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B978-3-437-56011-8.00002-2

10.1016/B978-3-437-56011-8.00002-2

978-3-437-56011-8

Anlegen der Hand zur Abmessung des Bauchmaßes

Oberfläche der vorderen Bauchwand mit deutlich erkennbarer Begrenzung des Dünndarmkonvoluts

Bauchformen nach F. X. Mayr. Noch bevor im Rahmen der üblichen internistischen Diagnostik auffällige Befunde erhoben werden, können Bauchformveränderungen pathologische Zustände anzeigen. a: Normalbefund. b: Entzündlicher Kahnbauch. c: Entzündlicher Kotbauch. d: Schlaffer Kotbauch. e: Gasbauch. f: Gaskotbauch.

Thoraxformen nach F. X. Mayr. Die Pfeile zeigen die Zwerchfellbewegung bei In- und Exspiration an. a: Normaler Thorax. b: Birnenförmiger Thorax. c: Schellenförmiger Thorax. d: Glockenförmiger Thorax.

Schutzbuckel nach Mayr

Zugewinn an Brustraum durch Verkürzung des Halses. a: Normalbefund. b: Verkürzter Hals.

Haltungsformen nach F. X. Mayr. a: Normalhaltung. b: Anlaufhaltung. c: Habachthaltung. d: Entenhaltung. e: Lässige Haltung. f: Sämannshaltung. g: Großtrommelträgerhaltung.

Test des kraniozervikalen Diaphragmas

Test des zervikothorakalen Diaphragmas

Test des thorakoabdominalen Diaphragmas

Test des Diaphragma pelvis

Erreichen des PBET (point of balanced entodermal tension) am Beispiel des Zäkums

Neuronale Inhibition am Beispiel des Zäkum

Neurovegetative Innervation der OrganeInnervation:neurovegetative

Tab. 2.1
Organ Sympathische Innervation Parasympathische Innervation
Magen, Leber, Milz, Pankreas Th6–Th9 kranial, N. vagus
Duodenum, Dünndarm Th9–Th11 kranial, N. vagus
Niere Th10–Th12 kranial, N. vagus
Colon ascendens, Colon transversum bis Cannon-Böhm-Punkt Th10–Th11 kranial, N. vagus
Colon transversum ab Cannon-Böhm-Punkt, Colon descendens, Colon sigmoideum, Rektum Th12–L2 S2–S4, N. splanchnicus
Harnblase L1–L3 S2–S4, N. splanchnicus
Uterus Th10–L3 S2–S4, N. splanchnicus
Herz Th1–Th4, Halsganglien kranial, N. vagus
Lunge Th1–Th5, Ganglion cervicale inferius kranial, N. vagus

Diagnostik- und Behandlungsprinzipien

Therapeut auf den Fotos:

Michel Puylaert

  • 2.1

    Viszerale Konzepte Michel Puylaert34

    • 2.1.1

      Anfänge der viszeralen Therapie34

    • 2.1.2

      Frantz Glenard (1899)34

    • 2.1.3

      Andrew T. Still, William G. Sutherland, Robert Fulford35

    • 2.1.4

      Jacques Weischenck35

    • 2.1.5

      Jean-Pierre Barral und Pierre Mercier35

    • 2.1.6

      Georges Finet und Christian Williame35

  • 2.2

    Inspektion Torsten Liem35

    • 2.2.1

      Allgemeine Inspektion36

    • 2.2.2

      Diagnostik nach F. X. Mayr36

  • 2.3

    Osteopathische Diagnostik Michel Puylaert47

    • 2.3.1

      Globale fasziale Diagnostik47

    • 2.3.2

      Lokale fasziale Diagnostik48

    • 2.3.3

      Thermischer Test49

    • 2.3.4

      Perkussion50

    • 2.3.5

      Tests der Diaphragmen51

    • 2.3.6

      Reflexzonen und Hinweiszeichen54

    • 2.3.7

      Provokationstests56

    • 2.3.8

      Viszerale Tension (Tensionstest)56

    • 2.3.9

      Palpation57

  • 2.4

    Osteopathische Behandlung58

    • 2.4.1

      Wirkungen Michel Puylaert58

    • 2.4.2

      Behandlungsmethoden Michel Puylaert58

    • 2.4.3

      Behandlungsablauf Michel Puylaert64

  • 2.5

    Kontraindikationen Michel Puylaert65

  • 2.6

    Wirkungen einer osteopathischen Behandlung Michel Puylaert65

  • 2.7

    Chapman-Reflexe: von der Theorie zur Praxis Christian Fossum66

    • 2.7.1

      Einleitung66

    • 2.7.2

      Historischer Hintergrund67

    • 2.7.3

      Befundung anhand der Chapman-Reflexe68

    • 2.7.4

      Integration der Chapman-Reflexe in die klinische Behandlung70

    • 2.7.5

      Experimentelle Forschung71

    • 2.7.6

      Klinische Forschung72

    • 2.7.7

      Zusammenfassung72

Viszerale Konzepte

Michel Puylaert
Das Diagnostik:viszerale KonzepteBehandlungsprinzipienviszerale Konzepte, viszeraleSystem beinhaltet die inneren Organe samt bindegewebiger Hüllen und Versorgungsbahnen (Nerven, Blut-, Lymphgefäße). Die Organe liegen im Thorax, Abdomen und kleinen Becken. Es gibt eine Vielzahl von Berührungspunkten mit anderen Strukturen oder Systemen, z. B. mit dem parietalen System, mit denen sie in einem funktionellen Gleichgewicht stehen und sich dadurch gegenseitig beeinflussen. Der Übergang von einem System zum anderen ist fließend, so sind z. B. die Rippen über die Fascia endothoracica eng mit der Pleura parietalis verbunden.
Der Kern der osteopathischen Diagnostik und Therapie ist Bewegung: Der Körper funktioniert dank der Möglichkeit, alle Bewegungen ausführen zu können. Zum besseren Verständnis entstand der Begriff der viszeralen Artikulation bzw. des viszeralen viszerales Gelenk (s. viszerale Artikulation)Gelenks. Dieses Gelenk hat Ähnlichkeit mit Gelenken des Bewegungsapparats, besitzt aber keine motorischen Muskeln. Es besteht aus dem Organ selbst und zwei Hauptelementen, die je nach Organ anders aussehen, nämlich
  • GleitflächenGleitflächen wie Serosa (Meningen, Pleura etc.) und

  • haltgebenden haltgebende StrukturenStrukturen: u. a. Mesenterien, Ligamenten und Peritoneum.

Auf viszerale Gelenke wirken nicht nur mechanische und trophische Faktoren ein, sondern auch andere Elemente, u. a. Ernährungsgewohnheiten und Stress. Aufgrund dieser vielfältigen Einflüsse orientiert sich der Therapeut an der Palpation, um subtile Unterschiede in der Bewegung (z. B. Motilität) oder eine Veränderung der Struktur (z. B. Dermalgiereflexe nach Jarricot) zu untersuchen und behandeln. Ein „normales“ Abdomen befindet sich im Gleichgewicht, und weil der elastische Widerstand fast überall gleich ist, ist es nicht einfach, eine bestimmte Struktur zu palpieren.
Ein Hauptmerkmal viszeraler osteopathischer Dysfunktionen:osteopathische viszeraleDysfunktionen besteht darin, dass das betroffene Organ palpierbar und in seiner Beweglichkeit gestört ist. Das bedeutet, dass sich Trophik, Spannung oder Volumen geändert haben und die Organfunktion gestört ist.
Auf diesen Parametern basieren verschiedene Konzepte, die im Folgenden dargestellt werden und die entscheidend zur Entwicklung der viszeralen Osteopathie beigetragen haben.

Anfänge der viszeralen Therapie

Schon im 6. Jahrtausend v. Chr. befassten sich die Chinesen mit der Beweglichkeit der inneren Organe. Mit einem speziell entwickelten Werkzeug, einem Hammer mit Noppen, massierten sie den Bauch, um die Bauchorgane anzuregen und deren Funktion zu verbessern. Erst viel später wurden Diagnose- und Behandlungstechniken entwickelt, um die viszeralen Organe beeinflussen zu können, u. a. durch Senepart in Belgien (um 1700), Brandt in Schweden (1859) und Stapfer in Frankreich (1897).

Frantz Glenard (1899)

Nach Landau (1885) untersuchten auch Glenard, FrantzGlenard und Siraud (1895), wie abdominaler Druck (Tension) und Statik der peritonealen Organe zusammenhängen. Aufgrund der Ergebnisse zahlreicher Experimente beschrieb Glenard ein System, das die räumliche Anordnung der Organe innerhalb des Abdomens und deren Auswirkung gegenüber der Schwerkraft erklären sollte. Demnach sind die Organe so verteilt, dass 3 Etagen, die sog. Blätter von Glenard, gebildet werden. Glenard beschrieb als Erster eine viszerale Dynamik.
Auch heute noch werden von Glenard entwickelte und nach ihm benannte Techniken in der Osteopathie angewendet.

Andrew T. Still, William G. Sutherland, Robert Fulford

Schon Still, Andrew T.Anfang Fulford, Robertdes 20. Jahrhunderts Sutherland, William G.behandelten Osteopathen die Organe mit der sog. „ventralen Technik“. Hierbei erfolgte eine Behandlung der Organe über muskuläre Strukturen, indem deren erhöhter Tonus direkt inhibiert wurde. Diese Techniken wurden über die Jahre erweitert, gingen aber teilweise auch verloren.

Jacques Weischenck

Orientiert an den Arbeiten Weischenck, Jacquesvon Glenard, Stapfer und Brunel über die Leber und die Nieren entwickelte Weischenck Techniken für alle Abdominalorgane. Er untersuchte und behandelte die viszeralen Organe nur mit direkten Techniken (2.4.2). Sein erstes Buch „Traité d‘ostéopathie viscérale“ (1982) ist eines der großen Standardwerke.

Jean-Pierre Barral und Pierre Mercier

In den 70er-Jahren erforschten Barral, Jean-PierreBarral und Mercier, PierreMercier die viszeralen Gewebe. Sie formulierten die Arbeitshypothese, dass jedes Organ eine Beweglichkeit (Mobilität) gegenüber anderen Organen und Strukturen sowie eine Eigenbewegung (Motilität) besitzt. Jede Veränderung seiner Mobilität oder Motilität, sei sie auch noch so minimal, hat Einfluss auf das ganze System. Klinische Beobachtungen und wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass gezielte viszerale Manipulationen die Beweglichkeit der viszeralen Organe wiederherstellen können. Obwohl die Motilität nicht eindeutig nachgewiesen ist, gilt sie als wichtiger Teil der viszeralen Behandlung.

Georges Finet und Christian Williame

Finet, GeorgesFinet und Williame, ChristianWilliame untersuchten die Bewegungen der peritonealen Organe in Bezug zur Atmung. In zahlreichen bildgebenden Untersuchungen (u. a. Sonografie und Röntgen) ließen sich spezifische Bewegungen der Organe darstellen, die durch die Atmung entstehen. Diese Bewegungen, die als „Mobilität nach Finet und Williame“ bezeichnet werden, dienen zur Diagnostik von Dysfunktionen. Die Behandlung zielt auf eine Wiederherstellung dieser physiologischen Bewegungen ab und kann nachweislich Verbesserungen in der Beweglichkeit bewirken.

Inspektion

Torsten Liem
Bei der Befunderhebung Inspektionmuss beachtet werden, dass der sog. Normalzustand auf Durchschnittswerten nicht kranker Menschen beruht. Diese Durchschnitts- oder Richtwerte sind vom Körperbau, Alter, Geschlecht usw. abhängig.
Nach einer eingehenden AnamneseAnamnese – Fragen zum Geburtsverlauf, zu Belastungen, Ermüdbarkeit, Ernährung, Verdauung, Ausscheidung (Stuhl und Urin) werden organspezifische Fragen gestellt, die in den jeweiligen Kapiteln aufgeführt sind.

Allgemeine Inspektion

Der stehende InspektionPatient wird von allen Seiten systematisch in Augenschein genommen und auf Auffälligkeiten untersucht:
  • Allgemeiner Eindruck:

    • Atmung: gleichmäßig, thorakal, abdominal

    • Hautfarbe: blass, rot, unauffällig

    • Narben

    • Fettverteilung, adipös oder mager

    • Augen: Miosis, Mydriasis

    • Verhaltenstyp: ruhig oder unruhig

  • Krümmungen der Wirbelsäule: Hyper- oder Hypolordose, Hyper- oder Hypokyphose, Skoliose

  • Position des Beckens: Torsion, Seitneigung, Ante- oder Retroversion

  • Gewichtsverteilung: auf Vorfüßen oder Fersen (anteriorer oder posteriorer Typ)

  • Position der Schultern (hoch, tief, anterior, posterior) und der Schlüsselbeine (Torsion, hoch, tief)

  • Position des Kopfes: Seitneigung, Rotation

  • Seitenvergleich der Schultergürtel- und Beckengürtel-Rotation: gleiche oder gegenläufige Richtung

  • Beinstellung: Außen- oder Innenrotation der unteren Extremitäten

  • Abdomen:

    • konvex oder konkav, gleichmäßig oder Unterschiede zwischen Ober- und Unterbauch

    • Position des Bauchnabels

    • Verlagerung der Bauchmasse, z. B. nach kaudal

Diagnostik nach F. X. Mayr

Dr. Franz Xaver Mayr, Franz XaverMayr schrieb dem Verdauungstrakt:Bedeutung/Diagnostik nach MayrVerdauungstrakt eine besondere Bedeutung für die Gesundheit zu. Laut Mayr haben sich heute bei den meisten Menschen Rückstände oder Schlacken abgelagert, sodass der Verdauungstrakt oft entzündet und nicht mehr voll leistungsfähig und gesund ist. In vielen Fällen würde man ihn allgemein noch als gesund bezeichnen, obwohl er nach Mayr bereits mehr oder weniger geschädigt ist. Mayr ließ sich besonders von folgenden Fragen leiten:
  • An welchen Merkmalen ist die Gesundheit des Menschen im Allgemeinen und seines Verdauungsapparats im Besonderen zu erkennen?

  • Welche Form hat ein gesunder Bauch?

  • Wann geht Gesundheit in Krankheit über?

