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Behandlungsintention und Ziele

Philip Van Caille

  • 6.1

    Die Osteopathie als funktionelle Medizin236

  • 6.2

    Coaching236

    • 6.2.1

      Das GROW-Modell237

  • 6.3

    Schmerzbewältigung237

  • 6.4

    Brauchen wir ein Konzept?238

  • 6.5

    Die therapeutische Beziehung238

From occiput to coccyx you must know right from wrong or the results will not give satisfaction.

A. T. Still

Die Osteopathie als funktionelle Medizin

Die Osteopathie:DiagnostikOsteopathie befasst sich mit der Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Funktionsstörungen des Bewegungsapparats sowie mit den biomechanischen und neurophysiologischen Ursachen und Folgen dieser Beschwerden. Ohne die anderen Körpersysteme und Strukturen zu vergessen, zeigt sich in der täglichen Realität, dass Wirbelsäule, Becken und periphere Gelenke auf diagnostischer und therapeutischer Ebene eine zentrale Rolle spielen.
Als anerkannte Form der Komplementärmedizin versucht die Osteopathie, Patienten mit Wirbelsäulenbeschwerden:DiagnostikWirbelsäulenbeschwerden zu helfen, auf natürlichem Weg symptomfrei zu werden und zu bleiben. Dafür ist die Diagnostik:WirbelsäulenbeschwerdenDiagnostik:OsteopathieDiagnostik sehr entscheidend. Diagnose bedeutet nicht, die Symptome des Patienten zu beschreiben, sondern auch deren Ursachen auf der Basis einer klinischen Untersuchung einzuschätzen.

Praxisbezug

Bei funktionellen Störungen sollte eine klinische Diagnostik nach dem Ursprung der Beschwerden definiert werden: Wo befindet sich die Störung, die zur Dekompensierung geführt hat?
Die Osteopathie möchte sich distanzieren von Therapien, die keine Diagnose stellen und einfach drauflos behandeln, weil sie sozusagen ungefährlich sind. Ihr Leitmotiv lautet: keine effektive Behandlung ohne Diagnose.
Die Behandlungsstrategie des Therapeuten ist auf einer Analyse des gesamten Organismus aufgebaut. Im Rahmen dieses Buches lässt es sich unmöglich vollständig darstellen – aber es sollte klar sein, dass Diagnose und Therapie nur bei Berücksichtigung des gesamten Menschen zum Erfolg führen können.
Wie Wirbelsäulenbeschwerden:BehandlungsstrategieWirbelsäulenbeschwerden behandelt werden, hängt von der Ursache und Dauer der Symptome ab. Die Strategie wird nicht nur in der Behandlung von akuten bzw. subakuten Beschwerden gegenüber chronischen Beschwerden unterschiedlich sein. Den Weg zum therapeutischen Erfolg wird vor allem die Beurteilung der Auslöser der Dekompensierung und der Faktoren, die zur Chronizität und Therapieresistenz geführt haben, weisen. Die tägliche Praxis zeigt, dass jeder Patient seine eigenen Kompensations- und KompensationsmechanismenDekompensationsmechanismenDekompensationsmechanismen hat: Was dem einen hilft, kann sich beim anderen als wirkungslos erweisen. Diese Mechanismen sind abhängig von Faktoren wie:
  • inneren Kräften (z. B. neurologische Organisation, Metabolismus)

  • äußeren Kräften (z. B. Interaktion mit der Umwelt)

  • dreidimensionalen Form der Gelenkflächen

  • Kapsel-Band-Strukturen

  • Muskeln

  • Schwerkraft

Ist der Therapeut nicht imstande, die Ätiologie der Beschwerden zu durchschauen, wird er das Problem nicht ursächlich beheben können.
Natürlich muss auch der Patient intensiv über die Entstehung seines Problems aufgeklärt werden. Weigert sich der Patient, eine Veränderung in Angriff zu nehmen, steht nur eine symptomatische Behandlung zu Verfügung.
Schmerztherapie und Schmerzlinderung können manchmal die einzig wirksame Therapie sein. Strategien zur Schmerzbewältigung und Anleitungen zur Selbsthilfe können Patienten dabei unterstützen, ohne Angst mit Rückenschmerzen umzugehen. Trotzdem sollte es das primäre Ziel sein, alle diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten auszuschöpfen, um den ganzen Patienten in die Lage zu versetzen, seine Selbstheilungskräfte zu nutzen.

