisieren, und Tensegrity gibt der Zelle nicht nur ihre Form, sondern unterstützt die Regulation der zellulären Biochemie [53].
Auch der menschliche Körper besteht sowohl aus komprimierbaren bzw. kompressionsresistenten (Flüssigkeiten, Knochen usw.) als auch aus dehnbaren bzw. dehnungsresistenten Elementen (Bänder, Faszien, Bindegewebe usw.). Die Eigenschaften der verschiedenen Geweben, aus denen unser Körper aufgebaut ist, entscheiden über die Stabilität des Körpers. In seinem Buch über das venöse und lymphatische System spricht der Autor in diesem Sinne von „low stiffness viscoelastic transmitter“ (viskoelastische Gewebearten mit einer niedrigen „Steifigkeit“) und „high stiffness viscoelastic transmitter“ (viskoelastische Gewebearten mit einer hohen „Steifigkeit“) [73]. Beim menschlichen Körper dürfen die Körperflüssigkeiten als wichtiger „low stiffness viscoelastic transmitter“ nicht vergessen werden.
Wird das Tensegrity-Prinzip auf den Körper angewendet, bedeutet dies, dass Kompressionselemente (Knochen) in einem kontinuierlichen Spannungsnetzwerk aufgehängt sind. Dieses Spannungsnetzwerk besteht aus den Myofaszialketten und der Bindegewebsmatrix mit den Körperflüssigkeiten (Abb. 3.4).
In diesem Buch über das BeckenBeckenTensegrity-NetzwerkTensegrityBecken wird das Becken mit seinen Knochen, Gelenken (coxofemoral, iliosakral, pubikal, lumbosakral, sakrokokzygeal), myofaszialen Ansätzen und viszeralen Aufhängungselementen als ein dreidimensionales Tensegrity-Netzwerk betrachtet. Hierdurch können einwirkende Belastungen wie Stürze und Stöße absorbiert werden, ohne Knochenfrakturen oder Eingeweidequetschungen auszulösen! Durch die Tensegrity-Eigenschaften werden Kräfte von der Einwirkstelle abgelenkt und im gesamten Körper verteilt.

Je elastischer und ausgewogener das Netzwerk aus Knochen, Bändern, myofaszialen Aufhängungselementen und Flüssigkeiten, desto besser ist die Funktionalität des Beckens und der Beckeneingeweide. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass unelastische Gewebe, myofasziale Verspannungen, Vernarbungen (z. B. posttraumatisch) die Funktionalität des gesamten Beckens und der Beckenorgane beeinflussen können!

Es ist dabei sehr spannend zu beobachten, dass alle Gewebe, auch das Bindegewebe, kontraktile Elemente (z. B. Myofibroblasten) beinhalten [73]. Aus dieser Sicht ist es interessant, die Aufhängung der Beckenorgane in diesem Tensegrity-Netzwerk zu betrachten. Das Paragewebe, das Lig. latum uteri, das Lig. suspensorium ovarii, die Lamina SRGVP usw. kann man als Zugelemente des Tensegrity-Netzwerks betrachten (Abb. 3.5).

Auch beim BeckenbodenTensegrityBeckenbodenBeckenbodenTensegrity und bei den Mm. obturatorii ist es sinnvoll, die Tensegrity-Aufgabe zu unterstreichen. Mm. obturatorii und Beckenboden bilden wichtige Zugelemente bei dem Tensegrity-Beckenmodell. Die Mm. obturatorii erinnern dabei an die „alten Zugelemente“ bei der Aufhängung eines alten Kinderwagens (Abb. 2.17).

Tensegrity besteht also zu jeder Zeit sowohl makroskopisch als auch mikroskopisch im gesamten Körper. Damit trägt Tensegrity auch als Informationstransmitter bei [73]. Bewegt man ein Teil des Beckens bzw. des Körpers, bewegt und schwingt der Rest des Beckens bzw. des Körpers mit. Es ist faszinierend zu überlegen, dass mechanische Kräfte damit sogar zu den biochemischen Prozessen der Zellen beitragen [49]! Die Myofaszialketten können demzufolge bis auf Zellularebene und sogar in der energetischen Ebene „weiterverfolgt“ werden und bilden ein Teil des Kommunikationssystems zwischen den Zellen.
Die viskoelastischen Myofaszialketten kommunizieren über dieses Matrixnetzwerk miteinander und sorgen für eine isometrische, aufeinander abgestimmte Spannung, damit unsere Körperhaltung aufrechterhalten werden kann. Sie sorgen sozusagen für eine „Autostabilisation“ des Körpers!
Die Geschmeidigkeit der Faszien ist mitentscheidend für die Belastbarkeit der Gewebe und auch die Flüssigkeiten (arteriell, venös, lymphatisch, zerebrospinal usw.) tragen zu den viskoelastischen Eigenschaften des lebendigen Gewebes bei. Bei mechanischen Belastungen wird die „Aufprallenergie“ meist in dem bindegewebigen Matrixnetzwerk abgefedert und absorbiert, sodass es nicht zu einer Verletzung kommt.

Hinweis

Die Suche nach Spannungen, Narben, Blockierungen usw. in den verschiedenen Geweben des Beckens bzw. des Körpers ist demzufolge wichtig, ebenso wie der Abbau dieser Spannungen, um die Funktionalität wiederherstellen zu können.

Die Zellen sind über Integrine und Ankerfibrillen (Kollagenfasern) an dieses Matrixnetzwerk geknüpft. Mechanische Kräfte werden demzufolge über Integrine an das Zytoskelett weitergegeben und innerhalb der Zelle weitergeleitet. Dort mag dieser mechanische Impuls sogar biochemische Reaktionen und genetische Aktivierung bzw. Deaktivierung beeinflussen! Ingber spricht hierbei von „zellulärer Mechanotransduktion“ [49].
Es scheint logisch, chemische und mechanische Transmitter zu koppeln. Inger beklagte aber, dass die Medizin sich in den 1980er und 1990er Jahren immer mehr von einer holistischen Betrachtung des Verhältnisses zwischen Form und Funktion entfernt habe und zu einer reduktionistischen Sichtweise der molekularen Biologie und Chemie mutiert sei [55].
Beim Becken ist auch eine Konstruktion notwendig, die Stabilität mit Dynamik kombiniert. „Groovy Skwish“, ein Spielzeug von Manhattan Toys, entspricht in gewissem Maße dem menschlichen Becken mit seinen viskoelastischen Aufhängestrukturen für die Organe (Abb. 3.6). Das Besondere am Groovy Skwish ist, dass es sich bei Belastung verformt und bei Entlastung sofort zurückfedert (Abb. 3.7). In unserem Spielzeugmodell symbolisieren die Stäbchen die Beckenknochen und die Kugeln die Beckenorgane, z. B. Harnblase, Prostata, Uterus und Rektum. Die elastischen Drähte sind mit den Aufhängebändern der Beckenorgane zu vergleichen. Beckenorgane und Beckenknochen bewegen sich passiv bei Belastung und federn bei Entlastung normalerweise zur neutralen Position zurück (Abb. 3.7).
Anhand des Tensegrity-Modells des Beckens (Abb. 3.8) ist es möglich, eine oder mehrere dehnbare Elemente (sie stehen für Faszien, Muskeln, Bänder usw.) zu verdrehen und den Einfluss auf die anderen Elemente des Beckens zu beobachten. Tensegrity-Modelle kann man als Abstraktionen des Körpers betrachten, auf der Suche nach einer engen Abstimmung zwischen Form und Funktion.
Tensegrity ist ein spannendes und faszinierendes Prinzip, die menschliche Biomechanik zu analysieren und bedarf sicherlich noch weiterer Untersuchungen und Denkweisen. Es darf z. B. nicht vergessen werden, dass es sich bei dem Tensegrity-Prinzip um eine starke (mechanische) Vereinfachung handelt und sowohl artikuläre Verbindungen als auch Körperflüssigkeiten und kontraktile Elemente in diesem Prinzip fehlen. In weiteren Werken kommt der Autor darauf zurück und ergänzt das Tensegrity-Prinzip mit Körperflüssigkeiten, um es zu einer fließenden Spannungseinheit zu machen [73].
Das Becken kann als spannungseinheitliche Struktur, die als Teil einer größeren, komplexen Tensegrity-Konstruktion fähig ist, sich selbst zu organisieren, betrachtet werden. Bei solchen spannungseinheitlichen Strukturen erkennt Vleeming [179] einen Self-Locking Mechanism (Abb. 3.9), bei dem es sich um eine Kombination aus „Form Closure“ und „Force Closure“ handelt. Form Closure, dasSelf-Locking MechanismForce/Form ClosureForm ClosureSelf-Locking Mechanism „Form-Schließen“, kommt durch die Form der Iliosakralgelenke zustande, indem das zwischen den beiden Ossa ilia eingeschlossene Sakrum eingeklemmt wird. Dabei sind die Ebenen, aber auch die Form der iliosakralen Gelenkflächen wichtig. Force Closure, dasSelf-Locking MechanismForce/Form ClosureForce ClosureSelf-Locking Mechanism „Kraft-Schließen“ der Iliosakralgelenke, kann aufgrund der spannungseinheitlichen Aufhängung des Sakrums an seinem „Rahmen“ entstehen. Hierbei sind die geraden und überkreuzten Ligamente, Faszien und Myofaszialketten entscheidend.
In diesem Modell erfüllen die Alae ossis ilii Alae ossis iliieine wichtige Funktion als Hebelarme für die Muskel- und Faszienketten des Rumpfes und der unteren Extremitäten. Von der Mobilität der beiden Ilia und des Sakrums werden demnach Statik und Dynamik des Körpers beeinflusst. Im Rahmen dieser myofaszialen und artikulären Ketten kann ein „kleines“ Problem eine „große“ Wirkung haben. So reicht z. B. eine coxofemorale Unzulänglichkeit des Iliums oder ein iliosakrales „Klemmen“ von Sakrum oder Ilium schon aus, eine Kettenreaktion an Kompensationen auszulösen.
Die Muskeln, Faszien und BänderBeckenTensegrity-Modell des Beckens bilden ein kontraktionsfähiges, viskoelastisches System, das die Form und Funktion der Organe des kleinen Beckens bestimmt. Man kann das Becken durchaus mit einer Hänge- oder Spannbandbrücke vergleichen (Abb. 3.10):
  • Die Pylonen werden von der Symphysis pubica (mit den Rami inferiores und superiores ossis pubis) und vom Sakrum gebildet.

  • Die Tragseile werden von Ligamenten und Faszien gebildet. Stellvertretend kann die rechte und linke Lamina SRGVP als didaktisches bindegewebiges Konstrukt für die bilateralen Tragseile betrachtet werden.

  • Die Fahrbahn wird vom Beckenboden und die Spannbänder von Ligamenten und faszialen Verstärkungen (u. a. Arcus tendineus musculi levatoris ani, Centrum tendineum perinei usw.) gebildet.

  • Die Organe des kleinen Beckens sind dann sozusagen „Behälter“, die auf die Brücke stehen.

Die Stabilität der Hängebrücke wird nur durch das „Ganze“ gewährleistet und die Elemente (Knochen, Organe, Faszien, Muskeln, Ligamente) sind viskoelastisch nach Tensegrity-Prinzipien miteinander verknüpft. Eine Störung oder ein Nachgeben eines Teils des Systems kann das Gleichgewicht und damit die Funktion (z. B. Kontinenz) stören oder die Brücke kann sogar in sich zusammenbrechen und einen Prolaps (z. B. Senkung der Harnblase oder der Gebärmutter) auslösen.
Harnblase, Vagina und Rektum sind über Ligamente (Lig. pubovesicale, Lig. pubourethrale, Lig. sacrouterinum, Mesorektum, Septum rectosacrale usw.) an den Pylonen (Symphysis pubica und Sakrum) aufgehängt, über dorsoventrale Bindegewebszüge (Lamina SRGVP, Septum urethrovaginale, Septum rectovaginale usw.) und laterolaterale Bindegewebszüge (Parazystium, Paravagina, Parakolpium) miteinander und mit dem Beckenboden und den Beckenknochen verknüpft. Der Arcus tendineus fasciae pelvis ist dabei die Verankerung der viszeralen Faszien an der kranialen Fläche der Faszie des M. levator ani (Fascia diaphragmatica pelvis superior). Die faszialen und ligamentären Spannungen und die Muskelkräfte stimmen sich dabei aktiv und mechanosensorisch aufeinander ab, sodass man von einem Tensegrity-Gleichgewicht sprechen kann.

Die neuronale Vernetzung wird hierbei wohlgemerkt als intakt und voll funktionsfähig vorausgesetzt. Dabei handelt es sich um einen komplexen Mechanismus von Kommunikation zwischen verschiedenen zerebralen Zentren und primitiven sakralen spinalen Reflexen [181].

Es ist demnach wichtig zu betonen, dass es sich hierbei weniger darum handelt, dass Muskeln „gegen“ irgendwelche Bänder ziehen, sondern mehr darum, dass Muskeln, Ligamente und Faszien in einem propriorezeptorischen Feuerwerk miteinander kommunizieren und die Zug- und Druckkräfte ingeniös lenken und damit die Stabilität der Spannbandbrücke behutsam intakt halten.
Da sich in der Fahrbahn (Beckenboden) auch noch „Öffnungen“ (der Urethra, der Vagina und des Rektums) befinden, die sich durch Sphinktermuskeln aktiv öffnen und verschließen lassen, dürfte die Abhängigkeit der Funktionalität dieser Sphinktermuskeln (und damit der Kontinenz) von dem Gleichgewicht im gesamten System verdeutlichen. Der Beckenboden hat dabei keine leichte Aufgabe und soll gewährleisten, dass die Ausgänge der Organe des kleinen Beckens geöffnet bzw. geschlossen werden können, ohne aber die Stabilität des Beckengefüges zu verlieren und damit eine Senkung der Organe vermeiden zu können.

Für die Funktionalität des Beckens und der Beckenorgane ist es äußerst wichtig, dass die Beckenorgane und ihre Aufhängungsstrukturen einerseits fest mit den parietalen Strukturen verbunden sind und andererseits trotzdem in bestimmten Bereichen der Organe eine gewisse Verschieblichkeit ermöglichen sollten.

Tensegrity in der Praxis

Das Thema Tensegrity stelltTensegrityin der Praxis durchaus große Anforderungen an den Leser. Dieses Prinzip wird hier zum ersten Mal überhaupt konkret auf das Becken angewandt. Das Becken wird mit einem Tensegrity-Modell verglichen, was bedeutet, dass sich bei Belastung die Teile etwas verschieben und gedehnt werden, sie aber sofort wieder zurückfedern, wenn die Belastung aufgehoben wird. Der bedeutende Vorteil der Tensegrity-Konstruktion liegt in der leichten Bauweise des Beckens, wobei trotzdem größere Lasten getragen werden können.
Beim Einüben der Umsetzung in die Praxis sollte man sich für jedes Beckenorgan die folgenden Fragen stellen:
  • Welche Strukturen bilden die myofaszialen Aufhängebänder?

  • In welcher Ebene verlaufen sie?

  • Mit welchen parietalen und viszeralen Elementen bilden sie Verbindungen?

Stellen wir uns das Tensegrity-Modell als Becken vor. Jedes Element des Modells wird durch seinen myofaszialen, parietalen bzw. viszeralen „Kontrahenten“ der Beckenstrukturen ersetzt. Nun wird ausprobiert, was geschieht, wenn aus einer bestimmten Richtung Druck auf das Becken ausgeübt wird:
  • Was geschieht, wenn man den Bauch komprimiert?

  • Was geschieht, wenn man auf das Sakrum drückt?

  • Was geschieht, wenn man am Beckenboden Druck ausübt und Gewebe verschiebt und wieder auslässt?

  • Wie viel Druck bzw. Zug muss dabei ausgeübt werden?

  • Lässt sich das Verschieben, aber auch das Zurückfedern der Strukturen visualisieren und demnach auch fühlen?

Es gilt der Spruch: Übung macht den Meister! Tensegrity bedeutet, dass alle Strukturen miteinander verbunden sind. Können Sie sich die Spannungswelle vorstellen, die Sie auslösen, wenn Sie ein Gewebe im Körper berühren? Ein logischer Schritt ist dann, diese Strukturen durch übergreifende Tests im „Schnellverfahren“ zu überprüfen. Selbstverständlich sollte man bei Bedarf auch einzelne Strukturen und Organe durchtesten und behandeln. Wenn man diese dreidimensionalen Verbindungen „sehen“ und auch fühlen kann, wird es einfacher sein, die Verbindungen und Zusammenspiele zu verstehen:
  • Was kann z. B. Pollakisurie mit einem Sakrum anterior oder mit einer fixierten Anteflexion der Gebärmutter zu tun haben?

  • Wie hängen Verklebungen in Höhe des Ovarbereichs mit Inflare-Läsionen des Iliums zusammen?

  • Wie können Narben nach einer Episiotomie dazu beitragen, dass Outflare-Läsionen der Ilia entstehen?

Da es unmöglich ist, alle möglichen Symptomkomplexe, denen man in der Praxis begegnen wird, aufzuzählen, benötigen wir ein übergreifendes und vereinfachtes Schema. Daher erscheint es dem Autor sinnvoll, ein Denkmodell wie das der Tensegrity zu benutzen, wohl wissend, dass es sich hier um eine maßlose Vereinfachung des menschlichen Körpers handelt.
Wenn man einmal den Verlauf und die Verbindungen begreifen und visualisieren kann, wird es möglich sein, sich Gedanken zu machen, welche Behandlungstechnik man anwenden soll:
  • Möchte man eher indirekt arbeiten, ohne die betroffene Struktur zu brüskieren und damit das Gewebe entspannen bzw. unwinden (entfalten)? Oder lässt sich das Gewebe direkt dehnen?

  • Man sollte überlegen, wann man eher indirekt und wann besser direkt arbeiten sollte. Muss viel Kraft aufgebracht werden oder reicht vielleicht wenig Kraft? Wie lange soll man diese Kraft anwenden?

Manualtherapeuten und orthopädisch orientierte Osteopathen werden eher strukturelle Läsionen als „primär“ angeben und diese auch leichter aufspüren können. Internistisch orientierte Osteopathen werden dagegen wahrscheinlich häufiger Spannungen, die von Organen ausgehen, als „wichtiger“ bezeichnen. Ein Therapeut, der vor allem energetisch arbeitet, wird vermutlich viel schneller energetische Dysbalancen wahrnehmen.

Bitte beachten Sie die in Kap. 2.1.4 beschriebenen Diaphragmen als übergreifende Spannungsregulatoren. Die Integration dieser Strukturen in eine osteopathische Behandlung wird außerordentlich wichtig sein, würde aber den Rahmen dieses Buches sprengen. Gleichermaßen wichtig sind die separaten, weitgehend faszial „abgeschlossenen“ Beckenräume, die in Kap. 2.6.3 besprochen werden.

Aufgaben für den Leser:

  • Studieren Sie diese verschiedenen Räume, „pflanzen“ Sie die verschiedenen Beckenorgane und ihr Netzwerk an Ligamente und Bänder in diesen Räumen ein und lernen Sie, diese Räume als Tensegrity-Strukturen zu sehen und zu behandeln.

  • Beschreiben Sie dazu auch die Gleitflächen dieser Strukturen: Handelt es sich z. B. um bindegewebige Verbindungen oder um peritoneale Gleitflächen mit Peritonealflüssigkeit?

  • Was sind die rheologischen Eigenschaften (Kap. 2.2) dieser bindegewebigen Strukturen?

All diese Elemente machen den Begriff Tensegrity aus: ein komplexes Zusammenspiel von Gewebearten zu einer harmonischen und spannungseinheitlichen Konstruktion eines Körpers, zusammengefasst unter dem gemeinsamen Nenner Tensegrity. Ein reziproker Spannungsausgleich, also eben Tensegrity, soll sich wie ein roter Faden durch dieses Buch ziehen.
Der Sinn dieser Aufzählung soll darin bestehen, den Leser nachvollziehen zu lassen, dass es eher selten der Fall sein wird, mit einer einzigen Technik – egal, ob es sich um eine Mobilisation, einen Thrust oder um ein Unwinding handelt – den „Supererfolg“ feiern zu können. Im Gegenteil: Eine Behandlung wird sich wahrscheinlich über mehrere Sitzungen hinziehen und aus einer Kombination verschiedener Techniken (und Therapien/Therapeuten) bestehen, wobei gerade die Tensegrity der Behandlungs- bzw. Behandlerkombination über Erfolg bzw. Misserfolg entscheiden wird. Inwiefern sind Osteopathen fähig, sowohl die orthopädischen als auch die internistischen, gynäkologischen, neurologischen, physiologischen, psychologischen usw. Elemente des Tensegrity-Modells richtig einzuschätzen?

Ein Beispiel aus der Praxis des Autors

Eine Patientin stellte sich mit der Beschwerde vor, ihre Periode wäre seit über einem halben Jahr ausgeblieben. Schulmedizinisch war sie allgemein „durchgecheckt“ worden und man hatte keine Ursache finden können. Nach zwei osteopathischen Behandlungen, bei denen sich sowohl im Becken als auch im Schädel Spannungen finden ließen, stellte sich noch keine Besserung ein. Ich hatte ein ungutes Gefühl, vor allem was die kranialen Spannungen betraf, worauf ich sie nochmals zum Gynäkologen und zum Radiologen überwiesen habe. Es stellte sich bei der MRT heraus, dass die Patientin ein Hypophysenadenom oder Prolaktinom mit einer Überproduktion an Prolaktin hatte.
Es wäre also gut (oder eigentlich dringend notwendig), wenn sich innerhalb der Medizin, aber auch innerhalb der Osteopathie, ein Wandel in Richtung intensiver Zusammenarbeit und gegenseitigem Respekt (das ist auch Tensegrity!) herbeiführen ließe. Die Zusammenhänge im menschlichen Körper sind eben extrem komplex. Eine gewisse Demut, was die eigenen Möglichkeiten betrifft, ist nach Meinung des Autors daher angebracht und die Zusammenarbeit in einem ganzheitlichen Team, in dem Tensegrity herrscht, wäre wünschenswert.
Aus dieser Sicht ist es sinnvoll, eine neutrale, aber vor allem ganzheitliche Auswertungsmethode anzuwenden. Indem man das Becken als eine Tensegrity-Struktur darstellt, kann man die Verbindungen, also die myofaszialen Aufhängungsstrukturen, übergreifend etwas einfacher testen, und beim Auffinden erhöhter Spannungen kann man dementsprechend die Strukturen, die verbunden werden, intensiver einzeln weiter testen bzw. behandeln.
Mit diesem Hintergedanken wurden die Myofaszialketten vom Autor bereits in dieses Buch integriert (Kap. 2.1.5) und er sieht sie als Anregung zum ganzheitlichen Denken. Es fehlen natürlich die kompletten Tests, Wechselwirkungen und Integrationen dieser Strukturen – es handelt sich eben nur um eine Anregung. Weiterführende Elemente werden im Unterricht und in weiteren Publikationen aufgegriffen, sie würden den Rahmen dieses Buches komplett sprengen.

Das Spielen mit Tests und Behandlungen einer Tensegrity-Struktur kann wunderbar praktisch demonstriert, aber nicht so einfach niedergeschrieben werden. Dieses Buch dient daher selbstverständlich nur als Leitfaden und kann niemals den praktischen Unterricht ersetzen!

Grundsätzlich wird es letzten Endes notwendig sein, nicht nur das Becken, sondern den ganzen Körper als eine Tensegrity-Struktur (oder spannungseinheitliche Struktur) zu betrachten (Abb. 3.11). Wissenschaftler wie Ingber et al. [202, 203] betrachten die Zelle als eine spannungseinheitliche Struktur, wobei
  • die Zellmembran durchaus als elastisch verformbares Element („Drähte“ im Tensegrity-Modell),

  • die Mikrofilamente als kontraktile Teile,

  • die Mikrotubuli als belastungsfähige Strukturen („Stäbchen“ im Tensegrity-Modell) und

  • der Zellkern als Organ („Bällchen“ im Tensegrity-Modell)

betrachtet werden können.
Wir verdanken vor allem Levin und Fuller [58, 61, 62, 179], dass sie den Begriff der Tensegrity in die Biomechanik eingeführt haben. Die Wirbelsäule kann man eigentlich wie einen Tensegrity-Mast und die Knochen als kompressionsfähige Strukturen betrachten. Die myofaszialen Strukturen des Körpers sind wie bei einem Luft- oder Wasserballon rundum gelagert und bilden die dehnungsfähigen Elemente des Tensegrity-Modells. Den menschlichen Körper kann man sich also wie eine Kombination aus unserem Tensegrity-Spielzeugmodell (Abb. 3.7) und einem modellierten Luftballon in Form eines Körpers vorstellen.

Stellen Sie sich, wenn Sie Osteopathie studieren und/oder osteopathisch behandeln, auf eine immer wieder spannende Reise durch den Körper ein. Der Weg zum Verständnis wird niemals zu Ende sein. Auch in Ihren Gedanken, Ihren Erwartungen und Zielen soll eine gewisse Tensegrity herrschen. Dieses Buch wird eventuell anregen, vielleicht auch einige Fragen beantworten können und hoffentlich genügend neue Fragen aufwerfen.

Kinetik und Statik des Beckens

Kenntnisstand zur iliosakralen Beweglichkeit

In Bezug auf die BeckenKinetik und StatikIliosakrale Bewegung/BeweglichkeitIliosakralgelenk (ISG)BeweglichkeitBeweglichkeit der Iliosakralgelenke ist in der Literatur Folgendes zu finden:
  • Stoddard [158] beschreibt zwei Bewegungsarten im Iliosakralgelenk, Klaffen und Rotation. Das Klaffen bezieht er auf das dorsale bzw. ventrale Auseinanderweichen der Gelenkflächen und die Rotation auf die anteroposteriore Drehung im Iliosakralgelenk.