Die von Mayr erarbeitete „Diagnostik der Gesundheit“ stellt eine große Unterstützung bei der osteopathischen Diagnostik:nach F.X. MayrDiagnostik dar. Inwieweit der Gesundheitszustand von seiner Optimalform abweicht (sog. Krankheitsvorstadien), kann so schon lange vor dem Auftreten pathologisch-medizinischer Parameter beurteilt werden, ebenso wie eine Verbesserung oder Verschlechterung des Gesundheitszustands im Laufe der Behandlung.
Abdomen
Die Größe des Abdomen:DiagnostikAbdomens richtet Diagnostik:Abdomensich nach seinem Inhalt. Aufgrund ihrer Größe beanspruchen v. a. Dünndarm, Dickdarm und Leber viel Platz und sind daher in besonderem Maße an einer Größenzunahme des Bauchraums beteiligt.
Der gesunde Darm hält sich selbst im (schwebenden) Gleichgewicht. Bei einer Darmatonie kommt es durch die Erschlaffung der Längs- und Ringmuskulatur jedoch zu einer Verlängerung und Verdickung des Darmes. Zusätzlich führt die verminderte Peristaltik zu einer Stagnation und damit Zunahme des Darminhalts. Die Verdauung ist gestört, es bilden sich Gase, und die Fähigkeit, sich aus eigener Kraft in seiner ursprünglichen Lage zu halten, geht verloren. Dies hat ein Absinken ins kleine Becken, einen steigenden Raumbedarf und somit eine Vergrößerung des Bauchraums zur Folge.
Normalbefund
Im Stehen
  • Stufenloser Übergang vom Thorax zum Bauchraum

  • Der Bauch wölbt sich oberhalb der Verbindungslinie beider SIAS.

In Rückenlage
  • BauchmaßBauchmaß: Der Abstand zwischen beiden Rippenbögen und der Verbindungslinie beider SIAS entspricht in etwa der Spannweite der ausgestreckten Hand (Abb. 2.1).

  • Dünndarm:RinneDünndarm: Die Dünndarmschlingen haften durch ihre glatte Oberfläche aneinander und bilden eine Art Knäuel (Konvolut), das mit einer Hand durch die Bauchwand hindurch umfasst und bewegt werden kann. Zieht man das Knäuel nach kaudal, schnellt es anschließend im Normalfall kraftvoll wieder nach kranial. Durch die weiche Bauchdecke ist eine „Rinne“ als Begrenzung des Dünndarms erkennbar. Sie beginnt unter dem Rippenbogen und verläuft beidseits lateral des M. rectus abdominis. Auf Höhe der SIAS verläuft sie in einer etwa 4 Querfinger breiten Vertiefung oberhalb des Schamhügels (Abb. 2.2).

Störungsbilder
Asymmetrie bei Enteroptose
Bei Dünndarm:DiagnostikAbsenkung des Dünndarms (Enteroptose) Enteroptoseist seine Rinne in Rückenlage weniger deutlich ausgeprägt. Dies beginnt in der Regel auf der rechten Seite, da im Endbereich des Ileums stärkere Zersetzungsvorgänge stattfinden als im übrigen Dünndarm. Selbst wenn der Bauch noch relativ klein ist, wird die rechte Bauchhälfte schon deutlicher hervortreten.
Bei fortschreitender Enteroptose wird zunächst die Vertiefung oberhalb der Schamgegend und schließlich auch die Rinne links oben (Bereich des Jejunums) verschwinden.
Vorwölbung der Bauchwand und verminderte Bauchatmung
Eine Vergrößerung der Bauchhöhle:VergrößerungBauchhöhle kann folgende Veränderungen auslösen:
  • Drehung des Beckens nach inferior (anterior)

  • Hebung des Zwerchfells nach kranial

  • Ausdehnung des infradiaphragmalen Raums und Erweiterung des Thorax (InspirationshaltungInspirationshaltung bei Anspannung der interkostalen Inspirationsmuskeln)

  • Hochziehen des Thorax durch Verkürzung des Halses

Nachdem alle räumlichen Ausdehnungsmöglichkeiten der vergrößerten Bauchhöhle nach kranial (thorakal) ausgeschöpft sind, wird es zu einer Vorwölbung der vorderen Bauch:VorwölbungBauchwand kommen. Dadurch nimmt wiederum die ökonomische Bauchatmung:verminderteBauchatmung ab.
Formveränderung im vorderen Bauchbereich
Entzündlicher Kahnbauch (Abb. 2.3b)
Er Bauch:Formveränderungen (nach Mayr)entsteht, wenn wenig KahnbauchDarminhalt und gleichzeitig entzündliche Veränderungen vorhanden sind. Da sich die Bauchdecke anspannt und kahnartig einzieht und das Zwerchfell hochgestellt wird, verlagern sich die Bauchorgane nach oben. Der Bauch ist empfindlich, mit harter, gespannter Bauchdecke, und in einer deutlichen Stufe vom Thorax abgesetzt.
Entzündlicher Kotbauch (Abb. 2.3c)
Durch KotbauchFäulnisprozesse (z. B. durch übermäßigen, übermüdeten oder zu hastigen Verzehr tierischer Nahrung) vermehrt sich der Darminhalt. Bei anhaltender Entzündung entsteht eine lageunabhängige Vorwölbung um den Nabel herum. Der Bauch ist hart und mehr oder weniger druckempfindlich. Willentlich lässt er sich nicht entspannen.
Schlaffer Kotbauch (Abb. 2.3d)
Bei fortdauernden und zunehmenden Fäulnisprozessen geht die chronische Entzündung vom hyperaktiven ins erschlaffte (Lähmungs-)Stadium über, der Bauch senkt sich durch die weitere Vergrößerung und „Verkotung“ des Darmes. Die Bauchwand ist nicht mehr gespannt, sondern schlaff und im unteren Abschnitt vorgewölbt. Die Bauchdecke ist weich und nicht mehr druckempfindlich.
Der Abstand des Bauchnabels zum Schamhügel ist größer als sein Abstand zum Proc. xiphoideus (wie beim entzündlichen Kotbauch).
Gasbauch (Abb. 2.3e)
Der vorwiegende Verzehr pflanzlicher GasbauchNahrung führt zu Gärungsprozessen im Darm. Dadurch steigt er in der Bauchhöhle nach oben und wölbt vor allem die obere vordere Bauchwand vor. Der Abstand zwischen Nabel und Proc. xiphoideus ist größer als der Abstand zwischen Nabel und Schamhügel.
Der links befindliche Anfangsteil des Dünndarms (Jejunum) enthält noch frischere Nahrung, ist gesünder und in einem besseren Spannungszustand als der rechts liegende Dünndarmbereich (Ileum). Daher kommt es zu einer unterschiedlichen Klopfschall-Qualität bei der Perkussion: links ein helleres und rechts ein dumpferes Trommelgeräusch.
Gaskotbauch (Abb. 2.3f)
Durch eine Kombination Gaskotbauchaus Gärungs- und Fäulnisprozessen (z. B. übermäßig viel und schlecht gekaute Nahrung) entsteht eine Vorwölbung des gesamten Bauchs: Denn kotgefüllte Darmschlingen wölben den Unterbauch und gasgefüllte Darmschlingen den Oberbauch vor.
Thorax
Normalbefund
  • Fassförmig mit leichter Abflachung anterior und posterior Thorax:DiagnostikDiagnostik:Thorax

  • Klavikulagruben nicht sichtbar

  • Rippenbogenwinkel von etwa 30°

  • Hauteinziehungen und Rippenrelief nicht sichtbar

  • Muskelansätze am Thorax nicht besonders hervortretend

  • Thorax insgesamt weich und elastisch

  • Übergang zum Bauch fließend und stufenlos

  • Brustwarzen der weiblichen Brust nach anterior gerichtet

  • Brustwarzen beim Mann klein und scheibchenförmig, Brustdrüsengewebe nicht palpierbar

Sternummaß
In flacher Rückenlage befindet sich das SternummaßSternum waagerecht in der Verlängerungslinie des Schambergs.
Formveränderungen des Thorax
Birnenförmiger Thorax (Abb. 2.4b)
Eine Thorax:Formveränderungen (nach Mayr)EnteroptoseEnteroptose oder jede andere Ptose im Bauchraum wirkt dem Zug der oberen Zwerchfellaufhängung (Lunge) entgegen und behindert dadurch die Exspiration.
Um den Darm anzuheben, wird die Thoraxmuskulatur zunächst im kranialen Anteil kontinuierlich in einer relativen InspirationshaltungInspirationshaltung angespannt und fixiert. Der obere Thoraxanteil ist erweitert und hart. Die Kompensation findet zunächst im oberen Thoraxbereich Thorax:birnenförmigerstatt, der sonst eher nur bei besonderen körperlichen Anforderungen zur Atmung gebraucht wird. Durch die kontinuierlich angespannte obere Atemmuskulatur wird die Möglichkeit zur Erweiterung des oberen Thorax eingeschränkt, und damit kann er auch immer weniger die Atmung unterstützen.
Schellenförmiger Thorax (Abb. 2.4c)
Im nächsten Thorax:schellenförmigerStadium erweitert und verhärtet sich auch der kaudale Thoraxbereich. Nun bleibt nur noch ein schmaler kaudaler Bereich weich, sodass die Einziehung des unteren Thoraxanteils abnimmt.
Glockenförmiger Thorax (Abb. 2.4d)
Schließlich kann der gesamte Thorax Thorax:glockenförmigerin Inspirationsstellung fixiert sein. Durch eine Form- und Bewegungsadaptation der unteren Rippen wird der untere Thorax deutlich geweitet und ragt über die Darmbeinschaufeln hinaus.
Dadurch wird das Zwerchfell stark gedehnt und ist jetzt gleichzeitig dem stärkstmöglichen Zug der Lunge ausgesetzt.
Eine weitere Rippenhebung durch die Interkostalmuskulatur ist bei der Inspiration kaum mehr möglich. Da auch das Zwerchfell in seiner Bewegung eingeschränkt ist, muss verstärkt die Atemhilfsmuskulatur (Hals- und Schultermuskeln) zum Einsatz kommen.
Langfristig wird auch die Elastizität der Lunge beeinträchtigt.
Schutzbuckel nach Mayr (Abb. 2.5)
Zum Schutz geschwächter Organe kommt es zur „défense musculaire“ der Interkostalmuskulatur, die regionale Ausbuchtungen und Gewebeverhärtungen im Thoraxbereich verursacht: je härter der Buckel, desto stärker die Abwehrspannung. Auch eine verstärkte Druckschmerzhaftigkeit in diesen Regionen entwickelt sich infolge der muskulären Dauerkontraktion.
Mayr hat 7 SchutzbuckelSchutzbuckel beschrieben (Abb. 2.5): Leber-, Duodenum-, Magen-, Herz-, FCS-, Gallenblasen- und Querkolonbuckel. Ein Leberbuckel kann z. B. zu einer Verbreiterung der rechten Thoraxhälfte um 5–15 cm führen. Durch eine erfolgreiche Behandlung der Organe können diese Buckel nicht nur deutlich weicher werden, sondern sich auch zurückbilden.
Hals
Normalbefund
  • Zylindrisch auf dem Thorax Hals:DiagnostikDiagnostik:Halssitzend

  • Muskelrelief nicht betont

  • Unterkiefer (Mandibula) und Hals bilden einen Winkel von 90°

  • Halslänge: vorn vom Jugulum sterni bis zur Mandibula, hinten von Th7 bis zur Ansatzstelle der Nackenmuskulatur jeweils 4 Querfinger

Störungsbilder
Verkürzung des Halses (Abb. 2.6)
An der Vergrößerung der Bauchhöhle Hals:Verkürzungdurch Heben des Thorax kann auch die Halsmuskulatur beteiligt sein. Die Halsmuskeln werden dicker und deutlich sichtbar. Die Schultern stehen höher, während der Hals kürzer und kegelförmig wird. Im Nackenbereich kommt es zu einer deutlichen Verdickung (z. B. bei Großtrommelträgerhaltung, Abb. 2.7 g), im vorderen Halsbereich zum Doppelkinn.
Verlängerung des Halses
Sie lässt sich z. B. bei Hals:Verlängerungder lässigen Haltung oder der Sämannshaltung (Abb. 2.7e, f) beobachten. Wenn der Schwerpunkt des Kopfes nach vorn verlagert werden muss, um die Statik bestmöglich aufrechtzuerhalten, wird die HWS gestreckt oder sogar nach vorne gekrümmt.
Skapula
Normalbefund
Der Abstand Diagnostik:Skapulazwischen Skapula:Diagnostikden Dornfortsätzen der BWS und der Skapula ist Ausdruck der Rückenkrümmung. Im Normalfall beträgt er 2–3 Querfinger. Die Skapulae liegen dem Thorax eng an.
Störungsbilder
  • Bei stärkerer BWS-Kyphose vergrößert sich der Abstand zur Skapula. Die medialen Skapularänder springen flügelförmig vor.

  • Bei extendierter BWS kann sich der Abstand zur Skapula verringern.

Beckenneigung
Normalbefund
Eine senkrechte Linie von Beckenneigung:Diagnostikder Diagnostik:BeckenneigungSIAS zur Beugefalte des Oberschenkels ist im Normalfall etwa 4 Querfinger lang.
Störungsbilder
Der Abstand ist bei der Sämannshaltung vergrößert und bei der Entenhaltung verringert (Abb. 2.7f, d).
Gesicht
Normalbefund
Die Haut ist Gesicht:Diagnostiknach Diagnostik:Gesicht/GesichtshautMayr der „Spiegel des Blutes“. Somit werden Hautfarbe, aber auch Tonus und Form des Gesichts bewertet.
  • Hautfarbe: rosig, ähnlich der Farbe von Hals und Thorax

  • Hautoberfläche: glatt und sauber

  • Tonus/Elastizität der Haut: keine Hautfalte auf Höhe des Os zygomaticum abhebbar, keine Faltenbildung beim Lachen

  • Festigkeit der Haut: keine Verhärtungen

  • Dicke der Haut: Befundung durch Anheben einer Falte in der Mitte der Wange (abhängig vom Zustand kontraktiler Elemente im Unterhautfettgewebe und vom Fettgehalt)

  • Lidspalte: eng (abhängig von Augenschließmuskeln und Lidhaut)

  • Lidhaut: glatt und gespannt, keine Faltenbildung ober- und unterhalb des Bulbus

  • Mund: klein und geschlossen, gerade, nicht herabhängende Mundspalte, Ober- und Unterlippe bis in die Mundwinkel deutlich sichtbar

  • Nasenöffnung: schmal

Formveränderungen des Gesichts
Sehr häufig treten Gesicht:Formveränderungen (nach Mayr)Mischformen der folgenden Gesichtsveränderungen auf.
Pausbackengesicht
Durch PausbackengesichtQuellung und Dickenzunahme der Gesichtshaut bedingt, führt die zunehmende Hauterschlaffung zum Herabsinken der Wangen. Kennzeichen sind:
  • gerötete Wangenfarbe durch verminderte Durchblutung und Drainage

  • bei Kälteeinfluss evtl. bläuliche Wangenverfärbung

  • Entwicklung blauroter Hautvenen

  • Nasen-Lippen-Falte beim Lachen, Grinsen, Sprechen

  • Mund verbreitert und nicht mehr geschlossen, Lippen nach außen gerollt, dunklere Lippenfarbe, Mundwinkeltrichter

  • längerfristig: Oberlippe aufgerollt und hochgezogen, Unterlippe herabhängend, geöffneter Mund und Sichtbarwerden der Zähne.

