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B978-3-437-58830-3.00010-6

10.1016/B978-3-437-58830-3.00010-6

978-3-437-58830-3

Pathogenese – Salutogenese

[O583]

Unterschiedliche Stressoren:Aktivierung des vegetativen NervensystemsStressoren mit Aktivierung des vegetativen Nervensystems

[O584, L143]

Wirkung von Adrenalin an einem -Rezeptor. Die Rezeptorbindung von Adrenalin führt zur Bildung von cAMP. cAMP ist ein wichtiger Second-Messenger, der Enzyme für den Glykogen- und Fettabbau aktiviert.

[O584, L143]

Die zwei wichtigsten endokrinen Stressachsen:neuroendokrineStressachsen: SAM und HPA

[O584, L143]

Darstellung der HFV mit niedriger und hoher Kohärenz:und Herzfrequenzvariabilität (HFV)Herzfrequenzvariabilität (HFV):KohärenzKohärenz

[O584, L143]

Die Dauer der unterschiedlichen Schlafphasen verändert sich mit jedem Schlafzyklus. Während sich die REM-Phasen mit zunehmender Schlafdauer verlängern, werden die Tiefschlafphasen kürzer.

[E419, L143]

Schädigungen des assoziativen Kortex und ihre FolgenTemporallappen:Schädigungpräfrontaler Kortex:SchädigungParietallappen:SchädigungHippokampus:Schädigungfrontaler Kortex:Schädigungassoziativer Kortex:Schädigungen und Folgen

Tab. 10.1
Betroffene Hirnregion Symptomatik
Parietallappen rechts Beeinträchtigung des Körper-Ichs und der Orientierung; egozentrische Selbstwahrnehmung
Temporallappen rechts unten und medial Pedanterie in Sprache und Handeln, Egozentrik und verstärkte Aggressivität, Temporallappen-Persönlichkeit
Temporallappen medial Angstzustände
Hippokampus anterograde und retrograde Amnesie
präfrontaler Kortex (dorsal) Unfähigkeit zur Entwicklung alternativer Strategien und spontaner Handlungen
frontaler Kortex erhöhte Risikobereitschaft, allgemein asoziales Verhalten, d. h. Verletzung von gesellschaftlichen, ethischen, moralischen Regeln

Wichtige Informationsmoleküle, die im Rahmen von Stressreaktionen freigesetzt werdenSubstanz POxytocinNeurotensinNeuropeptid YKortikotropin-Releasing-Hormon (CRH)EnkephalineEndorphineCholezystokinin (CCK)adrenokortikotropes Hormon (ACTH)

Tab. 10.2
Informationsmolekül Bildungsort Funktion
Kortikotropin-Releasing-Hormon (CRH) Hypothalamus, Amygdala, Hippokampus
  • Stimulation der ACTH-Freisetzung

  • Steuerung der hormonellen Stressreaktion

  • Verstärkung von Angstreaktionen

Adrenokortikotropes Hormon (ACTH) Adenohypophyse
  • Stimulation der Bildung und Freisetzung von Glukokortikoiden aus der NNR

Substanz P Weite Teile des Nervensystems
  • Modulation der Angst- und Schmerzwahrnehmung

  • Stimulation der SAM-Achse

  • Entzündungsförderung

Oxytocin Hypothalamus
  • Kontraktion der Muskulatur von Uterus und Brustdrüsen

  • Stress- und angstlösend

Neurotensin Hypothalamus, Darm
  • Stimulation der HPA-Achse

  • Modulation der SAM-Achse

  • Entzündungsförderung

Neuropeptid Y Hypothalamus, weite Teile des Nervensystems
  • Cotransmitter von Glutamat und GABA

  • Modulation des Tag-Nacht-Rhythmus, des Blutdrucks und des Essverhaltens

  • Verstärkung der Noradrenalin- und CRH-Wirkung

Cholezystokinin (CCK) Gastrointestinaltrakt, limbisches System, Hypothalamus
  • Modulation der Steuerung von Gallenblase und Pankreas

  • Beteiligung an Thermoregulation und Appetitbildung

  • Anxiogene Wirkung

-Endorphin Weite Teile des Nervensystems
  • Analgesie

  • Euphorie

  • Blutdrucksenkung

  • Atemdepression

Enkephaline Weite Teile des Nervensystems
  • Analgesie

  • Euphorie

Body-Mind-Medizin

Pathik Hagemann

Thomas Kia

Philip Van Caille

  • 10.1

    Einführung334

  • 10.2

    Neurophysiologische Grundlagen der Body-Mind-Medizin335

    • 10.2.1

      Modell der Wechselwirkungen zwischen Gedanken, Emotionen und physischem Körper336

  • 10.3

    Stress und Stressantwort340

    • 10.3.1

      Akuter und chronischer Stress341

    • 10.3.2

      Stressachsen als Schnittstellen zwischen endokrinem und neuronalem System342

  • 10.4

    Herzfreqenzvariabilität als Zugang zum Vegetativum345

    • 10.4.1

      Kohärenz und chaotischer Zustand346

    • 10.4.2

      Biofeedback-Programm347

  • 10.5

    Stressmanagement347

    • 10.5.1

      Vitale Hygiene348

    • 10.5.2

      Zusammenfassung356

Nicht die Umstände bestimmen des Menschen Glück, sondern seine Fähigkeit zur Bewältigung der Umstände.

Aaron Antonovsky

Einführung

Die Body-Mind-Body-Mind-MedizinMedizin ist kein spezifisches Therapieverfahren, sondern ein Konzept, das die salutogenetischen Fähigkeiten bzw. Potenziale eines Individuums zu wecken und zu kräftigen versucht. Salutogenese, von lat. salus für Gesundheit und griech. genesis für Ursprung bzw. Entstehung abgeleitet, kann mit Gesundheitsentstehung übersetzt werden. From cure to care ist der Aufruf der WHO an die Medizin. SalutogeneseSalutogenese heißt, die Gesundheit des Menschen zu verstehen und zu fördern, nicht Krankheit zu erklären.
Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923 bis 1994) hat das Konzept der Salutogenese entwickelt. Seine Hauptwerke zu diesem Thema (Health, Stress and Coping und Unraveling the Mystery of Health) stammen aus den Jahren 1987 und 1979. Darin stellt er immer wieder eine zentrale Frage: Warum bleiben Menschen gesund? Besser noch: Warum gibt es Menschen, die fast nie krank werden? Über welche Möglichkeiten verfügen diese Menschen, die Kranke nicht besitzen oder nutzen? In Antonovskys Salutogenese-Salutogenese:Konzept (Antonovsky)Konzept geht es um die Bedingungen von Gesundheit und die Faktoren, die diesen Zustand erhalten und schützen können, weniger um Aspekte der Pathologie und Pathophysiologie. Bei der Behandlung von Pathologien wird versucht, Patienten durch medizinische Maßnahmen von ihren Krankheiten zu befreien. Nach dem Salutogenese-Konzept wird hingegen versucht, die Lebensqualität zu verbessern und dadurch die Selbstheilung bzw. eine stabile Gesundheit zu fördern (Abb. 10.1). Damit vertritt er eine Gegenposition zur pathologieorientierten Denkweise der modernen Medizin. Antonovsky hat den Unterschied zwischen PathogenesePathogenese und Salutogenese sehr schön mit einer Metapher erklärt: Die Medizin der Pathogenese versucht Menschen mit hohem Aufwand aus einem gefährlichen Fluss zu retten, und das ist auch gut so. Die Frage, warum diese Menschen bzw. Patienten in den Fluss geraten sind, warum sie nicht besser schwimmen können, sodass sie sich selbst retten könnten, wird nicht gestellt. Im übertragenen Sinne wird das Leben aus Sicht der Salutogenese als Fluss betrachtet, an dem niemand immer gleich sicher entlanggeht. Oft ist der Fluss auch verschmutzt oder aufgewühlt mit plötzlichen Stromschnellen, teilweise führt er Hochwasser und tritt über die Ufer. Aus diesem bildlichen Vergleich ergeben sich logischerweise Fragen:
  • Wie kann ich ein guter Schwimmer werden und bleiben?

  • Gibt es Möglichkeiten, den Lebensfluss vor negativen Umweltbedingungen zu schützen?

Antonovsky bezeichnet das wesentliche Instrument in seinem System als Sense of CoherenceSense of Coherence (Kohärenzgefühl), also Kohärenzgefühl. Das bedeutet, dass die Geisteshaltung eines Menschen in großem Umfang dafür verantwortlich ist, wie gesund und glücklich er leben kann. Diese Grundhaltung bestimmt, in welchem Maß ein Mensch in der Lage ist, Ressourcen für seine Gesundheiterhaltung und sein Wohlbefinden freizusetzen. Antonovsky beschreibt das KohärenzgefühlKohärenzgefühl als grundlegende Lebenseinstellung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß jemand ein alles durchdringendes, überdauerndes und zugleich dynamisches Gefühl der Zuversicht hat, dass seine innere und äußere Erfahrungswelt vorhersagbar ist und eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich die Angelegenheiten so gut entwickeln, wie man vernünftigerweise erwarten kann. Diese Grundhaltung von Kohärenz setzt sich aus drei Faktoren zusammen:
  • Verständlichkeit:KohärenzgefühlVerständlichkeit: Das Gefühl, dass Informationen verständlich sind, ermöglicht es, sie in einer effizienten, strukturierten Weise zu verarbeiten.

  • Bewältigbarkeit: Bewältigbarkeit, KohärenzgefühlDas Gefühl, Aufgaben bewältigen zu können, ist vergleichbar damit, über entsprechende Ressourcen zu verfügen, um Stressoren begegnen zu können.

  • Bedeutsamkeit: Das Gefühl von Bedeutsamkeit Bedeutsamkeit, Kohärenzgefühlist nach Antonovsky der wichtigste Faktor, um das Leben als sinnvoll zu empfinden und zu gestalten. Ohne Sinn oder Sinnhaftigkeit würde das Leben zur Last.

Die wichtigste Ursache für eine Schwächung des Kohärenzgefühl:Schwächung durch StressKohärenzgefühls ist chronischer Stress:Schwächung des KohärenzgefühlsStress. Im Fall eines Rückenschmerzpatienten kann es die Chronizität der Beschwerden sein. Aber auch das Gegenteil ist möglich: Ein mangelndes Kohärenzgefühl kann das allgemeine Adaptationsvermögen so stark einschränken, dass sog. resistente Beschwerden entstehen. Gemeinsam mit dem Patienten wird nach Analyse der Gegebenheiten entschieden, welche therapeutischen Ansätze für seine Problematik die größte Bedeutung haben. Das globale Ziel ist und bleibt, die salutogenetischen Fähigkeiten der Patienten zu optimieren.
Die Prinzipien der Body-Mind-Body-Mind-Medizin:Salutogenese-KonzeptBody-Mind-Medizin:PrinzipienMedizin beruhen neben dem Konzept der Salutogenese auch auf anderen Vorstellungen, insbesondere denen von Neurobiologen. In dem Zusammenhang sind besonders die Forschungen von Dr. Herbert Benson (Medical Institute der Harvard Medical School) und Dr. Jon Kabat-Zinn (Stress Reduction Clinic der Massachusetts Medical School) zu erwähnen.
In diesem Kapitel wollen wir ohne Anspruch auf Vollständigkeit versuchen, die wichtigsten Elemente der Body-Mind-Medizin zu erläutern. Dabei werden folgende Aspekte betrachtet:
  • Neurophysiologische Grundlagen bewusster Wahrnehmung

    • Wechselwirkung zwischen Gedanken, Emotionen und physischem (somatischem) Körper

  • Stress, Stressantwort und neurovegetative Folgen

    • Physiologie der Stressachse

    • Schnittstellen zwischen neuronalem und endokrinem System

  • Variabilität der Herzfrequenz als Zugang zum Vegetativum

  • Behandlungsmöglichkeiten wie Stressmanagement, Meditation und Achtsamkeit, autogenes Training oder Bewegungstherapie nach Feldenkrais.

Neurophysiologische Grundlagen der Body-Mind-Medizin

Die Body-Mind-Mind-Body-Medizin"\t"Siehe Body-Mind-MedizinBody-Mind-MedizinBody-Mind-Medizin:neurophysiologische GrundlagenMedizin ist ein medizinisches Konzept, das einen direkten Zusammenhang zwischen Geist, Seele und Körper postuliert. Bei der Betrachtung von Zusammenhängen und Phänomenen werden die Bewusstseinsebene eines Menschen, sein emotionaler und sein physischer Zustand integriert. Dabei spielt das Vorhandensein eines komplexen Nervensystem:komplexes, Body-Mind-MedizinNervensystems sowohl für die Entstehung von Bewusstsein und Emotionen als auch für die Kontrolle physischer Vorgänge in unserem Organismus eine zentrale Rolle:
  • Kontrolle und Regulation der inneren Organe sowie des Stoffwechsels in Billionen von Zellen werden durch das vegetative vegetatives Nervensystem:Kontrolle physischer VorgängeNervensystem ermöglicht.

  • Denken, Wahrnehmungen sowie Lernen mit den entsprechenden Vorgängen sind nur im zentralen ZNS:Denken und WahrnehmungenNervensystem möglich.

Dies zeigt den engen Zusammenhang zwischen hirnorganischen hirnorganische Prozesse:Zusammenhang mit physischen und psychischen FunktionenProzessen und physischen bzw. psychischen Funktionen. Diese Auffassung wird auch durch die Beobachtung bestärkt, dass hirnorganische Schädigungen oft mit spezifisch veränderten psychischen Funktionen oder mit motorischen Einschränkungen einhergehen – beispielsweise mit motorischen Ausfällen nach einem Schlaganfall oder Persönlichkeitsveränderungen durch einen raumfordernden Hirntumor.
Im letzten Jahrhundert gelang es zunehmend, die Zusammenhänge zwischen bestimmten Hirnarealen und entsprechenden Leistungen und Funktionen aufzudecken. Wie die einzelnen Hirnareale:Leistungen und FunktionenHirnareale miteinander interagieren, um Denken und Bewusstsein zu erzeugen, ist jedoch nach wie vor nicht genau geklärt. Grundsätzlich bewährt hat sich bis heute die Lokalisationstheorie des Gehirns, was auch neuere Untersuchungsverfahren wie die PET (Positronenemissionstomografie (PET)Positronenemissionstomografie)PET (Positronenemissionstomografie) und MRT (Magnetresonanztomografie (MRT)Magnetresonanztomografie)MRT (Magnetresonanztomografie) bestätigen. Dank dieser bildgebenden Verfahren ist es möglich, dem Gehirn quasi bei der Arbeit zuzusehen und festzustellen, welche Teile bei bestimmten Emotionen oder kognitiven Prozessen gerade aktiv sind. Dabei funktionieren die unterschiedlichen Hirnareale:neuronale NetzwerkeHirnareale jedoch nicht unabhängig voneinander, sondern arbeiten bei Bedarf mit weiteren Zentren integrativ zusammen, um eine bestimmte Leistung zu erbringen. Neben der Möglichkeit, spezifische Leistungen durch die Zusammenschaltung unterschiedlicher neuronaler neuronale Netzwerkeneuronale Netzwerke:GehirnNetzwerke:neuronale\tSiehe neuronale NetzwerkeNetzwerke zu erbringen, spielt auch die lebenslang anhaltende Plastizität des Gehirns eine wichtige Rolle für die potenzielle Vielfalt hirnneurologischer Verschaltungsmöglichkeiten. Durch neue Erfahrungen und Eindrücke verändert sich die Architektur des Gehirns während des ganzen Lebens. Es gilt heute als gesichert, dass das Gehirn nicht hierarchisch organisiert ist, sondern eher einem Netzwerk mit verteilten, gleichwertigen Knoten entspricht. Die Vernetzung der Hirnregionen ist der entscheidende Faktor für ein spezielles Persönlichkeitsmerkmal. Daneben spielt der Einfluss der Gene bei der strukturellen Entwicklung des Gehirns eine große Rolle.
Zum besseren Verständnis der Zusammenhänge zwischen Nervensystem, Emotionen und Gedanken, wie sie entstehen und sich auf den gesamten Organismus auswirken, empfiehlt es sich, sich den Aufbau und die wichtigsten Funktionsweisen des Nervensystems zu vergegenwärtigen (Kap. 1).