  • White und Panjabi [186] geben für die Beweglichkeit des Sakrums gegenüber dem Ilium Messdaten von Miller et al. [186] an (Abb. 3.12), die an acht Leichen (im Alter von 59–74 Jahren) erhoben wurden:

    • 3 mm Anterior-Translation auf der z-Achse rund um eine laterolaterale Achse

    • 1,5°- Seitneigung (Sidebending) zur Seite rund um eine dorsoventrale Achse

    • 6°-Rotation zur Seite rund um eine kraniokaudale Achse

Wie kontrovers die Beweglichkeit der Iliosakralgelenke leider noch immer diskutiert wird, machten Wilder et al. [40] deutlich mit ihrem Ansatz, die Achsen dieser Gelenke aufzuzeichnen (Abb. 3.13). Die iliosakrale Beweglichkeit kann niemals so groß sein, dass eine derartige Streuung der iliosakralen Achsen entsteht. Aus diesem Grund ist bei der Messung der iliosakralen Beweglichkeit eine exakte Lokalisierung der Bezugsgrößen notwendig. Eine eventuelle coxofemorale Beweglichkeit muss dabei strikt ausgeschlossen werden. Es darf nicht vergessen werden, dass sich bei coxofemoralen Bewegungen der Ilia die Position des Sakrums verändert. Nur aus ganzheitlicher Sicht der Verbindungen über Gelenk- und Muskelketten (Kap. 2.1.5) wird dies verständlich.
Die Auswirkungen der sakralen Nutations- und Kontra-Nutationsbewegungen auf den Beckendurchmesser hat Kapandji [82] ausführlicher beschrieben. Er weist darauf hin, dass sich hierbei der Durchmesser am Beckeneingang dorsoventral um 3–13 mm und am Beckenausgang um 15–17,5 mm verändern kann. Auch der laterolaterale Durchmesser ändert sich bei Bewegungen des Sakrums. Interessant ist, dass er trotz seiner „klassischen“ Auffassung auch eine iliakale Bewegung bei Anterior-Bewegung des Sakrums beschreibt. Bei dieser Anteriorisierung des Sakrums AnteriorisierungSakrumkommen die beiden Alae ossis ilii näher zusammen, während die Tubera ischiadica mehr auseinandergehen (Abb. 3.14). Diese Bewegung wird im Folgenden als Inflare-Bewegung bezeichnet (Kap. 2.1.5.6).
Auch Colachis et al. [64] beschreiben eine Art Inflare-Bewegung der beiden Ilia von bis zu 5 mm beim Vornüberbeugen und im Sitzen. Sie hatten dazu Kirschner-Drähte an den Spinae iliacae posteriores superiores ihrer Versuchspersonen befestigt.
Die dreidimensionale Sichtweise der Ilium- und Sakrumbeweglichkeit wurde auch von amerikanischen Osteopathen wie W. L. und M. L. Kuchera, Greenman sowie Ward übernommen. Vleeming und seine Kollegen publizieren seit Ende der 1980er Jahre wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema.

Zusammenspiel der Gelenke

Der strukturelleBeckenGelenke, Zusammenspiel und funktionelle Zusammenhang zwischen Wirbelsäule, Becken- und Hüftgelenken ist essenziell für das Verständnis der Beckenbewegungen. Im Becken finden sich acht Gelenke:
  • Zwei coxofemorale Gelenke

  • Zwei Iliosakralgelenke bzw. Sakroiliakalgelenke

  • Die Symphysis pubica

  • Zwei lumbosakrale Gelenke

  • Ein sakrokokzygeales Gelenk

Hinweis

Aus didaktischen Gründen wird die Beweglichkeit der einzelnen Gelenke im Folgenden getrennt beschrieben. Wichtig ist jedoch, dass sie in natura nicht voneinander getrennt werden können, sondern dass immer dreidimensional einheitliche Anpassungsbewegungen aller acht Gelenke stattfinden.

Merke

  • Iliosakrale (IS) Bewegung/Beweglichkeit: Iliosakrale Bewegung/BeweglichkeitDas Sakrum ist der Fixpunkt, das Ilium Mobilpunkt und frei beweglich. Das Gelenk wird dementsprechend als Iliosakralgelenk (ISG)Iliosakralgelenk (ISG) bezeichnet.

  • Sakroiliakale (SI) Bewegung/Beweglichkeit: Sakroiliakale Bewegung/BeweglichkeitDas Ilium ist der Fixpunkt, das Sakrum Mobilpunkt und frei beweglich. Das Gelenk wird dementsprechend als SakroiliakalgelenkSakroiliakalgelenk (SIG) (SIG) bezeichnet.

  • Coxofemorale (CF) Bewegung/Beweglichkeit: Coxofemoralgelenk (CFG)Bewegung/BeweglichkeitDas Femur ist der Fixpunkt, das Os coxae Mobilpunkt und frei beweglich. Das entsprechende Gelenk wird als CoxofemoralgelenkCoxofemoralgelenk (CFG) (CFG) bezeichnet.

Wir verwenden oft „Ilium“ als Kurzform, obwohl es anatomisch richtig „Os coxae“ heißen müsste.

Hinweis

  • In der Praxis findet man am häufigsten Mischformen der in Tab. 3.1 aufgeführten Bewegungen. In diesem Sinne sprechen wir von Beckentorsionen.

  • Bei der Untersuchung ist es wichtig, die iliosakrale Beweglichkeit nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ zu beurteilen.

  • Wichtig ist auch, dass „ganze Welten“ zwischen den Einstufungen „Blockade“ und „keine Blockade“ liegen, die ebenso wahrnehmbar sind.

  • Das Iliosakralgelenk (ISG) ist nur ein Glied in der Kette und hat keine Sonderstellung. Daher sind keine spektakulären Erfolge von einer rein artikulären ISG-Behandlung zu erwarten.

  • Selbstverständlich dürfen Patienten nie nur unter Statikaspekten untersucht werden. Fundamental ist die Beurteilung der Mobilität. Die statische, visuelle und palpatorische Erstuntersuchung ist nur richtungweisend. Sie gibt zwar keinen Aufschluss über die Beweglichkeit, wohl aber Hinweise auf vorherrschende myofasziale Spannungen. Entscheidend ist stets die Reaktion des Körpers auf eine „Aggression“ und weniger die Aggression selbst.

Beweglichkeit der Ilia

Real sindIliumBeweglichkeit Bewegungen der Symphysis pubica, coxofemorale und iliosakrale Bewegungen der Hüftknochen meist kombiniert. Sie werden hier nur aus didaktischen Gründen getrennt voneinander beschrieben.

Beweglichkeit in sagittaler Ebene

BewegungenIliumBeweglichkeitsagittale Ebene eines Iliums finden zwangsläufig in mindestens drei Gelenken statt: CFG, ISG und Symphysis pubica.
Ilium anterior coxofemoral
Tests Kap. 4.6.13; Behandlungen Kap. 5.2

Ilium anterior coxofemoralIliumanteriorcoxofemoral (CF) ist die Kurzbezeichnung für eine Rotation des Os ilium auf dem Femurkopf nach anterior. Sie geht einher mit einer Überprogrammierung der geraden posterioren Myofaszialketten (GPM) und der kreuzenden posterioren Myofaszialketten (KPM), z. B. des M. quadratus lumborum, M. longissimus thoracis bzw. M. iliocostalis lumborum, M. levator ani und M. quadriceps. Eine Dysfunktion bedeutet in diesem Fall, dass die coxofemorale Mobilität des Iliums nach posterior eingeschränkt ist.

Hinweis

Da es sich um eine muskuläre Störung handelt, sollte sich die Behandlung entsprechend auf die muskulären und faszialen Strukturen bzw. die reflektorischen Auslöser richten. Doch muskuläre Dehnungsübungen allein würden nur eine symptomatische „Betäubung“ bewirken.

Fixpunkt bei der Ilium-anterior-CF-Bewegung ist das Femur, während sich das Ilium bewegt. Rein mechanisch gesehen entspricht dies einer Flexion der Hüfte. Die Ala ossis ilii dreht sich um den Femurkopf als Zentrum nach anterior. Dadurch bewegt sich auch das ISG auf einem Kreissektor mit kranioventraler Orientierung.

Merke

Wichtig ist, dass hierdurch das Sakrum eine horizontalere Position im Raum einnimmt, was oft mit einem sakroiliakalen Anteriorisieren verwechselt wird. Es macht aber verständlich, dass sich auf Dauer auch Folgen im ISG und in den benachbarten Gelenken zeigen. Da die horizontalere Position des Sakrums mit einer Lordosierung der LWS einhergeht, können sich auf Dauer mehrere sakroiliakale Anterior-Läsionen des Sakrums aufbauen.

Das iliosakrale Gelenkspiel kann frei sein. Möglicherweise ist bei Ilium anterior CF aber auch gleichzeitig eine iliosakrale (IS) oder sakroiliakale (SI) BlockierungBlockierungensakroiliakaleBlockierungeniliosakrale vorhanden.

Ein Ilium anterior CF wird selten oder nie isoliert vorkommen. Meist entsteht iliosakral (IS), sakroiliakal (SI), coxofemoral (CF), lumbal und in der Symphysis pubica Stress, der auf Dauer oft auch zu Dysfunktionen in diesen Gelenken führen kann.

Unsere Körperhaltung ist somit eine Art Kompromiss zwischen Statik und Dynamik. Ein wichtiger Teil der osteopathischen Arbeit wird demzufolge in einem „Remodellieren“ und „Entspannen“ der Faszien bestehen.
Mögliche klinische Zeichen
Die in Abb. 3.15 dargestellte Anterior-Bewegung des Iliums entspricht einer coxofemoralen FlexionIliumFlexion, coxofemorale mit dem Femur als Fixpunkt. Die Ilium-Orientierungspunkte verlagern sich dabei auf einem Kreissektor in folgende Position:
  • Die Spina iliaca anterior superior (SIAS) befindet sich mehr kaudal und ventral.

  • Die Spina iliaca posterior superior (SIPS) befindet sich mehr kranial und ventral.

  • Das Ilium nimmt das Sakrum mit nach ventral und kranial, es kommt zur Lordose der LWS.

  • Die Crista iliaca steht meist höher als normal.

  • Das Os pubis liegt weiter kaudal.

  • Das Tuber ischiadicum befindet sich mehr kranial und dorsal.

  • Das ISG liegt mehr kranial und ventral, sodass eine kompensatorische skoliotische Haltung der LWS induziert wird.

  • Bei Verspannung oder Verkürzung der Myofaszialketten, z. B. durch einen verkürzten M. quadratus lumborum, kann es zu falsch positiven Ergebnissen im Vorlauf- und Rücklauftest (FTS und FTZ, Kap. 4.6.3) kommen. Ansonsten sind sie negativ.

  • Da der Wirbel L5 vom Ilium bzw. Sakrum nach superior (heterolaterale Seitneigung) und ventral (heterolaterale Rotation) mitgenommen wird, kann eine Konvergenz mit erhöhtem Compressive Stress im homolateralen Gelenk zwischen den Wirbelapophysen von L5 und S1 die Folge sein. Dadurch erhöht sich die Gefahr einer Spondylarthrose. Wenn das Gelenk zwischen den Wirbelapophysen unilateral zur Rotationsachse für L5 wird, kann sich durch den stärkeren Shear Stress und natürlich auch Compressive Stress (durch Seitneigung von L5), der auf die Bandscheibe von L5/S1 ausgeübt wird, die Gefahr von Bandscheibenschäden vergrößern. Eine kyphosierte Haltung bei der Arbeit kann diesen Prozess noch beschleunigen.

Folgen
Infolge der coxofemoralen Iliumdrehung Iliumdrehung, coxofemoralekommt es zu kompensatorischen Bewegungen
  • im homolateralen ISG,

  • in der LWS,

  • in der Symphysis pubica

  • und zu einer dreidimensionalen Positionsänderung des Sakrums.

Kompensationsmechanismen
Was passiert, wenn sich das Ilium nicht mehr oder nur noch wenig nach posterior bewegen kann?
Weil das Ilium in erster Linie das Sakrum mit nach anterior gezogen hat, wird das Sakrum unilateral horizontalisiert (Abb. 3.16) sein. Das heißt, die Basis des Sakrums wird auf einer Seite deutlich höher sein als auf der anderen. Das Sakrum nimmt dabei nur eine neue spannungseinheitliche (Tensegrity) Position ein, bleibt aber weiterhin sakroiliakal beweglich, sowohl nach anterior als auch nach posterior. Trotz des sakroiliakalen spannungseinheitlichen Ausgleichs befindet sich das Sakrum weiter in einer Art Seitneigung. Daher muss die Wirbelsäule diese Seitneigung mit einer skoliotischen Haltung im LWS-Bereich kompensieren.
Sicher wäre es ökonomischer, wenn sich das Sakrum kompensatorisch einfach sakroiliakal nach posterior zurückdrehen könnte. Doch die coxofemorale Beweglichkeit ist leider viel größer als die sakroiliakale und verhindert einen derartigen Ausgleich.
Das ISG dient als Pufferelement zwischen Rumpf und unterer Extremität. Sehr deutlich wird dies z. B. während des Gehens bzw. bei den Beckentorsionen während des Gehens oder Springens. Vor allem bei Störungen von Statik und myofaszialem System wird deutlich, wie wichtig eine gute Funktion beider ISG ist.
Auswirkungen auf die aufrechte Haltung
Bei aufrechter Haltung wirkt sich die coxofemorale Anterior-Stellung des Iliums nicht auf die Länge der unteren Extremität aus. Wegen der Stützung durch beide Füße baut sich die Anterior-Stellung erst oben auf coxofemoralem Niveau auf, mit dem Femurkopf als Fixpunkt (Abb. 3.17).
Die Crista iliaca steht zwar höher, doch das führt nicht zu einer Verlängerung der unteren Extremität. Eine höher oder tiefer stehende Crista iliaca weist also nicht zwingend auf einen Beinlängenunterschied hin.
Auswirkungen in Rückenlage und Bauchlage
Auch in Bauch- oder Rückenlage ändert sich durch eine Positionsänderung des Iliums um eine coxofemorale Achse normalerweise nichts an der scheinbaren Beinlänge.
Wichtige klinische Zeichen
  • Muskeln, die dafür sorgen, dass die coxofemorale Anterior-Stellung des Iliums aufrechterhalten wird, verspannen und verkürzen sich auf Dauer.

  • IS-Joint-Play-Tests zeigen, dass das iliosakrale Gelenkspiel frei ist.

Coxofemorale Anteversion des Beckens
Tests Kap. 4.6.13; Behandlungen Kap. 5.2

Die coxofemoraleBeckenAnteversioncoxofemoraleAnteversion, coxofemorale, BeckenCoxofemoralgelenk (CFG)Anteversion Anteversion des Beckens kommt durch die anteriore Rotation beider Ilia auf den Femurköpfen zustande. Fixpunkt bei der Drehung sind die Femurköpfe und das gesamte Becken ist beweglich. Die Anteversion wird bilateral durch die GPM und KPM aufrechterhalten, die sich dabei auf Dauer verkürzen. Daran können z. B. M. erector spinae, M. quadratus lumborum, M. rectus femoris, M. tensor fasciae latae, Adduktoren, M. iliacus und M. gluteus medius beteiligt sein. Bei muskulärer Dysfunktion ist die Beweglichkeit nach posterior eingeschränkt.

Mögliche klinische Zeichen
  • Beide ISG befinden sich mehr kranial und ventral.

  • Das Sakrum nimmt eine horizontalere Position ein.

  • Akzentuierung der lumbalen Lordose.

  • Verspannungen der Myofaszialketten können die Ergebnisse der Vorlauf- und Rücklauftests im Stehen und im Sitzen verfälschen.

  • Bilaterale coxofemorale Flexion.

Wichtige klinische Zeichen
  • Verkürzung oder Verspannung der GPM und KPM oder von Teilen dieser Myofaszialketten mit eingeschränkter coxofemoraler Beweglichkeit des Beckens nach posterior.

  • IS-Joint-Play-Tests ergeben ein freies iliosakrales Gelenkspiel.

Kompensationsmechanismen
Wenn sich das Becken insgesamt coxofemoral nach anterior gedreht hat, steht das Sakrum horizontaler. Das Sakrum bleibt aber auch in dieser Position spannungseinheitlich sakroiliakal sowohl nach anterior als auch nach posterior beweglich. Aus Gründen der Statik dreht sich das Sakrum häufig zur Kompensation sakroiliakal etwas nach posterior zurück.
Falls die Beweglichkeit nach posterior bei beiden Ilia auf Dauer gehemmt bleibt, z. B. durch Muskelverkürzungen, schafft das Sakrum die Kompensation nicht mehr allein und zusätzliche Kompensationsmechanismen, wie z. B. Becken-Shift nach posterior, werden aushelfen.
Dekompensation
Das Sakrum meistert die Kompensationsarbeit recht gut, kann aber bei Überbeanspruchung auch nach posterior blockieren. So entsteht eine Dekompensation. Typisch dafür ist eine Lordose durch die coxofemorale Anteversion des Beckens mit lumbosakraler Aufhebung (Delordosierung)Delordosierung durch die relativ vertikale Position des Sakrums.
Beziehung zum viszeralen System
Die AnteversionBeckenAnteversionBeziehung zum viszeralen System des Beckens könnte man als statische Kompensation für einen Überdruck in der Becken- bzw. Bauchhöhle ansehen. Ein Überdruck kann auf ganz natürliche Art bei Kongestion in einem Organ entstehen, vergleichbar dem Völlegefühl nach einer ausgiebigen Mahlzeit. Ein erhöhter intrapelviner bzw. intraabdominaler DruckDruckintrapelvinerDruckintraabdominaler kann aber auch pathologisch bedingt sein, z. B. durch Entzündungen, Blähungen oder Venenengpässe. Zum Ausgleich sorgen Becken und Beckenboden für eine Verteilung und Verlagerung des Drucks. Dazu werden bestimmte myofasziale Gruppen überprogrammiert, die z. B. durch Anteversion des Beckens eine veränderte Statik und Dynamik bewirken. Auf Dauer können hieraus jedoch Dysfunktionen entstehen.
Unser Körper verfügt über zahlreiche Kompensationsmöglichkeiten, z. B. Anhebung des Zwerchfells oder Verdrehungen und Shifts des Oberkörpers (Kap. 2.1.5.9).

Anmerkung zur Anatomie

Der M. gluteus medius hat seinen Ursprung an der Ala ossis ilii, zwischen Linea glutea anterior und Linea glutea posterior, am Labium externum cristae iliacae sowie an der Fascia glutea. Er inseriert am lateralen Rand des Trochanter major. Auch der M. gluteus minimus entspringt an der Ala ossis ilii, allerdings zwischen Linea glutea anterior und Linea glutea inferior, sowie an der Fascia glutea, die ihn bedeckt. Er inseriert am ventralen Rand des Trochanter major.
Wir wissen, dass die kleinen Gesäßmuskeln die coxofemorale Abduktion ermöglichen und das Becken in der Frontalebene stabilisieren. Aufgrund ihres Verlaufs und ihrer Beziehung zu den coxofemoralen Achsen können die kleinen Gesäßmuskeln sowohl eine Anteversion als auch eine Retroversion des Beckens induzieren, und zwar abhängig von Statik und Kraftübertragung im Becken und in der Wirbelsäule (Abb. 3.18).
Bei Anteversion des Beckens fungieren die kleinen Gesäßmuskeln überwiegend als Abduktoren, Flexoren und Innenrotatoren der Hüfte und tragen so dazu bei, die AnteversionAnteversion, coxofemorale, Becken des Beckens zu fixieren. Dagegen fungieren sie bei RetroversionRetroversion, coxofemorale, Becken des Beckens eher als Adduktoren, Extensoren und Außenrotatoren der Hüfte und tragen so dazu bei, die Retroversion des Beckens zu fixieren.
Ilium posterior coxofemoral
Tests Kap. 4.6.13; Behandlungen Kap. 5.2

Ilium posteriorIliumposteriorcoxofemoralIliumPosterior-Rotation coxofemoral (CF) ist die Kurzbezeichnung für eine Posterior-Rotation des Iliums auf dem Femurkopf mit dem Femur als Fixpunkt, während sich das Ilium dreht. Die geraden anterioren Myofaszialketten (GAM) und die kreuzenden anterioren Myofaszialketten (KAM) sind überproprammiert. Bei einer Ilium-posterior-CF-Dysfunktion ist die coxofemorale Beweglichkeit des Iliums nach anterior eingeschränkt. Auf Dauer können dadurch Schäden in den benachbarten Gelenken auftreten.

Hinweis

Da es sich um eine muskuläre Störung handelt, sollte sich die Behandlung entsprechend auf die muskulären und faszialen Strukturen sowie die reflektorischen Auslöser richten.

Wenn sich die Ala ossis ilii umIlium-posterior-Läsion, coxofemorale eine Achse in Höhe des Femurkopfes nach posterior dreht, bewegt sich auch das ISG auf einem Kreissektor nach posterior. Es nimmt das Sakrum mit, das sich dann mehr dorsokaudal befindet und vertikaler gestellt ist. Das iliosakrale Gelenkspiel kann frei sein, man trifft aber auch sehr oft eine Kombination aus Ilium posterior CF und ISG-Blockade an.
Ein Ilium posterior CF kommt selten oder nie isoliert vor, sondern meist bei einer Beckentorsion. Auf Dauer kann dadurch natürlich iliosakral (IS), sakroiliakal (SI), coxofemoral (CF), im Symphysen- und sogar im Lumbalbereich Stress entstehen. Dysfunktionen sind dann sozusagen vorprogrammiert.
Mögliche klinische Zeichen
Die Drehung des Iliums nach posterior sieht rein mechanisch aus wie eine Hüftextension im Coxofemoralgelenk mit dem Femur als Fixpunkt. Alle Orientierungspunkte des Iliums bewegen sich dabei auf einem Kreissektor und befinden sich dann in folgender Position (Abb. 3.19):
  • Die Spina iliaca posterior superior (SIPS) befindet sich mehr kaudal und dorsal.

  • Die Spina iliaca anterior superior (SIAS) befindet sich mehr kranial und dorsal.

  • Die Crista iliaca steht meist niedriger als normal.

  • Das Os pubis befindet sich mehr kranial.

  • Das Tuber ischiadicum ist mehr kaudal und ventral.

  • Durch die kaudalere und dorsalere Position des ISG wird eine kompensatorische skoliotische Haltung der LWS induziert.

  • Bei Hypertonus der GAM und KAM können die Ergebnisse der Vorlauf- und Rücklauftests falsch positiv ausfallen, ansonsten sind sie negativ.

  • Das Ilium nimmt den Wirbel L4 mit nach posterior und inferior (homolaterale Seitneigung). Durch eine Rotationsstellung von L4/L5 kann erhöhter Shear Stress auftreten, der eine größere Gefahr für die Bandscheibe bedeutet. Auch Blockierungen von L4 und L5 werden so vorprogrammiert.

Folgen
Infolge einer CF-posterior-Drehung des Iliums kann es zu kompensatorischen Bewegungen kommen:
  • im homolateralen ISG,

  • in der LWS,

  • in der Symphysis pubica

  • und zu einer dreidimensionalen Positionsänderung des Sakrums.

Kompensationsmechanismen
Was passiert, wenn sich das Ilium coxofemoral nicht mehr oder nur eingeschränkt nach anterior bewegen kann?
Da in erster Linie das Sakrum mit nach posterior genommen wird, stellt es sich in einer eher vertikalen spannungseinheitlichen Position ein, und seine Basis liegt auf dieser Seite deutlich niedriger als auf der anderen Seite. Die Wirbelsäule wird das mitSkoliotische Fehlhaltung einer skoliotischen Fehlhaltung kompensieren. Oft dreht sich das Sakrum dann sakroiliakal nach anterior zurück, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Solange das Sakrum noch nach posterior zurück kann, dürfte der Patient relativ wenig Probleme haben. Die Kompensation stellt zunächst offenbar eine gute Lösung dar. Problematisch wird es erst bei Dekompensation des Sakrums, d. h. wenn es anterior blockiert ist und nicht mehr nach posterior zurück kann. Dies äußert sich in einem relativ „flachen“ und skoliotischen Rücken trotz Anterior-Läsion des Sakrums.
Die Kombination einer Anterior-Läsion des Iliums mit einer Posterior-Läsion des Iliums auf der anderen Seite wird Beckentorsionals Beckentorsion definiert.
Auswirkungen bei aufrechter Haltung
Bei aufrechter Haltung wird die untere Extremität durch ein Ilium posterior CF nicht verkürzt. Aufgrund der Abstützung durch beide Füße baut sich die Posterior-Stellung erst oben auf coxofemoraler Ebene mit dem Femurkopf als Fixpunkt auf.
Dass die Crista iliaca tiefer steht, wirkt sich nicht im Sinne einer Verkürzung oder Verlängerung der unteren Extremität aus. Eine tiefer oder höher stehende Crista iliaca deutet nicht zwangsläufig auf einen Beinlängenunterschied hin.
Im Stehen werden die Beckengelenke durch das Körpergewicht belastet (Abb. 3.21). Weil das Gewicht des Rumpfes am Promontorium angreift, neigt sich das Sakrum um die sakroiliakale Achse nach anterior. Gleichzeitig entsteht durch das Gewicht des Rumpfes ein Vektor mit der coxofemoralen Achse, der bewirkt, dass sich beide Ilia coxofemoral und iliosakral nach posterior neigen.
Um trotzdem das Gleichgewicht zu halten, müssen sich mehrere Myofaszialketten einschalten. Hier wird wiederum deutlich, welche wichtige Rolle als Puffer der Beckenboden und die sakrotuberalen und sakrospinalen Ligamente dabei spielen (Abb. 3.21).
Auswirkungen in Rückenlage und Bauchlage
Da sich die Bewegungsachse coxofemoral befindet, wird sich in Bauch- oder Rückenlage normalerweise nichts an der scheinbaren Beinlänge ändern.
Wichtige klinische Zeichen
  • Die Posterior-CF-Stellung des Iliums wird durch Muskeln aufrechterhalten, die sich auf Dauer einseitig verspannen und verkürzen. Betroffen sind insbesondere die Mm. ischiocrurales sowie homolaterale Muskeln wie M. psoas minor, M. rectus abdominis, M. gluteus maximus, M. gluteus medius (hinterer Anteil) und M. piriformis.