Gesicht „wie Milch und Blut“
Es Gesicht:wie Milch und Blutstellt die erste Phase der Stoffwechselbelastung (Erregungsstadium) dar. Charakteristische Zeichen sind:
  • Blässe

  • leicht hohle Wangen

  • schmaler Mund

  • stärker hervortretende Gesichtslinien (da Hautmuskeltonus gesteigert)

  • spitze Nase

Viereckiges Gesicht
Es entspricht einer Gesicht:viereckigesVerstärkung des Pausbackengesichts (Lähmungsstadium). Durch die zunehmende Hauterschlaffung sinken die Wangen nach unten und die Haut unter die Ränder der Mandibula. So entsteht die viereckige Gesichtsform mit folgenden Kennzeichen:
  • persistierende Falten

  • Doppelkinn (durch Halsverkürzung und Hauterschlaffung am Kinn)

  • schräg von der Mandibula abfallender Hals

  • Faltenbildung am Oberlid, Tränensäcke am Unterlid, hängendes Oberlid (u. U. bis über Regenbogenhaut), hängendes Unterlid lässt das Augenweiß unterhalb der Regenbogenhaut sichtbar werden

  • blaurote oder grau-blassgelbe Hautfarbe

  • Haut zunehmend trocken und unrein

Stadium des Gewebeschwunds
Kennzeichen:
  • Wangen dünner oder Gewebeschwund(-Stadium)Gesicht:Gewebeschwund(-Stadium)eingefallen

  • Gesichtsform wieder ovaler

  • Backenknochen treten deutlich hervor

  • Schwund des Unterhautfettgewebes

  • Haut faltenlos (elastische Elemente straffen die dünne Haut), aber deutliche Falten beim Lachen

  • Runzeln und Furchen, wo im vorhergehenden Stadium Falten waren

  • Mund verbreitert

  • Haut wirkt schmutzig, trocken, gelbgrün.

Gefälteltes Gesicht
Hier zeigt sich Gesicht:gefältetesder Gewebeschwund noch stärker. Die elastischen Hautelemente sind so geschädigt, dass sie selbst die dünner gewordene Haut nicht mehr straffen können. Deshalb sinkt auch die dünne Haut zunehmend nach unten. Kennzeichen:
  • zerknittert wirkendes Gesicht (Epidermis vorhanden, aber Schwund der Unterhaut)

  • bräunliche Haut

Körperhaut
Ihr Zustand spiegelt grundsätzlich auch die Witterungsverhältnisse wider. Es gibt verschiedene Stadien:Haut:DiagnostikDiagnostik:Körperhaut
  • Erregungsstadium mit besonders akzentuierten Körperformen

  • Schwellungsstadium mit verwischten Körperkonturen

  • Gewebeschwund- und Erschlaffungsstadium: zunächst leichte Akzentuierung der Körperkonturen, später

  • Stadium der fortgeschrittenen Erschlaffung: vermehrte Faltenbildung und zunehmend übler Körpergeruch

Haltung nach F. X. Mayr
Die Schwerlinie (Verbindungslinie der Schwerpunkte) bzw. Schwerkraftlinie des Körpers Haltung:Formen nach F.X. Mayrverläuft vom Schwerpunkt des Kopfes durch die Halswirbelgelenke, kreuzt die zervikalen und thorakalen Wirbelbögen, verläuft durch die Lendenwirbelkörper, dann knapp posterior der Hüftgelenke, anterior der Knie- und Sprunggelenkachse bis in die Mitte einer Unterstützungsfläche, die durch die Außenkanten der Füße und die Linien von den Großzehenspitzen bis zu den Fersenspitzen gebildet wird.
Die schweren viszeralen Organe befinden sich nahe der Schwer(kraft)linieSchwerlinie oder symmetrisch zu ihr, sodass es keine oder kaum Muskelkraft erfordert, sie zu stützen.
Abweichende/auffällige Haltungsformen
Zeitweilige Veränderungen im Bauchraum führen nur zu vorübergehenden Haltungsfehlern, während chronische Prozesse im Bauchraum dauerhafte Veränderungen der Haltung bedingen.
Anlaufhaltung (Abb. 2.7b)
Sie zeigt sich Anlaufhaltungbei Patienten mit schwacher Muskulatur und erinnert an die Ausgangsstellung von Sportlern, kurz bevor sie loslaufen:
  • Das Gesäß ist nach hinten verschoben bzw. das Becken nach vorne geneigt bzw. das Os pubis nach inferior verlagert.

  • Wegen der Beckenkippung können die Beckenorgane dem Druck des Darms (bei Enteroptose) z. T. ausweichen.

  • Durch die verminderte Lendenlordose erweitert sich der Bauchraum.

  • Die Hüftgelenke sind flektiert.

  • Die HWS ist extendiert und dadurch posterior etwas länger als anterior.

Habachthaltung (Abb. 2.7c)
Sie lässt sich Habachthaltungbei kräftigen Personen beobachten und erfordert eine stärkere Muskelanspannung:
  • Das Gesäß ist nach hinten verschoben bzw. das Becken nach vorne gebeugt.

  • Die Lendenlordose ist verstärkt.

  • Der gesamte Körper ist leicht nach anterior geneigt, damit die Schwerkraftlinie wieder auf die Unterstützungsfläche auftrifft.

Entenhaltung (Abb. 2.7d)
Sie Entenhaltungstellt eine Verstärkung der Anlauf- oder Habachthaltung dar, sodass sich der Bauchraum noch mehr vergrößert:
  • Die BWS ist extendiert.

  • LWS, BWS und HWS bilden einen nach posterior offenen Bogen.

  • Die Hüftflexion ist stärker ausgeprägt als bei der Anlaufhaltung.

Lässige Haltung (Abb. 2.7e)
Bei muskel- und bänderschwachen Personen anzutreffen. Die Bauchhöhle vergrößert sich weitgehend unter dem Einfluss der Schwerkraft. Auch die Habachthaltung von kräftigen Personen kann zeitweilig in eine lässige lässige HaltungHaltung:lässigeHaltung übergehen:
  • Verstärkung der Wirbelsäulenkrümmungen und der Extension der Sprunggelenke

  • Der Hals ist stark vorgeschoben.

  • Die Schwerkraftlinie verläuft anterior der BWS, aber posterior der LWS.

Sämannshaltung (Abb. 2.7f)
Sie tritt Sämannshaltungbei einem chronischen Kotbauch auf (Abb. 2.3d):
  • Der Unterbauch ist vorgewölbt, der Oberbauch eher eingezogen.

  • Die BWS-Kyphose ist verstärkt oder der gesamte Rumpf nach hinten geneigt.

Großtrommelträgerhaltung (Abb. 2.7 g)
Sie kann sich Großtrommelträgerhaltungbei einem Gaskotbauch (Abb. 2.3f) aus der lässigen Haltung entwickeln und geht einher mit:
  • deutlicher Hypertrophie der oberen thorakalen Muskeln,

  • Verkürzung des Halses und

  • hypertrophen Nackenmuskeln.

Osteopathische Diagnostik

Michel Puylaert
Dem Osteopathen stehen verschiedene diagnostische Verfahren zur Verfügung, die aber selten alle bei einem Patienten durchgeführt werden. Mit zunehmender Erfahrung wird sich der Therapeut auf ein oder zwei Untersuchungstechniken konzentrieren, die er gut beherrscht. Die osteopathische osteopathische Diagnostik“\t“Siehe DiagnostikDiagnostik:osteopathischeDiagnostik beginnt allerdings immer mit globalen Tests, die den Weg zur spezifischen Untersuchung des jeweiligen Gewebes weisen.

Globale fasziale Diagnostik

Dysfunktionen Diagnostik:globale fasziale geben den Bewegungen der Faszien eine bestimmte Richtung, sodass sich durch Palpation der Faszienbewegungen die Region einer bestehenden Dysfunktion lokalisieren oder eingrenzen lässt. Um die Dysfunktion exakter zu bestimmen, erfolgt dann eine Untersuchung der Organe in der jeweiligen Region.
Global Listening stehend oder sitzend
Patient: stehend oder sitzend, um den Einfluss der unteren Extremitäten Listening-Test:globalGlobal Listening:sitzend oder stehendauszuschalten
Therapeut: stehend, hinter dem Patienten
Handposition: Eine Hand liegt quer auf dem Schädeldach und die andere in Längsrichtung auf dem Kreuzbein.
Ausführung: Palpation der Faszienbewegung
Bewertung: Auf Spannungen und deren Richtung achten.
  • Normalbefund: keine ausgeprägte Spannung in einer bestimmten Richtung feststellbar.

  • Bei einer Organdysfunktion können folgende Spannungsrichtungen festgestellt werden:

    • Flexion: Die Dysfunktionen:LokalisierungDysfunktion ist anterior lokalisiert. Je stärker die Flexion, desto kaudaler liegt das Problem. Gibt in der Regel Hinweise auf eine viszerale Problematik; eine Flexion in Richtung der Beine deutet auf eine Dysfunktion im Bereich der unteren Extremitäten hin.

    • Flexion und Seitneigung links bzw. rechts: Die Dysfunktion befindet sich anterior links bzw. rechts. Je stärker die Seitneigung (nach links oder rechts), desto weiter lateral liegt das Problem. Gibt in der Regel Hinweise auf eine Störung seitlich liegender viszeraler Strukturen; in Verbindung mit einer Flexion aus den Beinen heraus deutet die Seitneigung auf eine Dysfunktion im Bereich der unteren Extremitäten hin.

    • Extension: Die Dysfunktion befindet sich posterior (Rücken oder im Bereich der unteren Extremitäten). Je stärker die Extension, desto weiter kaudal liegt das Problem.

    • Extension und Seitneigung links oder rechts: Die Dysfunktion befindet sich posterior links oder rechts (seitlich im Rücken- oder Beinbereich). Je größer die Seitneigung (nach rechts oder links), desto weiter lateral liegt das Problem.

Merke

Die Bewegungskomponenten, z. B. Flexion und Seitneigung, bilden einen Winkel mit der medianen Achse, dessen Spitze in der Dysfunktion liegt. Mit diesem Test lassen sich schnell und zuverlässig relevante Dysfunktionen finden.

Global Listening in Rückenlage
Patient: in Listening-Test:globalGlobal Listening:in RückenlageRückenlage
Therapeut: stehend oder sitzend, am Kopf- oder Fußende der Liege
Handposition:
  • Ausgangsposition am Kopfende: Die Finger beider Hände (außer den Daumen) an der Außenseite des Os occipitale um das Foramen magnum positionieren.

  • Ausgangsposition am Fußende: Beide Hände auf die Fußrücken legen.

Ausführung: Am Okziput leichten Zug nach kranial ausüben bzw. an den Füßen eine Plantarflexion induzieren und dann wieder leicht loslassen.
Bewertung: Auf die Richtung der größten Spannung achten.
  • Normalbefund: Keine Spannung in einer bestimmten Richtung feststellbar.

  • Falls eine Organdysfunktion vorliegt, wird eine Seite des Okziputs eine deutliche Spannung aufweisen bzw. ein Fuß sich schneller in Richtung Dorsalflexion bewegen.

Lokale fasziale Diagnostik

Local Listening: allgemeine Technik
Patient: in Listening-Test:localDiagnostik:lokale faszialeRückenlage Local Listening:allgemeine Technik
Therapeut: stehend oder sitzend, seitlich des Patienten
Handposition: Eine Hand liegt flach auf dem Bauch, der Handteller auf dem Bauchnabel, die Finger sind nach kranial gerichtet.
Ausführung: Palpation der Faszienbewegung
Bewertung: Auf die Richtung der größten Spannung achten.
  • Normalbefund: Keine Spannung in einer bestimmten Richtung feststellbar.

  • Folgende Zugspannungsrichtungen weisen auf Organdysfunktionen hin:

    • in der Medianlinie nach kranial: Kardia oder Ösophagus

    • leicht nach links kranial mit Drehung gegen den Uhrzeigersinn: Magen

    • nach rechts kranial mit Drehung im Uhrzeigersinn: Leber

    • hinter dem linken Rippenbogen nach rechts kranial, ohne darüber hinauszugehen, mit Drehung gegen den Uhrzeigersinn: Gallenblase

    • nach rechts kranial über den Rippenbogen hinausgehend: Leber

    • leicht nach kranial und in die Tiefe: Pylorus

    • transversal leicht nach rechts, am Ende kippt die Daumenseite in die Tiefe: Duodenum oder Sphincter Oddi

    • am Kleinfingergrundgelenk in die Tiefe: Flexura duodenojejunalis

    • in die Tiefe, verbunden mit Drehung im Uhrzeigersinn: Pankreas

    • in die Tiefe, Finger werden in Richtung Bauchnabel gezogen, verbunden mit leichter Drehung gegen den Uhrzeigersinn: Dünndarm

    • transversal nach rechts und Kippung mit der Daumenseite in die Tiefe: rechte Niere

    • transversal nach links und Kippung mit der Kleinfingerseite in die Tiefe: linke Niere

    • nach rechts kaudal mit Drehung im Uhrzeigersinn: Zäkum

    • transversal nach rechts, am Ende mit Drehung gegen den Uhrzeigersinn: Colon ascendens

    • transversal nach links, am Ende mit Drehung im Uhrzeigersinn und leichter Kippung der Kleinfingerseite in die Tiefe: Colon descendens

    • nach links unten, am Ende mit leichter Drehung im Uhrzeigersinn: Colon sigmoideum

    • nach kaudal: Blase

    • nach kaudal und mit der Handwurzel in die Tiefe: Uterus

Local Listening: Inhibitionstest und Balancetest
InhibitionstestInhibitionstest: Bei der Local Listening:Inhibitionstestallgemeinen Technik (s. o.) wird die Hand zur Dysfunktionsstelle hingezogen. Klinische Beobachtungen zeigen, dass der fasziale Zug durch leichten Druck oder ein Anheben des Gewebes an dieser Stelle verschwindet. Mit diesem Mechanismus lässt sich die zu behandelnde Dysfunktion lokalisieren. Es gibt zwei mögliche Reaktionen auf den Zug oder Druck: Falls der fasziale Zug verschwindet, spricht das für eine Dysfunktion genau an dieser Stelle. Bleibt der fasziale Zug weiterhin bestehen, ist an dieser Stelle keine Dysfunktion vorhanden.
BalancetestBalancetest (nach Paul Chauffour): Dieser Test dient dazu, beim Vorliegen von zwei oder mehr Dysfunktionen die primäre zu finden. Falls in zwei Bereichen Einschränkungen diagnostiziert wurden, können beide gegeneinander ausgewertet werden, um die primäre Dysfunktion zu identifizieren.
Beispiel: Bei der Untersuchung fanden sich Dysfunktionen der rechten Art. sternoclavicularis und des Pylorus. Nach der Kontaktaufnahme (z. B. mit Fingerspitzen oder Os pisiforme) an beiden Stellen gleichzeitig sanften Druck nach posterior ausüben, ohne eine Abwehrspannung des Gewebes zu erzeugen. Lässt der Widerstand an einer Stelle nach, während die andere weiterhin hart bleibt, wird zuerst die Verhärtung behandelt, da sie als primäre Dysfunktion gilt.