Modell der Wechselwirkungen zwischen Gedanken, Emotionen und physischem Körper

In der Body-Mind-Body-Mind-Medizin:Wechselwirkungen zwischen Gedanken, Emotionen und KörperMedizin steht der Zusammenhang zwischen Körper, Geist, Emotionen und Seele im Vordergrund der diagnostischen und therapeutischen Überlegungen. Dabei stellt sich die Frage, wie unser neuronaler Apparat eine geistige Realität sowie Emotionen erzeugen kann.
Bewusstes Erleben:bewusstesErleben ist nur möglich, wenn eine entsprechende neuronale Aktivität in der assoziativen Großhirnrinde stattfindet. Zum assoziativen assoziativer KortexKortex zählen der hintere ScheitellappenScheitellappen, der SchläfenlappenSchläfenlappen, Teile des Hinterhauptslappens und vor allem der StirnlappenStirnlappen. Wenn ihr Neokortex zerstört ist, fallen Patienten zwangsläufig in einen Zustand der Bewusstlosigkeit, in ein Koma. An der Entstehung von Bewusstsein:assoziativer KortexBewusstsein sind neben neokortikalen noch zahlreiche andere Hirnbereiche beteiligt, deren Aktivität selbst grundsätzlich nicht bewusstseinsfähig sein muss. Gedanken kann man in diesem Zusammenhang als aktivierte neuronale Netzwerke des assoziativen Kortex verstehen. Schädigungen dieser Hirnregionen:BewusstseinsstörungenHirnregion, insbesondere im Bereich des Scheitel-, Schläfen- und FrontallappenFrontallappens, führen zu tiefgreifenden BewusstseinsstörungenBewusstseinsstörungen. Die wichtigsten Veränderungen bei einer Schädigung bestimmter Regionen des assoziativen Kortex sind in Tab. 10.1 dargestellt.
Diese Zusammenhänge verdeutlichen, dass das Ich:als KonstruktIch ein Konstrukt und aus vielfältigen, z. T. völlig andersartigen Komponenten zusammengesetzt ist. Die in unterschiedlicher Weise zusammentreffenden Komponenten erzeugen das in jeder Sekunde vorhandene bewusste Selbsterleben. Sind bestimmte Hirnregionen verletzt, kann es zu typischen Einschränkungen oder dem kompletten Verlust bestimmter geistiger Fähigkeiten kommen, bis hin zum völligen Bewusstseinsverlust.

MERKE

Das Gehirn ist der physische Apparat, in dem Bewusstsein:Entstehung im GehirnBewusstsein, Gedanken:Entstehung im GehirnGedanken und damit der Geist entstehen.

Sowohl das bewusste Erleben von Sinneseindrücken als auch gedankliche Prozesse im Neokortex schließen Zentren des limbischen Systems in die jeweils aktivierten neuronalen neuronale Netzwerke:limbisches SystemNetzwerke mit ein. Die Aktivität des limbischen limbisches SystemSystems erleben wir als Affekte und Affekte und EmotionenEmotionen bzw. als affektive und emotionale Einfärbung von Wahrnehmungen, Vorstellungen und Erinnerungen. Das limbische System wiederum ist mit Hirnregionen verbunden, deren Neurone neuromodulatorische neuromodulatorische SubstanzenSubstanzen (NeurotransmitterNeurotransmitter wie Noradrenalin, Serotonin, Dopamin und Acetylcholin) ausschütten. Da diese neuromodulatorischen Systeme die Reaktionen anderer Nervenzellen auf Neurotransmitter bestimmen, kann eine vielfältig abgestufte neuronale Gesamtaktivität erzeugt werden. Gemeinsam mit einer Vielzahl von Neuropeptiden beeinflussen sie unseren emotionalen und psychischen Zustand durch die Kontrolle von synaptischen Verschaltungen der neuronalen Netzwerke im Neokortex sowie im subkortikalen limbischen System. Die entscheidenden Kontrolleure sind HypothalamusHypothalamus, AmygdalaAmygdala, HippokampusHippokampus und HypophyseHypophyse, also die wichtigsten Zentren für das Gedächtnis:ZentrenGedächtnis, Emotionen und Emotionen:und AffekteAffekte.
Neuropeptide und Empfindungen
So aktiviert jeder Gedanke und jede Sinneswahrnehmung ein dynamisches neuronales Netzwerk, dessen Neurone NeurotransmitterNeurotransmitter bzw. NeuropeptideNeuropeptide ausschütten. Sie sind das Bindeglied zwischen dem Gehirn einerseits und dem Bewusstsein, Emotionen und dem Körper andererseits. Die aus dem Gehirn freigesetzten Neuropeptide:Bewusstsein, Emotionen und KörperNeuropeptide stammen größtenteils aus dem Hypothalamus und der Hypophyse sowie zu einem kleineren Teil direkt aus Neuronen. Auf dem Blutweg können sie alle Strukturen des Körpers erreichen, dort an Rezeptoren ihrer Zielzellen andocken und biochemische Reaktionsketten auslösen, die teilweise großen Einfluss auf die Zellfunktionen haben.

Praktisches Beispiel

Angiotensin und Durstgefühl

In einem dehydrierten Zustand beispielsweise wird das Gehirn durch Chemosensoren entsprechend informiert und daraufhin das Neuropeptid Angiotensin, DurstgefühlAngiotensin freigesetzt. Ein Teil des im Blut zirkulierenden Angiotensins bindet an Rezeptoren in der Amygdala und löst weitere Reaktionen aus, die ein Durstgefühl, AngiotensinDurstgefühl erzeugen. Andere Rezeptoren für Angiotensin befinden sich in den Nieren. Nach ihrer Aktivierung kommt es zur Bildung von Aldosteron, das die Wasserrückresorption aus dem Primärharn steigert, sodass Wasser eingespart wird.
Neuropeptide:InformationsnetzeNeuropeptide bilden also Informationsnetze:NeuropeptideInformationsnetze, die alle Körperaktivitäten koordinieren. Mit ihrer Wirkung auf den Gesamtorganismus erzeugen sie so eine Art Körpergefühl:und EmotionenKörpergefühl, das direkt mit dem neuronalen und emotionalen Zustand eines Menschen zusammenhängt. Emotionen:und KörpergefühlEmotionen werden gewissermaßen im Zusammenspiel aus neuronaler Aktivität und biochemisch ausgelöstem Körpergefühl wahrgenommen.
Die Biochemikerin Candace Pert fand bei ihren Forschungen heraus, dass es auf den allermeisten Körperzellen Neuropeptidrezeptoren Neuropeptidrezeptorengibt. Besonders detaillierte Kenntnisse hat man in diesem Zusammenhang über Zellen des Immunsystems. So tragen beispielsweise Monozyten Rezeptoren für fast alle bis dato bekannten Neuropeptide. Das bedeutet, dass emotionale Zustände direkt einen positiven oder negativen Einfluss auf die Funktion von Monozyten:NeuropeptidrezeptorenMonozyten (z. B. auf die Wundheilung) ausüben. Die Psychoneuroimmunologie ist ein Wissenschaftszweig, der genau diese Zusammenhänge untersucht und zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Auf Darmzellen Darmzellen:Neuropeptidrezeptorenfindet man eine hohe Dichte von Neuropeptidrezeptoren:HirnstammNeuropeptidrezeptoren:DarmzellenNeuropeptidrezeptoren, was erklären könnte, weshalb sich der Einfluss von Emotionen:Einfluss im GastrointestinaltraktEmotionen besonders häufig im Gastrointestinaltrakt:Einfluss von EmotionenGastrointestinaltrakt bemerkbar macht (Durchfall vor Prüfungen). Auch am Hirnstamm:NeuropeptidrezeptorenHirnstamm (u. a. Sitz des Atemzentrums) finden sich vermehrt Neuropeptidrezeptoren. Wir haben alle schon am eigenen Leib erfahren, dass Emotionen:Einfluss auf AtmungEmotionen die Atmung Atmung:Einfluss von Emotionenbeeinflussen, sie stören oder auch vertiefen können. Wer Tai-Chi oder Qi-Gong ausübt, kennt auch den umgekehrten Weg: Durch gezielte Atemformen können bestimmte Emotionen wachgerufen sowie Kraft und Vitalität spürbar werden.
Jegliches Körpergefühl, beispielsweise Hunger oder Schmerz, geht mit einem neuronalen Aktivitätsmuster einher, wodurch wiederum ein für das Neuropeptide:KörpergefühlKörpergefühl typischer Neuropeptid-Cocktail ins Körpergefühl:NeuropeptideBlut abgegeben wird. Durch die Interaktion dieser Informationsmoleküle mit ihren Rezeptoren werden Emotionen:NeuropeptideEmotionen:körperliche EbeneEmotionen quasi auf eine körperliche körperliche Ebene:EmotionenEbene transformiert. Diese Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf alle psychosomatischen Krankheitsmodelle. So ist mittlerweile denkbar, dass bei einem Menschen, der sich überwiegend in einem zornig-aggressiven Zustand befindet, neuronale Netzwerke aktiviert werden, die kontinuierlich ein Neuropeptidgemisch freisetzen, das z. B. die Leberzellen negativ beeinflusst und langfristig zur Erkrankung dieses Organs führt. In der traditionellen chinesischen Medizin sieht man genau diesen Zusammenhang: Die Emotion Zorn schädigt die Leber.
Neuroplastizität
Glücklicherweise ist unser Gehirn kein statisches Gebilde, das seine einmal entwickelte neurologische Struktur unverändert beibehält. Das Gegenteil ist der Fall. Jeder von uns kann, in jedem Alter, neues Wissen erwerben, es im Gehirn verarbeiten und neue Gedanken formulieren. Diese Prozesse hinterlassen Spuren in unserem Gehirn, die vor allem im Aufbau neuer synaptischer Kontakte zu sehen sind. Das Gehirn besitzt lebenslang die Fähigkeit, neue Verbindungen zwischen Nervenzellen aufzubauen oder bestehende Verbindungen zu kappen. Diese als Neuroplastizität:GehirnNeuroplastizität bezeichnete Eigenschaft verleiht uns die Fähigkeit, zu lernen, neue Verhaltensmuster zu entwickeln und in begrenztem Umfang auch Schäden im Nervensystem zu reparieren. Neben intellektuellem Wissen zeichnet das Gehirn:NeuroplastizitätGehirn jede neue Erfahrung auf. Wenn wir etwas erleben, übermitteln unsere Sinne, was wir sehen, riechen, fühlen, hören und schmecken. So gelangen große Mengen an Informationen zum Gehirn. Die Verbindungsnetzwerke, zu denen sich die jeweiligen Neurone organisieren, spiegeln diese Erfahrungen wider. Von den beteiligten Nervenzellen freigesetzte Neuropeptide bewirken bestimmte Gefühle, durch die wir uns besser an eine Erfahrung erinnern können. Dieser Prozess der assoziativen Verknüpfung von Erinnerungen hilft, die neuen neuronalen Verbindungen längerfristig aufrechtzuerhalten. Unter diesem Aspekt erscheint unser Gedächtnis als ein Prozess der Aufrechterhaltung neuer synaptischer Verbindungen (LeDoux 1998).

MERKE

Unser Gehirn verändert sich durch jede Erfahrung, jeden neuen Gedanken und alles, was wir neu lernen. Diese Neuroplastizität bleibt das ganze Leben lang bestehen.

Musikübungen und neuronale Netzwerke
neuronale NetzwerkeMusikübungen:und neuronale NetzwerkeBei professionellen Geiger:Veränderungen im GehirnGeigern findet man beispielsweise eine bemerkenswerte Vergrößerung des somatosensorischen somatosensorischer Kortex:Vergrößerung bei GeigernKortex (mit dem Tastsinn verbundene Hirnregion), allerdings überwiegend im Bereich der linken Hand, die den Geigenhals hält und sich auf den Saiten bewegt, und deutlich weniger im Bereich der rechten Hand, die den Bogen führt. Auch beim Seitenvergleich der beiden Hirnhälften zeigten sich Unterschiede: Der Bereich, der die Finger der linken Hand koordiniert, war deutlich größer als der (normal groß gebliebene) Bereich für die rechte Hand (Elbert 1995). Wissenschaftler sind gerade dabei, genauer zu untersuchen, wie wiederholte Gedankengänge diese neurologischen Verbindungen stärken und die Hirnfunktionen beeinflussen. Auch psychologische Verhaltensmuster lassen sich demnach als Gewohnheiten verstehen, die neurophysiologisch im Gehirn verdrahtet sind.
Einige interessante Studien belegen, dass mentales Üben nicht nur Veränderungen im Gehirn hervorruft, sondern auch Körperreaktionen auslöst. Sollten sich Probanden vorstellen, beispielsweise mit einem bestimmten Finger eine Zeit lang Gewichte zu heben, stärkte dies nachweislich die Fingermuskulatur (Yue & Cole 1992).
Pascual-Leone (1995) veröffentlichte im Journal of Neurophysiology einen Artikel über ein spezielles Forschungsprojekt zu der Wirkung, die rein mentales Üben auf die neuronalen neuronale Netzwerke:Veränderungen durch KlavierübenNetzwerke des Gehirns hat. An der fünftägigen Studie nahmen vier Gruppen von Probanden teil. Untersucht wurde, welche Veränderungen im Gehirn beim Klavierüben stattfinden. Die erste Gruppe lernte eine bestimmte Sequenz einhändig (unter Einsatz aller fünf Finger) auf dem Klavierspielen/-üben:Veränderungen im GehirnKlavier zu spielen, die sie dann täglich zwei Stunden an den darauffolgenden fünf Tagen üben sollte. Die Mitglieder der zweiten Gruppe durften in derselben Zeit einfach wahllos auf dem Klavier herumklimpern. Die Teilnehmer der dritten Gruppe kamen nie selbst ans Klavier, sondern beobachteten nur, was der ersten Gruppe beigebracht wurde. Sobald sie die Sequenz auswendig konnten, sollten sie sich vorstellen, die Sequenz zwei Stunden täglich und fünf Tage lang mental auf dem Klavier zu spielen. Die vierte Gruppe diente ausschließlich als Kontrollgruppe und tat gar nichts. Nach Ablauf der fünf Tage wurde bei allen Probanden kontrolliert, ob sich in ihrem Gehirn etwas verändert hatte. Zur allgemeinen Überraschung wiesen jene Teilnehmer, die rein mental geübt hatten, beinahe identische Veränderungen im Gehirn (Erweiterung und Entwicklung neuronaler Netzwerke im selben Hirnbereich) auf wie diejenigen, die tatsächlich physisch Klavier gespielt hatten. In der zweiten Gruppe, die nichts Spezifisches gelernt und geübt hatte, zeigten sich nur geringe Veränderungen im Gehirn. Aufgrund des Zufallscharakters ihrer Übungen wurden nicht dieselben Netzwerke wiederholt stimuliert und keine bestimmten Nervenzellverbindungen gestärkt. Bei der Kontrollgruppe hatte sich gar nichts verändert.
Wie erklärt man sich, dass die dritte Gruppe beinahe identische Veränderungen im Gehirn aufwies wie die erste, obwohl die Teilnehmer nie eine Klaviertaste berührt hatten? Indem ihre mentale Fokussierung immer wieder bestimmte neuronale Netzwerke in spezifischen Bereichen des Gehirns feuern ließ, entwickelten diese Nervenzellen stärkere Verbindungen untereinander.
In den Neurowissenschaften nennt man das Hebbsches Lernen. Bereits 1949 fand Hebbsches LernenHebb heraus, dass sich Nervenzellen, die gemeinsam aktiviert werden, miteinander verschalten (neurons that fire together, wire together). Werden bestimmte Gruppen von Neuronen regelmäßig stimuliert, verstärken sich ihre Verbindungen. Demzufolge war das Gehirn der Probanden, die rein mental geübt hatten, genauso stark aktiviert wie bei denjenigen, die tatsächlich Klavier gespielt hatten. Durch das wiederholte Feuern bildete sich in einem bestimmten Teil des Gehirns eine Neuronengruppe, die das bewusst gewählte Muster unterstützte. Das heißt, die damit verbundenen Gedanken wurden dem Gehirn willentlich eingeprägt. Interessanterweise entstanden und verstärkten sich die neuen Netzwerke genau an der gleichen Stelle wie bei der Gruppe, die körperlich übte. Ihr Gehirn hatte sich also einfach durch ihr Denken verändert.