  • Das iliosakrale Gelenkspiel im IS-Joint-Play-Test ist frei.

Coxofemorale Retroversion des Beckens
Tests Kap. 4.6.13; Behandlungen Kap. 5.2

BeiBeckenRetroversionRetroversion, coxofemorale, Becken Coxofemoralgelenk (CFG)Retroversioneiner Posterior-RotationIliumPosterior-Rotation der beiden Ilia auf den coxofemoralen (CF) Gelenken kommt es zur Retroversion des Beckens (Abb. 3.22). Fixpunkt ist das Femur auf beiden Seiten und das ganze Becken ist beweglich. Bei dieser muskulären Dysfunktion ist die coxofemorale Beweglichkeit der beiden Ilia nach anterior eingeschränkt. Die Einflüsse von links und rechts summieren sich.

Bei Retroversion des Beckens sind folgende Muskeln der GAM und KAM überprogrammiert und verkürzt:
  • M. obliquus externus abdominis

  • M. obliquus internus abdominis

  • M. rectus abdominis

  • Mm. ischiocrurales

  • M. gluteus maximus

  • M. gluteus medius (hinterer Anteil)

  • M. piriformis

Mögliche klinische Zeichen
  • Weil sich beide ISG mehr kaudal und dorsal befinden, wird eine kompensatorische Kyphose der LWS induziert.

  • Durch die verspannten Myofaszialketten werden die Ergebnisse der Vorlauf- und Rücklauftests im Stehen und im Sitzen verfälscht.

  • Bilaterale coxofemorale Extension.

  • Anteriorer Becken-Shift zur Adaptation.

Wichtige klinische Zeichen
  • Verkürzung oder Hypertonus der GAM und KAM oder von Teilen dieser Myofaszialketten. Dadurch wird die coxofemorale Beweglichkeit des Beckens nach anterior eingeschränkt.

  • Das iliosakrale Gelenkspiel im IS-Joint-Play-Test ist frei.

Beziehung zum viszeralen System
Die Retroversion des Beckens könnte man als Kompensation eines Unterdrucks in der Becken- bzw. Bauchhöhle ansehen. Die Retroversion fügt sich in ein kompensatorisches Schema ein, bei dem sich die internen Drücke durch Kompression wieder ausgleichen und ein neues Gleichgewicht aufbauen können. Indem sich die umgebenden Strukturen enger um den Beckeninhalt schließen, bewirken sie eine Anpassung des internen Drucks. Durch die Myofaszialketten wird dabei die Cavitas pelvis verkleinert.
Ilium anterior iliosakral
Tests Kap. 4.6.3, Kap. 4.6.4, Kap. 4.6.5, Kap. 4.6.6, Kap. 4.6.7, Kap. 4.6.8; Behandlungen Kap. 5.3

IliumIliumanterioriliosakral anterior iliosakral (IS) ist die Kurzbezeichnung für eine Anterior-RotationIliumAnterior-Rotation des Iliums um eine laterolaterale iliosakrale Achse, die sowohl unilateral als auch bilateral auftreten kann. Fixpunkt ist das Sakrum. Der „aktive“ Faktor kann z. B. der Beckenboden oder die GPM sein. In Rücken- und Bauchlage bewegen sich die Bezugspunkte des Iliums auf einem Kreissektor (Abb. 3.23). Diese Bewegung kommt meist durch ein komplexes Zusammenspiel von ligamentären, faszialen, muskulären und statischen Einflüssen zustande und ist Folge des Self-Locking-Mechanismus (Abb. 3.9).

Auswirkungen bei aufrechter Haltung
Aufgrund der Abstützung mit beiden Füßen auf dem Boden können die Abläufe bei aufrechter Haltung nur im Kontext der myofaszialen und geschlossenen kinematischen Ketten gesehen werden. Hier passiert z. T. das Gleiche wie bei den coxofemoralen Ilium-Rotationen, d. h. das Ilium führt durch die iliosakrale gleichzeitig eine coxofemorale Anterior-Bewegung aus. Die Bewegungsachse liegt irgendwo zwischen dem Iliosakral-, dem Coxofemoralgelenk oder der Symphysis pubica, sodass man besser von einer variablen Achse sprechen sollte.
Aus didaktischen Gründen hat der Autor die Biomechanik in der Sagittalebene zuerst in einer CF Bewegung des Iliums (Kap. 3.3.1.1, Kap. 3.3.1.2, Kap. 3.3.1.3, Kap. 3.3.1.4) und einer IS Bewegung des Iliums (Kap. 3.3.1.5, Kap. 3.3.1.6) aufgeteilt. In der Frontalebene (Kap. 3.3.2) und in der Transversalebene (Kap. 3.3.3) sind dafür die Bewegungen in den verschiedenen Gelenken (ISG, CFG, Symphysis pubica usw.) nicht mehr separat, sondern kombiniert beschrieben. In Wirklichkeit sind bekanntermaßen die Bewegungen im ISG, CFG und in der Symphysis pubica immer gemischt und die Position dieser variablen Achse ist von der einwirkenden Belastung, der Körperhaltung und vieles mehr abhängig. Das erklärt auch die von Wilder et al. [186, S. 114–115] festgestellte große Streuung bei der Angabe zur Lage der iliosakralen Achsen (Kap. 3.2.1).
Im Stehen wird diese Achse mehr im Bereich des CFG und im Liegen mehr in Nähe des ISG liegen.
Mögliche klinische Zeichen in Rückenlage
  • SIAS mehr kaudal und ventral

  • SIPS mehr kranial und ventral

  • Ramus ossis pubis mehr kaudal

  • Acetabulum mehr kaudal, dadurch wirkt das Bein scheinbar länger

  • Verspannung und eventuell Verkürzung der GPM, während die GAM gleichzeitig das Sakrum fixieren

Wichtige klinische Zeichen
  • Das iliosakrale Gelenkspiel ist gestört. Dabei ist es nach anterior frei, während seine Beweglichkeit nach posterior eingeschränkt oder blockiert ist.

  • Der Downing-Test fällt positiv aus, das funktionelle Verkürzen des Beins erfolgt kaum noch oder überhaupt nicht.

  • Vorlauf- (Flexions-Test im Stehen) und Rücklauftests (Extensions-Test im Stehen) sind für sich genommen zu wenig aussagekräftig und weisen hier lediglich auf die Seite der Problematik hin.

  • Die iIiolumbalen Bänder von L5 stehen unter Zugspannung. Dadurch wird L5 auf S1 nach inferior verschoben und nach heterolateral gedreht (bei einseitiger Läsion). Wenn dieser Zustand lange aufrechterhalten bleibt, kann es stressbedingt zur Blockierung von L5/S1, Creep und eventuell Instabilität der Bandscheibe von L5/S1 kommen.

Testergebnisse wie ein Vorlauf- (FTS) oder Rücklaufphänomen bzw. scheinbare Beinlängenunterschiede können aber sehr leicht verfälscht bzw. vorgetäuscht werden, z. B. durch Aktivität der Ischiokruralmuskulatur, durch eine coxofemorale Störung oder durch gestörte Konvergenz-Divergenz-Bewegungen in den unteren Lumbalsegmenten. Erst wenn mehrere Tests zum gleichen Ergebnis führen und vor allem die translatorischen Tests (Joint-Play-Tests) positiv sind, spricht das für eine Gelenkläsion.
Kompensationsmechanismen
Bei einer iliosakralen Anterior-Läsion kann sich das Ilium iliosakral nicht nach posterior drehen, wie es z. B. bei der Schussbewegung im Fußball, beim Rückwärtsbeugen des Oberkörpers oder bei der Schwungbeinphase während des Gehens notwendig ist. Kompensatorisch wird es dann z. B. zur Aufhebung der LWS-Lordose (Delordosierung)DelordosierungLendenwirbelsäuleDelordosierung und zur coxofemoralen Posteriorisierung des Iliums oder des Sakrums kommen.

Zusammenfassung

Bei einer iliosakralen Anterior-LäsionForce ClosureAnterior-Läsion, iliosakraleForm ClosureAnterior-Läsion, iliosakrale des Iliums lassen sich schematisch zwei Läsionsarten unterscheiden:

  • Ein Force-Closure-Fehler, bei dem die Störung die Myofaszialketten oder das fasziale Spannungsgleichgewicht betrifft und oft eine fasziale Problematik in verschiedenen Beckengelenken vorliegt

  • Ein Form-Closure-Fehler, bei dem es sich um eine artikuläre Blockierung im ISG handelt.

Folgen
Da iliosakrale Bewegungen des Iliums immer mit coxofemoralen Bewegungen des Iliums sowie Bewegungen in der Symphysis pubica und am lumbosakralen Übergang kombiniert sind, liegen zusätzlich Läsionen in mehreren anderen Beckengelenken vor. Die Behandlung muss dementsprechend mehrgleisig aufgebaut werden.

Merke

Wichtig ist, dass infolge einer iliosakralen Blockierung des Iliums die iliosakrale Stoßdämpferfunktion ausfällt, was direkte Folgen für die LWS, das Sakrum und das CFG nach sich zieht.

Aufrechterhaltende Faktoren
Durch folgende Faktoren (Beispiele) werden die Muskelketten dazu „programmiert“, ein Ilium anterior IS aufrechtzuerhalten (Abb. 3.24):
  • Kongestion im unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs

  • Spannungen und Verklebungen im Bereich des Beckenbodens

  • Hypertonus des Lig. teres uteri

  • Hypertonus des Lig. sacrotuberale

  • Verkürzung von Muskelfaszien innerhalb der GPM und KPM

  • Hypertonus der Ligg. iliolumbalia von L4

Ilium posterior iliosakral

Ilium posterior iliosakral (IS) Iliumposterioriliosakralist die Kurzbezeichnung für eine Posterior-RotationIliumPosterior-Rotation des Iliums um eine laterolaterale iliosakrale Achse mit dem Sakrum als Fixpunkt Abb. 3.25). Dies ist sowohl unilateral als auch bilateral möglich. Meist kommt diese Bewegung durch ein komplexes Zusammenspiel ligamentärer, faszialer, muskulärer und statischer Einflüsse zustande und ist die Folge des Self-Locking-Mechanismus (Abb. 3.9).

Auswirkungen bei aufrechter Haltung
In aufrechter Haltung werden die myofaszialen Ketten eingeschaltet, um diese Bewegung gegen passive statische Faktoren, wie z. B. die einwirkende Belastung, ausführen zu können. Meist führt das Ilium bei seiner iliosakralen Posterior-Bewegung gleichzeitig eine zumindest teilweise coxofemorale Posterior-Bewegung aus. Die Bewegungsachse liegt dabei wiederum irgendwo zwischen ISG und CFG, sodass es sich um eine variable Achse handelt.
Mögliche klinische Zeichen in Rückenlage
  • SIAS mehr kranial

  • SIPS mehr kaudal

  • Ramus ossis pubis mehr kranial

  • Acetabulum mehr kranial, dadurch wirkt das Bein scheinbar kürzer

  • Verspannung und eventuell Verkürzung der GAM, während die GPM gleichzeitig das Sakrum fixieren

Wichtige klinische Zeichen
  • Das iliosakrale Gelenkspiel ist gestört. Dabei ist es nach posterior frei, während seine Beweglichkeit nach anterior eingeschränkt oder blockiert ist.

  • Der Downing-Test fällt positiv aus, das funktionelle Verlängern des Beins erfolgt kaum noch oder überhaupt nicht.

  • Vorlauf- und Rücklauftests sind zu wenig aussagekräftig und weisen meist nur auf die Seite der Störung hin.

  • Die unteren iliolumbalen Bänder entspannen sich, da ihr Ursprung näher an ihre Insertion heranrückt. Die oberen iliolumbalen Bänder geraten unter Zugspannung und ziehen L4 nach inferior und rückwärts. Beim unilateralen Ilium posterior IS dreht sich L4 homolateral auf L5. Auf Dauer kann es zu Creep und Instabilität der Bandscheibe zwischen L4 und L5 kommen.

Zusammenfassung

Bei einer iliosakralen Posterior-LäsionForce ClosurePosterior-Läsion, iliosakraleForm ClosurePosterior-Läsion, iliosakrale des Iliums lassen sich schematisch zwei Läsionsarten unterscheiden:

  • Ein Force-Closure-Fehler, bei dem die Störung die Myofaszialketten oder das fasziale Spannungsgleichgewicht betrifft und häufig eine fasziale Problematik in verschiedenen Beckengelenken vorliegt.

  • Ein Form-Closure-Fehler, bei dem es sich um eine artikuläre Blockierung im ISG handelt.

Kompensationsmechanismen
Bei einer iliosakralen Posterior-Läsion kann sich das Ilium nicht mehr oder kaum noch nach anterior drehen, wie es z. B. beim Landen nach einem Sprung oder für die Standbeinphase während des Gehens notwendig ist. Kompensatorisch wird es dann z. B. zu einer starken Lordose und zur coxofemoralen Anteriorisierung des Iliums oder des Sakrums kommen.
Folgen
Da iliosakrale Bewegungen des Iliums immer mit coxofemoralen Bewegungen sowie mit Bewegungen in der Symphysis pubica und am lumbosakralen Übergang kombiniert sind, finden sich zusätzlich mehrfache Läsionen in den anderen Beckengelenken.
Aufrechterhaltende Faktoren
Durch folgende Faktoren (Beispiele) werden die Myofaszialketten programmiert, ein Ilium posterior IS aufrechtzuerhalten (Abb. 3.26):
  • Verklebungen oder Unterdruck im unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs; ein typisches Beispiel sind zwischen dem unteren Teil des Dünndarms und der Gebärmutter oder Harnblase abgelagerte Schlacken.

  • Spannungen und Verklebungen im Bereich der Lamina SRGVP.

  • Hypertonus der Ligg. iliolumbalia von L5.

  • Hypertonus des Lig. sacroiliacum dorsale longum.

  • Verkürzungen der Muskelfaszien innerhalb der GAM und KAM.

Beweglichkeit der Ilia in frontaler Ebene

Manche IliumBeweglichkeitfrontale Ebeneosteopathische Schulen definieren Inflare- und Outflare-Bewegung als reine Bewegungen in transversaler Ebene. Die Innenrotation des Iliums wird dann als Inflare-Bewegung und die Außenrotation als Outflare-Bewegung bezeichnet.
Im Unterschied dazu werden hier die Bewegungen in frontaler Ebene als Inflare- und Outflare-Bewegung definiert, weil es logischer erscheint und das Bewegungsausmaß in dieser Ebene auch größer ist.
Outflare des Iliums
Tests Kap. 4.6.8; Behandlungen Kap. 5.3.3

  • Outflare-Bewegung: WirIliumOutflare-Bewegung sprechen von einer Outflare-Bewegung des Iliums, wenn sich das Ilium in frontaler Ebene um eine dorsoventrale Achse nach „außen“ dreht. Diese Bewegung kann sowohl bilateral als unilateral stattfinden.

  • Outflare-Läsion: IliumOutflare-LäsionBei einer Dysfunktion des Iliums in Outflare ist seine Inflare-Beweglichkeit eingeschränkt, während es sich Outflare frei bewegen kann. Eine Outflare-Läsion des Iliums kann unilateral, bilateral oder in Form einer Beckentorsion (Outflare-/Inflare-Beckentorsion) auftreten.

Die Outflare-Bewegung des Iliums (Abb. 3.27) entsteht in drei Gelenken – im CFG, ISG und der Symphysis pubica – und hat Folgen für die LWS.
Wenn wir Vleemings Beschreibung [179] zugrunde legen, dass das ISG eine Propellerform hat (Kap. 2.3.2), ist vor allem die Orientierung der oberen Gelenkfläche ausschlaggebend für die Hauptbewegungsebene im ISG von ventrolateral nach dorsomedial (Abb. 3.28). Dadurch entsteht bei iliosakraler Anteriorisierung des Iliums oder bei sakroiliakaler Posteriorisierung des Sakrums automatisch eine Outflare-Bewegung. Der obere Teil des Iliums wandert mehr nach lateral als der untere Teil.
Es handelt sich hierbei also um komplexe Bewegungen. Wir könnten nun, genauso wie bei den Bewegungen in sagittaler Ebene, eine didaktische Unterteilung in coxofemorale und iliosakrale Bewegungen vornehmen, doch das wäre funktionell unlogisch. In Wirklichkeit sind die Bewegungen immer gemischt. In der osteopathischen und klassischen Literatur ist wenig über diese Bewegungen zu finden.
Kapandji [82] beschreibt eine Öffnungsbewegung des Beckens, die er vor allem mit dem Geburtsmechanismus in Zusammenhang bringt, bei der sich die Ilia um schräge Achsen bewegen. Diese Achsen verlaufen seiner Meinung nach jeweils vom ISG zur Symphysis pubica.
Zum besseren Verständnis werden die Achsen hier auf Iliosakralgelenk (ISG)Achsendorsoventraleeine dorsoventrale Achse reduziert und zunächst in das ISG gelegt.
Die Outflare-BewegungIliumOutflare-Bewegung des Iliums äußert sich folgendermaßen:
  • Die Crista iliaca wandert nach lateral und kaudal.

  • Das Tuber ischiadicum geht nach medial und kranial.

  • Das Acetabulum bewegt sich nach kaudal und medial.

  • Kranial „öffnet“ und kaudal „schließt“ sich das ISG ein wenig.

  • Das Sakrum stellt sich ein wenig vertikaler und posteriorisiert ein.

  • Kranial „öffnet“ und kaudal „schließt“ sich die Symphysis pubica ein wenig.

Diese Achse wird als variable Achse definiert, da sie nicht immer die gleiche Position einnimmt, sondern sich abhängig von der einwirkenden Belastung, der Körperhaltung oder der Gelenkstruktur irgendwo zwischen dem CFG, der Symphysis pubica und dem ISG befinden wird. Das erklärt dann auch die von Wilder et al. [186] festgestellte große Streuung bei den Angaben zur Lage der iliosakralen Achsen (Kap. 3.2.1).
White und Panjabi [186] haben in Bezug auf die Wirbelsäule auch von einer „instantaneous axis of rotation“ gesprochen, d. h. von einer „unmittelbaren“ oder „momentanen“ Achse, die vom Zeitmoment und von der Bewegung abhängig ist.
Legt man die variable Flare-Achse in das CFG, könnte man die Outflare-Bewegung theoretisch als Hüftabduktion, mit dem Femur als Fixpunkt, bezeichnen.
Outflare-Bewegung im Stehen und Liegen
WennOutflare-Bewegungim Stehen und Liegen die dorsoventrale Achse durch das ISG geht, bewegt sich das Acetabulum nach kaudal. Im Stehen wird diese Bewegung aber durch den Femurkopf gehemmt. Die Femurköpfe werden jetzt mehr zum Stützpunkt und damit zur variablen Achse der Bewegung, während hauptsächlich die ISG und die Symphysis pubica die Bewegung steuern und bremsen.
Bei Inflare-/Outflare-Bewegungen finden gleichzeitig Bewegungen in den coxofemoralen und den iliosakralen Gelenken sowie in der Symphysis pubica statt. Die hypothetische Flare-Achse stellt sich dabei dorsoventral zwischen dem CFG und dem ISG ein. Bei Belastung, z. B. im Stehen, wird sie mehr zum CFG hin wandern und ohne Belastung, z. B. im Liegen, wird die Achse mehr in Nähe des ISG liegen.

Merke

Der Bewegungsausschlag ist in der frontalen Ebene am größten.

Beim Stehen entsteht durch die aufrechte Haltung, d. h. wenn das Gewicht auf den Coxofemoralgelenken ruht, Stress im ISG, während das CFG relativ fixiert ist und sich nur durch eine Achsabweichung in den Knie- und/oder Fußgelenken eventuell im Ganzen ein wenig nach median verlagert. Aus didaktischen Gründen wird das Femur hier als Fixpunkt bezeichnet.
Im Liegen und in einem offenen kinetischen System bei Adduktion des Beins wird eher das CFG zum Mobilpunkt und das ISG zur Achse. Das Acetabulum befindet sich bei der Outflare-Position des Iliums im Liegen mehr kaudal, wodurch das Bein „länger“ zu sein scheint. Man könnte auch sagen, dass das ISG kranial „klafft“ und sich kaudal schließt.
Mögliche klinische Zeichen in einer geschlossenen kinetischen Kette
Die KPM oderOutflare-Bewegungkinetische Kette, geschlossene Teile, wie z. B. M. gluteus maximus, M. tensor fasciae latae, M. sartorius und M. levator ani, werden beim Stehen eingeschaltet und lösen eine Outflare-Bewegung aus.
  • Der Trochanter major ist unbeweglich und es kommt zu keiner Gewichtsverlagerung (Becken-Shift). Die unteren Extremitäten sind muskulär stabil, d. h. es finden keine Varus-Valgus-Bewegungen in den Knie- und Fußgelenken statt.

  • Die Crista iliaca bewegt sich nach lateral (und leicht kaudal).

  • Die SIAS ist weiter entfernt vom Nabel.

  • Die SIPS ist weiter entfernt von der Mittellinie.

  • Das Tuber ischiadicum geht nach median (und leicht kranial).

  • Das Foramen obturatum wandert nach median (und leicht kranial).

  • Das ISG kommt unter Stress und öffnet sich kranial (Tensile Stress) mehr als kaudal (Compressive Stress).

  • Die Facies auricularis ossi ilii geht nach lateral.

  • Bei bilateraler Outflare-Läsion stellt sich das Sakrum vertikaler, wenn die LWS es zulässt. Die LWS delordosiert. Bei unilateraler Läsion oder Outflare-/Inflare-Beckentorsion neigt sich das Sakrum seitwärts und die LWS kompensiert dies mit einer skoliotischen Haltung.

  • Die Symphyse steht V-förmig unter Stress, daher öffnet sie sich kranial und schließt sich kaudal. Das Lig. arcuatum pubis kommt kranial unter Zugspannung und die Facies symphysialis kaudal unter Druckbelastung.

  • Die Ligg. sacrospinalia und sacrotuberalia sind verkürzt und manchmal auch hyperton bei einer Outflare-Läsion.

  • Der Beckenboden ist einer der aktiven Faktoren und manchmal hyperton.

  • Die Ligg. iliolumbalia sind verlängert und daher vermutlich nicht hyperton. Möglicherweise üben sie eher eine propriozeptive Funktion aus.

Wichtige klinische Zeichen
  • Bei einer Outflare-Läsion ist das Gelenkspiel in Inflare eingeschränkt oder blockiert.

  • Da das ISG im Stehen etwas nach lateral und kranial wandert, kommt es zur Seitneigung des Sakrums und einer Skoliose der LWS.

  • An der Outflare-Bewegung beteiligte Myofaszialketten (KPM) oder Teile davon, z. B. M. gluteus maximus, M. tensor fasciae latae, M. sartorius oder M. levator ani, werden bei einer Outflare-Läsion überprogrammiert und eventuell auf Dauer verkürzt.

  • Das Acetabulum kann in einer offenen kinetischen Kette (z. B. in Bauch- und Rückenlage) etwas nach kaudal und medial fixiert sein. Auch in diesem Fall wirkt die untere Extremität minimal länger.

Weitere Untersuchungen
Um klären zu können, ob eher das Sakrum oder das Femur als Fixpunkt fungiert, sind weitere Untersuchungen nötig. Man kann einerseitsFemurFixpunktOutflare-Bewegung das Femur als Fixpunkt betrachten, d. h. die Flare-Achse liegt im CFG und es kommt begleitend zum „Klaffen“ des ISG. Das Ilium kippt dann sozusagen auf dem Femurkopf nach außen.
Andererseits kann auch das Sakrum SakrumFixpunktOutflare-Bewegungeinen „relativen“ Fixpunkt bilden, d. h. die Flare-Achse liegt im ISG und das Acetabulum wandert begleitend nach mediokaudal. Es kommt dabei zusätzlich zur Bewegung des Femurs mit Abduktion im CFG und Varus-Bewegung im Knie.

Wahrscheinlich ergibtOutflare-LäsionIlium sich eine Kombination aus beiden Bewegungen (Abb. 3.31), die vom „Gesundheitszustand“ des Gewebes und der Rückenmarksegmente sowie von der Belastung abhängig ist. Das würde auch erklären, dass sich auf Dauer Läsionen in den unteren Extremitäten (Hüfte, Knie, Fuß) einstellen können, wenn die Beckenproblematik nicht gelöst wird. In der Osteopathie sprechen wir dabei von absteigenden Läsionsketten, so wie es in der Wirbelsäule nach kranial aufsteigende Läsionsketten geben kann. Der „Zustand“ der Muskulatur, der Menisken und Kreuzbänder scheint hierbei eine ebenso große Rolle zu spielen wie die Statik der gesamten unteren Extremität (Varus-/Valgusstellung) und die Bewegungsrichtung des Acetabulums. Am allerwichtigsten scheint jedoch die Mobilität der Faszien der Beckeneingeweide zu sein, die sich in den Faszien der unteren Extremität und des Rumpfes fortsetzen.

Wenn sich die variable Achse mehr coxofemoral befindetIlium-Outflare-Läsion, coxofemorale, verschiebt sich die Kontaktstelle des Acetabulums mit dem Caput femoris bei der Outflare-Bewegung kranial- und lateralwärts. Das hat natürlich einen direkten Einfluss auf das CFG (coxofemorale Abduktion), aber auch auf das ISG. Die Facies auricularis des Iliums bewegt sich nach lateral; dadurch wird das Sakrum nach dorsal gezogen und stellt sich vertikaler ein. Die Crista iliaca wird tiefer und weiter lateral stehen, weil sie sich lateral der Drehachse befindet.
Busquet [28] beschreibt die Outflare-Bewegung vor allem alsAcetabulumMedialisierung Outflare-BewegungAcetabulum, Medialisierungeine „Medialisierung“ des Acetabulums mit Varusstellung von Knie und Kalkaneus sowie Hohlfuß. Für ihn liegt die Achse nur iliosakral und er sieht die Outflare-Bewegung in Zusammenhang mit der Aufrichtung der unteren Extremität: Dadurch könnten 4–5 mm Höhe im Femurbereich, 2–3 mm im Tibiabereich und 1–2 mm im Kalkaneusbereich gewonnen werden. Das würde laut Busquet die in der Praxis oft feststellbare scheinbare Beinlängendifferenz trotz anatomisch gleicher Knochenlänge erklären. Er macht aber leider keine weiteren Angaben zu seinen Messungen oder Untersuchungen.