Coaching

Ist der Therapeut eigentlich ein Coach für seine Patienten? Ja und nein, ist die Antwort. Nein, weil ein Coaching:TherapeutenCoach ein Berater ist, der keine Fachkenntnisse oder Kompetenz im Tätigkeitsbereich seines Klienten benötigt. Ja, weil wir als Therapeuten:als Berater (Coach)Therapeuten für einen Patienten mit Rückenbeschwerden neben den manualtherapeutischen Behandlungen auch eine bera
tende Funktion haben können. Dazu braucht es aber ein Grundlagenwissen über alle Faktoren, die möglicherweise eine Rolle in der Entstehung und Unterhaltung seiner Beschwerden spielen.

Das GROW-Modell

Das GROW-GROW-ModellCoaching:GROW-ModellModell ist ein bekanntes Coaching-Modell nach Graham Alexander, das in der Praxis sicher eine wertvolle und sinnvolle Herangehensweise für Patienten mit chronischen Beschwerden darstellt.
Graham Alexander wird als Urheber des GROW-Modells bezeichnet, doch auch andere bekannte Namen aus der Welt des Coachings wie Alan Fine und Sir John Whitmore haben wichtige Beiträge zum GROW-Modell geliefert.
G Goal (Ziel): Es ist sehr wichtig, gemeinsam mit dem Patienten ein Ziel zu definieren. Was möchten beide Partner in der Behandlung:Ziel (Goal)Behandlung gerne erreichen? Es gibt ein sog. Prozessziel, das den Anstrengungen von Therapeut und Patient im Hinblick auf das Erreichen eines bestimmten Ergebnisses entspricht. Theoretisch wird natürlich in der Regel angestrebt, schmerzfrei, gesund und glücklich leben zu können. Dieses Endziel sollte auf Basis der Diagnose und der Art der Beschwerden gemäßigt optimistisch gestaltet werden.
R Reality (Realität): Direkt im Anschluss daran sollte eine realistische Zielsetzung erfolgen: realistisch in Bezug auf Art, Auslöser, Dauer und Reversibilität der Beschwerden. Wunschdenken, falsche Hoffnungen und unfundierte Meinungen bringen nichts. Falls kein befriedigendes Resultat erreicht wird, ist die Enttäuschung noch größer. Eine realistische Zielsetzung vonseiten des Patienten und des Therapeuten ist ein sehr wichtiger Aspekt der ganzen Therapiestrategie:realistische ZielsetzungTherapiestrategie. Der Behandler wird einen Weg zur Lösung der Probleme vorschlagen, und der Patient sollte sein Einverständnis geben und sich zur Mitarbeit bereit erklären. Je besser der Therapeut den Zustand seines Patienten verstehen und diagnostizieren kann, desto deutlicher zeichnen sich die therapeutischen Optionen ab.
O Options (Optionen): In dieser Phase werden auf Grundlage der Diagnostik, die genau aus dem Grund so wichtig ist, Optionen für die TherapieoptionenTherapie erkennbar und abgewogen. Die verschiedenen therapeutischen Möglichkeiten sind in den nachfolgenden Kapiteln ausführlich besprochen.
W What (was): Was werden wir tun? Was halten Therapeut und Patient jetzt für die richtigen Maßnahmen? Eine gute Diagnose führt weiter – zu einer Definition des Ist-Zustands, zu verschiedenen therapeutischen Möglichkeiten, zu einem oder mehreren Zielen. Der Patient hat mittlerweile über sich selbst, seine Wünsche, Befürchtungen und Gefühle nachgedacht und realisiert, dass er Verantwortung für sich selbst übernehmen kann und muss. Er ist in der Lage, bei der Behandlung seiner Probleme mitzuarbeiten und seine Wirklichkeit beizusteuern.
Angst ist dabei kein guter Ratgeber. Es geht darum, etwas zu verändern und einen anderen Weg einzuschlagen, der zum Erfolg führen kann.
Die Schlussfolgerung ist dann eigentlich sehr logisch und sehr einfach: Unser therapeutisches therapeutisches Handeln:ZielHandeln soll Patienten an ein Ziel bringen: Beschwerdefreiheit.