MERKE

Wenn die Fokussierung stark genug ist, erkennt das Gehirn keinen Unterschied zwischen etwas Vorgestelltem und etwas tatsächlich Ausgeführtem.

Schmerzwahrnehmung
Wie bereits erwähnt, geht die SchmerzwahrnehmungSchmerzwahrnehmung mit einer Aktivität des Gyrus cinguli einher. Da eine subjektiv empfundene Schmerzlinderung mit einer verminderten Aktivität im anterioren Gyrus Gyrus cinguli:Schmerzwahrnehmungcinguli verbunden ist, stellte sich der Neurowissenschaftler Christopher DeCharms die Frage, ob Patienten lernen könnten, die Schmerzaktivität in der Matrix des Gyrus cinguli willentlich zu hemmen. Dazu untersuchte er Patienten mit chronischen Rückenschmerzen in einem speziellen MRT-Gerät, das es ihnen ermöglichte, die neuronale Aktivität bzw. Durchblutung ausgewählter Regionen ihres Gehirns in Echtzeit selbst zu beobachten, während sie an die Schmerzen dachten (DeCharms 2005). Die neuronale (Schmerz-)Aktivität in der Matrix wurde als lodernde Flamme auf einem Computerbildschirm angezeigt. Die Patienten sollten versuchen, das Symbol der Flamme zu verkleinern, indem sie sich einen schmerzfreien Körperteil vorstellten und so den schmerzhaften Körperbereich aus ihrem Bewusstsein ausblendeten. Immer wenn die Ablenkung gelang, gab ihnen das Gerät eine Rückmeldung. Mithilfe dieser Biofeedback-Biofeedback:SchmerzpatientenMethode lernten die Schmerzpatienten:Biofeedback-MethodeSchmerzpatienten schließlich, über die Aktivität in der Schmerzmatrix ihres Gehirns ihre Schmerzen immer besser zu beeinflussen. Je besser Patienten ihre Hirnaktivität kontrollieren konnten, desto größer war auch die Schmerzreduktion. Umgekehrt konnten die Versuchsteilnehmer die Aktivität im Gyrus cinguli und damit auch ihre Schmerzen mental verstärken. Sie lernten beispielsweise nicht nur, einen standardisierten Wärmereiz an den Waden als weniger schmerzhaft, sondern bei entsprechender Motivation auch als verstärkt wahrzunehmen. Dies könnte erklären, warum chronische Rückenschmerzen:Verstärkung durch AufmerksamkeitRückenschmerzen bei entsprechender Motivation manchmal unbewusst zunehmen. Sie werden zu psychosomatischen psychosomatische SchmerzenSchmerzen, weil sie einen sekundären Krankheitsgewinn:sekundärer, RückenschmerzenKrankheitsgewinn erbringen, z. B. in Form erhöhter Aufmerksamkeit:Verstärkung von RückenschmerzenAufmerksamkeit. So kann gut gemeinter Trost dazu führen, dass sich die Rückenschmerzen noch verstärken, ja sogar chronifizieren, weil der Patient die Erfahrung macht, dass sein Schmerzverhalten mit Zuwendung belohnt wird. Je mehr ihr Umfeld auf sie eingeht, desto stärker leiden solche Patienten dann an Rückenschmerzen und umso stärker wird ihr Gyrus cinguli aktiviert.
Aufmerksamkeit und Achtsamkeit
Damit sich die Architektur des Gehirns verändert, müssen wir auf unser gegenwärtiges Erleben achten. Wenn neuronale Netzwerke nur passiv stimuliert werden, d. h. ohne dass der Auslöser bewusst wahrzunehmen ist, bewirkt das keine Veränderung im Gehirn. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit:gezielteAufmerksamkeit gezielt auf etwas richten, lassen wir jedoch alle anderen Informationen, die uns sensorisch zur Verfügung stünden, außer Acht. Wir hindern unseren Geist also daran, irgendetwas anderes zu tun als das, was uns in diesem Augenblick wichtig erscheint. Ohne diese Selektionsfähigkeit könnten wir nicht überleben. Die Fähigkeit, uns auf eine kleine Auswahl an Informationen zu konzentrieren, ist im Frontallappen des Gehirns angesiedelt. Indem er andere Hirnbereiche in den Hintergrund treten lässt oder abschaltet, sorgt der Frontallappen:Aufmerksamkeit, gezielteFrontallappen dafür, dass unsere Aufmerksamkeit:gezielteAufmerksamkeit auf eine Sache gerichtet bleibt. Je besser es uns gelingt, uns auf innere mentale Bilder zu konzentrieren, desto gründlicher können wir unser Gehirn umprogrammieren und desto leichter wird es uns fallen, andere Regelkreise im Gehirn zu steuern, die ähnliche sensorische Reize verarbeiten. Mit anderen Worten: Aufmerksamkeit ist eine Qualität, die eine notwendige Voraussetzung für Lernprozesse darstellt und sie optimiert.
Die Body-Mind-Body-Mind-Medizin:AchtsamkeitMedizin bedient sich dieser Qualität in unterschiedlichen Therapieformen. Unter dem Stichwort AchtsamkeitAchtsamkeit werden wir die therapeutischen Methoden der Body-Mind-Medizin näher betrachten (Kap. 10.4).

Stress und Stressantwort

StressSobald wir eine Bedrohung wahrnehmen, wird der Neokortex in einen Alarmzustand versetzt, der unsere Aufmerksamkeit stark steigert. Sofort werden wir höchst wachsam für Gefahren. Im Gegensatz zu den meisten anderen Wirbeltieren können wir diesen Zustand auch allein durch Gedanken auslösen. Angesichts von Stressauslösern verändern sich unsere normalen Körperfunktionen (Blutdruck, Puls, Pupillenweite, Atemfrequenz etc.) – wir stehen unter Spannung. Unser Organismus muss neurophysiologisch und biochemisch bereit sein, mit Kampf oder Kampf- oder Fluchtverhalten/-reaktion:StressFlucht zu reagieren. Um dies zu erreichen, werden große Mengen Adrenalin:StressAdrenalin und Kortisol:StressKortisol freigesetzt. Die meisten biochemischen Veränderungen im Körper, die mit einer Stressreaktionen:Kampf oder FluchtStressreaktion einhergehen, hängen direkt oder indirekt mit der Ausschüttung von Adrenalin und Kortisol zusammen.
Die grundlegende Art der Stressreaktion Stressreaktionenhaben wir mit vielen Lebewesen gemeinsam, aber unser neokortikales Gehirn mit seinem riesigen Gedächtnis und unsere hoch entwickelte Sozialstruktur führen zu einer Fülle zusätzlicher Stressoren. Wir Menschen sind vor allem drei Kategorien von Stress ausgesetzt: körperlichem, chemischem und emotionalem bzw. psychischem Stress.
  • Körperlichen Stress Stress:körperlicherverursachen Ereignisse wie Unfälle, Verletzungen, Schmerzen:StressSchmerzen sowie extreme Lebensbedingungen wie Kälte, Hitze, Schlafmangel, Hunger, Durst etc.

  • Chemischer Stress Stress:chemischerspielt eine zunehmend größere Rolle, weil wir immer öfter Toxinen, Allergenen und sonstigen Umweltbelastungen:StressUmweltbelastungen ausgesetzt sind. Auch endogen gebildete Moleküle wie Adrenalin und Kortisol, erhöhte Kaliumwerte oder freie Radikale wirken als chemische Stressoren.

  • Emotionaler bzw. psychischer Stress Stress:emotionaler bzw. psychischerentsteht durch Faktoren wie Geldsorgen:StressGeldsorgen oder Zeitmangel, Probleme am Arbeitsplatz oder Verlust eines geliebten Menschen etc.

Unabhängig davon, zu welcher dieser drei Kategorien der Stress jeweils gehört, reagiert der Körper grundsätzlich gleich mit Aktivierung des vegetativen vegetatives Nervensystem:Aktivierung durch StressNervensystems (Abb. 10.2).
Die meisten Tierarten, mit Ausnahme einiger Primaten, erleben beispielsweise vor allem die Begegnung mit Raubtieren als lebensbedrohliche StresssituationenStresssituation. Auch wir kennen diese Ebene von körperlichem oder chemischem Stress, der sich körperlich niederschlagen kann. Aber im Gegensatz zu Tieren können wir noch unzählige andere Situationen als emotional bzw. psychisch belastend bzw. als Stress erleben: Abgabetermine, Auseinandersetzungen mit Nachbarn, Mitarbeitern oder Chefs, Geldnöte oder Beziehungskonflikte sind einige davon. Solche Belastungen empfinden wir als genauso lebensbedrohlich wie körperliche Gefahren, doch in der Regel sind sie sehr viel komplexer und nicht einfach durch Kampf oder Kampf- oder Fluchtverhalten/-reaktion:StressFlucht zu bewältigen. Wenn ein Abgabetermin näher rückt, helfen uns weder Kampf noch Flucht, wir können uns dem Stressreaktionen:Kampf oder FluchtStress nicht entziehen.

Akuter und chronischer Stress

Die körperlichen, chemischen und psychoemotionalen Stressfaktoren, denen wir Menschen ausgesetzt sind, weisen eine weitere Besonderheit auf: Tiere haben es fast immer mit akutem Stress zu tun, der plötzlich auftaucht und schnell beendet ist. Wenn sich eine Gazelle in der Steppe mit einem Löwen konfrontiert sieht, bleibt nur ein kurzer Moment, um eine Entscheidung zu treffen. Es herrscht akuter Stress:akuterStress, der das Tier in Alarmbereitschaft versetzt, und wenn die Flucht vorüber ist, stellt sich normalerweise innerhalb weniger Stunden das körperliche Gleichgewicht wieder ein. Die Auswirkungen von akutem Stress dieser Art sind meist in relativ kurzer Zeit behoben. Der Körper kann sich entspannen und wieder der Zellregeneration, der Gewebereparatur oder der Reproduktion widmen. Die meisten Säugetiere sind bestens auf solche kurzen bedrohlichen Situationen eingestellt.
Wenn uns ein Freund, mit dessen Frau wir ebenfalls gut befreundet sind, anvertraut, dass er eine Affäre hat, beginnt dies zwar als akute Stresssituation, doch ein Ende ist nicht so schnell in Sicht. Wir Menschen geraten eher in chronische Stresssituationen:chronischeStresssituationen:akuteStresssituationen, die manchmal jahrelang anhalten. Tagtäglich sind wir unentwegt den unterschiedlichsten Stressauslösern ausgesetzt. Unsere sozialen Verhältnisse lassen meistens kein Kampf- oder Fluchtverhalten zu. Stattdessen reagieren wir auf Stress mit Besorgtheit, Grübeln, Verleugnen, Verdrängen oder indem wir versuchen, Kompromisse zu finden. Unser hervorragendes Gedächtnis ermöglicht uns, eine StressreaktionenStressreaktion selbst dann in Gang zu bringen, wenn der eigentliche Auslöser gar nicht präsent ist. Allein der Gedanke daran genügt oft schon. Vor diesem Hintergrund entsteht schädlicher chronischer Stress:chronischerStress.
Chronischer psychoemotionaler Stress ist die häufigste Stressform, unter der Menschen leiden. Die Wechselbeziehungen des modernen Menschen mit seiner Umwelt sind so vielfältig, dass psychoemotionaler Stress:psychoemotionalerStress zu einem der Hauptprobleme der industrialisierten Welt geworden ist. Die Zunahme von psychoemotionalem Stress führt auch vermehrt zu körperlichem Stress. Haben wir Streit mit unserem Partner und entwickeln anschließend eine schmerzhafte Verspannung der Schulter-Nacken-Muskulatur, ist dies ein Beispiel für solche Zusammenhänge. Psychoemotionaler Stress erzeugt chemischen Stress:chemischerStress (in Form erhöhter Adrenalin- und Kortisolausschüttung). Dieser chemische Stress verstärkt den körperlichen Stress:körperlicherStress vor allem durch die Wirkung der Stresshormone Adrenalin und Kortisol. Der Körper ist jetzt in Alarmbereitschaft, der Muskeltonus gesteigert, Verdauungs- und Heilungsprozesse werden gedrosselt. Die Schmerzen in der verspannten Schulter-Nacken-Schulter-Nacken-Region:Schmerzen bei StressRegion werden anhalten oder sich verschlimmern und womöglich chronisch werden. Die Sorge über die anhaltenden Schmerzen erzeugt wiederum psychischen Stress, womit sich der Teufelskreis schließt.
Die Reaktionen des Organismus auf akuten oder chronischen Stressreaktionen:Freisetzung von InformationsmolekülenStress werden über das vegetative Nervensystem und durch Informationsmoleküle:Freisetzung bei StressInformationsmoleküle auf die Zielzellen übertragen (Tab. 10.2).