Sehr wichtig ist, dass sich bei einem Ilium in Outflare oft ein heterolateraler Sideshift des Beckens feststellen lässt, der vermutlich die coxofemorale Abduktion ausgleichen soll. Ausschlaggebend dürfte dafür die „nozi-propriozeptive“ Steuerung der Faszien sein. Es erscheint einleuchtend, dass sowohl statische als auch dynamische oder viszerale Störungen Einfluss auf dieses relativ instabile Gleichgewicht haben können.

Sinnvollerweise sollten diese Bewegungen folglich nur im Gesamtkontext der myofaszialen Ketten betrachtet werden.

Eine Varus-, d. h. reduzierte Valgusstellung des Knies löst eine coxofemorale Abduktion oder Ilium Outflare aus, durch die sich die Länge der unteren Extremität scheinbar verlängert (Abb. 3.31). Diese femorale Bewegung drückt das ganze Ilium einschließlich der Crista iliaca nach median und kranial, daher liegt die Crista iliaca höher.

Hinweis

Sehr häufig diagnostiziert man Outflare-Läsionen des Iliums in Kombination mit einer VarusstellungVarusstellungOutflare-Läsion im Knie und einem Hohlfuß. Patienten mit einem sportlichen Lebensstil und ausgeprägter Muskulatur neigen eher zu Outflare-Stellungen des Beckens.

Wichtige Faktoren zur Entstehung von Outflare-Läsionen
Outflare-Läsionen Outflare-LäsionEntstehunggehen oft mit Verkürzungen und Hypertonus der Glutealmuskeln, der Beckenbodenmuskulatur und des M. piriformis einher. Nach Meinung des Autors spielen hierbei die Dammmuskeln eine wichtige Rolle. Sie sind so konstruiert, dass sie die Rami inferiores ossis pubis näher zusammenbringen, z. B. den M. levator ani und M. iliococcygeus. Wenn die Beckenmuskeln das Ilium nicht (mehr) in Outflare-Position halten können, kompensiert der Körper dies manchmal durch Outflare-Position der unteren Extremität, d. h. Hüftabduktion, Varusstellung des Knies und Supination im Fuß.
Einflüsse des viszeralen Fasziensystems auf die Outflare-Beweglichkeit der Ilia äußern sich z. B. in einer Überprogrammierung der Outflare-Muskelketten oder KPM.

Zusammenfassung

Als auslösende Faktoren für Outflare-Läsionen kommen z. B. infrage (Abb. 3.32):

  • Überdruck oder Kongestion im unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs.

  • Spannungen, Adhäsionen (Verklebungen) und Narben im Bereich des Bindegewebes der Beckenorgane bzw. der Verbindungen zwischen den Organen und der lateralen Beckenwand unterhalb der Linea arcuata, also im kleinen Becken. Betroffen sein können Parametrium, Paravagina, Parazystium und Paraproktium.

  • Spannungen der Beckenbodenmuskulatur und -faszien.

  • Verkürzungen von Muskelfaszien innerhalb der KPM.

Outflare-Bewegung als Teil einer Kette
Wie Maquet [155, S. 145] andeutet, findet z. B. „die Lagekorrektur der Kniegelenk-Resultierenden, d. h. die Resultierende aus Körpergewicht und Muskel- oder Bandspannungen, in der Frontalebene so gut wie ausschließlich durch die Spannung des Tractus iliotibialis“ statt. Diese Aussage gewinnt an Bedeutung, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Tractus iliotibialis zusammen mit dem M. tensor fasciae latae und dem M. gluteus maximus zu einer myofaszialen Outflare-Kette gehört.
Dass sich die Tensegrity-Bedingungen am Hüftgelenk auch auf die Beanspruchung des Kniegelenks auswirken können, weil M. gluteus maximus und M. tensor fasciae latae das Hüftgelenk überspannen, wird von Kummer [155, S. 144] betont. In ähnlicher Weise haben die Tensegrity-Bedingungen an den Sprunggelenken über den zweigelenkigen M. gastrocnemius Einfluss auf die Belastung des Kniegelenks.

Diese Zusammenhänge verdeutlichen erneut, dass die Biomechanik des Kniegelenks nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern nur im Rahmen der Biomechanik der gesamten unteren Extremität. Aus dem gleichen Grund wird auch die Biomechanik des Beckens in diesem Buch nicht isoliert, sondern im Rahmen des gesamten faszialen Aufbaus unseres Körpers betrachtet. Im Stehen wird insbesondere eine Beziehung zum faszialen Gleichgewicht der unteren Extremität hergestellt.

Bei Outflare-Bewegungen kommt es zur uni- bzw. bilateralen „Vertikalisierung“ des Sakrums, während sich die beiden Tubera ischiadica der Medianlinie nähern. Eventuell spielen dabei hypertone Ligg. sacrospinalia und sacrotuberalia eine aktive Rolle. Doch es ist vor allem der Beckenboden, der eine Drehung des Sakrums nach posterior bewirkt. Daraufhin erfolgt eine DelordosierungDelordosierung der LWS, bei der sich die Belastung der Bandscheiben nach ventral verlagert, und eine „Aufrichtung“ der LWS.
Ein kompensatorischer Sideshift des Beckens kommt häufiger bei einer unilateralen Outflare-Läsion vor, die mit einer Inflare-Läsion der anderen Seite kombiniert ist. Die Kombination aus Outflare- und Inflare-Bewegung auf der anderen Seite wird als Beckentorsion definiert. Das Sakrum bewegt sich dann kompensatorisch um eine schräge Achse (Kap. 3.4). Falls das Sakrum nicht ausreichend beweglich ist, sodass sich seine Basis wieder in die horizontale Ebene drehen kann, Outflare-LäsionIliumLWS-Skolioseentwickeln sich kompensatorisch meist zusätzliche LWS-Skoliosen.

Zusammenfassung

Bei Outflare-Läsionen des IliumsForm ClosureOutflare-Läsionen, IliumForce ClosureOutflare-Läsionen, IliumOutflare-LäsionIliumForce-/Form-Closure-Fehler lassen sich schematisch zwei Läsionsarten unterscheiden:

  • Ein Force-Closure-Fehler, der als Störung der Myofaszialketten oder als fasziale Spannungsproblematik mit fehlender Tensegrity definiert werden kann.

  • Ein Form-Closure-Fehler, bei dem es sich um eine artikuläre Blockierung im ISG handelt.

Es ist logisch, dass eine Outflare-Bewegung nicht nur in frontaler Ebene stattfindet, sondern dreidimensional abläuft. Da Ilium-Bewegungen eigentlich immer iliosakral und coxofemoral stattfinden und mit Bewegungen in der Symphysis pubica und am lumbosakralen Übergang kombiniert sind, findet man oft zusätzlich Läsionen in anderen Beckengelenken. Outflare-Bewegungen führen zu einem ventralen Klaffen und dorsalen Schließen der ISG und zu Tensile Stress in der Symphysis pubica. Das wiederum stimmt mit einer Innenrotation des Femurs oder Außenrotation des Iliums um eine vertikale Achse überein.
Inflare des Iliums
Tests Kap. 4.6.8; Behandlungen Kap. 5.3.4

  • Inflare-Bewegung: IliumInflare-BewegungDabei dreht sich das Ilium um eine dorsoventrale Achse nach „innen“. Diese Bewegung kann unilateral, bilateral oder auch als Teil einer Beckentorsion (Inflare-/Outflare-Beckentorsion) auftreten. Die Inflare-Bewegung findet gleichzeitig im CFG, SIG und in der Symphysis pubica statt.

  • Inflare-Läsion: Inflare-Läsion, IliumBei einer Inflare-Dysfunktion bzw. -Läsion kann sich das Ilium frei nach innen (Inflare) bewegen, während seine Outflare-Beweglichkeit eingeschränkt ist.

Kapandji [82] spricht von der Schließbewegung des Beckens, die er mit dem Geburtsmechanismus in Zusammenhang bringt. Die Ilia bewegen sich dabei um schräge Achsen, die seiner Meinung nach in sagittaler Ebene vom ISG zur Symphysis pubica verlaufen (Abb. 3.33).
Die Inflare-Bewegung des Iliums ist eine komplexe Bewegung. Aufgrund der Form und der Bewegungsebene des ISG kommt die Inflare-Bewegung automatisch zustande, wenn das Ilium iliosakral posteriorisiert bzw. das Sakrum sakroiliakal anteriorisiert wird (Abb. 3.34).
Werden die Achsen aus didaktischen Gründen wie bei der Outflare-Bewegung zuerst in die ISG gelegt, lässt sich die Inflare-Bewegung des Iliums folgendermaßen charakterisieren:
  • Die Crista iliaca wandert nach median und kranial.

  • Das Tuber ischiadicum geht nach lateral und kaudal.

  • Das Acetabulum bewegt sich nach lateral und kranial.

  • Das ISG schließt sich kranial und öffnet sich kaudal.

  • Das Sakrum stellt sich horizontal ein und ist dadurch etwas anteriorisiert.

  • Die Symphysis pubica ist kaudal weiter geöffnet als kranial.

Doch es handelt sich in Wirklichkeit um eine variable Achse, die nicht immer im ISG liegt. Wenn man sie z. B. in das CFG legt, könnte man die Inflare-Bewegung des Iliums als Hüftadduktion ansehen, mit dem Femur als Fixpunkt.
Inflare-Bewegung im Stehen
Wenn wirInflare-Bewegung/Beweglichkeitim Stehen die dorsoventrale Achse in das ISG legen, bewegt sich das Acetabulum nach kranial, wird dabei im Stehen aber durch die Hüftgelenkkapsel gehemmt. Wegen der Belastung im Stehen wird sich die variable Flare-Achse eher in das CFG verlagern. Diese Bewegung wird dann von den ISG und der Symphysis pubica gesteuert und gebremst. Bei Bewegungen des Iliums finden gleichzeitig immer Bewegungen in den coxofemoralen und iliosakralen Gelenken sowie in der Symphysis pubica statt. Es handelt sich daher um komplexe Bewegungen. Der Bewegungsausschlag ist dabei in der frontalen Ebene am größten.
Die hypothetische dorsoventrale Achse stellt sich auch bei Inflare-Bewegungen irgendwo zwischen CFG, Symphysis pubica und ISG ein. Bei Belastung, z. B. im Stehen, wird sie mehr zum CFG hin wandern, ohne Belastung, z. B. im Liegen, wird sie näher am ISG liegen.
Im Stehen treten Compressive und Tensile Stress im ISG auf und das CFG wandert eventuell ein wenig nach lateral, ist aber relativ fixiert. Aus didaktischen Gründen wird hier das Femur zum Fixpunkt erklärt.
Im Liegen und im offenen kinetischen System, z. B. bei Abduktion des Beins, wird dagegen eher das ISG zum Fixpunkt und das CFG bleibt beweglich (Mobilpunkt). Da sich das Acetabulum in Inflare Position des Iliums im Liegen mehr kranial befindet, wirkt das Bein im Liegen scheinbar „kürzer“. Man könnte auch sagen, dass sich das ISG kranial „schließt“ und kaudal „klafft“.
Mögliche klinische Zeichen in einer geschlossenen kinetischen Kette
Im Stehen werden die Inflare-Myofaszialketten (KAM) oder Teile der KAM, wie z. B. die schrägen Bauchmuskeln, die Adduktoren, Mm. obturatorii internus und externus, M. quadratus femoris, M. gemellus und M. iliacus, „überprogrammiert“, wodurch eine Inflare-BewegungInflare-Bewegung/Beweglichkeitkinetische Kette, geschlossene ausgelöst wird.
  • Der Trochanter major ist unbeweglich und es findet keine Gewichtsverlagerung durch Becken-Shift statt. Die unteren Extremitäten sind muskulär stabilisiert, Knie- und Fußgelenke bewegen sich nicht in Varus-/Valgusstellung.

  • Die Crista iliaca schiebt sich nach median.

  • Die SIAS nähert sich dem Nabel.

  • Die SIPS rückt näher zur Mittellinie.

  • Das Tuber ischiadicum wandert nach kaudal und lateral.

  • Das Foramen obturatum bewegt sich nach lateral und kaudal. Dabei leisten die Mm. obturatorii aktive Unterstützung.

  • Der Beckenboden arbeitet exzentrisch oder relaxiert.

  • Das ISG schließt sich kranial mehr (Compressive Stress) als kaudal (Tensile Stress).

  • Die Facies auricularis ossis ilii geht nach median.

  • Bei bilateraler Inflare-Stellung stellt sich das Sakrum horizontal und anteriorisiert, so weit es die LWS zulässt. Bei unilateraler Inflare-Läsion und Inflare-/Outflare-Beckentorsion kippt das Sakrum seitlich (Kap. 3.4).

  • Eine bilaterale Inflare-Stellung bewirkt eine Lordose der LWS. Bei unilateraler Inflare-Läsion und Inflare-/Outflare-Beckentorsion entwickelt sich kompensatorisch eine LWS-Skoliose.

  • Da die Symphyse V-förmig unter Spannung steht, öffnet sie sich kaudal und schließt sich kranial. Am Lig. arcuatum pubis inferius tritt kaudal Zugspannung und an der Facies symphysialis kranial Druckbelastung auf.

  • Die Ligg. sacrotuberalia und sacrospinalia sind verlängert und vermutlich nicht hyperton. Möglicherweise üben sie eine propriozeptive Funktion aus. Ob das Lig. iliolumbale verkürzt und eventuell hyperton ist, ist fraglich. Theoretisch könnte auch der Beckenboden diese Bewegung propriozeptiv kontrollieren und exzentrisch arbeiten.

Wichtige klinische Zeichen
  • Da sich das ISG nach median und kaudal bewegt, besteht bei der unilateralen Inflare-Stellung eine Seitneigung des Sakrums und eventuell eine skoliotische Haltung der LWS.

  • Bei einer Inflare-Läsion fehlt das Gelenkspiel bei Outflare-Bewegungen.

  • Im kaudalen Teil des ISG überwiegt Tensile Stress, im kranialen Teil Compressive Stress.

  • Die schrägen Bauchmuskeln, die Adduktoren, Mm. obturatorii, M. quadratus femoris, M. gemellus und M. iliacus können bei einer Inflare-Läsion auf Dauer verkürzt sein.

  • Bei bilateralen Inflare-Läsionen verstärken sich diese Zeichen noch.

Erklärungsmodelle
Das AcetabulumAcetabulumkinetische Kette, offene kann sich in einer offenen kinetischen Kette, z. B. im Liegen, nach kranial und lateral bewegen. Die untere Extremität wirkt dadurch scheinbar kürzer. Im Stehen, d. h. bei geschlossener kinetischer Kette, ist dies ohne Einschaltung der Myofaszialketten nicht denkbar.
Fraglich aber ist dabei, ob die Flare-Achse im CFG liegtFemurFixpunktInflare-Bewegung und das Femur den Fixpunkt bildet, sodass ein „Klaffen“ im ISG zustande kommt, oder ob die Flare-Achse im ISG liegt und das Sakrum als Fixpunkt SakrumFixpunktInflare-Bewegungdient. Dann würde durch Bewegung des Iliums in Inflare eine Adduktion im CFG, eine Valgisierung des Knies und Pronation des Fußes ausgelöst. Logischerweise wird das Ilium dabei vom Femur mit nach kaudal und lateral genommen, mit der Folge, dass das ganze Bein „zusammengestaucht“ wirkt (Abb. 3.31). Abhängig von der „Fitness“ des Gewebes und der Myofaszialketten können auch kombinierte Bewegungen ablaufen.
Die Bewegungsrichtung des Acetabulums AcetabulumBewegungsrichtungist enorm wichtig. Nach Meinung des Autors gleitet das Acetabulum während der Inflare-Bewegung im Stehen auf dem Femurkopf nach median und kaudal und führt dadurch zu einer coxofemoralen Adduktion. Die Crista iliaca liegt lateral der Achse und befindet sich daher etwas höher und mehr median. Da sich gleichzeitig die Facies auricularis des Iliums nach median bewegt, wird das Sakrum nach ventral gedrückt. Das begünstigt die Ausbildung einer schrägen Bewegungsachse für das Sakrum, vor allem, wenn auf der anderen Seite noch ein kompensatorisches Outflare des Iliums hinzukommt (Kap. 3.4).
Busquet [28] ist der Meinung, dass sich durch die Einschaltung von Muskelketten die „Architektur“ der unteren Extremität verändern kann. Im Sinne eines „Zusammenstauchens“ würde sich durch Inflare-Bewegungen eine coxofemorale Adduktion mit verstärkter Valgusstellung von Knie und Fuß (Plattfuß) ergeben. Laut Busquet „verkürzt“ sich das CFG im Stand um bis zu 1 cm, wodurch die untere Extremität entsprechend an Höhe verliert: 5 mm im Femurbereich, 2–3 mm im Tibiabereich und 1–2 mm im Fußgewölbe. Leider macht er keine näheren Angaben zu seinen Untersuchungstechniken.
Wichtige Faktoren bei der Entstehung von Inflare-Läsionen
Ob die untere ExtremitätIliumInflare-Läsionen, Entstehung nun nachgibt bzw. zusammengestaucht wird oder nicht, hängt nach Meinung des Autors von mehreren Faktoren ab, z. B. einem Sideshift des Beckens oder/und dem Zustand der Muskulatur. Entscheidend dürfte aber vor allem die Steuerung der Myofaszialketten sein.
Die einfachste Lösung für unseren Körper, das Gleichgewicht zu halten, ist ein Sideshift des Beckens. Dadurch lässt sich die coxofemorale Adduktion sofort ausgleichen. Erfahrungsgemäß kommen Inflare-Läsionen eher zustande, wenn die Abduktoren und der M. tensor fasciae latae zu schwach sind, wobei das Knie unter Belastung schnell nachgibt und in Valgusstellung knickt. Verkürzte Adduktoren Adduktorenverkürzte, Inflare-Läsion, Iliumkönnen dies noch verstärken. Durch die betonteValgusstellungAdduktion, coxofemorale Valgusstellung im Knie mit coxofemoraler Adduktion wird schließlich das ganze Ilium bzw. Becken, einschließlich der Crista iliaca, nach lateral und kaudal mitgenommen.
Nicht vernachlässigt werden sollte aber der EinflussStörfelderInflare-Läsion, Ilium von faszialen Narben Fasziale Narben, Inflare-Läsion, Iliumoder Störfeldern. Faszien spielen möglicherweise eine wichtige nozi-propriozeptive Rolle. Entsprechend können sich Störungen auch über größere Entfernungen auswirken und eine Überprogrammierung von Muskelgruppen verursachen.

Zusammenfassung

Folgende Auslöser für die Inflare-Bewegung kommen z. B. in Betracht:

  • Unterdruck, Verspannungen, Adhäsionen oder Narben im unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs; als Gleitflächen wichtig sind vor allem Zäkum und Colon sigmoideum

  • Verspannungen, Narben oder Adhäsionen von Mesovarium, Mesometrium und Mesosalpinx

  • In seltenen Fällen Überdruck in den Bindegewebsräumen um die Organe des kleinen Beckens, z. B. Parazystium, Parametrium, Paravagina und Paraproktium

  • Verkürzungen von Muskelfaszien innerhalb der KAM

Inflare-Bewegung als Teil einer Kette
Natürlich finden Inflare-Bewegungen nicht nur in der – aus didaktischen Gründen – gewählten frontalen Ebene statt, sondern dreidimensional.

Es wird darauf hingewiesen, dass diese Flare-Bewegungen auch in den transversalen Ebenen stattfinden. Inflare-Bewegungen sind mit einem ventralen Schließen und dorsalen „Klaffen“ der ISG kombiniert und führen zu Compressive Stress in der Symphysis pubica. Dies entspricht einer femoralen Außenrotation oder einer iliakalen Innenrotation um eine vertikale Achse.

Es ist nicht auszuschließen, dass sie die Horizontalisierung des Sakrums durch iliakales „Absinken“ nach medial auf den Femurköpfen ergänzen und damit eine Erklärung für die in der Praxis feststellbaren, scheinbaren Beinlängenunterschiede liefern können.

Wenn sich das Sakrum horizontalisiert und sich die Cristae iliacae der Medianlinie nähern, könnte auchHypertonusIliosakral-/Iliolumbalbänder eine Hypertonus der Iliolumbal- und Iliosakralbänder AnteilIliosakralbänder, Hypertonus daran haben. Bei unilateralen Läsionen und stark hypertonen IliolumbalbändernIliolumbalbänder, Hypertonus kann es zu beträchtlichen Rotationen von L4 und eventuell sogar von L5 kommen. Da L5 eher dem Sakrum nach ventral und L4 eher dem Ilium nach dorsal folgen möchte, entwickeln sich manchmal Bandscheibenprobleme mit Blockierung von L4/L5. Da Inflare-Bewegungen meist mit einer Posterior-Rotation des Iliums einhergehen, neigt L4 meist stärker dazu, sich nach dorsal zu drehen.
Bei bilateralen Inflare-Läsionen besteht die Gefahr, dass sich eine Pseudospondylolisthesis (Wirbelgleiten) oder Spondylose entwickelt. Im Rahmen des „In-sich-Zusammenfallens“ kommt es zur LWS-Lordose. Die Querfortsätze der Wirbel befinden sich weiter ventral und die Belastung der Bandscheiben verlagert sich mehr nach dorsal.
Bei Inflare-Läsionen des Iliums lassen sich häufigValgusstellungInflare-Läsion Valgusstellungen im Kniebereich diagnostizieren. Die Ursache dürften Spannungen in den Myofaszialketten sein. Patienten mit X-Beinen und Inflare-Läsionen ohne größere biomechanische Schwierigkeiten befinden sich noch im Anfangsstadium der Kompensation. Bei ihnen liegen oft primäre viszerale Probleme vor. Auf Dauer kann sich jedoch über die absteigende Läsionskette eine Pronationsstellung des Fußes oder sogar ein Knick-Senk-Plattfuß entwickeln.
Patienten mit einem überwiegend sitzenden Lebensstil und schwacher Muskulatur neigen eher zu Inflare-Läsionen. Daraus entwickelt sich manchmal eine Kokzygodynie. Auch ovarielle Entzündungen, Endometriose, Post-Appendizitis- oder Post-Appendektomie-Syndrom könnten damit in Zusammenhang stehen.
Bei unilateraler Inflare-Läsion des Iliums oder einer Inflare-/Outflare-Kombination (Beckentorsion) wird sich kompensatorisch eine LWS-Skoliose einstellen. Oft findet sich bei einer Inflare-Läsion des Iliums auf der gleichen Seite auch eine Läsion Ilium posterior CF.

Zusammenfassung

Bei Inflare-Läsionen des IliumsForce ClosureInflare-Läsion, IliumForm ClosureInflare-Läsion, IliumInflare-Läsion, IliumForce-/Form-Closure-Fehler lassen sich schematisch zwei Läsionsarten unterscheiden:

  • Force-Closure-Fehler, die man als Problem der Myofaszialketten oder als Verlust der faszialen Tensegrity definieren kann.

  • Form-Closure-Fehler, bei denen es sich um eine artikuläre Blockierung im ISG handelt.

Da Bewegungen des Iliums eigentlich immer mit iliosakralen und coxofemoralen Bewegungen sowie mit Bewegungen in der Symphysis pubica und am lumbosakralen Übergang kombiniert sind, können auch bei Inflare-Läsionen zusätzlich Läsionen in anderen Beckengelenken zu finden sein.

Hinweis

Als Beispiel werden die Folgen einer persistierenden Iliumläsion in Inflare kombiniert mit Ilium posterior genannt: Die Ligg. sacrospinalia und sacrotuberalia werden stark unter Tensile Stress geraten. Bei unilateralen Läsionen führt das zu einer beträchtlichen Drehung des Sakrums zur heterolateralen Seite, d. h. nach anterior (Kap. 3.4.2.3) Damit sind sakrale Läsionen und Blockierungen des ISG vorprogrammiert.

Im Stehen sind die Beckengelenke auch in frontaler Ebene durch die Schwerkraft belastet (Abb. 3.38). Da das Gewicht des Rumpfes (G) am Promontorium des Sakrums angreift, wird am Ende des iliosakralen Gelenkspiels ein Vektor mit der coxofemoralen Achse aufgebaut, der eine Inflare-Neigung beider Ilia bewirkt. Um die aufrechte Haltung dennoch beizubehalten, müssen auch hier wieder mehrere Myofaszialketten eingeschaltet werden, und zwar die myofaszialen Outflare-Ketten (KPM, Kap. 2.1.5.7).

Hinweis

Bei SchwangerenInflare-Bewegung/BeweglichkeitOssa iliaSchwangereSchwangerschaftInflare-Beweglichkeit, Ilia ist eine gute Inflare-Beweglichkeit der Ilia notwendig (Kap. 2.7). Ab dem 4. Schwangerschaftsmonat sollten die Beckengelenke mobilisiert werden, um ihre Inflare-Beweglichkeit zu verbessern. Das kann sinnvoll sein im Hinblick auf eine leichtere Geburt bzw. um die Notwendigkeit einer Sectio zu verringern.

Bei maximaler Hüftflexion, z. B. in der Hockstellung, kommt durch die Posterior-Rotation der Ilia gleichzeitig eine erhebliche Inflare-Bewegung zustande, bei der sich der Beckenausgang öffnet. Die Hockstellung bietet sich somit als natürliche Haltung für die Entbindung an.