Schmerzbewältigung

Um uns diese Denkweise und Strategie etwas konkreter vorzustellen, kann ein Blick auf die SchmerzbewältigungSchmerzbewältigung bei chronischen Beschwerden hilfreich sein.
Bei chronischen Beschwerden ist Schmerzlinderung wichtig, aber der Schmerzbewältigung kommt noch eine wichtigere Rolle zu. Konkret heißt das, die Patienten sollen lernen, anders mit ihren Schmerzen umzugehen und dadurch ihre Lebensqualität zurückzugewinnen. Die Lebensqualität neu erfinden und der Weg dahin sind die realistischen Ziele.
Vor allem bei der Behandlung chronischer Rückenschmerzen spielt die Aktivierung des Patienten eine wichtige Rolle. Der Aufklärung über die Erkrankung (Schmerzen) und das Verhaltenstraining zur Schmerzbewältigung:OptionenSchmerzbewältigung kommt eine zentrale Rolle zu. Folgende Möglichkeiten bzw. Optionen bieten sich an:
  • Manuelle manuelle Behandlung:SchmerztherapieBehandlung, die den muskuloskelettalen neutralen Bereich erweitern kann: Je größer der sog. neutrale Bereich des Körpers bei Patienten mit Rückenbeschwerden ist, desto dynamischer ist die Reizverarbeitung. Das bedeutet eine verbesserte posturale Funktion und geringere Gefahr von Dekompensierung, Verletzung und Chronifizierung. Dysfunktionen führen per Definition zu einer Einschränkung des neutralen Bereichs.

  • Matrixdynamisierung:SchmerztherapieMatrixdynamisierung zur Verbesserung der Qualität des Mesenchyms. In Kapitel 9 wird klar werden, dass ein gutes Zellpotenzial und ausreichende Regulationsfähigkeiten den Selbstheilungsprozess in Gang setzen können. Die Grundsubstanz (Matrix) ist die Struktur, die als hoch vernetztes humorales System dies letztendlich möglich machen wird oder nicht.

  • Achtsamkeitstraining:SchmerztherapieAchtsamkeitstraining und Umgang mit Schmerz und Krankheit: Gedanken, Gefühle und körperliche Wahrnehmung stehen in einer kontinuierlichen Beziehung zueinander. Letztendlich werden Schmerz und andere unangenehme Gefühle auf der physischen Ebene wahrgenommen. Negative körperliche Erfahrungen, wie chronische oder rezidivierende Rückenbeschwerden, verbinden sich mit Gedanken und Gefühlen zu bestimmten Programmen, die wie Cluster immer wieder aktiviert werden können. Der Patient muss versuchen, diese engrammatischen Fehlmuster zu verändern. Achtsamkeitstraining, Meditation, Yoga usw. sind Möglichkeiten, diese negativen Kreise zu durchbrechen.

  • Körperliches Trainingkörperliches Training:Schmerztherapie ist trotz Schmerzen möglich und bewirkt häufig eine Besserung der Beschwerden: Durch Bewegung werden Bewegungsrezeptoren stimuliert, die zu einer Hemmung der Schmerzwahrnehmung führen. Bewegung kann schonendes Verhalten aufbrechen und somit Aktivität und neue Dynamik in den Vordergrund treten lassen. Durch das Training werden depressive Zustände reduziert, und der Patient lernt besser mit seinem Schmerz umzugehen. Bewegung macht dem Patienten bewusst, wie sinnvoll eigenverantwortliches Handeln ist. Selbstbewusstsein und Schmerzbewältigung werden positiv gesteuert. Durch eine Übungsbehandlung kann sich ein stundenlang anhaltendes Wohlgefühl einstellen. Das Wohlbefinden wird neu erlebt.

  • Medikamentöse medikamentöse Therapie:SchmerztherapieTherapie: je nach Indikation – sicher nicht als erste Option – gemäß den Leitlinien der Fachgesellschaften, z. B. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM).

Brauchen wir ein Konzept?

Die Vielzahl der möglichen Auslöser und Ursachen von Dekompensierungen und Beschwerden des axialen Systems macht es nicht einfach, diese Komplexität zu durchschauen. Darum sind Behandlungskonzepte oder -strategien eine sehr gute Hilfe. Jeder Therapeut wird seine eigenen Strategien entwickeln, und das ist auch gut so. Wenn unser Denken auf Chaos trifft, sind Modelle hilfreich. Aber Kritiker weisen auch gern darauf hin, dass Konzepte nicht die Wirklichkeit widerspiegeln, was richtig ist. Es sind Vorgaben, die unser Denken, Untersuchungen und den Aufbau einer Behandlungsstrategie:Modelle/KonzepteBehandlungsstrategie vereinfachen, aber trotzdem aus aktivem Denken resultieren. Strategien oder Konzepte sind pragmatische, zusammenfassende, vereinfachende Methoden, die aufräumen helfen.