Stressachsen als Schnittstellen zwischen endokrinem und neuronalem System

StressachsenDie unterschiedlichen inneren und äußeren Stresssignale werden von verschiedenen Strukturen des Zentralnervensystems wahrgenommen, bewertet und verarbeitet. Daraufhin werden Stressreaktionen initiiert und vom neuroendokrinen neuroendokrines System:KomponentenSystem übermittelt. Zum neuroendokrinen System gehören folgende Komponenten:
  • Teile des ZNSZNS-Strukturen:neuroendokrines System und des vegetativen Nervensystems, vegetatives Nervensystem:neuroendokrines Systemderen NeurotransmitterNeurotransmitter und NeuropeptideNeuropeptide (v. a. Noradrenalin, Adrenalin),

  • Hormondrüsen:neuroendokrines SystemHormondrüsen (v. a. die Nebennieren) und deren Hormone (z. B. CRH, ACTH, Kortisol und Adrenalin) sowie

  • weitere Hormone Hormone:neuroendokrines Systemund Informationsmoleküle:neuroendokrines SystemInformationsmoleküle (z. B. Substanz P, VIP, Neuropeptid Y), die in unterschiedlichen Geweben gebildet und über das Blutgefäßsystem verteilt werden.

Die beteiligten Neurotransmitter und Neuropeptide docken an Rezeptoren der Zielzellen an und setzen dadurch intrazelluläre Signalkaskaden:intrazelluläreSignalkaskaden in Gang. So werden zahlreiche Vorgänge in den Zellen initiiert, auf deren Grundlage weitere körperliche und psychische Stressreaktionen:Signalkaskaden, intrazelluläreStressreaktionen entstehen. Aufgrund der Vielfalt von Rezeptortypen und intrazellulären Effektoren in den verschiedenen Geweben wird der Informationsfluss in unterschiedliche Bahnen gelenkt. Das ermöglicht dem Organismus, mit einer großen Zahl differenzierter Stressreaktionen:differenzierteStressreaktionen auf Belastungssituationen zu reagieren, um sie zu meistern. Das neuroendokrine neuroendokrines System:HormonachsenSystem wird durch zwei Hormonachsen dominiert, die eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Stresssignalen spielen.
Wenn unser Gehirn Stress wahrnimmt, können insbesondere zwei Signalwege, sog. Neurohormonachsen:StressNeurohormonachsen, aktiviert werden. Über Neurone und das Gefäßsystem gelangen diese Informationen zu den Körperorganen und -geweben und kontrollieren dort die physiologischen Aktivitäten. Beide Achsen sind von entscheidender Bedeutung für das Überleben unter Stress. Dabei handelt es sich zum einen um die schnell reagierende Verbindung zwischen sympathischem Nervensystem und Nebennierenmark, die sympatho-sympatho-adrenomedullare Achse\tSiehe SAM-Achseadrenomedullare (SAM-)Achse. Sie benutzt hauptsächlich Noradrenalin und Adrenalin als Informationsmoleküle für die Auslösung von Stressreaktionen. Die andere, etwas langsamer reagierende Verbindung zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde wird entsprechend als hypothalamo-hypophysäre-adrenokortikale hypothalamo-hypophysäre-adrenokortikale Achse\tSiehe HPA-AchseAchse bzw. HPA-Achse (hypothalamic-pituitary-adrenocortical axis)HPA-Achse (hypothalamic-pituitary-adrenocortical axis) bezeichnet.
SAM-Achse
Die sympatho-adrenomedulläre bzw. SAM-SAM-Achse (sympatho-adrenomedulläre Achse)SAM-Achse (sympatho-adrenomedulläre Achse):StresssituationenAchse ist vor allem in akuten StresssituationenStresssituationen:akute von Bedeutung. Ihre Aktivierung dient vereinfacht gesagt dazu, den Organismus in Kampf- oder Fluchtbereitschaft zu versetzen. Die Stresswahrnehmung in Teilen des ZNS führt u. a. zur Stimulation des limbischen Systems und des Hypothalamus. Die neuronalen Signale werden von dort über das sympathische Nervensystem zu vielen inneren Organen geleitet. Das Nebennierenmark reagiert darauf mit einer Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin. Zusätzlich zu dieser neuronalen Aktivierung wird das NebennierenmarkNebennierenmark auch geringfügig durch ACTH stimuliert. Die Wirkungen der beiden Katecholamine Adrenalin:WirkungAdrenalin und Noradrenalin Noradrenalin:Wirkungermöglichen es dem Organismus, bei Bedrohung oder freiwilliger Anstrengung kraftvoll zu reagieren: Atmung und Blutfluss werden gesteigert, um den Sauerstofftransport zu Muskeln, Herz und Gehirn zu erhöhen, während die Durchblutung des Verdauungstrakts und der Peripherie verringert wird. Neben der gesteigerten Sauerstoffzufuhr bekommen die stressrelevanten Organe vermehrt Brennstoffe wie Glukose und Fettsäuren angeboten – durch den Glykogenabbau in der Leber und Skelettmuskulatur sowie den Fettabbau im Fettgewebe. Auf diesem Weg wird die physische Reaktionsbereitschaft:Steigerung bei StressReaktionsbereitschaft und -kapazität des Organismus sehr schnell gesteigert.
Adrenalin Adrenalin:Wirkungvermittelt seine Wirkung an Zielzellen über seine Bindung an zellmembranständige - oder -Rezeptoren, was spezifische Adrenalin:RezeptorbindungSignalkaskaden auslöst. In Stresssituationen ist die Bindung an -Rezeptoren am bedeutsamsten, die dazu führt, dass vermehrt der Second Messenger cAMP gebildet wird. cAMP aktiviert seinerseits Enzyme, die am Glykogen- und Fettabbau beteiligt sind. Das lässt den Blutzucker- und Fettsäurespiegel rasch ansteigen, sodass der Skelettmuskulatur mehr Energie für Kampf oder Kampf- oder Fluchtverhalten/-reaktion:Wirkung von AdrenalinFlucht bereitsteht (Abb. 10.3).
An anderen Erfolgsorganen als der Nebenniere führt die Sympathikusaktivierung zur Ausschüttung von Noradrenalin und Neuropeptid Y. NoradrenalinNoradrenalin und Neuropeptid Neuropeptid YY, die als Cotransmitter wirken, steigern den Blutdruck, ansonsten vermittelt Noradrenalin die zuvor beschriebenen Wirkungen.
Bindet Adrenalin an einen 1-Rezeptor, werden die Second Messenger IP3 und DAG gebildet, die v. a. die intrazelluläre Kalziumkonzentration anheben. Dies fördert die Kontraktionsbereitschaft von Skelettmuskeln und ist für die durch Katecholamine ausgelöste Vasokonstriktion verantwortlich.
Neben diesen klassischen Hormonwirkungen wird Adrenalin:SynapsenAdrenalin teilweise an adrenergen Synapsen aus dem Blut in Noradrenalin-Speichergranula aufgenommen und kann die Sympathikuswirkung in Stresssituationen modulieren. Auf Nervenimpulse hin wird es zusammen mit Noradrenalin freigesetzt und entfaltet seine Wirkung auf die Zielzellen. Da Noradrenalin:SynapsenNoradrenalin zwar an Synapsen freigesetzt, aber nicht an die Rezeptoren gebunden wird, kann es aus dem synaptischen Spalt in die Blutbahn entweichen und die Rolle eines Hormons übernehmen. Noradrenalin wirkt allerdings fast gar nicht an 2-Rezeptoren.
Klassische Stressoren:psychosozialeStressoren:klassischeStressoren der SAM-SAM-Achse (sympatho-adrenomedulläre Achse):Stressoren, klassischeAchse sind unmittelbare Bedrohungen, Arbeits- oder Sportbelastungen, Blutdruckerniedrigung, Sauerstoff- und Nährstoffmangel, Kälte, Hitze, Verbrennungen und Schmerzen. Auslöser können aber auch psychosoziale Stressfaktoren sein, wie sie in zahlreichen Situationen am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr oder in der Familie auftreten.
HPA-Achse
Eine ebenso wichtige Reaktion auf akuten Stress bzw. Dauerstress:KortisolfreisetzungDauerstress stellt die vermehrte Freisetzung von KortisolKortisol aus der Nebennierenrinde über die HPA-HPA-Achse (hypothalamic-pituitary-adrenocortical axis)Achse dar. Nach einer stressbedingten Aktivierung des Hypothalamus wird CRH (Kortikotropin-Releasing-Kortikotropin-Releasing-Hormon (CRH)Hormon) in ein spezielles Pfortadersystem zwischen HypothalamusHypothalamus und HypophyseHypophyse ausgeschüttet. So gelangt es schnell und auf direktem Weg zur AdenohypophyseAdenohypophyse, wo es die Bildung und Ausschüttung von ACTH (adrenokortikotropes adrenokortikotropes Hormon (ACTH)Hormon) fördert. Neben CRH kann auch ADH, das bei niedrigem Blutdruck und Wassermangel von der NeurohypophyseNeurohypophyse ausgeschüttet wird, die ACTH-Freisetzung stimulieren. ACTH zirkuliert anschließend zur Nebennierenrinde und sorgt dort für vermehrte Bildung und Freisetzung der GlukokortikoideGlukokortikoide, insbesondere von Kortisol (Abb. 10.4).
Kortisol führt ebenso wie Adrenalin zu einem Anstieg der Glukosekonzentration im Blut und zur Bereitstellung von Fettsäuren für den Energiebedarf, insbesondere der Skelettmuskulatur, was für das Flucht- und Kampfverhalten von größter Bedeutung ist. Daneben verstärkt Kortisol:WirkungenKortisol die Wirkungen der Katecholamine auf Herz und Kreislauf, hemmt aller dings auch Entzündungsreaktionen und teilweise das Immunsystem. Die Kortisolwirkung tritt deutlich langsamer in Erscheinung als die des Adrenalins, hält dafür aber wesentlich länger an. Dies hängt mit dem Wirkmechanismus zusammen. Glukokortikoide:WirkungenGlukokortikoide wie Kortisol werden von ihren Zielzellen aufgenommen, verbinden sich im Zytosol mit einem löslichen Rezeptor und wandern als Hormon-Rezeptor-Komplex in den Zellkern ein. Dort wirken sie als Transkriptionsfaktor der DNA und führen zur vermehrten Expression von Proteinen, die vor allem folgende Funktionen vermitteln:
  • Steigerung der GlukoneogeneseGlukoneogenese mit Erhöhung des Blutzuckerspiegel:ErhöhungBlutzuckerspiegels

  • Steigerung der LipolyseLipolyse mit Erhöhung des Fettsäurespiegel:ErhöhungFettsäurespiegels

  • Steigerung des Proteinabbaus

  • Hemmung der Antikörperbildung:Hemmung durch GlukokortikoideAntikörperbildung, dadurch Immunsuppression:durch GlukokortikoideImmunsuppression

  • Entzündungshemmung:durch GlukokortikoideEntzündungshemmung: Durch die Induktion von LipocortinLipocortin, einem Protein, das die Phospholipase A2 effektiv hemmt, wird die Freisetzung von Arachidonsäure aus Phospholipiden der Zellmembran stark reduziert. Arachidonsäure ist die Vorstufe von Prostaglandinen und Leukotrienen, die als Entzündungsmediatoren:HemmungEntzündungsmediatoren fungieren. Darüber hinaus werden noch weitere Entzündungsmediatoren gehemmt.

MERKE

In akuten StresssituationenStresssituationen:akuteStresssituationen:akute wird die HPA-HPA-Achse (hypothalamic-pituitary-adrenocortical axis):StresssituationenAchse verzögert aktiviert, um die Wirkung der schneller reagierenden SAM-Achse SAM-Achse (sympatho-adrenomedulläre Achse):Stresssituationenzu unterstützen.

Bei Dauerstress:HPA-AchseDauerstress dominiert die HPA-HPA-Achse (hypothalamic-pituitary-adrenocortical axis):DauerstressAchse, was nicht selten zu einer pathologischen Entwicklung führt.

Nach Beendigung einer Stresssituation kontrollieren mehrere Mechanismen die Verringerung der Stresshormonkonzentration. In allen Hormonachsen:negative RückkopplungHormonachsen findet sich das Prinzip der negativen Rückkopplung:
  • Kortisol hemmt die Bildung von CRH und ACTH – mit negativer Rückwirkung auf seine eigene Freisetzung.

  • Auch ACTH gibt ein negatives Feedback auf die CRH-Freisetzung im Hypothalamus.

Intrazellulär existieren ebenfalls Mechanismen, die kurz nach Aktivierung der zellulären Signalkaskade durch Stresshormone:SignalkaskadenStresshormone die Signale wieder löschen, um erneut auf neue Signale reagieren zu können. Zusammen mit Stress vermittelnden Informationsmolekülen werden auch kleine Mengen dämpfender Hormone (z. B. manche Opioide) freigesetzt, die eine überschießende und zu lang anhaltende Stressreaktion verhindern.

MERKE

In Stresssituationen:HormonsignaleStresssituationen dienen Hormonsignale:StresssituationenHormonsignale in erster Linie dazu, wieder stabile Zustände herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten, beispielsweise in Bezug auf Blutvolumen und -druck, Körpertemperatur, Blutglukose und Sauerstofftransportkapazität.

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist ein kontrolliertes Beenden der Stressreaktion genauso wichtig wie deren gezielte Aktivierung. Nicht alle Stressoren rufen in gleicher Weise unspezifische Stressreaktionen:kontrolliertes BeendenStressreaktionen hervor. Stressoren lösen unterschiedliche Antworten der Zellen aus, die sich durch die Aktivierung unterschiedlicher Stressreaktionen charakterisieren lassen. Die Variabilität, mit der Zellen auf einen Reiz ansprechen, ermöglicht beispielsweise, dass Adrenalin einerseits eine Hemmung der Glykolyse in der Leber und andererseits eine Aktivierung der Glykolyse in Muskelzellen bewirkt. An unterschiedlichen Stressreaktionen:HormonachsenStressreaktionen sind auch andere, weniger dominante Hormonachsen:StressreaktionenHormonachsen beteiligt. Dazu gehören das Arginin-Vasopressin-Arginin-Vasopressin-System und das Renin-Angiotensin-ll-Aldosteron-System (RAAS)Renin-Angiotensin-ll-Aldosteron-System (RAAS), die Hypothalamus-Hypophysen-Schilddrüsen-Hypothalamus-Hypophysen-Schilddrüsen-Achse (hypothalamic-pituitary-thyroid axis, hypothalamic-pituitary-thyroid axis (HPT)HPT) und die WachstumshormonachseWachstumshormonachse.
Neben den erwähnten Hormonachsen finden sich im neuroendokrinen System noch weitere Neuropeptide, Zytokine und andere Informationsmoleküle, die ein ganzes Netzwerk von Interaktionen bilden und so unterschiedliche Stresszustände und -reaktionen kontrollieren und koordinieren können.