Vor allem während der Austreibungsphase der Entbindung sollte auch der Beckenboden locker und gut dehnbar sein.

Beweglichkeit der Ilia in transversaler Ebene

Bei derIliumBeweglichkeittransversale Ebene Innen- und Außenrotation der Ilia (Abb. 3.39, Abb. 3.40) wird das Femur zum Fixpunkt, um den sich das Ilium bewegt. Wenn das Ilium der Fixpunkt ist, kommt es stattdessen zur Außen- und Innenrotation des Femurs. Dabei entsprechen sich iliakale Innen- und femorale Außenrotation und umgekehrt iliakale Außen- und femorale Innenrotation.
Außenrotation desIliumAußenrotation Iliums führt dorsal im ISG zu Compressive Stress und ventral im ISG sowie in der Symphysis pubica zu Tensile Stress. Bei Innenrotation IliumInnenrotationdes Iliums entsteht dagegen dorsal im ISG Tensile Stress und ventral im ISG sowie in der Symphysis pubica Compressive Stress.
Zu den bislang aus didaktischen Gründen getrennt für eine Ebene beschriebenen Flare-Bewegungen kommt des Weiteren noch eine Ilium-Bewegung in horizontaler Ebene um eine vertikale Achse hinzu. Der Grad der Beweglichkeit wird hierbei durch die Spannung der Bänder und Faszien in den ISG und der Symphysis pubica gebremst. Dennoch ist eine gewisse Viskoelastizität gegeben, die als minimale Federung zu tasten ist.

Der Autor ist der Meinung, dass die Symphysis pubica bei Flare-Bewegungen bzw. dem damit zusammenhängenden Stressausgleich eine wichtige Rolle spielt. Bei Außenrotation entsteht in der Symphyse etwas Tensile Stress und bei Innenrotation etwas Compressive Stress. Die Symphyse sollte sich den unterschiedlichen Situationen anpassen und den Stress ausgleichen können.

Zusammenfassung

Komplexe dreidimensionale Bewegungen der Ilia

In der Praxis bewegenIliumBeweglichkeitdreidimensionale sich die Ilia in komplexen dreidimensionalen Bewegungen um variable Achsen. Da zahlreiche Faktoren daran beteiligt sind, wurden die einzelnen Ebenen mit ihren variablen Achsen aus didaktischen Gründen getrennt dargestellt, um die funktionellen Zusammenhänge besser nachvollziehen zu können (Abb. 3.41, Abb. 3.42, Abb. 3.43). Ein vergleichbarer schematischer Aufbau wurde auch für die Darstellung der einzelnen Untersuchungs- und Behandlungsschritte (Kap. 4, Kap. 5, Kap. 6) gewählt.
Neben viszeralen und ligamentären Einflüssen spielen auch unterschiedlichste Belastungen und ihre Einwirkungsrichtung eine entscheidende Rolle. In der Praxis trifft man am häufigsten eine Kombination aus Posteriorisierungs-, Inflare- und Innenrotationsläsionen des Iliums oder eine Kombination aus Anteriorisierungs-, Outflare- und Außenrotationsläsionen des Iliums an.
Übergreifend sind außerdem noch die Myofaszialketten eingeschaltet, über die sich Läsionen des Sakrums und natürlich auch aufsteigende und absteigende Läsionsketten aufbauen (Kap. 2.1.5).

Beweglichkeit des Sakrums

Weil das SakrumSakrumBeweglichkeitSakrum im Gegensatz zu den beiden Ilia „unpaar“ ist, muss es die einwirkenden Belastungen allein abfangen. Das Sakrum wurde bereits als Struktur, die zu einem spannungseinheitlichen System gehört und zum anderen über Gelenkverbindungen zwischen den Ilia eingeklemmt ist, beschrieben (Kap. 3.1). Wie bei den Ilia wird auch die Beweglichkeit des Sakrums auf ein dreidimensionales Koordinatensystem bezogen.

Hypothetischer Aufbau der Bewegungsachsen

In der OsteopathieBewegungsachsenAufbau, hypothetischer wird zwischen iliosakralen und sakroiliakalen Bewegungen unterschieden. Außerdem werden Bewegungsachsen beschrieben, die in medizinischen Fachkreisen manchmal einige Verwirrung stiften (Abb. 3.44).

Merke

  • Iliosakrale (IS) Bewegungen/Beweglichkeit: Iliosakrale Bewegung/BeweglichkeitDas Sakrum ist der Fixpunkt, das Ilium Mobilpunkt und frei beweglich. Das Gelenk wird entsprechend als Iliosakralgelenk (ISG)Iliosakralgelenk (ISG) bezeichnet.

  • Sakroiliakale (SI) Bewegungen/Beweglichkeit: Sakroiliakale Bewegung/BeweglichkeitDas Ilium ist der Fixpunkt, das Sakrum Mobilpunkt und frei beweglich. Das Gelenk wird entsprechend als Sakroiliakalgelenk (SIG)Sakroiliakalgelenk (SIG) bezeichnet.

UmBewegungsachsenIlium/Sakrumobere transversaleSakrumBewegungsachsenobere transversaleIliumBewegungsachsenobere transversale die obere transversale Achse (OTA, Abb. 3.44) soll sich das Sakrum bei dem primär respiratorischen Mechanismus, der auch als sakro-spheno-basilarer Mechanismus beschrieben wird, bewegen [99, 100, 172].
UmBewegungsachsenIlium/Sakrummittlere transversaleSakrumBewegungsachsenmittlere transversaleIliumBewegungsachsenmittlere transversale SakrumBewegungsachsenschrägeBewegungsachsenIlium/SakrumschrägeIliumBewegungsachsenschrägedie mittlere transversale Achse (MTA, Abb. 3.44) soll sich das Sakrum bei sakroiliakalen Bewegungen drehen. Diese Bewegungen gehen vom Rumpf aus und die Ilia dienen hierbei als Fixpunkt. Die Achse verläuft entsprechend transversal und horizontal durch den Wirbelkörper von S2. Vom überwiegenden Teil der Autoren wird sie durch die „Kontaktstelle“ zwischen oberem und unterem Teil der Facies auricularis des Sakrums gezogen. Manche der Autoren wiederum legen die Achse auch nach dorsal oder mitten in die Facies auricularis. Osteopathisch werden unilaterale und bilaterale Läsionen entlang dieser Achse beschrieben.

Eine HorizontalisierungSakrumHorizontalisierung oder AnteriorisierungSakrumAnteriorisierung des Sakrums um die mittlere transversale Achse wird auch NutationNutation oder Flexion, eine VertikalisierungSakrumVertikalisierung oder PosteriorisierungSakrumPosteriorisierung des SakrumsSakrumKontranutation auch KontranutationKontranutation oder Extension genannt.

UmBewegungsachsenIlium/Sakrumuntere transversaleSakrumBewegungsachsenuntere transversale IliumBewegungsachsenuntere transversaledie untere transversale Achse (UTA, Abb. 3.44) soll sich das Ilium bei iliosakralen Bewegungen drehen. Diese Bewegungen werden vor allem durch die unteren Extremitäten gesteuert und hierbei dient das Sakrum als Fixpunkt. Diese Achse verläuft ebenfalls transversal und horizontal. Sie wird aber meist durch den kaudalsten Punkt der Facies auricularis, ungefähr in Höhe der Spina iliaca posterior inferior, gezogen.
Wenn sich das Ilium um die untere transversale Achse nach posterior bewegt, spricht man auch von einem Sakrum IS relativ anterior, weil sich das Sakrum eigentlich nicht bewegt. Wenn sich das Ilium um die untere transversale Achse nach anterior bewegt, spricht man dementsprechend von einem Sakrum IS relativ posterior. Die Ergänzung „relativ“ soll darauf hinweisen, dass das Sakrum keinen Beweglichkeitsverlust erlitten hat und nicht blockiert ist. Es kann aber eine Blockierung des Iliums zur Folge haben.
Um die schrägen Achsen soll sich das Sakrum bei Anterior- und Posterior-Torsionen bewegen. Diese Achsen verlaufen jeweils vom kranialsten Punkt des einen ISG zum kaudalsten Punkt des anderen ISG. Es gibt daher eine linke SakrumBewegungsachsenlinke/rechte schrägeschräge Achse (LSA), die von links oben nach rechts unten verläuft, und eine rechte schräge Achse (RSA), die von rechts oben nach links unten verläuft (Abb. 3.44). Schräge Achsen sind physiologisch völlig normal. Bei Beckentorsionen kann aber manchmal eine schräge Achse dominant sein; sie gilt dann als pathologisch im Vergleich zu den anderen Achsen.
Um die vertikale Achse (VA) SakrumBewegungsachsenvertikaleBewegungsachsenIlium/SakrumvertikaleIliumBewegungsachsenvertikalesoll sich das Sakrum bei Rotationen in transversaler Ebene nach links und rechts bewegen. UmSakrumBewegungsachsendorsoventrale die dorsoventrale Achse (DVA) BewegungsachsenIlium/SakrumdorsoventraleIliumBewegungsachsendorsoventralekann sich das Sakrum seitlich nach links oder rechts neigen (Abb. 3.44). Sie baut damit eigentlich die oben beschriebenen schrägen Achsen auf.

  • Die bilaterale Inflare-Stellung der Ilia (Abb. 3.45) bewirkt mehr „Closure“ kranial in den ISG. Dadurch befindet sich auch die laterolaterale Achse mehr kranial.

  • Die bilaterale Outflare-Stellung der Ilia (Abb. 3.45) bewirkt hingegen mehr „Closure“ kaudal im ISG. Dadurch befindet sich auch die laterolaterale Achse mehr kaudal.

  • Bei Beckentorsion mit Outflare links und Inflare rechts (Abb. 3.46) kommt es kaudal im linken und kranial im rechten ISG zu mehr „Closure“. Dadurch wird die rechte schräge Achse vorprogrammiert.

  • Bei Beckentorsion mit Inflare links und Outflare rechts (Abb. 3.46) kommt es kranial im linken und kaudal im rechten ISG zu mehr „Closure“. Dadurch wird die linke schräge Achse vorprogrammiert.

Das Sakrum kann sich in einer sagittalen Ebene zur coxofemoralen, iliosakralen und sakroiliakalen Achse bewegen. Es handelt sich hierbei um eine komplexe Bewegung in mehreren Gelenken und um mehrere Achsen. Nach momentanem Kenntnisstand ist die Lage dieser Achsen nicht festgelegt und kann es logischerweise auch nicht sein, weil sie von der Belastung, Haltung, Spannung und anderen Faktoren abhängt. Sie scheint vielmehr variabel zu sein. Biomechanisch gesehen ist es demnach korrekter, von variablen Achsen zu sprechen. Zusätzlich kann es aus didaktischen Gründen sinnvoll sein, nur von einer variablen Achse auszugehen.
Allem Anschein nach sorgen vor allem die kreuzenden Myofaszialketten für Drehmomente und dürften daher eine wichtige Rolle bei den Gehbewegungen spielen. Fakt ist, dass der Mensch seinen Becken- und Schultergürtel in horizontaler Ebene hin und her dreht, um sich fortzubewegen. Bei diesen entgegengesetzten Rotationsbewegungen ist z. B. eine Anteriorisierung des Iliums auf der einen Seite mit einer Posteriorisierung des Iliums auf der anderen Seite kombiniert. Gracovetsky [59; 179, S. 243–251] konnte 1988 zeigen, dass beinamputierte Patienten z. B. eine Gehbewegung auf den Tubera ischiadica zustande bringen können, bei der die Anterior-Posterior-Bewegung der Ilia eine gewisse Rolle spielt.
Die Komplexität dieser dreidimensionalen Bewegungen setzt voraus, dass sich die Knochen anpassen können, aber gleichzeitig eine Balance zwischen Verformbarkeit, im Sinne von Elastizität sowie Viskoelastizität, und SakrumTensegrityTorsion des Beckens gefunden werden muss. Dies wurde von Levin [179, S. 157–167] als Tensegrity oder spannungseinheitlicher Ausgleich bezeichnet (Kap. 3.1).
Bewegungen der Beckenstrukturen am Beispiel des Gehens

Anmerkung

NachfolgendBeckenstrukturen, Bewegungen beim Gehen wird versucht, die Komplexität der dreidimensionalen Bewegungen am Beispiel der Gangphase (Abb. 3.47) aufzuzeigen. Ziel ist es, von einer zu starken Vereinfachung, d. h. Reduktion auf eine Ebene, wegzukommen und die iliosakrale und sakroiliakale Beweglichkeit nicht zu ignorieren. Zur Prüfung dieser Ansätze sind aber auf jeden Fall weitere Untersuchungen und Messungen in vivo notwendig.
Nehmen wir an, dass sich in dieser GangphaseGangphase der rechte Fuß vorn und der linke Fuß hinten befindet. Das entspricht einem linken Ilium CF und IS anterior und einem rechten Ilium CF und IS posterior (Abb. 3.47). Laut der Untersuchung von Otte [80] beträgt die Beweglichkeit zwischen den Os coxae in der Sagittalebene 4,15° (± 3,12°).
Was passiert während der Gangphase in der frontalen Ebene?
Stadium 1Links ist dasGangphasefrontale Ebene Ilium iliosakral anteriorisiert und wegen der Form des ISG auch etwas in Outflare. Unter dem Einfluss der Myofaszialketten wird das Ilium auch coxofemoral nach anterior (ISG nach kranial) bewegt (Abb. 3.48, Stadium 1).
Rechts ist das Ilium iliosakral posteriorisiert (ISG nach kaudal) und wegen der Form des ISG auch etwas in Inflare (Abb. 3.48, Stadium 1). Die Muskelketten ziehen das Ilium auch coxofemoral etwas nach posterior.
Stadium 2Wäre das Sakrum rigide und kein Gleiten im ISG möglich oder würde sich das Ilium nur coxofemoral bewegen, d. h. coxofemoral viel beweglicher sein als sakroiliakal, käme es logischerweise zur Seitneigung des Sakrums in frontaler Ebene um eine dorsoventrale Achse. Wenn sich z. B. die linke Basis ossis sacri (BOS) hebt und sich die rechte senkt, resultiert daraus eine Seitneigung des Sakrums nach rechts um eine dorsoventrale Achse (Abb. 3.48, Stadium 2). Die Rotationsbewegung des Sakrums in der frontalen Ebene bringt gewisse Spannungen mit sich, sodass es im linken ISG kaudal und im rechten ISG kranial zu einer verstärkten Force und Form Closure kommt, wodurch sich eine rechte schräge Achse aufbaut.
Die gleiche Situation entsteht bei Beckentorsionen mit Inflare rechts und Outflare links. Aufgrund von Compressive Stress wird die iliosakrale Beweglichkeit im linken ISG kaudal und im rechten ISG kranial gehemmt. In diesem Moment entsteht eine rechte schräge Achse, um die sich das Sakrum bewegt. Je nach einwirkender Belastung wird sich das Sakrum entweder nach anterior (Rechts-Rechts-Rotation) oder nach posterior (Rechts-Links-Rotation) drehen.
Stadium 3Weil die Ilia aber nicht nur in einer Ebene beweglich sind, können sie bei ausreichender Flare-Beweglichkeit durch ein leichtes Zurückkippen (Inflare links und Outflare rechts) kompensatorisch die Spannungen in den ISG verringern und für eine ausgeglichene, spannungseinheitliche Situation sorgen (Abb. 3.48, Stadium 3). In der LWS kommt es kompensatorisch zu einer rechtskonvexen Skoliose.
Wenn die ISG ihre Flare-Beweglichkeit verloren haben, wird das Becken möglicherweise in Stadium 2 blockiert. Dann entwickeln sich Ilium- und Sakrumläsionen.
Was passiert während der Gangphase in der horizontalen Ebene?
Stadium 1Wenn sichGangphasehorizontale Ebene das linke ISG nach ventral und das rechte ISG nach dorsal bewegt, kommt es zu einer horizontalen Sakrum-Rotation nach rechts um eine vertikale Achse. Dabei dreht sich die BOS rechts nach dorsal und links nach ventral (Abb. 3.49, Abb. 3.50).
Stadium 2Im linken ISG entwickelt sich ventral Tensile Stress und dorsal Compressive Stress und im rechten ISG ist es umgekehrt: ventral Compressive Stress und dorsal Tensile Stress (Abb. 3.49).
Stadium 3Bei freier Beweglichkeit wird durch eine kompensatorische Haltung des kompletten Beckens wieder eine spannungseinheitliche Situation (Tensegrity) hergestellt. Das linke Ilium dreht sich kompensatorisch etwas nach innen und das rechte Ilium dreht sich kompensatorisch etwas nach außen. Durch die kompensatorischen Bewegungen der Ilia und des Sakrums kann ein Spannungsausgleich in den Beckengelenken erfolgen und es entsteht ein dynamisches Gleichgewicht (Abb. 3.49).
Was passiert während der Gangphase in der sagittalen Ebene?
Das Sakrum sollte sich linksGangphasesagittale Ebene nach vorn neigen und dabei horizontalisieren, sich aber rechts aufrichten und dabei vertikalisieren. Dadurch wird eine dreidimensionale Spannung aufgebaut (Abb. 3.47).
Allerdings ist fraglich, ob diese Bewegungen überhaupt stattfinden können, wenn man die ISG und die Symphysis pubica als unbewegliche, starre Knochenverbindungen ansieht. Sakrum und Ilia werden sich, abhängig von der momentanen Belastung, spannungseinheitlich ausgleichen. Wie in der Wirbelsäule wird auch die Beweglichkeit im Becken zu einem kleinen Teil, entsprechend der Knochenelastizität, durch intraossäre Deformierung erreicht. Das reicht aber sicherlich nicht aus, um Beckentorsionen, die z. B. während des Gehens entstehen, aufzufangen. Die Beweglichkeit des Beckens kommt vor allem durch eine Kombination aus intraartikulären und faszialen Torsionen BeckenTorsionen, fasziale/intraartikuläreder Beckenstrukturen zustande. Hierbei ist der Gesundheitszustand der Knochen und des umgebenden Gewebes ausschlaggebend für eine gute Funktionsweise.
An Torsionen des Beckens muss sich das Sakrum entweder anpassen oder sie kompensieren. Das geschieht in erster Linie durch intraartikuläre Torsion. Da solche dreidimensionalen Bewegungen zäher und viel weniger geschmeidig ablaufen, entsteht eine schräge Achse, um die sich das Sakrum bewegt. Neben seiner intraartikulären Torsion findet teilweise auch eine intraossäre Deformierung statt. Zusätzlich können coxofemorale Verdrehungen, iliosakrale Bewegungen, Sideshifts des Beckens, dorsoventrale Shifts und transversale Rotationen vorkommen.

Zusammenfassung

Notwendige Voraussetzungen für Beckenbewegungen

Um sich im Beckenbereich normal und schmerzfrei bewegen zu können, wie es für die dreidimensionale Beweglichkeit beim Gehen erforderlich ist, sollten
  • Iliosakralgelenke (ISG), Symphysis pubica und Coxofemoralgelenke (CFG) bilateral in allen drei Ebenen optimal beweglich sein; anders gesagt, die Form Closure muss „locker“ genug sein.

  • Weichteile und viszerale Aufhängungen bilateral optimal beweglich sein; anders gesagt, die Force Closure muss „locker“ genug sein.

  • geringe intraossäre Bewegungen möglich sein; das setzt eine gute Viskoelastizität voraus.

Dominante schräge Achse
Bei bilateralenSakrumBewegungsachsendominante schrägeBewegungsachsenSakrumdominante schräge Anterior-/Posterior-Läsionen der Ilia bzw. Inflare-/Outflare-Beckentorsionen entsteht oft eine dominante schräge Achse des Sakrums. Eine dominante linke schräge Achse des Sakrums (Abb. 3.46) wird sich z. B. aufbauen, wenn eine Inflare-Läsion des linken Iliums mit einer Outflare-Läsion des rechten Iliums kombiniert ist. Auch eine Ilium-posterior-Läsion links in Kombination mit einer Ilium-anterior-Läsion rechts wird eine dominante linke schräge Achse des Sakrums zur Folge haben. Wenn sich die Ilia nicht oder nur schlecht in eine bestimmte Richtung bewegen können, wird auch das Sakrum in seiner Beweglichkeit eingeschränkt.
In unseren Beispielen bedeutet das z. B., dass sich das linke Ilium schlecht oder gar nicht nach Outflare bzw. nach anterior und das rechte Ilium schlecht oder gar nicht nach Inflare bzw. posterior bewegen kann. Durch die entgegengesetzten Läsionen der beiden Ilia entsteht sozusagen eine dominante schräge Achse für das Sakrum (hier: linke), um die sich das Sakrum gezwungenermaßen bei jeder Bewegung, ob nach anterior oder posterior, bewegen muss, denn der Aufbau der rechten schrägen Achse und sogar der transversalen Achse ist in diesem Fall nicht möglich.

Hinweis

In der Praxis sind zwei gegenüberliegende Punkte des Sakrums kaum oder nicht beweglich, die Basis ossis sacri (BOS) und der Angulus inferior lateralis (AIL). Sie liegen beide auf der dominanten Achse und dies geht immer mit einer skoliotischen Haltung der LWS einher.

Manchmal kann sich sogar noch eine Läsion um diese dominante schräge Achse aufbauen; z. B. eine Links-Rechts(L/R)- oder Links-Links(L/L)-Läsion im Falle einer dominanten linken schrägen Achse. Das Sakrum kann sich dann nur noch sehr eingeschränkt in eine einzige Richtung bewegen, wobei es allerdings oft zu akuten Läsionen und Schmerzen kommt.

Beweglichkeit des Sakrums in sagittaler Ebene

Das Sakrum drehtSakrumBeweglichkeitsagittale Ebene sich um eine laterolaterale sakroiliakale Achse nach anterior bzw. posterior. Dabei ist das Ilium der Fixpunkt.

Sakrum anterior sakroiliakal (SI) und Depressed Sacrum
Tests Kap. 4.6.3.2, Kap. 4.6.3.3, Kap. 4.6.10, Kap. 4.6.11; Behandlungen Kap. 5.5
In derSakrumanterior sakroiliakal Osteopathie wird meist zwischen unilateralen und bilateralen Bewegungen des Sakrums um die laterolaterale sakroiliakale Achse bzw. uni- und bilateralen Läsionen unterschieden.
Die unilateralen Läsionen sollten nach Meinung des Autors eher als intraossäre viskoelastische Deformierungen des Sakrums aufgefasst werden. Sie beruhen vermutlich auf einer chronischen Spannung im Gewebe, durch die das Sakrum, z. B. vom M. erector spinae, auf einer Seite nach anterior gezogen und dort gehalten wird, bis es sich dauerhaft intraossär „verformt“. Bei dieserSakrumCreep-Deformation Creep-Deformation handelt es sich eher um eine physiologische Notlösung, wenn das ISG blockiert ist. Wie in Kap. 2.2.3.3 besprochen, ist zudem bei Creep-Deformationen der Zeitfaktor ziemlich groß.
Das Depressed Sacrum Depressed Sacrumstellt eine Extremform des bilateralen Sakrums anterior sakroiliakal (Abb. 3.51) dar, bei der sich das Sakrum weit nach anterior und inferior bewegt, als ob es nach unten gedrückt („depressed“) und dort fixiert würde
Häufig ist extrem erhöhter Druck der Auslöser für diese Läsion, z. B. das Pressen beim Geburtsvorgang, Senkungen von Organen oder starkes Übergewicht. Über die duralen und faszialen Verbindungen des Sakrums können sich die Auswirkungen der Läsion auf Dauer verbreiten. Oft pflanzen sie sich bis in den Schädel fort und können Störungen der Hypophyse und des kraniosakralen Rhythmus hervorrufen. Einige mögliche Symptome sind u. a. Depressionen, Kopfschmerzen und hormonelle Störungen.
Mögliche klinische Zeichen bei bilateralem Sakrum anterior IS
Im Stehen
  • SIAS, SIPS, TuberculumSakrumanterior sakroiliakalbilaterales pubicum, Crista iliaca und Trochanter major befinden sich bilateral auf gleicher Höhe.

  • Die SIPS sind näher zusammen.

  • Der iliosakrale Sulkus ist bilateral tiefer.

  • Die Anguli inferiores laterales des Sakrums (AIL) sind symmetrisch.

  • Die Ligg. sacrospinalia und sacrotuberalia sind bilateral verlängert; vermutlich sind sie auch nicht hyperton, sonst könnten sie die Bewegung nicht zulassen.

  • Hyperton sind dagegen bilateral das Lig. sacroiliacum dorsale longum und die Fascia thoracolumbalis.

  • Auch M. erector spinae, M. latissimus dorsi und M. gluteus maximus sind bilateral hyperton.

  • Vorlauf- und Rücklauftests sind negativ.

  • Die lumbale Lordose ist stärker ausgeprägt.

  • Oft findet man Inflare-Läsionen der Ilia und eine entsprechende viszerale Problematik im Beckeneingangsbereich.

In Rücken- und Bauchlage
  • Kein Beinlängenunterschied.

  • Der Downing-Test fällt negativ aus.

  • Die AIL sind bilateral symmetrisch.

  • Extension im lumbosakralen Übergang mit konvergierenden Gelenkfacetten.

Bei Hypertonus der IliolumbalbänderIliolumbalbänder, Hypertonus ist L4 manchmal nach dorsal gezogen, dadurch kann eine Wirbelverschiebung von L4 nach hinten vorgetäuscht (Pseudoretrolisthesis) werden.
Wichtiges klinisches Zeichen
Bei bilateralem Sakrum anterior IS ist in Bauchlage die sakroiliakale (SI) Beweglichkeit des Sakrums nach posterior eingeschränkt, während sie nach anterior frei ist.
Mögliche klinische Zeichen bei unilateralem Sakrum anterior IS
Genannt sind nur Punkte, Sakrumanterior sakroiliakalunilateralesbei denen es Unterschiede zur bilateralen Form gibt.
  • Der iliosakrale Sulkus ist homolateral tiefer.