Thermischer Test

Organe:WärmeausstrahlungOrgane haben eine Temperaturausstrahlung, die man zur Diagnostik:thermischeDiagnostik verwenden kann. Barral hat die thermische Diagnostik jahrzehntelang erforscht und angewendet, wobei er sie noch weiter verfeinerte und differenzierte.
Vorgehen
  • Für die thermische thermische Diagnostik (Test)Diagnostik wird die Innenfläche der dominanten Hand benutzt. Meistens wird mit dem Daumenballen, seltener dem Kleinfingerballen oder der Mitte der Handinnenfläche palpiert. Am (wärme)empfindlichsten ist die Stelle, die am stärksten auf eine minimale mechanische Reizung reagiert. Um sie zu finden, wird mit einem Finger sanft an der Handinnenfläche entlang gestrichen. Die empfindlichste ist zugleich auch die thermosensibelste Stelle.

  • Während der „Palpation“ sind Finger und Hand leicht gebeugt und entspannt. Die Hand bewegt sich ca. 10 cm über der Hautoberfläche des Patienten. Um den geeigneten Abstand zu bestimmen, wird die Hand in einer thermischen Zone fast auf die Haut aufgelegt und dann langsam so weit angehoben, bis sie die Wärmeausstrahlung:thermische DiagnostikWärmeausstrahlung am stärksten spüren kann. Danach wird die Hand langsam bis zu der Stelle abgesenkt, an der ein leichter Widerstand wahrnehmbar wird.

  • Während der Wärmediagnose die Hand immer wieder neu an die jeweilige Körperkontur anpassen, sodass die Handfläche parallel zur Hautoberfläche bleibt.

  • Bei der thermischen Diagnostik bewegt sich die Hand leicht und pendelartig von einer zur anderen Seite. Wichtig ist dabei, dass die Hand nie zu lange an einer Stelle verweilt, damit sich die Temperatur an der untersuchten Hautstelle nicht durch die Wärmeausstrahlung von der Hand des Therapeuten im Vergleich zu ihrer Umgebung erhöht.

  • Gesucht werden die Stellen mit der stärksten Wärmeausstrahlung.

Bewertung von Wärmezonen
  • Punktförmig, scharf begrenzt: strukturelle Veränderungen (z. B. Tumor, Kalzifizierung)Wärmezonen:Bewertung

  • Linear, scharf begrenzt: Suturen, Gefäße, viszerale Kanäle

  • Kreisförmig, groß, scharf begrenzt: Teil eines Organs (z. B. Hirnlappen, Leberlappen)

  • Linear, groß, scharf begrenzt: längliche hohlförmige Strukturen (z. B. Ösophagus, Dünndarm)

  • Kreisförmig, groß, unscharf begrenzt: viszerale Funktionsstörungen oder emotionale Ursachen

Perkussion

Durch eine PerkussionPerkussion können Informationen über die Position, Mobilität (Vergleich der Position bei In- und Exspiration) und Tension (bei hoher Tension gesteigerter, bei niedriger Tension verringerter Tonus) des Organs gesammelt werden. Als Normalbefund ergeben sich bei einer Perkussion viszeraler Organe folgende Klopfschall-Klopfschall:QualitätenQualitäten:
  • Leber: matt

  • Magen: hochsonor

  • Dünndarm: matt

  • Zäkum: tiefsonor

  • Colon ascendens: tiefsonor

  • Colon transversum: rechts: tiefsonor; links: matt

  • Colon descendens: tiefmatt

  • Colon sigmoideum: tiefmatt.

Welche Befunde sich bei Pathologien und Dysfunktionen feststellen lassen, ist in den jeweiligen Organkapiteln beschrieben.

Tests der Diaphragmen

Diaphragmen Tests:Diaphragmensind horizontal ausgerichtete, fasziale, muskuläre oder ligamentäre Strukturen, die Spannungen aufweisen können. Da solche Spannungen u. a. die Trophik (z. B. N. vagus im kraniozervikalen Diaphragma) oder die viszeralen Ligamente (z. B. Lig. gastrophrenicum am Zwerchfell) beeinträchtigen, können sie viszerale Dysfunktionen auslösen.
Kraniozervikales Diaphragma (Abb. 2.8)
Gewebekomplex im atlantookzipitalen Diaphragma:kraniozervikales, TestÜbergangsbereich, der ossäre, muskuläre, ligamentäre und fasziale Strukturen umfasst.
Patient: in Rückenlage
Therapeut: sitzend, am Kopfende der Liege
Handposition:
  • Die Hände liegen unter dem Okziput, die Fingerspitzen von Zeige-, Ring- und Kleinfinger am Rand der Squama und sind zum Atlasbogen gerichtet.

  • Die Mittelfingerspitzen liegen unter dem Atlasbogen.

Ausführung:
  • Mit den Fingerspitzen (II, IV, V) das Okziput leicht nach kranial ziehen.

  • Mit den Mittelfingern den Atlasbogen leicht nach anterior schieben.

Bewertung: Auf den Tonus und die muskulo-faszial-ligamentäre Spannung achten.
  • Normalbefund: elastischer Widerstand.

  • Einseitige oder beidseitige Verspannungen oder Einschränkungen deuten auf eine Dysfunktion des Diaphragmas hin.

Zervikothorakales Diaphragma (Abb. 2.9)
Gewebekomplex im Diaphragma:zervikothorakales, Testzervikothorakalen Übergangsbereich, der ossäre, muskuläre, ligamentäre und fasziale Strukturen umfasst.
Patient: in Rückenlage
Therapeut: sitzend, am Kopfende der Liege
Handposition:
  • Mit den Daumen Kontakt zu den Querfortsätzen von Th1 aufnehmen.

  • Die anderen Finger jeweils auf Akromion und Klavikula legen.

Ausführung:
  • Mit den Daumen Th1 nach ventral drücken, um das Diaphragma unter Spannung zu setzen.

  • Gleichzeitig die Finger auf Akromion und Klavikula auseinanderziehen.

Bewertung: Auf den Tonus und die muskulo-faszial-ligamentäre Spannung achten.
  • Normalbefund: elastischer Widerstand.

  • Verspannungen, Einschränkungen oder Schmerzen weisen auf eine Dysfunktion hin.

Thorakoabdominales Diaphragma (Zwerchfell) (Abb. 2.10)
Patient: in Tests:ZwerchfellDiaphragma:thorakoabdominales, TestRückenlageZwerchfell:Test
Therapeut: sitzend, seitlich des Patienten
Handposition:
  • Eine Hand liegt posterior breitflächig quer auf dem thorakolumbalen Übergang und

  • Die andere Hand anterior breitflächig quer auf dem thorakoabdominalen Übergang.

Ausführung: Mit der oben liegenden Hand sanften Druck nach posterior ausüben.
Bewertung: Auf den faszialen Freiheitsgrad und die Zwerchfellfunktion achten.
  • Normalbefund: elastischer Widerstand.

  • Verhärtungen, Verspannungen oder Schmerzen deuten auf eine Dysfunktion hin.

Beckendiaphragma (Diaphragma pelvis) (Abb. 2.11)
Patient: in Diaphragma:pelvis, TestBeckendiaphragma, TestRückenlage
Therapeut: sitzend, seitlich des Patienten
Handposition:
  • Eine Hand liegt in Längsrichtung unter dem Os sacrum.

  • Die andere Hand liegt quer auf dem Unterbauch, mit dem Daumen unmittelbar kranial des Os pubis.

Ausführung: Die Hände mit leichtem Druck zusammenführen, bis sich zwischen ihnen eine fasziale Spannung aufbaut.
Bewertung: Auf den faszialen Tonus achten.
  • Normalbefund: elastischer Widerstand.

  • Verspannungen, Verhärtungen oder Schmerzen deuten auf eine Dysfunktion hin.

Reflexzonen und Hinweiszeichen

Dermatom
Die DermatomSpinalnerven versorgen bestimmte Hautbezirke, Reflexzonendie als Dermatome bezeichnet werden. Ein Rückenmarksegment reagiert immer als Ganzes. Deshalb wird bei einer Reizung von Eingeweiderezeptoren der Schmerzen:übertrageneSchmerz oft nicht nur im betroffenen Organ, sondern auch im dazugehörigen Dermatom empfunden. Man spricht von „übertragenem Schmerz“. So können z. B. Gallenbeschwerden als Schmerzen in der rechten Schulter wahrgenommen werden. Diese Reaktion ist in vielen Fällen sehr spezifisch und kann hervorragende Hilfestellung für die Diagnose geben.
Dermalgiereflexe nach Jarricot
Viszerale Dermalgiereflexe nach JarricotDysfunktionen gehen oft mit Hautveränderungen in spezifischen Zonen einher. Dr. Henri Jarricot, Henri:DermalgiereflexeJarricot erstellte 1975 eine präzise topografische Karte solcher Stellen auf der Vorderseite des Rumpfes.
Diese Stellen sind objektivierbar und leicht zu finden. Die Palpation:RolltechnikPalpationstechnik heißt „palper-rouler“ und besteht aus zwei Bewegungen:
  • Die Haut ohne zu zwicken zwischen Daumen und Zeigefinger anheben.

  • Dann die Hautfalte sanft hin und her rollen (ähnlich wie beim „Zigarettendrehen“).

Falls eine Reflexzone erreicht wird, fühlt sich die Stelle dicker an, wobei der Patient mehr oder weniger starke Schmerzen empfindet. Dort wo keine Dysfunktion vorhanden ist, ist die Haut auch nicht schmerzhaft. Anhand der Karte lassen sich genaue Rückschlüsse auf eine Dysfunktion der betreffenden Organe ziehen.
Neurolymphatische Reflexe nach Chapman
Der Osteopath Frank Chapman, FrankChapman war überzeugt, dass knöcherne osteopathische Dysfunktionen nicht die gesamte Pathologie erklären können. Nach jahrelangen Untersuchungen und Experimenten fand er anterior und posterior am Körper 48 Punkte, die er als lymphatischen Stau bezeichnete und einzelnen Organen zuordnete. Diese Gewebeänderungen sind tastbar, aber bildlich nicht darstellbar. Für sie prägte Chapman-ReflexeChapman den Begriff „neurolymphatische Reflexpunkte“: „Eine Stase der Lymphe in einem Eingeweideorgan oder in einer Drüse manifestiert sich als Schmerz- oder Druckempfindlichkeit an den distalen Spinalnervenendigungen.“
Die Palpation der Punkte ist nicht leicht und erfordert eine gewisse Erfahrung.
Mit einer kleinen Rotationsbewegung den Punkt mit der Fingerspitze massieren (20 s bis 2 min pro Punkt). Der Finger verliert trotz der Bewegung nie seine Sensibilität.
Die Chapman-Reflexpunkte sind für die Diagnostik, die Beeinflussung sämtlicher Körperflüssigkeiten durch die Lymphe und wegen ihrer Wirkung auf das viszerale System sehr nützlich (ausführlicher Kap. 2.7).
Triggerpunkte
Ein Triggerpunkt ist ein Zentrum erhöhter Reizbarkeit in einem Gewebe, das beim Zusammendrücken lokal empfindlich ist. Bei ausreichender Überempfindlichkeit kommt es zu übertragenen Schmerzen:übertrageneSchmerzen. Aktive myofasziale TriggerpunkteTriggerpunkte in Muskeln der Bauchwand können über das autonome Nervensystem u. a. viszerale Funktionen beeinträchtigen. Umgekehrt kann eine viszerale Erkrankung über viszerosomatische Reflexe zu übertragenen Schmerzen in Skelettmuskeln führen und vorhandene Triggerpunkte aktivieren.
Periostschmerzpunkte
Prof. Vogler entdeckte 1928, dass zwischen PeriostschmerzpunktePeriostschmerzpunkten und spezifischen funktionellen – viszeralen und parietalen – Störungen ein Zusammenhang besteht. Dieser Zusammenhang ist sowohl für die Diagnostik als auch für die Behandlung wichtig. Überall wo das PeriostbehandlungPeriost erreichbar ist, kann eine Behandlung stattfinden. Allerdings haben sich bestimmte Zonen als besonders reflexogen für die viszeralen Organe erwiesen.
Eine Periostbehandlung wird punktuell und rhythmisch (Belastung – Entlastung), in der Regel mit dem ersten Zeige- oder Mittelfingerglied ausgeführt.
  • Der Druck variiert zwischen 2 und 15 kg. Die Fingerspitze ist so ausgerichtet, dass sie die Verlängerung des Arms bildet.

  • Mit leicht rotierenden Bewegungen erreicht der Finger das Periost, übt Druck aus und lässt ihn wieder los, ohne den Kontakt zu verlieren.

  • Nicht länger als 3 Minuten behandeln. Die Druckphase dauert 3× länger als die Entspannungsphase.