Herzfreqenzvariabilität als Zugang zum Vegetativum

Noch bis vor wenigen Jahren waren diagnostische Messmethoden, die eine Aussage über den Aktivitätszustand von Sympathikus und Parasympathikus machen konnten, rar. Die Blut- bzw. Urinwerte von Katecholaminen, Kortisol, ACTH und CRH sind nicht sehr aussagekräftig. Aufgrund der zirkadianen Freisetzung und der großen interindividuellen Unterschiede in der Konzentration konnten eigentlich nur Verlaufsbeobachtungen durchgeführt und extreme Werte erkannt werden. Hinweise auf eine sympathikotone sympathikotone DominanzDominanz ergaben sich vor allem aus der Anamnese und der Beobachtung des Patientenverhaltens. Seit Bekanntwerden der einfach messbaren Herzfrequenzvariabilität (HFV)Herzfrequenzvariabilität (HFV):und vegetatives NervensystemHerzfrequenzvariabilität ergeben sich erstmals Möglichkeiten, den Zustand des vegetativen vegetatives Nervensystem:und HerzfrequenzvariabilitätNervensystems, zumindest teilweise, zu erfassen und damit diagnostisch zu nutzen.
Das Herz eines gesunden Menschen ist in der Lage, eine Vielzahl an Informationen, die über das vegetative Nervensystem und Informationsmoleküle vermittelt werden, zu registrieren und gleichzeitig unmittelbar mit fein abgestimmten Veränderungen der Herzschlagfolge:HerzfrequenzvariabilitätHerzschlagfolge darauf zu reagieren. Diese kleinen zeitlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Herzschlägen bezeichnet man als Herzfrequenzvariabilität (HFV\tSiehe HerzfrequenzvariabilitätHerzfrequenzvariabilität (HFV)HFV). Damit ist die Fähigkeit des Herzens gemeint, sich wechselnden Anforderungen durch Veränderung des zeitlichen Abstands von einem Herzschlag zum nächsten flexibel anpassen zu können. Die Kontrolle über die Herzfrequenz, den Herzrhythmus sowie die Schlagkraft wird durch sympathische und parasympathische Nervengeflechte am Herzen vermittelt. Der Sympathikus bewirkt eine Frequenzsteigerung und erhöhte Erregbarkeit des Myokards, der Parasympathikus bewirkt das Gegenteil.

Kohärenz und chaotischer Zustand

Herzfrequenzvariabilität (HFV):KohärenzHerzfrequenzvariabilität (HFV):chaotischer Zustand und KohärenzSeit Mitte der 90er-Jahre hat eine Arbeitsgruppe um Dr. Rollin McCraty und Doc Childre am HeartMath Research Center in den USA systematisch die Zusammenhänge zwischen HFV und psychophysiologischen Zuständen erforscht. Die wichtigsten Erkenntnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:
  • Das vegetative kardiale Nervengeflecht:vegetatives kardialesNervengeflecht setzt nicht nur die vom ZNS empfangenen Impulse am Herzen um, sondern sendet seinerseits Afferenzen zum Gehirn, die vor allem Regionen des limbischen Systems (insbesondere die Amygdala) erreichen.

  • Die zeitlichen Unterschiede zwischen zwei aufeinanderfolgenden Herzschlägen können sich in Form einer langsamen, harmonischen Zu- oder Abnahme darstellen. Schlägt das Herz in diesem Modus, findet ein koordiniertes Zusammenspiel zwischen Atemfrequenz:KohärenzAtemfrequenz, Herzschlagfolge:KohärenzHerzschlagfolge und Frequenzmustern im EEG EEG-Frequenzmuster:Kohärenzstatt. Man beschreibt diesen Zustand als Kohärenz. Sympathikus und Sympathikus:KohärenzParasympathikus:KohärenzParasympathikus scheinen dabei Kohärenz:Sympathikus und Parasympathikusaufeinander abgestimmt zu arbeiten, das System läuft rund (Abb. 10.5).

  • Sind die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Herzschlägen hingegen chaotisch verändert, sodass beispielsweise auf einen minimalen Zeitunterschied zwischen zwei Schlägen einige größere und dann schlagartig wieder sehr kurze Zeitabstände folgen, bezeichnet man das als niedrig kohärent oder chaotischer Zustandchaotisch. In diesem Modus sind Herzschlagfolge:chaotischeHerzschlagfolge, Atmungs- und EEG-Frequenzen nicht aufeinander abgestimmt. Sympathikus und Parasympathikus zeigen beide ein hohes Aktivitätsniveau, quasi so, als würde man gleichzeitig auf die Bremse und das Gaspedal eines Autos treten.

  • Bei eingeschränkter Kohärenz:eingeschränkteKohärenz entwickeln sich statistisch häufiger Gesundheitsstörungen:eingeschränkte KohärenzGesundheitsstörungen wie Herzkrankheiten, Depression, Neuropathien und Krebs. Anscheinend geht eine hohe Kohärenz:hoheKohärenz mit gesundheitlichem Wohlbefinden und einer angemessenen kardialen Reaktionsfähigkeit auf äußere und innere Reize einher.

  • Positive und emotional befriedigende Zustände (Liebesgefühle, Anteilnahme, Mitgefühl, Wertschätzung usw.) können ein gleichmäßiges und geordnetes Muster im Herzrhythmus, also eine hohe Kohärenz, erzeugen.

  • Negative oder emotional belastende Zustände (wie Ärger, Frustration, Sorge und Angst) rufen hingegen einen niedrig kohärenten Zustand hervor.

  • Ein kohärenter Herzrhythmus und positive Emotionen verbessern die Immunlage sowie das neuroendokrine Gleichgewicht (Hormonhaushalt) und lindern außerdem Schmerzen.

Biofeedback-Programm

Herzfrequenzvariabilität (HFV):Biofeedback-ProgrammIn Kenntnis dieser Zusammenhänge kommt dem Phänomen der Herzfrequenzvariabilität sowohl eine diagnostische als auch eine therapeutische Bedeutung zu. Die Bestimmung der HFV vermittelt einerseits einen Eindruck vom Aktivitätszustand des vegetativen Nervensystems und kann andererseits zur Verlaufsbeobachtung im Rahmen von therapeutischen Übungen herangezogen werden. Seit der Entwicklung kleiner, handlicher und kostengünstiger Messgeräte kann die HFV bei fast allen Patienten für Biofeedback:Herzfrequenzvariabilität (HFV)Biofeedback-Übungen genutzt werden.
Die verschiedenen Schritte dieser als HerzintelligenzHerzintelligenz bezeichneten Methode, wurden am HeartMath Institute in Kalifornien entwickelt und erprobt. Dabei kommen im Wesentlichen autosuggestive autosuggestive TechnikenTechniken zum Einsatz, wobei die Fokussierung auf das Herz und die Aufrechterhaltung positiver Emotionen im Mittelpunkt stehen. Das zur Messung der Puls-/Herzschlagvariabilität entwickelte Programm kann fast sekundengenau veranschaulichen, welchen Einfluss unser Denken auf die Kohärenz:autosuggestive TechnikenKohärenz Herzfrequenzvariabilität (HFV):Kohärenzausübt.
  • Konzentriert man sich auf sein Herz und das innere Wohlbefinden, zeigt eine Phasenverschiebung hin zu regelmäßigen, sanften Wellen, wie die Kohärenz zunimmt.

  • Lässt man sich von negativen Gedanken und Sorgen ablenken, verringert sich die Kohärenz binnen weniger Sekunden, und chaotischer Zustand:negative Gedanken und SorgenChaos macht sich breit.

  • Überlässt man sich dem Zorn, zeichnet das unmittelbar und explosiv zunehmende chaotischer Zustand:ZornChaos eine fast bedrohlich wirkende gezackte Linie auf den Bildschirm.

Mit diesem Biofeedback:KohärenzBiofeedback-Programm kann man sein Kohärenz:BiofeedbackKohärenzniveau auf der Stelle sichtbar machen und so Lernprozesse beschleunigen. Neben einer emotional stabileren Psyche stellen sich auch physiologisch günstige Effekte ein, die das Entstehen vieler Erkrankungen unwahrscheinlicher machen und sich positiv auf die Schmerzwahrnehmung:Biofeedback-ProgrammSchmerzwahrnehmung und Spannungszustände im muskulären System auswirken.

Stressmanagement

In diesem Abschnitt sollen Prinzipien für den individuellen Umgang mit Stress aufgezeigt werden. StressmanagementStressmanagement hat generell etwas mit Selbstmanagement und Lebensgestaltung zu tun. Was aber verbirgt sich genauer hinter dem Begriff Stressmanagement, der in seiner allgemeinen Bedeutung Anpassungsstrategien an Stresssituationen:AnpassungsstrategienStresssituationen beschreibt?
Der Umgang mit Stress wird in der Fachsprache als Coping bezeichnet. Akute Probleme aktiv bewältigen zu können stellt die effektivste Coping:StressmanagementCopingtechnik dar. Aufgrund der extremen Vielfalt möglicher Stresssituationen ist es für ein Individuum wichtig, sie im Hinblick auf potenzielle Stressantworten schnell einschätzen zu können. Bestimmte Situationen lassen sich einfach nicht ändern und müssen daher akzeptiert werden, während bei anderen Gelegenheiten Maßnahmen zur aktiven Stressbewältigung:CopingStressbewältigung sinnvoll sein können (nach dem Motto: Gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden).
Sein Coping auf Konfliktsituationen abstimmen zu können stellt eine erlernbare positive Fähigkeit dar; eine standardisierte, immer optimale Copingtechnik gibt es jedoch nicht.

Stressverhalten bei Pavianen

Der Verhaltensbiologe Robert Sapolsky erforschte jahrelang Verhaltensunterschiede und die individuelle StressresistenzStressresistenz von Pavianen in der Serengeti-Steppe. Er fand unter anderem heraus, dass stressresistente, dominante Tiere einen niedrigeren Glukokortikoidspiegel im Plasma aufwiesen als Tiere, die schnell zu Stressreaktionen neigten. Zu einer differenzierten Stressantwort sind also genau die Affen in der Lage, die aufgrund der Körpersprache ihrer Feinde oder Konkurrenten einschätzen können, inwieweit deren Verhalten ernst zu nehmen ist oder nicht. Sehen sie eine Situation als bedrohlich an, reagieren sie schlussendlich mit Kampf- oder Fluchtverhalten.
Ängstliche Tiere mit geringer Stressresistenz reagieren häufig schneller, übertrieben und ineffizient auf entsprechende Reize. Wenn beispielsweise ein in der Hierarchie höher stehendes Tier einfach nur an ihnen vorbeiläuft, ohne irgendein Interesse zu zeigen, stellt das für den rangniederen Pavian bereits eine Stresssituation dar. Um solche Stressmomente zu kompensieren, haben Paviane spezifische Verhaltensmuster entwickelt: Der frustrierte, rangniedere Pavian schlägt einfach einem noch schwächeren Pavian auf den Kopf. Ob das eine optimale Reaktion ist, sei dahingestellt, aber für ihn ist es in dem Moment eine effektive Reaktion.
Menschen und Tiere sind in der Lage, ihr Copingverhalten zu verändern bzw. effektiver zu gestalten. Coping:als LernprozessCoping ist ein Lernprozess, der durch Wiederholung vertieft wird; d. h., nur die wiederholte Konfrontation mit Stress lässt uns besser damit umgehen. Die individuellen Copingtechniken, die sich den Bedürfnissen entsprechend flexibel gestalten, repräsentieren den Erfahrungshorizont eines Lebewesens.
Im Rahmen dieses Buches können nur allgemeine Prinzipien und die wichtigsten Methoden des Stressmanagement:Methoden und PrinzipienStressmanagements angesprochen werden. Man kann sie als Maßnahmen für eine vitale Hygiene auffassen. Darüber hinaus ist spezialisierte Literatur mit Übungen zu den einzelnen Methoden leicht erhältlich.

Vitale Hygiene

vitale Hygiene:StressmanagementIn den letzten Jahrzehnten haben Erkrankungen, die mit dem Lebensstil in Verbindung stehen, stark zugenommen. Nur wenige Menschen kümmern sich um ihren Körper bzw. eine gesunde Lebensführung. Körper und Geist nicht zu pflegen hat jedoch oft eine höhere Stressempfindlichkeit zur Folge. Stressbedingte stressbedingte Störungen:LebensstilStörungen wie beispielsweise Burnout, Tinnitus und Schlaflosigkeit sind inhärent mit der Lebensführung verbunden.
Die nachfolgend besprochenen Aspekte für eine gesunde, positive Lebensführung:StressmanagementLebensführung sowie zur Entwicklung eines flexiblen dynamischen Stresssystems halten wir für besonders wichtig. Menschen, die über einen längeren Zeitraum versuchen, positiv diszipliniert Aspekte wie ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und Bewegung in ihrem Leben umzusetzen, werden meist mit einem entsprechend guten Lebensgefühl belohnt. Trotzdem erfordert es ein hohes Maß an Energie und Disziplin, auch durchzuhalten; denn in modernen Gesellschaften lauert nahezu überall ein Teufelskreis aus Stress, zunehmender Stressempfindlichkeit und Stressbeschwerden.
Die primäre Strategie, um eine bessere Stressresistenz:Umstellung der LebensweiseStressresistenz zu entwickeln, ist eine Umstellung der Lebensweise. Dabei können schon kleine Änderungen positive Wirkung zeigen.
Schlafen
Schlaf bezeichnet einen Zustand, in dem Lebewesen äußerlich weitgehend ruhig sind. Schlaf:Regeneration, geistige und körperlicheSchlafen zählt zu den wichtigsten Grundfunktionen des Körpers und ist zur geistigen und körperlichen Regeneration:im SchlafRegeneration zwingend erforderlich. Im Schlaf ist die Skelettmuskulatur überwiegend entspannt, die Augen sind geschlossen und physiologische Funktionen wie Blutdruck, Herzminutenvolumen oder Atemfrequenz reduziert. Schlafen ist ein komplexes biologisches Phänomen, bei dem bestimmte Hirnareale aktiv sind, während andere in der Zeit kaum genutzt werden.
Grundsätzlich lässt sich zwischen Non-REM-Schlaf und REM-Schlaf REM-Schlafunterscheiden: REM steht für rapid eye rapid eye movements (REM-Schlaf)movements (rasche Augenbewegungen) und beschreibt das Phänomen, dass sich in bestimmten Phasen des Schlafzyklus eine erhöhte körperliche Aktivität zeigt, vor allem eben Bewegungen der Augäpfel. Im EEG finden sich in solchen SchlafphasenSchlafphasen, die auch als paradoxer Schlaf bezeichnet werden, überwiegend Thetawellen. Ungefähr 80 % der restlichen Schlafzeit verbringen wir im Non-REM-Non-REM-SchlafSchlaf, bei dem die körperliche Aktivität deutlich niedriger ist.
Der Schlaf beginnt mit der einleitenden oder EinschlafphaseEinschlafphase, an der vor allem die Formatio Formatio reticularisreticularis im Stammhirn sowie der Thalamus und der Hypothalamus im Zwischenhirn beteiligt sind. Die Formatio Formatio reticularis:ARASreticularis gehört zu einem System, das als aufsteigendes retikuläres Aktivierungssystem (ARAS (aufsteigendes retikuläres Aktivierungssystem)ARAS) bezeichnet wird. Über die Ausschüttung der Neurotransmitter Noradrenalin und Acetylcholin können Neurone der Formatio reticularis den Thalamus aktivieren. Dieser schüttet daraufhin vermehrt (unter anderem) das Peptid Orexin aus, das den Wachheitsgrad steigert. Über neuronale Verbindungen zu den Raphekernen kann die Formatio reticularis aber auch die Freisetzung von Serotonin im Stammhirn auslösen, was das Einschlafen fördert.