  • Die AIL sind oft symmetrisch, da es sich hierbei eher um eine intraossäre Verformung als um eine Bewegung um die laterolaterale Achse handelt.

  • Die Ligg. sacrospinale und sacrotuberale sind homolateral verlängert; vermutlich sind sie auch nicht hyperton, sonst würden sie die Bewegung nicht zulassen.

  • Hyperton sind dagegen das homolaterale Lig. sacroiliacum dorsale longum und die Fascia thoracolumbalis.

  • Homolateral hyperton sind auch M. erector spinae, M. latissimus dorsi und M. gluteus maximus.

  • Der Vorlauftest ist homolateral vor allem im Sitzen positiv.

  • Die lumbale Lordose ist stärker ausgeprägt und es liegt eine leichte Skoliose mit Seitneigung heterolateral vor.

  • Oft bestehen chronische viszerale und parietale Störungen.

  • Die sakroiliakale Beweglichkeit des Sakrums nach posterior ist in Bauchlage homolateral eingeschränkt.

  • Oft findet man Blockierungen von L5.

Einfluss der Myofaszialketten
An den BewegungenMyofaszialkettenSakrum anterior sakroiliakalSakrumanterior sakroiliakalMyofaszialketten des Sakrums um die laterolaterale Achse sind die geraden anterioren Myofaszialketten (GAM, Kap. 2.1.5.4) und die geraden posterioren Myofaszialketten (GPM, Kap. 2.1.5.5) beteiligt. Von den GPM wird das Sakrum vor allem über die Fascia thoracolumbalis und das Lig. sacroiliacum dorsale longum nach anterior bewegt. Gleichzeitig fixieren Teile der GAM das Ilium.
Über durale und fasziale Verbindungen soll es bei einem Sakrum anterior SI gleichzeitig oft zu Läsionen in der Synchondrosis sphenobasilaris (SSB) kommen [74, 99].
Aufrechterhaltende Faktoren des Sakrum anterior IS
Hypertonus der GPM kannGerade posteriore Myofaszialketten (GPM)Hypertonus einer der Faktoren sein, von denen ein Sakrum anterior IS aufrechterhalten wird. Die folgende Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit (Abb. 3.52).
  • Verklebungen, Narben oder Unterdruck im unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs. Typische Beispiele sind hier z. B. in der Excavatio rectouterina bei der Frau bzw. in der Excavatio rectovesicalis beim Mann abgelagerte Schlacken.

  • Spannungen und Verklebungen im Bereich der Lamina SRGVP, von Lig. sacrouterinum, Mesosalpinx oder Mesovarium.

  • Spannungen im Lig. iliolumbale und in der Fascia thoracolumbalis.

  • Spannungen im Lig. sacroiliacum dorsale longum.

  • Verkürzungen von Muskelfaszien innerhalb der GPM.

Sakrum posterior sakroiliakal (SI)
Tests Kap. 4.6.3.2, Kap. 4.6.3.3, Kap. 4.6.10, Kap. 4.6.11; Behandlungen Kap. 5.5
Die beschriebenenSakrumposterior sakroiliakal unilateralen Läsionen sind manchmal eher intraossäre, als dass sie die artikulären Bewegungen betreffen. Es kann sich dabei um chronische Spannungen im Gewebe handeln, durch die das Sakrum, z. B. von den Mm. ischiocrurales, auf einer Seite nach posterior gezogen und dort gehalten wird, bis es sich auf Dauer intraossär verformt.
Mögliche klinische Zeichen bei bilateralem Sakrum posterior SI
Im Stehen
  • SIAS, SIPS, Sakrumposterior sakroiliakalbilaterales/unilateralesTuberculum pubicum, Crista iliaca und Trochanter major befinden sich bilateral auf gleicher Höhe.

  • Die SIPS sind weiter auseinander.

  • Der iliosakrale Sulkus ist bilateral flacher.

  • Die AIL sind symmetrisch.

  • Die Ligg. sacrospinale und sacrotuberale sind bilateral verkürzt und vermutlich eher hyperton.

  • Bilateral hyperton sind auch die Mm. ischiocrurales und die Beckenbodenmuskeln.

  • Vorlauf- und Rücklauftests sind negativ.

  • Die LWS ist delordosiert.

  • Oft findet man bilaterale Outflare-Läsionen der Ilia und entsprechende viszerale Störungen im Beckenbodenbereich.

In Rücken- und Bauchlage
  • Kein Beinlängenunterschied.

  • Der Downing-Test fällt negativ aus.

  • Die AIL des Sakrums sind bilateral symmetrisch.

Wichtiges klinisches Zeichen
In Bauchlage ist die sakroiliakale Beweglichkeit des Sakrums nach anterior bilateral eingeschränkt, während sie nach posterior frei ist.
Mögliche klinische Zeichen bei unilateralem Sakrum posterior SI
Genannt sind nur Punkte, beiSakrumposterior sakroiliakalbilaterales/unilaterales denen es Unterschiede zur bilateralen Form gibt.
  • Der iliosakrale Sulkus ist homolateral flacher.

  • Die AIL sind oft symmetrisch, da es sich bei einer unilateralen Läsion eher um eine intraossäre Verformung als um eine Bewegung um eine laterolaterale Achse handelt.

  • Die Ligg. sacrospinale und sacrotuberale sind homolateral verkürzt und vermutlich eher hyperton.

  • Hyperton sind häufig auch die homolateralen Mm. ischiocrurales und der Beckenboden.

  • Der Vorlauftest fällt vor allem im Sitzen homolateral positiv aus.

  • Die LWS ist delordosiert, hinzu kommt eine Skoliose mit homolateraler Seitneigung.

  • Oft bestehen chronische viszerale und parietale Störungen.

  • In Bauchlage ist die sakroiliakale Beweglichkeit des Sakrums nach anterior homolateral eingeschränkt.

Einfluss der Myofaszialketten
An BewegungenSakrumposterior sakroiliakalMyofaszialkettenMyofaszialkettenSakrum posterior sakroiliakal des Sakrums um die laterolaterale Achse sind die geraden anterioren Myofaszialketten (GAM, Kap. 2.1.5.4) und die geraden posterioren Myofaszialketten (GPM, Kap. 2.1.5.5) beteiligt. Von den GAM, vor allem dem M. biceps femoris und den Beckenbodenmuskeln, wird das Sakrum hauptsächlich über das Lig. sacrotuberale nach posterior bewegt. Gleichzeitig fixieren Teile der GPM das Ilium.
Im lumbosakralen Übergang kommt es zur Flexion, bei der die Gelenkfacetten auseinanderweichen. Oft liegt ein Hypertonus des Beckenbodens vor. Dadurch wird das Os coccygis nach vorn abgewinkelt und eine KokzygodynieKokzygodynieSakrum posterior sakroiliakal ausgelöst. Über durale und fasziale Verbindungen soll ein Sakrum posterior SI oft mit Läsionen in der SSB einhergehen [74, 99].
Aufrechterhaltende Faktoren des Sakrum posterior SI
Über die GAM können bestimmte Faktoren dazu beitragen, ein Sakrum posterior SI aufrechtzuerhalten, z. B. (Abb. 3.54):
  • Kongestion im unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs, z. B. bei Stau im Colon sigmoideum

  • Spannungen, Narben und Verklebungen im Beckenbodenbereich

  • Spannungen im Lig. sacrotuberale

  • Verkürzungen der Muskelfaszien innerhalb der GAM

  • Läsionen im Bereich der SSB

Links-Links- und Rechts-Rechts-Drehung des Sakrums

Das Sakrum dreht sich hierbei um die linke bzw. die rechte schräge Achse nach anterior.

Es handelt sich zwar um komplexe dreidimensionale Bewegungen, d. h. die Bewegung findet eigentlich in drei Ebenen gleichzeitig statt. Die schrägen Achsen verlaufen vom kranialsten Punkt des einen ISG zum kaudalsten Punkt des anderen ISG. Entscheidend für die Bezeichnung links oder rechts ist die Seite mit dem kranialsten Punkt. Die rechte schräge Achse verläuft demnach von rechts oben nach links unten und die linke schräge Achse von links oben nach rechts unten (Abb. 3.55).
Links-Links-Drehung (L/L)
Tests Kap. 4.6.3.2, Kap. 4.6.3.3, Kap. 4.6.10, Kap. 4.6.11; Behandlungen Kap. 5.5

Bei der L/L-Bewegung SakrumLinks-Links-Drehungmacht das Sakrum eine Drehung um die linke schräge Achse nach anterior, d. h. nach links. Das erste „Links“ steht für die Achse und das zweite „Links“ für die Richtung, in die sich das Sakrum dreht.

Die L/L-Bewegung setzt sich eigentlich aus einer Anterior-Bewegung um die mittlere transversale Achse, einer Seitneigung nach links um die dorsoventrale Achse und einer Rotation nach links um die vertikale Achse zusammen.

Bei einer L/L-Läsion kann sich das Sakrum um die linke schräge Achse gut nach links (anterior), aber nur schlecht oder gar nicht nach rechts (posterior) drehen.

Mögliche klinische Zeichen
Im Stehen
Die Position von SIAS, SIPS und Tuberculum pubicum lässt sich aufgrund der verzerrten Position des Beckens schwierig beurteilen. Häufig liegt eine Beckentorsion oder Beckenverdrehung vor.
  • Der Trochanter major befindet sich bilateral auf gleicher Höhe.

  • Der iliosakrale Sulkus ist rechts tiefer.

  • Der linke AIL des Sakrums liegt mehr dorsal.

  • Die Ligg. sacrospinale und sacrotuberale sind links verlängert; vermutlich sind sie nicht hyperton, sonst würden diese Bänder diese Bewegung nicht zulassen.

  • Der Vorlauftest im Sitzen fällt rechts meist positiv aus.

In Rücken- oder Bauchlage
  • Normalerweise besteht kein oder nur ein geringer Beinlängenunterschied.

  • Der Downing-Test fällt negativ aus.

  • Der iliosakrale Sulkus ist rechts tiefer.

  • Die BOS liegt rechts mehr anterior.

  • Der AIL befindet sich links mehr posterior.

Wichtige klinische Zeichen in Bauchlage
  • Eingeschränkte SI-Beweglichkeit des Sakrums nach posterior (nach rechts) um die linke schräge Achse.

  • Freie SI-Beweglichkeit des Sakrums nach anterior (nach links) um die linke schräge Achse.

Einfluss der Myofaszialketten
Rechte KPM (Kap. 2.1.5.7) SakrumLinks-Links-DrehungMyofaszialkettenMyofaszialkettenSakrum, Links-Links-Drehungund linke GPM (Kap. 2.1.5.5) setzen beide am linken AIL an und ziehen das Sakrum um die linke schräge Achse in Rotation nach links bzw. anteriorisieren es (Abb. 3.56). Oft entstehen dabei Blockierungen der LWS und insbesondere am lumbosakralen Übergang. Das Os coccygis ist auf Dauer nach rechts verzogen und kann schmerzen.
Eine L/L-Läsion des Sakrums soll oft Läsionen der SSB hervorrufen, z. B. eine Rechtstorsion oder eine Sidebending-Rechts-Rotation [74, 99].
Aufrechterhaltende Faktoren der L/L-Läsion
Einige Faktoren können durch Überprogrammierung der rechten KPM und der linken GPM eine L/L-Läsion des Sakrums auslösen, z. B.:
  • Verklebungen, Narben oder Unterdruck im rechten unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs, insbesondere Zäkum-„Verschlackungen“ und Appendektomie-Narben

  • Spannungen, Narben und Verklebungen in der rechten Lamina SRGVP, im rechten Mesovarium bzw. rechter Mesosalpinx

  • Spannung in der rechten Fascia thoracolumbalis, die den linken AIL überkreuzt

  • Spannung im rechten Lig. sacroiliacum dorsale longum

  • Verkürzungen von Muskelfaszien innerhalb der rechten KPM und der linken GPM

  • Beckentorsionen, z. B. Inflare links und Outflare rechts, sowie Iliumläsionen, z. B. Ilium anterior rechts und Ilium posterior links

  • Konvergenzläsion (Extension) der rechten Gelenkfacette von L5/S1

Rechts-Rechts-Drehung (R/R) des Sakrums
Tests Kap. 4.6.3.2, Kap. 4.6.3.3, Kap. 4.6.10, Kap. 4.6.11; Behandlungen Kap. 5.5

Bei der R/R-Bewegung SakrumRechts-Rechts-Drehungmacht das Sakrum eine Drehung um die rechte schräge Achse nach anterior, d. h. nach rechts. Das erste „Rechts“ steht für die Achse und das zweite „Rechts“ für die Richtung, in die sich das Sakrum dreht.

Die R/R-Bewegung des Sakrums setzt sich folglich aus einer Anterior-Bewegung um die mittlere transversale Achse, einer Seitneigung nach rechts um die dorsoventrale Achse und einer Rotation nach rechts um die vertikale Achse zusammen.

Bei einer R/R-Läsion kann sich das Sakrum um die rechte schräge Achse gut nach rechts (anterior), aber nur schlecht oder gar nicht nach links (posterior) drehen.

Mögliche klinische Zeichen
Im Stehen
Die Position von SIAS, SIPS und Tuberculum pubicum lässt sich aufgrund der verzerrten Position des Beckens schwierig beurteilen.
  • Der Trochanter major befindet sich bilateral auf gleicher Höhe.

  • Der iliosakrale Sulkus ist links tiefer.

  • Der rechte AIL des Sakrums liegt mehr dorsal.

  • Die Ligg. sacrospinale und sacrotuberale sind rechts verlängert; vermutlich sind sie daher nicht hyperton, sonst würden sie diese Bewegung nicht zulassen.

  • Der Vorlauftest im Sitzen fällt links meist positiv aus.

In Rücken- und Bauchlage
  • Normalerweise besteht kein oder nur ein geringer Beinlängenunterschied.

  • Der Downing-Test fällt negativ aus.

  • Der iliosakrale Sulkus ist links tiefer.

  • Die BOS liegt links mehr anterior.

  • Der AIL liegt rechts mehr posterior.

Wichtige klinische Zeichen in Bauchlage
  • Eingeschränkte SI-Beweglichkeit des Sakrums nach posterior, d. h. nach links um die rechte schräge Achse.

  • Freie SI-Beweglichkeit des Sakrums nach anterior, d. h. nach rechts um die rechte schräge Achse.

Einfluss der Myofaszialketten
Linke KPM (Kap. 2.1.5.7) undSakrumRechts-Rechts-DrehungMyofaszialkettenMyofaszialkettenSakrum, Rechts-Rechts-Drehung rechte GPM (Kap. 2.1.5.5) setzen beide am rechten AIL an und anteriorisieren das Sakrum bzw. ziehen es um die rechte schräge Achse in Rotation nach rechts (Abb. 3.57). Oft entstehen dabei Blockierungen der LWS und insbesondere am lumbosakralen Übergang. Das Os coccygis ist auf Dauer nach links verzogen und kann schmerzen. Eine R/R-Läsion des Sakrums soll auch Läsionen der SSB auslösen, z. B. Links-Torsion oder Sidebending-Links-Rotation [74, 99].
Aufrechterhaltende Faktoren der R/R-Läsion
Einige Faktoren können durch Überprogrammierung der linken KPM und der rechten GPM eine R/R-Läsion des Sakrums auslösen, z. B.:
  • Verklebungen, Narben oder Unterdruck im linken unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs, vor allem Verschlackungen des Sigmoids

  • Spannungen und Verklebungen in der linken Lamina SRGVP, im linken Mesovarium bzw. linker Mesosalpinx

  • Spannungen in der linken Fascia thoracolumbalis, die den rechten AIL überkreuzt

  • Spannung im linken Lig. sacroiliacum dorsale longum

  • Verkürzungen von Muskelfaszien innerhalb der linken KPM und der rechten GPM

  • Beckentorsionen, z. B. Inflare rechts und Outflare links, sowie iliakale Läsionen wie Ilium posterior rechts und Ilium anterior links

  • Konvergenzläsion (Extension) der linken Gelenkfacette von L5/S1

Links-Rechts- und Rechts-Links-Drehung des Sakrums
Tests Kap. 4.6.3.2, Kap. 4.6.3.3, Kap. 4.6.10.2, Kap. 4.6.10.3, Kap. 4.6.11; Behandlungen Kap. 5.5
Links-Rechts-Drehung (L/R)

Bei der L/R-Bewegung SakrumLinks-Rechts-Drehungmacht das Sakrum eine Drehung um die linke schräge Achse nach posterior, d. h. nach rechts. Dabei steht „Links“ für die Achse und „Rechts“ für die Richtung, in die sich das Sakrum dreht.

Die L/R-Bewegung des Sakrums setzt sich aus einer Posterior-Bewegung um die mittlere transversale Achse, einer Seitneigung nach links um die dorsoventrale Achse und einer Rotation nach rechts um die vertikale Achse zusammen.

Bei einer L/R-Läsion kann sich das Sakrum nur schlecht oder gar nicht nach links (anterior) drehen, es kann sich aber gut nach rechts (posterior) um die linke schräge Achse drehen.

Mögliche klinische Zeichen
Im Stehen
Die Position von SIAS, SIPS und Tuberculum pubicum lässt sich schwierig beurteilen.
  • Der Trochanter major befindet sich bilateral auf gleicher Höhe.

  • Der iliosakrale Sulkus ist rechts flacher.

  • Der linke AIL des Sakrums liegt mehr anterior.

  • Die Ligg. sacrospinale und sacrotuberale sind links verkürzt und vermutlich hyperton.

  • Der Vorlauftest im Sitzen fällt rechts meist positiv aus.

In Rücken- und Bauchlage
  • Normalerweise besteht kein oder nur ein geringer Beinlängenunterschied.

  • Der Downing-Test fällt negativ aus.

  • Der iliosakrale Sulkus ist rechts flacher.

  • Die BOS liegt rechts mehr posterior.

  • Der AIL befindet sich links mehr anterior.

Wichtige klinische Zeichen in Bauchlage
  • Freie SI-Beweglichkeit des Sakrums nach posterior, d. h. nach rechts um die linke schräge Achse.

  • Eingeschränkte SI-Beweglichkeit des Sakrums nach anterior, d. h. nach links um die linke schräge Achse.

Einfluss der Myofaszialketten
Rechte KAM (Kap. 2.1.5.6) SakrumLinks-Rechts-DrehungMyofaszialkettenMyofaszialkettenSakrum, Links-Rechts-Drehungund linke GAM (Kap. 2.1.5.4), insbesondere die linken Mm. ischiocrurales, posteriorisieren das Sakrum bzw. ziehen es um die linke schräge Achse in Rotation nach rechts (Abb. 3.58). Oft entstehen Blockierungen der LWS und insbesondere am lumbosakralen Übergang. Das Os coccygis ist auf Dauer nach links verzogen und kann schmerzen. Eine L/R-Läsion des Sakrums soll häufig mit einer Läsion der SSB kombiniert sein, z. B. einer Links-Torsion oder einer Sidebending-Links-Rotation [74, 99].
Aufrechterhaltende Faktoren der L/R-Läsion
Einige Faktoren können über eine Überprogrammierung der rechten KAM und der linken GAM eine L/R-Läsion des Sakrums auslösen, z. B.:
  • Kongestion im rechten unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs, z. B. Stau im Zäkum

  • Spannungen, Narben und Verklebungen im linken Beckenbodenbereich

  • Spannungen im linken Lig. sacrotuberale

  • Verkürzungen von Muskelfaszien innerhalb der rechten KAM und linken GAM

  • Läsionen der SSB

  • Flexionsläsion (Divergenz) von L5/S1 rechts

Rechts-Links-Drehung (R/L)

Bei der R/L-Bewegung SakrumRechts-Links-Drehungmacht das Sakrum eine Drehung nach posterior, d. h. nach links um die rechte schräge Achse. Dabei steht „Rechts“ für die Achse und „Links“ für die Richtung, in die sich das Sakrum dreht.

Die R/L-Bewegung setzt sich aus einer Posterior-Bewegung um die mittlere transversale Achse, einer Seitneigung nach rechts um die dorsoventrale Achse und einer Rotation nach links um die vertikale Achse zusammen.

Bei einer R/L-Läsion kann sich das Sakrum um die rechte schräge Achse gut nach links (posterior), aber nur schlecht oder gar nicht nach rechts (anterior) drehen.

Mögliche klinische Zeichen
Im Stehen
Die Position von SIAS, SIPS und Tuberculum pubicum lässt sich schwer beurteilen.
  • Der Trochanter major befindet sich bilateral auf gleicher Höhe.

  • Der iliosakrale Sulkus ist links flacher.

  • Der rechte AIL des Sakrums liegt mehr ventral.

  • Die Ligg. sacrospinale und sacrotuberale sind rechts verkürzt und daher vermutlich hyperton.

  • Der Vorlauftest im Sitzen fällt links meist positiv aus.

In Rücken- und Bauchlage
  • Normalerweise besteht kein oder nur ein geringer Beinlängenunterschied.

  • Der Downing-Test fällt negativ aus.

  • Der iliosakrale Sulkus ist links flacher.

  • Die BOS liegt links mehr posterior.

  • Der AIL befindet sich rechts mehr anterior.

Wichtige klinische Zeichen in Bauchlage
  • Freie SI-Beweglichkeit des Sakrums nach posterior, d. h. nach links um die rechte schräge Achse.

  • Eingeschränkte SI-Beweglichkeit des Sakrums nach anterior, d. h. nach rechts um die rechte schräge Achse.

Einfluss der Myofaszialketten
Linke KAM (Kap. 2.1.5.6) MyofaszialkettenSakrum, Rechts-Links-Drehungund SakrumRechts-Links-DrehungMyofaszialkettenrechte GAM (Kap. 2.1.5.4), insbesondere die rechten Mm. ischiocrurales, posteriorisieren das Sakrum bzw. ziehen es in Rotation nach links um die rechte schräge Achse (Abb. 3.59). Oft entstehen dabei Blockierungen der LWS und insbesondere am lumbosakralen Übergang. Das Os coccygis ist auf Dauer nach rechts verzogen und kann schmerzen. Eine R/L-Läsion des Sakrums soll häufig mit einer Läsion der SSB kombiniert sein, z. B. einer Rechts-Torsion oder einer Sidebending-Rechts-Rotation [74, 99].
Aufrechterhaltende Faktoren der R/L-Läsion
Einige Faktoren können über eine Überprogrammierung der linken KAM und der rechten GAM eine R/L-Läsion des Sakrums auslösen, z. B.:
  • Kongestion im linken unteren Peritonealbereich in Höhe des Beckeneingangs, z. B. ein Stau im Colon sigmoideum

  • Spannungen, Narben und Verklebungen im rechten Beckenbodenbereich

  • Spannungen im rechten Lig. sacrotuberale

  • Verkürzungen von Muskelfaszien innerhalb der linken KAM und der rechten GAM

  • Läsionen der SSB

  • Flexionsläsion (Divergenz) von L5/S1 links

Beweglichkeit des Sakrums in frontaler Ebene

Tests Kap. 4.6.3, Kap. 4.6.6, Kap. 4.6.10; Behandlungen Kap. 5.5
Wie in Kap. 3.4.1 dargelegt, lässtSakrumBeweglichkeitfrontale Ebene sich die Beweglichkeit des Sakrums um die dorsoventrale Achse z. T. auch durch die Anterior-Posterior-Bewegung der Ilia bei einer Beckentorsion erklären. Bei Seitneigung nach links um die dorsoventrale Achse entsteht eine linke schräge Achse (Abb. 3.60). Sie kann dominant werden, wenn das Sakrum diese Seitneigung beibehält, z. B. bei einer Beckentorsion mit linkem Ilium posterior und rechtem Ilium anterior. Bei Seitneigung nach rechts um die dorsoventrale Achse entwickelt sich eine rechte schräge Achse. Auch sie kann dominant werden, wenn das Sakrum diese Seitneigung beibehält, z. B. bei einer Beckentorsion mit linkem Ilium anterior und rechtem Ilium posterior.

Hinweis

In der Praxis ist es möglich, diese Beweglichkeit des Sakrums separat zu testen und zu behandeln.

Barral und Croibier [11] beschreiben diese Bewegung leider nur im Rahmen unphysiologischer Vorgänge, z. B. nach Traumen. So kann ein Sturz auf eine Seite des Sakrums dazu führen, dass sich das Sakrum unphysiologisch stark um die dorsoventrale Achse bewegt. Dadurch kommt es zu einem Superior Sacral Shear, entweder mit Up-Slip des Sakrums bzw. Down-Slip des IliumsUp-SlipSakrumDown-SlipIlium (Kap. 3.5.1).
Die Bewegung kann aber auch, wie oben beschrieben, als Folge einer Beckentorsion entstehen. Beckentorsionen können physiologisch, z. B. beim Gehen, auftreten oder sich als Dysfunktion verfestigt haben, z. B. bei bilateralen Läsionen mit einem Ilium in Inflare und einem Ilium in Outflare. Bei solchen bilateralen Läsionen der Ilia kann die Seitneigung des Sakrums von Dauer sein und damit die schräge Achse des Sakrums dominant werden.

Beweglichkeit des Sakrums in transversaler Ebene

Auch die BeweglichkeitSakrumBeweglichkeittransversale Ebene des Sakrums um die vertikale Achse lässt sich z. T., wie in Kap. 3.4.1 dargestellt, anhand der Anterior-Posterior-Bewegungen der Ilia bei einer Beckentorsion erklären (Abb. 3.61).

Hinweis

Die Beweglichkeit des Sakrums in der transversalen Ebene ist separat zu testen und zu behandeln (Kap. 4.6.10.4, Kap. 5.5.8). Doch in der Praxis wird die Rotation des Sakrums nach links und rechts wohl eher im Hinblick auf die Beweglichkeit des ganzen Beckens und weniger auf die des einzelnen Iliosakralgelenks untersucht. Während Barral und Croibier [11] auch diese Bewegung wieder nur als unphysiologisches Ereignis bei Traumen beschreiben, sieht der Autor sie als physiologisch an. Seiner Meinung nach ist sie eines der Elemente im dreidimensionalen Modell der Beckenmobilität. Man könnte sie als „Sakrum in Rotation“ bezeichnen.