Der Patient spürt den Schmerz oft sehr deutlich. Manchmal reagiert das Periost zuerst empfindlicher, doch diese Sensibilität verschwindet später. Die Behandlung kann täglich, allerdings nicht immer an denselben Punkten erfolgen.
Knap-Punkte
Georgia Knap (1866–1946)Knap-PunkteKnap, Georgia verfolgte zielstrebig ihren Traum von der ewigen Jugend bzw. der Jungerhaltung. In zahlreichen Experimenten stieß sie auf 18 Punkte, die bei Dysfunktionen besonders schmerzhaft sind und die Homöostase des Körpers stören. Sie bezeichnete sie als „nervale Kreuzungen“. Die wichtigsten (primären) Punkte befinden sich nur posterior, die sekundären dagegen posterior und anterior.
Die Behandlung der Knap-Punkte ist unkompliziert.
  • Mit Rotationsbewegungen des Daumens senkrechten Druck auf einen Punkt ausüben.

  • Den Daumen abwechselnd im und gegen den Uhrzeigersinn drehen.

Der Schmerz ist am Anfang intensiv, lässt aber bald nach. Mit weniger als 100 Drehungen wird bereits eine Veränderung erzielt.
Muskuläre Hinweiszeichen
Eine viszerale Hinweiszeichen:muskuläreDysfunktion geht mit Veränderungen ihrer Umgebung einher. Mehrere Autoren (Weischenck, Barral u. a.) beschreiben präzise Verbindungen von viszeralen Organen zu bestimmten Muskeln (z. B. zwischen Niere und M. psoas). Die Muskeln passen sich anscheinend dem jeweiligen Organzustand an. Der Mechanismus dieser Verbindung ist noch unklar, doch der neurologische Weg spielt offenbar eine Rolle dabei.
Eine Untersuchung der Muskulatur kann wichtige Hinweise auf eine Organdysfunktion geben. Umgekehrt kann sich die Behandlung eines bestimmten Muskels auf ein bestimmtes Organ auswirken.
Vertebrale Hinweiszeichen
Hinweiszeichen:vertebraleVerbindungen bestehen auch zwischen Organen und Wirbeln (z. B. Rektum und L5). Ihre Beschreibung basiert auf neurovegetativen Wechselwirkungen zwischen spinalen Segmenten und Organen, auf bindegewebigen Strukturen wie den Organaufhängungen in bestimmten Wirbelbereichen sowie auf persönlichen Erfahrungen, z. B. von Barral oder Weischenck. Diese Verbindungen stimmen jedoch nur selten genau überein.

Provokationstests

Atmung
Eine Atmung:forcierteforcierte In- oder Exspiration Provokationstestkann Hinweise auf eine Dysfunktion geben, die entweder ein Organ oder seine Haltestrukturen (fasziale, ligamentäre oder muskuläre) betrifft.
  • Bei der Inspiration wird das Organ eher komprimiert. Schmerzen bei forcierter Inspiration, forcierteInspiration deuten auf eine Organdysfunktion hin.

  • Bei der Exspiration wird besonders der Halteapparat eines Organs gedehnt. Schmerzen bei forcierter Exspiration, forcierteExspiration deuten daher auf eine Dysfunktion der Haltestrukturen hin.

Totales Dehnen
Eine passive Dehntechnik:totaleHyperextension des Rumpfs gibt oft Hinweise auf die Lokalisation einer Dysfunktion. Allerdings kann dabei nicht zwischen Organen und Haltestrukturen unterschieden werden. Es darf keine relevante Einschränkung der Wirbelsäule vorliegen, da der Test sonst nicht möglich ist.
Rebound
Indikation: Differenzierung zwischen einer Rebound-TestOrgandysfunktion und einem Problem des Halteapparats
Patient: sitzend, mit möglichst entspanntem Abdomen
Therapeut: stehend, hinter dem Patienten
Ausführung: Das zu testende Organ untergreifen, um es anzuheben. Am Ende der Bewegung plötzlich loslassen und die Finger schnell zurück in die Ausgangsstellung bringen.
Bewertung: Auf die Qualität und die Zeitdauer beim Absenken des Organs achten.
  • Normalbefund: kein Schmerz beim Anheben.

  • Wenn in der Phase des Anhebens Schmerzen auftreten, liegt eine Dysfunktion des Organs vor.

  • Wenn das Absenken sehr schnell oder sehr langsam erfolgt oder mit Schmerzen verbunden ist, liegt ein Problem des Halteapparats vor.

  • Falls der Schmerz deutlich stärker wird, muss vor der osteopathischen Behandlung zunächst zur Abklärung zum Arzt überwiesen werden.

Viszerale Tension (Tensionstest)

Als Tensionstest, allgemeiner/spezifischerTension wird die Reaktionskraft einer Struktur bezeichnet. Der Test kann allgemein (für Abdomen und/oder Thorax) oder spezifisch (z. B. für ein bestimmtes Organ) durchgeführt werden. Mit raschem Druck und Loslassen wird die elastische Reaktion des Gewebes provoziert.
Patient: in Rückenlage, Beine angestellt, Kopf leicht erhöht
Therapeut: stehend, seitlich des Patienten
Handposition
  • Für den allgemeinen Tensionstest:

    • Abdomen: Beide Hände nebeneinander quer auf den Bauch legen.

    • Thorax: Eine Hand quer auf den Thorax legen.

    • Thorax und Abdomen: Eine Hand quer auf den Thorax, die andere quer auf das Abdomen legen.

  • Für den spezifischen Tensionstest: Je nach Organgröße eine oder beide Hände auf Höhe des Organs auf legen.

Ausführung: Einen schnellen Impuls im Sinne einer Kompression, in der Regel nach posterior, ausüben.
Bewertung: Auf das Nachgeben und die elastische Reaktionskraft des Gewebes achten.
  • Normalbefund: Das Gewebe gibt elastisch nach und federt zurück.

  • Kein Nachgeben bzw. Widerstand des Gewebes deutet auf einen erhöhten Spannungszustand (= HypertensionHypertension) hin.

  • Deutliches Nachgeben ohne Zurückfedern deutet auf einen Spannungsverlust hin (= HypotensionHypotension).

Palpation

Die PalpationPalpation gibt Auskunft über die Position, Größe, Form, Oberflächenbeschaffenheit und den Spannungszustand des Organs. Auch die Qualität des faszialen, ligamentären und muskulären Halteapparats wird bei der Palpation beurteilt.
Der Patient sollte eine entspannte Haltung einnehmen. Der Therapeut achtet darauf, die Palpation mit „Fingerspitzengefühl“, d. h. sanft und behutsam, angemessen und wenig störend auszuführen.
Mobilität und Motilität
MobilitätMobilität lässt sich als Summe der Einflüsse definieren, die ein Organ im Raum bewegen, z. B. der Einfluss des Bewegungsapparats, der Atmung, der Herztätigkeit, des Flüssigkeitsdruck und -austauschs.
MotilitätMotilität ist eine eigenständige Bewegung im Sinne von Expansion und Retraktion. Wodurch sie entsteht, ist unbekannt. Die Bewegungsrichtungen sind im Gewebe gespeichert, analog zu Bewegungen während der Embryonalentwicklung. Bewegungen, die der embryologischen Entwicklung des Organs entsprechen, werden als Inspir (Expansion) bezeichnet und die entgegengesetzte Bewegung als Exspir (Retraktion).
Mobilität und Motilität sind Ausdruck der Organfunktion. Für jedes Organ ist eine spezifische Bewegungsrichtung, Frequenz, Stärke, Bewegungsharmonie und Amplitude palpierbar.
Mobilitäts- und Motilitätstests sind in den jeweiligen Organkapiteln beschrieben.
Test auf Fixationen
Ergibt die Mobilitätsprüfung eine Bewegungseinschränkung in einer Richtung, werden der Halteapparat und die strukturellen Kontaktstellen zu den Nachbarorganen auf mögliche Fixationen:TestFixationen hin überprüft. Dies geschieht palpierend und mit Dehnungen.

Osteopathische Behandlung

Wirkungen

Michel Puylaert
Eine Behandlung:osteopathischeosteopathische Diagnostik Behandlung:Wirkungenwird feststellen, welcher Viszeralbereich in Dysfunktion ist. Mobilitäts- oder Motilitätsverlust, Ptose und Spasmen lassen sich hervorragend therapieren.
Durch die Beseitigung der Dysfunktion machen sich folgende therapeutische Wirkungen:therapeutischetherapeutische WirkungenWirkungen, einzeln oder gleich mehrere, bemerkbar:
  • Verbesserung der Trophik

  • Normalisierung des Stoffwechsels

  • Befreiung der Gleitschichten

  • Beseitigung von Stenosen und Muskelspasmen

  • Verbesserung des Hormonhaushalts

  • Verminderung von rezidivierenden Wirbelblockierungen

  • Verbesserung der lokalen und allgemeinen Immunabwehr

  • Positiver Einfluss auf die Psyche

Behandlungsmethoden

Michel Puylaert
Einem Therapeuten stehen Behandlungsmethodendabei verschiedene Möglichkeiten zur Wahl. Mit welcher er behandelt, hängt von seinen eigenen Erfahrungen und Neigungen ab.
Direkte und indirekte Techniken
Direkte Techniken beziehen sich auf die MobilitätMobilität direkte Technikenund Techniken:direktewerden gegen die Einschränkung (Spannung) durchgeführt:
  • MobilisationMobilisation: Das Organ sanft in einem Rhythmus von ca. 10×/min mobilisieren, bei Indikationen wie z. B. Hypotension.

  • Recoil-Recoil-TechnikTechnik: Das Organ unter Zugspannung setzen und plötzlich loslassen. Dies wird mehrmals wiederholt; in der Regel sind 3–4 Wiederholungen ausreichend. Indikationen sind z. B. Hypotension oder Spasmen (besonders von Schließmuskeln).

Für indirekte Techniken indirekte Technikengibt es Techniken:indirektezwei Interpretationen:
  • Nach Barral werden sie für die Behandlung der Mobilität eingesetzt und mit langem Hebel verwendet. Indikation: z. B. wenn das Organ nicht direkt zugänglich ist oder in Kombination mit direkten Techniken.

  • Oder sie richten sich sowohl auf die Mobilität als auch die Motilität. Gearbeitet wird in die leichtere Bewegungsrichtung, nicht gegen die Spannung. Mögliche Indikationen sind z. B. fasziale Spannungen, bei denen Mobilität und Motilität kombiniert behandelt werden.

Induktionstechniken
Sie beziehen Induktionstechniksich auf Motilitätdie Motilität. Die Motilitätsbewegungen werden sanft in die Richtung des größeren Bewegungsumfangs betont. Dies wird fortgesetzt, bis die normale Motilität (Exspir und Inspir) wiederhergestellt ist.
  • Bei der Induktion treten manchmal Ruhepunkte (StillpunktStillpunkte) auf: Nach kurzem Warten (laut Barral 10–20 s) die Bewegung wieder in Gang setzen.

  • Erfahrungsgemäß empfiehlt es sich, die stärker eingeschränkte Mobilität zuerst zu behandeln. Anschließend wird dann die Motilität mit der Induktionstechnik behandelt.

  • Falls die Vitalität des Organs sehr geschwächt ist, wird jedoch die Motilität vor der Mobilität behandelt, z. B. nach einer schweren Krankheit oder starken psychischen Belastungen.

Drainagetechniken
Mit DrainagetechnikenDrainagetechniken können vaskuläre und lymphatische Gewebestrukturen beeinflusst werden. Indiziert sind sie u. a. bei einer Hypertension, da bei dieser Dysfunktion oft ein relativer Flüssigkeitsstau besteht.
Arterientechniken
Bereits Still betonte die große Bedeutung der Arterien. Von Chauffour, Prat und anderen empirisch entwickelte Manipulationstechniken sollen durch ihren Einfluss auf verschiedene ArterientechnikenArterien die Versorgung der viszeralen Organe verbessern. Dies beruht wahrscheinlich auf einer umfassenden Stimulation vaskulärer, faszialer und nervaler Strukturen.
Nachdem die Dehnfähigkeit der Arterien getestet und eine Einschränkung festgestellt wurde, erfolgt eine Behandlung mit Dehnung und plötzlichem Loslassen oder mit einer Recoil-Recoil-TechnikTechnik (bis an die Grenze der eingeschränkten Bewegung dehnen, noch einen kurzen Impuls darüber hinaus geben und schnell loslassen). Dabei dürfen die Arterien nicht komprimiert, sondern nur sanft manipuliert werden.
BEFNT-Integration (balanced entodermal-fascial-neural tension)
Torsten Liem
Die balanced entodermal-fascial-neural tension“\t“Siehe BEFNT-IntegrationBEFNT-BEFNT-IntegrationIntegration basiert auf der Hypothese, dass viszerale Dysfunktionen nicht selten als ein Komplex oder ein Dysfunktionsmuster in Erscheinung treten, in dem eine Wechselwirkung zwischen entodermalen, viszerofasziale Strukturenviszerofaszialen (fasziale Organumhüllung und Verbindungen) und neurovegetativen Strukturen besteht. Für eine vollständige viszerale Diagnostik und Behandlung sind diese viszeralen Interaktionen zu berücksichtigen. Dazu muss ein integriertes Spannungsgleichgewicht des gesamten viszeralen Dysfunktionsmusters eingestellt werden. Selbstverständlich wird nur das diagnostizierte DysfunktionsmusterDysfunktionsmuster behandelt, d. h., wenn keine entodermale Dysfunktion vorliegt, wird sie folglich nicht behandelt.
Auch andere Strukturen können im Sinne osteopathischer Dysfunktionsketten in Wechselwirkung treten. Diese werden durch die allgemeine osteopathische Diagnostik festgestellt (2.3).
Testen der entodermalen Spannung
Zuerst wird die entodermale Spannung:entodermaleentodermale Spannung:TestSpannung getestet:
  • Sanften Druck auf die entodermale Struktur ausüben, um deren Resistenz auf diesen Druck und deren Dichte zu bewerten.

  • Wenn die Spannung vermindert ist (SpannungsverlustSpannungsverlust), verliert das Organ seine Autonomie und entwickelt sich in Richtung Ptose.

  • Wenn die Spannung erhöht ist (SpannungszunahmeSpannungszunahme), sind eine vermehrte Rigidität und ein Elastizitätsverlust palpierbar.