MERKE

Das aufsteigende retikuläre aufsteigendes retikuläres Aktivierungssystem s. ARASAktivierungssystem ist einerseits für Wachheit und Aufmerksamkeit zuständig, aber andererseits auch an der Schlafeinleitung, ARASSchlafeinleitung beteiligt.

Neben dem dämpfenden Einfluss der Formatio reticularis auf Thalamus und Hypothalamus spielt die Ausschüttung von Melatonin aus der Epiphyse eine Rolle für die Schlafeinleitung. Bei Dunkelheit wird unter Vermittlung eines Kerngebiets, in dem Afferenzen aus der Retina münden, vermehrt MelatoninMelatonin in der Epiphyse gebildet und freigesetzt. Der Körper erfährt also über die Ausschüttung von Melatonin, dass es Zeit zum Schlafen ist, weil es dunkel geworden ist.
Der weitere Verlauf ist durch einen Wechsel zwischen Tiefschlaf(phasen)Tiefschlafphasen, in denen der Schlafende nur schwer aufzuwecken ist, und oberflächlichen, weniger tiefen Schlafphasen:tiefeSchlafphasen:oberflächlicheSchlafphasen gekennzeichnet. Der Schlaf kann in unterschiedliche Stadien eingeteilt werden, wobei die Einteilungskriterien nicht genau definiert sind. Die Stadien I–IV werden gemeinsam auch als Non-REM-Non-REM-Schlaf:Phasen bzw. StadienSchlafphasen bezeichnet.
  • Stadium I: leichter Schlaf:Stadien I–IVSchlaf, kurz nach dem Einschlafen (die Hirnaktivität geht von Alpha- zu Thetawellen:SchlafThetawellen über: 4–7 Hz). Die Muskelspannung lässt nach, und die Wahrnehmung der Umgebung verliert sich langsam.

  • Stadium II: beginnender Tiefschlaf; neben Thetawellen finden sich sog. Schlafspindeln im EEGSchlafspindeln im EEG. Dieses Stadium dominiert mehr als 50 % der gesamten Schlafdauer.

  • Stadium III: Übergang zum Tiefschlaf(phasen):DeltawellenTiefschlaf (weniger Theta- und zunehmend Deltawellen: 4 Hz). Die Grenze zwischen den Stadien III und IV ist nicht eindeutig festgelegt und verläuft fließend.

  • Stadium IV: Tiefschlafphase (mehr als 50 % Deltawellen:TiefschlafDeltawellen). Werden Schlafende in dieser Phase geweckt, wirken sie desorientiert und verschlafen. Sprechen im Schlaf oder Schlafwandeln sind Phänomene, die im Tiefschlaf auftreten. Die Tiefschlafphasen der ersten 2–3 Schlafzyklen dauern am längsten. Für Regenerationsvorgänge sind sie am wichtigsten.

  • REM-REM-SchlafSchlaf: Ähnlich wie in Stadium I zeigen sich vorwiegend Thetawellen im EEG. In dieser Schlafphase treten immer wieder regelmäßige Augenbewegungen auf, während die restliche Skelettmuskulatur maximal entspannt ist. Gleichzeitig sind vegetative Funktionen wie Blutdruck, Puls- und Atemfrequenz erhöht.

Ein Schlafzyklus Schlafzyklusumfasst alle Schlafphasen und dauert etwa 90–120 Minuten. Zwischen zwei Schlafzyklen können kurze AufwachphasenAufwachphasen von wenigen Minuten liegen; sie sind normal, jedoch in vielen Fällen am nächsten Morgen nicht erinnerlich. Mit zunehmender SchlafdauerSchlafdauer verlängern sich die REM-Phasen, und die Tiefschlaf(phasen)Tiefschlafphasen werden gleichzeitig immer kürzer (Abb. 10.6).
Für den Erholungswert des Schlaf:ErholungswertSchlafs sind die ersten beiden Schlafzyklen am wichtigsten. In ihnen sind die für die Regeneration wichtigen Tiefschlafphasen am längsten. Wenn die ersten beiden Schlafphasen durch Stress:SchlafqualitätseinbußenStress, Schmerzen, Einschlafprobleme usw. gestört werden, erleben die Patienten eine starke Einbuße ihrer Schlafqualität.
Der Schlaf hat offensichtlich großen Einfluss auf emotionale und intellektuelle Fähigkeiten. In chronischen Stresssituationen kommt es häufig zu Schlafrhythmusstörungen:StressSchlafrhythmusstörungen. Dabei sind sich die Patienten meist nicht einmal ihrer schlechten Schlaf:Qualität, schlechteSchlafqualität bewusst. Bei der Schmerzbewältigung:SchlafSchmerzbewältigung spielt der Schlaf ebenfalls eine wichtige Rolle. Schmerzpatienten benötigen häufig mehr Schlaf, wobei unge 2störte Tiefschlaf- und mehr REM-Phasen für Regenerationsprozesse:REM-SchlafRegenerationsprozesse am wichtigsten sind.
Für die prähistorischen Menschen bedeutete Schlafen ein Risiko. Während des Schlafs konnten sie nicht aufmerksam sein und waren in erhöhtem Maße gefährdet. Moderne Menschen leben meist unter Umständen, die keine Gefahr im Schlaf erwarten lassen. Schlafprobleme in der Moderne hängen meist mit geistiger Überaktivität, zu geringer körperlicher Auslastung oder störenden Umwelteinflüssen wie Licht und Lärm zusammen.
Chronischer Schlafmangel:chronischerSchlafmangel führt zu einer Schwächung des Immunsystems, Kopfschmerzen, kognitiven Störungen, Halluzinationen, Reizbarkeit und weiteren Auffälligkeiten. Schlafentzug ist auch als Foltermethode bekannt, um das Denken einzutrüben und den Willen des Opfers zu brechen. So können Informationen erpresst werden, ohne nachweisbare körperliche Folterspuren zu hinterlassen.

Tipps für eine gute Schlafhygiene

  • Möglichst Schlafhygiene-Tippswenig Koffein, Nikotin und Alkohol konsumieren (ab ca. 18:00 Uhr).

  • Das Schlafzimmer sollte ruhig, gut gelüftet und nicht zu warm (ca. 15 C) sein. Einrichtungsgegenstände sollten sich in geordnetem Zustand befinden.

  • Körperliche Anstrengung tagsüber fördert die Qualität des Tiefschlafs.

  • Tagsüber brauchen wir Licht, nachts sollte es dunkel sein. Bei Dunkelheit wird vermehrt das Epiphysenhormon Melatonin ausgeschüttet, das Ein- und Durchschlafen fördert. Insbesondere Menschen, die tagsüber bei chronischem Lichtmangel arbeiten müssen, können sich nachts im Schlaf durch Straßenlicht oder Lichtwerbung gestört fühlen.

  • Eine kurze Meditation oder Entspannungsübung vor dem Schlafengehen kann dazu beitragen, das Nervensystem und die allgemeine Stoffwechsellage leichter von ihrer dominanten katabolen Aktivität auf ihre Regeneration umschalten.

  • Versuchen Sie aufzuwachen, bevor der Wecker klingelt. Spontanes Aufwachen am Ende eines Schlafzyklus ist viel angenehmer, als mitten aus einem Schlafzyklus gerissen zu werden. Das kann man trainieren, indem man sich vor dem Einschlafen selbst den Befehl gibt, Minuten vor dem Wecksignal aufzuwachen (Autosuggestion). Auch ein Lichtwecker kann das Aufwachen erleichtern und den Schlaf auf sanfte und physiologische Weise beenden. Lichtwecker beginnen eine bestimmte Zeit (meist 30 Minuten) vor dem Wecksignal zu leuchten. Zunächst verbreiten sie nur ein schwaches Dämmerlicht und werden dann zunehmend heller, sodass sie die Lichtverhältnisse des Sonnenaufgangs imitieren. Dies wird von Schlafenden sehr wohl registriert und fördert ein langsames und sanftes Aufwachen.

Alltägliche Konsumgifte
Rauchen
Nicht zu rauchen ist vielleicht die einfachste und effektivste Methode, einen guten Gesundheitszustand zu erreichen bzw. zu erhalten. Die mannigfaltigen negativen Auswirkungen des RauchensRauchen sind allseits bekannt. Bei Rauchern kommt es vor allem zu Lungen- und Gefäßerkrankungen.
Oft neigen Menschen in anhaltenden StresssituationenStresssituationen:Rauchen dazu, mehr zu rauchen. Das gibt ihnen das Gefühl, tiefer entspannen zu können. Der Eindruck täuscht aber, denn das Gegenteil ist richtig: Rauchen bzw. Nikotin erzeugt noch mehr Stress. Die typischen Zeichen von Stress im Nervensystem der Patienten werden durch Nikotin provoziert und verstärkt. Hinzu kommt, dass RauchenRauchen:Stresssituationen nicht selten zum Alkoholkonsum anregt und somit zu weiteren Belastungen beiträgt.
Alkohol
Es gibt Hinweise, dass Alkohol in kleinen Mengen nicht wirklich schädlich ist. Die Betonung liegt aber auf kleinen Mengen. Wie Untersuchungen zeigen, ist ein Alkoholverbrauch tolerierbar, wenn täglich ca. ein Glas Wein (normale Glasgröße) getrunken wird. Zur sog. mediterranen Ernährungsweise, die mit niedrigen Herzinfarktraten assoziiert wird, gehört das berühmte Glas Rotwein.
Es kann als gesichert gelten, dass regelmäßiger AlkoholkonsumAlkoholkonsum in größeren Mengen als oben genannt den Organismus stark belastet, insbesondere Leber und Nervensystem. Nicht regelmäßig und vor allem nicht viel Alkohol zu trinken ist ebenfalls eine wichtige Regel für eine positive Lebensführung.
Kaffee
Kaffee ist eines der ältesten Aufputschmittel, das in vielen Kulturen weltweit legal konsumiert wird. Das im Kaffee enthaltene Koffein bewirkt eine zentrale Stimulation und daneben eine Aktivierung des Fett- und Glykogenabbaus. Dadurch gerät der Patient in eine katabole Stoffwechsellagekatabole Stoffwechsellage:durch Koffein. Da RegenerationsprozesseRegenerationsprozesse:Einfluss von Koffein (Heilung und Erholung) anabole Prozesse darstellen, werden sie unter dem Einfluss von Koffein eher schlechter ablaufen. Darüber hinaus ist Koffein schon in relativ niedrigen Dosen neurotoxisch. Selbst an Spinnennetzen macht sich der Einfluss kleiner Mengen psychogener Drogen bemerkbar.

Kleiner Tipp für Übergewichtige

Leser, die ihr Übergewicht reduzieren wollen, können Folgendes ausprobieren:
Koffein senkt den cAMP-Spiegel im Fettgewebe, was zu einem vorübergehenden Fettabbau führt. Nach neueren Erkenntnissen scheint eine Tasse KaffeetrinkenKaffee, ca. 20 Minuten vor einem ausgedehnten Jogging getrunken, die Fettverbrennung (moderat) zu steigern.
Gesunde Ernährung
Dass es viele unterschiedliche Auffassungen über gesunde ErnährungErnährung:gesunde gibt, ist allgemein bekannt. Manche Diäten empfehlen beispielsweise, Kalorien zu zählen, auf Kohlenhydrate zu verzichten oder tierisches Eiweiß zu vermeiden. Bei aller Vielfalt scheint eine Sache allerdings klar zu sein: Die beste Ernährungstherapie ist eine individuell abgestimmte Diät.
Dieses Buch möchte kein Ernährungsratgeber sein, davon gibt es genug. Trotzdem sind einige Betrachtungen zur ErnährungsweiseErnährung:Rückenschmerzpatienten von RückenschmerzpatientenRückenschmerzpatienten:Ernährungsweise interessant. Die beiden wichtigsten Aspekte sind ihr Körpergewicht und die Schadstoff- bzw. Säurebelastung des Gewebes:
  • Bei Übergewicht ist die GewichtsreduktionGewichtsreduktion ein wichtiger und sinnvoller Faktor zur Entlastung der WirbelsäuleWirbelsäule:Entlastung durch Gewichtsreduktion, für die Statik und die Bewegungsmöglichkeiten.

  • Die Reizempfindlichkeit des Bindegewebes wird durch ÜbersäuerungÜbersäuerung:Entlastung durch Ernährung und Toxine (erhöhte MatrixbelastungMatrixbelastung:gesunde Ernährung, Kap. 9) negativ beeinflusst. Durch entlastende Maßnahmen kann die Ansprechbarkeit des Gewebes auf therapeutische Reize deutlich gesteigert werden.

Die Nahrung sollte abwechslungs- und faserreich sein und täglich mehrere Portionen Gemüse und Obst beinhalten. Teilweise oder vielleicht auch eine Zeit lang stärker reduziert werden sollten Nahrungsmittel wie schnell verwertbare Zucker, tierisches Eiweiß und schädliche Fette.

MERKE

Die wichtigste und einfachste Maßnahme für eine gute Ernährung ist die Einschränkung der Nahrungsmenge. Lust auf Essen bedeutet nicht automatisch, Hunger zu haben!

Das Essverhalten hat auch viel mit unserem emotionalen Zustand zu tun. Frustessen ist ein weitverbreitetes Phänomen, führt aber leider nicht zur Lösung der Grundproblematik.
Viele Menschen müssen lernen, wieder bewusst zu essen, anstatt sich während des Essens mit anderen Dingen zu beschäftigen und quasi nebenbei zu essen.
Trotz all dieser Aspekte sollte Essen:bewusstesEssenEssen:soziale Komponente Spaß machen und mit Achtsamkeit erfolgen. Die soziale Komponente, die sich aus gemeinsamen Mahlzeiten mit der Familie oder einem Partner ergibt, kann Essen zu mehr als reiner Nahrungsaufnahme machen.
Bewegung
Der menschliche Körper ist für BewegungBewegungen geschaffen, Bewegung bedeutet Leben, Bewegungslosigkeit hingegen Starre und Tod. Man kann sicherlich verallgemeinernd sagen, dass jedem Patienten ein moderates Maß an Bewegung zu empfehlen ist. Dies ist umso wichtiger, als Bewegung in modernen Gesellschaften mehr und mehr an Bedeutung verliert. Im Vergleich zu Naturvölkern, beispielsweise den Massai in Ostafrika, die im Schnitt deutlich mehr als 15 km pro Tag laufen, bewegen sich Mitglieder einer Industrienation oft kaum 1 km pro Tag.
SportSport bzw. Bewegung sollte möglichst nicht kompetitiv sein und Spaß machen. Am wichtigsten ist in dem Zusammenhang die Regelmäßigkeit: 3-mal in der Woche eine halbe bis eineinhalb Stunden Sport, wie mehrere Studien nahelegen. Bei Patienten mit RückenbeschwerdenRückenbeschwerden:sportliche Aktivität sollte darauf geachtet werden, dass ihre Art der sportlichen Aktivität nicht den Bewegungsapparat noch weiter belastet.
Außerdem besteht ein Unterschied zwischen therapeutischen BewegungsübungenBewegungsübungen:therapeutische (z. B. Feldenkrais, PilatesPilates oder KrafttrainingKrafttraining) oder einfach Sport betreiben. Beides hat seine Berechtigung:
  • Therapeutische Bewegungsübungen können sich spezifisch auf das Problem des Patienten beziehen.