Die komplexe dreidimensionale Beweglichkeit der ISG

Die entsprechendenIliosakralgelenk (ISG)Beweglichkeitdreidimensionale Läsionen ziehen oft enorme fasziale Spannungen nach sich, und ihre vielfältigen Symptome können sich auch weiter entfernt manifestieren. Dies ist verständlich, wenn man an die komplexen faszialen Verbindungen mit den Viszera, aber auch an die duralen Verbindungen und faszialen Muskelketten denkt.
Die komplexe dreidimensionale Beweglichkeit der ISG zeigt selbstregulierende und kompensatorische Mechanismen. Es ist daher unmöglich, die Bewegungsachsen immer genau zu definieren und zu lokalisieren. Vielmehr handelt es sich um variable Achsen, die von der Richtung und Größe der einwirkenden Belastungen abhängig sind.

Hinweis

Da die myofaszialen Ketten bei diesen Mechanismen eine wichtige Rolle spielen, sollte in osteopathischen Sitzungen ganzheitlich vorgegangen werden. Neben der Spannungslösung kommt daher auch dem Trainieren der Koordination, Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit der Muskelketten große Bedeutung zu.

Durch den Bau der Gelenkflächen, die Struktur des Beckens, die Komplexität der umgebenden Weichteile und Muskelketten können sich schnell Kombinationsläsionen in allen drei Ebenen aufbauen bzw. werden Läsionen selten oder nie nur in einer Ebene aufrechterhalten. Natürlich kann es durch schwere traumatische Ereignisse zu „unphysiologischen“ Blockierungen kommen, die durch extreme Schmerzen und einen kompletten Funktionsverlust der Gelenke gekennzeichnet sind (z. B. Up-Slip-Läsionen nach schweren Stürzen).

Unphysiologische ISG-Beweglichkeit

Somatische Dysfunktionen nach Trauma

BehandlungenIliosakralgelenk (ISG)BeweglichkeitunphysiologischeSomatische Dysfunktionnach Traumen Kap. 5.3.5, Kap. 5.3.6

Sacral Shear (sakrales Gleiten): Sacral Shear, Inferior/SuperiorGleitensakrales (Sacral Shear)Beim Inferior Sacral Shear gleitet das Sakrum im ISG nach kaudal und beim Superior Sacral Shear nach kranial. Bilaterales Inferior Sacral Shear kann man auch als Depressed Sacrum (Kap. 3.4.2.1) bezeichnen. Bei unilateralem Sacral Shear kommt es zu einer extremen Seitneigung des Sakrums um eine dorsoventrale Achse. Dadurch entsteht oft eine dominante schräge Achse des Sakrums.

Innominate Shear (iliakales Gleiten): InnominateInnominate Shear, Inferior/Superior Gleiteniliakales (Innominate Shear)steht hier für das Os innominatum/Ilium. Beim Superior Innominate Shear, das auch Up-Slip Up-Slipgenannt wird, bleibt das Sakrum statisch, während das Ilium nach superior gleitet, ohne das ISG zu luxieren. Beim Inferior Innominate Shear, oder auch Down-SlipDown-Slip, gleitet das Ilium entsprechend nach inferior.

Sacral Shear und Innominate Shear sind nach Meinung des Autors eher unphysiologische Bewegungen des Sakrums bzw. Iliums im ISG, die durch entgegengesetzte Kräfte ausgelöst werden (Abb. 3.62). Dabei trifft eine von oben über die Wirbelsäule auf das Sakrum einwirkende Kraft, z. B. ein auf der Schulter getragenes Gewicht, mit einer von unten auf das Ilium einwirkenden Kraft, z. B. wenn der Fuß unerwartet auf eine Stufe aufprallt, zusammen. In diesem Fall könnte das Ilium der Fixpunkt sein und das Sakrum nach inferior-anterior gleiten oder umgekehrt. Das Sakrum möchte dabei eine Seitneigung um eine dorsoventrale Achse machen.

Merke

Die Terminologie ist auch umkehrbar: So entspricht Sacral Inferior Shear einem Innominate Superior Shear bzw. Sacral Superior Shear einem Innominate Inferior Shear.

Auch durch einen Sturz auf das Tuber ischiadicum oder eine extreme Sprunglandung auf einem Bein kann diese Dysfunktion ausgelöst werden. Dadurch wird der gesamte Mechanismus, nach dem auf das Becken einwirkende Spannungen und Belastungen normalerweise verarbeitet und verteilt werden, blockiert. Ein Spannungsausgleich kann nicht stattfinden, weil die Force Closure nicht mehr ausgleichen kann und das Sakrum oder das Ilium in einer subluxierten Position hält.
Sacral Shear, Pubic Shear (Gleiten vom Os pubis)Pubic Shear und Innominate Shear können zusammen vorkommen. Dass sich die Basis ossis sacri (BOS) beim Sacral Inferior Shear nach anterior und vor allem nach inferior bewegt, hängt mit dem Aufbau des ISG zusammen. Der Angulus inferior lateralis (AIL) des Sakrums geht etwas nach posterior und hauptsächlich nach inferior.
Beim Depressed Sacrum (Kap. 3.4.2.1) Depressed Sacrumkönnte man von einer Art transversalen Achse sprechen, die sich weit inferior befindet. Hierbei verschieben sich die AIL weniger stark, sondern es sind vor allem die beiden BOS, die nach anteroinferior wandern. Bei unilateralem Shear wird sich die BOS nicht mehr in der transversalen Ebene befinden, sondern in der frontalen Ebene zur Seite geneigt sein. Das lässt kompensatorisch Stress in anderen Strukturen entstehen.
Ätiologie
  • Typisch ist ein Trauma (Sturz, Unfall usw.) in der Anamnese. Am häufigsten entsteht ein Up-Slip des Iliums.

  • Manchmal kann nach einer schweren Entbindung mit starken und lang anhaltenden Presswehen ein Depressed Sacrum vorliegen.

Symptomatik des Up-Slips des Iliums oder Sacral Inferior Shear
  • Sehr wichtig: IliumUp-SlipUp-SlipIliumDie Symptome können weit gestreut sein, vor allem wenn der Vorfall schon länger (Monate oder Jahre) zurückliegt. Geachtet werden muss auf chronische Kopfschmerzen, heterolaterale iliosakrale Hypermobilität (oft durch kompensatorische Überanstrengung) sowie Probleme der Wirbelsäule, Rippen oder unteren Extremitäten.

  • AIL auf der homolateralen Seite weit inferior.

  • Beim Depressed Sacrum stehen die SIPS sehr nahe zusammen und es besteht eine starke lumbale Hyperlordose. Die iliosakralen Sulki sind sehr tief.

  • Sehr typisch bei unilateralen Läsionen ist die kompensatorische lumbale Skoliose.

Joint-Play-Testergebnisse
  • Die homolateraleIliumJoint-Play-TestergebnisseJoint-Play-TestErgebnisse BOS hat manchmal ein minimales Gelenkspiel nach anterior, aber nach posterior ist ihr Gelenkspiel gleich null. Es fühlt sich an, als sei sie versteift und unbeweglich.

  • Das Joint Play des homolateralen AIL ist auch gleich null. Das „Klaffen“ des betroffenen ISG funktioniert nicht.

  • Bei unilateralem Sacral Shear ist das iliosakrale Gelenkspiel auf der heterolateralen Seite normal; bei chronischer Problematik kann das ISG aber schon hypermobil und sogar schmerzhaft sein.

Hypermobilität

„Lockere“ oder hypermobileHypermobilität, IliosakralgelenkIliosakralgelenk (ISG)Hypermobilität Gelenke können sowohl isoliert vorkommen als auch Teil eines Syndroms sein. Grieve [64] schreibt, dass bei Patienten mit allgemeiner Hypermobilität als erste Abweichungen am häufigsten Hernien und Varizen auftreten. Seiner Meinung nach weist das auf eine lockere Kollagenstruktur hin, die zu ernsten Komplikationen, z. B. Arterienaneurysmen, führen könnte. Eine allgemeine Zunahme der Gelenkbeweglichkeit kann auch bei erblichen Kollagenkrankheiten vorhanden sein.
WährendSchwangerschaftiliosakrale Hypermobilität der Schwangerschaft (ab dem 4. Monat) können die Becken- und LWS-Gelenke unter hormonellem Einfluss hypermobil werden. Nach geburtshilflichen und gynäkologischen Operationen kann es laut Grieve [63–66][63][64][65][66] zu Überdehnungen der Iliosakralgelenke kommen. Novotny und Dvorak [204] haben in Prag Frauen untersucht, die nach gynäkologischen Operationen unter Schmerzen im Sakralbereich litten. Sie fanden heraus, dass bei mehr als 10 % der untersuchten Frauen Abweichungen im Iliosakralbereich vorhanden waren.
Hypermobilität kann auch kompensatorisch auftreten, wenn benachbarte Gelenke steif werden. Bei coxofemoralen, lumbosakralen oder lumbalen Versteifungen kann ebenso wie bei direkten Traumen oder Überbelastung sekundär eine iliosakrale Hypermobilität entstehen.
Klinische Zeichen
  • Typische Anamnese mit Schmerzen, die bei längerem Sitzen oder Stehen, beim Tragen schwerer Lasten usw. auftreten.

  • In translatorischen Tests zeigen sich lockere, ausgeprägte Bewegungsausschläge.

  • Bewegungen im ISG sowie Provokationstests lösen Schmerzen aus.

  • Oft ist eine typische HyperlordoseHyperlordose, iliosakrale Hypermobilität mit extremem Sakrum anterior festzustellen.

  • Das Vorlaufphänomen (Flexionstest im Stehen/Sitzen, FTS/FTZ) kann auf der gesunden Seite falsch positiv sein.

Beweglichkeit des Os coccygis

Tests Kap. 4.6.12; Behandlungen Kap. 5.10
Es bedarf wohlOscoccygisBeweglichkeit keiner Erklärung, dass bei Traumen oft das Os coccygis mitbetroffen ist. Das Steißbein kann aber auch nichttraumatisch in seiner Beweglichkeit gehemmt und in einer abgewinkelten Position blockiert sein, z. B. ventral, dorsal, links oder rechts. Bei solchen Fixierungen spielt häufig der Beckenboden eine wichtige Rolle.
In der klassischen Medizin wird leider nur von Kokzygodynie gesprochen, die zudem häufig als rein psychogen gilt. Bei KokzygodynieKokzygodynie handelt es sich um Schmerzen im Bereich des Os coccygis. Es handelt sich hier wohlgemerkt um ein Symptom und nicht um eine Diagnose!
In der akuten Form einer Kokzygodynie ist meist ein Trauma (Sturz aus der sitzenden Position) die Ursache [185]. Bei der chronischen Form ist die Ursache oft unklar. Wiederholte Mikrotraumen durch eine inadäquate Sitzposition oder beim Radfahren oder Motorsport können ebenso Kokzygodynie auslösen. Bei der Frau kann eine Entbindung eine Problematik im Bereich des Os coccygis auslösen. Auch Übergewicht scheint das Risiko, an Kokzygodynie zu leiden, um das Dreifache zu erhöhen [188].
Patijn et al. [185] geben an, dass folgende Faktoren eine Rolle bei der traumatischen und idiopathischen Kokzygodynie spielen:
  • (Anteriore) Luxation oder Subluxation des Os coccygis

  • Hypermobilität der sakrokokzygealen Verbindung

  • Ein knöcherner Vorsprung am Os coccygis

Maigne [189] hat 700 Patienten mit Kokzygodynie über Jahre untersucht und fand Folgendes heraus:
  • In 40 % der Fälle findet man keinen radiologischen Befund! Ursachen für eine Kokzygodynie können auch sein:

    • intradiskale Entzündung, Bursitis, Entzündung des Lig. sacrotuberale, myofasziale Spannungen, psychoemotionale Faktoren und andere

  • In 20–25 % der Fälle findet man eine Hypermobilität! Man sollte hier zur Vorsicht mahnen, und eine pauschale Mobilisation des Os coccygis sollte unbedingt vermieden werden.

Patijn et al. [185] geben an, dass es bei Kokzygodynie immer sinnvoll ist, eine laterale Röntgenaufnahme des Os coccygis und eine manuelle Untersuchung durchzuführen. Eine schmerzhafte Beweglichkeit des Os coccygis deutet eher auf eine Beteiligung der ligamentären und muskulären Elemente. Schmerz beim Valsalva-Manöver weisen dafür eher auf eine Beteiligung neuraler Strukturen hin. Auch dynamische Röntgenaufnahmen oder MRT können sinnvoll sein, um differenzialdiagnostisch ein Bandscheibenvorfall, Infektionen im Rektumbereich, Osteomyelitis, Arthritis, intraossäre Tumoren, eine avaskuläre Nekrose oder auch eine Zyste ausschließen zu können.
Postacchini und Massobrio [193] verglichen den Winkel zwischen Sakrum und Os coccygis auf Röntgenbildern von 120 asymptomatischen Freiwilligen und 51 Patienten mit Kokzygodynie. Anhand der Röntgenbilder wurden vier Typen bei der sakrokokzygealen Konfiguration ermittelt:
  • Typ 1: Patienten mit einer leichten Angulierung des Os coccygis zum Sakrum nach ventral

  • Typ 2: Patienten mit einer deutlicheren Angulierung des Os coccygis nach ventral

  • Typ 3: Patienten mit einer starken Angulierung des Os coccygis

  • Typ 4: Patienten mit einer sakrokokzygealen Subluxation

Sie stellten fest, dass 69 % der Patienten mit Kokzygodynie zu den Typen 2–4 gehörten.
In der akuten Phase empfehlen Patijn et al. die Gabe nichtsteroidaler Entzündungshemmer [185]. In der chronischen Phase empfehlen sie eher eine manuelle Therapie und/oder lokale Injektionen eines lokalen Anästhetikums und Kortikosteroide in das schmerzhafte Segment. Aufgrund der Komplikationsgefahr und der bescheidenen Erfolgsrate raten sie von einer Kokzygektomie ab. Kokzygodynie tritt wesentlich häufiger bei Frauen als bei Männern auf (5 : 1) [185].
Aus osteopathischer Sicht ist dagegen das Os coccygis sehr wichtig, und es erscheint logisch, dass eine Läsion des Steißbeins nur mit einer Spannungsproblematik des Beckenbodens einhergehen kann. Bewegungsstörungen des Os coccygis wirken sich ebenso wie Störungen der iliosakralen oder sakroiliakalen Beweglichkeit, von denen wiederum das Steißbein beeinflusst wird, auf den Beckenboden und die Schließmuskeln aus. Das kann die Sphinkterfunktionen beeinträchtigen und zu Kontinenzstörungen führen. Ebenso kann das Ganglion impar mitbetroffen sein. Auch die duralen Verbindungen haben hierbei große Bedeutung.

Merke

An eine kokzygeale StörungKokzygeale Störung, Becken sollte man bei Beckenproblematik immer denken, weil sie mit einer umfangreichen Symptomatik in Zusammenhang stehen kann. Deshalb ist es bei Beschwerden im Beckenbereich oder bei einer kraniosakralen Problematik auf jeden Fall sinnvoll, die Beweglichkeit des Os coccygis zu untersuchen und ggf. zu behandeln.

Beweglichkeit im lumbosakralen Übergang

Behandlungen Kap. 5.6
FacettengelenkeLendenwirbelsäuleBewegungLumbosakraler ÜbergangBeweglichkeit Facettengelenkesind individuell sehr unterschiedlich aufgebaut. Die Gelenkflächen der Procc. articulares superiores der Lendenwirbel – aber auch des Sakrums – zeigen meist nach dorsal und medial. Am häufigsten sind sie dorsoventral konkav und kraniokaudal flach, doch es gibt große individuelle Formunterschiede. Die Gelenkfläche des Proc. articularis inferior von L5 ist in der Regel entgegengesetzt gestaltet, aber auch hier sind die Gelenkflächen oft nicht deckungsgleich (kongruent).
In der Literatur besteht keine Einigkeit darüber, ob Seitneigung und Axialrotation immer gekoppelt sind. Das liegt an dem Umstand, dass Faktoren mit teilweise entgegengesetztem Effekt eine Rolle spielen, z. B. die Form der Wirbelsäule, die Stellung der Facettengelenke, die Spannung der umgebenden Weichteile, Muskelverspannungen oder Schmerzen. Die Kopplung von Seitneigung und Rotation in vivo wissenschaftlich zu untersuchen, scheint eine schwierige Aufgabe zu sein. Die meisten Untersuchungen stützen sich auf Computermodelle. Gerade deswegen sind nach Meinung des Autors die klinischen Befunde erfahrener Untersucher wichtig, auch wenn sie nicht immer wissenschaftlich belegbar sind. Die manuelle Beweglichkeitsuntersuchung und Palpation des lumbosakralen Übergangs haben in diesem Zusammenhang einen hohen Stellenwert.
In Bezug auf den Lumbalbereich scheint es – außer für L5/S1 – eine relative Übereinstimmung zwischen den unterschiedlichen Untersuchungsmethoden zu geben. In neutraler Haltung sind Seitneigung und Rotation der LWS entgegengesetzt und in nicht neutraler, d. h. extremer Haltung homolateral miteinander gekoppelt. Wichtig ist, dass eine neutrale Haltung der LWS einer leichten Lordose bis leichten Kyphose entspricht.
Der Übergang L5/S1 ist aufgrund häufiger Anomalien schwieriger einzustufen.

Neutrale Bewegung: 1. Fryette-Gesetz

Die LWS befindetLendenwirbelsäuleBewegungneutrale/nichtneutraleFryette-Gesetze sich im Stehen oder bei entspanntem Sitzen in neutraler Position (N).

1. Fryette-Gesetz

Wenn sich die Wirbelsäule (BWS oder LWS) in Neutralstellung seitlich neigt oder rotiert, ergibt sich zuerst eine Seitneigung und dann eine automatische Rotation der Wirbelkörper zur Seite der Konvexität. Man nennt das eine Typ-I- oder neutrale Bewegung (nur der BWS oder LWS).
Dabei gilt:
NS(x) R(y) mit S und R heterolateral
N = neutral, S = Seitneigung, R = Rotation, x = eine Seite des Wirbels, y = andere Seite des Wirbels
Wenn der Patient steht oder sitzt, d. h. die LWS sich in neutraler Position (N) befindet, und er sich dann z. B. seitlich nach rechts neigt, wird seine LWS zuerst eine Seitneigung (S) nach rechts und anschließend eine Rotation (R) nach links ausführen. Diese Bewegung umfasst immer eine Gruppe von mindestens drei Wirbeln. Oft sind obere Lumbalwirbel zusammen mit unteren Thorakalwirbeln daran beteiligt. Sie können daher auch im Sinne einer Gruppenläsion in NSR betroffen sein. Bei der Untersuchung lässt sich dann meist ein steiferes Stück Wirbelsäule feststellen, vor allem bei der Lateralflexion. Häufig sind auch Flexion (F) und Extension (E) leicht eingeschränkt.
Fryette hat dazu angemerkt, dass Bewegungen in der neutralen Position unabhängig von den Facettengelenken ablaufen, aber abhängig von den Wirbelkörpern sind.
Nach Befunden von Lovett [97, S. 75–76] rotieren die Wirbel nur bei aufrechter Haltung, also bei lordotischer LWS, in entgegengesetzter Richtung („Lovett positiv“). Die Rotation ist bei normaler Lordose ausgeprägter als bei flacher. Bei fehlender Lordose und erst recht bei Kyphose der LWS rotieren die Wirbel dagegen in die Richtung der Seitneigung („Lovett negativ“).

Nichtneutrale Bewegung: 2. Fryette-Gesetz

Wenn sich Flexion (F) oderLendenwirbelsäuleBewegungneutrale/nichtneutrale Extension (E) der LWS dem Ende ihres Bewegungsumfangs nähern, d. h. in extremer Extensions- oder Flexionsstellung, befindet sich die LWS in nichtneutraler Position (NN).

2. Fryette-Gesetz

Wenn sich die Wirbelsäule (BWS oder LWS) in einer nichtneutralen Position befindet und eine Seitneigung oder Rotation ausführt, dann wird sich eine vertebrale Einheit (oder zwei) zuerst in Richtung der begonnenen Seitneigung oder Rotation drehen und dann homolateral eine Seitneigung ausführen. Man nennt das eine Typ-II- oder nichtneutrale Bewegung (nur der BWS oder LWS). Die anderen vertebralen Einheiten werden eine Typ-I-Bewegung ausführen.
Dabei gilt:
NNR(x)S(x) = FR(x)S(x) = ER(x)S(x) mit R und S homolateral
NN = nichtneutral, R = Rotation, S = Seitneigung, E = Extension, F = Flexion, x = eine Seite des Wirbels
Wenn der Patient z. B. gebückt ist, d. h. seine LWS sich in einer nichtneutralen Position befindet, und er sich dann z. B. seitlich nach rechts neigt, wird die LWS zuerst eine Rotation (R) nach rechts und erst danach eine Seitneigung (S) nach rechts ausführen. Diese Bewegung betrifft aber nur ein oder zwei Wirbel an der Spitze der LWS-Krümmung, während die anderen Lumbalwirbel wie bei der Typ-I-Bewegung zuerst eine Seitneigung nach rechts und dann eine Rotation nach links ausführen.
Bei einer Läsion in NNRS lässt sich bei der Untersuchung eine „Knickbildung“ feststellen. Fryette sagt dazu, dass bei nichtneutralen Bewegungen die Wirbelsäule in einer Position ist, in der die Facettengelenke die Bewegungen dominieren. Diese Art Dysfunktion ist meist sehr schmerzhaft und oft mit autonomen Reaktionen kombiniert, z. B. einer sympathischen Hyperaktivität in Organen, die von diesen Wirbelsegmenten aus versorgt werden.
Von dieser Dysfunktion sind meist Wirbel am Ende einer neutralen Gruppe oder zwischen zwei Gruppen betroffen, die sich in der gleichen Seitneigung befinden wie die nichtneutralen Gruppen.

3. Fryette-Gesetz

3. Fryette-Gesetz

Wenn in irgendeiner Ebene eines Gelenks eine Bewegung stattfindet, wird seine Bewegung in allen anderen Ebenen dadurch beeinflusst. Beispiel: Würde eine vertebrale Einheit zuerst nach vorn gebeugt, wäre demnach ihre Beweglichkeit in Seitneigung und Rotation etwas weniger, als wenn Seitneigung oder Rotation separat ausgeführt würden.
Dieses Prinzip wird in der Praxis häufig und mit Erfolg angewandt. Es besagt, dass Bewegungen sich gegenseitig beeinflussen. Daher wird sich ein anderes Verhältnis zwischen Rotation und Seitneigung ergeben, wenn zuerst die Drehung erfolgt und anschließend die Seitneigung der Wirbelsäule gemessen wird bzw. wenn zuerst die Seitneigung erfolgt und dann die Rotation gemessen wird. Solche Tests können daher gezielte Hinweise auf Dysfunktionen geben und die Behandlung kann entsprechend abgestimmt werden.

Anwendung der Fryette-Gesetze auf den lumbosakralen Übergang

Behandlungen Kap. 5.6
MachtLumbosakraler ÜbergangFryette-Gesetze, Anwendung die LWS, z. B. im Rahmen einer Anpassungsbewegung, aus neutraler Haltung heraus eine Seitneigung (nach rechts) mit Zentrierung auf L3, wird sie nach dem 1. Gesetz von Fryette zuerst eine Seitneigung (rechts) und dann eine Rotation (links) ausführen. Das Sakrum wird sich dabei kompensatorisch in Seitneigung (nach links) begeben und dadurch eine linke schräge Achse aufbauen.
Ob sich die rechte BOS daraufhin nach rechts (L/R) oder nach links (L/L) dreht, hängt von verschiedenen Faktoren ab:
  • Bewegt sich die LWS in einem neutralen oder nichtneutralen Modus?

  • Ist die Haltung der LWS entspannt oder extrem?

  • Verläuft die Schwerkraftlinie ventral oder dorsal des Sakrums?

  • Ist L5 nach vorn oder hinten geneigt?

  • Wie steht es mit der Weichteilspannung?

  • Sind die Ilia normal beweglich?

Allgemein lässt sich wohl Folgendes sagen: In einer neutralen, entspannten Haltung wird sich das Sakrum nach dem 1. Fryette-Gesetz richten, d. h. es gilt: NS(x)R(y). Das ergibt eine L/L-Bewegung des Sakrums, wenn sich die LWS in NS(rechts)R(links) bewegt (Abb. 3.63), bzw. R/R bei Bewegung der LWS in NS(links)R(rechts).
Die Beweglichkeit des Sakrums ist aber außerdem noch von der Schwerkraft, der Beweglichkeit der Ilia und vom Grad der Flexion bzw. Extension der LWS abhängig.
Befinden sich LWS und lumbosakraler Übergang dagegen in einer nichtneutralen Position, d. h. in Flexion oder in Extension, wird sich das Sakrum nach dem 2. Fryette-Gesetz verhalten: FR(rechts)S(rechts) oder L/R und sich mehr nach posterior drehen.

Hinweis

Bei allen Gesetzen ist und bleibt aber die Untersuchung der Beweglichkeit des Sakrums das Wichtigste. Der Osteopath sollte seinen geübten Händen vertrauen!

Biomechanik der Beckenmuskulatur

Aus dem bisherBeckenmuskulaturBiomechanik Gesagten ist sicherlich hervorgegangen, wie dringend notwendig es aus osteopathischer Sicht ist, die angewandte Anatomie gründlich zu überdenken und dabei vor allem die Biomechanik im geschlossenen System stärker zu berücksichtigen.
Im Folgenden gibt der Autor einige Überlegungen zur Biomechanik wieder. Viele seiner Einsichten verdankt er Prof. A. Vleeming und L. Busquet.