Interpretation:
  • Nach diesem hypothetischen Ansatz ist davon auszugehen, dass die veränderte entodermale Spannung die Organfunktion in irgendeiner Form beeinträchtigt; differenzialdiagnostisch müssen zuvor pathologische Gewebeveränderungen wie Morbus Crohn, Zöliakie etc. ausgeschlossen worden sein.

  • Die Hypothese lautet: In der Regel reagiert das Organ funktionell zunächst mit einer Spannungszunahme. Hält die Situation, auf die das Organ mit dieser Spannungszunahme reagiert, weiter an, kommt es zu einer zunehmenden Verhärtung oder zum Spannungsverlust.

Point of balanced entodermal tension (PBET) (Abb. 2.12)
Ist die entodermale entodermale SpannungSpannung erhöht oder vermindert, gilt es im nächsten Schritt, den point of balanced entodermal point of balanced entodermal tension“\t“Siehe PBETPBET (point of balanced entodermal tension)tension (PBET) einzustellen. Als PBET wird ein therapeutisch induzierter Gleichgewichtszustand der entodermalen Spannung bezeichnet.
  • Der entodermalen Spannung der Organwand in die Position bzw. in die Form folgen, in der die Spannung bestmöglich ausgeglichen ist (PBET).

  • Um sozusagen die entodermale Spannung des Organs zu kopieren, wird die Krafteinwirkung der Hände ihr angepasst bzw. an sie angeglichen.

  • Sobald die vorhandene Spannung exakt kopiert ist, kann man das Einstellen eines PBET wahrnehmen.

  • Sich dabei auch von embryonalen Kraftvektoren embryonale Kraftvektorenleiten lassen, die allerdings nicht willentlich auslösbar sind, sondern höchstens durch sanfte Kompression unterstützt werden können, wenn sie erscheinen. Embryonale Kraftvektoren sind feinste Organbewegungen:embryonale KraftvektorenOrganbewegungen, die mit dem embryonalen Entwicklungsweg der Organe in Verbindung zu stehen scheinen (ein Modell, das weiterer wissenschaftlicher Untersuchung bedarf).

Neuronale Inhibition (Abb. 2.13)
Ist der PBET erreicht, wird eine neuronale neuronale InhibitionInhibition:neuronaleInhibition durchgeführt, um Dysfunktionsmuster zwischen dem Organ und seiner neurovegetativen Innervation zu dekonditionieren. Organe:Innervation
  • Die linke Hand in verschiedenen Ebenen auf den Rücken des Patienten legen. Wenn es einen Bereich am Rücken gibt, in dem das betroffene Organ sich unter der Hand spürbar entspannt bzw. seine Bewegungseinschränkung sich verbessert (point of balanced neuronal tension, point of balanced neuronal tension“\t“Siehe PBNTPBNT (point of balanced neuronal tension)PBNT), die Hand dort liegen lassen; dies ist in der Regel auf Höhe eines sympathischen Innervationsgebiets (Tab. 2.1).

  • Mit der linken Hand am Rücken dann eine Inhibition in diesem Segment ausführen, indem konstanter Druck auf den (Segment-)Bereich ausgeübt wird, um die Reflexaktivität zu verringern.

  • Zusätzlich ggf. eine entsprechende Inhibition in der zervikalen bzw. sakralen Region ausüben (d. h. in einem parasympathischen Innervationsgebiet).

Fasziale Organbeweglichkeit
Danach wird die fasziale Organbeweglichkeit:faszialefasziale Organbeweglichkeit, TestOrganbeweglichkeit getestet:
  • Der Beweglichkeit des Organs während der Atmung folgen.

    • Beweglichkeit, Symmetrie, Leichtigkeit, Bewegungsumfang und Endgefühl beim maximalen Bewegungsausmaß sowie die Qualität der Organbewegung und Organverformung beurteilen. Zudem auf eventuell vorhandene Zugspannungen und arrhythmische Bewegungsmuster achten.

    • Aufmerksamkeit (1) auf die Reaktion des Organs während der Atmung und (2) auf die Gewebestrukturen richten, die eine Bewegungseinschränkung im betroffenen Organ hervorrufen.

  • Je stärker sich ein Organ in Dysfunktion befindet, desto deutlicher werden externe Strukturen versuchen, diese zu kompensieren:

    • Gefäßwand und Gefäßinhalt können als zug- oder biegungsfeste Stützstrukturen z. B. bei Ptosen eine Haltefunktion übernehmen (fasziale Kontinuität über die Adventitia der Gefäßwand); die Atmung kann sich vertiefen oder abflachen; muskuloskelettale Bereiche können sich anspannen, um das Organ zu stützen oder zu schützen.

    • Das Organ kann auch bei der Kompensation anderer Organdysfunktionen mitwirken.

  • Die Organbeweglichkeit kann zusätzlich bei tiefer Ein- und Ausatmung getestet werden.

  • Darüber hinaus lässt sich durch aktives Testen der Organbeweglichkeit wahrnehmen, in welcher Richtung sich das Organ gut bewegt bzw. eine Bewegungseinschränkung auftritt. Dieser Test kann im Einklang mit den Atmungsphasen (oder anderen inhärenten Geweberhythmen) oder unabhängig davon erfolgen.

  • Außerdem ist es möglich, den faszialen Test mit einer leichten Kompression des Organs zu unterstützen. Dadurch zeigt sich nach Barral noch deutlicher die Viskoelastizität des Organs.

Point of balanced fascial tension (PBFT)
Ist die fasziale Organbeweglichkeit eingeschränkt, wird versucht, den point of balanced fascial point of balanced fascial tension“\t“Siehe PBFTPBFT (point of balanced fascial tension)tension (PBFT) zu erreichen.
Der PBFT ist der therapeutisch induzierte Gleichgewichtszustand der viszerofaszialen viszerofasziale SpannungSpannung, d. h. der Spannung der Organumhüllungen, Gleitflächen und Organaufhängungen mit den dazugehörigen Arterien (durch Kontinuität der faszialen Strukturen mit der Adventitia der Gefäße), in dem sich die beteiligten ligamentär-faszialen Strukturen im bestmöglichen Gleichgewicht befinden und die Spannungen gleichmäßig in allen Richtungen ausgeglichen bzw. alle Bänder gleichmäßig angespannt sind.
  • In der Regel wird das Organ in die Position begleitet, in die es sich leicht bewegen lässt.

  • Um die unterschiedlichen Spannungsmuster der Aufhängungen (und Gleitflächen) des Organs zu kopieren, wird die Krafteinwirkung der Hände ihnen angepasst bzw. an sie angeglichen.

  • Wenn die vorhandenen Spannungen exakt kopiert und die Haltefunktionen für die zu behandelnden Bänder und Faszien übernommen worden sind, wird sich spürbar ein PBFT einstellen.

  • Ist der PBFT erreicht, beginnen die Ligamente und Faszien, ein neues Gleichgewicht zu suchen: Dabei entsteht der Eindruck, als würden im faszial-ligamentären/viskoelastischen Umfeld des Organs oder auch weiter entfernt minimale Bewegungen stattfinden, mit denen der gesamte Körper oder einzelne Teilbereiche das vom Therapeuten induzierte Fulcrum dazu benutzen, zu einer Neuorganisation zu gelangen.

  • Alle in irgendeiner Weise am Dysfunktionsmuster beteiligten oder darin eingebundenen Kräfte und Gewebe im Körper können sich innerhalb dieses Prozesses bemerkbar machen (z. B. in Form von Zugspannungen, abweichenden Bewegungen) und eine neue Beziehung zum betroffenen Organ und zu ihrer eigenen Umgebung herstellen. So kann sich eine neue Ordnung im Organismus etablieren.

  • Nach einer Weile kommen diese Bewegungen dann zur Ruhe und das Fulcrum des viszeralen Gelenks kehrt wieder zu seiner physiologischen Bewegungsamplitude zurück.

  • Im Anschluss daran kann auch ein globaler Stillpunkt entstehen.

  • Nachdem die ligamentären und faszialen Verbindungen des Organs ein neues Gleichgewicht gefunden und die inhärenten Bewegungen aufgehört haben, wird das Organ in die Ausgangslage zurückgeführt.

Merke

Auch hier können Techniken wie balanced dynamic tension (BDT) und balanced fluid tension (BFT) zur Anwendung kommen. Wichtig ist darauf zu achten, weder bei der Untersuchung noch bei der Behandlung bis an die Bewegungsgrenzen zu gehen.

Das Erreichen des PBFT kann durch folgende Methoden unterstützt werden:
  • Annähern oder Traktion können nötig werden, um ein Dysfunktionsmuster deutlicher hervortreten zu lassen oder eine bessere Anpassung an die Kräfte im Aufhängeapparat zu erreichen; ein Annähern im Sinne einer Kompression unterstützt die Behandlung der viskoelastischen Elemente eines Organs.

  • Lagerung/Positionierung des Patienten:

    • In der Regel sollte die Lagerung/Haltung des Patienten die Dysfunktion des betroffenen Organs verstärken (indirekte Technik): z. B. Rotation/Seitneigung des Kopfes, Bein- und Rumpfstellung (Seitneigung etc.).

    • Unter Umständen kann durch die Lagerung des Patienten auch gezielt eine Kraft in die eingeschränkte Bewegungsrichtung des Organs ausgelöst werden (direkte Technik).

  • Atmung und neuronale Integration:

    • Bei eingeschränkter Organbeweglichkeit in der Einatmungsphase (AusatmungsdysfunktionAusatmungsdysfunktion des Organs) den Patienten auffordern, den Atem am Ende der Ausatmung möglichst lange anzuhalten.

    • Bei eingeschränkter Organbeweglichkeit in der Ausatmungsphase (EinatmungsdysfunktionEinatmungsdysfunktion) den Patienten auffordern, den Atem am Ende der Einatmung möglichst lange anzuhalten.

    • In der Regel tritt dann beim Übergang von der Apnoe zur unwillkürlichen Ein- bzw. Ausatmung die Korrektur ein.

    • Zusätzlich kann der Patient dazu aufgefordert werden, während der Apnoe gleichzeitig Finger, Füße, Zunge und Augen zu bewegen (neuronale neuronale IntegrationIntegration, neuronaleIntegration).

    • Unter Umständen kann die Atmung auch so eingesetzt werden, dass sie eine Kraft in Richtung der eingeschränkten Organbeweglichkeit auslöst (direkte Technik). Liegt eine Ausatmungsdysfunktion eines Organs vor, wird der Patient in dem Fall dazu aufgefordert, am Ende der Einatmung die Luft anzuhalten.

Balanced dynamic tension (BDT)
Anschließend balanced dynamic tension“\t“Siehe BDTversuchen, eine BDT BDT (balanced dynamic tension)zu erreichen; dabei wird das Gewebe nicht wie beim PBET und PBFT in einem statischen Spannungsgleichgewicht gehalten.
  • Beide Hände mit den inhärenten Rhythmen des Organs synchronisieren, d. h. der Gewebedynamik folgen.

  • Um ein dynamisches Spannungsgleichgewicht zu erreichen, den Dynamiken im Gewebe weiterhin folgen. Nur während der InspirInspir-/Expansionsphase (seltener im ExspirExspir) auftretende dysfunktionale bzw. asymmetrische Gewebedynamiken sanft verstärken, ohne deren Geschwindigkeit zu ändern.

  • Geweberestriktion bzw. Gewebebarrieren weder bei der Untersuchung noch bei der Behandlung der Dysfunktion angehen.

  • Während der Exspir-/Retraktionsphase nur passiv den Gewebespannungen folgen.

  • Diesen Vorgang wiederholen, bis am Ende einer Inspir-/Expansionsphase deutlich wahrnehmbar ein spontanes, nicht vom Therapeuten ausgelöstes „DisengagementDisengagement“ (sanfte Lösung des Organs von seinen umgebenden Strukturen) eintritt.

Balanced fluid tension (BFT)
Danach versuchen, eine BFT (balanced fluid tension)balanced fluid tension“\t“Siehe BFTBFT, d. h. ein fluides Spannungsgleichgewicht, zu erreichen und die inhärenten Gewebedynamiken mit dem spontan auftretenden „Disengagement“ Disengagementzu synchronisieren.
  • Nicht bis an die Bewegungsgrenzen gehen!

  • Zum Erreichen der BFT die Hände der physiologischen „Bewegung“ des betroffenen Organgewebes folgen lassen.

  • Die wahrnehmbaren fluiden Bewegungen:fluide, MusterBewegungen mit dem spontan auftretenden „Disengagement“ am Ende der Inspir-/Expansionsphase synchronisieren, bis sich im betroffenen entodermalen Gewebe ein „balance point“ einstellt.

  • Auf die Wechselwirkung des lokalen fluiden mit dem gesamten fluiden Muster des Körper achten.

Behandlungsablauf

Michel Puylaert
Kraftaufwand
Ist grundsätzlich gering. Je präziser die BehandlungsablaufBewegung, desto kleiner der KraftaufwandBehandlung:KraftaufwandKraftaufwand. Die Hand an das Gewebe anpassen und keine Abwehrspannung verursachen. Mit der Erfahrung entwickelt sich das richtige Gefühl, da jeder Patient etwas anders reagiert.
Bewegungsrhythmus und Amplitude
Ziel der Bewegungsrhythmus und -amplitudeBehandlungBehandlung ist es, den Rhythmus des Organs wiederherzustellen. Der Therapeut gibt den Impuls und der Körper übernimmt den Rest (Selbstheilung). Daher ist die Amplitude nicht sehr groß, aber vom Organ abhängig. Da intraperitoneale Organe:Bewegungsrhythmus und -amplitudeOrgane eine größere Beweglichkeit als retroperitoneale Organe besitzen, werden sie in der Regel auch mit einer geringeren Amplitude behandelt.
Häufigkeit der Behandlung
Erfahrungsgemäß hat es Behandlungshäufigkeitkeinen Sinn, Patienten zu oft zu behandeln. Dazu gibt es aber recht unterschiedlich Meinungen – die Bandbreite reicht von 1× alle 3 Wochen bis 3× wöchentlich. Dabei spielen verschiedene Faktoren wie Tageszeit, Zykluslänge bei Frauen, Allgemeinbefinden/-zustand (z. B. nach Krankheit und Operation), seelische Anspannung etc. eine Rolle. Entscheidend ist die Reaktion des Gewebes, ob es sich schon nach einer Behandlung teilweise normalisiert hat oder nicht.
Wenn nach 3–4 Behandlung keine relevante Änderung aufgetreten ist, den Therapieansatz überdenken.