  • Allgemeiner Sport wie RadfahrenRadfahren:Herz-Kreislauf- und Muskeltraining oder Walken:Herz-Kreislauf- und MuskeltrainingWalken Sport:Herz-Kreislauf- und Muskeltrainingbringt neben einem Herz-Kreislauf- und Muskeltraining auch wichtige soziale Kontakte für die Aktiven.

Ein weiterer positiver Effekt von Sport ist die deutliche Verbesserung der AtemqualitätAtemqualität:Verbesserung durch Sport. Atmen ist Leben! Durch chronischen Stress in eine sympathikotone Dominanz geratene Menschen atmen in der Regel schneller und oberflächlicher als sportliche, neurovegetativ ausgeglichene Personen.
Feldenkrais-Methode
In Bezug auf Patienten mit chronischen Wirbelsäulenleiden wird die Feldenkrais-MethodeFeldenkrais-Methode wahrscheinlich zu wenig angewandt, obwohl sie eine wirklich gute Möglichkeit bietet, Patienten aus ihren Fehlmustern in ein neues Bewegungsmuster zu führen.
Dr. Moshe Feldenkrais (1904–1984), Physiker und Ingenieur, entwickelte seine Methode in den 30er-Jahren. Die Feldenkrais-Methode versucht, BewegungsmusterBewegungsmuster:Feldenkrais-Methode zu optimieren. Als Gründer der ersten Judoschule in Paris hat sich Moshe Feldenkrais in BewegungsabläufeBewegungsabläufe:Feldenkrais-Methode und ihre neurologische Steuerung vertieft und Techniken entwickelt, mit denen sich Schon- und FehlhaltungenFehlhaltungen:Feldenkrais-Methode sanft korrigieren lassen.
Egal, welche Aktivität ein Mensch unternimmt, entscheidend ist, dass er sich bewegt. Die Bewegung kann minimal, wie beim Lesen eines Buches, oder sehr intensiv sein, wie beim Skifahren oder Tanzen. Während dieser Aktivitäten sind die Gedanken bzw. der innere Fokus meist nicht auf die Bewegung gerichtet; der Fokus liegt auf dem Tennisspiel und nicht auf den Bewegungsabläufen an sich. Beim Lesen fokussiert man sich auf das Buch und nicht auf die momentane Körperhaltung.
Patienten mit Rückenbeschwerden fokussieren sich oft auf ihre Beschwerden und nicht darauf, wie sie sich bewegen – ein Phänomen, das meist unbewusst abläuft. Sowohl natürliche als auch schonende Bewegungsmuster (im Sinne einer SchonhaltungSchonhaltung:Feldenkrais-Methode) sind quasi gespeichert bzw. neuronal programmiert. Derart fehlerhafte Engramme lassen keine neuen Bewegungen mehr zu; die Bewegungs abläufe sind eingeschränkt. Durch eine bewusste, aufmerksame Änderung der Muster kann es jedoch zu einer Umprogrammierung und damit zur Integration von neuen, günstigeren Bewegungsabläufen kommen.
Leben ist bewegen; ohne Bewegung gibt es kein Leben, sagt Feldenkrais. Dieser Leitsatz ist auch der Osteopathie nicht ganz fremd! Einer der interessantesten Aspekte seiner Methode besteht darin, dass der Mensch bis ins hohe Alter neue Bewegungsmöglichkeiten zu entdecken und sie im täglichen Leben umzusetzen vermag. Dabei sieht Feldenkrais den Menschen als untrennbare Einheit von Körper und Geist. Eine Änderung in unseren Bewegungsmustern geht deshalb mit einer Veränderung von Denken und Fühlen einher. Umgekehrt führt ein verändertes Denken bzw. ein anderes Selbstbild auch zu einer neuen Art sich zu bewegen.
Nur wenn ihr wisst, was ihr tut, könnt ihr tun, was ihr wollt, lautet ein weiterer Leitsatz von Feldenkrais. Er sieht seine Methode nicht als Therapie, sondern als Lernprozess, als Lernmethode. Fertige Lösungen werden nicht geboten. Die Menschen sollen ihre eigenen Erfahrungen machen, selbst lernen, um sich so selbst zu ändern. Dabei ergeben sich unendlich variable Bewegungsmöglichkeiten aus dem individuellen Potenzial des Menschen.
Die Feldenkrais-MethodeFeldenkrais-Methode:Gruppenarbeit kann in Gruppen durchgeführt oder individuell gestaltet werden. Die Gruppenarbeit wird oft als Bewusstwerden durch BewegungBewusstwerden durch Bewegung, die individuelle Feldenkrais-Methode:individuelle TherapieTherapie als funktionelle Integration bezeichnet. Für SchmerzpatientenSchmerzpatienten:funktionelle Integration bietet sich am Anfang sicher eher die funktionelle Integration:funktionellefunktionelle IntegrationIntegrationfunktionelle Integration:Schmerzpatienten an. Sie kombiniert verbal angeleitetes Üben mit sanften manipulativen Handlungen. Durch Berührungen wird versucht, mehr Kontrast in die kinästhetische Dunkelheit oder Taubheit zu bringen. Neue und oft ungewohnte spielerische Bewegungen im Sitzen oder Liegen stehen am Anfang dieser Lernmethode. Jeder kann dabei unendliche Variationen und Möglichkeiten für sich selbst kennenlernen und bestimmen.

MERKE

Das Grundprinzip der Feldenkrais-Feldenkrais-Methode:GrundprinzipienMethode kann wie folgt zusammengefasst werden:

Die Bewusstmachung eines Bewegungsablaufs eröffnet die Möglichkeit zu entdecken, wie sich eine annähernd gleiche Bewegung entspannter, fließender und einfacher durchführen lässt.

Weitere wichtige Vorstellungen bzw. Prinzipien sind:

  • Die Bewegung soll einfach und angenehm, aber nicht unbedingt schön sein.

  • Vertraue auf deine Erfahrung.

  • Verbissene Konzentration beim Üben ist unwichtig. Entscheidend sind Bewusstsein und Aufmerksamkeit für das, was erfahren wird.

  • Primäre Handlung ist das Entdecken; das Resultat kommt, wenn die Zeit dazu reif ist, und wird nicht im Voraus bestimmt.

  • Alles, was gemacht wird, ist proportional zu dem, was überhaupt möglich ist. Das Bewusstsein, die Grenzen zu kennen, muss kultiviert werden.

Entspannung und Meditation
Grundsätzlich erzählen bestimmte Symptome, dass es dem Körper nicht gut geht. Oft sind körperliche Beschwerden das Zeichen. Osteopathen kennen beispielsweise Patienten mit chronischen Nackenverspannungen oder therapieresistenten Lumbalsyndromen. Solche Beschwerden können durch einen chronischen inneren Spannungszustand ausgelöst und unterhalten werden. Bewusstes EntspannenEntspannung:bewusste kann eine sehr sinnvolle Technik sein, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Es gibt zahlreiche Methoden und Techniken, die alle mehr oder weniger das gleiche Ziel verfolgen. Im Folgenden werden einige dieser Methoden kurz vorgestellt, deren Wirksamkeit und Umsetzbarkeit sich über viele Jahre (teilweise Jahrhunderte) gezeigt hat.
Autogenes Training
Unsere hektische Zeit lässt oft keine oder kaum Möglichkeit für Ruhe, Entspannung und Entschleunigung. Autogenes Training (AT)autogenes Training (AT) ist mittlerweile über 70 Jahre alt und noch immer ein häufig angewandtes Verfahren. Es ist eine wertvolle, wissenschaftlich begründete Methode, um die körperliche und geistige EntspannungEntspannung:autogenes Training zu fördern. Autogenes Training ist einfach und für jedermann zugänglich. Es kann sowohl präventiv als auch kurativ eingesetzt werden. Die wichtigsten Indikationsbereiche sind chronische Krankheiten, Schmerzsyndrome:autogenes TrainingSchmerzsyndrome, chronische mentale Belastung und Erschöpfungssyndrome:autogenes TrainingErschöpfungssyndrome.
Der Mediziner J. H. Schultz hat das autogene Training nach vielen Jahren theoretischer und systematischer Forschung entwickelt. Es stellt eine Form von Selbsthypnose dar, die bei regelmäßigem Üben der autosuggestiven Techniken zu einer tiefen, wohltuenden Entspannung führt. Die Techniken können relativ schnell erlernt werden. Beim Üben und Anwenden von autogenem Training konzentriert man sich auf sein Inneres, um einen Zustand von innerer Ruhe, Schwere und Wärme anzustreben. Bei richtiger Anwendung der Technik entsteht ein sog. Ruhezustand, der ein intensives Gefühl von Wohlbefinden hervorruft. Körper und Geist entspannen sich, und blockierte Energien kommen wieder in Bewegung. So wird ein anderes Bewusstseinsniveau erreicht, in dem alltägliche Belastungen keinen Einfluss mehr haben. Die Gedanken lösen sich dabei teilweise auf.
Wie funktioniert autogenes Training?
Es besteht eine enge Beziehung zwischen Hypnose:und autogenes Trainingautogenem Training und Hypnose. Schultz selbst hat es als legitime Tochter der Hypnose bezeichnet. Autogenes Trainingautogenes Training (AT):und Hypnose führt zu einem Zustand der Bewusstseinseinengung, in dem Suggestionen, Gedanken und Gefühle eine tiefe Entspannung auslösen können. Das vegetative Nervensystem vegetatives Nervensystem:autogenes Trainingschaltet in einen parasympathikotonen Zustandparasympathikotoner Zustand um. Dieser spezifische bewusstseinseingeengte oder auch hypnoide Zustand kann vor allem durch Hypnose oder autogenes Training erreicht werden. Die AT-Wirkungen halten nach Beendigung der aktiven Suggestion noch einige Zeit an, was als posthypnotischer Zustand bezeichnet wird.
Der physiologisch wichtigste Effekt von autogenem Training autogenes Training (AT):vegetatives Nervensystemist die Beeinflussung des vegetativen Nervensystems, verbunden mit einer Wiederherstellung des Gleichgewichts im Basis-Bio-Regulations-System. Viele Menschen, insbesondere Patienten mit chronischen Schmerzpatienten:sympathikotone DominanzSchmerzen, weisen eine sympathikotonesympathikotone Dominanz vegetative Steuerung auf (der Sympathikus dominiert gegenüber dem Parasympathikus). Autogenes Training kann sie wieder in ein dynamisches neurovegetatives Gleichgewicht zurückbringen. Hat sich das Gleichgewicht erst einmal wieder eingestellt, ist es auch möglich, zwischen Sympathikus und Parasympathikus hin- und herzuschalten. So gesehen, funktioniert autogenes Training wie eine Art vegetativer Gymnastik.
AT-Techniken autogenes Training (AT):Entspannungbewirken einen Zustand der Entspannung, indem in Gedanken gesprochene Affirmationen wie Ich bin ruhig und gelassen wiederholt werden. Diese Autosuggestionen sind kein Befehl, dass etwas unbedingt geschehen müsse. Sie dienen vielmehr dazu, den Fokus auf das Gefühl von EntspannungEntspannung:autogenes Training zu richten, und können sie dadurch noch vertiefen. Bei diesem Prozess sinkt der Muskeltonus, was ein Gefühl von Schwere entstehen lässt. Suggestionen wie Mein linker Arm wird schwer und später Ich bin ganz schwer fördern das Entspannen weiterer Muskelgruppen. Im weiteren Verlauf eines autogenen Trainings werden die Patienten dann suggestiv dazu gebracht, ein Wärmegefühl zu empfinden und ihre Aufmerksamkeit auf das Herz, den Plexus solaris und die Atmung zu lenken.

MERKE

Autogenes Training ist ein wertvolles Instrument für eine neurovegetative neurovegetative Behandlung:autogenes TrainingBehandlung und kann eine tiefe körperliche und mentale Entspannung hervorrufen.

Indikationen
autogenes Training (AT):IndikationenIm Prinzip stellt jede Belastung oder jedes Ungleichgewicht des vegetativen Nervensystems eine Indikation für autogenes Training dar. Auch wenn man nicht krank ist, kann es die vegetative Flexibilität vorbeugend stärken. Das ist es, was Pathogenese von Salutogenese oder Krankheit von mangelnder Gesundheit unterscheidet.
Auf Patienten mit akuten, subakuten oder chronischen Rückenbeschwerden Rückenbeschwerden:autogenes Trainingbezogen, kann autogenes Training einen wichtigen Therapiebeitrag leisten. AT-Techniken versetzen Patienten in die Lage, Stressoren wie Schmerz, muskuläre Hypertonie oder chronische Beschwerden besser zu bewältigen.
Kontraindikationen autogenes Training (AT):Kontraindikationensind in der Regel nur schwere psychiatrische Krankheitsbilder wie manische Depression, Psychosen oder Schizophrenie. Auch bei sehr jungen Kindern ist autogenes Training nicht sinnvoll. Der Therapeut muss imstande sein, dem Patienten eventuell beim AT ausgelöste Reaktionen sowie den richtigen Umgang damit zu erklären.
Meditation
MeditationMeditation ist ein Phänomen jenseits des Denkens, ein reiner Bewusstseinszustand ohne Inhalt. Normalerweise beschäftigen wir uns im Geist andauernd mit Gedankenspielen. In unserem Kopf geht es dabei zu wie in Stoßzeiten: Da herrscht ein reger Verkehr von Gedanken, Sehnsüchten, Erinnerungen und ehrgeizigen Überlegungen. Unser Verstand produziert dabei immer neue Ängste und Sorgen. Er denkt schon an den nächsten Tag, die nächste Woche, das nächste Ereignis etc. Unter der Oberfläche laufen die gedanklichen Vorbereitungen ständig auf Hochtouren. Dies ist der normale Zustand ohne Meditation.
Meditation ist genau das Gegenteil. Wenn Funkstille im Kopf herrscht, weil alles Denken stoppt, kein Gedanke sich regt, kein Verlangen auftaucht, wenn man absolut ruhig ist – diese Stille ist Meditation. MeditationMeditation:Zustand jenseits des Denkens ist also ein Zustand jenseits des Denkens. Den meditativen Zustand kann man nicht mit dem Verstand erreichen. Der Verstand ist zu laut, zu beschäftigt und immer dabei, sich selbst in Gang zu halten. Den meditativen Zustand erreicht man nur, wenn man den Verstand beiseiteschiebt, gelassen ist und unbeteiligt die Gedanken vorbeiziehen sieht, ohne sich mit ihnen zu identifizieren, ohne zu denken Ich bin in Gedanken.
Wie funktioniert Meditation?
Wenn man klar erkennt, dass man nicht identisch mit seinem Verstand ist, und wenn dieses Bewusstsein tiefer und tiefer sinkt, wird man allmählich Augenblicke der Stille, Augenblicke der Klarheit, Augenblicke der Transparenz erleben, Augenblicke, in denen alles still ist und sich nichts rührt. In diesen stillen Augenblicken voller Empfänglichkeit geschieht MeditationMeditation:Stille und Empfänglichkeit.
In der Praxis stellt sich dies aber nicht ganz so einfach dar. Wenn sie sich in einer ruhigen Umgebung hinsetzen, die Augen schließen und den Fokus nach innen richten, empfinden die meisten Menschen nicht etwa eine geistige Leere, sondern ihre Gedanken rücken mehr und mehr in den Vordergrund ihrer Wahrnehmung. Sich dann einzureden: Ich will nicht denken, wäre paradox, da dies bereits der nächste Gedanke ist.
Eine Möglichkeit, mit diesem Problem umzugehen, ist der Versuch, seine Gedanken wie ein Zeuge zu sehen, der lediglich Beobachter, aber nicht Teil dessen ist, was er beobachtet. Die GedankenGedanken:Meditation sind dann wie Szenen auf einer Leinwand, die man interessiert beobachtet. Wir sollten sie uns freundlich als Teil unserer Lebenserfahrung anschauen, aber nicht unser weiteres Dasein davon steuern lassen. Es sind nur Gedanken oder Gefühle, aber keine Reflexion über uns selbst oder die Welt.
Wenn es uns gelingt, einen Gedanken wach und bewusst wahrzunehmen, ohne in irgendeiner Form urteilend oder mitfühlend darauf zu reagieren, und wenn keine Energie zur Weiterführung dieses Gedanken verbraucht wird, dann verschwindet er. Je mehr diese Haltung kultiviert wird, desto schneller verschwinden einzelne Gedanken wieder, und dazwischen tauchen Lücken der Ruhe auf. In diesen Lücken sind wir bereit zur Meditation.
Methoden und Wirkungen
Die unterschiedlichen Meditationsformen sind letztlich verschiedene Methoden, um die Hindernisse auf dem Weg zur MeditationMeditation:Methoden und Wirkungen zu überwinden. Dabei lassen sich drei große Gruppen unterscheiden:
  • Dynamische MeditationenMeditation:dynamische beginnen mit intensiver KörperarbeitKörperarbeit:dynamische Meditation wie Tanzen, Ausschütteln oder kathartischen Übungen, um eine gewisse körperliche Erschöpfung zu erreichen. In der zweiten Phase versuchen die Übenden dann, einen Zustand der inneren Ruhe und Wachsamkeit zuzulassen.