Die therapeutische Beziehung

Eine gute, vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Therapeut ist in allen Fällen – und ganz sicher bei chronischen Beschwerden – eine entscheidende Voraussetzung für den therapeutischen Erfolg. Ein Therapeut kann technisch noch so gut ausgebildet und erfahren sein, trotzdem braucht es mehr dazu. Die Therapeut-Patient-Therapeut-Patient-Beziehung:vertrauensvolleBeziehung kann und ist sehr oft entscheidend. Viele Therapeuten verfügen sozusagen von Natur aus über bestimmte Fähigkeiten und Qualitäten, um diese Beziehung erfolgreich zu gestalten.
Unter welchen Bedingungen diese therapeutische Beziehung:VoraussetzungenBeziehung zustande kommen bzw. positiv gestaltet werden kann, steht mehr oder weniger fest. Voraussetzungen sind
  • Empathie: Kann der Therapeut sich in die Lage des Patienten versetzen? Ist er einfühlsam?

  • Kompetenz: Erweist sich der Therapeut als glaubwürdig durch seine Kompetenz?

  • Vertrauen: Kann sich der Patient bedingungslos auf seinen Therapeut verlassen?

  • Persönlichkeit: Die Persönlichkeit des Therapeuten äußert sich durch Flexibilität, Offenheit und emotionale Stabilität.

  • Distanz und Nähe: Die Beziehung braucht Distanz, aber trotzdem ein gewisses Maß an freundlichem Interesse, Wertschätzung und Achtung.

  • Widerstände: Hindernisse, die den Erfolg beeinträchtigen könnten, sollen besprochen werden. Sind die Ziele und der Weg dorthin für beide Parteien befriedigend? Zeigen sich Patient und Therapeut einsichtig, was die Therapieplanung anbelangt?

  • Small Talk: Small Talk vonseiten des Therapeuten ist keine Therapie. Der Patient hat ein Anrecht auf fundierte Erklärungen für seine Beschwerden. Irrelevante oder ungenaue Angaben und ein nicht zu kontrollierendes Blabla sind kaum befriedigend für die Patienten. Unhaltbare Versprechungen und in Aussicht gestellte fantastische Heilungen, die sich dann doch nicht bewahrheiten, bereiten den Patienten nur die nächste große Enttäuschung.

  • Complian Vom Patienten muss ein kooperatives Verhalten gezeigt werden.

Literatur

Cohen et al., 1983

M.J. Cohen R.L. Heinrich B.D. Naliboff G.A. Collins A.D. Bonebakker Group outpatient physical and behavioral therapy for chronic low back pain J Clin Psychol 39 3 1983 326 333

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P. Frost J.P. Haahr J.H. Andersen Reduction of pain-related disability in working populations: a randomized intervention study of the effects of an educational booklet addressing psychosocial risk factors and screening workplaces for physical health hazards Spine 32 18 2007 1.949 1.954

Gallwey, 1974

Timothy Gallwey The Inner Game of Tennis. Random House, 1974 (dt. Ausgabe: The Inner Game of Tennis: Die Kunst der entspannten Konzentration 2008 New-School-Verlag Bonn

OConnor Der große Coaching Atlas, 2009

J. OConnor Der große Coaching Atlas 2009 VAK Verlags GmbH Strasslach

Skargren et al., 1997

E.I. Skargren B.E. Oberg P.G. Carlsson M. Gade Cost and effectiveness analysis of chiropractic and physiotherapy treatment for low back and neck pain. Six-month follow-up Spine 22 18 1997 2.167 2.177

Spinhoven and Linssen, 1991

P. Spinhoven A.C. Linssen Behavioral treatment of chronic low back pain. I. Relation of coping strategy use to outcome Pain 45 1 1991 29 34

Whitmore, 1992

J. Whitmore Coaching for Performance. Nicholas Brealy, 1992 (dt. Ausgabe: Coaching für die Praxis 1994 Campus Frankfurt/Main

Whitworth et al., 2005

L. Whitworth H. Kimsey-House P. Sandaal Co-Aktives Coaching. Neue Coaching-Techniken für mehr beruflichen und privaten Erfolg 2005 Gabal Offenbach

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