Kontraindikationen

Michel Puylaert

Merke

Der Therapeut muss Behandlung:Kontraindikationenverantwortungsbewusst handeln und erkennen können, wann eine osteopathische Behandlung angebracht ist oder nicht. Dazu gehört eine fundierte Ausbildung.

Absolute Kontraindikationen sind:
  • akutes KontraindikationenAbdomen

  • fieberhafte Erkrankungen

  • akute Infektionskrankheiten

  • akute entzündliche Organerkrankungen

  • Thrombose

  • Nierenkoliken

  • Magenblutung

  • Ileus

  • behandlungsbedürftige Tuberkulose

Relative Kontraindikationen sind:
  • kardiovaskuläre Störungen

  • Nierensteine ohne akute Symptomatik

  • Gallensteine ohne akute Symptomatik

  • Menstruation

  • Karzinom ohne akute Symptomatik

Wirkungen einer osteopathischen Behandlung

Michel Puylaert
Da viszerale viszerale Manipulation:WirkungenManipulationen keine isolierten Effekte haben, ist es schwierig, die Wirkung einer Behandlung:WirkungenBehandlung zu beurteilen, dazu bedarf es einiger Erfahrung. Allgemein kann sich der Therapeut an folgenden Anhaltspunkten orientieren:
  • Nach der Behandlung ist eine Verschlechterung der Symptomatik möglich, die aber nicht länger als 3 Tage bestehen bleiben sollte. Falls doch, muss das Beschwerdebild neu besprochen und eventuell ein Arzt zur Abklärung aufgesucht werden.

  • In jedem Fall sollte sich nach 3–4 Behandlungen eine positive Veränderung im Beschwerdebild des Patienten ergeben. Falls nicht, muss der Befund gründlich überprüft und die osteopathische Behandlung eventuell abgebrochen werden.

  • Bei Patientinnen spielt der Hormonzyklus eine wichtige Rolle. Es kann zu einer Überreaktion kommen, die aber innerhalb weniger Tage abklingen sollte. Wenn nicht, muss das Beschwerdebild neu besprochen und eventuell ein Arzt zur Abklärung aufgesucht werden.

Therapeutische Wirkungen
  • Verbesserung der Durchblutung und der Wirkungen:therapeutischetherapeutische WirkungenLymphzirkulation

  • Verbesserung von Nervenfunktionen

  • Normalisierung des Stoffwechsels

  • Normalisierung der Verdauung

  • Beseitigung von Stenosen und Muskelspasmen

  • Verbesserung des Hormonhaushalts

  • Verminderung von rezidivierenden Wirbelblockierungen

  • positiver Einfluss auf die Psyche

Chapman-Reflexe: von der Theorie zur Praxis

Christian Fossum

Einleitung

Die Osteopathie kennt diverse Methoden zur Behandlung von somatischen und systemischen Dysfunktionen, bei denen sich der Therapeut verschiedene Gewebeveränderungen an der Körperoberfläche wie Tenderpoints (für Counterstrain-Techniken), myofasziale Triggerpunkte (MTrP) und Chapman-Chapman-ReflexeReflexe (CR) aktiv zunutze macht.
Empirisch abgeleitet, sind die Chapman-Reflexe heute im Allgemeinen sowohl als diagnostisches Hilfsmittel als auch als zusätzliche Behandlungstechnik in viele osteopathische Unterrichtsangebote und in die klinische Praxis integriert. Um sie wirkungsvoll einzusetzen, werden sie nicht als eigenständige Methode genutzt, sondern umsichtig in andere klinische Methoden integriert. Der osteopathische Berufsstand definiert die als Chapman-Reflexe bekannten tastbaren Gewebeveränderungen aktuell als „ein System von Reflexpunkten, die sich als vorhersagbare anteriore und posteriore fasziale Gewebeveränderungen (plaque- bzw. strangartige Veränderungen der betroffenen Gewebe) präsentieren. Es wird davon ausgegangen, dass es sich hierbei um Reflexionen viszeraler Dysfunktionen bzw. Pathologien handelt“ (ECOP 2006). Historisch gab es verschiedene Erklärungsansätze für die Wirkmechanismen der Chapman-Reflexe von Therapeuten, die sie empirisch nutzten und wertschätzten. Dazu gehören lymphatische Veränderungen, fibrotische Ablagerungen im Bindegewebe sowie Entzündungen von Lymphgefäßen, die Rippen und knöcherne Strukturen überqueren, Entzündungen von Nervenendigungen und Entzündungen von sympathischen Nervenfasern im Bereich der Endarteriolen (Ketchum 1943; Fossum et al. 2011). Daran zeigt sich deutlich, dass bereits zu einem frühen Zeitpunkt in Erwägung gezogen wurde, die Chapman-Reflexe bzw. die an der Körperoberfläche tastbaren und vorhersagbaren viszerosomatischen Gewebereflexe könnten lymphatische, neuroendokrine und autoimmune Reaktionen auf Verletzung, Krankheit und Leiden darstellen.

Historischer Hintergrund1

1

Ein detaillierter historischer Überblick findet sich in Fossum C, Kuchera ML, Devine W et al.: Chapman's approach, in: Chila AG. Foundation of Osteopathic Medicine, 3rd ed. Philadelphia: Lippincott Williams & Wilkins, 2011.

Die ursprüngliche, den Chapman-Chapman-Reflexe:historischer HintergrundReflexen zugrunde liegende Idee entwickelte sich auf einem Gebiet, dessen vorherrschende Philosophie bzw. Fokus sich auf spezifische „LäsionenLäsionen“ und deren exakte Beziehung zu unterschiedlichen Krankheitsgeschehen richtete. Diese Läsionen wurden als „anatomische Veränderungen“ angesehen, welche die physiologischen Prozesse des Körpers behinderten oder störten. Ihre Behandlung mit osteopathischen Manipulationen sollte dem Körper helfen, sich nach Verletzungen, Krankheit und Leiden wieder zu erholen. Diese spezifische Sichtweise wurde vielfach kurz und bündig in Stills axiomatischer Äußerung „Find it, fix it and leave it alone“ [Finde es, behebe es und lass es in Ruhe] zusammengefasst.
Frank Chapman erwarb 1899 seine Graduierung zum D. O. an der American School of Osteopathy in Kirksville.
Frühe klinische Beobachtungen veranlassten Chapman dazu, sich bei einer Vielzahl von Beschwerden seiner Patienten auf das Lymphsystem und damit in Zusammenhang stehende palpatorische Befunde, wie verhärtete und schmerzhafte Drüsen, zu konzentrieren. Bei mehreren Patienten bemerkte er Verbesserungen durch eine sanfte Manipulation dieser Bereiche. Im Rahmen seiner Forschungen stieß er auf Mechanical Vibratory Stimulation, einen Text von Maurice F. Pilgrim, MD (1901), der hervorhob, dass die mechanische Stimulation von Reflexzentren die Körperflüssigkeiten und die lymphatische Drainage beeinflussen könne, was sich wiederum auf eine Vielzahl von physiologischen Funktionen wie Atmung, Verdauung, Sekretion, Exkretion und den Muskelstoffwechsel auswirke. Mit dieser Information und ermutigt durch seine klinischen Ergebnisse, begann Chapman sorgfältig Befunde von seiner Ansicht nach gestauten lymphatischen Gebieten nahe der Körperoberfläche aufzuzeichnen. Denn er ging davon aus, dass sie einen Bezug zum lymphatischen System und zum Nervensystem haben – daher die Bezeichnung als neurolymphatische Reflexe. Ende der 1920er-Jahre hatte Chapman über 200 Zentren an der Körperoberfläche lokalisiert, die nach seiner Theorie in einem klinischen Zusammenhang mit den Viszera, den endokrinen Drüsen und systemischen Funktionen stehen.
Als weiterer Graduierter (D. O.) des Jahrgangs 1899 der American School of Osteopathy und Schwager von Chapman begann sich Charles Owens vermutlich Mitte bis Ende der 1920er-Jahre für die Chapman-Chapman-ReflexeReflexe zu interessieren. In einem besorgniserregenden Fall von Schwindel bat er Chapman um seine Meinung und war beeindruckt von der Art und Weise, wie Chapman den Fall diagnostizierte und den Patienten von seinem Schwindel befreite. Owens ermutigte Chapman, zum Nutzen der ganzen osteopathischen Profession eine Karte der Reflexpunkte zu erstellen, eine Aufgabe, die 1929 kurz vor Chapmans vorzeitigem Tode ihren Abschluss fand. Der von Chapman selbst veröffentlichte Text Lymphatic reflexes: a specific method of osteopathic diagnosis and treatment (1931) war die erste Darstellung der Reflexpunkte in Buchform und bildete die Grundlage für das bekannteste Werk zu diesem Thema: An endocrine interpretation of Chapman's Reflexes von Charles Owens (1937, 1963). Owens bezeichnete die neurolymphatischen Reflexe zu Ehren ihres Entdeckers Frank Chapman als Chapman-Reflexe.

Befundung anhand der Chapman-Reflexe

Es gibt verschiedene Arten von viszeralen Dysfunktionen, die als Ursache für positive Chapman-Chapman-Reflexe:viszerale DysfunktionenChapman-Reflexe:BefundungReflexe angesehen werden. Dazu zählen Entzündungen, Spasmen und Dehnung der Viszera (Wilson 2006). Die typische Lokalisation der Chapman-Chapman-Reflexpunkte:LokalisationReflexpunkte ist tief unter der Haut und dem lockeren subkutanen Bindegewebe; meist liegen sie auf der tiefen Faszie oder dem Periost (Patriquin 2003). Am häufigsten finden sie sich in spezifischen Lokalisation:Chapman-ReflexpunkteLokalisationen variabler Größe – so groß wie die Kügelchen einer Luftpistole oder eine Erbse, wie ein Stecknadelkopf oder eine Mandelgröße –, die bestimmte wiedererkennbare palpatorische Charakteristika aufweisen (Capobianco 2004, Patriquin 2003, Samblanet 1944). Sie manifestieren sich als knotenförmige (gangliforme) Kontraktionen, die man als lokale Bindegewebeschwellung/-kongestion aufgrund einer viszeralen viszerale Dysfunktion:Chapman-ReflexeDysfunktion mit nachfolgendem Lymphstau ansieht (Capobianco 2004), und wurden wie folgt beschrieben (Owens 1943):
  • gangliform

  • ödematös

  • wulst- oder seilartig

  • faserig-schwammig

  • schrotkugelartig

Die Chapman-Reflexpunkte verteilen sich hauptsächlich auf der anterioren und posterioren Körperoberfläche. Zur Erstdiagnostik werden die anterioren Punkte benutzt, die im Allgemeinen weiter auseinanderliegen, was dem Behandler ihre Differenzierung erleichtert. Welche palpatorischen Techniken für ihre Lokalisierung eingesetzt werden, hängt von der Lokalisation der Punkte ab: Chapman-Reflexpunkte, die beispielsweise auf den Procc. transversi liegen, können sie von verspannten tiefen oder oberflächlichen paravertebralen Muskeln bedeckt sein. In solchen Fällen kann es nötig sein, zuerst die Muskulatur zu entspannen, bevor sich die Chapman-Reflexpunkte effektiv lokalisieren und behandeln lassen (Hinckley-Chapman & Owens 1932, Owens 1943). Die spezifischen Gewebeveränderungen:Chapman-ReflexpunkteGewebeveränderungen der Chapman-Chapman-Reflexpunkte:GewebeveränderungenReflexpunkte sind gewöhnlich mit einer unterschiedlichen Empfindlichkeit verbunden. Deren Schweregrad reicht typischerweise von leicht bis zu nahezu unerträglich schmerzhaft. Allerdings gibt es auch Patienten, die trotz deutlicher und charakteristischer Gewebeveränderungen in den Chapman-Chapman-Reflexpunkte:SchmerzempfindlichkeitReflexpunkten keine Schmerzen haben. Unklar ist, ob dies mit dem Stadium der Dysfunktion zusammenhängt oder ob es sich um einen Zufallsbefund ohne Bedeutung handelt. Die fehlende Empfindlichkeit könnte auch als Hinweis auf eine Unterfunktion des dazugehörigen Organs aufgefasst werden (Mitchell 1974).

Momentaufnahme

Diagnostik mittels Chapman-Reflexen

  • Die diagnostische Untersuchung beginnt mit den anterioren Chapman-Reflexe:DiagnostikChapman-Reflexpunkten: Ihre Lagebeständigkeit und die Tatsache, dass sie weiter auseinanderliegen als die posterioren Chapman-Reflexpunkte, verhindert Unklarheiten über die Beteiligung eines oder mehrerer Organe (Brown 1949).

  • Die Aufmerksamkeit richtet sich besonders auf die:

    • Lokalisation der Chapman-Reflexpunkte: Wie tief liegen sie? Muss zuvor Gewebe entspannt werden, um sie zu erreichen?

    • für Chapman-Reflexpunkte charakteristischen spezifischen Gewebeveränderungen und -qualitäten

    • SchmerzempfindlichkeitSchmerzempfindlichkeit. Sind sie nicht schmerzhaft, so stellt sich die Frage, ob weitere diagnostische Informationen darauf hinweisen, dass noch immer eine Dysfunktion vorliegen könnte.

  • Für den positiven Nachweis eines Chapman-Reflexes müssen sowohl der anteriore als auch der posteriore Reflexpunkt vorhanden sein (Lippincott 1946). Findet sich ein entsprechend positiver posteriorer Chapman-Reflexpunkt, um den Befund des anterioren Chapman-Reflexpunktes zu bestätigen?

Bezüglich der klinischen Relevanz der diagnostizierten Gewebeveränderungen besteht häufig Unklarheit: Handelt es sich um Chapman-ReflexeChapman-Reflexe:Abgrenzung zu Triggerpunkten und Tenderpoints (CR)? Sind es die von Travell und Simons beschriebenen myofaszialen TriggerpunkteTriggerpunkte:Abgrenzung zu Chapman-Reflexen und Tenderpoints (MTrP)? Oder sind es TenderpointsTenderpoints:Abgrenzung zu Chapman-Reflexen und Triggerpunkten, wie sie Jones für die osteopathische Diagnostik und Behandlung mit den Counterstrain-Techniken (CS) beschrieben hat? Obwohl die Lokalisation dieser unterschiedlichen palpierbaren Phänomene übereinstimmen kann, weichen sowohl ihre klinische Beurteilung als auch die jeweiligen Behandlungsansätze voneinander ab.
CR
  • Lokalisation in Weichteilgeweben: Unterhaut, Faszie, Muskel, Ligament und perichondrales oder periostales Gewebe. Meist in der tiefen Faszie oder im Periost gelegen.