  • Bei ruhigen Meditationen Meditation:ruhigenehmen die Übenden von Anfang an eine Ruheposition ein und versuchen den meditativen Zustand zu erreichen, ohne zuvor körperliche Anspannungen abzubauen.

  • Bei Mantra-MeditationenMantra-Meditation dient ein permanent wiederholtes Meditation:MantraMantra als Hilfsmittel, um den meditativen Zustand zu erreichen.

Für Patienten mit chronischen RückenbeschwerdenRückenbeschwerden:Meditation kann MeditationMeditation:bei Rückenbeschwerden vor allem unter zwei Aspekten hilfreich sein:
  • Da sie zu einem Zustand innerer Beruhigung und Ausgeglichenheit führt, wird auf der körperlichen Ebene auch der Muskeltonus gesenkt.

  • Indem sie lernen, ihre Beschwerden nicht zu verleugnen, nicht vor ihnen davonzulaufen und sie auch nicht zu dramatisieren, verbessert sich der Umgang der Patienten mit ihren Rückenproblemen. Diese wachsame geistige Haltung verhindert neuen Stress durch belastende Gedanken und Konflikte.

Mindfulness-based Stress Reduction
Stressreduktion:mindfulness-based s. MBSRMindfulness-based Stress Reduction (MBSR)Mindfulness-based Stress Reduction (MBSR) ist ein strukturiertes Übungsprogramm, das in einer Gruppe absolviert wird. Jon Kabat-Zinn hat das achtwöchige Programm 1979 entwickelt. Es stellt eine Auswahl nichtreligiöser Techniken zur EntspannungEntspannungstechniken:MBSR und fokussierten AufmerksamkeitAufmerksamkeit:fokussierte dar. Die Teilnehmer lernen, ihr Bewusstsein für den gegenwärtigen Moment (Achtsamkeit) durch Meditation und Körperübungen zu sensibilisieren. Bei dieser Arbeit besteht das Ziel darin, negative Affekte zu reduzieren und die Copingstrategien zu optimieren. Das MBSR-ProgrammMBSR-Programm war zunächst für Menschen mit unbehandelbaren körperlichen Beschwerden gedacht. Später kamen als weitere Indikationen noch Angststörungen, Schlafstörungen und andere psychoemotionale Syndrome hinzu.
Mehrere Studien bzw. Metaanalysen belegen, dass sich das CopingCoping:MBSR-Programm bei klinischen und nichtklinischen Beschwerden durch MBSR statistisch signifikant verbessern lässt.
In Bezug auf die Behandlung von Patienten mit chronischen Rückenbeschwerden zeigte sich in der MBSR-Gruppe eine signifikante Besserung der Beschwerden durch eine meditative Aktivität von durchschnittlich 4 30 Minuten pro Woche gegenüber Patienten in einer Kontrollgruppe. Bei den Patienten, die MBSR praktizierten, waren Schmerzbewältigung, Akzeptanz der Beschwerden und die funktionelle Aktivität des Bewegungsapparats deutlich verbessert.
Empfehlungen zur Stressreduktion im Alltag
Stressreduktion:im Alltag, EmpfehlungenDie Boston Public Health Commission hat 20 Anti-Stress-EmpfehlungenAnti-Stress-Empfehlungen ausgearbeitet:
  • 1.

    Versuche positiv zu denken und umgib dich mit Menschen, die es ebenfalls versuchen.

  • 2.

    Sich Ziele zu setzen ist gut und schön, aber steck dir keine zu hohen Ziele. Bitte um Hilfe, wenn du den Eindruck hast, es alleine nicht mehr zu schaffen.

  • 3.

    Versuche flexibel zu sein und akzeptiere, dass sich nicht jede Situation 100-prozentig steuern lässt.

  • 4.

    Iss wenig und gesund.

  • 5.

    Vermeide (viel) Alkohol, Nikotin, Kaffee und Medikamente.

  • 6.

    Schlaf genügend und vermeide Faktoren, die deine Schlafqualität negativ beeinflussen.

  • 7.

    Plane deinen Tag: Schreib eine Liste von Sachen, die zu erledigen sind, und setze Prioritäten.

  • 8.

    Wenn große Aufgaben anstehen, versuch sie in kleinere überschaubare Aufträge aufzuteilen.

  • 9.

    Sag auch einmal nein zu Aufgaben, die schwierig zu bewältigen sind und dadurch zu viel Stress erzeugen.

  • 10.

    Halte dir Zeit offen für Freizeitaktivitäten wie Sport, Lesen, Meditation usw.

  • 11.

    Baue regelmäßige Pausen ein, um etwas zu machen, das neue Energie gibt und die Stimmung steigert, z. B. Powersleeping, Fitness, Gymnastik, Yoga.

  • 12.

    Wenn Misserfolge drohen, nutze sie als Gelegenheit, um daraus zu lernen.

  • 13.

    Sprich mit einer Bezugsperson über Misserfolge und negative Erfahrungen.

  • 14.

    Versuch, nicht rechthaberisch zu sein. Gib einfach zu, einen Fehler gemacht zu haben.

  • 15.

    Unordnung, Lärm, Hektik sind Stressquellen, die möglichst vermieden werden sollten.

  • 16.

    Versuche Spaß zu haben. Lachen ist positiv.

  • 17.

    Bei entsprechenden Anlässen ist es ebenfalls in Ordnung zu weinen.

  • 18.

    Beweg dich im Alltag: Nimm die Treppe statt den Aufzug, mache einige kleine Qi-Gong- oder Tai-Chi-Übungen zwischendurch oder geh über Mittag spazieren und schau dir die Natur an. Bleib nicht den ganzen Tag einfach am Schreibtisch sitzen.

  • 19.

    Versuche dich regelmäßig zu bewegen: 3-mal pro Woche 30–90 Minuten. Mache täglich dein Atemtraining: Es fördert die Vitalität.

  • 20.

    Mache Übungen zur Stressreduzierung wie Meditation, Achtsamkeitsübungen, autogenes Training usw.

Zusammenfassung

Es ist offensichtlich, dass unsere Gesellschaft viel mehr auf dynamisch tun als auf ruhig sein ausgerichtet ist. Viele Menschen sehen den Weg zum Ziel nicht mehr, weil sie sich im Unwesentlichen verlieren. Einfach nur sein ist wichtig und ein natürlicher, lebenslanger Zustand, bei dem wir vom Moment, vom Hier und Jetzt, erfüllt sind.
Die alltägliche Realität zeigt, dass viele Menschen dieses Sein nicht bewusst erleben. Wenn Dinge anfangen, uns zu langweilen, neigen wir dazu, ihnen aus dem Weg zu gehen. Oft flüchten sich Menschen in eine unrealistische Traumwelt mit immer neuen unerreichbaren Plänen, während sie ihr Interesse für das Gegenwärtige längst verloren haben. Das macht sie anfällig für Zwanghaftigkeit und Verbissenheit. Verbissenheit entsteht, wenn man etwas unbedingt erreichen will und der Weg dahin unwichtig geworden ist. Unter der Vorstellung, dies sei alles entscheidend, verhalten wir uns zwanghaft und haben dauernd das Gefühl, etwas tun zu müssen.
Dem steht das auf den Moment gerichtete, einfach nur sein gegenüber. Hierbei können Meditations- und Entspannungstechniken – oder kurz gesagt, Body-Mind-MedizinBody-Mind-Medizin:Steigerung der Lebensqualität – eine sehr wichtige Rolle spielen, unabhängig von etwaigen Beschwerden eines Menschen.
Deshalb kann man sagen, dass alle unsere Patienten ihre LebensqualitätLebensqualität:Steigerung durch Body-Mind-Medizin durch Body-Mind-Medizin steigern könnten.

Stressmanagement und Life Design für Schmerzpatienten

Patientenbesprechung

Inge

Für Inge könnte ein Body-Mind-Programm sehr sinnvoll sein. Denn ihre Beschwerden weisen deutlich auf eine Überforderung und Entgleisung ihres vegetativen Nervensystems hin. Durch eine spezifischere Anamnese ließen sich wahrscheinlich noch mehr Zeichen finden, die dies bestätigen. Inges Probleme wie die steigende familiäre Belastung durch die zwei Kinder, verschiedene Traumen, Zähneknirschen bzw. CMD-Beschwerden, ihre Heißhungerattacken, eine gestörte Schlafqualität, Schmerzen in der Schulter-Nacken-Region und dass ihr keine Zeit mehr für Sport bleibt – das alles spricht für eine psychoemotionale und körperliche Überlastung. Inge braucht Zeit für sich selbst und sollte versuchen, achtsamer zu leben. Ihre Selbstheilungskräfte sind offenbar stark eingeschränkt, sodass man sich über die geschilderte Therapieresistenz nicht wundern muss.
Konkret sollte bei ihr zunächst die Herzfrequenzvariabilität gemessen werden, um ihren vegetativen Status besser einschätzen zu können.Danach ist es entscheidend, ein Bewusstsein für die Problematik bei ihr zu wecken. Nur unter der Voraussetzung sind Patienten für ein Body-Mind-Programm zu gewinnen. Falls dies gelingt, wäre eine dynamische Meditationsform für Inge besonders hilfreich, damit sie einen Spannungsabbau sowohl im Bewegungsapparat als auch auf psychoemotionaler Ebene erleben kann. Dabei sollten ihre Vorlieben für bestimmte Methoden der Body-Mind-Body-Mind-Medizin:PatientenbeispielMedizin berücksichtigt werden. Nur wenn regelmäßige Übungen oder Meditation mit Zufriedenheit und Spaß verbunden sind, werden sie auch langfristig und regelmäßig durchgeführt.

Günter

Bei Günter zeigt sich eine relative geistige Starrheit. Seine Verbissenheit veranlasst ihn zu übertriebenem Trainieren und permanenter Überlastung seines Körpers. Die Body-Mind-Medizin könnte Günter vor allem zu mehr Entspannung (des Körpers und seiner geistigen Starre) verhelfen. Durch meditative Techniken könnte er so weit kommen, sein eigenes Verhaltensmuster wahrzunehmen und zu erkennen, dass er nur durch ein verändertes Verhalten langfristig positiv auf seinen Körper einwirken kann.

Angelika und Roland

Angelika und Roland sind nicht die Patienten, bei denen die Behandlung primär auf die Body-Mind-Ebene gerichtet sein sollte.
Aber wie schon erwähnt, wäre es wahrscheinlich für alle sinnvoll, die eigene Wahrnehmung für das Wesentliche zu schärfen und gelegentlich einen Moment innezuhalten.

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J. Kabat-Zinn L. Lipworth R. Burney W. Sellers Four year follow-up of a meditation-based program for the self-regulation of chronic pain: Treatment outcomes and compliance Clin J Pain 2 1986 159 173

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J. Kabat-Zinn L. Lipworth R. Burney The clinical use of mindfulness meditation for the self-regulation of chronic pain J Behav Med 8 1985 163 190

Kabat-Zinn, 2008

J. Kabat-Zinn Gesund durch Meditation 5. Aufl 2008 Fischer TB Frankfurt/Main

Kraft, 2004

H. Kraft Autogenes Training 4. Aufl 2004 Deutscher Ärzte-Verlag Köln

LeDoux, 1998

J. LeDoux Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen 1998 Hanser München, Wien

Lee, 1997

J.R. Lee Natürliches Progesteron. Ein bemerkenswertes Hormon 6. Aufl 1997 AKSE Verlag

MacLean, 1990

P. MacLean The triune brain in evolution: Role in paleocerebral functions 1990 Plenum Press New York

McCraty et al., 1996

R. McCraty Autonomic assessment report HeartMath Research Center 1996

McCraty et al., 2003

R. McCraty The coherent heart HeartMath Research Center 2003

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R. McCraty The energetic heart HeartMath Research Center 2003

Melzack, 1978

R. Melzack Das Rätsel des Schmerzes 1978 Hippokrates Stuttgart

Morone et al., 2008

N. Morone C. Greco D. Weiner Mindfulness meditation for the treatment of chronic low back pain in older adults: A randomized controlled pilot study, Pain 134 3 2008 310 319

Ott, 2010

U. Ott Meditation für Skeptiker. Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst 2010 Barth Verlag München

Pascual-Leone, 1995

D. Pascual-Leone Modulation of muscle response evoked by transcranial magnetic stimulation during the acquisition of new fine motor skills J Neurophysiol 74 3 1995 1.037 1.045

Pert, 2001

C. Pert Moleküle der Gefühle 2001 Rowohlt Reinbek

Sapolsky, 1995

R.M. Sapolsky Waarom krijgen zebras geen maagzweer 1995 Het Spectrum Utrecht

Schultz, 2009

J.H. Schultz Autogenes Training. Das Original-Übungsheft 25. Aufl 2009 TRIAS

Teich, 2008

N. Teich Wahren Frieden schaffen 2008 Goldmann München

Triebel-Thom and Feldenkrais, 2000

A. Triebel-Thom Feldenkrais Haarlem: De Vrieseborch 2000

Yue and Cole, 1992

G. Yue K.J. Cole Strength increase from the motor program – comparison of training with maximal voluntary and imagined muscle contractions J Neurophysiol 67 5 1992 1.114 1.123

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