M. gluteus maximus

Der M. gluteus maximus (Abb. 3.64) Musculus(-i)gluteus maximusverbindet Femur, Sakrum, Ilium und Os coccygis. In einer offenen kinetischen Kette bewirkt er die Extension und Rotation der Hüfte nach außen, der M. tensor fasciae latae führt sie dagegen nach innen. In einer geschlossenen Kette zieht der M. gluteus maximus das Ilium nach posterior und in Outflare, während er das Sakrum sakroiliakal nach posterior bewegt.
Gemeinsam mit dem M. tensor fasciae latae bildet er eine V-Form und stabilisiert das Ilium in sagittaler Ebene auf dem Femurkopf. Gleichzeitig halten beide das Ilium in Outflare auf dem Femurkopf und sind daher mit den Beckenboden- und den kleinen Glutealmuskeln zusammen an den Outflare-Myofaszialketten der unteren Extremität beteiligt.
Der M. gluteus maximus wird von der Fascia glutea bedeckt. Sie ist kranial fest an die Crista iliaca, das Sakrum und die Fascia thoracolumbalis geheftet, kaudal strahlt sie in die Fascia lata und den Tractus iliotibialis ein. Der M. gluteus maximus entspringt am Lig. sacroiliacum dorsale longum (Kap. 2.3.4.2, Kap. 2.3.4.3). Fraglich ist allerdings seine Wirkung auf das Sakrum.

Mm. gluteus medius et minimus und M. tensor fasciae latae

Diese MuskelnMusculus(-i)gluteus mediusMusculus(-i)tensor fasciae lataeMusculus(-i)gluteus minimus verbinden Femur und Ilium. Alle drei wirken in einem offenen System als Abduktoren und in einem geschlossenen System als Outflare-Kräfte. M. gluteus minimus und M. tensor fasciae latae spielen zusätzlich eine Rolle bei der Flexion und Innenrotation der Hüfte in einer offenen kinetischen Kette sowie bei der Anteversion des Iliums in einer geschlossenen kinetischen Kette. Beide haben eine eigene Faszie. Sie strahlen kaudal in die Fascia lata und kranial in die Fascia glutea und Fascia thoracolumbalis ein.

Mm. obturatorii und M. piriformis

Mm. obturatorii Musculus(-i)obturatorius(-i)Musculus(-i)piriformisund M. piriformis verbinden den Trochanter major des Femurs einerseits mit dem Sakrum und andererseits mit dem Ilium. Das Interessante daran ist, dass sie in einem offenen System alle eine Außenrotation der Hüfte bewirken, aber in einem geschlossenen System ganz unterschiedliche Funktionen haben. So fördern z. B. die Mm. obturatorii eher eine Inflare Bewegung des Iliums (Abb. 3.65) und stabilisieren es in sagittaler Ebene auf dem Femurkopf (Abb. 3.66). Der M. obturatorius internus hebelt den kaudalen Teil des Iliums über sein Hypomochlion (Incisura ischiadica minor) nach ventral und führt damit eine Posteriorisierung des Iliums herbei, während der M. obturatorius externus eher eine Anteriorisierung des Iliums bewirkt (Abb. 3.66).

Die Inflare-Bewegung des Iliums ist durch die Aktivität der beiden Obturatorius-Muskelgruppen an eine Anteriorisierung des Sakrums gekoppelt. Der M. obturatorius internus zieht um die Incisura ischiadica minor herum und erhält damit einHypomochlion Hypomochlion bzw. einen Hebel-/Stützpunkt (Abb. 3.65).

Der M. piriformis fördert wahrscheinlich abhängig von der Ausgangsposition eine Anteriorisierung oder Posteriorisierung des Sakrums (Abb. 3.66) und zieht es in eine heterolaterale Seitneigung. Daher stellt sich die Frage, ob er neben dem M. gluteus maximus eine Rolle bei der Entstehung der schrägen Achsen spielen könnte.

Mm. adductores

Die GruppeMusculus(-i)adductores derAdduktoren Adduktoren (Abb. 3.67) verbindet das Femur mit dem unteren Rand des Iliums. In einem offenen System sorgen sie, wie ihr Name schon sagt, für eine Adduktion der Hüfte. In einem geschlossenen System stabilisieren sie das Ilium in sagittaler Ebene auf dem Femurkopf. Von ventralen Adduktoren wird das Ilium coxofemoral anteriorisiert und von dorsalen posteriorisiert. In der frontalen Ebene bewirken sie ein Inflare des Iliums.

Beckenbodenmuskulatur

Die BeckenbodenmuskelnBeckenbodenmuskeln (Abb. 3.68) werden unter den Gesichtspunkten der Bewegungsmechanik und Statik kaum berücksichtigt. Sie halten die Ilia in Outflare und wirken als Stoßdämpfer der Iliosakral- bzw. Sakroiliakalgelenke, indem sie die Ilia iliosakral anteriorisieren bzw. das Sakrum sakroiliakal posteriorisieren.

M. tensor fasciae latae und M. iliopsoas

DerMusculus(-i)tensor fasciae lataeMusculus(-i)iliopsoas M. tensor fasciae latae (Kap. 3.8.2) hilft im offenen System, das Bein nach innen zu rotieren. Im geschlossenen System ist er durch seine Ausstrahlung in die Fascia lata an der myofaszialen Outflare-Kette der unteren Extremität beteiligt. Er ist relativ klein und wäre daher zu schwach, um die Innenrotation allein auszuführen.
Die Innenrotation läuft folgendermaßen ab: Der M. iliopsoas zieht um das Collum femoris und den kranialen Rand des Acetabulums, die entsprechend zum Hypomochlion für die Psoassehne werden (Abb. 3.69). Wird nun das Caput femoris nach dorsal gedrückt und der Trochanter minor nach ventral gezogen, entspricht das einer Innenrotation oder besser gesagt einem Zurückdrehen der Hüfte aus einer Außenrotationsposition im offenen System.
In einem geschlossenen System kann der M. iliopsoas entweder mit den anterioren Myofaszialketten zusammenarbeiten und eine Kyphosierung der LWS auslösen, oder auch mit den posterioren Myofaszialketten und dann eine Lordosierung der LWS verursachen. Außerdem kann der M. psoas major unilateral eine Seitneigung der LWS zur gleichen Seite und eine Rotation zur entgegengesetzten Seite bewirken, entsprechend dem 1. Fryette-Gesetz: NS(x)R(y).
Der M. iliacusMusculus(-i)iliacus (in Abb. 3.69 orange dargestellt) zieht das Ilium nach anterior in eine Inflare-Stellung und zur heterolateralen Seite in einer horizontalen Ebene (Kap. 3.8.8). Dies entspricht einer Innenrotation des Iliums.
Durch Hypertonus, Spasmen und Verkürzungen des M. iliopsoas werden neutrale Läsionen der LWS aufrechterhalten. Der M. iliopsoas ist bei vielen Vorgängen eingeschaltet und wird bei der Untersuchung und Behandlung des Uterus näher besprochen (Kap. 6.2). Das Iliopsoas-Syndrom ist in Kap. 3.10 dargestellt.

Mm. ischiocrurales

Diese MuskelnMusculus(-i)ischiocrurales wirken wie ein Anker am Tuber ischiadicum und bremsen die Anteriorisierung des Iliums. Neuere Untersuchungsergebnisse von Vleeming et al. [179] deuten darauf hin, dass das Caput longum des M. biceps femoris nicht am Tuber ischiadicum, sondern fast ausschließlich am Sakrum und am Lig. sacrotuberale ansetzt, sodass vermutlich auch das Anteriorisieren des Sakrums gebremst wird (Kap. 2.3.4.3).

M. rectus femoris, M. iliacus, M. sartorius

In einemMusculus(-i)rectus femorisMusculus(-i)iliacusMusculus(-i)sartorius geschlossenen System anteriorisieren diese drei Muskeln gemeinsam das Ilium. In einem offenen System führen sie durch Anheben des Oberschenkels eine Hüftbeugung herbei. In einer geschlossenen kinetischen Kette wird das Ilium zusätzlich vom M. iliacus in Inflare und vom M. sartorius in Outflare gezogen.

M. erector spinae, Fascia thoracolumbalis, M. quadratus lumborum

Alle dreiMusculus(-i)erector spinaeMusculus(-i)quadratus lumborumFasciathoracolumbalis Strukturen sind an der Lordosierung der LWS, der Anteversion des Beckens und der Nutation des Sakrums nach anterior beteiligt (Kap. 2.3.4.6).

Biomechanische Zusammenhänge bei iliosakralen und coxofemoralen Bewegungseinschränkungen

Positionsänderungen des Acetabulums

Die BewegungenAcetabulumPositionsänderungenCoxofemoralgelenk (CFG)Bewegungseinschränkungen, BiomechanikIliosakrale Bewegung/BeweglichkeitBiomechanik und damit auch Bewegungseinschränkungen des Iliums beeinflussen sowohl das Iliosakralgelenk (ISG), die Symphysis pubica als auch das Coxofemoralgelenk (CFG), da es mit diesen Gelenken Artikulationsflächen hat. Insofern ist es unmöglich und auch unlogisch, die Bewegungen der verschiedenen Gelenke voneinander abzukoppeln. Dass sie im theoretischen Teil dieses Buches aus didaktischen Gründen doch getrennt dargestellt wurden, geschah allein mit dem Ziel, die einzelnen Strukturen und Bewegungen besser zu veranschaulichen.
Im menschlichen Organismus können sich mehrere Läsionen übereinander projizieren. In der Praxis ist es daher nötig, stets das iliosakrale, das pubikale und auch das coxofemorale Gelenkspiel separat zu überprüfen.
Beim Ilium anterior IS (Abb. 3.70) Iliumanterioriliosakralwandert das Acetabulum nach dorsokaudal, sodass die Dekoaptation im CFG oft schwierig ist. Die Wanderung des Acetabulums nach kaudal führt dazu, dass sich der Druck im CFG verändert und die coxofemoralen Gelenkflächen stark zusammengehalten werden. Bei der Untersuchung lassen sich die Gelenkflächen daher fast nicht separieren bzw. dekoaptieren.
Wenn die untere Extremität myofaszial schwach ist, kann es durch die dorsokaudale Positionsänderung des Acetabulums zu Hüftadduktion, Valgusstellung des Knies und einer eventuellen Pronation des Fußes kommen. Das entspräche einer Inflare-Läsionskette der unteren Extremität, mit der das „Längerwerden“ des Beins aufgrund der Kaudalisierung des Acetabulums kompensiert werden soll.
Die Positionsänderung des Acetabulums nach dorsal bringt das Femur in eine Flexions- und Innenrotationsstellung. Manchmal versucht das Hüftgelenk, es durch Extension und coxofemorale Außenrotation zu kompensieren. Auf Dauer können so Dekompensationsläsionen der Hüfte entstehen. Erfahrungsgemäß bilden sich zwar bevorzugt Außenrotationsläsionen der Hüfte, doch es ist nicht möglich, ein festes Schema aufzustellen.
Beim Ilium posterior IS (Abb. 3.70) Iliumposterioriliosakralbewegt sich das Acetabulum nach kranioventral. Wenn sich das Acetabulum nach ventral vorschiebt, führt dies zur Extension und Außenrotation der Hüfte. Um gegenzusteuern, bringt der Körper häufig die Hüfte bzw. das Femur kompensatorisch in eine Flexions- und Innenrotationsstellung.
Die Positionsänderung des Acetabulums nach kranial ist gleichbedeutend mit einem „Kürzerwerden“ des Beins. Dies kann eventuell durch Abduktion des Femurs, VarusstellungAbduktion, coxofemoraleVarusstellung des Knies und Supination im Fuß kompensiert werden. Solche Kompensationen entsprechen der Outflare-Läsionskette der unteren Extremität.
Beim Ilium Outflare IS (Abb. 3.71a) IliumOutflare, iliosakralOutflare-BewegungIlium, iliosakralwandert das Acetabulum nach kaudomedial und bringt dadurch die Hüfte in leichte Abduktion. Kompensatorisch kann es zu einer Adduktion des Oberschenkels kommen. Bei chronischen Outflare-Läsionen kann auf Dauer im kranialen Teil des Caput femoris und im Hüftdach eine Arthrose entstehen.
Beim Ilium Inflare IS (Abb. 3.71b) IliumInflare, iliosakralwandert das Acetabulum nach kraniolateral und bringt so die Hüfte in leichte Adduktion. Auf Dauer kann es daher zu einer kompensatorischen Abduktion des Oberschenkels kommen. Bei chronischen Inflare-Läsionen kann sich dauerhaft eine zentrale Arthrose im Hüftgelenk entwickeln.
Beim Ilium in Außenrotation IS (Abb. 3.72a) IliumAußenrotationAußenrotationIliumwandert das Acetabulum nach laterodorsal und führt damit eine leichte Adduktion und Innenrotation der Hüfte herbei. Kompensatorisch kommt es zur Abduktion und Außenrotation des Oberschenkels.
Beim Ilium in Innenrotation IS (Abb. 3.72b) IliumInnenrotationInnenrotationIliumwandert das Acetabulum nach ventromedial und führt damit eine leichte Abduktion und Außenrotation der Hüfte herbei. Kompensatorisch kommt es oft zur Adduktion und Innenrotation des Oberschenkels.

Joint Play des Coxofemoralgelenks

Vor allem die kleinenCoxofemoralgelenk (CFG)Joint PlayJoint PlayCoxofemoralgelenk Gelenkbewegungen sind osteopathisch interessant. Das soll aber nicht heißen, dass die „gröberen“ Bewegungen nebensächlich wären. Sie werden in der Orthopädie und klassischen Physiotherapie untersucht. Kleine Joint-Play-Bewegungen werden dabei gern übersehen, da sie nur funktionell zu testen und zu diagnostizieren sind. Sowohl in der Osteopathie als auch in der manuellen Medizin werden diese kleinen Bewegungen jedoch ausführlich behandelt, und nach persönlicher Erfahrung des Autors sind sie in der Praxis auch außerordentlich wichtig. Aus didaktischen und praktischen Gründen werden hier die Joint-Play-Bewegungen nur in einer Richtung beschrieben (Tab. 3.2).

Das Iliopsoas-Syndrom

In der französischenIliopsoas-Syndrom Literatur spricht man bei diesem Phänomen von einer Pseudorotation des Beckens. Der Autor zieht die Bezeichnung Iliopsoas-Syndrom vor, da mehrere Faktoren zusammenspielen und Blockierungen des Iliums zwar manchmal fehlen („Pseudo“), aber genauso gut auch vorhanden sein können.

Beteiligte Strukturen

Anatomische Grundlagen
Der M. iliopsoasMusculus(-i)iliopsoas besteht aus M. psoas major et minor und M. iliacus und zählt zu den ventralen Hüftmuskeln.
M. psoas majorSeineMusculus(-i)psoas major oberflächliche Schicht entspringt an den Wirbelkörpern von Th12–L4 und den Disci intervertebrales. Seine tiefe Schicht entspringt an den Procc. costales von L1–L4 (L5). Diese Muskelbündel inserieren gemeinsam mit dem M. iliacus am Trochanter minor.
M. psoas minorDieser – inkonstante – MuskelMusculus(-i)psoas minor entspringt an der Vorderfläche von Th12 und L1 und inseriert an der Eminentia iliopubica. Er strahlt in die Fascia iliaca ein und baut den Arcus iliopectineus mit auf.
M. iliacusSeinMusculus(-i)iliacus Ursprung befindet sich in der Fossa iliaca, an der Spina iliaca anterior inferior (SIAI), an der Lacuna musculorum und an der vorderen Hüftgelenkkapsel. Er inseriert gemeinsam mit dem M. psoas major am Trochanter minor und reicht bis zum Labium mediale der Linea aspera.
Fascia iliacaDie Fascia iliacaFasciailiaca umhüllt den M. iliopsoas und ist kranial mit der Faszie des Zwerchfells verbunden. In ihr setzt sich die Fascia transversalis oder Fascia abdominis internaFasciaabdominisinterna fort. Kaudal strahlt sie in die Fascia pelvis parietalis ein. Da die Fascia iliaca eine trichterförmige, geschlossene „Tüte“ bildet, können sich in ihr entzündliche Prozesse vom Zwerchfell bis in den Canalis femoralis ausbreiten.

Hinweis

Wichtig ist, dass fasziale Spannungen vom Zwerchfell auf die Hüfte und umgekehrt übertragen werden können, ohne dass dabei andere myofasziale Verbindungen eine Rolle spielen müssen.

Zwischen den beiden Schichten des M. psoas major befindet sich derPlexuslumbalis Plexus lumbalis. Demnach kann der Plexus lumbalis (Kap. 2.5.2) sowohl bei Hypertonus als auch bei faszialen Verklebungen in Mitleidenschaft gezogen werden. Häufig sind dann Parästhesien und neurologische Symptome vorhanden, die eine Bandscheibenproblematik vortäuschen können.

Funktion des M. iliopsoas
Sie wird in Kap. 3.8.6 ausführlich besprochen. Kurz zusammengefasst:
  • Im offenen System Flexion und Innenrotation der Hüfte. Bei ausreichender Hüftflexion (vermutlich etwa ab 45°) und sobald sich der Trochanter minor ventral der kraniokaudalen Achse befindet, wird der M. iliopsoas eher die Außenrotation unterstützen. Weitere wissenschaftliche Untersuchungen wären hier wünschenswert.

  • Im geschlossenen System bilaterale Flexion oder segmentäre Extension sowie unilaterale NS(x)R(y) der LWS mit Anteriorisierung, Inflare und Innenrotation des Iliums.

Krankheitsbild des Iliopsoas-Syndroms

Ätiologie
Dass es vielfältige Ursachen geben kann, zeigt schon die Häufigkeit des Vorkommens. Damit wird auch deutlich, dass eine einseitige Behandlung des M. iliopsoas wenig Sinn hat.
Übersäuerung und Verschlackung
Lokale und systemischeÜbersäuerung, Iliopsoas-SyndromVerschlackungIliopsoas-Syndrom Azidosen können dazu führen, dass Interstitium, Gefäße, Nerven, Gelenke und Muskeln verschlacken. Der M. iliopsoas ist so oft betroffen, dass er manchmal als Mülldeponie des Körpers betrachtet wird.
Unsere Esskultur ist insbesondere auf Quantität ausgerichtet und wird dadurch fast zur „Fresskultur“. Oft essen wir erst in den späten Abend- oder Nachtstunden, wenn die Tätigkeit der Verdauungsorgane stark eingeschränkt ist. So können Abbauprodukte des Eiweiß- und Kohlenhydratstoffwechsels nicht mehr oder nur ungenügend ausgeleitet werden und lagern sich im Interstitium an.
Nietzsche [125] schrieb wohl zu Recht: „Wir Modernen, wir Kurzatmigen in jedem Sinne, wir krepieren an übermäßiger Fütterung und sterben an mangelnder Verdauung […].“
Fehlhaltungen und Traumen
Körperhaltungen, beiTraumenIliopsoas-SyndromIliopsoas-SyndromTraumenIliopsoas-SyndromFehlhaltungen denen man sich über längere Zeit zu einer Seite hinüberbeugt und zur anderen Seite hindreht, führen auf Dauer dazu, dass sich nicht nur Muskeln, sondern auch die intrafusalen Fasern in den Muskelspindeln verkürzen. Durch das Heben schwerer Lasten in Flexion, d. h. wenn das Gewicht mit einer Seitneigung und Drehung des Oberkörpers hochgehoben wird und der M. iliopsoas die LWS in Flexion hält, kann eine akute Problematik ausgelöst werden. Hier tritt das 2. Fryette-Gesetz in Kraft: NNR(x)S(x) (Kap. 3.7.2). Oft kommt es zur Blockierung eines lumbalen Wirbels oder von Th12/L1.
Viszerale Störungen (Kolon, Nieren, Ovarien)
Die Fascia iliacaViszerale DysfunktionIliopsoas-Syndrom steht auf der rechten Seite mit Zäkum und Appendix und auf der linken Seite mit dem Colon sigmoideum in Kontakt. Darmprobleme wie z. B. Appendizitis, Reizdarm oder/und starke anhaltende Blähungen könnten möglicherweise zu einem Hypertonus des M. iliopsoas führen.
Da der M. iliopsoas und seine Faszie auch Kontakt zu den Nieren und den Ureteren haben, könnten sowohl Nierensteinchen oder Nierengries als auch eine schlechte Mobilität der Nieren Reizfaktoren für den M. psoas darstellen.
Denkbar ist auch, dass über eine ovarielle Reizung der darunterliegende M. iliopsoas hyperton werden könnte.
Symptomatik
  • Neurologische Symptomatik mit Ausstrahlung in die Leistengegend sowie die ventrale und laterale Seite des Oberschenkels. Da die Nerven des Plexus lumbalis entweder durch die beiden Schichten des M. psoas major ziehen oder lateral an ihm entlanglaufen, kann ein Hypertonus des M. iliopsoasHypertonusMusculusIliopsoasMusculus(-i)IliopsoasHypertonus hier für Engpässe sorgen (Kap. 2.5.2).

  • LWS-BlockierungenLendenwirbelsäuleBlockierungenIliopsoas-Syndrom.

  • Rotation des Beckens zur heterolateralen Seite bei einem Iliopsoasspasmus. Es müssen aber nicht unbedingt Blockierungen der Ilia vorliegen, sondern es kann sich auch um reine muskuläre Spannungen im Sinne der NS(x)R(y) der LWS handeln.

  • Inflare-LäsionenIlium-Inflare-Läsion, Iliopsoas-Syndrom des homolateralen Iliums; oft liegen auch Beckentorsionen vor.

  • SakrumläsionenSakrumläsionIliopsoas-Syndrom um eine schräge Achse sind oft ausgeprägt, weil der M. iliacus das homolaterale Ilium Inflare hält und sich so eine dominante schräge Achse des Sakrums aufbaut.

  • Häufig BewegungseinschränkungenIliumBlockierungen, Iliopsoas-Syndrom und Blockierungen des Hüftgelenks, auf Dauer auch Kapselveränderungen.

  • Anovulatorischer Zyklus und MenstruationsbeschwerdenAnovulatorischer Zyklus, Iliopsoas-SyndromMenstruationsbeschwerden, Iliopsoas-Syndrom. Dobrik [46] spricht daherGenito-iliopsoatic Syndrome vom Genito-iliopsoatic Syndrome, bei dem chronische Psoasspasmen den Eisprung verhindern und chronische Eierstockentzündungen wiederum Psoasspasmen auslösen können.

  • Wegen der engen Verbindung der Faszie des M. iliopsoas zum Truncus sympathicus sind vegetative Symptome und emotionale Reaktionen möglich.

  • Oft entwickelt sich auch ein Hypertonus im homolateralen Zwerchfellschenkel und die Atmung wird beeinträchtigt.

Zusammenfassung

Biomechanik des Beckens

Für das Verständnis der Biomechanik des Beckens sind Faktoren wichtig, die aus der Entwicklungsgeschichte des Menschen, Aufrichtung zum Zweifüßerstand, resultieren. Dabei hat sich mit der Zeit die Form an die Funktion angepasst, und dies geschieht auch weiterhin. Es wird immer deutlicher, dass mehr in Zusammenhängen von funktionellen Ketten gedacht werden muss. Der Mensch könnte niemals aufrecht stehen bleiben, wenn der Rumpf nicht über Gelenke, Muskel- und Faszienketten mit den unteren Extremitäten verbunden wäre.
Im Sinne der ganzheitlichen Medizin ist es auch wichtig, die Faszien der inneren Organe miteinzubeziehen, denn die Stabilisatoren – die myofaszialen Ketten – werden dafür sorgen, dass sich die „Hülle des Körpers“ an den „Inhalt“ anpasst. Sowohl externe als auch interne Spannungen und Einwirkungen sollten das dynamische Gleichgewicht möglichst nicht stören. Doch unsere vornehmlich sitzende Lebensweise mit stundenlangen Strapazen für unsere Sitzknochen hat diesbezüglich oft verhängnisvolle Folgen.
Das wunderbare Zusammenspiel der verschiedenen Gelenke und Myofaszialketten sieht man am deutlichsten während des Gehens (Kap. 3.4.1). In Abb. 3.83 ist als Beispiel eine Gangphase – mit dem linken Bein vorn und dem rechten Bein hinten – dargestellt: In diesem Fall ist das linke Ilium nach posterior und das rechte Ilium nach anterior gedreht. Das Sakrum macht dabei eine Seitneigung nach links und bekommt eine linke schräge Achse. Es bewegt sich um diese linke schräge Achse, um den Anforderungen der Tensegrity zu genügen und für Spannungsausgleich zu sorgen. Abhängig von der Belastung durch das Körpergewicht, der Beweglichkeit der LWS und der umgebenden Weichteile kann das Sakrum entweder eine L/L- oder eine L/R-Bewegung ausführen. Daraus resultiert eine Seitneigung der LWS nach rechts mit einer Rotation nach links, die nach kaudal schwächer wird.
Man könnte hier die gleiche Metapher wie bei den Myofaszialketten anwenden, dass es die Symphonie aller mitspielenden Solisten ist, die das momentane „Glück“, sprich in diesem Fall die Gesundheit, aufrechterhält. Nur im Zusammenspiel aller ist das Ganze funktionsfähig. Ist es im Leben nicht auch so?
Nur wenn man alle Faktoren, die an der Stabilität und Dynamik des Beckens mitarbeiten, zusammennimmt, bekommt man eine wirkliche Vorstellung von den spannungseinheitlichen Dimensionen.
Die Beckenorgane sind „viskoelastisch“ aufgehängt, und auch die Gelenke mit ihren Kapseln und myofaszialen Strukturen bestehen aus lebendigem Gewebe, das viskose und elastische Eigenschaften kombiniert. Solche Strukturen federn bei gutem Gesundheitszustand in ihre neutrale Position zurück. In diesem Sinne ist auch das Titelbild mit dem spannungseinheitlichen Ikosaeder im Beckeneingang zu verstehen.
In Tab. 3.3 ist eine Übersicht über die parietalen Läsionen zusammengestellt.

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