  • Palpatorische Qualität: Das Gewebe über dem CR fühlt sich körnig an, der CR selbst ist gangliform, kontrahiert, ödematös, wulst- oder seilartig, fibrös-schwammig; variable Größe.

  • Die Empfindlichkeit reicht von leicht bis unerträglich schmerzhaft. Klar umschriebener Schmerz, fast stechender Charakter (der Patient spürt den ausgelösten Schmerz sehr bewusst), aber keine Schmerzausstrahlung.

  • CR stehen mit viszeralen und systemischen Dysfunktionen in Beziehung.

  • Behandlung als Bestandteil eines integrativen Therapieansatzes

MTrP
  • Als zentrale MTrP in mittleren Faseranteilen von Muskeln, als Ansatz-MTrP in den myotendinösen Übergangsbereichen lokalisiert. Die Tiefe variiert je nach betroffenem Muskel.

  • Palpatorische Qualität: Im Muskel sind abgrenzbare Knötchen (Kontraktionsknoten) mit seilartiger Verhärtung (Spannungsband) tastbar.

  • Bei MTrP ist der Schmerz im Spannungsband lokalisiert und häufig mit einer Zuckung verbunden. Von aktiven MTrP strahlen Schmerzen in bestimmte Regionen aus, die auf Karten der myofaszialen Schmerzausstrahlung verzeichnet sind.

  • In einem MTrP spiegelt sich die lokale Pathophysiologie des Muskels, in dem er sich befindet. MTrP können zu Bewegungseinschränkungen benachbarter Gelenke führen.

CS
  • Tenderpoints finden sich typischerweise in Sehnenansätzen, im Muskelbauch oder in einem Gelenkband in Verbindung mit einer Gelenkdysfunktion.

  • Palpatorische Qualität: Tenderpoints sind kleine, umschriebene, straffe und ödematöse Gewebeveränderungen, etwa so groß wie eine Fingerkuppe.

  • Sie sind extrem empfindlich, lokal begrenzt, ohne ausstrahlende oder übertragene Schmerzen. Typischerweise sind sie mindestens viermal empfindlicher als das angrenzende oder umgebende Gewebe.

  • Tenderpoints sind mit spezifischen Gelenk- und/oder Muskeldysfunktionen assoziiert.

Zu den unterschiedlichen Behandlungsansätzen lässt sich Folgendes sagen:
  • Nachdem die biomechanisch-posturalen, respiratorisch-zirkulatorischen und neurologischen (autonomes Nervensystem) Komponenten des klinischen Erscheinungsbildes behandelt wurden, schließt sich gewöhnlich eine 20–60 Sekunden lange rotatorische Stimulation der Behandlungstechniken:Chapman-ReflexpunkteChapman-Reflexpunkte Chapman-Reflexpunkte:Behandlungstechnikenan. Sie reagieren nicht auf Counterstrain- oder andere Positional-Release-Techniken.

  • MTrP können mit Triggerpunkte:Behandlungstechnikeneiner Behandlungstechniken:TriggerpunkteVielzahl von Modalitäten behandelt werden: Stretch-and-Spray-Technik, ischämische Kompression, gefolgt von Muskelenergie-, Counterstrain- und Injektionstechniken. Bei der Behandlung von MTrP sollten verstärkende Faktoren wie Haltungsmuster (postural patterns) und damit verbundene somatische Dysfunktionen ebenfalls berücksichtigt werden.

  • Tenderpoints Tenderpoints:Behandlungstechnikenwerden Behandlungstechniken:Tenderpointsmit Counterstrain- oder spontanen Positional-Release-Techniken behandelt. Im Anschluss kann der betreffende Muskel noch mit spezifischen und sanften Muskelenergietechniken nachbehandelt werden.

Integration der Chapman-Reflexe in die klinische Behandlung

Aus diagnostischer Sicht können sich die Chapman-Reflexe:Integration in BehandlungChapman-Reflexe in vielen klinischen Situationen als hilfreich erweisen. Sie erleichtern die Bestimmung jener Strukturen, die höchste Relevanz im Rahmen des Krankheitsbildes besitzen.

Beispiele

Beispiel 1: Organstrukturen

Finden sich nach Durchführung der aus osteopathischer Sicht notwendigen Tests zur Bestimmung einer viszeralen Dysfunktion zwei oder drei Organstrukturen, die relevant zu sein scheinen, kann mithilfe der Chapman-Reflexe das wichtigste Organ (mit dem die Behandlung beginnen sollte) bestimmt werden. Die wichtigste Organstruktur ist typischerweise diejenige, in der sich der am deutlichsten palpierbare und schmerzhafteste Chapman-Reflexpunkt befindet.

Beispiel 2: Viszerosomatische Reflexe

Wirbelsäulenbefunde deuten auf eine sekundäre somatische Dysfunktion aufgrund von viszerosomatischen viszerosomatische ReflexeReflexen hin, beispielsweise in Höhe von Th5–Th9. Über das sympathische Nervensystem stehen zahlreiche viszerale Strukturen mit diesen spinalen Segmenten in Verbindung. Werden sie mithilfe der Chapman-Reflexe getestet, kann sich ein Hinweis auf den potenziellen Auslöser der viszerosomatischen Reflexaktivität ergeben.
Unter Behandlungsaspekten bilden die Chapman-Reflexe kein eigenständiges therapeutisches System. Eine Behandlung, bei der einfach nur die Reflexpunkte „gerubbelt“ würden, ohne den Patienten in seiner Gesamtheit zu berücksichtigen, erweist sich höchstwahrscheinlich als sinnlos. Für einen effektiveren, patientenzentrierten Behandlungsansatz sollten die Chapman-Reflexe daher zusammen mit anderen osteopathischen konzeptionellen Modellen zum Einsatz kommen:
  • 1.

    Modell(e):osteopathischeBiomechanisch-posturales Modell: Die Behandlung Modell(e):biomechanisch-posturalesbiomechanischer und posturaler Dysfunktionen und Dysbalancen soll die körperliche Ökonomie und den Energieaufwand reduzieren. Dies kann auch mithelfen, die allostatische Gesamtlast des Patienten zu verringern.

  • 2.

    Respiratorisch-zirkulatorisches Modell: Um das lymphatische Modell(e):respiratorisch-zirkulatorischesSystem zu behandeln, werden zunächst Hindernisse für den Rückfluss beseitigt und im Anschluss Techniken zur Verbesserung des Lymphflusses angewendet.Durch die Behandlung der Brustkorbmechanik und der Atemmuskulatur wird die Leistungsfähigkeit des respiratorischen Systems wiederhergestellt. Man sollte stets daran denken, dass bei normaler Atemmechanik jeder Atemzug wie eine Lymphpumpe wirkt.

  • 3.

    Neurologisches Modell: UmModell(e):neurologisches vegetative Störungen aufgrund einer segmentalen Fazilitation zu verringern, sollten somatische Dysfunktionen behandelt werden.

Demnach lassen sich die Prinzipien für eine integrative Verwendung der Chapman-Reflexe wie folgt zusammenfassen:
  • Die exakte anatomische Lokalisation und klinische Bedeutung jedes einzelnen Chapman-Reflexes kennen.

  • Einen ganzheitlichen, integrativen Ansatz wählen und in einer bestimmten Reihenfolge Chapman-Reflexe:Behandlungsansatz und -reihenfolgebei der Behandlung Behandlung:Chapman-Reflexevorgehen: Durch die Umsetzung von osteopathischen Überlegungen des biomechanisch-posturalen, respiratorisch-zirkulatorischren und neurologischen Modells können sowohl ursächliche, auslösende, mitwirkende oder verstärkende Faktoren als auch die zirkulatorischen Systeme sowie das Zusammenspiel von Funktionen und Interaktionen des somatomotorischen, autonomen und neuroendokrin-immunologischen Systems behandelt werden.

  • Keine Überbehandlung: Eine Anwendungsdauer von 15–60 Sekunden pro Chapman-Reflexpunkt ist ausreichend.

    • Chapman empfahl ursprünglich, mit der Behandlung der anterioren Reflexpunkte zu beginnen und mit den posterioren fortzufahren.

    • Wenn Chapman-Reflexpunkte zu empfindlich für eine Behandlung sind, kann eine myofasziale Lösung (Release-Technik) des Gewebes um den gangliformen Bereich herum zu einer angenehmeren Form der Drainage beitragen. Dies kann wiederum eine direkte Behandlung des Chapman-Reflexpunkts erleichtern.

Experimentelle Forschung

Wenn palpierbare Veränderungen, Chapman-Reflexe:experimentelle Forschungaber keine anderen objektiven Befunde vorliegen, ist es schwierig, MTrP und Tenderpoints in Verbindung mit einer Fibromyalgie Fibromyalgiekonkret darzustellen. Dasselbe gilt auch für die Chapman-Reflexpunkte. Doch mit wachsender Evidenzlage mehren sich die Beweise für palpierbare Gewebeveränderungen Gewebeveränderungenin Verbindung mit klinischen Zeichen und Symptomen. Bei Fibromyalgie-Patienten wurden im Rahmen von Hautbiopsien hochorganisierte Kollagenmanschetten um die Nervenendigungen gefunden, in der gesunden Kontrollgruppe dagegen keine. Man bezeichnet sie als „Mikronarben“ und nimmt an, dass diese kollagenen, mit einem verminderten Kollagenstoffwechsel verbundenen Quervernetzungen nötig sind, um die Kollagenmanschetten der Hautnerven zu erhalten. Als mögliche Ursache dieser Kollagenbildung vermutete man eine neurogene Entzündung,Entzündung:neurogeneneurogene Entzündung die in Haut von Patienten mit Fibromyalgie nachweisbar war (Sprott et al. 1997, Sprott 2003, Salemi et al. 2003). Auch das biochemische Milieu von MTrP wurde mit verfeinerten Mikrodialysemethoden untersucht. In den MTrP fand sich eine signifikant höhere Konzentration proinflammatorischer Zytokine und Peptide als im umgebenden Muskelgewebe (Shah et al. 2005, 2008). Darüber hinaus kann der ständige nozizeptive Input aus MTrP die Erregbarkeit der Hinterhornneurone Hinterhornneurone:Triggerpunktesteigern und die nozizeptiven Vorgänge im peripheren Gewebe mit einer zentralen Sensibilisierung zentrale Sensibilisierung:Triggerpunkteverknüpfen (Mense 2008).
Lokale Befunde wie Empfindlichkeit des Gewebes, Ödeme und eine Vasodilatation an Stellen, die scheinbar keine Verbindung zum primären Sitz einer Dysfunktion oder Verletzung haben, könnten auf eine neurogene Entzündung zurückzuführen sein, bei der die peripheren Nervenendigungen nach wiederholter Depolarisation Neuropeptide freisetzen. Dies wird als Axonreflex bezeichnet. Die verletzungs- oder entzündungsbedingte Stimulation eines C-Faser-Zweigs kann zu einer Depolarisation und antidromen Aktivität in anderen Nervenästen führen, die in keiner Beziehung zum Ort der Verletzung oder Entzündung stehen, sodass es zur Freisetzung von Neuropeptiden in Geweben kommt, die weder entzündet noch verletzt sind (Van Griensven 2005, Willard 2008). Dies könnte eine Erklärung dafür sein, weshalb Gewebeveränderungen Gewebeveränderungenund Empfindlichkeit in Bereichen zu finden sind, die mit dem aktuellen Problem scheinbar nichts zu tun haben. Obwohl es sich hierbei um reine Spekulation handelt, könnten solche Mechanismen im Prinzip Befunde wie die Chapman-Reflexpunkte und die Counterstrain-Tenderpoints erklären.

Klinische Forschung

Es gibt nur sehr Chapman-Reflexe:klinische Studienwenige Studien, die eine Wirksamkeit der Chapman-Reflexe in der Behandlung verschiedener Störungen belegen. Die Zuverlässigkeit (Reliabilität) einer manuellen Diagnose ist immer ein strittiges Thema. Doch zwei Studien berichten über mäßige bis gute Ergebnisse: die eine untersuchte die Zuverlässigkeit, mit der Counterstrain-Tenderpoints lokalisiert wurden, und die andere die Zuverlässigkeit von Chapman-Reflexpunkten in Bezug auf das Bronchopulmonalsystem von Patienten mit Pneumonie (McPartland et al. 1997, Washington et al. 2003). Es bedarf weiterer Forschung zur Reliabilität und Validität, mit der sich Chapman-Reflexpunkte als diagnostisches Instrument einsetzen lassen.
Parallel dazu zeigen einige Studien einen klinischen Nutzen. Mannino (1979) wies nach, dass die Behandlung von Chapman-Reflexpunkten Chapman-Reflexpunkte:bei Bluthochdruckder Nebennieren bei Patienten mit Bluthochdruck Bluthochdruck:Chapman-Reflexpunkteden Aldosteron-Serumspiegel bis zu 36 Stunden senken konnte. Eine andere Studie berichtet, dass die Kombination von Chapman-Reflexen mit anderen Weichteiltechniken eine signifikante Verbesserung der forcierten Vitalkapazität in einer Gruppe von 30 asymptomatischen Teilnehmern bewirkte, die von der ersten Vorbehandlung bis zur letzten Nachbehandlung anhielt (Lines et al. 1990). Natürlich sind auf diesem Gebiet weitere Untersuchungen erforderlich.

Zusammenfassung

In der osteopathischen Berufspraxis haben Chapman-Reflexe eine lange Tradition als Diagnose- und Behandlungsinstrument. Doch so, wie sie üblicherweise gelehrt wurde, erwies sich die Methode leider als unzureichend und hinterließ bei Therapeuten oft den Eindruck, Chapman-Reflexe seien eine eigenständige Form der Behandlung oder eine Art Behandlung „per Knopfdruck“.
Um Chapman-Reflexe (1) als positiv bewerten zu können, müssen sowohl die anterioren als auch die posterioren Chapman-Reflexpunkte vorhanden sein.
Um Chapman-Reflexe (2) klinisch nutzen zu können, bedarf es eines Behandlungsansatzes, der andere osteopathische Modelle und Techniken (Modalitäten) für eine Optimierung der Ergebnisse integriert. Ungeachtet der langen Anwendungsgeschichte und der anekdotischen Evidenz mangelt es an Forschungen zur klinischen Wirksamkeit der Behandlung mit Chapman-Reflexen.

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